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Vorwort

Alles begann …

Danke

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Bertil – frei Schnauze

Johanna Hirt

Ebook: ISBN 978-3-946723-67-7

Druckversion: ISBN 978-3-946723-66-0

Gestaltung: Elke Mehler, www.querwerker.de

Lektorat und Korrektorat: Gisela Polnik

Zeichnungen: Johanna Hirt

Verlag: Begegnungen, Schmitten

www.verlagbegegnungen.de

Copyright 2021

1. Auflage

Alle Rechte vorbehalten

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bertil - frei Schnauze

von

Johanna Hirt



Für Paul

„Man hat nicht ein Herz für Menschen und eines für Tiere.

Man hat ein einziges Herz oder gar keins.“

Alphonse de Lamartine

„Eine der blamabelsten Angelegenheiten der menschlichen Entwicklung ist es, dass das Wort „Tierschutz“ überhaupt geschaffen werden musste.“

Prof. Theodor Heuss, erster Präsident der Bundesrepublik Deutschland

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Alles begann …

Danke

Vorwort

Nachdem „Ein Leben für Merlin“ sehr viele Menschen bewegt hat, wurde ich immer wieder gefragt, ob es denn eine Fortsetzung gäbe. Ich wollte gern ein weiteres Buch schreiben, diesmal aber mit lustigen Anekdoten. Mit Merlin erleben wir natürlich neue Geschichten und neue Entwicklungen. Und immer wieder habe ich diese Geschichten aufgeschrieben, diese und auch viele andere, die ich mit anderen Hunden erlebt habe oder die mir von Freunden und Bekannten erzählt wurden. So entstand im Laufe der Zeit eine ganze Sammlung.

Als nun für Foteini, eine griechische Tierschützerin, eine neue Internetseite erstellt wurde, wollte ich gern etwas dazu beitragen, um ihre Arbeit zu unterstützen. Und so kam die Idee, einige der von mir gesammelten Geschichten in ein Buch einfließen zu lassen, welches von einem Hund aus Griechenland handeln sollte. Das Ergebnis halten Sie nun in den Händen.

„Bertil – frei Schnauze“ ist eine lustige Geschichte und erzählt die Erlebnisse eines jungen Hundes, der in eine liebende Familie aufgenommen wird und die Welt der Menschen kennenlernt. Was er darüber denkt, habe ich ihm in den Mund gelegt und in imaginäre kleine Briefe verpackt, die er an seine „Mama im Himmel“ verfasst ...

Ich bin dabei so manches Mal darüber gestolpert, wie merkwürdig und auch lebensfremd unser menschliches Verhalten doch manchmal ist. Und ich konnte mir nicht verkneifen, uns Menschen, ganz nebenbei, ein bisschen auf die Schippe zu nehmen. Ein wenig hündischer die Welt zu sehen, würde unser Leben sicher bereichern.

Ich hoffe, dass Sie, liebe Leser/innen, genauso viel Spaß beim Lesen haben, wie ich beim Schreiben hatte! Und vielleicht kommen Sie genauso ins Grübeln wie ich, wenn Bertil uns mal wieder einen Spiegel vorhält.


Alles begann …

… an einem sonnigen Sommertag am Rande einer kleinen Stadt in einem Land, das Griechenland heißt. Ich kann mich natürlich nicht mehr ganz genau daran erinnern. Aber ich habe die Geschichte schon so oft gehört, dass es mir vorkommt, als wären all die Erlebnisse noch ganz genau in meinem Gedächtnis. Und irgendwie ist es ja auch so. An diesem Sommertag war ich noch ein klitzekleiner Welpe und lebte mit meiner Mama auf der Straße. Eigentlich hatte Mama einmal ein Zuhause gehabt. Irgendwo in den tiefen Winkeln der Stadt. Aber als ihre Menschen merkten, dass sie schwanger war, setzte ihr Besitzer sie in sein Auto, fuhr hinaus in die weite Landschaft und warf sie aus dem Fenster des Wagens. Mama hat sich dabei an einer Pfote verletzt und konnte danach nur noch schwer gehen. Trotzdem versuchte sie irgendwo etwas zum Essen zu finden und schleppte sich mühsam zu einem Ort, der Parkplatz heißt und an dem eine Mülltonne stand. Mama ist ziemlich schlau gewesen und sie merkte schnell, dass immer wieder Leute zu diesem Parkplatz kamen und dort Reste ihrer Mahlzeiten liegen ließen oder in die Tonne warfen.

