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TAUBENBLUT
Kriminalroman
von
Lutz Kreutzer
Sechskommafünf
Sommer 1987
Es klang wie Donner. Sperbers Beine zitterten. Die Stollenwände bewegten sich hin und her, und der Boden rollte auf ihn zu. Sperber drückte seinen Hut tiefer in die Stirn, schlug McMullen von hinten auf die Schulter und schrie: »Raus hier!«
Ein Felsbrocken brach aus der Decke. McMullen strauchelte und stürzte in den Staub. Das Bruchstück krachte auf eine Schiene der Lorenbahn und kippte zur Seite. McMullen schrie auf, seine Wade war eingeklemmt. Sperber riss an McMullens Fuß, so dass dieser stöhnte und für einige Sekunden in Ohnmacht fiel. Endlich bekam er McMullens Bein frei, packte ihn am Kragen, hievte ihn hoch und schleppte ihn auf das helle Loch zu, das sich in der Staubwolke vor ihnen auftat.
Das Poltern herabfallender Steine war ohrenbetäubend. Schreie von Panik und Schmerz hallten hinter ihnen. Deckenbalken barsten, Holzbohlen knarrten. Sperber ächzte unter der Last McMullens, dessen Arm er fest auf seine Schultern presste. Er biss die Zähne zusammen und zog seinen Freund in Richtung Licht, rang nach Luft und schwankte. Seine Atemwege waren so verklebt, so dass er spuckte und röchelte. Der Staub unter seinen Lidern rieb ihm die Augen wund. McMullen kam wieder zu sich, war immer noch benommen und hustete sich die Lunge aus dem Leib. Dann waren sie draußen.
Zwanzig Meter weiter ließ Sperber McMullen auf den Boden gleiten. Schließlich hörte die Erde auf zu beben. Das Grollen verhallte, und einige Sekunden war Totenstille. Danach begannen die Vögel wieder zu zwitschern.
»Nur ’ne Fleischwunde«, sagte McMullen beiläufig, obwohl die Wade stark blutete. Als er sie vorsichtig inspizierte, verzog er das Gesicht und sog die Luft ein.
Sperbers Kraft war gewichen. Seine Arme zitterten, die Beine wollten ihn nicht mehr tragen. Sein Verstand verschwamm hinter einem Dunst aus Gedankenfetzen. Angst bahnte sich ihren Weg und ließ ihn schwitzten wie ein Pferd. Seine dunklen Haare waren tropfnass und klebten vor Dreck. Sein schwarzer Fedora hatte eine weiße Kruste angesetzt. Als er den Hut abnahm, liefen ihm Schweißtropfen in die brennenden Augen. In dem Gesteinsmehl, das in seinem Gesicht klebte, hatten sich Rinnsale gebildet. Er nahm einen Flachmann aus der Hosentasche und reichte ihn McMullen. »Glück gehabt. Die Ärzte hier in Birma sollen ja nicht die besten sein«, keuchte er.
McMullen schraubte den Flachmann auf, goss den Inhalt über die Wunde und stöhnte.
Ein Soldat winkte zwei Sanitäter herbei, die McMullen das Bein verbanden. Er trank einen Schluck und blinzelte Sperber an. »Du verdammter Irrer«, stammelte er mit einem gehetzten Lachen.
Sperber stand langsam auf, klopfte sich den Staub von den Ärmeln und taumelte zum Stolleneingang zurück. Er schrie hinein und bekam Antwort. Nachdem sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah er die vier Arbeiter auf sich zuwanken. Sie stützten sich gegenseitig und sahen aus, als hätte man sie in Puderzucker gewälzt.
Gott sei Dank, raste es durch seinen Kopf. Sie hatten es alle geschafft. Verletzt, aber lebendig. Die Arbeiter taumelten aus dem Stollentor, husteten heftig, schlurften an Sperber vorbei und legten sich zu McMullen auf den Boden. Auch ihre Wunden wurden von den Sanitätern versorgt. Begierig tranken sie aus den Wasserflaschen, die ein weiterer Soldat herbeigebracht hatte.
Sperber ging zurück zu den anderen. Dann sah er noch einmal zum Schlund des Stollens hinüber, aus dem immer noch der Marmorstaub quoll. »Mindestens Sechskommafünf«, murmelte er fast ungläubig.
»Sechskommafünf was?«, fragte der birmanische Militär-Dolmetscher.
»Richterskala«, ergänzte McMullen und spuckte.
»Bei einem solchen Beben ist vor mehr als hundert Jahren eure alte Hauptstadt ›Ava‹ dem Erdboden gleich gemacht worden«, brummte Sperber. »Zweihundert Kilometer von hier entfernt.« Er winkte einen der Arbeiter heran und erklärte ihm kurz etwas. Der Mann nickte und entfernte sich. Nach ein paar Minuten kam er mit zwei Flaschen zurück. Alle tranken jetzt von Sperbers bestem Scotch, einer nach dem anderen. Sie lehnten sich zurück und ruhten sich aus. In Kürze waren sie alle von der Unbarmherzigkeit ihrer Gedanken und der Gnade des Whiskys besoffen.
»Wir haben’s überlebt!«, sagte McMullen und lachte. Danach ging alles leichter. Sie würden den Tag durchhalten, dachte Sperber. Dann hörten sie ein Krachen. Der Stollen brach zusammen, so dass der Wind ihm den Hut vom Kopf blies.
Ehre
Herbst 2010
Der Morgentau lag noch auf den Wiesen, durch die rauschenden Bäume blitzte hier und da die Sonne. In den Senken hing der Nebel wie Schaum. Bunte Blätter segelten durch die würzige Luft des Hochgebirges. An diesem sonnigen Tag kehrte Adnan Curri reumütig zu seiner Mutter zurück. Ihr Bauernhaus klebte an einem Hang in einem kleinen Dorf im Prokletije, den ›Verwunschenen Bergen‹ Albaniens.
Adnans Herz bebte. Würde seine Mutter ihn freundlich aufnehmen? Nachdem er ein Jahr zuvor verzweifelt aus seinem Dorf davongelaufen war, war er in Tirana schnell auf die schiefe Bahn geraten. Allein auf den Straßen der Hauptstadt wurde er von einem Mann mit einer sanften Stimme angesprochen. Er brachte ihn in sein Haus, gab ihm gutes Essen und bot ihm ein Bett an. Nach drei Tagen hatte er ihm eine Ausbildung eingeredet. Naiv und dankbar, wie Adnan war, nahm er an. Fast ein Jahr lang schulte man ihn im Einbruch, im Raub, im Umgang mit Messern und im Nahkampf. Er war an die Mafia geraten. Als ihm das klar wurde, konnte er nicht mehr zurück.
Adnan war begabt, wie sein Ausbilder es nannte. Sein Kryetar wollte ihn nach Berlin schicken. Bei dem Gedanken daran hatte Adnan Heimweh bekommen, so großes Heimweh, dass ihm selbst die Schmach egal war, die ihn zuhause erwarten würde.
Er wirkte gestählt, als er nun in der verrauchten Küche vor seiner Mutter stand. In ihren Augen sah er eine Träne.
Als er sie umarmen wollte, betrat Adnans Bruder Qamil die Küche. »Was willst du hier?«, ging Qamil ihn hart an. Qamil wandte sich der Mutter zu. »Geh weg von ihm!«, befahl er ihr. »Willst du jetzt auf einmal weich werden? Du? Geh weg von ihm!«, schrie er erneut, bis die Mutter Abstand von Adnan nahm.
