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Mikola Dziadok
DIE FARBEN
EINER PARALLELEN WELT
Aus dem Russischen
von Wanja Müller
Mit einer Vorbemerkung von Felix Ackermann
und Erläuterungen von Christian Ganzer

INHALT
Felix Ackermann Das Gefängnis als Echokammer
Vorwort
SCHISO
Opjer
Das Regime
Die Unberührbaren
Der Geruch
Der Aufstand gegen die göttliche Hierarchie
Die Strafe Gottes
Aufstand in der Quarantäne
Mogli
Die „Verflogenen”
Der Hexer
Das Leben ist schön
Offener Brief
Die äußerste Maßnahme
Die Freilassung
Schlusswort
Postskriptum
Christian Ganzer Im Schatten des Gulag
Vorbemerkung
DAS GEFÄNGNIS ALS ECHOKAMMER
Felix Ackermann
Mikola Dziadoks konzise Beschreibungen des Alltags in belarusischen Gefängnissen und Straflagern geben einen Einblick in eine Welt, die sich weniger als 1000 Kilometer von Berlin entfernt östlich der Außengrenze der Europäischen Union auftut. Mit dem scharf gezeichneten Bild vom Innenleben der Strafanstalten in der Republik Belarus wird einem Staat der Spiegel vorgehalten, der seine eigenen Bürger inhaftiert und foltert, allein weil sie für Grundrechte, Selbstbestimmung und freie Wahlen einstehen. Dziadok zeigt in seinen lakonischen Essays, wie im Alltag belarusischer Gefängnisse die in Belarus geltenden Gesetze missachtet werden. Er berichtet, wie politische Gefangene Opfer staatlicher Gewalt werden. Und er zeichnet minutiös nach, dass Willkür kein abstrakter Zustand allgemeiner Rechtlosigkeit ist, sondern die aktiv herbeigeführte, bewusste Überschreitung von Grenzen des Rechts, die auch in der Verfassung sowie den Gesetzen der Republik Belarus festgeschrieben sind.
Mikola Dziadok ist heute Geisel eines illegitimen politischen Regimes, dem das Vertrauen durch die eigene Bevölkerung seit dem Sommer 2020 entzogen ist. Die psychischen und physischen Misshandlungen, die Dziadok für den Zeitraum 2010 bis 2015 dokumentiert, erfolgen heute in ähnlicher Weise – jeden Tag mitten in Europa. Sie werden ihm und den anderen inzwischen mehr als 800 politischen Gefangenen stellvertretend zugefügt, um die über neun Millionen Einwohner der Republik vor der Gewalt des Staats zu warnen. Damit zeigt der Blogger und Aktivist auch, unter welchen Bedingungen heute Maria Kolesnikowa, Sergei Tsichanowskij und viele andere im belarusischen Strafvollzug leben.
Zugleich macht Dziadok in seinen Texten deutlich, dass es eine Möglichkeit gibt, die Gewaltherrschaft im Gefängnis selbst vorzuführen und sie gegen die Institutionen des illegitimen Staats zu wenden. Auch wenn er heute abgeschirmt von der Öffentlichkeit und weitgehend ohne Kontakt zu seiner Familie hinter Gittern ist, gelang es ihm mit seinem Buch sowie aus dem Strafvollzug geschmuggelten Berichten, das Gefängnis in eine Echokammer des Widerstands zu verwandeln. So werden das mit den Händen geformte Herz einer Maria Kolesnikowa während der Gerichtsverhandlung ebenso wie die Texte von Mikola Dziadok zum Aufruf, weiterhin einzustehen gegen die Gewalt von Alexander Lukaschenkos maskierten Unterstützern.
Das vorliegende Buch wirft auch die Frage auf, wie es die Menschen im westlichen Europa mit Staatsverbrechen mitten in Europa halten. Wer heute die Zustände in belarusischen Gefängnissen auch außerhalb der Landesgrenzen anprangert, unterstützt die Inhaftierten ebenso wie die belarusische Demokratiebewegung. Deshalb fließt der Gewinn aus dieser Publikation vollständig in die Arbeit des Vereins Razam, in dem sich nach Deutschland Geflüchtete aktiv für politisch Verfolgte in Belarus einsetzen. Der Verein Liberecco listet auf seiner Homepage die aktuellen Adressen der politischen Gefangenen in Belarus auf – es ist möglich, ihnen auch aus dem Ausland auf Russisch und Belarusisch Briefe zu schreiben. Die Schweizer Parlamentsabgeordnete Tamara Funiciello übernahm eine Patenschaft für Mikola Dziadok. Unter #westandby gibt es im Internet zudem Stimmen ganz unterschiedlicher Zeitgenoss:innen zur Willkür in Belarus – einer Willkür, deren systematischen Charakter Dziadok am Beispiel der Haftanstalten seziert.
Felix Ackermann ist Historiker, Kulturwissenschaftler und Stadtanthropologe. Seit 2016 forscht er am Deutschen Historischen Institut Warschau.
VORWORT
Als Kind habe ich im Vorwort zu irgendeinem Buch eine treffende Bemerkung gelesen: „Kaum verbringt ein Intellektueller eine Nacht auf einer Polizeistation, schreibt er gleich ein Buch darüber“. Ich weiß nicht, ob ich mich als Intellektuellen bezeichnen kann, und in den Kerkern des Systems habe ich mehr als nur eine Nacht verbracht, doch diese Bemerkung finde ich sehr passend. In der Tat gibt ein Gefängnis, der Freiheitsentzug und alles, was damit verbunden ist, einem Menschen ein so breites Spektrum an Gefühlen und Eindrücken wie kaum etwas anderes. Und für jemand, der gewohnt ist, das Erlebte kritisch zu analysieren, ist das auch noch ein unglaublich fruchtbarer Boden für Beobachtungen, Reflexionen und tiefes Nachdenken.
Diese Textsammlung, so die Idee, die ich hoffentlich realisieren kann, soll nur ein Zwischenschritt zu einer umfassenden Geschichte sein, bloß eine Skizze auf der Leinwand, die erst noch mit Farben bemalt werden muss – sie vermittelt einen allgemeinen Eindruck, lässt aber noch nicht die Fülle des Gesamtbildes erkennen. Ein solches Bild wird, wie ich hoffe, ein Buch sein, das über meine Zeit im Gefängnis vom ersten bis zum letzten Tag erzählt.
Warum habe ich mich entschieden, „Die Farben einer parallelen Welt“ zu schreiben? Erstens: Die Machthaber hatten und haben Angst davor, dass das, was in Gefängnissen geschieht, an die Öffentlichkeit dringt, und sie tun bewusst alles, um die Gefängnisse so weit wie nur möglich von der Außenwelt zu isolieren. Das heißt: Die Zustände in Gefängnissen und Strafkolonien öffentlich zu machen, kann ihrem moralischen Ansehen und ihrer Reputation schaden. Und wenn wir die Möglichkeit haben, solchen Schaden zu verursachen, müssen wir diese Möglichkeit nutzen. Jeder Gauner versucht, seine Taten zu verbergen oder, wenn es ihm nicht gelingt, irgendwie zu rechtfertigen: mit dem Gesetz, dem Recht des Stärkeren, der „revolutionären Notwendigkeit“, der Moral … Die Wahrheit zu sagen und die Verbrechen aufzudecken, ist hier ein Imperativ, die moralische Pflicht eines jeden Menschen. Zweitens ist wichtig zu dokumentieren, was wir gesehen und erlebt haben. Denn nichts und niemand ist ewig. Viele könnten in Zukunft sagen: „Wir haben nichts getan … Wir haben bloß Befehle befolgt“, oder: „Wir wussten nicht, dass sowas passiert, sonst hätten wir etwas unternommen!“ Oder sie werden gleich alles abstreiten: „Das ist eine Lüge, so was gab es nicht! Wo sind die Beweise?“ Und auch wenn kein Volksgericht und kein Gericht eines Staates je über sie urteilen wird, so ist das Urteil der Geschichte selbst viel wichtiger.
Über das Gefängnis ist schon viel gesagt und geschrieben worden. Und manchmal scheint es schwer, Neues beizutragen, denn Unfreiheit ist Unfreiheit, und in allen Ländern der Welt, von den Diktaturen Asiens bis zu den bürgerlichen Demokratien des Westens, sind die Gefängnisse gefüllt mit Verzweiflung, Bitterkeit, Angst, Schmerz, Gemeinheit und Selbstaufopferung, Freundschaft und Verrat, Barmherzigkeit und Grausamkeit, und natürlich mit der institutionalisierten Gewalt, die eine Art Sprache des Gefängnisses ist. Werde ich also in der Lage sein, etwas Neues beizutragen? Global betrachtet natürlich nicht, denn das belarusische Gefängnis ist nicht etwas Einzigartiges, vor allem nicht für den postsowjetischen Raum, und die allgemeine Logik und Philosophie des Gefängnisses ist, wie gesagt, überall gleich. Doch im lokalen Maßstab schon, denke ich. Ohne falsche Bescheidenheit kann ich sagen, dass meine Erfahrung im Maßstab von Belarus einzigartig war. Meine Freunde und ich waren die ersten Anarchisten in Belarus, die seit der Unabhängigkeit des Landes wegen politischer Aktionen zu Haftstrafen verurteilt wurden. Nicht weniger einzigartig waren auch die Umstände unserer Freilassung. Ich weiß nicht, ob es andere Beispiele in der Weltgeschichte gibt, wo die höchsten Vertreter europäischer Staaten, von Präsidenten und Premierministern bis zu Senatoren in den USA, von einem anderen Staat die Freilassung politischer Gefangener, und zumal von Anarchisten, gefordert hätten, die wegen direkter Aktionen verurteilt worden waren – und interessanterweise wurden wir unter anderem auch aufgrund dieser Forderungen tatsächlich freigelassen – obwohl es auch in ihren jeweiligen Ländern genug „eigene“ Anarchisten gibt, die im Gefängnis sitzen.
In den fünf Jahren meiner Gefangenschaft war ich in vier verschiedenen Gefängnissen und in drei Strafkolonien inhaftiert. Nur wenige Gefangene in Belarus ereilt ein solches Schicksal. Insgesamt mehr als ein Jahr habe ich in Einzelhaft verbracht, konnte aus der Nähe die Subkultur der Kriminellen und ihrer Vertreter beobachten – Berufsverbrecher oder auch „Vagabunden“, wie sie sich selbst nennen. Ich war der zweite Gefangene, der in der zweiundzwanzigjährigen Geschichte des Gefängnisses von Mahiljou nach Art. 411 des Strafgesetzbuches1 verurteilt wurde; erlebte ausnahmslos alle „Besserungsmethoden“, vom Entzug der Paketzustellung bis zur Überführung in ein Hochsicherheitsgefängnis und probierte ausnahmslos alle Methoden des Gefangenenprotests aus, von schriftlichen Beschwerden, über Hungerstreiks, bis zur Selbstverletzung. Deshalb hoffe ich, dass meine Erfahrungen und die Informationen, die ich aus den Kerkern mitgenommen habe, nützlich sein werden. Für die einen, um die kommenden Bewährungsproben zu bestehen, für die anderen, um nicht die Fehler zu wiederholen, die ich gemacht habe, und für andere wiederum womöglich als Material soziologischer und anthropologischer Forschung.
Aus dem Gefangenenjargon sind einige hundert, wenn nicht tausend Wörter in die russische Sprache eingegangen. Dieser Gefangenenjargon wurde in diesem Buch beibehalten.
Danke, dass Sie bis hierher gelesen haben. Ich hoffe dieses kleine Buch wird für Sie von Interesse sein.

