Читать книгу: «Standort Deutschland»

Denkanstöße
herausgegeben von Rainer Völker
Dieter Thomaschewski/Rainer Völker (Hrsg.)
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-039327-1
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-039328-8
epub: ISBN 978-3-17-039329-5
mobi: ISBN 978-3-17-039330-1
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Inhalt
1 Einführung und Überblick
2 Dieter Thomaschewski und Rainer Völker
3 I Wettbewerbsdynamik
4 1 »Staat-Up« für eine neue Gründerzeit
5 Nadine Schön
6 1.1 Mit politischen Reformen zu wirtschaftlichem Erfolg
7 1.2 Von der industriellen in die digitale Revolution – mit 4 Säulen
8 1.3 Kapital für das Start-up-Ökosytem
9 1.4 Konkrete Vorschläge für mehr Gründungsdynamik
10 1.5 Transfer exzellenter Forschung und Entwicklung in exzellente junge Unternehmen
11 1.6 Die Mitarbeiter stehen im Zentrum der neuen Gründerzeit
12 1.7 Ein Update im Unternehmensrecht macht Start-ups wettbewerbsfähiger
13 1.8 Mitarbeiterbeteiligung gezielt fördern – auch über das eigene Unternehmen hinaus
14 Literatur
15 2 Die Corona-Krise und ihre Folgen: Herausforderungen für deutsche Unternehmen
16 Dago Diedrich
17 2.1 Zukunftsfähigkeit: Innovative Geschäftsmodelle
18 2.2 Versorgungssicherheit: Lieferketten neu denken
19 2.3 Ob remote oder agil: Die resilientere Zukunft der Arbeit
20 2.4 Checkliste
21 2.5 Und wie wird die Welt für Unternehmen in den kommenden Jahren aussehen?
22 Literatur
23 3 China: Ansporn oder Bedrohung für die deutsche Wirtschaft?
24 Jörg Wuttke
25 3.1 Die Herausforderung durch China
26 3.2 Was Deutschland und China unterscheidet
27 3.3 Wie soll Europa dieser Herausforderung begegnen?
28 3.4 Der Green Deal und die europäische Wirtschaft
29 3.5 Digitalisierung
30 3.6 Sustainable Finance
31 3.7 Kapitalmarktunion
32 3.8 Venture Capital (VC)
33 3.9 Globale Herausforderungen
34 II Nachhaltigkeit
35 4 Nachhaltigkeit: Wie ein Leitbild zum Zukunftsimperativ für das Umsteuern bei Klima und Umwelt wird
36 Holger Glockner
37 4.1 Kontext
38 4.2 Vom Wissen und Reden zum Handeln
39 4.2.1 Voranschreitender Klimawandel
40 4.2.2 Übernutzung der Natur
41 4.2.3 Verlust der Biodiversität
42 4.3 Die Grundsatzfrage und der Zukunftsimperativ
43 4.4 Bitte wenden!
44 4.4.1 Energiewende
45 4.4.2 Mobilitätswende
46 4.4.3 Ernährungswende
47 4.4.4 Materialwende
48 4.5 Zeigen, dass es geht!
49 4.6 Schlussfolgerung: Vorausschauend denken, urteilen und handeln
50 Literatur
51 5 Innovation als Treiber für Klimaschutz: Die zentrale Rolle von Wirtschaft und Politik
52 Andreas Freytag und Matthias Menter
53 5.1 Einführung
54 5.2 Marktwirtschaftlicher Klimaschutz: Effizient und effektiv zugleich
55 5.3 Die deutsche Klimapolitik vor dem Hintergrund globaler Anstrengungen
56 5.4 Die Rolle der Unternehmen im globalen Kampf um das Klima
57 5.5 Schlussfolgerungen
58 Literatur
59 6 Klimaschutz als Teil der Nachhaltigkeitsstrategie der chemischen Industrie
60 Wolfgang Große Entrup
61 6.1 Nachhaltigkeit in der chemischen Industrie
62 6.2 Klimaschutz: Die Chemie als Verursacher und Lösungsgeber
63 6.3 Emissionsquellen aus der Chemie
64 6.4 Bisherige Erfolge und weitere Optimierungen
65 6.5 Transformation der Branche und Roadmap 2050
66 6.6 Voraussetzungen für eine treibhausgasneutrale Chemie
67 6.7 Branchenweites Engagement
68 7 Verkehrswende als Chance für den Standort Deutschland
69 Dirk Flege
70 7.1 In der Mobilität haben wir zu lange auf »Weiter so« gesetzt
71 7.2 Mobilität im tiefgreifenden Strukturwandel
72 7.3 Verkehrswende als Chance für den Standort Deutschland
73 7.4 Schiene als Innovationstreiber einer nachhaltigen Mobilität
74 7.5 Politik muss handeln
75 Literatur
76 8 Innovationen im Energiemarkt und daraus folgende Herausforderungen
77 Hans Heinrich Kleuker
78 8.1 Vorbemerkung
79 8.2 Erneuerbare Erzeugung und Übertragungsnetze
80 8.3 Speicherung
81 8.4 Verteilnetze und dezentrale Erzeugung
82 8.5 Kunden
83 III Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI)
84 9 Digitalisierung in Deutschland – Status quo und was zu tun ist
85 Interview mit Florian Roth
86 Literatur
87 10 Keine KI ist auch keine Lösung: Wie Deutschland sich gerade abhängen lässt und was wir dagegen tun sollten
88 Claudia Bünte
89 10.1 KI als Wachstumspotential
90 10.2 Deutsche KI-Defizite
91 10.3 Vorreiterländer bei KI
92 10.4 Deutschland ist nicht China – aber keine KI ist auch keine Lösung
93 Literatur
94 11 Unsere unbegründete Angst vor KI und warum wir uns dennoch sorgen sollten
95 Wolfgang Reuter
96 11.1 Wer werden alle sterben
97 11.2 Ist Siri intelligent?
98 11.3 Die Erde ist keine Kugel
99 11.4 Ein Blick in unsere Köpfe
100 11.5 Silberdistel statt Playboy-Cover
101 11.6 Künstliche Intelligenz lernt auch zu diskriminieren
102 11.7 Wann ist ein Fußgänger ein Fußgänger?
103 11.8 Künstliche Intelligenz hat keinen Wertekatalog
104 11.9 Die unsichtbare Vielfalt
105 11.10 Wie Künstliche Intelligenz den Hass im Internet schürt
106 11.11 Ist der selbstbestimmte, freie Mensch eine Illusion?
107 Literatur
108 12 Die Chancen der digitalen Transformation nutzen – Was Unternehmen von Start-ups lernen können
109 Interview mit Dirk Ramhorst
110 IV Arbeit
111 13 Die Neue Normalität – künftige Anforderungen für Beschäftigte, Arbeitgeber, Wirtschaft und Gesellschaft
112 Interview mit Jutta Rump
113 14 Transformation, Digitalisierung, Corona: Warum wir ein Update für Mitbestimmung und Sozialpartnerschaft brauchen
114 Michael Vassiliadis
115 14.1 Strukturwandel trifft auf Akut-Krise
116 14.2 Gemeinsam Wandel gestalten
117 14.3 Transformation sprengt alle bisherigen Maßstäbe
118 14.4 Altes Lagerdenken überwinden
119 14.5 Mitbestimmung braucht ein Update
120 14.6 Sozialpartnerschaft 2.0
121 15 Arbeitsmarkt und Innovation – die Rolle der hochqualifizierten Selbständigen
122 Carlos Frischmuth
123 15.1 Einleitung
124 15.2 Die Arbeitswelt verändert sich, und wir uns mit ihr
125 15.3 Die Herausforderungen für die Arbeitswelt
126 15.4 Gesellschaftlicher Wandel begleitet die Veränderungen in der Arbeitswelt
127 15.5 Wettbewerbsfähige Innovation braucht Spezialisten und kreative Köpfe – das gesamte Potential muss genutzt werden!
128 15.6 »Smart markets need smart regulation«
129 Literatur
130 V Bildung
131 16 Wie Bildung im Jahr 2030 aussehen muss – ein Brief an künftige Generationen
132 Sarah Henkelmann
133 16.1 Mein großer Wunsch für euch
134 16.2 Mit Kreidetafel Künstliche Intelligenz lehren?
135 16.3 Erster Gedanke: Technologie verstehen und Verantwortung übernehmen
136 16.4 Zweiter Gedanke: Unterricht neu denken
137 16.5 Dritter Gedanke: Alle müssen an Bildung teilhaben können!
138 16.6 Vierter Gedanke: Neue Kompetenzen für neue Arbeitswelten
139 16.7 Wunschdenken oder Wirklichkeit?
140 17 Kompetenzen für die Zukunft – was und wie lernen wir im deutschen Bildungssystem
141 Volker Meyer-Guckel
142 17.1 Was lernen wir?
143 17.2 Wie lernen wir?
144 17.3 Wo lernen wir?
145 17.4 Was folgt daraus?
146 18 Eine Agenda für die Hochschule der Zukunft
147 Ulf-Daniel Ehlers, Patricia Bonaudo und Laura Eigbrecht
148 18.1 Einleitung
149 18.2 Eine Agenda wofür?
150 18.3 Lernen neu denken: Leitkonzepte für das Lernen an der Hochschule der Zukunft
151 18.3.1 Digitalisierung: Jenseits der Technisierung
152 18.3.2 Jenseits der Disziplinen
153 18.3.3 Personalisierte Studienpfade
154 18.3.4 Der neue Stellenwert von Soft Skills als harte Währung
155 18.3.5 Ein neues Verständnis von Lernen und Prüfen in der Hochschule
156 18.4 Zusammenfassung: Die Zukunft der Hochschulen kommt schneller als gedacht
157 Literatur
158 VI Staat und Wirtschaft
159 19 Handlungsfelder des Staates aus Unternehmersicht
160 Interview mit Reinhold von Eben-Worlée
161 20 Die Zukunft des Wirtschaftsstandortes – wirtschaftspolitische Weichenstellungen
162 Volker Wissing
163 20.1 Die Renaissance des staatlichen Interventionismus
164 20.2 Grenzen staatlichen Handelns
165 20.3 Private Initiative statt staatlicher Interventionismus
166 21 Kommunale Wirtschaftsentwicklung am Beispiel der Stadt Tübingen
167 Interview mit Boris Palmer
168 22 Staatsverschuldung – Fluch oder Segen?
169 Wolfgang Scherf
170 22.1 Werden zukünftige Generationen belastet?
171 22.2 Defizite zur Stabilisierung der Konjunktur
172 22.2.1 Konjunkturbedingte Defizite bremsen die Rezession
173 22.2.2 Antizyklische Defizite fördern den Aufschwung
174 22.2.3 Die Ambivalenz der Corona-Schulden
175 22.3 Die Problematik der strukturellen Defizite
176 22.3.1 Strukturelle Defizite haben ungünstige Nebenwirkungen
177 22.3.2 Staatsverschuldung und Geldpolitik im Teufelskreis
178 22.3.3 Haushaltskonsolidierung benötigt Zeit und Regeln
179 22.4 Ausblick
180 Literatur
181 23 Deutschlands bauliche Infrastruktur auf dem Prüfstand
182 Stephan Weber
183 23.1 Einführung und Erläuterung des Themas
184 23.2 Wie ist unsere Infrastruktur gewachsen?
185 23.3 Wo liegen die großen Aufgaben bei der vorhandenen Infrastruktur?
186 23.4 Welche Lösungsansätze gibt es für die Zukunft?
187 23.5 Schlussbemerkungen
188 Literatur
189 24 Die Corona-Krise und andere Extremrisiken: eine Bewertung der Robustheit Deutschlands
190 Ulrich Blum und Werner Gleißner
191 24.1 Der Staat und seine Bedrohung – was charakterisiert den robusten Staat?
192 24.2 Was bedroht einen freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat?
193 24.3 Risikomanagement als Essenz des Staats
194 24.4 Kriterien des robusten Staats
195 24.5 Die Beurteilung der Bundesrepublik Deutschland anhand von zwölf Kriterien eines robusten Staats
196 24.5.1 Wissen über Risiken und Bedrohungen sowie Wunsch nach Sicherheit
197 24.5.2 Institutionen und Krisen-Governance
198 24.5.3 Stabilität von Bündnissen und Partnerschaften
199 24.5.4 Finanzielle Stabilität und Bonität
200 24.5.5 Technologie und ökonomische Potentiale
201 24.5.6 Krisenfrüherkennung, Risikoanalysen, Krisen- vorbereitung und Krisenübungen
202 24.5.7 Kritische materielle Abhängigkeiten
203 24.5.8 Redundanzen und spezifische Reserven
204 24.5.9 Verfügbarkeit universell einsetzbarer Ressourcen der Krisenbewältigung
205 24.5.10 Kritische finanzielle Abhängigkeiten und Haftungsverbunde
206 24.5.11 Existenz von Brandmauern
207 24.5.12 Flexibles Krisenmanagement und Krisen- kommunikation
208 24.6 Fazit
209 Literatur
210 Epilog
211 Dieter Thomaschewski und Rainer Völker
212 Anmerkungen
Einführung und Überblick
Dieter Thomaschewski und Rainer Völker


