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Selfpublishing:
… für Irmi
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Danksagung:
Die wichtigsten Protagonisten:
Zum Nachlesen:
Bisher erschienen:
Impressum neobooks
COLLEGIUM.
Tödliche Seilschaften
Holzinger ermittelt (2)
Kriminalroman
2021
Wolfgang Priedl
V 2.00
Impressum.
Text / Grafik:
© Copyright Wolfgang Priedl
1921
Selfpublishing:
neobooks / epubli Self-Publishing
Wolfgang Priedl
Geroldgasse 5
A-1170 Wien / Österreich
www.priedl.at
Sämtliche Figuren und Ereignisse dieses Romans sind der Fantasie entsprungen. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist zufällig und von dem Autor nicht beabsichtigt. Die aufgezeigten Möglichkeiten sind nicht fiktiv, sondern entsprechen dem heutigen Stand der Technik.
Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Autors urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.
… für Irmi
Das Buch:
Oberstleutnant Dr. Peter Holzinger ist zum Leiter der Europol Geschäftsstelle Central-South-Europe befördert worden.
Bei seinem Antrittsbesuch in Den Haag erhält er den ersten Auftrag: Sicherung der zweitägigen Konferenz des ›Economy-Clubs‹ im Schloss Laxenburg, denn im letzten halben Jahr sind zwei Vorstandsmitglieder auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen.
Ein Routinejob, wie es scheint.
Er fliegt mit seinen Mitarbeitern aus Amsterdam zurück nach Wien. Kurz bevor der Airbus A 321 in Wien-Schwechat aufsetzt …
Der Autor:
Wolfgang Priedl war viele Jahre in der Marketing- und Werbebranche tätig. Durch Zufall entdeckte er seine Vorliebe zum Schreiben. Wenn ihm heute ein gesellschaftliches Thema unter den Fingernägeln brennt, greift er zur Tastatur.
Die menschliche Psyche fasziniert ihn genauso wie spannende Storys. Mit dem vorliegenden Kriminalroman verwebt er Action mit sozialkritischer Thematik.
Mit seinen Geschichten möchte er nicht nur unterhalten, sondern die Leser auch zum Nachdenken anregen.
1
Eine Tür fiel krachend ins Schloss.
Gerhard Klug hörte es nicht.
Während rockige Fusion-Rhythmen aus den Lautsprechern drangen, stand er nackt im Badezimmer; betrachtete sich im beschlagenen Spiegel. Er sprühte einen herben Männerduft unter seine Achseln. Die Kühle des Sprays kitzelte und ließ ein Lächeln über sein Gesicht huschen.
Er betrat das angrenzende Schlafzimmer, das ein King-Size-Bett dominierte. Das Kopfende zierte ein von der Decke bis zum Boden reichender Spiegel; eingefasst von einem goldfarbenen Aluminiumrahmen, der den Eindruck entstehen ließ, in einem Bild zu schlafen.
Wieder übertönte die Musik das Zuschlagen einer Tür.
Er stakste auf die bodentiefe Fensterfront zu. Die schwüle Luft, die hinter ihm herkroch, heftete sich an die Glasfläche. Klug wischte den Beschlag mit dem Unterarm ab und schaute aus dem ersten Stock auf die großflächige Loggia, die ein ausladender Dachgiebel überspannte.
Mit einem Ruck zog er die schwere Schiebetür zur Seite, um ins Freie zu treten. Dünnschichtige Nebelschwaden, die die Parklandschaft in gespenstisches Grau hüllten, schoben sich zwischen den Bäumen herauf zum Haus. Die Burgruine Sonnenberg war schemenhaft hinter den Schleiern zu erahnen. In Kürze würde die Sonne den Dunst aufgefressen haben und die Sicht auf Wiesbaden freigeben.
Hatte er etwas gehört?
Er ließ seinen Blick über den Park gleiten. Was könnte das Geräusch verursacht haben?
Sicher eine Täuschung, dachte er.
Der Sommer neigte sich endgültig seinem Ende zu. Die ersten farbenprächtigen Blätter segelten gemächlich auf den Rasen und zeichneten abstrakte Muster auf das Grün.
Er stand an der Brüstung und genoss die bizarre Herbststimmung. Die feuchte Morgenkälte schmiegte sich wie eine Eisdusche an seine Haut. Er sog die Luft tief in seine Lunge. Es roch nach nasser, modriger Erde. Klug rieb mit den Händen über sein Gesicht und atmete mit einem leisen Pfeifen aus. Ein kalter Schauer überkam ihn, während sich die Morgenfrische ihren Weg in seine Knochen bahnte.
Fröstelnd griff er nach der Tür, als er ein Geräusch vernahm: das Klick-Klack von Stöckelschuhen auf Granitplatten. Er hielt inne. Instinktiv trat er zwei Schritte zurück, um nicht entdeckt zu werden.
Mathilde trippelte schnurstracks auf seinen Wagen zu.
Sie blieb kurz stehen, öffnete ihren mit Flausch verbrämten Bademantel und schlug ihn enger um ihren Körper, was ihr Hüftgold zusätzlich betonte. Den Unterkiefer vorreckend, klemmte sie sich eine Strähne hinter das Ohr. Eine rote Haarklammer hielt ihren Dutt, der einem zerfledderten Vogelnest glich, zusammen. Ihre nackten Füße steckten in strassbesetzten Sandaletten.
Klugs Ehefrau zog eine Fernbedienung aus dem rosafarbenen Morgenmantel. Sie drückte auf den Entriegelungsknopf, als wollte sie den letzten Rest aus einer Tube pressen. Die Blinker des Audi A8 blitzten auf. Sie riss die Fahrertür auf. Ihre Hände stützte sie an der Dachkante ab, trommelte mit den Fingern auf das Blech und steckte den Kopf ins Innere. Ihre Augen zuckten unruhig hin und her, inspizierten mit wirren Blicken den Innenraum.
Gerhard Klug war gestern Abend nach einer einwöchigen Geschäftsreise zurückgekehrt. Sein Wagen war die ganze Woche am Flughafen geparkt: Sie konnte nichts im Fahrzeug vergessen haben.
Ob sie ihm nachspionierte? Wonach suchte sie?
Seine Gemahlin ließ sich auf den Fahrersitz plumpsen. Sie durchwühlte die Mittelkonsole, streckte sich hinüber zum Handschuhfach und zog einen Stapel Papiere hervor. Sorgsam begutachtete sie jeden Zettel. Wiederholt hob sie den Kopf, um durch die weit vorgeschobene Brille zu blicken, und verglich das Gelesene mit einer Information auf ihrem Smartphone. Ihre grimmige Miene wich einem Lächeln.
Hatte sie gefunden, wonach sie suchte?
Ein flaues Gefühl breitete sich in Klugs Magengrube aus. Im Handschuhfach bewahrte er Tankrechnungen, Flugtickets und Parkscheine der letzten Wochen auf. Seine Gedanken rasten. Was hatte sie entdeckt? Was zauberte dieses hämische Grinsen in ihr Gesicht?
Die Zeichen standen auf Sturm. Die nächste Auseinandersetzung würde sich nicht vermeiden lassen. Mit welchen Vorwürfen würde sie ihn heute konfrontieren?
Es verging kaum ein Tag, an dem sie sich nicht zankten.
Seit über zwei Jahren schliefen sie in getrennten Schlafzimmern. Auch keine Lösung auf Dauer. Die Scheidung war unausweichlich. ›Besser früher als später‹, dachte er.
Klug beschloss, ihr aus dem Weg zu gehen. In der Stadt gab es genug Lokale, die ihm ein ungestörtes Frühstück versprachen.
Er zog Boxershorts aus der Lade und schlüpfte hinein. Aus dem Abteil daneben entschied er sich für ein dunkles Hemd. Die passende Hose hing am ›Stummen Diener‹.
Nachdem er den Gürtel vor seinem flachen Bauch geschlossen hatte, betrachtete er sich im Spiegel. Die modische Kleidung ließ ihn jünger erscheinen. Keine 52; höchstens 45. Er reckte das Kinn nach oben.
Als er die Hände in die Hosentaschen schob, ertastete er ein zerknülltes Stück Papier. Langsam zog er es hervor.
Den Zettel hatte er vor über zwei Monaten hinter dem Scheibenwischer vorgefunden. Er war mit dem letzten Flieger aus Paris gekommen, als er in der Tiefgarage die Nachricht entdeckte. Ein Organmandat konnte es nicht sein, war sein erster Gedanke. Vielleicht hatte jemand sein Fahrzeug beim Ausparken beschädigt? Er griff nach dem A6-großen Computerausdruck und las:
Letzte Warnung!
Spenden Sie sofort die geforderten zwei Millionen!
Wer war mit ›Sie‹ gemeint? Er selbst? Oder der Konzern? ›Sie‹ war auf dem Zettel großgeschrieben, was bedeutete, dass man ihn meinte. Warum spenden? Aber an wen? In welcher Währung? Euro? Pfund? Dollar? Bitcoin?
Im Laufe der Jahre hatten ihn wiederholt Bettel- und Erpresserbriefe erreicht, deren Forderungen stets konsequenzlos verhallt waren.
›Schon wieder so ein idiotisches Pamphlet‹, dachte er damals und zerknüllte die Nachricht. Aber er warf sie nicht weg, sondern ließ sie in seiner Hosentasche verschwinden, wie ihm eine innere Stimme befahl.
Was ihn bewogen hatte, den Vorfall nicht dem Sicherheitsdienst seines Konzerns zu melden, wusste er nicht mehr. Es wäre auch seine Pflicht gewesen, seine Freunde des ›Economy-Clubs‹ zu informieren.
Beides hatte er unterlassen.
Die schwere Eingangstür fiel ins Schloss.
Erneut las er die Zeilen. Bei nächster Gelegenheit würde er seiner Sekretärin eine Kopie zukommen zu lassen. Sie würde die nötigen Maßnahmen in die Wege leiten. Kommende Woche auf Sardinien, würde er seinen Freunden davon berichten.
Mathildes schwere Schritte drangen an sein Ohr. Die Wendeltreppe knarrte kaum vernehmlich unter ihrem Gewicht. Klug konnte sich nicht erinnern, wann seine Gemahlin das letzte Mal in seinem Schlafzimmer gewesen war. Dass sie in diesem Augenblick die Stufen zu ihm herauf stapfte, bedeutete nichts Gutes.
Der nächste Streit war unausweichlich – einer von vielen.
*
Als wollte er sich eine Rüstung anlegen, schlüpfte er in sein Sakko und überkreuzte die Arme vor der Brust.
Wutschnaubend stieß sie die Schlafzimmertür auf.
»Ich habe endlich den Beweis!«, schrie sie und hob provozierend das Kinn in seine Richtung.
»Guten Morgen, geliebte Gemahlin …«, begrüßte er seine Frau süffisant. »Sind wir schon so weit, dass wir uns nicht einmal mehr grüßen?«
»Deine Grüße kannst du dir in den Arsch schieben!«, schnaubte sie. »Endlich habe ich den Beweis!«
Sie wedelte mit einem Stück Papier über ihrem Kopf; ein Parkticket zwischen die Finger geklemmt, ihren Arm bedrohlich erhoben.
Angriffslustig.
Mit schmalen Lippen stapfte sie auf ihn zu und fuchtelte mit der Karte unter seiner Nase.
Klug nahm deutlich den leisen Luftzug wahr. Er trat instinktiv einen Schritt zurück. Ihm fehlte plötzlich die nötige Distanz zu der tobenden Furie.
»Ich sage nur ›Bergic OHG‹! Klingelt es?«
»Sagt mir nichts«, erwiderte er beherrscht und hielt ihrem eiskalten Blick stand.
»Feige Drecksau«, spie sie ihm entgegen.
»Mathilde! …« Klug schüttelte abschätzig den Kopf. »… Wer oder was ist Bergic? … Ein Parkticket?«
»Blöd stellen – das kannst du. Vollidiot! Hältst du mich für so vertrottelt? – Bergic ist ein Puff, solltest du es vergessen haben!«
Klugs funkelnde Blicke trafen Mathilde.
»Woher willst du wissen, dass ich im Puff war? Du hältst eine Parkkarte in den Fingern – und kein Foto.«
»Ich brauche kein Foto.« Sie stampfte hart mit dem Fuß auf.
»Deine Amex-Abrechnung genügt. Und diese Quittung hier …« Sie wedelt erneut energisch mit dem Schein vor seiner Nase. »… ist der Beweis, dass du stundenlang vor dem Puff geparkt hast. War sicherlich eine gewaltige Orgie. 4821 Euro! Du verficktes Dreckschwein!«
»Du öffnest meine Post?« Klug zog die Oberlippe nach oben.
»Bei einem Menschen wie dir bleibt einem nichts anderes übrig! – Du zwingst einen dazu!« Sie schnappte nach Luft. »Du wärst heute ein Niemand, ein Nichts, hätte ich nicht ein Vermögen in unsere Ehe gebracht …«
»… und ich habe es verzehnfacht«, schnitt er ihr barsch das Wort ab. »Dir wäre es innerhalb kürzester Zeit zwischen den Fingern zerronnen. – Und zu deiner Information: Das war geschäftlich. Ein Barbesuch mit unseren chinesischen Investoren.«
»Dass ich nicht lache. Einen Barbesuch nennst du das?! Du warst in einem Puff! Ihr habt die Puppen tanzen lassen und herumgefickt.« Erneut hämmerte Mathilde den Absatz ihrer High-Heel-Sandaletten in den Holzboden und hinterließ tiefe Abdrücke. Mit jedem Tritt lockerte sich ihr Gürtel ein Stück mehr. Die Schöße ihres Bademantels klafften einen Spalt breit auf.
Ungewollt erhaschte Klug einen Blick auf ihre nackte Brust. Er verdrehte die Augen.
»Vielleicht graust es dir vor mir! Du bist das Allerletzte«, spuckte sie Gift und Galle, schloss den Mantel und fixierte ihn mit dem Gürtel. »Hau ab zu deinem französischen Flittchen …«
In ihren Mundwinkel sammelte sich Schaum, wie bei einem tollwütigen Köter. Sie trommelte mit den Fäusten gegen seinen Brustkorb, ihre Miene zu einer Fratze verzogen. Ihre Finger krallten sich in das Revers seines Sakkos. Sie beutelte ihn mit aller Kraft.
Angeekelt wandte Klug sein Gesicht zur Seite. Er legte seine Hände mit eisernem Griff um ihre Handgelenke, drehte die Arme unsanft nach außen und stieß sie von sich.
Sie wollte sich erneut auf ihn stürzen, als er einen Schlag andeutete.
Mathilde hielt inne und zischte: »Das wagst du nie, du feige Drecksau!«
Abscheu hatte sich in ihm breitgemacht. Die Grenzen der Contenance waren überschritten. Er wollte keine Sekunde länger in einem Raum verweilen, mit einem Menschen, der sich nicht mehr unter Kontrolle hatte.
Flucht erschien ihm als die einzige brauchbare Lösung.
Doch Mathilde versperrte ihm den Weg.
Er zögerte nicht, packte sie am Oberarm, um sie zur Seite zu schieben.
Reflexartig griff sie nach seinem Revers und zerrte ihn zurück. Mit einem harten Schlag befreite er sich von ihren Händen am Sakkoaufschlag.
»Der feine Gockel wird handgreiflich«, fauchte sie ihn mit blau verfärbten Lippen an. »Das ist dein Ding. Auf Wehrlose einschlagen, das kannst du!«
»Du weißt nicht, wie es ist, wenn ich richtig zuschlage«, drohte er ihr mit einem Anflug von einem Lächeln.
»Dann schlag doch richtig zu, du feige Sau«, stichelte sie weiter und streckte ihm auffordernd die Wange entgegen.
Klugs Lider zuckten.
Im nächsten Augenblick schnellte seine flache Hand vor, wie eine Viper, die ihren tödlichen Biss setzt, und traf ihre Wange mit voller Wucht.
Sie strauchelte, stolperte durch das Zimmer, verlor eine Sandalette und stürzte auf die harten Dielen. Mit schmerzverzerrter Miene kam sie vor der Schlafzimmertür zu liegen.
»Jetzt mach ich dich endgültig fertig«, zischte sie ihm kaum vernehmlich entgegen. Mit angezogenen Knien krümmte sie sich am Boden und massierte ihren dröhnenden Schädel.
Unbeholfen richtete sie sich auf. Ein Blutstropfen aus ihrer Nase heftete sich an die Oberlippe. Sie leckte ihn ab und betastete ihren Nasenrücken. Das Rot auf ihren Fingern ließ sie ihren Mann anstarren, als könnte sie ihn mit ihren Blicken in die Knie zwingen. Purer Hass drückte ihre Augen weit aus den Höhlen.
»Du hast soeben dein Todesurteil unterschrieben. Ich bring dich um! Das schwör ich dir«, presste sie hinter der vorgehaltenen Hand hervor. »Verschwinde aus meinem Leben!«, kreischte sie hysterisch, rappelte sich auf und warf ihm einen vernichtenden Blick zu, der keiner weiteren Erklärung bedurfte.
Sie angelte sich ihren Schuh, knallte die Tür zu und humpelte auf einer Sandalette die Wendeltreppe hinunter.
Gerhard Klug stand mit offenem Mund da und starrte auf die Tür. Erschrocken über sich selbst. Noch nie in seinem Leben hatte er die Hand gegen eine Frau erhoben, geschweige denn geschlagen. Die drückende Stille, die ihn umgab, wurde nur durch Mathildes fernes, unrhythmisches Humpeln auf der Metalltreppe unterbrochen. Er schüttelte vor Grauen den Kopf.
Langsam löste sich die Anspannung. Er atmete geräuschvoll aus, als müsse er sich von einem Albtraum erholen.
Tausend Gedanken quälten ihn.
Es war nicht leicht, in dem Tohuwabohu Ordnung zu schaffen. Schließlich griff er nach seinem Smartphone und öffnete die Terminkalender-App:
- Montag – Dienstag: Dependance Paris
- Mittwoch – Sonntag: Olbia / Sardinien
Paris und das Treffen mit seinen Freunden auf Sardinien versprachen Abwechslung und Erholung.
»Diese Woche gefällt mir«, flüsterte er.
Er entschloss sich, noch am selben Tag nach Paris zu fliegen. Jedenfalls eine bessere Alternative, als in diesem Haus zu bleiben.
Die Koffer waren schnell gepackt. Als er sie über die Wendeltreppe schleppte, hielt er ständig nach Mathilde Ausschau. Behutsam setzte er jeden Schritt, um kein Geräusch zu verursachen.
*
Er schlich sich wie ein Dieb aus seinem Haus. Kopfschüttelnd ging er auf die Eingangstür zu, an den zahlreichen Jagdtrophäen seiner Frau vorüber, die ihn von den Wänden mit toten Augen anglotzten.
Daneben hingen unzähligen Urkunden, auf denen häufig ›Platz 1‹ mit Mathildes Namen vermerkt war. Sie ließ keinen Schießwettbewerb aus und belegte regelmäßig einen der vorderen Ränge.
Klug konnte dieser Leidenschaft nichts abgewinnen.
Behutsam zog er die Tür zu und atmete die nach feuchter Erde und Moder riechende Luft ein. Er entriegelte den Kofferraum und warf sein Gepäck hinein, als ob er sich damit von einer drückenden Last befreien könnte.
Klugs Wagen rollte an der großen Eiche vorüber, die nahe an der Einfahrt stand. Deutlich war das Knacken der Eicheln zu hören, die unter den Reifen zermalmt wurden. Ein Eichhörnchen flüchtete erschrocken auf den knorrigen Baum.
Er verließ sein Grundstück Richtung Wiesbadener Innenstadt, wo er den Wagen in der Theatergarage parkte.
Ein Blick auf die Uhr ließ ihn zufrieden nicken.
Im Vorgarten des Kaffeehauses Blum bestellte er ein üppiges Frühstück. Das hatte er sich nach den Ereignissen an diesem Morgen verdient.
Während er auf seinen zweiten Kaffee wartete, zog er den zerknitterten Zettel aus der Hosentasche und schoss ein Foto, das er seiner Sekretärin mailte.
Keine zwei Minuten später summte sein Mobile.
»Guten Morgen Herr Klug. Sie haben mir eine Nachricht geschickt … «
»... Ja – habe total darauf vergessen«, unterbrach er seine Sekretärin. »Dieser Wisch klemmte vor Wochen hinter dem Scheibenwischer. An das genaue Datum erinnere ich mich nicht …«
»Herr Klug, eine ähnliche Botschaft habe ich vor ungefähr drei Monaten dem Sicherheitsdienst übergeben. Sie war an Sie adressiert. Den genauen Wortlaut habe ich nicht mehr im Kopf. Nachdem es sich um eine einzelne Nachricht gehandelt hat, haben wir dem Vorfall keine besondere Bedeutung beigemessen. Dieses zweite Schreiben ändert alles: Wir müssen aktiv werden.«
»Es gab eine ähnliche Forderung in der Vergangenheit? In derselben Höhe? War in der ersten eine Währung angegeben, bzw. wohin das Geld überwiesen werden sollte?«
»Wie erwähnt, ich kann mich nicht mehr an den genauen Wortlaut erinnern, jedenfalls glich der Zettel dem Ihren.«
»Gut, dann übergeben Sie die Kopie unserem Sicherheitsdienst und er soll die nötigen Schritte einleiten. – Weil ich Sie gerade am Telefon habe: Darf ich Sie am Wochenende missbrauchen und Sie bitten, mir einen Flug nach Paris zu buchen«, bat er sie mit amikalen Unterton.
»Einen Flug nach Paris? Der ist doch für Montagmorgen gebucht. Oder wollen Sie umbuchen? – Noch heute?«
»Ja. Bitte den Nächstmöglichen. Wären Sie so nett? Und verständigen Sie meine Frau, oder ...«
Er stockte.
»Selbstverständlich. Probleme? … Ich wollte sagen: Kein Problem. Sie hören in Kürze von mir.«
»Danke.«
Klug streifte sein Sakko ab und reckte die Nase in die Sonne. Immer wieder spulte er kopfschüttelnd die Szenen von heute Morgen vor seinem inneren Auge ab. Er suchte nach dem Warum, Weshalb, Weswegen, fand jedoch keine Erklärung dafür.
Die Scheidung war längst überfällig.
Auch der Erpresserbrief erfüllte ihn mit Sorge. Hatte vielleicht Mathilde den Brief geschrieben? Plante sie bereits die Trennung? Wollte sie sich auf diese Art und Weise einen größeren Anteil von ihrem gemeinsamen Vermögen sichern?
Im nächsten Augenblick verscheuchte er die Bilder seiner Gemahlin aus dem Kopf und ersetzte sie durch die seines vermissten Freundes René Delon.
Er war erst vor wenigen Wochen im Mittelmeer auf rätselhafte Weise verschwunden. Seine feudale Jacht, ausgestattet mit den modernsten Instrumenten, fand man vor Korsikas Küste am offenen Meer treibend. Von René fehlte jede Spur.
Hatte sein Freund einen Erpresserbrief erwähnt?
Klug konnte sich nicht daran erinnern.
Er weigerte sich, die Möglichkeit in Gedanken durchzuspielen, und nahm sich vor, den Erpressungsversuch auf Sardinien anzusprechen. Vielleicht wussten seine Freunde mehr, wussten Näheres über das Verschwinden des erfahrenen Skippers.
Das Mobile summte erneut.
»Herr Klug, Ihr Flug nach Paris geht um 14 Uhr. Das Ticket liegt am Schalter der Air France. Mit Ihrer Frau habe ich ebenfalls gesprochen. Sie meinte, das träfe sich gut, weil sie zur Jagd aufgebrochen ist und erst … «
»... Vielen Dank, Sie sind ein Engel. Ich wünsche Ihnen noch ein schönes Wochenende.«
Gerhard Klug wischte über das Display und blickte auf die Uhr.
Genügend Zeit. Keine Eile.
Er drückte auf eine Telefonnummer aus seinem Kurzwahlspeicher.
»Claire, Cherie, Überraschung! Ich fliege bereits heute nach Paris und komme gegen drei Uhr mit der Air-France-Maschine aus Frankfurt an … «
»... mais c’est une joyeuse surprise! In welchem Hotel logierst du?«
»Ich hatte einen miesen Tag. Könnte ich bei dir …«
»Juhu ... exzellente. Ich hole dich vom Flughafen ab.«
»Ich freue mich, Treffpunkt wie immer. Bis später … à plus tard bisous.«
»Küsschen retour.«
Die Verbindung wurde unterbrochen. Er liebte ihren französischen Akzent. Es war, als würde er in ein anderes Universum versetzt, fernab von dem Alltagsstress, wo er seine Seele baumeln lassen konnte. Eine Welt, in der ihn kein Termin trieb, in der gesellschaftlicher Zwang zu einem Fremdwort degradiert wurde.
Er strahlte über das ganze Gesicht. Seine Augen funkelten gütig.
Klug schaute auf sein Smartphone; biss sich auf die Unterlippe. Nach kurzem Zögern tippte er auf ›Kanzlei Thurner & Partner‹.
Sein Freund meldete sich.
»David, Gerhard spricht. Gut dass du im Lande bist. Reichst du bitte die Scheidung ein.«
»Ist es endlich so weit?«, fragte der Rechtsanwalt.
»Ja.«
»Gute Entscheidung.«
»Wir treffen uns, wenn ich zurück bin.«
»Melde dich.«
Klug schob das Telefon in seine Jackentasche. Ein tonnenschwerer Felsen war von ihm abgefallen. Er angelte sich die Frankfurter Allgemeine, um den Wirtschaftsteil zu studieren; am Ende des Tages wird alles gut, sagte er sich und nippte an seinem Kaffee.
*
Auf der Autobahn ignorierte er so manche Geschwindigkeitsbegrenzung. Beschwingt trällerte er das Lied aus dem Autoradio mit.
Das kaum merkbare Vibrieren, das er seit dem Morgen im Lenkrad vernahm, verstärkte sich mit jedem Kilometer.
›Die Kiste gehört zum Service‹, dachte er und ignorierte das Flattern. Die Silhouette, die er auf der Brücke erspähte, half ihm dabei. Sie rief Vorfälle in sein Gedächtnis, bei denen Pflastersteine auf Fahrzeuge geworfen wurden.
Er beugte seinen Oberkörper vor, den Blick so lange wie möglich auf die Gestalt gerichtet, während er unter der Brücke hindurchraste.
›Du wirst paranoid‹, dachte er und schüttelte indigniert den Kopf.
Unbewusst suchte er die folgenden Brücken nach Personen ab, erspähte jedoch niemanden.
Mit zwei Fingern steuerte er der Überholspur entlang. Die Vibrationen des Volants massierten seine Hand.
Plötzlich verdrehte sich das Lenkrad.
Adrenalin jagte seinen Puls in astronomische Höhen.
Er benötigte zwei Fahrspuren, um das Auto in der Spur zu halten. Klug drehte wie verrückt am Volant, aber sein Gegenlenken verstärkte das Schleudern, anstatt es zu mindern. Die Musik im Inneren überdeckte das Wimmern der Reifen.
Sein Wagen prallte gegen die Mittelleitplanke, hob ab und rollte um die Längsachse.
Alles schien ab diesem Moment in Zeitlupe abzulaufen.
Hatte seine letzte Stunde geschlagen?
Wenn ja, dann müsste doch sein ganzes Leben im Geiste vorüberziehen.
Im Gegenteil: Mit schreckgeweiteten Augen sah er die Leitschiene über ihm vorüberjagen.
Kopfüber flog er auf den Brückenpfeiler zu.
Plötzlich umgab ihn unendliche Stille.
2
Der Mann humpelte im Intercity an den Sitzreihen vorüber. Wiederholt stützte er sich auf seinen Gehstock. Als er zwei freie, gegenüberliegende Sitzplätze fand, klemmte er den Stock hinter die Lehne und bedeutete seiner Begleiterin, Platz zu nehmen. Er unterdrückte ein Stöhnen und ließ sich auf den Sitz gleiten.
»Schmerzen?«, erkundigte sich Sarah Mutes fürsorglich.
»Danke der Nachfrage – es geht«, erwiderte Peter Holzinger mit leidender Miene und nahm beide Hände zur Hilfe, um sein Bein in den Fußraum zu ziehen.
»Du hast nie erzählt, wie es zu dem Unfall kam.«
»Sarah, ich spreche nicht gerne darüber. – Na schön, wenn du es unbedingt wissen möchtest: Im Jänner war ich am Penkenjoch. Es war ein idealer Tag, um mit dem Gleitschirm zu fliegen. Ich startete mit angeschnallten Skiern, fand schnell den von mir erhofften Aufwind und drehte einige Runden über der Bergstation. Ich flog hinunter zur Mittelstation, wo mir die Gäste aus der Schirmbar zuwinkten. War lustig. – Nach einer Stunde steuerte ich die Wiese vor Mayrhofen an, um zu landen. Wie es der Teufel haben wollte, verkantete ich bei der Landung mit den Schiern im Tiefschnee und das rechte Bein wurde plötzlich festgehalten. Mein Körper verdrehte sich und die Zugkraft des Schirmes ließ mir keine Chance. Ich konnte hören, wie die Kreuzbänder mit einem lauten Schnalzen rissen. Wie sich später herausstellte, fädelte ich unter der obersten Drahtverspannung eines Weidezaunes ein. Im Krankenhaus stellte man die Ruptur sämtlicher Bandstrukturen mit knöchernen Ausriss fest und einen Bruch des Knöchels. Während der mehrstündigen Operation nähten sie den zerfetzten Meniskus wieder zusammen, fixierten das Knie mit fünf Titanschrauben und die restlichen stecken im Fußgelenk.«
Nachdenklich kratzte er an seinem Vollbart.
»Oh Gott! – So detailliert wollte ich das nicht wissen. Wirst du in Zukunft deinen Schirm an den Nagel hängen?«
»Sarah – wo denkst du hin?!« Peter massierte sich das Knie.
»Der Unfall hat mehr mit Skifahren zu tun, als mit dem Gleitschirmfliegen. – Es ist zum aus der Haut fahren.«
Er schaute aus dem Fenster.
»Bald bin ich die Schrauben los, und dann wird alles wieder gut. – Schau, wir sind gleich am Flughafen Schiphol.«
»Von welchem Terminal fliegen wir ab?«
»Vom Pier B starten wir Richtung Heimat.«
Dumpf erklang die Melodie des River-Kwai-Marsches. Peter fingerte sein Mobile aus dem Sakko hervor und warf einen Blick auf das Display, auf dem der Name ›RICHARD‹ blinkte.