Deshalb verkroch sie sich in der Nähe unter einem kleinen Felsvorsprung hinter einem Gebüsch und lief jeden Tag mühsam zum Parkplatz, um ihren Magen zu füllen. Dort unter dem Felsen wurde ich auch geboren. Meine Mama hat sich immer liebevoll um mich gekümmert, ich war ihr einziges Kind. Doch ihre verletzte Pfote wurde immer dicker und fing an, ganz scheußlich zu riechen, und Mama wurde immer schwächer. Dazu muss ich vielleicht auch erwähnen, dass Mama schon alt war, sehr alt sogar, und eigentlich wäre es besser gewesen, wenn sie keine Kinder mehr bekommen hätte. Aber ich bin trotzdem ganz froh, dass es mich gibt!

Als ich ungefähr sieben Wochen alt war, machten wir uns auf den Weg. Mama war inzwischen ganz dünn, überall konnte man die Rippen sehen. Mir meine Milch zu geben, hat sie viel Kraft gekostet und dazu musste sie auch immer noch jeden Tag zum Parkplatz laufen, um selbst etwas essen zu können. Und das mit all den Schmerzen. Aber sie hat sich nie beklagt. Langsam trotteten wir durch trockene Wiesen und über staubige Wege. Immer wieder mussten wir uns ausruhen – Mama, weil sie so krank, und ich, weil ich noch so klein war. Doch nach ein paar Tagen kamen wir zu einem Zaun, hinter dem ein Haus stand, und wir hörten, dass dort viele Hunde wohnten. Mama und ich legten uns in die Nähe unter einen Busch und Mama beobachtete eine Weile, was dort vor sich ging. Und nachdem sie sicher war, dass dort gute Menschen wohnten, die Hunden helfen, und uns von dort keinerlei Gefahr drohte, stupste sie mich an und sagte mir damit, dass ich ihr folgen sollte. Langsam krochen wir zu dem großen Tor.

Wir saßen noch nicht lange dort, als eine Frau herauskam und uns fand. Ich hatte ein wenig Angst, denn ich hatte zuvor noch nie einen Menschen gesehen, aber Mama schien das in Ordnung zu finden. Sie hob den Kopf und sagte mir, dass ich mit der Frau gehen solle. Ich könne ihr vertrauen, sie würde mir helfen. Und Mama sagte noch etwas anderes zu mir: Jetzt sei meine Zeit gekommen. Sie selbst würde bald woanders hingehen, aber ich solle nicht traurig sein. Dort wo sie hingehen würde, könne ich nicht mitgehen, jedenfalls jetzt nicht. Ich solle trotzdem fröhlich sein. Und – auch wenn ich sie nicht mehr sehen könnte, würde sie immer da sein und immer auf mich aufpassen und mich lieben. Das dürfte ich niemals vergessen. Ich aber verstand das alles erst einmal nicht.

Es war das letzte Mal, dass Mama etwas zu mir sagte. Sie leckte mit ihrer sanften Zunge noch einmal über mein kuscheliges Fell und lächelte mich an. Danach brach sie zusammen. Obwohl die Frau und noch andere Menschen sich die ganze Nacht um Mama kümmerten und ihr Sachen gaben, die sie wieder gesund machen sollten, ist Mama nie wieder aufgewacht. Zumindest nicht mehr bei uns. Die Menschen haben mir gesagt, dass sie jetzt im Himmel ist.

Die Leute, die versucht hatten, Mama zu helfen, haben sich auch um mich gekümmert. Ich bekam etwas zu essen und zu trinken und in dieser Nacht durfte ich bei der Frau, die uns gefunden hat, im Bett schlafen. Die Frau weinte immer wieder ganz viel und drückte mich ganz fest an sich und wir beide waren sehr traurig.

Verwirrungen

Liebe Mama im Himmel,

wo bist du? Die freundliche Frau, zu der du mich gebracht hast, hat mir erzählt, dass du jetzt im Himmel wohnst. Sie hat geweint, als sie das gesagt hat, ihre Worte klangen so, als sei es schwierig, sie auszusprechen, und sie hat mich ganz fest an sich gedrückt, sodass ich ihr Herz hören konnte. So wie ich deins immer gehört habe. Ich weiß nicht genau, was das bedeutet im Himmel, aber es macht mich traurig. Ich habe begriffen, dass du wohl nicht mehr bei mir sein kannst, ich dich nicht mehr sehen und riechen, mich nicht mehr in dein schönes Fell kuscheln kann. Aber ich kann dich noch spüren. Nicht mehr so, wie sonst. Es geht nicht mehr, dass ich deinen Körper berühre, weil der weg ist, aber ich fühle dich um mich herum. Ich kann es gar nicht beschreiben. Aber ich weiß, dass du da bist und auf mich aufpasst. Wie du es versprochen hast.

