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Margarete Wenzel | Anita Ortner
Es war 1001 Mal
Märchenreisen durch Leben und Welt
Tyrolia-Verlag • Innsbruck–Wien
2015
© Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck
Umschlagbild: Anita Ortner, Wien
Grafische Gestaltung: Nele Steinborn, Wien
Schriften: Diaria Pro, Solex, Imagination Station
ISBN 978-3-7022-3488-1
E-Mail: buchverlag@tyrolia.at Internet: www.tyrolia-verlag.at
Inhalt
Mündlich Erzählen
Wer Geschichten lauscht, pflegt und ordnet dabei die eigenen Erlebnisse.
Wer Geschichten lauscht, sieht, was es in der Welt und im Menschenleben gibt und wo sich Motive wiederholen.
Wer Geschichten erzählt, begreift Folgerichtigkeiten und Zusammenhänge, geht ins Detail und spürt aus den Reaktionen der Zuhörenden, wie die Erzählung runder und besser wird.
Erzählen ist also eine kluge, anspruchsvolle Tätigkeit. Aber sie ist zugleich vergnüglich. Geschichten werden einfach zur Unterhaltung erzählt.
Um zu erzählen und zuzuhören, kommen Menschen zusammen und nehmen sich Zeit. Dabei entsteht ein Austausch über das Leben im Allgemeinen und über Erlebnisse im Besonderen. Individuelles wird mit Allgemeinmenschlichem verglichen und es zeigen sich Übereinstimmungen.
Wer traditionelle Geschichten (Mythen, Volksmärchen …) kennt, „blickt über den Tellerrand“, schaut in den Erfahrungsschatz früherer Generationen und anderer Kulturen. Wer sich auf diese erprobten Stoffe einlässt, kann sie nützen, um sich zu orientieren und eigenständig den Weg durchs Leben zu finden, wie es die Märchenheldinnen und -helden tun. Jedes Mal, wenn die gleiche Geschichte in einem konkreten Leben wirksam wird, wird sie neu interpretiert und „mit Wirklichkeit gefüttert“, sodass sie weiterleben kann. Die mündlichen Geschichten eines Kulturkreises bilden also ein mehrdimensionales Gefüge, das identitätsstiftend und orientierungsfördernd wirkt.
Die meisten Märchen und Weisheitsgeschichten, die in diesem Buch aufgeschrieben sind, entstammen nicht einem spezifischen gemeinsamen Kulturkreis, sondern einer individuellen „Wiederbelebungs-Aktion“, die vor einem hohen und breiten Regal voller Bücher mit Märchen aus aller Welt begann.
Diese Bücher sind entstanden, weil Menschen in verschiedenen Ländern mündliche Volksmärchen sammelten und aufschrieben. Dazu suchten sie Erzählerinnen und Erzähler auf und notierten deren Stoffe. Sie verfolgten dabei meist kein mündliches, sondern ein literarisches oder ethnologisches Interesse. Sie passten die mündlichen Erzählungen zum Teil sehr massiv schriftlichen Anforderungen an und ließen die spezifische Erzählsituation sowie die Individualität der oder des Erzählenden oft links liegen.
Ich las eine große Menge solcher ursprünglich mündlicher Stoffe, die in der schriftlichen Überlieferung überlebt hatten und in unsere Kultur gereist waren. Sie alle waren stark überformt worden. Ich nahm sie vor dem Hintergrund meiner mündlichen Erfahrung wahr und filterte sie im Hinblick auf konkrete Erzählsituationen. Ich wählte einzelne aus. Jeden dieser Stoffe lernte ich sorgfältig anhand innerer Bilder, erforschte die Dynamik der Handlung, befragte Erfahrungswerte und recherchierte zu historischen und kulturellen Tatsachen. Ich schlüpfte in die Rollen der Märchengestalten, um sie besser kennenzulernen. Erst dann ging ich mit der vertraut gemachten Geschichte in eine Erzählsituation.
Von da an prägten meine eigenen Beobachtungen als Erzählende und die Reaktionen der Zuhörenden die weitere Gestaltung der Geschichten. Das Vertrautwerden mit einer Geschichte ähnelt dem Kennenlernen eines Menschen. Immer wieder entdeckt man Eigenarten und tritt mit der Geschichte in Dialog.
Das Wieder-mündlich-Machen eines verschriftlichten Stoffes ist zu vergleichen mit dem Kochen eines Gerichtes nach dem Kochbuch. Als Rezept bleibt die Geschichte duft- und leblos. Nur durch persönliche Erfahrung, Herbeiholen der Zutaten, Herstellen der notwendigen Bedingungen, durch Nachschaffen und Abschmecken kommen wir dem ursprünglichen Geschmackserlebnis wieder nahe.
Erst nachdem die Geschichten einst zwischen Buchdeckeln persönlich gefunden, wieder lebendig gemacht, mit anderen Geschichten und realen Lebenssituationen der Gegenwart in Berührung gebracht und von heutigen Menschen neu erlebt worden waren, wurden sie im Ton dieser neuen Mündlichkeit aufgeschrieben. Wer sie liest, bekommt einen Hauch von mündlicher Erzählsituation, eine Kostprobe von aktuellem Mit-Geschichten-Leben in die Hand.
Erzählen wirkt Wunder
Der Geist der Erde
aus Afrika
Noch bevor es Menschen gab, lebte der Geist der Erde ganz allein in seinem Dorf. Er hatte genug zu essen. Er hatte genug zu trinken. Er hatte genug Tabak zu rauchen. Dennoch saß er oft da und war unfroh. Etwas fehlte ihm.
Eines Tages ging er hinaus aufs Feld. Dort wuchs ein großer Baum mit Kola-Nüssen. Er packte den Baumstamm und rüttelte daran. Unzählige Kola-Nüsse prasselten herab. Er hob davon so viele auf, wie er tragen konnte, und schleppte sie zum Dorfplatz. Dort legte er sie hin, ging um den Haufen herum, sah ihn sich genau an, wiegte besorgt den Kopf, schüttelte ihn und ging wieder aufs Feld hinaus. Er sammelte alle Kola-Nüsse auf, die noch herumlagen, und trug sie ebenfalls auf den Dorfplatz. Der Haufen Kola-Nüsse war nun viel höher und breiter geworden. Prüfend umkreiste ihn der Geist der Erde. Er war noch immer nicht zufrieden. Also ging er ein drittes Mal aufs Feld hinaus. Er schüttelte den Kola-Baum mit aller Kraft und abermals prasselten Nüsse in großer Menge herab. Sie alle klaubte der Geist der Erde auf und trug sie ins Dorf. Nun war der Haufen Kola-Nüsse sehr groß und der Geist der Erde wirkte endlich zufrieden.