Für die Entstehung dieses Buches möchte ich meinem Vater und meinen Genossen danken: Dank ihrer Bemühungen konnte ich ein halbes Jahr früher freikommen, als nach dem Urteil vorgesehen war. Ich danke meinem Lehrer Uladsislaw Iwanow für die Ermutigung und Motivation, meiner Frau Lera für Rezensionen und Kritik. Ich danke Oberstleutnant Aljaxandr Heorhiewitsch Lizwinski – dank dessen Rachsucht und Hass ich dorthin gekommen bin, wo ich war, um zu sehen, was ich gesehen habe. Ebenfalls möchte ich dem gesamten Strafsystem der Abteilung für Strafvollzug des Innenministeriums danken, dessen totale Schwachsinnigkeit und Unmenschlichkeit für mich eine Quelle der Inspiration war und bleiben wird.
SCHISO
Der Strafisolator
„Wer nicht im Militärknast war, der hat nicht in der Armee gedient“, sagen ehemalige Soldaten oft. Ähnlich kann man sagen: „Wer nicht im Strafisolator saß, der war nicht im Gefängnis“.
Ohne zu verstehen, was der Strafisolator ist – oder Kitscha, wie es im Gefangenenjargon heißt – ist es weder möglich, das Wesen des Gefängnissystems zu verstehen, noch viele der Handlungen der Gefangenen.
Gemäß der Vollzugsordnung für Haftanstalten und dem Strafvollzugsgesetz ist die Strafisolation eine der schwersten Disziplinarmaßnahmen, die nur wegen grober Verletzung des Vollzugsregimes angewendet werden darf. Da aber niemand definiert hat, was als grober Verstoß gelten soll, liegt es gänzlich in der Hand des Chefs der Strafkolonie, darüber zu entscheiden.
Was ist der Strafisolator? Wie eine Insel befindet sich auf dem Gebiet der Strafkolonie hinter einem zusätzlichen Stacheldraht und einem geharkten Kontrollstreifen eine Baracke: Die Strafisolationsbaracke ist eine Art Spezialgefängnis innerhalb der Kolonie. In der Baracke gibt es, wie in einem ganz gewöhnlichen Gefängnis, wo die Strafzellen sich im Keller befinden, Haftzellen. In eine dieser Zellen wird der Gefangene nach einer Sitzung des Disziplinarausschusses gebracht.
Stellt euch einen Raum von etwa zwei Metern Länge und einem Meter irgendwas in der Breite vor. Der Boden aus Holz. Auf dieser nicht sehr großen Fläche befinden sich: eine Pritsche, hochgeklappt und an der Wand befestigt, die vom Aufseher von außen, aus dem Korridor, heruntergelassen wird; ein Hocker; ein kleiner Tisch zur Nahrungsaufnahme; eine Toilette – eine Kloschüssel gibt es nicht –, es ist ein Loch im Boden, das von einer Seite von einer etwa ein Meter hohen Trennwand verdeckt ist; ein Waschbecken; kleine Regale an den Wänden. Oft ist alles so eingerichtet, dass man keine zwei Schritte gehen kann, ohne gegen irgendetwas zu stoßen. An der Decke hängt eine Glühbirne, und es gibt ein Art Fenster – wenn man es so nennen darf. Von der frischen Luft trennt euch die Glasscheibe, ein Gitter von innen und eine Metalljalousie von außen, damit die Häftlinge nicht etwas von einer Zelle in die andere weitergeben und der psychologische Druck zusätzlich erhöht wird, da weder Sonne noch Himmel zu sehen sind. Doch die Vollzugsverwaltung ist oft kreativ und lässt am Fenster zusätzliche Gitter anbringen. Rekordverdächtig waren da die Bullen aus der Strafkolonie Nr. 9 in Horki, die das Fenster gleich vierfach vergittert haben – das Sonnenlicht kam fast gar nicht mehr durch, und es ist gut möglich, dass dieses Know-how ihnen eine besondere Belobigung der Prüfungskommission von der Abteilung für Strafvollzug eingebracht hat.
Bevor der Häftling die Strafzelle betritt, wird er standardmäßig gefilzt. Das Wichtigste ist, dass man praktisch kein Kleidungsstück mitnehmen darf, außer der Häftlingsuniform. In manchen Strafkolonien ist auch die nicht erlaubt, man bekommt in der Strafisolation eine andere Uniform, mit der Aufschrift SCHISO über den ganzen Rücken. Man erlaubt euch nur, ein Handtuch, Zahnpasta, Zahnbürste und Toilettenpapier mitzunehmen. Sogar Nassrasierer sind nicht überall erlaubt.
In Horki, zum Beispiel, ist es den Insassen des Strafisolators nicht erlaubt, sich im Waschraum zu rasieren, damit sie keine Klingen aus den Rasierern holen und sich damit zum Beispiel aufschneiden. Natürlich denkt niemand daran, die Lebensbedingungen der Häftlinge zu verbessern, damit sie sich nicht aus Protest selbst verletzten, es ist einfacher das Rasieren zu verbieten. Das Ergebnis ist, dass die Gefangenen aus dem Isolator wie Yetis zurückkommen, zugewuchert und verwildert.
Was ihr sonst auch immer mitnehmen wollen würdet – Essen, Zigaretten, Papier, Stifte, Briefe, Zeitungen, Bücher – es ist nicht gestattet. In der Strafzelle müsst ihr mit euch allein bleiben und, so stellen sich das die Kerkermeister vermutlich vor: über das eigene Verhalten nachdenken.
Geschickte Gefangene, die nicht zehn oder mehr Tage ohne Zigaretten auskommen wollen, stellen sogenannte „Torpedos“ her: Zigarettenrollen, die hermetisch in mehrere Lagen Folie verpackt sind und die sie sich dann in den Enddarm schieben. Auf diese Weise passen natürlich nicht viele Zigaretten rein, deshalb müssen sie im Torpedo sehr eng verpackt werden, was an sich bereits eine hochtechnologische Prozedur ist. Am Ende besteht ein durchschnittlicher Torpedo aus vierzig Zigaretten und hat einen Durchmesser von drei bis vier Zentimetern. Die meisten Häftlinge können nicht mehr als drei Torpedos mitnehmen, aber man hört gelegentlich von besonderes Begabten, die bis zu neun Stück schaffen. Nach der Enttorpedierung muss man die Zigaretten irgendwo lagern, damit sie bei einer routinemäßigen Zellendurchsuchung nicht gefunden und beschlagnahmt werden. Auch das verlangt von einem Häftling ein gewisses Maß an Einfallsreichtum und List.
Durch die Futterklappe der Zellentür wird dreimal am Tag das Essen ausgeteilt. Einen Löffel und eine Schüssel bei sich zu haben, ist ebenfalls verboten – sie werden ausgegeben und wenn du fertig bist, wieder abgenommen. Bis 1998 wurde den Gefangenen im Strafisolator an einem Tag eine reduzierte Essensration gereicht, weniger als der übliche Gefängnisstandard. Am nächsten Tag gab es nur Brot und Wasser. „Einen Tag fliegen, den anderen Tag liegen“ – so nannten das die Gefangenen, von denen die meisten sich an einer Wand festhalten mussten, wenn sie nach fünfzehn Tagen die Strafzelle verließen. Im Jahr 1998 wurde das Gesetz geändert, doch die Norm der reduzierten Essensration im Strafisolator blieb bis 2010 bestehen. Mittlerweile werden die Gefangenen sowohl im Isolator wie auch im sonstigen Vollzug gleich ernährt. Humanisierung!
Der Rhythmus der drei Mahlzeiten am Tag ist fast die einzige Möglichkeit, in der Strafzelle erfahren zu können, wie spät es gerade ist. Denn Uhren sind im Strafisolator ebenfalls verboten. Genau wie alles andere, was irgendwie helfen kann, die Zeit totzuschlagen. Der Insasse des Strafisolators darf keinen Besuch empfangen, Telefonate sind verboten. Es dürfen keine Päckchen, keine Pakete mit Lebensmitteln, keine Briefe empfangen werden. Ein Hofgang findet nicht statt. Vierundzwanzig Stunden, rund um die Uhr, steckst du in einer Betonkammer fest. In aller Ernsthaftigkeit stellt sich dem Gefangenen die Frage: Wie soll ich mich beschäftigen? Und eine Antwort muss er finden, erstens, wenn er nicht durchdrehen will, und zweitens, damit die Zeit sich nicht mit so einer quälenden Langsamkeit hinzieht. Erschwert wird die Situation dadurch, dass man in der Strafzelle meist allein einsitzt. Die Bullen wissen, was sie tun, denn bereits Alexandre Dumas bemerkte einst: „Ein geteiltes Gefängnis ist nur noch ein halbes Gefängnis.“ Die Lagerverwaltung wird euch mit dem größten Vergnügen das Gefühl vermitteln, ein Gefangener des Chateau d’If2 zu sein und euch erst mit einem Nachbar beglücken, wenn alle anderen Zellen gefüllt sind.
Wer raucht, löst das Problem relativ einfach. Solange man eine Zigarette aus dem Versteck holt, solange man darauf wartet, dass der Aufseher am Türspion vorbeizieht, solange man aus dem Fenster raucht, mit einem Handtuch den Rauch in der Zelle verteilt, um nicht aufzufliegen – solange ist man auf eine gewisse Art beschäftigt. Vier bis fünf Zigaretten am Tag und die Zeit vergeht wie im Flug. Wer nicht raucht, hat es schwerer. Doch in jedem Fall ist fast jegliche Form von Zeitvertreib in der Strafzelle durch die Vollzugsordnung verboten und kann zu zusätzlichen Strafen führen, zum Beispiel zu einer Verlängerung der Strafisolation. Gespräche mit Gefangenen in der Nachbarzelle durch Wände, Fenster oder die Abflüsse sind verboten; lesen oder schreiben ist verboten. Selbst wenn ein Wunder geschieht und ihr es schaffen solltet, etwas reinzuschmuggeln, wird man es euch beim allerersten Zellenfilzen wegnehmen. Schlafen ist verboten. Wenn ihr zu zweit einsitzt und auf die Idee kommt, Spielsteine für ein Dame-Spiel aus Brot zu formen, und es dann auch noch zu spielen, dann könnt ihr auch dafür bestraft werden. Nicht gestattet!
So bleibt nicht viel übrig: In der Zelle auf und ab gehen, aus einer Ecke in die andere, wenn die „Möbel“ es erlauben. Normalerweise sind es fünf kleine Schritte in eine Richtung. Man kann Sport treiben, wenn man unter Sport Übungen versteht, die in einem Raum fast ohne Zufuhr von frischer Luft ausgeführt werden. Oder man sitzt einfach da und denkt nach. Mich persönlich haben Yoga, Meditation, Träume über die Zukunft und lange Zellenwanderungen gerettet.