Einschneidende, von außen kommende Veränderungen bedingen normalerweise, dass interne Anpassungen vorgenommen werden müssen. Diese grundsätzliche Feststellung gilt auf vielen Betrachtungsebenen – für einzelne Individuen, für Organisationen wie Unternehmen oder schließlich für ganze Gesellschaften. Idealerweise erfolgen solche Anpassungen proaktiv, zumindest aber frühzeitig und nicht zu spät. Schon vor der durch Corona ausgelösten Krise zeichnete sich ab, dass am Wirtschaftsstandort Deutschland durch die Politik bzw. die Wirtschaft solche grundlegenden Anpassungen vorgenommen werden müssen: Mehrere Veränderungen gleichzeitig stellen die deutsche Wirtschaft seit einiger Zeit vor große Herausforderungen. Nachhaltigkeitsanforderungen und Klimawandel bedingen z. B. eine noch stärkere Abkehr vom reinen Shareholder-Value-Denken und immense Anstrengungen, um ökologischen und sozialen Zielen gerecht zu werden. Die Automobilindustrie, das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, befindet sich in einer Situation großer Unsicherheit und radikaler Umbrüche. Bei der Digitalisierung bescheinigen Wirtschaftsexperten unisono vor allem der Politik große Versäumnisse und sehen den Wirtschaftsstandort gar schon »abgehängt«. Die Globalisierung mit vielen neuen Anbietern und der technologische Wandel verschärfen seit Jahren den Wettbewerb und erfordern agilere Unternehmen. Digitalisierung und neue Wettbewerbsdynamik stellen auch veränderte Anforderungen an die Quantität und vor allem an die Qualität von Mitarbeitern sowie an das Verständnis von Arbeit. Insofern scheinen hier ebenfalls neue Ansätze bei Unternehmen und Reformen seitens des Staates erforderlich. Auch wenn die jeweiligen Handlungsalternativen durchaus kontrovers diskutiert werden, so sind die meisten Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftspraktiker der Überzeugung, dass grundlegende Veränderungen für den Wirtschaftsstandort Deutschland unabdingbar sind.
Dieser Band versucht zum einen eine Bestandsaufnahme der Herausforderungen, die den Wirtschaftsstandort zentral tangieren. Nicht alle anstehenden Themenfelder können dabei behandelt werden. Digitalisierung, Klimawandel, internationaler Wettbewerb, notwendige Veränderungen der Arbeitswelt, des Bildungssektors und der Infrastruktur stehen in diesem Buch im Mittelpunkt. Zum anderen werden entsprechende Handlungsoptionen und Lösungswege dargestellt. Allzu einfache Antworten oder widerspruchsfreie Aussagen sind aufgrund der komplexen Thematiken nicht zu erwarten. Insofern wird versucht, bei jedem Themenkreis zentrale Fakten und – durchaus konträre – Meinungen abzubilden. Dabei kommen neben Wissenschaftlern vor allem Verantwortliche aus der Wirtschaft zu Wort: Führungskräfte, Vorstände von Verbänden und politische Mandatsträger, die natürlich ihre spezifische Sicht vertreten. Das ist zum einen legitim und zum anderen auch beabsichtigt. In vielen Fällen gibt es nicht die augenscheinliche Lösung, sondern es gibt Vorschläge, die idealerweise auf logischer Argumentation bzw. auf gesicherter Empirie basieren. Die verschiedenen Positionen und Argumentationen sollen bei der Lektüre des Buches deutlich werden und es dem Leser gestatten, sich selbst an der einen oder anderen Stelle sein Urteil über sinnvolle und passende Lösungsansätze zu bilden. Das Buch will – gemäß der Intention der Reihe, in der es als erster Titel erscheint – Denkanstöße geben.
Eine weitere Anmerkung an dieser Stelle: Das Buch betrachtet den Wirtschaftsstandort Deutschland. Es stellt also den Blickwinkel der deutschen Politik, von Unternehmen in Deutschland und auch entsprechender Verbände in den Mittelpunkt. Nun kann man sich durchaus auf den Standpunkt stellen, dass in einer immer mehr vernetzten Welt oder zumindest im Hinblick auf eine wie auch immer definierte europäische Einheit mit dem »Standort« Deutschland eine enge Perspektive eingenommen wird. Deutsche Unternehmen und deutsche Politik sollen ja schließlich auch für globalen Klimaschutz, generell für ökologisches und soziales Wirtschaften im Rahmen von weltweiten Lieferketten oder für ein wirtschaftlich starkes Europa Verantwortung übernehmen. Diese Aspekte entbinden aber weder Unternehmensverantwortliche noch Politik von der primären Anforderung die jeweiligen direkten Verantwortungsspielräume möglichst optimal zu nutzen. Mit Verweisen z. B. auf noch ausstehende Einigungen auf europäischer Ebene werden kaum Veränderungen erfolgen. Insofern sind eine gewisse nationale Sicht und das Streben nach einer vorteilhaften kompetitiven Situation im internationalen Wettbewerb notwendig. Zudem – so zeigen es entsprechende Erkenntnisse aus den Wirtschaftswissenschaften – ist der internationale Austausch von Waren und Dienstleistungen auf Basis kompetitiver Strukturen der globalen Wohlstandssteigerung grundsätzlich dienlich. Insofern ergibt es durchaus Sinn zu fragen, welche Veränderungen im nationalen Verantwortungsbereich vorgenommen werden können.
In den nachfolgenden Kapiteln greifen wir die eingangs genannten Handlungsfelder im Einzelnen auf. Wir beginnen in Kapitel 2 mit den Anforderungen, die sich durch neue Wettbewerbsdynamiken ergeben haben. Schon vor dem Pandemie-Schock stand das Thema »Start-ups« und die Notwendigkeit erhöhter Gründungsdynamik im Raum. Nadine Schön – Mitglied des Deutschen Bundestages und Herausgeberin des Buches »Neustaat« geht in ihrem Beitrag darauf ein. Eine wichtige Rolle spielen bei Wettbewerbsdynamiken auch Wertschöpfungsprozesse. Schon durch moderne 3D-Druckverfahren gab es teilweise einen Trend mehr »vor der Haustüre« zu produzieren. Durch Corona sehen viele Unternehmen aber auch die Notwendigkeit, ihre Lieferketten zu sichern und ihre Wertschöpfungsketten zu überdenken. Dago Dietrich von der Beratungsgesellschaft McKinsey & Company macht in seinem Beitrag auf diesen und andere Aspekte, die jetzt durch Corona ausgelöst oder verstärkt wurden, aufmerksam. Dynamik von außen kam und kommt zweifelsohne durch die politische und wirtschaftliche Weltmacht China. Jörg Wuttke – Präsident der Europäischen Handelskammer in China – als profunder Kenner des Landes und seiner wirtschaftlichen Möglichkeiten zeigt uns, welche Chancen, aber auch Risiken im Wettbewerb mit China für den Standort Deutschland existieren.
Eine weitere zentrale Herausforderung existiert durch das Ziel »Klimaneutralität«. Das Kapitel 3 beleuchtet Möglichkeiten, die es aus Sicht verschiedener Branchen und generell in einer Marktwirtshaft gibt, Klimaschutz zu erreichen und gleichzeitig ökonomisch erfolgreich zu sein. Der Beitrag von Andreas Freytag und Matthias Menter – Professoren an der Universität Jena – versteht sich als Plädoyer für marktwirtschaftliche Lösungen der Klimaschutzproblematik. Solche Lösungen – so die Autoren – stimulieren letztlich Innovationen, die es einem Land wie Deutschland, dessen wesentliche Ressourcen Fachkräfte und Wissen sind, gestatten, Ökonomie und Ökologie sinnvoll zu verknüpfen. In den Beiträgen von Wolfgang Große Entrup – Hauptgeschäftsführer und Präsidiumsmitglied des Verband der Chemischen Industrie e. V. (VCI) –, von Dirk Flege – Geschäftsführer des Verkehrsbündnisses »Allianz pro Schiene« – und Hans-Heinrich Kleuker – ehemaliger Vorstand eines Energieunternehmens – werden zum Thema Klimaschutz die Branchen Chemie, Bahn sowie Energie adressiert. Auch hier geht es u. a. darum, die Möglichkeiten des Zusammenspiels von wirtschaftlichem Erfolg und Klimaschutz zu beleuchten. Holger Glockner – Managing Partner eines Beratungsunternehmens mit Schwerpunkt Zukunftsforschung – gibt schließlich eine Übersicht, wie unter der Zielsetzung Nachhaltigkeit Klima- aber eben auch Umweltschutz generell sowohl für einzelne Unternehmen als auch in Summe für den Wirtschaftsstandort Deutschland positiv genutzt werden kann.
Eine weitere Herausforderung wird unter dem Stichwort Digitalisierung kolportiert. Die Bandbreite aller diesbezüglichen Themen ist sehr groß – ebenso wie der entsprechende Bedarf an »digitalen Transformationen« in den verschiedenen Branchen sowie im öffentlichen Bereich. Florian Roth – Chief Information Officer der SAP SE – zeigt in einem ausführlichen Gespräch in Kapitel 4 wo Deutschland »hinterherhinkt«, aber auch wo wir durchaus im internationalen Vergleich führende Positionen haben. Für beide Bereiche erläutert er, wie wir ggf. wieder Anschluss finden bzw. wie wir führend bleiben. Das Thema künstliche Intelligenz (KI) ist ein zentraler Aspekt der Digitalisierungsdebatte. KI schafft in vielerlei Hinsicht hohe Potenziale: Bei den Wirkungen auf Verbesserungen des menschlichen Lebens (im Gesundheitsbereich, bei Freizeit und Konsum), aber eben auch bei der Vernichtung von Arbeitsplätzen oder bei der »Steuerung« von Bürgern und Konsumenten durch Politik bzw. Wirtschaft. In den Beiträgen von Claudia Bünte – Professorin für Marketing und Top-Management Beraterin – und Wolfgang Reuter – ehemaliger stellvertretender Chefredakteur des Focus, ausgewiesener KI-Experte und Strategieberater – werden diese und andere Perspektiven thematisiert. Digitalisierung erstreckt sich nicht nur auf die Überführung analoger Daten und Prozesse auf digitale Plattformen und Applikationen. Es gilt auch, die inhärenten Chancen vor allem durch neue digitale Geschäftsmodelle zu ergreifen. Hier sieht Dirk Ramhorst, CIO/CDO des Wacker-Konzerns, wie er in einem Interview darlegt, noch erhebliche Potenziale bei deutschen Unternehmen, insbesondere im Mittelstand.
Neue digitale Technologien, aber auch gesellschaftliche Veränderungen (z. B. neue Priorisierungen zwischen Arbeit und Privatleben durch jüngere Generationen) verändern die Arbeitswelt. Jutta Rump – Professorin für Personalmanagement und Organisationsentwicklung – gibt in ihrem Beitrag in Kapitel 5 »Die neue Normalität« einen Überblick über diese neue (Arbeits-)Welt. Carlos M. Frischmuth – Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Selbstständige Wissensarbeiter e. V. – fokussiert danach das Thema »Wissensarbeiter« in einer modernen Arbeitswelt. Gerade um den Standort Deutschland zu stärken und Innovationen voranzubringen, sieht er hier Anpassungsbedarf – insbesondere auch bei Vorschriften und gesetzlichen Regelungen. Michael Vassiliadis – Vorsitzender der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie (IG BCE) – beleuchtet schließlich die Veränderungen, die im Zusammenwirken der Sozialpartner wichtig erscheinen.
Eine konkurrenzfähige Wirtschaft benötigt in dem Land, dessen zentrale Ressource Wissen ist, ein hervorragendes Bildungssystem. In Kapitel 6 haben wir deswegen Autorinnen und Autoren gebeten, zu diesem Problemkreis Stellung zu nehmen. Volker Meyer-Guckel – stellvertretender Generalsekretär und Mitglied der Geschäftsleitung des Stifterverbandes – zeigt zunächst, welche Kompetenzen ein Bildungssystem in Deutschland vermitteln muss. Ulf Daniel Ehlers et. al. zeigen dazu Szenarien für eine revidierte Hochschulentwicklung. Sarah Henkelmann – Sprecherin des Netzwerks Digitale Bildung – erläutert schließlich, wie Bildung in 10 Jahren ausgestaltet sein muss.
Bei der aufgeführten Handlungsfeldern ist schließlich die Politik bzw. die staatliche Verwaltung gefordert. Im Rahmen der Digitalisierung gilt es z. B. die Versorgung mit IT-Infrastruktur voranzutreiben. Veränderungen der Schul- und Hochschullandschaft liegen ebenfalls in den Händen des Staates. Neben allen staatlichen Handlungsfeldern, die in den Kapiteln I bis V schon angesprochen sind, gibt es noch einige andere, die die Stärke des Wirtschaftsstandorts Deutschland tangieren. Im Kapitel 7 haben wir dazu einige Themenfelder aufgegriffen. Zunächst formuliert Reinhold von Eben-Worlée – Präsident des Verbands DIE FAMILIENUNTERNEHMER e. V. und geschäftsführender Gesellschafter bei der E. H. Worlée & Co. – in einem Interview Handlungsfelder des Staates aus Sicht eines mittelständischen Unternehmens. Volker Wissing – Wirtschaftsminister des Landes Rheinland-Pfalz und stellvertretender Ministerpräsident – zeigt die Möglichkeiten der Wirtschaftspolitik, aber auch deren Grenzen aus seiner Sicht auf. Wirtschaftsentwicklung findet »vor Ort«, in Gemeinden und Städten statt. Boris Palmer – Oberbürgermeister der Universitätsstadt Tübingen – erläutert in seinem Interview die Leitlinien erfolgreicher kommunaler Wirtschaftsentwicklung. Wolfgang Scherf – Professor für Öffentliche Finanzen an der Universität Gießen – zeigt in seinem Beitrag, wie Staatsverschuldung die Wirtschaftsleistung und den Wohlstand beeinflussen kann; es gilt »gute« und »schlechte« Schulden zu unterscheiden. Für einen funktionierenden Standort unabdingbar ist eine entsprechende bauliche Infrastruktur. Stephan Weber – Mitglied im Bundesvorstand des Verbands Beratender Ingenieure (VBI) und selbst Unternehmer – zeigt in seinem Beitrag sowohl die entsprechenden immensen Defizite des Standorts Deutschland aber die auch Möglichkeiten wie durch veränderte Regulierungen und vorausschauende, umweltschonende Planungen Verbesserungen erzielt werden können. Am Ende des Buches findet sich ein kurzer Epilog der Herausgeber. Zum einen wird nochmal die erfahrungsgeleitete Sicht vieler Beiträge – und damit deren inhärente Vor- und Nachteile – betont. Zum anderen werden zusätzliche Aspekte zu den Themenfeldern aufgegriffen, die die Relevanz mancher vorgetragenen Ansätze untermauern bzw. ergänzen.
Zu den Herausgebern
Prof. Dr. Dieter Thomaschewski ist seit 2006 Professor für Betriebswirtschaftslehre insbesondere Management an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft, Ludwigshafen am Rhein und wissenschaftlicher Leiter des Institutes für Management und Innovation (IMI). Er hält Lehrveranstaltungen an der Donau Universität Krems und an der PHW Bern. Die DUK ernannte ihn 2004 zum Ehrenprofessor. Vor seiner Hochschultätigkeit war er in verschiedenen führenden Funktionen der BASF-Gruppe tätig, u. a. als Leiter BASF Venezolana, Präsident Information Systems USA, Präsident Düngemittel Division und Präsident Regionalbereich Europa.
Prof. Dr. habil. Rainer Völker ist Leiter des Instituts für Management und Innovation (IMI) und lehrt Management an der Hochschule Ludwigshafen am Rhein sowie an der Universität St. Gallen. Er ist außerdem als Managementberater, Referent und Mitglied von Aufsichts- und Beiräten tätig. Vor seiner Tätigkeit an der Hochschule hatte er verschiedene Führungsfunktionen bei Unternehmen der Industrie und aus Dienstleistungsbranchen inne. Er ist zudem Mitbegründer verschiedener Start-ups. Seine derzeitigen Schwerpunkte in der Forschung liegen in den Bereichen Innovation, Nachhaltigkeit und Entscheidungsfindung.
I Wettbewerbsdynamik
1 »Staat-Up« für eine neue Gründerzeit
Nadine Schön

1.1 Mit politischen Reformen zu wirtschaftlichem Erfolg
Deutschlands Position in der Weltwirtschaft ist bemerkenswert und eine Erfolgsgeschichte: Wir sind Europas größte Volkswirtschaft, Exportnation, Entwickler modernster Maschinen und Verfahren, Forschungsstandort. Die berühmte »deutsche Gründlichkeit« und Arbeitseifer sind international mittlerweile gängige Narrative über Deutschland. Das kam nicht über Nacht. Die Geschichte der deutschen Volkswirtschaft ist eine Erzählung von großen Herausforderungen und politischen Reaktionen auf diese.
Mehrfach in den letzten gut 200 Jahren fand Deutschland sich wirtschaftlich und politisch am Boden. Mehrfach leiteten kluge Reformen den wirtschaftlichen (Wieder-)Aufstieg ein. Ein Beispiel verdeutlicht das: Nach der Niederlage gegen Napoleon lag Preußen Beginn des 19. Jahrhunderts am Boden – militärisch besiegt, politisch und technologisch unterlegen. Während anderorts, vor allem in Großbritannien, der Strukturwandel von einer Agrargesellschaft hin zu industrieller Produktion Fahrt aufnahm, war davon in Preußen wenig zu spüren. Die Gründe fand man in den Strukturen selbst: zu unproduktiv, unkoordiniert, planlos agierte die Verwaltung, zu unstrukturiert, rückständig war das Bildungssystem. Von dieser Erkenntnis getrieben, schafften Reformer wie Karl Freiherr von Stein und sein Partner im Geiste, Karl August von Hardenberg, einen neuen Staatsapparat. Wilhelm von Humboldt krempelte das Bildungssystem um. Die Reformen waren so kontrovers wie radikal, vor allem aber schafften sie die Grundlage für einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufstieg. Innerhalb weniger Generationen stieg Deutschland zu einer Hochtechnologienation auf, es entstanden Firmen, die noch heute unsere Wirtschaft prägen, wie Siemens, BASF, Bayer oder AEG. Das alles war sicherlich nicht ausschließlich auf den Staat zurückzuführen, es brauchte auch Unternehmergeist, Innovation und Startkapital. Aber Reformen hin zu echter Gewerbefreiheit, Abschaffung der Zünfte, Aufbau einer Ministerialbürokratie, Änderungen im Unternehmensrecht und die Umstellung hin zum humanistischen Bildungsideal nach Humboldt legten den Grundstein, auf dem der wirtschaftliche Aufstieg stattfand.

Abb. 1: Die erste Gründerzeit in Deutschland (Quelle: Heilmann/Schön, 2020)
1.2 Von der industriellen in die digitale Revolution – mit 4 Säulen
Auch heute sind die Herausforderungen riesig – vom Klimawandel über eine alternde Gesellschaft bis hin zu Pandemien und zur Digitalisierung. Unsere Ausgangsposition ist heute eine ganz andere, eine komfortablere: jahrelange Vollbeschäftigung und ausgeglichene Haushalte, Exportüberschüsse und Rekordsteuereinnahmen. Das ist ein Verdienst von Unternehmergeist und guter Wirtschaftspolitik, darf uns aber nicht blind für den Druck um uns herum machen. Denn die Welt um uns herum dreht sich immer schneller. Die Geschwindigkeit, mit der wir uns auf neue Situationen einstellen müssen, nimmt zu. Klar ist: Wir werden uns in den nächsten 10 Jahren strukturell so stark verändern müssen wie in den letzten 70 Jahren.
Denn auch in dieser Revolution ist Deutschland spät dran – aber noch nicht zu spät. Auch jetzt können wir mit guten Aussichten zur Aufholjagd ansetzen, wenn wir eine neue Gründerdynamik entfalten. Natürlich geht es dabei nicht darum, die Rezepte von vor 150 Jahren zu kopieren. Aber die fundamentalen Erfolgsfaktoren haben sich seither erstaunlich wenig verändert. Ein vitales Start-up-Ökosystem im 21. Jahrhundert wird von denselben drei Säulen getragen wie die Gründerzeit des 19. Jahrhunderts: Staat, Kapital und Wissen. Ein moderner, funktionierender Staat mit kluger Regulierung, guten Bedingungen für Forschung und Wissenstransfer sowie aktivem und einsetzbarem Risikokapital ist auch heute in der Lage, eine enorme wirtschaftliche Dynamik zu entfesseln. Dazu kommt eine vierte Säule, die vor 150 Jahren nur begrenzt berücksichtigt wurde: die Mitarbeiter. Je einfacher und besser sie am Erfolg eines Unternehmens beteiligt werden können, desto größer ist die Motivation für den Einzelnen und damit die Erfolgschancen für das Unternehmen.
Zur ersten, wohl wichtigsten Säule: Wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftlicher Wohlstand hatten schon immer ihr Fundament in funktionierenden staatlichen Strukturen und Systemen. Fehlt es daran, helfen keine Förderprogramme und keine Industriepolitik, keine Planwirtschaft, keine Ausgabenpläne und keine Konjunkturhilfen. Um den Staat nicht nur irgendwie am Laufen zu halten, sondern ihn zukunftsfähig zu machen, benötigen wir eine grundlegende Reform der staatlichen Verwaltung. Wie eine solche grundlegende Reform aussehen kann, sprengt den Rahmen dieses Kapitels.1 An dieser Stelle möchte ich Vorschläge vorstellen, wie wir gezielt die Start-Up-Szene in Deutschland fördern und eine neue Gründerzeit starten können.
1.3 Kapital für das Start-up-Ökosytem
Etwas ausführlicher will ich auf die zweite Säule eingehen: Das Kapital. Der erste Ansatzpunkt muss dabei am Anfang liegen: bei der Anschubfinanzierung von Unternehmen. Start-ups sind wie Raupen. Sie haben nimmersatten Hunger, wachsen schnell, und die wenigsten überleben lang genug, um sich als schillernde Schmetterlinge zu entpuppen. Die digitale Gründerzeit entwickelt dabei sogar einen noch stärkeren Appetit als die industrielle – und verlangt noch lauter nach frischem Kapital. Der Wettbewerb ist global, und die Regeln der Plattformökonomie begünstigen nur die Besten, Schnellsten, Größten: Es gilt das Prinzip »the winner takes it all«. Wer mithalten will, muss auf schnelles und kapitalintensives Wachstum setzen. Und die passende Kapitalform für diesen ebenso großen wie frühen Kapitalbedarf ist Wagniskapital.
Bisher sieht es in puncto Wagniskapital in Deutschland und Europa bescheiden aus: Im Jahr 2018 wurden in ganz Deutschland gerade einmal 4,6 Milliarden Euro Wagniskapital investiert – weniger als ein Zehntel dessen, was US-amerikanischen Start-ups zugutekommt. 2019 lagen England und Frankreich bei VC-Investitionen in junge Unternehmen vor Deutschland. Und: Auch ganz Europa gerät ins Hintertreffen, nicht nur gegenüber den USA. Während sich die Investitionen in Europa zwischen 2012 und 2017 immerhin fast verdreifachten, sprangen sie in Asien auf fast den 15-fachen Betrag – und damit auf das Niveau der USA.
Besonders groß ist der Finanzierungsnachteil der jungen Unternehmen in Europa während der späteren, besonders kapitalintensiven Wachstumsphase. In Europa wird pro Finanzierungsrunde deutlich weniger Geld eingesammelt als in Asien und den USA. Facebook, Tesla und Uber haben während ihrer Entwicklung durchschnittlich gut 5 Milliarden Dollar eingesammelt – was sie konnten, weil Wagniskapitalgeber in den USA grundsätzlich mehr als 50 Prozent ihrer Mittel in dieser Phase investieren. In Europa sind es dagegen nur 38 Prozent. Darüber hinaus sind die Unterschiede nicht nur beim gesamten Investitionsvolumen, sondern auch bei den durchschnittlichen Investitionen pro Unternehmen gravierend.
Der Mangel an Wagniskapital in Deutschland hat verheerende Folgen: Jedes vierte Start-up will ins Ausland gehen, weil zu Hause das Geld fehlt und weil Mitarbeiterbeteiligungen

