Читать книгу: «Das große Heimweh»
1
Indianischer Sommer …
Die Luft angefüllt von der Wärme vergangener Sonnentage, geklärt und gemildert durch das wachsende Alter des Jahres. Die Wälder aufflammend wie Opferfeuer, die sich im Prunk ihrer purpurnsten, golddurchschossenen Farben in Selbstberauschung zu verbluten trachteten, bevor der Winterschnee sie erstickte.
Die ganze Natur, das große Sterben vor Augen, nahm noch einmal alle ihre Kräfte zusammen zu einem leuchtenden Lebenslied, das den Tod nicht achtet im stärkeren Auferstehungsgedanken. Und das Lebenslied im pennsylvanischen Bergwald jauchzte in Wogen, die die Farbenskala des Goldes durchjagten, vom lichtesten Gelb zum blutigsten Rot, von den hellen Tönen der Zitterbirken und Blauweiden hinübergreifend zum gesteigerten Farbenrausch der Ahorne und Linden, der Ulmen, Platanen und Walnußbäume und im Triumph verharrend im Flammenmeer der Purpureichen. Wie Fahnenträger des urewigen Glaubens der Natur ragten über den Brand hinaus die sattgrünen Wipfel der Weymouthskiefer, der Hemlocktanne und Douglasfichte, die nach dem stillen, blauen Himmel langten.
Zwei Reiter sprengten den federnden Moospfad hinan, zügelten hastig ihre Pferde und verhielten sie an einer Wegbiegung, die jäh den Ausblick öffnete in die schwermütige Pracht.
»Herrgott – – das nenn' ich als Sieger sterben …«
»Indianersommer,« sagte der andere und nickte.
»Indianersommer …« wiederholte der erste in Gedanken. »Da schafft sich ein aussterbendes Volk seinen eigenen Sommer. Oder man schafft ihn ihm. Das ist ja gleich. Kirmestage für die Enterbten. Es steckt eine bittere Ironie in diesem Kosewort für den amerikanischen Herbst.«
»Mein Junge, hierzulande nimmt man nichts tragisch. Und wenn die Axt den letzten Wald gefressen hat – du wirst dich wundern, wie bald bei unserer elenden Forstwirtschaft – gibt's auch keinen indianischen Sommer mehr. Über poetische Empfindsamkeiten geht's hier mit Eilzugsgeschwindigkeit in den einzigen, alles umklammernden und alle verblendenden Begriff hinein, und der heißt: Amerika.«
Ernst Wegherr wandte sich im Sattel mit einem Lachen nach dem Freunde:
»Ist das ein Dogma? Amerika?«
»Wer nicht daran glaubt, spürt's bis in die Magenhöhle,« erwiderte Georg Wuppermann und zündete sich gemächlich eine Zigarre an. »Vergiß nicht, daß ich seit fünfundzwanzig Jahren im Lande bin. Unglaube gegen das Dogma Amerika wird hier nicht mit Seelenstrafen, sondern mit ganz verdammtem Magenknurren geahndet. Das hilft überraschend.«
»Du, Georg –?« Ernst Wegherr schaute in das blutende Waldland.
»Sprich dich nur aus. Es wird schon was Vernünftiges sein.«
»Es wäre schade, Georg, wenn der indianische Sommer verschwände. Wenn er verschwände, weil nun der ›deutsche Sommer‹ an die Reihe käme, in derselben schwermütigen Bedeutung des Wortes. Du begreifst, da spricht der Geschichtsforscher aus mir.«
Wuppermann antwortete nicht sofort. Er blickte den Rauchringen nach, die er über den Kopf seines Pferdes hinweg in die blaue, schweigende Herbstluft hinaussandte. Und in der stillen Weile betrachtete Wegherr den alten Freund und Spielgefährten aus der nämlichen Gasse der rheinischen Heimatstadt, die kernfeste Gestalt, den runden, wetterharten Schädel, das offene, zielsichere Auge. Der kleine, stramme Georg des Schmiedes Wuppermann hatte sich in Amerika seinen Weg gebahnt.
Der Raucher ließ die Zigarre sinken und reichte vom Sattel her dem Freunde die Hand.
»Du verstehst in den Seelen zu lesen, Ernst. Das hast du schon als Junge so famos gekonnt, wenn minderwertige Bengels von den Nachbarstraßen sich in unseren Kreis drängten. Und ich weiß, was du meinst. Da spricht eben nicht nur der Geschichtsforscher aus dir, der die Völkerseele studierte, wo er nur konnte, sondern auch, – na ja – der überzeugte Teutone.«
»Der überzeugte Teutone, Georg.«
»Hm,« machte der und gab nach kräftigem Druck die Hand Wegherrs frei. »Hab' keine Angst. Wir sind ja auch noch auf der Welt.«
»Noch!«
»Zum Teufel, ja. Das ist ein Hexenkessel hier. Wirst noch dahinterkommen. Von der anderen Seite des großen Wassers sieht sich die Sache bequemlicher an. Aber mit der patriotischen Regeldetri, wie die Herren bei euch so gerne meinen, ist hier nichts zu machen. Altes Eisen. Hier braucht man schärfere Waffen.«
Ernst Wegherr reckte seine schlanke Gestalt. Er nahm den Hut herunter und strich aus der breiten Stirn, die sich über den Augenbrauen in zwei Hügeln wölbte, das noch volle blonde Haar zurück.
»Hältst du mich für ein Kind, das herübergekommen ist, um mit dir ›Deutschland, Deutschland über alles‹ zu singen? Dann hättet ihr ja hübsch daheim bleiben können. Auf die geistige Überlegenheit der Rasse kommt es an. Die schafft das Vaterland. Hüben wie drüben.«
Wuppermann lachte in fröhlichem Baß.
»Kultur ist hierzulande noch ein Fremdwort, an dem sie sich die Zungen zerbrechen. Mit Dollars läßt sich da vorderhand alles noch leichter machen. Wir sprechen noch darüber. Heute freut mich nichts, als daß du auch mal zu uns herübergekommen bist. Die anderen Erdteile hattest du wohl durch? Du glaubst ja nicht, wie vergnügt ich war, als du mir deine Ankunft in Neuyork meldetest. Seit fünfundzwanzig Jahren bin ich noch keinen Tag so vergnügt gewesen, mit Ausnahme meiner Hochzeit.«
»Davon mußt du mir erzählen.«
»Von der Hochzeit? Nee, du, lieber nicht. Das könnte dir Appetit machen.«
»Ich bin geschieden.«
In der Verlegenheit lüftete auch Wuppermann seinen Hut. Hastig fuhr er sich mit der Hand durch das borstige Haar. Und noch einmal.
»Entschuldige. Ich hatte ja keine Ahnung. Nicht mal von deiner Ehe. Und wenn man selber in glücklicher Ehe sitzt, denkt man ja gar nicht daran, daß es auch mal andersherum – Himmel, nun mache ich's noch schlimmer. Wollen wir weiter, Ernst? Laß Schritt gehen. Jetzt kommt eine Stunde steile Steigung. Dann sind wir auf dem Berg und unter einigen zwanzig Deutschen.«
Die Pferde schritten aus. Der Pfad wurde härter und steiniger. Aber zur Linken und Rechten lohte die Fackel des Waldes, triumphierte das flammende Jubellied des Lebens über das bißchen Jahressterben hinweg, neuem Leben entgegen: wir sterben nicht, wir erstehen.
»Ich komme als Heimatsucher,« sagte Ernst Wegherr.
Der Freund nickte.
»So kamen wir alle, Ernst. Der eine so – der andere so.« –
»Ja, ja. So wird es sein. Neues, keimfähiges Land erhofft man, und damit neue Arbeitsfreudigkeit, neue Begeisterungsfähigkeit.«
»Du, Ernst, steht die Herzbachstraße noch auf dem alten Fleck? Gibt's noch Salamander im Straßenbach? Weißt du noch, wie wir uns abends aus dem Hause stahlen und sie fischten? Der eine hielt die Laterne, der andere griff zu. Nachher wuschen wir uns gegenseitig die Schlammkrusten ab. Und dann hieß es, weiter den Abend nutzen. Links die Häuser, dann der Bach und schon die Gemüsegärten der Milchbauern. Und unsere Kaninchen im Stall wollten auch leben.«
»Aber wir verbanden das Nützliche mit dem Angenehmen. Wir nahmen nur die schadhaften Umhüllungsblätter von den Wirsing- und Krautköpfen und erleichterten dem Bauer die Arbeit.«
»Bis er sie uns erleichterte. Weißt du noch, wie der Kerl eines Abends hastdunichtgesehen aus einer Furche sprang? Wir sprangen nicht schlechter. Aber da bliebst du im Zaun stecken, Hinterfront frei für jede Attacke.«
»Jämmerlich bekam ich das Leder voll, und die Kaninchen wurden selbigen Abends vom zürnenden Vater dem zürnenden Bauern verhandelt.«
»Verdammt streng war dein Vater. Der meine lachte vom Fenster aus, daß die Scheiben zitterten: ›Hoho, hoho!‹ Ich hör's noch und saß damals, von meiner eigenen Laterne beschienen, mit der Hose in der Hecke fest. Na ja, mein alter Herr war Schmied, und der deine hatte Bandstühle laufen und fabrizierte und sah als gebildeter Mann im Kirchenrat. Das war damals das Feinste.«
»Er liegt nun schon lange auf dem Friedhof, auf dem wir Schmetterlinge fingen. Oben auf dem Berg. Neben der Mutter.«
»Und der meine hat seine achtzig auf dem Rücken und möcht' mich besuchen.«
»Das trau' ich ihm zu,« meinte Wegherr, und ein Lachen huschte um seinen Mund. »Ich suchte ihn vor meiner Abreise auf, um dir seine persönlichen Grüße mit herüberbringen zu können. ›Donnerwetter›, sagte er, ›die Herzbachstraße hat zwar nur vier Häuser. Aber Kerle sind daraus hervorgegangen, Donnerschlag, für die war ganz Europa zu klein, und jetzt packen sie sich Amerika in die Tasche. Was, Herr Doktor? War doch ein feiner Gedanke von mir, dem Georg die gute Erziehung zu geben samt Gymnasium. Für einen Grobschmied doch ein feiner Gedanke.›«
Sie lachten herzlich, und die Pferde wieherten in den leise dämmernden Abend hinein.
»Aber Salamander gibt's nicht mehr,« fuhr Wegherr fort, »und auch kein billiges Kaninchenfutter. Den Bach hat man unterirdisch gelegt, und die Gemüsegärten haben einer Fabrik Platz gemacht.«
»Schade, schade,« murrte Wuppermann. »Wie find' ich mich da noch zurecht?«
»Die Nachbarmädels aus dem ersten Hause sind Mütter geworden und sorgen, daß ihre Mädels sich nicht mit den Nachbarsjungen küssen. Als ob sie selber nicht ach so gerne mitgetan hätten. Nur von Wilhelm Finkler aus dem vierten Hause weiß ich nichts zu berichten. Der ist verschollen.«
»Verschollen? I wo! Der hat nur die Herzbachstraße vergessen.«
»Weißt du etwas von ihm?«
Wuppermann schmunzelte. »Er muß nicht in Neuyork gewesen sein, als dein Dampfer einlief. Sonst hätte er dich mit dem kaltblütigsten Gesicht bis auf die Knochen interviewt. Das wird ihn ärgern.«
»Was?« rief Wegherr erstaunt. »Er ist hier? Zeitungsmann bei einer deutschen Zeitung? In Deutschland war er hintereinander Theologe, Philologe, Jurist und Buchhändler. Dann verschwand er spurlos.«
»Für Amerika eine ganz gute Vorbereitung,« lachte Wuppermann. »Der Befähigungsnachweis für sämtliche Verwandlungsmöglichkeiten ist also erbracht. Er schreibt für deutsch-amerikanische und anglo-amerikanische Zeitungen, für republikanische und demokratische, wie der Dollar fällt. Er nennt das die Kultur ausbreiten im freundlichen und feindlichen Lager. Aber zum Höchstpreis.«
»Also gänzlich amerikanisiert?«
»So, wie diese Leute das Wort ›amerikanisieren› auffassen: ›Hier bin ich! 'raus mit dem Geld!›«
»Tut mir leid, Georg!«
»Aber der Kerl ist zu beachten. Als Muster für eine ganze Gattung. Kein Heimatsucher, wie du es nennst, Geldsucher. Und damit all right!«
Eine Weile ritten sie schweigend zwischen den beleuchteten Stämmen. Beide von demselben Gedanken befangen. Von dem Gedanken an das alte Daheim, an die Kindheit, die lustigen Gespielen, die kleinen und großen Freuden der Jugendzeit und all das heiße Planen. Und unvermittelt, als ob sie alle diese Erinnerungen laut ausgetauscht hätten, fragte Wegherr in die Stille hinein: »Und du bist glücklich geworden?«
»Ja,« sagte der Mann an seiner Seite. Und er sagte es ruhig und würdevoll.
»Könntest du mir nicht – einen Wink geben, wie man das hier ermöglicht?«
»Du meinst, aus meinen Erlebnissen?« fragte Wuppermann zurück und sog an seiner Zigarre. »Man muß jung in dieses Land kommen, harmlos und vorurteilsfrei. Das ist die erste Vorbedingung. Sonst stolpert man auf Schritt und Tritt. Und meine Erlebnisse? Die waren Arbeit, nichts als Arbeit. Ja, wenn ich dich so neben mir reiten sehe, dich sprechen höre, von allen Kulturerrungenschaften und Schönheiten der Welt, von der schwärmerischen Jugendzeit bis zum Höhenflug des Mannes, von dem ganzen Überschwang einer echten und rechten Seele, die sich an jeder Gottesgabe wie an ihrem Eigentum zu freuen weiß – dann will es mir wahrhaftig für einen Augenblick scheinen, als ob ich doch die beste Strecke danebenher gelaufen wäre mit der ewigen Arbeiterei. Nun, ich war achtzehn Jahre alt, als ich herüberkam, und hatte Gott sei Dank keine Ahnung. Mit fünfzehn Jahren hatte ich das Gymnasium verlassen, war drei Jahre als Lehrling ohne einen Pfennig Vergütung auf einem kaufmännischen Kontor ausgenutzt worden, hatte meinen alten Herrn in der Herzbachstraße das bißchen ersparte Geld gekostet und sollte nun für das glänzende Gehalt von 80 Mark im Monat weiterdienen. Das schien mir wenig aussichtsreich für die Zukunft. Denn selbständig wollte ich werden, das stand fest. Auf mich konnte ich mich verlassen. Ich war kein Dummkopf und hatte mehr in die Fabrikationsmethode hineingerochen, als meine Herren Prinzipale ahnten. Ein Betriebskapital hatte ich also. Fehlte nur das Land, wo es als bar Geld angesehen wurde. Ich dachte darüber nach, und eines Abends erklärte ich meinem alten Herrn, ich ginge nun nach Amerika, um dort so schnell wie möglich selbständiger Fabrikant zu werden. ›Jung,‹ sagte der Alte, ›du hast Gedanken wie ein Fürst.‹ Tags darauf beschlug er den Familienkoffer mit zolldicken Eisenbändern, brachte kunstgerecht ein Sicherheitsschloß an und gab mir dreihundert Mark und seinen Segen, der mehr wert war. Auf dem Bahnhof war er so vergnügt, als hätte ich Amerika schon im Sack. ›Jung,‹ rief er zum Abschied, ›nun zeig du den Indianern mal die Herzbachstraße!‹ und gab mir einen Klaps, daß ich wie eine Bombe in den Wagen flog. Als ich zum Fenster hinausschaute, hatte er sich gedrückt.«
Der Erzähler lächelte. Aber es war ein Schein von Heimweh in dem Lächeln. Und Wegherr bemerkte es wohl.
»Georg,« sagte er, »du hast es gut gehabt. Dein Vater kannte nichts als das felsenfeste Vertrauen auf seinen Jungen.«
»Umgekehrt ist's gerade so, Ernst. Und wir gäben uns gegenseitig nicht für eine Million her, obwohl wir uns nur einmal wieder zu Gesicht gekriegt haben. Das war vor zehn Jahren, als ich daran ging, die Fabriken zu gründen, und in Deutschland technische Studien machte. Gott, der liebe alte Mann.«
»Erzähle weiter!«
»Nun ja, eines Tages stand ich in Neuyork, wie Tausende vor mir und nach mir. Ich lief so lange herum, bis ich auf einem Kontor unterkam. Natürlich war ich auch hier zuerst abgelehnt worden, und die Wut darüber hatte mir einen echt heimatlichen Fluch durch die Zähne gejagt. ›Gottverdimmich!‹ knurrte ich, als ich die Türklinke packte. Da drehte sich ein Herr herum, der lachte übers ganze Gesicht. ›Ech gläuw, dä Käl is us minge Näh zo Hus. Sie da, es dat so?‹ Und ich antwortete prompt in der Mundart der Herzbachstraße: ›Dat sall woll sin, un et sin nit die Dommsten.‹ Daraufhin wurde ich mit zehn Dollars die Woche angestellt.
Jetzt ging das Schuften los. Von morgens bis in die Nacht. Was die Amerikaner im Textilgeschäft konnten und was sie nicht konnten, hatte ich bald heraus. Aber so schlau war ich doch, es ihnen nicht auf die Nase zu binden. Nach Jahr und Tag hatte ich das Doppelte, dann das Drei- und Fünffache des Anfangsgehaltes. Die Leute hatten Lunte gerochen und konnten mich brauchen. Zuerst hatte ich ein fröhlich Leben anfangen wollen, wie man es als junger Mann in Deutschland gewöhnt ist. Aber ich kam sehr bald dahinter, daß auch die Vergnügungen mit Dollars berechnet werden und nicht mit Mark. Der vierfache Preis. Da ließ ich es bleiben; denn jeher ersparte Dollar war auch seine vier Mark wert. Drüben natürlich. Und was ich zur Selbständigmachung brauchte, mußte ich von drüben holen. Ich wünschte nämlich, die deutschen Textilmaschinen eines Tages im Lande selber zu bauen und ein paar neue Modelle drüben zu erstehen.
Fünfzehn Jahre habe ich dies Arbeitsleben zäh ausgehalten. Dann war ich so weit. Ich reiste im Lande herum und suchte mir den geeignetsten Platz für meine Fabrikanlage, der den Vorzug der Billigkeit hatte. Hier in Pennsylvanien fand ich ihn. Dazu Arbeitskräfte durchweg deutscher Abkunft. Die wissen noch, was arbeiten heißt. Dann reiste ich nach Deutschland und hatte das Vergnügen, als Ausländer gewertet zu werden, dem sich bereitwillig die Fabriken zur freundlichen Besichtigung öffnen. Das ist nun mal im alten Vaterlande so. Und ich prüfte alles und behielt das Beste. Als ich hierher zurückkehrte, hatte ich nicht nur ein paar Modelle erstanden, sondern ein Dutzend der zweckmäßigsten Fabrikationsmethoden durch und durch studiert. In einem halben Jahre lief die Fabrik, und um die Kunden, die bis dahin für teures Geld aus Europa eingeführt hatten, von der Leistungsfähigkeit meiner Maschinen zu überzeugen, richtete ich zwei Schuppen ein und ließ meine Maschinchen in dem einen seidene Strümpfe, in dem anderen Bänder und Litzen zur Probe fabrizieren: Eintritt frei!«
Er stieß den Dampf aus den gewölbten Lippen und lachte das tiefe Lachen seines Vaters.
»Ja, so kam's. Ich war Dreiunddreißig darüber geworden, aber an Vergnügungen war nun erst recht nicht zu denken. Ich hatte Maschinen auf Vorrat fabrizieren müssen, um zur Besichtigung ein Lager aufweisen zu können, denn den Amerikanern importiert nur die Masse. Um die Kosten der Verzinsung nicht tragen zu müssen – denn mein Betriebskapital war arg zusammengeschrumpft – kam ich auf den Gedanken, die Maschinen die Zinsen selbst hereinbringen zu lassen. Sie standen ja fix und fertig da und konnten arbeiten. Also begann ich die Schuppen zu erweitern und ließ die Maschinen Seidenstrümpfe und Bänder und Litzen als Verkaufsware fabrizieren, was das Zeug hielt. Ein alter pennsylvanischer Herr hatte mich Wochen hindurch beobachtet. Er hatte wohl auch meine Sorgenfalten gesehen, als die Verfalltage der Wechsel für die Rohmaterialien in beängstigende Nähe rückten. Er war ein Yankee aus der Schule Penns, des Begründers der christlichen Bruderliebe, hatte in der Brust ein Herz und im Kopf eine Rechenmaschine. ›Mister Wuppermann,‹ sprach er mich eines Tages an, ›Sie sind ein nüchterner Mann. Das ist gut. Aber Sie sind zu viel allein. Und das ist nicht gut. Wollen Sie mit in mein Haus zum Dinner kommen?‹ Natürlich wollte ich, und wir gingen die paar Meilen bis zur nächsten Stadt. Dort fand ich Mary, seine Tochter. In einer Häuslichkeit von puritanischer Einfachheit, aber von einer Sauberkeit, die mir in die Augen blitzte wie meine polierten Maschinenteile. Vier Wochen darauf waren wir verlobt. Weitere vier Wochen, und wir waren verheiratet. Aber gar nicht puritanisch, kann ich dir sagen! Zuerst kam ein Zwillingspärchen. ›Schön wie die Engel,‹ meinte meine Mary, ›und dem Papa wie aus dem Gesicht geschnitten.›« Er schmunzelte. »Zum Dank gab's dann einen Jungen und dann noch ein Mädchen, die beide der Mary gleichen mußten.«
»Und die Maschinen, die seidenen Strümpfe und die Baumwollitzen?« fragte Wegherr heiter.
»O nein,« bemerkte der Erzähler, »die kamen nicht ins Hintertreffen. Der alte Pennsylvanier steckte das Heiratsgut seiner Tochter klug und gedankenvoll in die Fabriken. Da wuchsen aus den Schuppen Fabrikgebäude mit allen Errungenschaften der Neuzeit. Und ein jedes Unternehmen, die Maschinenfabrik, die Strumpfwirkerei und die Bandweberei, wird fein gesondert für sich betrieben, und nur der Gewinn fließt in eine Kasse. In welche, brauch' ich dir kaum noch zu sagen.«
»Du hast dir wirklich eine Heimat geschaffen, Georg,« sagte Ernst Wegherr nach einer Pause.
Und Wuppermann antwortete nach einigem Sinnen: »Ich glaube, mehr meinen Kindern, Ernst. Den Kindern und der Frau. Ich selber trage immer noch ein wenig Erde von der Herzbachstraße an den Stiefeln. Du verstehst. In Deutschland lebt sich eine Jugend und ein Leben doch wohl schöner, trotz der Arbeit. Und ich bin jetzt Dreiundvierzig. Aber es geht auch so, etwas lederner, aber es geht. Was hast du?«
Ernst Wegherr wies in die sinkende Sonne. Die stand wie ein Ordensstern am tiefen Himmel und sandte ihre Strahlen in alle Fernen. Und die Strahlen liefen zusammen in einen rotgelb leuchtenden Feuerkreis im ockergelben Himmel. Der Herbstwald aber, vom indianischen Sommer in Gold und Blut gefärbt, hob sich weit, weit ringsum wie eine einzige dankende Altarflamme zur scheidenden Sonne empor. Und der Feuerkreis ging in ein stürmisches Rosa über und in ein tief beruhigendes Violett. Die Luft stand still, von Leuchtkraft geschwängert. Ein grüner Schleier wehte über den Himmel hinweg, als wollte er die Hoffnung der Menschen heben und halten über die Nacht hinaus.
Die Sonne war untergegangen.
»Ah,« sagte Ernst Wegherr und schloß die Augen, um das Bild zu bewahren.
»Träumer,« rief ihn der Gefährte an, »wovon träumst du? Wir müssen weiter!«
»Als ich herüberfuhr,« sagte Ernst Wegherr, während die Pferde schnaufend aufwärts klommen, »sah ich an der englischen Küste einen Sonnenuntergang. Blutrot wiegte sich der Sonnenball, riesengroß, auf der Wasserlinie. Ein Segler zog vorüber. Tiefschwarz stand das weiße Segel gegen das Rot. Wie ein Totenschiff schien's. Und ich warf ihm alle meine schweren Gedanken zu wie totes Gut. Die Sonne schoß ins Wasser, und das Schiff war im Dunkel untergetaucht.«
»Gut, daß du auf dem anderen Schiffe fuhrst, Ernst, und das überflüssige Gepäck los warst.«
Wuppermann wußte nicht weiter. Der lebensfrohe Freund hatte Schweres erlebt. Aber der Mann der Arbeit vermochte nicht die Worte zu stellen zum Befragen der Seele, und so würgte er an einem Satz.
»Ich hoffe, du hast eine gute Reise gehabt, Ernst.«
»Sie konnte nicht besser für mich sein. Sturm durch den ganzen Atlantik hindurch. Das machte den Schädel frisch, sag' ich dir. Die Mehrzahl der Passagiere kam überhaupt nicht mehr an Deck. Da gehörte das Schiff und die See und der weite Himmel mir ganz allein. Nur eine kleine Stuttgarterin wagte sich aufs Promenadendeck und kämpfte sich mit vorgebeugtem Oberkörper stundenlang durch den Sturm, als gälte es, Land zu erreichen. Aber das Land, das uns mehr und mehr entglitt. Eine reiche amerikanische Kusine hatte sie mitgenommen aus dem Schwabenländle und den tausend Mädchenfreuden heraus und ihr ein goldenes Leben in Neuyork versprochen. Aber schon an Bord änderte sich die Sache, und über Nacht war das feine schwäbische Mädchenblümchen zur Pflegerin und Kammerfrau einer launenhaften Lady herabgedrückt. Nun lief sie mit weitaufgerissenen Augen durch den Sturm und suchte das Verlorene.«
»Armes Ding,« brummte Wuppermann.
