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Konstanze Marx

Weihnachtslinguistik

Festliche Texte über Sprache

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

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ISBN 978-3-8233-8452-6 (Print)

ISBN 978-3-8233-0266-7 (ePub)

Inhalt

  Vorfreude, schönste Freude

  Linguistische Weihnacht in Reimen

  Von Wünschen und vom Wünschen

  1 Eine Frage stellen in aufgeklärter Unsicherheit Literatur

  2 Nicht nur zur Weihnachtszeit: Die Bedeutung zahlt der Empfänger Literatur

  3 Frohe Weihnachten ★ Καλά Χριστούγεννα Literatur

 4 Weihnachtswünsche im deutsch-italienischen Vergleich1 Weihnachtswünsche2 Was machen wir, wenn wir jemandem etwas wünschen bzw. Glückwünsche aussprechen?3 Die magische Kraft des Wortes4 Am Beispiel von Weihnachtswünschen: Pragmatische Angemessenheit interkulturell betrachtet5 SchlusswortLiteratur

  5 Der Weihnachtsbrief

 6 Weihnachtsansprachen1 Alle Jahre wieder …2 Was eine typische Weihnachtsansprache ausmacht3 Weihnachtsansprachen zwischen Politik und MoralLiteratur

  Wortwörtliche Bescherung

  7 Interessant ist, was relevant ist: Weihnachten im Wörterbuch Literatur

  8 „wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s bewahren zum ewigen Leben.“ Literatur

  9 Von weihnachtlichen Widersprüchen 1 Weihnachtswortschatz als pejorative Ressource 2 Kritik an Weihnachten 3 Weihnachten als bedrohte kulturelle Institution, deren Zukunft dystopisch im Medium der Sprache skizziert wird 4 Performative Selbstwidersprüche

  10 Kanadischer Christkindl Market zwischen zwei Kontinenten Literatur

 11 Jesus in der Alltagssprache1 Spuren der historischen Entwicklung2 Jesus, Jesses und o(h)je in der InteraktionLiteratur

  12 Gibt es einen Weihnachtsmann? Literatur

  13 Zeit der merkwürdigen Wörter

  Singen und Klingen in stiller Nacht

  14 Sind die Lichter angezündet Literatur

  15 Komplizierter die Sätze nie werden, als zu der Weihnachtszeit … Literatur

  16 Vom „hellichten Schein“ zu „ein Stiern nedderstråhlt“ 1 Niederdeutsche Weihnachtslieder und Übertragungen 2 Textmaterial „Guten Abend, schön Abend“ 3 Varietätenlinguistische Messung des Dialektalitätsgrades 4 Regionalsprachdidaktisches Fazit: Was ist eine gelungene Übertragung? Literatur

  17 Stille Nacht, heilige Nacht Literatur

  Musterhafter Erzählzauber

  18 Stimmungen erzeugen, Erinnerungen schaffen, Ritualen folgen 1 Weihnachten wird gemacht oder: Alle Jahre wieder 2 Weihnachten passiert gemeinschaftlich oder: Fröhliche Weihnacht überall 3 Weihnachten und Weihnachtsgefühle werden erlernt oder: Ihr Kinderlein kommet 4 Geschichten geben den Weihnachtston an oder: Leise rieselt der Schnee Literatur Erwähnte Weihnachtsbücher

  19 Dem Weihnachtszauber auf der Spur 1 Kindertexte als Gegenstand der Erzählerwerbsforschung und darüber hinaus 2 Beobachtungen zu den schriftlichen Erzählungen 3 Landscape of Action – Das Skript des Weihnachtstages 4 Landscape of Consciousness – Die Vorfreude als das Erzählwürdige an Weihnachten 5 Die Leerstellen von Weihnachten als Tor zur Fiktionserzeugung 6 Fazit Literatur

  20 Oh je, du Fröhliche! Literatur

  Flimmern im Lichterglanz

  21 Weihnachten (wie) im Fernsehen 1 Fictional Christmas 2 Factual Christmas 3 Factional Christmas Literatur Film und Fernsehen

  22 Adventsbotschaften 2.0 1 Weihnachtspost in den Anfängen der Internetkommunikation 2 Adventsbotschaften 2.0 3 Mediale und praktische Erweiterungen des Adventskranz-Rituals? 4 Advent 2.0 Literatur

  23 „Der Moment wenn die Chefin ein Weihnachtsbaum ist ❤“ 1 Einführung 2 Politischer Sprachgebrauch auf Instagram 3 Untersuchungsmaterial und Kontext 4 Zeitliche Dimension: weihnachtliche Nutzungsprofile 5 Thematische Dimension: politische Weihnachts-Repertoires 6 Fazit: Weihnachten als Ressource, Pflichtprogramm und Deko-Hintergrund

  24 Weihnachten, Loriot und die Genderlinguistik Literatur

  Linguistische Weihnacht – Abreissen. Loslassen 1Abreisskalender und Weihnachten – Linguistische und methodische Grundlagen 2Abreisskalender und Weihnachten – post-empirische Einzel(zu)fall(s)analysen

  Autor*innenverzeichnis

Vorfreude, schönste Freude

Daher zunächst ein Vorwort

Konstanze Marx

Es ist Hochsommer, das Thermometer zeigt 36 Grad und es wirkt noch heißer. Hier im Haus sind die Fenster hoch, die Türen weit, aus meinem Lautsprecher tönen weihnachtliche Klänge. Schon spüre ich die unausgesprochenen Fragezeichen in den Gesichtern meiner Nachbarn. Hoffentlich schieben sie mein wunderliches Verhalten wohlwollend auf die Hitze, argwöhnen allenfalls eine exaltierte Form der Kältetherapie. Ja, zweifelt nur an mir, denke ich, aber horcht auch, wie lieblich es schallt und wagt vielleicht auch einmal einen Blick in die Sozialen Medien, denn der alljährliche Entrüstungswettstreit über die frühzeitig mit Lebkuchen gefüllten Supermarktregale hat längst begonnen.

Das, aber vor allem die wunderbare Aufgabe, in diesem Buch Texte zusammenzuführen, die sich aus einer sprachwissenschaftlichen Perspektive mit dem Weihnachtsfest auseinandersetzen, machen mir den gedanklichen Sprung in den Advent und damit zu Ihrem Rezeptionszeitpunkt leicht. Für Sie wiederum sind es ja gerade nicht die zitierten Weihnachtslieder, die unpassend erscheinen, sondern eher die meteorologische Momentaufnahme aus einem heißen Sommer.

Also, Weihnachten steht vor der Tür und allein dieser Phraseologismus ist eine genauere linguistische Inspektion wert, nimmt doch hier eine Festivität, ein Feiertag eine Agensrolle ein, die gemeinhin akzeptiert ist, was die hochfrequente Verwendung in der Alltagssprache, in Schlager- und Kinderbuchtiteln und auch Witzen offenbart; eine Agensrolle aber, die aufgrund ihrer diffusen ontologischen Ereignisqualität semantisch gar nicht so leicht mit einem statischen Verb vereinbar und mit Blick auf dessen realweltliche Dimension unmöglich auf einer Fußmatte platzierbar scheint. Die Bedeutung muss also mental übertragen, das Vor-der-Tür-Stehen metaphorisch verstanden werden, etwas, das nicht trivial ist, schon gar nicht für diejenigen, die Sprache erst erwerben. Und rein pragmatisch? Bleiben wir zunächst bei der eben erwähnten Adressat*innengruppe. Welche Schlüsse ziehen wohl Kinder aus dieser Äußerung? Vermutlich das lang ersehnte Ende einer utopischen Wartezeit, vielleicht imaginieren sie eine konkrete Person, deren Klopfen an der Tür die zum Greifen nahe Bescherung verlautbart? An Kinder gerichtet scheint der Handlungswert dieses Sprechakts mit der verheißungsvollen Ankündigung eines kurzfristig eintretenden Ereignisses, mit einem Versprechen gar, dass das mehr oder weniger geduldige Ausharren nun ein Ende habe, beschrieben. Was aber kann diese Äußerung bei Erwachsenen bewirken? Weihnachten steht vor der Tür? Eine schnelle Recherche auf Twitter im August (!) zeigt Tendenzen dafür auf, dass der Äußerungszeitpunkt offensichtlich merklich vorverlagert wird, dabei Warnendes, zur Eile Mahnendes mitschwingt. Es baut sich Druck auf ganz im Gegensatz zu dem, was Weihnachten rein lexikalisch transportiert (Fest anlässlich der Geburt Christi) und womit es durchaus auch assoziiert wird: Freude. Freude vs. Stress und Not, alle Punkte der stetig wachsenden To-Do-Liste rechtzeitig vor den perfekt zu inszenierenden Festtagen abhaken zu können und jedes prototypische Element der Vorweihnachtszeit gut zu terminieren: Adventskalender installieren, Wohnung festlich dekorieren, ganze Straßen illuminieren, Weihnachtskarten illustrieren, Wunschzettel formulieren und gründlich studieren, in Geschenke investieren und die Päckchen hübsch verschnüren, Plätzchen backen, schokolieren und natürlich noch verzieren, zwischendrin auch jubilieren, mit entfernten Verwandten telefonieren, Krippenspieltext memorieren, Festtagsmenüplanung zelebrieren und die Ingredienzien akquirieren, Weihnachtsfeier organisieren und darüber informieren, Weihnachtstanne selegieren und das Aufstellen delegieren. Die Liste ist lang, aber im christlichen Kulturkreis erstaunlich gleichartig konstituiert. All das schwingt mit mit dem Satz Weihnachten steht vor der Tür. Soll es ruhig noch ein wenig da draußen verweilen vor der Tür, mag sich manche*r ob des oben genannten Pensums denken, soll es doch noch ein wenig warten, dieses Weihnachten, gerade das vermag vielleicht Ruhe zu verschaffen?

Das gesamte Treiben ist begleitet von Sprache – kleine Texte hinter den Kalendertürchen, feste Floskeln, individuelle Wünsche in der Post oder über Messenger verschickt, Liedverse, verbalisierte Sinneseindrücke in Koch- und Backrezepten, Verhandlungen über Baum, Backwerk und Braten, die Weihnachtsgeschichte und Weihnachtsgeschichten, Liebeserklärungen in Weihnachtsfilmen, sprachlose Enttäuschung am Gabentisch oder Streit im trauten Kreis der Familie – und bietet unzählige Anknüpfungspunkte für sprachwissenschaftliche Zugänge: Wunschzettel als Textsorte etwa, Praktiken des Wünschens, feste Phrasen, Semantik der Sinne, Erzählmuster, grammatische Phänomene in tradierten Liedtexten, interaktive Bedeutungskonstruktion in hochemotionalen Situationen, Konflikt- und Schlichtungsgespräche, ja sogar Weihnachtsdiskurse, etymologische Fragestellungen, Sozio- und Dialekte, Framefiller – auch Nina Janich greift diese Anschlussmöglichkeiten in einem Gedicht auf, das den Auftakt der festlichen Texte über Sprache bildet.

Klassischerweise ist es auch ein Gedicht, das die Bescherung einläutet, und so folgen die Texte in diesem Buch dem Protokoll des Heiligen Abends, an dem Gedichte aufgesagt, Wünsche ausgesprochen (Kapitel „Von Wünschen und vom Wünschen“), Geschenke übergeben und ausgepackt werden, was Freude aber auch Enttäuschung nach sich ziehen kann (Kapitel „Wortwörtliche Bescherung“), Lieder gesungen (Kapitel „Singen und Klingen in stiller Nacht“), Geschichten und Witze erzählt (Kapitel „Musterhafter Erzählzauber“) und am Ende der Fernseher eingeschaltet oder das Smartphone aus der Hosentasche gezogen (Kapitel „Flimmern im Lichterglanz“), vielleicht schon ein Jahresresümee gezogen wird.