Abb. 2: Investitionslücken im Wachstumsprozess von Start-ups (Quelle: Heilmann/ Schön, 2020)
zu kompliziert und zu teuer sind. Das Geschäft wird häufig im Ausland gemacht. Das Datenkompressionsverfahren MP3 etwa wurde in Erlangen entwickelt und von der Fraunhofer-Gesellschaft patentiert. Doch deutsche Firmen wie Siemens zögerten, auf diese neue Technologie zu setzen – mit dem Ergebnis, dass der erste MP3-Player in Korea produziert wurde. Deutschland meldet in Europa die meisten Patente an, doch weil das Wagniskapital fehlt, heißt es oft: Invented in Germany, sold somewhere else.
Dass US-Unternehmen schneller und früher mit mehr Wagniskapital rechnen können und auch größere Finanzierungsrunden möglich sind, liegt vor allem an zusätzlichen Akteuren auf dem Markt: den mächtigen Pensionskassen und Versicherungen. Wollen wir eine neue Gründerzeit in Deutschland auslösen, brauchen wir vor allem attraktivere Bedingungen für solche institutionellen Investoren. Einen großen Schritt in diese Richtung hat die Bundesregierung gerade mit einem Zukunftsfonds für Wachstumskapital getan. Ein Dachfonds soll es institutionellen Anlegern vereinfachen, in Venture-Capital-Fonds zu investieren. Außerdem sollen bisherige Instrumente mit Wachstumsfaszilitäten ergänzt werden und somit die Finanzierungslücke gerade bei größeren Runden schließen. Der Fonds soll im kommenden Jahr starten und in den nächsten Jahren auf ein Volumen von zehn Milliarden Euro staatliches Kapital anwachsen. Gehebelt um das private Kapital kann man von mindestens dem doppelten, vielleicht dreifachen Volumen ausgehen – ein echter Quantensprung. Gemeinsam mit den bereits bestehenden – in den letzten Jahren geschaffenen oder ebenfalls stark angewachsenen – Instrumenten für Wachstumsfinanzierung wie HTGF, Coparion, KfW Capital und EIF wird die Bundesrepublik damit erstmals in ihrer Geschichte über eine veritable Finanzierungslandschaft für Wagnis- und Wachstumskapital verfügen.
1.4 Konkrete Vorschläge für mehr Gründungsdynamik
Zur Schaffung institutioneller Player für Wagniskapital passt eine Reform des deutschen Rentensystems: Durch den Aufbau eines Kapitalstocks, den wir nach Vorbild skandinavischer Staatsfonds breit anlegen, wollen wir die Beitragslast der Arbeitnehmer reduzieren und Rentenniveaus absichern. Von der im Staatsfond geschaffenen Liquidität sollen in Teilen auch Start-ups durch verbesserten Zugang zu institutionellem Wagniskapital profitieren.
Aber auch darüber hinaus kann Deutschland mit einem ganzen Bündel von Maßnahmen zusätzliche Anreize schaffen, damit institutionelle Anleger mehr Wagniskapital zur Verfügung stellen: Es gibt keinen Grund, warum institutionelle Anleger in Deutschland steuerlich schlechter gestellt sein sollten als sonst in der EU. Deshalb sollte die Besteuerung von Management-Fees europaweit gleich behandelt werden. Weitere Möglichkeiten für steuerliche Anreize gibt es bei der Beteiligung an innovativen kleinen bis mittleren Unternehmen – hier könnte die Investition als Sonderabschreibung von Betriebsausgaben geltend gemacht werden. Zudem könnten Veräußerungsgewinne im Falle einer Reinvestition auf neue Investitionen übertragen werden – mit aufschiebender Wirkung auf die Versteuerung des Gewinns.
Einen ähnlich großen Effekt wie Steuererleichterungen können auch Bürokratieerleichterungen haben. Man kann sich vorstellen, wie die Welle an Formularen, die auf Neugründer erbarmungslos zurollt, Enthusiasmus dämpfen kann. Vom Notar zum Handelsregister, vom Ordnungsamt zum Finanzamt: Gründer müssen einen »Bürokratiemarathon« durchstehen, bevor sie durchstarten können. Junge Unternehmer gestalten die digitale Welt, verzweifeln jedoch häufig an einer analogen Verwaltung. Um Start-ups gerade in den ersten Jahren von Bürokratie entlasten zu können, müssen wir auf europäischer Ebene abgrenzen, welche Unternehmen wie lange und bis zu welcher Größe als Start-ups gelten sollen. Erst wenn wir diese Definition haben, bekommen wir den Weg frei für umfassenden »Welpenschutz« – etwa bei Nachweispflichten, Dokumentationen und vielleicht sogar im Arbeitsrecht.
Den großen Märkten in den USA oder China begegnen wir am besten mit einem gemeinsamen Start-up-Binnenmarkt. Nur so entsteht ein geeigneter Raum für die schnelle Skalierung von Geschäftsmodellen. Eine wichtige Aufgabe kann der EU auch im weiteren Wachstumsverlauf zukommen. Groß zu werden ist schon sehr schwierig, groß zu bleiben noch schwieriger. Ist ein neues Unternehmen – gerade in den digitalen Sektoren – erfolgreich, hagelt es Kaufangebote wie bei Fußball-Jungstars. Die Offerten kommen regelmäßig aus dem Ausland, sind häufig milliardenschwer und stammen oft von Wettbewerbern (man denke nur an Facebooks erfolgreiche Jagd auf WhatsApp und Instagram). In Europa gibt es nur wenig bis keine solcher Käufer.
Als Antwort bietet sich eine Forcierung europäischer Börsengänge an. Denn die Supertanker aus China und den USA sind alle börsennotiert und wegen ihrer entsprechenden Größe potenzielle Aufkäufer. Hier kann ein entsprechendes europäisches Börsensegment helfen – und ein europäischer Market Maker. Die Europäische Investitionsbank (EIB) sollte den Auftrag bekommen, sich gezielt an Erstnotierungen zu beteiligen. Das kann zuerst den Börsengang erleichtern und danach in den meist sehr volatilen ersten Börsenmonaten für mehr Liquidität bei den Aktien sorgen.
1.5 Transfer exzellenter Forschung und Entwicklung in exzellente junge Unternehmen
Um die dritte Säule eines verbesserten Ökosystems zu stärken, das Wissen, müssen wir die Universitäten zu kräftigeren Treibern der Gründungs- und Transformationsdynamik machen – wie schon im 19. Jahrhundert in Deutschland und wie heute in den USA. Natürlich spielen auch im heutigen Deutschland die Universitäten eine entscheidende Rolle für die Entwicklung marktträchtiger Ideen. Deutschland gibt anteilig mehr für Forschung aus als die USA, China oder Frankreich; von 2005 bis 2018 haben sich die Forschungsausgaben des Bundes verdoppelt. Technische Hochschulen wie die RWTH Aachen oder die TU München haben einen hervorragenden Ruf. Auch Institutionen wie die wirtschaftsnahen und praxisorientierten Fraunhofer-Institute suchen in der Welt ihresgleichen. Mit den Worten von Hans-Jörg Bullinger, dem früheren Präsidenten der Fraunhofer-Gesellschaft: »Forschung macht aus Geld Wissen, Innovationen machen aus Wissen Geld«.
Denn so gut der Wissenstransfer zwischen Hochschulen und den bestehenden deutschen Unternehmen oft funktioniert, so sehr fehlt es an Aus- und Neugründungen. Und an Storys wie der von Larry und Sergey, zwei Studenten der kalifornischen Universität Stanford, die 1997 während ihres Studiums eine zündende Idee entwickelten. Bereits nach wenigen Wochen wandten sie sich an Professor David Cheriton, um über Möglichkeiten der Finanzierung zu sprechen. Cheriton empfing die beiden nonchalant auf seiner Veranda, gab ihnen den Rat: »If you have a baby, you need to raise it« und stellte ihnen einen Scheck über 200.000 Dollar aus – der die ersten Schritte von Google finanzierte und Larry (Page), Sergey (Brin) und ihn selbst zu Milliardären machte. 2011 waren bereits rund 1.300 Stanford-Absolventen bei Google angestellt. Auch in Deutschland gibt es viele Studenten, Absolventen, Doktoranden, Assistenten, die an der Universität eine zündende Idee entwickeln. Aber nur die wenigsten von ihnen schaffen es, daraus marktfähige Produkte und florierende Unternehmen zu machen – denn der Weg von der Forschungsphase bis zur Markteinführung führt in der Regel durch das sog. Death Valley, in dem die notwendigen Investitionen steigen und die Erlöse noch nicht da sind. Für diese Durststrecke bis zum Marktstart benötigen die meisten Start-ups eine Finanzierung. Wenn wir solche Start-ups fördern wollen, müssen die Universitäten selbst zu Investitionsökosystemen werden – ein eigener Universitätsfonds kann dazu beitragen.
Der Universitätsfonds stellt ausgewählten Universitäten Kapital für Beteiligungen an Start-ups zur Verfügung, sofern dies auch Privatinvestoren zu denselben Konditionen tun. Diese Bedingung soll dafür sorgen, dass es beim University Venture Capital nicht zu Gefälligkeitsinvestitionen kommt, sondern tatsächlich ein Markterfolg anvisiert wird. Zusätzliche Privatinvestoren sollen den Fonds aufstocken. Als Vorbild kann in diesem Fall »Oxford Sciences Innovation« dienen. Das Venture-Capital-Unternehmen unterhält eine Partnerschaft mit der University of Oxford und sammelte bereits im Gründungsjahr 2015 bei prominenten Finanziers wie Google rund 600 Millionen Pfund ein, um sich an Ausgründungen aus der britischen Universität zu beteiligen.
1.6 Die Mitarbeiter stehen im Zentrum der neuen Gründerzeit
Die vierte Säule unseres Start-up-Ökosystems gehört den Mitarbeitern. Start-ups müssen bei der Suche nach hochqualifizierten Talenten unterstützt werden. Rund zwei Drittel der deutschen Start-ups klagen über Schwierigkeiten bei der Personalsuche, weil etablierte Unternehmen mehr Sicherheit und höhere Gehälter bieten. Im globalen War for Talents bekommen sie die jungen und risikoaffinen, nicht aber die erfahrenen und stabilisierenden Mitarbeiter. Daher setzen viele Start-ups auf eine moderne Unternehmenskultur, flache Hierarchien, verantwortungsvolle Aufgaben und eben Mitarbeiterbeteiligungen, die Angestellte am Erfolg des Unternehmens teilhaben lassen.
Mitarbeiterbeteiligungen können die Wettbewerbsnachteile der Start-ups verringern, indem sie bei langfristiger Bindung eine Aussicht auf zusätzliche Entlohnung eröffnen. Zudem machen sie Mitarbeiter im besten Fall zu Business Angels und seriellen Entrepreneuren, die ihr Geld nach und nach in weitere, ob eigene oder andere Start-ups stecken und sie über die wechselseitigen Beteiligungen noch enger vernetzen. Im Falle eines Exits bedeutet das, dass Mitarbeiter wie die Gesellschafter einen Teil des Verkaufspreises erhalten. Bei sehr guten Exits kann dieser kleine Teil durchaus in die Tausende gehen, und es ist diese Aussicht, die viele dazu bewegt, Abstriche beim Festgehalt im Vergleich zum Konzerngehalt zu machen. Mitarbeiterbeteiligungen im Falle eines Exits sind also enorm wichtig, sowohl für die Angestellten als auch für die Start-ups selbst. Nicht selten ist die Form der Beteiligung eine der ersten Fragen, die in Bewerbungsgesprächen gestellt werden.
Was sich in der Theorie einfach anhört, erweist sich in der Praxis allerdings oft als schwierig. Mitarbeiterkapitalbeteiligungen verfolgen im Grunde zwei Ziele: Sie sollen erstens motivieren; das wird durch die Teilhabe am Exit-Erlös und die Aussicht auf eine überproportionale Vergütung erreicht. Zweitens sollen wichtige Angestellte an das Unternehmen gebunden werden. Darum wird die Beteiligung nicht schon zu Beginn eingeräumt, sondern über typischerweise zwei bis drei Jahre mit kontinuierlichem Zuwachs erarbeitet (Anwachsungsklausel) und darüber hinaus vereinbart, dass die Beteiligung bei früherer Kündigung ganz oder teilweise verfällt (Verfallsklausel). Beide Klauseln sind mit der GmbH als häufigster Rechtsform der Start-ups kaum wirtschaftlich umzusetzen. Denn jede Anteilsübertragung bedarf einer notariellen Beurkundung und Aktualisierung des Handelsregisters. Zudem bringen echte Anteile auch unabdingbare Informations-, Einsichts-, Anfechtungs- und Stimmrechte mit sich, die Gesellschafterversammlungen sehr kompliziert machen. Anders als die AG ist die GmbH also schon strukturell nicht auf viele und häufig wechselnde Minderheitsgesellschafter ausgelegt.
Von daher könnte man meinen, dass die AG die Gesellschaftsform der Wahl sei – was wenig verwundern würde. Schon in der Gründerzeit des 19. Jahrhunderts hatte das Gesellschaftsrecht zur dynamischen Entwicklung beigetragen – nach gründlicher Vorarbeit. Den Stein-Hardenberg-Reformen ab 1807 folgte eine ganze Kaskade von juristischen Reformen. Nach dem Urheberschutzgesetz von 1837 wurde 1843 das preußische Aktienrecht eingeführt, 1861 folgte mit dem Allgemeinen Deutschen Handelsgesetzbuch das erste gesamtdeutsche Gesetzbuch, 1877 das Deutsche Patentgesetz. Als Gottlieb Daimler 1884 in seinem Gewächshaus mit Wilhelm Maybach am Verbrennungsmotor bastelte und sein Vermögen nicht ausreichte, um seine Entwicklung zu finanzieren, waren alle rechtlichen Voraussetzungen vorhanden, die er zur Gründung seiner Aktiengesellschaft Daimler-Motoren-Gesellschaft brauchte. Erst sie brachte ihm finanzstarke Aktionäre ins Haus und legte das Fundament des späteren Weltkonzerns.
Die Tatsachen allerdings sprechen dagegen, dass jungen Unternehmen heute noch mit der AG gedient wäre. Anders als in der Schweiz sind die allermeisten Kapitalgesellschaften in Deutschland eine GmbH. Das hat verschiedene Ursachen: Die Gründung einer AG ist deutlich aufwendiger und kostspieliger – das erforderliche Stammkapital ist mit mindestens 50.000 Euro doppelt so hoch wie bei der GmbH. Sodann ist die Struktur der AG komplizierter – der Aufsichtsrat als weiteres Organ neben Gesellschafterversammlung und Management ist vorgeschrieben. Und schließlich ist das Aktienrecht zwingend, während das GmbH-Recht abweichende Satzungsregelungen zulässt. Die GmbH ist damit sehr viel flexibler und kann besser auf die Bedürfnisse der Gesellschafter und des Managements ausgerichtet werden. Diese Nachteile können die Vorteile der leichten Übertragbarkeit der Aktien offenbar nicht ausgleichen.
1.7 Ein Update im Unternehmensrecht macht Start-ups wettbewerbsfähiger
Zudem gibt es ein Lösungsmodell für die Beteiligung an der GmbH: Die Mitarbeiter erhalten keine echten, sondern »virtuelle Anteile«, die Angestellte wirtschaftlich so stellen sollen, als wären sie Gesellschafter. Mitarbeiter werden ohne Notar- oder Gerichtskosten am Erfolg des Unternehmens beteiligt, Anwachsungs- und Verfallsklauseln sind leicht umzusetzen, und die Gesellschafterrechte werden auch nicht erworben. Allerdings gibt es für diese Vertragswerke keinen dezidierten Rechtsrahmen. Sie stehen und fallen mit der konkreten Vertragsgestaltung – sind die unklar oder lückenhaft, kann es passieren, dass die Mitarbeiter am Ende leer ausgehen. Hier besteht also ein dringender gesellschaftsrechtlicher Handlungsbedarf – es braucht eine Zukunfts-GmbH.
Zentrales Merkmal der Zukunfts-GmbH ist die digitale Abbildung von echten anstatt virtuellen Unternehmensanteilen. Hierdurch wird die Beteiligung von Mitarbeitern am Unternehmen wesentlich erleichtert. Digitale Anteile ermöglichen nicht nur Kleinsttransaktionen von Geschäftsanteilen, sondern erlauben auch eine Automatisierung der Zuteilung. Die Digitalisierung der Geschäftsanteile soll neben der Verbesserung der Mitarbeiterbeteiligung auch der schnelleren, rechtssicheren Gründung und der einfacheren Eigenkapitalbeschaffung dienen.
Diese Zukunfts-GmbH soll die Rechtsform der GmbH nicht ersetzen, sondern ergänzen. Ihr Rechtsrahmen soll speziell auf die Bedürfnisse der Mitarbeiterbeteiligung zugeschnitten werden. Das heißt, dass eine rein wirtschaftliche Beteiligung ebenso möglich sein muss wie eine Mikrotransaktion, die im Handelsregister idealerweise kostenfrei umgesetzt wird. Diese Ziele können mit einer vollständig digitalen Infrastruktur leicht erreicht werden. Die zentralen Parameter der Beteiligung werden einmal programmiert und dann weitestgehend automatisiert umgesetzt. Hierzu können Notare direkte Schreibrechte für das Mitarbeiterbeteiligungsregister bekommen, sodass die zuständigen Gerichte entlastet werden und ein Kostenpunkt eliminiert wird. Wir stärken so die Rechtsposition der Mitarbeiter, weil sie nunmehr echte Gesellschafter werden und sich nicht auf die Vertragswerke der Start-ups verlassen müssen. Außerdem können Musterverträge durch einen digitalen Generator zur Verfügung gestellt werden, der ausgewogene Inhalte kostengünstig bereitstellt. Auf diese Weise sind die Mitarbeiterbeteiligungsprogramme auch skalierbar, sodass man nicht nur Führungskräfte, sondern grundsätzlich alle Angestellten am Erfolg des Unternehmens beteiligen kann.
Zusätzlich zum Regelungsrahmen für eine digitale Kapitalgesellschaft muss sichergestellt sein, dass die Zukunfts-GmbH auch in steuerlicher Hinsicht zukunftsfähig ist. Insbesondere »trockenes« Einkommen sollte vermieden werden – zu versteuerndes Einkommen, das noch gar nicht realisiert wurde, darf auch zu keiner Steuerschuld führen.
Darüber hinaus halten Gesellschafter ihre Anteile grundsätzlich in Holding-Gesellschaften. Der Vorteil ist, dass ein Erlös aus dem Verkauf von Anteilen dann nahezu steuerfrei ist – es greift weder die Körperschafts- noch die Einkommenssteuer. Erst wenn es zu einer Auszahlung an den Gesellschafter kommt, sind die Entnahmen steuerlich relevant, Erlöse können fast vollständig weiter investiert werden. Fehlt es dagegen an einer Holding, sind Erlöse mit bis zu 45 Prozent Einkommenssteuer belastet, sodass für andere Investitionen nur gut die Hälfte der Erlöse zur Verfügung steht.
Die Erfahrung zeigt ohnehin, dass größere Erträge durch Beteiligungen oft im Start-up-Ökosystem bleiben. Die Mitarbeiter von heute sind nicht selten die Gründer von morgen. Das nochmalige oder erstmalige Gründen sollte daher nach einem Exit auch steuerlich begünstigt werden. Der Betrag, der in eine neue operative Gesellschaft fließt, sollte steuerlich absetzbar sein. Damit würden Mitarbeiter gegenüber der allgegenwärtigen Holding-Konstruktion sogar begünstigt, während gleichzeitig frisches Kapital in Start-ups fließt.
1.8 Mitarbeiterbeteiligung gezielt fördern – auch über das eigene Unternehmen hinaus
Wenn die Beteiligung von Mitarbeitern am Unternehmen erleichtert wird, entsteht allerdings ein ganz eigenes Risiko: Es wird alles auf die Karte eines einzigen Unternehmens gesetzt. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die allermeisten Start-ups scheitern, bevor Mitarbeiterbeteiligungen werthaltig werden. Allein dieser Aspekt kann viele Menschen davon abhalten, im Start-up-Sektor zu arbeiten. Könnte man das Risiko des Totalverlusts minimieren und stattdessen die überproportionale Verdienstaussicht erhalten, würde das Start-up-Ökosystem in Deutschland insgesamt einen enormen Schub bei der Einstellung von exzellentem Personal verzeichnen. Deshalb plädieren wir für die Einrichtung eines Mitarbeiterbeteiligungsfonds.
Dieser von der öffentlichen Hand geförderte Fonds kann Anteile an allen Unternehmen erwerben, die ihre Mitarbeiter am Unternehmenskapital beteiligen. Das soll folgendermaßen funktionieren: Wenn Start-ups normale Mitarbeiterbeteiligungen in Höhe von 5 Prozent ausgeben und dann weitere 5 Prozent in den Fonds einzahlen, sichern sie sich zwei Gegenleistungen: Erstens erhalten sie aus dem Fonds einen entsprechenden Beitrag als Kapitalerhöhung, und zweitens werden entsprechende Fondsanteile auf die Mitarbeiter übertragen. Kommt es bei einem der Unternehmen, an denen der Fonds beteiligt ist, zu einem Exit, können die Mitarbeiter einerseits direkt am Erfolg partizipieren – über die Anteile, die sie persönlich halten. Andererseits partizipieren sie auch indirekt – über die Beteiligung des Fonds, genau wie auch dessen andere Teilhaber. Eine solche indirekte Erfolgsbeteiligung erhalten sie aber auch, wenn es bei einem anderen Unternehmen, an dem der Fonds Anteile hält, zu einem Exit kommt. Dadurch wird eine effektive Diversifizierung des Risikos erreicht, das mit der Kapitalbeteiligung einhergeht; die Attraktivität von Start-ups als Arbeitgeber erhöht sich.
Die Attraktivität des Fonds kann zudem dadurch gefördert werden, dass die Start-ups, die eine bestimmte Anzahl von Anteilen in den Fonds einbringen, einen dem Wert der Anteile entsprechenden Betrag erhalten. Die Bewertung der Anteile sollte sich dabei am Nominalwert bzw. am Wert der letzten Finanzierungsrunde bemessen. Beispiel: Werden 5 Prozent des Stammkapitals an Mitarbeiter zu einer Bewertung von 10 Mio. Euro ausgegeben, dann erwirbt auch der Fonds für 500.000 Euro im Wege der Kapitalerhöhung 5 Prozent Anteile an dem Start-up. Gleichzeitig erhalten die Mitarbeiter des Start-ups kostenlos Anteile an dem Fonds und dadurch eine Beteiligung an allen Unternehmen, in die der Fonds eingestiegen ist.
Jede Gründerzeit basiert auf neuen Geschäftsideen. Davon gibt es heute mehr denn je, aber nicht so sehr bei uns. Wo sie wachsen können, hängt sehr vom Klima ab – von Mitarbeitern, Kapital und Rechtssicherheit. Für das unmittelbare Ökosystem der jungen Unternehmen haben wir unsere Vorschläge gemacht. Sie allein genügen allerdings noch nicht, wir müssen größer denken: in der Regulierung, bei den Talenten und in der Finanzierung. Wenn Sie mehr erfahren wollen, lesen Sie in Neustaat nach.
Zur Autorin
Nadine Schön ist seit 2009 direkt gewählte Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis 298 im Saarland. Seit 2014 gehört sie dem geschäftsführenden Vorstand der CDU/ CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag an. Als stellvertretende Fraktionsvorsitzende ist sie für die Themenfelder Digitale Agenda sowie Familie, Senioren, Frauen und Jugend verantwortlich.
Literatur
Acatech, 2019: Innovationskraft in Deutschland verbessern: Ökosystem für Wachstumsfinanzierung stärken, abrufbar unter: https://www.acatech.de/publikation/innovationskraft-in-deutschland-verbessern/ (Abruf am 27.12.20)
Bitkom, 2019: Schwierige Finanzierung: Jedes vierte Startup denkt über Umzug ins Ausland nach, abrufbar unter: https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Schwierige-Finanzierung-Jedes-vierte-Startup-denkt-ueber-Umzug-ins-Ausland-nach (Abruf am 27.12.20)
Bundesministerium für Bildung und Forschung, 2020: Bildung und Forschung in Zahlen 2019, abrufbar unter: https://www.bmbf.de/upload_filestore/pub/Bildung_und_Forschung_in_Zahlen_2019.pdf (Abruf am 27.12.20)
BVK, Roland Berger, Internet Economy Foundation, 2018: Treibstoff Venture Capital – Wie wir Innovation und Wachstum befeuern. Abrufbar unter: https://www.bvkap.de/sites/default/files/news/vc_studie_von_ief_bvk_roland_berger_treibstoff_venture_capital.pdf (Abruf am 27.12.20)
Ernest & Young, 2020: EY French Venture Capital Barometer, abrufbar unter: https://www.ey.com/fr/fr/services/strategic-growth-markets/ey-french-venture-capital-barometer-annual-results-2019 (Abruf am 27.12.20)
Heilmann, Thomas / Schön, Nadine: Neustaat. Politik und Staat müssen sich ändern, Münchener Verlagsgruppe, 2020.
Netzökonom, 2018: Wert der Plattform-Ökonomie steigt im ersten Halbjahr um 1 Billion Dollar, abrufbar unter: https://www.netzoekonom.de/2018/06/24/wert-der-plattform-oekonomie-steigt-im-ersten-halbjahr-um-1-billion-dollar/ (Abruf am 27.12.20)
OECD, 2019: Pension Marcets in Focus, abrufbar unter: http://www.oecd.org/daf/fin/private-pensions/Pension-Markets-in-Focus-2019.pdf (Abruf am 27.12.20)
Tagesspiegel, 2019: Rekordinvestitionen in deutsche Start-ups, abrufbar unter: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/start-up-barometer-2018-rekordinvestitionen-in-deutsche-start-ups/23849192.html (Abruf am 27.12.20)
2 Die Corona-Krise und ihre Folgen: Herausforderungen für deutsche Unternehmen
Dago Diedrich