Doch dann machte er sich erst recht ans Werk. Er schleppte alle Kola-Nüsse hinunter zum Meer. Dort lag sein schönes Boot, aus Holz geschnitzt und bunt bemalt.
Als alle Kola-Nüsse im Boot waren, war kaum mehr Platz für den Geist der Erde. Er zwängte sich dennoch hinein und pfiff. Ein Krokodil paddelte herbei. Der Geist der Erde legte ihm ein Zaumzeug um. Auf seinen Befehl hin zog es das Boot weit hinaus aufs Meer, so weit, bis das Festland nur noch eine Ahnung am Horizont war. Da nahm der Geist der Erde eine Kola-Nuss, hauchte sie an, sprach: „Werde ein Mensch!“ und warf sie ins Wasser, in Richtung Festland. Die Nuss schwamm davon. Der Geist der Erde schaute kurz hinterher, griff dann nach der nächsten Nuss, hauchte sie an, sprach: „Werde ein Mensch!“ und warf sie ins Wasser. So tat er es mit jeder Nuss im Boot. Wie eine Herde schwammen sie dahin. Von fern sahen sie aus wie Lebewesen, von denen beim Schwimmen nur die Köpfe über Wasser waren.
Endlich war der Geist der Erde fertig. Keine Nuss war mehr bei ihm. Er pfiff das Krokodil herbei, damit es ihn im Boot zurück zum Festland zog. Und das war jetzt unglaublich leicht, denn was wiegt schon ein Geist?
Sie erreichten das Ufer. Der Geist der Erde verabschiedete sich vom Krokodil und stieg aus dem Boot. Er sah am Ufer die Menschen stehen, Kinder, Frauen und Männer. Sehr viele waren es. Sie winkten ihm zu und riefen „Hallo, hier bin ich!“, „Und hier bin ich!“, „Ich bin hii-ier!“, „Hallo, siehst du mich?“, „Hallo ich bin’s!“, „Hallo, Geist der Erde, willkommen zurück!“, „Hier bin ich, schön, dass du da bist!“ ...
Alle miteinander gingen sie hinauf ins Dorf, entfachten ein Lagerfeuer und kochten Maisbrei. Dann aßen und tranken sie genüsslich. Als sie satt und zufrieden waren, stopfte der Geist der Erde seine Pfeife, entzündete sie, schmauchte ein wenig und reichte sie weiter. Sie rauchten die Pfeife, reichten sie im Kreis herum und dann begannen sie, jede Menge Geschichten zu erzählen.
Seitdem ist der Geist der Erde nie mehr allein und langweilig ist ihm auch nie mehr. Und wenn sie nicht aufgehört haben, dann sind sie jetzt noch beim Lauschen und Geschichten-Erzählen.

Dschinroku
aus Japan
In einem fernen Land lebte vor Zeiten ein Bauer, der drei Söhne hatte. Die beiden ältesten lebten wie ihr Vater, dachten wie er und bestellten die Felder mit Sorgfalt. Der jüngste, Dschinroku, war anders. Er träumte immer wieder vor sich hin, hüpfte und summte und äußerte allerlei versponnene Gedanken. Wo er nur konnte, lauschte er Geschichten. Wenn das Wandertheater in die Gegend kam und im ausgetrockneten Flussbett eine Bühne errichtete, war Dschinroku vom ersten Moment an dort. Hatte er kein Geld, um den Eintritt zu zahlen und das Stück anzusehen, dann verkaufte er einen Topf, eine Pfanne oder sonst etwas Brauchbares aus dem Haushalt. Das trieb seinem Vater die Zornesröte ins Gesicht.
Eines Tages, als alle drei Söhne bereits erwachsen waren, rief der Vater sie zu sich, gab jedem drei Silberstücke, die er erspart hatte, und schickte sie in die Welt hinaus, damit sie Erfahrungen sammeln und sich im Leben beweisen sollten.
Zu dritt zogen sie los. Aber sobald sie den väterlichen Hof hinter sich gelassen hatten, begann Dschinroku gedankenverloren hinter den beiden Brüdern her zu zockeln und diese sprachen zueinander: „Was sollen wir mit dem da anfangen? Der stört uns nur und bringt das Geld durch. Wir müssen schauen, dass wir ihn baldmöglichst loswerden“, und sie nickten einander zu.
Als es Abend wurde, entzündeten sie ein Lagerfeuer und legten sich nieder. Sobald aber Dschinroku eingeschlafen war, machten sich die beiden Brüder ohne ein weiteres Wort wieder auf den Weg.
Beim Erwachen hörte Dschinroku dennoch zwei Stimmen neben sich. Das mag uns verwunderlich erscheinen, ihn jedoch wunderte es nicht. Er war überzeugt, seine Brüder säßen neben seinem Lager, und wiegte sich in seinen Träumen. Dabei stieg ihm von der Feuerstelle her ein nahrhafter Duft in die Nase.
Als er die Augen öffnete, staunte er nicht schlecht, denn seine Brüder waren nirgends zu sehen. Stattdessen saßen zwei Bettler am Lagerfeuer. Einer von ihnen rührte im Topf.
„Ah, siehe da! Unser Schützling erwacht“, rief er. „He, Jüngling, bist du von allen guten Geistern verlassen? Weißt du nicht, dass es hier im Wald wilde Tiere, Räuber und allerlei Gefahren gibt?“
Der andere brach ein Stück Brot in drei gleich große Teile. „Als wir dich hier mutterseelenallein am erlöschenden Feuer liegen sahen, dachten wir, wir setzen uns her und behüten dich. Schau, wir haben auch eine heiße Suppe gekocht.“
Da saßen die drei am Feuer, unterhielten sich über das Wandern und die Welt und ließen sich das Morgenessen schmecken. Dschinroku spürte in der Tasche die drei Silberstücke, holte sie hervor und sagte: „Seht nur, wie gut sich die Dinge manchmal fügen hier draußen in der Welt, das ist fast wie in den Geschichten, die ich so liebe. Was für ein Glück, dass ihr vorbeigekommen seid und für mich gesorgt habt, als ich hier in der Wildnis ganz allein am Feuer schlief. Und wie gut: Ich habe hier drei Silberstücke und wir sind ebenfalls drei. Also soll jeder von uns eines bekommen.“
Die Bettler freuten sich herzlich, als sie die Münzen in Händen hielten, denn mit ihnen waren sie sicher, nie wieder Hunger leiden zu müssen.
