Читать книгу: «Das Buch der Schurken»
Die 100 genialsten
Bösewichte der Weltliteratur
ausgewählt, entlarvt und vorgestellt
von Martin Thomas Pesl
illustriert von Kristof Kepler

VORWORT
Von 2008 bis 2015 hatte ich den Auftrag des Magazins WIENER, in jeder Ausgabe einen Klassiker der Weltliteratur in einem unterhaltsamen Kurztext für Menschen zu behandeln, die das Werk nicht gelesen, wahrscheinlich aber davon gehört haben. Ich – ein leidenschaftlicher Leser, der nicht versteht, warum manche Leute sich nicht für Bücher interessieren, und umgekehrt keine Begründung braucht, wenn jemand Bücher mag – war also jahraus, jahrein mit der Frage beschäftigt, was einen Romanklassiker ausmacht und warum man ihn auch eine signifikante Zeit nach seinem Erscheinen noch genießen kann.
Sarah Legler und Jorghi Poll vom Verlag Edition Atelier luden mich daraufhin ein, dieser Frage auch in Buchform nachzugehen, und zwar mit Blick auf ein ganz bestimmtes Detail: der Figur des Schurken in der Weltliteratur. Was das ist, fanden wir in weiterer Folge für uns heraus. Die Definition von Schurke umfasst natürlich Schurken und Schurkinnen, Bösewichte, Unsympathen, Antagonistinnen, Fieslinge, Gauner, Egomanen, üble Hunde und sonstige widrige Mächte. Sie wollen jemandem Böses oder sich selbst – und nur sich selbst – Gutes. Sie richten Schaden an und entschuldigen sich nicht sofort ehrlich dafür. Sie begehen Verbrechen und wissen dabei genau, was sie tun. Viele wünschen sich einfach, sie wären nicht da – bis auf die Leserinnen und Leser, die diese Figuren meistens am spannendsten finden und daher zum Kult erhoben haben.
Meine Vorgehensweise war ähnlich wie bei der WIENER-Klassikerrubrik: Lektüre von und zu den entsprechenden Werken (wir beschränkten uns auf Romane, weil die Schurkenflut sonst allein schon dank Shakespeare nicht zu bewältigen gewesen wäre) und Verfassen eines Textes – so entstanden genau 100 Lexikoneinträge zu den nicht so netten Figuren aus Büchern.
Wer schafft es auf die Liste?
Bis es so weit war, machte unsere Liste mehrere Fassungen durch: Manche Schurken disqualifizierten sich nach erfolgter Lektüre; auf andere stieß man erst durch zwanglose Plaudereien (danke, Crowd!). Das finale Verzeichnis ist natürlich nicht vollständig und kann es niemals sein, und doch erhebt die Liste Anspruch auf 1.) absolute Subjektivität und 2.) den Versuch einer Ausgewogenheit zwischen bekannten und unbekannten Figuren, männlichen und weiblichen, den Regionen und Sprachen der Welt und den Epochen. Vor allem aber: 1.) absolute Subjektivität, die beispielsweise zuließ, dass aus dem Harry-Potter-Universum nicht der Dunkle Lord selbst unter die Lupe genommen wurde, sondern die kitschige Mitläuferin Dolores Umbridge. Eine weitere selbst auferlegte Regel im Sinne der Diversität: nur ein Schurke / eine Schurkin bzw. nur ein Artikel pro Autor bzw. Autorin.
Schurke ist nicht gleich Schurke
Die 100 Schurken fallen in zwölf Kategorien. Diese Kategorien wurden der Liste im Nachhinein auferlegt; denn die Gründe, die jemanden oder etwas schurkisch sein lassen, sind natürlich noch mannigfaltiger. Bücher, die wir verschlingen und die zu Klassikern werden, leben von Handlungen. Handlungen leben von Konflikten. Konflikte kann es auch geben, wenn alle es gut meinen. Konflikte können innere Konflikte sein. Und doch kommt es oft genug vor – im anglophonen mehr noch als im deutschsprachigen Raum –, dass uns Schreibende mit Figuren locken, die dagegen sind, die es zu bekämpfen gilt, mit denen wir uns nicht identifizieren können oder wollen. Oder mit denen wir uns durchaus identifizieren, obwohl sie gegen das Gesetz, die Moral oder die nervige Hauptfigur agieren.
Zivilisation als Gradmesser
Der älteste Schurke aus unserem Pool stammt aus einer Zeit, als die Bewertungsmechanismen der Menschen für lebende Wesen noch in den Kinderschuhen steckten – ganz zu schweigen von der Abstraktion in fiktive Sphären. Enkidu aus dem 4000 Jahre alten Gilgamesch-Epos wird erst allmählich zum Menschen, sein impliziertes Schurkentum ist das der noch fehlenden Zivilisation. Auf der anderen Seite des Zeitstrahls tobt Adam Stensen aus T. C. Boyles 2015 erschienenem Roman Hart auf Hart. Er läuft nackt durch die Wohnung seiner Freundin und barfuß durch den Wald, voller Sehnsucht nach einem pureren, raueren Leben mit weniger sinnloser, verderbter Zivilisation.
Auf den ersten Blick scheint sich also nicht viel verändert zu haben in Tausenden von Jahren der Menschheits- und Kulturgeschichte. Der Bogen ist aber denkbar weit gespannt. Auf wütende Wilde wie Enkidu oder auch Grendel aus der Beowulf-Saga folgten in den Epen und Sagen von mythologischen Götterwelten die Trickster (englisch für »Gauner, Betrüger«, aber irgendwie liebevoller), die mit kindischen Scherzen die bestehende Ordnung durcheinanderbringen – Loki aus der Edda ist das perfekte Beispiel. Je menschlicher die Helden wurden, desto mehr galt das auch für ihre Gegner. Die Trennlinien zwischen Gut und Böse wurden dabei besonders durch christliche Moralvorstellungen geprägt.
Der Moralapostel als Schurke
Das tun sie auch heute noch, wenn auch gelegentlich unter umgekehrten Vorzeichen. Nicht selten stehen seit der Aufklärung die Klerikalen und Moralapostel am literarischen Pranger: der Baron von Innstetten etwa mit seiner letztlich tödlichen Überreaktion auf das Affärchen seiner Effi Briest oder der mörderische Mönch aus Der Name der Rose auf seinem Kreuzzug gegen das Lachen.
Und es müssen nicht gleich Mord und Totschlag sein (dass die nicht grundsätzlich wünschenswert sind, diese Haltung hält sich übrigens recht konstant in der Weltliteratur). Die negative Energie kann mit zunehmender Schärfung des möglichen Autorenweltblicks auch einfach von den Erwachsengewordenen, den Angepassten, eben den übermäßig Zivilisierten ausgehen. Das Fräulein Rottenmeier zum Beispiel meint es gewiss nicht böse mit der strengen Frisur und dem Unverständnis für Menschen, deren Welt nun einmal die Berge sind.
Die Industrialisierung
Die Schurken des 19. Jahrhunderts sind oft solche, die entweder im Kleinen gesellschaftliche Idyllen stören (etwa der Holländer Michel in Das kalte Herz) oder eben gesellschaftliche Zwänge etablieren (neben Heidis Fräulein Rottenmeier auch Paule Rezeau, die Viper im Würgegriff) oder in einer Ära, als die Industrialisierung bei vielen ohnehin schon Paranoia und Existenzängste weckt, »wahnsinnige« Ideen zu Fortschritt und Technik propagieren (nicht zuletzt Frankenstein mit seiner monströsen Schöpfung). Im 20. Jahrhundert war in Europa zuerst eher Schluss mit schurkisch – beziehungsweise lenkten die Weltkriege den Fokus der geschockten Menschheit eine Zeit lang auf das allzu reale Schurkentum, dem sie ausgesetzt war. Umgekehrt haben sich die Fiktionen der Nazis darüber, was ein Schurke ist, zum Glück nicht auf breiter Basis gehalten.
Weltherrschaft & Psychopathen
Zwischen den Kriegen hatte Freuds frischer, tiefer Blick in die menschliche Seele die literarischen Figuren zudem so nachvollziehbar gemacht, dass man ihnen nicht recht böse sein durfte. Erst als die Psychoanalyse schon längst Standard war, kam ein neuer Lieblingsschurke hinzu, bis heute einer der Stars auf dem fiktionalen Antagonistenparkett: der fasziniert wie ein Held begutachtete Psychopath im Spannungsverhältnis zur zivilisierten westlichen Gesellschaft. Ab dem Kalten Krieg spannen die Schurken auch noch Weltherrschaftsfantasien (siehe so ungefähr alle James-Bond-Romane von Ian Fleming). Auch die, die schon an der Macht sind, kriegen in den Büchern ihr meist grotesk überhöhtes Schurkenfett weg: Herrschende von Lateinamerika (Der Herbst des Patriarchen) über die britische Countryside (Farm der Tiere) bis Afrika (Der Herr der Krähen).
Reiche Schnösel & arme Schlucker
Womit wir bei einem neueren Feindbild wären, das mit dem Weltherrschaftsebenso eng verknüpft ist wie mit dem Psychopathenfaktor: der Schurke Kapitalismus. Ob reicher Schnösel (Der große Gatsby) oder armer Gauner (Die Elenden): Wer zu viel Geld und / oder Macht hat und / oder will, wird vom eigenen Autor zumindest kritisch beäugt (Ayn Rand bildet da die monströse Ausnahme) und gerät schnell auf die Schurkenbahn. Patrick Bateman tickt in American Psycho sicherlich auch deshalb aus, um die ihm durch Anzug und Visitenkarten geebnete Wall Street zum gemainstreamten Reichtum zu verlassen.
Weltliteratur & Ausnahmen
Die Genreliteratur im Detail habe ich außen vor gelassen – ich würde gerne behaupten: nur aus Platzgründen, aber die Wahrheit ist, dass ich nicht das Geringste von den beeindruckenden Fantasy-, Rollenspiel- und Vampirbisswelten verstehe, die sich vor mir aufgetürmt hätten, hätte ich mich darauf eingelassen. Einige der Paradeschurken, die – oft stark überzeichnet und von Grund auf böse – in erster Linie dem Unterhaltungsprinzip unterliegen, sind jedoch so legendär, dass man nicht über sie hinwegsehen konnte: Sauron etwa oder der Baron Harkonnen.
Andere haben schlichtweg Morde begangen und sind ihrer zu überführen. Obwohl mir das Genre des Whodunits deutlich näher liegt als jene von Game of Thrones und Fifty Shades of Grey, habe ich auch hier nur Mordende ausgewählt, die sich durch Besonderheiten auszeichnen – Raffinesse, Grausamkeit oder philosophische Unterfütterung: Glavinics Kameramörder zum Beispiel, oder den bei Agatha Christie, der es schafft, alle zehn Personen auf einer Insel zu töten.
Bösewichte kommen gerne auch in Büchern für junge Leser vor; je schärfer Autoren hier die Grenze zum Übel ziehen, desto erfolgreicher werden ihre Werke. Und gar nicht wenige davon bleiben in Erinnerung und haben auch in dieses Buch Eingang gefunden: vom hungrigen Tiger Schir Khan zu den Vertretern der dunklen Magie in Hogwarts und Umgebung.
Männer sind Schurken
Der Versuch eines geschlechtergerechten Blicks ist dabei zum Scheitern verurteilt. Historisch betrachtet war der Club der Weltautoren immer männlich dominiert und hat sich bevorzugt auch männliche Gegenfiguren erschrieben, während er die Frauen, wenn schon als starke, dann besonders gerne entweder als Mütter oder als erotisch vernichtende Femme fatales herbeifantasierte. Eine 50:50-Quote ist uns also nicht gelungen, bei den Autorinnen schon gar nicht, bei den Schurkinnen leider auch nicht. Die Liste beruht auf Werken von zehn Autorinnen, 83 Autoren, zwei männlichen Autorenpaaren und fünf unbekannten Verfassern. Von den 100 besprochenen Schurken sind 62 eher ein Mann, 21 eher eine Frau, acht sind Paare oder Personengruppen (jeweils unterschiedlichen Geschlechts, aber mehr Männer), fünf lassen sich als Tiere einstufen und vier passen endgültig in keine dieser Kategorien.
Schurken gibt es überall
Die Bücher stammen zu einem überraschenden Großteil aus dem englischsprachigen, gefolgt vom deutschsprachigen Raum, aber ich habe mich bemüht, auch Schurken aus kleineren Ländern Europas sowie aus Asien, Afrika und Südamerika zu Wort kommen zu lassen: Aus dem alten Arabien, aus Argentinien, China, Island, Kenia, Kolumbien, Norwegen, Polen, Portugal, Spanien, der Türkei und Ungarn ist jeweils nur genau ein Buch dabei.
Der Reiz des Bösen
Mit allen schurkischen Fiktionen ist eine gewisse Lust verbunden. Es geht uns gut, also genießen wir das Böse. Gleichzeitig sagen Schurken oft mehr über die Gesellschaft ihrer Zeit aus als Helden, weil sie einerseits Feindbilder verkörpern, auf die sich alle einigen können, und andererseits eine gewisse Sehnsucht widerspiegeln, aus den bestehenden Systemen auszubrechen, unartig zu sein, seinen eigenen Weg zu gehen. Ein reales Problem, das wir selbst nicht angehen können oder wollen, bleibt so, verlagert in die Lektüre, dennoch auf wohlige Art bei uns.
Oft lieben wir diese Bösen daher mehr als wir sie hassen. Oft brummen wir auch befriedigt, wenn sie ums Leben kommen. Aber selten vergessen wir sie als Erste, wenn die Lektüre länger zurückliegt – weil sie einen Nerv getroffen, uns in eine Geschichte hineingezogen und den Akt des Lesens von einem rein geistigen auch zu einem emotionalen Erlebnis gemacht haben. Den Reiz des Bösen – auch bzw. gerade weil es »nur« in einer Geschichte lebt – möchte diese Arbeit betonen und erkunden. Die launigen Illustrationen stammen aus der talentierten Hand des durchaus belesenen Kristof Kepler, der nur in einigen Fällen einzig meinen Artikel als Inspirationsquelle zur Verfügung hatte.
(K)ein Lexikon
Dieses Buch ist ein Lexikon. Das heißt, man muss es nicht von vorne bis hinten lesen. Man darf sich morgens zum Kaffee oder auf eine Zigarettenlänge ein, zwei Schurken des Tages zuführen. Man kann im Buch der Schurken blättern und überlegen, welche Romanentdeckung mit einer Prise Fiesem man als Nächstes erkunden möchte. Wer der schurkischere Hochstapler ist: Felix Krull oder der mit dem lustigen Namen, Lafcadio Wluiki? Wer zuerst böse war: Frankenstein oder sein Monster; Moby Dick oder Captain Ahab? Oder wem aus der Liste der Konzernchef XY oder die Schwester des Exfreundes eigentlich am ehesten gleicht?
Der britische Guardian hatte 2014 / 5 eine kleine Serie zum Thema Baddies in Books. Im Internet steht ein Schurken-Wiki zur Verfügung. Eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema in Form eines erschöpfenden Lexikons blieb bisher erstaunlicherweise aus. Auch mein Buch – ein Hochstapler wäre ich, würde ich das behaupten! – ist keine solche. Aber es macht hoffentlich Spaß. So wie geschriebene Schurken.
Martin Thomas Pesl