Zuallererst ist Covid-19 (»Corona«) eine humanitäre Herausforderung. Es gilt, unter größtem Zeitdruck Menschenleben zu retten, weltweit medizinisches Wissen in der Impfstoffforschung zu generieren und zu teilen. Darüber hinaus beschleunigt dieser globale Virus in nie gekannter Geschwindigkeit Innovationen und die Weiterentwicklung von Unternehmen. Fundamentale Restrukturierungen werden um Jahre vorgezogen. Nicht nur bei Themen wie Mitarbeitersicherheit oder Lieferketten. Corona beschleunigt auch vorhandene Trends wie Elektromobilität, Nachhaltigkeit, Homeoffice oder lebenslanges Lernen. Branchen wie Telemedizin, Home Delivery und alles rund um Digitalisierung boomen.
Diese Pandemie hat in der jüngeren Geschichte keine Parallelen. Sie ist der größte wirtschaftliche Schock seit dem Zweiten Weltkrieg. Für das 2. Quartal 2020 in Deutschland vermeldet das Statistische Bundesamt mit –9,7 Prozent den stärksten Quartalsrückgang seit Beginn der Berechnungen im Jahr 1970. Eine eindrückliche Zahl und doch nur ein Mittelwert. Dahinter steht die enorme Spreizung von Unternehmen und persönlichen Schicksalen. Den einen kostet die Krise die Existenz, wenige erleben einen Boom, und die meisten Unternehmen kämpfen mittendrin. Aber womöglich sind die Ausgangschancen der Unternehmen in Deutschland besser als die ihrer europäischer Nachbarn. Eine McKinsey-Studie unter kleinen und mittleren Unternehmen zeigt, dass deutsche Unternehmen im Vergleich zu Frankreich, Italien, Spanien und dem Vereinigten Königreich bessere Chancen für einen geschäftlichen Neustart haben, da sie wirtschaftlich weniger getroffen wurden.
Für die Akteure in den Unternehmen stellte diese Krise ein beispielloses Maß an Unbekanntheit und Unsicherheit dar, zunächst in Bezug auf den Schutz ihrer Mitarbeiter, seitdem auf der Suche nach neuen Strategien. Wie werden sich ihr Unternehmen, ihre Branche und wirtschaftliche wie politische Rahmenbedingungen in Zukunft entwickeln? Und wie sollen sie darauf reagieren? Niemand hat eine Blaupause. Sicher ist nur: Die Neue Normalität (»New Normal«) verändert alle Ebenen eines Unternehmens, Organisation wie Produktion, Mensch und Maschine.
Wir haben Unternehmen aus nahezu allen Branchen seit Jahren begleitet – auch und gerade seit dem ersten Tag der Corona-Pandemie. Wir sehen ihre Herausforderungen, und spüren sie auch selbst als Unternehmen. Nach dem ersten schweren Schock zeigt sich: Drei Themen werden die Unternehmen im Jahr 2021 und darüber hinaus prägen: Menschen, Märkte, Lieferketten. Wie ist die jeweilige Ausgangslage und welche konkreten Handlungsempfehlungen können wir geben? Das haben wir im Folgenden untersucht.
2.1 Zukunftsfähigkeit: Innovative Geschäftsmodelle
Einen eindeutigeren Beweis hat es seit Jahrzehnten nicht gegeben. Unternehmen, die schnell auf eine Krise reagieren können, überleben. Wer es nicht kann, steht vor einer mehr als unsicheren Zukunft.
Ehrliche Bestandsaufnahme
Binnen Tagen hat die Pandemie Schwächen in der Unternehmensaufstellung und -führung offengelegt. »Wir haben Grenzen und Silos auf eine Art und Weise beseitigt, die sich niemand zuvor hätte vorstellen können«, beschreiben zahlreiche CEOs ihre Erfahrungen in einer McKinsey-Umfrage. Oder: »Wir haben gelernt, welche Fähigkeiten in unseren Unternehmen wirklich erforderlich sind«. Plötzlich wurde gehandelt statt diskutiert, kooperiert statt beäugt. Unterschiedlichste Firmen nutzen seitdem digitale Plattformen, um ihre Kompetenzen über die Betriebsabläufe hinweg zu bündeln. Wenn auch unter Wachstumsschmerzen lautet das Fazit dieser CEOs: »Es gibt kein zurück«. Denn Entscheidungen fielen schneller und oft in neuen, kompetenten und cross-funktionalen Teams. Bürokratische Prozesse wurden ausgehebelt und die Kommunikation offener. Ein wenig wie in Deutschlands Schulen: Dort diskutierten ministerielle Führungskräfte jahrelang das Wie und Wann der Digitalisierung. Erst unter dem Druck, Kinder außerhalb der Schulräume unterrichten zu müssen, wurde Ideen in Windeseile umgesetzt – zumindest in Teilen.
Der Digitalisierungsfortschritt der Schulen ist schwer messbar. Anders bei Unternehmen: Im Schnitt um drei bis vier Jahre verkürzten erfolgreiche Unternehmen schon nach dem ersten Krisen-Halbjahr die Digitalisierung ihrer Kundenbeziehungen und Lieferketten sowie ihrer internen Abläufe. Um erstaunliche sieben Jahre beschleunigte sich der Anteil digitaler oder digital unterstützter Produkte in ihren Portfolios. Auch das zeigt eine aktuelle McKinsey-Studie. Heute sind mindestens 80 Prozent der Kundeninteraktionen dieser Unternehmen digital. Doch Verallgemeinerungen verbieten sich. Es kommt auf die Branche an. Den Führungskräften bspw. von verpackten Konsumgütern (CPG) ließ der Virus mehr Luft zum Atmen. Sie berichten von relativ geringen Veränderungen in ihren digitalen Produktportfolios. Bereiche wie Gesundheitswesen, Telemedizin und Pharma, Finanzdienstleistungen und freiberufliche Dienstleistungen trieb der Virus vor sich her. Sie machten einen fast doppelt so großen Digitalisierungssprung wie die CPG-Unternehmen. Stationäre Händler erobern den E-Commerce, Online-Händler dehnen ihr Produktportfolio aus, Banken erleben einen dramatischen Verhaltenswandel bei ihren Kunden und deren steigendem Interesse an neuen, digitalen Anbietern von Finanzprodukten.
Innovationen werden belohnt
Es ist Zeit durchzuatmen. Die ersten Schlachten sind geschlagen. Jetzt lautet die Aufgabe: Wie lassen sich Organisation und Geschäftsmodell der Neuen Normalität auf Dauer anpassen – ohne in alte Verhaltensweisen zurückzufallen? Kein Hexenwerk, der Werkzeugkasten ist bekannt. Zum Beispiel beim Thema Innovationen. Covid-19 hat den Trend zum immer höheren Innovationstempo nur nochmals beschleunigt. Künftige Geschäftsmodelle müssen mehr denn je in der Lage sein, schnell zu innovieren, sich anzupassen und zu skalieren. Im Kleinen wie im Großen. So haben findige Unternehmer seit Ausbruch der Krise neue Umsatzmöglichkeiten entdeckt. Sie kooperieren erfolgreich mit Medizintechnikern. Läden bieten Lieferdienste an, Musiker lassen sich für Privatkonzerte buchen. Wann, wenn nicht jetzt? Der Ernst der Lage gibt den Unternehmen die Lizenz zur Umverteilung von Prioritäten, Ressourcen und Geldern und zu einem neuen Fokus auf Nachhaltigkeit und Gemeinsinn. Zugleich ist die Bereitschaft der Kunden gestiegen, sich auf neue Konzepte einzulassen. Aber zahlt sich das auch aus?
Die Antwort gibt ein eindrucksvolles Chart (
Abb. 3) zur Marktkapitalisierung solcher Unternehmen seit der Finanzkrise im Jahr 2008: Ihre Entscheidungsfreude und Tatkraft wurden nachhaltig belohnt. Innovative Outperformer lagen bei der Marktkapitalisierung nicht nur 2009, zum Tiefpunkt dieser Krise, zehn Prozent über dem Durchschnitt. Auch in den Jahren danach übertrafen sie den Markt um mehr als 30 Prozent.
Viele profitierten davon, sich darüber hinaus ein Ökosystem von Partnern aufgebaut zu haben. Wer Netzwerke bildet, gewinnt tiefe Einsichten entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Wer diese nutzt, verbessert die eigenen Produkte oder Dienstleistungen und sichert sich somit einen Wettbewerbsvorteil. Als Folge steigender Innovationskraft und Kollaborationen boomen jetzt Cloud-basierte Plattformen und Dienstanbieter. Sie gewährleisten den Zugriff auf wichtige kundenseitige (z. B. Callcenter-Technologie) und geschäftskritische Plattformen (z. B. Handels- und Brokerage-Technologie bei Banken). Noch mehr Kapital wird nun auch in Automatisierung und Digitalisierung fließen. Nicht nur, um Kosten zu sparen und Prozesse zu vereinfachen. Sondern nach der Lehrstunde aus Covid-19 auch, um den Schutz von Mitarbeitern Verkaufsbereich oder Kunden an einer Supermarktkasse zu verbessern.
Aber woher kommt frisches Kapital in den nächsten Jahren? Strategie- und Budgetplanung für 2021 und darüber hinaus sind eine Herausforderung. 40 Prozent

Abb. 3: Marktkapitalisierung innovativer Unternehmen
der von McKinsey befragten CFOs und CSOs erwarten(zumindest kurzfristig) Schwierigkeiten beim Cashflow, vor allem aufgrund von Zahlungsproblemen bei den Kunden. 30 Prozent befürchten weitere Unterbrechungen ihrer Lieferketten. Auch diese Führungskräfte müssen agiler als bisher arbeiten, ihre Prozesse flexibilisieren und dafür neue Instrumente finden. CFOs haben erkannt, dass der traditionelle Budgetierungsprozess nicht zukunftsfähig ist. So geben in dieser Umfrage bspw. 43 Prozent der CFOs an, dass sie ihre gesamten Prozesse rationalisieren müssen, um schneller und effizienter reagieren zu können. 65 Prozent erwarten, dass im Jahr 2021 und darüber hinaus verstärkt rollierende Prognosen eingesetzt werden. Abbildung 4 zeigt, welche Schritte eine erfolgreiche Planung für 2021ff. enthalten sollte.
Die COVID-19-Krise hat Wertverschiebungen beschleunigt. Das bedeutet, die Messlatte, um an der Spitze zu bleiben, liegt künftig noch höher als bisher. Im Vordergrund steht die Analyse, welche Trends durch eine dritte Corona-Welle nochmals beschleunigt werden könnten, das Denken in mehreren Szenarien und die Frage, welche Investitionen dann sinnvoll sind. Auch dafür muss finanzielle Liquidität zur Verfügung stehen. Unternehmen müssen sich ehrlich machen: Wie zukunftsfähig ist ihr Geschäftsmodell wirklich und wo liegen realistisch neue Optionen? Wer bisher gut durch die Krise gekommen ist, kann seinen Startvorteil in eine sehr starke Position für die kommenden Jahre umwandeln. Wer ins Hintertreffen geraten ist oder in seinem Sektor unterdurchschnittlich abschneidet, der hat vielleicht nur noch eine letzte Chance.

Abb. 4: Schritte für eine erfolgreiche Unternehmensplanung
2.2 Versorgungssicherheit: Lieferketten neu denken
Covid-19 wird als schlagender Beweis in die Lehrbücher eingehen, wie verletzlich globale Lieferketten, Angebote und Nachfrage sind. Leichten Herzens verzichteten viele Konsumenten gleich zu Beginn der Krise auf nicht lebensnotwendige Güter wie Bekleidung. Autokäufe wurden schlagartig verschoben. Vor allem wegen politischer Entscheidungen sank das Reiseaufkommen dramatisch, was Unternehmen in der Luftfahrt langfristig hart treffen wird. Einige Branchen wie Gastronomie oder Eventmanagement mussten ihre Geschäftstätigkeit vorübergehend gänzlich einstellen. Ganz anders aber in der Landwirtschaft oder Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie: Trotz aller Lieferketten- und Produktionswidrigkeiten musste eine unverändert hohe Nachfrage abgearbeitet werden. Viele pharmazeutische Unternehmen können gar nicht so schnell forschen, pressen und blistern, wie sie gerade sollen.
Unterschätzes Gefahrenpotenial
Covid-19 schärft den Blick nicht nur für plötzliche Nachfrageeinbrüche. Covid-19 ist auch eine Lektion darin, wie schnell selbst angemessener politischer Einfluss und nationale Interessen zu Risiken für Unternehmen werden. Bei einer internationalen politischen Krise drohen Handels-, Übernahme- und Kreditbeschränkungen, bei einem Unwetter kann es die Energieversorgung treffen. Das ist keine Schwarzmalerei: Der Anteil des Welthandels mit Ländern, die nach Einschätzung der Weltbank im Hinblick auf politische Stabilität in der unteren Hälfte der Welt rangieren, ist schon von 16 Prozent im Jahr 2000 auf 29 Prozent im Jahr 2018 gestiegen. Eine Warnung sollte auch sein, dass knapp 80 Prozent des Handels mit Ländern abgewickelt wird, in denen die politische Stabilität sinkt. Abbildung 5 verdeutlicht weitere mögliche Brandherde.