Aber das alles gehört zum Tag. Das Interessanteste beginnt im Strafisolator in der Nacht. Gemäß Vollzugsordnung sind dem Strafisolationsgefangenen eine Matratze sowie weiteres Bettzubehör nicht gestattet; stattdessen wird für die Nacht die Pritsche von der Wand gelöst. Doch die Gefangenen schlafen nie darauf – sie schlafen auf dem Boden, weil es da wärmer ist. Wenn draußen nicht gerade dreißig Grad plus und mehr sind, dann erwartet euch in der Nacht ein wunderbares Abenteuer unter der Überschrift: Versuch mal einzuschlafen. Nicht nur, weil ihr auf Brettern schlafen müsst – was bei fehlender Gewohnheit nicht gerade einfach ist –, sondern vor allem, weil die Kälte euch selten mehr als dreißig-vierzig Minuten schlafen lässt. Nach einer halben Stunde Schlaf, wacht ihr abhängig von der Raumtemperatur der Zelle vor Kälte zitternd auf und stellt fest, dass ihr nicht mehr schlafen könnt, und ihr versteht zugleich sehr schnell, warum euch bei der Eingangsinspektion all die warmen Sachen abgenommen wurden. Der Überlebensinstinkt wird euch zielsicher einen Rat geben: Wenn es nicht möglich ist, die Umgebungstemperatur zu erhöhen, dann muss man wenigstens die Temperatur des eigenen Körpers steigern. Dann fangt ihr an, all die Übungen aus dem Sportunterricht in der Schule durchzunehmen, um das Blut wenigstens etwas in Bewegung zu bringen und es in die durchgefrorenen Gliedmaßen zu treiben. Habt ihr diese Aufgabe erfolgreich bewältigt, dann könnt ihr noch eine halbe Stunde schlafen. Die Kombination aus Sport und Schlaf werdet ihr bis zum Morgen durchhalten müssen, wenn der Brühenträger euch zum Frühstück, falls ihr Glück habt, etwas warmen Tee und eine Schüssel Brei bringt.
Mit der Zeit wird man erfahrener. Wenn du die Zelle betrittst, verklebst du das Fenster mit Toilettenpapier. So bekommst du zwar gar keine frische Luft mehr, aber es ist wärmer. Du suchst nach den Plätzen, an denen es am bequemsten ist zu schlafen. Ich identifiziere sie nach dem Abrieb der Bodenfarbe. Wo die Farbe am deutlichsten weggescheuert ist, genau da musst du dich schlafen legen, das ist der Hinweis, dass die meisten vor dir genau dort geschlafen haben. Du steckst die Hosenbeine in die Socken, um auch die letzten Krumen Wärme bei dir zu behalten und bastelst aus deinen Latschen und den Rollen Klopapier ein Kissen.
Auf jeden Fall wacht ihr ziemlich kaputt auf, und ihr werdet den ganzen Tag schlafen wollen. Schließlich gebt ihr diesem Wunsch nach und legt euch auf den Boden. Mit Freude wird der Aufseher ein Protokoll über einen Verstoß verfassen. Schon vergessen? Tagsüber schlafen ist verboten. Einige Tage später öffnet sich die Tür und man teilt euch mit: „An jenem Tag, zu jener Stunde, hat der Gefangene soundso auf dem Boden der Strafisolationszelle Nummer soundso geschlafen, womit er den Punkt soundso der Vollzugsordnung verletzt hat“. Dann dürft ihr für weitere zehn Tage im Strafisolator unterschreiben. Als besonders schick gilt es bei den Bullen, euch ein solches Papier in den letzten Stunden, sogar Minuten vor der Entlassung vorzulegen, wenn du schon voller Vorfreude bist, gleich in deinen regulären Haftblock zurückzukehren, einen heißen Kaffee mit einem Stück Schokolade zu trinken und diese Nacht in einem warmen und weichen Bett zu schlafen.
Wie lange darf ein Gefangener im Strafisolator gehalten werden? Bis 2008 waren es fünfzehn Tage. Nach einer weiteren Welle der „Humanisierung“ wurde der Zeitraum auf zehn Tage reduziert, aber de facto hat sich nichts geändert, denn hier ist die Rede von einer einmaligen Strafe für ein einzelnes Vergehen. Aber bei sogenannten Vergehen in der Strafisolation kann ein Gefangener so lange dort festgehalten werden, wie es beliebt. „Schläft auf dem Boden“ ist dafür nicht der einzige Grund. In jeder Strafkolonie gibt es eine eigene Standardbegründung, die für einen Häftling zurechtgebastelt wird, um seinen Aufenthalt in der Strafzelle zu verlängern. Irgendwo heißt es dann, er habe nicht aufgeräumt, irgendwo anders ist es ein nicht zugeknöpfter Knopf …
Ich werde nie vergessen, wie ich in der Strafkolonie Nr. 17 in Schklou bereits zwei Stunden nach meiner Ankunft im Strafisolator landete und mich entschied, dass ich ihnen keinen weiteren Vorwand liefern und alles strengstens nach Vorschrift machen werde! Nichts wird es zu bemängeln geben, und nach zehn Tagen werden sie mich raus lassen. Mit einem winzigen Lappen putzte ich die ganze Zelle. Ich beseitigte die Spinnweben, den Staub, den Schmutz, sogar an den Stellen, an denen ich sicher war, dass sie seit dem Bau der Baracke nicht mehr sauber gemacht wurden. Dann erfolgt die Abendkontrolle. Die Zellentür öffnet sich, gleich drei Aufseher und der diensthabende Vertreter des Koloniechefs stürmen buchstäblich in die enge Kammer und fangen an rasend ihre Köpfe hin und her zu drehen, mit den Händen über die Regale, die Kanten der Pritsche, den Heizkörper, über den Tisch zu fahren, sie bücken sich, klettern unter den Tisch und kriechen fast schon auf allen Vieren, suchen nach Staub und wenigstens einem kleinen Fleckchen Schmutz. Alles vergeblich, die Zelle glänzt. Dann drückt einer der Aufseher, der zuvor mit der Hand über das Regal gefahren ist, auf die Stelle, wo die alte Farbe abgeblättert ist und verreibt sie zwischen seinen Fingern – winzige Farbpartikel bleiben auf seiner Hand.
„Oh! Da haben wir es ja: Staub! Dann setzen wir aber gleich mal ein Protokoll auf.“
Was ich denen geantwortet habe, weiß ich nicht mehr. Aber dieser Vorfall erledigte endgültig den Glauben, ein politischer Gefangener könne in der Zone3 so leben, dass man ihn in Ruhe lässt.
Ein anderer Fall aus der Strafkolonie Nr. 9, in Horki. Ein Gefangener, der wusste, dass die Bullen wütend auf ihn waren und seine Strafisolation sehr wahrscheinlich verlängern wollten, verhielt sich vorbildlich. Er knöpfte seine Uniformjacke bis zum letzen Knopf zu, schlief tagsüber nicht. Und so bricht ein weiterer Tag an. Die Mittagszeit ist vorüber. Ein paar der Jungs, die mit ihm in der Zelle saßen, strecken sich auf dem Boden aus und schnarchen vor sich hin. Die Zellentür öffnet sich und der Vertreter des Koloniechefs tritt ein. Die da schlafen, beachtet er gar nicht. Mit dem vermeintlich vorbildlichen Gefangenen findet aber ein Gespräch statt:
„Und warum schläfst du nicht?“
„Ich halte mich an die Vollzugsordnung!“
„So so, du hältst dich dran … Na, das gibt ein Protokoll – ein Protokoll!“
Und dann kann der Gefangene vor der Disziplinarkommission versuchen, so lange zu beweisen, wie er will, dass er nicht geschlafen und auch sonst nichts verbrochen hat. Ich habe von keinem einzigen Fall gehört oder einen solchen erlebt, bei dem solche Erklärungen jemals, auch nur ein einziges Mal, irgendjemandem geholfen hätten, die Strafe wenigstens zu reduzieren, geschweige denn sie ganz abzuwenden.
In der Strafkolonie Nr. 17, in Schklou, in den alten Zeiten, als man in der Zone noch öfter Handys finden konnte, hämmerten die gefängnisinternen operativen Ermittler5 den Häftlingen ein: Wer mit einem Handy erwischt wird, wandert für dreißig Tage in den Strafisolator! – Aber wie können es denn dreißig Tage sein, laut Gesetz sind doch maximal fünfzehn zulässig? Das heißt: Jemand ist noch gar nicht im Isolator gelandet, und die Bullen wissen schon, dass er dort einen „Regelverstoß“ begehen wird und man ihm noch weitere fünfzehn Tage drauflegen wird?
Die Unverschämtheit der Aufseher und die Gewöhnung der Häftlinge an die Willkür erreicht absurde Dimensionen. Ein ehemaliger Insasse der Strafkolonie Nr. 8 in Orscha erzählte mir, wie er zusätzliche Tage in der Strafisolation bekam. Bei einer Zellenkontrolle kommt der diensthabende Vertreter des Koloniechefs und geht die Liste der Zelleninsassen durch. Er schaut, welcher Gefangene laut Liste als zuständiger Zellenältester ausgewiesen wird, und wenn es derjenige ist, den die Operativen abzuschießen befohlen haben, sagt er ohne den Blick von der Liste zu heben: „Iwanow6 – Spinnennetzchen“ und geht wieder raus. Das bedeutet, dass in der Zelle unter der Decke eine Spinnwebe hängt. Wenn der Diensthabende meint, da ist eins, spielt es überhaupt keine Rolle, ob da wirklich eines hängt oder nicht. Die Schuld daran trägt der zuständige Zellenälteste, der schlecht aufgeräumt hat. Das bedeutet, gegen ihn wird ein Verstoßprotokoll verfasst, das vom Chef der Strafkolonie bei der Sitzung der Disziplinarkommission geprüft wird und dann entscheiden die anwesenden Vollzugsbeamten, ob gegen Iwanow4 eine Disziplinarmaßnahme verhängt werden muss. Aber diese lange Erklärung braucht der Gefangene nicht. Das Wort Spinnennetzchen neben seinem Namen in der Liste bedeutet nur eines: Sein Aufenthalt im Strafisolator verlängert sich um mindestens zehn Tage. Im Verlauf dieses Spektakels stellt keiner der Anwesenden irgendwelche Fragen, es herrscht völliges Einvernehmen.
Wie sehr ich auch danach gesucht habe, ich habe keinen Rechtsakt gefunden, der die Gesamtaufenthaltsdauer eines Gefangenen im Strafisolator irgendwie beschränken würde. Die längste Zeit, die ich ohne Unterbrechung in der Strafisoloationszelle verbracht habe, betrug zwanzig Tage und die Gesamtzeit bei meiner Entlassung betrug fast ein halbes Jahr. Der ehemalige politische Gefangene Jauhen Waskowitsch verbrachte im Gefängnis von Mahiljou dreißig Tage am Stück in der Strafisolation, ingesamt verbrachte er dort ein ganzes Jahr. Ich selbst wurde Zeuge, wie ein Gefangener für sechzig Tage am Stück im Isolator einsaß, weil er die „Selbstverpflichtung zum rechtskonformen Verhalten“ nicht unterschreiben wollte.
Und mein Zellengenosse in Mahiljou saß 2005 für hundertachtzig Tage am Stück im Strafisolator ein! Alle fünfzehn Tage wurde er in die Gefängnisverwaltung gebracht, um ein weiteres Verstoßprotokoll zu unterschreiben und gleich danach ging’s wieder in die Strafzelle – und das zwölf Mal hintereinander.
Deshalb, solltet ihr jemals von einem Polizisten, einem ehemaligen oder einem dienstaktiven, von einem staatlichen Journalisten oder von einem korrupten Pseudo-Menschenrechtsaktiven etwas über humane und europäische Standards in belarusischen Gefängnissen hören, dann erzählt ihnen einfach von den Liegestützen in der Nacht, hundertachtzig Tagen Betonkammer und den Spinnennetzchen.
Juli 2016
OPJER
Opjer, der operative Ermittlungsbeamte, ist ein Phänomen der sowjetischen und leider auch der postsowjetischen Realität. Opjer ist das Wort, das jedem vertraut ist, der gerade seiner Freiheit beraubt ist oder es irgendwann einmal war.