»Noch ein Menschlein trieb sich in dem Unwetter umher,« fuhr Wegherr fort. »Ein kleiner, vierzehnjähriger Schiffsjunge. In Cuxhaven war seine Mutter an Bord gekommen, um ihren Jung' unter Tränen noch einmal in die Arme zu nehmen. Der aber riß sich los und warf sich mächtig in die Brust. Jetzt kroch er mutterseelenallein auf Deck herum und putzte die kupferne Laufstange an der Reling, wusch das an Deck geschlagene Wasser wieder herunter und fror in seinem dünnen Anzug, daß ihm die Zähne klapperten. Mit jedem Tag wurde es toller mit dem Sturm. Die groben Seen fegten über Bord in wildem Gischt. Einer Arena voll von Schimmelgespannen glich das Meer. Wo sie vorübergejagt waren, kreisten sekundenlang grünkristallene Flächen hinter ihnen drein. Da dachte ich an die Sage von den kristallenen Schlössern der Meerfrauen und ob sie im ersten Menschenhirn wohl so ihren Ursprung genommen hätte. Aber der kleine Schiffsjunge dachte ganz sicher nicht daran. Der fror und fror mit den ängstlichen Augen eines verlaufenen Hundes und wurde immer weniger. Dort drüben wogte ein Wellenkranz wie ein Reigen ausgelassener Nixen. Dort türmte und senkte sich ein ungeheurer Wasserberg wie eine gewaltig atmende Frauenbrust. Bilder, die uns alle Kleinheit wegreißen und an das Große gewöhnen. Fest stand eine schwarze Wolkenwand. Eine andere schob und zerrte sich daran vorüber. Nun hob sie sich ein wenig, und ein schwefelgelber Streifen lag über der stehenden Wolkenbank, wurde goldverklärt, wurde silberumsäumt und purpurdurchwirkt, und über den hastig entrollten Farbenteppich ging mitten im Sturm zwischen den beiden Wolkenbänken ruhig und gelassen die Sonne zu Bett. Überirdisch, ein Riese hinter einem zerrissenen Bettvorhang.«
»Donnerwetter« … murmelte der Zuhörer. »Du hast Augen.«
»Auch die kleine Stuttgarterin hatte Augen. Ich sah es ihr an, daß sie alle ihre Sorgen und Besorgnisse vergessen hatte vor diesem kühnen Spiel der Natur. Nur der schmalgewordene Schiffsjunge kauerte totenblaß auf einem Haufen Schiffstaue und hatte blaue Lippen. Er tat recht, sich zu grauen. Und nie vergeß ich diese Nacht und die folgende. Pfeifend und heulend sauste der Sturm dem Schiff in die Flanke und legte es auf die Seite, daß in den Kabinen Tische, Stühle und Koffer krachend durcheinanderflogen. An Schlaf war nicht zu denken. Und der Tag wurde nur schlimmer. Gegen Abend tobt ein Orkan. Alle Satane heulen in der Luft. Eine Woge schlägt das Haus von der Kommandobrücke, eine andere reißt einen Haufen Matrosen zu Boden, eine dritte haut das Rettungsboot herunter, und es muß von Freiwilligen geborgen werden. Währenddem spielt die Musik im Gesellschaftsraum die ›Washington Post›, und ein Dutzend Snobs von Amerikanern und Amerikanerinnen wiegen sich in großer Toilette im Tanz. Und sie tanzten noch, als der Spuk der Nacht die Spitze erreichte und auf Achterdeck sechs Matrosen bei Lichterschein einen Schlafsack schleppten, um den die schwarzweißrote Flagge geschlungen war. Der kleine Schiffsjunge fror nicht mehr. Er war in der Nacht zuvor an heftiger Lungenentzündung eingegangen und lag nun warm im Schlafsack eingenäht. Der Kapitän, die dienstfreien Offiziere und der Arzt bildeten das Geleite. Ich schließe mich an. Das Schiff dreht auf Kommando bei und reitet atemschöpfend auf den Wogenkämmen. Der Kapitän spricht ein Vaterunser. Die Matrosen erklettern im brüllenden Sturm die Reling. Ein Bleigewicht an den Sack. Der Junge verschwindet im Wassergrab. Irgendwo in der Ferne schluchzt eine Mutter auf und weiß nicht weshalb …
Ich fragte den Ersten Offizier, was für ein Tag heute ist. ›Merken Sie das nicht?‹ fragte er grimmig zurück. ›Sonntag! Der liebe Gott ist an Land, in die Kirche, deshalb ist der Deubel auf See!‹ – –«
»Menschenskind,« seufzte Georg Wuppermann tief auf, »was war das für eine Fahrt!« Und nach einer Pause: »Da wird dir wohl die Lust an Amerika mächtig vergangen sein!« –
Die letzte Bergkuppe lag vor ihnen. Schon gewahrten sie ein ruhig blinkendes Licht. Und über den Waldwipfeln hob sich still und klärend der Mond.
»Es ist dieselbe Sonne und derselbe Mond hüben wie drüben,« sagte Ernst Wegherr. »Was will da das Land besagen? Wer nichts zu verlieren hat, hat nur noch zu gewinnen. Und dennoch, der erste Blick auf die neue Welt war überwältigend.«
»Ah – also auch du – das freut mich wahrhaftig.«
»Ja, Georg, auch ich. Wie wohl jeder. Und nun denke dir den phantastischen Szenenwechsel. Eben noch stürmen die empörten Wellen hervor, und plötzlich, wie auf Befehl, kriechen sie winselnd zu Kreuze. Die See wird ruhiger. Der Himmel ist von wildgeformten Wolken bedeckt. Und jäh kommt der Mond. Alle Wolken durchleuchtet er, besiegt sie, frißt sie einzeln auf. Und in dem gleißenden Mondlicht erscheint, wie auf der Bühne das Ballett, am Himmel ein Tanz von Sternen.
Wir fahren durch die Nacht, und ich stehe vorn am Bugspriet und spähe, spähe immerfort in das Dunkel der Ferne. Da springt ein Licht auf, ein zweites, ein drittes, eine ganze Girlande jetzt, die unbeweglich in der Luft hängt. Die Lichter sind Amerika.
Und dann der Morgen. Die Nähe in zitternder Sonne, die Ferne noch geheimnisvoll verhüllt von zarten Nebelschleiern. Und nun – mir war, als hätte der Herrgott leise das Kommando: Vorhang hoch! abgegeben – löst sich aus den Nebelschleiern, einer Fata Morgana gleich, ein Ungeheueres in der Ferne, eine ragende Märchenburg, erst in den Umrissen zu erkennen. Der Block der Wolkenkratzer der unteren Stadt Neuyork. Dahinter, kühn geschwungen, die Brücken Brooklyns. Ein Gemälde, daß mir der Atem stockt.
Wir fahren ein. An dem prunkenden Freiheitsstandbild vorbei in den Hudson hinein. Die Märchenburg löst sich auf in Riesengebäude, die sich wie Türme und Kirchen gen Himmel dehnen. Dazwischen das Gewimmel der Häuser. Die Kais liegen vollgepackt von hochbordigen Ozeandampfern. Die Ferryboote, angefüllt von Arbeitermengen und Geschäftsleuten, schießen kreuz und quer über die Wasserfläche. Unsere Musikanten spielen wie toll. Wir drehen bei, landen in Hoboken. Ich gehe an Land und bin in einem Ameisenhaufen. Amerika!«
Georg Wuppermann lauschte, Spannung im Gesicht, der Schilderung. Und lauschte noch hinter ihr drein, als der andere längst geendet hatte.
»Zweimal,« sagte er dann endlich, »habe ich das Bild nun selber gesehen. Aber jetzt sah ich es erst richtig. Gib schnell noch mal deine Hand, die Sangesbrüder nahen. Gottverdimmich, wie ich mich freu', daß du herübergekommen bist. Willkommen in Amerika!«
Und wie auf ein Stichwort erklang es aus dem Gebüsch der Plattform, die die Pferde schnaubend erklommen hatten, im Männerchor:
»Willkommen hier, vielliebe Brüder,
Seid uns mit Herz und Hand gegrüßt!
Und wie der Klang geteilter Lieder
In einen Klang zusammenfließt,
Soll auch die Freundschaft uns umschlingen
Mit ihrem jugendlichen Kranz.
Auf, laßt die Becher lustig klingen:
Dem Wohl des deutschen Vaterlands!«
Ernst Wegherr horchte auf. Was war das? Das erste Lied auf amerikanischem Boden sang das Lob – des deutschen Vaterlandes?
Er kam nicht weiter in seinen Gedanken. Ein Dutzend Hände hoben ihn aus dem Sattel, ein mächtiges Schulternpaar beugte sich vor ihm, nahm ihn entgegen und ließ ihn von seinem Thronsitz über die durcheinander rufenden Menschen ragen. Eine Stimme löste sich los. »Gentlemen: Unser Landsmann Doktor Ernst Wegherr – hipp – hipp – hurra! Hurra! Hurra!« Und unter Indianergetöse ging es in die Halle.
»Hallo, Ernst!«
Eine Hand klopfte auf Wegherrs Schulter. Da stand ein Mann vor ihm, Studentennarben auf Wange und Stirn, das Einglas im Auge.
»Finkler! Also doch nicht verschollen.«
»Auf diesem kleinen Planeten? Was da verloren geht, findet sich alles in Amerika wieder. Hier trifft man sich heute in Neuyork, morgen in Neuorleans, als gäbe man sich in Berlin heute am Potsdamer Platz, morgen am Alexanderplatz ein Stelldichein. Freut mich, dich zu sehen, Doktor!«
2
Sie saßen in der Halle, aus deren hohen, vorhanglosen Fenstern der Blick über das weite, mondbeschienene Bergland schweifte, über das weiß schimmernde Gewoge von Tälern und Höhen. Als ob sie aus einem Adlerhorst lugten in die majestätische Einsamkeit.
Der Stimmaufwand, mit dem die Einführung Wegherrs begleitet worden war, hatte sich in ein lustig durcheinanderschwirrendes Geplauder gelöst. Zu beiden Seiten der langen Tafel saßen sich die Männer gegenüber, und die Tafel war geschmückt mit bunten Herbstblumen und zahllosen Fähnchen, die das Schwarzweißrot der alten Heimat zeigten und die Streifen und Sterne der neuen. Offenen Auges überschaute Wegherr die Versammlung und suchte in den Mienen der einzelnen zu lesen, was bedeutsam war.
Wuppermann saß ihm zur Linken. Er folgte aufmerksam den Blicken des Freundes und gab, während Wirt und Aufwärter die schweren Schüsseln herumreichten und die braunen Rheinweinflaschen auf die Tischplatte setzten, Erklärungen und Beschreibungen.
»Es ist eine alte Sitte,« sagte er, »daß wir uns hier versammeln. Jedesmal am Monatsende. Sozusagen, um uns für den kommenden Monat wieder das Rückgrat zu steifen. Das tat damals, als wir den Kreis gründeten, noch ganz besonders not. Wir waren ungefähr in denselben Jahren in Neuyork an Land gespien worden, Leute von mehr oder weniger Bildung, mit schwererem oder leichterem Herzen, aber alle in einem sich gleich: keinen Dollar in der Hosentasche, verdeubelt knurrende Mägen und den einzigen Wunsch: Durch! Der eine lernte den anderen kennen, ließ sich trösten oder anpumpen, und daraus wurde so eine Art Gemeinschaft. Es ist merkwürdig, wie die Menschen der bedrängten Lagen eine Witterung füreinander haben.«
»Und der Herr dort mit dem glattrasierten, kräftigen Gesicht und den leuchtenden Augen?« fragte Wegherr. »Gehört er auch eurer Brüderschaft an?«
Wuppermann blickte hinüber. »Ich sagte ja schon, du hast noch deinen scharfen Blick. Das ist Frank Willart, den du meinst. In Amerika geboren, aber von deutschen Eltern. Eine Sehenswürdigkeit, wenn du willst. Denn ob er auch als Amerikaner geboren ist und als echter vollwichtig gilt, glaubt er so stark an die Sendung des Deutschtums, wie du es unter den Eingewanderten wenig und in der nächsten Geschlechtsfolge überhaupt nicht mehr findest.«
»Ein fesselnder Kopf. Was will der Mann bei euch?«
»Er kommt schon seit Jahren. Ziemlich regelmäßig. Das Bild wechselt hier nämlich oft und bringt immer neue Gesichter aufs Tapet. Die alten Gründer sind längst über alle Staaten verstreut, finden sich aber immer ein, wenn sie zufällig in der Nähe sind. ›In der Nähe‹ nennt man in Amerika so einige hundert Meilen. Dazu kommen die Neuankömmlinge, die an den einen oder anderen von uns empfohlen sind. Zuerst war es uns heiliger Ernst mit dem Monatsabend. Zusammenhalt und Kräftigung des Deutschtums stand auf unserer Fahne. Na, und dann ging's, wie es immer geht, wenn ein paar Dutzend Deutsche sich zusammenfinden zu löblichem Tun: es wurde ein prachtvoller Kommers daraus.«
Wegherr lachte. »Und deshalb steigt auch Herr Willart auf den Berg?«
Wuppermann legte ihm beschwichtigend die Hand aufs Knie. »Er sieht herüber. Er trinkt dir zu. So ist's recht. Mr. Willart ist jemand, von dem man in der Geschichte dieses Landes noch einmal sprechen wird. Er sammelt einen Bund der Deutschen. Aus höheren Gesichtspunkten und zum Besten Amerikas. Das ist der Grund, weshalb er öfter von Philadelphia herüberkommt.«
»Der Mann gefällt mir,« murmelte Wegherr. »Und der Dicke dort? Neben dem kräftigen jungen?«
»Vater und Sohn Unkelbach. Sie nennen sich ›die letzten Rheinländer›. Erstens, weil sie allein noch weiterkneipen, wenn die sämtlichen Heerscharen um sie herum längst erledigt sind, zweitens, weil sie in guten und bösen Tagen immer gleich fidel bleiben, und drittens, weil Vater und Sohn aneinanderhängen wie Pech und Schwefel. Der Alte kam vor dreißig Jahren ins Land. Weshalb, weiß keiner. Man munkelt, er habe mal einen Freund seiner Frau kurzerhand durch das Fenster geworfen, weil ihm die Haustür für den Kerl zu anständig erschien. Jedenfalls kam er mit nichts anderem als seinem Jungen auf dem Arm vom Schiff heruntergeschritten und hat dann in Amerika so ziemlich alle Arbeiten verrichtet, die einer mit Muskelkraft verrichten kann. Nur für seinen Jung. Und die beiden sind sich wirklich alles: Heimat, Familie, Erinnerung und Hoffnung.«
Ernst Wegherr nickte. Dann nahm er sein Glas und trank dem Alten zu.
»Prosit!« donnerte der herüber. »Scheinen vernünftiger Mensch! Trink mit, Jupp!« Und der Junge schwenkte mit dem Alten zugleich sein Glas.
»Könnt ihr mich nicht auch auffordern, ihr Sackermenters?« schrie ein Hagerer, Sehniger, mit grauem Schnurrbart im ledergegerbten Gesicht, den beiden zu. »Ist das die rheinische Nachbarschaft übers Meer verpflanzt? Jawoll, Nachbarschaft! Wenn ich aus meinen Kleveschen Wäldern herausspuckte, flog's in den Rhein.«
»Aber über die holländische Grenze,« rief der Alte, »und das war Ihr Glück. Trinken wir's herunter, Baron. Prosit! Der Rhein!«
»Das ist eine Figur für sich,« erklärte Wuppermann vergnügt. »Ein Baron von Dachsberg. Woher er stammt, hast du ja gehört. War bodenlos reich und verjuxte so wild sein Geld wie der berühmte Graf von Luxemburg. Mit dem Rest kam er hier an, verjubelte ihn in Neuyork, ging nach Jahresfrist rein abgebrannt nach Virginien als Pferdehüter, von dort mit einigem Ersparten nach Neu-Mexiko und – ist ein großer Pferdezüchter geworden. Eine ganz famose Haut. Und Nummer Eins in seinem Fach.«
Wuppermann sah sich im Kreise um. »Wen nenn' ich dir schnell noch. Der Große dort, früherer preußischer Offizier, nach Amerika abgeschoben und jetzt ein Ingenieur von Ruf. Neben ihm, der mit dem versonnenen Blick, Inhaber einer chemischen Fabrik, vor Jahren Musikdirektor in Sachsen. Sein Nachbar, der Lange, hatte in Württemberg schon seine erste Probepredigt gehalten, mußte jahrelang auf Anstellung warten, ging nach Amerika, verkaufte auf den Straßen Zuckerzeug und fabriziert es nun im großen. Der mit dem Zeuskopf ist ein Professor aus Neuyork, dem in Deutschland das Pedantentum nicht mehr paßte und der hierzuland als Muster eines Schulmeisters wirklich Bedeutendes gewirkt hat. Die anderen Herren kamen meist herüber, um als Kaufleute ihr Glück zu machen oder als Farmer auf billigem Regierungsland schneller zur Selbständigkeit zu gelangen als drüben. Bleibt noch der Aufgeregte übrig, am Tischende. Ein Zeitungsverleger aus einer kleinen pennsylvanischen Stadt, die menschgewordene Empörung, daß sein Käseblatt – nun, meistens für Käse Verwendung findet. Damit könnten wir schließen.«
Wegherr dankte ihm. Doch immer wieder ging sein Blick von einem der Männer zu dem anderen, die sich willensstark aus dem Nichts emporgearbeitet hatten oder daran gingen, sich die Heimstätte zu schaffen. Und es zog ihm durch den Sinn, welche Unsumme an Kräften dem Vaterlande verloren ginge, gewönne man das Beste in ihnen nicht zurück zum Festhalten an deutscher Art.
Die Mahlzeit war zu Ende, die Tafel abgeräumt. Nur Flaschen und Gläser bedeckten noch den Tisch. Und jetzt erst erhob sich der erste Tischredner. Es war der Ingenieur, der vor langen Jahren als junger Mensch abgedankte preußische Offizier.
»Meine Herren,« sagte er, und lautlose Stille trat ein. »Wir haben die Freude, einen deutschen Landsmann unter uns zu sehen, einen Mann dazu, der den Ruhm deutscher Wissenschaft über die Meere trägt. Wir wollen ihn ehren, indem wir Deutschland ehren, wir wollen Deutschland ehren, indem wir unsere Gläser füllen und ausrufen: Es lebe der Kaiser!«
Aufrechtstehend leerten die Versammelten ihr Glas. Und setzten sich nieder.
Seltsam bewegt stand Wegherr am Tische. Ob dieses Hoch von der einsamen Bergkuppe des pennsylvanischen Waldes das Ohr des Kaisers erreichte? Das Hoch seines ehemaligen Offiziers, der sich zu neuer Stellung emporgearbeitet hatte? Geschah es, so müßte es Landesvatergedanken in ihm wecken, Vatergedanken, die den Söhnen gelten, und unter ihnen denen, die der stärksten Liebe teilhaftig werden müssen, den Söhnen, die in der Welt verstreut sind und nicht verloren gehen dürfen, sich nicht verlieren sollen.
»Meine Herren,« begann Wegherr, und die Blicke all der Männer, die nach zäher Arbeit hierherkamen, um allmonatlich sich für ein paar Stunden in die alte Heimat zurückzuversetzen, hingen an seinem Munde. »Ihr hochverehrter Redner hat mir eine doppelte Ehre erwiesen. Indem er mich willkommen hieß, widmete er sein Glas der Heimat, aus der ich komme, und dem Abbild unserer Heimat, dem Kaiser. Ich danke Ihnen für diesen starken Willkommengruß. Durch ein Weltmeer von Deutschland getrennt, darf ich dennoch unter Ihnen sitzen, als säße ich im wärmsten Winkel des deutschen Landes, und wieder einmal erfahren, daß Blut dicker als Wasser ist. Wir sind, was wir schaffen! Und mit Stolz sehe ich mich unter Männern, die trotz Schicksalsschlägen und Wetterstürzen, ja gerade durch sie, Männer geworden sind, die als Vorbilder dienen können, wie man das Leben meistert, willensstark und ohne Bangen, lachend und zähe. Das ist die alte deutsche Art, die sich nicht kümmert um das Achselzucken der Daheimgebliebenen und nicht um das Stirnrunzeln der neuen Umgebung. Männer, die sich durchsetzten, ohne den Humor am Leben zu verlieren, sind vom allerbesten Stoff, selbst wenn in der Jugend der Becher überschäumte. Nie und nimmer ist aus einem Duckmäuser ein Lebensbezwinger geworden.«
Der alte Unkelbach sprang auf. Seine Augen lachten. Seine Kinnbacken arbeiteten, als ob sie ein Wort herausstoßen wollten. Es ging nicht. Und er schlug mit der Hand durch die Luft, trank sein Glas aus und setzte sich.
»Sehen Sie, meine Herren,« fuhr Wegherr fort, »das ist es, was mich unter Ihnen erregt und bewegt. Ich weiß sehr wohl, daß der, der nach Amerika geht, sich nicht in eine deutsche Kolonie begibt. Aber den deutschen Namen tragen sie mit sich und die deutsche Art und bleiben dadurch, wohin sie auch in der Fremde kommen und welches Land das neue Heimatland wird, des alten Vaterlandes Verbündete von Blutes wegen. Mehr als je schieben sich in der Welt die Rassen gegeneinander und aufeinander. Kommt der Tag der großen Auseinandersetzung, den wir sicher nicht herbeiwünschen wollen, kommt er aber, so möge er die germanischen Elemente einig und stark an allen Ecken und Enden der Welt finden, damit das Wort von der Vereinsamung Deutschlands ein Wahn wird. Dann, ja dann, wird der Deutsche unbezwingbar sein. Meine Herren, ich trinke auf das Wohl von Deutschlands Söhnen in der Fremde, deren Liebe stärker ist als jedes Schicksal. Ich trinke Ihr Wohl!«
Er leerte sein Glas und setzte sich.
Es blieb still in der Halle. Keine Hand rührte sich zum Beifall, kein Mund öffnete sich zu einem Bravoruf. Aber der ehemalige preußische Offizier und der wilde Baron, der württembergische Theologe und der sächsische Musikant, die wettergebräunten Farmer und die nervösen Kaufleute, sie alle, die an der Tafel saßen, erhoben sich still, als schäme sich einer vor dem andern, von ihren Stühlen, gingen um den Tisch, schüttelten Wegherr fest die Hand und suchten still ihre Plätze wieder auf. Hinter seinem Sohn kam als letzter der alte Unkelbach. Er ergriff wie die anderen Wegherrs Hand, schüttelte dann den Kopf und zog den Überraschten an die breite Brust.
»Alles, wat recht is,« sagte er, und sein schallender Kuß löste den Bann.
»Gesangbücher her!« schmetterte der ehemalige Musikdirektor in den Jubel hinein. Der versonnene Blick war gewichen. Aus seinen Augen leuchtete die alte Musikantenfreudigkeit. »Wir singen: Mein Lebenslauf ist Lieb und Lust und lauter Liederklang!«
»Herr Kapellmeister, wie wär's mit: ›Der Graf von Luxemburg hat all sein Geld verjuxt, trallera›?«
»Kommt auch noch an die Reihe. Ehre, wem Ehre gebührt, Herr Baron. Siewünschen, Herr Unkelbach?«
»›Trinke nie ein Glas zu wenig,‹ Herr Kapellmeister.«
»Bereits vorgemerkt. Die anderen Herren brauchen sich nicht zu bemühen. Jedem das seine. Nun? Woran hapert's denn noch?«
Der Zeitungsverleger hatte das Wort verlangt. Der aufgeregte Mann drehte so lange und heftig sein Glas auf der Tischplatte, bis der Kelch vom Stengel sprang.
»Meine Herren,« rief er und tupfte mit der Serviette den Wein von der Weste, »die seltene Erhabenheit der Stunde verlangt doch wohl etwas anderes von uns als die Übungen eines Gesangvereins. Ich will bei Gott nichts gegen Gesangvereine sagen. Die edle Pflege des Gesanges –«
»Ja, was wollen Sie denn sagen?« rief der Baron.
»Herr Baron!«
»Hier!«
»Meine Herren, wir haben soeben beredte Worte gehört. Sie haben gehört –«
»Ja, wenn wir et doch schon mal gehört haben …«
»Herr Unkelbach senior, mein Prinzip ist, eine gute Sache –«
»Kann man auch zweimal hören. Dat is doch nix Neues. Darum steht ja auch alles zweimal in Ihrer Zeitung.«
»Herr Unkelbach senior« – der aufgeregte Mann nahm das Glas seines Nachbarn und leerte es. »Schön, schön. Da Sie gerade von meiner Zeitung sprechen –«
»Gott sei Dank, et war et Stichwort.«
»Und es soll es bleiben. Kein wahres Deutschtum, keine wahre Kultur, kein – kein – rein gar nichts kann erhalten bleiben, wenn die wahren Träger dieses Deutschtums, dieser Kultur, dieser – dieser – um es kurz zu sagen: nicht die hinreichende und verständnisvolle Unterstützung finden. Ja, ich spreche von der Zeitung. Jeder kann hier mit geringfügigen Mitteln mithelfen, am großen Werk, jeder kann durch ein Abonnement –«
»Wir tun es ja doch nicht.«
»Herr Baron!«
»Wieso denn? Sie kaufen mir ja auch keine Pferde ab.«
Da gab der Kapellmeister das Zeichen.
Und aus den Kehlen der Männer, die sich das Leben um die Ohren geschlagen hatten und den Kampf suchten, wenn er nicht zu ihnen kam, denen nur wohl war in grimmer Schaffenslust, um den letzten Hauch von Heimweh zu betäuben, schallte es jugendselig durch die Halle:
»Mein Lebenslauf ist Lieb und Lust
Und lauter Liederklang …«
Ernst Wegherr sang es mit. Wie oft hatte er es als junger Student gesungen. In Deutschland – dazumal. So sorgenlos und heiter, wie wohl der Professor einst, der jetzt seinen Bariton schwelgen ließ, wie der Theologe und Zuckerzeugfabrikant, dem die Erinnerung inbrünstig die Stimme hob, wie der Leutnant, der es einst auf dem Marsch ins Manöverfeld gesungen und gepfiffen hatte, und die anderen alle, die mit roten Köpfen dem Liede ihre Stimme liehen. Der Baron hatte seine Umgebung vergessen. Seine Stimme schrillte. Sie tat keinem weh. Vater und Sohn Unkelbach aber saßen und sangen Auge in Auge:
»Herein, herein, du lieber Gast,
Du, Freude, komm zum Mahl,
Würz uns, was du bescheret hast.
Kredenze den Pokal!«
Und nach jeder Strophe stießen sie kräftig miteinander an.
Und nun folgte Lied auf Lied.
»Wie gefällt es dir?« fragte Wuppermann schmunzelnd den Freund.
»Es tut mir gut.«
»Ja, siehst du, den anderen tut's auch gut. Das ist das große Vergessen im Erinnern. Schau sie dir an. Jeder glaubt, er wär' daheim.«
»Ah, es tut mir so unendlich gut, Georg.«
»Nimm dich vor der Heimatstimmung in acht. Herz in die Hand, feste, du Herzbachstraßensohn. Augen auf. Alles halb so schlimm, wenn man die andere Hälfte abzieht. Hörst du? Da jubiliert selbst der pennsylvanische Zeitungsverleger wie eine Lerche.«
Wegherr lachte schon wieder. »Unsinn,« sagte er. »Wo steckt denn unser guter Wilhelm Finkler?«
»Mr. Will Finkler läßt im Nebenzimmer gerad' einen Drahtbericht über den ›prominenten‹ Besuch des ›prominenten‹ deutschen Historikers Doktor Ernst Wegherr an seine Neuyorker Zeitung vom Stapel. Wir haben hier nämlich Telegraphenverbindung. Bis in die ödeste Einöde. Und Wilhelm Finkler von der Herzbachstraße müßte in Amerika nicht Mister Will Finkler geworden sein, wenn er nicht aus jedem Telegraphendraht Kapital schlüge. Da kommt er. Hallo, Finkler!«
»Hallo, gentlemen. What's the matter?«
»Sprich Deutsch, Mensch. Du bist hier nicht unter Botokuden.«
»Mein lieber Wuppermann,« erwiderte Finkler und zog sich gemächlich einen Stuhl heran, »die Fabrikation von seidenen Strümpfen scheint mir kein hinreichender Entschuldigungsgrund für sonstige gänzliche Unkenntnis. Die Botokuden, mein Lieber, treiben ihr freundlich Wesen mit allerlei Schießgewehr in den Urwäldern Brasiliens, haben weder von englischer Sprache noch von seidenen Strümpfen die entfernteste Ahnung und radebrechen höchstens ein wenig Portugiesisch. Stimmt's, Doktor?«
»Es stimmt geradezu bewundernswert, Finkler.«
»Ja,« meinte der Journalist gelassen und füllte sich ein Glas, »da redet man von den großen menschlichen Errungenschaften. Es gibt nur eine: das Konversationslexikon. Man braucht nur halbwegs des Lesens kundig zu sein und wird über die staunende Masse der Menschheit emporgehoben. Prosit, Doktor.«
»Und nach der Herzbachstraße erkundigst du dich gar nicht?«
»Sie ist sechzig Schritt lang und zehn Schritt breit. Anzahl der Häuser: vier. Sollte sich das geändert haben? Vielleicht stinkt's nicht mehr so grauenhaft nach dem alten Bach.«
»Riecht's in Amerika besser?«
»Wird nicht behauptet. Aber hier kann ich umziehen, wenn's mir zu toll wird, ohne an meinen Erinnerungen zum Rabenvater zu werden.«
»Wir haben ihn!« schrie Wuppermann und schlug auf den Tisch.