„Zum Dank für das Wertvolle, das du uns gegeben hast, wollen wir dir auch etwas geben, das du brauchen kannst“, meinte daraufhin der eine. „Hier, nimm diese Nadel. Sie fädelt dir alles auf, was du auffädeln willst. Alles, hörst du?“
„Und dieser Faden“, setzte der andere fort, „wird immer so lang sein, wie du es brauchst.“
Sorgsam steckte Dschinroku die Gaben ein. Dann gingen die drei noch ein Stück Wegs zusammen, bevor sie freundlich voneinander Abschied nahmen.
Der Weg war lang. Dschinroku ging. Ihm wurde dabei gründlich langweilig. Da traf er einen Händler, der einen Sack auf dem Rücken trug und der die gleiche Richtung hatte. Da gingen sie zusammen und leisteten einander Gesellschaft.
„Mein Freund“, sagte der Händler, als sie eine Weile über dies und das geredet hatten, „mir scheint, du liebst Geschichten. Sicher hast du auch einige zu erzählen.“
„Ach“, seufzte Dschinroku, „da hast du gerade meinen wunden Punkt getroffen. Wie viele Geschichten ich auch höre und genieße, ich kann sie nicht erzählen. Das finde ich schade, aber so ist es nun mal.“
„Wie gut, dass du mich getroffen hast“, lächelte da der andere. „Weißt du, ich bin ein Geschichtenverkäufer.“
Dschinroku, der zwar noch nie von diesem Beruf gehört hatte, aber aus den Geschichten wusste, dass es vieles gibt, was man irgendwann einmal zum ersten Mal hört, horchte auf.
Der Geschichtenverkäufer schwang den Sack von der Schulter und setzte ihn auf den Boden. Er schaute hinein, ohne ihn allzu weit zu öffnen.
„Jaaa“, strahlte er schließlich, „ich habe da genau das Richtige für dich. Für ein Silberstück kann ich dir die allerfeinste Geschichte verkaufen und die wirst du erzählen können.“
Dschinroku reichte ihm sein Geld. Der Händler hob ihm den Sack ans linke Ohr. Da spürte Dschinroku erstaunt, wie es aus dem Sack leise zu rauschen und in ihn hinein zu brausen begann. Das ging eine ganze Weile so, bis es endlich ausklang.
„Viel Glück!“, wünschte der Geschichtenverkäufer, schulterte seinen Sack wieder und verabschiedete sich.
Dschinroku fühlte sich sonderbar. Leicht benommen ging er seiner Wege. Es schien in seinem ganzen Körper zu prickeln, zu wispern, zu plaudern und – das ist schwer zu beschreiben – zu geschehen.
Als er sich einigermaßen an das Geschichtengefühl in seinem Körper gewöhnt hatte, kam er in eine Stadt, deren Fürst einen Wettbewerb ausgerufen hatte: Wer ihm eine Geschichte erzählen könne, die endlos lang und wirklich wahr sei, so hatte er verkünden lassen, der solle reich belohnt werden. Ohne zu zögern machte sich Dschinroku auf zum Palast.
„Hast du denn auch gehört“, fragte der Wächter, bei dem er Einlass begehrte, „dass jenen, die es versuchen und denen es nicht gelingt, der Kopf abgeschlagen wird? Der Fürst will nicht, dass jeder Dahergelaufene ihm seine Zeit stehlen kann.“

„Aber das tue ich ja auch nicht“, begütigte Dschinroku, der so etwas schon aus vielen Geschichten kannte und der, seit der Sack des Geschichtenverkäufers ihn berührt hatte, von närrischer Zuversicht getrieben war.
Er wurde also eingelassen. Des Fürsten Familie versammelte sich, um zu lauschen, und Dschinroku begann: „Es war einmal eine tausend- und abertausendjährige Eiche, die auf einer großen Wiese wuchs. Der Stamm war so dick, dass dreiunddreißig große Männer ihn nur mit Mühe umfassen konnten. Die Eiche war dreihundertdreiunddreißig Meter hoch.“
„Halt!“, rief der Fürst. „Das ist nicht erwiesen! Wahr und wirklich muss die Geschichte sein!“
„Aber das ist sie, Herr“, erwiderte Dschinroku seelenruhig. „Der König jenes Landes nahm es mit der Wahrheit so genau wie ihr. Er befahl, ein dressierter Affe solle in den höchsten Wipfel des Baumes klettern und eine Schnur herabhängen lassen. Der Oberhof-Rechenmeister maß dann unter den Augen des Königs und aller Minister die Länge der Schnur und schrieb das Ergebnis ins verbürgte goldene Buch, wo ihr es nachlesen könnt. Die Eiche reckte ihre Zweige so weit, dass sie auf den gegenüberliegenden Seiten in die angrenzenden Länder reichten. Von einem Ende des Gezweigs zum anderen waren es dreitausenddreihundertdreiunddreißig Meter.“
„Beweise es!“, unterbrach der Fürst abermals.
„Edler Fürst, nichts einfacher als das: In jenem Land nördlich des Baumes lebte eine weise Frau. Sie sammelte Wissen. Sie versorgte sich mit Seilen und Haken, sicherte sich gut und kletterte durch den ganzen Baum, von einer Seite zu anderen. Sie hatte heilende Kräuter dabei, die sie den Herrschern der anderen Länder schenkte, damit sie ihr wohlgesonnen seien, obwohl sie in ihr Land eindrang. Mit einem Stab maß sie die Meter und schnitt für jeden gemessenen Meter eine Kerbe hinein. Eines Tages brachte sie der Königin des Landes all ihr Wissen und diese richtete eine Schule ein, in der bis auf den heutigen Tag der Maßstab aufbewahrt und das Wissen der weisen Frau gelehrt wird. Den Ort kann ich auf Wunsch benennen.“
Dschinroku warf einen Blick zum Fürsten und dieser nickte ihm zu, er solle weiter erzählen.