»Hallo. Das ist eine Überraschung: der Rentner, Oberst Tomacic. Wie geht es dir?! Angelst du noch immer ohne Köder?«
»Natürlich. Ein Wurm hat auf meinem Haken nichts verloren. Ich verletze doch kein Fischerl. Oder glaubst du, dass Fische schmerzunempfindlich sind, weil sie nicht schreien können? Lassen wir das … ich gratuliere dir zur Beförderung zum Verbindungsoffizier im Rahmen der Europol. Deine Karriere gefällt mir – bin mächtig stolz auf meinen ehemaligen Schützling. – Ich habe gehört, dass ihr ein neues Büro bezieht?«
»Danke, danke. Unsere Abteilung ist ab sofort direkt dem Innenministerium – inklusive Sonderbefugnissen – unterstellt. Zudem haben sie mir zusätzlich die Koordination von Central-South-Europe umgehängt. Wir haben den Antrittsbesuch absolviert und das Briefing für unseren ersten Fall erhalten. – Übrigens, Sarah sitzt mir gegenüber. Ich soll liebe Grüße ausrichten. Wir fahren im Intercity von Den Haag zum Amsterdamer Flughafen. – Ich hoffe, du besuchst uns bald in den neuen Räumlichkeiten.«
»Sicherlich, Herr Oberstleutnant. Hast du schon ein Team zusammengestellt?«
»Meine Crew besteht im Augenblick aus drei Personen. Sarah, Perez und mir … «
»… Perez? Du meinst doch nicht Oberleutnant Lucas Perez, diesen jungen, vielsprachigen Latino-Computer-Fuzzi, der uns seinerzeit geholfen hat?«
»Ja, von dem spreche ich. – Er ist mittlerweile Hauptmann.«
»Der ist nett, aber auch ein wenig eigenartig. Bewarb er sich nicht bei der Europol in Den Haag?! Wieso ist er in deinem Team?«
»Du kennst ihn ja. Was du ihm seinerzeit prophezeit hattest, ist eingetreten. Er wollte nicht mehr länger im Headquarter bleiben, um an einer Verdächtigen-Datei zu Analysezwecken zu arbeiten, die das Prinzip der Unschuldsvermutung umkehrt. Er hat von dieser Stadt die Schnauze voll und nahm – ohne viel nachzudenken – mein Angebot an.«
»Na ja, dann sind die Bärtigen unter sich. Trägt er noch immer Nickelbrille und sein komisches Baseballkapperl?«
»Yepp. Die Kappe noch immer verkehrt herum.«
»Manche ändern sich nie. Er ist zwar ein hervorragender Analytiker, aber ich warne dich: Er verlässt gerne ausgetretene Pfade. Viel früher als du. Daher mein Rat, seid auf der Hut.«
»Danke. Ich kenne ihn nur zu gut. Wir haben gemeinsam die Ausbildung für leitende Beamte an der FH Wiener Neustadt absolviert. – Außerdem: Du weißt, auf deinen Ratschlag höre ich immer …«
»… seit wann?«, fiel ihm Richard amüsiert ins Wort.
»Bitte keine Geschichten aus vergangenen Zeiten aufwärmen. Apropos Lucas: Er sucht eine Absteige in Wien, denn die elterliche Wohnung ist vermietet …«
»… Ach ja, stimmt. Seine Alten übersiedelten zurück nach Barcelona. Ich hätte das Obergeschoss frei – wenn er will, kann er bei mir einziehen. Ich sage es aber gleich: Mit dem Internetanschluss hapert es: Glasfaserkabel gibt es bei mir nicht.«
»Wir treffen ihn am Flughafen. Ich werde dein Angebot weiterleiten. – Richard wir rollen in Kürze in die Station ein. Ich melde mich, wenn wir in Wien sind.«
»Okay. Mach das. Ich wünsche euch viel Erfolg und einen angenehmen Flug.«
»Danke. Ciao.«
Peter steckte sein Telefon weg und stieß dabei an seinen Gehstock. Mit einem lauten Poltern fiel er zu Boden und blockierte den Mittelgang. Eine junge Frau sah das Hindernis zu spät und stolperte darüber.
Im letzten Augenblick stützte sie sich auf der freien Sitzfläche neben Sarah ab. Peter griff instinktiv nach ihrem Unterarm. Das Bettelarmband, das zahlreiche Anhänger zierten, stach ihm ins Auge. Er erkannte den Pariser Eiffelturm, das Wiener Riesenrad mit roten Gondeln und einen Halbmond.
»Entschuldigung«, presste er schuldbewusst hervor, griff nach seinem Stock und zog ihn zu sich.
Die attraktive Frau bedachte ihn mit fuchsteufelswilden Blicken, rappelte sich auf und klemmte entrüstet eine Haarsträhne hinter das Ohr.
»Verdomme! Kann niet voorzichtiger zijn!«
Verdattert starrte Holzinger in ihr makelloses Gesicht, das von einem rotblonden Pony umrahmt wurde. Die Stupsnase, die vollen Lippen und die grünen Augen ließen ihn fragen: »Claudia?«.
»Nee, mijn naam is niet Claudia«, zischte die junge Frau und eilte Richtung Ausgang davon.
In Peters Kopf herrschte heilloses Durcheinander. Erstaunt schaute er ihr nach, bis ihn Sarahs Stimme in die Gegenwart zurückholte.
»Peterle, du siehst aus, als wärst du einem Geist begegnet. Hab´ ich richtig gehört? Du sagtest soeben ›Claudia‹?«
Peter nickte.
»… Du hast geglaubt, deiner Exfreundin zu begegnen?«
»Ja, für einen Moment dachte ich, dass es sie gewesen wäre.«
»Ich erinnere mich. War sie nicht Redakteurin beim ›KURIER‹? Das muss gut zwei Jahre her sein … Weißt du, wie es ihr geht?«
»Nehme an: gut. Sie hat die Leitung des neuen KURIER-TV-Senders übernommen. – Wir sind da. Komm, lass´ uns aussteigen. Beeile dich, wir sind spät dran!«
»Soll ich dir deinen Kofferrolli abnehmen?«, bot ihm Sarah an, während sie zum Ausstieg drängten.
»Nein, geht schon. Möchtest du vorlaufen?«
»Wir bleiben zusammen … «
»Raus hier …«
*
Sarah legte ein beachtliches Tempo vor. Wie ein weidwund geschossenes Tier humpelte Holzinger seiner Kollegin hinterher.
Routiniert checkten sie am nächstgelegenen Automaten ein. Von Perez keine Spur. Sie hasteten an den zahlreichen Duty-Free-Shops vorüber und passierten die Sicherheitskontrolle, die Peter die erste Verschnaufpause bot. Am Gate war das Boarding voll im Gange.
»Hast du Lucas schon entdeckt?«, wollte Sarah wissen und blickte sich um.
»Nein. Vielleicht ist er bereits in der Maschine«, presste er zwischen den Zähnen hervor und massierte sich sein Bein. »Er weiß, dass ich den Flug umgebucht habe. Wenn nicht, dann muss er schauen, wie er nach Wien kommt.«
Peters unrhythmischer Schritt dröhnte in der Fluggastbrücke. Kurz vor dem Einstieg in den Airbus A321 stauten sich die Passagiere. Holzinger klopfte fortwährend mit dem Gehstock auf den Boden, wofür ihn einige Fluggäste mit verächtlichen Blicken und indigniertem Kopfschütteln straften. Er holte tief Luft, unterdrückte ein Augenrollen und stützte sich auf seine Krücke.
»Ruhig Brauner, ruhig«, raunte ihm Sarah zu und strich besänftigend seinen Rücken entlang.
»Wir haben Reihe 25 – A, B, C. Beim Emergency-Exit«, murmelte er zurück.
Beim Umbuchen der Tickets bestand Peter auf eine Sitzreihe bei den Notausgängen, weil sie mehr Beinfreiheit bieten. Eine wesentliche Erleichterung während eines zweistündigen Fluges nach Wien.
An der Kabinentür begrüßte sie eine Stewardess in rotem Outfit.
»Soll ich ihn in den Stauraum stellen?«, fragte die Flugbegleiterin und deutete auf den Gehstock. Mit einem breiten Lächeln auf den Lippen reichte Peter ihn ihr.
Sitzreihe um Sitzreihe hantelte sich Holzinger durch die Business-Class. Plötzlich entdeckte er auf der rechten Seite das hübsche Gesicht aus dem Intercity. Eine Sekunde lang trafen sich ihre Blicke. Indigniert wendete sich die junge Frau ab, beugte sich vor und starrte durch das Fenster auf den Vorplatz, wo die Fluggastbrücke zum Abdocken vorbereitet wurde.
Peter legte seine Stirn in Falten. Das war nicht Claudia, denn die hätte zumindest zurückgelächelt. Doch der Mond, zwischen dem Riesenrad und dem Eiffelturm an ihrem Handgelenk faszinierte ihn.
*
Lucas saß auf seinem Sitzplatz, vertieft in die Bordbroschüre. Er zog seine Mundwinkel nach oben, als er seinen Chef auf sich zu humpeln sah.
»Se … Servus. Darf ich dir helfen«, grüßte Perez stotternd, sprang auf, schnappte sich Peters Koffer und wuchtete ihn in die Ablage. »Wo willst du sitzen?«
»Ich setze mich in die Mitte. Sei nett und hilf Sarah.«
Holzinger ließ sich stöhnend wie ein Greis auf den mittleren Sitzplatz fallen.
Noch bevor der Flieger zur Startbahn rollte, waren sie in ihren Small Talk vertieft.
Lucas erzählte, dass er in nur drei Stunden seine Habseligkeiten in sechs Kartons verpackt hatte. Am schwierigsten gestaltete sich das Verstauen seines geliebten Computers. Die Spedition markierte diese Kiste mit einem roten Verpackungsband, auf dem das Wort ›FRAGILE‹ und ein Trinkglas aufgedruckt waren.
Lucas ergänzte mit einem dicken Filzstift: ›VORSICHT: MEIN LEBEN!‹
»Übrigens, ich habe vorhin mit Richard Tomacic telefoniert. Sein Obergeschoss steht nach wie vor leer. Wenn du willst, kannst du bei ihm einziehen.«
»Da … Das ist ein tolles Angebot.«
»Er lässt dir jedoch ausrichten, dass er über keinen Glasfaseranschluss für das Internet verfügt.«
»Strea … Streaming ist zwar nicht meine Welt, aber für Suchläufe in umfangreichen Datenbanken könnte es ebenfalls zu wenig sein – Schick mir bitte seine Nummer.«
Die Triebwerke heulten auf. Die Beschleunigung des Flugzeuges drückte sie in die Sitze. Bei 280 km/h hob der Flieger ab und zog polternd das Fahrwerk ein.
»Lucas, hör zu, ich informiere dich kurz über unseren ersten Auftrag.« Peter holte tief Luft. »Am kommenden Wochenende veranstaltet der Economy-Club einen Kongress in Laxenburg bei Wien. Wir sind mit der Personenschutzabteilung für die Sicherheit der Besucher verantwortlich. Prinzipiell ein Routinejob …«
»E … Economy-Club?«
»Der EC ist ein Verband von Wirtschaftsbossen aus der ganzen Welt. Von Wirtschaftsprognosen über Trendforschung bis hin zu Netzwerkbildung.«
»Ve … Verstehe.«
Peter blätterte in den Unterlagen. »Aber: Vor einem halben Jahr verschwand im Mittelmeer ein Vorstandsmitglied des Clubs bei einem Segeltörn. Seine verlassene Jacht fand man unversehrt zwischen Korsika und Mallorca im Meer treibend. Ihn hat man bis heute nicht gefunden. – Vor zwei Monaten kam ein weiterer in Deutschland bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Der Wagen hat sich bei hohem Tempo auf der Autobahn aus unerfindlichen Gründen überschlagen. Nachdem beide diesem ›Economy-Club‹ angehörten und sich die mysteriösen Unfälle in zwei verschiedenen Ländern der Europäischen Union ereignet haben, ist der Fall bei der Europol gelandet. Sonst ergaben sich keine Gemeinsamkeiten, aus denen sich eine brauchbare Theorie ableiten ließe …«
Holzinger schloss die Luftdüse, die ihm ins Gesicht blies.
»… Jetzt kommt`s: Deine Aufgabe ist es, die Teilnehmer zu durchleuchten. Vielleicht finden wir neue Anhaltspunkte. Wenn nicht, gehen die Fälle zurück an die örtlichen Behörden. Schau dir die Lebensumstände der Mitglieder an. Inoffiziell vermutet man, dass es sich bei beiden Unfällen um keine Zufälle handelt. Ich nehme an, dass du nichts Neues entdecken wirst, aber man weiß nie ...«
Lucas hatte aufmerksam zugehört, kratzte sich am Bart, lüftete seine New-York-Yankee-Kappe und zog sie tiefer in die Stirn. Tausend Fragen lagen ihm auf der Zunge.
»Du ... Du sprichst von einem Routinejob. Wie kreativ darf ich meine Recherche anlegen?«
Holzinger erahnte sofort den Hintergedanken des IT-Spezialisten. »Routinejob! – Halte dich an die gesetzlichen Vorgaben. Kein Hacken!«, erstickte er mit harschem Unterton Lucas' aufkeimende Einwände. »Lass die Kirche im Dorf. Analysiere die Akten, aber handle keinesfalls eigenmächtig. Haben wir uns verstanden?«
»Vo … Von wem bekomme ich die gesammelten Unterlagen? Und vor allem: Auf welche Datenbanken werde ich autorisierten Zugriff haben?«, lotete er indigniert die Grenzen aus. »Nur auf die der Behörden oder auch auf die der Unternehmen?«
»Ein Großteil der Protokolle liegt bereits auf dem Server in Wien.« Peter kratzte sich an seinem Bart. »Die Freigaben erhältst du morgen in der Früh. Man hat mir versprochen, dass wir uneingeschränkten Zugriff auf alle relevanten Daten haben. Von den Firmen haben wir keine Erlaubnis, unser Material mit dem ihren zu vergleichen. Ich benötige deinen Bericht sobald wie möglich.«
»O … Okay, Chef.« Lucas schüttelte den Kopf und schob die Nickelbrille zur Nasenwurzel hinauf. »Habe kapiert – Nachtarbeit.« Die Enttäuschung war ihm ins Gesicht geschrieben.
»Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen: Morgen um zehn Uhr ist das Meeting mit dem Vorstand des Clubs angesetzt: Voss, Morrison und Costa. Seid bitte pünktlich ...« Peter beugte sich vor und massierte sein Knie. Er verzog sein Gesicht. Mit beiden Händen hob er seinen Oberschenkel an, um den Kniewinkel zu verringern.
»Schmerzen?«, erkundigte sich Sarah.
»Es geht …« Holzinger atmete tief ein. »… Wenn ich das Bein längere Zeit nicht bewege, dann pocht es unaufhörlich. Das nervt.«
»Was sagt dein Physiotherapeut?«
»Der ist zufrieden«, presste Peter mit leidender Stimme hervor. »Er meint, meine Fortschritte sind größer als bei manch anderen mit der gleichen Verletzung. Die Chance lebt, dass ich das Knie bald wieder vollends abbiegen kann. Bis dahin wird mich der Gehstock begleiten.«
Mutes sah ihn mit zusammengekniffenen Augenbrauen von der Seite an und klopfte ihm fürsorglich auf den Oberschenkel.
»Wie ich dich kenne, wirst du den Stock bald nicht mehr benötigen.«
»Ich arbeite daran. Wie erwähnt, alles wird besser – im Anschluss an die OP.«
Sarah wechselte das Thema und erkundigte sich, wie sich ihr Chef den genauen Zeitplan für die nächsten Tage vorstellte.
»Keine Sorge, die Konferenz findet am Donnerstag und Freitag statt.« Peter lächelte. »Die Chancen stehen gut, dass du das komplette Weekend mit deiner Familie verbringen wirst.« Er hatte die Hintergedanken seiner Mitarbeiterin erraten und tätschelte ihre Hand.
»Klingt gut …« Sie wandte sich nickend dem Fenster zu.
Fasziniert verfolgte sie die bizarre Jagd der Nebelschwaden, die mit enormer Geschwindigkeit über die beleuchtete Tragfläche hinwegschossen. Die unentwegten Turbulenzen versetzten dem Flugzeug harte Stöße. Der Flug glich einer Busfahrt entlang desolater Gemeindestraßen.
Der Gong riss sie aus den Gedanken. Der Kapitän teilte seinen Passagieren mit, dass sie soeben Linz überflogen haben.
»… wir landen planmäßig in 25 Minuten. Das Wetter in Wien: Die Außentemperatur beträgt minus 1°, es ist bedeckt mit leichtem Schneegriesel«, tönte es aus den Lautsprechern.
»Gut, dass du unsere Flüge umbuchen konntest. Jetzt sind wir vier Stunden früher als geplant in Wien«, bemerkte Sarah rhetorisch und starrte weiter in die Dunkelheit hinaus.
*
Unterhalb der Wolkendecke ließen die Turbulenzen nach. Die Landschaft war nicht zu erkennen, aber vereinzelt erspähte sie die Lichter verstreuter Dörfer. Das Flugzeug rumpelte und ächzte, als das Fahrwerk ausgefahren wurde. Die ersten Straßenzüge, der in ein rötlich flirrendes Lichtermeer getauchten Großstadt, schoben sich langsam in ihr Blickfeld.
Sarah wollte gerade Peter die hell erleuchtete Raffinerie Schwechat unter ihnen zeigen, als ein Knall das gleichmäßige Surren im Inneren des Flugzeuges verschluckte. Im nächsten Augenblick sackte die Maschine ab.
Die Aufschreie aus zahlreichen Kehlen ließen die Flugzeugkabine erbeben. Der Flieger war extrem zur Seite gerollt. Der linke Flügel zeigte steil nach unten.
Sarah umklammerte die Armlehnen mit all ihrer Kraft; presste sich in den Sitz.
Mit schreckgeweiteten Blicken sah sie, wie sich die Landeklappen hoben und senkten. Schließlich stabilisierte sich die Fluglage. Ab diesem Moment beutelten heftige Vibrationen den Airbus A 321 und ließen die Tragflächen zitternd auf und ab schlagen.
Ihr Puls raste. Mit vor Angst aufgerissenen Augen starrte sie aus dem Fenster. Funken sprühten aus dem linken Triebwerk, einem Kometenschweif gleich. Sie tauchten den nahen Boden in ein gespenstisch flackerndes Licht.
Sarah schnappte sich Peters Hand, und drückte so fest zu, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Sie wies mit ihrem Kopf erschrocken auf den Flügel hinaus.
Holzinger beugte sich gerade zum Fenster, als die Stimme des Flugkapitäns seinen Passagieren befahl, die Sicherheitsstellung für eine Notlandung einzunehmen. Geschockt hielt Peter das schadhafte Triebwerk im Blickfeld, aus dem bereits meterlange Flammen schlugen. Beißender Kerosingeruch stieg ihm in die Nase.
Plötzlich erschütterte ein vehementer Schlag den Flieger.
Wieder schrien die Fluggäste auf.
Der Touchdown war hart. Das schwere Flugzeug schlingerte die Rollbahn entlang. Die Bremswirkung ohne Schubumkehr war nicht so fulminant wie von früheren Landungen gewohnt.
Bevor die Maschine zum Stillstand kam, ertönte bereits die angespannte Stimme des Stewards. Er wies die Passagiere an, ausschließlich die vier Fluchtwege auf der rechten Seite zu benützen.
Knapp vor dem Ende der Landebahn kam der Flieger zu stehen. Die Flugbegleiterinnen stürzten durch den Gang und rissen die Notausgänge auf. Mit einem Knall öffneten sich die Notrutschen. Der Mittelgang füllte sich in Sekunden mit ängstlich brüllenden Passagieren, die rücksichtslos zu den Luken drängten.
»Lassen Sie Ihr Gepäck liegen!«, mischte sich die Ansage aus den Lautsprechern wiederholt in den Lärm. »Geen Bagage! No Luggage!«
Holzinger und seine beiden Mitarbeiter waren bei den Ersten, die das Flugzeug verließen. Peter zog Sarah an sich vorüber, versetzte ihr an der Luke einen Stoß. Er sprang hinterher. Am Ende der Notrutsche landeten sie unsanft im nasskalten Gras.
Sirenen heulten aus allen Richtungen. Mit ohrenbetäubendem Getöse traf ein Einsatzwagen nach dem anderen ein. Die Besatzungen bedeuteten händeringend den Flüchtenden, sich im Laufschritt von der Unglücksmaschine zu entfernen.
»Lauft! Lauft!«, riefen die Helfer durcheinander. »Hierher! Schnell! Schneller! This way! Hurry! Sneller daar!«
Peter ruderte mit den Armen, humpelte – ohne seinen Gehstock, mehr hüpfend als laufend – hinter Sarah her, die trotz ein paar Kilos zu viel auf ihren Hüften ein beachtenswertes Tempo vorlegte. In sicherer Entfernung blieben sie stehen, drehten sich um und schauten zurück zum Unglücksort, am Ende der Landebahn.
Über die vier Notausgängen ließen sich die Passagiere, wie Tropfen aus einem undichten Wasserhahn, auf die Rutschen fallen.
»Was ist passiert?«, hörte Holzinger die zitternde Stimme seiner Kollegin.
»Keine Ahnung. Hast du Lucas gesehen?«
»Nein. War er vor oder hinter uns?«
Das emporlodernde Feuer auf der linken Seite des Fliegers schwoll an und tauchte die Silhouette des Wracks in ein beklemmendes Licht.
Die Menschen schrien vor Angst.
Immer mehr Hilfskräfte trafen ein. Feuerwehrleute stießen die Türen der Seitenwände ihrer Fahrzeuge auf und zogen schier endlos lange Schläuche hervor.
Peters Instinkt befahl ihm, zu helfen. Er wollte losstürmen, doch Sarah und ein Sicherheitsbeamter rissen ihn zurück.
Gerade rechtzeitig!
*
Noch bevor der Befehl ›Wasser marsch‹ gegeben werden konnte, erschütterte eine ohrenbetäubende Explosion den Unfallort.
Ein enormer Feuerball schoss in den Himmel. Brennende Kerosinzungen wirbelten durch den Äther. Sie tanzten zu Boden und steckten an zahlreichen Stellen die Wiese in Brand. Die ungeheure Detonation hatte das Triebwerk zerrissen. Die Druckwelle schleuderte Passagiere wie Spielzeugpuppen von den Notrutschen.
Schmerzensschreie gellten aus allen Richtungen. Im nächsten Augenblick knickte das linke Fahrwerk ein und das Flugzeug sackte zu Boden. Wie eine satte Robbe auf einer Eisscholle lag es da. Funken stoben durch die vor Hitze flirrende Luft, als hätte man ein riesengroßes Holzscheit in ein Lagerfeuer geworfen.
Viele der Passagiere, die es nicht weit genug weg von der Unglücksmaschine geschafft hatten, brannten lichterloh. Sie irrten als lebende Fackeln umher oder wälzten sich auf der dünnen Schneeschicht. Einige lagen bewusstlos im hohen Gras. Die glühend heiße Druckwelle hatte selbst weit entfernte Personen, zu Boden geschleudert. Trümmer schossen durch die Luft.
Schmerzschreie vermischten sich mit dem Singsang der unterschiedlichsten Martinshörner.
Der Geruch von verbranntem Fleisch legte sich wie ein Leichentuch über den Unfallort. Aschenschmetterlinge tanzten vom Himmel, vermengten sich mit dem Schnee und überzogen das hohe Gras mit düsterem Dunkelgrau.
Die Druckwelle hatte eine schwere Plastikplane von einem Einsatzwagen gerissen. Sie traf Peter mit voller Wucht, riss ihn zu Boden und begrub ihn unter sich. Holzinger krümmte sich auf der Wiese. Bemüht, die Beine anzuziehen.
Eine Feuersbrunst schien in seiner Lunge zu lodern. Er atmete flach. Der beißende Geruch des Kerosins hatte sich in seinem ausgetrockneten Rachen festgesetzt. Seine Ohren dröhnten, als wäre er zu Neujahr unter der zwanzig Tonnen schweren Pummerin gestanden. Er zwang sich, seine schmerzenden Augen zu öffnen. Völlige Dunkelheit umgab ihn. Er zerrte an der sperrigen Plane. Schließlich gelang es ihm, sich darunter hervorzurollen und stieß an einen glänzenden Helm, der vor seiner Nase im Gras lag. Daneben kauerte – auf allen vieren – ein hustender Feuerwehrmann, der wie ein gestrandeter Fisch mühsam nach Luft schnappte.
Vereinzelt eilten Schatten an ihnen vorüber, ohne sich um sie zu kümmern.
Peter lag noch immer im feuchtkalten Gras, hob seinen zentnerschweren Kopf und drehte ihn zur anderen Seite. Seine Kollegin lag regungslos am schneebedeckten Boden. Ihre Haare standen wie Tintenfischtentakel ab, wie dürre, entlaubte Äste eines toten Gestrüpps, ihre Augen geschlossen. Blut rann über ihre Stirn. Neben ihr dampfte ein heißes, deformiertes Metallteil. Von ihrem Rücken züngelten Flammen.
»Sarah!«, stieß Peter röchelnd hervor. »Bist du okay?«
Er wartete vergeblich auf eine Antwort.
3
Er stand am Balkon seiner King-Corner-Presidential-Suite im obersten Stockwerk des im Art-Déco-Stil der goldenen 1920er Jahre gestalteten Hilton Plazas. Sein linker Arm hielt seine Steppjacke vor der Brust geschlossen. Der eisige Wind trieb unentwegt dicke Schneeflocken an seiner Nase vorüber. Hin und wieder blieb eine an seiner Hornbrille kleben. Von der dreispurigen Straße unter ihm drang die eintönige Klangwolke des Abendverkehrs an sein Ohr.
Er ließ seinen Blick der beleuchteten Ringstraße entlang schweifen. Eine dünne Schneeschicht überdeckte die welken Blätter der Kastanienbäume im Rinnsal. Hinter den dürren Ästen der Baumwipfel erspähte er die markante Kuppel der Universität, die von der Turmspitze des Rathauses überragt wurde.
Er liebte diese alte Kaiserstadt mit ihren zahlreichen Jugendstil- und Prachtbauten, den verwinkelten Gassen und ihren raunzenden Bewohnern. Seit Jahren hegte er den Gedanken, in dieser Stadt eine Immobilie zu kaufen. Heute war dieser Traum wahr geworden: Eine alte, leer stehende Villa mit Penthouse.
Craig Morrison zog ein letztes Mal an seiner Zigarre, schnipste den Stummel in den Aschenbecher und begab sich zurück in die feudale Suite. Er streifte seine Jacke ab und warf sie über die Stuhllehne.
Gestern Nachmittag war er aus dem heißen Abu Dhabi angereist. Für ihn ein willkommener Temperaturunterschied von 30 Grad.
Im Geiste ging er die Agenda des bevorstehenden Symposiums durch, das von ihm als einem der Chairmen des Economy-Clubs organisiert worden war. An den nächsten beiden Tagen erwartete er im 20 km entfernten Schloss Laxenburg zahlreiche Wirtschaftsbosse aus allen Teilen der Welt.
Morgen – um zehn Uhr – stand das Meeting mit der Polizei, Abteilung Personenschutz am Plan.
Diesmal hatten seine Freunde und er ihre Familien, insbesondere ihre Kinder eingeladen; ein lieb gewordenes Ritual, wenn sie ihre Kongresse in sehenswerten Städten abhielten.
Sein Sohn und seine Schwiegertochter, die sich zurzeit auf Hochzeitsreise quer durch Europa befanden, hatten ihre Route entsprechend geplant. Am gestrigen Abend speiste er gemeinsam mit ihnen im Restaurant Émile. Sie berichteten von Athen, Paris, Rom, Florenz und Verona.
»Unsere nächsten Ziele sind Budapest, das kohleverstromende Warschau und Berlin«, hatte Edith wiederholt erwähnt.
Craig hatte die Augen verdreht, weil er befürchtete, dass sie wieder ihr Lieblingsthema ›Umweltschutz‹ strapazieren würde. Er kannte ihre Ansichten, und was für ihr Dafürhalten die Politik unternehmen müsse, um unseren Planeten zu retten. Ihre stereotypen Argumente zerstörten in Kürze jeden Plausch, denn Gegenargumente ließ sie nicht gelten. Auf diesem Ohr war sie taub.
In solchen Situationen wäre es Christians Aufgabe gewesen, das Gespräch zu übernehmen. Doch sein Sohn ignorierte die vorwurfsvollen Blicke seines Vaters und überließ seiner puppenhaften Frau das Reden.
Craig beugte sich in ihre Richtung, und fixierte sie mit seinen eisblauen Augen.
»Edith, bitte keine Vorträge. Wir kennen deinen Standpunkt. Erzählt mir lieber, was ihr in Wien vorhabt.«
Sein Ton war freundlich, enthielt aber genug Schärfe, um ihr Thema im Keim zu ersticken.
Christian kannte diesen Unterton nur zu gut. Besänftigend strich er seiner Gemahlin über den Rücken, als wollte er eine knurrende Hündin beruhigen und erzählte bereitwillig von ihren weiteren Plänen.
Morrison lehnte sich zurück, ohne auf die einzelnen Worte zu achten, und musterte die beiden. ›Was für ein ungleiches Paar‹, sinnierte er. Vor Craigs geistigem Auge zogen die Erinnerungen an die Hochzeit in Las Vegas vorüber: Wenig Familie, dafür umso mehr jugendliche Freunde des Brautpaares, die ständig mit ihren Smartphones beschäftigt waren. Die verbale Unterhaltung schien auf ein Minimum reduziert gewesen zu sein. Und wenn die jungen Gäste miteinander sprachen, benützten sie ein Vokabular, dem er nur schwer folgen konnte.
Erst vor einem Jahr hatte sich das Brautpaar näher kennengelernt. Gemeinsam studierten sie an der Yale-Universität Chemie. Nachdem beide ihre Studien erfolgreich abgeschlossen hatten, planten sie sofort ihre Hochzeit. Gegen Craigs Willen. Zu Beginn nahm er an, dass die Geliebte seines Sohnes schwanger war, aber diese Vermutung stellte sich als Irrtum heraus.
Erfolglos bot er den beiden gut dotierte Jobs in seinem Agrarunternehmen an. Damit wollte er ihre Heiratspläne durchkreuzen, oder die Vermählung hinauszögern. Er hoffte, Zeit zu gewinnen, in der sein Sohn zur Vernunft kommen würde.
Doch die beiden stiegen nicht auf seine Angebote ein. Zunächst wollten sie um die Welt reisen, die unterschiedlichsten Kulturen kennen lernen, um die Zusammenhänge zu verstehen, warum die Gesellschaften so sind, wie sie sind.
Die konträren Denkweisen der beiden prallten wie stählerne Bocciakugeln aufeinander. Keiner war bereit, auf sein Gegenüber einzugehen.