So verfestigt die oben skizzierte Schablone ist, die sich durchaus auf die gesamte Adventszeit ausdehnen lässt, so notwendig ist es auch, damit verbundene Routinen zu hinterfragen, wofür Ingo H. Warnke sensibilisiert. Die Angemessenheit von Weihnachtswünschen kann nicht einfach voraussetzen, wer soziale Diversität anerkennt. Und so wird im Beitrag für ein Innehalten plädiert, ein Nachfragen vielleicht und sei es nur beiläufig – eines, das sich ausrichtet am Gegenüber und sich nicht in kulturell eindimensionalen Formeln verliert. Auf diese Weise entsteht ein Resonanzraum, in dem auch die spezifische Adressierung des vorliegenden Buches bewusstwerden und die Lektüre aller folgenden Texte begleiten darf. Die Konstruktion von Bedeutung ist komplex und eben nicht nur von zugrundeliegenden Textinhalten geleitet. Besonders deutlich wird das natürlich, wenn in der Interaktion gänzlich auf Versprachlichung verzichtet wird, wie Michael Beißwenger und Steffen Pappert in ihrem weihnachtlichen auf Bildzeichen reduzierten WhatsApp-Dialog sehr anschaulich vorführen. Zum großen Amüsement werden die jeweiligen Interpretationen der am Chat Partizipierenden zum Mitlesen zur Schau gestellt – mit dem wunderbaren Effekt, dass Abweichungen die Missverständnispotenziale von Emojis und deren akkumulativer (aber auch exklusiver) Verwendung transparent machen. Am Ende erschließt sich jeder der beiden die guten Weihnachtswünsche des anderen, ein Thema, das auch Matthias Meiler und Alexandros Apostolidis aufgreifen. Sie nehmen die interkulturellen Unterschiede bei Praktiken des Wünschens im deutsch-griechischen Vergleich in den Blick. Silvia Bonacchi kontrastiert Weihnachtswünsche deutsch-italienisch. Beide Texte zeigen auf, dass Wünsche einerseits der Gestaltung, ja Festigung von sozialen Beziehungen dienen, dass solche Rituale aber gleichzeitig auch den Blick freigeben auf Verbindungen innerhalb kultureller Gemeinschaften und sich darüber hinaus loslösen können von ihrem ursprünglichen Zweck und diesen dennoch ein ganz klein wenig mittransportieren. Dafür, so ist bei Thomas Spranz-Fogasy zu lesen, wird durchaus einige Anstrengung in Kauf genommen (er dürfte genau jetzt, da das Editorial dieses Buches entsteht, bereits über den Weihnachtsbrief für dieses Jahr nachdenken). Die Möglichkeit theoretisch allen im Laufe eines Lebens liebgewonnenen Menschen technikunterstützt von Angesicht zu Angesicht ein frohes Fest zu wünschen, gibt es ja noch nicht allzu lang und sie konnte sich als Routine sicher auch aus ganz praktischen Gründen nicht in unserem vorweihnachtlichen Alltag etablieren. Weihnachtsbriefe hingegen haben den entscheidenden Vorteil, dass mit Zeit und Liebe zum Detail die persönlichen Höhepunkte des Jahres zusammengetragen und dem Gegenüber zum Lesen zu einem selbstgewählten Zeitpunkt angeboten werden können. Ganz im Gegensatz dazu widmet sich Simon Meier-Vieracker Texten, die zu einem festgelegten Zeitpunkt und damit in der Illusion der Gemeinschaftlichkeit gehört und gesehen werden sollen, den bundespräsidialen Weihnachtsansprachen. Seine Keywordanalysen legen offen, dass und wie sich das jeweilige gesellschaftlich-politische Klima in die Reden eingeschrieben hat, die dadurch zu einem mentalitätsgeschichtlichen Stimmungsbarometer taugen. Es ist die hier zum Einsatz kommende korpuslinguistische Methode und die Konzentration auf Schlüsselwörter, die eine Brücke zum nächsten Kapitel bildet, das mit sprichwörtlichen Wortgeschenken aufwartet.

So gewährt Sascha Wolfer Einblick in weihnachtlich-überraschende lexikographische Entdeckungen. Zugriffsstatistiken von Onlinewörterbüchern enthüllen nämlich einen Effekt der sozialen Relevanz, der u.a. anhand der Begriffe Nikolaus und Weihnachten eindrucksvoll nachgewiesen werden kann. Weniger eindeutig, geradezu paradoxal ist die daran anschließende Kontemplation von Wolf-Andreas Liebert, in der er sich der Semantik von Weihnachten über semasiologische und onomasiologische Perspektiven hin zu einer Sphäre zwischen fiktional und faktual nähert, um die Verbindung zwischen gehasstem Leben und Erlösung durch den Hass in einem ewigen Kreislauf zu ergründen. Durch dieses partielle Priming gelingt hoffentlich eine einigermaßen behutsame Vorbereitung auf die Wucht, mit der die von Joachim Scharloth zusammengetragenen Beispiele aus dem rechten Schimpfwortrepertoire auf Sie wirken werden. Die weihnachtlichen Vokabeln in krudesten Wortkompositionen erhalten den Eindruck der Paradoxie noch eine Weile lebendig, die weihnachtliche Stimmung allerdings vergeht. Es handelt sich hier um einen schonungslosen Text, in dem – das wird sehr deutlich – menschenverachtende Gebrauchsweisen distanzierend zitiert werden, um das analysierte sprachliche Material und den damit drastisch zu Tage tretenden Rassismus seiner Benutzer*innen eineindeutig sichtbar zu machen. So wird auch das Dilemma der Invektivitätsforschung zwischen Entlarvung und Benennung rassistischer Stereotype einerseits und ihrer Reproduktion andererseits bei der Lektüre mitunter physisch spürbar. Diesem Text folgt eine gedankliche Reise nach Kanada. Grit Liebscher lädt zu einem virtuellen Besuch auf den Christkindl Market in Kitchener, Ontario – ein verbal schillerndes Ereignis und ein Ort, an dem Gemeinschaftssinn, Authentizitätsanspruch, tradierte Stereotype und lebendige Erinnerungskultur koexistieren und gleichsam die Entstehung von etwas Neuem dokumentieren, das die originären Spuren noch verrät. Vergleichbare Prozesse – nur auf lexikalischer Ebene – werden von Henrike Helmer und Silke Reineke beschrieben. Sie suchen in Aufnahmen gesprochener Alltagssprache nach Jesus! und finden Ergebnisse von Interjektionalisierungsprozessen in emotiv-expressiven, aber vor allem auch responsiv-empathischen Verwendungen; den Geist der Weihnacht quasi reduziert auf o(h)je. Der Herausforderung, den Geist der Weihnacht trotz kindlich-bohrenden Hinterfragens mühsam aufrecht erhaltener Weihnachtsmythen zu bewahren, versucht sich Gerd Antos unter Zuhilfenahme grundständiger linguistischer Zugänge zu stellen. Er hebt also ab auf metasprachliche Reflexionen über Namen, lässt den Weihnachtsmann (dis)kursieren und referenzsemantisch dekonstruieren und letztlich Relevanz- und Wahrheitsmaximen miteinander konkurrieren. Aber nicht nur die Existenz des Weihnachtsmannes, wie er auch immer heißen, wie man ihn auch immer nennen möge, zählt zu den großen Mysterien in der Weihnachtszeit, es ist auch der sprichwörtlich merk-würdige Wortschatz, ein Erinnerungsschatz, an dem uns Gabriele Diewald teilhaben lässt. Es geht um Verhörer und dadurch ausgelöste logische Assoziationen, die die stufenweise sprichwörtliche Arbeit bei der Bedeutungserschließung in Spracherwerbsprozessen nachvollziehbar machen. Es handelt sich hierbei um ein so aktives Bewusstmachen, das es noch viele Jahre später erzählt werden kann und anknüpft an Erfahrungen, auf die vermutlich jede*r von uns zurückgreifen kann. (Ich beispielsweise habe als Kind Bienenstich aus offensichtlichen Gründen nicht angerührt, nicht einmal zu Weihnachten.) Am Ende langt der Text bei einem Ross an, das einer Wurzel ent- und direkt ins nächste Kapitel hineinspringt.

Weihnachtslieder, so stellt Alexander Lasch fest, sind seltene linguistische Analyseobjekte, muss sich aber zumindest bei der Lektüre des vorliegenden Buches eines Besseren belehren lassen. Während er nachzeichnet, wie mit ostdeutschen Liedern das gemeinsame Weihnachts-Fühlen und Wollen einer Gemeinschaft auf der Basis sorgfältigst ausgewählter, mit der Ideenlehre konformer Motive gesteuert werden sollte, seziert Wolfgang Imo die eigentümliche Syntax von bekannten Liedversen. Im Feldermodell schiebt er versuchsweise Phrasen hin und her, wobei es beim stark ausgelasteten Vorfeld ordentlich hakt. Nun wird abgewogen: Sollte eine Ausnahme in den derlei ohnehin schon reichen Regelkatalog aufgenommen werden oder zu Gunsten dichterischer Freiheit entschieden? Gerade der letztgenannte Aspekt wird bei Übersetzungen relevant, wie Birte Arendt und Ulrike Stern an zwei niederdeutschen Versionen eines bekannten Weihnachtsliedes verdeutlichen. Sie fragen nach der gelungeren Übertragung und ziehen hierbei die Messung des Dialektalitätsgrads anhand phonetischer, morphologischer, lexikalischer und syntaktisch/phraseologischer Parameter zurate. Ruth M. Mell setzt mit ihrem Beitrag noch einmal an der lexikalischen Ebene an und nimmt Zeitbezeichnungen und Deiktika in Weihnachtsliedern unter die linguistische Lupe und findet Licht, das auf den Tag in Abgrenzung der dunklen Nacht verweist, die wiederum attributiv als besonders hervorgehoben wird, als Szenerie, die das Hellwerden und damit das Angst-Nehmende schon mitträgt. So kann der Heilige Abend, so kann die Heilige Nacht umgedeutet werden, sie beherbergt nicht Angst, sondern das Warten auf etwas Schönes.

Dieses Warten, das sich auf den gesamten Advent erstreckt, wird – und damit beginnt das nächste Kapitel – aktiv gestaltet. Susanne Tienken vergleicht diese Zeit mit einer Bühne, die gemeinschaftlich bespielt werden will, nach individuellen Regeln, die selbst Traditionen werden können, durchaus, aber bespielt muss sie werden. Ein wichtiges Ritual in diesem Schauspiel ist das gemeinsame Lesen von Weihnachtsgeschichten, in denen sich nicht nur das aktuelle Setting des eigenen gemütlichen Vorlesens repliziert, sondern auch weitere wichtige Versatzstücke für die Kreation eines perfekten Weihnachtsskripts zur Verfügung gestellt werden. Dass Kinder diese Bausteine internalisiert haben, wird im Beitrag von Juliane Stude deutlich. Literarische und filmische Darstellungsweisen finden ebenso Eingang in kindliche Weihnachtserzählungen wie Alltagserfahrungen, etwa die musterhafte Chronologie des Festtages, die Vorfreude und das Warten auf Weihnachten sowie das Überbringen der Geschenke. Der Spielraum, der weihnachtlich spezifisch zwischen Realität und Fiktionalität entsteht, wird dabei kreativ für Überraschendes genutzt. Es handelt sich hierbei um eine Komponente, die Stefan Hauser zufolge konstitutiv für Humor, aber eben auch für Weihnachten ist: Die Spannung kann nur gehalten werden, wenn in ihr die Sicherheit, dass etwas Unerwartetes eintritt, schon angelegt ist. Sein Beitrag hält folglich eine Reihe von Weihnachtswitzen bereit, deren komisches Potenzial sachlich sprachwissenschaftlich analysiert wird und dabei dennoch nicht verlorengeht.

Ebensowenig wie im Beitrag von Axel Schmidt, der das nächste Kapitel einleitend unterschiedliche Fernsehformate auf ihre weihnachtliche Passfähigkeit untersucht, dabei natürlich Loriots Hoppenstedts nicht unerwähnt lässt, aber insbesondere im Reality-TV ein mediales Perpetuum mobile entdeckt, das sich Ereignisse, über die es dann berichtet, selbst erschafft und gleichzeitig Identifikations- (Ja, so feiern wir auch Weihnachten) und Abgrenzungsangebote (Hilfe, was hängt denn bei denen am Baum?) für das Publikum macht. Mit Eva Wyss kehren wir gedanklich noch einmal zurück zum Weihnachtswunschkapitel. Sie hebt in ihrem Text den Medienwechsel als besonders relevant hervor und vermutet im Versenden multimodaler Adventsbotschaften eine Adjustierung bisheriger Grußrituale. Einen geradezu strategischen Einsatz von Social-Media-Kommunikation weist Daniel Pfurtscheller anhand von Instagram-Postings der fünf führenden österreichischen Politiker*innen nach. Weihnachten wird hier aktiv als kommunikative Ressource genutzt, wobei sehr genau selektiert wird, welche Aktivitäten auf die Vorderbühne geholt – also auch gezeigt – werden und welche nicht, etwa die Abläufe am Heiligen Abend, die in einem privaten Raum stattfinden und dort auch verbleiben dürfen. Manche würden sagen, dass es auch im folgenden Beitrag politisch bleibt, Carolin Müller-Spitzer aber wirbt für eine unaufgeregte Analyse teils widersprüchlicher Forschungsergebnisse zu androzentrisch geprägter Sprache einerseits und für offene, kreative Lösungen andererseits. Ausgangspunkt für ihre Ausführungen ist der oben schon erwähnte Sketch, in dem Opa Hoppenstedt die Frage einer Verkäuferin nach dem Geschlecht seines Enkelkindes unbeantwortet lässt und sich – der Unwichtigkeit dieser Information für die Auswahl eines Geschenks bewusst – seiner Zeit weit voraus präsentiert. Katrin Lehnen hat den dieses Buch abschließenden Text geschrieben. Es ist ein kleiner Jahresrückblick, der von Zeit handelt, die ihr davonläuft, und der ganz nebenbei Einblick gibt in linguistische Methoden, den Anspruch an Forschungsfragen, die Generierung von Hypothesen, die Schwierigkeiten und Rückschläge bei der Datenerhebung und der alles andere als Enttäuschung hinterlässt.