Pausenlos beschwor Qamil die Schande, die Adnan über sie gebracht habe. Er war nicht mehr zu stoppen. Er hetzte die Mutter so sehr gegen Adnan auf, bis aller Rest an Liebe, auf die Adnan gehofft hatte, aus ihr gewichen schien.
»Du hast dich mit Verbrechern eingelassen«, warf Qamil ihm vor. »Du weißt, dass das nach unserem Glauben hier oben eine Todsünde ist!«, schrie Qamil. »Und du hast uns alle im Stich gelassen!«, fauchte er. Die Mutter nickte.
Adnan geriet in Wut. »Ihr beide seid selbst schuld daran«, brüllte er verzweifelt, während sich seine Stimme überschlug, »dass ich euch verlassen hab!«
Qamil lachte nur hämisch.
»Weißt du eigentlich, wie du aussiehst? Hässlich und vertrocknet. Grausam bist du geworden«, hieß er Qamil. »Und du, Mutter, du bist schwach und herzlos. Eine Schande seid ihr für mich!«
Der Streit wurde heftiger. Schließlich packte die Mutter im Zorn einen Besen und prügelte mit dem Stil auf Adnan ein. Qamil ergriff eine Mistgabel und drängte ihn vom Hof.
Als er mehr fliehend als gehend sein Dorf ein zweites Mal verließ, während seine Mutter und Qamil zeternd hinter ihm herliefen, wurde er von denselben Dorffrauen bespuckt, die ihm als kleinem Jungen einst den Kopf gestreichelt hatten.
Qamil aber schwenkte seine Zigarette hin und her und schrie ihm nach: »Wenn du dich noch einmal hier sehen lässt, werde ich dich erschießen!«
Adnan wusste, dass er mit dieser Drohung vor allen Dorfbewohnern entehrt worden war. Tief verletzt und gedemütigt fühlte er sich als Geächteter. Er wusste, dass er seine Ehre wiederherstellen musste, um weiterleben zu können. Am späten Abend noch schlich er sich zurück zum Hof seiner Mutter und betrat die Küche durch die nicht versperrte Tür. Rauchend und Schnaps trinkend saß Qamil allein am Küchentisch. Als er Adnan sah, stand er auf.
»Was willst du schon wieder hier? Scher dich zum Teufel, wohin du gehörst!«, schimpfte Qamil mit tiefer Stimme.
»Wo ist Mutter?«, fragte er.
»Sie schläft und will dich nicht sehen, nie wieder, hörst du?«, rief Qamil verächtlich.
»Qamil, hör zu, so kannst du mich nicht behandeln. Niemals hab ich dir etwas getan. Ich hab immer mit dir Frieden haben wollen. Aber du …«
»Aber was, häh? Ein Muttersöhnchen bist du!«, brüllte er. »Verkriechen willst du dich in Mutters Schoß, häh? Mach, dass du das Dorf verlässt. Hau ab, für immer. Hau endlich ab!« Mit wedelnden Händen, die seine Abscheu noch unterstrichen, stand Qamil vor ihm und hörte nicht auf, ihn zu beschimpfen.
Adnan antwortete nicht. Mit kaltem Blick verharrte er vor Qamil und starrte ihm in die Augen. Wie erbärmlich Qamil sich aufspielte, als wäre er das natürliche Oberhaupt der Familie. Nein, der Hausherr, das war er, Adnan, der Gedemütigte.
Das Messer hatte er bereits geöffnet in der Hosentasche getragen. Nur ein Zucken in Adnans Blick, dann streckte er Qamil kurzerhand mit einem einzigen Stich nieder.
Qamil sank zusammen, doch Adnan fing ihn auf. Qamil blutete heftig, er legte den Kopf in Adnans Armbeuge. Die Zigarette fiel von seinen Lippen auf den steinernen Boden. Seine Augen stellten Fragen, aber er gab keinen Laut von sich. Je stärker das Leben aus Qamil floss, desto zarter wurde sein Gesicht, das über die Jahre hinweg verhärtet war und hinter dem er sich ein halbes Leben lang versteckt hatte. In dem Moment, als Qamil in Adnans Armen starb, kehrten für einen Augenblick die sanften Züge seiner Jugend zurück, und Adnan weinte bittere Tränen.
Taubenblut
Frühjahr 2015
Es war kalt an diesem Apriltag. Sperber fühlte sich, als wäre er unter eine Dampfwalze gekommen. Er saß im Johanniscafé in München-Haidhausen und starrte auf die Fototapete an der Stirnwand mit dem großen Bild vom Watzmann.
Der Wirt jonglierte ein Glas Whisky zu seinem Tisch. »Mal wieder auf der Straße geschlafen, Fritz?«, fragte er bräsig und grinste.
Die Schmerzen quälten Sperber wie der Teufel. Vor Jahren im Kongo hatte ihm ein deutscher Arzt in einem Feldlazarett zwei Halswirbel zusammengeschraubt, nachdem ein paar Kindersoldaten ihn mit einer Machete fast umgebracht hatten. Der Arzt hatte ihm damals prophezeit, dass er von dieser Attacke noch lange etwas haben würde. Sperber fasste sich an den Hals, legte den Kopf kurz nach hinten und grinste schief, als ihm die Notoperation von damals durch den Kopf ging. Der Watzmann vor ihm wurde vor seinen Augen größer und kleiner. In seinem Kopf hörte er das Echo eines Jodlers.
Mist, diese Scheißopiate. Schmerzmittel bis zum Abwinken. Dazu der Whisky. Noch ein VAT 69, und sein Hirn finge zu kochen an. Aber was soll’s, dachte er, besser als diese verfluchten Schmerzen. An den anderen Tischen unterhielten sich fremde Leute und tranken Bier. Er saß allein in seiner Ecke und winkte dem Wirt zu.
Der Wirt brachte ihm einen Doppelten und legte ihm die Hand auf den Oberarm. »Hey Fritz, du kippst mir doch nicht um? Siehst nicht gut aus, Junge.«
»Hier kann ich nicht weit kippen, und die Bänke bei dir sind weich«, sagte Sperber, lächelte dünn und starrte sein Glas an. »Die beste Medizin seit Ernest Shackleton.« Er trank und atmete tief durch. Mist, wann hörten diese Scheißschmerzen endlich auf, dachte er flehend, legte den Kopf nach vorn und griff sich erneut an den Nacken. »Noch einen!«, rief er dem Wirt hinterher.
Er brauchte dringend Geld. Ich sollte Martha anrufen, überlegte er. Sie muss mir wieder einen Job geben. Sperbers ersten Fall, den mit dem kongolesischen Prinzen, hatten sie gemeinsam gelöst, er, Kriminaloberkommissarin Martha Kieninger und ihr Team vom bayerischen Landeskriminalamt. Sperber war damals als externer Berater engagiert worden. Doch danach war Ebbe gewesen. Kein neuer Fall. Keine Kohle. Schon seit Monaten nichts mehr. Sie ließ einfach nichts von sich hören. Seitdem lungerte Sperber umher wie ein Zombie. Er brauchte neuen Elan. Einen neuen Fall. Doch Martha meldete sich nicht. Und er hatte gedacht, sie wären Freunde geworden. »Blöde Nuss!«, fluchte er leise. Aber er mochte sie. Er trank den letzten Schluck aus seinem Glas und griff dann zu seinem Handy.
»Martha, ja, hier ist Fritz.«
»Ah, sieh an, der Silikon-Fritz. Na, was gibt’s?«, fragte Martha. Dieser bescheuerte Spitzname! Weil Sperber einen Arzt beim Landeskriminalamt bei einer Computertomographie darauf aufmerksam gemacht hatte, dass die schwarzen Flecken auf dem Bild Silikon in der Brust einer Toten waren, hatte man ihm dort diesen Namen für immer verpasst, nagelfest. Er ärgerte sich, nahm sich jedoch zusammen.