*
Gestern Abend waren ihre Gespräche gestelzt und abblockend gewesen, jeder Satz eine Landmine, die drohte, bei der geringsten Berührung zu explodieren. Craig war erleichtert, als sich die beiden in ihre Suite zurückzogen und er sich an der Bar einen Whiskey genehmigen konnte, ohne dass ihn jemand scheel ansah.
»Wunderschönen guten Abend, Herr Morrison«, begrüßte ihn gestern der Barkeeper. »Heute solo?«
»Hi Gerard. Ja, bin alleine.« Er kletterte auf den Barhocker, spreizte die Beine und stützte den Kopf auf die Faust. »Mein Sohn ist mit seiner Frau auf das Zimmer gegangen.«
»Schön zu hören, dass Sie von Ihrer Familie begleitet werden.«
Craig nickte seufzend, und ließ seinen Blick an den aufgereihten Flaschen hinter der Theke entlang gleiten.
»Bourbon?«, fragte Gerard.
Morrison schob die Unterlippe vor und drehte die Handfläche nach oben.
»On the Rocks? – Wie immer?«
Der Amerikaner nickte.
Routiniert angelte sich der Bartender ein Whiskeyglas aus dem Regal und ließ die Eiswürfel polternd hineinfallen. »Jack-Daniel’s oder Four-Roses?«
Morrison zeigte auf die viereckige Flasche. Gerard goss den sämigen Whiskey mit einer theatralischen Armbewegung ins Glas, weit mehr als die Markierung vorsah.
»Cheers«, wünschte der Barkeeper und schob ihm das Getränk auf einem Untersetzer zu.
»Thanks.« Craig schaute auf den Whiskey und schenkte Gerard ein breites Lächeln.
»Steht morgen ein anstrengender Tag bevor?«
Morrison zuckte mit den Achseln.
»Ah, verstehe ... Familie …«
Diesmal drehte Craig beide Handflächen nach oben und presste die Lippen zusammen.
»Dann wünsche ich Ihnen einen erquicklichen Aufenthalt.«
Gestern war Gerard eindeutig der angenehmere Gesprächspartner.
*
Craig verdrängte seine Erinnerungen. Im Zimmer war es dunkel geworden. Er knipste die Stehlampe in der Ecke an. Gedämpftes Licht erhellte den Raum. Sein Hungergefühl meldete sich mit Nachdruck. Er schaute auf die Uhr. Erst in einer Stunde war er mit seinen Freunden zum Dinner verabredet.
Auf dem kleinen Tisch erblickte er die Fernbedienung für den Fernsehapparat. Er drückte den Einschaltknopf. Im nächsten Augenblick zeigte der Bildschirm ein brennendes Flugzeug. In der rechten oberen Ecke prangte das Wort ›LIVE‹. Die attraktive Reporterin mit ihrem blonden Ponyhaarschnitt erklärte, was gegen 18:00 Uhr am Vienna-Airport passiert war.
»... leider liegen uns noch keine Einzelheiten zum Absturz vor, aber wir bemühen uns, Sie so schnell wie möglich zu informieren ...«, hörte er, während das Insert ›Claudia Bigler, KURIER TV – Flughafen Wien Schwechat‹, eingeblendet wurde.
Morrisons Neugier war geweckt. Mit zusammengekniffenen Augen verfolgte er die Berichterstattung, doch seine Deutschkenntnisse reichten nicht. Er zappte weiter, Sender um Sender, auf der Suche nach dem Euronews-Kanal in englischer Sprache.
Endlich: Sendeplatz 54.
Am unteren Rand des Bildschirms leuchtete ein breiter roter Balken mit weißer Schrift: ›BREAKING NEWS‹, daneben ›Live: Airplane Crash – Vienna-Airport.‹
Eine Passagiermaschine hatte am späteren Nachmittag eine Bruchlandung erlitten, berichtete der Sprecher. In Großaufnahme sah man Flammen aus dem Wrack schlagen. Die Feuerwehren sprühten unentwegt Löschschaum auf das demolierte Flugzeug.
Hin und wieder entfernte sich ein Rettungswagen mit Blaulicht, während andere zur Unfallstelle rasten.
Steif setzte sich Craig an das Fußende des Bettes und verfolgte gebannt den Bericht. Die Maschine war bei der Landung, aus Amsterdam kommend, verunglückt. Über den genauen Grund konnte man zu diesem Zeitpunkt nur spekulieren.
›Wollte nicht Hajo heute aus den Niederlanden anreisen?‹, schoss es Craig durch den Kopf. Sein rechtes Bein wippte unentwegt. ›Voss wird doch nicht in dem Flugzeug gesessen sein?‹
»... es sind zahlreiche Verletzte zu beklagen. Vielleicht sogar Tote. Über die Anzahl kann man derzeit nur mutmaßen. Die Rettungsmannschaften arbeiten im Dauereinsatz«, tönte es schicksalsschwanger aus den Lautsprechern.
Craig stand auf und zog das Smartphone aus seiner Jacke, die über dem Stuhl hing. Er durchsuchte die Kontaktliste. Unter Hajo fand er keinen Eintrag, doch bei Voss wurde er fündig. Sein Zeigefinger zitterte, als er auf ›CALL‹ drückte.
Es läutete. Craig trommelte mit den Fingern auf seine Brust und presste das Telefon fester ans Ohr. Zum dritten Mal hörte er den Signalton. Hajos Mobile war eingeschalten, aber warum nahm er den Anruf nicht an?
Morrison stützte sich auf der Stuhllehne ab und verfolgte das Geschehen am Bildschirm. Nach dem sechsten Klingelton meldete sich Hajos Stimme: ›Hello. I can’t take your call right now, please leave a message after the tone. Thanks for your call..‹
»Shit«, schimpfte Craig und beendete den Anruf, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Er zog am Krawattenknopf und öffnete den Hemdkragen.
Von einer Sekunde auf die andere merkte er, dass er keinen klaren Gedanken fassen konnte. Verwirrt setzte er sich an den kleinen Tisch und schlug, um sich abzulenken, die Tagungsmappe auf. Zehn Uhr Sicherheitsmeeting, las er und überflog die weiteren Punkte der Liste. Der zwölfte ließ in innehalten: Erpresserbriefe. Er durchwühlte die Beilagen, bis er auf die Kopie der Drohungen stieß.
Spenden Sie zwei Millionen an eine NGO / NPO, sonst veröffentlichen wir geheime Dokumente Ihres Unternehmens!
Geben Sie im Anschluss eine Pressekonferenz.
Neben dem Text war handschriftlich der 10. September vermerkt.
Craig runzelte die Stirn und erinnerte sich, dass im Frühjahr ein Hackerangriff auf seinen Konzern erfolgt war. Die IT-Experten fanden keine Hinweise, dass sensible Daten gestohlen worden wären. Sicherheitshalber hatte man den Vorfall dem FBI gemeldet, doch dessen Ermittlungen verliefen im Sand.
Bei der Fülle von Erpressungsversuchen, die seinen Konzern im Laufe eines Jahres erreichten, war es schwer, die ernst Gemeinten zu erkennen. Die meisten waren von Aktivisten, die sich über die Preise erbosten, die man den Farmern bezahlte oder richteten sich gegen die Monokulturen und dem damit einhergehenden Bienensterben.
Auf diese Weise verschafften sie ihrem Ärger Luft.
Er las weiter. Auf dem zweiten Zettel, der schief in den Kopierer gelegt worden war, stand:
Letzte Warnung!
Spenden Sie sofort die geforderten zwei Millionen!
Handschriftlich war der 5. November darauf notiert.
Sein Freund René Delon war der Erste, der bei einem ihrer Treffen im Frühjahr vom Erhalt eines Erpresserbriefes berichtete. Wochen später erreichte ihn eine Morddrohung, worauf er im Sommer während eines Segeltörns verschwand. Ähnlich war es bei Klug, der bei einem Autounfall ums Leben kam. Erst nach seinem Tod erfuhr man, dass auch er solche Drohungen erhalten hatte.
Craig strich sich mit der Hand durch sein Haar. Was wäre, wenn das Unglück am Wiener Flughafen ein Anschlag war, der mit diesen Erpressungen zu tun hatte? Hatte er Hajo Voss gegolten?
Craig überlegte, ob er das Thema beim heutigen Abendessen anschneiden sollte. ›Besser wäre, bis morgen zu warten, wenn sie vollzählig waren‹, dachte er und weigerte sich, Zusammenhänge ohne Beweise zu akzeptieren.
Das Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken.
*
»Ja bitte?«
Es klopfte abermals.
Craig stapfte widerwillig zur Tür und öffnete. Edith hing am Hals seines Sohnes, wie eine Pythonschlange, die ihre Beute umschlungen hatte. Ihre Haare trug sie zu zwei französischen Zöpfen geflochten, die bis zu den Schulterblättern reichten. Die Wange ihres schmalen Gesichtes rieb sie an Christians Schulter. Ihr Oberschenkel drückte gegen den ihres Mannes.
Was Craig sah, war nicht die Ablenkung, die er sich erhofft hatte. Er ließ seinen Blick abschätzig an Ediths dürrem Körper entlang gleiten. Wasser tropfte von einem welken Ahornblatt, das ihr kniehoher Lackstiefel mit dem Bleistiftabsatz durchbohrt hatte und den Teppichboden dunkel färbte.
Mit dem leicht basedowschen Augenpaar musterte die junge Frau ihren Schwiegervater und folgte seinem Blick. Indigniert schüttelte sie das Blatt vor der Suite ab.
Morrison fragte sich, was Christian wohl an ihr gefalle. Liebe scheint eigenen Regeln zu folgen. Edith war keinesfalls nach seinem Geschmack.
»Kommt rein … habt ihr Wien unsicher gemacht?«, begrüßte er die beiden, ohne ein Lächeln auf den Lippen, in der Hoffnung, dass sie seine Einladung ablehnten.
»Ja, vormittags waren wir in der Innenstadt. Mittags am Donauturm. Und am Nachmittag haben wir uns die Umgebung angesehen. Sogar im Schloss Mayerling sind wir gewesen. Die Pferderennbahn, das Racino war leider geschlossen«, sprudelte es aus Edith hervor, während sie sich an ihrem Schwiegervater vorbei in die Suite zwängte.
»Und das bei diesem Schneefall?«
»Ja, war mit deinem Firmen-SUV kein Problem. Wir hatten viel Spaß. Cooles Gerät, der Daimler AMG GLC. Das hat richtig Power …«, schwelgte Christian in Erinnerungen.
»Das kann ich mir vorstellen, dass er dir gefällt. Übrigens, ich brauche morgen den Wagen«, seufzte Craig.
Sein Sohn öffnete leicht den Mund und legte die Hand darauf. »Dann musst du ihn waschen lassen. Edith und ich haben einen Abstecher ins Gelände unternommen«, murmelte er.
»Bei diesem Wetter? Was für eine Schnapsidee!«, fuhr er seinen Sohn an. »Ich lasse den Wagen sicher nicht waschen. Kümmere du dich gefälligst darum. – Heute noch!« Craigs Gesicht färbte sich rot. Auf seiner Stirn erhoben sich dunkelblaue Adern, und zeichneten ein bizarres Muster, das an krakelige Fäden eines Spinnennetzes erinnerte.
»Weißt du, ob Kirstin bereits angekommen ist?«, wechselte Edith mit unschuldig dreinschauenden Glupschaugen das Thema.
»Ich habe vorhin versucht, Hajo zu erreichen. Er meldet sich nicht. – Habt ihr von dem Flugzeugunglück gehört?« Craig deutete auf den Fernsehapparat. »Heute, am frühen Abend am Vienna-Airport.«
Das Ehepaar schaute sich fragend an und ging ein paar Schritte auf den Bildschirm zu.
»... es handelt sich um den Flug aus Amsterdam, der planmäßig um 18:05 in Wien Schwechat aufsetzte … ein Terroranschlag wird nicht ausgeschlossen …«, hörten sie.
Christian legte seine Hand um Ediths Schulter. »Willst du damit behaupten, dass Hajo mit seiner Tochter in dem Flieger war?«
»Ob Kirstin in der Maschine war, weiß ich nicht. – Anzunehmen. – Ich bin mit ihrem Vater für acht Uhr zum Abendessen verabredet. Das deutet darauf hin, dass er in diesem Flugzeug gesessen ist. Die Nächste käme erst sehr spät abends – soviel ich weiß.«
Edith stieg von einem Bein auf das andere, während ihr Christian über den Rücken strich. Ihr Blick wanderte zwischen ihrem Schwiegervater und dem Bildschirm hin und her. Ihr puppenhaftes Gesicht hatte den aschfahlen Teint einer Marionette angenommen. Sie umfasste die Taille ihres Mannes und schmiegte sich an ihn, als ob sie Schutz suchte. Schließlich starrte sie gebannt auf den Fernsehapparat.
Morrisons Smartphone brummte. Am Display blinkte ›HAJO VOSS‹.
»Hallo Hajo, Wo bist du? Wie geht es dir?«, legte er los, ohne den Anrufer zu begrüßen.
»Hi Craig. Im Plaza …«
»... hast du von dem Flugzeugunglück in Schwechat gehört? Ich sorgte mich, denn ich vermutete dich in dieser Maschine«, fiel er seinem Freund ins Wort.
»Ja, habe es eben aus der Nachrichtensendung erfahren. Ich bin heute Morgen von Frankfurt nach Wien geflogen und habe den heutigen Tag benutzt, um mit einem Geschäftspartner zu konferieren. Vor einer halben Stunde bin ich hier aufgeschlagen. – Aber ich habe ein Problem: Kirstin war in der Maschine, und ich habe bis jetzt nichts von ihr gehört. Sylvia bestätigte mir am Telefon, dass unsere Tochter zeitgerecht aufgebrochen ist.«
»Oh, Gott. Willst du damit sagen, du weißt nicht, ob sie verletzt ist? Warum rufst du nicht am Flughafen an und erkundigst dich.«
»Das habe ich schon zweimal versucht. Privatpersonen erhalten zurzeit keine Auskunft. Außerdem ist der Airport wegen Terrorverdacht abgeriegelt. Das Mobilnetz scheint zusammengebrochen zu sein. Man riet mir, mich in Geduld zu üben. Einige Passagiere sind verletzt und werden derzeit ärztlich betreut. Schwerverletzte bringt man in die umliegenden Krankenhäuser. Sollte meine Tochter in ein Hospital gebracht werden, dann wird man mich sicher in Kürze verständigen, meinten sie.«
»Das klingt nicht gut. Hajo, wollen wir uns in der Bar treffen?«
»Das ist eine hervorragende Idee. In zehn Minuten?«
»Okay.«
»Bis später.«
Nachdenklich nahm Craig sein Smartphone vom Ohr und steckte es ein.
Edith hatte sich hinter ihrem Ehemann verkrochen, die Hände vor seinem Parka verschränkt. Sie lugte seitlich an Christian vorüber und starrte ihren Schwiegervater mit ihren schwarz geschminkten Augen an, wie ein Gibbonäffchen, das seine nächste Beute fixierte.
»War das Hajo? Was klingt nicht gut?«, erkundigte sie sich, als hätte sie Angst vor der Antwort.
»Ja, das war Hajo. Gott sei Dank ist er schon früher angereist. Er war nicht in der Unglücksmaschine. Aber Kirstin ist an Bord gewesen. Sie hat sich noch nicht bei ihm gemeldet. Er weiß nicht, ob sie heil oder verletzt ist. Ich treffe ihn gleich an der Bar. – Lasst mich mit ihm alleine sprechen. – Sehe ich euch ...?«
»... Ich glaube nicht. Wir haben für heute Abend vier Karten für das English-Theater reservieren lassen. Eine ist für Kirstin. Kannst du uns bitte sofort verständigen, wenn du Neuigkeiten über Kirstin erfährst!?«
»Mach ich ...«
Mit einer unmissverständlichen Handbewegung dirigierte er seine Gäste aus dem Zimmer, schloss die Tür und schritt schnurstracks auf den Aufzug zu.
*
Ein Mann im schwarzen Anzug saß an einem der Tische. Er schaute kurz von seiner Zeitung auf, als ihm Craig im Vorübergehen auf die Schulter tippte.
Gemächlich strich sich der Hüne über seinen kahlen Schädel.
Gerard lehnte mit aufgekrempelten Hemdsärmeln hinter der Bar, die durchgestreckten Armen auf die Arbeitsfläche gestützt.
»Guten Abend, Mr. Morrison. Haben Sie den Tag mit ihrer Familie genießen können?«, begrüßte ihn der Barkeeper, der seine rechte Hand auf den Hals der Jack-Daniel’s Flasche legte, während sich Craig geschmeidig auf den Barhocker schwang.
»Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Mein Sohn und seine Frau wollten heute ohne mich durch Wien ziehen. Ich habe daher den Tag genützt und ein wenig in die Stadt investiert.«
Gerard nickte mit einem verständnisvollen Lächeln um seinen Mund.
»Haben Sie von dem Flugzeugunglück gehört?« Der Barkeeper zog an seiner Fliege und rückte sie zurecht.
»Ja, eine schlimme Sache.«
»Drink gefällig?«, Gerard drehte sich zur Seite und hob die Jack-Daniel's Flasche ein Stück in die Höhe.
»Warum nicht. – Kann ich gebrauchen. Es wird noch ein paar Minuten dauern, bis mein Freund hier ist.«
»Das am Airport ist eine schreckliche Geschichte. Einige Gäste, die wir für heute Abend erwartet haben, sind an Bord gewesen. – Sogar unser Shuttleservice musste den Flughafen verlassen. – Die Chauffeure warten derzeit in Schwechat auf neue Anweisungen.« Der Barkeeper ließ – wie er es immer tat – mit einem lauten Klimpern die Eiswürfel ins Glas fallen.
Craig zog seine Hornbrille von der Nase, legte sie auf die Theke und rieb sich die Nasenwurzel. Gerard goss den Whiskey ein, während er seinem Gast fragend in die Augen schaute. Erst als dieser seine Hand hob, setzte er die Flasche ab. Er hatte großzügig eingeschenkt.
Craig beugte sich über den Tresen und senkte seine Stimme: »Soll das heißen, das Hotel kennt die Passagierlisten und weiß bereits, wer verletzt ist?«
»Nein, wir sind nicht in den USA. – Offiziell wissen wir nicht mehr, wie jeder andere auch. Aber nachdem die Bundespolizeidirektion gleich nebenan residiert, hören wir ab und zu so manches, was nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Man braucht nur die Ohren zu spitzen, wenn sich zwei Polizisten an dieser Bar unterhalten. Und weil es nicht verboten ist, bzw. man nicht ›nicht zuhören‹ kann, gebe ich Gehörtes gerne an meine Kollegen an der Rezeption weiter. Sie verstehen ...?«
Morrison massierte sich die Schläfe, griff nach dem Glas und nahm einen tiefen Schluck. »… und ist Ihnen etwas zu Ohren gekommen?«
Gerard sah sich um, beugte sich zu seinem Gast und flüsterte: »Es gibt Tote. – War ein Funkspruch.«
»Kennt man ihre Namen?«
Der Barkeeper richtete sich auf, schüttelte verneinend den Kopf und wischte demonstrativ ein Trinkglas trocken.
»Gerard, könnten Sie mich auf ihren ›Verteiler‹ setzen?« Craig zog seine Geldscheinklammer aus der Tasche und zupfte eine Banknote hervor, die er neben das Whiskeyglas legte.
»Selbstverständlich.« Der Kellner lächelte und der Geldschein verschwand in der Westentasche.
Craig drehte sich zu dem Zeitungsleser um und prostete ihm zu. Der Kahlköpfige nickte, griff nach seinem Glas und erwiderte die Einladung. Die beiden genehmigten sich einen Schluck.
Ein Kerl in dunklem Zwirn, gut zwei Meter groß, hielt beim Betreten der Bar kurz inne und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Seine stattliche Statur erinnerte an einen Bodybuilder.
Er trat zur Seite, um Voss den Weg freizugeben. Das Muskelpaket mit der Sonnenbrille setzte sich zu dem Mann mit der Zeitung, seinen Boss im Blickfeld.
»Hi, Craig. Schön dich zu sehen«, begrüßte Hajo mit müder Stimme seinen Freund und umarmte ihn kraftlos.
»Hallo altes Haus. Ist das dein Babysitter?«, Morrison deutete mit dem Kopf auf den Mann, während er seine Brille aufsetzte.
»Ja, das ist er …«
»Nicht zu übersehen.«
»Ja, das ist beabsichtigt. Die Zeiten werden immer unsicherer ...«
Craig nickte zustimmend.
»Dieser dort ist meiner. – Darf ich dich auf einen Drink einladen?«
»Ich hätte gerne ein Gläschen Wein.«
Der aufmerksame Gerard hatte ihre Unterhaltung verfolgt und mischte sich ins Gespräch.
»Rot oder weiß? Ich kann Ihnen Grünen Veltliner oder den Zweigelt empfehlen.«
Der Niederländer drehte sich zum Barkeeper.
»Haben sie einen Riesling?«
»Selbstverständlich. Welschriesling vom Hillinger oder Lenz Moser.«
»Egal. Hauptsache trocken.«
Gerard nickte.
Hajo kletterte auf den Barhocker.
»Hast du noch immer nichts von deiner Tochter gehört?«, fragte Morrison.
»Kein Lebenszeichen …«
Hajo griff nach dem Weinglas.
»... und du bist dir sicher, dass sie an Bord war?«
»Meine Frau behauptet es felsenfest.«
»Könnte sie eine andere Maschine genommen haben?«
Hajo genehmigte sich einen großen Schluck. Sein Adamsapfel sprang mehrmals auf und nieder.
»Um diese Zeit fliegt ausschließlich die Austrian Airlines. Irrtum ausgeschlossen.«
»Kennst du zufällig ihre Zimmernummer?«
»Natürlich, ich habe ihr das Zimmer neben meiner Suite gebucht«, erwiderte er und zeigte auf die Schlüsselkarte.
Craig bedeutete dem Barkeeper, näher zu kommen.
»Gerard, wissen Sie, ob eure Fahrer schon Infos zu den Fahrgästen erhalten haben, die sie am Flughafen abholen sollen?«
»Was würde Sie im Speziellen interessieren?«
»Zum Beispiel zu diesem Namen hier« flüsterte Craig und zeigte auf die Magnetkarte, während er mit dem Fuß Hajos Bein anrempelte.
Als ob sein Freund Gedanken lesen könnte, zog dieser einen Zehn-Euro-Schein aus der Tasche und schob ihn unter das Weinglas.
»Voss«, las Gerard laut von dem kleinen Umschlag ab und strich den Geldschein ein. »Werde mich sofort erkundigen. Vielleicht kann ich etwas in Erfahrung bringen. Bin gleich zurück.«
Die Hoffnung zauberte ein angedeutetes Lächeln auf Hajos Gesicht.
Craig klopfte ihm auf den Oberschenkel und griff nach seinem Whiskeyglas.
»Cheers.«
»Cheers.«
Gerade als Hajo sein leeres Glas zurück auf die Theke stellte, eilte Gerard um die Ecke.
»Gute Nachrichten?«
»Weder – noch. Der Fahrer, – übrigens, ein lieber Freund von mir – unseres Shuttlebusses hat eine Frau Voss auf der Liste. Er wartet in Schwechat. Er hat mir versprochen, mich sofort anzurufen, wenn er seine Gäste aufgenommen hat ...«
Der Barkeeper deutete auf die leeren Gläser.
Sie nickten stumm.
»Lass den Kopf nicht hängen. Wird schon schief gehen«, sprach Craig seinem Freund Mut zu.
»Na hoffentlich nicht«, seufzte Voss und griff nach dem neuen Glas.
*
Eine bildhübsche Frau, Ende zwanzig, betrat die Bar. Sie hielt kurz inne; ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Die Bodyguards hefteten ihre Augenpaare auf sie. Ging von ihr eine Gefahr für ihre Bosse aus? Das professionelle Taxieren wurde rasch von dem hormonellen Aspekt überlagert.
Ihr waren die anerkennenden Blicke der Männer nicht entgangen. Sie lächelte und strahlte die Aura einer Kriegerin aus, die noch keinen Kampf verloren hatte. Die Botschaft war eindeutig: Im Geschlechterkampf würde sie obsiegen.
Zögerlich wandten die Bodyguards ihre begehrlichen Blicke ab.
Sie schritt zielgerichtet auf die Theke zu. Ihr pechschwarzes Haar hatte sie nach hinten gekämmt. Die bordeauxrote Husarenjacke mit den goldfarbenen Verzierungen und den hohen Stehkragen trug sie geschlossen. Der Minirock betonte ihre muskulösen Beine. Die Stiefeletten zierten kurze Kettchen und polierte Nieten, welche die punkige Note verstärkten. Jedenfalls sah sie sexy aus. Trotzdem strahlte sie mehr Männlichkeit aus als Morrisons androgyner Sohn.
Mit einem breiten Lächeln auf ihrem kantigen Gesicht trat sie von hinten auf Hajo und Craig heran und legte ihnen ihre Hände auf die Schultern.
»Hallo. Schön euch zu treffen.« Die tiefe, raue Stimme ließ die beiden zusammenzucken.
Hajo drehte sich mit weit aufgerissenen Augen um. »Hi – Du hier?!«
»Wie du siehst.«
»Wo ist Kirstin?«, erkundigte sich die Frau und schaute sich um. »Sie wollte längst hier sein.«
»Kann ich dir nicht sagen. Hast du nicht die Nachrichten gehört?«
»Nein, was ist passiert?«
»... komm, setze dich zu uns«, mischte sich Craig ins Gespräch und wechselte auf den benachbarten Barhocker.
Als sie sich auf die Sitzfläche schwang, rutschte der Minirock ein Stück nach oben und gab die Sicht auf die schwarzen, halterlosen Strümpfe mit venezianischer Spitze frei. Der Amerikaner benötigte einige Augenblicke, bis er seinen Blick lösen konnte.
Gerards Räuspern riss ihn aus den Gedanken.
Craig fühlte sich ertappt, während sich der Kellner schmunzelnd seinem neuen Gast zuwandte. »Was darf es sein?«
»Campari-Soda, bitte«, antwortete sie wie aus der Pistole geschossen.
Morrison hörte ein leises Klingeln, als sie auf die Flasche zeigte. Ein kleiner Eiffelturm, ein Halbmond und ein Riesenrad baumelten von ihrem Armband.
4
Die Passagiere drängten durch die mit beißendem Kerosingeruch durchsetzte Kabinenluft zu den Notrutschen. Die Flugbegleiterin half ihnen beim Sprung aus der Unglücksmaschine. Lucas schob die Baseballkappe zwischen die Zähne und presste seinen Rucksack mit dem Laptop an die Brust. Als er an der Reihe war, bedeutete ihm die Stewardesse, dass er mit dem Gepäckstück nicht auf die Rutsche springen dürfte. »Kein Gepäck!«, schrie sie ihm entgegen.
Lucas ignorierte ihre Anweisung. Er griff nach dem Backpack, drehte sich reflexartig zur Seite, schleuderte den Rucksack aus dem Flugzeug und sprang hinterher.
Vor dem Ende der Notrutsche hatte er ihn bereits eingeholt. Er schnappte sich den Ranzen, hüpfte auf den Rasen, schwang ihn auf die Schulter und sprintete vom Flieger weg. Die Hitze in seinem Nacken verlieh ihm zusätzliche Kräfte, trieb ihn voran. Die Luft flirrte vor seinen Augen und zeichnete kaleidoskopartige Muster in das hohe Gras.
Eine blau gleißende Positionsleuchte wies ihm den Weg zum nächsten Taxiway, auf dem unzählige Einsatzfahrzeuge zum Unfallort rasten. Kaum hatte er das Betonband erreicht, blieb er stehen, beugte sich vor und stützte die Arme auf seine Knie. Niemand war ihm gefolgt. Er keuchte und drehte den Kopf zum Flugzeug. Ein Löschwagen verließ die Piste, pflügte durch das Gras, an einer Menschengruppe vorüber, die viel früher als er ihre Flucht abgebrochen hatte.
Lucas hatte jedes Zeitgefühl verloren. Er schnappte nach Luft, als wäre er minutenlang unter Wasser getaucht. Hustete, um die Kerosindämpfe aus seiner Lunge zu schleudern. Langsam richtete er sich auf.
In diesem Augenblick schossen hinter dem Flugzeug haushohe Flammen gegen den Himmel und trieben einen schwarzen Rauchpilz vor sich her. Sekunden später eine Explosion. Die Druckwelle warf ihn unsanft zu Boden. Trümmer prasselten neben ihm nieder. Als ob sie ihn beschützen hätte können, zog er seine Jacke über den Kopf.
Nach einer Weile hob er zögerlich den Kragen ein wenig an und lugte zur Unglücksmaschine.
Tosend knickte das Fahrwerk ein. Dort, wo er vor einigen Sekunden Menschen gesehen hatte, herrschte mit einem Schlag gähnende Leere, als wären sie vom Erdboden verschluckt worden.
Noch immer regnete es Feuerzungen vom Himmel, die zischend am Grün landeten und es an zahlreichen Stellen in Brand setzten.
Lucas rappelte sich auf, rüttelte an seiner Jacke und überprüfte, ob ihn brennende Tropfen getroffen hatten. Instinktiv trat er einige Glutnester aus. Langsam konnte er wieder klare Gedanken fassen. Fahrig schob er seine Brille zurück zur Nasenwurzel, kniff die Augen zusammen und spähte nach der Personengruppe, die sich vorhin als Silhouette vor dem lodernden Flugzeug abgezeichnet hatte. Vereinzelt waren wieder Schatten zu erkennen. Waren es seine Kollegen, die sich dort über den Schnee schleppten? Wenn nicht, wo waren sie?
Das Pfeifen in seinem Ohr schmerzte und überlagerte die Martinshörner der Einsatzfahrzeuge, die aus allen Richtungen zum Unfallort jagten. Ein Retter rief nach ihm, aber Lucas hörte ihn nicht. Als sich eine Hand auf seine Schulter legte, fuhr er erschrocken herum.
»Laufen Sie zu dem Bus, der bringt Sie in Sicherheit«, schrie der Bursche in der leuchtend gelben Jacke. »Zum Bus, schnell!«
Lucas musterte ihn entgeistert. Die Lippen des Mannes bewegten sich, aber er hörte seine Stimme nicht. Aus den Gesten erriet er, was er von ihm verlangte. Perez schaute zum Kleinbus und drehte sich anschließend in Richtung des Flugzeuges. »Ich muss meinen Kollegen helfen«, befahl ihm eine innere Stimme, doch der eiserne Griff an seiner Schulter ließ ihm keine Wahl. Man schob ihn unmissverständlich zu einem VW-Bus, in dem sich bereits Passagiere wie Ölsardinen aneinanderdrückten.