Abb. 5: Verwundbarkeit globaler Wertschöpfungsketten (Quelle: McKinsey Global Institute Analyse)
Wie sehr Probleme in der Versorgungskette über Verwundbarkeit oder Widerstandsfähigkeit eines Unternehmens entscheiden, zeigt eine McKinsey-Umfrage vom Mai 2020. 93 Prozent der Befragten wollen ihre Lieferkette widerstandsfähiger machen. Auf ihren Prioritätenlisten stehen Redundanzen bei Zulieferern, »Nearshoring«, die Reduzierung der Anzahl von Einzelteilen und die stärkere Regionalisierung ihrer Lieferkette. Bis zu einem Viertel der globalen Lieferketten in einem Volumen von bis zu 4,6 Billionen Dollar jährlich könnten bereits in den nächsten fünf Jahren verlagert werden. Das zeigt unsere Studie zu den Wertschöpfungs- und Lieferketten in 23 Branchen hinsichtlich ihrer Anfälligkeit für Pandemien, Cyberattacken, Handelskriege, Naturkatastrophen und Klimarisiken.
Die richtigen Fragen
Zur Gefahrenabwehr müssen jetzt die entscheidenden Fragen gestellt werden. Die erste: Welchen Risiken sind unsere Lieferketten wir ausgesetzt? Die erstaunliche Antwort: Die meisten großen Unternehmen wissen es nicht. Sie haben realistisch nur wenig mehr Überblick als über ihre Zulieferer der ersten und vielleicht noch über einige großer Zulieferer der zweiten Ebene. Hier kann Digital Analytics für mehr Effizienz und Transparenz sorgen. Auch in der globalen Fertigung gewinnen erst nach und nach wichtige Technologien an Raum wie Analytik und künstliche Intelligenz, Industrie 4.0, Advanced Robotik oder digitale Plattformen. Erst sie ermöglichen die Bewertung von Szenarien und Kompromissen, beschleunigen die Reaktionsgeschwindigkeit und erhöhen die Wertschöpfung.
Hinzu kommt ein Kanon weiterer Fragen. Herrscht ein Gleichgewicht zwischen Belastbarkeit und Effizienz, zwischen Just-in-Time und »für den Fall der Fälle«? Müssen Lean- und Just-in-Time-Bestandsverwaltungssysteme beendet oder modifiziert werden, um das Ausfallrisiko zu minimieren? Lässt sich unsere Risikobereitschaft messen? Kommunizieren wir Kapitalgebern klar genug, wie sich Investitionen in eine höhere Widerstandsfähigkeit auszahlen? Globale Wertschöpfungsketten verschieben sich – welche neuen Chancen können sich daraus über Produkte und Regionen hinweg ergeben? Und können wir in die Offensive gehen, wenn unsere Konkurrenten straucheln?
Ein Beispiel als Ansporn: Ein weltweit führender Sportartikelhersteller zeigt, wie sehr ihm die Regionalisierung seiner Handels- und Produktionsnetzwerke, die Digitalisierung und seine Nähe zum Konsumenten unter Corona-Bedingungen genutzt hat. Besagtes Unternehmen hatte bereits zuvor in eine transparentere Lieferkette investiert. Davon profitierte sein Vertrieb in der Krise enorm, weil die Kanäle in China schnell und flexibel angepasst werden konnten. Im Detail: Dank der RFID-Etiketten auf allen Produkten konnte das Unternehmen lückenlos die Produktion in den vollständig ausgelagerten Fertigungsbetrieben an über 500 Standorten und in über 40 Ländern nachverfolgen und optimieren. Ein eigenes »Expressspur«-Fertigungssystem steigerte Geschwindigkeit und Flexibilität innerhalb ausgelagerter Fertigungsvorgänge. Mit vorausschauenden Nachfrageanalysen und einem integrierten digitalem Ökosystem konnte das Unternehmen schnell auf die Auswirkungen von Ladenschließungen reagieren. Zugleich wurden Lagerbeständen aus Shops zu digitalen Verkaufskanälen umgeleitet, in digitales Marketing investiert und drohender, überschüssiger Lagerbestand rechtzeitig identifiziert. Dieser Kraftakt führte dazu, dass der Umsatz des Sportartikelherstellers im 1. Quartal 2020 nur um fünf Prozent fiel – bei den wichtigsten Konkurrenten in China waren es 45 Prozent.
Über die Zukunftsfähigkeit einer Lieferkette entscheiden aber nicht nur technische Kriterien, sondern auch Organisationsstrukturen und Managementpraktiken. McKinsey befragte 56 globale Unternehmen, welche Faktoren mit dem EBITDA-Erfolg ihres Unternehmens korrelieren. Die ehrliche Antwort: Der viel diskutierte formale Aufbau der Supply-Chain-Organisation hat weitaus weniger Einfluss als weichere Faktoren wie End-to-End-Koordination, definierte Prozesse, klare Verantwortlichkeiten und funktionsübergreifende Zielgrößen. Und auf die Mitarbeiter kommt es an: auf deren berufliche Mobilität, deren Aufbau neuer Kompetenzen und ihr sozialer Zusammenhalt über Partikularinteressen, Abteilungen und Landesgrenzen hinweg.
Covid-19 war ein Schock, aber auch ein Wegweiser. Die Krise macht unmissverständlich klar, wovon Unternehmenserfolg heute abhängt. Von Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit, von schnell zu realisierenden Innovationen, vom Grad der Automation und der Loyalität der Belegschaft. Nur wer jetzt alle digitalen Werkzeuge – sei es in der Produktion oder beim agilen Arbeiten – nutzt, kann auf die nächste böse Überraschung widerstandsfähig reagieren. Unabhängig davon, wo, wie und wann sie eintritt. Ein einziges schwerwiegendes Ereignis, das die Produktion für 100 Tage unterbricht – etwas, das tatsächlich im Durchschnitt alle fünf bis sieben Jahre passiert – könnte in einigen Branchen fast den Jahresgewinn kosten.
Wer diesem Wandel jetzt nicht Produktion, Lieferkette und auch Unternehmenskultur anpasst, der muss mit zunehmenden Schäden durch die Unterbrechung seiner Wertschöpfungskette rechnen. Oder nach Zahlen des McKinsey Global Institutes: In jedem Jahrzehnt verlieren solche Unternehmen mehr als 40 Prozent der Gewinne eines Jahres. Oder: Sie haben ein halbes Jahr umsonst gearbeitet.
2.3 Ob remote oder agil: Die resilientere Zukunft der Arbeit
Die Pandemie hat Unternehmen auf der ganzen Welt nicht nur gezwungen, die Gesundheit ihrer Mitarbeiter besser zu schützen. Sie mussten auch auf neue Arbeitsweisen ausweichen.
Neue Verantwortlichkeiten, neue Motivation
Remote-Technologien wurden binnen Tagen eingeführt statt über Jahre pilotiert. Statt als Pyramide mit einem CEO samt dessen endloser To-do-Listen an der Spitze sorgen jetzt viele kleine Teams für schnelle und positive Kundenerfahrungen end-to-end. Sie arbeiten in Sprints und werden dabei je nach aktueller Aufgabe von gut ausgestatteten Inhouse-Experten unterstützt. Zugleich übernehmen die Teams mehr Verantwortung, z. B. für die Rentabilität ihrer Vertriebsideen. Auch Gruppen wachsen an ihren Aufgaben. Prioritäten werden top-down gesetzt, aber cross-funktionale Teams entscheiden, wie sie umgesetzt werden – und handeln sofort. Planungen erfolgen quartalsweise mit einem wöchentlichen Check zum Stand der Dinge. Die Erfahrung zeigt: Ein klarer Fokus, flexibel besetzte Führungsrollen und weniger Abstimmungsberechtigte führen zu enormen Veränderungen. Um nicht zu sagen: Fortschritten.
Wie bei der Neuausrichtung einer erfolgreichen europäischen Direktbank: Sie schnurrte sechs Hierarchieebenen auf drei zusammen und löste Silos durchsetzungsstark auf. Sie forderte eine Ergebnis- statt einer Meeting-Kultur ein und nutzte dafür alle agilen Arbeits- und Teammethoden. Ihre IT setzte die Bank modularer auf. Binnen eines Jahres und trotz aller Turbulenzen eines solchen Umbaus stieg die Kundenzufriedenheit signifikant, die Mitarbeiterzufriedenheit um 20 Prozent, die Effizienz um 30 Prozent und das Unternehmen eroberte Platz1 im Arbeitgeber-Ranking seines Heimatlandes.
Auch die deutschen Führungskräfte haben ihre Corona-Lektionen in Sachen Arbeitsorganisation gelernt. In einer Umfrage gaben 20 Prozent von ihnen an, dass mindestens ein Zehntel ihrer Mitarbeiter künftig zwei oder mehr Tage pro Woche aus der Ferne arbeiten könnten. Zum Vergleich: In China sind es nur noch 4 Prozent der Befragten. Aber der Remote-Boom hat seinen Preis. Um eine effiziente und sichere Kommunikation sicherzustellen, muss parallel in Technik und Datensicherheit investiert werden. Auch das Thema Online-(Weiter-)Bildung dürfe einen Aufschwung erleben, der zu technischen Innovationen wie zur dauerhaften Verfügbarkeit von remotefähigen, erschwinglichen und qualitativ hochwertigen Bildungsangeboten führen könnte. Wer nicht daheim, sondern im Büro oder in der Produktion arbeitet, wird ebenfalls auf Veränderungen stoßen. Da das Distanzgebot in vielen Bereichen andauern wird und Unternehmen nur vorsichtig zu einer Büropräsenz zurückkehren, müssen Organisationen Arbeit und Büros neu definieren. Flexible Zonen müssen sowohl der niedrigeren Auslastung als auch den Mitarbeitern, die zu wechselnden Zeiten ins Büro kommen, gerecht werden. Die Art der Arbeitsorganisation muss sich ebenfalls weiterentwickeln. Nur zu oft – und das ist nicht zwingend eine Frage des Unternehmensalters – behindern überholte Abstimmungsprozesse und Hierarchien schnelle Entscheidungen und demotivieren engagierte Mitarbeiter.
Doch Vorsicht vor turmhohen Erwartungen in allen Bereichen. Viele Organisationen hoffen, dass sie dank weniger Standortbeschränkungen auf neue Talentpools zugreifen können. Zugleich wollen sie innovative Prozesse zur Produktivitätssteigerung einführen, eine stärkere Unternehmenskultur schaffen und noch dazu die Immobilienkosten deutlich senken können. Bester Remote-Kundenservice steht selbstredend auch auf der Wunschliste. Doch das neue Ideal vom Arbeiten remote und/oder agile lässt sich nur verwirklichen, wenn Entscheidungen transparenter fallen und Mitarbeiter eigenständiger regeln können, wann und wo sie arbeiten.
Dynamik des Wandels nutzen
Wie schön wäre eine Patentlösung für Branchen oder Unternehmen! Es gibt keine. Alles hängt an individuellen Fragen. Welche Talente werden jetzt benötigt und welche internen Funktionen werden jetzt wichtiger? Wie viel interdisziplinäre Kooperation ist intern und extern für Spitzenleistungen erforderlich? Sogar innerhalb einer Organisation kann die Antwort je nach Geografie, Unternehmen und Funktionen unterschiedlich aussehen. Wer sich auf Veränderungen einlässt, erstellt sich auch beim Thema Arbeitsorganisation ein langes Pflichtenheft. Zunächst steht die detaillierte Analyse an, wie die Arbeit tatsächlich – unabhängig von einstigen Planungen – geleistet werden soll. Wer auf verstärktes Remote-Arbeiten setzt, muss definieren, wie viel Arbeit kann nach Covid-19 aus der Ferne erledigt werden und was ist dafür erforderlich? Nicht nur technisch: Eine erfolgreiche Verlagerung berücksichtigt die Bedürfnisse von Mitarbeitern, Teams und der Organisation als Ganzes. Jetzt muss die Dynamik des Wandels genutzt werden, um weiterhin neue Arbeitsweisen, Agilität, Standardisierung und Digitalisierung von Kernprozessen und eine flexible Personalzuweisung umzusetzen. Automatisierung und Digitalisierung der Frontend- und Backend-Operationen sorgen gegenüber dem Kunden für schnelle und zuverlässige Leistungen – auch im Krisenfall.
Eine ehrliche Bestandsaufnahme bei der Qualifikation der Mitarbeiter und Führungskräfte tut ebenfalls Not. Unternehmen müssen lernen, nicht nur die digitale, sondern auch die kompetenzbasierte Transformation voranzutreiben. Kritische Qualifikationslücken müssen durch groß angelegte Programme geschlossen und massiv in die kontinuierliche Fortbildung motivierter Mitarbeiter investiert werden.
Auch Führungskräfte sind gefordert. Ihre Persönlichkeit muss als Vorbild dienen, die Digitalisierung und neue Arbeitsweisen voranzutreiben. Nicht zuletzt müssen sie in der Lage sein, selbst große Teams aus der Distanz motivieren und leiten zu können. Keine Kleinigkeit. Und dann sollten Führungskräfte auch noch darüber nachdenken, wie sie durch die reduzierte Nutzung von Büroflächen und weniger berufsbezogenes Reisen und Pendeln den CO2-Abdruck ihrer Firma senken zu können. Der Einsatz wird sich lohnen. Unternehmen können ihre gut geplante Rückkehr in die Büros nutzen, um sich neu zu erfinden. Veränderte Prozesse, neue Strukturen und effizientere Personalplanung können zu Einsparungen bis zu 30 Prozent führen.
Die Zufriedenheit der Mitarbeiter dürfte steigen, weil ihnen mehr Eigenverantwortung übertragen wird und sie weniger Zeit auf dem Arbeitsweg oder auf Dienstreisen verlieren. Studien zeigen: Zufriedene und motivierte Mitarbeiter erhöhen ihre Arbeitsleistung um bis zu 23 Prozent bzw. das Umsatzwachstum um das 2,9-fache. Dagegen führt eine von ihren Fähigkeiten her nicht zukunftsfähige oder vom dauerhaften Arbeiten im Homeoffice psychisch überforderte Belegschaft zu mangelnder Effizienz und unzufriedenen Kunden. Was in sinkender Nachfrage mündet.
Deshalb ist es so einleuchtend wie verführerisch, wenn sich Unternehmen unter dem Druck von Umsatzeinbrüchen nun auf ihre dringendsten Bedürfnisse wie neue Prozesse und Arbeitsweisen konzentrieren. Doch es befreit sie nicht davon, weiterhin das ganze Bild betrachten zu müssen. Denn es besteht die Gefahr, dass Inklusion und Diversität nun zu Unrecht als weitere strategische Prioritäten für Organisationen zurücktreten.
2.4 Checkliste
Covid-19 wird weder die letzte Pandemie sein noch die letzte Wirtschaftskrise bewirken. Und bisher sehen wir noch nicht einmal die vollen Auswirkungen der aktuellen Pandemie, die sich weiter in Etappen entwickeln dürfte. Schnelle Reaktion auf veränderte Märkte, Menschen und Lieferketten sind wichtig. Proaktive Resilienz-Interventionen führen wie oben gezeigt nachweislich zu einer über lange Zeit anhaltenden Outperformance. So lässt sie sich erreichen:
Ressourcen flexibel einsetzen
Widerstandsfähige Unternehmen zeichnen sich durch eine dynamische Kapitalumverteilung aus. In Abschwungphasen können sie sich schnell von Bereichen trennen; in Erholungsphasen erhöhen sie Investitionen und Übernahmen, mit dem Fokus auf kleinere, aber häufigere Transaktionen.
Führungspersönlichkeiten sollten im Sinne des Unternehmens bereit sein, Probleme früher und entschiedener anzugehen. Die Bereitschaft, Kosten zu reduzieren in echter Not, muss vorhanden sein – auch bei F&E-Ausgaben und Investitionskosten. Die Maßgabe sollte aber sein, diese Investitionen in die Zukunft bei einer Erholung schnell wieder hochfahren zu können.
Organisationen schnell bewegen
Resiliente Unternehmen bewegen sich im Abschwung schneller. Ihre gelebte Führungskultur ist auf schnelle Entscheidungsfindung auch unter Unsicherheit ausgerichtet. Niedrige Hierarchien, ein hohes Maß an Eigenverantwortung und die Platzierung der besten Talente an den kritischsten Stellen des Unternehmens fördern ein starkes organisatorisches Rückgrat, um das Unternehmen in Zeiten der Krise zu schützen.
Finanzen stabilisieren
Belastbare Unternehmen verschaffen sich zu Beginn des Abschwungs Spielräume, sowohl im operativen als auch im finanziellen Bereich. Mit einer detaillierten Bereinigung der Bilanz z. B. mit strafferem Forderungsmanagement sichern sie ihre Liquidität und ermöglichen entscheidende Portfolioveränderungen – zwei wesentliche Hebel in Zeiten der Erholung.
Systeme zur Früherkennung aufbauen
Um in einer Krise so schnell und flexibel wie beschrieben reagieren zu können, sind Früherkennungssysteme unabdingbar. Zum Beispiel ein »Resilience Nerve Center«: Dort erstellt ein Team engagierter Spezialisten Bedrohungskarten, entwickelt Belastungstests und stellt sie den betroffenen Unternehmenseinheiten zum kontinuierlichen Ist-Soll-Vergleich zur Verfügung. Eine mehr als lohnendes Investment.
Testen Sie doch mal, wie ganzheitlich Ihr Unternehmen vorbereitet ist (
Abb. 6)

Abb. 6: Checkliste für die Phasen eines Transformatinsprozesses
2.5 Und wie wird die Welt für Unternehmen in den kommenden Jahren aussehen?
Die Antwort lautet schlicht: unumkehrbar anders. Und das gilt nicht nur für Geschäftsmodelle, Lieferketten und Arbeitsbedingungen, sondern auch rund um Stakeholder wie Mitarbeiter, der Kundenwunsch nach Nachhaltigkeit, Finanzierungsfragen und politische Einflussnahme.
• Selbstbewusste Mitarbeiter, die sich an mehr Entscheidungsfreiheit und Verantwortung gewöhnt haben, sind nicht mehr zur Rückkehr in hierarchischere Strukturen bereit. Unternehmen bleiben dauerhaft digitaler und agiler.
• Nachhaltiges Wirtschaften wird noch wichtiger. Künftige Arbeits- und Geschäftsführerverträge werden um sozial-ökologische Erfolgskriterien ergänzt. Unternehmensziele werden erweitert. Kunden (und Mitarbeiter) fordern Nachhaltigkeit und Orientierung am Gemeinwohl ein – Purpose wird zu einem Erfolgsfaktor. Mehr als 2.000 akademische Studien haben die Auswirkungen von ökologischen, sozialen und Governance-Faktoren auf die Eigenkapitalrendite untersucht. 63 Prozent fanden positive Ergebnisse, nur acht Prozent urteilten negativ. Unsere eigenen Studien zeigen, dass mehr als 70 Prozent der befragten Verbraucher, die in verschiedenen Branchen, einschließlich der Automobil-, Bau-, Elektronik- und Verpackungsbranche, einkaufen, bereit sind, für ein umweltfreundliches Produkt fünf Prozent mehr zu zahlen. Vorausgesetzt, es erfüllt die gleichen Leistungsstandards wie eine nicht umweltfreundliche Alternative.
• Darüber hinaus ist jetzt Liquidität ein größeres Thema. Unternehmen, die noch über Reserven verfügen, werden nach interessanten Zukäufen Ausschau halten, zumal ihnen die Krise Schnäppchen beschert. Für finanziell angeschlagene Unternehmen wird die Lage noch schwieriger. Finanzierungsrunden mit Banken und Investoren dürften wegen drohender Zahlungsausfälle und Insolvenzen anspruchsvoller werden.
• Die deutsche Politik wird den aus ihrer Sicht für die Sicherheit oder Gesundheit der Bevölkerung relevanten Unternehmen womöglich mehr Vorgaben machen. Zudem steigt der staatliche Einfluss auf in der Krise gerettete Unternehmen etwa in der Luftfahrt und Tourismusindustrie. Trotz ihres eigentlich temporären Charakters könnten die Eingriffe länger erhalten bleiben und zu Wettbewerbsverzerrungen führen.
In der nächsten Krise werden Unternehmen widerstandsfähig sein, die das Wachstum der Wertschöpfung vorantreiben und gleichzeitig neue Chancen ausbalancieren. Die Unternehmen, die ihr Augenmerk auf die Aufrechterhaltung der operativen Margen auf Kosten anderer verhältnismäßiger Maßnahmen richten, werden erneut Lehrgeld bezahlen – vielleicht in existenzbedrohender Weise.
Die Verantwortlichen in den Unternehmen stehen vor Herausforderungen, wie sie seit dem Wirtschaftswunder keiner ihrer Vorgänger bewältigen musste. Doch sie können auch ähnlich große Chancen ergreifen: Die Pandemie hat viele Trends nur beschleunigt. Über den künftigen Erfolg ihrer Unternehmen entscheiden jetzt Resilienz und Agilität. Oder wie es Konrad Adenauer einst ausdrückte: »Wenn die anderen glauben, man ist am Ende, dann muss man erst richtig anfangen«.
Die deutsche Wirtschaft ist gut positioniert, aus dieser Krise gestärkt hervorzugehen. Es ist Zeit die Weichen zu stellen: Die Stimmung in vielen Unternehmen hellt sich bereits auf, aber 2021 wird lediglich ein Jahr des Übergangs sein, dass die tiefen Einschnitte von 2020 nicht wird aufwiegen können. Und sind wir gewappnet für die Post-CovidD-Ära, bereit, wenn sich der Wind nochmal dreht? Sicherlich hat jeder eine andere Vorstellung, wie sich das anfühlen mag. Wir werden die Wunden und Verluste nicht vergessen, aber der nächsten Krise hoffentlich gelassener ins Auge blicken.
Zum Autor
Dago Diedrich ist Senior Partner in McKinseys Büro in Düsseldorf und Leiter der Strategy & Corporate Finance Practice von McKinsey in Deutschland sowie Leiter der Business Strategy Practice weltweit. Er arbeitet intensiv mit Klienten an der Strategieentwicklung und -umsetzung in verschiedenen Industrien in Asien, Europa und den USA. Er verfügt ebenfalls über umfangreiche Erfahrung zu Trends und globalen Disruptionen und hat für McKinsey die Lösungen zur schnellen, digitalisierten Strategieplanung entwickelt.
Literatur
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3 China: Ansporn oder Bedrohung für die deutsche Wirtschaft?
Jörg Wuttke