»Martha, ich brauche einen Job!«, stöhnte er.
»Fritz, ich weiß. Und wenn wir hier einen exotischen Toten hätten, dann hätte ich dich längst engagiert. Zurzeit ist München einfach zu friedlich für dich! Ich melde mich, wenn wir dich wieder brauchen. Versprochen«, sagte sie sanft.
»Kein toter Toter, aber eine tote Stadt! Was für ein albernes Leben. Nix los in Bayern«, beschwerte sich Sperber und legte auf.
Wie langweilig war ihm, wie lustlos das Leben hier war. Keine Gefahren, keine Abenteuer, keine Idioten. Nur nette Leute um ihn herum mit ganz viel Verständnis!
Damals, vor dem Anschlag auf seinen Hals, da war er herumgereist in der Welt und hatte an den unmöglichsten Stellen in den hinterwäldlerischsten Ländern nach Bodenschätzen gesucht. Rund um den Planeten. Und zum Mond wäre er auch geflogen, wenn ihn jemand mitgenommen hätte. Mit seinem Kumpel McMullen.
Hach, McMullen, dieser Verrückte. Leise vor sich hin lachend fiel ihm das Husarenstück wieder ein, das McMullen und er im Norden Thailands vollbracht hatten, ein paar Tage, nachdem er McMullen damals in Mogok während des Erdbebens aus dem Stollen gezogen hatte.
Sperber trank erneut einen kleinen Schluck Whisky. Der Schnaps kroch durch seine Adern in den Kopf, und sein pochender Schmerz ging in eine dumpfe Erinnerung über, die ihn fast dreißig Jahre nach Birma zurückversetzte.
Sommer 1987
Es war heiß und feucht, als Sperber und McMullen damals in Mogok angekommen waren. Mogok, hier begann das verbotene Tal. Wohin man auch einen Stein warf, so sagte man, sprangen einem die Rubine entgegen. Der Marmor in dieser Gegend war voll davon.
Sein bester Freund McMullen, der Kanadier, hatte die kuriose Idee gehabt, für dieses Projekt in Birma anzuheuern. Eine kanadische Bergbaugesellschaft hatte von der Militärregierung Birmas den Auftrag erhalten, den Abbau der Rubine umzustrukturieren, den Bergbau wieder zum Laufen zu bringen. »Komm, mach mit!«, hatte McMullen Sperber aufgefordert, kurz nachdem sie beide ihr Studium abgeschlossen hatten. Nach ein paar Bier und einer halben Flasche Scotch hatte Sperber eingewilligt. Die Kanadier hatten den beiden tatsächlich einen vielversprechenden Vertrag gegeben. Ein Glücksfall, der ihnen viel Geld bescheren sollte. Sie waren jung, von Tatendrang beseelt und als Freunde unzertrennlich.
Als sie nach Mogok kamen und die Minen besichtigten, holten die Arbeiter die Edelsteine barfuß und halbnackt aus den engen Gängen, die sie fast ohne Sicherung und Verbauung ins Gestein getrieben hatten. An den engsten Stellen wurden Kinder in die Minen geschickt. Auf Schritt und Tritt wurden die Arbeiter von Soldaten bewacht.
»Was ist denn das für ein widerlicher Scheiß?«, hatte Sperber McMullen angepfiffen, als sie sich der Zustände zum ersten Mal gewahr wurden. »Hast du das gewusst?«
McMullen stand sprachlos vor ihm und schüttelte langsam den Kopf. Ein kleiner Junge kam auf ihn zu und zeigte auf die Flasche in McMullens Hand. Er gab ihm zu trinken. Er sog an der Flasche, spuckte den milchigen Brei aus, der sich aus dem Marmorstaub der Mine und dem Wasser gebildet hatte, und trank die halbe Flasche leer. McMullen streichelte ihm den Kopf. Der Junge lächelte ihn an, drehte sich um und verschwand im Laufschritt.
»Der hat Angst vor den Soldaten«, sagte Sperber.
Hier gab es zwar die edelsten Rubine der Welt. Ihre göttliche Farbe machte sie wertvoller als gleich schwere Diamanten. Aber der Preis dafür war hoch. Die Menschen wurden geschunden und zur Arbeit getrieben. Behalten durften sie kaum etwas davon, obwohl man Säcke damit füllen konnte.
»Was machen die hier bloß mit den Leuten?«, fragte Sperber McMullen fassungslos.
»Die Regierung braucht Geld. Viel Geld. Die wollen sich endgültig von ihren alten Ketten lösen. Es wird darüber geredet, dass das Regime das Land demnächst in ›Republik von Myanmar‹ umbenennen will«, erklärte McMullen.
»Und warum das?«
»Die wollen Selbstbewusstsein demonstrieren. Sich endgültig von der Kolonialherrschaft und ihren Nachwehen befreien.«
»Ist ja verständlich. Aber so? Soldaten, überall Soldaten. Verdammt!«, sagte Sperber bestürzt.
»Die haben sich entschlossen, moderne Bergbautechnik einzusetzen, um die Minen im Marmor besser ausbeuten zu können. Aber hier in diesem verbotenen Tal ist es nicht ganz einfach, eine Mine zu erhalten«, sagte McMullen und sah in die grüne Landschaft ringsum. »Nach wenigen Wochen holt sich der Dschungel alles, was Menschen hier aufbauen, wieder zurück.«
Sperber folgte seinem Blick. »Und deshalb sind wir jetzt gekommen, wir beide.« Er zischte verächtlich.
»Ja, wir sollen einige dieser Minen zusammenlegen, sicherer machen und effizienter ausbauen. Das ist unser Job!«
»Scheiß drauf! Wenn ich sehe, wie die Menschen hier leiden unter dieser Arbeit, würd ich am liebsten alles hinschmeißen.«
»Oder was ändern. Wenn wir jetzt gehen, dann ändert sich nichts!«
Sperber dachte nach. McMullen hatte Recht. Sie mussten etwas tun. »Okay, McMullen, wir schließen einen Pakt. Wir schwören uns hoch und heilig, alles in unserer Macht Stehende zu tun, das hier zu ändern und die Arbeitsbedingungen zu verbessern.«
McMullen nickte. »Abgemacht. Das ist der Deal!« Sie sahen sich in die Augen und schlugen grinsend ein.
Doch dann hatte sie das Erdbeben erwischt. Sie hatten verdammtes Glück gehabt. Drei Tage nach dem Beben hatten die Arbeiter den Eingang zum Stollen wieder frei geschaufelt. Dahinter sah es gut aus. Die Bestandsaufnahme war abgeschlossen. Alles nicht so wild, wie sie gedacht hatten. Einige Ausbesserungen waren nötig, aber die Stützkonstruktionen hatten im Wesentlichen gehalten. Die Arbeit konnte wieder losgehen.
Sperber hatte mehr Pausen und ausreichend Getränke für die Arbeiter ausgehandelt. Fürs Erste war das viel. Mehr ging momentan nicht. Die Mine lief jetzt wieder, die Leute lächelten noch öfter als vorher. McMullen meinte, dass sie jetzt mal ausspannen müssten, nach zehn Wochen ohne Pause. Sie wollten sich für zwei Tage nach Thailand verdrücken. Hinein ins Leben, wie McMullen es formulierte.