DIE VIERZIG RÄUBER
AUTOR: womöglich Antoine Galland
TITEL: Tausendundeine Nacht
(aus dem Arabischen von Gustav Weil)
ORIGINALFASSUNG: 1709

»Kameraden, jetzt kann uns nichts mehr hindern, volle Rache für die Bosheit zu nehmen, die an uns verübt worden ist. Ich kenne das Haus des Schurken, den sie treffen soll, ganz genau und habe unterwegs auf Mittel gedacht, die Sache so schlau anzugreifen, dass niemand weder von unserer Höhle, noch von unserm Schatze etwas ahnen soll; denn dies ist der Hauptzweck, den wir bei unserm Unternehmen vor Augen haben müssen, sonst würde es uns ins Verderben stürzen.
Da reden die Richtigen! Schurke, Bosheit, Verderben – davon müssten diese Männer eigentlich am meisten verstehen, haben sie sich doch mit der Zeit einen ordentlichen Haufen an Reichtümern erbeutet, die sie in ihrem Geheimversteck lagern. Ein frei stehender Felsen ist es, der praktischerweise eine Tür hat, die – noch praktischer – auf die Worte »Sesam, öffne dich!« reagiert. Warum das so ist, das ist nicht aus dem alten Indien über Persien und Syrien zum französischen »Entdecker« (oder gar Verfasser?) der Geschichte, Antoine Galland, durchgedrungen. Profiräuber muss man sein, oder Glück muss man haben.
Ganz unrecht hat der Räuberhauptmann aber nicht mit seiner Anschuldigung. Denn die zwei bis 40 lebendigen Räuber dieses Märchens, ob es nun vielfach überliefert oder einfach erfunden ist, sind zwar ein stattliches Schurkenkollektiv (besonders wenn man bedenkt, dass im Orient »vierzig« ein Symbol für »viele« war), aber bei Weitem nicht die einzigen Gauner: Ali Baba, seine ganze Familie und seine Dienerschaft haben es faustdick hinter den Ohren. Willkommen im wilden Schurkistan, wo ein Satz wie »Sei ruhig, liebes Weib, und mach dir keine Sorge darob, ich bin kein Dieb, denn ich habe dies alles nur Dieben genommen« alle moralischen Skrupel so gründlich ausräumt wie Ali Babas Bruder Casim die Felsenhöhle der Räuber.
Alles ist hier erlaubt und irgendwie selbstverständlich, denn es geht ja um glänzendes Gold: Eine gevierteilte Leiche wird wieder zusammengeflickt, und eine gerissene Sklavin namens Morgiane oder Mardschana wird ohne Skrupel für ihren Herren zur Massenmörderin. 37 der 40 Räuber verstecken sich in Ölschläuchen und lassen sich über einen sozusagen trojanischen Esel in Ali Babas Haus einschleusen. Ganz schön viele für einen einzigen Meuchelmord. Wären nur mehr von ihnen zu Hause geblieben, betrüge die Räuberreduktion durch Morgianes Attacke mit – wie passend! – heißem Öl nicht ganze 92,5 Prozent. Später versucht der Hauptmann selbst unter dem Decknamen Chogia Husein einen weiteren Racheakt, doch Morgianes Dolch ist schneller gezückt. Wer also ist hier der größte Schurke? Die 40 Räuber gewinnen zumindest nach Quantität.
Eine ziemliche Halunkin ist auch Scheherazade, laut Tausendundeine Nacht die Erzählerin dieser und unzähliger weiterer Geschichten. Sie erzählt buchstäblich um Kopf und Kragen. Denn um die ihr bevorstehende Hinrichtung durch den Sultan von Indien immer weiter hinauszuzögern, wendet sie einen Trick an, der heute das wichtigste Mittel jeder Fernsehserie ist: den Cliffhanger. Sie bricht einfach immer dann ab, wenn es am spannendsten ist. ■
HAUPTMANN: Chogia Husein (Deckname)
HERKUNFT: Arabien
NACHT: 270.
STÄRKE: Sesam
SCHWÄCHE: Öl
REICHENINDEX: 



ÜBERLEBENDE: 



ERZFEINDE: Ali Baba, Morgiane
CAROLINE BINGLEY
AUTOR: Jane Austen
TITEL: Stolz und Vorurteil
(aus dem Englischen von Margarete Rauchenberger)
ORIGINALFASSUNG: 1813

» Ich für meinen Teil«, sprudelte sie weiter, »habe sie ja nie besonders schön gefunden. Ihr Gesicht ist zu mager, ihre Haut hat nichts Strahlendes, ihre Züge sind ganz und gar nicht hübsch, und ihre Nase hat keinen Charakter. Es liegt nichts Bemerkenswertes an ihren Zügen. Ihre Zähne sind ganz nett, aber nichts Besonderes. Und was ihre Augen anbelangt, die als so besonders schön bezeichnet wurden, so habe ich nie etwas Außerordentliches an ihnen finden können, es sei denn einen scharfen, zänkischen Blick, den ich gar nicht mag.«
Willkommen im viktorianischen Zickenkrieg! Caroline Bingley, die noch unverheiratete Schwester des gutaussehenden Mr. Bingley (Aussteuer: 20.000 Pfund), lebt hier voller Stolz ihre Vorurteile aus, vor allem gegenüber Elizabeth Bennet, die ihr ihren heimlichen Schwarm, den unzugänglichen Mr. Darcy, abspenstig machen will. Diese Frau ist die Intrigantin schlechthin im Universum der herzzerreißenden marriage plots aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Solange sie noch denkt, die Rivalin habe keine Chance, setzt sie ein gequältes Lächeln auf und mimt die verständnisvolle Freundin. Hinter ihrem Rücken zieht sie jedoch ungeniert über sie her wie ein gut gecoachter C-Promi im Junggesellenverkupplungsfernsehen.
Und je mehr sich der anfangs noch über allem stehende Darcy für die lebensfrohe Elizabeth zu interessieren beginnt, desto stärker engagiert sich Caroline Bingley gegen die Rivalin. Dabei bleibt sie richtig feige: Denn auf die Idee, dem Mann ihre eigenen Vorzüge vorzuführen, anstatt die Nachteile der anderen überdeutlich hervorzustreichen, kommt sie nicht. Vielleicht hat sie ja keine … Ich meine ja nur … Oh je, das steckt schon an, dieses fiese Gezwitscher.
Besonders schurkisch darf sich Miss Bingley auch dadurch fühlen, dass im Austen-Universum, in dem es nur um Geld, Rang und bedeutende Familienmitglieder geht (der Onkel ein einfacher Anwalt? Pah!), eine ganze Reihe überspannter, unsympathischer Gestalten durch die Gegend läuft. Elizabeths Mutter, die insgesamt fünf Töchter unter die Haube zu bringen hat, ist überhaupt nur am Verkuppeln interessiert. Selbst als ein eher zwielichtiger Mr. Wickham (der es trotz seines sprechenden Namens – »wicked« = »böse« – nicht zum Top-Austen-Bösewicht geschafft hat) die Drittälteste geradezu über Nacht entführt, findet sie damit schnell ihren Frieden. Hauptsache Hochzeit. Dann ist da noch Lady Catharine de Bourgh, die ihre schützenden adeligen Arme über die Darcys und die Bingleys hält und meint, Elizabeth eine Heirat mit Darcy einfach durch Arroganz und Herablassung verbieten zu können.
Und doch schießt Caroline Bingley den Vogel ab. Sie geht die intrigative Extrameile. Leider konnte vor Fertigstellung dieses Lexikons nicht eruiert werden, ob sie es, gespielt von Emma Greenwell, in der 2016 erscheinenden Verfilmung der Parodie Stolz und Vorurteil und Zombies mit der verschärften Grausamkeitskonkurrenz durch die Zombies aufnehmen kann oder ob sie vielleicht selbst zu einem wird. ■
HERKUNFT: Großbritannien
POSITION: Oberzicke
INTRIGENSCHLEUDERGEFAHR: hoch
TAKTGEFÜHL: niedrig
GEHEIMNIS: steht total auf Mr. Darcy
MITGIFT: Oh ja, mit Gift!
ERZFEINDIN: Elizabeth Bennet
CHARMANTESTER KOMMENTAR ÜBER
ELIZA BETH: »Ihre Zähne sind ganz nett.«
HOLLÄNDER MICHEL
AUTOR: Wilhelm Hauff
TITEL: Das kalte Herz
ORIGINALFASSUNG: 1827