„Die Eiche, euer Wohlgeboren, trug dreihundertdreiunddreißigtausendreihundertdreiunddreißig Eicheln. Im Herbst reiften sie. Die erste fiel am Stamm entlang geradewegs herab und wurde vom kleinsten aller Frischlinge gefressen, der daraufhin zum größten aller Eber heranwuchs. Die zweite Eichel fiel ins Meer, wo sie lange an der Oberfläche dahinschwamm, von sanften Winden getrieben, bis ein blau und gelb geringelter Fisch sie verschluckte. Er wurde nach drei Tagen und drei Nächten von einem Mädchen mit schwarzen Zöpfen geangelt. Als sie ihn ausnahm, fand sie die Eichel und pflanzte sie vor das Haus ihrer Eltern, wo sie noch heute der Familie im Sommer wunderbaren Schatten gibt. Die dritte Eichel …“
„Deine Geschichte ist wirklich lang. Ich will dir glauben, dass sie endlos ist, und wenn wir wollen, werden wir Zeit finden, ihr weiter zu folgen“, sprach der Fürst. „Aber ob diese Geschichte auch wirklich ganz und gar wirklich ist, müssen wir noch prüfen.“
„Wenn ihr Tatsachen wünscht, Herr“, erwiderte Dschinroku, „so wollt ihr vielleicht noch wissen, dass der Eichenbaum dreimillionendreihundertdreiunddreißigtausendreihundertdreiunddreißig Blätter hatte. Ich habe sie selbst und eigenhändig gezählt, so wahr ich hier vor Euch stehe.“
„Das behauptest du“, wandte die Prinzessin ein. Dschinroku schaute sie sich genau an und was er sah, gefiel ihm gut. Die Prinzessin hatte bereits beim Zuhören einen erfreulichen Eindruck von ihm gewonnen und was ihre Augen den seinen sagten, das ging nur sie beide etwas an.
„Wollt ihr es sehen?“, schmunzelte Dschinroku. „Soll ich euch zeigen, wie ich es gemacht habe?“
Die Blicke, die auf ihm ruhten, waren Antwort genug. Er griff in die Tasche und förderte Nadel und Faden zutage. „Mit diesen beiden“, erklärte er, „fädelte ich alle Blätter, während ich sie zählte, auf und deshalb bin ich sicher, dass ich jedes Blatt der Eiche genau einmal gezählt und keines ausgelassen habe.“
Ein Tumult brach los: „Ha, das kann nicht sein!“, „Was soll der Unsinn!“, „Mit Nadel und Faden? Will der Schneider uns zum Narren halten?“
Der Wirbel legte sich, als die klare, warme Stimme der Prinzessin erklang: „Wir werden sehen. Wie heißt du, guter Mann?“
„Dschinroku“, antwortete dieser und verneigte sich.
„Dschinroku, dort draußen im Schlosspark sind Blätter genug. Zähle sie für uns, dann werden wir sehen, ob deine Geschichte wirklich wahr sein kann.“
Dschinroku warf Nadel und Faden in die Luft. Sie fuhren durchs offene Fenster, sausten zwischen den Bäumen des Palastgartens hin und her und fädelten, unter den staunenden Blicken der Fürstenfamilie, die Blätter der Parkbäume eins nach dem anderen auf. Aber plötzlich erklangen genau dort, wo die Nadel am Werk war, ein Schrei und ein dumpfes Geräusch. Der Fürst blickte beunruhigt. Er befahl der Palastwache nachzusehen, wer da verbotenerweise in seinem privaten Garten war.
Bald darauf kehrten die Wachen mit einem Gefangenen zurück. Er wurde befragt und verriet schließlich, dass er den Auftrag gehabt hatte, die ganze Fürstenfamilie zu töten.
Nachdem er den Wachen befohlen hatte, den Kerl in den Kerker werfen, nahm der Fürst Dschinroku beiseite. „Das nenne ich eine wirklich wahre und wirksame Geschichte!“, rief er begeistert. „Sie hat wahrhaftig mir und meiner ganzen Familie das Leben gerettet! Weißt du, mein Freund, bei all den Dampfplauderern und Lügenbaronen, denen wir in letzter Zeit lauschen mussten, hatte ich wirklich schon beinahe die Hoffnung verloren. Aber du hast dir die versprochene Belohnung mehr als verdient. Nimm sie entgegen und sei unser Gast. “
Dschinroku blieb bei Hofe und lernte dort allerlei, das ihm gefiel. Er bekam die Gelegenheit, seine endlose Geschichte weiterzuerzählen. Die Prinzessin und er kamen einander immer näher und ihre Liebe wuchs. Das taten auch ihre Kinder und Enkel.
Ihr fragt, ob die Geschichte inzwischen ein Ende gefunden hat? Wir wollen es nicht hoffen, so bleibt das Ende offen.
Der weiße Wolf
aus dem deutschsprachigen Raum
Es war einmal ein König, der auf der Jagd von seinem Gefolge abgeschnitten wurde und lange Zeit im wilden Wald umherirrte. Am dritten Tag, er war schon ganz verweint, erschien wie aus dem Nichts ein schwarzes Männlein vor ihm und sagte: „Ich führe dich aus diesem Wald hinaus, wenn du mir das schenkst, was dir zuhause als erstes entgegenläuft.“
Das „Wenn“ in des Männleins Worten war noch nicht verklungen, da rief der König schon: „Einverstanden!“, denn das „Wenn“ wollte er in diesem Moment einfach nicht hören. Zumal er ja auch von klein auf gewöhnt war, etwas zu bekommen, ohne dafür zahlen zu müssen.
Sie gingen los, das Männlein voraus und der König hinterher.
Unterwegs tauchte das „Wenn“ aus den Tiefen seiner Erinnerung jedoch wieder auf. Er hielt inne und sprach vor sich hin: „Ich hoffe wohl, dass mir, wenn ich nach Hause zurückkehre, mein Jagdhund entgegenläuft und mich als erstes erreicht. Ihn will ich, wenn es sein muss, für meine Rettung opfern.“
„Ich aber hoffe“, schmunzelte das Männlein, „dass dir deine jüngste und liebste Tochter entgegenläuft.“ Dann gingen die beiden weiter. Sie erreichten den Waldrand und traten hinaus in die Weite. Der König sah augenblicklich das heimatliche Schloss vor sich.