»Mir ist auch so,« meinte Wegherr lächelnd. »Da kam unter dem amerikanischen Dreß ein Stückchen von der alten Haut zum Vorschein. Er hat von Erinnerungen gesprochen. Weißt du noch, Georg, wie er mit der kleinen Marie aus dem ersten Hause jeden Samstagnachmittag zum Botanisieren in die Wälder zog?«
»Donnerwetter,« fuhr Finkler auf, ließ das Einglas aus dem Auge fallen und war ganz bei der Sache. »Die kleine Marie. Das liebe, süße, mollige Ding. Herrgott nochmal, haben wir uns in allen Torbogen abgeküßt. Noch, als ich Student war und sie damals achtzehn. Bis meine in der guten Universitätsstadt Bonn angebundenen Bären so furchtbar brüllten, daß ich als Zwischendecker einem sogenannten ehrenvollen Rufe nach Amerika folgte. Ach Gott, Kinder, die Marie. Was wird sie in all den Jahren ohne mich angefangen haben?«
»Vier reizende kleine Mädels hat sie,« sagte Wegherr, »ich habe sie gesehen.«
»Wa–as?« Finkler hob das Einglas und befestigte es im Auge. »So eine Gemeinheit.«
»Erlaube, lieber Freund, das kleine lustige Mädel hat als Frau ihre Mutterpflichten hervorragend erfüllt.«
Finkler schüttelte den Kopf. »Verstehst du das denn nicht? Diese vier Rangen führen nun die Sammelnamen Müller oder Schulze, und sie hatten die glänzende Aussicht, Finkler zu heißen. Das ist doch wohl ein himmelweiter Unterschied. Und im nächsten Jahre wollte ich hinüber und mir das Mädel holen. Aber hat je ein Mensch gehört, daß Frauenzimmer abwarten können?«
»Lieber Wilhelm, sie ist unterdes Vierzig geworden, geht ganz gewiß nicht mehr botanisieren und liebt die Torbogen nur noch, weil sie für stattliche Personen einen bequemeren Hauseingang darstellen. Sie ist sehr stattlich geworden, wenn es dich tröstet.«
»Gerechter Himmel,« sagte Will Finkler und griff sich an die Stirn. »Vierzig Jahre? Du kannst beschwören, daß sie nicht mehr achtzehn ist? Dann wäre ich ja schon zweiundzwanzig Jahre im Lande Onkel Sams? Wo ist die Zeit geblieben?«
»Nun, nun,« beruhigte Wuppermann, »es gibt ja auch Mädchen in Amerika.«
Finkler sah den Tröster von unten herauf an. »Mein Liebster, vorläufig bin ich noch durchaus nicht unterstützungsbedürftig. Ich bin noch sehr wacker auf den Beinen. So wacker, daß ich immer noch einen prachtvollen Hechtsprung machen kann, wenn das Netz heranschwirrt, um mich zu fischen. Und nun, Gentlemen, eine Bitte: wir wollen den Gegenstand wechseln.«
Quer durch die Halle kam sporenklirrend der Baron. Ein paar der jüngeren Deutschen drängten ihm nach. Nun hatte er die Freunde erreicht. »Erlauben Sie, meine Herren?« Und er setzte sich breitbeinig an den Tisch. »Auf ein Wort, Mister Finkler.«
»Es kommt mir auf eine Handvoll nicht an, Baron.«
»Hören Sie, diese Betbrüder da« – und er wies auf seine Begleiter – »wollen von dannen, weil morgen Sonntag ist. Die Bangebüxen fürchten sich vor ihren frömmelnden Nachbarn im Städtchen. Als ob nicht grad der Sonntag zur Freud' geschaffen wär'! Aber diese tapferen Teutschen müssen natürlich noch amerikanischer sein als die Yankees. Schön. Sind meinethalben Gewissenssachen. Und wenn nicht, geht's mich auch nix an. Aber haste nich gesehen, wie sie sich drücken wollen, setzen sie mir voll christlicher Nächstenliebe einen Floh ins Ohr.«
»Das ist kein Floh, Herr Baron,« verwahrten sich die Angegriffenen. »Der Ex-Präsident hat sich tatsächlich unvorteilhaft über die Regierenden Europas geäußert. Er hat sie doch besucht. Er muß es doch wissen.«
»Ruhe!« donnerte der Baron. »Nix muß er wissen. Natürlich, ihr Grünhörner glaubt, nur den geheiligten Boden Amerikas betreten zu brauchen, um waschechte Republikaner zu sein. Feixt nicht. Das ist die Stelle, wo ich sterblich bin. Bitte, Mister Finkler, Sie sind als Neuyorker Journalist verpflichtet, alleszu wissen.«
Finkler lehnte sich im Stuhl zurück. Mit dem Gesicht eines Diplomaten.
»Da haben Sie nicht unrichtig kalkuliert, Baron. Mein Freund Roosevelt, der Ex-Präsident, war erst kürzlich mit mir zum Lunch. Und zwischen Suppe und Pudding ließ er in seiner bekannten scharfsichtigen Weise die Häupter Europas vorbeimarschieren.«
»Ließ er. Hm. Vor drei Monaten erst war er Gast bei diesen Häuptern. Scharfsichtig beliebten Sie diese Weise zu nennen. Nun, wir wollen über den Ausdruck nicht streiten, obwohl ich einen besseren dafür wüßte.« Und er trommelte kurz und drohend auf der Tischplatte.
Finkler lächelte nur.
»Belieben Sie, mich ausreden zu lassen, Baron. Ich kalkuliere, Sie werden dann anders über den Fall denken. Es ist wahr, der Ex-Präsident nahm kein Blatt vor den Mund. Aber das tun Sie ja auch im vertrautesten Kreise nicht, Baron. Und die Hauptsache war: die Stimmung wurde sehr vergnügt. Da erzählte er zum Beispiel von der Königin von …«
»Herr, ich verzichte darauf. Alle fremden Könige und Königinnen gehen mich den Deubel an. Was hat er über den Kaiser gesagt?«
Seine Hände ballten sich. In seinem ledergegerbten Gesicht zuckte es ein paarmal auf. Doch Finkler nahm nicht die geringste Notiz davon.
»Mr. Roosevelt meinte« – er sann nach – »richtig, der Ex-Präsident meinte, lediglich Wilhelm II., Deutscher Kaiser, wäre imstande, auch als Präsident von Amerika seinen Mann zu stehen.«
Die Fäuste des Barons schlugen auf die Tischplatte.
»Verdammt, das war Roosevelts Glück.«
Und dann lachte er schallend auf.
»Das ist Roosevelt, ganz Roosevelt, ganz Yankee. Merkt ihr denn nicht, wie er sich selber durch seine ›scharfsichtige› Charakterisierung den Platz Nummer I offen hält? Wie er mit beiden Zeigefingern auf sich selber zeigt und es doch dabei so fingert, als ob er dem ganzen erleuchteten Amerika eine Bombenschmeichelei sagte? Ach, er ist ein Schlauberger, euer Mr. Roosevelt, und ich hab' meine helle Freud' an ihm, weil er euch so niederträchtig richtig einschätzt.«
»Der Kaiser hat auch seine Fehler,« widersprach der eine von des Barons Begleitern.
»Nee,« trumpfte der andere auf, »ein Engel ist er auch nicht, Baron. Das möchten Sie wohl.«
Der Baron klatschte vor Vergnügen auf seine Schenkel.
»Muß es denn gleich in den Himmel gehen? Engel? Cherubim? Und seid ihr verjankisierten Misters Miller und Piper himmlische Heerscharen, ihr Rhinozerosse? Werdet zunächst Deutsche, ihr amerikanischen Betbrüder, das genügt dem Herrgott vollständig!«
»Wir entschuldigen Sie, Baron.«
»Bitte, bitte. Gern geschehen. Na, kommen Sie gut nach Hause.«
»Ach, Doktor,« seufzte er und nahm dankend ein Glas Wein entgegen, »wie schön muß es jetzt in Deutschland sein. So unter dem lieben vierbeinigen Rindvieh oder im Wald oder so ganz glückselig auf gestrecktem Pferderücken hinter der Meute her. Mußte da dieser Nirgendzuhaus Kolumbus Amerika entdecken. Nun soll er's gar nicht mal gewesen sein. Das gönn' ich ihm.«
»Ja,« sagte Wegherr, »Sie haben Recht, es ist nirgendwo schöner. Und Sie könnten das Glück doch haben.«
»Kann ich auch, Doktor, werde ich auch. Als ich vor zwanzig Jahren herüberwechselte, stach mir vor allem die Freiheit und Gleichheit in die Augen. Das, glaubte ich, liegt deinem Temperament am besten. Prost die Mahlzeit. Als ich an dem Freiheitsstandbild vorüberdampfte, in den Neuyorker Hafen hinein, klopft mir so ein alter Wetterkundiger auf die Schulter. ›Da, sehen Sie sich das Ding an, das ist das letzte Stück Freiheit, was Sie hierzulande zu sehen kriegen.‹ Der Mann sprach die Wahrheit. Das ist hier keine Gesetzgebung, das ist eine Gesetzgebungsseuche, in jedem Staat, in jedem Städtchen, die Weiber voran, und wo die nicht wollen, kriegen Sie als ausgewachsener Mann nicht mal 'nen Tropfen Whisky auf die Zunge. Die Gleichheit aber – Herr, verzeih's ihnen – die Gleichheit besteht in der Hauptsache darin, daß jeder Rüpel neben Ihnen seine gottverfluchten Beine über Ihren Tisch legen darf, ohne daß Sie sich nur wundern dürfen. Doktor, ich habe meinem alten Deutschland viel abgebeten.«
»Und haben es doch zwanzig Jahre ausgehalten?« fragte Wegherr.
»Da lag der Knüppel beim Hund. Der Bien' mußte. Rechnen war immer meine schwache Seite. Meine hochgeborene Vetterschaft behauptete sogar: meine schwachsinnige Seite, und versuchte darob, mich unter Vormundschaft zu stellen. Das gelang ihnen nun bös daneben. Tja, und in meiner Vergnügtheit machte ich dann einen Streich, der meine Börse – amerikasüchtig werden ließ. Man hatte Dachsbergschen Familientag angesetzt, im einzigen feudalen Hotel der Stadt, die allen am bequemsten lag. Mich hatte man als räudiges Schaf ausgeschlossen. Ich erhielt tags zuvor Witterung, reiste in der Nacht noch hinüber, lasse mir den Wirt kommen, kaufe ihm innerhalb einer Stunde den ganzen Hotelkram ab, mit gewaltigem Aufgeld notabene, und lasse durch den Hausknecht die ganze Vettern- und Basenschaft, wie sie nacheinander angerollt kommt, hinausweisen. So gelacht hab' ich mein Lebtag nicht. Ich verkaufte dann für die Hälfte, suchte die indianischen Jagdgründe auf, kriegte Geschmack an der Arbeit, spürte langsam den Segen in meine Kasse träufeln, unterhandle nun wegen Rückkaufs meines Gutes im Kleveschen, schlage dann meine Zuchtfarm los und hoffe, in Jahresfrist wieder« – er atmete tief auf, und sein helles Organ war plötzlich wie verschleiert – »daheim zu sein.«
Wegherr reichte ihm wortlos die Hand. Sie wurde mit festem Griff gepackt und geschüttelt. Dann erhob sich der Baron. Er sah älter aus.
»Mr. Finkler,« sagte er und lächelte, »ich appelliere an Ihre deutsche Kameradschaft. Unterschlagen Sie Ihrer Zeitung meine Beichte. Damit mir der Geschäftsabschluß nicht verdorben wird. Der Doktor hier hat so etwas Urheimatliches. Das brachte mich zum Schwätzen. Ich hab' Ihr Wort, meine Herren. Auf Wiedersehen.«
Und er stelzte aufrecht von dannen, suchte seinen Freund Unkelbach auf und rief bald mit Kommandostimme nach einer neuen Flasche.
»Ist und bleibt der alte Husar,« brach Wuppermann endlich das Schweigen. »Schade, daß er geht. Wird uns sehr fehlen. War hier der Sauerteig unter den Selbstzufriedenen.«
»Einseitig, aber vorwärtstreibend,« sagte eine ruhige Stimme.
»Ah, Mr. Willart.« Wuppermann war aufgesprungen. »Schön von Ihnen, daß Sie auch unsere Ecke mal beehren. Sie kennen meinen Freund Doktor Ernst Wegherr?«
»O, ich kenne ihn nicht erst seit heute abend. Und ich rechne mich in aller Bescheidenheit schon seit Jahren zu seinen Freunden. Herr Doktor, nehmen Sie es bitte nicht als eine der landläufigen Artigkeiten. Ich habe mit aufrichtiger Bewunderung Ihre historischen Forschungen verfolgt und mir zunutze gemacht.«
Wegherr hatte sich erhoben. Und Wuppermann gab Finkler einen Wink, die beiden Herren allein zu lassen.
»Es freut auch mich, Sie näher kennen zu lernen, Herr Willart,« sagte Wegherr herzlich. »Mein alter Freund Wuppermann spricht mit ganz besonderer Wärme von Ihnen. Und wenn ich meinen Augen nicht trauen dürfte, dürfte ich seinem Verstand trauen. Würden Sie mir erklären, weshalb Sie den Baron einseitig nannten?«
»Recht gern, Herr Doktor. Ich bitte, Platz zu behalten. So, jetzt plaudert es sich gemütlicher. Sehen Sie, ich habe mir im Laufe der Zeit und meiner Beobachtungen angewöhnt, die deutschen Einwanderer in drei Klassen einzuteilen: die einseitigen, die doppelseitigen und die vielseitigen. Die Vielseitigen verschmelzen sich auf der Stelle. Sobald sie an Land kommen, nehmen sie mit dem Volkstum Sprache, Ausdrucksweise, gute und schlechte Gewohnheiten – besonders aber die letzteren – der eingeborenen Bevölkerung an, um sofort für echt gehalten zu werden. Würden sie nach Afrika gehen, so würden sie sich keine Minute besinnen, Neger zu werden. Menschen ohne Vaterlandsgefühl, ohne Rassestolz, kurz: Abhub der Menschheit. Wenden wir uns von diesen Jammergestalten ab, die jedem Lande, aus dem sie stammen, zur Schande gereichen, obwohl sie sich Kosmopoliten dünken. Die Doppelseitigen sind bemerkenswerter. Sie stellen die Mehrzahl. Sie kommen herüber mit dem festen Willen, gute Bürger der Vereinigten Staaten zu werden, wünschen aber trotzdem ihr Deutschtum aufrechtzuerhalten. Das fangen sie nun meist an der verkehrten Seite an. Sie zersplittern sich in hundert deutsche Vereine und machen, wenn's darauf ankommt, vor dem eingeborenen Amerikaner eine tiefe Verbeugung. Das ist die tiefeingewurzelte deutsche Ehrfurcht vor allem Fremdländischen. Und gerade diese Ehrfurcht weiß der Anglo-Amerikaner überhaupt nicht zu würdigen. Er nimmt sie als Unterwürfigkeit, als Mangel an männlichem Selbstbewußtsein, dünkt sich turmhoch höher, und gerade er, der so stolz auf seine Stammesart pocht, hegt eine stille Verachtung gegenüber jedem Lakaientum. Unter den Doppelseitigen gibt es Ausnahmen, Männer, die den Kopf hoch tragen, die sich die neue Heimat gründeten in dem Bewußtsein, deutsche Kulturträger zu sein. Mit ihnen und den Unzähligen, die sich zu sich selber bekehren werden, wird dieses Land eines Tages rechnen müssen.«
Aufmerksam hörte Wegherr zu. »Und die Einseitigen?« fragte er.
»Die Einseitigen? Ja, wie soll ich sagen, um ihnen gerecht zu werden? Sie finden kein gutes Haar an Amerika, sie bleiben nach zwanzigjährigem Aufenthalt dieselben noch, die sie waren, als sie sich in Hamburg oder Bremen einschifften, sie sehen nur alles das, was dem Amerikaner noch fehlt, um ein eigenes Kulturvolk zu werden, und übersehen das Großartige, was der Amerikaner für die Zivilisation aus dem Nichts geschaffen hat. Da sie aber vor allem ihren eigenen Landsleuten scharf auf die Finger sehen und jede Anbeterei und Nachbeterei mit Hohn und Spott übergießen, so möchte ich sie das kritische Gewissen der Deutschamerikaner nennen. Leider treibt es sie nach Jahren in die alte Heimat zurück. Leider! Denn es fehlt an Sauerteig, wie Freund Wuppermann es soeben richtig benannte.«
»Wie hoch schätzen Sie die Gesamtzahl der Deutschen?« fragte Wegherr aus seinen Gedanken heraus.
»Wenn Sie deutsches Blut meinen, Eingewanderte und im Lande geborene Kinder deutscher Eltern: 15 Millionen und mehr.«
»Welch eine Macht in der Hand eines Führers!«
»Ich denke wie Sie, Doktor Wegherr.«
Beide hatten sie den Blick erhoben. Und klar und ruhig sahen sie sich in die Augen.
»Der Weg, Herr Doktor,« begann Willart nach einer Pause, »kann nur durch deutsche Kultur gewonnen werden.«
»Kultur kann nur von Selbstbewußtsein kommen, Herr Willart.«
»Also gilt es, die deutschen Elemente dieses Landes selbstbewußt zu machen, selbstbewußt im Hinblick auf ihre Rasse, auf die Kulturhöhe dieser Rasse und ihren Weltberuf. Dann erst können sie daran gehen, Hand in Hand mit den germanischen Geschwisterrassen die große Aufgabe dieses Landes zu lösen, mit den englischen, holländischen, skandinavischen Elementen vereint. Erst muß der Yankee Hochachtung lernen, und die gewinnt er nur vor unbeugsamem Willen und ziffermäßigen Tatsachen. Ein politisch Lied. Ich möchte Ihnen den schönen Abend nicht verderben.«
»Nein,« sagte Wegherr, »wie könnten Sie das! Sie, der Sie voller Hoffnung auf eine große Zukunft sind.«
»Das bin ich, Herr Doktor. Und die Tatsachen werden mir einst Recht geben. Werfen Sie einen Blick auf die Einwandererlisten. Wer nicht blind sein will, muß zur Vernunft kommen. Deutschland behält seine Söhne jetzt daheim, bis auf eine nicht mehr in Betracht kommende Zahl. Was uns heute überschwemmt, sind die minderwertigen Bestandteile osteuropäischer und südeuropäischer Völker: Russen, armselige russische Juden, Balkanleute, Italiener. Lassen Sie das noch eine Geschlechtsfolge so fortgehen, bis die Kinder sich mit unseren mischen – was für eine Rasse wird aus den Amerikanern werden? Wie weit wird sich ihre Kultur zurückgeworfen sehen? Wann wird es zu einer eigenen kommen, die mit Stolz die amerikanische heißt? Es stehen uns schwerere Aufgaben bevor, als nur das Land zu erschließen.«
Wegherr nickte. Dann fuhr er auf. Man hatte an der Tafel ein Abschiedslied begonnen. Die letzten Flaschen polterten eilig auf den Tisch.
»Glückliche Menschen,« sagte Willart mit leisem Lächeln. »Die machen sich keine Gedanken über das, was für die Söhne und Enkel sein wird.«
»Und wir sitzen hier wie die Verschwörer,« lachte Wegherr. »Kommen Sie, wir wollen heute zu den anderen gehören. Eine Mondnacht lang, eine Mondnacht auf pennsylvanischen Bergen, weg mit den Grillen und Sorgen.«
Eine Stunde noch saßen sie in der überlustigen Runde, jungen Studenten gleich. Bis sich der Zeitungsmann aus der pennsylvanischen Kleinstadt noch einmal vom Stuhl erhob.
»Meine Herren,« begann er, »meine Herren, Sie lassen die Dollars rollen. Wofür? Ich sehe scharf, für geistige Getränke. Was der Kehle recht ist, ist der Seele billig. Ein Abonnement auf meine Zeitung, ein Probeabonnement –«
Der Baron hieb auf den Tisch.
»Und ich tu's nicht, und wenn Sie mir 'nen Dahler zulegen.«
Und was noch zu reiten vermochte, stieg unter brausendem Gelächter in die Sättel.
3
Quer durch den Wald zog der Reiterzug. Der steile Abstieg wurde vermieden. In Kehren, die nur in der Einbildung des Führers bestanden, mußte die Bergkuppe, auf der sich die mondbeschienene Halle hob, umritten werden, mitten durch krachendes und splitterndes Unterholz. Aber der Baron war der Führer. Den grauen mexikanischen Schlapphut in den Nacken geschoben, trabte er scharfen Auges voran, ließ auf wegsamen Strecken den Gaul angaloppieren und ruhigtastend im Schritt gehen, wenn ihm die Stämme von links und rechts wieder auf die Hacken rückten. Er ritt mit dem Instinkt des Reiters der Wildnis. Er hätte sich mit derselben Sicherheit in den Pampas Argentiniens und in den Urwäldern des Amazonenstromes zurechtgefunden wie in dem Menschengewühl der Pariser Boulevards.
Dicht an seine Fersen hielten sich Unkelbach Vater und Sohn. Der Alte saß wie angegossen auf seinem kräftigen Pferd, und in der Reiterkunst gab er trotz seines Schwergewichts dem hageren Baron kaum nach. Auch hier war der Sohn das Abbild des Vaters. Und wenn der Baron bei einem kühnen Ansprung seinen wildesten Jauchzer erschallen ließ, so schrien Vater und Sohn Unkelbach um die Wette mit.
Wegherr ritt, als hätte er Zeit seines Lebens nichts anderes getan, als im nächtlichen pennsylvanischen Bergwald den Hals gewagt. Sein Kopf war frei von allen drückenden Gedanken, seine Brust dehnte sich, und die Seele wurde ihm so seltsam jung wie eine Knabenseele im Abenteuerland. Immer wieder flog ihm ein Lachen von den Lippen. Wo war er? Was tat er? Wer war er geworden? So unglaublich phantastisch dünkte ihn das Brausen des deutschen Reiterzuges durch die amerikanische Nacht.
Nun kamen sie an den Fußpfad. Der Baron wandte sich im Sattel um und winkte mit der Hand.
»Seid ihr alle beisammen?«
»Wenn Sie noch beisammen sind?«
»Wartet, Jungens, ich werde euch Appetit auf das Frühstück machen.« Und in atemlosem Galopp führte er weiter bis zum nächsten Kreuzweg. »So, und nun habe ich euch wohl genügend ins Gebet genommen, daß ihr die Morgenkirche sparen könnt.«
Die Hälfte des Trupps verabschiedete sich. »In vier Wochen!« riefen sie und winkten mit den Reitpeitschen.
»Bringt mehr Durst mit!« donnerte der alte Unkelbach hinter ihnen her. Dann hatte der mächtige Wald sie verschlungen.
Der Pfad war breiter geworden, und Wegherr ritt eine Zeitlang an der Seite des Barons.
»Geradenwegs wieder nach Neu-Mexiko, Herr Baron? Oder erst noch eine Ausspannung?«
»Hab' noch in Washington zu tun. Geschäfte mit der Bundesregierung. Stellen ein neues Artillerieregiment auf, und dafür habe ich gerade die drahtigsten Gäule. Alles Groschen für meine Klevesche Klitsche, Doktor.
»Also unbeschränkter Urlaub. Sie haben's gut.«
»Urlaub?« verwunderte sich der Baron. »Von wem Urlaub? Ach, du lieber Gott, Sie trauen mir doch keine Frau zu? Nee, Verehrtester, davor hat mich der niederrheinische Himmel im Kleveschen bewahrt, und auf den amerikanischen pfeif' ich. Scherz beiseite, Doktor. Könnt' es mir sonst so gut gehen?«
»Also eingefleischter Weiberhasser?«
»Was?« schrie der Baron. »Nicht im Traumzustand! Ich kann mir gar nichts Famoseres denken als so ein niedliches, properes Geschöpf. Aber sehen Sie,« fügte er lachend hinzu und klopfte den Hals seines Pferdes, »da erzählen uns doch die lieben Weiberchen immerzu, sie wollen nichts als unser Glück. Schön, sage ich, dann schenkt mir ewiges Junggesellentum. Juhu!«
Das Pferd tat bei dem Wonneschrei einen Satz, als wollte es ausbrechen. Aber der Baron hatte es fest in der Hand. »Nee, nee, Doktor, über das Wohlbefinden des Junggesellen geht nichts, aber rein gar nichts. Sie dürfen Ihr eigener Mensch sein, werden nicht zur Ohrenbeichte herangezogen, brauchen über Gehen und Kommen keine Rechenschaft abzulegen und abends nicht das Portemonnaie vorzuzeigen, können die Köchin hinausschmeißen und auf den Tisch hauen und tausend schöne Dinge tun, von denen der guterzogene Ehemann erst im Todesschlaf zu träumen wagt. Ach ja, der Schlaf. Wie köstlich ist der Schlaf des Junggesellen. Kein Mensch hustet in Ihrem Zimmer als nur Sie, immer haben Sie Recht, und die Zähne dürfen Sie sich ganz alleine putzen.«
Er schauderte in den Schultern, ließ das Pferd angaloppieren und entfloh vor den eigenen Bildern.
Lachend verhielt Wegherr seinen Gaul und wartete die anderen ab. Es waren noch Unkelbach Vater und Sohn und Georg Wuppermann. Mit ihnen ritt er weiter, bis die Landstraße erreicht war und es wieder ans Abschiednehmen ging.
»Die Unkelbacher reisen mit mir nach Washington,« erläuterte der Baron. »Haben einen Fleischkontrakt abzuwickeln. Von dort geht's zusammen heim. Die alte rheinische Nachbarschaft wird nämlich zwischen Südwest-Kansas und Neu-Mexiko fortgesetzt. Auf Wiedersehen, meine Herren. Ein ander Mal im Leben. Hat mich wirklich gefreut, Doktor.«
Dann nahmen die Unkelbacher das Händeschütteln auf. Gegen seine Gewohnheit war der Alte ernst, als er Wegherrs Hand presste.