» Auf mehreren Gesimsen von Holz standen Gläser mit durchsichtiger Flüssigkeit gefüllt und in jedem dieser Gläser lag ein Herz, auch waren an den Gläsern Zettel angeklebt und Namen darauf geschrieben, die Peter neugierig las; da war des Herz des Amtmanns in F., das Herz des dicken Ezechiel, das Herz des Tanzbodenkönigs, das Herz des Oberförsters; da waren sechs Herzen von Kornwucherern, acht von Werboffizieren, drei von Geldmäklern – kurz, es war eine Sammlung der angesehensten Herzen in der Umgebung von zwanzig Stunden.
»Auf dieser Welt gibt es nur zwei Tragödien«, heißt es bei Oscar Wilde, »wenn Wünsche enttäuscht werden und wenn sie in Erfüllung gehen. Die zweite ist viel schlimmer.« Dem Holländer Michel ist im Hauff-Märchen Das kalte Herz eine dritte einschlägige Tragödie zu verdanken: wenn man sich nämlich an der Wunscherfüllung nicht mehr erfreuen kann.
Der Holländer Michel – eigentlich müsste es ja heißen: der Holländer-Michel, denn er ist kein Holländer, sondern erlangte seinen Ruhm nur durch höchst erfolgreichen Holzexporthandel in Rotterdam – dieser Michel also, ein Berg von einem Kerl, ist ein Finanzhai, wie er im Märchenbuche steht. Nunmehr zum mythologischen Waldgeist Marke (gigantisches) »Teufelchen« geworden, agiert er als Mephisto der kühlen Berechnung und macht mit naiven Seelen – basierend auf einer zugegeben genialen Marketingidee – ein Geschäft, das nur zu deren Ungunsten ausgehen kann: Er ermöglicht ihnen Reichtum und Reisen und behält dafür ihr Herz als Pfand ein, notdürftig ersetzt durch eine steinerne Attrappe, hart und kalt, zu keinerlei Empfindung fähig.
Kurzfristig ein Vorteil, weil Skrupel und Barmherzigkeit dem unmittelbaren Gewinnmaximierungsstreben nicht mehr im Wege stehen. Auf lange Sicht aber macht das ebenso umfassende Fehlen aller positiven Gefühle das Ganze zu einem Nullsummenspiel. Symptome: Stumpfheit, Langeweile, Sinnentleerung. Nebenwirkung: Erschlagen der eigenen Frau, weil diese einem Bettler Almosen zusteckt. Hauptfigur Peter Munk hat da nur Glück, dass er beim anderen Waldgeist Marke »Engelchen«, dem Glasmännchen, noch einen Wunsch frei hat und erfährt, wie er dem Michel – bei dem das Gold das Einzige ist, was glänzt – sein richtiges Herz wieder abluchsen kann.
Antipathieverschärfend kommt noch eine gewisse Pädophilenmanier hinzu, mit der Michel gewohnt ist, sich seinen Opfern anzunähern: im Wald tiefstimmig eine zwanglose Konversation anleiern und verlockende Geschenkangebote machen. Wenn das nicht funktioniert, hinter dem armen Kinde herlaufen und ihm drohen. Es mit Schlagstöcken attackieren, die sich dann in Schlangen verwandeln, welche von kreischenden Auerhähnen gerissen werden – nun gut, das geht dann schon in eine eher romantischfantastische Ausformung des turbokapitalistischen Kinderschänders über.
Und was können jetzt also die Holländer dafür? Rein gar nichts! Auch so eine Herzlosigkeit. ■
HERKUNFT: Schwarzwald
BERUF: Holzhändler
FUNKTION: Waldgeist
HOBBY: Steinmetz spielen
TALENT: Marketing
GRÖSSE: einen guten Kopf höher als alle
BEKLEIDUNG: Wams von Leinwand, ungeheure Stiefel
ERZFEIND: das Glasmännchen
URIAH HEEP
AUTOR: Charles Dickens
TITEL: David Copperfield
(aus dem Englischen von Gustav Meyrink)
ORIGINALFASSUNG: 1850

» Er folgte mir auf dem Fuße, als ich die Treppe hinabging. Er schlich dicht neben mir, als ich mich vom Hause entfernte, und schob zögernd seine langen Knochenfinger in die noch längeren Finger seiner Handschuhe.
Ich fühlte gar keine Neigung für seine Gesellschaft, aber ich mußte an Agnes’ Bitte denken und lud ihn ein, mit mir zu kommen und eine Tasse Kaffee zu trinken.
»Ach, Master Copperfield, ich bitte vielmals um Entschuldigung, Mister Copperfield, – das Master kommt mir immer so auf die Lippen – ich möchte nicht, daß Sie sich Ungelegenheiten machen, indem Sie eine so niedrige Person wie mich in Ihr Haus laden.«
»Es macht mir gar keine Ungelegenheiten«, sagte ich. »Wollen Sie?«
»Es würde mich sehr, sehr freuen«, entgegnete Uriah mit einer kriecherischen Verbeugung.
Uriah Heep, sind das nicht langhaarige Altrocker aus England? Lady in Black? … Very ’Eavy … Very ’Umble? Genau, und Letzteres hat natürlich mit ihrem Namensgeber zu tun: dem kleinen, gierigen Kriecher aus David Copperfield, für den das ’Umble-Sein, also die Demut und Unterwürfigkeit, nichts weiter ist als eine Masche.
»Master Copperfield«, redet er ihn immer an, als sie noch beide Teenager sind, aber auch später. Das ist so, wie in Wien jemandem mit »g’schamster Diener« zu begrüßen und dabei genau durchklingen zu lassen, wer hier der Diener und wer der Herr sein sollte.
Bei Charles Dickens kommen die Bösen immer als Rundumgesamtpaket daher: Sie sind gemein (oft einfach deshalb, weil sie arm sind), trickreich und obendrein auch noch hässlich und übelriechend. Es ist sehr leicht, sie nicht zu mögen, und sehr schwierig, sie loszuwerden. In Uriah Heeps Fall erlaubte sich Dickens gar einen kollegialen Seitenhieb: Vorbild für die Figur war niemand geringerer als der dänische »Märchenonkel« Hans Christian Andersen.
Uriah Heep Unlimited, das könnte doch auch eine Klebstoffmarke sein? Tatsächlich kann sich David bei aller Antipathie dem Kerl nicht entziehen. Vielleicht das Autounfallphänomen? Vielleicht der Ehrgeiz: Der muss doch irgendwo zu knacken, zu entlarven sein in seiner Schleimigkeit?
»Sehr unvorsichtig, Mister Copperfield«, würde Uriah Heep selbst es formulieren. Denn durch seine Annäherung an Uriah ist er Teil von dessen intrigantem Spiel geworden, dessen Ziel ganz straight – straighter als jede heepsche Verhaltensregung – die Entehrung des Mädchens und die Einheimsung ihres väterlichen Vermögens ist. Dabei hat sein Vater doch immer Bescheidenheit gepredigt. Und die Mutter plappert das nach: »Ury! Ury!«, und demütig solle er sein.
Und das ist das Problem: Denn natürlich wären wir nicht bei Dickens, wenn dem elendigen Uriah Heep nicht durch die Schuld des Systems einzig die Gauneroption offengeblieben wäre: »(…) wie man uns in der Schule von neun bis elf lehrte, die Arbeit sei ein Fluch, und von elf bis eins, daß sie ein Segen, eine Freude und eine Ehre sei, und ich weiß nicht, was sonst noch, was?«, sagt er mit einem höhnischen Grinsen. Wie soll man sich da auch auskennen? Eine allzu brave Welt bringt böse Menschen hervor. ■
BERUF: Schreiber
FINGER: lang
MERKMAL: Unterwürfigkeit
VERGEHEN: Betrug
INTRIGANTENFAKTOR: 



ERZFEINDE: Wilkins Micawber, David Copperfield VORBILD: Hans Christian Andersen
DIE THÉNARDIERS
AUTOR: Victor Hugo
TITEL: Die Elenden
(aus dem Französischen von Edmund Th. Kauer)
ORIGINALFASSUNG: 1862

» Thénardier war ein kleiner, magerer, schwächlich aussehender Mann, der krank zu sein schien; dabei fühlte er sich glänzend, sogar seine Krankheit war nur Betrug. Er pflegte vorsichtshalber immer zu lächeln und war zu fast allen Leuten höflich, sogar zu dem Bettler, dem er einen Pfennig verweigerte. (…)
Sie sah aus wie ein Schwerathlet, der sich als Mädchen verkleidet hat. Fluchen konnte sie prachtvoll, und sie rühmte sich, daß sie eine Nuss mit der Faust sprengen konnte. Wenn sie nicht ihre Romane gelesen hätte – wovon eine gewisse Gerührtheit und Zimperlichkeit ihres Wesens herrührte –, wäre wohl niemand darauf verfallen, sie für ein Weib zu halten.
Eines muss man ihnen lassen: Sie sind ein Traumpaar. Natürlich streiten sie und gehen recht rüde miteinander um, aber sie passen unbestritten perfekt zusammen, schon deshalb, weil niemand sonst einen der beiden würde haben wollen. Wer denkt, Victor Hugos Les Misérables müsste als Die Miserablen übersetzt werden, für den sind die Thénardiers die Hauptfiguren.
Betrug und Niedertracht sind ihnen derart ins Blut übergegangen (oder waren dort immer schon drin? – durchaus eine Schwerpunktfrage dieses Romans), dass sie sogar ihren eigenen Kindern gegenüber reflexartig eine skrupellose Ausbeutungshaltung an den Tag legen. Nachdem Thénardier bei Waterloo einem General zufällig das Leben gerettet hat, hält er ihm das lange, lange vor. Und als das Gastwirtepaar das arme Mädchen Cosette in Pflege nimmt, hat es dabei natürlich auch einen goldenen Glanz in den Augen. Monatlich sieben Francs soll Cosettes Mutter Fantine ihnen schicken. Als sie erfahren, dass es sich um ein uneheliches Kind handelt, sind es plötzlich erpresserische fünfzehn, und als sie schreiben, das Kind friere, und daraufhin statt weiteren Münzen ein Wolljäckchen zugeschickt bekommen, geraten sie so sehr in Wut, dass sie Cosette die Jacke erst recht vorenthalten.
Es braucht einen durch und durch gütigen Retter, um die Kleine aus dieser Situation zu befreien: Jean Valjean, Hauptfigur und haarscharf am Jesus mit Heiligenschein vorbeigeschrammt, ist charakterlich das krasse Gegenteil der widerwärtigen Wirte. »ExtremGebing« trifft auf »Extrem-Nehming«, sodass es geradezu amüsant ist, zu sehen, mit welchem heiligen Ernst Victor Hugo an den äußersten Enden des Schwarz-Weiß-Spektrums balanciert.
Aber die Thénardiers sind nicht nur gierig, sondern auch nachtragend, insofern, als dass sie es dir nicht verzeihen, wenn du ihnen eine sichere Einkommensquelle entziehst. Und so kommt es dann noch Jahrzehnte später, als die anderen Elenden (auch Mme. Thénardier) verstorben, verhaftet, verheiratet oder sonst irgendwie in ihrem Frieden angelangt sind, zu einem Aufeinandertreffen nach dem Motto: »Wenn zwei Menschen in der Kloake sind, müssen sie einander notwendigerweise begegnen.« Ein neuerlicher Erpressungsversuch geht jedoch schief, und Thénardier fliegt in seiner gesamten erbärmlichen Habgier auf. Trotzdem kommt er davon – schluchz! –, und zwar, weil die anderen einfach so gute Menschen sind. ■
HERKUNFT: Frankreich
BERUF: Gastronomiebetreiber, später Bittschreiber
HOBBY: Geld
SCHULD: die Gesellschaft
FLÜSSIGKEIT: Schleim
LIEB ZU KINDERN: nein
ERZFEIND: Jean Valjean
FILMDARSTELLER: Sacha Baron Cohen und Helena Bonham Carter
INDIANER JOE
AUTOR: Mark Twain
TITEL: Die Abenteuer des Tom Sawyer
(aus dem Amerikanischen von Andreas Nohl)
ORIGINALFASSUNG: 1876

»Das Halbblut murmelte: »Jetzt sind wir quitt, verfluchter Hund.« Er raubte die Leiche aus, und danach steckte er das Mordmesser in Potters offene rechte Hand und setzte sich auf den leeren Sarg.
Schwierig. Diesen Übeltäter kann man kaum mögen. Er soll fünf Leute auf dem Gewissen haben, und den Mord an Doktor Robinson, den Tom Sawyer und seine Freunde aus einem Versteck beobachten, schiebt er ganz ungeniert dem bewusstlosen Muff Potter in die Schuhe, der sich dann auch noch einbildet, es wirklich gewesen zu sein. Er geht, ohne mit der Wimper zu zucken, auf wehrlose Witwen los. Er begeht Raubzüge ohne schlechtes Gewissen.
Und doch ist da dieser Beigeschmack von Rassismus. Nicht auf Injun Joes Seite (dieser eher unfreundliche Beiname haftet ihm im Original an), sondern auf jener des Autors, der ihn schuf. Mark Twain, der als großer, humanistischer Geist gilt – hier verpackt er in einen gefürchteten, unbarmherzigen Gauner, den das ganze Dorf am Mississippi River fürchtet und hängen sehen will, seinen jugendlichen Hass auf die Indianer, die amerikanischen Ureinwohner. Dieses »Halbblut« ist klischeebeladen und karikiert, dem Leserhass ohne Umschweife zum Fraß vorgeworfen. Joe ist ein Krimineller, klar, aber »Indianer Joe« ist ein krimineller Indianer. Und das in einem der populärsten Jugendromane der Geschichte.
Als 2011 eine Debatte über die Verwendung des »N-Worts« für Schwarze in Tom Sawyers Nachfolgegeschichte Huckleberry Finns Abenteuer in den Feuilletons entbrannte, wurde argumentiert, mit dem Ausdruck sei in Mark Twains Sichtweise keinerlei abwertende Konnotation verbunden gewesen. Dass er mit dem Gauner Joe, der am Ende elendig in einer Höhle zugrunde geht, deutlich weniger behutsam umging, wurde dabei eher außer Acht gelassen. Der amerikanische Autor und Wissenschaftler Carter Revard verfasste dazu einen eigenen Artikel mit dem Titel Warum Mark Twain Indianer Joe getötet hat – und nie dafür angeklagt werden wird. Darin argumentiert er, es sei weithin bekannt, was den Schwarzen angetan worden sei, für die Ureinwohner gelte das aber nicht, also käme bei der Leserschaft und beim Autor zu Unrecht kein Mitleid mit Joe auf.
Immerhin darf er seine Rache an Doktor Robinson argumentieren, bevor er ihn ersticht: »Vor fünf Jahren hast du mich abends aus der Küche deines Vaters vertrieben, als ich kam und was zu essen wollte, und du hast gesagt, ich hätte da nix zu suchen. Und als ich geschworen hab, dass ich’s dir heimzahle, auch wenn’s hundert Jahre dauert, hat mich dein Vater wegen Landstreicherei ins Gefängnis stecken lassen. Hast du geglaubt, dass ich das vergesse?« Aber dann die Draufgabe: »Nicht umsonst fließt Indianerblut in mir.«
Mit Bauchweh also verzichten wir auf Mitleid und jubeln, als Tom den Täter überführt, jubeln auch, als er den Flüchtigen später sichtet. Jubeln, als das ganze Dorf zum Begräbnis zusammenkommt und befindet, das sei fast so schön, wie die Hinrichtung gewesen wäre. Jubeln und schlucken etwas. ■
HERKUNFT: USA
KORREKTE BEZEICHNUNG: Angehöriger der Indigenen in Amerika
BERUF: Gauner
TODESOPFER: 