Europa erlebt gegenwärtig seinen Sputnik-Moment. So wie die Sowjetunion in den späten 1950er-Jahren die USA mit dem ersten Satelliten im All überraschte, so erscheint der chinesische «Sputnik» für Europa aktuell in Form von batteriebetriebenen Automobilen und der 5G-Mobilfunktechnologie.
Die USA und China sind in Bereichen wie machine learning und künstlicher Intelligenz eindeutig in Führung, die beiden Mächte kämpfen um die künftige Führungsrolle in der Weltwirtschaft. Europa läuft derweil Gefahr, technologisch dauerhaft in Rückstand zu geraten und wirtschaftlich einen Bedeutungsverlust zu erleiden.
Der frühere Botschafter der USA in Deutschland bedroht das Konsortium für das Gaspipeline Projekt Nord Stream 2, Chinas Botschafter in Berlin denkt in der Huawei-Kontroverse laut über Vergeltungsschläge gegen deutsche Autohersteller nach: Solche Geschehnisse sind keine Ausnahmen mehr, sie beschreiben einen Trend; internationale Konflikte werden zunehmend mit wirtschaftlichen Mitteln ausgetragen.
Dabei geht es teilweise auch um einen Konflikt der Systeme und der Ideologien: China verfügt über ein Gesamtsystem mit staatlichen Banken und Investitionsfonds sowie einer allmächtigen Partei, die alles koordiniert. Uns in Europa fehlen solche Mittel für große strategische Pläne. Unsere liberale Wertvorstellung gibt dafür auch keinen Raum. Aber muss sich Europa entscheiden zwischen China und den USA, um mithalten zu können im Wettlauf um die Zukunft? Muss sich Europa anpassen oder kann es selbstbewusst einen eigenen Weg gehen? In diesem Essay wird es um den Ansatz gehen, wie Europa mit der wachsenden Konkurrenz aus China nicht nur umgehen, sondern auch die eigene Wettbewerbsfähigkeit steigern kann. Es sollen dabei Risiken und Möglichkeiten gegeneinander abgewogen werden.
3.1 Die Herausforderung durch China
Der Volksrepublik ist es auch in Zeiten der Covid-19-Pandemie gelungen, einer Rezession zu entgehen. Nach einem Einbruch im ersten Quartal 2020 hat sich die Wirtschaft rasch erholt, wobei die Industrieproduktion bereits im zweiten Quartal wieder robuste Expansionsraten zeigte. Möglich gemacht wurde der Aufschwung durch eine Kombination aus politischen Maßnahmen zur Stützung der Binnennachfrage sowie der Fähigkeit Chinas, während der Pandemie dringend benötigte Industrie- und Gesundheitsgüter an den Rest der Welt zu liefern.
Mit Blick auf die weitere Zukunft, nach dem Abklingen der Pandemie, wird deutlich, wie ambitioniert sich China sich in Bezug auf Zukunftstechnologien ausrichtet. In der Liste der Länder nach den kumulierten staatlichen und privaten Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) steht China an zweiter Stelle hinter den USA. 2018 betrug Chinas Anteil an den globalen F&E-Ausgaben 26,3%, während die USA auf 27,6%. Der im Oktober 2020 verabschiedete 14. Fünfjahresplan (2021-2025) der Kommunistischen Partei Chinas wird sich u. a. auf Forschung und Entwicklung fokussieren und etliche Milliarden Dollar an zusätzlichen Forschungsgeldern bereitstellen.
Gegenwärtig investiert China etwa 2,2 bis 2,5% seiner jährlichen Wirtschaftsleistung in die Forschung. Talente sind mehr als genug vorhanden: Jedes Jahr verlassen 8 Millionen Studenten die Universitäten, und viele sind ausgebildet in Zukunftstechnologien wie Fintech, E-commerce, 5G, erneuerbare Energien und Batterietechnologien. Der neue Fünfjahresplan sieht wahrscheinlich eine Erhöhung der F&E-Ausgaben auf 3% des Bruttoinlandproduktes vor. Dieses Geld wird nicht nur vom Staat kommen, sondern die Regierung wird sich vermehrt an Firmen beteiligen, die dann vom Kapitalmarkt und den Banken mitfinanziert werden. Schätzungen gehen davon aus, dass künftig etwa 80% der Forschungsgelder in der Volksrepublik vom nichtstaatlichen Sektor kommen werden.
Als die chinesische Staatsführung 2015 ihre Industriestrategie «Made in China 2025» vorstellte, sorgte sie weltweit für Irritationen. Spätestens damit war evident, dass Chinas Weg zur Industriesupermacht Friktionen und Rivalitäten mit dem westlichen, liberalen, regelbasierten Wirtschaftssystem verursachen wird. In Washington fand ein Umdenken statt: Statt von «konstruktivem Engagement» mit China sprachen die Strategen in der US-Regierung und in den einflussreichen Thinktanks nun von «strategischem Wettbewerb» oder «strategischer Rivalität».
Mit dem von der Trump-Regierung 2018 begonnenen Handelskrieg hat der Stellenwert der Innovation noch an Bedeutung gewonnen. Die aggressive Art und Weise, mit der die USA chinesische Firmen wie Huawei und ZTE angegriffen und vom Angebot an hochwertigen Halbleitern abgeschnitten haben, ebenso wie der rüde Ausschluss chinesischer Wissenschaftler von amerikanischen Universitäten, führte zu einer weiteren Verhärtung der Ansichten in Beijing. Mit großen finanziellen Anstrengungen arbeitet China daran, seine Abhängigkeit von «unzuverlässigen» westlichen Partnern zu verringern. China fördert unter den Konzepten der «dual circulation» und der «indigenous innovation» die heimische Technologie unter zunehmendem Ausschluss ausländischer Unternehmen.
Es wäre falsch, diese Entwicklungen einzig als Reaktion auf die rhetorische Aggressivität der Trump-Regierung zu sehen, und dass mit dem Abtritt von Trump der Status quo ante 2017 wieder eintritt. Die Staatsführung in Beijing ist zum Schluss gekommen, dass auch eine Regierung von Präsident Joe Biden nicht wesentlich anders agieren wird. Die Rhetorik mag wieder freundlicher werden, aber an der neuen Realität der strategischen Rivalität wird sich nichts ändern. Möglicherweise wird Biden im Gegensatz zum «America First»-Alleingang von Trump effektivere Allianzen schmieden, was China vor zusätzliche Herausforderungen stellt.
Das ist das Umfeld, in dem sich Deutschland und Europa in den kommenden Jahren bewegen muss.
3.2 Was Deutschland und China unterscheidet
Bevor wir beleuchten, wie sich Europa in dieser sich veränderten Welt aufstellen muss, ist ein Blick auf die Unterschiede wirtschaftlicher Natur zwischen Deutschland und China – beziehungsweise zwischen Europa und Asien – sinnvoll. Nicht zuletzt im Umgang mit der Covid-19-Pandemie sind diese Unterschiede deutlich zu Tage getreten, kann doch festgestellt werden, dass praktisch alle Länder in Asien deutlich besser und pragmatischer, überdies mit geringeren wirtschaftlichen Schäden mit der Pandemie fertigwerden als die meisten Staaten Europas – von den USA ganz zu schweigen.
Generell – und das gilt nicht nur für China – ist in Asien sowohl in der Bevölkerung als auch in den Regierungen eine größere Offenheit gegenüber neuen Technologien und dem technologischen Fortschritt festzustellen. Von Indonesien bis Korea ist die «mobile economy» weiter fortgeschritten als im Großteil Europas, sei es in der Durchdringung mit E-Commerce-Angeboten, bargeldlosen Bezahlsystemen oder Big Data-Anwendungen. Was die Bandbreiten in der Übertragungstechnologie betrifft, sind Länder wie Korea und Japan Deutschland um Jahre voraus.
In Asien blickt die Bevölkerung – natürlich generalisiert und vereinfacht ausgedrückt – optimistischer in die Zukunft, zeigt eine höhere unternehmerische Risikobereitschaft und steht auch der Idee des grenzüberschreitenden Handels, die im Westen derzeit von protektionistischen Kräften geschwächt und in Frage gestellt wird, positiv gegenüber.
Spezifisch auf China bezogen schafft ein Binnenmarkt mit 1,4 Milliarden, zunehmend urban lebenden Menschen ein erhebliches Maß an Nachfragepotenzial für Unternehmen mit innovativen Geschäftsmodellen. Ein weiterer, deutlich negativer zu bewertender Aspekt Chinas ist die große Macht der staatseigenen Betriebe, die mit enormen versteckten und offenen Subventionen unterstützt werden und so signifikante Vorteile gegenüber ihren Konkurrenten aus dem Ausland ausspielen können. Diese staatseigenen Kolosse drängen seit einigen Jahren vermehrt auf den Weltmarkt, bspw. unter dem Banner der Belt-and-Road-Initiative, und treten in Konkurrenz mit marktwirtschaftlich agierenden, westlichen Unternehmen.
3.3 Wie soll Europa dieser Herausforderung begegnen?
Europa hat weder die militärische und technologische Macht der USA, noch kann und soll es das staatlich gelenkte Subventions- und zentralistische Planungsmodell der Volksrepublik China imitieren. Das Interesse Europas – respektive der Europäischen Union – ist es, das zu bewahren, was die Volkswirtschaften des Kontinents nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgreich gemacht hat: Integrierte globale Wertschöpfungsketten mit gegenseitigen Abhängigkeiten.
In den letzten Jahrzehnten haben sie dazu beigetragen, das Leben von Milliarden Menschen zu verbessern, indem sie beispiellosen Wohlstand und Frieden geschaffen haben. Die Basis dafür bildeten Handelsbeziehungen, die liberal, multilateral, regelbasiert und durch einen verbindlichen Streitbeilegungsmechanismus vor der Welthandelsorganisation WTO abgesichert waren. Der in Teilen der Welt beobachtete Anstieg von nationalem Protektionismus, Bilateralismus und dem Streben nach Autarkie stellt die EU vor eine Herausforderung, die sie meistern muss. Aber die Antwort Europas darauf sollte nicht sein, auch protektionistischer zu werden, sondern die liberalen, offenen Werte zu wahren und dafür einzutreten. Das bedeutet:
• Die EU muss in erster Linie hart an ihrer eigenen Attraktivität als Partner arbeiten, ihren Binnenmarkt und ihre Innovationsfähigkeit stärken.
• Sie muss eine Vorbildfunktion einnehmen und für die Wahrung der Grundsätze des freien und offenen Handels und des Wettbewerbs auf internationaler Ebene durch Sicherung gleicher Wettbewerbsbedingungen einstehen.
• Sie muss zusammen mit ihren wichtigsten Handelspartnern eine internationale Reform der Welthandelsorganisation WTO anführen und praktikable Lösungen für die veränderte wirtschaftliche Realität im 21. Jahrhundert entwickeln.
Europa kann und muss diese Aufgaben mit mehr Selbstbewusstsein angehen. Die Länder Europas sind nicht allein mit der Herausforderung einer durch die Rivalität von zwei Großmächten geprägten Welt. Andere Staaten, die in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg vom liberalen, regelbasierten Weltwirtschaftssystem profitiert haben – bspw. Kanada, Korea, Japan, Australien oder Neuseeland – sind in einer ähnlichen Situation und teilen viele Interessen Europas.
Kommen wir nun zu den konkreten Bausteinen einer europäischen Strategie für die Zukunft. Sie lassen sich unter den Begriffen Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Finanzierung subsummieren.
3.4 Der Green Deal und die europäische Wirtschaft
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat den «European Green Deal» zu einem der wichtigsten Themen ihrer Amtszeit erklärt. Es sollen 1.000 Milliarden Euro investiert werden, um die EU bis 2050 klimaneutral zu machen. Der Plan sieht vor, Strategien für eine neue Industrie-, Energie- und Verkehrspolitik der EU zu entwickeln und umzusetzen. Die Industrie ist die entscheidende Voraussetzung für den Erfolg des Green Deal, denn ohne echte Innovationen aus der Industrie werden die ambitionierten Ziele nicht erreicht werden können.
Die Covid-Krise hat das sehr deutlich gemacht: Die meisten von uns wurden überrascht von der Tatsache, wie wenig die CO2-Emissionen im Jahr 2020 zurückgingen, obwohl große Bereiche der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens zeitweise zum Stillstand kamen. Das zeigt: Es kann keine Lösung für den Klimaschutz sein, die industrielle Produktion abzuwürgen. Stattdessen brauchen wir eine Industrie, die stark genug ist, die erforderlichen Innovationen zu entwickeln, und wir brauchen einen mutigen regulatorischen Rahmen, damit diese Innovationen auch eingeführt werden können.
Der Green Deal wird erfolgreich für Europa und damit auch für Deutschland, wenn er mit einer ehrgeizigen Industriestrategie und einer entsprechenden Wettbewerbspolitik unterlegt wird, um Investitionen und Innovationen in Europa zu fördern und die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrien zu stärken.
Der Fahrplan und die bisher bekannten Vorschläge der EU-Kommission im Bereich Klimaschutz sind passend, denn es wurden Signale für die Entwicklung und den Einsatz neuer Technologien gesetzt. Forschungs- und Entwicklungsarbeiten sind teuer, und Unternehmen brauchen die Aussicht darauf, dass CO2-arme Technologien in Zukunft auch einsetzbar sind. Es bleiben aber noch viele Fragen offen, etwa nach der Verfügbarkeit von erneuerbarer Energie zu wettbewerbsfähigen Preisen.
Ein erfolgreicher Green Deal bietet die Chance, dass Wirtschaftsregionen außerhalb Europas dem Beispiel folgen – sei es beim Einsatz CO2-armer Produktionsmethoden oder der Nutzung von alternativen Energieträgern – und auf die erfolgreich angewandten Technologien und Modelle zugreifen können.
Überlegungen zum sog. «Carbon Leakage»-Schutz mit den «Border Adjustment Measures» (BAMs) sind handelsrechtlich problematisch und stellen keinen echten Schutz der EU-Produktion noch von deren Transformation dar. Stattdessen sollten alternative Modelle wie Marktabgaben (ähnlich dem Grünen Punkt) in Kombination mit Zahlungen an die Material-Produzenten für CO2-freie Produktion («Carbon Contracts for Difference») weiterentwickelt werden, und zwar in enger Verzahnung von nationaler und europäischer Energie- und Klimapolitik.
3.5 Digitalisierung
Die digitale Infrastruktur ist das Rückgrat für den technologischen Fortschritt, und in diesem Bereich liegt Europa, wie eingangs erwähnt, signifikant hinter Asien zurück. Die Länder Europas brauchen engagierte und sinnvolle Investitionen in höhere Netzwerkkapazitäten sowie eine sichere und zuverlässige Umgebung für den Datenaustausch.
Digitale und ökologische Transformation ergänzen sich und müssen gemeinsam entwickelt werden. Oft bilden digitale Lösungen die Grundlage für eine umweltfreundlichere Wirtschaft, etwa durch Effizienzsteigerungen in Produktionsprozessen sowie durch neue Geschäftsmodelle. Politische Entscheidungsträger können dazu beitragen, diese Vorteile durch einen rechtlichen Rahmen für innovative Technologien und Anwendungen zu ermöglichen.
Investitionen in digitale Infrastruktur, digitale Lösungen und Kompetenzen werden nicht nur die wirtschaftliche Erholung nach dem pandemiebedingten Einbruch beschleunigen, sondern mittelfristig auch die Widerstandsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit Europas verbessern. Eine innovationsfreundliche Gesetzgebung und die Unterstützung öffentlich finanzierter digitaler «Leuchtturmprojekte» sind dafür erforderlich.
Es wäre falsch, das Thema Digitalisierung bloß in Bereichen wie Fintech oder E-Commerce zu sehen. Enormes Innovationspotenzial und Produktivitätsfortschritte liegen speziell im Bereich der digitalen Industrie. Die chemische Industrie z. B. kann ihren Beitrag zur digitalen Souveränität auf der Stufe der Herstellung von Hardware (Halbleiter, Integrationskomponenten, etc.) leisten. Hierbei kommt eine Vielzahl von Chemikalien zum Einsatz, die teilweise im Endprodukt verbleiben, teils nur als Hilfsstoffe bei der Herstellung Verwendung finden. Um die wachsenden technologischen Herausforderungen in Richtung digitaler Souveränität zu sichern, kann es sinnvoll sein, in europäischen Konsortien von führenden Chemie-Rohstofflieferanten, Equipment- und Halbleiterherstellern für spezifische Fragestellungen zusammenzuarbeiten.
Dies könnte z. B. im Wettrennen für die Erarbeitung des nächsten großen Innovationssprungs zur Entwicklung von Quantencomputern sinnvoll sein, da eine derartige Herausforderung die Fähigkeiten einzelner Spieler schnell übersteigt.
Die Kooperation zwischen Forschung, Wissenschaft und angewandter Technologie in der Wirtschaft sollte unbedingt noch mehr institutionalisiert werden. Mehr Inkubationszentren sind nötig, wie sie bereits in München und Aachen bestehen.
3.6 Sustainable Finance
Das Vorhaben einer EU-Taxonomie ist förderlich, um ein gemeinsames Verständnis zu schaffen, welche Wirtschaftstätigkeiten als nachhaltig angesehen werden. EU-Taxonomie ist die weltweit erste «grüne Liste» – eine Klassifikation nachhaltiger Wirtschaftstätigkeiten, die sich auch um die Ausarbeitung der Umweltziele dreht, z. B. die Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen, der Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft, Abfallvermeidung und Recycling, die Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung und der Schutz gesunder Ökosysteme.
Die EU-Taxonomie kann dazu beitragen, Finanzmittel für umweltverträgliche Projekte zu mobilisieren und grenzüberschreitende Investitionen zu fördern, indem sie eine gemeinsame Sprache für umweltverträgliche Investitionen definiert. Sie kann auch einen strukturellen Wandel der europäischen Wirtschaft unterstützen, indem sie einen Wettbewerbsvorteil für die EU-Industrie bei innovativen und nachhaltigen Technologien schafft.
Die gemäß der EU-Taxonomie vereinbarte Verpflichtung für börsennotierte Unternehmen, den Anteil ihres Gesamtumsatzes und den Anteil der Gesamtinvestitionen und -ausgaben im Zusammenhang mit umweltverträglichen Wirtschaftstätigkeiten zu veröffentlichen, ist aber noch zu überdenken. Die EU-Taxonomie führt in ihrer derzeitigen Ausgestaltung zu einem erheblichen Mehraufwand. Die notwendigen Daten liegen nicht ohne weiteres vor und müssen in aufwendigen Prozessen ermittelt und zusammengeführt werden. Schon für ein Dax-Konzern ist das äußerst arbeitsintensiv; mittelständische Unternehmen sehen aufgrund dieses enormen Aufwandes für die Akzeptanz des Instruments in der Realwirtschaft ein erhebliches Hindernis.
3.7 Kapitalmarktunion
Das Projekt der Erschaffung einer Kapitalmarktunion muss politisch im Rahmen der Maßnahmen zur Bewältigung der Covid-Krise priorisiert werden. Unternehmen benötigen gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ausreichenden und sicheren Zugang zu Finanzierungsquellen. Die Unternehmensperspektive muss bei der Entwicklung von Regulierung stärker berücksichtigt werden. Bei der Kapitalmarktunion geht es insbesondere um die Bereitstellung von Finanzierungsmitteln für Unternehmen. Deshalb muss der regulatorische Rahmen von diesem Zweck ausgehend entwickelt werden.
Es bedarf der richtigen Balance zwischen den Bedürfnissen der Unternehmen und ihrer Investoren. Derzeit scheinen die regulatorischen Rahmenbedingungen für die Nachfrageseite (das heißt Unternehmen, die Zugang zu Kapital suchen) die Weiterentwicklung des Kapitalmarkts eher zu behindern. Unternehmen sind am Kapitalmarkt zunehmend zurückhaltend aufgrund des hohen Regulierungsgrades, der hohen Kosten für Compliance sowie der damit verbundenen Rechtsunsicherheit.
Die Konsistenz von Regulierungszielen muss sichergestellt werden. Die Ziele der Kapitalmarktunion müssen in sich konsistent und konstant über alle Sektoren hinweg verfolgt und umgesetzt werden. Sie dürfen nicht durch andere EU-Regulierungen verwässert oder gar unterlaufen werden. Prominentes Beispiel hierfür die ist die Diskussion um die Einführung der Finanztransaktionssteuer.
3.8 Venture Capital (VC)
Seit dem Zusammenbruch junger Technologiebörsen wie des Neuen Marktes zu Beginn der 2000er-Jahre haben sich viele Menschen nicht mehr getraut, in Start-ups und neue Technologien zu investieren. Es dauerte sehr lange, ehe sich der deutsche Venture-Capital-Markt davon erholte. Bis zum Ausbruch der Corona-Krise befand er sich aber immerhin allmählich im Aufwind. Das Umfeld für Anschubfinanzierungen und für Exits hat sich in den vergangenen Jahren nachhaltig verbessert. Trotzdem bleibt der deutsche Markt für Venture Capital vor allem in den wichtigen Bereichen Biotech und Gesundheitswesen hinter Großbritannien und Frankreich zurück, die in den vergangenen drei Jahre etwa 1,5- bis 2,1-mal größer waren.
Im Durchschnitt der vergangenen drei Jahre (2017– 2019) lag das VC-Deal Volumen in Deutschland auf einem Niveau von 0,127% des Bruttoinlandproduktes. In einer völlig anderen Liga spielen China und die USA, deren VC-Märkte gemessen an der Wirtschaftskraft um die Faktoren 4,1- bzw. 5,2-mal größer sind als der Markt in Deutschland. Theoretisch hätten in Deutschland in den vergangenen drei Jahren jährlich VC-Deals in Höhe von mehr als 7 Mrd. 13 Mrd. und 18 Mrd. US-Dollar zusätzlich abgeschlossen werden müssen, um die relativen Marktgrößen von China zu erreichen. Im Vergleich zu China entfällt in Deutschland besonders auf die Technologiebereiche Big Data, Elektro- und Hybridfahrzeuge sowie Clean Technology ein geringes Geschäftsabschlussvolumen.
Die Fragmentierung des europäischen VC-Markts, der sich letztlich nur aus der Summe der einzelnen nationalen VC-Märkte zusammensetzt, ist auch ein Grund dafür, weshalb es in Europa insgesamt weniger «Einhörner» – private Unternehmen mit einem Wert von mehr als einer Milliarde Dollar – gibt als in China und den USA. Die einzelnen nationalen VC-Märkte in Europa haben keinen einheitlichen Rechtsrahmen, was sowohl die Investitionstätigkeit als auch das Fundraising über die Grenzen hinweg behindert. Hürden für grenzüberschreitende Investitionen abzubauen, wäre ein wichtiger Schritt für eine effizientere Kapitalallokation und würde helfen, um VC-Renditepotenziale zu realisieren.
Die Verfügbarkeit von Wagniskapital sowie die nötige Risikofreude von Seiten der Unternehmer wie auch der Geldgeber werden in den kommenden Jahren von enormer Wichtigkeit sein, um Investitionen in Forschung und Entwicklung zu stemmen und den Rückstand zu China zu verringern.
3.9 Globale Herausforderungen
Die Denkfabrik European Council on Foreign Relations hat Vorschläge zum «Schutz Europas gegen Zwangsmaßnahmen» erstellt, wie z. B. den Aufbau einer EU-Exportbank bis hin zur Schaffung eines digitalen Euros, um die Abhängigkeit vom dollarbasierten Finanzsystem der USA zu verringern. Die Kompetenzen der EU-Kommission sollen gestärkt werden und technologische Abhängigkeiten sollen durch eine intelligente Industriepolitik verringert werden. Das würde dem neuen Ziel der EU-Kommission, der «strategischen Autonomie zur Stärkung der wirtschaftlichen Widerstandsfähigkeit» entgegenkommen.
Das soll nicht eine Abkehr vom Freihandel werden, sondern den Freihandel soweit wie möglich liberal halten und europäischen Firmen faire Wettbewerbsbedingungen garantieren. Was ist konkret zu tun?
1. Stärke: Die Innovationskraft muss gestärkt werden, um die europäische Wirtschaft wettbewerbsfähiger zu gestalten und um unsere Gesellschaft und Arbeitsplätze zu sichern.
2. Offenheit: Europa sollte seine gesellschaftliche Attraktivität bewahren durch Offenheit, um die besten Rahmenbedingungen zu schaffen für die internationale Kooperation im Bereich Forschung und Entwicklung.
3. Risikomanagement: Es muss ein besseres und koordiniertes System geschaffen werden, um den neuen Sicherheitsherausforderungen zu begegnen und die Kosten durch unerwünschte Technologie Abflüsse zu senken.
Es besteht kein Zweifel, dass der wirtschaftliche und technologische Aufstieg Chinas sowie die wachsende Rivalität zwischen China und den USA in den kommenden Jahren die größte Herausforderung für Deutschland und für Europa wird. China hat die Größe und unter der aktuellen Führung das politische Selbstvertrauen, ein unabhängiges, eigenständiges Wirtschaftssystem aufzubauen – ein System mit chinesischen Vorzeichen.
Lange hielt sich im Westen die Vorstellung, mit zunehmendem Wohlstand werde China dem Beispiel Japans und Koreas folgen, sich zu liberalisieren, zu demokratisieren, seinen Heimatmarkt öffnen und sich in das westlich geprägte, liberale, regelbasierte Weltwirtschaftssystem einfügen. Diese Vorstellung hat sich als Illusion erwiesen. China verfolgt einen eigenen Weg, man mag es kapitalistische Autokratie nennen, sodass durchaus auch von einem Konflikt der Systeme gesprochen werden kann.
Dennoch: Rivalen müssen nicht gleich zu Feinden werden. Konkurrenz sollte zur Steigerung der eigenen Leistung führen und nicht den Gegner aus der Bahn werfen. Will Europa das Technologie-Rennen gegen China langfristig bestehen wollen, dann muss es seine Gangart beschleunigen. Zu lange war Europa mit den hausgemachten Problemen der Währungsunion und den Wirren rund um den Austritt des Vereinigten Königreichs (Brexit) beschäftigt. Nun muss der Blick nach vorn gerichtet werden. Um gegen China zu bestehen, muss man bessere Ideen und klügere Technologien entwickeln, und nicht versuchen, durch Rückzug in die Isolation seine eigene Wirtschaft zu schützen.
Aber auch China wird sich anpassen müssen. Die Staatsführung kann nicht davon ausgehen, dass sich die bisherigen chinesischen Handelshemmnisse und die Abschottung des Heimatmarktes immer noch auszahlen werden. Genau zwanzig Jahre sind vergangen seit der Aufnahme Chinas in die Welthandelsorganisation, und zu lange wurden ausländische Unternehmen und Handelspartner mit Versprechungen auf künftige Liberalisierungsschritte abgespeist. Unter vielen ausländischen Unternehmen, die Milliarden an Direktinvestitionen ins Land bringen, hat sich angesichts der vielen unerfüllten Versprechen eine «Promise Fatigue» breit gemacht. Die Forderungen auf Reziprozität, gekoppelt mit einer robusteren Handelspolitik aus Europa, kann China rasch einholen. China sollte sich nicht wundern, wenn sein zu forsches Auftreten zu einer weiteren Abkopplung von westlicher Spitzentechnologie führen wird. Es bleibt zu hoffen, dass eine offene, verstärkte Kooperation mit den OECD-Ländern mittelfristig auch für China von Vorteil sein wird.
Zum Autor
Jörg Wuttke ist Chefrepräsentant der BASF SE in China. Er ist zudem Präsident der EU-Handelskammer in China – ein Amt, das er bereits von 2007 bis 2010 sowie von 2014 bis 2017 besetzt hatte. Wuttke ist Mitglied des Beratergremiums des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Er lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Peking.
II Nachhaltigkeit
4 Nachhaltigkeit: Wie ein Leitbild zum Zukunftsimperativ für das Umsteuern bei Klima und Umwelt wird
Holger Glockner