Es waren einige hundert Kilometer bis Chiang Rai im thailändischen Norden. Es würde eine Strapaze sein. Aber ihr Toyota Land Cruiser war klimatisiert. Na ja, ein paar schöne Stunden in einer thailändischen Bar, ein gutes Essen und vielleicht ein paar freundliche Damen. Ein Wochenende in Saus und Braus eben. Das würde sie wieder auf andere Gedanken bringen. Und sie wollten weg aus diesem Land, wo die Leute sich jedes Mal in die Hosen machten vor Angst, wenn man ihr Regime auch nur erwähnte.
Die Grenze von Birma nach Thailand zu überqueren würde nicht schwierig sein, hatte McMullen prophezeit. McMullen war nicht zum ersten Mal in der Region, er würde wissen, was er tat. Und tatsächlich: An der Grenze hatten sie keine Probleme.
Nach zehnstündiger Fahrt kamen sie ins Zentrum von Chiang Rai und fanden ein kleines Hotel. Die Zimmer waren nicht die schönsten, aber sie präsentierten sich auch nicht schäbig. Anschließend schlenderten sie über den Nachtmarkt. Sie blieben an einer Bar stehen und bestellten zwei Thai Whiskeys. McMullen reichte Sperber ein paar Pistazien, die auf der Bar standen, und schwärmte: »Mit den Pistazien zusammen schmeckt dieser Schnaps einfach wunderbar.« Bevor sie weiterzogen, stopfte sich Sperber die Taschen damit voll.
Sie kamen auf einen Platz, der zwischen hohen Häuserwänden lag. Es brodelte in kleinen Garküchen unter zeltartigen Baldachinen. Einfache gelbe Holztische und Klappstühle boten hunderten Menschen Platz. Sperber und McMullen setzten sich irgendwo dazu und machten mit. Sie aßen, tranken und lachten. Aus Lautsprechern tönte scheppernd thailändische Musik. Das einfache Essen war gut und so scharf, dass ihnen die Augen tränten. Das Eiswasser und der Thai Whiskey sorgten dafür, dass sie die Strapazen ihrer Reise vergaßen.
Schließlich taumelten sie weiter durch das Nachtleben. In einer Showbar blieben sie hängen. Auf einer kleinen Bühne tanzten ein paar ungewöhnlich große Showgirls mit rosa und lilafarbenen Gewändern und Federschmuck auf dem Kopf und sangen dazu mit ungewöhnlich tiefer Stimme. Dann sprachen zwei junge Damen McMullen und Sperber an, zuerst McMullen, dann Sperber. Sie flirteten, was das Zeug hielt. Die Damen lächelten und begannen, die beiden zu streicheln.
McMullen gab einen Drink nach dem anderen aus. Wen er dabei alles mitversorgte, konnte Sperber nicht feststellen. McMullen war von seiner Eroberung fest in Beschlag genommen. Sperber sah zur Bühne und spürte den Thai Whiskey in allen Gliedern. Seine Augen versagten kurz ihren Dienst. Die Dame an seiner Seite blieb bei ihm und hielt ihn fest, so gut sie konnte. Plötzlich war McMullen verschwunden, und seine ihm Zugewandte auch.
Sperber bestellte Eiswasser mit Zitrone. Er trank drei Gläser leer und fühlte sich besser. Nach einer Stunde wurde er unruhig. Wo war McMullen? Der Wirt verlangte Geld. Aber so viel Bares hatte Sperber nicht. McMullen hatte anscheinend die gesamte Kneipe leben lassen. Zumindest hatte der Wirt das so verstanden. Dann kam McMullen tief deprimiert allein zurück.
»Hey, wo warst du? Was ist los?«, wollte Sperber wissen und machte ein ärgerliches Gesicht.
McMullen war sichtlich niedergeschlagen. »Ich schäme mich, ich schäme mich, ich schäme mich!«, rief er.
»Sag bloß, das Mädel war ’n Kerl!«, entfuhr es Sperber.
»Jaaaaa!«, schrie McMullen angewidert. »Ein gottverdammter Katoey!«
Sperber grinste. Dann versuchte er überschwänglich, McMullen zu trösten, indem er ihm seine Hand auf die Schulter legte. »Und das hast du erst festgestellt, nachdem …, ich meine … zu spät?«
McMullen konnte Sperbers offensichtliche Schadenfreude gar nicht vertragen. »Wie bist du denn bloß aus der Nummer wieder rausgekommen?«, fragte Sperber und kriegte sich nicht mehr ein vor Lachen. McMullen stand wie paralysiert vor ihm.
Sperber überreichte McMullen beiläufig die Rechnung.
»Mein Gott! Achthundertsiebzig Dollar!«, rief McMullen. »Was ist denn das hier für ein Laden? Gehört der anschließend uns?«
»Spezielle Dienste wollen speziell bezahlt werden!«, spottete Sperber.
»Mann oh Mann, das sind ja Halsabschneider!«, schrie McMullen außer sich vor Wut. Männer am anderen Ende der Bar wurden aufmerksam.
»Hast du so viel Bares dabei?«, fragte Sperber und spürte die brizzelige Atmosphäre.
»Nein, wer soll das alles gesoffen haben?«
»Du hast die ganze Kneipe über eine Stunde lang freigehalten. Das glaubt zumindest der Kerl da hinter der Theke!«
Es wurde allmählich ungemütlich. Der Wirt wurde unfreundlicher und wiederholte seine Forderung jetzt lautstark. McMullen weigerte sich, die Rechnung anzuerkennen. Ein großer Mann kam und zog Sperbers Mädchen zur Seite. Ein prüfender Blick zeigte Sperber erst jetzt, dass auch sie ein Katoey war. Unglaublich hübsch und lieb. Verdammt! Reingefallen. Der ganze Laden hier bestand anscheinend aus Transen.
Noch ein kräftiger Mann kam hinzu. Seine Miene war alles andere als gastfreundlich.
»Hey McMullen! Ich glaub, wir sollten jetzt irgendwie aus diesem Schlamassel rauskommen. Hast du ’ne Idee?«
McMullen griff in seine Hosentasche und legte dem ungehaltenen Mann hinter der Theke zwei rote Steine in die Hand.
Der Wirt hob einen der Steine hoch und hielt ihn gegen das Licht einer Lampe. »Pigeon’s blood!«, stieß der Wirt mit wässerigen Augen hervor und staunte. Das hörten viele der Umstehenden und bildeten einen Kreis um sie.
McMullen hatte, ohne es zu ahnen, neue Begehrlichkeiten geweckt. Jetzt waren sie eingekesselt von lauter Katoeys, einer schöner als der andere, einer grimmiger als der andere. Sie kamen immer näher und starrten sie an, begierig nach Taubenblut, so nannte man die Rubine aus Mogok. Sie waren von einer unverkennbar tiefroten Farbe, die einen Stich ins Blaue zeigte. Die Katoeys sahen sich bereits im Besitz der wertvollsten Rubine der Welt. Plötzlich waren tausend Hände bei ihnen, streichelten erst, grapschten dann und versuchten schließlich, mit schmeichelnden Griffen den Weg in ihre Hosentaschen zu finden.
Sperber schüttelte sich los, langte dann selbst in seine Tasche und warf eine Handvoll der Pistazien in die linke hintere Ecke des Raumes, die in schummriges Licht getaucht war. Die Pistazien flogen durch die Luft, knallten erst an die Wand, dann auf das harte Holzparkett und machten Geräusche wie hell klackende Kieselsteine. Sperbers Rechnung ging auf, denn sofort stürzten sich die kreischenden Katoeys in ihrer Gier auf den Boden. Sperber packte McMullen und riss ihn zur Tür hinaus. Sie liefen zurück in Richtung des Nachtmarkts, auf dem es vor Menschen nur so wimmelte. Hier fühlten sie sich sicher.