NACHTRAGEND: 



DREIST: 



BELIEBT: 



NEMESIS: Tom Sawyer
JOHN SILVER
AUTOR: Robert Louis Stevenson
TITEL: Die Schatzinsel
(aus dem Englischen von Heinrich Conrad)
ORIGINALFASSUNG: 1881

»Mit einem wilden Schrei griff John nach einem Baumast, riß die Krücke aus seiner Achselhöhle heraus und wirbelte das Wurfgeschoß durch die Luft. Es traf den armen Tom mit der Spitze mitten auf den Rücken zwischen die Schulterblätter. Seine Hände flogen in die Luft, er stöhnte kurz auf und fiel auf sein Gesicht.
Was für ein perfekter Bösewicht, was für ein archetypischer Pirat! Der Lange John Silver, oder Long John, wie er auch in der Übersetzung genannt wird, hat alle Schrullen, die man sich für einen sinistren Seemann so vorstellt, und wahrscheinlich ist er überhaupt der Grund dafür, dass man sich die Seeleute so vorstellt.
Da wären einmal die schiere Muskelkraft, die Holzkrücke und das fehlende Bein, der angeblich 200 Jahre alte Papagei auf der Schulter, der immer wieder »Piaster! Piaster!« krächzt, der im englischen Original ziemlich ausgeprägte Slang und das oft umständliche Philosophieren – hier haben wir einen Schurken, der seine Bösartigkeit keineswegs eingesteht, sondern immer politisch herumlaviert, um sein Handeln im Lichte der Gerechtigkeit darzustellen. Dass man ihn zum Kapitän gewählt habe, nachdem Smollett »desertiert« sei, klingt auch besser als das hässliche Wort »Meuterei«, und »Glücksgentlemen« ist ein milder Euphemismus für »Pirat«.
Dank seiner rhetorischen Fähigkeiten gelingt es John auch immer wieder, trotz seines furchterregenden Rufes – den sogar der legendäre Captain Flint fürchtete –, auf Schiffen anzuheuern, in diesem Fall als Koch des Expeditionsschiffs Hispaniola zur titelgebenden Schatzinsel, die er längst kennt, weil er dabei war, als der Schatz dort vergraben wurde. Ein Teil der Männer schließt sich ihm bereitwillig an, weil er ihnen ein gutes Gefühl gibt: John Silver, der Populist.
Seine dunkle Seite kommt auch nur sehr zweckgebunden zum Vorschein. Zwischendurch aber führt der gnadenlose Räuber und Mörder ein geradezu bürgerliches Leben und mit seiner Frau eine Gastwirtschaft. Als Ich-Erzähler Jim ihn zum ersten Mal sieht, meint er: »(…) und ich glaubte zu wissen, wie ein Pirat aussähe – jedenfalls nach meiner Meinung ganz anders als dieser reinliche freundliche Schankwirt.« Dass Silver intelligenter ist als der gewöhnliche Matrose, zeigt sich auch daran, dass er mehr verträgt: Er trinkt gut und gerne, aber nie so maßlos, dass ihm der Rum den Verstand raubt.
Robert Louis Stevenson wollte eine reine Männergeschichte schreiben, mit einem genialischen Fiesling im Zentrum. Die Figur des Long John gelang ihm, indem er einen guten Freund (den Dichter William Ernest Henley) zum Vorbild nahm und all dessen positive Eigenschaften abzog. Das kam so gut an, dass Long John Silver seither ein Eigenleben entwickelt hat. In über 20 Verfilmungen (nicht immer eindeutig als Antagonist) und Popsongs wurde er porträtiert, und sogar eigene literarische Fortsetzungen und Spinoffs schrieb man ihm. In den USA ist sogar eine Fast-Food-Kette nach ihm benannt. ■
BEINAME: Der Lange
BERUFE: Schiffskoch, Wirt
FAMILIENSTAND: verheiratet
STÄRKE: Trinkfestigkeit, Rhetorik
SCHWÄCHE: Gier
ANZAHL DER BEINE: 
INTELLIGENZ: 



FILMDARSTELLER: Orson Welles, Tobias Moretti
SANTER
AUTOR: Karl May
TITEL: Winnetou I–III
ORIGINALFASSUNG: 1893

» Goddam!«, schrie er erschrocken auf. »Das sind ja diese …«
Der Mörder hielt inne. Der Ausdruck des Schreckens wich aus seinem Gesicht und machte dem der Schadenfreude Platz. Er hatte unsere Lage erkannt, griff zu seinem Gewehr und richtete es auf uns. »Eure letzte Wasserfahrt, ihr Hunde!«, schrie er dabei.
Woher der Name kommt, ist unklar. Ein saint, ein Heiliger, ist dieser Mann jedenfalls nicht. Gegen Ende von Winnetou I hat er Vater und Schwester des Titelhelden ermordet und dadurch vor allem die große, frisch aufknospende Liebe des zartfühlenden Alleskönners Old Shatterhand im Keime erstickt; als Einziger aus einer vierköpfigen Räuberbande vermochte er zu fliehen. Da versucht Old Shatterhand, einem von Santers angeschossenen Kumpanen Informationen über den neuen Antagonisten zu entlocken. Woher er komme? »Weiß – es – nicht.« Was er eigentlich sei? »Weiß auch nicht.« Wohin er wolle? »Hin, wo Gold – Beute.«
So einfach ist das, sich einen Erzfeind zu zimmern, der eine gerade begonnene Geschichte knapp vor ihrem friedlichen Abebben zur Trilogie ausbaufähig macht. Wir wissen nichts über ihn, außer dass er goldgierig ist. Aber er hat zwei herzensgute Menschen umgebracht, und da wir ebenfalls herzensgut, aber auch rachsüchtig sind, müssen wir den Mann jetzt weitere zwei Bücher hindurch jagen. Zugegeben, es geht dann in Winnetou II und III hauptsächlich um ganz andere Dinge, und Santer guckt immer wieder mit einem vom Goldrausch leicht erschöpften Wildwestverbrecherblick um die Ecke. Dann aber stiehlt er (typischerweise auch in den deutschlandweit großzügig gesäten Winnetou-Festspielen) allen anderen die Show und holt sich den Bösenbonus des Publikumslieblings ab (siehe auch Mario Adorf in den Filmen).
Als »einfacher, armer Cowboy« stellt sich Santer bei seinem ersten Auftritt vor, gleich einmal Antipathie bei Old Shatterhand erweckend. Das Gefühl wird wie immer bestätigt, als Santer Nscho-tschi und Intschu-tschuna erschießt, weil er denkt, die Apachen hätten goldene Nuggets bei sich. Santer entkommt der ewigen Rache der Blutsbrüder und findet bei den Kiowa-Indianern Unterschlupf.
In Winnetou II erdreistet er sich, seine Nemesisse (sagt man das so?) gefangen zu nehmen, und nur durch eine Verkettung sehr eigenartiger Umstände kommt dabei niemand ums Leben und sogar jeder einzelne frei. Am Nugget-tsil schließlich, dem Eldorado der Gierigen, findet Santer in Teil III von Winnetou dessen Testament und sein eigenes ironisches Ende: Beim Stehlen des Goldes detoniert ein von Winnetou noch zu dessen Lebzeiten platzierter Sprengsatz.
Aber es geht natürlich noch weiter. Denn obwohl die Hauptfigur tot ist, gibt es noch einen IV. Teil, in dem die finstere Seite Santers plötzlich auf krasse Weise in die Tiefe geht. Da wird nämlich die Familie des Gauners beschrieben, deren Großteil depressiv veranlagt ist, sodass kaum ein Enkelkind das Alter von 16 Jahren erreicht hat. Puh! Starker Tobak. Die hoffnungsvolle Nachricht: Hariman F. und Sebulon L. Enters, Santers Söhne, sind am Leben und auf der netten Seite, denn sie wollen die Taten ihres Vaters wiedergutmachen. ■
WIRKLICHER NAME: »Hat – viele – viele Namen.« (vermutlich Enters)
HERKUNFT: »Weiß – es – nicht.«
BERUF: Bandit, Pedlar
ZIEL: »Hin, wo Gold – Beute.«
PSYCHOPATHENFAKTOR: 



ERZFEINDE: Winnetou & Old Shatterhand FILMDARSTELLER: Mario Adorf
LAFCADIO WLUIKI
AUTOR: André Gide
TITEL: Die Verliese des Vatikans
(aus dem Französischen von Thomas Dobberkau)
ORIGINALFASSUNG: 1914

»(…) Bedenken Sie doch: ein Verbrechen, das weder aus Leidenschaft noch aus Habgier geschieht. Sein Grund, das Verbrechen zu begehen, ist ja gerade, daß er es ohne Grund begeht. (…)
Mit diesem Namen muss man ja auf die schiefe Bahn geraten: Lafcadio Wluiki! Und jetzt stelle man ihn sich auch noch mit französischem Akzent ausgesprochen vor! Wäre man dieser Wluiki und fände dann auch noch heraus, dass man eigentlich der Sohn des Comte Juste-Agénor de Baraglioul ist und einem dieser viel, viel elegantere Name zusteht, man müsste geradewegs verbittert und bösartig werden.
Allein, so verhält sich das bei Lafcadio Wluiki nicht. Der steht über allem. Sobald er auch nur ahnt, dass der Graf sein Vater sein könnte, lässt er sich eben Visitenkarten mit dem neuen Namen drucken und wird mit diesen beim vermeintlichen Erblasser vorstellig (und erbt auch prompt).
Die Schönheit des Jünglings sticht Mann wie Frau ins Auge. Gilt es, ein paar Kinder aus einem Feuer zu retten, ist er zur Stelle, und uninspirierte Schriftsteller finden in ihm eine neue Muse. Cadio, wie ihn sein Lieblings»onkel« an der Seite seiner Mutter einst nannte, ist hauptberuflich Projektionsfläche. Und alle lieben ihn – sogar, ja gerade im Angesicht des Verbrechens.
Denn ein Verbrecher ist Lafcadio ja schon. Kein gewöhnlicher wie sein ehemaliger Kumpel Protos, der in bizarre Verkleidungen schlüpft, um wohlhabenden religiösen Fanatikern ein Budget für die angebliche Rettung des Papstes aus den Händen der Freimaurer zu entlocken. Lafcadio hat das nicht nötig. Lafcadio macht ganz andere Dinge: Er stößt den Schwager seines Halbbruders, den er nicht kennt, aus dem Zug, wodurch er ihn tötet. Ohne Grund, einfach um sich zu beweisen, dass er ein freier Mann ist. Die sechs Tausender, die dieser Fleurissoire bei sich hatte, lässt er in dessen Jackentasche zurück; darum ging es ja nun wirklich nicht. Daher hat Lafcadio auch kein schlechtes Gewissen, nicht einmal als er erfährt, an wem er da sein Exempel eines acte gratuit, eines Verbrechens ohne Motiv, statuiert hat.
»Es fällt mir ja so schwer, nicht zauberhaft zu sein! Ich kann mir aber doch nicht das Gesicht mit dunkler Beize einschmieren, wie Carola mir riet; oder anfangen, Knoblauch zu essen …«, denkt er dabei. Die eigene Wohlgestalt zu reflektieren und sich intellektuell davon abzusetzen, da gehört etwas dazu.
Deshalb verliebt sich auch der Leser in Lafcadio, dankbar für solche Brillanz inmitten eines Haufens Narren. Eine Sotie, ein Narrenspiel, nennt Verfasser Gide sein Werk. Als Bösewicht und gleichzeitige Identifikationsfigur schafft er die perfekte Mischung aus Dostojewskijs Raskolnikow und dem ewig jungen Dorian Gray. »Love Cadio« – es ist ein Imperativ, dem sich niemand widersetzen kann. ■
ALTER: 19
FAMILIE: de Baraglioul
BERUF: Sekretär
SCHATTENBERUF: Lebenskünstler
SCHÖNHEIT: 



CHARME: 