»Verdammt,« sagte er, »Sie haben so einen frischen Luftzug aus Deutschland mitgebracht. Ich wollt', Sie hätten's nicht getan. Aber ich bin doch arg froh.« Warf seinen Gaul herum und sprengte kerzengerade hinter den anderen drein.
»Prachtkerle, Georg. Und dieser unverwüstliche Lebensmut.«
»Und hausen mutterseelenallein. Der eine auf seiner Pferdeprärie, die beiden anderen auf ihrer Rindviehranch. Aber einmal im Jahr besuchen sie uns. Wenn sie in Washington mit der Armeeverwaltung zu tun haben.«
»Und alle drei unbeweibt?«
»Alle drei. In den westlichen Staaten sind die deutschen Mädels rar, und vor den Amerikanerinnen haben sie eine Heidenangst.«
»Was ich von den Amerikanerinnen gesehen habe,« meinte Wegherr im Weitertraben, »war nicht übel. Aber die Frauenfrage scheint hier ein gefährliches Kapitel zu sein.«
Wuppermann dachte nach. »Ja und nein,« sagte er dann. »Man muß die Sache nur mit amerikanischen Augen betrachten. Daß die amerikanische Frau eine andere Stellung einnimmt als die deutsche, ist weltbekannt. Ob aber diese Stellung eine bessere, sagen wir mal: für das Volkswohl gesündere ist, das steht freilich auf einem anderen Blatt. Will man ganz gerecht sein, so muß man einen Blick auf die Kulturgeschichte der amerikanischen Frau werfen, und das liegt dir ja als Geschichtsforscher besser als mir.«
»Gut,« sagte Wegherr, »ich will versuchen, mich hineinzufinden, und du magst als Kenner von Land und Leuten nachher die Kritik übernehmen. Die Vereinigten Staaten sind noch sehr jung. Bei Licht betrachtet kaum 100 Jahre alt. Der Riesenteil aber, der Westen und Nordwesten, war bis vor einigen fünfzig Jahren noch menschenleer. Denn die Indianerstämme zählen hier nicht mit. Dann kam auf die Kunde von den amerikanischen Goldfunden ein Strom von Männern ins ungeheure westliche Land. Trapper, Farmer, Abenteurer aus den Städten diesseits und jenseits des Ozeans, alles wusch und grub Gold. Frauen gab's in den wilden Lägern keine. Wo sich eine zeigte, wurde sie wie eine Heilige oder doch wie die größte aller Kostbarkeiten verehrt. Die Goldsucherei hörte eines Tages auf. Die Männerscharen verstreuten sich in den unendlichen Gebieten, nahmen Land in Besitz, wurden Weizenbauern und Viehzüchter oder gründeten Handelsniederlassungen, die wie Pilze aus der Erde schossen und sich schnell zu großen Städten verdichteten. Immer noch bildeten die Frauen in der Kindheit dieser neuen Länder eine geringe Minderheit. Und wie alles Seltene, so hatten sie die höchste Bewertung und den höchsten Preis. Um ihre Kleinodien zu hüten, scharten sich die Männer einer Farm, eines Jägerlagers, einer Ortschaft oder einer Stadt zusammen und verteidigten sie gegen Wind und Wetter, gegen Indianerüberfälle und Negergier. Die Beleidigung ihrer Heiligen, ihrer Frauen und Mädchen, wurde mit Blut gesühnt. Einen Wunsch der Frauen zu erfüllen, und setzte man Hals und Kragen dafür ein, galt in der Wildnis wie in den aus der Wildnis aufgeschossenen Städten als selbstverständliche Ritterpflicht. Was Wunder, daß das den Frauen und Mädchen zu Kopfe stieg, daß sie das, was in der Wildnis Rechtens gewesen war und eine moralische Schule der bunt zusammengewürfelten Männer, bald auch in die Kulturzentren des Ostens einführten. Hier nahmen es die Gebildeten erst als Sport, aus dem Sport aber erwuchs eine Wirklichkeitsregel, die nicht mehr wie Baseball oder Tennisschläger beiseite zu legen war. Der amerikanische Frauenkultus war zum Dogma geworden, aus ritterlichem Spiel ein krankhafter Ernst.«
»Ausgezeichnet,« lobte Wuppermann staunend. »Nur das Wort krankhaft will mir nicht gefallen.«
»Ist es nicht krankhaft,« fuhr Wegherr im Eifer fort, »wenn alles über eine Schnur gezogen wird? Ich bin wahrhaftig ein Frauenverehrer und Frauenlob, aber ich möchte mir doch die Freiheit bewahren, diese Verehrung dort zu betätigen, wo sie am Platz ist. Wo der Gegenstand sie aus sich selbst heraus bewirkt. Jede Naseweisheit eines grünen Gänschens aber für eine Erleuchtung zu halten und vor jeder Laune einer überheblichen Frau in die Knie zu knicken, nur weil ein Unterrock im Spiel ist, dafür möchte ich mich mit meiner männlichen Würde doch allerbestens bedanken. Will die Frau als ein höheres und idealeres Wesen behandelt sein, so soll sie sich danach betragen, und der Männer Betragen wird sich von selber danach richten. Anders ist es eine künstliche Raserei, die aus Frauen Kokotten und aus Männern weibische Gesellen macht.«
Wuppermann hatte aufmerksam zugehört.
»Ich unterschreibe das vollständig,« erwiderte er. »Eine Frau, die immerzu mit dem kleinen Finger winkt, und ein Mann, der das Maul zu halten hat, wenn er sich nicht gerade vor dienstlichem Übereifer überschlägt, sind mir beide gleich widerlich. Aber – und nun kommen zwei wichtige Aber: ›aber‹ erstens findest du diese Gattung Frauen auch in Berlin und Paris und allen möglichen Städten drüben wie hier, wenn sie auch naturgemäß bei uns zu Lande wegen der jüngeren Kultur erschrecklichere Ausdehnungen aufweist, und ›aber‹ zweitens gibt es Gott sei Dank heute auch schon bei uns eine Frauenklasse, die etwas Besseres zu tun weiß, als das Gnadenherrgöttle im Unterrock zu spielen, nämlich ihrem Mann fest an die Hand zu gehen und eine tapfere Hausfrau zu sein. Für die Anbetung fällt dann immer noch reichlich Zeit ab. Und, aus erhöhten Wertschätzungsgründen, in verstärktem Maße.«
Eine Weile ritten sie stumm dahin. Dann sagte Wegherr, und in seiner Stimme schwang etwas Fernes mit:
»Du bist ein braver Kerl, Georg, und dein Urteil ist von einer unerschütterlichen Gesundheit. Nun soll ich bald unter dein Dach treten. Und du hast noch nicht erfahren, was hinter mir liegt.«
Georg Wuppermann legte ihm die Hand auf den Arm.
»Ich würde nie danach fragen. Weil ich an dich glaube. Seitdem wir unsere ersten Hosen miteinander zerschlissen. Und deshalb werde ich auch das, was du mir zu erzählen für gut hältst, nur als einen neuen Vertrauensbeweis auffassen. Dort, in dem Gartengelände, liegt mein Landhaus. Es ist zwei Uhr nachts, und morgen ist Sonntag. Wenn du also willst, stehe ich dir als Zuhörer zur Verfügung. Zu Bett hätt' ich dich doch noch nicht gelassen.«
Vor dem Gittertor sprangen sie von den Pferden. Ein Hund schlug an, erkannte seinen Herrn und schwieg. Und über den geharkten Kiesweg führten sie die Pferde in den Stall und besorgten sie selber. Dann erschloß Wuppermann die Haustür, drehte das elektrische Licht an und ließ den Gast über die Diele in sein Arbeitszimmer treten.
»Entschuldige nur eine Minute,« bat er. »Nur einen Trunk zum Willekumm. Nee, nee. Liegt schon in der Küche im Eisschrank zurecht. Du willst mich doch nicht vor meiner Frau lächerlich machen?«
Wie wohlig das hier war. Ernst Wegherr dehnte die vom Ritt versteiften Glieder im bequemen Klubsessel und blickte ringsum. Die Möbel waren von gediegenem Geschmack, die Bücherei in der Ecke gut besetzt, an den Wänden aber hingen die Familienphotographien genau wie in dem Schmiedehaus der Herzbachstraße, nur daß die Reihe durch ein ernsthaftes Frauenbildnis und vier lustige Kinderbilder erweitert war.
Lange sah Wegherr in die ernsten Frauenaugen hinein. »Augen, die Heimatglück bringen,« sagte er vor sich hin.
Wuppermann kam zurück. Er setzte zwei Gläser und eine Flasche auf den Tisch und wies auf die Aufschrift. »Kabinettswein, mein Junge, den kriegten wir in der Herzbachstraße nicht.« Er schenkte ein und stieß mit dem Freund an: »Willkommen in meinem Hause, Ernst. Laß es dir gefallen.«
»Ich danke dir, Georg. Das hätten wir beide einst nicht geahnt.«
Sie saßen in ihren Klubsesseln und sahen dem Rauch ihrer Zigarren nach. Ihre Gedanken waren weit. Und mit einem Male klang aus der Stille heraus Wegherrs Stimme, ruhig und fest, als führe er in einer Unterhaltung fort.
»Das sind jetzt fünf Jahre, daß ich mich verheiratete. Ich hatte also hinlänglich Zeit gehabt, eine Wahl zu treffen. Sie fiel auf eine Frau, die zu den ersten deutschen Schauspielerinnen zählte, und da mein Name als Forscher schon Nachhall gewonnen hatte, hoffte ich, auch von ihr nicht übersehen zu werden. So kam es, daß ich sie bald nicht nur auf der Bühne sah, wo sie mich begeisterte und durch die überragende Wahrhaftigkeit ihres Spiels immer stärker auf mich wirkte, sondern daß ich sie auch bald in einigen der besten Häuser traf, zu deren gesellschaftlichen Veranstaltungen auch ich zugezogen wurde.
Du weißt, es hat immer ein gut Stück Psychologe in mir gesteckt. Das hat ein Geschichtsforscher vor allen Dingen nötig. Darauf verließ ich mich und dachte nicht daran, daß Psychologie und Liebe sich ungefähr wie Feuer und Wasser zueinander verhalten. So gefiel sie mir auch in der bürgerlichen Rolle der Dame nur immer besser, ja, Bühne und Leben schienen mir in ihr an Wahrhaftigkeit des Charakters und Temperaments dasselbe zu bedeuten. Sie bemerkte meine stillen Huldigungen, und da sie sich wohl bei den Gastgebern und Gästen nach mir erkundigt hatte und somit von meiner Anständigkeit als Mann und Wissenschaftler überzeugt sein durfte, so verwehrte sie mir meine Verehrung nicht. Die glücklichste Zeit meines Lebens brach an.
Damals war ich gerade von einer längeren Studienreise zurückgekehrt und hatte eine Professur übernommen. Die Studenten strömten mir zu. Sie wurden wohl nicht betrogen, wenn auch das Feuer, das bis in meine Beredsamkeit hineinlohte, nicht allein meinen wissenschaftlichen Forschungen entsprang. Abend für Abend, wenn Margarete eine große Rolle spielte, saß ich irgendwo im Dunkel des Theaters, ließ kein Auge von ihr, sog den Ton ihrer Stimme auf, glaubte ihre Seele in meinen Händen zu tragen. Das war kein blindes Verliebtsein. Das war ein Erkennen und Verstehen im Reiche des Geistigen.
Aber auch der Verliebte kam zu seinem Recht. Wenn ich sie an der dunklen Straßenecke, gegenüber dem Schauspielereingang, erwartete, war mir wie einem seligen Primaner zumut. Ich glaube sogar, dies war mein erstes ernsthaftes Abenteuer. Und deshalb berauschte es mich so über die Maßen. Dabei hatte ich sie noch nicht geküßt. Das geschah an einem späten Theaterabend, als wir in heftigem Wortstreit durch eine Anlage schritten und sie mir plötzlich die Lippen hinhielt. Mein Gott« …
Sein Gesicht färbte sich. Er kämpfte etwas nieder und fuhr fort:
»Von nun an stritten wir kaum noch beim Nachhauseweg. Wir wurden – nun ja – wir wurden das echte und rechte Liebespärchen. Wie die Kinder waren wir. Sobald die Straße leer war, hingen wir uns so fest ineinander ein, daß wir alle drei Schritte stehenbleiben mußten, um Luft zu schöpfen. Aber einer mußte den anderen fühlen, mußte wissen: du bist bei mir, wir sind eins. Und wenn wir uns dabei ›Herr Professor›, und ›Königliche Hofschauspielerin‹ betitelten, so war des kindischen Jubels kein Ende. Ein Universitätsprofessor und eine berühmte Künstlerin wie ein Tanzstundenpärchen in den dunkelsten Gegenden der Residenz – es hatte einen Reiz, der kopflos verliebt machte.
Seltsam, daß ich damals auch nicht eine Sekunde darüber nachdachte, wie dies tolle Tun und Treiben zu der großen Linie passe, die mich zuerst – im Theater wie im Salon – in Bewunderung hatte aufblicken lassen. Meine Sinne standen wohl schon zu sehr im Bann ihrer starken Weiblichkeit.«
Er ließ die kaltgewordene Zigarre achtlos in den Aschenteller fallen und legte die Hände im Schoß ineinander.
»Dann fragte ich sie eines Abends, wann wir heiraten wollten, denn uns das zu fragen, hatten wir bei all unsern Liebesbeweisen noch gar keine Zeit gefunden.
›Heiraten?‹ fragte sie zurück. ›Du willst mich heiraten?‹
›Margarete,‹ sagte ich, ›du bist von einer köstlichen Harmlosigkeit. Was soll ich sonst wohl wollen? Vom Fleck weg heirate ich dich.‹
›Mein hoher Herr,‹ gab sie spottlustig zur Antwort, ›ich bin nur eine arme Magd.‹
›Ich verdiene für zwei, und wenn uns das Glück wohl will, für ein halbes Dutzend.‹
›Ei,‹ sagte sie, ›so hoch bezahlt man in Preußen die Professoren?‹
Da setzte ich es ihr auseinander. Mit dem Stolz des Schaffenden. Daß ich mit den Einkünften meiner Professur kaum rechne, nicht zu rechnen brauche. Daß mich nicht nur mein ererbtes Vermögen unabhängig mache und mir die Mittel für meine Forschungsreisen gewähre, sondern daß der Ertrag meiner wissenschaftlichen Werke allein hinreiche, um einen standesgemäßen Haushalt zu bestreiten. Beides kommt zusammen,« fügte ich hinzu, »und du wirst sehen, wie es mir helfen wird, wenn ich in Zukunft dich zum Begleiter habe in aller Welt, wo es gilt, den Spuren der Geschichte nachzugehen und sie aufzudecken, bis das Erforschte wie ein lebendes Bildnis vor uns steht und kühne und starke Schlüsse ausspricht für Gegenwart und Zukunft. – So redete ich mich in die Begeisterung.
Und Margarete ging nachdenklich neben mir her.
›Ich soll dich begleiten?‹ sagte sie dann aus ihren Gedanken heraus. ›Also meinst du, daß ich meine Entlassung von der Bühne nehmen soll. Nun, wir wollen sehen.‹
›Wir wollen sehen? Was gibt es da für zwei Menschen, die sich liebhaben, noch viel zu bedenken?›
Sie aber blieb dabei. ›Ich will ja nur acht Tage Bedenkzeit. Nicht um zu bedenken, wie groß das Opfer meiner Kunst ist, sondern für uns beide, damit wir uns während der achttägigen Trennung ohne den Rausch des Sehens klar werden, ob wir ohne einander leben oder nicht leben können.‹
Ich willigte ein.
Und diese acht Tage nutzte sie, um über mein Vermögen und meine Einkünfte, über meine Stellung und meine Zukunft die genauesten Erkundigungen einzuziehen. Doch das erfuhr ich erst später.«
Er spielte mit dem Fuß seines Glases, nahm es vom Tisch und setzte es wieder hin, ohne zu trinken.
»Nach acht Tagen gab sie mir ihr Ja-Wort. Erlaß mir die Schilderung meiner Empfindungen. Ein Rausch läßt sich nicht mit Worten malen. Ich wandelte auf Wolken, und nicht auf der Erde. Die Entlassung aus dem Verbande der Bühne wurde ihr nach zähen Unterhandlungen mit dem Abschluß der Spielzeit gewährt. Und diese Monate bis zu unserer Vereinigung nutzten wir zur Einrichtung unseres Nestes.
Nun, es wurde ein Nest, das sich sehen lassen konnte. Da war nicht ein Stück des Hausrates, das nicht die feinen Reize des Altertumswertes besaß, und wer über die alten, farbenheißen Teppiche schritt, dem mußten die Sinne geweckt werden für die geheimnisvollen Schönheiten des Lebens, der mußte etwas wie eine Offenbarung erwarten. So ist es nicht allein mir ergangen.
Die Hochzeit fand statt. Meine Eltern waren tot, von ihrer Familie wußte ich nicht viel. Ihr Vater lebte irgendwo im Osten als Regierungsbeamter, und ein paar Schwestern waren hier oder dort verheiratet. Es hatte seit Jahren schon kein innigeres Band mehr in der Familie bestanden, und es erschien auch niemand von der Familie zur Feier. Aber in großem Stile wurde sie trotzdem gehalten, das hatte Margarete so gewünscht, und der beliebteste Modeprediger mußte im vornehmsten Gotteshaus die Trauung vollziehen. Die Kirche war so gedrängt voll Menschen, wie sonst an Sonntagen nicht. Als ob ein neues Stück im Theater gespielt würde mit der berühmten Schauspielerin in der Hauptrolle. Es war in der Tat so. Margarete trat zum erstenmal in der Rolle von Frau Professor Wegherr auf.«
Ein Zucken ging um seinen Mund. Wie ein schmerzhaftes Lachen. Still saß Wuppermann dem Freunde gegenüber.
Und Wegherr fuhr fort.
»Ich war verheiratet. Ich hatte die angebetete Frau, die bis dahin der Kunst und den Kunstenthusiasten gehört hatte, für mich. Für mich ganz allein. Und ob es auch für den Süden schon etwas weit in der Jahreszeit war, ich entführte sie nach Sizilien. Ich lebte mit ihr ein paar Wochen, die etwas Unwirkliches an sich hatten in ihrem wilden Schönheitszauber. Wie ein Jugendrausch war es auch über sie gekommen, der ihr Bestes hervorrief. Eine Spanne lang. Und dann verlangte sie nach Rom, unter Menschen. Aber Rom war schon in der Sommerfrische, bis auf eine Kolonie von Malern und andern Künstlern, die sie mit der Willkür einer Königin vor ihren Wagen spannte. Ich gebe zu, daß mir die Tributpflichtigkeit eines jeden Mannes, der vor ihr Angesicht trat, eine Art stolzer Genugtuung war. Denn ich – ich war ja der Herr und König dieser Königin und war doch nur der Lieblingssklave.
Ich wurde zum erstenmal furchtbar in meinem Stolz ernüchtert, als es in unserem Beisein zu einer wüsten Schlägerei zwischen zwei jungen Malern kam, die einer im andern den glücklichen Nebenbuhler witterten. Die übrigen nahmen Partei. Und die Osteria, in der wir den Abend zuzubringen gedachten, erdröhnte von dem Geschrei der wahnsinnig gewordenen Menschen. Margarete aber saß in ihrem Stuhl vorgebeugt und nahm mit funkelnden Augen das widerwärtige Schauspiel in sich auf.
›Wir gehen,‹ bestimmte ich.
›Nein,‹ antwortete sie nur. Und ihre Stimme war ganz kalt geblieben. Ich weiß noch heute, wie mich die Kälte der Stimme inmitten des heißen Getümmels überraschte. Und plötzlich kam mir der Gedanke, daß sich die Frau neben mir, die Schauspielerin in ihr, nur ein künstlich-berechnetes Schauspiel geschaffen habe. Sie wollte sehen, wie weit sie noch zu wirken vermöge. Da stand ich auf, bot ihr den Arm und führte sie hinaus.
Wir sprachen kein Wort, bis wir in unserem Hotelzimmer angelangt waren.
›Warst du schuld?‹ fragte ich.
Sie hatte seelenruhig schon mit der Nachttoilette begonnen. Sie wandte kaum den Kopf.
›Aber natürlich, Ernst.‹
›Natürlich?‹ gab ich ganz erschrocken zurück. ›Das findest du natürlich? Du, Kind, überlege bitte einmal.‹
›Jetzt noch?‹ lachte sie. ›Aber jetzt liegen sie sich ja in den Haaren! Große Schlußszene des ersten Aktes.‹
›Also wahrhaftig von dir künstlich herbeigeführt?› staunte ich. ›Und diese scheußliche Szene beleidigt nicht dein Frauenempfinden?‹
›Wieso denn nur?‹ gab sie achselzuckend zurück. ›Auf der Bühne hab' ich in noch viel scheußlicheren Szenen mitgewirkt, und meine Kunst ist nur dabei gewachsen. Dort erprobte ich meine Wirkung auf dem Theater, hier im Leben. Studien, lieber Freund, wie du sie für deine Geschichtsforschungen machst.‹
›Um Gottes willen, Margarete,‹ unterbrach ich sie, ›das sind doch unhaltbare Vergleiche. Meine Studien und Forschungen sind mein Lebensberuf. Du aber bist meine Frau geworden. Und so hast du es vor allen Dingen nicht mehr nötig, Studien zu machen, die gegen den guten Geschmack verstoßen. Darin, scheint mir, liegt die Pflicht einer Frau.‹
›Und die Pflicht eines Mannes,‹ gab sie kurz zurück, ›liegt darin, eine Frau nicht mit philisterhaften Reden zu langweilen.‹
›Nennst du das so, wenn ich über deinen guten Ruf wache?‹
›Wenn der gute Ruf einer Frau schon durch einen Kuß litte,‹ spottete sie, ›so gäbe es kaum noch eine anständige Frau auf der Welt.‹
›Du hast ihn – geküßt?‹ fragte ich und glaubte, mißverstanden zu haben.
›Ihn?‹ lachte sie. ›Alle beide. Jeder erhielt einen Theaterkuß. Und dann kam es, wie ich es vorausgesehen hatte. Wenn du nicht ein solcher Philister gewesen wärst, vorzeitig aufzubrechen, hätten wir noch einen viel köstlicheren Spaß erlebt.‹
›Mein Gott,‹ sagte ich und starrte sie fassungslos an, ›sprichst du im Ernst?‹
Sie sah mir ruhig ins Gesicht. ›Ich habe mich nicht verheiratet, um mich zum alten Eisen legen zu lassen. Ich bin an die Huldigungen der Menge gewöhnt. Ich bin daran gewöhnt, sie zu entfesseln. Und diesen Spaß lasse ich mir nicht nehmen. Heute hatte ich Lust darauf.‹
Es war mir nicht möglich, sie zu überzeugen. Alles, was sie an Beweisen zu erwidern hatte, lag meiner Gefühlswelt, meiner ganzen Erziehungswelt so meilenweit fern, daß wir in zwei verschiedenen Sprachen aneinander vorbeireden mußten. Als wir uns zur Ruhe legten, hatte sich eine dünne, unsichtbare Wand zwischen uns aufgerichtet, und die ganze Nacht lag ich wach und zermarterte mein Hirn, wie ich die Wand wieder entfernen könne, bevor sie sich verdichtete. Am anderen Morgen reisten wir ab.«
Eine Weile saß Wegherr stumm. Dann reichte ihm Wuppermann die Hand herüber.
»Erzähle nicht weiter, wenn es dich bedrückt.
Da hob Wegherr den Kopf.
»O nein, es bedrückt mich gar nicht mehr. Je weiter ich dir berichte, desto leichter wird mir. Nur der Anfang war schwer. Da war ich noch mit dem Herzen beteiligt. Nachher wurde ich bloßer Zuschauer.«
Er nahm sein Glas auf und trank es leer.
»Wir reisten nach Deutschland und saßen ein paar Monate in unserem künstlerisch schönen Nest. Aber diese trauliche Schönheit langweilte sie. Ihr alter Theaterarzt, den sie beibehalten hatte, verordnete ihr Ostende. Und wir reisten dorthin. Es war so drückend heiß in der Stadt geworden, daß auch ich eine Erholung brauchen konnte. Diese Erholung bestand in einer immerwährenden Qual. Ich bin nicht eifersüchtig und halte die Eifersucht bei einem Manne für eine Erniedrigung, für ein Aufgeben des Persönlichkeitswertes. Aber ich habe ein unbedingtes Bedürfnis der seelischen Reinlichkeit. Und alle die Blicke, die Margarete zu entfesseln wußte, die sie spielend an sich zog, hochmütig ablehnte und mit einem Augenaufschlag wieder an sich fesselte, alle die suchenden, tastenden, bettelnden Männerblicke empfand ich wie etwas unsagbar Beschmutzendes. Für Margarete aber waren sie eine Quelle des Vergnügens.
Dann kam die Wintersaison in der Residenz. Alles, was zur ›Welt‹ gehörte, strömte bald in unser Haus. Für jeden hatte sie ein Wort, einen Blick, einen Händedruck, der ihm Vertrauliches zu sagen schien. Dabei verlor diese Frau sich selber nicht für eine Sekunde. Alles an ihr war und blieb die große Schauspielerin. So war die Schönheit ihres Körpers, so war – ihre Seele. Das, was man bei anderen Menschen Seele nennt. Ob Offizier, ob hoher Beamter, ob ernster Wissenschaftler: darin mußten sie sich mit dem jüngsten begeisterungsfähigen Studenten teilen, ihr mit aller Hingabe zu huldigen und zu dienen. Von Frau Margarete Wegherr beachtet oder gar ausgezeichnet zu werden, galt bald als neuester gesellschaftlicher Befähigungsnachweis. Und sie blieb lockend wie eine Flamme und kalt wie Eis. Das schürte, weil man die Kälte für einen Kampf mit der Tugend nahm.
Mein lieber Junge, du kennst mich von Kindesbeinen an. Und so wirst du dir selber sagen können, daß ich innerlich zerrissen, tief beschämt und selbst in meiner Wissenschaft gelähmt wurde. Zu häuslichen Szenen lag kein Anlaß vor. Sie wußte bei all ihrem Spiel genau, wie weit sie zu gehen hatte, ohne ihre Stellung zu gefährden. Und gerade das war es, was ich am meisten verabscheute. Keine verzeihliche Leidenschaft, nur ein Spiel, aber ein Spiel, bei dem sie keine Scheu und Schonung kannte.