An einer Freilichtbar am Rand des Markts blieben sie stehen, stützten sich keuchend auf ihre Knie und lachten sich die Seele aus dem Leib. »McMullen, du Wahnsinniger!«, schrie Sperber. »Du hast die Mine beklaut! Wie hast du das hingekriegt?«, fragte er mit Entsetzen und Bewunderung zugleich in der Stimme. »Du gottverdammter Hundesohn!«
»Im Hammerstiel!«, lachte McMullen aufgedreht. »Der alte Geologenhammer. Sein Stiel ist hohl und bietet so einigen Steinchen Platz.«
Sperber lachte und bestellte zwei Bloody Mary.
»Aber die Idee mit den Pistazien war auch nicht schlecht. Pistazien als Rubine getarnt!«, schrie McMullen und lachte.
Sperber prostete McMullen mit dem blutroten Glas zu. »Da, McMullen. Sauf aus! Taubenblut! Aber die bezahle ich bar! Bevor wir aufgeknüpft werden«, rief er spöttisch und bestellte noch zwei.
Sperber grinste beim Gedanken an dieses Abenteuer. Lange her, dachte er und massierte seinen Nacken. Er prostete dem Watzmann an der Wand mit einem ehrerbietigen Nicken zu und trank den letzten Schluck Whisky in einem Zug.
Forsythien
Frühjahr 2015
An diesem kühlen Morgen lag der Chiemsee unter zähem Nebel. Nur die höchsten Baumwipfel am Ufer und auf den Inseln lugten heraus. Eine pudrige Stille hatte den See im Griff. Ein Rabe krächzte, kurz nachdem Müller-Westermann in das Boot gestiegen war. Das Wasser plätscherte gegen den Rumpf. Er wollte zur Insel Frauenchiemsee, dem idyllischsten Fleck Deutschlands, wie in einem Hochglanzprospekt behauptet wurde.
Müller-Westermann war Immobilienmakler und hatte eine Unstimmigkeit im Gemeinderat der Gemeinde Chiemsee ausgenutzt. Seit Wochen grinste er sich jeden Morgen ins Gesicht, wenn er in den Spiegel sah. Diese Idioten! Für ihn sollte es das Geschäft seines Lebens werden. Er hatte mehrere Häuser auf der Fraueninsel gekauft und mittlerweile aufwendig restauriert. Viele der Einheimischen waren ziemlich sauer, sahen die Häuser doch jetzt überhaupt nicht mehr so aus wie früher. Dunkles Holz hatte er in Hochglanzweiß streichen lassen, Balkone erneuert und Einfriedungen wie Gärten ebenfalls weiß gestalten lassen.
Damit hatte er den Charakter der Häuser vollkommen verwandelt. Sie sahen aus wie Häuser, die man auf Sylt erwarten würde. Sie strahlten so unbeschreiblich hell, dass ihr Anblick jedem Fremden die Luft nahm. Diese Immobilien waren jetzt unbezahlbar. Er wollte sie so lukrativ vermieten, dass sich seine Investitionen in nur fünf Jahren bezahlt gemacht hätten. Und dazu brauchte er Mieter, bei denen Geld keine Rolle spielte. Einen dieser Leute hatte er gerade an der Angel.
Der Mann betrat erhobenen Hauptes den Steg und schritt auf das Boot zu. Er trug einen orange karierten Sarong um die Hüften und darunter eine schwarze Seidenhose. Seinen Oberkörper bekleidete eine grüne Thai-Bluse aus Bambusfasern, die mit aufwendigen Stickereien, Paspeln und Bordüren besetzt war. Die eleganten schwarzen Lederschuhe waren vorn offen, seine frisch pedikürten Zehennägel dunkel lackiert. Um den Kopf hatte er einen kostbaren Pakama gebunden. Der Mann war stark geschminkt. Seine Augenlider glitzerten lila, und seine Wimpern waren in tiefes Schwarz getaucht. Das gesamte Gesicht war gepudert. Nur seine Wangen flimmerten rot. Die Lippen hatte er anthrazitfarben bemalt.
Auf Müller-Westermann wirkte das alles zu aufdringlich. Der Mann konnte die Augen keine Sekunde lang ruhig halten. Seine Wimpern klimperten unentwegt, und sein Grinsen verursachte eine unangenehme Wallung nach der anderen bei Müller-Westermann. Blöde Tunte, dachte er. Allein schon dieser unglaubliche Name kam ihm völlig verrückt vor: Er hatte ihm einen deutschen Reisepass gezeigt. Demnach hieß er ›Nuh Poo Tubkim-Gongutih (Hausmayr)‹.
Der Mann war Müller-Westermann vom Königlich Thailändischen Honorargeneralkonsulat in München vermittelt worden. Als Makler für außergewöhnliche und erstklassige Immobilien war er schließlich stadtbekannt. Deshalb waren sie heute hier am Chiemsee. Und jetzt wollten sie zur Fraueninsel fahren.
Nuh Poo Tubkim wurde von einem Kraftprotz begleitet, der stets drei Meter hinter ihm ging. Ein riesiger Kerl mit kurz geschorenen Haaren, schwarzem Anzug, schwarzen Schuhen und weißem Hemd mit geschlossenem Kragen. Seine Augen waren ebenfalls geschminkt. Er reichte Müller-Westermann nicht die Hand, grüßte nicht, sondern nickte nur kaum merkbar mit dem Kopf, ließ ihn aber keinen Moment aus den Augen. Trotzdem beherrschte er die Kunst, sich so unauffällig zu verhalten, dass Müller-Westermann ihn nach drei Minuten schon gar nicht mehr wahrnahm.
Nuh Poo Tubkim streckte seinen Arm aus wie eine viktorianische Großmutter. Müller-Westermann nahm seine schlaff herabhängende Hand und half ihm ins Boot. Er war froh, als er die Hand des Mannes wieder loslassen konnte. Dann fuhren sie los und glitten über den stillen See. Bald hatten sie die Anlegestelle der Insel erreicht.
Als Müller-Westermann ihm das Objekt zeigte, staunte Nuh Poo Tubkim wie ein kleiner Junge. So etwas Schönes hatte er noch nie gesehen. Er stand vor einem makellos weißen Haus auf einer Insel. Im Hintergrund waren Berge zu sehen. Ihm kamen die Tränen. Ein Ort voller Inspiration. Das muss das Glück sein, dachte er. Er schritt den Zaun entlang, immer gefolgt von seinem Leibwächter, der immer noch in angemessenem Abstand hinter ihm her ging, ohne einen unterwürfigen Eindruck zu hinterlassen. Müller-Westermann öffnete das kleine Gartentor, nickte einladend und wies Nuh Poo Tubkim den Weg.
Er schritt durch den Vorgarten und blieb vor den Forsythien stehen. Im Hintergrund blühten Blumen in Blumenkästen unter frisch geputzten Fenstern. Der Rasen war kurz gemäht. Er ging weiter zu der geschnitzten Tür. Müller-Westermann öffnete ihm das Haus. Er trat ein, sah sich zehn Minuten lang um und fragte dann etwas unbeholfen: »Kann ich hier … in der Nachbarschaft noch was dazu haben?«
Müller-Westermann stutzte und zögerte. »Sie meinen, noch ein Haus?«
»Ja, noch ein Haus. Meine Freunde werden hier wohnen.« Er blickte zu seinem Leibwächter und lächelte kurz. Der stand steif da und zeigte keine Regung.
»Nun ja, äh, ich weiß nicht. Frei sind noch die Häuser direkt daneben. Aber die kosten auch viel Miete.«
»Miete? Ich kaufe Häuser«, sagte Nuh Poo voller Überzeugung.