PHILOSOPHIEFAKTOR: 



ERZFEIND: höchstens er selbst
THERESE KIEN
AUTOR: Elias Canetti
TITEL: Die Blendung
ORIGINALFASSUNG: 1935

»Er krümmte sich ja nicht. Wer sich nicht krümmte, der hatte keine Schmerzen. Der mußte aufstehen, der brauchte nichts gekocht.
And the winner iiiis … Therese Kien! Gratulation! In der Masse an gemeinen und niederträchtigen Charakteren, die sich in Canettis Blendung im Wien der Zwanziger- oder Dreißigerjahre tummeln, ist es nicht selbstverständlich, als die Fieseste hervorzugehen. Die ungebildete, aber zielsicher nach dem eigenen Vorteil ausgerichtete Haushälterin und baldige Ehefrau des Sinologen und Hardcore-Bücherwurms Peter Kien hat sich durchgesetzt.
Dabei könnte man es auch milde formulieren: Diese Eheschließung, basierend auf dem Irrglauben, Therese habe eine gewisse Affinität zu Büchern, weil sie diese immer so sorgsam putzte, wäre auf heutigen Datingseiten anhand gemeinsamer Interessen wohl kaum als Ideallösung vorgeschlagen worden. Er asexuell, eigenbrötlerisch und lebensfremd. Sie sexuell frustriert, gierig und ohne Verstand für Geistiges. Reiner Geist und reiner Körper – da kann der Geist nur verlieren. Und auch wenn der geradezu autistische Wissenschaftler sicher nicht der leichteste Partner ist, als lesende Menschen weiß Canetti uns auf seiner Seite.
Und das lässt sie ihn, kaum hat er sie geheiratet, auch spüren. Nun hasst sie nämlich die 25.000 Bücher in der Wohnung, weil dafür schon so viel unnötiges Geld ihres Mannes ausgegeben wurde, das eigentlich ihr zustünde. Sie interessiert sich nur dafür, wo das Bankbuch versteckt ist, und für den Kauf neuer Möbel, währenddessen sie heftig mit anderen Männern flirtet (die sie aber in Canettis menschenverachtendem Universum sowieso nur ausnutzen wollen). Sie empfindet es als Affront, wenn ein Sessel einmal zu oft knarrt (dann wird er ins Feuer geworfen) oder der Mann krank ist und gepflegt werden sollte (dann wird er eben hungern gelassen). Höhepunkt der Schreckensherrschaft, deren Symbol Thereses blauer, gestärkter Rock ist: Sie schmeißt ihn aus seiner eigenen Wohnung und sich an den sadistischen Hausbesorger Pfaff heran.
Das Gemeine an Therese ist, dass wir immer wieder Gelegenheit bekommen, in ihren Kopf hineinzuschauen. Canetti formuliert ihre giergesteuerten Empörungen aus, folgt ihren Logikpfaden und stellt die Ergebnisse, ohne zu werten, vor uns hin. Die Figurengestaltung dürfte auf einer gewissen Frauenfeindlichkeit des Autors beruhen; sein Vorbild für Therese war eine Vermieterin, die ihn mit ihrem dummen Geschwätz faszinierte.
Männer sagen schnell einmal so dahin, die Ehe treibe sie in den Wahnsinn. Bei den Kiens kann man zuschauen, wie es passiert. Das geht so weit, dass Kien überzeugt ist, seine Frau getötet zu haben, und ein Geständnis ablegt, während sie neben ihm steht und ihn des Diebstahls (seines eigenen Geldes) bezichtigt: »Der blaue Rock, den sie immer trug, deckte ihr Skelett. Er war gestärkt und hielt dank dieser Eigenschaft die widerwärtigen Reste ihres Leibes zusammen. Eines Tages hauchte sie aus. Auch dieser Ausdruck erscheint mir als Fälschung; wahrscheinlich besaß sie keine Lungen mehr.« ■
HERKUNFT: Österreich
GEBOREN: Therese Krummholz
GESTORBEN: nein (Irrtum)
BERUF: Haushälterin
BESONDERES KENNZEICHEN: der blaue Rock
MÖBELGESCHMACK: 



MÄNNERGESCHMACK: 



BILDUNGSGRAD: 



SEXAPPEAL: 




FELIX KRULL
AUTOR: Thomas Mann
TITEL: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull: Der Memoiren erster Teil
ORIGINALFASSUNG: 1954

» Ich kann mein inneres Verhalten zur Welt, oder zur Gesellschaft, nicht anders als widerspruchsvoll bezeichnen. Bei allem Verlangen nach Liebesaustausch mit ihr eignete ihm nicht selten eine sinnende Kühle, eine Neigung zu abschätzender Betrachtung, die mich selbst in Erstaunen versetzte.
Man kann dir nicht grollen, Felix Krull. Man will dich fast nicht in die Gruppe der Bösewichte einreihen, so bezirzt ist man von deiner eigenen Beschreibung deiner Taten. Und doch muss es sein: Hochstapler Felix Krull, Betrüger jenseits der Moral, Kategorie »liebenswerter Halunke«. Denn dein bester Trick ist ja, dass man dich mag. Dass du einem gibst, was man will, und dass man nie enttäuscht ist. Gut, die paar Juwelen, die der Dame abhanden kommen, sind doch ein adäquater Preis für die schönen Stunden, die sie mit dem charmanten jungen Mann zubringen durfte.
»Niemals habe ich eitles und grausames Gefallen gefunden an den Schmerzen von Mitmenschen, denen meine Person Wünsche erregte, welche zu erfüllen die Lebensweisheit mir verwehrte. Leidenschaften, deren Gegenstand man ist, ohne selbst von ihnen berührt zu sein, mögen Naturen, ungleich der meinen, einen Überlegenheitsdünkel von unschöner Kälte oder auch jenen verachtenden Widerwillen einflößen, der dazu verleitet, die Gefühle des Anderen ohne Erbarmen mit Füßen zu treten. Wie sehr verschieden bei mir!«
Jaja. Ist ja schon gut, Felix Krull, wir klagen dich nicht an, wir lauschen deinen eloquenten Bekenntnissen. Reden kannst du ja. Innerhalb kürzester Zeit hast du erkannt, was wir hören wollen, und das erzählst du uns dann in den schönsten Farben. Wir müssen wohl dankbar sein, dass es dir in Wirklichkeit nur um dein privates Wohl geht und du nicht einer von diesen populistischen Politikern bist. Wir würden dir sofort verfallen, dich wählen, und dann hätten wir den Salat.
»Sicherlich stehe ich auf diesem Gebiet, wie auf jedem anderen, weit hinter Ihnen, Herr Generaldirektor, zurück.«
Schmeichler! Das beherrschst du gut. So hast du dich zu einem Job hochgearbeitet, der dir Kontakt mit reichen Menschen verschafft hat, die die Wahrheit gar nicht wissen wollen, sondern lieber mit Illusionen konfrontiert sind. Diebstahl? Betrug? Nein, für dich sind das einfach notwendige Konsequenzen der Tatsache, dass du ein Sonntagskind bist, ein felix, der fürs Glück geschaffen ist. Deine Gaunereien sind Schauspielkunst, ebenso wie der epileptische Anfall, den du vortäuschst, um dem Militärdienst zu entgehen. Mal ehrlich, wie viele von uns hätten es nicht genau so gemacht, wenn wir das Talent dazu hätten? Selbstbewusstsein muss man haben und optimistisch durchs Leben gehen. Und Prinzipien vertreten. Vom reichen Lord adoptieren lassen willst du dich nicht, du bewahrst dir lieber deine Freiheit und rufst:
»Catch me, if you can!«
Ach so, nein, das war ein anderer Hochstapler. Aber der ging gewiss bei dir in die Schule, Felix Krull. ■
NAMENSBEDEUTUNG: der Glückliche
HERKUNFT: Deutschland
BERUF: Liftboy
LIEBLINGSTIER: Chamäleon
CHARME: 



FINSTERKEITSFAKTOR: 



FILMDARSTELLER: Horst Buchholz
DIE GRAUEN HERREN
AUTOR: Michael Ende
TITEL: Momo
ORIGINALFASSUNG: 1973

»Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen. Und genau das wusste niemand besser als die grauen Herren. Niemand kannte den Wert einer Stunde, einer Minute, ja einer einzigen Sekunde Leben besser als sie. Freilich verstanden sie sich auf ihre Weise darauf, so wie Blutegel sich aufs Blut verstehen, und auf ihre Weise handelten sie danach. Sie hatten Pläne mit der Zeit der Menschen. Es waren weit gesteckte und sorfältig vorbereitete Pläne.
Die erste englische Ausgabe von Michael Endes Momo war nach ihnen betitelt: The Grey Gentlemen. Die Gentleman-Masche ist aber bestenfalls Maskerade, ein gut eingeübter Vertretertrick. Diese Herren – es gibt ihrer unzählige, und alle sehen sie gleich grau aus – haben für Galanterie eigentlich keine Zeit.
Wenn sie aus ihrer unterirdischen Kommandozentrale emporsteigen und eine nicht näher benannte Großstadt infiltrieren, dann mit einem klaren Ziel, auf das sie direkt und effizient zusteuern: den Menschen ihre Zeit zu stehlen. Das gelingt ihnen mit Argumenten wie diesem: »Das Einzige, worauf es im Leben ankommt, ist, dass man es zu etwas bringt, dass man was wird, dass man was hat.« Dann rechnen sie ihnen vor, wie viel Zeit sie sparen könnten, wenn sie nutzlose Tätigkeiten wie Spazierengehen und Freundetreffen aufgäben. Es fröstelt die Menschen, wenn ein grauer Herr im Raum ist, aber sie merken es kaum.
Vorboten von Workaholismus, Burnout und Smartphone-Terror, verkörpern sie im Jahr 1973 das Nummereins-Thema der heutigen urbanen, westlichen Zivilisation. Manch einer, der heute Stress und die Freudlosigkeit unseres grausam (!) inhaltsleeren, karrieregesteuerten Lebens beklagt, stellt sich immer noch diesen slicken Sparkassenvertreter im grauen Anzug und grauen Auto vor, der gesichtslos an seiner grauen Zigarre zieht und uns mit deren Dampf das Hirn vernebelt. Passivrauch und Zeitverschwendung – ein Albtraum!
Während heute vielleicht Digital Detoxing und Yoga die Lösung sind, ist es bei Michael Ende ein kleines Waisenkind namens Momo, das den Rauch verbläst. Momo, die eben keinen Wert darauf legt, es zu etwas zu bringen und etwas zu haben, bringt den perfiden Plan des Grauens ins Wanken. Sie macht Meister Hora und seine Stunden-Blumen ausfindig, die die Lebenszeit der Menschen verkörpern, und sie rettet die Welt vor den vielleicht fürchterlichsten, weil realitätsnahesten Gestalten, die ein modernes Kinderbuch je hervorgebracht hat. Denn sie findet heraus: So beängstigend die grauen Herren mit ihrer Effizienzrhetorik auch daherkommen, sind sie in Wahrheit doch einfach Süchtler! Sie brauchen die Blätter der Stunden-Blumen, um sich ihre Zigarren zu drehen.
Keine Panik also. Bei den heutigen Nichtrauchergesetzen hätten die grauen Herren vielerorts ohnehin keine Chance mehr. Der Zeitdiebstahl erstrahlt mittlerweile in vielerlei Farben. ■
NAMEN: unbekannt
HERKUNFT: unbekannt
BERUF: Zeitsparkassenbeamte
WAFFE: Effizienz
AUTOS: grau
HÜTE: grau
KOFFER: grau
LASTER: Zigarren (grau)
ELIXIER: Stunden-Blumen
ERZFEINDE: Momo, Meister Hora
IRIMIÁS
AUTOR: László Krasznahorkai
TITEL: Satanstango
(aus dem Ungarischen von Hans Skirecki)
ORIGINALFASSUNG: 1985