Als das Winterhalbjahr zu Ende war, mußte ein Entschluß gefaßt werden. Ich gab meine Lehrtätigkeit auf, um mich ein oder zwei Jahre lang frei meinen Forschungen hinzugeben. Der Plan eines neuen großen Werkes stand vor meinen Augen. Ich trug ihn Margarete vor. Aber ihre Neigungen lagen auf einem anderen Gebiet. Und der Gedanke einer Studienreise durch ein paar Erdteile mit allen ihren Mühseligkeiten, aber auch mit aller ihrer Forscherwonne, erschien ihr geradezu als eine Ungeheuerlichkeit, als ein Anschlag gegen die Freiheit ihrer Persönlichkeit. Da ich auf meine Reise nicht verzichten konnte und verzichten durfte, ohne mich und meine Zukunft einfach aufzugeben, so traf ich allein meine Reisevorbereitungen, in der stillen Hoffnung natürlich, sie werde sich dem Ernst meines Entschlusses beugen. Das geschah nun keineswegs. Und so blieb mir als Notanker nur der Gedanke, daß eine zeitweilige Trennung uns wieder näher bringen werde. Ihr Programm ging dahin, den Sommer bei Bekannten auf einem Gut zu verleben, eine Kur in einem Wildbad anzuschließen und sich für den Winter mit einer Gesellschafterin zum Genuß einer Konzert- und Theatersaison einzurichten. So wenig hatten wir uns im Grunde noch zu sagen, daß wir unsere gegenseitigen Pläne guthießen und das übrige der Zeit anheimgaben.
Ich blieb ein Jahr lang draußen. Jetzt erst merkte ich, was aus mir geworden war, was ich brauchte, um mich wieder in die Höhe zu schnellen. Mit beiden Fäusten packte ich die Arbeit an. Und in der Arbeit fand ich mich wieder. Jede Woche schrieb ich meiner Frau einen Brief. Die Antworten trafen unregelmäßiger ein. Ihr Programm hatte sie längst gewechselt. Auf dem Landsitz war die Dame des Hauses der Eifersucht unterlegen und die Stimmung ungastlich geworden. Statt des kleinen Wildbades kamen Trouville und Biarritz an die Reihe. Und der Genuß des Theaterlebens wurde dahin abgeändert, daß sie selber handelnd eingriff, zu großen künstlerischen Veranstaltungen auf der Bühne erschien und sich als Heimgekehrte von einem tobenden Publikum bejubeln ließ. Alles das erfuhr ich stets, wenn es geschehen war. Selbst, wenn ich ein Verbot erlassen hätte, wären Umwege von ihr gefunden worden. Denn sie war unwahrhaftig und ihr Wirklichkeitsstil nur größtes Kunstvermögen.
Mehrere Male hatte ich sie gebeten, nachzukommen, mich in dieser oder jener indischen Stadt zu treffen. Nein, es lockte sie nicht. Sie nannte das vegetieren und nicht leben. Sie fühle sich sehr wohl daheim und wünsche nur, daß mir meine Arbeiten eine ebenso große Heiterkeit des Gemütes bescherten. Das Verletzende traf mich nicht. Die Waffen eines ungleichen Gegners vermochten mir nur ein tiefes Bedauern zu erwecken. Aus der Liebe war Pflicht geworden. Ich konnte wieder lächeln.
Dann kam ich heim. Und fand sie in ihrer Kunst gewachsen. In der Kunst, alles zu nehmen und nichts zu geben, alle Hoffnungen zu erwecken und bis zur lodernden Flamme aufschlagen zu lassen und nicht eine im Ernstfall zu erfüllen. Das Spiel einer schlanken, schönen, gänzlich seelenlosen Katze. Mich konnte es nicht mehr packen wie in den ersten Jahren. Ich hatte meine Arbeit, und der ergab ich mich. Ihr Charakter war für mich nicht mehr als der eines historischen Studienobjektes, den ich ergründet hatte.
Aber nach Jahr und Tag wurde ich jäh aus meiner Zurückhaltung herausgeschleudert. Wohl wußte ich auf Grund meiner Bankauszüge, daß in meinem Hause mit dem Gelde geschleudert wurde. Nun, noch konnte ich es ertragen. Wer es aber nicht ertragen konnte, waren einige der Freunde und Verehrer, die sich zugrunde richteten, um ihrer Königin Feste veranstalten zu können. In einer Nacht wurde ich in die Wohnung eines Beamten gerufen, der Frau und Kinder besaß. Frau und Kinder hatte er vor wenigen Tagen zum Besuch der Großeltern in irgendeine Stadt gesandt. Als ich das Zimmer betrat, lag er mit blutiger Fratze vor seinem Arbeitstisch im Sessel.
Er lebte noch. Die Kugel aus eigener Hand hatte ihn gräßlich zugerichtet. ›Professor!‹ stöhnte er. »Ich bin auch hierin ein Stümper gewesen. Jetzt betrüg' ich mich noch um einen anständigen Tod, wie ich mich um ein anständiges Leben betrogen habe. Dreißigtausend Mark fehlen in der Regierungskasse. Eine Kleinigkeit für Sie, für mich – der Tod. Ich lieg' hier schon eine Stunde seit dem schlechten Schuß. Als ich zu mir kam, dachte ich an die Meinen. Zum erstenmal seit langem – langem. Da kam die Todesangst: du nimmst auch ihren anständigen Namen mit, wenn das da – das da nicht gedeckt wird!›
›Weshalb taten Sie das Allerletzte?‹ fragte ich tief bewegt.
›Das – fragen Sie?‹ stöhnte er. ›Sie? – Nun ja. Sie haben sich stärker gezeigt, ich – war ein Schwächling – verblutete mich – für eine Frau, die Blut trinkt – und mit Steinen bezahlt. Meine Kinder! Helfen Sie!‹
Auf dem Schreibtisch lag, in Stücke zerrissen, eine Photographie. Ein paar Augen blickten mich an … Ich nahm die Fetzen auf und hielt sie dem Sterbenden hin. ›Deshalb?‹ fragte ich.
Er richtete sich auf. Sein bluttriefendes Gesicht verzerrte sich. Den letzten Atem holte er aus der Brust:
›Pfui Teufel – des–halb …‹
Und fiel tot in den Stuhl.
Der Arzt war eingetreten. Das jammernde Dienstmädchen wurde beruhigt und in die Küche geschickt. Ein Unfall, wurde ihr gesagt. Beim Nachsehen der Pistole ein Schuß losgegangen. Und in meinen Ohren das Pfui Teufel des Toten, riß ich mich mit übermenschlicher Kraft zusammen und vermochte den Arzt, der den Tod festgestellt hatte, zunächst mit mir zu dem Vorgesetzten des Verstorbenen zu fahren. Wir wurden sofort empfangen, trotzdem es gegen Mitternacht ging. Und ich berichtete dem alten Herrn, daß der Verstorbene in einer Art von geistiger Verwirrung aus der Regierungskasse einen persönlichen Fehlbetrag gedeckt habe, daß er mir in letzter Stunde gebeichtet habe und ich bereit sei, um der Ehre der Hinterbliebenen willen die Summe sofort zu ersetzen.
Der alte Herr, tief betroffen, nahm meinen Vorschlag augenblicklich an. Er tat es wohl mehr um der Ehre seiner Beamtenschaft willen. Die nötigen Schritte mit dem Polizeipräsidium wurden auf der Stelle eingeleitet, und wir gaben uns ein Schweigeversprechen. Ich breche es dir gegenüber nicht.«
Wuppermann schüttelte den Kopf. Er saß mit zusammengebissenen Zähnen auf seinem Stuhl.
»Dann,« fuhr Wegherr fort, »dann befand ich mich allein auf der Straße, allein in der Nacht, so recht und wahr mutterseelenallein. Ich ging nach Hause und fand meine Frau aus einer Theatervorstellung heimgekehrt. Sie saß mit einigen Herren und Damen in lauter Unterhaltung bei einem Glase Wein. Ich ließ sie in mein Zimmer bitten, und sie erschien höchst verwundert.
›Mein hoher Herr befiehlt?‹
›Schicke auf der Stelle die Leute fort,‹ gebot ich ihr ruhig. ›Die nächste Stunde verträgt kein Publikum.‹
›O, diese nächste Stunde hat bis morgen Zeit,› antwortete sie gelassen und wandte sich zur Tür.
›Du wünschest also, daß ich die Herrschaften selber auffordere?‹ fragte ich. ›Nun, wie du willst.‹
Sie wandte sich blitzschnell nach mir um. Unsere Blicke kreuzten sich. Der meine hielt stand. Da gewahrte sie, daß es Ernst geworden war, nickte mir oberflächlich zu, ging und kehrte nach einigen Minuten zurück.
›Also was gibt es denn so Wichtiges in aller Welt, daß du mir meine harmlosen Freuden störst?‹
›Dein Freund, der Oberregierungsrat, hat sich erschossen.›
Alles in ihr schnellte hoch. Das Gesicht war wie eine Maske der Spannung. Ein paar Sekunden stand sie wie aufgepeitscht. Dann glitt die Spannung von ihr ab, und sie sagte lässig nur zwei Worte: ›Der Dummkopf.‹
Da packte ich sie bei den Handgelenken und schleuderte sie weit von mir, daß sie in der Zimmerecke zusammensank.«
Wegherr hatte sich erhoben. Wuppermann mit ihm.
»Gib mir ein Glas Wein,« sagte Wegherr rauh. Und er trank es in einem Zuge.
»Das war der Schluß, Georg, oder doch wenigstens der Anfang dazu. Denn sie zog ihn verteufelt in die Länge. In der Nacht noch hatte sie das Haus verlassen und ein Hotel aufgesucht. Durch einen Rechtsanwalt schickte sie mir ihre Adresse. Ich ersuchte sie um die Scheidung. Sie spielte die Beleidigte und Gekränkte. Ich ersuchte um die Vorschläge der anderen Seite. Die Antwort war, daß nur in Verhandlungen eingegangen würde, wenn ich von vornherein jegliche Schuld auf mich nähme. Diese Mitwirkung in der Komödie aber war mir zu arg. Meinen anständigen Namen wollte ich mir auf jeden Fall erhalten. Ich bot ihr die Hälfte meines Vermögens bei einer Entscheidung innerhalb vierundzwanzig Stunden. Da griff sie zu und reiste ab, um ihrerseits ›böswilliges Verlassen‹ herbeizuführen. Die Ehescheidungsklage wurde anhängig gemacht, die Aufforderung zur Rückkehr erlassen, der ganze Apparat, erfunden, um einen anständigen Menschen sich selber zum Ekel zu machen, in Tätigkeit gesetzt. Ein ganzes Jahr lang mußte ich mich gedulden. Dann erst konnte nach dem Gesetz der Klage nachgegeben werden. Und wieder verging ein halbes Jahr mit Terminen, Sühneversuchen und Gegenüberstellung, bis das Urteil verkündet wurde. Ich war frei.«
Stumm griff Wuppermann nach den Händen des Freundes und schüttelte sie.
»So bin ich denn herübergekommen, Georg. Andere Luft, andere Menschen, andere Verhältnisse – alles anders mußte ich haben. Um wieder der alte zu werden, mein Junge. Da hast du meine Beichte.«
»Kein Wort mehr davon, Ernst. Und da dachte ich wunder welche Kämpfe ich bestanden hätte. Und war nur mit den Fäusten beteiligt und dem bißchen Mutterwitz. Während du – Himmelherrgott, es liegt mir nicht. Kein Wort mehr davon. Du bist hier, und ich wünsch' dir eine funkelnagelneue Gesundheit in der neuen Welt.«
»Ja,« sagte Wegherr, »eine neue Welt muß mir schon aufgehen.«
»Für Leute wie dich gibt's in Amerika Arbeit in Hülle und Fülle. In der Arbeit lernt man das Vergessen.«
Wegherr streckte sich geradeauf. Sein Kopf machte eine jähe Bewegung.
»Ich habe bereits vergessen, Georg. Nein, du, hier steht kein Kranker. Aber neu aufbauen möchte ich, mit der alten Begeisterung, etwas, das wie Heimat aussieht.«
Und dann saßen sie noch eine Weile zusammen und sprachen von der Herzbachstraße und den Menschen der Herzbachstraße, ließen Tote auferstehen und die Lebenden ihr Sprüchlein sagen und waren bald vom alten Heimatzauber so dicht umsponnen, daß sie sich nur schwer zu trennen vermochten.
»Gute Nacht.«
»Gute Nacht und sechs Stunden gesunden Schlaf. Dann lacht das Leben, und wenn's Bauernjungen regnet.«
4
Um die zehnte Morgenstunde trat Ernst Wegherr, erfrischt und erwartungsvoll, aus seinem Zimmer. Und gleich warf sich eine frohe Sonntagsstimmung auf sein Herz. Da kauerten vor seiner Tür vier junge Menschlein, die den Morgenschlaf des fremden Onkels bewacht hatten und den Freund des Vaters stumm, aber mit leuchtenden Augen begrüßten.
»Ei, das nenne ich aber einen schönen Morgengruß. Ihr seid ganz gewiß die Brüderlein und Schwesterlein Wuppermann?«
Der achtjährige Älteste übernahm die Vorstellung.
»Ich bin der Bill, und das ist der Will, und die da ist die Cary, und die da ist die Mary.«
»Das werde ich mir merken, ihr Brüderlein und Schwesterlein.«
»Eigentlich,« fügte Bill hinzu, »sind nur ich und Cary ganz richtig Bruder und Schwester.«
»Wie ist denn das möglich, mein Junge?«
»Ich und die Cary sind doch Zwillinge. Die anderen sind nur später so dazugekommen.«
»Ach,« machte Wegherr ernsthaft, »an diese feinen Unterscheidungen werde ich mich noch gewöhnen müssen. Aber sagt doch mal, wie lange sitzt ihr denn schon hier auf der Treppe?«
»Seit sieben Uhr. Wir wollten doch die ersten sein.«
»Dann kommt doch noch mal mit in mein Zimmer. Eine Ehre ist der anderen wert!« Und die Kinder drängten lachend nach. »Seht ihr, die Koffer waren schon eher da als der Onkel. Und nun hebt mal diesen Deckel auf. Aha, ihr habt Kräfte. So, da liegen vier Pakete Schokolade und Zuckerzeug. Für wen mögen die da wohl liegen?«
»Für uns!« schrien die vier Stimmchen.
»Wahrhaftig,« staunte Wegherr, »ihr könnt raten! Drauf! Holt sie heraus!«
Und vier schlanke Menschenkörperchen lagen über dem Koffer.
Dann traten die Knaben vor und reichten die Hand. »Danke, Onkel. Wie heißt du?«
»Onkel Ernst.«
»Ernst? Du bist aber doch so lustig?»
»Ein Onkel mit Schokolade ist immer lustig, auch wenn er Ernst heißt.«
Das leuchtete den Kindern ein, und nun traten die Mädchen vor, stellten sich auf die Zehen und streckten die Mäulchen zum Kuß. Ernst Wegherr küßte sie und auch die Knaben. Ihm war so wohl zumute wie seit Jahren nicht. »Wir werden gute Freunde sein, was, Kinder?«
»Das sind wir schon, Onkel,« sagte Bill und lockerte die Bindfäden seines Paketes. Und Will entnahm aus der neuen Freundschaft sofort das Vorrecht der Vertraulichkeit und fragte flüsternd: »Hat der Papa, als er klein war, auch alsmal Haue gekriegt?«
»Aber, aber!« sagte Wegherr verwundert. »Du kriegst doch sicher keine.«
Da schwieg der kleine Kerl beschämt, versicherte sich durch einen hastigen Rundblick, daß Bruder und Schwestern nichts von seiner Flüsterfrage aufgefangen hatten, und brachte im Verein mit den dreien den Onkel im Triumph die Treppe hinunter, auf die Diele. Dort stand stark und selbstsicher Georg Wuppermann, den Arm um eine junge Frau mit frohen, ernsten Augen gelegt.
»Da hast du ihn, Mary. Das ist Ernst Wegherr, mein ältester und liebster Freund.«
»Es könnte mir keiner in diesem Hause so willkommen sein, als Sie es sind, Herr Doktor.«
Sie sprach das Deutsche mit englischem Tonfall. Wegherr hörte es nicht. Er hörte nur den gütigen Klang der Stimme, sah nur den klaren Blick der Frauenaugen, der lächelnd von ihm zu dem Freunde hinüberschweifte, und spürte den festen Druck der Hand.
»Ich danke Ihnen von Herzen,« erwiderte er. »Kindheitsfreundschaften sind die festesten im Leben. Daher bin ich auch so eilig der Einladung Ihres Mannes gefolgt.«
»Sie machen ihm eine große, große Freude, Herr Doktor, und daher auch mir.«
Wuppermann trat herzu. Den Stolz darüber, daß die beiden sich gefallen hatten, las man von seinem Gesicht. »Wie hast du geschlafen, Ernst?«
»Vortrefflich. Ich wüßte nicht, wann ich je so tief geschlafen hätte.«
»Und die vier Rangen haben dich nicht gestört? Was? Onkels Koffer habt ihr schon geplündert? Frau, der Ernst Wegherr ist hier unter die Räuber gefallen. Laß das Frühstück kommen, damit wir ihn und uns beruhigen.«
Die Kinder durften in den Garten. Sie hatten ihr Frühstück schon um sieben Uhr eingenommen und mußten sich bis zum Lunch gedulden. Auch schien ihnen das Öffnen der Pakete in geschütztem Gartenwinkel augenblicklich unterhaltsamer. Sie verschwanden, ohne sich zweimal bitten zu lassen. Draußen schien hell die Sonne des indianischen Sommers.
Ein weißgekleidetes Mädchen deutscher Herkunft bediente. Es wurden frische Früchte gereicht, die den Appetit anregten. Eine Schüssel Maisbrei folgte. Eier mit gebratenem Speck, Brot, Butter und Kaffee machten den Beschluß.
Man saß beisammen, als gehöre der Gast längst der Familie an. Man besprach den vergangenen Tag und alle Erlebnisse, die Freuden und Leiden der Kinder, die Arbeiten der kommenden Woche und gab sich doch bei jedem Wort der stillen Wonne des arbeitsfreien Sonntags hin. Nach beendetem Frühstück begab sich die Hausfrau in die Küche, um nach dem Rechten zu sehen, und die Herren zündeten sich eine Zigarre an und ergingen sich im Garten. Sie sprachen nicht viel. Sie atmeten tief die sonnige Luft, blieben vor jeder Herbstblume stehen, horchten auf den herüberschallenden Jubel der Kinder und nickten sich zuweilen lächelnd zu.
»Sonntagsruhe« … sagte Wuppermann.
»Wie daheim, wenn unsere Alten sich die Pfeifen stopften und sich mit der Zeitung ins Freie setzten.«
»Wart, ich hab' die Zeitungen in der Tasche. Aber selbstverständlich.«
Und sie lagen auf langgestreckten Rohrstühlen in der Sonne, lasen, rauchten, zwinkerten wohlig ins Licht und warfen sich nur hin und wieder eine Frage und eine Antwort zu.
»Ausspannung,« sagte Georg Wuppermann. »Wer weiß heute noch, was Ausspannung ist? Und der Mensch braucht sie wie das tägliche Brot.«
»Ich lerne auch das wieder, Georg. Bei uns nennt man Ausspannung: das Treiben auf einem anderen Feld beginnen.«
Und wieder lagen sie still, atmeten tief und ließen sich von der Sonne bescheinen. Die Zeitungsblätter knitterten leise, der Rauch der Zigarren stieg in Kräuseln hoch, im Gebüsch raschelte ein Vogel, und ein Lufthauch wehte den Klang der Kinderstimmen herüber.
Am Lunch nahmen auch die Kinder teil. Die Hausfrau saß in hellem Kleide zwischen dem Gast und ihrem Mann, und dem Hausherrn lag das Amt des Vorlegers ob. Er füllte die Teller und reichte jedem das seine. Patriarchalisch wie zu Zeiten der ersten Einwanderer. Als er Wegherrs Blick gewahrte, schmunzelte er.
»Das findest du noch in den meisten Kreisen, und es hat was für sich. Zunächst zeigt es den Mann als das Haupt der Familie – lächele nicht, meine liebe Mary, es ist so – zweitens nimmt es der vom Haushalt ermüdeten Frau eine Arbeit ab, denn Dienstboten waren rar und sind es heute noch, wenn du keine Meinung für Nigger hast, und drittens setzt es der falschen Bescheidenheit ein Ziel, die nicht zuzulangen wagt. Hör mal, mein lieber Bill, an deines Vaters Tisch wird Deutsch gesprochen.«
Der Junge, der sich mit seinen Geschwistern englisch unterhalten hatte, errötete, brach den Satz ab und führte ihn dann in deutscher Sprache zu Ende.
»Er geht nämlich seit zwei Jahren drüben im Städtchen zur Schule,« erklärte der Hausherr. »Und von Stund an herrscht das Englische. Bestenfalls, wenn die Eltern Zeit und Lust haben, darauf zu achten, das Zweisprachige. Es ist ein Krebsschaden für die Weiterentwicklung des Deutschtums. Aber die Schulen sind nun mal so.«
»Und da sollte nichts zu machen sein?«
»Wir sind in Amerika, und die Landessprache ist Englisch. Das zieht den Deutschen selbst dort, wo er sich in der Überzahl befindet, an wie Fliegenpapier. Ich lege hier noch einen Hebel vor.«
»Und was sagt euer Frank Willart dazu?«
»Er kommt morgen abend von Philadelphia herüber. Da frag ihn lieber selber. Ihr seid gescheiter als ich.«
Die Hausfrau sah zum Gast auf. »Nicht wahr, ich habe einen sehr dummen, deutschen Mann.«
»Der Papa ist ein Schlauberger!« schallte es von der Tischecke.
»Ruhig, ihr Rangen! Wer hat das gesagt?«
»Der Großvater. Er sagte erst in voriger Woche zu einem Gentleman: Dieser Mr. Wuppermann steckt euch noch alle zusammen in die Tasche, denn er ist ein Schlauberger, der über seine und eure Nase wegsieht.«
»Aber ich sehe eine, und das ist eine Weisnase,« drohte der Vater, und die Kinder jubelten vor Vergnügen.
An diesen amerikanischen Sonntag dachte Ernst Wegherr lange noch. Es kam nichts vor, das von einer besonderen Bedeutung für sein Leben hätte sein können, und doch blieb dieser friedevolle Tag ihm in der Erinnerung wie der Duft einer Blume.
Man war mit den Kindern in den nahen Wald gegangen und hatte nichts Anderes getan, als sich an ihrem Kräfteüberschwang und ihren lustigen Einfällen ergötzt. Man hatte sich auf einen Hügel gelagert und die Aussicht genossen, wie man ein stimmungstiefes Bild genießt. Und auf dem Heimweg war Wegherr neben der Hausfrau einhergeschritten, während der Freund mit den Kindern singend voranzog. Familienglück, dachte Wegherr, nichts weiter. Und doch die Quelle der Kraft.
»Ich habe mich sehr auf Sie gefreut, Mr. Wegherr,« sagte die Frau an seiner Seite. »Es war nicht nur mein Mann.«
»Das ist ein Wort, Frau Wuppermann, das mir Ihre Gastfreundschaft doppelt lieb macht.«
Die junge Frau sah ihn an. »Sie müssen sich bei Georg und mir nicht als Gast fühlen. Wenn es möglich wäre, daß Sie könnten, würde ich Sie bitten: bleiben Sie überhaupt hier oder siedeln Sie sich in der Nähe an. Wenn es möglich wäre, daß Sie sich einen anderen Lebensberuf wählen möchten, würde ich sagen: werden Sie Georgs Teilhaber. Es würde ihn sehr glücklich machen, und was ihn glücklich macht, schenkt er mir und den Kindern. Aber alles das ist ja nicht möglich. Sie werden eines Tages weiterreisen, und Sie hängen an Ihrem hohen Berufe. Und doch gibt es etwas, das Sie mir mitgebracht haben, mir ganz allein, und dafür danke ich Ihnen.«
»Was könnte das sein, gnädige Frau?«
Die junge Frau ging mit ihren ernsten, freundlichen Augen eine Weile still an seiner Seite.
»Wir Mädchen und Frauen hierzulande sind nicht empfindsam,« sagte sie dann lächelnd. »Wenn uns ein Mann gegenübertritt, so fragen wir, wer er ist, nicht woher er ist oder was er war. Das ist ja auch wohl natürlich bei den hundert Völkerschaften, aus denen der Amerikaner wird. Nur der Mann, der aus sich selber heraus etwas schafft, nötigt uns Achtung ab. Herkunft und Vergangenheit rühren kaum an unseren Gleichmut. Und mit diesen Empfindungen sah ich auch Mr. Wuppermann an, als er das erstemal zu uns kam, mit diesen Empfindungen wurde ich gern seine Frau. Und dann kam das Merkwürdige.«
Sie sah zu ihrem Begleiter auf. »Langweile ich Sie auch nicht, Mr. Wegherr? Meine Welt ist nicht groß.«
Er schüttelte den Kopf.
»Das Merkwürdige,« wiederholte sie. »Das Wesen dieses Mannes war so stark und unverzagt, so deutsch, wenn Sie wollen, daß das meine in allerkürzester Zeit aus dem amerikanischen Gleichmut erwachte, aufhorchte, ihm nachging und sich ganz nach ihm wandelte. Und so stark wurde das, besonders als die Kinder kamen, daß ich begann, mir auszumalen, wie er selber wohl früher, wie er als Kind und junger Mann gewesen sein mochte. Es fehlte meiner Liebe etwas, daß sie das nicht wußte, und sie hätte sich so gern auch in diesen Jugendgärten ergangen. Wohl erzählte er mir davon, oft und oft, aber mit Amerika fängt doch ein neues Leben, ein neuer Mensch für jeden an. Alles Frühere wird ihm ein nebelhafter Traum. Da sind Sie gekommen, sein Jugend-, ja, sein Kindheitsfreund, der so ziemlich allein für ihn die alte Heimat bedeutete. Und wenn ich Sie beide nun miteinander sprechen und miteinander lachen höre, sehe ich Georg plötzlich als kleinen Jungen auf seiner Herzbachstraße, denn ich sehe Sie, von dem er immer im selben Atem sprach, in Wirklichkeit vor mir als den lebendigen Zeugen. Nun wissen Sie, weshalb ich mich so auf Sie gefreut habe und was Sie mir mitgebracht haben. Es ist eine sehr selbstsüchtige Freude, ich weiß es.«
Mein Gott, dachte Wegherr, so etwas gibt es? So weit läuft eine Frau den Weg des Mannes zurück, um auch an dieser Wegstrecke ihren Teil zu haben? Und statt erbittert der eigenen Erfahrungen zu gedenken, ging es wie eine Woge ungeahnten Glückes durch ihn hindurch, und er wurde redselig wie zu einer alten Freundin und ließ die Gestalt des kleinen, kernigen Schmiedejungen vor ihren Augen erstehen, fern dem trennenden Tag, fern dem trennenden Weltmeer, und doch stand sie da, als sei sie heute, als sei sie greifbar nahe, und die Erzählungen von des Knaben Georg jungem Mute, seinen Straßenheldentaten, seiner derben Liebe zum Vater und seiner Treue zum Freunde, seiner Schulzeit und Lehrzeit sprudelten ihm fröhlich von den Lippen. Längst hatten die Augen der jungen Frau an seiner Seite den stillen Ernst verloren, längst waren sie leuchtend, mädchenhaft geworden, und oft flog ein helles Lachen in seine Schilderungen hinein. Da lag das Landhaus, in Frieden eingebettet. Jenseits des Gartens durch einen doppelten Baumwall von den Fabrikgebäuden getrennt. Beides ein Reich für sich. Und die junge Frau wies darauf hin und sagte: »Das hat er geschaffen. Das ist er!« Und reichte dem Freunde die Hand und sagte wieder: »Diesen Festtag aber danke ich Ihnen.«
Vor dem Gittertor aber standen in zwei Reihen aufgepflanzt die Kinder und grüßten militärisch. Und der Vater stand stramm als Offizier und meldete: »Ein Vater und vier Kinder, hungrig wie die Wölfe.« Da lief Frau Mary in die Küche, und bald rief der hallende Klang des Gongs alle, die in ihre Stuben geeilt waren, um sich aufzufrischen, zum Dinner in das Speisezimmer.