Der Fahrer hielt sich nicht an die asphaltierten Pisten. Er fuhr den kürzesten Weg, nahm Abkürzungen und rumpelte über die Wiesen. Einige der Fahrgäste stöhnten vor Schmerz laut auf.
*
Am Gate erwarteten sie die Sanitäter in ihren roten Overalls und das Bodenpersonal der Airlines. Sie halfen ihnen aus dem überfüllten Fahrzeug.
»Sind Sie verletzt? Haben Sie Schmerzen?«, hörte Lucas ihre Fragen. Das Pfeifen in seinen Ohren hatte nachgelassen. Er schüttelte den Kopf. »Bitte – hier entlang – Richtung Ankunftshalle.«
Widerwillig folgte er den Anweisungen des Personals. Langsam trottete er durch das schier endlose Gebäude; das Flughafenpersonal eilte an ihm vorüber, die Funkgeräte im Anschlag. Erst jetzt bemerkte er den Schmerz auf seinem Handrücken, der von einem brennenden Kerosintropfen herrührte. Er blies auf die Wunde, während seine Augen die Umgebung nach seinen Kollegen absuchten.
In der Gepäckhalle herrschte chaotisches Treiben. Der Lärm verschluckte die Durchsagen aus den Lautsprechern. Die Helfer bedienten sich über große Distanzen der Zeichensprache. Menschen, die sich bisher nicht gekannt hatten, sprachen miteinander. Jeder vertrat seine Meinung, als beruhe sie auf verbrieftem Wissen. Die Umstehenden schnappten einzelne Wörter auf und gaben sie als Tatsache – in 'Stiller-Post'-Manier – weiter. Die Gerüchteküche brodelte.
Man schaffte die unterschiedlichsten Sitzgelegenheiten herbei und bot sie den Passagieren an, die auf den Gepäckbändern saßen.
Lucas entschied sich für einen freien Platz an der Wand unter der Leuchttafel ›Wien ist anders‹, von wo aus er den Zugang zur Halle im Blickfeld hatte. Vielleicht hat Peter bereits sein Mobile eingeschalten, schoss es ihm durch den Kopf und zog sein Telefon aus der Jackentasche. Er schaltete es ein, schaute auf das Display und stellte nach kurzer Zeit fest, dass es keinen Empfang gab. Verwundert steckte er es wieder ein.
Lucas hob seinen Arm und inspizierte die Verbrennung am Handrücken.
»Darf ich sehen?«, hörte er eine fürsorgliche Frauenstimme neben sich.
Er schaute auf und erblickte ein gewinnendes Schmunzeln, das die Lachfalten vor den Backenknochen zusätzlich verstärkten. Die schwarze Brille betonte die dunkel geschminkten Augen. Ihre blonden Haare verdeckten teilweise das Gesicht. Die rote, um eine Nummer zu große Jacke zierten zahlreiche Reflexionsstreifen sowie der Schriftzug ›Rettungsdienst‹. Darunter war der Name ›DENNER‹ auf einem Klettstreifen aufgedruckt. Sie rückte ihre Gläser zurecht, kniete sich neben Lucas nieder und zog seinen Arm zu sich. Als sie die Verletzung inspizierte, atmete sie tief ein, als ob sie den Schmerz selbst verspüren würde. »Das sieht übel aus. – Ich desinfiziere Ihre Wunde und lege einen Verband an.«
»Da ... Danke, ein Pflaster genügt«, meinte Lucas, als handle es sich um einen unbedeutenden Kratzer.
Die Sanitäterin lächelte, nickte mit dem Kopf und kramte ein Desinfektionsmittel aus ihrem Tornister. Sie tropfte die Tinktur auf die Brandwunde. Behutsam reinigte sie mit einem Wattebausch die Verletzung, während sie wiederholt zu ihrem Patienten aufblickte.
Lucas biss die Zähne zusammen, sog die Luft zischend ein und hielt den Atem an. Schließlich fixierte sie die keimfreie Wundauflage nicht mit einem Pflaster, wie er es gewünscht hatte, sondern umwickelte die Hand mit einer Mullbinde.
Lucas ließ sie widerspruchslos gewähren.
»Das war es schon. Ihr Hausarzt soll sich in den kommenden Tagen darum kümmern«, wies sie ihn an, klopfte ihm auf die Schulter und stapfte ihres Weges. Er rief ihr ein »Da ... Danke schön« hinterher, doch sie war bereits zu weit entfernt, um ihn zu hören.
*
Ein Passagier nach dem anderen schleppte sich in die Halle. Der Schock war ihnen in ihre rußverschmierten Gesichter geschrieben, hatte diese um Jahre altern lassen. Der Geräuschpegel schwoll stetig an. Bald würde man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen. Rolltragen ratterten an Lucas vorüber. Bei einigen hielten Helfer Infusionsbeutel in die Höhe.
Er streckte wiederholt seinen Oberkörper, um die Opfer besser zu sehen. Erleichtert sackte er zurück, wenn es sich nicht um einen seiner Kollegen handelte. Aber war das ein gutes Zeichen? Sein Knie wippte, als würde er ein Spinnrad antreiben. Er schloss die Augen, drehte seine Kappe mit dem Schirm nach vorne und lehnte seinen Kopf an die Wand.
Er fragte sich, ob es ein Unfall war. Oder ein Anschlag? Ein Anschlag auf wen? Auf die Fluglinie? Zu welchem Zweck? Rache? Erpressung? Je länger er darüber nachdachte, desto stärker wuchs in ihm der Drang, sich sofort Gewissheit zu verschaffen.
Er zog seinen Computer aus dem Rucksack. Drückte auf die Power-Taste. Erleichtert atmete er auf. Sein Rechner hatte den Sturz aus dem Flugzeug unbeschadet überstanden.
Lucas griff nach seinem Verband und tippte mit den Fingern seiner unverletzten Hand. Es öffneten sich drei Fenster für einen Datenbankabgleich. Im ersten loggte er sich in seinen Account bei der Europol in Den Haag ein. Im zweiten versuchte er, eine Verbindung mit seinem lokalen Benutzerkonto herzustellen. Vergeblich. Er kannte das neue Passwort nicht.
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Er presste die Lippen aufeinander, legte den Kopf schief und tippte als Benutzernamen ›Holzinger‹ ein. Beim Kennwort zögerte er. Ließ die Finger über den Tasten schweben und schrieb schließlich ›Gleitschirm‹.
Ein Fenster öffnete sich: »FALSCHES PASSWORT«.
Lucas kniff die Augenbrauen zusammen und strich seinem Bart entlang.
›Gleitschirm1991‹
Bingo!
Ins Suchfeld gab er ›Austria-Airlines Passagierliste‹ ein.
Ein weiteres Fenster poppte auf: ›Autorisierung:‹.
Der Cursor blinkte. Lucas verengte seine Augenlider zu zwei schmalen Sehschlitzen. Schließlich tippte er: ›Gefahr in Verzug.‹
Bingo! Er hatte Zutritt zur Datenbank.
Im Europolfenster suchte er nach ›Economy-Club Laxenburg‹.
Es dauerte eine Weile, bis die ersten Ergebnisse angezeigt wurden. Acht Übereinstimmungen. Ein Name stach ihm ins Auge: ›VOSS. – Ist das nicht ein Vorstandsmitglied?‹.
Damit war für ihn die Bruchlandung kein Zufall mehr. Er erinnerte sich an Peters Erzählung von dem deutschen Pharmaboss und dem Skipper, der im Sommer vor Korsika verschwand.
Lucas Gedanken spielten Pingpong. Er versuchte, sich in die Psyche eines Attentäters hineinzuversetzen. Was trieb einen Menschen dazu, den Tod von hunderten in Kauf zu nehmen, um einen zu töten? Zorn stieg in ihm hoch. Diesen Absturz nahm er persönlich. Ein Anschlag auf sein Leben.
Er loggte sich aus und klappte den Rechner zu. Sein rechtes Bein trieb wieder das imaginäre Spinnrad an. Er zog seinen Rucksack zu sich und verstaute seinen Computer.
*
»Lucas«, hörte er seinen Namen aus dem Stimmengewirr.
Er erblickte Peter Holzinger, der neben einer Trage einher humpelte, mit seiner rechten Hand eine Sauerstoff-Flasche auf das blutverschmierte Laken presste und sich darauf abstützte, um Schritt zu halten. Der Luftschlauch des Tanks führte zu einer durchsichtigen Maske, die mit einem Gummiband auf Sarahs Gesicht fixiert war. Auf Höhe der Mundpartie beschlug der Kunststoff mit winzigen Wassertröpfchen. Sie atmete. Erst jetzt erkannte Lucas die klaffende Wunde an ihrem Schädel. Das viele Blut hatte die Haare an ihre Wange geklebt. Die Kleidung wies zahlreiche Brandlöcher auf. Ein Schuh fehlte.
»Bahn frei, aus dem Weg! Vorsicht! Bitte treten sie zur Seite«, schrie der Arzt unentwegt und schob die Fahrtrage rücksichtslos durch die Menge. Lucas sprang von seinem Sessel auf, drehte seine Kappe nach hinten und sprintete vor das Gespann, um die Menschen aus dem Weg zu stoßen.
»Wohin?«, erkundigte er sich lautstark, als er sich in einem günstigen Augenblick zu Peter umdrehte.
»Richtung Health-Center. Schau auf die Schilder«, brüllte sein Chef. »Zum Parkhaus 3. Arkadengang, vis-a-vis der Apotheke.«
Sie wechselten die Ebene und bogen zur Krankenabteilung ab.
Ein Mann der Security am Eingang winkte den Arzt mit der Verletzten durch, verwehrte aber Peter und Lucas den Zutritt. Erbost zückte Perez seine Dienstmarke und hielt sie dem Türsteher unter die Nase. »Da ... Das ist unsere Kollegin!«, schrie er ihn an.
Der Hüne warf einen verächtlichen Blick auf die Plakette und ließ seine Muskeln spielen. »... selbst wenn Sie der liebe Gott wären. Kein Zutritt für Besucher.« Demonstrativ streckte er ihnen seine abgewinkelte Hand entgegen.
Peter griff nach Lucas' Schulter und zog ihn zurück.
»Lass es. Sarah ist in guten Händen. Im Moment können wir nichts für sie tun. Ich rufe ihre Familie an ...«
»Da ... Da wirst du Pech haben. Das Mobilnetz ist zusammengebrochen. Du hast keinen Empfang.«
Ungläubig betrachtete Peter das Display seines Smartphones. Richtig. Kein Netzwerk. Er lehnte sich an die Wand und massierte sein Bein.
»Wa ... Was ist euch da draußen passiert? Ich nahm an, dass ihr mir auf den Fersen seid, als ich vom Flugzeug weglief.«
»Ohne Stock war das schwierig. Ich bin hinter Sarah hergelaufen. Sie legte ein enormes Tempo vor. Als wir uns in Sicherheit wähnten, hielten wir kurz an. Und dann explodierte dieser Flieger. – Ich hatte Schwein. Eine Plane schoss durch die Luft und begrub mich unter sich. Sarah hatte weniger Glück. Hast du ja gesehen. Sie dürfte von einem schwereren Teil am Kopf getroffen worden sein. Als ich hervorkroch, lag sie bewusstlos da. Stellenweise brannte ihre Kleidung. Ich erstickte die Flammen mit meiner Jacke, überprüfte ihren Puls und rannte um Hilfe. Überall lagen regungslose Körper. Es hat jedenfalls einige Zeit gedauert. Schließlich brachte man sie mit vier weiteren Verletzten in einem Rettungswagen zum Gate. Ich musste laufen – rannte, was das Zeug hielt. Rest kennst du.«
»Sie ... Sie hat das Bewusstsein nicht wiedererlangt?«
»Nein, nicht solange ich bei ihr war. Und du? Was ist mit deiner Hand passiert?«
»Sie ... Sie wurde erleuchtet«, versuchte Lucas zu scherzen. »Eine himmlische Feuerzunge hat sich in meine Haut gebrannt.«
»Glaubst du, du kannst tippen?«
»Kei … Kein Problem, habe ich überprüft. Funktioniert.«
Peter runzelte die Stirn. »Sag, woher hast du deinen Rucksack?«
»De … Der hüpfte aus dem Flugzeug«, erwiderte er schmunzelnd und zwinkerte mit einem Auge. »Ich habe ihn am Ende der Notrutsche gefunden.«
Peter wischte mit der Hand durch die Luft. »Gibt es eine Vorschrift, die du befolgst?«
»Ei ... Einige.«
»Egal. Du hast also eine Internetverbindung; demnach können wir Mails verschicken?«
Lucas stimmte ihm nickend zu.
»... dann schreiben wir Sarahs Familie und meiner Freundin.«
Der IT-Spezialist ging zur Wand, setzte sich auf den Boden und loggte sich im Netzwerk des Flughafens ein. In diesem Moment wurde Mutes wieder aus dem Ärztezentrum geschoben; von dem Arzt, der sie hergebracht hatte.
»Wo bringen Sie sie hin?«, überfiel ihn Peter.
»Ins SMZ-Ost«, antwortete der Mediziner, ohne anzuhalten.
»Ah, in die Klinik Donaustadt. Wie geht es ihr?«, erkundigte sich Holzinger und bemühte sich, Schritt zu halten.
»Gut, sie war kurz bei Bewusstsein. Wir haben sie sediert. – Der Krankenwagen wartet.«
»Danke für die Info«, rief ihm Peter nach. Mit emporgestrecktem Daumen humpelte er zu Lucas zurück.
Perez nickte erleichtert. »Wa … Was soll ich schreiben?«
Holzinger diktierte ihm den Text.
Nachdem die gewünschten Mails versandt waren, rappelte er sich auf und schaute seinem Chef fragend in die Augen: »Wa … Was hältst du von der Geschichte? Unfall oder Anschlag?«
»Tendiere zu Unfall«, erwiderte der Oberstleutnant.
»Kö … Könnte es mit dem Kongress in Laxenburg zusammenhängen?«
»Kann ich mir nicht vorstellen ...« Er ließ eine Pause entstehen. »... oder weißt du mehr?«
»Wa … Was wäre, wenn Tagungsteilnehmer an Bord waren?«, wich Lucas geschickt der Frage aus. »Du hast doch von rätselhaften Todesfällen rund um den Economy-Club erzählt.«
»Ja. Lass uns das morgen als erstes checken. Ich hole die Freigabe ein und dann sehen wir uns die Passagierliste des heutigen Fluges an. Falls sich Übereinstimmungen ergeben, spuken mir ad hoc eine Menge Fragen durch den Kopf.«
»Wi ... Wir sollten zurück in die Ankunftshalle. Vielleicht erfahren wir etwas Neues.«
»Gute Idee, wenn wir schon hier sind. – Darf ich mich aufstützen, mein Stock ...«
»Se … Selbstverständlich.«
*
Wie zwei verwundete Krieger, die sich vom Schlachtfeld schleppen, humpelten sie den Gang entlang. Von Weitem sahen sie die LED-Scheinwerfer der Fernsehstationen. Ein wenig abseits unterhielten sich vier Männer. Einer in feinsten Zwirn gehüllt, Anzug mit Krawatte, der andere trug eine schlammgraue Uniform, auf dessen Rücken mit großen Buchstaben ›WILDLIFE-CONTROL‹ aufgedruckt war. Ihre Funkgeräte blinkten und rauschten unentwegt.
Sie sprachen mit zwei Polizisten.
»Schau, da sind alte Bekannte von mir«, flüsterte Peter und nahm seine Hand von Lucas' Schulter. »Das ist aber ein Zufall ...«. Er stupste die beiden Uniformierten von hinten an.
Rudolf Ophaus und Thomas Hene fuhren gleichzeitig herum.
»Oh, der Herr Oberstleutnant Dr. Holzinger. Was treibt euch auf den Flughafen?«, begrüßte ihn der eine.
»Ich ... Wir waren in der Unglücksmaschine. Darf ich euch vorstellen, das ist unser IT-Spezialist, Sprachentalent und Profiler Hauptmann Perez.«
Sie schüttelten sich die Hände.
»Das sind Flughafensprecher Karl Stein und der Leiter der Wildlife-Control, Dr. Elias Grünwald. Er ist für die ›tierische‹ Sicherheit am Flugfeld verantwortlich«, sagte Hene.
Peter nickte grüßend und wandte er sich den Polizisten zu. »Und was treibt euch beide hierher? Scheint dienstlich zu sein ...«
»Ja, unsere Expertise ist gefragt. Die Experten glauben nicht an ein technisches Versagen«, antwortete Thomas.
Peters Neugier war geweckt. Er legte seine Stirn in Falten. »Sondern?«
»Entweder war es ein Unfall, der von einem Vogelschlag ausgelöst wurde, oder aber ...«
Hene ließ eine theatralische Pause entstehen.
Mit einer rollenden Handbewegung forderte ihn Peter auf, weiterzusprechen.
»Oder es war ein Anschlag.«
»Wi … Wie? Ein Anschlag?«, mischte sich Lucas ins Gespräch.
»Ein Attentat mithilfe einer Drohne. Herr Stein hat uns erzählt, dass die Austro-Control eine Anomalie bei der Landung des Jets auf dem Radarschirm hatte. Deshalb sind wir hier. Wie du weißt, leiten wir – Rudolf und ich – die Drohnenabteilung der Exekutive.«
»Jetzt verstehe ich. Und diese Anomalie sagt nichts über Vögel oder Drohne aus?«
»Ist schwer zu unterscheiden«, antwortete der Flughafensprecher. »Die Experten untersuchen bereits die Aufzeichnungen. Dr. Grünwald hat uns versichert, dass das Flugfeld um 18:00 Uhr frei von Vogelschwärmen war. Der letzte Schwarm wurde um fünf gesichtet. – Sie sagten, sie waren in der Unglücksmaschine?«
»Ja. Wir saßen in der Reihe, wo sich der Notausstieg befindet. Hinter dem Flügel, – wegen meines Beines.«
»Haben Sie etwas Ungewöhnliches beobachtet? Ist Ihnen etwas aufgefallen?«
»Natürlich«, antwortete Holzinger, der sich plötzlich in die Rolle eines Verdächtigen gedrängt sah, den man verhörte. »Es gab, kurz vor dem Aufsetzen, einen Knall und dann schlugen Flammen aus dem Triebwerk, links unter uns.«
In diesem Moment wurde nach Stein gerufen. Peter schaute in die Richtung, aus dem der Ruf kam. Zwei grüne Augen, umrahmt von einem blonden Ponyhaarschnitt, fixierten ihn. Er wandte seinen Blick nicht ab. Sah sie länger an, als er es sonst getan hätte. »Claudia?«
Die Reporterin sprach ein tonloses ›Peter‹ zurück und nickte ihm zu.
Lucas verfolgte das Schauspiel und boxte seinem Chef in die Rippen, der noch immer auf die Frau mit dem Mikrofon starrte. »Ha ... Habe ich soeben etwas versäumt?«
Rudolf huschte ein Lächeln über die Lippen.
»Frau Bigler, wir kommen sofort«, rief Stein zur Reporterin und wandte sich an die Gruppe: »Sie sehen, unser Typ wird verlangt. KURIER-TV lechzt nach einer Erklärung, die wir nicht geben können. Solche Interviews liebe ich. Und es wird heute nicht das Einzige sein«, seufzte er und hob grüßend die Hand.
Grünwald nickte und wackelte dem Sprecher, wie ein treuer Dackel seinem Herrn, hinterher.
»I ... Ich hab dich etwas gefragt, Herr Oberstleutnant: Was habe ich versäumt?«, spöttelte Lucas erneut, während Peter noch immer zur Reporterin schaute.
»Ich glaube, er wird soeben von seiner Vergangenheit eingeholt«, flüsterte Rudolf ihm zu, ohne dass das Grinsen aus seinem Gesicht verschwand. »Die Frau dort, die hätte ihm beinahe seinen Job gekostet.«
»So ... So schlimm?«, raunte Perez zurück.
Rudolf setzte eine ernste Miene auf, nickte und wandte sich an Holzinger, der seinen Blick noch immer nicht von der Interviewerin abwenden konnte. »Anscheinend gefällt sie dir nach wie vor ...«
Peter schüttelte den Kopf und warf ihm einen grimmigen Blick zu. »Jein!«, stieß er zornig hervor.
»Wa ... Was nun? Ja oder Nein?«, ließ Perez nicht locker.
»Sie ist meine Ex. Ich habe meine Hausaufgaben gemacht. Und jetzt Ruhe im Karton ...«
»Warum seid ihr in Amsterdam gewesen?«, wechselte Rudolf das Thema.
»Wir waren in Den Haag. Antrittsbesuch bei der Europol. Unser erster Einsatz gilt einem Kongress in Laxenburg, Ende der Woche.«
»Economy-Club? Dann sehen wir uns vielleicht. Gut möglich, dass Thomas und ich für die ›Luftüberwachung‹ verantwortlich sind«, meinte Rudolf augenzwinkernd.
»Gut möglich? Wovon hängt das ab?«
»Ob die ›Europol‹ uns anfordert oder nicht.« Der Drohnenpilot grinste wie ein kleiner Bub, dem ein schelmischer Streich gelungen war.
»Botschaft angekommen. Ihr beide hört von mir. Versprochen.« Peter verzog seine Mundwinkel zu den Ohren.
Ophaus Funkgerät brummte. Er stöpselte sich den winzigen Hörer ins Ohr und führte das Mikrophon zum Mund.
»Ja bitte? … Verstanden ... Sind unterwegs.« Er schaute zu Hene und deutete mit der Hand nach oben. »Komm, die Austro-Control erwartet uns auf dem Tower.«
Er wandte sich Holzinger zu.
»Nichts für ungut! … Und vergiss uns nicht. Wir unterstützen dich gerne.«
»Passt schon. Wir lassen uns etwas einfallen, damit ihr an die frische Luft kommt«, grinste Peter.
Die beiden winkten ihnen zu und bahnten sich ihren Weg durch die Menge.
5
Die untergehende Sonne überzog die Landschaft mit einem warmen Rotton. Die fernen Bergketten schillerten in den unterschiedlichsten Blautönen, je weiter entfernt, desto dunkler. Schemenhaft erkannten sie den finsteren Wald, der die Kuppe des Hügels krönte. Das kniehohe Gras, von der Hitze ausgedörrt, bedeckte – wie ein Weizenfeld kurz vor der Ernte – den harten Boden. Der Wind pfiff um die zahlreichen, mannshohen Findlinge, spielte eine synthetische Melodie und warf die Halme von einer Seite zur anderen. Kleine Windteufel wirbelten den Sand auf und zogen Staubfahnen hinter sich her. Die beiden ignorierten das Naturschauspiel, stiegen von einem Felsen zum nächsten bergan. Wiederholt legten sie eine Pause ein, musterten die Umgebung und ließen ihre Blicke in die Ferne schweifen, als befürchteten sie, verfolgt zu werden.
Die Baumgruppe auf der Anhöhe bot den beiden Schutz. Sie suchten hinter den Stämmen Deckung, spähten an den Akazien vorbei und nahmen den flachen Talkessel in Augenschein, der sich vor ihnen ausbreitete. Sie erblickten einen fensterlosen Steinbau mit Flachdach, mehr Turm als Haus, den ein Holzwall umgab. Gefechtsplattformen fehlten. Für eine Festung war er an der falschen Stelle errichtet worden, denn jeder der umliegenden Hügel hätte einen besseren Rundumblick geboten. Weit ins Land hinein. Feinde wären nicht in der Lage gewesen, sich unbemerkt zu nähern. Oder steckte Absicht dahinter?
Diese Frage stellte sich den beiden hinter den Baumstämmen nicht. Im Gänsemarsch setzten sie sich in Bewegung, direkt auf das Haus zu. Ein Gebüsch, das sich an den Wall schmiegte, verbarg das Schlupfloch. Sie krochen hindurch und stiegen die vier Stufen zur Veranda hinauf. Die schmiedeeiserne Tür, die von einem Wellblechdach beschattet wurde, stand einen Spalt weit offen. An einigen Stellen hatte sich Rost durch die äußere Blechschicht gefressen, ohne das Tor zu schwächen.
Mit einem prüfenden Blick zurück zum Hügel vergewisserten sie sich, dass ihnen niemand gefolgt war. Sie traten in einen engen Raum und ließen die schwere Tür ins Schloss fallen. Der pfeifende Wind verstummte. Totenstille.
Gegenüber der Eingangspforte erhob sich eine blankpolierte Stahlwand, die ihr Spiegelbild zurückwarf. Den schmalen Durchschlupf in der Ecke sicherte ein schweres Eisengitter, verhangen mit dicken, filzigen Laken. Es war ein Leichtes, den Verschlag zur Seite zu schieben. Sie zwängten sich hindurch und zerrten das Gitter zurück an seinen Platz. Die Kammer war kaum größer als ein Badezimmer in einem spottbilligen Motel. Unmöbliert wie die Erste. Doch diesmal hörten sie aus dem nächsten Raum leises Tapsen. Sie folgten dem Geräusch und traten durch die hölzerne, halb geöffnete Pforte.
Die Schritte verstummten.
Ein großer Saal lag vor ihnen. Durch die Oberlichten flutete rötliches Licht, das die Wände und den Boden wie mit flüssigem Kupfer überzog. Den Mosaikboden zierte ein monströser silberner Kreis, in dem ein goldenes Dreieck eingelassen war. Entlang des Ringes standen fünf grobgezimmerte Sessel mit hohen Lehnen, die von Baststreifen zusammengehalten wurden.
Der Krieger lehnte an der Wand und trommelte mit seinen Fingern auf die Militärhose, die ein Camouflagemuster zierte. Die dazugehörige Jacke hing über dem Stuhl, der ihm am nächsten stand. Als die beiden eintraten, schob er seinen beigen Wüstenhelm in den Nacken.
»Volto – Jester! Endlich. Warum seid ihr so spät?«
»Seit wann sprechen wir? Keine Bilder an der Wand?«, erwiderte Jester.
»Eine Vorsichtsmaßnahme. Letztens haben wir vergessen, eine Tafel ab- und mitzunehmen«, wandte Bauta ein.
»Was stand darauf?«
»Das heutige Datum.«
»Aus solcher Info kann niemand etwas ableiten.«
»Doch, wenn er kombinieren kann.«
»Bauta, die Bilder sind mir lieber als das gesprochene Wort.«
»Ich habe die Umgebung abgesucht. Wir sind die Einzigen in der Gegend. Mach, wie du glaubst. Wir schreiben und sprechen.«
Volto trat an die Wand und befestigte eine Tafel: ›Heute gab es Tote, aber der Häuptling entkam.‹
»Sei's drum. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Wenn ihr wollt, korrigiere ich den Fehler. Ich erledige den Anführer. Zeitnah!«
›Achtung: Man könnte unsere Fährte finden‹, schrieb Jester mahnend auf sein Bild.
»Aber wenn sich so viele Feinde an einem Platz versammeln, dann dürfen wir uns die Chance nicht entgehen lassen«, flüsterte Bauta.
Während er sprach, platzierte Volto ein weiteres Bild auf der Mauer: ›Wir sollten unsere Strategie überdenken.‹
»Was meinst du damit?«, fragte Bauta.
›Hast du die nachträgliche Drohung abgesetzt? Das war nicht vereinbart‹.
Die Bilder von vorhin verschwanden.
»Ja. Improvisation. Ein Booster. Wir haben trotz des Fehlschlags unser Ziel erreicht. Sie wissen nun, dass wir es ernst meinen.«
›Ich glaube, sie haben noch gar nicht die Zusammenhänge erkannt‹, stand auf Jesters Tafel.
»... ihr habt behauptet, dass sie vernetzt sind. Sie hätten längst begreifen müssen, dass mit uns nicht gut Kirschen essen ist«, zischte Bauta und ging zu dem Sessel, an dem seine Hellebarde lehnte. »Nach dem heutigen Chaos werden sie es verstehen. Ich bin mir sicher.«
›Das grenzt an Kaffeesudleserei. Ich bezweifle das‹, stand auf Voltos Grafik.
»Glaubst du? Wenn nicht, könnten wir ihnen auf die Sprünge helfen.«
›Bist du übergeschnappt? Willst du sie auf unsere Spur führen?‹
Alle Tafeln verschwanden von der Mauer.
Bevor Volto das nächste Bild aufhängen konnte, zischte Jester: »Seid still, ich habe ein Geräusch gehört.«
›Das gefällt mir nicht‹, poppte eine neue Tafel von Volto an der Wand auf.
›Ich traue der Sache auch nicht‹, hängte Jester daneben.
Die Bilder verschwanden. Nur leises Rauschen war zu hören. Keine Schritte. Kein Quietschen eines Tores. Keine Stimmen.
Angespannt warteten sie und lauschten in die Stille.
Nachdem sie sich vergewissert hatten, dass sie nicht abgehört wurden, verzichtete Volto auf das Schreiben: »Einerseits läuft zu viel schief. Andererseits stellt sich auch kein Erfolg ein.« Sie seufzte.
»Richtig.«
»Außerdem: Ich traue diesem Loch hier nicht mehr«, meldete sich Jester zu Wort.
»Wie kannst du mein Haus als Loch bezeichnen. Ich habe es eigenhändig erbaut«, empörte sich Bauta. »Lassen wir das. – Hast du einen besseren Vorschlag?«
›Nein. Später vielleicht‹, stand auf dem Bild.
›Wir müssen den Häuptling töten. Heute oder morgen.‹
›Wir können nicht. Es würde uns verraten.‹
›Das übernehme ich. Ich weiß auch schon wie. Ich schleiche mich unbemerkt in ihr Lager.‹
»Selbstmord oder Gift? Vergiften würde mir gefallen«, kicherte Volto.
›Lasst euch überraschen. Der Kurier wird euch die Botschaft überbringen‹, hängte Bauta daneben.
6
Holzinger massierte sich sein Knie und schaute auf die Uhr. »Es ist spät geworden. Ich glaube, für heute haben wir genug erlebt. Ich habe Hunger. Darf ich dich zum Grenadier einladen?«
»Grenadier?«
»Ist eine nette Spaghetteria in der Innenstadt.«
»Nehme ich gerne an.«
»Her mit deiner Schulter, wir haben einen weiten Weg zu meinem Auto. Kannst du mit der Hand fahren?« Peter zeigte mit dem Kinn auf Lucas' Verband.
»We … Wenn ich tippen kann, sollte ich auch lenken können. Jedenfalls besser, als du mit deinem Bein bremsen kannst«, lachte er.
»Gut. Du fährst.« Peter hielt ihm seine Wagenschlüssel vor die Nase.
Es hatte aufgehört zu grieseln. Als sie mit dem Wagen vom Freigelände-Parkplatz fuhren, ertönten aus der Ferne Sirenen.