So steht nun nicht nur Weihnachten vor der Tür, sondern Ihnen die Lektüre eines Buches bevor, das keine neue Schnittstellendisziplin begründen will, vielmehr ist es Glanzpapier, das das inspirierende Spektrum der (hier gewählten) sprachwissenschaftlichen Zugänge und Beschreibungsebenen (Phonetik, Syntax, Semantik, Pragmatik, Angewandte Linguistik, Diskurslinguistik, Genderlinguistik, Erzählerwerbsforschung, Internetlinguistik, Kognitive Linguistik, Kontaktlinguistik, Kontrastive Linguistik, Korpuslinguistik, Kulturlinguistik, Lexikographie, Medienlinguistik, Namensforschung, Phraseologie, Politolinguistik, Religionslinguistik, Soziolinguistik, Varietätenlinguistik) umhüllt und als das deklariert, was es ist – ein exklusives Geschenk.

Dafür, dass sie sich auf diese Bescherung eingelassen haben, möchte ich allen Beiträger*innen von Herzen danken. Die Kuratierung dieses Buches war nicht zuletzt deshalb eine so große Freude, weil die zwischenzeitliche Abstimmung zu skurrilen, höchst witzigen, aber auch sehr berührenden – eben kostbaren – Momenten und Para-Interaktionen geführt hat. Danken möchte ich auch dem Narr-Verlag für die Aufgeschlossenheit gegenüber dieser Idee, die Verwirklichung noch im selben Jahr und für das Entgegenkommen bei allen gestalterischen Fragen, hierbei ganz besonders natürlich meinem hochgeschätzten Lektor, Tillmann Bub, und dem äußerst geduldigen Ansprechpartner in der Produktion, Arkin Keskin.

Möge das Buch Ihnen soviel Freude beim Lesen bereiten, wie mir im Entstehungsprozess. Möge es zudem von praktischem Nutzen für alle Linguist*innen sein, nämlich als ideales Weihnachtsgeschenk für die lieben Kolleg*innen, aber auch als ganz konkrete Antwort auf die (häufig an Weihnachten im Verwandtenkreis gestellte) Frage, was man eigentlich immer noch an der Uni treibe? Möge es also auch fachfremden Leser*innen einen Eindruck von der Linguistik vermitteln und Einsicht, warum man von diesem facettenreichen, gesellschaftlich so relevanten Fach nicht mehr loskommt. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen Lesegenuss so fein wie Weihnachtsgebäck, so erhellend wie eine sternenklare Winternacht und so aufregend wie die Wartezeit auf den Heiligen Abend, ich wünsche Ihnen ein Frohes Fest.

Konstanze Marx (weihnachtlich gestimmt im August 2020 und nun vier Monate in ungeduldiger Vorfreude)

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Linguistische Weihnacht in Reimen

Nina Janich

Gefragt ist, was die Wissenschaft

von Sprache für ein Wissen schafft,

wenn für ein Buch sie soll beachten

das heil‘ge Wort der Weihenachten.

Nun geht das ja etymologisch,

vielleicht auch epistemologisch,

ganz spannend auch nur graphologisch,

doch weniger schlicht nur katholisch.

Hört man nur zu und ignoriert,

wie Weihnacht meist geschrieben wird,

dann könnte man ja fast sich denken,

dass Weinliebhaber sich was schenken:

Den Wein [zu] achten als ‘ne Regel,

die stets erhöht Promillepegel?!

Doch auch wenn Wein im Christentum

mit Weihnachten hat was zu tun,

weil ohne Wein kein Abendmahl,

was wied‘rum nötig jedesmal,

wenn man die Messe richtig feiert,

so ist das eher rumgeeiert

und linguistisch nicht sehr klug.

Die Editorin uns ja frug,

was wir als Forscher sagen wollen

und was die Leute wissen sollen.

Drum lasst mich mal kurz überlegen,

was wichtig ist an Forscherwegen:

In welchem Licht wir könn’n betrachten

das Phänomen und Wort Weihnachten?

Ist es zum Beispiel int’ressant,

wie Sprache hier Grammatik fand:

dass hier ein Dativ ist zu finden,

den Mensch an den Termin zu binden?

Gemeint ist ze den wîhen nachten,

die‘s Abendland so christlich machten.

Oder soll’n sprechen wir vom Frame

Der letztlich Grund für Weihnachts fame,

durch das, was gleich wird evoziert,

von defaults, die man provoziert:

Was sind hier wicht’ge filler-Werte

die man – sie fehlten! – stark entbehrte?

Geschenke, Lichter und ein Baum,

vom leise rieselnd Schnee ein Traum,

dann Plätzchen, Glocken und auch Engel,

im Stroh ein kleiner blonder Bengel;

doch Zeit auch, Ruhe, Innehalten,

ein Sich-Entzieh’n Konsums Gewalten.

Dies leitet über zu den Fragen,

die uns stets auf der Zunge lagen,

wenn wir Diskurse uns anschauen:

Kann man denn Weihnacht noch vertrauen?

Ist’s noch ein echt Familienfest,

vielleicht doch nur Geschenkzwang-Pest?

Wie nutzen Politik und Staat

den tief’ren Sinn, wenn Weihnacht naht,

um Solidarität zu schüren,

die Menschen weg vom Hass zu führen,

an Hunger, Armut zu erinnern,

und wie medial im Fernsehflimmern,

die Religionen zu versöhnen –

die ohne Jesus nicht zu höhnen?

Vielleicht geht’s aber auch ganz schick

mal um ‘nen ganz ganz and’ren Blick:

Vielleicht wär‘ auch mal zu erwägen,

die Frag‘ soziolektal zu prägen,

wie wir an Weihnachten so sprechen

beim Schenken, Schmücken, Brote brechen,

und ob beim großen Fest der Liebe

Familiensprache Blüten triebe?

Was beispielsweis‘ aus Kirchenliedern

im Weihnachtssprech sich tut erwidern,

ob‘s sowas gibt wie Weihnachtsstil

voll Lichterglanz und Worten viel,

ob Werbung uns längst hat im Griff:

Was hat geladen denn das Schiff?

Die Tür macht auf, das Tor macht weit:

Der Linguistik Fragen breit

konnt‘ ich so nur ganz kurz skizzieren,

will mich drin weiter nicht verlieren.

Ich glaub, ich kehr zurück zum Wein,

der darf an Weihnachten auch sein,

und statt mich weiterhin zu fragen,

was ich zu Weihnachten könnt sagen,

wünsch ich euch nun mit aller Macht

‘ne heilige und stille Nacht.

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Von Wünschen und vom Wünschen

1 Eine Frage stellen in aufgeklärter Unsicherheit

Ingo H. Warnke

„Instinkt ist Sympathie“, heißt es in Henri Bergsons epochalem Werk Schöpferische Evolution, das 1907 unter dem Titel L’évolution créatrice in Paris erscheint: „Instinkt ist Sympathie. Könnte diese Sympathie ihren Gegenstandsbereich erweitern und sich auch über sich selbst zurückbeugen, so würde sie uns den Schlüssel zu den Lebensvorgängen bieten – gerade so wie die voll entwickelte und geradegerichtete Intelligenz uns Zutritt zur Materie gewährt.“ (Bergson 1907/2013: 203) Versuchen wir uns also instinktiv und das heißt mit Sympathie einer beiläufigen Frage zum Weihnachtsfest zu widmen, ohne dabei sogleich den üblichen intellektuellen Apparat der Linguistik zu bemühen oder Fragen zur derzeit viel erörterten Cancel Culture zu behandeln. Um Sprache soll es gehen, um eine Abschiedsformel beim vorweihnachtlichen Präsenzshopping, von dem wir allerdings seit Corona nicht mehr recht wissen, ob wir schon über etwas Vergangenes sprechen. Aber die Erinnerung wird noch wach genug sein: Der Erwerb eines Geschenks im analogen Handlungsablauf der vorweihnachtlichen Wochen und Tage und der Abschluss der Handlung durch eine Routineformel: ‚Frohe Weihnachten‘.

Viel könnte man dazu sagen, insbesondere auf die Pragmatik von Grußformeln im Allgemeinen eingehen, mit Coulmas (1981: 81–82) die Situationsabhängigkeit von Routineformeln noch einmal erörtern und sich fragen, inwiefern ‚Frohe Weihnachten‘ wie ‚Fröhliche Weihnachten‘ (Coulmas 1981: 99) funktioniert und Beispiel für Konventionalität formelhafter Rede ist. Auch könnte man Fragen der Politeness diskutieren und wahrscheinlich ließen sich dabei einige kluge Beobachtungen anstellen.

Ich möchte ‚Frohe Weihnachten‘ allerdings allein in einer spezifischen Kontextualisierung betrachten, die ich aufgeklärte Unsicherheit nenne, und die sich für jeden einstellen kann, der in multikulturellen bzw. diversen Kontexten seine wahrscheinlich vorhandenen monokulturellen, identitätsverbürgten Gewissheiten in Frage stellt. ‚Frohe Weihnachten‘ mag ja dort eine freundliche Geste sein, wo Weihnachten gefeiert wird, aber wo können wir unter Fremden davon schon fest ausgehen, in einer pluralen Gesellschaft, deren Bevölkerung unterschiedlichste Werte teilt und auch in ihren religiösen Überzeugungen, wo es solche gibt, divers ist. Manche*r mag reflexartig am ‚Frohe Weihnachten‘ festhalten wollen, doch man verhält sich dann wie jemand, der mit seinem analogen Schlüssel ein digitales Passwort einzugeben versucht. Zugang zum Anderen erreicht man auf diesem Weg nicht verlässlich. Man lernt sich vielleicht in irgendeiner Eigenschaft kennen, allerdings in Praktiken, die Homogenitätserwartungen vor die Akzeptanz möglicher Unterschiede setzt.

Selbstverständlich können Routineformeln, wie alle sprachlichen Zeichen in neuen Kontexten, ihre Bedeutungen und Funktionen ändern, sie erhalten andere Werte in neuen Zusammenhängen. Eine retrospektive Affirmation von ‚Frohe Weihnachten‘ im Sinne eines dumpfen Reflexes – das hat man hier schon immer so gesagt – wäre angesichts dessen töricht. Zumal es dieses ‚schon immer‘ wohl auch nie gegeben hat.

Und so geht es beim Froheweihnachtensagen um mehr als eine (un)angemessene Formel, es geht um Fragen der Positionierung in einer breiten Debatte um die Anerkennung sozialer Diversität (vgl. dazu Spitzmüller/ Flubacher/Bendl 2017). Mindestens in den großstädtischen liberalen Milieus hat es sich herumgesprochen, dass nicht alle Menschen Ende Dezember Weihnachten feiern – was dann auch bedeutet, dass ein solches Weihnachtsbuch wie das vorliegende eine recht spezifische Adressierung hat. Eine Routineformel wie ‚Frohe Weihnachten‘ wird dabei schnell von einer überkommenen, mehr oder weniger herzlich gemeinten Wunschformel zum Positionierungsinstrument bzw. besitzt indexikalische Bedeutung als Emblem sozialer Werte (vgl. Agha 2003).

Angesichts dessen gilt es beim Froheweihnachtensagen oder dem Verzicht darauf, von einer Freiheit Gebrauch zu machen, auch anders sprechen zu können – wohlgemerkt: nicht zu müssen. Nicht in Positionierungsnotwendigkeiten der Zeitläufte zu tappen und Mauern um mühsam gezüchtete Ausdrucksweisen zu errichten oder an die Mauern der Anderen unsere bestätigenden oder infragestellenden Taggs und Hashtags zu heften, sondern die Möglichkeit zu ergreifen, so zu reden, dass wir einander immer wieder neu oder überhaupt einmal zuhören können und uns anerkennen in unseren Unterschieden. Und hier komme ich auf Bergson zurück. Die verbale Freiheit, die ich meine und die routiniertes Verhalten als fragwürdig erscheinen lässt, ist in meiner Lesart das linguistische Pendant zu Bergsons Rede vom Lebensschwung (élan vital): „Der Lebensschwung, von dem wir sprechen, besteht aufs ganze gesehen in einem Schöpfungsverlangen“ (Bergson 1907/2013: 285). Nicht die Regeln abgrenzbarer Richtigkeiten eines wie immer gearteten Sprechens weist uns den Weg zueinander, sondern das schöpferische Potential einer immer wieder neuen Suche nach der je angemessenen Ausdruckweise, das, was wir sprachliche Kreation nennen können und was immer kontingent bleibt. Daran müsste im Übrigen auch gedacht werden, sollte es bald überhaupt nur noch Onlineshopping geben. Andernfalls werden nämlich Algorithmen längst identifiziert haben, in welchen Kleingarten sie ihr Geschenk via Drohne abzuwerfen haben und welche identitätsbezogene Grußkarte daran zu heften ist, frei von Instinkt und jenseits der Sympathie, aber sicher passend.

Kurz, es geht um die Frage, sollen wir nun Fremden beim Shopping ‚Frohe Weihnachten‘ wünschen oder nicht. Zunächst sollten wir dieser Frage ihre deontische Dringlichkeit nehmen, denn niemand soll oder muss hier irgendetwas tun. Es sollte uns nicht um politische Korrektheit gehen, sondern um die Möglichkeit eines Nachdenkens über ein grundsätzliches ethisches Anliegen, die Adressierung der Rede an die Anderen. Einander mit Sympathie zu begegnen, könnte uns immerhin kreativer machen, als eine hier und da vielleicht gar nicht so passende Routineformel zu setzen.