Dort ertönte ein Jubelruf aus der obersten Kammer des höchsten Turmes. Von hier aus hatte des Königs jüngste Tochter die ganze Zeit hindurch voll Sehnsucht und Sorge Ausschau gehalten. Kaum war er aus dem Wald ins Freie getreten, hatte sie ihren Vater schon entdeckt. Sie rannte mit fliegenden Röcken die Turmtreppe hinunter, ihm entgegen und fiel ihm um den Hals. Der lang Vermisste brach daraufhin in Tränen aus.
„Vater, wie gut, dass du gerettet und wohlbehalten wieder bei uns bist!“, rief die Prinzessin. „Aber was ist los? Freust du dich nicht?“
Schweren Herzens erzählte der Vater, er habe sie dem schwarzen Männlein zum Lohn für seine Rettung versprochen.
„Beim nächsten Vollmond sei bereit. Ich lasse dich abholen“, bestimmte das Männlein zufrieden und ging seiner Wege.
Nach einigen Tagen des Abschiednehmens stand der kugelrunde Mond am Himmel. Da kam ein riesengroßer, zottiger, weißer Wolf aus dem Wald, auf dessen Rücken die Prinzessin stieg.
Ein wilder Ritt begann. Der Wolf trug sie über Stock und Stein, abseits der gebahnten Wege. Sie hatte alle Hände voll zu tun, sich am dichten Fell festzuhalten, um nicht hinunterzufallen. Nach einer Weile fragte sie: „Bitte, wie lange muss ich noch so reiten?“

„Sei still!“ fauchte der Wolf und rannte weiter.
Die Prinzessin klammerte sich mit aller Kraft fest. Immer holpriger und heftiger wurde der Ritt. Zweige peitschten ihr Gesicht und Dornen zerrissen ihr Gewand.
„Bitte, wie weit ist es denn noch zum schwarzen Männlein?“, rief sie nach einer Weile abermals.
„Sei still und halt dich fest! Bis zum Glasberg ist’s noch weit!“, knurrte der weiße Wolf, warf ihr aus feurigen Augen einen flüchtigen Blick zu und rannte dann noch schneller.
So gut sie konnte, klammerte sich die Prinzessin fest und schwieg, bis sie fürchtete, sich nicht mehr halten zu können, denn der Wald wurde immer unwegsamer.
„Bitte“, stieß sie hervor, „wann sind wir denn endlich da?“
Da heulte der Wolf einmal kurz und laut, bäumte sich auf, warf sie ab und war gleich darauf im Unterholz verschwunden.
Die Prinzessin kam auf die Füße, schaute sich um und ging los, ohne auf die Dornen zu achten, die an ihrem Gewand zerrten. Als es finster wurde, sah sie zwischen den Bäumen ein Licht funkeln, ging darauf zu, fand eine Hütte und klopfte an. Eine alte Frau öffnete ihr und ließ sie ein. Über dem Feuer brodelte ein Topf mit Hühnersuppe. Die Prinzessin bekam eine Schüssel voll davon, aß mit der Alten und erzählte ihr, was ihr geschehen sei.
„Weißt du“, fragte sie zum Schluss, „wo ich den weißen Wolf finden kann?“
Die alte Frau schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid. Ich weiß nicht, wo er wohnt. Aber geh zum Wind. Der bläst überall hinein und kann ihn dabei leicht getroffen haben. Bleibe über Nacht bei mir. Ich will dir ein Lager richten. Und morgen früh zeige ich dir den Weg zu seiner Hütte. Nimm dir die Hühnerknochen aus der Suppe mit. Die können dir noch nützlich sein.“
Und so geschah es.
Am Abend sah die Prinzessin ein flackerndes Licht zwischen den Bäumen, ging hin, fand eine Hütte und klopfte an. Der Wind war zuhause. Er kochte Hühnersuppe und lud sie zum Essen ein. Sie erzählte von ihren Abenteuern und endete mit der Frage: „Weißt du, wo der weiße Wolf wohnt?“
„Nein“, brauste der Wind, „vom weißen Wolf weiß ich nichts. Aber ich rate dir, frag die Sonne. Die ist den ganzen Tag unterwegs und schaut überall hinein. Übernachte bei mir und morgen will ich dir den Weg zu ihrer Hütte weisen. Und nimm dir die Hühnerknochen aus der Suppe mit. Du wirst sie alle brauchen.“
So geschah es.
Nach langer Wanderung sah die Prinzessin ein Licht durch den dämmrigen Wald funkeln und gelangte zur Hütte der Sonne. Sie klopfte an. Die Sonne war zu Hause, kochte eine Hühnersuppe und hieß sie willkommen. Sie aßen und die Prinzessin erzählte von ihrem Weg. „Weißt du, wo der weiße Wolf zu finden ist?“, fragte sie schließlich.
„Vom weißen Wolf weiß ich leider nichts“, bedauerte die Sonne. „Aber übernachte bei mir und geh morgen zum Mond. Den Weg zu seiner Hütte zeige ich dir und der Mond ist unterwegs, wenn sonst keiner unterwegs ist, und schaut, wenn sonst keiner schaut. Vielleicht weiß er etwas und kann dir helfen. Nimm dir diese guten Hühnerknochen mit.“
Am nächsten Tag ging sie lange in die angegebene Richtung, wurde sehr müde und auch mutlos, gelangte aber endlich zur Hütte des Mondes. Der Mond war zu Hause. Und was kochte er? Hühnersuppe natürlich. Nach dem Essen lehnte die Prinzessin sich zurück, wagte kaum zu fragen, konnte doch nicht anders. Sie erzählte ihre Geschichte, wie wir sie nun auch gehört haben, stellte ihre Frage und wartete zitternd auf die Antwort.