Müller-Westermann lächelte. »Die können Sie nicht bezahlen.« Er schüttelte vorsichtig den Kopf.
»Kann ich doch«, sagte Nuh Poo lächelnd. »Ich will alle drei. Sagen Sie mir den Preis. Ich bin sicher, ich habe sie bereits gekauft.«
Grabrede
Erwin Sentlinger war kein Menschenfreund. Er stand am Fenster und sah hinaus. Wie jeden Morgen. Er kaute an den Fingernägeln. Immer wenn er nervös war, tat er das. Schon als kleines Kind hatte er das gemacht. Genau dann, wenn ihm Prügel bevorstanden. Und das war nicht selten gewesen.
Seine Mutter war durch einen Stromschlag ums Leben gekommen, als er acht Jahre alt war. Die Strafe des Herrn, hatten alle hinter vorgehaltener Hand gesagt. Für ein zu lockeres Leben, hatte man immer wieder geflüstert. Seine ältere Schwester Trude hatte sich ihr halbes Leben lang für die Mutter geschämt, wollte es anders machen. Und sie hatte es anders gemacht. Sie hatte Erwin sehr streng erzogen.
Die Erziehung hatte sich nach dem Vorbild der Großeltern gerichtet. Beide Großväter waren Lehrer gewesen, die sich in den Methoden der schwarzen Pädagogik bestens ausgekannt hatten. So war auch Trude angehalten worden, sich dieser Methoden zu bedienen, um ihren Bruder auf den rechten Weg zu bringen. Noch heute hatte Sentlinger Striemen an seinem ledrig gewordenen Hinterteil, die von dem verhassten Rohrstock rührten. Jede Sünde hatte er auf diese Weise büßen müssen. Jedes Mal mit der Konsequenz, dass er kaum sitzen konnte. Das hatte in der Schule zusätzlich zu Schwierigkeiten mit den Lehrern geführt.
Aber es hatte ihn hart gemacht. Hart fürs Leben. Disziplin und Ordnung waren ihm mit dem Stock eingetrichtert worden. Er hatte viel gelitten und fand es absolut in Ordnung, dass auch andere leiden sollten, um zu lernen. Das hatte sich bewährt, seit Jahrtausenden. So hatte er es sich zurechtgelegt. Denn der Gedanke, dass ihm als Kind Unrecht geschehen sein könnte, wäre unerträglich für ihn.
»Guten Morgen«, sagte seine Sekretärin Liese strahlend. »Na, Chef, worüber sinnieren Sie denn heute?«, fragte sie, als sie ein paar Akten auf seinen Tisch legte und einen Tee brachte. Liese war seit ewigen Zeiten bei ihm. Früher fand er sie umwerfend. In den letzten Jahren aber hatte seine erotische Zuneigung zu ihr abgenommen. Manchmal aber, da flammte sie wieder auf. Als sie sich näherte und er ihren vertrauten Duft wahrnahm, durchzuckte es ihn. Als er ihren Namen seufzte, »Ach, Liese …« Seine Wonne war so groß, dass er einen Kloß im Hals spürte.
Er schlürfte den Tee und sah aus dem Fenster. Seine ganze Liebe hing an seiner Heimat Bayern. Und mittendrin diese verkommene Stadt! In München war die Staatskanzlei so etwas wie eine Fluchtburg für ihn. Der erhabene Blick über den Hofgarten im Schatten der Residenz gab ihm jeden Morgen das Gefühl von Sicherheit und Macht.
»Die Menschen«, sagte er mit Schwermut in der Stimme. »Sie sind mir so fremd. Sehen Sie, Liese, wie sie arglos in unserem Park herumirren, ohne zu wissen, was sie wollen, wohin ihre Reise geht. Taugenichtse und Herumtreiber.«
»Ach, Chef, seien Sie nicht so streng mit den Leuten. Sie tun nichts Verwerfliches. Sie wollen leben, und sie wollen, dass es ihnen gut geht. Und dafür sorgen Sie!«, sagte sie lächelnd. In ihrer Stimme klang viel Trost mit. »Es ist Ihre Aufgabe, Sie machen das schon. Und heute ist ein wunderbarer Tag dazu. Ich weiß doch, dass Sie für Ihr Land alles geben.«
»Ach ja«, sinnierte er mit abwesendem Blick, »die duftenden Wiesen, die sanften Hügel der Voralpen. Die Kirchen mit den Zwiebeltürmen. Die Kühe auf den Weiden. Bayern, das würde ich mir durch nichts und niemand nehmen lassen.«
»Ja, es ist Ihr Bayern«, sagte Liese. Und sie wusste, er hatte es sich einfach genommen. Jedenfalls insgeheim. Mit seinen Gleichgesinnten vom katholischen Herrenorden.
»Wir müssen Bayern erhalten!«, sagte Sentlinger salbungsvoll.
Liese wusste, dass Sentlinger und seine Kumpanen vor allem dafür sorgen wollten, es niemals an diese linken Klugscheißer abgeben zu müssen, wie er einmal gesagt hatte. Als Gutmenschen, Pädagogenheinis, Ökofritzen und Sozialromantiker hatte er sie beschimpft. Widerliche Geschöpfe hatte er sie genannt. Und dann die ganzen Menschen aus aller Welt, die unkontrolliert ins schöne Bayern strömten, hatte er gestöhnt. Aber der Herrgott hatte auch sie erschaffen, so wie ihn und seine Welt, hatte er postuliert. Also müsse er ihre Existenz hinnehmen; aber bekämpfen dürfe er all diese Antichristen, das hatte der Herrgott ihm nicht verboten. Es war sein Bayern, das katholische, oder besser, was er für katholisch hielt.
»Wird schon werden«, sagte Liese und ging hinaus.
In diesem Moment kam Sentlingers Schwester geradewegs ins Büro. Ihr schwarzer Habit verlieh ihr einen würdevollen Stolz. Ohne Liese zu grüßen, schritt sie direkt zu Sentlingers Schreibtisch. Schwester Irmentrud sah besorgt aus. »Bruder, du musst uns helfen.«
Ihr Körper war immer noch schlank. Über ihren dichten Augenbrauen waren ein paar Grübelfalten zu sehen. Ihre vollen Lippen hatte sie ein wenig gespitzt, als sie vor ihm stand. Sie wirkte auf ihren Bruder ohnehin streng und kompromisslos, aber er spürte sofort, dass ihr Stimmungsbarometer heute auf Schlechtwetter stand.
Erwin Sentlinger ging auf sie zu, nahm sie in die Arme und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. »Trude, meine liebe Trude!« Auch nach all den Jahren wolle er sich immer noch nicht an ihren eigens gewählten Ordensnamen gewöhnen. »Ich bin so froh, dich zu sehen!«, rief er mit vorgespieltem Überschwang. Er betrachtete ihr schön geschnittenes Antlitz, in dem er trotz ihres Alters immer noch keinen Makel erkennen konnte. Rechts und links ihrer tiefbraunen Augen hatten sich zwar ein paar Krähenfüße einen Weg gesucht. Sie konnten jedoch ihrer Anmut nichts anhaben. Erwin Sentlinger erstaunte das immer wieder, wenn er seiner Schwester begegnete. Sie wollte einfach nicht alt werden.
»Der Teufel ist auf die Insel gekommen!«, sagte sie mürrisch und ohne jede Einleitung.