Es war ein festliches Mahl, und die Augen der Kinder wurden größer und größer. Die Hausfrau hatte noch Zeit gefunden, ein neues Gewand anzulegen, und die Kinder wußten nicht, ob sie mehr ihre strahlende Mutter oder die ungewohnte Speisenfolge bewundern sollten, entschieden sich aber schnell und einmütig für das letztere. »Ohm Ernst,« erklärte Bill, »du mußt lange hierbleiben. Weißt du, so fein haben wir's nicht alle Tage.«
»Deutscher Wein,« sagte Wuppermann, und die Gläser der Erwachsenen läuteten durch das Zimmer. »Geradenwegs aus dem Rheingau und selber bezogen. Der kalifornische ist eine Greueltat. In Amerika ist eben alles verdreht. Die Vögel singen nicht, die Blumen duften nicht, und der Wein – riecht. Na, prost, dieser hat Blume und duftet, bis wir statt der Vögel das Singen kriegen.«
Aber es wurde zuvor ein anderes Lied.
Als das Mahl sein Ende erreicht hatte, erhob sich die Hausfrau und ging leisen Schrittes ins Nebenzimmer. Und bald ertönte ein Harmonium in der Melodie eines alten Kirchenliedes, eines schlichten Dankgebetes. Stehend sangen es die Kinder mit. Ein wenig verlegen blickte Wuppermann auf den Freund. Der aber erhob sich ruhig und nahm an dem Gesange teil. Da schob auch der Hausherr schnell den Stuhl zurück und ließ kräftig seinen Baß erschallen.
Die Kinder waren noch ein Stündchen in den Garten gelaufen. Nun tauchten sie, eines nach dem anderen, schlummermüde wieder im Zimmer auf, und die Mutter nahm sie bei der Hand und führte sie zum Gutenachtgruß dem Gast und dem Vater zu. Sie selber ging mit ihnen hinauf, um sie zu Bett zu bringen.
Die Freunde saßen allein. Als Wegherr den Kopf hob, spürte er den Blick Wuppermanns auf sich ruhen. Wie eine stumme Frage.
Da erhob er sich, ging zu ihm hin und legte ihm beide Hände auf die Schultern.
»Georg,« sagte er, »daß bei dir das Heimweh geschwunden ist, das verstehe ich nun. Denn du hast deine Frau. Diese Frau.«
»Soll ich das als einen Glückwunsch nehmen?«
»Als einen Glückwunsch. Du hast Wurzel geschlagen.«
»Ein Restchen Heimweh bleibt uns immer.«
»Ja,« sagte Wegherr, »aber das ist anderer Art. Das verlangt nach Dingen, die unwiderruflich dahin sind. Das träumt von der Kinderzeit im elterlichen Schutz, von der Jugend in erster Freiheit, und die Erinnerung gibt allem die leuchtenden Farben. Deine Kinder führen ganz sicher ein besseres Leben, als wir es führten. Und doch ist uns zumute, als ob gerade unsere Kindheit die allerschönste gewesen wäre.«
»Du magst Recht haben, Ernst. Aber wir waren doch auch ganze Kerls.«
»Deine Kinder werden ganz genau so von sich selber denken. Besonders wenn sie einen Streich vollbracht haben, den der Vater vielleicht weniger schätzt. Da lachst du schon. Nein, Georg, die Jugend bleibt sich zu allen Zeiten treu, nur wir ändern uns.«
Ein Weilchen noch, und die Hausfrau kam zurück.
»Die Kinder schliefen schon,« berichtete sie, »als sie nur die Betten sahen. Aber den Onkel ließen sie doch noch einmal grüßen.«
»Wollen Sie nicht noch ein wenig Harmonium spielen?« bat Wegherr. »Der Sonntag hat so eine Art Harmoniumstimmung.«
»Wenn es Ihnen Freude macht, gern, Herr Doktor.«
Aus dem Nebenraum drangen die leisen, getragenen Klänge. Sie schufen das Zimmer in einen Andachtsraum um und machten aus kämpfenden Menschen Gläubige. Gläubige an eine Zukunft, die sie nicht sahen und doch warm verspürten. Jetzt klang es wie aus fernem Jugendland, als spielte die Orgel eines Dorfkirchleins, jetzt schwoll es an zu leidenschaftlichem Anrufen an den unsichtbaren Gott und die sichtbare Welt, als ränge eine Mannesseele mit den Stürmen drinnen und draußen, jetzt aber vereinigten sich die Klangwogen zu einem Siegessang voll tiefer Dankbarkeit, zu einem Erlösungslied voll Hoffnungsseligkeiten, und eine klare Frauenstimme setzte ein mit den Worten des Psalms:
»Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde mich doch Deine Hand daselbst führen und Deine Rechte mich halten.«
Und die Männer saßen noch lange und sannen den Klängen nach …
An diesem Abend wußte keiner mehr von Heimweh.
In der Morgenfrühe fuhr Ernst Wegherr aus tiefem, traumlosem Schlaf empor. Schwamm er noch auf dem Ozean? Heulten die Schiffssirenen durch den Nebel hindurch? Er sprang auf die Füße und sah das Morgenlicht durch die Fensterbehänge schimmern. Da wußte er es. Wuppermanns Fabriken begannen ihre Wochenarbeit.
Eine halbe Stunde später traf er den Freund auf der Diele. Sie begrüßten sich mit einem munteren Wort und setzten sich an den gedeckten Frühstückstisch. Da brachte auch schon die Hausfrau die Kinder.
Heute ging das Frühstück flott vonstatten. Der kleine Bill hielt noch eine Toastscheibe in der Hand, als er schon den Ranzen umwarf und mit kurzem Gruß hinausstürmte, zur Schule im Städtchen. Auch Wuppermann erhob sich bald und ließ sich von einem Töchterchen Hut und Stock reichen. »Willst du meiner Frau Gesellschaft leisten, Ernst?«
»Zum Feierabend. Jetzt möcht' ich mit dir in die Fabrik.«
»Recht so. Die Maschinenkolben haben auch ihre Musik. Bis nachher, Frau – adschüs, Kinder.«
Sie waren draußen in der frischen Morgenluft. »Ach,« sagte Wuppermann, »da springt einem das Herz vor Freud' bis in den Hals.« Und er sog mit geblähten Nüstern die Luft ein.
Sie überschritten den Hof der Maschinenfabrik, der voll dröhnenden Lebens war, durchquerten die Kontore der Schreiber und Zeichner, wünschten einen guten Morgen und verschwanden im Privatkontor. Die Post lag aufgeschichtet auf dem Tisch, und sofort machte sich Wuppermann darüber her. »Setz dich, Ernst, kannst mitlesen. Rauchen gestattet.« Und schon fuhr sein Falzbein durch die Umschläge. »Gut, könnt ihr haben. Sehr gut, sehr gut, Arbeit kann mir gar nicht zu dick kommen. Was? Beschwerden? Fauler Zauber. Preisdrückerei is nich, und Ausstellungen werden nur innerhalb vierzehn Tagen nach Empfang der Maschinen entgegengenommen.« Er drückte auf einen Klingelknopf. Ein Schreiber erschien in Hemdärmeln. Wuppermann diktierte: »Telegramm an Hawkins Brothers, St. Louis. Bitte beanstandete Maschine innerhalb acht Tagen frachtfrei zurücksenden. Neulieferung erst in sechs Monaten möglich wegen Orderüberhäufung. So. Firma darunter. Weg damit.« Der Mann verschwand.
»Könnte der Maschine nicht auf der Reise etwas zugestoßen sein?« fragte Wegherr.
»Keine Spur. Alle Teile werden wie die Wickelkinder verpackt. Und wenn schon. Kostet einen Schlossertagelohn von vier Dollar meinetwegen, und mir wollen die Halunken zweihundert Dollar in Abzug bringen. Die denken: nur immer riskieren, und ich denke: bange machen gilt nicht, das ist der ganze Unterschied.«
»Und wenn du den Kunden dadurch verlierst?«
»Keine Ahnung. Den Spitzbuben imponierst du nur durch Kaltblütigkeit. Dann glauben sie, ich brauch' sie nicht. Sie aber brauchen meine Maschinen. Besonders wenn sie von einer Wartefrist wegen Orderüberhäufung lesen. Dann kriegen sie's mit der Angst, die Konkurrenz würde leistungsfähiger.« Er las während des Sprechens Brief um Brief. »Ist es aber ein Hartgesottener – was kauf' ich mir dafür? Ein Kunde, der schlecht bezahlt, hält den Betrieb auf. Hier in Amerika bringt's nur die Masse.«
Er schlug auf den Briefstapel. »Fertig. Nun wollen wir das Raubtier füttern.«
Sie gingen in das Kontor der Schreiber zurück. Einen Augenblick wurde es stille. Wuppermann schritt von einem zum anderen, verteilte mit kurzen Bemerkungen einen Teil der Briefschaften, und sofort ratterten die Schreibmaschinen wieder los, kratzten die Federn, klingelte das Telephon.
Welch ein Wirrwarr, dachte Wegherr, und Wuppermann erwiderte, als hätte er des Freundes Gedanken erraten: »Wird alles pünktlich besorgt. Zuviel Anweisungen machen den Menschen dumm. Mach sie glauben, sie wären lauter Moltkes, und sie gewinnen dir die Schlachten.«
»Du bist ein Diplomat, Georg.«
»Ganz Amerika besteht daraus. Das ist der Fehler drüben. Während die Kaufmannsjünglinge hier schon jedes Börsenmanöver mitmachen, registrieren sie drüben noch treu und redlich, aber stark verdummend, die Kopierbücher. Dabei ist das Menschenmaterial drüben mindestens so gescheit und unbedingt gewissenhafter.«
Sie waren im Saal der Zeichner angekommen. Und wieder ging Wuppermann von Tisch zu Tisch, verteilte die Briefschaften, machte auf besondere Stellen aufmerksam und gab knapp und bestimmt seine Anweisungen. Einen größeren Entwurf betrachtete er aufmerksam, und nach kurzer Beratung nahm der Zeichner eine Änderung vor.
»Du bist doch kein Techniker,« meinte Wegherr, als sie zur Maschinenhalle schritten. »Woher weißt du das alles?«
»Ich hab's gelernt.«
»Aber der Techniker mußte es eigentlich doch besser wissen?«
»Woher denn? Der Mann hat's doch auch lernen müssen. Und mehr als lernen geht nicht. Da stehen wir gleich.«
»Fürchtest du nicht, daß du mal danebenhaust?«
»Wenn die Gesellschaft merkte, daß ich mich fürchtete, tanzte sie mir bald auf der Nase herum. Sie müssen einfach das Empfinden haben, daß ich es besser verstehe. Dann strengen sie auch selber ihre Schädel an.«
»Meine Bewunderung, Georg.«
»Nicht der Rede wert. Nur vorwärts heißt hier die Losung, und was links und rechts fällt –«
»Das fällt.«
»Ja, das fällt. Und das ist das einzig Scheußliche: das Menschenleben hat hier keinen Kurs auf der Geschäftsbörse. Freilich, einen Ausgleich gibt es. Jeder Niedergebrochene, der gestern noch eine Million besaß, kann morgen als Hausknecht mit zehn Dollars die Woche von neuem anfangen, ohne deshalb gesellschaftlich minderwertig zu werden. Denn der Mann kann ja, wenn er mit seinen zehn Dollars glücklich spekuliert, in Jahr und Tag wieder im Aufsichtsrat einer Minengesellschaft sitzen. Da gibt's kein vornehmes Sichabwenden und Naserümpfen wie drüben. Wer arbeitet, ist Gentleman. Ob er Bier zapft oder Maschinen baut.«
Im Maschinensaal hörte die Unterhaltung auf. Das Gedröhne, Gezische, Geknarre der Hämmer, Feilen und Stahlbohrer verschlang jedes Wort. Aber Wuppermann wußte sich dennoch verständlich zu machen. Er rief keinen Mann beiseite, er beugte sich nur über den ruhig Weiterarbeitenden, legte ihm die gehöhlte Hand ans Ohr und brüllte hinein. Dann legte er sich selber die gehöhlte Hand ans Ohr und ließ den Angerufenen zurückbrüllen, ohne daß der Mann auch nur eine Sekunde sein Werkzeug niederzulegen brauchte.
» All right,« schrie Wuppermann lachend dem Freunde zu, »wir können weiter. Nicht verstanden? Schadet auch nix.« Und er nahm ihn beim Arme und führte ihn über Eisenstangen und Zahnräder hinweg in den Hof. »Taubstumm geworden? Das ist zuzeiten Gold wert. Ich bin's auch, wenn's das Geschäft verlangt.«
»Ich glaube eher,« verwunderte sich Wegherr, »ich sehe nicht recht. Sitzt da nicht Wilhelm Finkler?«
»Hallo, Finkler,« rief Wuppermann. »Was in der Politik los? Hast du einen Tip für mich? Halbpart wie immer!«
Will Finkler saß, das Einglas im Auge, auf einem umgestülpten Dampfkessel und schälte einen schönen kalifornischen Apfel.
» Morning, Gentlemen. Bin nur ein bißchen auf Urlaub. Kein Grund zur weiteren Beunruhigung.«
Er zerschnitt den Apfel und aß ihn Stück um Stück. »Freilunch gefällig?«
»Nee, mein Sohn,« sagte Wuppermann und schüttelte ironisch den Kopf, »das mach du einem Grünhorn weis, daß du dich urlaubshalber sehen läßt. Ja, wenn du für den Urlaub bezahlt kriegtest.« Und er lachte ungezwungen.
Finkler war mit dem Apfel zu Ende. Er nickte Wegherr zu und meinte gleichmütig: »Wollte nur sehen, Doktor, ob dieser Moloch Wuppermann dir noch nicht auf die Nerven gegangen wäre. War nicht sehr freundschaftlich von mir, dich mit diesem Dollarmenschen allein ziehen zu lassen. Dachte, ich hole dich wieder nach Neuyork, unter Intelligenzen.«
»Glaub ihm kein Wort,« rief Wuppermann. »Sein Hirn ist eingetrocknet. Er will dich in Neuyork zu mindestens zwei Dutzend Zeitungsartikeln einschlachten. Über Politik, Kultur; Volkswirtschaft, historische Persönlichkeiten. Ein Historiker wie du wäre für ihn ein gefundenes Fressen.«
»Vielleicht will er nur noch einiges von der Jugendgeliebten vernehmen, Georg. Er ist ein weicherer Mensch, als du denkst.«
Finkler winkte energisch ab.
»O, ich bitte dich, Doktor. Nichts mehr von diesem Weib. Es widerspricht meinem guten Geschmack. Aber wenn du mir fünf Minuten deiner Zeit opfern willst –«
»Finkler,« sagte Wuppermann und trat einen Schritt näher, »wenn du nach dem Sprichwort ›Zeit ist Geld‹ bei Wegherr Zeit mit Geld verwechseln solltest, so rate ich dir gut. Wenn du ihn anborgst –« und er streifte die Ärmel ein wenig von den muskulösen Armen. »Verdien dir dein Geld.«
Finkler wandte sich achselzuckend an Wegherr, dem das Peinliche des Augenblickes vom Gesicht zu lesen war.
»Es ist sein pennsylvanischer Hinterwäldlerton. Lassen wir ihn. Sieh, Doktor, gestern mittag kam ich in Neuyork an. Meine Gedanken arbeiteten auch auf der Eisenbahn. Und abends sauste ich schon dieselbe Strecke nach Philadelphia zurück und heute in aller Herrgottsfrühe hierher weiter. Da bin ich. Man zögert hier nicht lange.«
»Und deine Gedanken?« fragte Wegherr. »Wolltest du sie mir vortragen?«
»Stimmt. Es ist eine Art Freundschaftsdienst, auf Gegenseitigkeit begründet. Du schreibst mir eine Anzahl Artikel, glänzend, wie du das zu machen pflegst. Ich aber, durch meine ebenso glänzenden Verbindungen, bringe sie bei den Zeitungen unter, die die größte Tragweite besitzen. Den Erlös teilen wir. Ich stehe dir für ein großes Geschäft.«
»Sagte ich's nicht?« rief Wuppermann und klatschte sich auf den Schenkel. »Sagte ich's nicht? Ich kenn' doch meine Pappenheimer. Aber immerhin, es soll ihm verziehen sein: es ist ein Geschäft, wenn auch nur für seine Beine.«
»Du glaubst, das sei überlegenswert?« fragte Wegherr lächelnd den Freund.
»Der Reporter ist hier der Kurpfuscher der Kultur. Wenn auf tausend Meilen kein Arzt zur Hand ist, nimmt man gern den Schäfer.«
»Ein guter Hirte weiß, was seiner Herde dient, Doktor. Sie frißt ihm aus der Hand, dem fremden Tierarzt nicht. Ich werde jeden deiner Briefe mit einer Einführung versehen. Dann glauben sie's dir.«
Nun lachte Wegherr herzlich. »Die Wissenschaft auf Krücken.«
Dann wurde er ernst und wollte glatt ablehnen. Aber Wuppermann flüsterte ihm zu: »Nimm dir Zeit!« Und so dankte er Finkler für die guten Absichten und versprach, in der nächsten Zeit auf den Gegenstand zurückzukommen. »Wir sind auf dem Gang durch die Fabriken. Prachtvolle Schöpfungen, was? Und das Herz lacht einem im Leibe, daß das einer der unseren geschaffen hat. Schließ dich der Besichtigung an. Es schadet keinem.«
»Leider nicht in der Lage,« bedauerte Finkler. »Muß das Reisegeld wieder herausverdienen. Kann ich eine halbe Stunde dein Privatkontor benutzen, Wuppermann?«
Der Fabrikant rief einen Jungen heran und gebot ihm, den Herrn ins Privatkontor zu führen.
»Wir nehmen den Lunch um 12 Uhr in der Fabrik. Wenn du teilnehmen willst?«
»In der Voraussetzung, daß du Gentleman genug bist, mich dann zur Bahn kutschieren zu lassen.«
» All right!« Und Wuppermann wandte sich um und betrat mit Wegherr die Fabrikgebäude, in denen die Strumpfmaschinen sausend bei der Arbeit waren und die Garnspulen der Bandstühle wie die Wiesel liefen und tanzten.
»Jede dieser beiden Fabriken untersteht einem Direktor,« erklärte er. »Ich führe die Oberaufsicht. War kein schlechter Gedanke, kann ich dir sagen, von den selbstgebauten Maschinen Nutzen zu ziehen. Ich hab' natürlich ein Abkommen mit meiner Kundschaft, sie nicht zu unterbieten. Aber da mich die maschinelle Einrichtung nur die Hälfte kostet und ich gewisse Verbesserungen nur für mich nutze, streiche ich durch die billigere Arbeit den höheren Gewinn ein. Außerdem arbeite ich schneller und kann in Zeiten der Hochkonjunktur so viel Maschinen einstellen, wie ich will. Das ist der Trick oder das Ei des Kolumbus.«
»Ich glaube, Georg, zum Amerikaner muß man schon vor der Geburt bestimmt sein.«
Wuppermann lachte. »Mein guter Alter in der Herzbachstraße,« meinte er dann nachdenklich, »der hat Jahr für Jahr sein Stangeneisen geklopft und Hufeisen draus gemacht. Nee, der war nicht schuld. Ein jeder Mensch hat es in der Gewalt, sein Leben in die Höhe zu bringen. Aber die meisten wollen nicht.«
»Weshalb sollten sie nicht wollen, Georg?«
»Weil sie fest daran hängen, sie seien zum Offizier bestimmt, und es langt nur zum Bierkutscher. Weil der eine lieber an seiner verpfuschten Juristenlaufbahn festhält, statt es mit einem schwunghaften Hosenträgerhandel zu versuchen, und der andere lieber Vaters Fabrik herunterbringt, als daß er ein Delikatessengeschäft gründet. In diesem Lande gibt es keine feierlichen Herkommen, und wer an einer Kneipe mehr verdient als ein anderer an Goldminenaktien, bleibt der Beneidetere.«
Auf den Kontoren, die sie betraten, ging es zu wie auf dem Kontor der Maschinenfabrik. Nur daß Wuppermann, als er die Briefschaften durchflogen hatte, sich lediglich mit den Direktoren unterhielt. Aber seinen Besichtigungsgang machte er durch alle Räume, und sein Auge war überall.
»Sechstausend Paar seidene und halbseidene Strümpfe den Tag,« meldete der Direktor. »Gute Arbeitsleistung.«
»Donnerwetter,« entfuhr es Wegherr, »das macht im Jahre – Himmel, wer soll die alle tragen?«
»Kosten das Paar im Ladengeschäft einen halben Dollar,« erklärte Wuppermann. »Kein Dienstmädel trägt hier einen gestopften Strumpf. Strümpfe stopfen, so was gibt's hier überhaupt nicht. Strümpfe sind zum Kokettieren da. Was reißt, kommt in die Lumpen. Eine schadhafte Moral wird hier kaum bemerkt, ein schadhafter Strumpf auf der Stelle. Nicht gentlemanlike, nicht ladylike. Gentlemen und Ladies sind sie hier aber alle. Daher der Riesenverbrauch. Gott geb', daß es immer so bleibe.«
Nur die Färberei war noch zu besichtigen. Wuppermann stieß die Tür auf, und ein heißer Qualm fauchte heraus. »Jetzt naht die Überraschung,« sagte Wuppermann. »Der Meister soll kommen,« rief er in den dicken Brodem hinein.
Eine Gestalt tauchte auf und schob sich näher. Der Arbeitsanzug schillerte in allen Farben, und Bart und Haar wiesen rote, blaue und grüne Schattierungen auf. »Eichelskamp,« rief Wuppermann, »komm ens flöck, hier es ene Landsmann.«
Da war der Alte in drei Sätzen zur Stelle, rieb sich den Dampf aus den Augen und stierte.
»Es dat wohr? Em dreckige Amerika en Minsch von zo Hus? Donnerlütsch, ech fressen mech selver samt minge Färverkittel, wenn dat nich – wenn dat nich der Ernst Wegherr es.« Und er wischte heftig an den Hosen die Hände ab und streckte sie Wegherr entgegen.
»Mann Gottes, Sie sind doch nicht« – Wegherr überlegte – »Sie sind doch nicht der Kobes, der vor dreißig Jahren beim Meister Wuppermann in der Herzbachstraße Schmiedegesell war?«
»Stimmt wie aus 'm Gebetbuch. Gerad der Kobes, dä mit euch Jungs Forelle zoppe ging. Nee, enee, wat han ich en Freud'!« Und er lachte, bis er sich schneuzen mußte.
»Aber Mann, Sie waren doch Schmiedegesell und nicht Färber.«
»Ech wor ein's Dags nach Amerika. Nich im Läwe widder. Ech wor den Yankees zu ahl, mit die Fäust'. Awwer minge eigne Fäust konnt ich nich auffresse, un Hunger hatt' ech auch för zwölf Mann. Da stöberten mech der Georg Wuppermann auf. Dä sagt: ech brauchen gerad ene zuverlässige Färwermeister, un nahm mech beim Schlaffitche. Ech dacht, der Georg moß dat besser wisse; mügelich, dat in Amerika die Färwers Rundeise schmiede. Un ech han gefärwt noh de Schwerenot.«
»Ich komm noch mal wieder, Kobes,« sagte Wegherr und drückte des Alten Hand. »Hat mich mächtig gefreut, Kobes.«
»Un mech, un mech,« murmelte der Alte und murmelte noch eine Weile hinter den beiden her, bevor der Brodem der Färberei ihn wieder verschlang.
»Die Erde wird mit jedem Tag, den man in Amerika zubringt, kleiner, Georg.«
Wuppermann sah nach der Uhr. »Wir können jetzt den Lunch einnehmen. Das mach' ich immer hier in der Fabrik, weil wir schon um vier Uhr schließen. Da vertrödele ich keine Zeit und kann mich beim Dinner ganz den Meinen widmen.«
Sie fanden Finkler bereits bei der Mahlzeit, die in einem Korbe vom Landhaus herübergebracht worden war. Er lieh sich nicht stören und wies nur mit dem Messerstiel auf eine Anzahl beschriebener Blätter. Wuppermann nahm sie auf und las laut die dreifache Überschrift: »Zwei prominente Deutsche in Amerika.« »Georg Wuppermann, der Typus des Großindustriellen und Selfmademan, und Professor Doktor Wegherr, der weltberühmte Geschichtsforscher und Völkerpsycholog.« »Ideale der deutschen Männerfreundschaft.«
Wuppermann ließ die Blätter sinken. »Was – kostet – mich das?« gurgelte er unter Lachen hervor.
»Ein Fabrikat gegen das andere. Sechs Dutzend Paar Seidenstrümpfe werden dich nicht gereuen, Mann.«
Der Fabrikant nahm das Telephon, sprach hinein und hing den Hörer an. »Sie werden in den Wagen gebracht. Da kommt er schon.«
Finkler verabschiedete sich von Wegherr. »Wenn du mich besuchst, Doktor – hier meine Karte – eine Depesche genügt. Aber es muß ein Geschäft dahinter stecken.« Wuppermann klopfte er auf die Schulter. »Sind's auch sechs Dutzend? Gentlemen, war mir eine Ehre.«
»Die Strümpfe verkauft er,« sagte Wuppermann seelenruhig, als sie den Rest des Frühstücks einnahmen. –
Die Nachmittagsstunden vergingen im Fluge. Rechnungen wurden geprüft, Stapel von Briefen unterschrieben, versandfertige Maschinen besichtigt und die Verpackung überwacht. Wegherr fühlte sich todmüde, als sie die laute Fabrik verließen und dem stillen Landhaus zuschritten.
»Wir werden gleich zu uns kommen,« meinte Wuppermann vergnügt und öffnete die Tür.
Da stand Frank Willart im Zimmer, mit den feurigen Augen im kräftig gemeißelten Gesicht. Und neben der Hausfrau saß eine Dame, die wie die Schwester der Hausfrau erschien, schlank und von feinen und festen Gliedern.
5
Die Hausfrau hatte sich beim Eintritt der beiden Herren erhoben.
»Wir haben liebe Gäste,« sagte sie mit dem warmen Ton der Stimme. »Darf ich unsern Freund bekannt machen? Ach, ich vergaß, die Herren kennen sich ja schon von der Bergfahrt her. Aber meiner lieben Freundin Fräulein van Weert muß ich Sie vorstellen. Doktor Wegherr, Professor aus Deutschland.«
Ernst Wegherr reichte Fräulein van Weert die Hand. Sie sahen sich an und nickten sich freundlich zu. Dann beurlaubten sich die Herren auf eine Viertelstunde, um den Fabrikstaub abzuschütteln.