Die mit diesem Wort bezeichnete Person kann ein lächelnder junger Typ sein oder ein kurz vor der Rente stehender Herr mit ergrautem Haar und einem müden Blick, er kann ein Schreihals sein, dessen Augen unruhig hin und her rasen, oder auch ein höflicher Intellektueller, der dich ruhig und konzentriert anschaut, er kann ein willensschwacher Faulenzer oder ein fanatischer Profi sein – so unterschiedlich die Erscheinungen, das Wesen war und bleibt gleich: Opjer.
Zu Zeiten des zaristischen Russlands wurden sie Gendarmen genannt, später einfach Mitarbeiter der Tscheka5, des UgRO6 und dergleichen Strukturen. Jetzt werden sie „operative Ermittler“, oder auch „Operative“ genannt. Ich frage mich, wie man sie in anderen Ländern nennt? Agents? Polizeiinspektoren? Detectives? Und ziehen sie eine genauso blutige Spur hinter sich her, wie „unser“ Opjer bereits seit rund hundert Jahren?
Die offiziellen Pflichten eines Operativen, in schönen Gesetzen festgehalten, sind folgende: Sammlung operativer Informationen, Kontrolle der operativen Situation, um Verbrechen aufzuklären und damit „die Rechte und die legitimen Interessen von Bürgern“ zu schützen. Gelächter im Publikum. Denn die reale Tätigkeit dieser Typen mit dem „kühlen Kopf und einem heißen Herzen“ (die Portraits des Urhebers dieser Metapher, des Sadisten Dserschinskij7, sind bis heute ein obligatorisches Kennzeichen eines jeden Arbeitszimmers, in dem ein Operativer sitzt) reicht natürlich sehr viel weiter, als diese trockenen, uninteressanten Formulierungen.
Meine erste Begegnung mit den Operativen fand am 4. September 2010 in den Büroräumen der Untersuchungshaftanstalt von Okrestina statt, gleich am Tag nach meiner Festnahme. Zwei Ermittlungsbeamte mit scharfem Blick und den Gewohnheiten von Herrschern über Leben und Schicksal, Sokolow und Jaroschik, versuchten mir stundenlang zu beweisen, dass es viel besser sei, ein Dreckskerl und Verräter zu werden, als viele Jahre im Gefängnis zu verbringen. Einen nach dem anderen spulten sie ihre psychologischen Standardtricks ab: Sie sagten mir, dass sie ohnehin bereits „alles wissen“ und es an mir läge, „die ganze Wahrheit“ zu sagen und so mein weiteres Schicksal zum Besseren zu wenden. Sie sagten, dass mich alle meine Freunde bereits verraten hätten, dass ich ausgenutzt werde, sie mir aber helfen wollen – ach ja, der Klassiker! Einer von ihnen gestand sogar, dass er tief in seinem Inneren meine anarchistischen Überzeugungen teile. Genau damit eröffnete später ein KGB-Offizier das Gespräch und offensichtlich ist es eine Standardformel, die sie anwenden, wenn sie politische Aktivisten bearbeiten. Die Gespräche beendeten sie aber in der Regel mit bildhaften Beschreibungen der Schrecken, die mich in Gefängnissen und Strafkolonien erwarten, wobei sie mir ein weiteres Mal anboten, Freunde zu verraten und so meine eigene Haut zu retten.
Aber was sind schon Vernehmungen von zehn bis fünfzehn Stunden im Vergleich zu den fünf Jahren, in denen die Operativen zu meinen ständigen Begleitern wurden?
Ob der operative Beamte seinen Dienst im Gefängnis tut, bei der Kriminalpolizei oder beim KGB ist im Grunde egal – sie gehören zur gleichen biologischen Spezies. Sie sind identisch und austauschbar. Doch hier erzähle ich euch von den Operativen in Gefängnissen und Straflagern, denn gerade durch den täglichen Kontakt mit ihnen kann man mit den Poren aufsaugen, es durchfühlen, durchleiden, verstehen und sich für sein ganzes restliches Leben daran erinnern, welche Rolle diese Kreaturen in unserer Welt spielen.
Zu Zeiten des GULAGs belauschten die von einem Operativen angeworbenen Häftlinge die Gespräche der Mitgefangenen oder versuchten, deren Vertrauen zu gewinnen, um sie zum freimütigen Gespräch zu bewegen, was zu neuen Strafverfahren wegen „konterrevolutionärer Verschwörung“, „antisowjetischer Agitation“, „Vorbereitung zur Flucht“ usw. führte. Im Ergebnis bekam das Opfer dieser Opjer-Knechte eine zusätzliche Haftstrafe oder wurde hingerichtet. Und obwohl es so etwas heute nicht mehr gibt, bleiben die Methoden und das Wesen der Arbeit von Operativen die gleichen. Im Gefängnis ist der Operative Zar und Gott in einem. Er entscheidet darüber, wo und mit wem der Gefangene leben wird, ob die Päckchen seiner Angehörigen durchkommen, ob Besuchstermine stattfinden, ob der Gefangene immer wieder in den Strafisolator fährt, ob also der Gefangene ganz generell eine gute oder eine schlechte Zeit hinter Gittern haben wird. Der Operative einer Koloniebaracke zieht über die von ihm rekrutierten Häftlinge die Fäden der öffentlichen Meinung in der Zone, und es kostet ihn gar nichts, es so einzurichten, dass eine unliebsame Person in der Kaste der „Unberührbaren“ landet oder schlicht systematisch fertiggemacht wird. In gewisser Weise ist der Operative sogar wichtiger als der Chef der Strafkolonie, denn der Chef ist weit weg, und der Operative, der ist immer da, gleich in der Nähe. In der unausgesprochenen Hierarchie der Verwaltungsabteilungen einer Vollzugsanstalt – der Abteilung für Vollzugsregime, der operativen Abteilung, der medizinischen, der Spezialabteilung, der Abteilung zur Begleitung des Besserungsprozesses – steht die operative Abteilung ganz oben. Der Operative kann alles. „Willst du in Glück und Freude leben, musst du dem Opjer ein Zeichen geben“; „Denk selbst daran und sag’s dem Anderen, der Weg zum Opjer ist der Pfad, um bald nach Haus’ zu wandern“, – so spottet die Arrestantenfolklore.
Der Operative ist ein Henkersknecht für jeden, der aus seiner Sicht leiden muss und Garant aller möglichen Vorteile und Privilegien für seine Suki. In der Strafkolonie Nr. 15, in Mahiljou, steckte mich der Operative für fünf Tage in die Strafzelle, weil ich mit einem Beamten des GUBOPiK11 „unangemessen“ geredet haben soll. Als formalen Grund gab er an, dass ich beim Betreten seines Büros die Jacke meiner Gefangenenuniform nicht bis oben hin zugeknöpft hätte, obwohl alle immer so bei ihm eintraten.
In der Strafkolonie Nr. 17 (Schklou) durften die Häftlinge eine Zeit lang unbegrenzte Mengen an Obst und Gemüse von den Besuchsterminen mit ihren Angehörigen mitnehmen. Dann hat es die Wachabteilung verboten, einfach als Teil der üblichen und kontinuierlichen Verschärfung des Vollzugsregimes in der Zone. Doch der Operative verbreitete über seine Handlanger ein Gerücht unter den Gefangenen: „Der Vater von Dziadok hat sich beschwert, also haben wir es verboten.“ Eine gemeinere Art, jemand in Konflikt mit dem Kollektiv zu bringen, kann man sich kaum vorstellen.
In Mahiljou, im Gefängnis Nr. 4, beschwerte ich mich einmal bei dem Operativen mit dem hübschen Nachnamen Lihuta, dass der Zensor, der unter seiner direkten Aufsicht arbeitete, mir sechs Postkarten aus der Schweiz nicht ausgehändigt hatte. „Wieso?“, frage ich, „Da stand doch nichts Besonders drin, ganz gewöhnliche Glückwunschkarten!“ „Gut, wir werden das klären“, antwortete er.
In Verlauf der nächsten Woche beschlagnahmte der Zensor drei ganz gewöhnliche Briefe von meinem Vater und meiner Frau. Es war ein Markenzeichen des Gefängnisses von Mahiljou: ein leerer Umschlag mit einem angehefteten Blatt und der Notiz: „Der Brief wurde zensiert“. Es war ein Hinweis ganz im Stil des Operativen: Sei zufrieden mit den Briefen, die du bekommst, sonst kriegst du gar keine mehr.
Der Operative ist hinterhältig und heimtückisch. Als mein Genosse Ihar Alinewitsch von Ermittlungsbeamten des KGB verhört wurde, wollten ihm diese Anarchismus-Experten die Widersprüchlichkeit der anarchistischen Theorie beweisen: „Du machst doch Karate. Und Karate ist hierarchisch!“ Damit versuchten sie, die Moral des erschöpften Gefangenen zu erschüttern und seinen Glauben zu untergraben, im Recht zu sein. In ähnlicher Weise gingen die Operativen in den ersten Tagen nach meiner Verhaftung vor, als sie merkten, dass der „Frontalangriff“ nicht gefruchtet hatte: „Wir werden einfach auf Indymedia schreiben, dass du alle verraten hast!“ Der bereits erwähnte Opjer Lihuta führte ein Gespräch mit mir, als ich, wie ich dachte, noch 3,5 Monate bis zu meiner Freilassung hatte: „Und, welche Pläne hast du für die Zeit danach? Ach, wegfahren willst du, ja? Und wo willst du dann arbeiten? Ach, da ist ja alles so teuer.“ Mit einem freundlichen Lächeln wünschte er mir viel Glück. Wenig später erfuhr ich, dass es zum Zeitpunkt unseres Gesprächs bereits vier Tage her war, dass er Unterlagen ans Ermittlungskomitee8 geschickt hatte, mit dem Ziel, ein neues Strafverfahren nach Art. 411 gegen mich einzuleiten. Er wusste also bestens darüber Bescheid, dass meine Haft um ein weiteres Jahr verlängert würde und wollte mich in voller Absicht mit den Träumereien über meine baldige Freilassung foppen, damit mich dann die Nachricht der Haftverlängerung um so härter und schmerzhafter trifft – ein Beispiel dafür, wie eine Person sich durch eine einzige Handlung erschöpfend charakterisieren lässt.
Der Operative ist ein Lügner. Die Lüge ist sein Haupt- und Lieblingswerkzeug, um andere zu unterjochen und an „operative Informationen“ ranzukommen. „Sobald du uns dieses und jenes sagst, lassen wir dich gleich gehen. Du hast das Wort eines Offiziers!“, sagen die Operativen oft beim Verhör von Verdächtigen. Wie viele naive und leichtgläubige Menschen sind darauf reingefallen und haben sich selbst und manchmal, ohne es zu wollen, andere belastet! Und dann bekommt der Mensch seine fünf, zehn oder beliebig viele Jahre Haft, aber nicht, weil die Ermittlung überzeugende Beweise seiner Schuld zu Tage gefördert hätte, sondern weil er so gutgläubig war. Der Operative wird dir sein Wort geben, er wird dir schwören und alles versprechen, was du willst, er wird dich einen Freund nennen, er wird dir sagen, dass er deine Anschauungen teilt, wird mitfühlend sein, auf die Obrigkeit schimpfen, das alles nur, damit er von dir die Aussagen bekommt, die er braucht, ganz unabhängig davon, ob sie wahr sind oder nicht. Sobald er hat, was er will, lässt er dich zurück in die Zelle bringen. Jetzt bist du verbrauchtes Material und dein seelischer Schmerz aus dem missbrauchten Vertrauen interessiert niemanden, Hauptsache die Ermittler haben einen Fall zusammengeschustert. Wieviele Strafverfahren wurden dank solcher Täuschungen – aus dem Nichts! – fabriziert, wieviele „ungelöste Verbrechen“ landeten so vor Gericht! Und ganz offensichtlich fallen nicht die hartgesottenen Kriminellen darauf rein, sondern leichtgläubige und mehr oder weniger anständige Menschen, die bisher keinerlei Probleme mit dem Gesetz hatten und keine Ahnung, wie unglaublich zynisch „Gesetzeshüter“ lügen können.