Dies gilt umso mehr, wenn ‚Frohe Weihnachten‘ etwa vs. ‚Frohe Festtage‘ etc. mehr ist als eine Routineformel, sondern Mittel der einschließenden oder ausschließenden sozialen Registrierung (Spitzmüller 2013). Die Frage, welche Firmengrußkarte nun angemessen ist oder was man noch sagen darf/soll/kann usw. finde ich dabei sehr viel weniger interessant als die Frage, wie es uns gelingt, den Anderen zu begegnen. Und das tut not. Routineformeln haben in homogenen Gesellschaften die Funktion der Stabilisierung von Wertgemeinschaften. Ändern sich diese durch Säkularisierung, religiösen Pluralismus und Orientierungsdifferenzierungen, werden sie nicht nur zu fossilierten Ausdrucksweisen, die nur noch milieuspezifisch unhinterfragt bleiben können und eine allgemeine Bedeutung schließlich nur noch als Träger der Patina vergangener Tage besitzen, sie führen auch zu unnötigen Zuspitzungen des Aneinandervorbeiredens.

Ich plädiere dafür, wo immer man es möchte, ‚Frohe Weihnachten‘ zu wünschen, aber sich zugleich öfter zu fragen, ob man das überhaupt möchte und was man damit bezweckt. Und ob der gute Wunsch, wenn es um diesen geht, hier und da nicht anders und noch viel passender auszudrücken wäre. Instinktiv die alternative Rede bedenken, denn Instinkt ist Sympathie. Ich denke hier an das Konzept der Konvivialität von engl. conviviality. Im Englischen bedeutet es soviel wie Geselligkeit und auch Fröhlichkeit, die nicht zuletzt im ‚Frohe Weihnachten‘ mitgegeben sind. Ich verstehe Konvivialität mit Paul Gilroy (2005: xv) als eine Haltung radikaler Offenheit, die geschlossenen Identitätskonzepten eine Absage erteilt und uns auf die unvorhersehbaren Mechanismen der Identifikation hinweist, „the always unpredictable mechanisms of identification“. Nicht die Identität als jemand mit seinen Routineformeln führt uns zu den Anderen, sondern kreative und sympathiegetragene Identifikationen, die von uns selbst und unseren Gewissheiten hinwegführen. Insofern hilft hier Sprachkritik nicht weiter, sondern die Frage, wie das, was wir sagen, für Andere klingt. Ich spreche auch von Cantabilität und verstehe darunter den Klang unserer Rede „als Folge einer intendierten Strukturierung von Material (…), mit der Absicht, eine an den Hörer bzw. Leser gewandte Angemessenheit und verändernde Kraft der Sprache zu suchen, die sich atomistischer Rezeption entzieht“ (Warnke 2020: 147–48).

Cantabilität ist insofern das Potential eines Textes, ein Gegenüber jenseits atomistischer Keywordsuche zu erreichen und zu ändern, eine Wirkung zu entfalten, die über Informationsvermittlung hinausreicht. Cantabilität ermöglicht damit die Grenzerfahrung einer „Ent-Subjektivierung“ im Sinne Michel Foucaults (…); eines von uns selbst fortgehenden, reichen Klangs (…). (Warnke 2020: 148)

Unser Wunsch an die Anderen beim Shoppen vor Weihnachten ist eine Gelegenheit, es auch einmal klingen zu lassen, unsere vermeintliche Identität in Konvivialität hinter uns zu lassen, uns kreativ und sympathisch mit Anderen, etwas oder einer Situation zu identifizieren und Cantabilität zu üben.

Linguistisch gewendet wäre statt eines routinierten Wunsches der einfachste Weg dorthin, auch einmal eine für den Augenblick passende Frage zu stellen, und sei sie noch so beiläufig. Feste sind ein guter Ort und eine gute Zeit, dies auszuprobieren, den einen oder anderen intuitiv geeigneten Ergänzungsfragesatz zu formulieren, wo es einem auf der Zunge liegen könnte, ‚Frohe Weihnachten‘ zu sagen. Wohlgemerkt, es geht ums Shoppen, im trauten weihnachtsgeübten Familienkreis am Heiligen Abend mag das alles noch ganz anders sein, wenngleich auch hier die eine oder andere Frage die Konvivialität fördern kann, wie immer diese dann auch aussieht. So bleiben wir, um Bergson ein letztes Mal zu erwähnen, im Lebensschwung. Die aufgeklärte Unsicherheit im Verlust routinierten Sprachverhaltens ist am besten transformiert in konviviales Handeln, wenn wir mehr fragen. In einer Linguistik des Zuhörens (Warnke 2020b) könnte man sich dafür stark interessieren. Wenn Weihnachten wieder einmal näher rückt, wird es Zeit, Fragen zu stellen; das Anerkennen unserer Unterschiede gehört dann dazu.

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Literatur

Agha, Asif. 2003. The Social Life of Cultural Value. Language & Communication, 23(3–4), 231–273.

Bergson, Henri. 1907/2013. Schöpferische Evolution. Neu aus dem Französischen übersetzt von Margarethe Drewsen. Mit einer Einleitung von Rémi Brague. Hamburg: Meiner.

Coulmas, Florian. 1981. Routine im Gespräch. Zur pragmatischen Fundierung der Idiomatik. Frankfurt/M.: Athenäum.

Spitzmüller, Jürgen. 2013. Metapragmatik, Indexikalität, soziale Registrierung. Zeitschrift Für Diskursforschung – Journal Für Discourse Studies (3), 263–287.

Spitzmüller, Jürgen/Flubacher, Mi-Cha/Bendl, Christian. 2017. Soziale Positionierung: Praxis und Praktik. Wiener Linguistische Gazette 81, 1–18.

Warnke, Ingo H. 2020a. Über Cantabilität. The Mouth. Special Issue 4. Worte, Stimmen, Räume: Eine Einladung, 142–168.

Warnke, Ingo H. 2020b. Zuhören und der Andere. Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur 16 (2/3), 110–117.

2 Nicht nur zur Weihnachtszeit: Die Bedeutung zahlt der Empfänger

Michael Beißwenger & Steffen Pappert

Bedeutung ist, was man draus macht. Das gilt für sprachliche Äußerungen gleichermaßen wie für Äußerungen, die mittels Bildzeichen realisiert werden. Beim Handeln mit Sprache wird das, was aus einer Äußerung „herausgelesen“ werden kann, durch die wechselseitige Unterstellung von Kooperation und in diesem Zusammenhang einer Befolgung syntaktischer Konventionen für die Komposition von Satz- und Ausdrucksbedeutungen gesteuert. Für die Entscheidung, welchen Handlungswert und welchen Beitrag zur Weiterentwicklung des lau-fenden Kommunikationsgeschehens mit dem Gegenüber wir einer Äußerung zuschreiben, beziehen wir zudem Wissen zur Situation und zur Partnerin bzw. zum Partner in unser Deuten ein.

Im Falle des Handelns mit Bildzeichen, wie es sich gegenwärtig in Praktiken der Emoji-Verwendung in Kommunikationsdiensten und Plattformen wie WhatsApp-Chats, Facebook, Twitter oder Instagram beobachten lässt, können wir uns nicht auf syntaktische Konventionen stützen. Bildzeichen tragen auch keine stabile, Kontexte übergreifende Bedeutung, wie wir das für Wörter als Einheiten des Wortschatzes gewohnt sind. Die Bedeutung einzelner Zeichenformen wird damit in hohem Maße kontextabhängig und situationsgebunden. Ausschlaggebend für die Interpretation von Äußerungen, die ausschließlich mit Bildzeichen operieren, sind ganz wesentlich das mit der Partnerin bzw. dem Partner geteilte Wissen zum Anlass und zum Thema der Interaktion sowie die Verhaltenserwartungen, die wir unserem Gegenüber abgeleitet aus vorgängigen Kommunikationserfahrungen und geteilter Biographie zuschreiben. Die Bedeutung „zahlt“ somit – eine Metapher aus einem Songtext Marcus Wiebuschs aufgreifend – in noch stärkerer Weise die Empfängerin bzw. der Empfänger der Nachricht als das im Falle sprachlicher Äußerungen der Fall ist:1 Was eine Dialogäußerung, die ausschließlich aus Emojis zusammengesetzt ist, bedeutet, entscheidet die Adressatin bzw. der Adressat, indem sie/er die vielfältigen Assoziationen, die sich an die enthaltenen Bildzeichen knüpfen lassen, mit Kontextwissen und Annahmen über die Motivationslage der Partnerin oder des Partners „verrechnet“. Dabei kann man sich gehörig missverstehen und aneinander vorbeireden. Es verwundert daher nicht, dass sich in Chats, die z. B. über Anwendungen wie WhatsApp geführt werden, längere Passagen, in denen ohne Sprache und nur über Emojis kommuniziert wird, typischerweise nur dann finden, wenn dies explizit spielerisch motiviert ist.

Der nachfolgende Dialog veranschaulicht das. Der Dialog wurde von den beiden Verfassern per WhatsApp „erchattet“. Verabredet war der Versuch, sich ausschließlich mittels Emojis sinnvoll verständigen zu wollen. Hypothesen über das vom Gegenüber Mitgeteilte und Intendierte sowie Intentionen hinsichtlich der eigenen Dialogbeiträge wurden parallel zum Verlauf des Chats von den Beteiligten unabhängig voneinander notiert. Die hier wiedergegebene Repräsentation des Interaktionsereignisses wurde nachträglich aus dem gespeicherten Chatverlauf sowie den schriftlichen Notizen der beiden Beteiligten rekonstruiert. Für den linguistischen Hintergrund, vor dem dieser Dialog entstanden ist (und in dem es u.a. darum geht, warum man nur mit Emojis nicht in gleicher Weise kommunizieren kann wie mit Sprache), verweisen wir auf Beißwenger/Pappert (2020a, 2020b). Man kann den Dialog aber auch ganz vortheoretisch auf sich wirken lassen – eben getreu dem Motto: „Die Bedeutung zahlt der Empfänger.“2





Fühlen Sie sich eingeladen, durch vergleichbare, eigene Experimente spielerisch auszuloten, was Emojis für die schriftliche, interaktional intendierte Kommunikation leisten und wo ihre Grenzen liegen. Für Sprachskeptikerinnen und -skeptiker, die in Emojis eine Bedrohung abendländischer Schriftkultur, womöglich gar der Sprache als Kommunikationsträgerin insgesamt, vermuten, mag das sogar eine wohltuende Entspannungsübung sein. Nicht zuletzt eignet sich der Versuch eines Dialogisierens ausschließlich mit Emojis als kreativer Einstieg in eine Reflexion über Spezifika internetbasierter Kommunikation im Deutschunterricht. Emojis können bestimmte Formen schriftlicher Kommunikation bereichern – aber nicht ersetzen. Stattdessen tragen sie dazu bei, Äußerungsintentionen in schriftlicher Kommunikation erkennbar und die Beziehung zum Gegenüber sichtbar zu machen (vgl. Beißwenger/Pappert 2019, 2020c). Achten Sie bitte darauf, wenn Sie Ihren Lieben in diesem Jahr Weihnachtswünsche per WhatsApp, Twitter, Facebook, Insta- oder Telegram übermitteln!

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Literatur

Beißwenger, Michael/Pappert, Steffen. 2019. Handeln mit Emojis. Grundriss einer Linguistik kleiner Bildzeichen in der WhatsApp-Kommunikation. Duisburg: UVRR.

Beißwenger, Michael/Pappert, Steffen. 2020a. Sprachverfall durch Emojis? Eine pragmalinguistische Perspektive auf den Beitrag von Bildzeichen zur digitalen Kommunikationskultur. In: Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur 16, 32–50.

Beißwenger, Michael/Pappert, Steffen. 2020b. Warum Emojis keine Wörter sind – aber wichtige Einheiten der Interaktion. In: Gür-Seker, Derya (Hrsg.). Wörter, Wörterbücher, Wortschätze. (Korpus-)Linguistische Perspektiven. Duisburg: UVRR, 116–134.

Beißwenger, Michael/Pappert, Steffen. 2020c. Small Talk mit Bildzeichen. Der Beitrag von Emojis zur digitalen Alltagskommunikation. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 50 (1), 89–114. Open Access: http://link.springer.com/article/10.1007/s41244-020-00160-5

3 Frohe Weihnachten ★ Καλά Χριστούγεννα

Matthias Meiler & Alexandros Apostolidis

Jemandem Glückwünsche auszusprechen, ist eine vielgestaltige Praktik. Die Gelegenheiten und Anlässe, zu denen sie geäußert werden, sind so unterschiedlich wie zahlreich. Die jeweiligen sozialen Beziehungen und Gruppen, die Glückwünsche nötig oder möglich machen, und die medialen Formate, derer man sich dafür bedienen kann oder sollte, setzen dieser Praktik die Bedingungen, in denen sie ihre je angemessene Ausgestaltung erfährt. In ihrem Kern bleibt freilich eine Sache konstant: die guten Wünsche für den*die andere*n – kommuniziert in Text und Bild, in Rede und Geste, mit Handschlag oder Umarmung, per WhatsApp oder Postkarte, mit Brief oder E-Mail, am Telefon oder über Skype.