4.1 Kontext
Im Zeichen der Pandemie sind uns kurzfristige Lösungsstrategien, um die gesundheitlichen Risiken zu minimieren und die gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Einschränkungen aufzuheben, wichtig. Dennoch ist in vielen Teilen der Gesellschaft das Bewusstsein nochmals gestiegen, dass der Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen die relevanteste Zukunftsfrage der gegenwärtigen Zeit und auch der kommenden Dekade sein wird. Das Wissen über die Zukunft ist in vielen Bereichen in erstaunlichem Maße vorhanden – insbesondere zu Klima- und Umweltfragen. Klar, die Zukunftsaussagen sind unter bestimmten Annahmen zu lesen. Und die zentrale lautet: Ein Weiter so wird die Menschheit vor nie gekannte Herausforderungen stellen. Diese Frage ist somit für die künftige Gestaltung des Zusammenlebens im globalen Maßstab und vielleicht gar für das Überleben der Spezies Mensch entscheidend und wird Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auf Jahrzehnte hin prägen, egal wie auch immer die Antworten ausfallen werden. Die Vorsitzende des Weltbiodiversitätsrates, Anne Larigauderie, bringt es auf den Punkt: »Naturschutz ist kein Luxus, sondern eine Existenzfrage.«
Im Folgenden stehen daher auch nicht die Erkenntnisse zur Umwelt- und Klimaforschung an sich im Fokus, sondern die Frage, wie die relevanten Systeme von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auf diese referenzieren und welche Handlungsansätze es – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – geben kann. Im öffentlichen Diskurs dominieren zumeist die technologischen und ökonomischen Perspektiven, es ist jedoch entscheidend, dass Menschen sich nicht zurückgelassen und übergangen fühlen. Insofern ist eine ergänzende soziokulturelle Perspektive maßgeblich, um Anforderungen und Konsequenzen in der Zukunft zu antizipieren. Schon heute sind die gesellschaftlichen Friktionen spürbar, die eine grundlegende ökologische Transformation hervorrufen kann. Dennoch ist es wichtig, radikal zu denken, um besonnen handeln zu können. Sich eine langfristige Zukunft ohne negative Umwelteinflüsse vorzustellen, bedeutet nicht, dass von heute auf morgen alle Lebensbereiche revolutioniert werden. Vielmehr bietet es die Perspektive, in demokratischen Aushandlungen die konkreten Wege zu diskutieren und die attraktivsten Alternativen zu wählen. Es geht also nicht darum, den moralischen Zeigefinger zu erheben – dies führt allzu oft zu emotionalen Gegenreaktionen – sondern darum, ganz praktisch Angebote zu machen, um eine neue Kultur des Experimentierens und Gelingens zu etablieren. Die Balance zwischen visionärem Denken und entschlossenem Handeln zu finden, darf nicht allein auf einer Verzichtslogik beruhen, sondern muss immer Elemente eines besseren Morgen enthalten.
4.2 Vom Wissen und Reden zum Handeln
Die Geburtsstunde der Umwelt-, Ressourcen- und Klimaberichte fällt auf die Veröffentlichung der ersten Club of Rome-Studie »Die Grenzen des Wachstums« aus dem Jahr 1972. 50 Jahre später ist einerseits viel passiert, was die Verbesserung der Umwelt betrifft, aber eben andererseits Vieles und vermutlich ein Vielfaches, das den Zustand der Erde hinsichtlich der natürlichen Lebensgrundlagen als kritisch zu bezeichnen erlaubt. Erich Fromm schrieb 1979 in seinem Werk ›Haben oder Sein‹: »Während im Privatleben nur ein Wahnsinniger bei der Bedrohung seiner gesamten Existenz untätig bleiben würde, unternehmen die für das öffentliche Wohl Verantwortlichen praktisch nichts, und diejenigen, die sich ihnen anvertraut haben, lassen sie gewähren.« Im Kern ist darin die zentrale Position der in der jungen Bewegung »Fridays for Future« Engagierten zum Ausdruck gebracht. Sprich, das Wissen um die anstehende Bedrohung ist seit vielen Jahrzehnten bekannt, aber ein entsprechendes Handeln lässt in vielen Teilen auf sich warten.
Der Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) wurde bereits 1988 gegründet, der Gipfel von Rio 1992 über Umwelt und Entwicklung sowie die UN-Klimakonferenz von 1995 stellen zwei weitere Startschüsse in die internationale Auseinandersetzung über Nachhaltigkeit und Klima dar. Insbesondere im Jahr 2015 schienen mit der Verabschiedung der 17 Sustainable Development Goals (SDGs) als politische Zielsetzung für eine ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit im Jahr 2030 und dem Paris-Abkommen mit verbindlichen Klimazielen zur Begrenzung der Erwärmung auf weniger als 2 Grad Celsius bis 2100 gegenüber der vorindustriellen Zeit, Durchbrüche in Richtung Nachhaltigkeit auf globaler Ebene bevorzustehen. Allerdings fehlt es gegenwärtig immer noch an global konzertierten Aktionen, die auch nationale, regionale und lokale Entscheidungsträger in Verantwortung nehmen, um die adressierten Ziele endlich verbindlich umzusetzen. Umso wichtiger ist es, dass die Entscheidungsträgerinnen und -träger in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ein schnelles Umsteuern bewirken.
Forschungen und Studien zu den sich anbahnenden neuen planetaren Belastungsgrenzen (u. a. Klima, Ozeane, Atmosphäre) und diversen ökologischen Kipppunkten (Schwinden der Eiskörper, Veränderung von Strömungssystemen und Eingriffe in artenreiche Ökosysteme) sind zahlreich vorhanden. Dabei sind die vielfältigen Wechselwirkungen noch nicht in Gänze durchleuchtet. Nahezu gesichert gilt aber, dass es wechselseitig zu selbstverstärkenden Prozessen kommen kann, die zu einem nicht benennbaren Zeitpunkt in der Zukunft unumkehrbar sind (vgl. u. a. Lade et al., 2020).
Nicht umsonst lauten die Schlagzeilen immer noch »The decade to deliver« (vgl. UN Global Compact CEO Study on Sustainability, 2019) oder »Humanity stands at a crossroads« (vgl. UN Global Biodiversity Outlook 5, 2020), wenn der gegenwärtige Zustand der Welt mit Blick in die Zukunft bezeichnet werden soll. Wir müssen vom Diskutieren ins Tun kommen! Die drei zentralen Handlungsfelder Klima, Biodiversität und Ressourcen sollen kurz beleuchtet werden.
4.2.1 Voranschreitender Klimawandel
Wir haben genug Wissen über die bestehenden Verhältnisse und anstehenden Entwicklungen durch die zunehmende Freisetzung von CO2-Emissionen. Erderwärmung, Schmelzen der Polkappen und Auftauen des Permafrosts, Hitzewellen mit Dürren, Starkregen und Stürme, Anstieg des Meeresspiegels – die Fakten liegen auf dem Tisch. Heutige Interventionen und Maßnahmen werden jedoch erst nach Jahrzehnten auf ihre Wirksamkeit überprüft werden können, wodurch immer noch ein Legitimations- und Akzeptanzproblem besteht, ob diese dann tatsächlich heute schon notwendig sind. Hinzu gesellen sich beharrliche Kräfte in vielen Institutionen und Organisationen, die immer noch alte Klientelpolitik betreiben und das Ausmaß der Risiken nicht verstehen oder nicht wahrhaben wollen. Ausschlaggebend ist also der fehlende politische Wille, eine den Erkenntnissen entsprechende politische Agenda, wie sie im Paris-Abkommen angelegt ist, zu liefern. Es bedarf daher ambitionierter Partnerschaften zwischen entwickelten und sich entwickelnden Ländern, die durch politische Umsetzungsregeln, Handels- und Finanzierungsabkommen, technischer und sozialer Innovationskooperationen ausgedrückt werden müssen.
4.2.2 Übernutzung der Natur
Die gegenwärtige Pandemie führt uns plakativ vor Augen, welche Gefahren mit dem stetigen Zurückdrängen der natürlichen Lebensräume von Tieren und Pflanzen auftreten. Die Übernutzung der zur Verfügung stehenden Ressourcen wird sinnbildlich durch den Earth Overshoot Day ausgedrückt, den Tag im Jahr, an dem die Menschheit die verfügbaren Ressourcen auf der Erde, die im Laufe eines Jahres nachwachsen könnten, verbraucht hat. 1987 fiel dieser Tag noch auf den 19. Dezember, 2019 hingegen auf den 29. Juli (2020 pandemiebedingt auf den 22. August). Gegenwärtig verbrauchen wir daher 1,75 Planeten (Referenzjahr 2019). Würden alle weltweit so konsumieren wie die Menschen in den USA, wären sogar fünf Planeten notwendig, drei Planeten bei einem Verbrauch wie in Deutschland und 2,2 Planeten wie in China (vgl. https://data.footprintnetwork.org). Der gegenwärtige Ressourcenabbau für die industrielle Produktionsweise, die enorme Landnutzung (u. a. Abholzung der Regenwälder) und die Schadstoffeinträge in die Umwelt (Emissionen, Plastik etc.) sind in der gegenwärtigen Dimension für die Natur nicht mehr zu absorbieren. Neue Produktions- und Konsumformen (z. B. Kreislaufwirtschaft und regionale/ lokale Wertschöpfung), die Umgestaltung globaler Lieferketten und Innovationen in der Materialtechnologie sind weitere wichtige Hebel auf dem Weg zu einem gesünderen Planeten.
4.2.3 Verlust der Biodiversität
Erkenntnisse des Weltbiodiversitätsrates (IPBES) legen nahe, dass mit dem Schutz der Biodiversität eine ähnliche Herkulesaufgabe wie die Bewältigung des Klimawandels bevorsteht. Weltweit scheint es ein erwachendes Bewusstsein für die Aufgaben zu geben. Aber wieder sind die entsprechenden Handlungen noch weit vom Notwendigen entfernt. Ziele, die man 2010 formulierte, wurden ausnahmslos bis 2020 nicht erreicht, wenn es auch Fortschritte in einzelnen Bereichen gab. Werden die bestehenden Trends aber nicht gebrochen, ist der Ausblick in die Zukunft kritisch bis dramatisch einzuschätzen. Die zunehmende Landnutzung und der damit verbundene Verlust an Arten und Ökosystemen wird vielfältige negative Effekte insbesondere auf die globale Ernährungs- aber auch auf die Gesundheitssituation haben. Betroffen sind dabei vermutlich vor allem die heute schon ärmeren und vulnerablen Bevölkerungsgruppen, aber die gegenwärtige Pandemie lehrt uns, dass weltweite Konsequenzen, somit auch in Europa und Deutschland zu erwarten sind. Notwendig sind also ein intensiverer Schutz bestehender Ökosysteme, aber auch die Wiederbelebung von bedrohten Lebensräumen wie z. B. Wiederaufforstung von Regen- und Mangrovenwäldern oder die Beseitigung der Verschmutzung von Ozeanen und die Wiederherstellung von Korallenriffen.
4.3 Die Grundsatzfrage und der Zukunftsimperativ
Die Probleme sind also offenkundig wie virulent. Die führenden Volkswirtschaften stehen zweifelsfrei besonders in der Pflicht, auf ein Umsteuern ihrer Lebens- und Wirtschaftsweise hinzuwirken. Was ist aber der richtige Ansatz, um zu handeln? Die Diskussion speist sich entlang der Frage, ob das natürliche Kapital in Form von Ressourcen durch ökonomisches und soziales Kapital ersetzt werden kann oder nicht. In der Fachwelt spricht man von Weak Sustainability (schwache Nachhaltigkeit) versus Strong Sustainability (starke Nachhaltigkeit) (vgl. Ekin et al. 2003). Nachhaltigkeit wird oftmals mit drei Säulen erklärt – dem Ökologischen, dem Ökonomischen und dem Sozialen. Alle drei sind nach dieser Auffassung gleichwertig und dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden (
Abb. 7).

Abb. 7: Das propagierte Modell der Nachhaltigkeit
Dieses Prinzip bildet seit Jahrzehnten die herrschende Meinung unter den Entscheidungsträgerinnen und -trägern und ist als Ausdruck der schwachen Nachhaltigkeit zu sehen. Es basiert vor allem auf dem Glauben, dass die jeweils gegenwärtigen und zukünftigen ökologischen und sozialen Probleme durch neue technologische und ökonomische Lösungen überwindbar sind. Zu konstatieren ist jedoch, dass dieser Ansatz bisher dem Prinzip der Nachhaltigkeit unter ökologischen Gesichtspunkten nur unzureichend zu einer durchdringenden Wirkung verholfen hat. Vielmehr wird das gegenwärtige Modell durch die Abbildung 8 wiedergegeben.
Demgegenüber rüttelt die starke Nachhaltigkeit am Kern des heutigen kapitalistischen Systems mit seinen effizienzgetriebenen und technikorientierten Paradigmen. Das Konzept der starken Nachhaltigkeit akzeptiert die planetaren Grenzen und möglichen Kipppunkte der Ökosysteme und legt damit auch den Grundstein für Regeln und Bedingungen des gesellschaftlichen und ökonomischen Handelns (
Abb. 9).
Meine zentrale These lautet daher: Wenn der Handlungsdruck so groß ist, wie es die wissenschaftlichen Erkenntnisse nahelegen, dann muss es ein klares Primat für die Ökologie geben, das durch die Politik verbindlich umgesetzt wird und dem sich Gesellschaft und Wirtschaft unterzuordnen haben.
Gleichwohl sind Gesellschaft und Wirtschaft aufgefordert, gemeinsam mit der Politik in demokratisch transparenten Prozessen, diese Vorgaben zu definieren. Die Umsetzung einer starken Nachhaltigkeit bedarf mithin eines transdisziplinären Ansatzes, in dem Natur- sowie Sozial-, Kultur- und Wirtschaftswissenschaften