»Wir werden alle in die Luft sprengen«, beginnt Irimiás mit gedämpfter Stimme, dann wiederholt er mit lautem Baß: »Wir werden alle in die Luft sprengen! Jeden einzelnen für sich«, sagt er zu Petrina, »das ganze feige Gewürm. …«
Aber das ist doch nur ein Scherz, nichts weiter, um die Leute ein bisschen zu schockieren. Nein, nein, die Dorfgemeinschaft, aus der Irimiás mit seinem Kumpel Petrina vor eineinhalb Jahren fortging, totgeglaubt, die weiß es besser: »Irimiás ist ein großer Magier. Der baut noch aus Kuhscheiße ein Schloß, wenn er will«, sagt Futaki zu Schmidt. Seine Frau kennt ihn, den sie insgeheim ihren Messias nennen, noch besser: »Sie hat nur einen Mann gekannt – Irimiás –, der sie sowohl im Bett als auch im Leben hochbringen konnte. Irimiás, dessen kleinen Finger sie nicht für alle Schätze der Welt hingäbe, von dem ein Wort mehr bedeutet als das Gerede sämtlicher Männer zusammen … Ach ja, die Männer! Wo ist hier ein Mann – außer ihm?«
Nichts als ein arbeitsloser Herumtreiber ist er, und zusammen mit Petrina hat ihm im spätkommunistischen Ungarn die Geheimpolizei den Auftrag erteilt, Spitzel herbeizuschaffen. Also tanzt er den ihn völlig zu Unrecht idealisierenden Dörflern, die ihre Zeit mit Nichtstun und Saufen in der Kneipe verbringen, einen Satanstango vor – dies der Titel des Debütromans von László Krasznahorkai und der sehr werktreuen, 450-minütigen Kultverfilmung von Béla Tarr aus dem Jahr 1994.
»… Wie bitte? Die Schwierigkeit? Nun ja, wie gesagt, warum Ihnen das verheimlichen, das hätte keinen Sinn, nur … Nur das Geld, meine Damen und Herren. Denn ohne Pulver, nicht wahr, kann ich nicht schießen. Denn der Pachtzins, die Vertragskosten, die Rekonstruktion, die Investitionen. Die Produktion, das wissen Sie, hat einen sogenannten Kapitalbedarf. Aber das wird zu kompliziert, auf solche Dinge wollen wir jetzt nicht eingehen, Freunde … Wie bitte? Haben Sie? Aber woher denn? Aha, Ich verstehe. Die Schafe. Nun, das ist löblich.«
Und so packen sie alle ihre Sachen, geben ihm ihr Geld und ziehen los in Richtung eines gelobten Landes, obwohl ihnen dämmern müsste, dass das alles nur Schafsmist ist. Irimiás ist das Achtzigerjahre-Pendant dieses Spam-Mails mit den sensationellen Investment-Gelegenheiten. Wer Klugheit besitzt und zur Schau stellt, den schätzt die blinde Masse. Und wer klüger ist als die anderen und außerdem noch ein rechter Ganove, der weiß das bestens auszunutzen. Recht geschieht ihnen: Die Futakis, die Kráners, die Schmidts, sie kriegen den Schurken, den sie verdient haben.
Irimiás ist ein Prophet wie sein Namensgeber, der biblische Jeremia – nur eben ein falscher. Statt in die Zunkunft zu blicken, schaut er direkt in seine armselig vor sich hin vegetierenden Schäfchen hinein und durch sie hindurch. In den Berichten, die Irimiás über die Leichtgläubigen verfasst, macht er schließlich seiner Verachtung Luft: Die Beamten haben ziemliche Mühe, seine derben und unflätigen Kommentare in ein sachlich-neutrales Ungarisch zu übersetzen. ■
BEINAME: Messias
BERUF: freiberuflicher Spitzel
SIDEKICK: Petrina
REDEGEWANDTHEIT: 



SEXAPPEAL: 



LIEBLINGSTIERE: die Schafe VORBILD: Jeremia

KAIN
AUTOR: Mose (angeblich)
TITEL: Genesis (1. Buch Mose)
(aus dem Althebräischen, Altaramäischen und Altgriechischen von Martin Luther)
ORIGINALFASSUNG: ca. 400 v. Chr.

»Da sprach der Herr zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist’s nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.
»Lass uns aufs Feld gehen!« Das klingt schon so. Aber wie hätte Abel auch ahnen sollen, dass er besser geantwortet hätte: »Leider keine Zeit!«, als einfach mitzukommen. Allzu viel soziale Erfahrung hatten sie damals noch nicht, als Menschen Numero 3 und 4.
Irgendwann musste es ja passieren, warum also nicht gleich, suggeriert uns das Alte Testament. Der dritte Mensch wurde nach Bibel und Koran also der erste Mörder und der erste Schurke, wenn man Satans schlüpfrige Apfelspiele als nicht irdisch (ja, als wahrlich unterirdisch!) außer Acht lässt.
Und dann auch noch aus einem so kleinlichen Grund! Der Herr, heißt es, zog Abels Opfer aus jungen Tieren und ihrem Fett Kains vegetarisch geprägter Darreichung vor, Kain wurde neidisch und sagte: »Lass uns aufs Feld gehen!« Im 1. Buch Mose (auch als Genesis bekannt) wird das sehr pragmatisch geschildert, denn als Heilige Schrift hat man sich nicht in Literatur zu ergehen, da geht es um Fakten. Das lässt einigen Interpretationsspielraum. Was erhoffte sich Kain, indem er Gottes Liebkind tötete? Wollte er mehr Aufmerksamkeit? War es Rache am Missachtenden? Hatte er sich das wirklich gut überlegt? Kain mag der erste Schurke des Abendlandes sein, unter die brillantesten fällt er nicht.
Die Strafe des Herrn ist auch knapp formuliert: Vertreibung aus dem Ehschon-Exil jenseits des Paradieses ins Lande Nod, und: »Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.« Wenigstens kann Kain sich Schutz vorm Totgeschlagenwerden ausverhandeln und bekommt eine Frau – einigen Quellen zufolge seine Schwester – zur Seite gestellt; »die ward schwanger und gebar den Henoch«. Und so weiter. So pflanzte der Mörder sich fort, und unzählige Nachkommen machten ihrem Ahn alle Ehre.
Auch in der Literatur: Ganze 17 Verse im Alten Testament, die sich dem Urkriminellen widmeten, inspirierten viele weitere Kains. Bei Baudelaire (Die Blumen des Bösen, 1857) ist er ein potenzieller Revolutionär, der Gott entthronen soll. José Saramago (Kain, 2011) schickt ihn zur Strafe für seinen Brudermord nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich auf eine Irrfahrt. Bei Manuel Vicent (Mein Name ist Kain, 1991) ist er Jazzsaxofonist und behauptet, gar nicht der Mörder gewesen zu sein. Und in Steinbecks Jenseits von Eden aus dem Jahr 1955 ist überhaupt alles anders: Die kalifornischen Brüder Charles und Adam überleben ihren Konflikt (vorerst) beide. ■
HERKUNFT: Jenseits von Eden
SOHN VON: Adam und Eva
BRUDER VON: Bitte, wem?
VATER VON: Henoch
BERUF: Ackermann
ANZAHL DER VORFAHREN: 
SLOGAN: »Bin ich der Hüter meines Bruders?« BESONDERE FANS: Baudelaire, Vicent, Saramago, Steinbeck
LISBETH FISCHER
AUTOR: Honoré de Balzac
TITEL: Die menschliche Komödie 25. Tante Lisbeth
(aus dem Französischen von Paul Zech)
ORIGINALFASSUNG: 1846

»Im Zeitraum dieser drei Jahre hatte Lisbeth auch deutlich genug schon die Fortschritte ihrer Unterhöhlungstaktik wahrnehmen können. Ihr ganzes Sinnen und Trachten hatte sich in diese eine Richtung hin bewegt. Lisbeth dachte, Madame Marneffe handelte. Madame Marneffe war die Axt, die Lisbeth in der Hand hielt. Und diese Hand zertrümmerte nun mit wuchtigen Schlägen jene Familie, die ihr von Stunde zu Stunde verhaßter wurde. Liebe und Haß sind Gefühle, die aus sich selber die Nahrung zum Fortbestehen ziehen. Der Haß jedoch hat eine längere Lebensdauer.
Irgendwer in der Familie muss doch die Rolle der netten, bäurischen, nicht besonders attraktiven und dennoch wählerischen, nicht wirklich ernst zu nehmenden altjungferlichen Tante annehmen? Ja! Es sei denn, du bist es selbst. Dann gibt es irgendwann den Moment, in dem du merkst, dass du diese Figur bist, zum Beispiel wenn deine liebreizende Nichte dir den Mann wegheiratet, den du dir monatelang unter dem Deckmantel der Mütterlichkeit zurechtgepeppelt hast. Dann ist Schluss mit lustig, lieb und Lisbeth. Dann läuft dein affiges Gesicht grün an, du wirst zur Cousine Bette (bête = das Biest) und vergiftest alle – oder subtiler: hilfst ihnen, sich selbst zu vergiften.
So viel Bosheit schwelt in Honoré de Balzacs in Windeseile hingeschriebenem »Feuilletonroman«, dass es ein Vergnügen ist. Man spürt richtig den Genuss, mit dem Balzac seine Figur verachtet: »Nun, ohne eine gewisse Grazie hat eine Frau in Paris keine Existenzberechtigung. Ihr schwarzes Haar, ihre schönen harten Augen, ihre markanten Gesichtszüge und die kalabrische Farbe ihres Teints machten aus Tante Lisbeth eine Giotto-Figur, was sich eine echte Pariserin sicher zunutze gemacht hätte, sie jedoch wie eines jener lächerlichen Äffchen wirken ließ, die von den kleinen Savoyarden in Frauenkleider gesteckt und zur Schau gestellt werden. (…) In dem Riesenverkehr auf den Straßen von Paris sah sich kein Mensch nach Tante Lisbeth um.« Und das rächt sich.
Es ist dieses 19.-Jahrhundert-Paris, in dem es Frauen nur ums Geld geht und Männern darum, mit allen zu schlafen, ausgenommen natürlich ihren Ehefrauen. Hechelnd überschütten sie ihre Mätressen mit Geschenken und Geld, das diese wiederum in ihre eigenen Liebhaber investieren. Hinter allem steht bald Fäden ziehend die gekränkte Tante – gezeichnet nach Balzacs eigener Mutter – und orchestriert höhnisch die Auswüchse der Lüsternheit, an der sie selbst nicht teilhaben darf. Ihre Nachbarin Valérie Marneffe wird von ihr ausgeschickt, um ihren Vetter Hulot (und vier andere Männer) um Verstand und Vermögen zu bringen.
Emotionen kommen dabei kaum auf: Bei den Männern sind die Genitalien die einzig aktiven Organe, bei den Frauen die Rechenzentren im Hirn. Liebe ist Kalkül, Leid die Belohnung. Was Lisbeth letztendlich zugrunde gehen lässt, ist die Erkenntnis darüber, dass Hulots Frau Adeline – selbst eine lächerliche Figur aufgrund der beharrlichen Treue zu ihrem Mann – es schafft, die Familie zu vereinen (vorausgesetzt, der Lustmolch darf seine neueste minderjährige Gespielin mit ins Haus nehmen). Happiness killed the beast. ■
RUFNAMEN: Tante Lisbeth, Cousine Bette
BERUF: Arbeiterin, Gesellschafterin
HOBBY: Heiraten (alternativ: Intrigieren)
SCHÖNHEIT: 



KOMPLIZIN: Valérie Marneffe ERZFEINDE: die ganze Familie Hulot VORBILDER: u. a. Balzacs Mutter DARSTELLERINNEN: Jessica Lange, Jeanne Balabar
MOBY DICK
AUTOR: Herman Melville
TITEL: Moby Dick oder Der Wal
(aus dem Amerikanischen von Matthias Jendis)
ORIGINALFASSUNG: 1851