Als sie in Abendkleidung zurückkehrten, erscholl der Gong, der zum Dinner lud. Die Kinder speisten heute auf ihrem Zimmer. So wurde es etwas feierlicher. Aber diese Feierlichkeit verlor sich sofort, als der kleine Kreis Platz genommen hatte und die Unterhaltung lebhafter wurde. Wegherr hatte zwischen der Hausfrau und Fräulein van Weert seinen Platz gefunden. Das war ihm lieb und verscheuchte schnell die Abspannung, die der rasselnde Fabriktag hinterlassen hatte.
»Meine Freundin Gertrud van Weert,« sagte die Hausfrau, »ist nun auch schon ein Dutzend Jahre im Land. Leider haben wir davon erst drei Jährchen mitbekommen.«
»Erst drei Jährchen?« wiederholte Fräulein van Weert. »Mir schienen es, an den ersten neun Jahren gemessen, drei recht lange Jahre.«
Ihr Gesicht war schmal, und die Stubenluft hatte ihrer brünetten Haut einen elfenbeinfarbigen Hauch gegeben. Das dunkle Haar lag in einer schweren Flechte um die Stirn gewunden. Das Köpfchen hing ein wenig müde auf dem schlanken Hals, als ob es Erinnerungen nachträumte. Erhob es sich aber in der Erregung des Gesprächs, so ging ein spannkräftiger Zug durch die ganze Gestalt, daß die Brust vorwärts drängte und Schultern und Arme sich strafften. Bis das leise Hinträumen wieder Macht gewann.
»Ich entnehme aus Frau Wuppermanns Worten,« wandte sich Wegherr an seine Nachbarin, »daß Sie Ihren Aufenthalt hier in der Nähe genommen haben.«
»Ich bin als Lehrerin an dem großen Damen-College angestellt, das nur ein paar kleine Meilen von hier in der Nähe der Stadt liegt, eine Art Mädchenuniversität mit Internat.«
»Sie sagen das nicht sonderlich fröhlich, Fräulein van Weert.«
»O,« erwiderte sie hastig und errötend, »ich bitte um Entschuldigung, wenn ich mich gehen ließ. Nein, nein, es war nicht recht. Besonders nicht in diesem Kreise, der jeden Menschen fröhlich machen muß.«
»Lieben Sie die Lehrtätigkeit nicht?« beharrte Wegherr. »Ich meine, es wäre etwas Wunderbares, die heiligen Feuer in den Seelen der Jugend zu entzünden.«
Da trat ein schalkhafter Glanz in ihre Augen.
»Geben Sie mir in Amerika die Jugend und die heiligen Feuerstellen der Seele, und ich will sie entzünden. Was aber, wenn beides nicht vorhanden ist? Keine Jugend und kein Idealismus? Dann brennt Ihr Lichtlein ganz alleine, und zuletzt halten Sie die Hand darüber, damit es keiner sieht.«
Ernst Wegherr lachte, und die übrigen stimmten ein.
»Gilt das,« fragte er, »nur für die jungen Damen oder auch für die jungen Herren?«
Fräulein van Weert sann nach. »Ich maße mir über die jungen Herren kein Urteil an,« meinte sie dann, »und die jungen Damen haben ganz sicher auch ihre Vorzüge. Aber sie liegen auf einem Felde, das uns bei jungen Mädchen wenigstens etwas – nun, etwas ungewohnt erscheint. Sie sind eben nicht jung und nie ganz richtig jung gewesen. Sie sind fertige junge Damen in einer Zeit, in der wir daheim noch verschämt mit der Puppe spielten. Und all die süßen Mädchenschwärmereien für die großen Dichter und Helden, das Wispern und Flüstern der kleinen, törichten und vertrauten Geheimnisse – ach, alles das, was unsere Lebensfreude in einem einzigen Jauchzer ausströmen ließ, ist ihnen so unverständlich wie dem Fisch der Vogel. Sie kommen als kleine Herrinnen zur Welt und gehen als große Herrinnen durch die Welt.«
»Aber ihr großer Lerneifer ist doch anerkennenswert,« warf Wegherr ein. »Davon zeugen doch die vielen Damen-Universitäten.«
Fräulein van Weert blickte Mr. Willart an. Der winkte ihr ermutigend zu.
»Ja,« sagte sie, »das ist wahr. Und doch hat auch dieses Kapitel bald seine besondere Note bekommen. Die großen und gebildeten Frauen, an denen Amerika reich ist, haben Schule gemacht. Ihr starkes und kühnes Auftreten auf allen Gebieten des Lebens erregte Aufsehen und Bewunderung. Was aber in Amerika Aufsehen erregt, ruft gleich bei Tausenden den Nachahmungstrieb hervor. Die Frauenbildung war bald nicht mehr Vorrecht der Berufenen, sie wurde Mode. Es gehörte für eine junge Dame einfach zum guten Ton, ein Universitätszeugnis oder gar einen der unzähligen Preise, eins der ebenso unzähligen Diplome aufweisen zu können, und die Männer, die sich in ihren Geschäften abrackerten und keine Zeit für Kunst und Wissenschaft fanden, waren stolz auf ihre klugen und gebildeten Frauen. Diese Bildung aber geht bei den meisten leider nur bis dicht unter die Oberfläche, da sie sie nur als schnell zu beschaffendes Heiratsgut betrachten, und die Lehrerin ist entweder ohnmächtig gegenüber dem Selbstbewußtsein ihrer Schülerinnen, oder sie weiß es selber nicht besser. Aber jetzt« – und sie sah sich mit rotem Kopf lachend im Kreise um – »jetzt hab' ich wahrlich genug gelästert.«
Frank Willart hob die Hand.
»Das, was Fräulein van Weert so liebenswürdig war uns in ihrer klaren Art zu erläutern, trifft mit wenigen Einwendungen auch auf die männlichen Schüler zu. Gewiß, bei ihnen ist der Bildungshunger echter. Aber auch hier überwiegen die Mitläufer diejenigen, denen es ernste Gewissenssache um die wissenschaftliche Forschung ist. Der Sport regiert die Stunde. Der beste Base-Ball-Spieler zu sein, gilt mehr als der beste Grieche, und nicht der berühmteste und hinreißendste Professor vermag auch nur einen Bruchteil der Begeisterung zu erregen wie ein Spiel-Turnier in der Studentenschaft. Und betrachten Sie sich, mein lieber Doktor Wegherr, einmal unsere zahllosen und übervölkerten Universitäten bei Lichte. Viele davon würden Sie in Deutschland nur als Oberklassen eines Gymnasiums ansehen, alle aber während der ersten dreijährigen Kurse. Was in den ersten sechs Semestern gelehrt wird, ist Sekunda- und Primafach. Erst nachher wird das Studium wissenschaftlich systematischer, soweit die Lehrkräfte reichen, von denen die besten sich doch wieder in Deutschland ihre letzte und stärkste Ausbildung holen. Ach ja, Deutschland und seine Schulen!«
Wegherr hob ihm sein Glas entgegen.
»Prosit, Mr. Willart. Das war ein gutes Wort. Und ich wette, auch Sie waren in Deutschland.«
»Ich bin in Leipzig zum Doctor philosophiae promoviert. Aber man macht als Privatmann keinen Gebrauch davon, nur im Lehramt oder als Mediziner.«
»Also doppeltes Prosit. Ich freue mich des Kollegen. Und« – er ließ sein Glas gegen das Glas Fräulein van Weerts anklingen – »der warmblütigen Kollegin.«
»O," sagte Fräulein van Weert leise, »sie ist in den drei Jahren abgekühlt.«
Wuppermann drohte ihr mit dem Finger. »Das ist ein Glück für uns.« Und sofort nahm das Gespräch eine heitere Wendung.
Als im Nebenzimmer der Kaffee gereicht wurde, die Hausfrau sich für kurze Zeit entschuldigt hatte, um das Zubettgehen der Kinder zu beaufsichtigen, und Willart mit Wuppermann den Bücherschrank musterte, schob Wegherr Fräulein van Weert einen Sessel an den Kamin, auf dessen offener Feuerstelle ein paar Buchenkloben prasselten, und ließ sich im Stuhle neben ihr nieder. Eine Weile betrachtete er heimlich ihr feines Köpfchen, die schlanke Mädchengestalt, die in den Bewegungen sich so stählern zeigte. Und er malte sie sich aus, wie sie stundenlang auf dem Lehrstuhl sich müde redete vor einer Schar eingebildeter Dinger, die die Lehrerin als einen besseren Dienstboten betrachteten. Dieses feine Geschöpf.
Sie fühlte seinen Blick und wurde unruhig. Und er beeilte sich, ein Wort zu sagen.
»Zwölf Jahre sind Sie schon im Land? Zwölf Lehrerinnen-Jahre?«
Da machte sich ihre Unruhe in einem frohen Lachen Luft.
»Also so sehe ich aus, Mr. Wegherr? Da haben wir's. Die drei Jahre haben genügt, mir die Matronenwürde zu verleihen. Nein, wirklich, Mr. Wegherr, vor zwölf Jahren war ich wirklich noch zu jung dazu.«
Ernst Wegherr lachte fröhlich mit.
»Das seh' ich selber, Fräulein van Weert. Ich war so in Gedanken, daß ich eine Gedankenlosigkeit beging. Verzeihen Sie mir.«
»Übrigens,« half sie ihm ein, »ist der Unterschied auch nicht so groß. Ich kam mit sechzehn Jahren nach Amerika. Als Begleiterin meines Bruders, der als junger Eisenbahningenieur herübergerufen worden war. Gott, waren das noch Zeiten.«
Ihre dunklen Augen bekamen einen helleren Glanz, und über ihr Gesicht huschte ein Schein wie ein Aufleuchten vergangener Tage. Vornübergebeugt sah sie und blickte starr in das Kaminfeuer.
»Darf ich danach fragen, Fräulein van Weert?«
»Es ist nichts Bedeutendes,« sagte sie vor sich hin, ohne sich zu rühren. »Nur für mein Leben war es das Bedeutendste. Mein Bruder Jan – wir stammen von der holländischen Grenze – mein Bruder und ich hingen in zärtlicher Geschwisterliebe aneinander. Er war ein glänzend begabter Techniker, und als er die Berufung der amerikanischen Eisenbahngesellschaft erhielt, im fernen Westen eine Eisenbahnstrecke anzulegen, nahm er mich mit. Mit in die Freiheit, mit in die Wildnis, mit in das Forschen, Lernen und Gestalten hinein. Ich durfte als Schülerin sofort vor die Größe der Natur.
Mit sechzehn Jahren. Und durfte dem Bruder helfen, als wenn ich ein Jüngling gewesen wäre. Durfte ihm in seinen Arbeiten zur Hand gehen und alles miterleben, seine kühnen Entwürfe und sein sicheres Vollbringen, den Kampf mit den Naturkräften und der zusammengewürfelten Menschenkolonne, die unter seinem Befehle stand, gute und schlimme Tage, Niederlagen und Siege. Wir führten ein Nomadenleben, fern in den westlichen, nord- und südwestlichen Staaten. Mit jedem Kilometer Eisenbahn rückten wir unsere Zelte vor. Hatte ich unseren kleinen Haushalt besorgt, was schnell geschah, da für die Arbeitskolonne ein Kantinenkoch sorgte, so schwang ich mich aufs Pferd und jagte dem Bruder nach. Die wilden Kerle mochten mich, wie man ein Töchterchen mag. Sie riefen mir die Richtung zu, hierhin, dorthin, und jeder schrie dem anderen die Weisung zu, auf mich acht zu geben. Von Denver an, von Colorado Springs in den Rocky Mountains bis zum Süden Kaliforniens ging's durch die starrenden Gebirge, die endlosen, immer endloseren Prärien. Und hinter meinem Bruder her, der oft eine Tagreise weit vorritt, um die Punkte für den Unterbau zu untersuchen und zu bestimmen, jagte ich durch Berge und Prärien, immer den Himmel über mir, durch Sommersonne und Winterschnee, oft durch ausbrechende Stürme und Gewitter. Dann packte mein Bruder vom Sattel herüber in meinen Zügel hinein, wie er es auch oft tat, wenn wir über die grauen, sonnenverbrannten Prärien sausten, atemlos, aber Auge und Hand eins, damit die dahinstürmenden Gäule nicht in die Maulwurfshügel der Präriehunde einbrächen und einen Kopfsprung täten. Neun Jahre waren es, und sie scheinen mir heute wie neun Wochen. Wer durfte Frühling, Sommer, Herbst und Winter erleben wie ich. Wer durfte der Natur so ins Gesicht sehen, ob sie gütig lächelte oder Teufelsfratzen schnitt. Wer durfte einem anderen dienen, wie ich dem Bruder, und wurde im Dienen so über sich hinausgehoben. Kein Mensch durfte so lieben und so weinen.«
Ihre Augenbrauen zogen sich schmerzhaft zusammen. Und die Lippen lagen fest aufeinander gepreßt, als ob sie einem Schluchzen wehrten.
Ernst Wegherr saß still neben ihr und wartete.
»Es ist nicht mehr viel, Herr Professor. Wir waren die Küste des Stillen Ozeans entlang nach Norden gezogen. Ein neuer Vertrag rief dann den Bruder hinauf nach dem Alaska-Gebiet, wo Eisenbahnen geplant wurden. Irgendwo lagen wir mit der Kolonne in der Wildnis. Es war Abend, und Jan saß vor mir und erklärte mir ein paar neue kühne Baupläne mit weiten Brückenspannungen und Tunnelierungen, daß es mir heiß zu Sinn und stolz zu Mute wurde, als ihm plötzlich die Lippen bebten und er lautlos hintenübersank. Die Arbeit hatte seine Nerven ausgepumpt. Ich schrie nach den Leuten. Auf der Dräsine fuhr einer mit der Fackel zur nächsten Ansiedlung, in der ein Arzt wohnte und ein Gasthof lag. Ich zu Pferde hinterher, immer zwischen den Notgleisen, dem Fackelschein nach. Vor mir im Sattel der Bruder, den ich mit dem linken Arm an mich geklammert hielt. Aber meine Blutwärme konnte ihn nicht erretten.«
Und wieder saß sie mit schmerzhaft zusammengezogenen Augenbrauen und fest aufeinandergepreßten Lippen.
»Ohne seinen nahen Tod auch nur zu ahnen,« schloß sie dann, »ohne für seine heißgeliebte Arbeit Vorsorge treffen zu können, mußte er hinweg. Das war das Furchtbare.«
Ernst Wegherr nahm leise ihre Hand. Und leise sagte er:
»Fräulein van Weert, Sie irren. Ein solcher Tod ist nicht furchtbar. Es ist der Tod, den ein gütiges Schicksal seinen Lieblingen schickt. Glauben Sie mir, das ist kein Trost, das ist die Wahrheit. Ja, Fräulein van Weert, es ist ein Glück, daß wir unsere Todesstunde nicht im voraus kennen, denn mancher große Weg, manche große Tat würde ungeschehen bleiben, weil wir das Augenmaß verlören und achselzuckend sagten: Es reicht nicht, oder es lohnt nicht. Es lohnt aber immer, Fräulein van Weert. Und Ihr Bruder Jan bewies es.«
Da drückte sie ihm die Hand. »Ich danke Ihnen. Vielleicht haben Sie Recht. Vielleicht habe ich in der Freiheit selber so gedacht. Aber der eingegitterte Vogel läßt schnell die Flügel hängen.«
»Weshalb ließen Sie sich eingittern?«
»Weshalb? O, Sie sind noch nicht lange in Amerika. Die Bank unterschlug Jans Ersparnisse und behauptete, sie seien in einer Spekulation zugrunde gegangen, die mein Bruder unternommen habe. Und die Eisenbahngesellschaft zahlte keinen Dollar über den verdienten Gehalt. Ich ging nach dem Osten zurück und durfte froh sein, als Lehrerin für Deutsch und Französisch hier am College unterzukommen. Aber es ist alles nicht so schlimm, wie es scheint. Man muß sich nur bescheiden lernen. Ob man auf dem Gaul oder auf dem Katheder sitzt, das Leben geht darum keinen anderen Gang. Und nun genug von mir. So wichtig,« und sie lachte aus klargewordenen Augen, »so wichtig bin ich mir schon lange nicht mehr vorgekommen.«
Die Hausfrau war zurückgekehrt und brachte die Herren mit an den Kamin. Der Kreis wurde wieder geschlossen.
»Brauchen wir nicht ins Rauchzimmer, Mary?«
»O nein, wir geben euch nicht frei. Wenn es Fräulein Gertrud erlaubt, dürft ihr rauchen.«
»O, ich habe jedenfalls schlechteren Knaster zu riechen bekommen.«
»Dann machen wir Ihnen mit unseren guten Zigarren also geradezu ein Vergnügen, Fräulein van Weert?« neckte Wuppermann.
»Umgekehrt, Herr Wuppermann. Die Zigarren mit Ihnen! Mir geht es wie Frau Mary.«
Da verbeugte er sich tief, holte hinter dem Rücken die Zigarrenkiste hervor und bot den Herren an. »Was die Frau will, will Gott.«
»Wie stehen die Fabriken?« fragte Willart aus seinem Sessel heraus.
»Danke für Nachfrage,« meinte Wuppermann. »Es geht zwar gut, aber noch mehr Arbeit schändet nicht.«
»Da braucht man Sie nur anzusehen. Hat Ihr Freund die Fabriken besichtigt? Ja? Und Gefallen daran gefunden?«
»Lieber Mr. Willart, Sie dürfen ruhig geradeaus fragen. Denn Sie meinen doch, ob ich ihn mir zum Teilhaber ausersehen habe.«
»Ausersehen ist ja noch nicht angenommen.«
»Sie sagen das so freudig bewegt, daß ich fast einen anderen Plan bei Ihnen vermute.«
Wegherr hob den Kopf. »Ich glaube wahrhaftig, da wird über mich verhandelt.«
»Merkst du was, lieber Ernst? Alle Hunde sind hinter dir her. Wir spielen Kesseltreiben.«
»Wenn Sie es nicht für überheblich halten, Herr Professor,« wandte sich Willart ihm zu, »daß wir nach Ihren amerikanischen Plänen fragen, so werden Sie sicherlich nirgendwo dankbarere Zuhörer finden und aufrichtigere Freunde.«
Wegherr verneigte sich leicht. Dann sagte er, und seine Stimme wurde ernst:
»Ich möchte das Land studieren. Ich möchte Land und Leute beobachten und daraus meine Schlüsse ziehen. Ein Geschichtsforscher hat viele Wege zu gehen. Er muß auf den Höhen schwindelfrei sein und sich nicht weniger unter den Massen zu Hause fühlen. Erst aus der Völkerpsychologie heraus kann er den Aufstieg des einzelnen verstehen und ihm gerecht werden, wie der Forscher es soll, und die Volksseele ist abhängig von dem Boden, aus dem sie geworden, von den Wirtschaftsbedingungen, von ihrer nächsten Umgebung und von den Nachbarn, an denen sie sich reibt. Wer Geschichte erforschen will, zu dem Zwecke, die Kultur zu fördern, darf nicht hinter dem Schreibtisch bleiben. Deshalb will ich mich in Bälde auf die Wanderschaft begeben.«
»Sie sprachen von Kulturförderung,« griff Willart das Wort heraus. »Sie würden es kaum gesagt haben, wenn Sie nicht damit eine ganz bestimmte Kultur ins Auge gefaßt hätten.«
»So ist es, Mr. Willart. Die Kultur richtet sich nach den Rassen. Unter Mischrassen nach der, die das moralische Schwergewicht bedeutet. So wenigstens sollte es sein, wenn das Land nicht den Schaden davontragen soll.«
»Sie sprechen von der deutschen Kultur?«
»Erweitern Sie für Amerika das Wort. Ich spreche von der Kultur, die alle Stämme germanischen Blutes umfaßt.«
»Und das Ergebnis Ihrer Forschungen gedachten Sie von Ihrem Lehrstuhl aus vorzutragen? Bedenken Sie, daß der Amerikaner, den es angehen und fördern soll, wenig von dem erfährt, was in Deutschland gelehrt wird, oder es entstellt erfährt.«
»Ich denke für die nächsten Jahre an keinen deutschen Lehrstuhl.«
»Ah – an eine Universitätsprofessur in Amerika! Das sieht ganz anders aus, und wir könnten uns beglückwünschen. Sie würden mit offenen Armen aufgenommen werden, und dennoch –«
»Und dennoch?« fragte Wegherr lächelnd.
Willart überlegte. Sein kluges Gesicht zog unwillkürlich die Blicke an.
»Als Mann, der die amerikanische Geisteswelt zu kennen glaubt,« sagte er dann ruhig, »rate ich Ihnen ab. Eine Professur hierzulande ist nicht das, was einem auf dem Felde der Wissenschaft so hoch verdienten und mit Recht berühmten Mann auf die Dauer Genüge geben könnte. Nicht nur, weil bei uns alle Verhältnisse noch zu unfertig sind und der Widerhall fehlt, den Sie suchen. Das ändert sich mit den Jahren, und die Entwicklungszeit hat sicher etwas Anreizendes. Auch an Lehr- und Lernmitteln, an Bibliotheken, Anschauungs- und Übungsbedarf finden Sie dank der riesigen Schenkungen einen Reichtum, wie vielleicht nirgendwo in der alten Welt, und die Anstelligkeit des amerikanischen Hörers, dem es ernsthaft um sein Studium zu tun ist, steht hinter keiner anderen Begabung zurück. Und dennoch« –
»Und dennoch?« wiederholte Wegherr noch einmal, aber seine Augen blickten gespannt.
»Der Hinweis, daß in Amerika Geistesarbeit am schlechtesten entlohnt wird, würde bei Ihnen nicht verfangen, Herr Professor.«
»Nein, das würde er nicht.«
»Ich dachte es mir, und es freut mich von Herzen. Sie sind ein Eigener. Und gerade darum sollte es bei keinem wie bei Ihnen heißen: In eigener Sache – in eigener Firma. Was halten Sie davon, Mr. Wuppermann?«
Der Fabrikant nickte gewichtig mit dem Kopf. »Ein Wort nach meinem Geschmack, Mr. Willart.«
»Ich höre Ihnen aufmerksam zu, meine Herren. Obwohl ich vom Lehrstuhl aus ebensogut in eigener Sache und eigener Firma handeln würde.«
»Das würden Sie,« bestätigte Willart ohne weiteres. »Die Frage ist nur, wie lange Sie es tun würden, wie lange Sie in der Lage sein würden. Amerika ist noch so jung, daß auch seine Empfindlichkeit die eines Kindes ist. Es will nur gestreichelt, es will nur immer schön gefunden werden. Was der Amerikaner in diesem ungeheuren Landgebiet in der kurzen Zeit nach der zivilisatorischen Richtung hin geleistet hat, ist ja auch einfach staunenswert. Zivilisation ist aber nicht Kultur, ist nur Erschließung und nicht Erhöhung eines Landes. Das ist des Amerikaners wunde Stelle, darin ist er empfindlich wie ein verwöhnter Junge, und wenn ein von ihm angestellter Universitätsprofessor nachdrücklich den Finger in diese Wunde legt, so schreit er auf und läßt die Meute los. Vergessen Sie nicht,« fügte er hinzu, »daß es sich um eine Nation aller Völker und Rassen handelt, von denen jede an die Spitze drängen möchte. Wird aber ein anderer als sie selber von der Universität aus ›bescheinigt›, so entdecken alle übrigen ihren gemeinsamen ›Amerikanismus›.«
»Das heißt,« folgerte Wegherr, »sie schlagen so lange Lärm, bis dem Unbequemen der Lehrfaden abgeschnitten wird.«
»Ganz recht, und vielleicht nur ein bißchen zu freundlich ausgedrückt. Deshalb bleibe ich dabei: in eigener Sache – in eigener Firma. Denn das Grundmotiv ihrer Forscherwanderungen wäre und bliebe« –
»Sammlung des Deutschtums auf fremder Erde,« sagte Wegherr ernst. »Seine Stärkung in sich selber, die bedingen wird: den kraftvollen Einfluß im neuen Heimatland und die Aufrechterhaltung der verwandtschaftlichen Beziehungen zum alten Vaterland. Das wäre ein Band, das keines tintenbeschriebenen Pergamentes bedürfte. Und unsere Söhne wären sich und uns nicht mehr verloren, ob sie auch amerikanische Bürger würden.«
In einer seltsamen Bewegung blickte Willart den Sprechenden an.
»Auch ich bin deutsch, Mr. Wegherr. Nicht nur dem Blute nach. Sondern weil ich deutsch fühle.«
»So sind wir eines Glaubens, Mr. Willart.«
Einer plötzlichen Aufwallung nachgebend, streckte ihm Willart die Hände hin.
»Also lassen wir uns auch Deutsch reden. Wir dürfen es im Hause Wuppermann.«
Wegherr hatte die Hände ergriffen. Die beiden Männer blickten sich in die Augen, und über den Zuschauern lag eine feierliche Stimmung. Ein Menschenschicksal, vielleicht viele Menschenschicksale sollten hier bestimmt werden.
»Sprechen wir Deutsch, Herr Willart,« sagte Wegherr, und dann gab er die Hände frei.
Willart lehnte sich tiefatmend im Sessel zurück. Er sandte seine Gedanken weit aus und holte sie wieder herein. Wie einen honigschweren Bienenschwarm.
»Wir haben denselben Glauben an die Größe und Bedeutung des deutschen Volkes, wo auch immer abgesprengte Glieder sich ansiedeln mögen. Hier aber leben fünfzehn Millionen, die höchstens in ihren Träumen den gemeinsamen Quell noch rauschen hören und dem weltgeschichtlichen Beruf des Deutschtums verloren gehen, wenn sie nicht wieder geweckt, ja – aufgerüttelt werden. Hier heißt es, mit dem Zauberstab des deutschen Wortes wie mit einer Wünschelrute die rechten Stellen treffen, damit der Quell ans Licht springt und die Seelen erfüllt.«
»Mit Heimweh,« sagte Ernst Wegherr.
»Ja, mit Heimweh. Mit dem Heimweh nach einer Heimat, die auf einem fernen Boden liegen kann und doch im Geist der alten so ähnlich. Mit dem Verlangen, sie sich zu schaffen. Mit dem Bewußtsein, sie sich schaffen zu können, wenn sie nur wollen. Mit dem Willen zur Macht.«
Er schwieg, und Wegherr merkte es kaum, denn seine Gedanken waren schon weitergezogen, in das Feld der Arbeit. Und aus seinen Gedanken heraus sagte er nach einer Weile:
»Dieser Weg lebte schon in mir, als ich herüberkam. Ich kam ja nicht unvorbereitet. Ich sah ein Arbeitsfeld, wenn auch erst dunkel. Der Weg erhellt sich, und ich sehe die Arbeitsmöglichkeiten deutlicher.«
»Wir brauchen Sie, Mr. Wegherr.«
»Und woher wissen Sie, daß Sie gerade mich gebrauchen?«
»Weil den Männern hierzulande die frische Begeisterung fehlt, die sich auch ohne winkende Reichtümer für ein Ideal einzusetzen vermag. Weil – ich Sie vorgestern in Ihrer ersten, heißen Begeisterung auf dem Berge sah und reden hörte. Weil – nun, weil Sie Sie sind.«
Wegherr sann vor sich hin. Er horchte in sich hinein. Er vernahm, wie das deutsche Blut und das Forscherblut in ihm erwachte und ihm zurief. Aber er war kein abenteuerlustiger Jüngling mehr.