Mit 120 km/h rollten sie auf der A4 hinter einem Rettungsfahrzeug her, Wien entgegen.
»Hier gilt eine 80 km/h Beschränkung.«
»Pro … Pro Person? – Hast hast du kein Blaulicht im Auto?«, scherzte Lucas, ohne den Gasfuß zu heben.
»Nein, das ist mein Privatauto.« Peter verdrehte die Augen und überlegte, ob es eine gute Idee gewesen war, seinem Kollegen das Steuer zu überlassen. »Denk daran: Die Schüttelstraße ist mit Radarkästen gespickt. Bei der Urania links, über den Ring vor zur Oper.« Nach einer kurzen Pause sprach er weiter: »Eine Frage: Wo hast du deine Zelte aufgeschlagen? Hast du schon eine Bleibe gefunden?«
»Gu … Gute Frage. Ich wollte mir ein Zimmer im Neustifter Landhaus buchen. Nur für ein paar Tage. In der Hektik heute Morgen, habe ich es total verdrängt. Vorhin am Flughafen hatte ich keinen Empfang. Gut dass du mich daran erinnerst.« Lucas griff nach dem Mobile in der Mittelablage, doch Peter legte seine Hand auf seinen Arm.
»... Sabine hat heute Bereitschaftsdienst. Du kannst bei mir auf der Couch übernachten.«
»Sa … Sabine?«
»Ja, Sabine, meine Freundin.«
Perez nickte. »Ne … Nehme dankend an. Ich störe sicher nicht?«
»Nein. Ich gebe ihr gleich Bescheid«, versicherte ihm sein Chef und tippte auf ihren Namen. »Der Teilnehmer ist derzeit nicht erreichbar. Bitte versuchen Sie es später wieder.«
Seufzend nahm er sein Smartphone vom Ohr. Beim ersten Radarkasten bremste Lucas scharf ab. Peter schüttelte den Kopf. »Sie dürfte einen Einsatz haben und hat ihr Handy ausgeschalten. Ich probiere es später nochmals.«
»Ein ... Einsatz?«
»Ja, sie ist medizintechnische Assistentin und Diplomkrankenschwester. Einmal im Monat leistet sie Bereitschaftsdienst beim Roten Kreuz. Freiwillig.«
»Ke … Kenne mich aus. – Und was hat es mit der Reporterin auf sich?«, überrumpelte er seinen Kollegen.
»Nichts weiter. Ich habe sie vor zwei Jahren bei Ermittlungen am Bergsee kennengelernt. Claudia hat für den KURIER geschrieben. Wir haben uns verliebt. Aber – ihre beste Freundin war die Tochter der Toten, was ich ursprünglich nicht wusste. Und dann stellte sich heraus, dass die beiden auf eigene Faust recherchiert hatten. Die Beziehung zu ihr ließ sich in der Dienststelle nicht verheimlichen und wenn ich nicht Tomacic, meinen damaligen Boss gehabt hätte, würde ich heute nicht neben dir sitzen.« Peter fuhr sich mit den Fingern durch sein langes Haar, als wollte er die Erinnerungen beiseite wischen.
»Naja, je ... jetzt wird mir so manches klar«, antwortete Lucas.
In der Kurve vor dem Hotel Imperial wimmerten die Reifen.
»Hey, langsamer, hier rechts. Fahr in die Operngarage«, befahl Peter.
»Ja ... Jawohl Chef«, erwiderte Lucas, trat hart auf die Bremse und bog in die Kärntner Straße ein. Ein Fußgänger sprang erschrocken zurück auf den Gehsteig.
Vorsichtig zirkelte Perez den Wagen über die Rampe in die dritte Etage hinunter. Ein grünes Lämpchen an der Decke zeigte ihm den nächsten freien Parkplatz an.
»I ... Ist der Grenadier weit von hier?«, wollte er wissen, während sie aus dem Wagen kletterten.
»Nein«, beruhigte ihn sein Freund. »Hast wohl Angst, dass du mich den ganzen Weg schleppen musst? – Ich sehe es dir an. – Es sind nur drei Häuserblocks. Ich werde dir auch nicht um den Hals hängen.«
Peter öffnete die Heckklappe und griff nach einem kleinen Täschchen.
»Schau her, was ich hier habe.«
Er zog ein Plastikteil aus der Hülle, drückte auf einen Knopf, und es entfaltete sich ein dreiteiliger Gehstock. Er schob die Aluteile ineinander und stützte sich ab.
»Be … Benutzt du das als Waffe?«, hänselte Lucas.
»Hat dir schon jemand gesagt, dass du zeitweise sehr naiv daherredest? Das Ding hat mir bereits bei so mancher Observation hervorragende Dienste geleistet.«
»Ve ... Verstehe ich nicht.«
Peter klappte den Griff auseinander, der eine Sitzfläche zum Vorschein brachte. Breit grinsend nahm er in der Mitte der Fahrbahn Platz und streckte die Arme zur Seite. »Verstehst du jetzt, was ich damit meine?«
»Je ... Jetzt verstehe ich«, gab Lucas kleinlaut zurück. »Aber schau, da kommt ein Auto.«
Die Fernlichter des Wagens blitzten zweimal auf.
»Soll ich ihn observieren?«, spaßte Peter und rappelte sich auf. Seinem Bein gefiel der Scherz weniger.
Der Fahrer fuhr kopfschüttelnd an ihnen vorüber.
*
Während sie durch die Fußgängerzone schlenderten, setzte Schneefall ein. Vor dem Eingang zum Restaurant klopften sie ihre Kleidung ab, was mehr einer Alibihandlung gleichkam, als dass es den Schmutz aus dem Stoff entfernte.
Trotz der fortgeschrittenen Stunde war das Lokal gut besucht.
Die Tische standen dicht an dicht. Wie bei Italienern üblich, hing ein Fernsehapparat an der Wand. Milan, der Kellner – bis auf sein weißes Hemd – in schwarz gekleidet, hatte seinen rechten Daumen lässig in der Gilettasche eingehakt. Das dunkle, gegelte Haar streng nach hinten gekämmt. Es glänzte mit seinen polierten Schuhen um die Wette. Vom Unterarm baumelte ein weißes Geschirrtuch.
Als ihm die beiden Polizisten im schmalen Gang entgegenkamen, wich er zwischen zwei Sitzreihen aus. Im Vorbeigehen verbeugte er sich wie ein Torero vor seinen Fans.
Lucas entdeckte den letzten freien Tisch für sechs Personen. Er schaute zu Milan und streckte zwei Finger in die Höhe. »Wi ... Wir sind zu zweit.«
»Nessun problema«, erwiderte der Kellner und richtete sich seine schwarze Fliege.
»Da ... Danke.«
Sie hängten ihre Jacken über die Nachbarstühle und setzten sich gegenüber. Sie hatten freien Blick auf das TV-Gerät an der Wand. Das wackelige Bild zeigte eine Teleaufnahme eines Flugzeuges. Am unteren Rand einen roten Balken. In dem Laufband stand: ›TOTE BEI FLUGZEUGCRASH IN WIEN-SCHWECHAT – TERRORWARNUNG – FLUGHAFEN EVAKUIERT.‹
»Ü ... Übertreibung oder gab es tatsächlich eine Terrorwarnung? Würde erklären, warum wir eine Sirene gehört haben.«
Das Bild wechselte zu einer Aufzeichnung eines Interviews mit dem Leiter der Wildlife-Control. Der Name Dr. Elias Grünwald wurde eingeblendet.
»... Vogelschlag können wir ausschließen.«, ertönte es aus dem Lautsprecher.
»Sch … Schau Peter, du bist im Fernsehen«, rief Lucas aus und wies auf den Fernsehapparat.
Im Hintergrund, neben Grünwalds Kopf entdeckte sich Holzinger, wie er Claudia anstarrte.
Das Bild wechselte zur Liveschaltung und zeigte die Reporterin in Großaufnahme.
»Dei … Deine Ex?!«, sprudelte es amüsiert aus Lucas hervor.
»Ja«, gab sich Peter mit hochrotem Kopf einsilbig. »Alles Vergangenheit. Hier, schau dir lieber die Speisekarte an.«
»I ... Ich nehme eine Quattro Stagione«, entschied sich Perez, ohne einen Blick in die Karte zu werfen.
»Ich genehmige mir einen Thunfischsalat.«
»Verzeihung«, unterbrach sie der Kellner. »Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich eine junge Dame zu Ihnen an den Tisch setze?«
Peter schaute zu ihm auf. »Kein Problem. Wir sind nur zu zweit.«
Milan richtete sich auf und winkte. Eine Frau, Anfang dreißig, schritt durch die Tischreihen. Ihre knabenhaft frauliche Figur zog die Blicke auf sich. An manchen Tischen verstummten die Gespräche. Hälse wurden an ihren maximalen Anschlag gedreht. Ihr schulterlanges, brünettes Haar wiegte sich im Rhythmus ihrer Schritte. Der dunkelgraue Businessanzug betonte ihre Figur. Der Duft eines dezenten, teuren Parfums begleitete sie.
»Darf ich?«, bat sie mit ihrer leisen, aber nachdrücklichen Stimme, die nur eine Antwort zuließ.
*
Lucas schaute der Frau in ihre braunen, mandelförmigen Augen. Seine Pupillen weiteten sich.
»Selbstverständlich«, antwortete er, ohne zu stottern, während sein Chef ungläubig fragte: »Anna?«
Die Frau wandte sich Peter zu. Musterte ihn. Keiner sprach ein Wort. Selbst das Gemurmel der Gäste schien verstummt zu sein, als herrschte Ruhe vor dem Sturm.
»Peter?!« Erstaunt schüttelte sie den Kopf. »Was für eine Überraschung. Ewigkeiten nicht gesehen.« Ihre Augen leuchteten und ein breites Lächeln umspielte ihren Mund. Sie nahm Platz.
»Anna?«, raunte Lucas seinem Chef fragend zu, als wollte er einen langen Satz in einem Wort zusammenfassen.
»Jetzt hat mich meine Vergangenheit endgültig eingeholt«, seufzte er leise und wandte sich Anna zu. »Wie geht es dir?«
»Danke der Nachfrage. Hervorragend«, gab sie knapp zurück.
Lucas zog seine Kappe vom Kopf und legte sie auf den Nachbarsessel. Mit allen zehn Fingern fuhr er sich durch sein Haar, rückte seine Nickelbrille zurecht und taxierte die junge Frau aus den Augenwinkeln.
Peters Blick wanderte ständig zwischen Anna und dem TV-Gerät hin und her. Neugierig drehte sie sich um. Just in dem Moment, als Claudia Bigler groß im Bild war.
»Schau Peter, die Claudi. Sie ist die Chefredakteurin von KURIER-TV.«
»Ich weiß.« Er kratzte sich an der Schläfe. »Ich habe sie am Flughafen gesehen. Wir waren in der Unglücksmaschine.«
»Oh Gott«, entfuhr es Anna und deutete mit dem Kinn auf Lucas' verletzte Hand. »Schlimm? Schmerzen?«
»Nein. Nur eine kleine Schramme«, flunkerte der IT-Spezialist, als sich ihre Blicke trafen.
»Das sieht aber nicht nach einem ›nur einer kleinen Schramme‹ aus.«
»Verbrennung«, mischte sich Peter ein.
Annas Neugier war geweckt worden.
Abwechselnd erzählten sie ihr, was sie am frühen Abend erlebt hatten. Langsam ging ihre Unterhaltung in einen Small-Talk über. Anna und Peter ließen die Vergangenheit wieder aufleben. Holzinger versicherte ihr, dass er nicht nachtragend sei, dass alles Schnee von gestern sei. Doch er konnte es sich nicht verkneifen, zu erwähnen, dass ihm ihre und Claudias Rolle beinahe den Job gekostet hätte.
Schließlich war es Anna, die Perez wieder ins Gespräch zog. Schnell fanden sie ihr gemeinsames Thema: die digitale Welt. Im Laufe der Unterhaltung meinte Lucas, dass er sich nach einer Auszeit von der Materie sehnte, einem ›Digital-Detox‹, und sei es nur für eine Woche.
Als dieser Ausdruck gefallen war, stützte sich Peter gegen seine Lehne und zog sich aus der leidenschaftlichen Diskussion zurück. Einzig, als sie ihre Pizza und die Thunfischsalate verzehrten, geriet das Gespräch ein wenig ins Stocken.
Holzinger fiel auf, dass Lucas, wenn er sich mit Anna unterhielt, nicht mehr stotterte und viel langsamer als üblich sprach.
Auch sie schien an ihrem Gegenüber Gefallen zu finden.
Als sich die Themen ausschließlich um Datenbanken, Firewalls, Blockchains, Transferraten, Server und Kryptografie drehten, schrieb Peter seine Adresse auf einen Zettel und schob ihn seinem Kollegen zu.
»Uns steht ein anstrengender Tag bevor. Ich werde euch beiden Hübschen verlassen. Lucas, ich lege dir den Wohnungsschlüssel auf den linken Vorderreifen. Hier ist die Adresse. Die Couch findest du im Wohnzimmer. Das Bad, erste Tür rechts.«
Perez angelte sich den Zettel, warf einen kurzen Blick darauf. Er ignorierte den Wink seines Chefs, dass es an der Zeit war, aufzubrechen.
»Du bist eingeladen.« Lucas legte seine Hand auf Peters Bon, als plagte ihn ein schlechtes Gewissen.
Holzinger erhob sich, blieb an der Stirnseite des Tisches stehen und zeigte auf den Adresszettel. »Du kennst dich aus?«
»Danke, ich nehme mir ein Taxi.«
»Anna, ich hoffe, man sieht sich in Zukunft öfter.«
Sie drückte ihm ein Küsschen auf die Wange. »Hoffentlich«, flüsterte sie.
Peter stützte sich auf seinen Flipstick und humpelte aus dem Lokal.
Anna sah ihm nach.
»Oh, hat er sich am Bein verletzt?«
»Ja, aber nicht heute. – Darf ich dich noch auf einen Drink einladen?«
Sie schenkte Lucas ein verzauberndes Lächeln. »Gerne.«
In ihrem Gespräch schmissen sie die Bits und Bytes auf den Tisch und pickten sie langsam auf. Ein Nichtfachmann hätte nur ›Bahnhof‹ verstanden.
Es war an Milan, sie aus ihrer Welt zu reißen.
»Scusi, ora di chiusura. Sperrstunde.«
Lucas beglich die Rechnung und sie verließen das Lokal.
»Habe ich das richtig mitbekommen, du übersiedelst gerade nach Wien? Du wohnst bei Peter?«, wollte Anna wissen.
»Wohnen?! Nein, nur für die heutige Nacht. Ich werde mir ein Zimmer nehmen und in den nächsten Tagen eine Wohnung suchen. Von Tomacic habe ich ein Angebot.«
»Oberst Tomacic?«, fiel sie ihm ins Wort.
»Ja, von Richard. Kennst du ihn? …« Sie nickte. » … Problem ist, er wohnt in Purkersdorf, außerhalb von Wien und mit dem Glasfaserkabel hapert's auch. Schauen wir mal.«
»Darf ich dir einen Vorschlag machen? – Meine Junggesellenwohnung, zwei Zimmer, Computerzimmer mit High-Speed-Kabelanschluss inklusive, und Nebenräume, steht leer. Möbliert. Ich würde sie dir für einen fairen Preis anbieten. Hier in der Nähe, auf der Seilerstätte. Nachteil: kein Parkplatz.«
»Super. Nehme ich. Ich besitze kein Auto.«
»Willst du sie dir nicht vorher ansehen?«
»Ich vertraue dir. Wo wohnst du jetzt?« Lucas schob seine Nickelbrille nach oben.
»In Hietzing, in der Wohnung meiner verstorbenen Mutter. Wegen des Parkplatzes«, antwortete Anna schmunzelnd.
»Also abgemacht?«
»Abgemacht.«
Sie besiegelten ihren Deal mit einem Handschlag, während erneut Schneeflocken vom Himmel tanzten.
»Gib mir dein Mobile.«
Anna streckte ihm ihren Arm entgegen.
Verwundert reichte ihr Lucas sein Smartphone.
Sie tippte mehrmals auf das Display und kurz darauf läutete ihres in der Handtasche. »Jetzt haben wir unsere Nummern. Ich schicke dir die Adresse per SMS.«
»Super. Dann leite ich sie direkt an die Spedition weiter.«
»Wo wohnt Peter? Kann ich dich mitnehmen?«
Lucas kramte den Zettel hervor.
»In Grinzing, Grinzinger Allee«, las er laut vor.
Sie schaute auf die Uhr.
»Anna, es ist viel zu spät. Ist nicht deine Richtung. Ich nehme ein Taxi. Wir sehen uns morgen.«
Sie verabschiedeten sich wie zwei langjährige Freunde.
»War ein netter Abend. Freue mich auf das Wiedersehen«, rief sie ihm nach.
7
Hajo und Craig betraten das Émile Restaurant und schauten sich um. Im Spiegel, der an einer der dunkelbraunen Säulen hing, entdeckten sie ihren Freund. Als sie auf ihn zugingen, erhob er sich, um sie mit einem strahlenden Lächeln zu begrüßen. Frederico Costa war für einen Italiener hochgewachsen, trug einen dunkelgrauen Schurwollanzug mit roter Krawatte. Seine goldene Uhr blitzte unter dem Hemdsärmel hervor. Die typische Arbeitskluft eines erfolgreichen Finanziers. Noch selten hatte ihn jemand in Freizeitkleidung gesehen.
Zu dritt bildeten sie den Vorstand des Economy-Clubs und waren für die Ausrichtung des Kongresses verantwortlich.
Sie setzten sich an den schwarz getäfelten Tisch. Der Kellner reichte ihnen die Speisekarte und informierte sie über die Speisen, die nicht auf der Karte zu finden waren.
»Wie laufen die Geschäfte?«, wollte Craig wissen.
»Danke der Nachfrage.« Frederico grinste breit. »Du weißt doch, wir sind vor drei Jahren in die Abfallbeseitigung eingestiegen. Eine Cashcow. Hätte ich mir nie träumen lassen. Und der Rest wie immer: höchst profitabel.«
Er genoss das anerkennende Nicken seiner Freunde.
»Was gibt es bei dir Neues?«, erkundigte sich Costa bei Hajo, weil ihm dessen Niedergeschlagenheit aufgefallen war.
»Hajos Tochter war in der Maschine, die heute eine Bruchlandung hingelegt hat«, antwortete ihm Craig anstelle seines Freundes.
»Oh. Ich habe davon gehört. – Ist sie verletzt?«
»Wissen wir nicht. – Niemand weiß etwas.«
»Was sagt die Airline? Die müssten doch …«
»... Fehlanzeige. Am Flughafen herrscht Chaos, seitdem noch eine Terrordrohung eingegangen ist.«
Costa rümpfte die Nase und musterte Hajo mit seinen tiefbraunen Augen.
»Abwarten und Tee trinken«, seufzte der Niederländer, griff nach dem Weinglas und prostete den beiden zu.
Während des Hauptganges stocherte Voss mit leerem Blick in seinem Teller herum, sein Smartphone im Blickfeld. Es vergingen keine zwei Minuten, ohne dass er überprüfte, ob eine Nachricht eingegangen war. Er atmete tief aus, wenn er es zur Seite schob. Im Anschluss warf er meist einen Blick auf die Uhr. Die Zeit verging im Schneckentempo. An diesem Abend schickte er sein Lieblingsgericht – Wiener Tafelspitz – nach der Hälfte zurück in die Küche. Er hatte keinen Appetit.
»Für welche Uhrzeit ist das Meeting morgen beim Personenschutz angesetzt?«, wollte er wissen.
»10:00 Uhr«, antwortete ihm Craig knapp.
»Wo?«
»Bundespolizeidirektion. Gleich nebenan, im Nachbarhaus«
Hajo starrte gedankenverloren auf sein Smartphone, das er zuweilen mit den Fingern von einer Seite zur anderen schob. Die Stimmung hatte ihren Tiefpunkt erreicht. Von Unterhaltung keine Spur.
»Vielleicht können dir die Leute an der Rezeption helfen«, meinte Craig schließlich und schlug mit beiden Händen auf den Tisch. »Kommt, ich habe Lust auf eine Zigarre. Wir begleiten Hajo zum Empfang und wir zwei stellen uns so lange vor den Eingang.«
Voss und Costa stimmten zu.
*
Gemächlich trotten sie über den Carraramarmor der Lobby zur Rezeption. Craig sah, wie sich Gerard lebhaft mit einer Rezeptionistin unterhielt. Als sich ihre Blicke trafen, hob der Kellner kurz den Arm und streckte den Zeigefinger in die Höhe, um im nächsten Augenblick mit der flachen Hand ›warten‹ zu signalisieren.
Morrison nickte ihm zu und schob seinen Freund zum Empfangspult.
»Wie kann ich helfen?«, fragte die Concierge lächelnd.
Als sie Craig erkannte, hob sie ihre Augenbrauen.
»Mr. Morrison, ich habe etwas für sie.« Sie drehte sich um, zog eine Fernbedienung aus einem Fach und reichte ihm den Autoschlüssel. »Ist wieder ›pico bello‹. Wir haben auch den Innenraum gesäubert, inklusive den großen Plastikkoffer.«
»Danke.« Craig griff nach dem Schlüssel und legte eine Zwanzig-Euro-Note auf den Tresen. »Für den Putztrupp ...«, fügte er mit einem breiten Lächeln hinzu. »... Und Herr Voss würde gerne die umliegenden Krankenhäuser anrufen, denn seine Tochter hat sich noch nicht bei ihm gemeldet.«
»War sie in dem Flugzeug?« Die Rezeptionistin verzog ihr Gesicht zu einer leidenden Miene und winkte Voss zu sich.
Craig klopfte seinem Freund ermunternd auf die Schulter. »Du findest uns vor dem Eingang.«
Hajo hob seine Hand.
Der Nordwind schob zusätzliche Kälte in die Stadt und das Grieseln war von Schneefall abgelöst worden. Die Laternen warfen ihr Licht auf die weiße Pracht und ließ die Ringstraße heller als sonst erscheinen. Der Pulverschnee dämmte die Geräusche des Verkehrs und im Sog der Fahrzeuge züngelten langen Eiskristallschleiern hinterher.
Zwischen den Eingangssäulen suchten sie sich einen windgeschützten Platz. Craig zog ein Lederetui aus der Brusttasche und bot Frederico eine Zigarre an.
»Was denkst du? War Kirstin in der Maschine?«
»Sieht so aus, ansonsten hätte sie sich längst gemeldet.«
Craig schnitt seine Corona an, reichte ihm die Guillotine und wärmte seine Zigarre mit dem Feuerzeug an.
»Ich möchte nicht den Teufel an die Wand malen.« Craig schüttelt seinen Kopf. »Aber dieses Jahr hat es in sich: Erst kommt Gerhard bei einem Verkehrsunfall ums Leben, dann verschwindet unser schwuler René Delon. Jetzt setzt sich die Serie vielleicht mit Kirstin fort. – Hat es da jemand auf uns abgesehen?«
»Zufall. Reiner Zufall. Klug hatte einen Autounfall. Laut Unfallbericht war es ein Reifenschaden. Renés Tod ist nicht restlos geklärt. Alles nur Vermutungen. Man sagt, er sei von Bord gefallen und konnte seine Jacht nicht mehr schwimmend einholen. Es sind weder Kampf- noch Blutspuren gefunden worden. Und wenn Kirstin tatsächlich in dem Flugzeug war, dann ...«, er zögerte. »Unfall. Kismet. Zufall.«
»Meiner Meinung nach, ein wenig viel Zufall. Und deine fatalistische Sichtweise der Dinge widerstrebt mir ebenso.«
Frederico sog an seiner Zigarre.
»Hajo und ich haben in der Bar Frederica getroffen. Warum hat sie nicht mit uns zu Abend gegessen?«
»Frederica wollte ins Theater – wenn ich sie richtig verstanden habe«, antwortete er und wiegte seinen Kopf hin und her.
»Ach ja, jetzt fällt es mir wieder ein. Edith hat es erwähnt.«
»Edith ist hier?«, fragte Frederico überrascht. »Mit deinem Sohn? Wie geht es den beiden Frischvermählten?«
»Ja, sie sind auf Hochzeitsreise.« Craig verdrehte die Augen und strich sich über seinen grauen Dreitagesbart.
»Probleme?«
»Sie nervt. Und mein Sohn ...« Er holte tief Luft. »... Christian, wie soll ich es sagen. Ein Schwächling. An dem ist ein Mädchen verloren gegangen. Kein Mumm. Du kennst ihn.«
Die Zigarre glühte grell auf.
»Kinder eben.« Frederico seufzte. »Deiner ist zu wenig Mann. Meine Frederica zu wenig Frau.«
»Aber dafür ungemein hübsch, und sehr intelligent, im Gegensatz zu ...«
»... sie ist achtundzwanzig und lässt kein männliches Wesen an sich ran.«
»Vielleicht wartet sie auf den Märchenprinzen, der auch dir gefällt?«, versuchte Craig zu scherzen.
»Hoffentlich nicht zu lange«, erwiderte Costa und ließ die Schultern hängen. Er steckte seine Zigarre zwischen die Zähne, als wollte er davon abbeißen.
Sie drängten sich in die Nische, die ihnen nur ungenügend Schutz vor den eisigen Windböen bot.
»Craig, Rico?«, hörten sie Hajo vom Eingang rufen.
Morrison trat in den Wind. »Hier sind wir.«
»Neuigkeiten?«
»Leider nein«, erwiderte Hajo. »Wir haben die größeren Spitäler kontaktiert: Das AKH, die Donauklinik, das Lorenz-Böhler-Unfallkrankenhaus, das Meidlinger UKH und einige weitere, deren Namen ich mir nicht gemerkt habe. Erfolglos. Entweder hieß es, dass man noch nicht über die Listen der Neuaufnahmen verfüge, oder man redete sich auf den Datenschutz heraus.«
»Möchtest du eine Zigarre?«, bot ihm Craig zum Trost an.
»Nein danke, ist mir zu kalt hier draußen.« Hajo zeigte auf seine dünnen Lederschuhe.
»Hast du keine Stiefel dabei?«, versuchte Morrison das Thema zu wechseln, um die Stimmung zu heben.
Unvermutet stand Gerard vor ihnen, über seinem weißen Hemd nur mit dem schwarzen Gilet bekleidet.
»Herr Voss, ich habe soeben erfahren, dass unser Shuttleservice die Hotelgäste abholen kann.«
Hajo fuhr herum wuchs um gut drei Zentimeter, während seine Augen hoffnungsvoll aufleuchteten.
»Ist meine Tochter dabei?«
Der Barkeeper trat von einem Bein auf das andere, die Schultern nach vorgezogen.
»Nein. Wie mir der Chauffeur mitteilte, kann er sieben Gäste abholen. Mehr oder minder unverletzt. Frau Voss ist leider nicht dabei. Soviel wir wissen, ist sie auch nicht unter den Verletzten.«
»Ist das eine gute oder eine schlechte Nachricht?«, rätselte der Niederländer.
»Lass mich das Pferd nochmals in den Parcours reiten«, begann Craig, auf der Suche nach einer Erklärung. »Bist du dir sicher, dass Kirstin an Bord war? Ich kann mir gut vorstellen, dass sie den Flieger versäumt hat, oder sie hat es sich im letzten Augenblick anders überlegt.«
»Ich weiß nicht, was ich glauben soll.« Voss atmete tief durch. »Gerard, danke für Ihre Info.«
»Hajo – etwas mehr Zuversicht. Erst wenn sie Tiere paarweise nach Cape Canaveral treiben, würde ich mir ernsthafte Gedanken machen«, versuchte Frederico Optimismus zu verbreiten, ließ seine Zigarre fallen und trat die Glut aus.
Craig schnipste seine Corona in das Rinnsal und zeigte zum Eingang.
»In die Bar mit uns, bevor wir hier zu Eiszapfen erstarren.«
An der Tür hielt der Barkeeper Morrison zurück.
»Es gibt drei Tote«, raunte er ihm zu und verschwand mit ernster Miene.
*
Frederica, Edith und Christian saßen um einen Tisch in der Bar und winkten ihnen zu.
»Hallo ihr Hübschen. Wie war der Abend?«, begrüßte sie Frederico mit seiner nachdrücklichen Stimme. »Dürfen wir uns zu euch setzen?«
Christians Lächeln wirkte wie aufgemalt, als wollte er ›wenn es sein muss‹ sagen.
»Bitte«, gab er zurück und zog bedächtig einen Sessel vom Nachbartisch heran. Hajo und Craig folgten seinem Beispiel.
Gerard servierte die Longdrinks und tauschte leere Knabbergebäckschalen gegen volle aus. Die Italienerin bedankte sich, griff in die Schale und zerbiss geräuschvoll ein Stück Rohscheibe.
»... überlege es dir. Unser Angebot steht. Du bist jederzeit willkommen«, hörte Morrison im Niedersetzen seine Schwiegertochter zu Frederica sagen, während sie ihren Arm tätschelte.
Craig wollte sich nach dem Vorschlag erkundigen, doch der Barkeeper kam ihm mit seiner Frage zuvor.
»Das Übliche? Whiskey, Wein und Campari-Soda?«
Hajo streckte beide Daumen in die Höhe.
Gerard schenkte die Drinks ein, als das Haustelefon an der Theke läutete. Während des Telefonats schaute er abwechselnd zur Rezeption und zu seinen Gästen. Gemächlich stellte er die Gläser auf das Tablett.
Craig merkte die besorgten Blicke des Bartenders. Er drehte sich zu ihm. Ein mulmiges Gefühl beschlich ihn.
Mit schweren Schritten kam Gerard zum Tisch und verteilte die Getränke. Zuletzt beugte er sich zu Morrisons Ohr und flüsterte: »Kirstin Voss ist eine der Toten.«
Eine Garrotte umspannte Craigs Hals. Langsam schloss sie sich enger und hinderte ihn am Reden.
»Was hat er gesagt?«, wollte Frederico wissen.
Sein Freund sah ihm in die Augen, blähte seine Wangen auf, und schüttelte leise den Kopf. Costa rümpfte die Nase und öffnete einen Spalt weit seinen Mund. Er schwieg, denn er erriet bereits die Antwort. Keiner von den beiden wollte der Überbringer der Hiobsbotschaft sein.
»Weiß man schon, wo Kirstin abgeblieben ist?«, platzte es aus Edith hervor, die ständig über ihr Smartphone wischte, ohne ihren Blick zu heben.
»Nein ...«, antwortete Voss knapp. »...wir warten noch auf eine Nachricht von ihr«, fügte er flüsternd hinzu. Er zog sein Mobile aus der Tasche und legte es griffbereit auf den Tisch. Besorgt musterte Frederica sein Gesicht, als könnte sie die Antworten auf ihre Fragen daraus ablesen.