Schon hier gibt es international bzw. interkulturell deutliche Unterschiede: So soll in Großbritannien bspw. ein einzelner Haushalt – statistisch betrachtet – jedes Jahr 150 Grußkarten erhalten.1 Es werden sogar Karten ‚von‘ Hunden und an Hunde versendet. In Deutschland zeigt sich demgegenüber keine solche Ausdifferenzierung oder Spezialisierung der Weihnachtspostkarte. Aber Weihnachtswünsche per Post zu versenden, lag nach einer Umfrage von über 14-Jährigen im Jahr 2010 mit 52 % immerhin ‚noch‘ auf Platz 2 (nach dem Telefon mit 75 %).2 In Griechenland werden Weihnachtswünsche, wenn sie per Postkarte ausgesprochen werden, typischerweise mit einem wohltätigen Zweck verbunden, indem i.d.R. Karten von Hilfsorganisationen (wie z. B. von Το Χαμόγελο του Παιδιού / Das Lächeln des Kindes) gekauft werden. Zudem schreibt man Postkarten kaum im privaten Kontext. Vielmehr pflegen Unternehmer*innen und Politiker*innen in der Weihnachts- und Silvesterzeit damit ihre Netzwerke.

Sicherlich betreffen Glückwünsche (wie auch in unserem Fall) ein tatsächliches Ereignis, an dem sie sich möglichst erfüllen sollen. Da man jedoch anders als bei einem Versprechen selten Einfluss auf die Verwirklichung des Gewünschten hat, richtet sich das Äußern von Glückwünschen beinahe primär auf die soziale Beziehung zwischen den Kommunizierenden und auf ihre Pflege. Weil jede Art von Beziehung hier ihre eigenen Anforderungen hat, erscheint es besonders wichtig, immer den richtigen Ton zu treffen. Nicht zuletzt deswegen hat sich auch für das ‚richtige‘ Glückwünschen eine Ratgeberliteratur entwickelt – die selbstverständlich auch für Weihnachten guten Rat zu erteilen weiß.

So lesen wir bspw. in einem Ratgeber jüngeren Datums: „Die Weihnachtszeit ist eine Zeit der besonders herzlichen Glückwünsche. Gefühlvolle Wörter wie ‚Liebe‘, ‚von Herzen‘, ‚innig‘, ‚besinnlich‘, ‚herzlich‘ dürfen im Glückwunschkontext nicht fehlen“ (Rosenbauer 2007: 28). Das gelte auch für die eher formellen Kontexte, in denen man z. B. Geschäftspartner*innen Wünsche ausspricht. Für diese Anlässe findet man im selben Buch die Formel: „Nicht zu forsch oder kühl formulieren“ (Rosenbauer 2007: 20).

Welche Aspekte in solchen Ratgebern besondere Hervorhebung finden, sagt i.d.R. viel über eine Kultur aus – ohne dabei unbedingt zu dokumentieren, wie diese ist, als vielmehr wie einzelne sie gern sehen. In welcher Weise Glückwünsche kommuniziert werden, kann in jedem Falle in Verbindung gebracht werden mit jenen Werten und Normen, die eine Kultur (insbesondere auch für die Gestaltung von sozialen Beziehungen) relevant setzt. Über einen Vergleich erschließen sich diese dabei am prägnantesten.

Interessanterweise scheint sich in der griechischen Ratgeberliteratur eine Sparte für das richtige Glückwünschen nicht herausgebildet zu haben. Demgegenüber findet sich entsprechendes für deutsche Glückwunschpraktiken bereits im 19. Jh. Buschs Glückwunschbuch für Kinder, in der Erstauflage 1896 erschienen, empfiehlt neben Versen und Liedern Postkartenwünsche und Geschenkaufschriften in folgender Form: „Weihnachtsgruß für meine herzliebe gute Mutter am 25. Dezember 19 . . von ihrem gehorsamen Sohne Karl“ (Busch 1896/1926: 86). Oder: „Dem liebevollen, guten Vater aus Dank und Freude am Heiligen Abende gewidmet von seiner Tochter Else. Köln, den 24. Dezember 19.“ (Busch 1896/1926: 86).

Das Feld des Glückwünschens ist erkennbar weit und vielschichtig. Wir wollen uns deswegen hier auf einen begrenzten Ausschnitt, gewissermaßen auf den Kern der Praktik, konzentrieren: nämlich auf jene Glückwunschformeln, die im Deutschen und Griechischen heute üblich sind. Aus diesen kommunikativen Routinen wird auch der unterschiedliche Stellenwert ersichtlich werden, den Weihnachten in Deutschland und in Griechenland hat.

Beziehungskommunikation ist typischerweise am Anfang oder am Ende von Kommunikationsepisoden besonders ausgeprägt (zum Forschungsfeld der Beziehungskommunikation siehe Holly 2001). Wenn man sich (nach mehr oder weniger langer Zeit) trifft und wenn man (für mehr oder weniger ungewiss lange Zeit) auseinander geht, verständigt man sich immer auch gegenseitig über die Art und Enge der zwischenmenschlichen Beziehung, in der man sich befindet, indem man z. B. mehr oder weniger herzliche (s.o.) Worte wählt, sich die Hand gibt, sich umarmt oder (die Wangen) küsst etc. Weil Glückwünsche, wie oben bereits gesagt, zu einem großen Teil v.a. der Beziehungspflege dienen, nisten sich diese auch maßgeblich in die Anfangs- und Endphasen von Gesprächen, Chats, Telefonaten etc. ein. Das bekannte ‚Reinfeiern‘ stellt für diese Kommunikationsroutine eine Ausnahme dar, da hier das zu bewünschende Ereignis in der Kommunikationsepisode selbst stattfindet (und zwar zu einem festgelegten Zeitpunkt: nämlich Mitternacht), anstatt über das Glückwünschen in der Kommunikation thematisiert zu werden. Sollte diese Thematisierung einmal nicht an der präferierten Stelle, d.h. gleich zu Anfang einer Interaktion, geschehen sein, wird ein solches Versäumnis i.d.R. eigens markiert: indem z. B. mittels „ach“ angezeigt wird, dass man sich dieser sozialen Verpflichtung gerade erinnerte. So beginnt ein gewisser Konstantin am 25. Dezember 2018 seine zweite Nachricht in einem WhatsApp-Gruppenchat unter Kommiliton*innen mit: „Ach und frohe weihnachten/nen paar schöne Feiertage wünsche ich euch […]“.3

Natürlich ist das Aussprechen von Glückwünschen immer auch ein Anlass aktiv gesuchter Einzigartigkeit. Denn nicht zuletzt können wir mit individuell zugeschnittenen und kreativ formulierten Glückwünschen in besonderer Weise die Wertschätzung des Gegenübers und damit der Beziehung zu ihm*ihr zum Ausdruck bringen. Die Spielräume dieser sprachlichen Individualisierung scheinen bisher noch unerforscht zu sein. Unser Vergleich muss sich daher auf die konventionellen Formen konzentrieren.

Dabei ist es naheliegend, bei jenen Wörtern zu beginnen, die das Fest in beiden Sprachen benennen: das Weihnachten & τα Χριστούγεννα (‚ta Christúgena‘4). Im Deutschen haben wir es – etymologisch betrachtet – mit einer Dativ-Pluralform zu tun, die einer Zeitangabe entstammt ze den wīhen nahten. Die ausschlaggebenden Bestandteile dieser Form wurden bereits im Mittelhochdeutschen des 14. Jh. als Grundform verwendet (Kompositum: wīhenachten), so wie wir es heute auch tun. Diesem Kompositum wird spätestens im 16. Jh. das grammatische Geschlecht Neutrum regelhaft zugeordnet – vermutlich in Analogie zu das Weihnachtsfest. Erst 200 Jahre später wird die feminine Grundform die Weihnacht gebräuchlich, die heute als stilistisch markiert gilt. Zur ursprünglichen Bedeutung liest man im KLUGE: „Die Betonung der Nacht geht wohl auf die christliche Liturgie zurück, der Plural bezieht sich darauf, dass mehrere Tage gefeiert wurde […]. Ein Zusammenhang mit einem älteren germanischen Fest ist denkbar, aber nicht besonders wahrscheinlich“ (Kluge: 987). Heute kann die Semantik des Wortes – gerade auch aufgrund der Geschichte der Wortform (s.o.) – nicht mehr als durchsichtig betrachtet werden. Die übliche Bedeutungsangabe thematisiert die Tageszeit deswegen i.d.R. nicht: „christliches Fest, das die im Neuen Testament berichtete Geburt Christi feiert (25. Dezember)“.5 Und ob die heutigen großen und kleinen Sprecher*innen angesichts der Tatsache, dass dieses Fest mittlerweile global, kultur- und mitunter religionsübergreifend begangen wird, gerade an jene, eben zitierte Informationen denken, wenn sie das Wort verwenden, kann man vermutlich bezweifeln.

Demgegenüber ist die griechische Bezeichnung etwas sprechender. Auch hier liegt ein Kompositum vor. Dieses setzt sich zusammen aus der Genitivform von ο Χριστός (‚o Christós‘) und dem Wort für Geburt η γέννα (‚i géna‘). Wie im Deutschen kann es auf eine Phrase, nämlich auf η Χριστού γέννα (‚i Christú géna‘, wörtlich: Christi Geburt) zurückgeführt werden. Dass das daraus zusammengesetzte Kompositum nicht die grammatischen Eigenschaften von γέννα (‚géna‘, Geburt) hat (nämlich Genus Femininum und Singular), ist darauf zurückzuführen, dass es sich bei τα Χριστούγεννα natürlich nicht um ein einfaches Kompositum handelt, das man wörtlich einfach mit die Christusgeburt übersetzen könnte. Am Artikel τα wird ersichtlich, dass eine Pluralform eines Wortes mit dem Genus Neutrum vorliegt. Bereits im Altgriechischen war es üblich, religiöse Feste auf diese Weise (Plural Neutrum) zu benennen: So verfügt der Name für die Feste zu Ehren von Dionysos τά Διονύσια (‚ta Dionísia‘)6 ebenfalls über die Eigenschaften Plural Neutrum.7 Mit einer Plural-Neutrum-Form wurden sowohl im Lateinischen wie auch im Griechischen auch die Saturnalia / τά Σατουρνάλια benannt. Das Fest zur Winteraussaat wurde im Römischen Reich traditionell im Dezember gefeiert. Als man im 4. Jh. begann, am 25. Dezember Weihnachten zu feiern, hat man sich wahrscheinlich nicht nur im Datum, sondern auch in der Benennungspraxis für religiöse Feste am genannten Vorbild orientiert. In der oben beschriebenen Form ist das Wort τά Χριστούγεννα (‚ta Christúgena‘, das Weihnachten) aber zum ersten Mal erst in Texten von Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos (905–959) belegt (Babiniotis o.J.).

In seiner heutigen, lexikologisch festgehaltenen Bedeutung gleicht das griechische Χριστούγεννα dem deutschen Wort Weihnachten beinahe vollständig. Das Triantafyllidis-Wörterbuch definiert es als „das Fest der Geburt von Christus, die man am 25. Dezember feiert“ (eigene Übersetzung).8 Nichtsdestotrotz ist für die Sprecher*innen des Neugriechischen der innere Aufbau des Kompositums durchsichtiger als das bei Weihnachten für Sprecher*innen des Deutschen der Fall ist. In einem Wörterbuch für Griechisch als Fremdsprache wird daneben noch eine weitere Dimension des Wortgebrauchs angeführt: „Wir nennen Χριστούγεννα die Tage kurz davor und kurz nach dem Weihnachtstag“ (eigene Übersetzung).9 Auf Deutsch spräche man von der Weihnachtszeit.

Weihnachten gilt in Deutschland gemeinhin als mit Abstand wichtigstes Fest des Jahres. Zu diesem Anlass soll man – sprachlich betrachtet – vor allem eines sein: froh bzw. fröhlich. Deutsche Weihnachtswünsche richten sich mit diesen Adjektiven also typischerweise auf das Empfinden der Bewünschten. Mit den drei Wörtern Und fröhliche Weihnachten! enden in den letzten Tagen vor Weihnachten Gespräche häufig; v.a. wenn absehbar ist, dass man sich bis dahin nicht noch einmal trifft. Ein Gefühl der Hochstimmung, eine innere Heiterkeit10 soll damit für die Verabschiedeten zu Heiligabend und an den zwei Weihnachtsfeiertagen vorherrschend sein. Deutlich unspezifischer ist Schöne Feiertage! (‚schön‘ kann neben der Stimmung immerhin noch anderes mehr sein), was sich gegenüber Frohe bzw. Fröhliche Weihnachten jedoch nicht auch zur Begrüßung eignet. Als nur scheinbar unspezifisch ist die Wunschformel Frohes Fest! zu verstehen. Man hört sie eigentlich nur zu Weihnachten – dem Fest der Feste!