Einem Operativen in der Strafkolonie Nr. 15 (Mahiljou), der ständig beteuerte, er habe „nichts damit zu tun“, dass man mich in der Zone unter Druck setzte, entgegnete ich direkt: „Das ist nicht wahr. Sie lügen mich ständig an.“ Worauf er lächelte und antwortete: „Lügen ist mein Beruf.“
So unmenschlich der Operative ist, kann er nicht anderes, als auch noch ein Rassist zu sein.
Der abscheuliche Vertreter des GUBOPiK9 Litwinksij, der mit mir ein Gespräch in der Strafkolonie Nr. 15 (Mahiljou) führte, kritisierte zuerst die Skinheads und meinte sein „Großvater hat im Krieg gekämpft“, und fügte dann hinzu: „Ich mag auch keine Neger. Aber ich verprügele sie doch nicht!“. Der Operative Schamjenow aus der Strafkolonie Nr. 17 (Schklou) erzählte mir ausführlich von seinen Ansichten zum Terroranschlag von Anders Breivik: „Dieser Multikulturalismus, der ist schuld daran!“ und fügte stolz hinzu: „Und in Belarus, da kann ich auf die Straße gehen und sicher sein, dass kein Kanake mich anrührt!“ Gerüchten zufolge wurde dieser Beamte später zum KGB versetzt.
Der Operative ist ein Henker der menschlichen Seelen. In der Strafkolonie Nr. 15 klagte mir ein junger Kerl, dass der Operative ihn zur Zusammenarbeit zwingt und von ihm verlangt zu berichten, worüber die Häftlinge untereinander reden, wo jemand was Verbotenes versteckt und ähnliches. Andernfalls, so versprach der Opjer, würde er ihm das Leben zur Hölle machen. Und nicht umsonst versuchte er gerade diesen jungen Typen unter Druck zu setzen. Der brauchte dringend eine vorzeitige Entlassung, denn draußen in der Freiheit hatte er einen kleinen Sohn und seine Frau, tja, die saß in der Waladarka10 ein. Mit aller Kraft versuchte der junge Mann, jegliche Art von Regelverstoß zu vermeiden, arbeitete eifrig im Produktionsbereich der Kolonie und machte sich den ganzen Tag Sorgen um seine Familie. Zweifelsohne wusste der Operative all das und genau deshalb hatte er ihn ausgewählt. Ich konnte die moralischen Qualen dieses Häftlings aus nächster Nähe beobachten, sein Hin- und Herschwanken zwischen seiner Familie und seinem Gewissen, dem Wohlergehen seiner Verwandten und den möglichen Konsequenzen, eine Suka11 zu werden. Er versuchte, aus dieser Zwickmühle rauszukommen und erzählte dem Beamten einige unbedeutende und allgemein bekannte Dinge. Dieser Versuch missglückte jedoch. Ich wurde bald aus dieser Strafkolonie verlegt und habe nie herausgefunden, wie dieses kleine Drama ausgegangen ist. Ich hoffe nur, dass der Bursche letztlich verstanden hat, dass man kein halber Verräter sein kann.
Man sollte nicht diejenigen fürchten, die den Körper töten, aber der Seele nichts antun können, sondern diejenigen, die deine Seele töten – das versteht man mit der Zeit. Im System des Innenministeriums gibt es solche, die den Körper und solche, die die Seele töten. Sie alle, die Henker vom Erschießungskommando und die „Ermittlungsbeamten“, bekommen jeder ihren eigenen Lohn für ihre eigene Art von Mord.
Ja, der Operative lässt den Körper am Leben, einen Organismus, der Kraft seiner Instinkte und Grundbedürfnisse weiter existiert, doch um eine Persönlichkeit im vollen Sinne des Wortes handelt es sich dabei nicht mehr. Die Krux bei der Sache ist die: Wenn es im Charakter eines Menschen, der hinter Gitter geraten ist, auch nur die kleinste Fäulnis gibt, ein Körnchen von Gemeinheit und Unehrlichkeit, dann wird es unter den wachsamen Augen eines Operativen und mit seiner steten Fürsorge wachsen und all das Gute, das sonst im Menschen ist, aus ihm saugen. Dazu trägt auch die Atmosphäre bei, die in Gefängnissen und Lagern herrscht, jenes moralische Klima mit dem Imperativ: „Tritt nach unten und spuk auf deinen Nächsten.“ Und ohne Zweifel wird der Operative das Wachstum dieser Samen beschleunigen, wobei er für einen jeden einen ganz individuellen Dünger zubereiten wird, ganz auf den Charakter der Person abgestimmt: Für den einen wird es ein zusätzlicher Besuchstermin der eigenen Frau sein, für einen anderen ist es die Angst um die eigene Sicherheit, für den dritten die Sorge um die eigene Autorität, für jemanden die Aussicht auf Bewährung und für jemand anderen werden ein Päckchen Tee und eine Schachtel Zigaretten völlig ausreichen. Doch das Ergebnis ist immer das gleiche: Diese Person wird das Gefängnis innerlich verfault, frei von Prinzipien und ohne irgendeinen Glauben verlassen. In der Weltwahrnehmung dieser Person ist die Grenze zwischen Gut und Böse ausgelöscht. All das ist der Arbeit der „operativen Abteilung der Strafvollzugsanstalt“ zu verdanken.
Manchmal frage ich mich, wie sind die Operativen denn in ihrem ganz normalen Alltagsleben? Die werden doch nicht alle ihre Ehefrauen und Kinder schlagen, ihre Freunde belügen … Vermutlich sind auch sie fähig, ihre Angehörigen zu lieben, sich um sie zu sorgen, gut zu ihren Ehefrauen und Müttern zu sein, von Herzen zu lachen, Freundschaften zu pflegen, ganz normale menschliche Empfindungen zu haben. Bei Festen und Feiern haben sie vermutlich ganz einfach Spaß. Sie umarmen ihre Freunde und Kollegen, singen mit einem Gläschen in der Hand ihre Lieblingslieder: „Und wenn der nächste Tag viel härter wird, als der schon gestern war, dann sagen die Operativen: Ja! Wir schaffen das, na klar!“
Natürlich werdet ihr es schaffen. Munter und im Gleichschritt. In die Hölle.
März 2015
DAS REGIME
Es gibt Phänomene, die grausam sind. Es gibt Phänomene, die sinnlos sind. Aber alles wirkt noch grausamer, wenn es sinnlos ist. Genau dazu zählt das Gefängnisregime – ein Moloch, dem das psychische und physische Wohlbefinden der Gefangenen, ihr Seelenfrieden und ihre Selbstachtung geopfert werden.
Eine Person, die zum ersten Mal im Gefängnis landet, befindet sich zunächst in einem Zustand von Verwirrung und enormer Verwunderung. Mit dem Verstand einer normalen und freien Persönlichkeit kann der neue Gefangene das, was die Kerkermeister von ihm mit Verweis auf rätselhafte „Vorschriften“ verlangen, nicht nachvollziehen.
Alles beginnt mit dem Filzen. Noch im Polizeigewahrsam wundert sich der Gefangene, wenn ihm beim Filzen vor der Unterbringung in der Zelle, der Gürtel und die Schnürsenkel abgenommen werden. Er fragt: „Warum kann ich die nicht behalten?“. „Nicht gestattet“, knurrt der Bulle zur Antwort. Erst später klären ihn erfahrene Zellengenossen darüber auf, dass er sich die Hosen deshalb andauernd wird hochziehen müssen und in den Turnschuhen so rumlaufen wird, als ob sie lustige lose Schlappen wären, weil er sich mit dem Gürtel und den Schnürsenkeln erhängen könnte.
Doch das Interessanteste erwartet ihn im Untersuchungsgefängnis, wenn seine Angehörigen versuchen, Pakete für ihn abzugeben. Zigaretten? Müssen der Packung entnommen und in einen transparenten Beutel gelegt werden. Tee? Auch nur in einem transparenten Beutel. Süßigkeiten? Jede einzelne muss frei von jeglicher Verpackung sein. Und stellt euch dann vor, wieviel Aufwand es bedeutet, damit ein dreißig Kilo schweres Paket eingereicht und übergeben werden kann. Sprudelwasser? Verboten! Quark, Milch, Käse, Butter – verboten! Honig? Verboten! Warum? „Nicht gestattet!“ Irgendetwas in einer Glasflasche? Gott bewahre! „Die werden sich doch gegenseitig abstechen!“ Konserven – verboten, „die werden Stichwaffen basteln“.
Und falls die Angehörigen anfangen sollten, sich bei den verschiedensten Chefbeamten zu beschweren, dann wird man ihnen eine lange Liste verschiedener Erlasse und Anordnungen vorzeigen, die Vollzugsordnung und die Hygienevorschriften der Gesundheitsämter vorlegen, aus denen sie erfahren, dass Milchprodukte aus Sorge vor einer Epidemie verboten sind, Zigaretten umverpackt werden müssen, „falls Sie da etwas versteckt haben“, und aus demselben Grund muss jedes Bonbonpapier entfernt werden, aus demselben Grund wird jeder Apfel und jede Orange, jedes Obst und Gemüse, das ihr dem Gefangenen zukommen lasst, mit einer Ahle durchstochen und es spielt keine Rolle, ob es dann nur noch ein paar Tage übersteht – jede Vakuumverpackung wird durchstochen, jedes Stück Schokolade wird zerbröckelt bis fast nur noch Krümmel übrig bleiben.
Aber was ist schon die Untersuchungshaft! In der Strafkolonie, wo der Arrestant nach der Urteilsverkündung ankommt, erwarten ihn neue Offenbarungen und neue Gründe, verwirrt und verwundert zu sein. Bei Ankunft – das obligatorische Filzen. Alles „Überflüssige“ wird abgenommen und so lange eingelagert, bis die Person aus der Haft entlassen wird. Für jeden Gefangenen ist das ein sehr dramatischer Moment: All das, was in einem Jahr oder mehr mühevoll zusammengetragen wurde, all das, was die Zellengenossen in der Untersuchungshaft ihm mit auf den Weg gegeben haben, all das fliegt in den Lagerraum oder landet auf dem Müll. Wenn es nur Lebensmittel wären, dann wäre es noch halb so schlimm. Viel schlimmer ist es, wenn es dabei um Kleidung oder Schuhe geht, die von Angehörigen gekauft wurden. In der U-Haft, in Haftanstalten für temporäre Ordnungshaft und in einigen Strafkolonien sind nur Schuhe ohne Metalleinlagen erlaubt, weil die wiederum zu Stichwaffen umgeschliffen werden könnten. Um herauszufinden, ob es diese Metalleinlagen gibt, verbiegen die Knastwärter die Schuhe oder Turnschuhe gnadenlos, reißen die Sohle ab, durchleuchten sie mit einem Metalldetektor. Wenn es deine einzigen Schuhe sind, bekommst du Ersatz, die sogenannten Karantinki, und wenn deine Angehörigen Schuhe für dich kaufen und versuchen, sie dir zukommen zu lassen, werden die schlicht zurückgegeben, das Geld ist jedenfalls verschwendet.