»Es gibt so viele hervorragende Deutsche hier,« meinte er langsam, »Männer, die mit Land und Leuten besser vertraut sind als ich. Weshalb machen sie sich nicht auf den Weg?«
»Weshalb nicht?« wiederholte Willart. »Nun, zunächst wohl nicht, weil sich der Erfolg nicht gleich ziffernmäßig berechnen läßt, und langfristige Geschäfte pflegt man in diesem raschlebigen Lande nicht gern zu machen. Dann aber auch, weil sie sich schon so sehr an die amerikanische Beleuchtung gewöhnt haben, daß ihre Augen nicht mehr unbestechlich scharf zu unterscheiden vermögen. Zu dritt aber, und das ist der wichtigste Punkt, tragen sie nicht den Luftstrom der alten Heimat mit sich, wie Sie es tun, stehen sie nicht vor den Hörern da als ein lebendiges Zeugnis, als ein Grützebringer von drüben. Deshalb, Mr. Wegherr.«
Wegherr blieb still. Man hörte die Atemzüge der um den Kamin versammelten Menschen.
»Sehen Sie sich unsere Volksgenossen an, wie sie heute sind,« fuhr Willart lebhafter fort. »Wo sie in den Städten dichter zusammensitzen, glauben sie wunder was zur Pflege des großen deutschen Gedankens zu tun, wenn sie sich allwöchentlich in Gesangvereinen, Kriegervereinen, Kegel- und Skatvereinen zusammenfinden. Dort erzählen sie sich die neuesten Witze, trinken Bier und halten wohl auch einmal eine Festtagsrede. In der Hauptsache aber bleiben es Vergnügungsgeselligkeiten, und die Frauen und Mädchen dürfen nicht leer ausgehen. Wie können dagegen die wenigen Gesellschaften, die mit echtem Ernst den Kulturfortschritt auf ihre Fahnen geschrieben haben, aufkommen? Gehen Sie einmal hinein in die deutschen Veranstaltungen und sehen Sie es mit an, wie unsere Volksgenossen sich geschmeichelt fühlen, wenn ein Angloamerikaner sie mit seinem Besuch beehrt. Im Sinne des Wortes: beehrt! Wie der deutsche Satz abbricht und ihnen das Englisch über die Zunge gehüpft kommt. Wie ihre Mienen es ausdrücken: O, wir machen hier nur so mit, aus Geschäftsrücksichten, wissen Sie, obschon wir es eigentlich für eine Kinderei halten, Amerikaner wie wir, nicht wahr? Das ist ein Bauchrutschen, das um so empörender ist, weil nur wir Deutschen es üben; das um so lächerlicher ist, weil es uns in der Achtung des übrigen Amerikas zurückwirft. Tausend der Besten denken wie ich.«
Wegherr hob den Kopf. Seine Stirn hatte sich gerötet.
»Es wird anders werden, Mr. Willart. Ihre Deutschamerikaner tragen noch das alte Deutschland im Kopfe herum, wie es vor dem Französischen Kriege, wie es vor der Erschaffung des neuen Deutschen Reiches war. Und es mangelt ihnen am rechten Stolz auf ihr Stammland, weil sie von seinem Höhenflug als Augenzeugen nichts wissen und nur als Ohrenzeugen von den alten Eingewanderten mit den längst niedergebrochenen Weltbürgerschwärmereien zum Nachtisch gespeist wurden. Das Volk der verträumten Unwirklichkeit lebt nicht mehr, ein Volk der stahlharten Wirklichkeiten steht an seiner Stelle, das sich seiner wirtschaftlichen Höhenlage stark bewußt ist und sich nicht mehr in Verbeugungen erschöpft. Gottlob, es ist anders geworden und wird noch ganz anders werden. Man wird sich noch darum schlagen, ein Deutscher heißen zu dürfen!«
Willart war aufgesprungen. Seine klugen Augen leuchteten.
»Das ist es, was Sie den Leuten sagen sollen. Das ist es!«
»Ich gedenke ihnen noch mehr zu sagen, Mr. Willart. Ich gedenke sie zu fragen: was ist Heimat? Ist Heimat ein Wort des Stolzes oder der Feigheit? Bringt die Heimat Hammelherden hervor oder freie Männer und Führer des Volkes? Nur wenn ihr euch eures Blutes erinnert, dieses alten Kulturblutes, wenn ihr euch vor keiner anderen Rasse beugt und nicht nur fünfzehn Millionen deutschblütige Menschen, sondern die gesamte Macht mitbestimmender Männer darstellt, werdet ihr achtunggebietend bündnisfähig und kulturbringend sein. Erst dann und nur erst dann werdet ihr in Wahrheit die Heimat gefunden haben.«
Er hatte sich in heiße Begeisterung hineingeredet. Seine Augen strahlten ein jugendliches Feuer aus. Das deutsche Feuer, dachte Fräulein van Weert und hielt die Hände fest um die Knie gefaltet.
Es war still geworden. Und bei einem jeden flatterten die Gedanken wie aufgescheuchte Vögel.
Dann vernahm man Frank Willarts feste Stimme.
»Sie sind unser Mann, Mr. Wegherr.«
»Auf diesem Wege – ja.«
»Mr. Wegherr, wir haben begonnen, einen Bund der Deutschen dieses Landes ins Leben zu rufen. Der Deutschen, denen Amerika eine Heimat werden soll, wie Sie sie malten. Wollen Sie uns helfen, Mr. Wegherr?«
»Mit allen meinen Kräften.«
»Ich wußte es, Mr. Wegherr. Ich wußte es im selben Augenblick, da ich Sie auf dem Berg sah und hörte. Es wird eine anstrengende Arbeit sein und Sie auf längere Zeit dem Familienglück entfremden.«
»Ich habe keine Familie und gebe deshalb kein Glück auf.«
Wegherr sagte es ruhig. Und doch war es wie eine abweisende Gebärde.
Da ging Frank Willart zu Wuppermann und schüttelte ihm die Hand.
»Mr. Wuppermann, ich danke Ihnen, daß Sie uns Ihren Freund gebracht haben.«
»Den Teufel auch,« rief Wuppermann, »nicht im Traum habe ich daran gedacht. Sie holen ihn mir ganz einfach, ohne daß ich als sein Unternehmer überhaupt auch nur gefragt werde. Donnerwetter, da steh' ich wie der Kamerad im Volkslied: ›Ihn hat es weggerissen, als wär's ein Stück von mir!›«
»Nein, er wird der Unsere. Jetzt gerade.«
Wuppermann blickte zu dem Freunde hinüber. Ein Zweifel huschte über sein Gesicht, aber er unterdrückte ihn und meinte gelassen:
»Nun ja, ein Adler bleibt ja ein Adler, auch wenn er mal mit Bruder Lämmergeier fliegt.«
»Sie sind nicht sehr liebenswürdig in Ihren Vergleichen, Mr. Wuppermann.«
»Ich meine natürlich mit Bruder Lämmergeier die Leute außerhalb dieses Zimmers. Ein Mensch wie Wegherr wird bald genug erkennen, fürchte ich, daß er unter hageldicke Böotier geraten ist, denen hundert Cents immer einen Dollar bedeuten.«
»Und ein Mann wie Doktor Wegherr,« erwiderte Willart, »wird die Händler und Wechsler aus dem Tempel treiben.«
»Hoffentlich ist noch jemand drin, wenn die Händler und Wechsler heraus sind,« lachte Wuppermann gemütlich. »Aber es werden sich ja auch manche Heidenvölker zur Taufe bekehren. Wie wäre es im Hinblick darauf mit einem Glase ungetauften Weins?«
»Muß denn zu jeder Gelegenheit getrunken werden?«
»Es muß, Doktor Willart. Wir sind kleine Leute, wissen Sie, die aber auch leben wollen.«
Er ging, um eine seiner berühmten Flaschen zu holen. Und Frau Mary nahm Gertrud van Weerts Hand und sagte leise: »Was ist Ihnen, Kind? Sie sind so still, als ob Sturm in Ihnen wäre.« Da kam Fräulein van Weert aus weiter Ferne zu sich zurück.
Ernst Wegherr war ans Fenster getreten, um sich eine frische Zigarre anzuzünden. Frank Willart war ihm gefolgt.
»Wie lange haben Sie für Ihren Aufenthalt bei Ihrem Jugendfreund angesetzt, Herr Doktor?« fragte er.
»Ich hatte,« antwortete Wegherr, »an keine bestimmte Zeit gedacht. Jedenfalls aber sollten es nur ein paar Erholungstage werden.«
»Gut. Und ich darf Sie inzwischen sprechen?«
»So oft Sie wollen.«
»Ich nehme an, Sie sind marschbereit und, wie man in Deutschland sagt, kriegsmarschmäßig ausgerüstet?«
»Jederzeit klar zum Gefecht.«
»Dann,« meinte Willart, »wollen wir auch keinen Tag länger zögern, als zur Vorbereitung unbedingt notwendig ist. Sobald ich heimgekommen bin, in dieser Nacht noch, beginne ich mit der Organisation. Sozusagen als Ihr Generalsstabschef. Zunächst denke ich mich an die größeren deutschen Vereine und Gesellschaften in all den Städten zu wenden, die in Betracht kommen. Von diesen müssen Sie ›gewonnen‹ werden. Zu einem Vortrag, einer Vorlesung. Natürlich gegen ein entsprechendes Honorar, denn der Amerikaner wertet alles nach dem Preis, den er dafür anlegen muß. Haben Sie die ersten Vorlesungen gehalten und Fühlung genommen, so sorgt die amerikanische Presse für die beste Empfehlung, ich arbeite von hier aus weiter und sende Ihnen die Namen der neuen Städte und Gesellschaften, die sich melden, immer dorthin, wo Sie sich gerade befinden. So werden Sie nach und nach das ganze Land bereisen, von einem Ozean zum anderen, überall das Deutschtum aufsuchen, begeistern und sammeln für den neuen Bund oder doch als Forscher die Spuren dieses Deutschtums aufsuchen und verfolgen.«
»Das ist es, was ich mir wünschte,« murmelte Wegherr, »das beansprucht den ganzen Menschen und läßt keinen Gedanken eigene Wege schwirren. Und glückt es mit der Mission nicht, so soll doch der Geschichtsforscher nicht zu kurz dabei kommen.«
»Die Mission wird glücken,« sagte Willart ruhig. »Tausend führen uns Zehntausend zu. Und zwänge sie nur der Nachahmungstrieb, von dem Fräulein van Weert vorhin berichtete. Rücken Sie nur unbekümmert vor und überlassen Sie mir die Nacharbeit, das Aufräumen, Sichten und Ordnen. Daran soll es nicht fehlen.«
Der Hausherr trat mit einem Kristallteller ein, auf dem er fünf wundervolle Kelche trug. Vorsichtig stellte er sie einzeln auf den Tisch.
»Die schönsten Gläser, die Amerika hervorbringt, meine verehrten Herrschaften. Tiffany-Arbeit. Schauen Sie, wie die Farben leuchten und doch zu einem Schmelze zusammenfließen.«
»Ein Bild Amerikas und seiner Bewohner,« sagte Wegherr bewundernd.
»Und hier,« fuhr der Hausherr fort, »sehen Sie eine Flasche echten deutschen Weines. So gieße ich denn den deutschen Wein in das amerikanische Gefäß und wünsche Ihnen, daß Sie das gleiche vollbringen. Auf daß das Edelste sich dem Edelsten vermähle.«
Die beiden Frauen hatten sich von ihren Kaminplätzen erhoben und waren leisen Schritts hinzugetreten. Frau Marys Blicke hingen in stiller Liebe an den lebenssicheren Zügen des Gatten. Sie nickte ihm zu, und sie verstanden sich.
Sie hoben die schimmernden Kelche, aus denen der reife Wein duftete, vom Tische.
Und Wegherr sagte leise:
»Ich glaube daran. Das war der Trinkspruch eines Mannes, den die Liebe zu dem Land, in dem er das Edelste fand, zum Dichter machte.«
So tranken sie den deutschen Wein im pennsylvanischen Lande.
Dann nahm Fräulein van Weert Abschied.
»Geben Sie noch fünf Minuten zu,« bat der Hausherr, »ich lasse den Wagen kommen.« Und er ging ans Telephon und sprach hinein.
»Wenn Sie gestatten,« bat Willart, »so benutze ich denselben Wagen zur Bahn. Der Tag hat uns vieles gegeben. Nun ist die Reihe des Gebens an uns.«
Ernst Wegherr hatte sich während des Abschiednehmens an Fräulein van Weert gewandt.
»Sie sind so still geworden. Ich habe es wohl bemerkt, Fräulein van Weert. Weshalb sind Sie unter den Fröhlichen traurig?«
»Das fragen Sie? Das fragen Sie, wo das Leben mit großen Aufgaben auf Sie wartet?«
»Ob es auf mich wartet, weiß ich nicht. Aber ich gehe, es aufzusuchen.«
»Man sagt,« erwiderte Fräulein van Weert hastig, »Erinnerungen machen glücklich. Das Wort trügt. Man soll keine Erinnerungen haben, wenn man auf dem Stänglein im Käfig hockt.«
»Sie denken an Ihren Bruder Jan?«
»Ja! An ihn denke ich. Und an all' die Zeit der Arbeitsseligkeit. Aus der Stumpfheit und Abgestumpftheit heraus.«
»Sie eingefangenes deutsches Wandervögelchen,« sagte Wegherr weich. »Darf ich vor meiner Abreise kommen und nach Ihnen sehen? Oder ist es verboten, in den Frieden des Damen-Colleges einzubrechen?«
Da lachte sie schon wieder.
»Sie müssen mich für ein Trauerfähnchen halten, Herr Professor. Natürlich dürfen Sie. Es wird der ganzen Schule eine Ehre und mir endlich ein Anlaß sein, auch einmal beneidet zu werden. Vielen Dank für den genußreichen Abend.«
Sie reichten sich die Hände, und als sie sich auf der Schwelle noch einmal umwandte, nickte er ihr zu.
»Schwesterchen,« sagte er vor sich hin.
Und vom Fenster aus sah er dem Wagen nach, bis ihn die Dunkelheit aufgesogen hatte.
6
Gertrud van Weert hatte die Wagenfahrt schweigend zurückgelegt. Wohl war die Stimme ihres Begleiters an ihr Ohr gedrungen, und sie hatte sich Mühe gegeben, den Erläuterungen Frank Willarts zu folgen. Aber der Name Ernst Wegherr, der in seinem Munde immer wiederkehrte, ließ sie allein aufhorchen, trieb ihr eine Unruhe ins Blut, über die sie nachgrübeln mußte, bis sie es wußte. Der Name war es nicht, es war die Aufgabe, die mit ihm zusammenhing, es war der Zug zur Freiheit, zur Befreiung.
Zur Befreiung …
Und sie preßte die Hände schmerzhaft ineinander.
Hinaus können, hinaus. Aus der drückenden Enge in eine große Betätigung hinein, in eine Aufgabe, die ein Menschendasein lohnte, in die Gemeinschaft von Menschen gleichen Fühlens.
Da hielt der Wagen vor dem Campus, dem weitgedehnten Universitätsgebiet, und die hohen Gebäulichkeiten ragten dunkel aus den Sport- und Spielplätzen hervor. Sie warf einen verzweifelten Blick hinüber. Dort wurde Tag aus, Tag ein, Jahr für Jahr an der Befreiung von tausend jungen Geistern gearbeitet, und das eigene, noch so jung gebliebene Gemüt verdorrte.
Hastig nahm sie Abschied von ihrem Begleiter, der den Wagen zur nächsten Station weitergehen ließ, und schritt dann, wie von einer plötzlichen Müdigkeit gelähmt, langsam den Kiesweg zwischen den Rasenstreifen entlang dem Wohnhaus zu, in dem die Beamtinnen und Lehrerinnen untergebracht waren.
»Ich ertrag' es nicht mehr,« murmelte sie vor sich hin. »Ich will lieber – ja, was denn nur? Was denn nur? Was will ich denn lieber beginnen?« Und sie stand still und versuchte mit weitgeöffneten Augen die Dunkelheit der Nacht zu durchdringen, als könnte sie dadurch Licht in ihrem Innern schaffen.
Mein Erspartes reicht nicht für ein halbes Jahr, dachte sie. Ich könnte es wieder mit Privatstunden versuchen. Aber jeder Geistesarbeiter, der herüberkommt, versucht es um Lebens oder Sterbens willen mit Privatstunden und drückt die Hungerpreise noch mehr hernieder, bis er erlöst nach dem Posten eines Hausknechts oder Geschirrwäschers greift. Nein, das ist doch wohl nichts. Und die Frechheiten der Männer, die in der Privatstunde nur die Gelegenheit zu einem unverschämten Flirt mit der verlassenen Lehrerin suchen – sie schauderte in der Erinnerung.
Mein bißchen Schneiderkunst – ein trübes Lächeln zog um ihren Mund – ach Gott, es reichte für die Prärie und für den halbwilden Bruder, nicht für Ladies, nicht mal für die letzte Küchenmagd. Stenographie und Schreibmaschine. Darin hatte sie sich in den Mußestunden der letzten drei Jahre vervollkommnet. Wenn sie ihre Sprachkenntnisse dazunahm, Deutsch, Französisch, Englisch und Spanisch, so mußte sich doch wohl ein Platz als Korrespondentin oder Sekretärin auf einem großen Kontor finden? Ja, das mußte es. Und nach des Tages Last und Arbeit durfte sie sich selbst gehören, konnte sie an ihrem eigenen Menschen bilden, von der Kunst genießen, an der Wissenschaft sich erheben, durch die Natur streifen nach Herzenslust. Und brauchte nicht mehr in ihrem Lehrerinnenstübchen zu hocken, bis die Reihe wieder an sie kam, Putzmacherin am Geist anmaßender junger Damen zu spielen oder Aufsichtsdame ohne Kommandogewalt, ein Spatzenschreck, nicht mehr.
Ihr junger Körper streckte sich. Und sie spürte, wie aus weiter Ferne der Stern des Lebens zu ihr zurückkehrte, und spürte insgeheim die federnde Spannkraft der Muskeln. Wie damals, ehe der Bruder starb, der Jan.
»Ich ertrag' es nicht mehr,« sagte sie laut und öffnete die Tür des Wohnhauses.
Als sie das elektrische Licht angedreht hatte und ihr Zimmer aufsuchen wollte, kam über den Korridor eine hohe, hagere Gestalt.
»Guten Abend, Mrs. Präsident,« grüßte Gertrud van Weert und wollte vorüber.
»Guten Abend, Miß van Weert. Wir sahen Sie nicht bei der Abendkonferenz.«
»Ich hatte mich entschuldigen lassen, Mrs. Präsident. Ich war zum Dinner zu Freunden geladen.«
Die Präsidentin nickte. »Ich weiß. Aber ich hätte gewünscht, daß Sie nach dem Dinner zur Konferenz zurückgekehrt wären.«
Fräulein van Weert senkte den Kopf. »Meine unbedeutende Stimme …«
»Miß van Weert, es handelt sich nicht darum, wie man seine Stimme einschätzt, sondern wie man seine Pflichten auffaßt.«
Da hob das junge Mädchen stolz den Kopf.
»Habe ich jemals Grund zur Klage gegeben? Bin ich in den drei Jahren je etwas anderes gewesen als Pflicht und wieder Pflicht?«
Die Präsidentin bewegte leicht abwehrend die Hand.
»Gerade darum möchte ich nicht, daß es anders würde. Aber es ist seit kurzem eine Unruhe in Ihnen, und heute abend scheint sie mir einen besonderen Grad erreicht zu haben. Das verbietet der Vorteil des Instituts.«
Sie hatte ohne jede Erregung gesprochen. Ohne auch nur einmal die Stimme zu heben. Geschäftlich und selbstverständlich. Aber gerade diese Leidenschaftslosigkeit war es, die Gertrud van Weert heute abend stärker als je erregte.
»Dürfte ich Sie um eine Unterredung bitten, Mrs. Präsident? Ich würde Ihnen dankbar sein, wenn wir diese Unterredung vom Korridor auf Ihr Zimmer verlegen dürften.«
»Dem steht nichts im Wege, Miß van Weert. Folgen Sie mir, bitte.«
Und sie schritt voran durch den langen, grauen Korridor, öffnete eine Tür und trat in ein behagliches Wohnzimmer. Fräulein van Weert mußte die Tür hinter ihr schließen.
Die Präsidentin setzte sich in einen bequemen Lehnstuhl. Aber die hohe Gestalt saß gerade und aufrecht darin, als wären die Polster Holz. Und sie wies mit der Hand auf einen anderen Stuhl.
»Setzen Sie sich, bitte, ebenfalls, Miß van Weert,« sagte sie, und in ihrem vornehmen Gesicht spielte keine Muskel. »Sie wünschen mir etwas mitzuteilen, wenn ich recht gehört habe.«
Gertrud van Weert war stehengeblieben. Ihr Blick streifte schnell das Gemach, die hohe, hagere Gestalt im Stuhl, und in ihr stieg die Stunde auf, da sie schon einmal hier gestanden hatte, als Bittstellerin um einen Lehrerinnenposten, und nach langer Prüfung erhört worden war. Sie atmete hastig und suchte den erregten Atem zu unterdrücken.
»Ich möchte Sie um meine Entlassung bitten, Mrs. Präsident.«
Die Präsidentin nickte mit dem weißen Kopf vor sich hin.
»Es ist, wie ich es mir gedacht hatte. Ich bat Sie, Platz zu nehmen, Miß van Weert.«
»Sagen Sie mir, bitte, zuvor …«
»Sie müssen sich nicht so erregen. Es steht einer Lady nicht an, und viel weniger noch einer Lehrerin. So, nun sitzen Sie. Wir sind zwei Frauen, die sich miteinander unterhalten möchten, und nicht zwei Kampfhähne.«
Fräulein van Weert saß mit herunterhängenden Armen. Diese geruhige Freundlichkeit war das drückendste. Man fühlte sich als Sache, als Gegenstand, nur nicht als Mensch, der mit seinen Schmerzen und Seelenstimmungen zum andern kommen konnte. Und wieder vernahm sie die leidenschaftslose Stimme, die das Blut zurückjagte.
»Darf ich noch einmal bitten, mir Ihren Wunsch zu sagen?«
»Meine Entlassung,« brachte Fräulein van Weert nur hervor.
»Wie kommen Sie zu dieser seltsamen Idee, mein Kind? Haben Sie hier nicht ein Heim, das Sie birgt und schützt? Haben Sie hier nicht einen Pflichtenkreis, der Ihnen das erhebende Gefühl Ihrer Nützlichkeit verleiht? Ist das nicht der Weg zum Glück?«
Gertrud van Weert schüttelte den Kopf.
»Nein.«
»Nein sagen Sie? Ich kann mich nicht mehr wundern, mein Kind, denn ich habe zu viel Wunderliches im Leben erlebt. Aber Ihr Nein berührt mich nicht – angenehm. Ja, das ist es. Nicht angenehm. Ich hatte mehr Stolz in Ihnen erwartet, denn ich habe Sie immer mit besonderer Liebe beobachtet.«
»Stolz?« wiederholte Fräulein van Weert. Und als ob sie sich im Worte verhört hätte: »Liebe?« –
»Sie haben recht gehört, mein Kind. Den Stolz der Größe, die wir nicht erlernen können, die uns angeboren sein muß und die uns aus unserer Umgebung hervorheben würde, selbst wenn wir die Beschäftigung einer Dienstmagd verrichteten. Und meine Liebe zu Ihnen war in der Tat eine besondere, weil ich in Ihnen etwas wie eine verwandte Natur vermutete, eine andere als die der Lehrerinnen, die nur ihr Pensum herzusagen wissen, ohne sich jemals selbst eins zu stellen. Sie waren durch Seelenkämpfe hindurchgegangen, Sie hatten tapfer Ihr Leben in die Hand genommen, ich – bot Ihnen die Gelegenheit dazu.«
»Ja, Mrs. Präsident. Aber – ich kann nicht mehr.«
Das klang ruhig, und darum erschütternd.
Die Präsidentin legte eine kleine Weile die Hand über die Augen. Ihr weißes Haar lag auf ihrem Haupte wie das Schneefeld eines Lebens. Dann sank die Hand in den Schoß zurück, und die Augen blickten kühl.
»Was wissen Sie junges Mädchen, was ein Mensch kann und was er nicht kann. Er kann sterben bei vollem Leben. O ja, das kann er. Tausende müssen es. Aber sterben und wieder auferstehen! Und ein neues Leben leben können. Mit dem Stolz des Starken, der für fremdes Mitleid verachtungsvoll dankt. Wer kann es? Es ist euch zu schwer.«
Da sagte Gertrud van Weert inbrünstig:
»Ich will auferstehen. Aber ich will und darf mich auch in dem neuen Leben nicht verlieren, oder es wäre nur ein Zerrbild auf den Tod. Und deshalb muß ich gehen, denn ich verliere mich hier.«
»Das ist eine Empfindung, Miß van Weert, aber keine Begründung.«
»Eine Begründung? Eine Begründung? Werden es nicht Worte sein, Mrs. Präsident, die wir wie aus zwei verschiedenen Sprachen heraus miteinander wechseln?«
»Ich war auch einmal jung.«
Fräulein van Weert sah der weißhaarigen, unnahbaren Frau in die Augen, als ob sie sie zum erstenmal sähe. Nie war ihr der Gedanke gekommen, daß aus diesen Augen auch einmal die Jugend gelacht haben könne, daß diese ruhig atmende Brust auch nur ein einziges Mal unter stürmischen Herzschlägen erbebt sei.
»Mrs. Präsident,« sagte sie, »ich fühle, daß Sie mir Güte zeigen möchten. Verzeihen Sie, wenn ich undankbar erscheine. Aber ich bin seit Jahren an keine Güte mehr gewöhnt, nur wenn ich sie mir draußen bei Fremden suchte. Verstehen Sie mich daher recht, ich bitte darum. Ich möchte gehen, weil ich noch jung sein will, jung bleiben will. Ich bin achtundzwanzig Jahre alt und kann noch nicht wunschlos sein.«
»Und wohin zielen diese Wünsche, Miß van Weert?«
»Dorthin, wo Die Menschen frei sind und glücklich.«
»Solch ein Land gibt es nicht.«
»Mrs. Präsident, machen Sie es mir nicht so schwer. Mir vertrocknet das Herz, weil ich es an nichts hängen kann.«
»Ich denke,« sagte die Präsidentin, »Sie hatten es einmal an Ihren Bruder gehängt. Was wurde? Er mußte sterben. Sterben vor Ihren sehenden Augen, an Ihrem schlagenden Herzen. Lohnt es sich wirklich, sein Herz an etwas zu hängen, das einem morgen schon weggenommen, zerstampft werden kann? Sie haben Tränen in den Augen und meinen, ich wäre grausam? Ich bin nur klug geworden.«
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