»Aye, aye! Es war dieser verfluchte weiße Wal, der mir den Mast abgeschlagen hat, der aus mir bis ans Ende meiner Tage einen erbärmlichen, humpelnden Krüppel gemacht hat!« Darauf schüttelte er die Fäuste gen Himmel und schrie seine maßlosen Verwünschungen hinaus: »Aye, aye, und ich werd ihn ums Kap der Guten Hoffnung hetzen und auch ums Horn herum und um Norwegens Mahlstrom und durch die Flammen der Verdammnis, eh ich die Jagd verloren gebe. Und, Männer, das ist es, wofür ihr angeheuert habt! Diesen weißen Wal zu jagen, auf beiden Ozeanen, in allen Winkeln der Welt, bis schwarzes Blut er bläst und tot im Wasser treibt. (…)«
Man muss sich auch mal die andere Seite ansehen. Klar, diese gekränkten Männer und ihre Besessenheit von hungrigen Meerestieren haben etwas Lächerliches: dieser Captain Hook mit seinem Krokodil, dieser alte Mann im Meer auf der Jagd nach dem Riesenmarlin und durchaus auch dieser immer fanatischer werdende Kapitän Ahab. Sie können nicht gewinnen, aber sie müssen kämpfen, um ihre fehlenden Gliedmaßen zu rächen (oder auch einfach nur ihren Stolz zu befriedigen).
Aber trotzdem. Jetzt mal im Ernst: Moby Dick! Du Wal, du Weißer Wal du! Stellvertretend für die anderen Wassergenossen, die im Menschen einen irrationalen Tunnelblick auslösen, lass dir gesagt sein: Es ist ja verständlich, dass du nicht gejagt werden willst, und vor 150 Jahren hattest du auch noch keinen WWF, um dich zu schützen. Aber bitte, reiß dich zusammen, anstatt uns Menschen das Bein ab. Die ganze Umgebung leidet doch unter den ahabschen Gewaltobsessionen. Ismael, Starbuck, Queequeg – die müssen sich mit dem Mann ein Schiff teilen! Und das sind auch nur Säugetiere, so wie du.
Bliebest du doch wenigstens ein »Phantom des Lebens«, wie du an einer Stelle bezeichnet wirst, eine omnipräsente, doch ungreifbare, numinose Nemesis, ein dämonischer Teufel, der in Wahrheit nur in den Köpfen derer existiert, die dich jagen! Das wäre schon schurkisch genug.
Aber nein, du lässt dich auch noch aufspüren von der irre gewordenen Mannschaft: Absichtlich, könnte man dir unterstellen, lockst du sie in dein Revier, in die Höhle des Löwen sozusagen, nur bist du größer, lauter, dicker (tut mir leid, aber du hast »dick« schon im Namen!) und gefährlicher als ein Löwe. Und da sind sie dann und nähern sich dir, nicht wissend, was sie tun, stoßen sich an dir und kentern. Du hast kaum eine Flosse gerührt, hast dann nur ein bisschen das Schiff gerammt und dabei halt alle vernichtet. Hattest wohl nach dem Ahab-etitanreger noch Lust auf den Rest der Mahlzeit?
Wer den Wal hat, hat die Qual. Und wer ihn nicht hat, quält sich selbst. Es ist ein Wunder, dass sich nach dir Weißem Wal und deinem ideellen Nachkommen, dem »Weißen Hai«, noch irgendjemand ins Wasser traut. ■
GATTUNG: Pottwal
HERKUNFT: Kap der guten Hoffnung
FARBE: weiß
FIGUR: dick
LIEBLINGSSPEISE: Seemannshaxe
WAFFE: Paranoia
ERZFEIND: Kapitän Ahab
INSPIRATION: Mocha Dick
SCHIR KHAN
AUTOR: Rudyard Kipling
TITEL: Das Dschungelbuch
(aus dem Englischen von Gisbert Haefs)
ORIGINALFASSUNG: 1894

»(…) Was für dummes Zeug redest Du da von Deinem Belieben? Bei dem Ochsen, den ich soeben gewürgt habe, soll ich hier mit der Nase in der Höhle eines jämmerlichen Hundes stehen, um das zu verlangen, was mir gebührt? Es ist Khan, Schir Khan, der mit Dir spricht!«
Des Tigers Geheul erfüllte die Höhle mit rollendem Donner. Mutter Wolf schüttelte ihre Jungen von sich ab; sie sprang vorwärts, und ihre Augen, wie zwei grüne Mondsicheln, starrten auf die beiden glühenden Kohlen im gewaltigen Kopf von Schir Khan.
Vergesst den Disney-Film. Na gut, vergesst ihn nicht. Ihr könnt ihn nicht vergessen. Und die Geschichte à la Rudyard Kipling ist ja auch sehr Disney: Tiger trennt kleinen Jungen von seinen Eltern, macht ihn dadurch gewissermaßen zum Waisen und kann nicht verwinden, dass er ihn nicht auch erwischt hat. Kleiner Junge wächst bei Wölfen auf, tanzt fröhlich und wird von allen (Python eingeschlossen) gemocht, rächt sich schließlich in großem Showdown an Tiger.
Man könnte das natürlich auch so sehen: Vielleicht hatte Schir Khan einfach Hunger? Vielleicht ist sein Antagonismus ein Symbol für die Rache der Natur am Eingriff des Menschen? Nur so ein Gedanke, der natürlich nicht sehr Disney ist und, weiter zurückgedacht, auch nicht zu einem Autor passt, der Geschichten für den allerliebsten Liebling schreibt. Ein klassischer Bösewicht also, furchterregend und mit Gebrüll, aber auch typisch mit einem Handicap: einem gelähmten Bein.
Das Wort »schir« bedeutet »Tiger« auf Persisch, »khan« wiederum ist der Herrscher in diversen Paschtu-Sprachen. Manchmal jagt und tötet Schir Khan Menschen einfach so zum Zeitvertreib, wohl aber auch um anzugeben, denn bis auf den Schakal Tabaqui nimmt ihn seltsamerweise niemand im Dschungel so richtig ernst, obwohl er, von der eigenen Mutter als Lungri (»der Lahme«) verspottet, doch selbst der Meinung ist, der König der Tiere zu sein. Wieder ein Klassiker: das Kindheitstrauma, die narzisstische Kränkung.
So wird Maugli (auch Mowgli oder Mogli) also zu seiner Nemesis, und umgekehrt. Über die Jahre bereitet Schir Khan seinen großen Schlag vor, verspricht den jungen Wölfen Belohnungen für Mauglis Auslieferung und die Schwächung ihres Anführers Akela. Bevor es dazu jedoch kommen kann, enthüllt der kleine Mensch zwei Nachteile der großen Katze: Angst vor Feuer und – eine nachvollziehbare Schwäche – absolute Chancenlosigkeit gegen eine Horde Büffel. Und so heißt es in einer der letzten Maugli-Geschichten recht ungerührt: »Wegen Schir Khan brauchte sich niemand mehr Sorgen zu machen. Er lag breitgequetscht auf dem Boden und die Gabelweihen schossen pfeifend aus dem wolkenlosen Himmel, um ihre Beute zu beanspruchen.«
Und das ist nun wirklich nicht Disney. Disney ist: ein brennender Ast, an den Schwanz des panisch vor sich selbst davonlaufenden Tigers gebunden (Teil 1), oder ein Geier, der dem gedemütigten Raubtier auf die Nerven geht (Teil 2). ■
NAMENSBEDEUTUNG: Tigerkönig
GATTUNG: Tiger
HERKUNFT: Indien
BESONDERES KENNZEICHEN: Gehfehler
ACHILLESFERSEN: Feuer, Büffel
SIDEKICK: Tabaqui, der Schakal
LIEBLINGSSPEISE: Maugli
ERZFEIND: Maugli
BARON VON INNSTETTEN
AUTOR: Theodor Fontane
TITEL: Effi Briest
ORIGINALFASSUNG: 1896

»Wir sprachen da von Innstetten, und mit einem Male zog der alte Niemeyer seine Stirn in Falten, aber in Respekts- und Bewunderungsfalten, und sagte: ›Ja, der Baron! Das ist ein Mann von Charakter, ein Mann von Prinzipien.‹«
»Das ist er auch, Effi.«
»Gewiß. Und ich glaube, Niemeyer sagte nachher sogar, es sei auch ein Mann von Grundsätzen. Und das ist, glaube ich, noch etwas mehr. Ach, und ich … ich habe keine. Sieh, Mama, da liegt etwas, was mich quält und ängstigt. Er ist so lieb und gut gegen mich und so nachsichtig, aber … ich fürchte mich vor ihm.«
Zu Recht, wie sich herausstellen wird. Anfangs besteht das einzige Verbrechen des Herrn Baron darin, nun ja, ein bisschen langweilig zu sein. Er nimmt die jugendliche Effi Briest zur Frau – eine Ehe, die zwar nicht unbedingt ihre Idee war, der sie dann aber ganz aufgeregt entgegenblickt. Oh, jetzt darf sie Geert zu ihm sagen! Altersunterschied: 21 Jahre.
Dann passiert erst einmal ganz lange nichts. So lange, dass es eine Tortur ist. Und daran gibt der Leser, obwohl der noch nichts Böses getan hat, Innstetten die Schuld (obwohl der wahre Übeltäter hier wohl doch eher der Verfasser Theodor Fontane ist). Man bereist Orte mit spießig-deutschen Namen wie Hohen-Cremmen und Kressin, wo es gar Wichtiges zu tun gibt, aber für den Herrn und dessen Karriere, nicht für seine Frau. Die langweilt sich zu Tode (im übertragenen Sinne, nicht wörtlich, wie es einer anderen Dame dieser ländlichen Gesellschaft passierte), wird wie ein Kind behandelt, versucht aber, der Verbindung offensiv mit Liebe und Zärtlichkeit zu begegnen. Doch selbst dabei wird sie von ihrem gestrengen und gar formellen Gatten vernachlässigt. Immerhin, für ein Töchterchen reicht es.
Es muss also irgendwann so kommen: Effi hat eine kurze und von Gewissensbissen begleitete Affäre mit Major Cramps, einem ehemaligen Kommilitonen ihres Mannes. Die endet, als Innstetten ins Ministerium berufen wird und das Paar nach Berlin zieht. Halleluja, Berlin! Immerhin ein Großstadtleben, alles ist in Butter.
Freilich, Liebesbriefe tauchen auf. Nach sechs Jahren! Der Ehemann sauer: verständlich. Aber muss man gleich so reagieren? Den Nebenbuhler, mit dem längst nichts mehr läuft, abknallen, im ehrenhaften Duell? Und dann die Frau verbannen, ohne je wieder ein Wort mit ihr zu wechseln? Nicht etwa im Affekt, impulsiv, sondern eben wegen der oh fürchterbaren Prinzipien.
»Rache ist nichts Schönes, aber was Menschliches und hat ein natürlich menschliches Recht. So aber war alles einer Vorstellung, einem Begriff zuliebe, war eine gemachte Geschichte, eine halbe Komödie. Und diese Komödie muß ich nun fortsetzen und muß Effi wegschicken und sie ruinieren und mich mit.«
Aha. Nur dass er selbst sein verstocktes staatstragendes Leben weiterführt, während Effi vom Elternhaus verstoßen, der Tochter entfremdet und irgendwann todkrank wird. Prinzipienreiterei? Prinzipiell ziemlich übel, Herr Baron. ■
HERKUNFT: Deutschland
BERUF: Ministerialbeamter
POSITION: gehörnter Ehemann
HOBBYS: keine
STÄRKE: Prinzipientreue
SCHWÄCHE: Prinzipientreue
LIEBE: Papperlapapp
GEWISSEN: rein
PSYCHOPATHENINDEX: absolutes Mittelmaß
BESONDERE KENNZEICHEN: absolutes Mittelmaß
CAPTAIN HOOK
AUTOR: James Matthew Barrie
TITEL: Peter Pan
(aus dem Englischen von Ursula von Wiese)
ORIGINALFASSUNG: 1911

»Wer bist du, Fremder, sprich!« forderte Haken. »Ich bin Kapitän Haken!«
»Das bist du nicht, das bist du nicht«, schrie Haken heiser.
»Schockschwerenot«, erwiderte die Stimme, »sag das noch einmal, und du bekommst meine Klaue zu spüren.«
Prä-Disney haben sie ihn noch als Kapitän Haken ins Deutsche übertragen. Heute, post-Dustin-Hoffman, klingt diese Übersetzung nur noch absurd, das hat der übelste Bootsmann der Weltliteratur nicht verdient. Hook also. Captain James Hook. Wobei das – Überraschung! – nicht sein richtiger Name ist.
Richtig ist, dass er als Kommandant der Besatzung des Zweimasters Jolly Roger dient. Ein »nicht ganz unheldenhafter« Pirat im fantastischen Nimmerland (auch hier ist der Originalname Neverland bekannter), sieht er sich als Erzfeind Peter Pans, den er für einen Frechdachs hält und der ihn in den Wahnsinn treibt. Dass der kindische Peter ihm im Kampf eine Hand abschneidet, verschlechtert das Verhältnis zwischen ihnen nur unwesentlich. Die fehlende Hand wird von einem Krokodil gefressen und durch eine Eisenklaue ersetzt (was für ein Symbol: eine gefährliche Waffe als integrierter Körperteil!). Später, nachdem die letzte große Schlacht geschlagen ist, darf das hungrige Reptil sein »Captain’s Dinner« dann vollständig abschließen. In einem Er-oder-ich-Showdown siegt – ist ja doch eine Geschichte für Kinder – das Gute, das Kindliche. Bevor Hook in den Krokodilsrachen eintaucht, schafft er es gerade noch, ein weiteres Mal das ungebührliche Betragen Peter Pans zu bemängeln.
Trügerisch, das Auftreten des Kapitäns: Er hat in Eton studiert, wählt seine Worte selbst beim Fluchen sorgsam, weiß sich zu benehmen, gilt als einer der attraktivsten Männer, die man sich vorstellen kann (gleichzeitig aber auch als ein bisschen widerlich), und kleidet sich elegant. Vielleicht ist Hook der erste dieser glatten Gentleman-Bösewichte, deren Nachfolge Ende des vergangenen Jahrhunderts Hannibal Lecter antrat.
Im nimmerländischen Kontext ist das Mustertanzschulgehabe jedoch ein weiterer Hinweis auf die Niedertracht des Charakters: Für Peter Pan, den Jungen, der niemals erwachsen werden will, kann es keinen besseren Gegenspieler geben als einen, der befolgt, was die gesellschaftlichen Normen diktieren. In der Welt der Kinder ist der Erwachsene der Schurke. Der Vater von Peters Freundin Wendy, der prahlende Geschäftsmann Mr. Darling, wird denn auch in der von James Barrie sogar noch vor dem Roman verfassten Bühnenversion meist vom selben Darsteller verkörpert wie der grimmige Kapitän.
Interessant ist auch die Analogie zwischen Hook und einem anderen Kapitän, Herman Melvilles Ahab, die Verfasser Barrie ganz offen eingestand. Das Krokodil ist sozusagen Hooks Moby Dick. Nur die Sympathien sind jeweils unterschiedlich verteilt. Das Krokodil als Kapitalschurke hat es dafür erst im Kasperletheater an die Spitze geschafft. ■
BERUF: Schiffskapitän
FUNKTION: Spielverderber
AUGEN: zwei (blau)
LOCKEN: viele (dunkel)
HÄNDE: eine (links)
BENEHMEN: vorbildlich
LIEBLINGSGETRÄNK: Rache
LIEBLINGSTIER: jedenfalls kein Krokodil
ERZFEIND: Peter Pan
MRS. DANVERS
AUTORIN: Daphne du Maurier
TITEL: Rebecca
(aus dem Englischen von Karin von Schab)
ORIGINALFASSUNG: 1938