Die Vollzugsordnung für Haftanstalten ist sehr raffiniert aufgebaut. Anstatt die Dinge aufzulisten, deren Besitz einem Gefangenen verboten ist, werden jene Dinge aufgelistet, die er besitzen darf. Entsprechend ist alles andere verboten. Und bei Besitz von Dingen, die nicht gelistet sind, kann man im Strafisolator landen.
Zu sagen, die aufgelisteten, erlaubten Gegenstände wären für ein normales, würdiges Leben nicht ausreichend, insbesondere für Gefangene mit langen Haftstrafen, ist eine gnadenlose Untertreibung. Eine Kleinigkeit als Beispiel: Jeder Gefangene, der sich auf dem Lagergelände bewegt, ist verpflichtet eine Gefangenenuniform zu tragen. Doch die Uniform muss von Zeit zu Zeit gewaschen werden. Und wenn du sie gewaschen hast, muss sie trocknen. Und was kannst du dann anziehen, wenn du in die Kantine, zur Arbeit oder einfach nur zu einem Spaziergang im kleinen Hof der Baracke gehst? Dann bleibt nur noch ein Trainingsanzug. Doch hier wird es paradox: Wenn du einen Trainingsanzug anziehst, ist das ein „Verstoß gegen die Uniformordnung“. Dafür kannst du ein Verstoßprotokoll kassieren und in den Strafisolator wandern. Und es interessiert niemanden, dass deine Uniform gerade gewaschen ist und nass auf der Leine hängt. Aber sie nicht zu waschen, das geht auch nicht. Wirst du in einer dreckigen Uniform gesehen, kann es auch ein Verstoßprotokoll geben, denn die Vollzugsordnung besagt, dass „ein Gefangener ein sauberes und akkurates Erscheinungsbild haben“ muss. Und so tun die Häftlinge alles, was sie können, um sich sauber zu halten und nicht im Strafisolator zu landen: Die einen verstecken sich auf dem Weg in die Kantine in der Kolonne der Gefangenen, damit die Aufseher sie nicht erwischen, andere bitten ihre Mithäftlinge und leihen bei ihnen die Uniform aus. Übrigens: Der Besitz von zwei Uniformen ist ebenfalls verboten und sollte das zweite Exemplar beim Filzen gefunden werden, wird es konfisziert und ein Verstoßprotokoll verschafft neue Perspektiven, in der Strafzelle zu landen. Dieses Problem, was man denn anziehen soll, wenn man seine Uniform gewaschen hat, ist schon Jahre alt, aber niemand, von den Chefs der Kolonieabteilungen bis zur Leitung der Abteilung für Strafvollzug, schert sich um die Unannehmlichkeiten des Lebens irgendwelcher Häftlinge. Es ist einfacher, jedes Jahr zehn, zwanzig oder dreißig Gefangene in den Strafisolator zu stecken, als einen oder zwei Sätze in der Vollzugsordnung zu ändern.
Das Epos rund um die Bekleidung von Gefangenen endet damit aber nicht. Ein paar Jahre vor meiner Entlassung hat die Leitung buchstäblich in allen Lagern ganze „Kampagnen“ gestartet, gegen Jacken mit Reißverschlüssen, gegen Pullover, gegen Trainingsjacken, die unter der Gefangenenuniform getragen werden. Der Kampf gegen die Reißverschlüsse wurde geführt, um die Kleidung der Häftlinge zu vereinheitlichen. Eine Weile trugen viele im Lager schwarze Jacken mit Reißverschluss, die sie von ihren Angehörigen bekamen, bis ein Beamter von der Abteilung für Strafvollzug zu einer Inspektion kam und fragte: „Warum sind denn bei euch die Gefangenen nicht korrekt uniformiert?“ Denn „korrekt uniformiert“ bedeutet, eine klobige Steppjacke zu tragen, die kein bisschen wärmt, der die Knöpfe abfallen und die aus verrotteter Watte besteht. Und dann ging der Wahnsinn los, erst in der einen Kolonie, dann in allen anderen: Die normalen Zivilistenjacken wurden eingezogen, stattdessen Wattejacken ausgegeben, und wer dagegen zu protestieren versuchte, wurde in den Strafisolator gesteckt.
Der Kampf mit den Hauptfeinden des „Besserungsprozesses“, mit Pullovern und Trainingsjacken, sah folgendermaßen aus: Es ist Herbst oder Frühling, draußen ist es kalt. Eine Gruppe von Gefangenen tritt zur Arbeit im Produktionsbereich des Lagers an und wartet am Kontrollpunkt auf das Filzen. Jeder wird einzeln durchsucht und gezwungen, die Gefangenenuniform aufzuknöpfen. Findet sich darunter eine Trainingsjacke oder ein Pullover – ab in die Baracke, ausziehen. Beschwerst du dich, dann ab in die Strafzelle. Und es spielt keine Rolle, ob draußen gerade nur zehn Grad herrschen und du unter deiner Baumwolljacke nur ein leichtes T-Shirt trägst. Und es spielt keine Rolle, dass nach einer solchen Inspektion die Häftlinge den ganzen Tag im Produktionsbereich des Lagers vor Kälte zittern werden und die Hälfte des Trupps mit Erkältung oder Grippe zur Krankenstation rennen wird. Dafür wird jede Delegation der Kontrollaufsicht, die das Lager besucht, befriedigt sein: „Die Uniformordnung wird eingehalten!“.
Solche Kampagnen werden in jedem Lager häufig, chaotisch und unvorhersehbar initiiert. Wenn es im Kopf von Daroschka, dem (damaligen) Leiter der Abteilung für Strafvollzug, klick macht, geht ein Rundschreiben in die Lager raus, und die Lagerchefs werden sich bereit zeigen, ihren Diensteifer zu demonstrieren. Heute sind die Reißverschlüsse an den Jacken ein Problem, morgen ist es eine nicht genehmigte Art von Schuhen, übermorgen sind Metalllöffel das Problem, und sofort muss jeder unbedingt einen aus Aluminium haben! Darauf folgt dann eine Kampagne gegen die „Brotmitnahme aus der Kantine“, und Disziplinarstrafen werden verhängt, weil jemand seine persönliche Ration, sein eigenes Stück Brot aus der Kantine mit in die Baracke genommen hat. Und so geht es immer weiter … Die Häftlinge erkennen solche Kampagnen an den langen Schlangen am Kontrollpunkt, wo genervtes Flüstern durch die Reihen geht: „Schon wieder? … Verdammt noch mal, was denn diesmal …? Prüfen die jetzt die Etiketten der Unterhosen oder was? Diese Wichser …“.
In der Strafkolonie Nr. 17 in Schklou war und ist vielleicht bis heute, wenn er nicht befördert wurde, ein sehr diensteifriger Typ stellvertretender Lagerchef: Pawel Mikalaewitsch Ehuleuski, Spitzname „Mercedes“. Bei einer solchen Kampagne, gegen Hosen mit falschem Schnitt, stand er mit einem Cuttermesser am Kontrollpunkt und schlitzte den Gefangenen direkt vor Ort die Hosenbeine auf. Einem der Häftlinge schnitt er das Bein blutig. Der Betroffene war jedoch keiner von der weichgeklopften Sorte, er setzte sich für seine Rechte ein und seine Angehörigen reichten Beschwerden bei verschiedenen Instanzen ein. Am Ende führte das alles jedoch zu nichts, Mercedes kam ungeschoren davon.
Die Tendenz zu einer Verschärfung des Regimes dringt in jede Ritze des Alltagslebens eines Gefangenen. Jeder Häftling hat neben seiner Pritsche einen Nachtschrank. Und denkt ihr, man kann da alle offiziell genehmigten Sachen aufbewahren? Falsch gedacht. Vor ein paar Jahren wurde in jedem Schlafraum eine Liste mit Dingen ausgehängt, die ein Gefangener in seinem Nachtschrank aufbewahren darf. Die Liste war sehr kurz: ein Stift, ein Notizbuch, zwei Bücher, ein Umschlag (einer oder zwei, genau kann ich mich nicht mehr erinnern), eine Schachtel Zigaretten und eine Packung Tee. Das war’s! Lebensmittel sind in dieser Liste nicht enthalten. Ihr fragt euch vielleicht: Aber wohin mit all den anderen Dingen? Dafür gibt es laut den weisen Erlassen der Bullen aus der Abteilung für Strafvollzug in jeder Gefangenenabteilung einen „Lagerraum für persönliche Gegenstände“, oder, in der Häftlingssprache: Kesharka, Bobownja, Kaptjorka. Die Aufsicht über diesen Raum hat der Kaptjor, ein Häftling, der auch die Schlüssel dafür hat. Die Macht und die Privilegien eines Kaptjors sind offensichtlich. Mit ihm befreundet zu sein, bedeutet Vitamin B in bester Qualität zur Verfügung zu haben. Aber wo liegt denn das Problem, wenn die Sachen dort eingelagert sind? „Was könnte einfacher sein“, werdet ihr sagen, „kannst jederzeit rein, nimmst, was du brauchst, und so wird auch niemand die Schlafräume vermüllen“. Stimmt alles, doch dieser Raum … öffnet sich zwei Mal am Tag, für zwanzig bis dreißig Minuten. Und dabei bist du natürlich nicht der Einzige von hundert Gefangenen deiner Baracke, der da rein will, um sich etwas zu holen: ein neues Paar Socken, ein Stückchen Speck, ein Buch oder eine Schachtel Zigaretten. Dazu informiert ein Aushang an der Tür: „Der Lagerraum für persönliche Gegenstände ist nur einzeln zu betreten“. Endlich erwischt man den Moment, wenn der Kaptjor die Tür öffnet, steht lange genug in der Schlange und ist endlich in den ersehnten Raum vorgedrungen, um aus der Tasche einen Schokoriegel für einen Teeabend mit einem Lagerkumpel zu holen oder ein Buch, um Zeit in Abgeschiedenheit zu verbringen. Schnappst dir die Sachen, machst die Tasche zu und bist wieder raus? Na klar. In jeder Tasche liegt eine Inventurliste eurer persönlichen Gegenstände, die ihr selbst an dem Tag erstellt habt, als ihr in eurer Baracke angekommen seid. In dieser Liste ist alles aufgeführt, von der Kugelschreibermine bis zur Unterwäsche, vom Karamellbonbon oder einer Zeitschrift bis zu irgendeinem schlichten Stück Hausrat, der sich im Lager angesammelt hat. Hast du etwas genommen, dann streiche es aus der Liste, wenn du etwas reinlegst, dann vermerke es. Hauptsache, man vergisst es nicht, denn alle paar Monate findet eine „Regime-Maßnahme“ statt, genauer: „Inspektion der äußeren Erscheinung mit Vorlage von Sachgegenständen“. Die gesamte Baracke stellt sich auf, ein jeder mit seinen Taschen, und der Chef der Abteilung prüft, ob bei irgendjemand die Inventurliste nicht mit dem Inhalt der Taschen übereinstimmt. Und falls etwas nicht stimmt, wird ein Verstoßprotokoll verfasst. Ein Beispiel, das seinerzeit Lehrbuchqualität erreichte: Mikalai Statkewitsch landete im Strafisolator, weil die Anzahl der Taschentücher in der Inventurliste nicht mit der Anzahl in seiner Tasche übereinstimmte.