Edith streckte ihr Smartphone in die Höhe, zog Christian zu sich und schoss ein Selfie; für wen auch immer.
Craig bedachte seine Schwiegertochter mit einem abfälligen Blick, der an ihr abperlte, wie Wasser auf einem wasserdichten Stoff.
Frederico legte seinem Freund tröstend die Hand auf den Arm.
Es tat gut, seine eigene Meinung bestätigt zu bekommen. Morrison griff sich an den Hals, massierte ihn und zerbrach sich den Kopf, wie er Hajo die Nachricht übermitteln sollte. Coram publico oder unter vier Augen? Immer wieder schaute er hilfesuchend zu Frederico, den die gleichen Gedanken plagten. Wenn sich ihre Blicke trafen, zuckte sein Freund mit den Schultern und rieb sich über das Kinn.
Unbehagliche Stille herrschte am Tisch, als würde man sich im Auge eines Hurrikans befinden,
»Laut unseren Statuten müssen wir einen zusätzlichen Vorstand nominieren«, versuchte Frederico ein Gespräch zu initiieren.
»Um dem Quotenwahnsinn Genüge zu tun, schlage ich Claire oder Mathilde vor.« Craig atmete tief ein und war für den Themenwechsel dankbar, der ihm Zeit verschaffte.
»Ich bin für Claire. Vergiss Mathilde«, entschied der Italiener mit ruhiger Stimme, die jede weitere Diskussion im Keim erstickte.
Richtige Entscheidung; Craig nickte.
Hajos Smartphone brummte. Er zog es zu sich, nahm es aber nicht in die Hand. Er schaute lange auf das Display, das ihm ›Unbekannte Nummer‹ signalisierte. Er zögerte auf die pulsierende Antwort-Schaltfläche zu tippen, als hätte er Angst, dass es in demselben Augenblick explodieren würde. Nach dem vierten Brummen raffte er all seinen Mut zusammen und drückte zitternd auf den Bildschirm.
»Hajo Voss ... Ja, sie sprechen mit ihrem Vater ...« Je länger das Gespräch andauerte, desto mehr wich sein Nicken einem Kopfschütteln.
Er saß steif auf seinem Sessel, als hätte ihn der Fluch einer Hexe getroffen, der ihn zur Salzsäule erstarren ließ. Sein Kopf füllte sich mit bleiernem Nebel. In seinen Ohren dröhnten schwere Schläge, als würde auf einem Amboss glühend heißer Stahl geschmiedet. Jeder Hammerschlag ein stechender Schmerz, dem er nicht entkommen konnte.
»... Ja ... Ja ... Wo? … Sie schicken mir die Adresse auf mein Handy ... Wann?«, stammelte er ins Mikrofon.
Grußlos legte er das Mobile nieder. Hilfesuchend wanderte sein Blick von einem Freund zum Nächsten.
Keiner wagte, eine Frage zu stellen.
»Kirstin ist tot!«
Hajos Worte schlugen wie eine Bombe ein.
Nur Edith entfuhr ein gleichgültiges »Oh.« Mehr nicht. Sie hob nicht ihren Kopf, fixierte weiter ihr Smartphone und wischte in einem fort darüber. Empathie und soziales Verhalten zählten nicht zu ihren Stärken.
Der Tisch versank in dunkler Niedergeschlagenheit.
»Jetzt werde ich nicht mehr erfahren, was sie mir erzählen wollte«, schluchzte Voss und erinnerte sich an sein letztes Telefonat mit seiner Tochter. Er erhob sich schwerfällig und torkelte zur Theke.
Gerard erschrak, als er in das gramvolle Gesicht seines Gastes schaute. Es war binnen Minuten um Jahre gealtert.
In Fredericas Augenwinkel sammelten sich Tränen. Sie presste beide Hände auf ihren Mund. Schließlich schlang sie ihre Arme um den Brustkorb. Weinkrämpfe schüttelten ihren Körper.
Von ihrem Armband ertönte eine windspielartige Melodie, als würden kleine Glöckchen aneinandergestoßen, gespielt von dem Eiffelturm, dem Wiener Riesenrad und dem Halbmond.
8
Kurz vor sieben Uhr steckte sie behutsam den Schlüssel in die Schließzylinder. Sachte schob sie die Tür auf und hielt inne. Irgendetwas war anders. Sie schaute sich mit zusammengezogenen Augenbrauen um, während die Tür ins Schloss fiel. Vor dem Eingang zum Bad lag ein geöffneter Rucksack. Den hatte sie noch nie gesehen. Sie ließ ihren Blick weiter wandern, hinüber zur Garderobe und entdeckte eine schwarze Lederjacke. Sie schüttelte ihren Kopf.
»Peter?!«, rief sie fragend.
Die Schlafzimmertür öffnete sich und ein schlaftrunkener Holzinger reckte seinen Hals durch den Türspalt. Sie zeigte auf den Ranzen.
»Bine, wir haben Besuch. Hast du meine SMS nicht gesehen?«
»Nein, wenn ich gewusst hätte, dass wir einen Gast haben, hätte ich mehr beim Bäcker eingekauft«, antwortete sie betrübt und schwenkte ein Papiersäckchen.
Lucas hörte Stimmen, griff sich an die verletzte Hand, die vernehmlich pulsierte und kletterte unter dem Laken hervor. Er stellte sich, einzig mit Boxershorts bekleidet in den Türrahmen. »Gu ... Guten Morgen.«
»Oh, guten Morgen«, antwortete Sabine lächelnd und musterte den Verband. »Was macht die Brandblase? Ist ihr Hausarzt zufrieden?«
»Äh, wo ... woher wissen Sie, dass ich eine Brandverletzung habe?«, erkundigte er sich erstaunt und schaute prüfend auf seinen Verband.
Peter war mit einem Schlag hellwach und folgte mit weit aufgerissenen Augen der Konversation. »Das würde ich auch gerne wissen«, mischte er sich mit einem skeptischen Unterton ein.
»Wir beide kennen uns«, gab seine Freundin keck zurück.
»Wi ... Wir kennen uns? Woher?«, erkundigte sich Lucas, dem man ansah, dass er in Windeseile seine Erinnerungen durchwühlte.
»Kennen ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Ich wollte damit sagen, dass ich Ihre Hand kenne ...«
Lucas runzelte seine Stirn.
»... Sie waren doch gestern am Abend am Flughafen. Sie wurden bei dem Crash verletzt und saßen an der Wand, in der Nähe des Eingangs.« Sabine genoss lächelnd seine Verunsicherung.
Der Groschen fiel. Lucas tippte sich an den Kopf. »Sie ... Sie haben meine Brandwunde versorgt. Sie waren die Ärztin – Frau Dr. Denner, wenn ich mich recht entsinne.«
»Stimmt, aber lassen Sie den ›Doktor‹ weg. Vielleicht später einmal. – Kommt ihr beiden, ich mache uns ein Frühstück.« Sie schlüpfte aus ihren Sportschuhen und verschwand in der Küche.
»Wi ... Wie klein doch die Welt ist.« Lucas schüttelte seinen Kopf.
»Komm, lass uns stadtfein machen, und anschließend müssen wir ein paar Dinge bereden. Ich habe vor lauter wirren Gedanken die halbe Nacht kein Auge zugetan.«
»O … Okay Chef. Gib mir eine Minute«, erwiderte Lucas und verschwand im Wohnzimmer. Peter vernahm die typische Melodie des Betriebssystems, wenn ein Computer herunterfuhr. Er drehte sich um und schlurfte zurück ins Schlafzimmer. Noch bevor er sein Hemd zugeknöpft hatte, gurgelte bereits Lucas im Badezimmer.
»Sunny-side-up!«, rief Peter aus dem Zimmer, als sich der Geruch von gebratenem Schinken und Spiegeleiern in seine Nase drängte. Das Prasseln aus der Pfanne überdeckte die Antwort seiner Freundin.
Am Frühstückstisch war der Flugzeugcrash Gesprächsthema Nummer eins. Vor allem der Umstand, dass sich Sabine und Peter nicht über den Weg gelaufen waren, weckte seinen kriminalistischen Instinkt. Die Unterhaltung nahm die Züge eines Kreuzverhöres an.
»Peter, es reicht!«, riss Sabine der Geduldsfaden. »Was ich erzählen wollte: Zwei der drei Leichen waren total verkohlt. Ein grausiger Anblick. Es muss an die siebzig Schwerverletzte gegeben haben. Erst um vier Uhr Früh waren alle medizinisch versorgt«, berichtete Sabine, als alle um den winzigen Küchentisch saßen.
Der Herd wurde als Beistelltischchen zweckentfremdet. Zucker, Salz und Pfeffer standen griffbereit auf der Anrichte.
»Könnten Sie mir bitte die Kaffeekanne herüber reichen?«, bat Sabine und schaute Holzinger fordernd in die Augen.
»Entschuldigung, ich habe euch gar nicht vorgestellt: Das ist Sabine, meine Freundin und er ist mein Partner, Lucas Perez – frisch wie eine Tulpe aus den Niederlanden importiert«, überspielte Peter sein Versäumnis mit einem Scherz.
»Ich bin die Sabine, Sabi oder auch Bine. Kannst du dir aussuchen. – Für einen Holländer sprichst du akzentfreies Deutsch.«
»O … Oh Gott Sabi, ich bin Österreicher. Sogar ein waschechter Wiener.«
»Lucas Perez?«
»Mei ... Mein Vater ist Katalane.«
Sabine nickte schmunzelnd. »Ich kenn mich aus. Sprichst du auch Spanisch?«
»Spa ... Spanisch und Katalan, väterlicherseits. Russisch, großväterlicherseits. Deutsch und Italienisch, mütterlicherseits. Englisch habe ich in der Schule gelernt. Und Portugiesisch können viele Spanier.«
»Ganz schön vielseitig. Väterlicherseits, mütterlicherseits und so weiter. Und alle Sprachen fließend?«
»Nei … Nein, mit dem Wiener Slang stehe ich noch immer auf Kriegsfuß«, lachte Lucas und rollte den Schinken über seine Gabel. »Peter, du wolltest mit mir reden?«
»Ich habe die halbe Nacht nachgedacht und mich gefragt, wie wir mit hundertprozentiger Sicherheit behaupten könnten, dass es gestern ein Unfall war. …« Holzinger massierte sich den Nasenrücken. »... oder ob es ein Anschlag war. – Dr. Grünwald von der Wildlife-Control meinte, dass es kein Vogelschlag war. Die Flugsicherung hat die beiden Drohnenpiloten ins Boot geholt. Glaubst du, es wäre denkbar, dass der Flieger mit einer Drohne zum Absturz gebracht wurde? Ist das technisch überhaupt möglich?«
Lucas atmete tief ein und sagte langsam: »Also, ich habe einige Szenarien durchgespielt. Ich bezweifle, dass man einen Anschlag verübt, bei dem über zweihundert Menschen sterben könnten, wenn man nur einen töten will. – Aber vorstellbar ist, dass der Angriff, der Fluglinie galt. – Oder der Luftfahrtbranche. – Oder dem Flughafen. In diesem Fall sehe ich keinen Zusammenhang mit unserem Auftrag. Deshalb lasse uns die Passagierliste durchsehen. Du hattest gestern etwas von Erpresserbriefen gesagt. Vielleicht hat einer – oder sogar mehrere – einen Drohbrief erhalten. Dann müssen wir uns in die örtlichen Ermittlungen einmischen und jeden Einzelnen überprüfen.«
»Wie willst du das bis morgen anstellen?« Peter zerstach mit der Gabel die dünne Haut seines Dotters. »Die Maschine war voll besetzt. Über zweihundert Fluggäste. Wird schwierig werden, sie alle persönlich zu interviewen. Einige könnten ihre Reise sogar fortgesetzt haben und sind nicht mehr in Österreich. Die Staatsanwaltschaft müsste schnell reagieren und uns auf die Passagierlisten der AUA zugreifen lassen.« Er massierte seine Nasenwurzel.
»Fü … Für die Telefonate borgen wir uns ein paar Exekutivbeamte aus ...« Lucas lächelte und war sich der Tragweite seiner Aussage bewusst. » … Wir beginnen mit dem Organisationskomitee. Ich könnte mir vorstellen, dass wir etwas finden. Wenn nicht, umso besser. Du hast das Meeting für 10:00 Uhr angesetzt?«
Peter nickte und presste die Lippen aufeinander. »Warum bist du dir sicher?«
»Ge … Gegenfrage: Warum sollen wir den Kongress begleiten, sichern?«
»Weil sehr viel Wirtschaftsprominenz auf einem Fleck zusammentrifft. Die Teilnehmerliste liest sich wie die eines G7-Treffens. Das mit den Erpresserbriefen ist nur eine Zusatzinfo. Doch der Gedanke daran lässt mich nicht los.«
»Pe … Peter, wenn du bis morgen Gewissheit brauchst, kann ich meinen Computer ein wenig in der Weltgeschichte herumsurfen lassen. Er könnte sich Daten von den Unternehmen holen und sie einer ›Rasterfahndung‹ unterziehen.«
»Lucas!«, fuhr ihn Peter an und warf die Gabel auf den Teller. Er würgte den Bissen hinunter. »Habe ich dich soeben richtig verstanden? Du möchtest die Netzwerke der Teilnehmer hacken?« Er ließ eine Pause entstehen. »Nein und nochmals Nein. Geht das nicht in deinen Kopf hinein? Wir müssen nicht die Erpressungsgeschichten aufklären. Das ist die Aufgabe der Polizei in den jeweiligen Ländern. Wir begleiten den Wirtschaftsgipfel – sicherheitstechnisch. Mit offenen Ohren. Ich wiederhole mich: Kein Hacken! Wir halten uns an die Vorschriften!«, fuhr er ihn ärgerlich an.
»I … Ich wollte nur Zeit sparen. Zeit, die der Amtsschimmel vergeudet. Zeit, die uns fehlt, wenn sich der Verdacht erhärtet. Wenn ich etwas über Amtswege gelernt habe, dann, dass ihre Entfernungsangaben immer unter- oder übertrieben sind. Aber ich habe dich trotzdem verstanden: kein Hacken.«
»Siehst du, ich wusste doch, dass wir uns verstehen.«
Mit einem Stück Brot wischte Peter die letzten Krümel vom Teller.
»I ... Ich würde es aber nicht hacken nennen«, gab sich Lucas nicht geschlagen. »Informationsbeschaffung träfe es eher. Sag, gelten für unsere Ermittlungen die Vorgaben der EU oder die österreichischen?«
»Beides«, presste er nach kurzem Zögern hervor, doch er war sich nicht sicher.
Lucas räumte das Geschirr in die Spüle.
»Lass das, ihr müsst ins Büro«, protestierte Sabine lautstark.
»Wi ... Wie es wohl Sarah geht?«
»Ich habe gestern Abend mit ihrem Mann telefoniert und ihm alles erzählt. Er war geschockt und ist sofort zu ihr ins Spital aufgebrochen. Wir rufen ihn vom Auto aus an. Komm, es wird Zeit.«
»Gu ... Gute Idee, lass uns unser Tagwerk beginnen.«
*
Als sie vor das Haus traten, schneite es noch immer. Eine solche Menge Schnee war seit Jahren nicht mehr gefallen. Nicht Ende November.
Peter balancierte mithilfe seines Stockes zum Auto. Seine Westernstiefel mit den glatten Sohlen waren nicht die beste Wahl. Er fuhr mit dem Finger der Fuge der Wagentür entlang und öffnete sie einen Spalt, gerade so viel, dass er sich den Schneebesen aus dem Fußraum angeln konnte.
Er benötigte drei Anläufe, um mit durchdrehenden Rädern aus der Parklücke zu kommen.
Auf der Fahrt lauschten sie den Nachrichten, die den größten Teil ihrer Sendezeit dem gestrigen Flugzeugcrash widmeten. Zweiundachtzig Verletzte, fünfzehn Schwerletzte und drei Tote. Eine erschreckende Bilanz.
»Ich muss Sarahs Mann anrufen«, erinnerte sich Peter und wählte die Festnetznummer am Display aus. »Guten Morgen. Holzinger spricht ... da fällt mir ein Stein vom Herzen ... Ja, gebe ich an die Personalabteilung weiter ... Mindestens sechs Wochen? … Wir wünschen ihr gute Besserung. Danke für die Info.« Peter unterbrach die Verbindung. »Sarah wird für zwei Monate im Krankenstand sein«, seufzte er und schob seinen Unterkiefer zur Seite. »Wir brauchen Unterstützung. Zu zweit ist das alles nicht zu schaffen.«
»D … Du kennst doch fähige Kollegen, die du anfordern kannst.«
»Einige ... Problem ist nur, dass man ihnen Zeit geben muss, um sich mit dem Aufgabengebiet vertraut zu machen. Sie haben keine internationalen Verbindungen. Sarah und ich haben uns in den letzten zwei Monaten eingearbeitet. Du bist drei Jahre in Den Haag gewesen, kennst dich ja aus.« An der Ampel legte Peter seinen Kopf schief. »Ich denke, ich hätte da eine Idee.«
Lucas kam nicht dazu, den Einfall zu hinterfragen, denn sein Smartphone vibrierte. Er streckte das Bein und zog das Mobile aus der Hosentasche. ›18:00 Seilerstätte vor dem Ronacher? lga‹, las er und wandte sich an Peter. »I ... Ich muss um sechs Uhr in der Innenstadt sein.« Er biss sich mit einem Schmunzeln auf die Unterlippe, während er ›Passt! Freu mich. lgl‹ tippte.
»Warum?«
»I ... Ich habe mir gestern Abend eine Wohnung gemietet. Um sechs ist Schlüsselübergabe.«
»Das ging aber schnell. – Dann kann ich Richard sagen, dass du von seinem Vorschlag keinen Gebrauch machst?«
»Ja, bi … bitte und richte ihm meinen besten Dank für sein Angebot aus.«
»Und wie bist du dazu gekommen? Wir waren doch ...«
»A … Annas Junggesellenwohnung – mit Glasfaserkabel«, unterbrach er ihn und erzählte, wie der weitere Abend verlief.
»Das ging aber schnell«, wiederholte Peter mehrdeutig.
»Kei … Keine Fehlinterpretationen, Chef«, erwiderte Lucas langsam.
Holzinger fuhr in den Innenhof der Bundespolizeidirektion.
»Komm, unsere Büros sind im sechsten Stock.«
»Ho … Hoffentlich mit Blick über Wien«, grinste Perez, während sie sich in den Aufzug zwängten.
»Du wirst nicht viel Zeit haben, den Panoramablick zu genießen. Denke an den Bericht.«
»I ... Ich denke an nichts anderes«, antwortete er mit gespielter Ernsthaftigkeit, während der Fahrstuhl hüpfend anhielt.
Peter zeigte zum linken Korridor, ging vor und zog die gläserne Gangtür auf, deren Feder widerwillig knarzte. Von dem Gang zweigten zu beiden Seiten jeweils vier Zimmer ab, den Boden schmückte eine abgetretene Auslegeware aus ehemals dunkelbraunem Filz. Die Wände zierten alte Werbeplakate der Bundespolizeidirektion, die mit vergilbten Klebestreifen befestigt waren. Ein A0-Bogen erklärte die Rangabzeichen. Daneben hing zwischen zwei Glasplatten ein welliger Druck von Albrecht Dürers betenden Händen. Abgestandene Luft stieg Lucas in die Nase. »Ri … Riecht ein wenig muffig ...«, bemerkte er.
Peter klopfte seinem Freund aufmunternd auf den Rücken. »... man gewöhnt sich daran.«
»Vo ... Vorsicht, mein Computer«, fauchte Lucas und duckte sich zur Seite. Wie ein rohes Ei zog er den Rucksack von der Schulter. »U … Und welches ist mein Büro?«
»Dritte Tür rechts. Zwischen uns ist Sarahs Zimmer.«
»Da … Dann bis später.«
Lucas ließ seinen Chef am Gang stehen und stapfte davon. Die Büros hielten, was der Korridor versprach. Das ehemals weiß getünchte Arbeitszimmer hatte schon lange keinen Maler gesehen. Dunkle Ränder markierten die Plätze, wo einst Bilder gehangen haben. Krumme Stahlstifte ragten in unregelmäßigen Abständen aus den Wänden. Er nahm seine Schirmkappe ab und platzierte sie an einem der Nägel.
Die Verbindungstür zu Sarahs Zimmer stand offen. Er steckte seinen Kopf durch den Rahmen. Sieht wenigstens bewohnt aus, dachte er und fragte sich laut: »Warum habe ich mich überreden lassen?«. Die Antwort blieb er sich schuldig. Er vermisste sein gläsernes Büro in Den Haag und zog den Laptop aus dem Rucksack.
Während er ihn hochfahren ließ, schaute er aus dem Fenster über die Dächer Wiens, hinüber Richtung Stephansdom, dessen Turm sich schattenhaft hinter dem dichten Schneefall abzeichnete.
Anschließend warf er einen Blick unter seinen Schreibtisch, wo er einen funkelnagelneuen Computer erblickte, an dem zwei ausladende Monitore angeschlossen waren.
Er ließ sich auf den federnden, mit Skai bezogenen Chefsessel fallen, der seine beste Zeit längst hinter sich hatte. Lucas zog seinen Laptop zu sich und hämmerte in die Tasten, während er sich weiter im Zimmer umsah. Er hielt inne, zog ein Kabel aus seinem Backpack, steckte es seitlich in den Rechner und verkabelte den HDMI-Ausgang mit einem der Bildschirme. Anschließend überprüfte er die Einstellungen seiner Firewall, startete die Hotspot-App auf dem Smartphone und verband es mit dem Laptop.
Lucas schob ein Fenster nach dem anderen auf den Standmonitor. Eines zeigte eine Passagierliste. Er drückte auf die Aktualisierungstaste. Er loggte sich ins lokale Netzwerk ein, fand einen Drucker und sandte die Aufstellung – mit einer Weiteren – zweifach ab. Er lauschte. In Sarahs Zimmer sprang der Laserdrucker an. Er ging hinüber und verglich die Ausdrucke. Die neue Liste der Passagiere war mittlerweile in Abschnitte eingeteilt worden: Unverletzt – verletzt – Schwer verletzt – Tot und vermisst. Unter dem Punkt ›Schwerverletzt‹ fand er Sarah Mutes` Namen, daneben der Hinweis: ›Donauklinik‹. Am Ende der Liste befanden sich unter der Rubrik ›Vermisst‹ zwei Namen.
Lucas grinste und schüttelte den Kopf.
»Pe ... Peter, wir werden vermisst«, rief er durch die Verbindungstür.
»Wie? Wir werden vermisst?«
Lucas stellte sich in den Türrahmen und hielt eine Liste in die Höhe.
»Ste ... Steht auf der Passagierliste der AUA.«
Holzinger runzelt die Stirn und bat seinen Kollegen, ihm das Blatt zu reichen. Er überflog es mit einem argwöhnischen Blick, während Lucas sich auf den Besuchersessel fallen ließ.
Bedächtig legte Peter seinen Kopf schief und starrte sein Gegenüber an.
»Ich habe vorhin eine Mail bekommen, dass ich mich gestern vom Flughafen aus in meinen Account eingeloggt hätte, und mit ›Gefahr in Verzug‹ auf das Netzwerk der AUA zugegriffen habe. Die wollen von mir eine Sachverhaltsdarstellung. Warst du das?«.
»Ja. Wa ... Warum? Wo ist das Problem?«
»Sag, spinnst du? Ich habe dir gesagt: Kein Hacken! Wir halten uns an den Dienstweg!«, brüllte ihn sein Chef an.
»I ... Ich habe doch nicht gehackt«, erwiderte Lucas gelassen. »Ich habe mich nur in deinen Account eingeloggt, weil ich meine Zugangsdaten noch nicht hatte.«
»Und woher hast du meine Daten, wenn ich fragen darf?«
»Na von ... von dir. Wer dich kennt, kennt auch das Passwort, Herr Gleitschirm, geboren 1991. Ich habe mich lediglich in deinen Geschäftsaccount eingeloggt. Oder haben wir in unserem Job Geheimnisse voreinander? Also, beruhige dich. Und weil wir gerade dabei sind: von wegen Routinejob. Vergleiche die beiden Listen! Fünf Fluggäste stehen auf der Besucherliste des Kongresses. Einer davon ist ein Vorstandsmitglied. Das war kein Unfall, mein Lieber.«
Peter rang nach Worten.
In diesem Augenblick machte sich ein Uniformierter in der Eingangstür breit.
»Hallo. Ich habe gehört, dass ihr in dem Flugzeug gewesen seid? Wie war es?«
»Servus. Du – ich habe keine Zeit. Vielleicht später«, winkte Holzinger genervt ab.
Die Nachricht von ihrer Anwesenheit hatte sich in Windeseile im ganzen Haus verbreitet. Immer mehr Kollegen kamen vorbei, jeder mit den gleichen Fragen.
»Könnt ihr bitte allen sagen, …«
Peter setzte sich an seinen Schreibtisch.
» … dass Frau Mutes eine schwere Gehirnerschütterung und einen gebrochenen Oberarm hat. Sie fällt für sechs Wochen aus. Wenn nicht länger. Wir beide sind ›Okay‹«, rief er schließlich in die Menge und schob seine Kollegen aus dem Zimmer. »Startet lieber eine Kollekte: Die Frau Chefinspektor wird sich über eure Blumen freuen.«
Er seufzte und wartete, bis sie alleine waren.
»Apropos Sarah, ...«
Sein Streitgespräch mit Lucas hatte er mittlerweile verdrängt.
»… wir brauchen rasch geeigneten Ersatz. – Ich hätte eine Idee ...«
*
Holzinger griff zum Telefon und tippte auf eine Nummer aus dem Kurzwahlspeicher.
»Es wird Zeit, dass du uns im neuen Büro besuchst«, begann er grußlos das Gespräch.
»Wie meinst du das?«
»Sarah fällt für zwei Monate aus.«
»Was hat das mit mir zu tun? Weshalb soll ich euch besuchen? Sag, seid ihr gestern in dem ...«
»... Ja. Wir brauchen dich. Ich will, dass du in mein Team kommst. Das Innenministerium würde dir einen Konsulentenvertrag anbieten …«, fiel er ihm ins Wort.
Am anderen Ende der Leitung herrschte Totenstille.
»... Hallo, Richard, bist du noch dran?«
»Ja, bin noch dran. Ich bin im Ruhestand. Schon vergessen?«
»Richtig. Du bist im Ruhestand und nicht in Rente. Staatsdiener können jederzeit wieder in ihre Funktion berufen werden«, lachte Peter mit einem verschmitzten Unterton.
Richard antwortete nicht.
»Sag doch etwas ...«, forderte er seinen Ex-Boss auf.
»Ich überlege gerade. – Bedeutet das, du wärst mein Vorgesetzter?«
»Gibt Schlimmeres«, gab Peter vergnügt zurück und fuhr sich mit den Fingern durch seine Mähne.
»Ich war jahrelang dein Boss und jetzt willst du ...«
Peter sah vor seinem geistigen Auge, wie Richards Kinn nach allen Seiten mahlte.
»... Habt ihr eine Kaffeemaschine?«
»Nein. Warum?«
»Nur so. – Okay. Ich sage einfach zu, du als mein Boss, das ist ein reizvoller Gedanke.«
»Gut. Wann kannst du anfangen?«
»In zwei Stunden.«
»Damit habe ich jetzt nicht gerechnet. Super.«
Peter überlegte kurz.
»Wir haben um 10:00 Uhr ein Meeting. Schaffst du das?«
»Das ist in 50 Minuten. Solange brauche ich bei diesem Sauwetter aus Purkersdorf zum Ring ... Verspreche nichts, aber ich beeile mich.«
»Bis gleich.« Peter warf den Hörer schwungvoll auf die Gabel, rieb sich die Hände und beugte sich über den Tisch. »Gute Idee?!«
»Kei ... Keine schlechte Idee. Der alte Tomacic ist mit dem Haufen hier vertraut. Kennt die Leute. Ein cleverer Schachzug«, meinte Lucas und lehnte sich entspannt zurück. »Jetzt brauchen wir nur noch eine Sekretärin und ein großes White-Board in meinem Büro.«
»Darum soll sich Richard kümmern. – Ich denke, er ist die ideale Drehscheibe hier im Haus, unser Verbindungsoffizier, wenn wir unterwegs sind.«
Lucas nickte und schlug sich auf die Oberschenkel. Seine verletzte Hand meldete sich.
»Autsch. I ... Ich sehe nach, ob es Neuigkeiten gibt, die wir im Meeting gebrauchen können.«
»Mach das. Ich kümmere mich in der Zwischenzeit um die beiden Vermissten, dass man sie von der Liste streicht.«
Lucas stapfte durch Sarahs Zimmer in sein Büro. In dem Fenster am großen Monitor, das mit ›QUERY‹ betitelt war, blinkte der Cursor. Er tippte die Namen der fünf Kongressbesucher, die im Flugzeug waren in die Eingabemaske, und setzte ein Häkchen bei Lebenslauf, Arbeitsverhältnis, Presse, Businesskontakte, soziale Netzwerke, Konsumverhalten, Sonstiges und drückte auf ›START‹.
Im Anschluss betrachtete er die Fenster, die von seinem Computer letzte Nacht gefüllt worden waren. Eines nach dem anderen schloss er. Einzig das, in dem eine Vielzahl von IP-Adressen aufgelistet waren, ließ er geöffnet. Am unteren Fensterrand blinkte ›Current account password processing‹. Er scrollte aufwärts und las einige Absätze.
»Habe ich es mir doch gedacht.«
Er tippte mit dem Finger auf die Tischplatte.
»Wer tief genug gräbt, wird fündig.«
Nachdem er die Ergebnisse in einem Textfile zusammenkopiert hatte, schickte er es an den Drucker.
»Lucas, das Meeting fängt an«, hörte er Peter rufen.
»Ich komme!«, rief er zurück und schob die Ausdrucke in seine Mappe.
Perez war bereits an der Tür, als er innehielt, zum Schreibtisch zurückging und den Laptop zu sich drehte. Er hatte vergessen, eine Mail zu verschicken.
Rasch tippte er die kurze Nachricht.
Als die Meldung ›SENT‹ am Bildschirm erschien, sperrte er den Computer und eilte zur Tür hinaus.
9
Hajo Voss hatte die halbe Nacht telefoniert. Zwischen den Gesprächen fand er keine Ruhe und schlich in seiner Suite wie ein gereizter Tiger auf und ab. Ständig verfolgte ihn die Frage nach dem Warum und Weshalb. Seine Frau Sylvia hatte die Hiobsbotschaft erstaunlich beherrscht aufgenommen, zumindest war dies sein Eindruck am Telefon. Sie buchte noch zu nächtlicher Stunde einen Flug. Mittags würde sie in Wien landen.