Ein paar Wochen blieb ich dort bei dieser Frau. Ich durfte in ihrem Bett schlafen, bekam in einer Schüssel leckeres Essen und die Frau streichelte mich immer wieder – mit ihrer Menschenhand und nicht, wie Mama, mit der Zunge. Doch dann, als eines Tages draußen ein großes Fahrzeug in den Hof gefahren war, nahm sie mich ganz fest in den Arm, weinte wieder ein paar Tränen und steckte mich in eine Kiste. Wie vorher Mama, sagte auch sie mir, dass ich vertrauen sollte, dass alles gut werden würde.

An die nächsten Stunden kann ich mich sehr gut erinnern, denn ich hatte furchtbar viel Angst. Und so lernte ich auch gleich was über Vertrauen – man kann das nicht so einfach. Schon gar nicht, wenn man etwas Trauriges erlebt hat. Um mich rumpelte es, meine Kiste wurde hochgenommen, hingestellt, weitergetragen und ein- und ausgeladen. Um mich herum gab es fremde Geräusche, die ganz laut und scheußlich klangen, und neue Gerüche, die ich nicht kannte. Und irgendwann, als ich schon dachte, es hört nie mehr auf und ich müsste bald zu Mama in den Himmel, wurde plötzlich die Kiste geöffnet.

Und wieder stand eine Frau vor mir. Allerdings eine, die ich nie zuvor gesehen hatte. Sie streckte ihre Hand nach mir aus und sprach ein paar Worte, die ich nicht verstand. Das, was sie sagte, klang auf irgendeine Weise komisch – es war eine ganz andere Melodie in ihren Lauten. Aber es hörte sich freundlich und irgendwie liebevoll an und ganz zaghaft berührte ich die Finger der Frau – mit meiner Zunge –, so wie ich es von Mama kannte. Und schon fing die Frau an zu weinen. Also, wenn auch die Sprache der Menschen hier anders war, das Weinen war genau dasselbe wie zu Hause in Griechenland. Mhm! Warum weinen Menschen denn immer?

Die Frau zog mir ein komisches Ding an, das Geschirr heißt, wie ich mittlerweile weiß. Sie band an dieses Geschirr zwei Leinen und dann gingen wir dort ein wenig auf der Wiese spazieren. Aber irgendwie war die Stimmung komisch. Ich merke sowas. Und es war die gleiche Stimmung wie vor der langen Fahrt in der Kiste – ich fühlte, irgendwas würde noch kommen. Und richtig, ich wurde wieder in eine Kiste gesetzt. Diesmal in eine andere und diesmal wurde die Kiste mit mir drin in ein kleineres Auto geladen und mit einem Gurt festgemacht. Die Frau setzte sich neben mich, sprach mit mir. Und dann gings los: Gebrumme, Gerüttle. Diesmal mit der beruhigenden Stimme der Frau und auch gar nicht so lang.