„Leider“, antwortete der Mond, „habe ich keine Ahnung, wo der weiße Wolf wohnt. Aber gib nicht auf. Lass uns über die Sache schlafen. Morgen kann die Welt ganz anders aussehen.“
Und wirklich begrüßte er sie am nächsten Morgen mit einer Idee: „Ich weiß, wo du fragen kannst. Im Glasberg feiert der Prinz des Waldes Hochzeit. Da ist allerlei Volk geladen, und dort kannst du fragen. Irgendwer von ihnen wird es schon wissen.“
„Der Glasberg! Das ist es!“, rief die Prinzessin und sprang auf. „Davon hat der weiße Wolf gesprochen!“ Schon wollte sie davonrennen, da rief der Mond ihr nach: „Nimm die Hühnerknochen aus der Suppe mit. Du wirst sie brauchen.“ In aller Eile griff sie nach den Knochen, dankte hastig und lief in die Richtung, die der Mond gezeigt hatte, davon.
Sie gelangte zum Glasberg. Aber der war steil und glatt wie Eis. Das Glas hatte scharfe Kanten und Spitzen. Beim Versuch hinaufzuklettern rutschte sie aus, fiel hin, glitt wieder hinab und blutete aus vielen Schnitten.
Da fielen ihr die Hühnerknochen ein. Sie legte sie auf das Glas und sie rutschten nicht. Nun konnte sie über die Knochen Schritt für Schritt aufwärts gehen. Beschwerlich war es, aber sie erreichte beinah den Gipfel des Glasbergs und hörte bereits Musik aus dem Berg hervordringen. Doch da waren die Hühnerknochen aufgebraucht.
„Hätte ich nur beim Mond alle Knochen mitgenommen“, dachte sie nun. Aber wie es oft ist, nachher weiß man es besser als zuvor und es hat keinen Sinn, über vergossene Milch zu weinen. Und weil die Prinzessin nichts dringender wollte, als in den Glasberg hineinzukommen, schnitt sie sich einen kleinen Finger ab, legte diesen auf den Berg und gelangte glücklich auf den Gipfel. Von dort führt eine Treppe in den Berg hinein, wo in einem großen kristallenen Saal ein herrliches Fest im Gange war.
Die Prinzessin erkannte auf den ersten Blick das schwarze Männlein, wenngleich es seine Erscheinung sehr verändert hatte. Vornehm stand es in Gestalt eines strahlenden Prinzen an der Seite einer anderen Prinzessin. Als Braut und Bräutigam begrüßten sie die Gäste.
In ihrem zerrissenen und verschmutzten Kleid, verschwitzt und nach wildem Wolf riechend, fiel die Prinzessin in der festlich gekleideten Menge sofort auf. Die Feiernden rückten von ihr ab und rümpften die Nasen. Sie aber nützte den so entstehenden Raum, trat in die Mitte des Saales und erzählte, wie sie es auf ihrem Weg schon so oft getan hatte, ihre Geschichte.
Ihre Stimme klang voll und schön. Sie füllte den Raum und umspielte die Zuhörenden.
So wurde auch der Prinz auf sie aufmerksam. Zuerst dachte er, da habe sich eine Bettlerin oder Gauklerin bei seinem Fest eingeschlichen. Aber dann hörte er, woher die Prinzessin kam, was sie alles hinter sich hatte, wie sie dem schwarzen Männlein versprochen worden und auf dem weißen Wolf geritten war, wie sie Wind, Sonne und Mond befragt hatte, wie sie eine Treppe aus Hühnerknochen bestiegen und ihren kleinen Finger hergegeben hatte, nur um zu ihm zu kommen. Und nachdem er all das vernommen hatte, da trat er auf sie zu und schaute sie staunend an. Im Glasberg, inmitten der festlichen Gesellschaft, tanzten die beiden miteinander.
Die andere Prinzessin fand ihr Glück in ihrer eigenen Geschichte. Aber der Prinz, der ein schwarzes Männlein gewesen war, und die Prinzessin, die auf dem wilden, weißen Wolf geritten war, diese zwei feierten Hochzeit und leben froh bis auf den heutigen Tag.
Mushkil Gusha
aus Persien
Es war einmal ein armer Brennholzsammler, der seine Familie recht und schlecht unter großen Mühen ernähren konnte. Eines Tages war er unterwegs, fand aber an allen seinen Klaubholzplätzen nur leergefegte Flächen. Er streifte immer weiter umher, betrat Gebiete, die er sonst als zu weit entfernt gemieden hatte, und gelangte schließlich auf eine weite, karge Ebene, auf der es dürre Dornensträucher gab.
„Das ist immerhin ein brauchbares Unterzündholz. Es ist wenigstens etwas und das Einzige, was ich derzeit finde“, dachte er sich und machte sich, ohne auf die Schrammen und Kratzer zu achten, ans Abbrechen und Sammeln der dünnen Zweige.
Als es dämmerte, packte er das Reisig auf seinen Rücken und wanderte nach Hause, wo er lange nach Einbruch der Dunkelheit müde ankam. Seine Frau hatte den Riegel schon vorgelegt und in der Hütte rührte sich nichts. Erschöpft sank der Brennholzsammler vor der Tür nieder und fiel in einen unruhigen Schlaf, aus dem er, von seinen Sorgen unsanft geweckt, vor Sonnenaufgang wieder auffuhr. Er rappelte sich auf, erblickte das dornige Holz, das er am Vortag gesammelt hatte, und beschloss: „Am besten gehe ich gleich wieder dorthin und besorge mehr.“
Bis zum Abend raffte er drei Bündel dornige Zweige zusammen und schleppte sie nach Hause. Aber weil der Weg so weit war, war es spät und die Tür verschlossen. Wieder schlief der Erschöpfte vor der Tür seiner Hütte, eilte frühmorgens los, kehrte spät zurück, saß da wie ein Häuflein Elend.
Da hörte er Pferdegetrappel näher kommen und hoffte auf einen Brennholzkäufer. Ein vornehm wirkender Mann kam daher geritten. Sie grüßten einander.
„Warum siehst du so bekümmert aus?“, fragte der Fremde freundlich. Da erzählte der Brennholzsammler eben das, was wir schon geschehen sahen.
„Mein Freund, ich will dir helfen“, sprach der Reiter. „Steig hinter mir aufs Pferd, sprich sieben Gebete und schließe deine Augen.“ Das tat der Brennholzsammler.