Sentlinger zog die Brauen zusammen. »Der Teufel? Was denn, übertreibst du nicht?« Er hielt sie an den Schultern. »Setz dich doch bitte!« Er bot ihr einen Stuhl an. »Was bedrückt dich, liebe Schwester?«
»Der Satan! Im Körper eines Mannes, der wie eine Frau daherkommt.«
Sentlinger kannte seine Schwester nur zu gut. Sie konnte rasend werden vor Wut, aber auf der anderen Seite war sie lammfromm. Ihr oftmals aufbrausender Gemütszustand hatte sie am Leben scheitern lassen. Obwohl sie immer sehr hübsch gewesen war, hatte es kein Bursche lange mit ihr ausgehalten. Sie konnte unberechenbar böse werden. Ihre Verzweiflung am Leben hatte sie schließlich ins Kloster getrieben. Und dort hatte sie sich ebenfalls lange den Aufstieg durch ihre zügellosen Wutausbrüche verbaut. Denn trotz ihrer Intelligenz hatte ihre mangelnde Selbstkontrolle sie nur zur stellvertretenden Oberin werden lassen. Und das wurmte sie. Doch insgeheim zog sie die Fäden in ihrem Kloster durch ihre stets erfolgreich eingefädelten Intrigen.
»Diese widerliche Schwuchtel!«, schrie sie und schlug mit der Faust auf den Schreibtisch.
»Trude! Du trägst den Habit. Vergiss das nicht!«, ermahnte sie ihr Bruder vorsichtig. »Was ist denn los?«
Sie wand sich auf ihrem Stuhl, und Sentlinger wusste, dass sie jetzt wieder von Schuldgefühlen geplagt wurde. Aber sicher nur kurz, dachte er.
»Er ist aus Thailand. Er hat drei Häuser gekauft. Zwei Tage später ist er wie ein Pfau durch den Ort stolziert, hat alle gegrüßt. Und dabei hatte er zehn«, es zerriss sie fast, »zehn andere von diesen Elenden im Schlepptau.«
»Ja und? Das ist doch freundlich, dass er die Leute begrüßt.«
»Sie haben dabei fremdartige Gebete gemurmelt. Und dann dieses Grinsen. Sie haben alle so unerschütterlich gegrinst!«, sagte sie jammernd. »Und jetzt wohnen die alle da drin«, rief sie klagend hinterher und hob beide Hände.
»Trude, ihr habt doch dauernd Touristen mit wechselnder Kleidung und Aussehen auf der Insel. Was regst du dich denn so auf?«, fragte Sentlinger sanft.
»Wer weiß, was die dort treiben?« Ihr Ton wurde schnippisch.
Sentlinger wandte sich zum Fenster und zischte leise: »Müller-Westermann. Dieser verdammte Idiot!«
»Wer?«, entfuhr es Schwester Irmentrud.
Er griff zu seiner Teekanne und fragte sie: »Auch einen Tee?«
Sie nickte.
»Ein Immobilienmakler aus München. Guter Bekannter. Ich hab ihm ein paar Türen geöffnet. Zuletzt hat er sich damit gebrüstet, dass er drei Häuser auf Frauenchiemsee gekauft hat. Und ich hatte ihm noch die Kontakte geknüpft. Aber seine Option war eigentlich, die Häuser zu vermieten ...« Er nahm die Teetasse in die Hand, rührte darin und trank vorsichtig, während er seine Schwester abwartend ansah.
»Aber dieser ... «, sie räusperte sich, »... warme Guru hat sie gekauft.«
»Wenn er das Geld hat, darf er das ja«, meinte Sentlinger.
»Der muss wieder weg«, schrie sie. Sie wedelte mit dem rechten Arm und rief laut: »Weg, weg, weg!« Dann starrte sie ihn an. »Du musst uns helfen«, zischte sie fordernd.
»Hat er sie denn wirklich gekauft«, fragte er nochmal nach. »Oder ist es nur wieder eins eurer Klostergerüchte?«
»Ja, hat er. Ich war beim Bürgermeister. Und er hat einen bayerischen Familiennamen, wie wir herausgefunden haben.« Sie nahm einen Zettel aus ihrem Habit. »Und was für einen!«, betonte sie.
»Ja, und?«, fragte Sentlinger und wartete gespannt.
»Er nennt sich …«, sie sah von ihrem Zettel auf und sagte langsam und deutlich: »… Nuh Poo Tubkim-Gongutih in Klammern Hausmayr.«
Sentlinger verschluckte sich, hustete los, und spratzte den Tee auf seinen Schreibtisch. Augenblicklich nahm er ein Taschentuch aus seiner Hose und putzte alles wieder weg. Schuldbewusst beobachtete er seine Schwester, die ihn grimmig anstarrte. Wie früher als Kind spürte er die Beklommenheit.
»Merkwürdig, was?«, sagte sie und hob die Schultern. »Hat der was zu tun mit Pater Hausmayr? Bei dem du vor dreißig Jahren die Grabrede gehalten hast? Erinnerst du dich nicht? Pater Hausmayr!«
Sie sah ihm genau zu, wie sich sein Gesicht vor Anspannung verfärbte.
»Spiel nicht den Dummen!«, sagte sie barsch. »Er hieß Pater Bruno. Hat oft sonntags bei uns auf der Fraueninsel die Messe gelesen.«
Sentlinger erkannte, dass es nichts brachte, den Ahnungslosen zu spielen. »Was, der? Oh Gott. Ja natürlich erinnere ich mich.«
»Dein Jugendfreund. Und Schürzenjäger ersten Ranges!«, erwiderte sie.
»Davon hab ich damals nichts mitbekommen.«
»Unfug!«, schrie sie. »Das wusste jeder! Und ich möchte nicht wissen, was ihr beide gemeinsam alles …«
»Trude! Das reicht!«, schimpfte er. »Schließlich hast du damals auch mehr als nur ein Auge auf ihn geworfen.«
Schwester Irmentrud hatte mit dieser Direktheit nicht gerechnet. Wie konnte er es wagen? Sie fühlte sich ertappt, sah beschämt zu Boden und stutzte. »Ja, und irgendwann war er weg nach …«, sie schlug die Hände vor das Gesicht. »... Thailand!«, schrie sie aufgewühlt. »Nach Thailand! Verstehst du? Oh Gott.« Sie streckte die Hände nach oben und warf den Kopf in den Nacken.
»Ja, genau, er ist nach Thailand abgehauen. Das war damals für viele völlig überraschend. Vor allem auch für den katholischen Herrenorden. Pater Bruno war früher schließlich im Vorstand, wenn auch nur Beisitzer. Ich war damals bereits Schatzmeister.«
»Der katholische Herrenorden, diese Ansammlung scheinheiliger Moralapostel!«, schimpfte sie.
»Ich darf doch bitten, Trude. Beherrsche dich!«
»Jeder wusste, wie er gestorben ist. Aber niemand durfte das auch nur denken.« Flüsternd fügte sie hinzu: »Geschweige denn laut sagen.«
Er stand auf und ging zum Fenster. »Es war die schwierigste Grabrede meiner Karriere.«
»Ich war ja nicht dabei damals«, sagte sie, als müsse sie sich verteidigen. Sie sah erneut zu Boden.
»Damals warst du noch einfache Nonne. Du konntest an der Beerdigung nicht teilnehmen, weil du auf einem Seminar in der Nähe von Graz warst«, sagte er, den Blick nach draußen auf die Parklandschaft gerichtet. »Da hast du doch deine verrückte Freundin kennengelernt.«
»Ach ja, Adelmunda«, ergänzte sie gedankenverloren, »sie war so hilflos damals. Ich bin so froh, dass ich sie zu mir geholt habe.« Liebevoll bewegte sie den Kopf hin und her und richtete ihren verklärten Blick ein paar Sekunden ins Leere. »Aber du willst ablenken«, schob sie hinterher.