Gluckenmütter


Liebe Mama im Himmel,

ich weiß jetzt, was du gemeint hast, als du gesagt hast, dass du immer bei mir bist und auf mich aufpasst. Ich bin mir ganz, ganz, ganz sicher, dass DU mich hierhergeschickt hast. Auch wenn mir am Anfang erst einmal alles unheimlich war – so langsam beginne ich das alles zu verstehen. Sogar die komische Sprache der Menschen. Du weißt ja sicher, dass es hier zwei Menschen gibt – die Frau, die immer so schnell weint, und einen Mann. Der weint nicht. Jedenfalls bis jetzt noch nicht. Ich glaube, Männer weinen weniger, Frauen mehr. Aber du hast nie geweint. Und Sally weint auch nicht. Sie wohnt auch hier. Sally sieht dir ein bisschen ähnlich, find ich. Auch wenn ihr Fell etwas kürzer ist. Sie weint, wie gesagt, auch nicht, aber sie ist trotzdem so eine Glucke. Das Wort hat Herrchen –gesagt – also der Mann. Der ist nämlich mein Herrchen und die Frau mein Frauchen. So heißt das hier. Also Herrchen hat gesagt: „Ihr seid vielleicht zwei Gluckenmütter. Verhätschelt doch den Jungen nicht so“, und dabei hat er mich mitleidig angeschaut und mir vertraulich zugezwinkert. Der Junge – damit hat er mich gemeint. Und was Glucken sind, weiß ich jetzt, glaub ich, auch. Glucken sind Leute – also Hundeleute oder Menschenleute oder andere Tierleute –, die immer um einen herumwuseln, ständig besorgt sind und gucken, dass man vor allem sicher ist, alles richtig macht und dass es einem gut geht. Auch wenn es einem durch dieses Glucken manchmal gar nicht so gut geht, weil dieses Glucken einem manchmal ganz furchtbar auf die Nerven geht. Verstehst du, was ich meine? Frauchen und Sally sind immer sehr besorgt um mich. Ständig werde ich geschmust und gestreichelt – von der Frau mit den Händen, von Sally mit der Zunge. Normalerweise finde ich das sehr schön, das Verhätscheltwerden von den Glucken. Bei Sally darf ich im warmen Fell schlafen, so wie bei dir, und bei Frauchen im Bett oder auf dem Sofa. Frauchen und Herrchen haben nur Kopf-Fell. Das heißt, Herrchen hat ein ganz kleines bisschen Brustfell und im Gesicht manchmal ganz kurzes stacheliges Fell. Aber es ist nicht der Rede wert, sehr dünn und deshalb tut Herrchen mir etwas leid. Aber es ist ganz lustig, die kahle Haut zu lecken. Die schmeckt leicht salzig und bei jedem ein bisschen anders. Herrchen lacht dann immer, weil ihn das kitzelt.

Also ich genieße das Verhätscheltwerden meistens. Eine der Frauen ist immer in meiner Nähe. Aber manchmal, da möchte ich einfach mal meine eigenen Wege gehen, ein bisschen das Haus erkunden, die Dinge anschauen und probieren, was man damit machen kann. Zum Beispiel sind da der dicke Teppich, den ich so gerne anknabbere, und die Tischbeine. Da hab ich schon ein kleines Loch reingenagt, also in den Teppich. Aber kaum bin ich damit beschäftigt, da kommt auch schon eine der Glucken angerannt und aus ist der Spaß! Auch die Treppe darf ich nicht gehen, da kommt sofort Frauchen und trägt mich. Sie sagt, das sei nicht gut für mich, dass ich jetzt schon Treppen steige. Warum soll das nicht gut sein – es macht doch sooo Spaß, die Treppen hoch und wieder runter zu hüpfen! Aber neulich, als ich an der Tischdecke gezogen habe und von oben der Teller runtergefallen ist und ganz laut gescheppert hat, da hatte ich doch Angst und war froh, dass mein Gluckenfrauchen gleich da war!

Liebe Mama, ich glaube, du hast das gemacht, dass ich hierhingekommen bin. Wie gut du doch für mich sorgst! Auch wenn du jetzt im Himmel bist, bist du doch meine Mama. Ich habe jetzt also drei Mamas: Hier auf der Erde zwei Ersatz-Mütter. Und dich im Himmel, wo ich dich zwar nicht sehen kann, du aber immer auf mich aufpasst.

Danke Mama! Ich hab dich lieb!

Der Hund braucht einen Namen

Liebe Mama im Himmel,

ich war noch keinen Tag da, da haben Frauchen und Herrchen sehr ernst miteinander geredet. Diskussion heißt das bei den Menschen. Ich hab gleich gemerkt, dass die über mich reden und richtig – es ging darum, dass sie einen Namen für mich gesucht haben. Also Sally heißt Sally, Herrchen heißt Michael und Frauchen Hannah. Und wir alle heißen auch noch Schuster. Wie hast du eigentlich bei den Menschen geheißen?