Zuerst waren ihm die Geräusche und Gerüche der Gegenden, durch die sie ritten, noch vertraut, aber dann erreichten neue, ihm unbekannte Reize Nase und Ohr. Der Fremde ließ das Pferd anhalten und sagte: „Jetzt sprich abermals sieben Gebete, öffne deine Augen und steig vom Pferd.“
Da stand der arme Mann auf dürrem Boden mit nichts als Steinen um ihn her. Der Reiter jedoch blickte aufmunternd auf ihn hinunter.
„Nimm!“, nickte er ihm zu und zeigte eine Geste, als höbe er Steine auf und steckte sie ein.
Der Brennholzsammler spürte die freundliche Absicht und wollte den wohlwollenden Mann nicht enttäuschen. Also füllte er seine Taschen mit Steinen. Von dem Fremden ermuntert nahm er mehr und mehr, bis die Taschen prall voll waren.
„Und jetzt steig hinter mir aufs Pferd, sprich sieben Gebete und schließe deine Augen.“
Sie ritten zurück. Der müde Mann erkannte heimatliche Geräusche und Gerüche. Sie hielten an.
„Öffne die Augen, sprich sieben Gebete und steig vom Pferd“, hörte er den anderen sagen.
Da stand er nun, die Taschen schwer, rundum die hageren Dornenholzbündel, die Hütte nächtlich versperrt.
„Von heute an“, sprach der Reiter, „wendet sich dein Schicksal. Erzähle jeden Donnerstag von dem, was dir heute widerfahren ist. Rufe Freunde und Verwandte zusammen, bewirte sie mit Datteln und Rosinen und erzähle ihnen von mir, von Mushkil Gusha und erzähle von dem Guten, das ich dir heute getan habe.“
Der Brennholzsammler nickte und winkte zum Abschied, während der freundliche Fremde seiner Wege ritt. „Ach Freund, was weißt du denn vom Leben der Armen. Wie sollte ich Datteln und Rosinen haben, geschweige denn verschenken können?“, dachte er.
Irgendetwas schien jedoch anders zu sein als zuvor. Der Brennholzsammler klopfte an die Tür seiner Hütte und rief nach seiner Frau. Sogleich wurde geöffnet. Sie umarmte, küsste und begrüßte ihn und fragte, wo er die ganze Zeit geblieben sei.
Sie stellte eine dampfende Schüssel mit magerer Suppe, die noch im Hause war, für ihn auf den Tisch und bat ihn, alles Geschehene zu erzählen. Als er sich setzen wollte, drückten die Steine in seinen Taschen. Er leerte sie unter den Tisch, zu müde, um den Riegel nochmals zu öffnen und sie nach draußen zu bringen. Sie gingen zu Bett und begrüßten einander wie Frau und Mann, die einander viel länger als drei Nächte vermisst haben. Dann schliefen sie zufrieden ein.

In der Nacht träumte der Brennholzsammler, er erwache und sehe die Hütte von einem seltsamen Licht erfüllt, mit allen Farben und geheimnisvollem Leuchten übergossen. Ihm war, als stehe er auf, suche die Ursache der Helligkeit und sehe, dass die Steine unter dem Tisch strahlten. Er träumte, auch seine Frau stehe auf und staunte mit ihm.
Als er am Morgen auf seinem vertrauten Lager erwachte, ließ er die Augen noch geschlossen, tastete nach seiner Frau.
„Guten Morgen, mein Lieber“, flüsterte sie. „Wie schön, dass du wieder da bist.“
„Ja“, seine Stimme war rau. „Du, ich hatte einen schönen Traum, seltsam aber schön: Ich stand in der Nacht auf und die Steine, die ich gestern unter den Tisch warf, um mich zu erleichtern, leuchteten wie Kostbarkeiten.“
„Wirklich?“, fragte seine Frau. „Ich habe das Gleiche geträumt.“
Da sprangen sie beide auf, gingen zum Tisch und fanden die Steine, leuchtend in allen Farben.
Die Tochter erwachte und freute sich mit ihnen über den schönen Anblick, noch mehr aber über die gesunde Rückkehr ihres Vaters.
„Vielleicht sind diese Steine nicht nur schön, sondern wirklich wertvoll. Vielleicht gefallen sie jemandem. Ich gehe in die Stadt und versuche, sie zu verkaufen“, meinte die Mutter.
So schlenderte sie durch die Straßen, schaute, in welchen Läden kostbare Steine lagen, wählte endlich einen Händler aus und hielt ihm einen mittelgroßen, grünen Stein entgegen. Dieser begutachtete ihn.
„Was gibst du dafür?“, fragte die Frau des Brennholzsammlers.
„Ein Goldstück“, bot dieser an.
Die Frau, die in ihrem Leben noch nicht mehr Bares als drei Kupferstücke zusammen gesehen hatte, sah ihn prüfend und tadelnd an. „Glaubst du, du kannst mich verspotten, nur weil ich in einfachen Kleidern vor dir stehe? Sag mir ehrlich, was der Stein wert ist“, forderte sie.
Da begutachtete er den Stein genauer, drehte und wendete ihn, hielt ihn gegen das Licht. „Also gut“, sagte er mit schiefem Lächeln, „zehn Goldstücke.“
„Du hast mich nicht verstanden“, sprach die Frau mit strengem Blick. „Verspotte mich nicht. Gib mir augenblicklich das, was dieser Stein wirklich wert ist, oder ich verkaufe ihn anderswo.“
Der Händler nahm den Stein unter Seufzen ein drittes Mal unter die Lupe und zählte hundert Goldstücke auf den Tisch.
Die Frau atmete tief durch. Dann nahm sie das Geld, nickte dem Händler zu und ging ihrer Wege. Sie kaufte Speisen für ein Mahl, wie es die Brennholzsammlerfamilie noch nie zuvor genossen hatte, ein neues Tuch für ihre Tochter, den besten Tee, Tabak für ihren Mann und etwas Baklava, das sie besonders liebte.
In der ärmlichen Hütte begann Schritt für Schritt ein anderes Leben. Jeden Tag verbesserten sie hier eine Kleinigkeit, kauften dort etwas Neues, beauftragten Handwerker mit Reparaturen, ließen einen Keller und einen Schuppen errichten und fügten Annehmlichkeit zu Annehmlichkeit.