Zäh war die Zeit vergangen. Erst in den frühen Morgenstunden fand er etwas Schlaf.
Um 6:00 morgens ging er hinunter in die Executive-Lounge, wo man ihn mit erstaunten Augen empfing.
Der Kellner schaute verwundert auf die Uhr und gab seinem Gast zu verstehen, dass das Frühstücksbuffet noch nicht geöffnet sei.
Nach kurzer Diskussion wies man ihm einen Platz zu und er gab seine spärliche Bestellung auf: Kaffee und ein Stück Kuchen.
›Mehr bringe ich nicht hinunter‹, dachte er und genoss den persönlichen Service. Jedes Mal, wenn der Kellner an seinem Tisch vorüber kam, lächelte ihm dieser zu und erkundigte sich nach seinen Wünschen.
Hajo starrte unentwegt in seine Kaffeeschale, in der er immer wieder mit dem Löffel umrührte, obwohl nur mehr der Boden bedeckt war.
Ein Hotelboy betrat die Lounge und warf einen Stapel Tageszeitungen auf den Nachbartisch. Der Lärm riss Hajo aus seinen Gedanken. Unbeholfen zog er eine Zeitung vom Stoß.
Der Flugzeugabsturz beherrschte die Titelseite.
Er blätterte zum vierseitigen Sonderbericht. Trotz der Sprachbarriere arbeitete er sich aufmerksam durch den Bericht, in der Hoffnung, den Grund des Absturzes zu erfahren. Aber es wurden nur Mutmaßungen geäußert, die seine Frage nicht beantworteten.
Eine Stunde später gesellte sich einer seiner Leibwächter zu ihm.
»Guten Morgen Herr Voss, reisen wir ab oder besuchen Sie den Kongress?«, fragte der Riese.
»Kann ich noch nicht sagen. Meine Frau ist am Weg nach Wien. Wir müssen einiges erledigen, wie Sie sich vorstellen können. Ich gebe Ihnen sofort Bescheid, wenn eine Entscheidung gefallen ist.«
Der Hüne nickte und schlürfte den heißen Tee in sich hinein. Nachdem er die Tasse abgesetzt hatte, schaute er seinen Boss an.
»Mein herzliches Beileid. Ich habe Kirstin sehr gemocht. Wenn ich etwas für Sie tun kann, lassen Sie es mich wissen.«
Voss nickte ihm mit geschlossenen Augen zu und vertiefte sich wieder in den Zeitungsartikel.
Mittlerweile war das Büfett angerichtet. Langsam füllte sich die Lounge und es bildete sich die erste Schlange vor der Theke.
»Guten Morgen, Hajo«, begrüßte ihn Craig mit leiser Stimme.
»Bin mir nicht sicher, ob das ein guter Morgen ist«, erwiderte er müde und zog den Stuhl neben sich zurück.
Morrison holte tief Luft und klopfte seinem Freund aufmunternd auf die Schulter.
»Wo ist Rico?«
»Kommt jeden Moment … Ah da ist er ja.«
Frederico Costa hob im Vorübergehen kurz die Hand zum Gruße, nickte vielsagend und ging weiter zum Buffet.
»Ich habe um neun Uhr den ›Boardroom‹ für uns reserviert. Einige unserer Mitglieder sind gestern abends angereist und ich dachte mir, es ist eine gute Idee, wenn wir uns mit ihnen beratschlagen. Willst du dabei sein?«
Hajo starrte weiter in seine leere Kaffeeschale und nickte zögerlich. »Ja. Ich komme. Sylvia landet erst kurz vor Mittag.«
»Um 10:00 wäre das Meeting im Nachbarhaus, in der Polizeidirektion. Sie wollen den Ablauf des morgigen Kongresses mit uns besprechen.«
»Bin dabei«, stimmte Voss kraftlos zu und strich sich über seine spärlichen Haare.
Rico setzte sich zu ihnen an den Tisch und tauchte das Croissant in den Kaffee. »Die Nachrichten vermuten ein Attentat, aber bisher hat sich niemand dazu bekannt. Was haltet ihr von der Geschichte?«, fragte er mit vollem Mund.
»Ich habe keine Ahnung, doch mein Bauchgefühl sagt mir, dass unser Meeting damit zusammenhängt.« Craig wiegte seinen Kopf, als würde er im Geiste einen Slalomparkour durchfahren.
»Wie meinst du das?«
»Wie gesagt. Ich weiß es nicht. Ist nur so eine diffuse Vermutung.«
Sie schwiegen und blätterten in den unterschiedlichsten Ausgaben der Tagespresse, jeder für sich auf der Suche nach einer Antwort.
*
Kurz vor neun Uhr übersiedelten sie in den ›Boardroom Charleston‹, wo sich bereits einige ihrer Freunde eingefunden hatten. Unter ihnen auch Fredericos Tochter, die eine große schwarze Brille trug, um ihre verschwollenen Augen zu kaschieren.
»Kommt, nehmt Platz. Der eine oder andere von euch hat sich sicherlich gefragt, warum ich um dieses Treffen gebeten habe. Einige haben es selbst miterlebt, ich spreche von dem gestrigen Beinaheabsturz. Laut der Presse, könnte es sich um einen Anschlag handeln. Frederico, Hajo und ich wollen auf Nummer sichergehen, dass das vermeintliche Attentat nichts mit unserem Kongress zu tun hat. Deshalb gleich meine Frage: Hat jemand eine Idee?«
Die Teilnehmer tuschelten, sahen sich gegenseitig an und zu guter Letzt schüttelten sie ihre Köpfe.
»Okay. Ich habe etwas, was ich euch zeigen möchte.«
Craig zog die Kopien der Erpresserbriefe aus seiner Mappe und ließ sie reihum gehen.
»So ein Schreiben haben wir ebenfalls erhalten!, rief plötzlich einer aus. »Aber nur einmal. Ich glaube, das war vor ungefähr drei Wochen«.
Craig schaute in die Runde. Sein Blick blieb an Voss hängen. »Hajo du?«
Der Niederländer zog die Kopie zu sich.
»Nein. – Soviel ich weiß. Aber vielleicht hat meine Werkspolizei mehr.«
Voss griff nach dem Smartphone. Drei der Gäste taten es ihm gleich, erhoben sich vom langen Tisch und schlichen um ihn herum, während sie ihre Mobiles ans Ohr pressten. Aus der Körpersprache seiner Freunde konnte er bereits ablesen, dass er mit seiner Vermutung richtig lag.
»Solltet ihr solche Drohungen erhalten haben, dann lasst euch Kopien mailen«, erhob Craig seine Stimme.
Langsam nahmen sie wieder Platz.
»Wie ich sehe, bin ich nicht der Einzige. Wer wird noch erpresst?«, fragte Morrison.
Voss und drei Weitere zeigten auf.
»Okay. Das ist für mich Beweis genug. Wir haben ein gewaltiges Problem. Was meint ihr, sollen wir den Kongress absagen?«
»Nein. Warum nützen wir nicht das Treffen, um herauszufinden, wie viele von uns betroffen sind«, schlug Craigs Gegenüber vor.
»Gute Idee. Ich bin im Anschluss beim Sicherheitsmeeting mit der Polizei. Soll ich erwähnen, was wir soeben herausgefunden haben?«
»Das würde bedeuten, dass sie in unseren firmeninternen Angelegenheiten herumschnüffeln würden. Das gefällt mir nicht. Das möchte ich im Vorhinein mit meinem Board abstimmen«, warf eine Stimme ein.
Die Teilnehmer zögerten. Schließlich schlossen sie sich dieser Meinung an.
*
In der Nacht hatte der Wind einen Zahn zugelegt. Das Tiefdruckgebiet über dem Balkan erwies sich als hartnäckig und schaufelte eine Schlechtwetterfront nach der anderen in die Stadt. Die Schneeräumdienste arbeiteten auf Hochtouren. Das Verkehrschaos war perfekt. Parkplätze Mangelware.
Als Voss, Morrison und Costa vor dem Vienna-Plaza ins Freie traten, zischte ein schmaler Schneepflug lärmend vorüber, während er den Schnee mit seinem Pflug in hohem Bogen vom Gehsteig schleuderte.
»Kann ich mitkommen?«, hörten sie Fredericas raue Stimme hinter sich.
»Warum nicht«, erwiderte Craig, ohne lange nachzudenken.
Sie stellten ihre Mantelkrägen auf und eilten durch das Schneegestöber zum Nachbarhaus. Rasch waren am Eingang die Formalitäten erledigt. Im letzten Stockwerk stiegen sie aus dem Aufzug.
Costa rümpfte die Nase.
»Modernes Gebäude, aber dieser Gestank muss sich bereits seit der Kaiserzeit hier angesammelt haben«, spöttelte er.
Oberstleutnant Holzinger begrüßte seine Gäste am Gang und bat sie ins Konferenzzimmer, wo vier Tische zu einem großen zusammengeschoben waren. Sie warfen ihre Mäntel am Ende der Tafel übereinander. Kleiderständer: Fehlanzeige. Sie setzten sich auf die brüchigen Lederbespannungen der freischwingenden Stahlrohrsessel im Bauhausstil, die bei der geringsten Bewegung knarzten und breiteten ihre Unterlagen vor sich aus.
»Danke, dass Sie gekommen sind«, eröffnete Peter das Meeting. »Bevor wir ins Detail gehen, möchte ich eine Sache abklären. Ich habe vorhin mit dem Ermittlungsleiter am Wiener Flughafen gesprochen. Er teilte mir mit, dass es sich gestern bei dem Flugzeugcrash um einen Anschlag gehandelt hat. Eine schwere Drohne wurde absichtlich in das Triebwerk gesteuert.«
Die Gäste schauten einander mit regungsloser Miene an, als wollten sie ihre Gedanken dahinter verbergen.
»Wir haben uns mittlerweile die Passagierliste angesehen und sie mit den Kongressteilnehmern abgeglichen«, setzte Holzinger fort. »Herr Voss Ihr Name steht auf der Liste. Waren Sie in dem Flugzeug?«
»Nein. Ich bin gestern Vormittag aus Frankfurt angereist und habe mein Ticket an meine Tochter weitergegeben. Sie ist eine der Toten«, antwortete Hajo, der den Tränen nahe war.
»Herzliches Beileid«, kondolierte Holzinger und kritzelte Notizen in sein kleines Büchlein.
»Wi ... Wir haben recherchiert.« Lucas schob seinen Gästen die Ausdrucke der Presseartikel zu. »Viele ihrer namhaften Teilnehmer sind Bosse großer Konzerne. Einige dieser Firmen hatten vor nicht allzu langer Zeit eine äußerst schlechte Presse. Zudem sind zwei ihrer Vorstandsmitglieder des Economy-Clubs im letzten Halbjahr ums Leben gekommen«, fasste Lucas zusammen. »Wir gehen davon aus, dass das alles in einem Zusammenhang steht. Herr Voss, Ihr Unternehmen ist in einen Abgasfilter-Skandal verwickelt. Mister Morrison, Sie haben Probleme mit der Gewerkschaft, die behauptet, dass Sie Ihre Angestellten ausbeuten würden. Und bei Ihnen ...«, Perez wandte sich an Costa, »Sie haben sich an einem Abfallbeseitigungsunternehmen beteiligt, das in Italien nicht den besten Ruf hat. Die Liste könnte ich mit einigen ihrer Mitglieder fortsetzen. Alles Presseberichte.«
»Ich möchte Sie nochmals darauf hinweisen, dass wir nicht im Namen der österreichischen Polizei sprechen«, fügte Holzinger mit Nachdruck hinzu. »Wir sind von der Europol. Sollte sich unser Verdacht erhärten, dann sind wir zuständig. Länderübergreifend.«
Craig schlug seine Mappe auf und zog die Kopien der Erpresserbriefe hervor. Er legte den Finger darauf und warf seinen Freunden einen kurzen Blick zu, als würde er sie um ihr Einverständnis bitten.
Costa nickte, worauf Morrison die Blätter dem Kriminalbeamten zuschob.
Holzinger und Perez steckten die Köpfe zusammen und lasen die Drohungen.
Lucas versetzte seinem Chef einen leichten Stoß in die Seite.
»Ist dieses hier das einzige Erpresserschreiben?«
Morrison zierte sich. »Nein. Leider darf ich solche Infos über unsere Mitglieder nicht weitergeben. Da müssen Sie sie schon persönlich fragen.«
»Wir haben ebenfalls eines erhalten«, meldete sich Voss kleinlaut zu Wort.
»We … Wer noch?«, forderte Lucas seine Gäste auf.
Nach einer kurzen Diskussion ließ sich der Amerikaner breitschlagen. Er schrieb die Namen und Firmen auf ein Blatt Papier, bei denen sich die Kriminalbeamten erkundigen sollten.
Richard Tomacic streckte seinen Kopf ins Zimmer.
Holzinger winkte ihn zu sich und zeigte auf den Platz neben ihm. »Tomacic. Ein Mitarbeiter von uns«, stellte er ihn vor.
Sie nickten einander grüßend zu.
»Wi ... Wir würden gerne auf Ihre digitalen Netzwerke Zugriff haben, um zu überprüfen, ob zwischen Ihren Angestellten Querverbindungen existieren«, versuchte sie Perez zu überrumpeln.
»Sie wollen auf unsere Datenbanken zugreifen? – Nur mit Gerichtsbeschluss.«, lehnte Costa ab. »Wir kooperieren gerne mit Ihnen, aber das würde einen Schritt zu weit gehen. Was versprechen Sie sich davon?«,
Perez fragte sich, mit wie vielen Staatsanwaltschaften er wohl verhandeln müsste, um eine gerichtliche Erlaubnis zu erhalten. Er hatte weder einen konkreten Tatverdacht, noch konnte er den Unternehmen kriminelles Handeln nachweisen.
Ein aussichtsloses Unterfangen.
Könnten ihm seine Kollegen in Den Haag weiterhelfen?
»Mi … Mister Morrison, ich brauche das Original«, forderte ihn Perez auf und schob ihm seine Visitenkarte zu.
»Das ist kein Problem. Ich lasse es Ihnen mit DHL-Express sofort zuschicken.«
Craig griff nach der Karte, stellte sich ans Fenster und telefonierte mit seiner Sekretärin.
»Unser Original ist bei der niederländischen Polizei«, mischte sich Voss ein.
»Danke. Wir werden es anfordern. – Richard, kümmerst du dich darum?«
Der Alte nickte und zwirbelte seinen Schnauzbart.
Holzinger schob den Plan des Kongresszentrums in die Mitte des Tisches. »Herr Costa, aufgrund Ihrer ...«, er zögerte einen Augenblick, als würde er nach Worten suchen. »... Andeutungen und der aktuellen Sachlage, schlagen wir Ihnen Folgendes vor: Wir postieren morgen acht Beamte rund um das Kongressgebäude. Wir setzen zusätzlich die Drohnenüberwachung ein. – Und mindestens zwei unserer Kollegen in jedem Veranstaltungsraum.«
»Damit sind wir einverstanden«, erwiderte Craig, ohne von dem Lageplan aufzuschauen.
»Okay. Dann kann ich Sie nur bitten, morgen etwas früher am Tagungsort zu sein. Sie haben meine Visitenkarte. Rufen Sie an, wenn Sie noch Fragen haben.«
Voss' Smartphone brummte.
Er nahm ab und führte ein kurzes Telefonat.
»Ich muss mich verabschieden. Ich soll Kirstins Gepäck identifizieren – für den DNA-Abgleich. Außerdem möchte ich sie sehen. Man erwartet mich in Schwechat.«
»Sind Sie sicher, dass Sie Ihre Tochter sehen möchten? Es handelt sich um eine total verkohlte …«, warf Holzinger ein.
Voss zuckte mit den Schultern.
»Vorschlag. Ich nehme Sie mit nach Schwechat. Bei diesem Sauwetter wird es schwer sein, ein Taxi zu bekommen.«
»Danke«, erwiderte Voss.
»Darf ich mit?«, fragte Frederica, die das Meeting bisher schweigend verfolgt hatte, während sie Hajo ihre Hand auf die Schultern legte. »Sie war meine beste Freundin.«
Ihr Bettelarmband klimperte.
Irritiert folgten Holzingers Augen dem Geräusch. Er entdeckte ein Riesenrad mit roten Gondeln, daneben einen Eiffelturm und zuletzt einen Halbmond. ›Das habe ich doch schon einmal gesehen‹, dachte er und massierte seinen Nasenrücken. Plötzlich erinnerte er sich an die Zugfahrt von Den Haag zum Flughafen, an die junge Frau, die Claudia Bigler zum Verwechseln ähnlichsah.
»Trug Ihre Tochter einen blonden Ponyhaarschnitt?«, fragte er Voss.
»Ja. Weshalb?«
»Ich glaube, dass ich sie im Zug nach Amsterdam gesehen habe …«, antwortete Peter.
»Gut möglich.«
Sie erhoben sich.
»Welche Rolle spielen Sie?«, fragte Richard die Italienerin. »Sind Sie auch Mitglied des Economy-Clubs?«
»Nein, ich begleite meinen Vater. Eigentlich wollte ich mit Kirstin Voss den Tag verbringen, aber sie ist gestern ...« Nur mit Mühe hielt sie ihre Tränen zurück.
»Tut mir leid.« Tomacic nickte und folgte seinen Kollegen hinaus in den Korridor.
Frederico wartete, bis sie alleine im Konferenzzimmer waren. »Ich schlage vor, wir treffen uns nach Weihnachten, im Jänner in meinem Haus auf Sardinien«, schlug er seinen Freunden vor. »Bis dahin haben wir genug Zeit, um unsere Hausaufgaben zu machen. Vielleicht finden wir heraus, wer hinter all dem steckt.«
»Das ist eine gute Idee. Ich bin dabei. Willst du sonst jemanden einladen?«, fragte Morrison.
»Ja, wir brauchen einen Nachfolger für Klug. Vorschläge?«
Seine Freunde verneinten.
»Gut, dann werde ich mich darum kümmern. Rico, lass uns gehen.«
*
»Richard, schön dass du so schnell kommen konntest«, begrüßte Peter seinen Ex-Boss nochmals und drückte ihm einen Heftumschlag in die Hand. »Schau, hier habe ich deinen Konsulentenvertrag. – Hier unterschreiben.« Er tippte mehrmals auf den unteren Rand der letzten Seite.
Zögerlich griff Tomacic nach dem Hefter und ließ die zahlreichen Blätter wie ein Daumenkino durch seine Finger laufen.
»Darf ich ihn nicht durchlesen?«, echauffierte sich Richard.
»Doch, doch. Nimm ihn mit, ackere ihn des nächtens durch und gib ihn mir morgen«, erwiderte Peter, ließ sich in seinen quietschenden Drehstuhl fallen und schwang sein gesundes Bein auf die Tischplatte.
Der Pensionist rümpfte seine breite Hakennase und schaute ihn vorwurfsvoll an. »Kleiner, Manieren lernst du wohl nie mehr. Wie oft habe ich dir gesagt, dass deine Westernstiefel nichts auf dem Tisch verloren haben?«
Peter verschränkte seine Hände hinter dem Kopf und schmunzelte: »Richard, mein liebster Alter, du wirst unsere Drehscheibe hier im Haus sein. Besorge uns eine Sekretärin. Dann fordere die Beamten für morgen an. Ich würde sagen 25 Mann, damit uns 20 zugeteilt werden. Sollten reichen. Wenn noch Zeit übrig ist, ruf bei den Firmen an oder schaue hinüber ins Plaza, denn dort wohnen viele, von denen wir wissen müssen, ob sie Erpresserbriefe erhalten haben. Hier die Liste. Lucas und ich nehmen Voss und Costas Tochter mit nach Schwechat. Ich möchte mit dem Ermittlungsleiter Major Georg Beller sprechen. Anschließend bin ich in Laxenburg und schaue mir die Örtlichkeit an. – Meine Telefonnummer hast du.«
Richard schüttelte fast unmerklich den Kopf und strich seinem Schnauzbart entlang.
Imitierte ihn sein Exschützling?
Schnell verdrängte er den Gedanken.
»Punkt 1.: Ich habe meine Kaffeemaschine dabei und drücke mir jetzt eine Kapsel herunter. Punkt 2.: Sag, wo habt ihr die Kaffeeschalen versteckt?«, erkundigte sich Tomacic, der bewusst nicht auf Peters Anweisungen einging.
Holzinger schaute ihn ungläubig an.
»Hast du gehört, was ich gesagt habe? Fragen?«
Tomacic spitzte seine wulstigen Lippen.
»Habe ich dir nicht stets Höflichkeit gepredigt. Zu deiner Erinnerung: Wenn man etwas von einem anderen will, dann verwendet man das Zauberwort: bitte! So viel Zeit muss sein, Herr Oberstleutnant.«
»Dann hattest du nie Zeit, als du noch aktiv warst«, gab Peter zurück, winkte abfällig mit dem Arm und schnappte sich seinen Flipstick.
»Alles zu seiner Zeit«, feixte er und stürmte humpelnd aus dem Zimmer.
Vom Flur rief er: »Ich verlasse mich auf dich!«
»Lass mir den Schorsch, den Pitbull, schön grüßen!«
Lucas hatte in der Zwischenzeit seinen Rucksack gepackt und stand abfahrbereit mit Hajo und Frederica am Gang.
*
Auf der salznassen Straße fuhren sie den Donaukanal entlang Richtung Flughafen. Peter wählte über die Freisprecheinrichtung Ophaus' Nummer.
»Wer stört?«, tönte es aus den Lautsprechern.
»Rudolf, du sehnst dich ja nach Frischluft. Du und Hene, ihr seid morgen zur Drohnenüberwachung in Laxenburg eingeteilt. Tomacic erledigt gerade den Papierkram.«
»Wie bitte? Bei diesem Wetter?«
»Dir kann man nichts recht machen ...«, seufzte Peter.
»Schon gut. Du sagtest morgen?«
»Ja. – Hörst du mir nicht zu?«
»Doch, doch.« Rudolf räusperte sich. »Laut Wettervorhersage wird sich an den nächsten beiden Tagen nichts ändern.«
»Ein Problem?«
»Nein«, antwortete er zögerlich. »Wehe, wenn mir der Arsch abfriert.«
»Wird dir der Arsch abfrieren?«
»Ist schon gut ... Wir werden unsere Winterklamotten auspacken. Für welche Uhrzeit ist der Beginn festgelegt?«
»Die Tagung wird um 16:00 Uhr eröffnet. Ihr müsst also am Vormittag mit eurer Arbeit starten. Es wird alles andere als ein Spaziergang, denn die Konferenz hängt mit dem Flugzeugabsturz zusammen. Jedenfalls spricht einiges dafür.«
Rudolf blies am Mikrofon des Mobiles vorüber. Erschrocken drehte Peter die Lautstärke zurück.
»Okay. Verstanden«, antwortete Ophaus mit gedämpfter Stimme. »Ich melde mich, wenn ich noch Fragen habe. Servus, bis morgen Vormittag.«
Kaum hatte er das Gespräch beendet, ertönte ein kurzer Ping. Peter griff nach seinem Smartphone, das ihm den Erhalt einer SMS signalisierte. Die angezeigte Nummer war ihm nicht bekannt. Kopfschüttelnd legte er das Mobile wieder auf die Mittelablage.
An der Einfahrt zum Verwaltungsgebäude des Flughafens wurden sie von Karl Stein, dem Flughafensprecher erwartet. Er zwängte sich zu ihnen ins Auto und dirigierte Peter in die Tiefgarage.
Als sie aus dem Wagen stiegen, schaute Voss auf die Uhr und erkundigte sich, ob das Flugzeug aus Amsterdam bereits gelandet sei.
Stein zog sein Tablet aus der Tasche.
»Ja, Sie haben Glück, sie ist eine der wenigen Maschinen, die heute hier landen dürfen. Sie hat soeben aufgesetzt.«
»Wenn sie nichts dagegen haben, versuche ich meine Frau abzufangen.«
»Kein Problem. Diese blaue Tür führt in die Ankunftshalle. Sie finden uns nachher in dem Raum dort vorne ... B-18.«
Voss bedankte sich und eilte davon, während sie zu der großen Halle gingen, in der sich die Gepäckstücke türmten.
»Sie waren doch gestern in dem Flugzeug. Hatten Sie Gepäck? Wenn ja, dann werden Sie hier fündig.«
»Danke«, erwiderte Peter und wandte sich an Lucas. »Kannst du bitte meinen Trolley suchen? Vielleicht findest du auch den von Sarah.«
Perez blähte die Wangen auf und schob den Schirm seiner Baseballkappe in den Nacken. Langsam ließ er seinen Blick entlang der aufgetürmten Gepäckreihen gleiten.
»Übrigens, wir vermissen zwei Passagiere«, meinte Stein, während er auf sein Tablet tippte. »Oh, Holzinger und Perez habe ich hier stehen. Das sind ja Ihre Namen.« Erstaunt schaute er die beiden Kriminalisten an.
»Das kann ich erklären. Wir haben unsere Kollegin, Frau Sarah Mutes, die schwer verletzt wurde, in die Krankenstation begleitet.«
»Natürlich, deshalb wurden Sie nicht registriert.« Er atmete tief ein. »Dann kann ich Sie von der Liste streichen und den Leuten am Flugfeld Bescheid geben, dass sie nicht mehr nach Ihnen suchen sollen.«
»Sie suchen nach uns? Ich habe bereits am Morgen veranlasst, dass man die Liste korrigiert.«
»Möglich, wäre nicht die einzige Panne heute«, seufzte Karl Stein. »Hier herrscht ein heilloses Durcheinander. Die Linke weiß nicht, was die Rechte tut.«
»Brauchst du den noch?«, rief Lucas von Weitem seinem Chef zu, während er mit einem Gehstock winkte.
Peters Augen leuchteten auf.
»Her damit!« Er humpelte freudestrahlend auf seinen Freund zu. Stein folgte ihm.
»Wie ich am Telefon erwähnte, würde ich gerne mit dem Ermittlungsleiter sprechen.«
»Ja, ich habe ihn verständigt. Herr Major Georg Beller sollte eigentlich schon hier sein.«
»Gut, dann suchen wir inzwischen nach dem Gepäck«, erwiderte Holzinger.
Frederica ging zu dem langen Tisch an der Wand, worauf sich Handtaschen, elektronische Geräte, Jacken, Mäntel und Einkaufstaschen türmten. Alles Dinge, die in den Gepäck- oder Sitzablagen des Flugzeuges zurückgelassen worden waren.
Nach kurzem Suchen fand Holzinger seinen Trolley.
Gleich daneben stand der von Sarah. Er öffnete das aufgenähte Außenfach und griff hinein. »Unsere Arbeitsunterlagen«, erklärte er Stein, der ihn verwundert anschaute. Der Flughafensprecher nickte.
Mit einem lauten Quietschen wurde die Hallentür aufgeschoben. Der bullige Chefermittler Georg Beller überließ Frau Voss den Vortritt.
Die attraktive Niederländerin war gut zehn Jahre jünger als ihr Ehemann. Ihr schwarzes Kleid unter dem dünnen Mantel ließ sie noch schlanker erscheinen. Oberhalb der eingefallenen Wangen leuchteten gütige Augen, die von den Tränen gerötet waren. Mit hängenden Schultern lehnte sie sich an ihren Mann, der seinen Arm um ihre Hüften schlang.
Stein stellte die Anwesenden einander vor.
»Wie bereits erwähnt, Herr Voss, suchen Sie bitte den Koffer Ihrer Tochter, damit wir sie einwandfrei mittels DNA-Abgleich identifizieren können«, meinte Major Beller und zeigte auf die Gepäckstücke.
»Ich möchte Kirstin ein letztes Mal sehen ...«, schluchzte Sylvia laut auf.
»Gnädige Frau, das verstehe ich. – Wir würden Ihnen gerne den Anblick ersparen. Behalten Sie Ihre Tochter lebendig in Erinnerung, so wie Sie sie zuletzt gesehen haben.« In Bellers Stimme lag eine gehörige Portion Empathie, die man ihm niemals zugetraut hätte.
Frau Voss stieß einen spitzen Schrei aus und verbarg ihr Gesicht an der Schulter ihres Mannes. Liebevoll strich Hajo ihr am Rücken entlang. Schließlich nickte Sylvia und half bei der Suche nach Kirstins Koffer.
»Herr Major Beller, ich würde mich gerne über Ihren derzeitigen Ermittlungsstand unterhalten.«
Beller schob Holzinger zum Tisch und setzte sich auf die Tischplatte. »Ich bin seit gestern in der Früh auf den Beinen«, entschuldigte er sich. »Ich habe noch nicht viel Zeit im Sitzen verbracht.«
Peter winkte ab und tat es ihm gleich.
In der darauffolgenden Viertelstunde hielt Beller einen Monolog, während Holzinger eine Notiz nach der anderen in sein kleines Büchlein schrieb.
Lucas bevorzugte die Sprachapp auf seinem Smartphone.
Als sich der Flughafensprecher zu ihnen gesellte, fragte Peter, ohne vorher darüber nachgedacht zu haben: »Hat der Flughafen einen Erpresserbrief erhalten?«. Holzinger zog eine Kopie aus der Innentasche.
»Erpresserbrief?« Stein und Beller warfen einen Blick darauf und runzelten die Stirn.
»Ja, so etwas Ähnliches. Ich erinnere mich dunkel.« Der Chefermittler wiegte seinen Kopf.
»Wann?«
Stein biss sich auf die Unterlippe. »Der Brief kam vor ungefähr einem Monat. Haben wir sofort der Polizei übergeben.«
Er schaute zu Beller, der ihm zustimmte.
»Und gestern gab es noch zusätzlich eine Terrordrohung. Sie kam aber zwei Stunden nach dem Flugzeugcrash. Eigenartig.«
»Kö … Können Sie uns Ihr Original des Schreibens zur Verfügung stellen?«, fragte Lucas.
»Kein Problem, es liegt in der Asservatenkammer. Wir haben damals nachgeforscht und nichts Relevantes gefunden. Es handelte sich um eine einmalige Geschichte. Es gab auch keine Nachforderungen. Wieso fragen Sie?«
»Ist nur ein Gedanke; ein Bauchgefühl. Vorab würde uns eine Kopie genügen, um zu sehen, ob es in der gleichen Art und Weise verfasst ist«, antwortete Holzinger.
»Ein PDF können Sie in der nächsten halben Stunde haben. Ich veranlasse es. Übrigens, eine Bitte: Es wäre nett, wenn Sie mich über Ihren Ermittlungsstand am Laufenden halten.«
»Mache ich gerne. Sollte sich bei Ihnen etwas …«
» … ist selbstverständlich«, fiel ihm der Ermittler ins Wort.