Also, ich sollte nun auch einen Vornamen bekommen und Herrchen wollte unbedingt, dass ich Bertil heiße. Frauchen meinte, das komme überhaupt nicht in Frage. Man könne den armen Hund – also mich – warum bin ich denn ein armer Hund? – nicht mit so einem Namen rumlaufen lassen. Herrchen meinte aber, dieser Name habe in seiner Familie Tradition, und da seine Familie keine Nachkommen habe, müsse ich so heißen. Frauchen hat geseufzt und einige andere Namen vorgeschlagen und Bedenken geäußert, aber weil Herrchen so traurig aussah, dann doch schließlich eingewilligt. Und nun heiße ich Bertil. Ich finde, das ist durchaus ein edler Name. Immerhin hieß der Großonkel von Herrchen Bertil Freiherr von und zu Hohengreifenstein. Das ist was ganz Bedeutendes! Herrchen sagt jetzt also immer Bertil zu mir, Frauchen sagt Mausebär, Schatzi, Hasi, mein Prinzchen, kleiner Mann, Buberle oder manchmal auch eure Lordschaft. Also, du siehst, allein meine Namen zu lernen ist eine Herausforderung. Aber das schaffe ich spielend. Ich jedenfalls finde es toll, Mausebär Schatzi Hasi mein Prinzchen kleiner Mann Buberle eure Lordschaft Bertil zu heißen. Mittlerweile habe ich nämlich noch einige andere Hunde kennengelernt, die hier in der Nähe wohnen, und keiner, wirklich keiner, hat so einen tollen und wichtigen Namen!

Von Hunden und Menschen


Liebe Mama im Himmel,

es ist wieder mal Abend. Ich hab es mir gemütlich gemacht in meinem und Sallys Bett und will dir mal wieder berichten, was ich so erlebt habe, auch wenn du wahrscheinlich vieles davon bereits weißt. Ich habe schließlich keine Ahnung, was du alles vom Himmel aus sehen kannst, deshalb will ich dir alles erzählen. Sicher ist sicher.

Inzwischen gehen wir regelmäßig Gassi. Gassi nennen die Menschen den Spaziergang von Menschen mit Hunden oder Hunden mit Menschen. Es gibt hier in unserer Straße noch mehr Gassigänger, also noch mehr Hunde und Menschen, die zusammen draußen rumlaufen und auch zusammen wohnen. Und so langsam lerne ich die nach und nach kennen. Ich bin wirklich ziemlich froh, dass ich Sally habe, die mir genau sagt, wer gern spielt, wer nicht und vor wem ich mich in Acht nehmen muss. Frauchen passt zwar auch auf mich auf, aber sie ist eben kein Hund und versteht vieles nicht und kann auch manches nicht. Zum Beispiel ist sie ziemlich langsam. Sie kann nicht schnell rennen, reagiert nicht sofort und sie kann auch nicht so warnend gucken wie Sally. Ich kapiere ganz langsam, dass Menschen die Hundesprache viel weniger kennen als Hunde die Menschensprache. Dabei glauben die Menschen, sie könnten alles viel besser als wir und sie wüssten alles über uns. Und das ist manchmal wirklich ein Problem. Es gibt schlaue Bücher von sogenannten Experten, in denen steht, wie wir Hunde denken und uns verhalten – leider stimmt vieles nicht. Aber die Menschen gucken viel lieber in diese Bücher als auf uns Hunde, weil sie anderen Menschen mehr glauben als ihren eigenen Augen. Es ist manchmal zum Verzweifeln und sehr kompliziert mit den Menschen. Dabei könnte es so einfach sein, sie müssten ja nur mal hinschauen oder uns Hunde fragen. Wir verstehen so viel, was sie uns sagen wollen, jeden Blick – aber sie … na ja. Wahrscheinlich sind sie im Kopf weniger gut ausgestattet als wir, und dafür können sie ja nichts. Wir sehen darüber hinweg. Und mit meinen Menschen habe ich es gut getroffen! Du solltest mal andere Herrchen und Frauchen erleben. Das hast du gut gemacht, Mama, mich zu Hannah und Michael und zu Sally zu schicken! Unsere Menschen geben sich sehr viel Mühe, alles zu verstehen, trotz der schlechten Ausstattung im Kopf. Und Sally ist eine gute Lehrerin. Frauchen hat neulich dann auch endlich kopfschüttelnd das Hunde-versteh-Buch in den Mülleimer geworfen! Also denke ich, sie ist vielleicht nicht nur charakterlich einfach lieber, sondern auch im Kopf ein wenig besser ausgestattet als andere. Also, das ist meine Vermutung!