Abb. 8: Das gegenwärtige Modell der Nachhaltigkeit

Abb. 9: Das anzustrebende Modell der Nachhaltigkeit
gemeinsam mit Politik, Zivilgesellschaft und Unternehmen nach neuen Lösungen suchen, das natürliche Kapital nur in den erneuerbaren Mengen zu nutzen. Neuere ökonomische Ansätze wie z. B. die Gemeinwohlökonomie von Christian Felber oder die Doughnut Economics von Kate Raworth streben bereits danach, in den planetaren Grenzen und unter Beachtung des sozialen Ausgleichs, ökonomisches Handeln radikal zu transformieren.
4.4 Bitte wenden!
In vielen Industrien stehen die Unternehmen vor großen Umbrüchen. Diese selbst mitzugestalten, kann helfen, der Menschheit ihr Überleben zu sichern. Und damit auch den Unternehmen selbst. Oder man setzt auf Abwarten, auf Verzögern und Taktieren, um die bewährten Geschäftsmodelle zu retten. Dann werden andere Spieler auf das Parkett treten und die immer noch zahlreich vorhandenen Wertschöpfungsoptionen abgreifen, die angesichts der anstehenden Transformation möglich werden. In Summe zeichnet sich schon länger deutlich ab, dass ein »Business as usual« keine Option mehr ist, unter Betrachtung der vielfältigen Risiken, die dieser Pfad beinhalten würde.
Ein Umsteuern betrifft die Art, wie wir produzieren und konsumieren, wie wir unsere Städte und ländlichen Regionen gestalten, welchen Wert wir der Natur und ihrem Schutz beimessen und nicht zuletzt, welche soziokulturellen Narrative wir dieser umfänglichen Transformation zuordnen. Positive Visionen, die auf bereits heute sichtbaren Geschichten des Gelingens beruhen, sind wichtig, um den Menschen die Angst zu nehmen und Freude zur Veränderung zu vermitteln (vgl. u. a. Welzer 2020). Innovationen sind in vielen Branchen erforderlich, dies betrifft insbesondere eine technisch hochentwickelte Ökonomie wie die in Deutschland. Hier sind Staat wie Wirtschaft gleichermaßen in der Pflicht, entsprechende Basisinnovationen zu stimulieren. Innovation bedingt aber immer auch Exnovation, sprich sich von Gewohnheiten und etablierten Prozessen, Produkten und Systemen zu trennen, um Raum für das Neue zu schaffen. Dieser Gedanke führt in vielen Kernbereichen der europäischen Volkswirtschaften zu einer Wende in der strukturellen Art des Wirtschaftens.
4.4.1 Energiewende
Die Energiewende ist die prominenteste unter den industriellen Wandlungs- bzw. Wendeprozessen. In Deutschland immerhin schon in den 1990er Jahren gestartet mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, sind mittlerweile deutliche Fortschritte zu verbuchen. Laut Bundesregierung betrug der Anteil der Erneuerbaren an der Stromversorgung 2019 bereits 42 Prozent, bei der Wärmeversorgung hingegen erst knapp 14 Prozent.
Weltweit gilt es, gültige Mechanismen zu etablieren, die die Wirtschaftlichkeit der Gewinnung und Umwandlung fossiler Energieträger reduzieren und die Investitionssicherheit für alternative Technologien schaffen (z. B. durch einen globalen CO2-Preis). Allerdings gibt es manifeste geopolitische Interessen vieler Länder, diesen Prozess zu verhindern, um ihre derzeitige Stellung zu festigen. Der forcierte Umstieg auf von fossilen auf erneuerbare Energien bleibt der zentrale Hebel, um die CO2-Emissionen zu reduzieren und den Klimawandel abzuschwächen. Verschiedene Maßnahmen können dies unterstützen. Eine dezentrale Erzeugung kann z. B. helfen, um den Verbrauchern mehr Wissen zu vermitteln und global mehr Einfluss im Markt zu übertragen und somit auch erfahrbar zu machen, selbst einen Beitrag leisten zu können.
Bezogen auf Deutschland sind die zentralen Stichpunkte der weitere Ausbau der Erneuerbaren Energien (z. B. durch gebäudeintegrierte Photovoltaik und Einleitung einer echten ›Wärmewende‹), die Steigerung der Energieeffizienz (z. B. Gebäudesanierung insbesondere im Altbestand und Ausbau des Internets der Energie), der Ausbau der Stromnetze (z. B. Steuerung dezentraler Verteilnetze), Innovationen bei der Energiespeicherung (z. B. Umwandlung von Strom zu grünem Wasserstoff) und Anreize zur Substituierung fossiler Energieträger bei energieintensiven Industrien (z. B. Chemie oder Stahl). Auch die Förderung der Elektromobilität für Privathaushalte, Kommunen und Kleingewerbe sind ein wichtiges Element der Energiewende und tangiert damit bereits die Schnittstelle zur Mobilitätswende.
4.4.2 Mobilitätswende
Auch im Mobilitätssektor steht ein tiefgreifender Umbruch bevor. Einerseits wird die Digitalisierung zu neuen Geschäftsmodellen, neuen Mobilitätsmustern und neuen Anbieterstrukturen führen. Andererseits werden die Anforderungen in Richtung einer klimaneutralen und ressourcenschonenden Mobilitätsweise tiefgreifende systemische Veränderungen bedingen. Die einzelnen Punkte sind vernetzt und können nicht singulär betrachtet werden.
Die volkswirtschaftliche Relevanz der Automobilindustrie in Deutschland ist außergewöhnlich, umso dringlicher aber auch die aktive Steuerung und Gestaltung des anstehenden Wandels. Ein energetisches Thema steht dabei in der öffentlichen Debatte noch über allen: der Wechsel vom Verbrenner hin zur batterie- oder wasserstoffbasierten Elektromobilität. Für die deutsche Industrie ist dies neben der Digitalisierung sicher die zentrale Herausforderung des kommenden Jahrzehnts angesichts der massiven Verschiebung in der Wertschöpfung und der infrastrukturellen Anforderungen (z. B. Ausbau Ladeinfrastruktur und Sektorkopplung). Blickt man auf die Mobilität als System werden schnell andere Fragen relevant.
Insbesondere in Städten verdichten sich die Herausforderungen durch den Klimawandel, Mangel an Wohnraum und Verknappung von Ressourcen. Es bedarf einer Neugestaltung des öffentlichen Raums weg von der autozentrierten hin zur menschenzentrierten Stadt. Daher führt der Weg in Richtung fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte sowie vernetzter Mobilitätsangebote, um Raum zu schaffen und die Lebensqualität (z. B. durch saubere Luft) zu erhöhen. Städte ziehen Menschen an und stoßen Autos ab. Dieser globale Trend wird verzögert gegenüber anderen Ländern auch in Deutschland sichtbar werden, indem Autos zunehmend aus den Städten hinausgedrängt werden (z. B. durch Verkehrsbeschränkungen, Parkraumbewirtschaftung, Fahrverbote, autofreie Innenstädte).
Auch multimodale Lösungen, um eine Reise komfortabel über mehrere Verkehrsträger hinweg zu ermöglichen, werden zunehmend, insbesondere bei jüngeren Generationen, nachgefragt. Im ländlichen Raum könnten in Ermangelung flächendeckender ÖPNV-Angebote zusehends Angebote autonomer und geteilter Mobilität entstehen. Pandemiebedingt erleben wir gerade, dass der öffentliche Nah- und Fernverkehr einer generellen Reform bedarf, um in der Breite der Bevölkerung als attraktive Option wahrgenommen zu werden. Um dies zu realisieren ist die Digitalisierung ein entscheidender Hebel (Echzeitinformationen, Planbarkeit, Abrechnungssysteme).
Insgesamt bewegt sich die Mobilität in einem soziokulturellen Paradigmenwechsel weg vom autozentristischen hin zu einem eher polyzentristischen Weltbild mit vielfältigeren Mobilitätsmustern als wir es heute gewohnt sind. Menschen werden zunehmend erfahren, dass ein Leben ohne eigenes Auto möglich ist. Dies funktioniert aber nur, wenn attraktive Alternativen vorhanden sind.
4.4.3 Ernährungswende
Agrarwirtschaft, Nahrungsmittelindustrie und Verbraucher sind gleichermaßen gefragt, wenn es darum geht, den negativen Eintrag für Umwelt und Klima zu reduzieren.
Systemisch bleibt in Europa weiterhin eine nachhaltige Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik notwendig. Gegenwärtig sehen wir immer noch eine starke Förderung der alten Systemstruktur mit dem Kern der industriellen Landwirtschaft, die wegen Palmölplantagen oder Viehzuchtfarmen Haupttreiber des weltweiten Waldverlustes ist. Die »Farm to Fork Strategy« der EU-Kommission als Teil des European Green Deals ist ein richtiger Ansatz für den Umstieg in ein faires, nachhaltiges und gesundes Ernährungssystem. Ähnlich wie im Energie- und Mobilitätssektor stehen aber viele Gewinner des derzeitigen Systems unter enormen Anpassungsdruck und werden weiterhin versuchen, die Transformation zu verzögern.
Im Blickfeld stehen sowohl die Nahrungsmittelerzeugung als auch der Nahrungsmittelkonsum. Erzeugerseitig ist die Hinwendung zu einer nachhaltigen Landwirtschaft unumgänglich, entsprechende Anreize müssen schnell gesetzt werden. Dies beinhaltet u. a. eine organische Landwirtschaft mit alternativen Düngemitteln und nicht-chemischem Pflanzenschutz, aber auch der systemische Umstieg von Monokulturen auf Mischkulturen und der gezielte Einsatz digitaler Applikationen, um den Einsatz von Pflanzenschutz und Wasser effizienter zu gestalten. Auch neue Konzepte der urbanen Landwirtschaft (Vertical Farming, Indoor Farming), sowie regionale und lokale Nahrungsketten (u. a. verbesserter Transport und Lagerung von Lebensmitteln) helfen strukturell, negative Umwelteinträge zu vermeiden. Biotechnologische Innovationen wie z. B. in der Saatgutentwicklung sind zwar ein umstrittenes Thema, werden aber gerade in der globalen Nahrungsmittelversorgung eine bedeutendere Rolle spielen.
Konsumseitig stehen veränderte Ernährungsgewohnheiten im Zentrum der notwendigen Reformen. An erster Stelle steht dabei ein reduzierter Fleischkonsum mit deutlichen Effekten für Klimaschutz und Naturverbrauch. Gleiches gilt im Übrigen auch für den Konsum von Palmöl oder Avocados, die als SUVs auf der Speisekarte bezeichnet werden können. Wichtig sind daher regionale und saisonale Nahrungsmittel, um auch Transporte und den Verlust von Nahrungsmitteln zu minimieren. Auch die digitale Unterstützung durch personalisierte Ernährungspläne kann dazu beitragen, das Einkaufen und Kochen von Lebensmitteln zu optimieren und geringere Mengen wegzuwerfen.
4.4.4 Materialwende
Vielfach unbeachtet durch die disruptiven Entwicklungen der Digitalisierung findet auf der Ebene der Materialien eine grundlegende Transformation statt, die als wichtiger Baustein einer nachhaltigen Lebens- und Wirtschaftsweise zu sehen ist.
Der vorherrschende Rohstoff in der chemischen Industrie ist immer noch Öl, das als Nebenprodukt aus den Prozessen der Ölraffinerien zur Entwicklung von Kraftstoffen verwendet wird. Notwendig ist zukünftig die verstärkte Verwendung von recycelten oder anderen nachhaltigen Materialien, die zu ihrer Herstellung keine fossilen Ressourcen benötigen. Den Gedanken der Kreislaufwirtschaft verfolgend müssen chemische Produkte im Hinblick auf ihren gesamten Lebenszyklus optimiert werden, einschließlich der Recyclingfähigkeit und biologischen Abbaubarkeit. Gleichfalls werden die zukünftigen Materialien spezifischere Eigenschaften ausweisen, insofern kann der Schadstoffeintrag und insbesondere das Gesundheitsrisiko in vielen Fällen reduziert werden. Der Green Deal der EU beinhaltet eine Strategie für eine echte Chemiewende, indem Innovationen für sichere und nachhaltige Chemikalien gefördert werden, um Umwelt und Menschen zu schützen.
Auch im Bauwesen sind materialseitig deutliche Verschiebungen absehbar. Entscheidend sind vor allem neue Verfahren zur Herstellung von grünem Zement oder Stahl. Vielfältige Forschungen legen nahe, dass in den nächsten Jahrzehnten eine klimaneutrale Produktion möglich wird. Bei Zement betrifft dies einerseits eine neue chemische Zusammensetzung und andererseits die Verpressung von Kohlendioxid. Beim Stahl erfolgt der Weg über die Nutzung von grünem Wasserstoff als Energieträger, was dem Thema generell zum Durchbruch verhelfen soll. Aber auch das Recycling von Materialien wird eine bedeutende Rolle einnehmen und zirkuläre Prozesse in der Bauwirtschaft stimulieren.
4.5 Zeigen, dass es geht!
Die ökonomischen Chancen, die in der nachhaltigen Transformation vieler Märkte liegen, dürfen aber nicht überlagern, dass es einen starken politischen Impuls geben muss, diesen Umbruch unumkehrbar zu machen. Derzeit gehen die EU und China voran und streben bis 2050 bzw. 2060 die vollständige Klimaneutralität an. In der EU gibt es mit dem Green Deal bereits ein nahezu verbindliches Maßnahmenprogramm, während in China die Absichtserklärung noch mit konkreten Bestandteilen unterlegt werden muss. Man darf gespannt sein, ob die USA sich wieder in das globale Klimaregime eingliedern und entsprechende Zielsetzungen verbindlich formulieren. Aus globaler Sicht ist es wichtig, dass die Sustainable Development Goals der UN als handlungsleitete Prinzipien gelten und das Paris-Abkommen verbindlich umgesetzt wird.
Zeigen wir in Europa, dass es geht und warten nicht wie das Kaninchen vor der Schlange auf China oder die USA. Der Green Deal ist ein mutiger Schritt, der hoffentlich auch zur Umsetzung kommt, insbesondere auch um den langfristigen Wohlstand zu sichern und die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu stärken. Der Fokus auf die genannten Bereiche von Energie bis zum Bauen ist richtig, kann aber durch vielfältige Maßnahmen begleitet werden: z. B. die strikte Ausrichtung des öffentlichen Beschaffungswesens auf Nachhaltigkeit oder die vermehrte Internalisierung externer Umweltkosten, um der Natur den Wert beizumessen, den sie verdient hat. Dabei ist zu beachten, soziale Ausgleichsmaßnahmen in der Gesellschaft für negativ Betroffene zielgerichtet zu adressieren. Sicher wird dies in den kommenden Jahren auch eine Debatte über Universal Basic Services als Instrument der öffentlichen Daseinsfürsorge befeuern. Welche Güter müssen dem Gemeinwesen zur Verfügung gestellt werden?
Ein Primat für den Natur- und Klimaschutz erfordert in der Politik ein stärker ressortübergreifendes Denken und Handeln und wird sicher auch einen kulturellen Wandel einleiten, wie demokratische Gesellschaften gesteuert und geführt werden. Unter den klaren Vorgaben, die notwendig sind, ist weiterhin ein lebendiger Wettbewerb um die besten Ideen als auch der aktive Beitrag von Unternehmen und Bürger wichtig.
4.6 Schlussfolgerung: Vorausschauend denken, urteilen und handeln
Im Englischen spricht man von ›wicked problems‹, wenn Lösungen für Herausforderungen gesucht werden, die eine schier unüberschaubare Komplexität in sich bergen. Verzagen wäre naheliegend, hilft aber nicht. Attraktive und machbare Wege für klimaneutrale und umweltverträgliche Gesellschaften und eine Verlagerung von der wachstumszentrierten zu einer sinnstiftungsorientierten und nachhaltigen Wirtschaftsweise existieren. Die Herausforderungen sind gewaltig, aber durch konzertierte Aktion der handelnden Akteure in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft noch zu bewältigen. Systemische Weiterentwicklung von Institutionen, neue Marktmechanismen, technologische Lösungen, politische Programme und gesellschaftliche Veränderungen müssen Hand in Hand gehen.
Viele ›Change Agents‹ zeigen bereits heute im Alltag, durch soziale Innovationen in der gemeinsamen Nutzung von Produkten und Dienstleistungen, durch kooperatives Verhalten oder Einüben des Unterlassens, wie beispielhaft dazu beigetragen werden kann, auf die notwendige Veränderung hinzuwirken. Man darf jede Einzelne und jeden Einzelnen nicht aus der Verantwortung lassen, sie müssen befähigt werden, ihre Potenziale zu aktivieren, um sich mit der Welt und ihren Ökosystemen in Beziehung zu setzen. Nicht zuletzt ist dies eine Bildungsaufgabe.
Aber die großen Hebel sind durch ein klares politisches Umsteuern realisierbar. Insofern bleiben die Regierungen als Vertreter ihrer Völker im Fokus der Anforderungen, dieses Umsteuern zu organisieren und damit Wissenschaft und Wirtschaft Leitlinien vorzugeben, wohin die Reise gehen muss.
Am Ende ist die vorausschauende Klugheit aller Akteure entscheidend, um eine »Transformation by Disaster«, d. h. den erzwungenen Umstieg durch katastrophale Naturereignisse zu vermeiden und eine »Transformation by Design«, d. h. eine Wende durch gezielte Steuerung und Gestaltung zu erreichen. Eine systemische, ganzheitliche und zukunftsorientierte Perspektive ist gefragt. Die Zeit zum Handeln wird aber enger. Immerhin hat die Welt in der Pandemie gezeigt, dass enorme Kraftanstrengungen möglich sind. Aber auch, welch enorme Kosten entstehen, wenn im Moment der eingetretenen Katastrophe gehandelt werden muss. Insgesamt zeigt sich zunehmend: Nachhaltigkeit ist keine strategische Option unter vielen mehr, sondern ein politisch, wie gesellschaftlich und ökonomisch unumkehrbarer Imperativ. Alles könnte anders sein.
Zum Autor
Holger Glockner ist Managing Partner von Z_punkt The Foresight Company und arbeitet seit knapp zwanzig Jahre im Foresight-Bereich. Er hat zahlreiche Zukunftsprojekte für Organisationen aus dem privaten wie öffentlichen Sektor geleitet. Inhaltlich treibt ihn die Frage nach einer gelingenden Transformation zu einer nachhaltigen Gesellschaft und Wirtschaft um.
Literatur
Ekins, Paul; Simon, Sandrine; Deutsch, Lisa; Folke, Carl and De Groot, Rudolf: A Framework for the practical application of the concepts of critical natural capital and strong sustainability. Ecological Economics, 44(2-3) pp. 165-185, (2003)
Lade, S.J., Steffen, W., de Vries, W. et al.: Human impacts on planetary boundaries amplified by Earth system interactions. Nat Sustain 3, 119–128, (2020). https://doi.org/10.1038/s41893-019-0454-4
Secretariat of the Convention on Biological Diversity: Global Biodiversity Outlook 5, (2020).
United Nations Global Compact and Accenture Strategy: The decade to deliver. A call for business actions. CEO Study on Sustainability, (2019).
Welzer, Harald: Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen, (2020).
5 Innovation als Treiber für Klimaschutz: Die zentrale Rolle von Wirtschaft und Politik
Andreas Freytag und Matthias Menter


5.1 Einführung
Der Klimawandel stellt eine der größten Herausforderungen für die Menschheit dar. Laut einer aktuellen Studie des Institute for Economics and Peace (IEP) könnte bis zum Jahr 2050 der Lebensraum von bis zu 1,2 Milliarden Menschen bedroht sein (IEP 2020). Besonders betroffen sind demnach Südasien, der Mittlere Osten, die afrikanische Sahelzone sowie die weiter südlich liegenden afrikanischen Staaten. Eine massenhafte Migration könnte die Folge sein. Die negativen Auswirkungen eines sich verändernden Klimas sind jedoch auch heute schon spürbar: ein kontinuierlicher Anstieg des Meeresspiegels, eine Häufung von Extremwetterereignissen wie Hitze, Dürre, Stürmen, Starkregen und Hochwasser – auch hierzulande – sowie das Abschmelzen der Polarkappen und Gletscher. Dies wiederum hat einen Einfluss auf verschiedene Sektoren wie Land- und Forstwirtschaft, Gesundheit, Tourismus und die Wirtschaft im Allgemeinen. Ein Land wie Deutschland, das stark von der globalen Arbeitsteilung abhängt, muss Vorkehrungen treffen, diese Herausforderung auf globaler, aber auch auf nationaler Ebene zu meistern.
Die deutsche Bundesregierung verabschiedete deshalb im Jahr 2008 die sog. »Deutsche Anpassungsstrategie an den Klimawandel« (DAS), um Aussagen über beobachtete und erwartete Klimaänderungen zu treffen, Handlungsbedarfe zu identifizieren und nachgelagerte Anpassungsmaßnahmen frühzeitig umzusetzen (Die Bundesregierung 2008). So sollen Schäden im Kontext des Klimawandels verringert bzw. vermieden und Chancen genutzt werden, um die Verletzlichkeit der deutschen Gesellschaft, aber auch der Wirtschaft und Umwelt zu reduzieren und gleichzeitig die Anpassungskapazitäten Deutschlands zu erhöhen. Die DAS zielt deshalb neben einer Risikobewertung und der Entwicklung und Umsetzung von Anpassungsmaßnahmen insbesondere auch auf eine Sensibilisierung der Bevölkerung ab, also die Schaffung eines Bewusstseins für den Klimawandel und dessen Folgen. Entsprechend wurden drei zentrale Aktivitätsfelder identifiziert: (1) Bewusstseinsbildung und Information, (2) Dialog und Beteiligung sowie Unterstützung der verschiedenen Akteure sowie (3) Verbesserung der Wissensbasis.
Umso unverständlicher erscheint es, dass nach wie vor umweltschädliche Industrien sowie die Förderung umweltschädlichen Verhaltens durch Steuergelder massiv subventioniert werden. So veröffentlichte das Bundesamt für Naturschutz im Jahr 2019 eine Studie, wonach im Jahr 2018 insgesamt ca. 55 Milliarden Euro an natur- und klimaschädlichen Subventionen ausbezahlt wurden – immerhin knapp 16 Prozent der Haushaltsausgaben des Bundes (Bundesamt für Naturschutz 2020). Hierunter fallen u. a. niedrigere Strom- und Energiesteuern für energieintensive Industrien, Steuerrabatte für Autofahrer durch die niedrigere Besteuerung von Diesel im Vergleich zu Benzin sowie Geld für Vielflieger durch die Energiesteuerbefreiung von Kerosin und Steuernachlässe für Konsum.2 Entsprechend groß ist die Entrüstung unter Klimaschützern, bei denen die Subventionsempfänger, meist große Konzerne, ganz oben auf der Liste der Klimasünder stehen.
Aber nicht nur aus ökologischer Perspektive sind diese Subventionen ein Fehler. Die ökonomische Theorie zeigt auf, dass klimaschädliche Aktivitäten am einfachsten dadurch zu vermeiden sind, dass sie mit den vollen Kosten für die Verursacher versehen werden. In der Tat erzeugen Umweltverschmutzung und Klimaschäden hohe externe Kosten für die Gesellschaft. Diese zu internalisieren, stellt die erstbeste ökologische und ökonomische Maßnahme dar. Umso mehr erstaunt es, dass die Bundesregierung es bis heute nicht vermocht hat, diese Kostenzuweisung umzusetzen. Dies mag auch damit zu tun haben, dass viele politische Entscheidungsträger immer noch einen Gegensatz zwischen Ökologie und Ökonomie sehen und die wesentlichen Akteure der sog. Klimabewegung es bis heute nicht verstanden haben, dass insbesondere die (innovativen) Unternehmen ihre natürlichen Verbündeten im Kampf um das Klima sind. Ganz im Gegenteil, sie sehen in der privaten Wirtschaft die wesentlichen Gegner im Kampf um ein gutes Klima. Möglicherweise auch deshalb definiert die Bundesregierung Klimaschutz nach wie vor als eine Ansammlung von Geboten und Verboten, also zur Hauptsache als staatliche, obrigkeitliche Angelegenheit.3 Genauso regelmäßig gibt es dann Rückschläge für das Klima.
Dieser Beitrag dient dazu, das Potential einer marktwirtschaftlichen Strategie zum Klimaschutz herauszuarbeiten. Anstatt den Unternehmen detaillierte sektorspezifische oder gar auf individuelle Kraftwerke und Betriebsstätten abzielende Vorschriften zu machen, kann man mit Hilfe preisbasierter Instrumente dafür sorgen, dass klimaschädliche Produktionsweisen teurer und klimafreundliche Innovationen angeregt werden. Zunächst stellen wir die wesentlichen Instrumente ganz kurz vor. Anschließend gehen wir auf die deutsche und globale Klimapolitik kurz ein, bevor wir eine innovationsökonomische Anwendung diskutieren. Schlussfolgerungen schließen den Beitrag ab.
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