Im Gespräch wie ebenso auch auf Postkarten begegnet einem eine Formel mit deutlich größerem Zielbereich, eine Formel nämlich, die in der Lage ist, die sog. Zeit zwischen den Jahren zu umklammern: Frohe Weihnachten und ein gesundes neues Jahr! Wohl vornehmlich im Bereich der Schriftlichkeit anzutreffen, sind Wünsche für besinnliche Weihnachtstage oder für ein gesegnetes Fest. Hier ist sprachlich die Ruhe und innere Einkehr noch präsent, die mit der Adventszeit (i.e.S.) und schließlich der Ankunft Jesu Christi auf Erden verbunden wird. Freilich handelt es sich dabei aber um einen Wunsch, der sich ebenso gut auch für die durchkapitalisierte (Vor-)Weihnachtszeit nicht-religiöser Weihnachtsfeiernder eignet.

Das Griechische kennt im Vergleich zum Deutschen für alle nur denkbaren Anlässe konventionalisierte Wunschformeln. Für die Weihnachtszeit z. B. besonders brauchbar ist Καλή χώνεψη! (‚Kalí chónepsi!‘), womit nach den Mahlzeiten (wörtlich) eine gute Verdauung gewünscht wird. Aber auch speziell für die Weihnachtszeit und die Zeit um den Jahreswechsel herum finden sich fein ausdifferenzierte und stark formelhafte Glückwünsche. Obwohl Weihnachtstraditionen aus dem deutschsprachigen Raum (wie Lieder und Dekoration) seit der Herrschaft des bayerischen Königs Otto (1815–1867) in Griechenland weit verbreitet und auch heutzutage noch immer üblich sind, zeigt sich in der Sprachlichkeit von griechischen Glückwünschen ein deutlicher Unterschied zu den deutschen.

Das typische Wunsch-Attribut ist im Griechischen καλός (‚kalós‘), mit der schlichten Bedeutung ‚gut‘. Eine Abweichung davon, im Sinne individualisierender Variation, ist kaum anzutreffen. Das Muster ist so weit verbreitet, dass es einem in allen nur denkbaren Wunsch-Kontexten begegnet, so z. B. in Καλή γυμναστική! (‚Kalí gimnastikí!‘, wörtlich: Guten Sport!) oder Καλό καθάρισμα! (‚Kaló kathárisma!, wörtlich: Gutes Putzen!). Mit Bezug auf den 25. Dezember kann man sich diesem Muster entsprechend Καλά Χριστούγεννα! (‚Kalá Christúgena!‘, wörtlich: Gute Weihnachten!) wünschen und damit, wie oben schon erläutert, den Festtag anlässlich Christi Geburt fokussieren. Dass dieser Tag für sich allein betrachtet in Griechenland aber gar nicht so zentral ist – in der orthodoxen Tradition ist das Osterfest ohnehin viel wichtiger – sieht man an einer anderen üblichen Wunschformel: Die Griechisch-Orthodoxe Kirche fasst mit den sog. Zwölf Tagen (το δωδεκαήμερο, ‚to dodekaímero‘), die sich vom 25. Dezember bis zum 5. Januar erstrecken, das Feiern der Geburt Jesu zusammen mit verschiedenen anderen Festen, wie z. B. den Tag des Heiligen Basilius. Epiphanias am 6. Januar, eines der wichtigsten Feste Griechenlands, schließt unmittelbar an. Dieser gesamte Zeitraum ist gemeint, wenn man den Wunsch Καλές γιορτές! (‚Kalés giortés!‘, wörtlich: Gute Feste!) ausspricht; demgegenüber ist im Deutschen mit Schöne Feiertage ja nur ein Bruchteil dieses Zeitraums gemeint (s.o.). Parallel zu den deutschen Wünschen für eine gesegnete Weihnachtszeit findet man auch im Griechischen Formeln wie Καλό δωδεκαήμερο (‚Kaló dodekaímero‘, wörtlich: Gute zwölf Tage!) und Ευλογημένο δωδεκαήμερο (‚Eflogiméno dodekaímero‘, wörtlich: Gesegnete zwölf Tage!), die im speziellen die zwölf Feiertage fokussieren und stark religiös konnotiert sind.

In diesem Zwölf-Tages-Zeitraum ist es aber ebenso üblich, sich eines griechischen Glückwunsch-Passepartouts zu bedienen, das bspw. auch zum Geburts- oder Namenstag wie auch zu Mariä Verkündigung oder Mariä Himmelfahrt verwendet werden kann: Χρόνια πολλά! (‚Chrónia pollá!‘). Wörtlich übersetzt wünscht man dem Gegenüber damit ‚viele Jahre‘, also ein langes Leben. So wäre eine Gesprächseröffnung mit den Worten Γεια σου, Δημήτρη μου, χρόνια πολλά! (‚Giá su, Dimítri mu, chrónia pollá!‘, wort-wörtlich: Gesundheit dir, Dimítris mein, der Jahre viele!) nicht nur zur Weihnachtszeit möglich. Schon in der alltäglichen Begrüßungsformel Γεια σου (‚Giá su‘, distanzierter mit σας/‚sas‘, Ihnen), die üblicherweise mit Hallo (bzw. Guten Tag) übersetzt wird, steckt ja ein spezifischer Wunsch: Γεια bzw. γεια geht zurück auf υγεία (‚igía‘, Gesundheit). Dass in der Anrede das Possessivum μου (mein) dem Namen Dimítris folgt, gibt eine enge zwischenmenschliche Beziehung zum Angesprochenen zu verstehen. Es folgt der schon erwähnte Wunsch für ein langes Leben (χρόνια πολλά, ‚chrónia pollá‘). Zur Weihnachtszeit lautete eine angemessene Übersetzung für diese so übliche wie flexible Begrüßungsformel dann also: Hallo, mein lieber Dimitris, frohe Weihnachten!

Obwohl – wie eingangs gesagt – das Aussprechen von Glückwünschen zu einem großen Teil dem Ausgestalten und Bestätigen der sozialen Beziehung zwischen den Kommunizierenden dienen mag, sagen uns die konkreten sprachlichen Gestalten, die den Kern der weihnachtlichen Glückwunschpraktiken ausmachen und mit Hilfe derer die Beziehungsarbeit geleistet wird, doch viel darüber, welche Rolle das Weihnachtsfest in beiden Ländern spielt. Während die griechischen Wünsche eine viel stärkere Bindung an religiöse Inhalte und Hintergründe reflektieren als die deutschen, steht das Fest dort in einem umfassenderen Kontext religiöser Praktiken, als das die deutschen Wünsche sprachlich widerspiegeln würden. Dieser Kontext religiöser Praktiken schreibt dem Weihnachtsfest in Griechenland aber gleichzeitig nicht den Status zu, das wichtigste Fest des Jahres zu sein, als das es in Deutschland durchaus verstanden werden kann. Aus solchen sprachlichen Fakten kann natürlich nicht einfach abgeleitet werden, welche Relevanz in beiden Sprachgemeinschaften Religion jeweils hat. Die im Deutschen und Griechischen unterschiedlichen Glückwüsche reflektieren aber, dass das gemeinsame Fest ‚Weihnachten‘ in je andere gesellschaftliche Traditionen und Praktiken eingebettet ist, die eigene Charakteristika aufweisen und eigene Gewichtungen vornehmen.

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Literatur

Babiniotis, Georgios. o.J. Χριστουγεννιάτικα της γλώσσας / με πολλές ευχές, www.babiniotis.gr/lexilogika/leksilogika-2/478-xristougenniatika-tis-glossas-me-polles-efxes

Busch, Adolf. 1896/1926. Das Glückwunschbuch. 16. Aufl. Berlin: Schultze.

Holly, Werner. 2001. Beziehungsmanagement und Imagearbeit. In: Brinker, Klaus/Antos, Gerd/Heinemann, Wolfgang/Sager, Sven F. (Hrsg.). Text und Gesprächslinguistik. Bd. 2. Berlin/New York: de Gruyter, 1382–1393.

Kluge, Friedrich. 2011. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold. 25., durchgesehene und erweiterte Auflage. Berlin/Boston: de Gruyter.

Rosenbauer, Frank. 2007. Grüße und Glückwünsche. Wie sage ich’s richtig? Planegg/München: Haufe.

4 Weihnachtswünsche im deutsch-italienischen Vergleich

Die kulturlinguistische Perspektive

Silvia Bonacchi

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1 Weihnachtswünsche

Während man in Deutschland zu Weihnachten Frohe Weihnachten, mein Schatz! sagt, heißt es in Italien: Buon Natale, carissimo! Nicht nur an den wichtigsten Feiern – dazu gehört Weihnachten – pflegen wir unseren Teuren Glückwünsche (in Italien: auguri) auszusprechen. Glückwünsche sind Mittel der Beziehungsgestaltung bei wichtigen Anlässen: Zum Geburtstag, zur Taufe, zur Hochzeit, zum Gelingen einer Prüfung oder einer Sportleistung, zu einer beruflichen Entwicklung wünschen wir uns nah stehenden Menschen Glück, Erfolg, Liebe, Gesundheit oder das gute Gelingen des Unternehmens. Aus der Sicht ihrer propositionalen Struktur können sich Glückwünsche aber sehr unterscheiden: von komplexen syntaktischen Konstruktionen bis zu formelhaft standardisierten Nominalphrasen. Oft werden Glückwünsche vom performativen Verb „wünschen“ eingeleitet, manchmal wird dieses vorausgesetzt – so etwa im Deutschen: Ich wünsche euch einen schönen Abend! vs. Schönen Abend!, im Italienischen: Vi auguro una buona serata! vs. Buona serata! Wünsche verblassen manchmal zu Routineformeln, wie etwa Grußformeln, die anfänglich als Wunschformeln entstanden sind:

Ich wünsche dir einen guten Tag! -> Guten Tag!

Ich wünsche dir guten Appetit! -> Guten Appetit!

Glückwünsche sind aber keine Gelegenheitssprüche, sondern kommunikative Einheiten, die das Resultat einer kulturellen Schichtung sind – denn Kultur ist nicht etwas Einheitliches, sondern wie Gesteine das punktuelle Ergebnis eines immer fortlaufenden Sedimentationsprozesses menschlichen Tuns und menschlicher Sinngebung –, in der Vergangenheit ein Zeichen des Wohlwollens der Götter für die Menschen und heute ein Zeichen der positiven Anteilnahme an einem Ereignis der Person, die sie ausspricht, und die von Empfänger*innen überwiegend als freudig empfunden werden. Glückwünsche, das kennen wir alle aus unserem täglichen Sprachgebrauch, machen eine Reaktion erforderlich. Wir nehmen sie entgegen, bedanken uns etc. In der Interaktionslinguistik spricht man von einer Sequenzstruktur, wenn man einen Glückwunsch und die Reaktion auf den Glückwunsch als eine Einheit betrachtet. Aus der Sicht dieser Sequenzstruktur kann unser*e Adressat*in unsere Glückwünsche entgegennehmen – dies auch nach bestimmten Regeln der Antwort (meist einer Danksagung) und der Erwiderung (meist eine eventuell verstärkte Wiederholung) – oder nicht – vor allem durch Nichtachtung dieser Regeln der Gegenseitigkeit. Große Feste, wie etwa Weihnachten, verlangen Rituale, die eine Kulturgemeinschaft verbinden. Zu den wichtigsten Ritualen an Weihnachten gehört der Austausch von Geschenken, und Glückwünsche sind ein tief sprachlich kodiertes „verbales Geschenk“, das mit Erwartungen verbunden (wer wem was wie wann wünscht) ist und bestimmten kommunikativen Regeln unterliegt.

2 Was machen wir, wenn wir jemandem etwas wünschen bzw. Glückwünsche aussprechen?

Was machen wir eigentlich, wenn wir Glückwünsche aussprechen? Wie wirken wir auf den Gesprächspartner und auf die Welt? Aus pragmalinguistischer Perspektive, die das Sprechen als eine Form des Handelns in der Welt betrachtet, haben Glückwünsche eine komplexe illokutionäre Struktur. Glückwünsche sind eine besondere Form des Wünschens, d.h. Propositionen, die im Rahmen einer deontischen Modalität zukunftsorientiert und dialogisch ausgerichtet sind: Etwas, das dem Adressaten bzw. Gratulierten zugutekommt, soll/kann/muss passieren. Glückwünsche stellen also keine Assertive dar, sondern sind eher als supportive expressive Sprechakte zu betrachten, die den Zustand des Sprechers und insbesondere seinen Wunsch, Freude beim Adressaten hervorzurufen, ausdrücken (Larrieta Zulategui 2015: 293). Manchmal haben sie auch eine direktive handlungsleitende Komponente – p(roposition), dass H(örer) h(andlung) macht; p(roposition), dass E(reignis) passiert.