Aber ich wollte ja von den anderen Hunden berichten. Also: Erst einmal gibt es da Otto und Bismarck. Die gehören zusammen. Sie sind ziemlich groß und echte Angeber! Genau wie ihr Herrchen. Immer frisch gebürstet (Otto und Bismarck das ganze Fell, der zugehörige Menschenmann das Kopf-Fell frisch gestriegelt – dabei hat er nur sehr wenig und ganz dünnes Kopf-Fell und dazwischen guckt sogar schon die Haut durch. Wenn ihm so das Fell ausfällt, vielleicht sind das ja auch Parasiten? Ich halte lieber mal Abstand …). Dann gibt es Pluto. Der ist lustig. Er ist ein Bluthund. Und deshalb hat er unheimlich lange Ohren. Diese Ohren habe einen großen Vorteil: Er kann noch viel besser riechen als wir anderen Hunde. Das klingt jetzt vielleicht komisch, dass die Ohren was mit dem Riechen zu tun haben – es ist aber so. Die Ohren wedeln nämlich den Duft in Richtung Nase. Na ja, meine Ohren werden wohl nicht so lang – da fällt mir ein: Wie sah eigentlich mein Papa aus? Ach, Mama, manchmal wäre es schön, wenn du mir antworten könntest. Also ich war bei Pluto stehen geblieben. Der ist lustig und hat immer tolle Einfälle. Neulich hat er mir einen Trick gezeigt. Mit seiner phänomenalen Nase riecht er nämlich alles, auch die tolle Wurst in der dicken Tüte in der Jacke von Frau Blumental. (Na ja, die hab ich auch gerochen) Und dann setzt er sich vor sie hin und macht ganz traurige Augen, bis Frau Blumental ihm die Wurst gibt. Ich hab das auch probiert – hinlaufen, traurig gucken und ... es hat geklappt. Frau Blumental hat mir auch Wurst gegeben und mich gestreichelt. Nur Frauchen war nicht sehr glücklich darüber. Ich soll nämlich nichts von Fremden nehmen und Frau Blumental darf mir jetzt nichts mehr geben, obwohl Frauchen und Sally Frau Blumental auch sehr nett finden. Es geht da ums Prinzip. Das ist so eine Menschensache. Leider sind Menschensachen oft ziemlich doof.

Und dann gibt es da noch den Balu! Der ist riesig. Frauchen sagt, der wiegt 70 kg. Das ist sicher sehr viel. Jedenfalls sieht Balu aus wie der Bär in einem Menschen-Buch. Sally ist, glaube ich, ein bisschen in Balu verliebt. Ich habe ein bisschen Angst vor ihm, weil er so groß ist. Aber sag das bitte niemand weiter. Auch niemand da oben im Himmel.

Kalle ist winzig und hat viel Fell. Er ist kleiner als ich und ich wachse ja noch – der Kalle ist schon ausgewachsen! Er ist okay.

Dann gibt’s noch Rubina, sie ist groß und unheimlich dünn. Ihr Frauchen sagt, Rubina esse ihr die Haare vom Kopf, aber es bleibe nichts hängen. Das stimmt nicht: Rubinas Frauchen hat sehr wohl noch ihr Kopf-Fell und an Rubina hängt bestimmt nichts davon, die hat nur ihr eigenes Fell, das sehr schön ist. Sally sagt aber, das sei nur so eine Redensart und Rubina würde einfach nicht zunehmen. Na ja, sie rennt auch immer ganz viel. Da verbraucht sie wahrscheinlich das ganze Essen. Redensart ist übrigens ein Wort dafür, dass Menschen falsche Worte gebrauchen, um etwas auszudrücken, und das manchmal lustig finden. Mama, wir brauchen gar keine Worte und jeder weiß Bescheid! Menschen machen alles mit ihren Worten immer kompliziert und es kommt zu Missverständnissen. Manchmal denke ich, die sollten sich lieber auf wichtige Sachen konzentrieren.

Dann gibt es da noch Max. Der ist ein komischer Kerl. Sally sagt, er wolle einfach seine Ruhe haben und wäre gern für sich. Na ja, dann soll er halt!

Und – beinahe hätte ich sie vergessen, Polly und Kasimir. Der Kasimir ist nur wenig älter als ich, und wir toben immer gemeinsam auf der Wiese. Polly ist klein und schwarz und auch aus dem Ausland, genau wie ich. Aber aus einem Land, das Polen heißt. Und Kasimir wird wohl mal ziemlich groß werden, der hat Riesenpfoten, richtige Flurschadenbretter, sagt Herrchen. Er ist weiß mit schwarzen Flecken und kommt aus Rumänien. Wir sind bereits ein eingeschworenes Team. Es gibt noch andere Hunde, aber die habe ich noch nicht näher kennengelernt. Ich werde dir aber gleich von ihnen berichten, wenn ich Näheres weiß.