»Eine Gestalt löste sich aus der Menge, hager und groß, in tiefes Schwarz gekleidet; die hervorstehenden Backenknochen und tiefliegenden, großen Augen gaben ihrem pergamentenen Gesicht das Aussehen eines Totenschädels.
Rebecca ist tot. Ihre durchkalkulierte Schlechtheit hat sie an ihre Kinderfrau und spätere Haushälterin vererbt. Nach dem vermeintlichen Ertrinken ihrer Herrin wacht Mrs. Danvers mit leerem Ausdruck über das Gut Manderley in Cornwall, und als der Witwer Maximilian de Winter von einer Reise neu verheiratet zurückkehrt, schlägt das Rebecca-Syndrom bei ihr durch. Das Rebecca-Syndrom heißt natürlich gerade wegen Daphne du Mauriers Romans und dessen Verfilmung durch Alfred Hitchcock so. Es bezeichnet die Idealisierung einer nicht mehr anwesenden Person und die damit verbundene Verachtung ihrer Nachfolgerin: Während Rebeccas Name und Wesen über dieser Geschichte schwebt, erfahren wir von Mrs. de Winter II nicht einmal, wie sie mit Vornamen heißt.
Freilich scheint auch Mrs. Danvers keinen Vornamen zu haben. Ihre Fans nennen sie liebevoll Danny, wobei diese Gruppe nach Rebeccas Tod eigentlich nur deren Cousin und Liebhaber Jack Favell umfasst. Die Nachbarn, geschult in englischer Höflichkeit, bevorzugen den Ausdruck »Ach, diese erstaunliche Person«. Erstaunen erweckt auch dieses »Mrs.«: Eine Vergangenheit mit Ehe oder Familie ist bei dieser ergebenen Gottesanbeterin kaum vorstellbar. Hier ihre Übeltaten:
Sie lässt die Neue ihre Ablehnung deutlich spüren, vermittelt ihr erfolgreich die Illusion, ihr Mann liebe sie gar nicht, sondern hänge immer noch der verstorbenen Vorgängerin nach. Das ist so weit noch psychologisch nachvollziehbar und kann vom Leser auch als Überinterpretation der eingeschüchterten Ich-Erzählerin abgeschwächt werden.
Dann aber überredet Mrs. Danvers sie dazu, beim Kostümball die gleiche Verkleidung zu tragen wie Rebecca kurz vor ihrem Tode und sich damit den Unmut ihres Gatten zuzuziehen. »Ich werde niemals den Ausdruck in ihrem Gesicht vergessen. Eine boshafte Schadenfreude leuchtete aus ihren Augen. Das Gesicht eines frohlockenden Teufels! So stand sie da und lächelte mich an.«
Am Höhepunkt des Rebecca-Syndroms steht dann Mrs. Danvers’ unverblümter Vorschlag an die ungewollte Herrin, sich doch einfach das Leben zu nehmen. »Haben Sie keine Angst«, suggeriert sie ihr, »springen Sie.«
Und schließlich: Brandstiftung. Kaum ist klar, dass Rebecca perfide genug war, nicht nur ihren Mann zu hintergehen und ihre eigene Ermordung zu provozieren, sondern dabei auch die treue Danny nicht ins Vertrauen zu ziehen, entzündet sich die destruktive Leidenschaft der trockenen Alten zu Flammen, die Manderleys Pracht verschlingen.
Ob sie es überlebt? Laut Susan Hill, die 1993 eine Fortsetzung schrieb, ja. Da kehrt sie wieder, bringt einen Hauch Rebecca-Horror mit und lässt Leser- und Kritikerschaft den alten Albtraum wieder herbeiträumen. Der gute alte Hitchcock ließ Mrs. Danvers gnadenlos verbrennen. ■
VORNAME: unbekannt
SPITZNAME: Danny
FAMILIENSTAND: unerklärlich
BERUF: Haushälterin
PATHOLOGIE: Rebecca-Syndrom
AUGEN: hohl
ERZFEINDIN: die zweite Mrs. de Winter
FILMDARSTELLERIN: Judith Anderson

RAVANA
AUTOR: Vālmīki
TITEL: Ramayana
(aus dem Sanskrit von Claudia Schmölders)
ORIGINALFASSUNG: 2. Jh.

»Ich gewähre dir noch zwei Monate Bedenkzeit. Dann mußt du das Bett mit mir teilen. Wenn du dich weigerst, werden meine Köche deine Glieder mir zum Frühstück zerhacken!«
Das Böse hat viele Gesichter, heißt es. In diesem Fall sind es genau zehn. Der Anführer der Rakshasas, der dämonischen »Beschädiger« der indischen Mythologie, hat zehn Köpfe, die – damit das gleich geklärt ist – in Echsenmanier nachwachsen, wenn man sie ihm abschlägt.
Da es sich dieser durch und durch düstere Dämon also in alle zehn Köpfe gesetzt hat, seiner Schwester wegen an Altindiens perfektem Schwiegersohn Rama Rache zu üben – nicht etwa weil dieser sie geschändet, sondern eben weil er sie verschmäht hat – und Rama die entsandten »vierzehntausend Dämonen von schrecklicher Tatkraft« mit links (und unzähligen Pfeilen) abwehren konnte, hat Ravana nun Ramas Geliebte Sita in der Hand. In einer seiner Hände, genau genommen, denn er besitzt zwanzig davon. Herz hat er freilich nur eines, und mit diesem verliebt er sich in sein Opfer. Da Sita aber so treu ist (und somit neben dem Traumschwiegersohn eine Traumschwiegertochter darstellt), bleibt die königlichdämonische Begierde unerfüllt. Was Ravana nicht gerade entspannt in den finalen Kampf ziehen lässt.
Der Dämonenkönig ist einer dieser lauten, größenwahnsinnigen Bösewichte, die auf Masken mit grotesk verzerrter Mimik dargestellt werden und im Film wahrscheinlich Jack Nicholson wären. Einst vor dem großen Gott Brahma konnte er sich zwar zusammenreißen und höflich um Schutz vor allen Göttern und Dämonen bitten, vergaß aber vor lauter Überheblichkeit zu erwähnen, dass natürlich auch kein Mensch oder – in diesem Fall relevant – Affe ihm ein Leid antun können solle.
Das Ramayana ist neben dem etwa gleichzeitig entstandenen Mahabharata das älteste Epos Indiens, und die Überlieferungen unterscheiden sich zwischen Norden und Süden erheblich. Dass Ravana grundsätzlich ein übler Schurke ist, darin sind sich alle einig. Vereinzelt werden ihm jedoch seine Weisheit und Musikalität zugute gehalten.
Auf ihn geht etwa die Ravanahattha zurück, die Langhalsspießlaute, die in Indien von Straßenmusikern gespielt wird. Ravanahattha heißt »Ravana-Hand«, und die zwanzig Hände mögen nebst widerlichen Grapschüberfällen auch ein faszinierendes Streichorchester abgegeben haben.
Rama erhält seinerseits nicht nur Hilfe von einer Affenarmee, sondern ist auch von Natur aus göttlich und kann nach einem siebentägigen Kampf in Ravanas Königreich Lanka (geografisch heute Sri –) auf eine Wunderwaffe von Brahma himself zurückgreifen: einen zischenden Pfeil, der »eine Gestalt des Todes selbst, ein Sämann der Sorge« ist. Den richtet Rama auf das einzige Organ, das das verkopfte Böse noch einigermaßen im Zaum hält: das Herz. ■
THAILÄNDISCHER NAME: Thosakanth
HERKUNFT: (Sri) Lanka
BERUF: Dämon / König
KÖPFE: zehn
HÄNDE: zwanzig
HOBBY: Musik
BANDNAME: die Rakshasas
OBJEKT DER BEGIERDE: Sita
LIEBLINGSSPEISE: Sita
ERZFEIND: Rama
MANFRED VON OTRANTO
AUTOR: Horace Walpole
TITEL: Das Schloß Otranto – Ein Schauerroman
(aus dem Englischen von Hans Wolf)
ORIGINALFASSUNG: 1764

»Ich sage euch«, versetzte Manfred gebieterisch, »Hippolita ist nicht mehr mein Weib; von Stund an bin ich von ihr geschieden. Gar zu lang war ich gestraft mit ihrer Unfruchtbarkeit. Mein Schicksal hängt daran, Söhne zu haben, und die heutige Nacht wird meinen Hoffnungen gewißlich ein neues Datum geben.«
Bei diesen Worten ergriff er Isabellas kalte Hand; die Jungfer war vor Furcht und Entsetzen halb tot.
Es gibt verschiedene Obsessionen: Die einen haben einen Ordnungsfimmel, andere können nicht aufhören zu rauchen. Fürst Manfred von Otranto ist besessen davon, seine Erblinie zu sichern, und das geht nur mit männlichen Nachkommen. Die eigene Ehegattin, die ihn wegen ihrer mangelnden Fruchtbarkeit nervt, hat ihm eine Tochter und immerhin einen Sohn geboren. Als der jedoch die vertraglich vereinbarte Eheschließung mit der lieblichen Isabella eingehen soll, erschlägt ihn ein alter Helm. Aus Panik vor dem Abbruch der Erblinie, vielleicht aber auch einfach aus geifernder Lustgreisigkeit jagt Manfred fortan also selbst der Fast-Schwiegertochter nach.
Der Tod seines eigenen Sohnes entlarvt Manfred als herzlos selbst der eigenen Familie gegenüber. Der Verlust ruft nicht wirklich Trauer hervor, eher eine gereizte Ungeduld, die ihn übereilte Todesurteile aussprechen, die Ehefrau verstoßen und die Tochter zuerst irritiert ignorieren und dann – wenn auch aus einem Missverständnis heraus – erstechen lässt. Lange Zeit ist ein überdimensionaler Helm der einzig ernst zu nehmende Gegenspieler des berserkerischen Amokregenten.
Im zu dieser Zeit gerade erst entstehenden Genre des Schauerromans ist dieser Diktator ein zu besonderer Gefährlichkeit aufgeblasener Bösewicht, den aber in erster Linie Schwächen wie Angst und Neid umtreiben. »Hitzig«, »in Zorn geratend« und »sich die Stirne streichend« finden wir ihn in Horace Walpoles Beschreibung die meiste Zeit vor. Am Ende bereut Manfred von Otranto alles ganz schrecklich, ist sein Fürstentum aufgrund abenteuerlicher Deus-exmachina-Gegebenheiten aber natürlich trotzdem los. Der wahre Herrscher Otrantos heiratet die verzagte Schließlich-doch-noch-Braut.
Ein liebenswerter Schurke der ganz eigenen Art ist hier übrigens Autor Horace Walpole selbst. Der Sohn des damaligen Premierministers erlaubte sich anno 1764 einen kleinen Scherz. Eine »ganz und gar italiänische« Geschichte behauptete er entdeckt zu haben, die ein Mönch namens Onuphrio Muralto verfasst und ein gewisser William Marshal ins Englische übertragen habe. Als seine Schlossgespenststory sich dann eines riesigen Erfolgs erfreute, ging die Eitelkeit mir Signore Walpole durch: Er bekannte sich zu dem Schwindel und brüstete sich damit, die gothic novel erfunden zu haben. Der nicht sonderlich italienisch klingende Name Manfred hätte manchen Leser dabei stutzig machen können. Oder doch nicht? Von 1258 bis 1266 gab es tatsächlich einen König von Sizilien namens Manfredi di Hohenstaufen. ■
HERKUNFT: Italien
BERUF: Schlossherr und Fürst
PATHOLOGIE: Fluchflüchter
TEMPERATUR: hitzig
GOTTESFURCHT: 



PSYCHOPATHENFAKTOR: 



ERZFEIND: ein alter Helm VORBILD: König Manfred von Sizilien FAN: Jan Švankmajer
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