Im deutschen performativen Verb wünschen und im italienischen augurare lässt sich aus der Sicht ihrer Wortgeschichte ein semantisches Spannungsfeld erkennen, das die kulturelle Breite des Aktes gut erfasst. Das Wort wünschen, ähnlich wie das Englische wish, leitet sich vom indoeuropäischen *ųen- ab (in der Bedeutung „streben“) mit dem indoeuropäischen Inchoativsuffix -sk(e/o)- in der Bedeutung „erstreben“.1 Das italienische Verb augurare und das Substantiv augurio (meist in der Pluralform auguri verwendet) leitet sich vom Lateinischen augurium ab. Gemeint ist damit die Weissagung der Auguren, die im alten Rom die Aufgabe hatten zu ergründen, ob ein geplantes Unternehmen den Göttern genehm sei. Durch die Deutung der Zeichen (signa bzw. auguria) verkündete der Augur den Götterwillen, den er erkannte durch die Auspizien2 – etwa aus dem Flug und dem Geschrei der Vögel und anderer Tiere. Das augurium ist also eng mit der Hoffnung verbunden, dass der Mensch in Harmonie mit dem Willen der Götter seine Entscheidungen trifft und mit dem Vorzeichen, dass in diesem Vertrauen immer etwas Gutes eintritt. Hier bahnt sich also ein Spannungsfeld an zwischen dem augurium als Beweis, dass in der Deutung des Willens der Götter der Mensch seine Götternähe bezeugt, und dem Wunsch als Bestrebung, dass etwas eintritt.

3 Die magische Kraft des Wortes

Indem wir jemandem etwas wünschen, enthüllen wir uns als Menschen, die an die magische Macht des Wortes glauben: Das gesprochene Wort kann die Welt beeinflussen. In diesem Sinne treten die Glückwünsche in die Nähe der Zaubersprüche, die eine magische Wirkung hervorbringen sollen – ähnlich wie der berühmte „Hals- und Beinbruch!“ bei den Prüfungen, der wie „der gute Rutsch ins Neue Jahr“ noch vom deutsch-jiddischen Sprach- und Kulturkontakt zeugt.1 Dem Aussprechen des Zauberspruchs liegt die Überzeugung zugrunde, dass die magische Perfomativität des Spruchs die Welt ändern kann (Haeseli 2011). Glückwünsche können also als eine Art moderne Beschwörungstexte betrachtet werden. In der vorchristlichen, heidnisch-germanischen Frühzeit dienten Zaubersprüche dazu, sich durch die Macht des gebundenen Wortes die magischen Kräfte dienstbar zu machen. Heidnische Zaubersprüche sind dann zu christlichen Heilsegen geworden, die im Mittelalter oft als verbale Therapie durch die Mönchärzte gepflegt wurden (Ernst 2011). Der Zauberspruch kann einen Dämon jagen, der für das Entstehen einer Krankheit verantwortlich ist. Wünsche des Glücks, der Gesundheit, des Erfolgs, die wir zu Weihnachten und anderen Gelegenheiten aussprechen, verraten noch dieses magische Substrat, das weiterhin im Menschen lebt, als wolle der Mensch auch heute die Dämonen jagen, die seinem Glück im Wege stehen können. Von diesem magischen Substrat zeugt auch der Weihnachtsbaum, der an die immergrünen Pflanzen erinnert, die in heidnischen Kulturen ein Symbol für Fruchtbarkeit und Lebenskraft waren.

4 Am Beispiel von Weihnachtswünschen: Pragmatische Angemessenheit interkulturell betrachtet

Weihnachtswünsche können aus festen standardisierten Formeln bestehen (wie etwa Frohe Weihnachten! und Buon Natale!) ohne bzw. mit vorausgesetztem performativem Verb, oder komplexere Textformen haben. Im Rahmen der nicht standardisierten Formen wird im Deutschen bisweilen auf ad-hoc-komponierte strophische Formen zurückgegriffen, wie etwa:

Strahlend hell und wunderbar,

so sei für Euch das nächste Jahr!

Freude und Besinnlichkeit,

das wünschen wir in der Weihnachtszeit!1

im Italienischen greift man eher auf argumentative Konstruktionen, wie etwa:

Ti abbraccio e ti auguro di trovare sotto l’albero tanta gioia, felicità e amore. Che sia un Natale unico ed indimenticabile. Auguri di buon Natale! 2

Nun stellt sich in einer immer mehr globalisierten Welt die Frage, welche Schwierigkeiten im Austausch der Weihnachtswünsche in der interkulturellen Kommunikation auftreten können. Es handelt sich dabei vor allem um die pragmatische Angemessenheit und um die Fehleranfälligkeit (Miodek 1994, Vivaldi/Larreta Zulategui 2019). Standardisierte Glückwünsche sind Gegenstand der pragmatischen Phraseologie, die sich mit dem Phänomen der Realisierung der Sprechakte durch Redemittel der formelhaften Sprache bzw. der Routineformeln beschäftigt. Routineformeln sind alleinstehende Wörter oder festgeprägte und plurilexikalische Wortketten, die oft innerhalb einer mehr oder weniger ritualisierten und alltäglichen Situation für die Durchführung eines Sprechaktes benutzt werden. Durch diese Einheiten kann der*die Sprecher*in nicht nur grüßen oder sich entschuldigen, sondern auch Glückwünsche äußern (Burger 1998: 29, 52). Manchmal kommt es in der interkulturellen Kommunikation zu Prozessen der Anpassung und der Aneignung durch uneigentliche Verwendung der fremdsprachlichen Routinen. Das ist der Fall bei der schon erwähnten Verballhornung bei ‚Hals und Beinbruch’ und ‚ein guter Rutsch ins Neue Jahr’ (s. hier Fußnote 3), wo eine feste fremdsprachliche Redewendung angepasst, reinterpretiert und rekontextualisiert wird.

Zu Weihnachten stehen den Mitgliedern der italienischen und der deutschen Sprachgemeinschaft bestimmte prototypische Weihnachtswünsche zur Verfügung. Oft wird der*die Adressat*in (im Kontext der Familie oder des Freundeskreises) durch appellative Formen explizit genannt.

Im Folgenden seien einige Grundformen der am meisten rekurrierenden Formeln präsentiert, die wiederum variiert werden können. Im Italienischen haben wir:3

Tanti auguri, (carissimi)!

Buon Natale (a Voi)!

(Auguri di un) Felice Natale!

Buone Feste (a te e alla tua famiglia)!

Auguro a te e famiglia una felice festa di Natale!

Buon Natale e un augurio di buona salute e tanta felicità!

Normalerweise werden Weihnachtswünsche mit den Glückwünschen zum Neuen Jahr gekoppelt:

Felice anno nuovo!

Relativ selten greift man heutzutage im Italienischen auf religiös tradierte Glückwünsche außerhalb ausgeprägt kirchlicher Kontexte zurück. Die häufigste Form ist Santo Natale!, das oft in breitere propositionale Strukturen eingebettet wird:

Che la pace, la gioia e la serenità del Santo Natale scenda su di te e su tutta la tua famiglia! 4

Diese Grundstrukturen können variieren mit elativen Formen: Tantissimi auguri! Felicissime feste! und Ergänzungen mit Wunschsätzen, die prototypisch von che … / lasciate che … (+ Konjunktiv) eingeleitet werden, wie etwa:

Tantissimi auguri! Che il Natale possa portare nella vostra casa armonia, pace e serenità!

Lasciate che la magia del Natale pervada le vostre anime, accendendo l’amor nei vostri cuori. Buon Natale!

Ti auguro di trovare sotto l’albero tanta gipia, felicità e amore. Che sia un Natale unico e indimenticabile. Auguri di Buon Natale!

Natale è arrivato. Possa la tua casa essere piena di risate, felicità, armonia, pace e amore. Buone feste!

Immer häufiger werden personalisierte Glückwünsche ausgesprochen:

Questo Natale fatti il miglior regalo possibile: rimani come sei!

Im Deutschen haben wir auch einige standardisierte Weihnachtswünsche. Neben das klassische Frohe Weihnachten! tritt immer häufiger Frohe Festtage! Frohes Fest! – analog zum Italienischen Buone Feste! –, das den arbeitsfreien Charakter der Feiertage betont. Auch im Deutschen haben wir oft eine Verbindung der Weihnachtswünsche mit den Wünschen für das Neue Jahr, wie etwa:

Frohe Weihnachten und ein glückliches, erfolgreiches Neues Jahr wünsche ich Dir und Kathi!

Fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch ins Neue Jahr wünschen Euch Chris und Magda!

Wir wünschen Euch fröhliche Festtage und einen guten Start ins Neue Jahr!

Religiös orientierte Glückwünsche werden im Deutschen mitunter auch heute noch ausgesprochen:

Ein gesegnetes und besinnliches Weihnachtsfest wünscht Euch Familie Müller!

Frohe Weihnachten und ein gesegnetes neues Jahr wünschen Ute und Heinz!

Frohe Weihnachten! Möge Gott Dich heute und für das kommende Jahr segnen und beschützen!

In der interkulturellen Kommunikation können solche Fehler auftreten:

* buon augurio di Buon Natale5

* Tutto bene per Natale! 6

* Gute Weihnachten und glückliches Neues Jahr! Viel Liebe dir und deiner Familie!7

Sind das Fehler? Ich denke nicht – bestimmt keine pragmatischen Fehler. Der Adressat/die Adressatin erkennt die kommunikative Intention des Sprechers/der Sprecherin.

5 Schlusswort

Heutzutage, wo seit Tausenden von Jahren niemand mehr den Flug der Vögel in Betracht zieht, um den Willen der obwaltenden Götter zu deuten, bleibt der Glückwunsch, der zu besonders feierlichen Anlässen geäußert wird, in unserer immer mehr säkularisierten Welt ein Zeichen der Sehnsucht nach der Magie des Wortes und das Zeugnis einer von Sprecher*in und Adressat*in geteilten Hoffnung, dass die Zukunft Gutes bereiten möge. Wenn wir unseren Mitmenschen Frohe Weihnachten wünschen, lassen die ausgesprochenen Worte ihre tiefe Schichtung und Ablagerung noch erkennen, wenn das Herz der Sprecher*innen und der Adressat*innen mitschwingen. Es ist der Abklang von Worten, die ein viel älteres Leben haben als diejenigen, die sie aussprechen. Auch in der säkularisierten Perspektive drückt das Aussprechen von Glückwünschen die Hoffnung aus, dass die Zukunft uns einen Zustand des Wohlbefindens bereitet, und genau dieser Wunsch ist der Ausdruck des – ob religiös motivierten oder nicht – Bedürfnisses vom Schutz vor den Übeln des irdischen Lebens und der Fragilität des menschlichen Daseins.

Literatur

Burger, Harald. 1998. Phraseologie. Eine Einführung am Beispiel des Deutschen. Berlin: Erich Schmidt Verlag.

Coulmas, Florian. 1981. Routine im Gespräch: Zur pragmatischen Fundierung der Idiomatik. Wiesbaden: Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion.

Ernst, Wolfgang. 2011. Beschwörungen und Segen. Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag.

Haeseli, Christa. 2011. Magische Performativität. Würzburg: Königshausen & Neumann.

Larreta Zulategui, Pablo Juan. 2015. Zu den Wunschformeln der deutschen Sprache. Muttersprache 4/125, 290–309.

Luger, Heinz-Helmuth. 2007. Pragmatische Phraseme: Routineformeln. In: Burger, Harald/Dobrovol’skij, Dmitrij/Kuhn, Peter/Norrick, Neal R. (Hrsg.). Phraseologie / Phraseology. Ein internationales Handbuch zeitgenossischer Forschung, Bd. 1. Berlin/New York: De Gruyter. 444–459.

Miodek, Wacław. 1994. Die Begrüßungs- und Abschiedsformeln im Deutschen und im Polnischen. Heidelberg: Groos.

Vivaldi, Valentina/Larreta Zulategui, Juan Pablo. 2019. Die Wunschformeln: eine kontrastive Analyse zwischen Standardspanischem und -deutschem. Linguistica Pragensia (29/1) 47–66.

5 Der Weihnachtsbrief

Thomas Spranz-Fogasy

Regelmäßig, auf der Rückfahrt vom Sommerurlaub, so um den 10. September herum, begann für uns Weihnachten. Nicht die ganze Fahrt über, aber immer wieder, sangen die Kinder auf den Rücksitzen Weihnachtslieder. Und ich begann, im Kopf schon mal den Weihnachtsbrief zu formulieren.

Der Weihnachtsbrief – eine Aufgabe, die mir seit Anfang der 1980er Jahre zusteht. Ein Kollege hatte mich drauf gebracht, mit seinem Weihnachtsbrief. Ausdrücklich als solcher tituliert, andere nennen das Jahresbrief, aus England, USA kommen Christmas oder Xmas Letters. Ich fand das eine gute Idee.

Im Weihnachtsbrief wird Verwandten, Freunden und näheren Bekannten mitgeteilt, was im vergehenden Jahr so bei uns in der Familie passiert ist, welche Pläne sich erfüllt, welche sich nicht erfüllt haben. Es geht um Schönes und nicht so Schönes, Lustiges und Trauriges, Geburten und Tode, Krankheiten und Genesungen, Hochzeiten, Feste und Reisen, berufliche und sonstige Pflichten, Erfolge und Misserfolge, um Freunde und Anverwandte.