Ich bin jetzt müde, Mama. Du weißt ja jetzt, was es Neues von hier gibt. Und ich kuschle mich gleich an Sally und schlafe ein bisschen. Gute Nacht, Mama!

Zufälle

Liebe Mama im Himmel,

ich weiß schon, dass du das gemacht hast, dass ich hier bin, und ich bin dir so dankbar dafür! Aber nicht nur ich mache mir darüber Gedanken! Frauchen und Herrchen auch. Gestern haben sie sich nämlich darüber unterhalten. Es sei ein Riesenzufall, dass ich hier bin. Und es gebe Zufälle gar nicht. Wie kann das schon wieder sein??? – Es ist ein Zufall und Zufälle gibt es nicht. Ich ahne, dass es anstrengend wird, die Gedankengänge von den Menschen verstehen zu wollen.

Also Hannah sagte: „Es ist schon komisch, dass ich ausgerechnet bei dieser Tierschutzorganisation gelandet bin. Die kannte ich doch gar nicht.“

Eigentlich wollten Hannah und Michael gar keinen zweiten Hund. Und dann schon gar keinen Welpen. Und dann hat Hannah aus Versehen auf eine Taste auf dem Computer-Dings gedrückt und ist plötzlich auf einer ihr völlig fremden Seite gelandet. Und da war ich! Und obwohl ich so furchtbar niedlich aussah, hat sie das erstmal gar nicht gerührt. Glaubt man das? Sie hat dann auch gedacht, dass so ein niedlicher Welpe (also niedlich hat sie mich schon gefunden – wenigstens etwas!) wohl schnell jemanden finden würde. Und schwups – sie hat mich weggeklickt und zunächst gar nicht mehr an mich gedacht! So was! Und dann hat sie nachts von mir geträumt! Ich bin sicher, dass DU ihr diesen Traum geschickt hast. Am nächsten Tag hat sie mich dann gesucht. Sie hat gesagt, es habe ewig gedauert, bis sie mich gefunden hatte. Und ich hatte ganz viele Herzchen und hochgehobene Daumen und Kommentare. Die Leute fanden mich nämlich alle niedlich und meine Geschichte ging vielen ans Herz. Meine und auch deine, Mama. Alle waren traurig, dass du gestorben bist. Aber niemand war so traurig wie ich! Hannah war auch traurig und trotzdem hat sie mich wieder weggeklickt. Aber jetzt war ich in ihrem Kopf und sie hat Michael davon erzählt. Aber der war gegen mich. Na ja, er war nicht gegen mich, sondern dagegen, dass ein zweiter Hund einzieht. Sally wurde erstmal gar nicht gefragt. Sie hätte nämlich sofort zugesagt! Und dann ist etwas ganz Merkwürdiges passiert: Als Herrchen am Computer war, ist er plötzlich auch auf der Seite gelandet, wo meine Geschichte und mein Foto waren. Und dann war ich in Hannahs UND in Michaels Kopf. Gesagt haben sie sich gegenseitig immer wieder, dass sie mich nicht wollen, aber jeder ist dann doch immer wieder auf meine Seite gegangen und hat mich angesehen. Und irgendwann hat Michael da angerufen. Und so kam dann alles ins Rollen. (Das ist auch so ein Menschenausspruch – gerollt ist das nämlich überhaupt nicht. Die Menschen haben nur gemacht, dass ich zu ihnen kommen kann. Ganz ohne Rollen!)

Sally und Frauchen nerven manchmal

Liebe Mama im Himmel,

so gern ich mit Sally und Frauchen kuschele und so sehr ich ihre Küsse und Streicheleien mag, möchte ich doch auch gern mal für mich die Welt entdecken, OHNE dass ständig eine von den beiden Frauen hintendran steht. Herrchen versteht das. Aber der ist ja tagsüber meistens nicht da.