Nicht selten treten die Anforderungen verschiedener Vorgesetzter, wie in jedem bürokratischen und hierarchischen System, in Widerspruch zueinander. Das wird durch einen Fall aus der Strafkolonie Nr. 4 (Horki) gut veranschaulicht. Jede Haft- und Strafzelle ist mit einem Radio ausgestattet, das vom Kontrollpult der Wärter ein- und ausgeschaltet wird, einen Lautstärkeregler in der Zelle gibt es nicht, und ihr hört das Radio in der Lautstärke, die der Wärter eingestellt hat. Doch plötzlich kam eine weitere Inspektion von der Abteilung für Strafvollzug in die Einrichtung. Der Oberchef schaute auf die Radiogeräte in den Zellen und fragte: „Warum sind die denn ohne Lautstärkeregler? Eine Unordnung ist das!“ Gleich nach dem er weggefahren war, bauten die bediensteten Häftlinge und das Hausmeisterpersonal unter der Anleitung der Lagerverwaltung in jeder Zelle Lautstärkeregler ein. Die Gefangenen waren sehr zufrieden!
Doch nach einiger Zeit kam ein anderer Chef aus derselben Abteilung. Er schaut auf und fällt fast in Ohnmacht: „Ihr habt denen Lautstärkeregler eingebaut? Seid ihr denn verrückt geworden?“ Aus seiner Sicht war das ein ganz unzulässiger Komfort, ein geradezu zügelloser Hedonismus und Sittenverfall. Innerhalb weniger Stunden rissen die bediensteten Häftlinge, dieselben, welche die Regler eingebaut hatten, sie aus jeder Zelle des Strafisolators, von denen es fast 20 gab, wieder heraus.
Aber es wäre naiv zu denken, das Vollzugsregime würde nur materielle Dinge betreffen, also ob die Gefangenen etwas haben dürfen oder nicht. Wie ich schon sagte, sein Sinn besteht darin, jeden Lebensbereich zu durchdringen. Die Vorschriften regeln die Wachzeiten und die Nachtruhe. Hast du ein paar Minuten gezögert, schon kassierst du ein Verstoßprotokoll und landest womöglich in der Strafzelle. Und wenn es in der Strafkolonie, wo Gefangenentrupps geschlossen in die Kantine oder zur Arbeit müssen, noch irgendwie rational erklärbar wäre, so ist die Existenz einer Wach- und Schlafordnung in U-Haft gar nicht nachvollziehbar; zumal dann, wenn die Zellen überfüllt sind und die Hälfte der Insassen keine Möglichkeit hat, nachts zu schlafen und deshalb tagsüber schläft. Doch es nicht nur untersagt, zu schlafen, sondern auch tagsüber auf den Betten zu liegen. Und das Gehirn eines Menschen, der gerade erst im Gefängnis gelandet ist, weigert sich zu verstehen: Warum? Wem schadet es denn, wenn ein Gefangener in der U-Haft, dessen Schuld noch gar nicht bewiesen ist, der erst beschuldigt und noch nicht verurteilt ist, wenn dieser Mensch also sich tagsüber auf die Pritsche legt und etwas schläft? Was soll man denn sonst noch in der Haftzelle tun? Aber nein, versuch es bloß, und der wachsame Aufseher wird sofort mit aller Wucht gegen die Tür treten: „Nicht schlafen!!!“ In der U-Haft in Shodsina gehen die Bullen sogar noch weiter, sie verbieten mit hochgezogenen Füßen auf dem Bett zu sitzen. Doch es ist unbequem, mit den Füßen auf dem Boden zu sitzen – die Kojen bestehen aus Quadratrohren und deren Ecken stechen in die Oberschenkel. Die restlichen „Möbel“, wenn man die überhaupt so bezeichnen kann, sind ganz offensichtlich für alles Mögliche geeignet, bloß nicht für Menschen. Sie sind mit Eisen beschlagen, hart, rissig, entweder zu hoch oder zu niedrig gebaut. Aber was soll’s, man gewöhnt sich daran, lässt sich ja nicht ändern …
Jedes Mal, wenn jemand von der Gefängnisverwaltung die Zelle betritt, muss der Häftling eine Meldung erstatten. Die lautet folgendermaßen: „Herr Vorgesetzter, in der Zelle Nummer so-und-so sind so-und-so viele Insassen anwesend. Der sanitäre Zustand entspricht der Norm. Der diensthabende Zellenälteste heißt so-und-so. Beschwerden und Anträge liegen nicht vor.“ Je nach Anstalt variiert dieser Text unwesentlich. Besonderes komisch klingt dieser Bericht in einer Einzelhaftzelle, wenn du fast jahrelang allein einsitzt und zweimal am Tag bei der Inspektion aufsagst: „Der diensthabende Zellenälteste Dziadok …“ Als ob gestern ein anderer Häftling als Zellenältester im Dienst gewesen wäre.
Von außen betrachtet, mögen all diese Regeln und Auflagen an und für sich unbedeutend erscheinen. Also wirklich, es ist doch überhaupt kein Problem: den Knopf zuknöpfen, wenn man an einem Wärter vorbeikommt, die Unannehmlichkeiten bei der Uniformwäsche ertragen, eine Meldung erstatten, Überflüssiges aus dem Nachtschrank entfernen, zumal es ja ein Gefängnis und kein Kurheim ist! Aber das ist nur auf den ersten Blick so. Das Leben eines Gefangenen setzt sich aus solchen Kleinigkeiten zusammen, und es gibt hunderte davon. Und immer stärker wird alles durch das Vollzugsregime reguliert, was das ohnehin nicht sehr süße Leben verkompliziert. Und so bleibt kein Raum, wo du spontan handeln könntest, selbst wenn es darum geht, das Bett zu machen oder um die Frage, wie du deine Freizeit gestaltest, von der ohnehin nicht viel übrig bleibt. Jede Minute musst du dich umblicken und fragen: „Habe ich es richtig gemacht? Werde ich dafür bestraft?“ Natürlich beachten die Wärter viele Abweichungen vom Regime nicht, bis es soweit ist und eine Anordnung reingeflattert kommt, die feststellt, im Strafisolator seien zu wenig Leute, oder bis ein bestimmter Gefangener nicht anfängt, seine Rechte einzufordern. Dann wirst du schnell daran erinnert, dass du einen Kugelschreiber zu viel im Nachtschrank hast, dass du unrasiert bist oder dass es im Haftraum Spinnweben gibt. Wenn du aber ein politischer Gefangener bist, dann werden sie es dich von Anfang an spüren und wissen lassen. So wie die Vorschriften derzeit formuliert sind, machen sie es sehr einfach, beliebige Gefangene in den Strafisolator zu stecken und sie von allen Seiten unter Druck zu setzen. Man muss sich nichts ausdenken oder verfälschen, warte einfach ein paar Stunden und der Häftling wird von selbst irgendeine Regel verletzen, denn ganz und gar nach den Regeln zu leben ist unmöglich. Die Logik des Vollzugsregimes zwingt die Insassen, jeden minimalen Komfort und jede Möglichkeit, ihre Bedürfnisse zu erfüllen, als Privileg wahrzunehmen, und damit sie das behalten, müssen sie sich still und gehorsam verhalten.
Auf der anderen Seite hat das Vollzugsregime den Zweck, die Gefangenen zu demütigen und ihnen das Gefühl zu geben, rechtlos und von der Vollzugsverwaltung abhängig zu sein, selbst bei der Erfüllung ihrer grundlegendsten Bedürfnisse.
Warum, glaubt ihr, gibt es in der Hälfte der U-Haft-Zellen des KGB (Amerikanka)12 keine Toiletten? Fehlen etwa Mittel und Möglichkeiten, sie auszustatten, stehen deshalb im 21. Jahrhundert in den Zellen Pisseimer, und fürs große Geschäft wirst du zwei mal am Tag rausgeführt? Die Antwort ist simpel: Der Gefangene soll das Gefühl haben, dass selbst die Erfüllung seiner natürlichsten Bedürfnisse vollständig von der Vollzugsverwaltung abhängt, weshalb sich ihr zu unterwerfen die bestmögliche aller Entscheidungen ist.
Und so ist es mit allem. Ich werde nie vergessen, wie wir uns in der Zelle von Waladarka die Nägel geschnitten haben. Für diese einfache hygienische Prozedur, die draußen in der Freiheit eure Aufmerksamkeit kein bisschen beanspruchen würde, musste man dort eine ganze Geheimoperation vollziehen. Wir hatten einen Nagelknipser in unserer Zelle – natürlich ein verbotener Gegenstand. Zuerst musste der Knipser unbemerkt vom Wärter, der jeden Augenblick durch den Türspion schauen konnte, aus dem Versteck geholt werden; dann musste er zur Toilette in die „tote Zone“, die vom Guckloch aus nicht einsehbar war, gebracht werden; die Wasserhähne mussten aufgedreht werden und erst dann konnten wir anfangen die Nägel zu schneiden. Die Wasserhähne wurden aufgedreht, damit das Rauschen des Wassers für die Wärter die charakteristischen Geräusche übertönt – „klack! klack!“ – durch die sie erraten würden, dass sich ein verbotener Gegenstand in der Zelle befindet. Danach musste der Knipser auf die gleiche Weise wieder versteckt werden.
Es ist bezeichnend, dass die Bullen jedes Verbot auf der offiziellen Ebene mit irgendwelchen rationalen Gründen zu erklären versuchen: Die Gürtel sind nicht erlaubt, damit sich keiner erhängt; Quark ist nicht erlaubt, damit sich keiner vergiftet; Kleidung mit Reißverschlüssen ist nicht erlaubt, weil alle gleich aussehen sollen; Lebensmittel sind nicht im Nachtschrank gestattet, wegen „unhygienischer Zustände“ und so weiter. Doch nicht jedes Verbot kann rational begründet werden, egal wie sehr man es versucht. Warum soll man die Meldung erstatten: „In der Zelle befindet sich ein Häftling, der diensthabende Zellenälteste ist der Gefangene so-und-so.“? Warum lassen sie die Gefangenen nicht mit den Füßen auf dem Bett sitzen? Würde das denn jemanden in Gefahr bringen? Antworten auf diese Fragen kann man finden. Zur Hilfe kommen interne Unterlagen einer Haftanstalt, die mir persönlich zu Gehör kamen. Während meines Aufenthalts in der Strafkolonie Nr. 17 (Schklou) wurden uns, „gemäß den geltenden Regimevorschriften“, Auszüge aus der internen Vollzugsordnung und verschiedene andere Erlasse über Lautsprecher verlesen. Einiges davon habe ich wortwörtlich notiert. Leider kann ich mich nicht an den genauen Titel dieses Erlasses erinnern. Da sitze ich also in Einzelhaft und eine metallene Stimme schallt aus dem Lautsprecher:
„Das Vollzugsregime für Besserungsanstalten […]. Die Besserungsfunktion des Vollzugsregimes besteht in der Festlegung von Verboten und Beschränkungen gegenüber dem Verurteilten. Ziel und Zweck von Verboten und Beschränkungen besteht darin, dem Gefangenen Leid und Kummer zu bereiten13, die dazu bestimmt sind, ihn zu zwingen, über sein bisheriges Verhalten nachzudenken.“
Als ich das das erste Mal hörte, traute ich meinen Ohren nicht. Und was ist mit dem Strafgesetzbuch, wo schwarz auf weiß geschrieben steht, dass „Strafen und andere Maßnahmen strafrechtlicher Sanktionierung NICHT14 das Ziel verfolgen, physisches Leid zuzufügen oder die menschliche Würde herabzusetzen“? Aber in seinen „internen“ Vorschriften reißt das System sich schließlich die Maske weg und zeigt offen, was der wahre Zweck des Vollzugsregimes ist. Und der Gefangene, der sich seit seinem ersten Tag in Haft fragt, wozu all diese Regeln, die in keiner Weise erklärt, gerechtfertigt und rationalisiert werden können, sieht auf einmal klar. Die sind dazu da, damit du leidest. Und all das offizielle Geschwätz der Kerkermeister über „unhygienische Zustände“, „Sicherheitsmaßnahmen“ und so weiter ist nichts weiter als Staub in deine Augen, dazu da, um einem kannibalischen und unmenschlichen System den Anschein von Legitimität und Menschlichkeit zu verleihen, dessen einziges Ziel darin besteht, dir Leid zuzufügen, um deinen Willen zu brechen.