Der Grundton des Weihnachtsbriefs soll dabei heiter sein, Negatives und Trauriges wird eher mal „verpackt“, aber sichtbar gelassen, für den, der es „lesen“ kann und will. Der eigene Anspruch ist auch, jedes Jahr eine eigenständige literarische Form zu entwickeln, z. B. mit einer Grundidee, wie die, das Geschehene aus der Sicht unserer Hauskatze zu schreiben. Und ein Foto muss dabei sein, eins, dass alle Familienmitglieder zeigt, gelegentlich auch eins nur mit den Kindern, neuerdings auch mal nur von uns Eltern; wenn nur drei (von Vieren) abgebildet sind, wird auf die Fotografin/den Fotografen im Text eigens hingewiesen. Häufig ist es ein Reisefoto, von den großen Reisen. Das Foto ist immer rechts oben. Links daneben steht die Adresse, über beidem mittig und mit 18 Pt Schrift fett und kursiv: Petra, Lina, Rosa und Thomas Fogasy, Weihnachten [Jahr]. Und am Ende des Briefs steht dann noch im dito Format: Ein schönes Weihnachtsfest // und ein // Gutes Neues Jahr.

In der Großfamilie hieß es dazu immer wieder mal „Ihr macht’s euch aber einfach, einen Brief schreiben, Kopien machen, fertig“ – wenn die wüssten! Sammeln, ordnen, Idee entwickeln, ein sprechendes Foto (aus)suchen, erste Version entwerfen, Familie drüber schauen lassen, zweite, dritte und später die finale Version erstellen – es dauert einige Stunden und Tage, bis der Weihnachtsbrief seine fertige Gestalt erreicht hat, verpackt und versandt ist.

Der große Anreiz besteht darin, ein ganzes Jahr auf eine Seite zu packen. Und nicht zu sehr zu schummeln mit der Schriftgröße (das war die ersten Jahre mit Schreibmaschine sowieso nicht drin); Times Roman 11 Pt bei 1-zeiligem Abstand war das kleinste Format, meist hat’s aber zu 12 Pt und 1,15 Zeilenabstand gereicht.

Die Kosten: ca. 80 Briefe, 20 davon ins Ausland – alles kopieren (anfangs noch 20 Pfennig pro Kopie), eintüten, Briefmarken drauf oder – fürs Ausland – auf dem Postamt bekleben lassen. Im Lauf der Zeit wurde es immer einfacher (und billiger) durch den Emailversand; 20 Exemplare müssen trotzdem kopiert und eingetütet werden für die älteren, netzlosen Verwandten und Freunde.

Der Weihnachtsbrief beginnt immer mit einer leisen Klage, dass schon wieder ein Jahr zu Ende geht, aber auch mit einem Verweis darauf, wie vollgepackt, schön oder traurig das vergehende Jahr war. Das geschieht mal mit einem literarischen Zitat wie „eins, zwei, drei im Sauseschritt …“ (Wilhelm Busch) oder „Wirklich schon wieder ein Jahr …“ (Reinhard Mey) oder auch mit einer Beschreibung der aktuellen Schreibsituation: „Da sitz ich nun ich armer Tor …“ (nach Faust). Oder es wird das Lebensgefühl des ganzen Jahres kondensiert:

„Ein Glück, dass wir zu viert sind, so hat jede(r) ein eigenes Jahr und zusammen haben wir vier erlebt – und das war nötig anno Domini [Jahr], wie hätten wir sonst die sprudelnde Ereignisflut bewältigen sollen. Wir können in diesem Brief nur eine Ahnung davon wiedergeben, ein tolles Jahr!“ [das Korrekturprogramm mahnt hier gerade an: „Versuchen Sie, Umgangssprache zu vermeiden“ und bietet für „tolles“ an: „großartiges“]

Als nächstes folgt meist das wichtigste Ereignis des Jahres, eine Geburt, ein Todesfall, runde Geburtstage, manchmal auch nachträglich Wichtiges, das zwischen dem Verfassen des letztjährigen Weihnachtsbriefs und dem Jahresende geschehen ist, eine OP, ein Todesfall. Wenn aber die große Weltgeschichte wieder mal einen GAU hingelegt hat, haben wir das auch an dieser Stelle vermerkt: Tschernobyl, Balkankrieg, Golfkrieg, 9/11 … Und dann beginnt der eigentliche Bericht. Wer hat was gemacht, was ist passiert, was wurde erreicht, was verpasst, aufgeteilt in Berufliches, Hobbies, Beziehungen. Und dann die Reisen, sie waren und sind natürlich familiäre, gelegentlich auch berufliche Höhepunkte.

Der letzte Absatz ist dann wieder eine Engführung und ein Ausblick auf die kommenden Tage, wie das Jahr ausklingen soll, auch, was im folgenden Jahr erwartet, ersehnt, erhofft wird und, ganz wichtig, eine Ansprache an die Empfänger des Weihnachtsbriefs, was wir ihnen für die Weihnachtstage, für das neue Jahr und überhaupt wünschen, und auch, was wir der Welt wünschen.

Und, was wird draus? Wir halten viele Kontakte lebendig, über viele Jahre, in denen wir viele der Empfänger nicht sehen, nicht treffen, uns nicht einmal mit ihnen schreiben. Aber wie toll [und wieder meldet sich das Korrekturprogramm: „großartig“ soll ich schreiben], wenn man sich über viele Jahre hinweg nur per Weihnachtsbrief „trifft“ und dann, wie in einem Fall, nach 22 Jahren anknüpft, als ob es gestern gewesen sei. Im konkreten Fall am vorletzten Tag einer langen Reise durch den Westen der USA, in Santa Barbara. Am Strand die Erinnerung, dass ich hier doch Leute kenne, KollegInnen. John und Jenny Gumperz, ersterer damals 83, wollte ich die Kinder nicht zumuten, also habe ich die andere Kollegin, Dorothy Chun, angerufen, spaßeshalber. Sie hatte ich Anfang der 1980er Jahre im Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim kennengelernt. „Kommt doch heute Abend vorbei“, hieß es, und das taten wir. Die Kids erstmal eher widerstrebend, dann aber doch, ob eines riesigen 3x5 Meter Fernsehapparates, einer Nachbarschaft mit Jennifer Aniston und Brad Pitt und auch ob der lieben Kollegin und ihres Mannes wegen begeistert. Und am Ende des Abends dann die Einladung, sich beim nächsten Mal früher anzumelden, wir könnten bei ihnen auch wohnen – das haben wir dann drei Jahre später auch getan: Nach einem sehr schönen Abend haben wir am nächsten Tag die Hausschlüssel in die Hand gedrückt bekommen, wir sollten so lange bleiben, wie wir wollten, sie müssten jetzt nach San Francisco, ihrem Sohn beim Umzug helfen – dies alles eine Folge der Institution des Weihnachtsbriefs.

Und es kommen Weihnachtsgrüße zurück, viele, fast hundert, manche als kurze Karten, Briefe, Flyer, aber viele ausführlichere – und, ja, eine ganze Reihe: Weihnachtsbriefe, mit Informationen, die wir anders nie erfahren würden, manch Tragisches, viel Schönes und viele Grüße. Alle Grußschreiben hängen dann überm Kamin bei uns, oft ist die ganze Wand zugehängt. Und sie hängen dann bis nach dem Sommerurlaub (s.o. erste Zeile), dann werden sie radikal abgenommen, nochmal gesichtet. Die Schnüre, an denen alle Weihnachtsgrüße mit Klammern befestigt werden, bleiben, es lohnt sich ja nicht, denn in drei Monaten heißt es ja wieder …: „ja is’ denn heut’ scho Weihnachten?“ …

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6 Weihnachtsansprachen

Eine mentalitätsgeschichtliche Serie in 70 Folgen

Simon Meier-Vieracker

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1 Alle Jahre wieder …

In seiner kleinen Philosophie des Festes hat Odo Marquard (1989) das Fest als „Moratorium des Alltags“ bestimmt, als eine wiederkehrende, aber stets nur vorübergehende Aussetzung der Anforderungen und Routinen des Alltags. Das Weihnachtsfest – und man könnte das mit Blick auf die üblichen Arbeitsroutinen in unserer Gesellschaft sicher ausdehnen auf die sogenannte Weihnachtspause – scheint durch diese Differenzqualität gut charakterisiert. Jedes Jahr aufs Neue ist Weihnachten die Zeit, in der man – hoffentlich – nicht arbeitet, nicht pendelt, vielleicht sogar offline geht, und die stattdessen mit allerlei „ritualisierte[n] Formen festlichen Zusammenseins“ (Kopperschmidt 1999, 11) gefüllt wird. Die wohl typischste unter diesen Formen ist mit Sicherheit das Weihnachtfest im Familienkreis (Schüller/Linke 2016, 2), das jede Familie mit ihren je eigenen Gepflogenheiten begeht. Doch auch die Politik hat ihre Weihnachtsrituale, und die Weihnachtsansprache, von der dieser Aufsatz handeln soll, nimmt unter diesen einen besonderen Platz ein.

Die Weihnachtsansprachen, die seit Bestehen der Bundesrepublik von hohen politischen Amtstragenden (zunächst von den Bundeskanzlern und seit 1970 von den Bundespräsidenten1) gehalten und massenmedial verbreitet werden, sind politische Reden, denen die genannte Differenzqualität des Weihnachtlichen in besonderer Weise eingeschrieben ist. Sie treten – stärker noch als die übrigen Reden insbesondere der vor allem mit repräsentativen Aufgaben betrauten Staatsoberhäupter – in Distanz zum politischen Tagesgeschäft und sind zumeist von einem Gestus des Innehaltens und der Besinnung geprägt. Der typische Zeitpunkt am Jahresende wird ähnlich wie in den Neujahrsansprachen der Bundeskanzler*innen häufig für eine Art Rückblick und Bilanz genutzt, die sich schon dadurch vom Bilanzierten selbst distanzieren muss. Und als medial vermittelte Ansprachen, die alle an ihren privaten Empfangsgeräten hören oder auch sehen können, fügen sie sich zumindest von der Idee her in die familiären Formen des Zusammenseins ein. Zwar dürften die Zeiten vorbei sein, in denen sich landesweit die Familien vor dem Radio oder dem Fernseher versammeln, um die Weihnachtsansprache zu hören, nicht zuletzt wegen der internetbasierten Dissemination, welche die für ältere massenmediale Formate typische Gleichzeitigkeit der Rezeption aufhebt. Aber immer noch richten sich die Bundespräsidenten in ihren Ansprachen an die Mitbürgerinnen und Mitbürger in ihrer häuslichen Umgebung. Weihnachtsansprachen werden nicht etwa vor einer anwesenden Festgesellschaft gehalten und nur zusätzlich übertragen, sondern vorab und eigens für die Übertragung aufgezeichnet, meist in einem Ambiente, das mit den üblichen Weihnachtsutensilien wie dem Adventskranz den häuslichen Umgebungen angeglichen ist. Und so sind die Weihnachtsansprachen auch nicht einfach Verkündigungen oder Rechtfertigungen etwa politischer Maßnahmenpakete, sondern sie werden trotz der raumzeitlichen Zerdehnung der Kommunikationssituation als „eine Art Gespräch mit der Zuhörerschaft“ (Sauer 2001, 230) gestaltet. Auch der Bundespräsident feiert schließlich Weihnachten, so dass er eher für die anderen als zu diesen spricht (Kopperschmidt 1999, 14), die sich in ebenso festlicher, aber privater Atmosphäre befinden.

Es handelt sich also bei den Weihnachtsansprachen um Festreden einer ganz besonderen Art, da sie als öffentliche politische Reden in eine familiär-private Alltagsenthobenheit hineinragen. Ihre linguistische Untersuchung ist ein reizvolles, aber bisher nur sehr punktuell durchgeführtes Unterfangen (Sauer 2001; zu Neujahrsansprachen Holly 1996). Dabei eröffnet gerade die Ritualhaftigkeit und alljährliche Wiederkehr der Weihnachtsansprachen besondere Analysemöglichkeiten, indem sich die Ansprachen zu einer lückenlosen Serie mit nunmehr bereits 70 Folgen verbinden. Gerade in der Serialität der Ansprachen lässt sich, gestützt durch quantifizierende Methoden, fragen, wie die Redner jeweils die besondere Aufgabe lösen, die Bevölkerung am Weihnachtsfest in eben jener Mittellage zwischen politischer Öffentlichkeit und festlicher Privatheit zu adressieren. Und es lässt sich fragen, wie sich dies möglicherweise über die Jahrzehnte verschiebt und wie sich die Ansprachen darum auch als Quellen einer bundesrepublikanischen Mentalitätsgeschichte lesen lassen.

Datengrundlage für die folgenden Analysen bilden die jeweils publizierten Druckfassungen, die teilweise im Internet (auf bundespraesident.de sowie konrad-adenauer.de) und teilweise in den Publikationen des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung und anderen gedruckten Quellen verfügbar sind. Viele Bundespräsidenten halten zusätzlich eine Weihnachtsansprache an die Deutschen im Ausland, es wurde jedoch jeweils nur die Hauptansprache ins Korpus aufgenommen. Das 73.857 Tokens umfassende Korpus wurde für die Analyse mithilfe des TreeTagger nach Wortarten annotiert und lemmatisiert.

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