Vorgestern zum Beispiel: Frauchen ist mal wieder mit dem brummenden Auto weggefahren. Meistens bringt sie dann volle Körbe mit nach Hause, in die ich jedes Mal gleich meine Nase stecke und alles, was drin ist, inspiziere. Obenauf liegt oft ein Salat. Ich liebe es, den zu zerzausen! Frauchen liebt das aber nicht und deshalb wird der neuerdings gleich oben auf den Tisch gelegt, wo ich aber nicht rankomme. Blöd! Aber so ein Haus ist voller Überraschungen und es gibt ja sooo viel zu entdecken! Also dachte ich mir, als Frauchen nicht da war und Sally fest schlief, ich guck mich einfach ein bisschen um. Nur mal so. Ich bin dann hinter das Sofa gekrochen und hab dort wunderbare Flocken gefunden, die fliegen, wenn man ihnen zu nah kommt. Und wenn man ein bisschen Wind macht, dann fliegen sie noch höher. Ich hab also eine Weile mit den Flocken Fliegen gespielt, bis sich dann einige in meinen Tasthaaren verfangen haben. Und schon hatte ich auch welche im Mund und in der Nase. Und wie ich so mit den Flocken kämpfe und niesen muss, kommt auch schon Sally, um zu gucken, was ich mache. Und ihre Stirn war ganz in Falten …

Der nächste Tag war ein ganz normaler Tag. Normale Tage verbringt Frauchen meistens am Schreibtisch und spielt mit dem klappernden Ding, das Computer heißt. Frauchen sagt, das Spielen sei furchtbar wichtig, und wenn dann ein anderes Plastikgerät rattert und ein Papier rauskommt, freut sich Frauchen immer. Das Papier, das Rechnung heißt, wird dann noch mal in ein anderes Papier gepackt und dann wirft Frauchen es meistens weg. Aber nicht hier. Wir gehen dazu immer ein paar Straßen weiter an einen großen gelben Kasten mit einer kleinen Öffnung vorne dran, der nach ganz vielen Papieren und verschiedenen Menschen riecht. Wahrscheinlich werfen dort noch mehr Menschen ihre Rechnungen weg. Ich finde ja, dass das ein langweiliges Spiel ist – aber den Menschen gefällt es halt. Und dann ist es auch für mich ein schönes Spiel, denn es ist wunderbar, wenn meine Leute sich freuen. Also, während Frauchen am Computer saß und klapperte und Sally vor ihr auf dem Teppich schnarchte, schlenderte ich ein bisschen durchs Haus. Im Schlafzimmer gibt es einen Stuhl mit einem Kissen, das hat zwei Bommeln, die wollte ich mir mal näher ansehen. Diese Bommeln sind so lustig, und wenn man das Kissen hin- und herbewegt, dann hüpfen diese Bommeln auf und ab. Also hab ich das Kissen mal runtergenommen – nur um es halt genauer anzusehen. Man muss ja schließlich wissen, was so alles im Haus ist. Es fühlte sich ganz weich und zart an in meinem Mund. Und dann die Geräusche beim Schütteln! Wie eine Beute! Ich hab mir also vorgestellt, ich muss selbst für mein Essen sorgen und das Kissen muss unbedingt bezwungen werden. Und was soll ich dir sagen: Ich habe das Kissen bezwungen und es ist mit einem lauten Ratsch auseinandergerissen … und heraus kamen lauter kleine weiße Dinger, die wild in der Luft herumgewirbelt sind. Noch viel schöner als die Flusen hinter dem Sofa! Das war ein Spaß! Ich hab geschüttelt und geschüttelt und die Dinger sind geflogen und geflogen und das Zimmer wurde ganz weiß. Da kam auch schon wieder Sally und an ihrem Gesicht hab ich gleich gesehen, dass sie nicht gutheißt, was ich da mache. Diese alte Spaßbremse! Und dann kam Frauchen noch dazu und hat „oh nein“ gerufen, mir das Kissen abgenommen und mich streng angesehen. Ich durfte nicht weiterspielen und konnte nur noch zusehen, wie die ganze weiße Pracht in einer Tüte verschwand und das Kissen nach genauester Inspektion weggeworfen wurde. Abends hat Frauchen dann Herrchen alles erzählt. Und weißt du was, Mama: Sie haben gelacht, bis ihnen die Tränen in die Augen kamen. Also hatten sie doch Spaß an der Sache. Ich frage mich nur, warum sie so lange brauchen, um das zu merken.

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864,91 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
23 января 2025
Объем:
113 стр. 22 иллюстрации
ISBN:
9783946723677
Правообладатель:
Bookwire
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