Eines Tages sprach die Tochter: „Ich mag unsere Hütte und sie ist in der letzten Zeit wirklich schön geworden, aber wie wäre es, wenn wir in einem Palast wohnten? Ich habe beim Spazierengehen den Palast des Sultans gesehen. In so etwas lässt es sich sicher schön wohnen.“
Da nahm die Frau des ehemaligen Brennholzsammlers einige Steine und kaufte den Palast gegenüber dem des Sultans, der ebenfalls sehr prächtig war. Da lebte die Familie nun glücklich und in Freuden.
Zufällig ergab es sich, dass die Tochter des ehemaligen Brennholzsammlers der Prinzessin begegnete. Die beiden freundeten sich an, spielten im Schlosspark und im Palast und gingen im nahen Fluss an einer heimlichen Stelle baden.
So vergingen die Tage. Doch eines Morgens, weit vor der Zeit, zu der reiche Leute aufzustehen pflegen, polterte jemand grob an des ehemaligen Brennholzsammlers Tür. Er ging hin, öffnete und wusste nicht, wie ihm geschah. Denn er wurde ohne Erklärung von den Wachen des Sultans gepackt und auf dem Hauptplatz in den Pranger gesperrt.
Da stand er nun und verstand nicht, wie ihm geschehen war. Die Vorübergehenden würdigten ihn keines Blickes. Die Sonne stieg höher. Der arme Mann grübelte, denn sonst blieb ihm nichts zu tun: „In all den Jahren, in denen ich ein armer Brennholzsammler war, lebte ich ungestört und nie haben die Wachen des Sultans mich behelligt. Was mag bloß dahinter stecken? Nun, da ich ein reicher Mann bin, geschieht mir dies!“
Und er dachte daran zurück, wie er reich geworden war. Er erinnerte sich an die Dornensträucher, die seinen Rücken beim Tragen zerrissen hatten, an die Trübsal und die Sorge, dass er und seine Familie verhungern müssten. Dann fielen ihm der Reiter, die Gebete, der fremde Ort und die Steine ein. Er staunte über ihre Verwandlung und den Traum, der keiner gewesen war. „Wenn mein Wohltäter wüsste, wohin mich das alles geführt hat …“, dachte er, „ob er käme, um mich zu retten?“
Der Mann am Pranger seufzte. „Wie hieß er nur? Er hat es damals gesagt …“ Er murmelte vor sich hin: „Muki … shika … Shiku … Muka … Kasha … Mushki … Gusho … Gusha? Ja: Mushkil Gusha, das war es!“
Er war erleichtert, dass ihm der Name eingefallen war. In diesem Moment tauchte noch eine Erinnerung auf. „Datteln und Rosinen!“, rief er. „Als Brennholzsammler hätte ich sie mir nicht leisten können, aber dann ... Ach je! Ich sollte sie verschenken und seine Geschichte erzählen!“
In diesem Moment sah er zu seinen Füßen im Staub etwas funkeln. Es war ein Kupferstück. Er reckte und streckte sich und schaffte es mit großer Mühe, trotz des Balkens, der Hals und Hände hielt, sich hinunterzubeugen und das Geldstück in die Finger zu bekommen.
„Hallo“, rief er über den Platz, so laut er konnte und richtete sich auf, so gut es ging. „Ihr Leute, kommt und hört die Geschichte von Mushkil Gusha! Esst Datteln und Rosinen und lasst euch etwas Gutes erzählen!“
Aber keiner beachtete ihn, bis endlich ein Mann den Hauptplatz betrat, der unterwegs war, um ein Leichentuch für seinen Sohn zu kaufen, der im Sterben lag. Er dachte sich: „Der arme Kerl. Er scheint recht verzweifelt zu sein. Ich will ihm den Gefallen tun. Vielleicht ist das Allah wohlgefällig und er gewährt meinem Sohn einen guten Weg in der anderen Welt.“
Er ging hin, nahm das Geldstück entgegen, kaufte Datteln und Rosinen und lauschte der Erzählung des ehemaligen Brennholzsammlers. Nach und nach kamen weitere Zuhörende dazu, aßen die süßen Früchte und hörten, was dem Mann im Pranger widerfahren war, lange bevor er in diese Notlage geraten war. Sie fragten nach und jenen, die zuletzt gekommen waren, erzählten sie die Geschichte in ihren Worten, wunderten sich und fragten dies und das.
Auf einmal horchte der Mann, der das Leichentuch für seinen Sohn hatte kaufen wollen, auf. Die Stimme seiner Frau rief seinen Namen über den Platz. Er lief hin und erfuhr, dass sein Sohn wie durch ein Wunder auf dem Wege der Besserung sei und wohl bald wieder ganz gesund sein werde. Er eilte zu ihm.
Da begann der Brennholzsammler seine Geschichte noch einmal von vorn. Aber er kam nicht weit damit, denn die Palastwachen marschierten auf den Platz, sperrten die Schlösser des Prangers auf, verneigten sich vor dem Befreiten und teilten ihm mit, der Sultan werde ihm persönlich erklären, was geschehen sei. Er sei mit seiner Familie in den Palast eingeladen, solle sich aber erst nach Belieben zuhause erfrischen.
Der Sultan begrüßte die Nachbarsfamilie in aller Freundlichkeit und erklärte, was geschehen war: Der Erbschmuck der Tochter, eine kostbare Halskette, war auf unerklärliche Weise verschwunden. Der Verdacht war auf die Freundin der Prinzessin gefallen, da nur sie sich unbeobachtet in den Gemächern der Prinzessin aufhalten konnte. Man hatte sofort angenommen, ihr Vater, ein Mann von zweifelhafter Herkunft, habe sie zum Diebstahl angestiftet. Dann war der Wesir ein wenig voreilig gewesen. Kurz nachdem der Verdächtige an den Pranger gestellt worden war, hatte die Zofe der Prinzessin den Schmuck an einem Zweig beim Fluss gefunden. Dort hatte die Prinzessin ihn beim Baden hingehängt, damit ihm nichts geschähe, und hatte ihn dann vergessen.
Der Sultan entschuldigte sich in aller Form für die zugefügten Unannehmlichkeiten. Die Familien tranken auf gute Nachbarschaft und auf die Freundschaft der Töchter und dann verabschiedete man sich in aller Freundlichkeit.
Der Mann, der kein Brennholzsammler mehr war, lebte noch lange in Glück und Wohlbefinden, erzählte jeden Donnerstag die Geschichte von Mushkil Gusha und verschenkte dabei Datteln und Rosinen.
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