Bemerkenswert ist, dass das Vollzugsregime und seine Anforderungen aus dem ohnehin nicht sehr klugen Personal der Strafvollzugsanstalten richtige Idioten macht. Eines Tages war es uns im Gefängnis in Shodsina irgendwie gelungen, einen Fernseher in die Zelle zu bekommen. Aber in dieser Betonkiste von Zelle hatte der einen sehr schlechten Empfang, und ihn näher ans Fenster zu stellen war unmöglich: Das Netzkabel war zu kurz und ein Verlangerungskabel war natürlich „nicht gestattet“. Und so stand der also mitten in der Zelle. Aber wenn er auf dem Boden stand, konnte man nichts sehen und wir mussten ihn irgendwie anheben. Wir hatten keine große Auswahl, und so stellten wir ihn auf eine umgedrehte Waschschüssel. Nach einer Weile kamen die Wachen zum Filzen. Deren Chef trat unverschämt auf, wandte den Kopf hin und her, suchte irgendetwas, um uns anmachen zu können. Seinem geschulten Auge fiel eine Abweichung von der Norm auf: der Fernseher auf einer umgedrehten Waschschüssel.
„Und warum steht der Fernseher da, auf der Waschschüssel?“
„Man kann nichts sehen, wenn der auf dem Boden steht, und das Kabel reicht nicht bis zum Tisch.“
Unzufriedenheit im Gesicht des Bullen. Die Schablone ist kaputt, eine Situation außerhalb des Reglements, dringender Handlungsbedarf:
„Aber das führt doch …“ – für eine Sekunde spiegelt sein Gesicht intensive Gedankenarbeit, die Suche nach einem relevanten und plausiblen Vorwand für eine Schikane – „… zum Verschleiß der Waschschüssel!“
Als sich die Tür schloss, lachten wir uns über diesen Bullen noch eine halbe Stunde lang schlapp, der hatte uns den Tag gerettet. Unsere Schlussfolgerung: Was für ein Leben! Hast es bis Mitte dreißig geschafft und rennst von einer Zelle zur anderen, um den Häftlingen was vom „Verschleiß der Waschschüssel“ zu erzählen. Das Regime haben sie für uns erschaffen, doch jetzt sind sie es, seine Diener, die noch weniger frei sind als viele Gefangene hinter Gittern.
Juli 2016
DIE UNBERÜHRBAREN
Das Kastensystem im Gefängnis wird oft in den Medien thematisiert, besonderes in solchen, die über politische Gefangene berichten. Doch fast alle, die über das Thema schreiben, kennen bestenfalls Erzählungen ehemaliger Insassen, im schlimmsten Fall nur die in der Gesellschaft vorherrschenden Stereotype. Die Folge davon sind viele grobe Fehler und eine Irreführung der Leser. Deshalb habe ich mich entschlossen, diesen Essay zu schreiben, der einige Aspekte eines so komplexen und vielschichtigen Phänomens wie die informelle Hierarchie in Gefängnissen in Belarus beleuchten soll. Ganze wissenschaftliche Abhandlungen sind zu diesem Thema verfasst worden. Und natürlich habe ich nicht den Anspruch, im Rahmen nur eines Textes das ganze Phänomen in seiner Vielfalt zu untersuchen. Ich werde vor allem über eine Gefängniskaste sprechen, deren Existenz das System stark als Ganzes charakterisiert und deren Kenntnis für jeden, der sich in einem belarusischen Gefängnis befindet, insbesondere für einen politischen Gefangenen, von entscheidender Bedeutung ist. Es handelt sich um die Kaste der „Unberührbaren“, die im Gefangenenjargon „Petuchi“19 genannt werden. Das Thema isoliert vom Gefängnissystem zu betrachten, ohne auf die Organisation des Strafapparats und die sozialen Rollen der einzelnen Gefängniskasten einzugehen, ist ziemlich schwer. Doch ich werde es versuchen.
Aus diesem Text werdet ihr erfahren:
—wie die Kaste der Unberührbaren in Gefängnissen entstanden ist;
—wie jemand Teil dieser Kaste wird;
—wie die Lage der betroffenen Personen in Gefängnissen und Strafkolonien ist;
—welche Funktionen diese Menschen in Haftanstalten erfüllen;
—warum die Existenz dieser Kaste für das Personal von Vollzugsanstalten von lebenswichtiger Bedeutung ist.
Ich schließe mit einigen Ratschlägen für die männlichen Leser, denn für jeden Mann, der in Belarus lebt, wird das Wissen über das Gefängnis nicht überflüssig sein, vor allem dann nicht, wenn er politisch aktiv ist.
Wie entstand die Kaste der Unberührbaren?
Beginnen wir mit einem Exkurs in die Geschichte. Die Kaste der sogenannten Petuchi wird traditionell mit Homosexualität in Verbindung gebracht. Und wenn wir es aus dieser Perspektive betrachten, ist es ganz einfach: Homosexualität gab es in den Haftanstalten schon immer, sowohl in den Gefängnissen der Zarenzeit als auch im Gulag der Sowjetzeit. Angesichts des extrem machistischen und homophoben Charakters der Gefangenensubkultur und der hinter Gittern geltenden informellen Gesetze wird klar, warum Homosexuelle im Gefängnis automatisch in die unterste Kaste der Unberührbaren eingeordnet werden: Der Machismo zeichnet sich durch die Verachtung alles Weiblichen aus, würdigt die Frauen auf das Niveau von Untermenschen herab und gesteht ihnen kein Recht auf einen eigenen Willen zu. Mit dieser Einstellung begegnet man dann auch den Homosexuellen. Allerdings sind Homosexuelle nur der kleinere Teil jener, die zu der Kaste der Unberührbaren zählen. Ihr gehört eine große Anzahl von Menschen an, die gegen die informellen Gefängnisgesetze der Ganoven verstoßen haben.
An dieser Stelle muss betont werden, dass die Kaste der Petuchi und die strengen Regeln, nach denen jemand in diese Kaste einsortiert wird, vor gar nicht langer Zeit entstanden ist. Diese Kaste war weder für die Gefängnisse der Zarenzeit noch für die GULAG-Gefängnisse kennzeichnend. Den Quellen nach zu urteilen, die ich studieren konnte, geht die Entstehung der Kaste der Unberührbaren (der wie gesagt auch Homosexuelle zugeordnet wurden) auf die späte Sowjetzeit zurück. Einige Forscher glauben, dass die Entstehung der Kaste von Gefangenen, die nicht mit den Händen berührt werden dürfen, eine Reaktion der Ganovenwelt auf den „Suki-Krieg“15 war: Um sich selbst zu schützen, mussten die Ganoven eine Alternative zum Mord erfinden, um Schuldige zu bestrafen. Andere schreiben, dass es eine Reaktion auf die Überbelegung in den Untersuchungsgefängnissen war: In einem überfüllten Gefängnis, rund um die Uhr in Sichtweite der Mitgefangenen, wäre die effektivste und härteste Form der Bestrafung die allgemeine Ächtung und Ausgrenzung.
Die informelle Hierarchie der Verbrecherwelt – eine kleine Einführung
Historisch gesehen gibt es in der Hierarchie der Verbrecherwelt nur drei Positionen: den „Dieb“, den „Bauern“ und den Petuch16. Man kann diese Stufen abwärts steigen, von der höchsten (Dieb) zur niedrigsten (Petuch). Von unten nach oben zu kommen, ist jedoch unmöglich. In der modernen kriminellen Subkultur von Belarus werden die Häftlinge in etwas andere Kasten eingeteilt, und zwar: „der Ganove“ („der Vagabund“, „der Anständige“), „der Bauer“, „der Ziegenbock“ und der Petuch.
„Die Ganoven“ – das sind professionelle Verbrecher, die jenseits der Gefängnismauern vom kriminellen Handwerk leben. Ihre Aufgabe besteht darin, wo auch immer sie sich gerade aufhalten, die „Idee der Ganoven“ voranzutreiben, das heisst, dem Ganovengesetz vor Ort Geltung zu verschaffen und einen „Schwarzen Gang“ einzurichten: gemeint ist, die Korruption der Gefängnisverwaltung zu fördern, das Leben der Gefangenen aus der Ebene der offiziellen Regeln und Vorschriften auf die Ebene des „Ganovengesetzes“ zu verlagern, usw. Nach dem Ganovengesetz haben nur sie das Recht, einen Gefangenen in die Kaste der Unberührbaren zu überführen. Da es aber nicht in allen belarusischen Strafkolonien Ganoven gibt – denn die „Bewegung der Ganoven“ erlebt in Belarus einen extremen Niedergang – wird diese Regel nicht eingehalten und die Zuordnung zur Kaste der Petuchi kann von allen möglichen Personen oder Gruppen erfolgen: von einem Operativen, einem „Ziegenbock“ und manchmal auch bloß von den Bauern, die nach einem kollektiven Beschluss entscheiden.
Die „Bauern“ machen den Hauptanteil der Gefängnisbevölkerung aus. Ein Bauer mischt sich nirgendwo ein, geht zur Arbeit, interessiert sich für nichts anderes außer dafür, wie er auf Bewährung freikommt. Er steht unter einem Kreuzkommando von gleich mehreren Seiten: den Ganoven (falls vorhanden), den „Ziegenböcken“ und der Verwaltung der Vollzugsanstalt.
Der „Ziegenbock“, auch „Aktivist“ genannt, ist ein Gefangener, der offen mit der Vollzugsverwaltung kooperiert. In der Regel ist er ein Gefangener mit einer langen Haftstrafe, der von der Verwaltung eine bestimmte Position bekommt und dadurch eine gewisse Macht über andere Gefangene hat. Wie groß diese Macht ist, hängt vom Grad der Faulheit des Vollzugspersonals ab. Mir sind Fälle bekannt, in denen Ziegenböcke Verstoßprotokolle über andere Insassen erstellt haben und das Verwaltungspersonal die nur noch unterschrieben hat. Oft dürfen die Ziegenböcke andere Insassen schlagen, um Hierarchien aufrechtzuerhalten. Und natürlich ist es ganz offiziell die Pflicht der Ziegenböcke, andere Häftlinge zu denunzieren. In der Strafkolonie Nr. 17 (Schklou) zum Beispiel hat ein Ziegenbock mir gegenüber ganz direkt zugegeben: „Mir wurde von den Bullen gesagt, ich soll dich im Auge behalten.“ Mindestens zwei andere haben es nicht eingestanden, doch ihren „Job“ sehr eifrig erledigt. In meiner Disziplinarakte zu meiner Überführung in ein Gefängnis befinden sich schriftliche Aussagen meines Nachbarn aus der Koloniebaracke, in denen detailliert festgehalten wird, wie ich in der Baracke ankam, wie ich mich verhalten habe, mit wem ich kommuniziert habe, mit wem ich gestritten habe, zu welchen Themen ich mich geäußert habe, usw.
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