»Vielen Dank, Herr Beller.«
»Ach ja, noch etwas: Die Geschichte mit der Drohne werden wir vorerst nicht veröffentlichen. Leider hat KURIER-TV bereits Wind davon bekommen und Frau Bigler lässt nicht locker. Wir wollen nicht zu viel Aufsehen erregen und halten aus ermittlungstechnischen Gründen den Umstand unter Verschluss.«
»Bigler? – Seien sie vorsichtig. Ich kenne sie nur zu gut. Wenn sich die in eine Sache verbissen hat, dann lässt sie nicht locker. Ihre Botschaft ist angekommen. Von mir erfährt sie nichts. Nochmals: Vielen Dank.«
Der Ermittlungsleiter klatschte in die Hände und rutschte vom Tisch. Er steckte ihnen seine Visitenkarte zu und verabschiedete sich.
»Ich soll Sie von Oberst Tomacic grüßen!«, rief ihm Peter nach.
Beller blieb stehen und drehte sich um.
»Ist der alte Paragrafenreiter noch immer in Amt und Würden?«
»Wieder!«
»Richten Sie ihm vom Pitbull ›schöne Grüße‹ aus! Er soll sich bei mir melden!« Seine tragende Stimme schwang durch die Halle.
Peter schaute ihm nach; Pitbull war ein passender Spitzname, der sowohl auf Bellers Gestalt, als auch auf sein Wesen zutraf.
Frederica stand an dem Metalltisch und betrachtete die drei Plastiksäcke, in denen sich die Utensilien der Toten befanden.
Peter beobachtete sie, rutschte vom Tischende und stellte sich neben sie. Mit seinem Füller schob er die Beutel hin- und her. Ein mit Ruß überzogenes Armband stach ihm ins Auge. Er hob die Plastiktüte in die Höhe und rubbelte über das Geschmeide.
»Das gehörte Kirstin«, schluchzte Frederica und hob ihren Arm.
Sie trug das gleiche Bettelarmband.
»Ich habe es ihr geschenkt. Darf ich es haben?«
»Leider nein. Wenn es freigegeben ist, können Sie Herrn Voss darum bitten.«
Die Italienerin nickte und wischte sich mit dem Handrücken über ihre Wangen, um die Tränen zu unterdrücken.
Holzinger zückte sein Smartphone und schoss von den Pretiosen Fotos.
»Sie fahren mit der Familie Voss zurück ins Hotel?«, wollte er von Frau Costa wissen.
Frederica nickte und kramte ein Taschentuch aus ihrer Jacke.
»Die Zeit drängt«, wandte sich Peter an Lucas. »Wir müssen los, sonst bist du um 18:00 nicht in der Seilerstätte. Hier, nimm meinen Trolley«, grinste er süffisant, drückte ihm zusätzlich seinen Flipstick in die Hand.
Sie verabschiedeten sich und gingen zurück zu ihrem Wagen.
*
»So … Soll ich fahren?«, fragte Perez mit unschuldiger Miene.
Holzinger tippte sich mehrmals mit dem Zeigefinger auf die Stirn.
»Wa … Warum ist Frederica Costa mitgekommen. Die hat kein einziges Mal den Mund aufgemacht«, wechselte Lucas das Thema, während er die Autotür aufzog.
Peter zuckte mit den Achseln.
Im Wagen zog Holzinger sein Mobile aus der Tasche. Der Bildschirm leuchtete sofort auf, denn er hatte eine SMS erhalten. Er öffnete den Posteingang und der erste Eintrag war eine Nachricht von einer ihm unbekannten Nummer. Er berührte das Display und las:
›Schicke mir deine Mailadresse. Habe eine Mail, die ich an dich weiterleiten soll. Lass uns im Anschluss telefonieren.
lg Anna Steiger.‹
Peter trommelte mit seinen Fingern auf das Lenkrad und überlegte, ob er sie sofort anrufen sollte.
War die Nachricht überhaupt von Anna? »Lucas, kannst du mir Annas Nummer vorlesen?«
»Wo … Wozu?«
»Kannst du einmal das tun, worum man dich bittet, ohne mit einer Gegenfrage zu antworten?«
Lucas rümpfte die Nase, bewegte tonlos seinen Lippen und schüttelte den Kopf. Er sagte ihm die Rufnummer an.
»Schau, schau – er kann die Nummer auswendig«, ätzte Peter und überprüfte die Ziffernfolge. Sie stimmte.
»I … Ich besitze ein phänomenales Zahlengedächtnis. Hat nicht jeder ...«, erwiderte er schnippisch.
Holzinger tippte seine Mail-Adresse und verschickte die SMS.
Lucas erkundigte sich, warum Anna seine E-Mail-Adresse benötigte.
Peter zuckte mit den Achseln, zeigte ihm die Nachricht und fuhr langsam Richtung S1, wo die Schneefahrbahn vom Salz aufgelöst worden war. Im Dreisekundentakt schrammten die Wischerblätter über die Scheibe.
Peters Smartphone spielte den River-Kwai-Marsch, während am kleinen Display am Armaturenbrett Tomacics Name blinkte.
»Grüß Gott Herr Paragrafenreiter.«
»Ah, wie ich merke, hast du mit Pitbull gesprochen.«
»Ja, das habe ich. Gibt es etwas Neues?«
»Ja. Für morgen werden fünfundzwanzig Kollegen in zivil abgestellt. Mit Ophaus hast du dich ja in der Zwischenzeit unterhalten. – Für die nächsten Wochen wird uns eine Dame aus dem Innenministerium zugeteilt. Und jetzt das Wichtigste: Ich war im Plaza und hatte das Glück, die EC-Leute beim Mittagessen anzutreffen.«
»Gut gemacht«, unterbrach ihn Peter, der sich wunderte, wie es sein Ex-Boss geschafft hatte, die komplette Anzahl der geforderten Beamten zu bekommen.
»Ich habe sogleich bemerkt, dass sie sich in tiefes Schweigen hüllten, solange sie beieinandersaßen. Deshalb bat ich sie einzeln an die Bar und befragte sie. Langer Rede kurzer Sinn: Ich habe von dreien erfahren, dass sie ebenfalls erpresst werden. Die Kopien erhalten wir per Mail.«
»Su ... Super Richard«, mischte sich Lucas ins Gespräch. »Aber kannst du ihnen bitte sagen, sie sollen uns die Originale zusenden.«
»Habe ich getan. Man hat mir versprochen, sie noch heute abzuschicken: Zuhanden unseres Oberstleutnants Holzinger«, teilte Richard eine Spitze aus.
»Letzte Bitte, Herr Paragrafenreiter«, stieg Peter auf die unterschwellige Stichelei ein. »Kannst du dich mit Gerhard Klugs Firma in Verbindung setzen. Frage sie, ob sie von einem Erpresserbrief wissen. Das Gleiche gilt für René Delons Unternehmen. Die Unterlagen findest du auf meinem Tisch.«
»Habe ich gesehen. Liegt vor mir.«
»Du sitzt an meinem Schreibtisch?«, entrüstete sich Peter.
»Wo soll ich sonst sitzen?«, schnauzte Richard zurück.
»Äh, schon gut. Ich habe dir das vorletzte Zimmer am Ende des Ganges zugedacht. Du darfst es dir dort mit deiner Kaffeemaschine gemütlich machen.«
»Kleiner, das ist lustig. Ich habe bereits mein eigenes Büro, bevor ich noch den Vertrag unterschrieben habe?« In seiner Stimme war die Verwunderung nicht zu überhören.
Peter beugte sich zu seinem Beifahrer und flüsterte: »Ich glaube, ›Pitbull‹ und ›Paragrafenreiter‹ passen zu den beiden. Schade, Richards Nick hätte ich gerne gekannt, als er noch mein Boss war.« Er hob wieder seine Stimme. »Würdest du mir verraten, wie du es geschafft hast, die geforderte Manpower zu bekommen?«
Aus den Lautsprechern hörten sie leises Kichern.
»Ganz einfach, Kleiner. Erfahrung kann durch nichts ersetzt werden.«
»Was heißt das?«
Richard zögerte mit der Antwort.
»Ich habe fünfunddreißig Leute angefordert.« Tomacic lachte laut auf und beendete grußlos das Gespräch.
»Das wird eine astronomische Rechnung geben, denn jetzt sind wir eindeutig überbesetzt«, seufzte Peter und bog in den Parkplatz vor dem Kongresszentrum ein, der unter einer dicken Schneedecke lag. Er parkte sich neben einem silberfarbenen Porsche Macan mit italienischem Kennzeichen ein.
»Lucas, was ich noch nicht verstanden habe, wozu brauchst du die Originale? Erhoffst du dir Fingerabdrücke?«
»Nei … Nein. Diese Schreiben sind sicher schon durch viele Hände gegangen. Wir bräuchten von jedem, der sie angegriffen hat ein Sample, wollte man die Spuren zuordnen. Wozu ich sie brauche? – Sage ich dir, wenn ich sie habe.«
Nichts hasste Peter mehr, als vertröstet zu werden. »Kannst du es nicht mit einem Satz erklären?«
»Ja, ka … kann ich. Gegenfrage: Kennst du dich mit einer digitalen Printersignatur aus?«
»Was ist das?«
»Da … Dann kann ich es dir nicht mit einem Satz erklären. Komm, anscheinend werden wir erwartet.«
Lucas deutete zum Eingang, aus dem ein Mann ins Freie getreten war und den Kragen seines Anzugssakkos aufgestellt hatte, um sich vor dem Schneegestöber zu schützen.
*
»Grüß Gott, Martin Staudacher mein Name. – Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie Herr Holzinger sind. Herr Tomacic hat Sie angekündigt.« Der Leiter des Konferenzzentrums streckte dem IT-Spezialisten seine Hand entgegen.
»Pe … Perez mein Name. Das ist Herr Holzinger«, erwiderte Lucas und zeigte auf seinen Chef.
»Okay. Darf ich Sie gleich weiter bitten. Den Parkplatz haben sie ja bereits gesehen. Wird heute Nacht geräumt. Hoffentlich lassen die Schneefälle nach.« Staudacher hielt ihnen die Tür zum Foyer auf, das mit einem roten, schmalen Teppich ausgelegt war.
»Das ist unser ›Red Carpet‹« schmunzelte er. »Hier befindet sich die Garderobe. Links von uns, zwei Tagungszimmer, das Marschallzimmer und dahinter das Kaminzimmer. Rechts vorne zweigt der Zugang zum Theaterfoyer ab und am Ende ist der Theatersaal, wo die Eröffnung stattfindet. Vor uns der ›Ovale Saal‹.«
»Das bedeutet, hier wird der Empfang sein. Werden die Besucher registriert?«, fragte Holzinger.
»Ja. Die Teilnehmer müssen ihre Einladung vorzeigen, welche mit der Gästeliste abgeglichen wird.«
»Und wenn jemand seine Einladung vergessen hat?«
»Dann wird er von einem der Vorstände des Economy-Clubs identifiziert und außerdem muss sich jeder ausweisen. – Morrison und Costa inspizieren soeben das Gebäude.«
»Kann man das Schloss – außer über den Haupteingang – verlassen? Wie viele Türen sind unverschlossen und wo befinden sie sich?«, fragte Holzinger.
»Alle sind ab dem Tagungsbeginn verschlossen. Nur die zum ›Raucherzimmer‹ – auf die Terrasse – wird geöffnet bleiben.« Staudacher schmunzelte.
Peter schrieb Notizen in sein Büchlein. »Lucas, lass mich nicht vergessen, dort zwei von unseren Leuten zu postieren.«
»... und natürlich die Notausgänge werden jederzeit von innen zu öffnen sein. Aber in diesem Fall erhalten wir ein Signal in der Zentrale.«
Holzinger nickte. »Dort brauchen wir auch einen Mann.«
»Z … Zwei Sicherheitsbeamte zur Terrasse, einer in die Zentrale«, diktierte Lucas in sein Mobile.
Ein gedrungener Kerl stapfte auf sie zu. Er trug braune, kniehohe Lodenstiefel, dunkelgrüne Knickerbocker, einen schweren Walkjanker. Den breitkrempigen Filzhut zierte so manche Jagdtrophäe. Seine Hand umklammerte den Trageriemen eines Schnerfers, der tief an seinem Rücken baumelte. Aus listigen, kleinen Augen musterte er die Kriminalbeamten.
»Darf ich Ihnen vorstellen: Herr Andreas Bleimann, unser Jäger und Förster in Personalunion«, sagte Staudacher.
»Sehr erfreut«, erwiderte der Waidmann knapp, lüftete seinen Hut und wandte sich an den Leiter des Kongresszentrums. »Martin, ich werde heute Nacht ansitzen. Ich kann dir aber nicht versprechen, dass wir die Viecher bis morgen loswerden. Ich werde für das Schwarzwild eine Kirrung außerhalb des Geländes ausbringen«, informierte ihn Bleimann.
»Probleme?«, fragte Peter interessiert.
»Ja, durch den Schneefall kommen die Viecher bis zum Schloss und ackern das Erdreich um.«
In diesem Augenblick schlug die Alarmanlage an. Eine Schlossmitarbeiterin stürmte an ihnen vorüber und rief dem Jäger zu. »Sie sind beim Theater.«
Wie auf ein geheimes Kommando hefteten sie sich an die Fersen der Frau. Durch die tiefe Verglasung der Türe auf die Terrasse vor dem Theatersaal erblickten sie fünf Bachen und einen Eber.
Der Jäger legte seinen Zeigefinger auf den Mund, während er seine Begleiter anschaute. Er griff in seinen Rucksack, zog eine Glock 17 hervor, ohne die Rotte aus den Augen zu lassen. Er lud seine Pistole durch. Mit all seiner Kraft drückte er gegen das verglaste Türblatt, doch die hohe Schneedecke stemmte sich von außen dagegen. Nach dem zweiten Anlauf stand die Tür einen Spalt weit offen.
Die Schwarzkittel ließen sich von dem Geräusch nicht stören und steckten ihre Köpfe noch tiefer in den Schnee.
Holzinger blies seinen Brustkorb auf. Grübelte. War Bleimann in Besitz eines Waffenscheins? Durfte er eine Waffe führen? Musste er ein Machtwort sprechen?
Lucas erriet die Gedanken seines Chefs und schmunzelte.
Langsam streckte der Jäger die Pistole durch den Türspalt, richtete sie gegen den Himmel und drückte ab.
Der Knall hallte durch das Theater.
Staudacher fuhr sich mit dem Zeigefinger ins Ohr und öffnete seinen Mund, soweit es ging.
Langsam hoben die Tiere ihre Köpfe, als ob sie von einem Dirigenten geleitet worden wären; schließlich trotteten sie davon.
Vergeblich versuchte der Waidmann, die verzogene Terrassentür zu schließen.
Staudacher legte dem Jäger seine Hand auf die Schulter. »Andreas, mach dir keine Mühe. Das sollen meine Angestellten in Ordnung bringen.«
Bleimann zuckte mit den Achseln und bedachte die Tür mit einem abwertenden Blick.
Holzinger ließ sich die restlichen Räume zeigen. Als sie Costa und Morrison trafen, beschrieb er ihnen, wo er die Sicherheitsleute postieren würde. Sie nickten zufrieden.
Peter warf einen Blick auf die Uhr.
»Es wird Zeit …«.
»O … Okay. Lass uns aufbrechen.«
Die beiden Kriminalbeamten fuhren zurück in die Innenstadt. Rechtzeitig, um 17:45, setzte Peter seinen Freund vor dem Ronacher ab.
»Sehe ich dich heute noch?«
»Brau … Brauchst du mich?«
»Dreimal darfst Du raten, wenn ich frage.«
»Ge … Gegenvorschlag. Morgen 7:00 Uhr.«
Peter blies seine Wangen auf und nickte. Während Lucas die Tür zuschlug, ließ er den Motor aufheulen und fädelte sich in den Verkehr ein. Langsam staute er sich über die Ringstraße zurück zur Bundespolizeidirektion.
Im Büro warf Holzinger einen erstaunten Blick auf seinen Schreibtisch. Ordner, Blätter, Mappen, alles war fein säuberlich in Reih’ und Glied geordnet. Richards Werk, dachte er, während er sich an Tomacics Arbeitstisch erinnerte, als dieser noch aktiv war. Auf einem Zettel, der zuoberst lag, stand: ›Bin morgen um 7:00 im Büro. Bei Fragen, ruf an. Der ordentliche Paragrafenreiter‹.
Ein Lächeln huschte über seine Lippen.
Er fuhr den Computer hoch und startete das Mailprogramm. Die zweite Nachricht in der Liste war von Anna Steiger:
Lieber Peter,
ich habe folgende Mail erhalten. Möglicherweise ist sie nur ein Scherz, aber zur Sicherheit schicke ich sie dir. Vielleicht ist sie wichtig für dich:
Hi, pls forward this message to Special Agent Holzinger:
KLUG MANIPULATED RECIPE OF DRUGS, TO CHEAT AGENCY OF REGULATION.
A friend.
thx
Ruf mich an, wenn du Fragen hast.
lg Anna
Peter lehnte sich in seinem Chefsessel zurück und bedauerte, dass er Lucas für den Abend freigegeben hatte.
Das Kippgelenk des Sessels fiepste.
10
»Guten Morgen Peter, hier dein unterschriebenes Pamphlet«, begrüßte ihn Richard und warf den Vertrag neben die Tastatur. »Bei dem Honorar, das du eingesetzt hast, brauchst du in Zukunft nicht mehr bitte sagen«, lachte er über das ganze Gesicht.
Der Duft nach frischem Kaffee und Briochegebäck schlich hinter dem Alten her und ließ das Wasser in Peters Mund zusammenlaufen.
»Wie du siehst, kümmere ich mich um meine Freunde.«
»Wie hast du diesen Betrag durchgebracht?« Sein Ex-Boss führte die Kaffeeschale zu den Lippen und blies kühlend hinein.
»Erfahrung ...«, antwortete Peter verschlagen, während er aus einer Schreibtischlade eine Glock 19 mit einer Dienstmarke hervorzog und sie auf das Pult warf.
»Willkommen im Team. – Um auf deine Frage zurückzukommen: Ich habe das Doppelte vorgeschlagen.« Holzinger grinste hämisch und schwang sein Bein auf den Schreibtisch.
Richard schnappte sich das Holster, zog die kleinformatige Pistole hervor und legte sie in seine Hand, in der sie wie ein Spielzeug wirkte. Sein kleiner Finger fand keinen Platz am Griffstück.
»Hast du nicht ein langes Magazin – mit Fingerstütze?«
Peter verzog seinen Mund, griff in die Lade und warf ihm ein Plus-zwei-Patronenmagazin zu. Reaktionsschnell wie eine Klapperschlange fing es Richard mitten im Flug.
»Zufrieden?«
Der Alte streckte seinen Daumen in die Höhe.
Das typische Knarren der Gangtür ließ sie die Ohren spitzen. Im nächsten Augenblick lehnte sich Lucas in den Türrahmen, rümpfte die Nase und schnupperte wie ein Hase.
»Ser ... Servus ihr beiden. Hier riecht es wie in einem Kaffeehaus, das in einem modrigen Taubenschlag untergebracht ist. – Wollen wir ins Konferenzzimmer gehen? Ich habe ein paar Neuigkeiten.«
Sie nickten zögerlich.
Richard bot ihnen Kaffee und Briochekipferl an, doch sie lehnten sein Angebot ab, weil sie weder Teller noch Kaffeeschalen hatten.
Tomacic grinste schelmisch. »Ich bin heute Morgen in die Cafeteria im Erdgeschoss eingebrochen.«, kicherte er und stürmte mit erhobenem Zeigefinger aus dem Zimmer.
Im Besprechungsraum legte Perez sein Smartphone auf den wackeligen Tisch und verband es mit seinem Laptop.
»Pe … Peter, weißt du schon, was es mit Annas E-Mail auf sich hat?«
»Nein, ich habe es dir gestern Abend geschickt, weil ich dachte, du könntest damit etwas anfangen.«
»Wi ... Wie meinst du das: Ich könnte damit etwas anfangen?«
Holzinger suchte nach den richtigen Worten, denn er ahnte, worauf sein Freund hinauswollte. Er war nahe daran, ihm seine unausgesprochene Bitte zu erlauben.
»Mei ... Meinst du etwa, ich soll mich da irgendwo hineinhacken?«, brachte es der IT-Spezialist auf den Punkt.
Peter wand sich wie ein Aal.
In der Zwischenzeit war der Computer hochgefahren und Richard balancierte mit verknoteten Fingern das zweite Frühstück zum Tisch. Die beiden bedankten sich und griffen gierig nach den Briochekipferln.
»Äh, – ich habe Steiger gebeten, nachzusehen, woher die Mail kam ...«, sagte Peter mit vollem Mund.
»I ... Ich habe mir die Mail mit Anna angesehen. Die MIME-Daten geben keinen Aufschluss darüber, wer und von wo die Nachricht abgeschickt worden ist. Sie lief über mindestens 200 Server. Unmöglich sie nachzuverfolgen. Jedenfalls nicht auf die Schnelle.«
»Wovon sprecht ihr?«, mischte sich Richard ins Gespräch.
Peter kramte in seinen Unterlagen und zog einen Ausdruck hervor, den er Tomacic zuschob.
»Wi … Wie ihr wisst, war Gerhard Klug ein Vorstandsmitglied des Economy-Clubs.« Lucas schob seinen Kollegen je einen Ausdruck zu. »Er und ein gewisser René Delon sind im letzten Halbjahr auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen. Deshalb wurden wir beauftragt, ein Auge auf diese Veranstaltung zu werfen. Und jetzt, kommt das Beste: Die beiden haben einen Erpresserbrief erhalten, genauso wie Craig Morrison.«
»Wenn ich Recht sehe, das eine ist von BKA-Wiesbaden und das andere aus Marseille. Wie bist du an die Unterlagen gekommen? Sind diese Abteilungen schon morgens um 5:00 besetzt?«, wollte Peter wissen.
»Na ... Natürlich nicht. Aber ich habe so meine Beziehungen und Zugriffsrechte aus früheren Zeiten«, schmunzelte der IT-Spezialist.
»Ich hoffe stark, du hast die offizielle Freigabe«, empörte sich Peter, während er in Richards fragende Augen schaute.
»Wo ... Wollen wir jetzt über Amtswege diskutieren oder uns Klarheit verschaffen, womit wir es in Laxenburg zu tun haben?«, schnauzte Lucas seine Kollegen an. »Wenn ihr mir mit Verordnungen kommt, dann sagt mir ab sofort, was ich zu tun habe, und ich schalte mein Hirn ab. Ich kann auch den naiven Befehlsempfänger mimen. Dienst nach Vorschrift.« Perez erwartete keine Antwort. Er neigte sich zum Bildschirm seines Computers und scrollte in den Fenstern.
»War das alles?«, fragte Peter schnippisch, für den es schwer war, ein stichhaltiges Gegenargument ins Treffen zu führen.
»Kei ... Keine Einwände. Gut.«
Holzinger legte seine Hand auf Richards Unterarm, um ihm zu verstehen zu geben, sich nicht in die Diskussion einzumischen.
»A ... Anstelle mit Anna einen netten Abend zu verbringen, bin ich in meiner neuen Wohnung gesessen und habe die Akten der beiden Fälle durchgearbeitet«, klagte Lucas. »Nur so nebenbei, Peter, du wolltest einen Bericht von mir. Hier ist er, spitze die Ohren und den Bleistift. In beiden Fällen wurde nicht sehr intensiv untersucht, weil es sich um augenscheinliche Unfälle gehandelt hat. Aber, bei den Fotos des Unfallwagens von Herrn Klug, ist mir dieses hier am vorderen Rad aufgefallen. Ich habe es mit Photoshop vergrößert und den Kontrast bearbeitet. Schaut euch die Innenseite der Felge an. Das ist keine Bruchstelle, wie ich sie kenne. Das ist ein Loch. Sieht das nicht nach einer Gewehrkugel aus?«
Seine Kollegen steckten die Köpfe zusammen. Verglichen die vier Ausdrucke, die ihnen Lucas zugeschoben hatte.
»Kann ich nicht sagen. Von der Größe her schon. Aber ich weiß nicht, welche Spuren ein Projektil in Magnesium hinterlässt. Was meinst du, Richard?«
Tomacic fingerte sein Smartphone aus der Innentasche und wählte eine Nummer.
»Da staunst du was? … Ja, ich bin im Ruhestand – gewesen. Bis heute. – Europol – Deine grobe Einschätzung ist gefragt. Darf ich dir vier Fotos schicken? … Super – sieh sie dir gleich an und gib uns Bescheid – an Holzingers Mail-Adresse – vielen Dank.« Richard beendete das Gespräch. »Das war mein alter Freund DDr. Walter Schwartz von der Spurensicherung. Forensiker, Pathologe und Psychologe«
»Wei … Weiter im Text: In René Delons Akte ist ebenfalls eine derartige Drohung evident. Nicht in Marseille, sondern in Nantes, wo der Hauptsitz seines Unternehmens ist. Die Franzosen ahnen wahrscheinlich nichts davon. Erpressung liegt bei der Abteilung Kapitalverbrechen und sein Verschwinden wird von der Vermisstenabteilung bearbeitet. Beides wurde zu den Akten gelegt.«
»Woher ...?«
»Eu ... Europol und – egal …«, fiel ihm Lucas ins Wort, ohne ihn anzublicken. » … Lass mich zusammenfassen: Wer hat eine Drohung in ähnlichem Stil erhalten? Klug, Delon, Morrison. Alle mit der gleichen Aufforderung einer NGO oder NPO einen Millionenbetrag zu überweisen. Das ist die einzige Klammer. Wenn wir heute die Kopien von den Teilnehmern vergleichen, die ebenfalls ein Erpresserschreiben empfangen haben, getraue ich mich, zu wetten, dass auch dort Spendenaufforderungen zu finden sind. Die Frage ist nur, welches Motiv steckt dahinter? Die Drohung an Beller dürfen wir nicht vergessen.«
Peter und Richard schauten einander ratlos an. Die Fälle hingen zusammen, so viel stand fest. Aber wie?
»Vielleicht Rache?«, überlegte Tomacic.
»Ra ... Rache an einem deutschen Pharmaunternehmen, einem österreichischen Flughafenbetreiber, einem amerikanischen Lebensmittelkonzern, einem niederländischen Rohstoffunternehmen und einem französischen Lobbyisten? Auch der Bezug zum Economy-Club ist nicht zielführend, weil nicht alle Mitglied sind. Mir drängt sich kein kleinster gemeinsamer Nenner auf. Euch?«
Die beiden schüttelten ihre Köpfe.
»We ... Wenn es nicht die Unternehmen sind, vielleicht gibt es Übereinstimmungen in ihrem Privatleben: Klug hatte eine On-Off-Beziehung mit der Leiterin der französischen Firma, die er übernommen hat. Übrigens, sie hält heute über neunzig Prozent der Anteile des Konzerns. Die Ehefrau hat nur das Privatvermögen geerbt. Könnte Habgier ein Motiv sein?«
Peters Augen leuchteten auf. »Nein, dann würde man nicht verlangen, an eine gemeinnützige Organisation zu spenden. – Vielleicht Eifersucht? Gekränkte Ehre?«
»Nicht ... Nicht so schnell. René Delon war weder verheiratet, noch hatte er Kinder. Seine Homosexualität hatte er der Öffentlichkeit verschwiegen. Regelmäßig unternahm er mit seinen Lustknaben mehrtägige Segeltörns.«
»Mehrere Tage? Er war homosexuell?«
»Ja. Da ... Das hat mir ein Vogerl gezwitschert«, antwortete Perez frech und setzte ungezügelt fort. »Ist aber verbrieft. Wir wissen es, und damit basta. Mir ist auch klar, dass wir es nicht in unseren Berichten erwähnen werden«, gab Lucas seinen Kollegen mit strengem Blick zu verstehen.
»Jetzt sag bloß, du hast Neuigkeiten aus Morrisons und Voss' Privatleben?«
»Nei … Nein. – Mein Computer arbeitet daran. Morrison ist Witwer. Voss glücklich verheiratet und – hatte eine Tochter.«
»Sonst noch was?«, fügte Peter enerviert hinzu, dem die Frage auf der Zunge brannte, woher Lucas seine Info bezogen hatte.
Aber – wollte er es überhaupt wissen?
»Bei ... Beinahe hätte ich es vergessen: Costa vermehrt sein Privatvermögen mit Kickback-Zahlungen. Er zieht das Geld an seinen Teilhabern vorbei in die eigene Tasche. Last but not least: Mathilde Klug ist Jägerin und Meisterschützin. – Das war es. Peter jetzt hast du meinen Bericht! Alles notiert?«
Holzinger verdrehte die Augen und ignorierte den Seitenhieb. Er fuhr sich durch die Haare. Er war überzeugt, dass sich Lucas in die Accounts gehackt hatte. Ohne Legitimation.
Peter steckte in der Zwickmühle, besonders weil ihn Richard fordernd anschaute. Sein Ex-Boss erwartete eine angemessene Reaktion; doch er wägte ab, fragte sich, ob er seinen Mitarbeiter zur Rede stellen sollte. Laut Dienstvorschrift müsste er ihn anzeigen. Andererseits fehlte ihm der Beweis.
»Du hast dich in ihre E-Mail-Accounts gehackt, obwohl ich es dir verboten habe«, raffte sich Peter auf.
Perez drehte seine Handflächen nach oben, als würde er einen Medizinball halten, zuckte mit den Achseln, und presste seine Lippen aufeinander.
»Am liebsten würde ich meine Zusage – euch beiden zu helfen – wieder zurückziehen«, knurrte Richard, erhob sich von dem knarrenden Sessel und verschränkte seine Arme vor der Brust. »Aber leider ist das eine zu spannende Geschichte. – Und zu dir Lucas. Ja, hacken ohne Befehl, kann den Job kosten. Außerdem können wir nichts von dem, was du uns erzählt hast, offiziell verwenden. – Schade.« Tomacic ließ eine theatralische Pause entstehen. »Aber – es hilft uns bei der Suche nach dem Licht am Ende des Tunnels. Wenn ich nur wüsste, in welcher Richtung die Laterne zu finden ist – ich für meinen Teil, stehe mit dem Gesicht zur Wand.«
Paragrafenreiter, dachte Lucas und scrollte sich durch die unterschiedlichsten Fenster auf seinem Monitor. Schließlich blickte er seinen Chef an. »Wir ... wir brauchen dringend ein Whiteboard.«
Peter nickte und schaute zu Richard.
»Ihr verwechselt mich wohl mit einer Sekretärin?«, schnaubte der Alte und ließ seinen Finger neben der Schläfe kreisen.
Die beiden setzten einen Hundeblick auf.
»Ich besorge eines«, resignierte Tomacic.
Бесплатный фрагмент закончился.