»Als du damals zurückgekommen bist aus Graz? Wie hast du eigentlich von Brunos Tod erfahren?«
»Nach meiner Rückkehr auf die Fraueninsel«, sagte sie betrübt, »durfte nicht über seine Beerdigung gesprochen werden. Pater Bruno wurde ganz einfach ignoriert und seine Existenz vergessen. Sein Grab ist in der hintersten Ecke unseres Friedhofs, wie du weißt.« Sie machte eine kurze Pause und atmete tief durch. »Die jungen Nonnen wissen gar nicht mehr, wer dort liegt. Die Inschrift auf dem Kreuz ist fast verblasst.«
»Bei seiner Geschichte, kein Wunder!«
»Wir haben einen Sünder auf unserem Friedhof beerdigt«, seufzte sie.
»Sündiger Bock wäre treffender.«
»Erwin, lass diese gottlosen Bemerkungen!«, befahl sie streng. Sentlinger nahm wieder Platz an seinem Schreibtisch.
Schwester Irmentrud fuhr fort. »Was genau hat er gemacht in Thailand? Du hast ihn doch besser gekannt, diesen … heiligen Schürzenjäger.«
»Besser gekannt? Was habe ich gekannt?«
»Na?«, fragte sie voller Ungeduld. »Was genau er dort wollte. In Thailand.«
»Musst du das wissen?«
Sie nickte grimmig und fordernd.
»Hmm, na gut. Offiziell sollte er wohl missionieren. Er hat das mit der Nächstenliebe aber wohl, sagen wir, sehr frei interpretiert.«
»Schwachkopf!«, schimpfte sie. »Komm zum Punkt!«
»Er hat dort mit einer … einer Liebesdienerin ein Kind gezeugt. Einen Sohn, hieß es.«
»Allmächtiger!«, rief sie. »Und jetzt holt uns der Fluch ein!« Sie bekreuzigte sich. »Der Herrgott schickt uns eine schwere Prüfung. Einen Heiden und Gotteslästerer. Ein Kind der Sünde und des Teufels. Im Gewand einer Frau. Und das auf der Fraueninsel!«
»Passt doch«, entglitt es Sentlinger grinsend.
Schwester Irmentrud starrte ihn fassungslos an. Sie stand auf, nahm das Lineal vom Schreibtisch, ging auf ihn zu, presste die Lippen zusammen und schlug mehrfach mit dem Lineal in ihre Hand.
Sentlinger wurde puterrot und stammelte eine Entschuldigung. Noch immer hatte diese Frau Macht über ihn, und für kurze Zeit war er wieder der kleine Junge. Er sah ihre Augen blitzen und befürchtete, dass er sich wieder vorbeugen und ohne Widerspruch seine Strafe erwarten müsse, die sie sogleich zu vollstrecken drohte. Doch sie blieb, wo sie war.
Mit verkniffenem Gesicht kauerte Sentlinger eingeschüchtert und zusammengesunken in seinem Schreibtischsessel. Schwester Irmentrud setzte sich.
»Trude, so darfst du nicht über einen fremden Menschen reden«, stammelte er. »Er ist trotz allem ein Sohn der Kirche. Immerhin hat er ...«
»Ein Sohn der Kirche?«, schrie sie ihn an. »Ja Kruzifix nochmal! Bist du denn von allen Heiligen verlassen?« Sie spie ihre Worte aus und geißelte Sentlinger mit ihren Blicken. »Dieser Kerl ist ein Bastard des Teufels, er wurde mit einer thailändischen Hure gezeugt!« Sie war außer sich und schlug wieder und wieder so vehement mit dem Lineal auf den Schreibtisch, dass die Teetasse umfiel.
Sentlinger stand auf, seine Haltung aber blieb devot und gebückt. »Trude, was soll ich tun? Ich kann da gar nichts machen. Es ist sicherlich legal, dass dieser Mann die Häuser gekauft hat.«
»Ahh!«, schrie sie laut. »Hör auf, dich wie Nasenschleim zu benehmen. Du bist Staatssekretär! Du musst etwas gegen all das unternehmen können!« Sie schnaubte vor Wut.
»Es würde meine Karriere arg belasten, Trude!«, sagte er kleinlaut. »Ich … ich sitz momentan auf einem Schleudersitz.«
»Was ist los, Erwin?«, geiferte sie. »Hast du wieder Mist gebaut. Mit deinen … gottlosen finnischen Hurensöhnen?« Sie verzog verächtlich das Gesicht.
»Trude«, beschwor er sie. »Ich kann nicht.«
»Und sag nicht immer Trude zu mir!«, keifte sie. »Irmentrud, Irmentrud, Irmentrud! Wann kriegst du das endlich rein in deinen plumpen Schädel?«
»Ja, deinen richtigen Namen hast du ja noch nie leiden können«, keifte Sentlinger jetzt zurück, »aber Trude ist der Name deiner Kindheit, auf den du getauft wurdest. Vergiss das nicht, Schwester!«
Sie atmete schwer. Danach wurde sie schlagartig ruhig. Ihr verbissenes Gesicht wandelte sich in eine Miene der Verzweiflung. »Wie kann dieser bunte Vogel überhaupt wissen, dass sein Vater bei uns beerdigt ist?«, fragte sie niedergeschlagen.
Sentlinger genoss es jetzt, sie leiden zu sehen. »Vielleicht weiß er es gar nicht. Vielleicht hat Gottes Hand ihn zu euch geführt.«
Ihr Gesicht nahm wieder diese Strenge an, die jedoch nicht mehr diese Unbehaglichkeit in ihm auslöste. Sie stand auf und starrte ihn an. »Du bist unverbesserlich, Erwin. Eines Tages wird Gott dich für deine sündigen Gedanken bestrafen. So sicher, wie das Weihwasser heilig ist! Hüte deine Zunge und bade sie im Aspersorium.« Dabei machte sie ein Kreuzzeichen.
»Was weiß denn ich, das ist ein Zufall! Keine Ahnung!«, sagte er schroff.
Sie schritt zur Tür, drehte sich kurz um und sagte abschließend: »Erwin, du musst den katholischen Herrenorden einschalten!« Sie verschwand ohne ein weiteres Wort.
Nachdem Schwester Irmentrud sein Büro wieder verlassen hatte, atmete er erleichtert auf. Dann stützte er sein Kinn in die Hände und begann leise zu kichern. Sein Kichern steigerte sich in lautes Gackern. Wie unwissend war doch seine Schwester! Dieser Haufen von versteinerten Zicken in diesem Frauenkloster! Sie ahnte nicht im Geringsten, wer Nuh Poo Tubkim wirklich war! Und wie nahe Sentlinger ihm stand. Das durfte sie auf keinen Fall erfahren. Er lachte. Nuh Poo hatte es tatsächlich gewagt, nach Deutschland zu kommen, ohne ihn zu informieren. Sentlinger schüttelte grinsend den Kopf und amüsierte sich köstlich. Dieser Teufelsbraten!
Auf der anderen Seite beunruhigte ihn das alles sehr. Denn je mehr er darüber nachdachte, desto klarer wurde ihm, dass er eventuelle Schwierigkeiten, die ihm dadurch erwachsen würden, kaum überschauen konnte. Seine Schwester hatte ihn klar zum Handeln aufgefordert. Und er wusste, das war so gut wie ein Befehl.
Sommerkleidchen
Nuh Poo Tubkim hatte in seiner Heimat eine Lücke geschlossen. Er hatte in Thailand eine Sekte gegründet, deren Jünger ausschließlich Katoeys waren. Und er war ihr Guru. Die Kombination aus seiner persönlichen Neigung, dem Geschäftssinn und seinem Charisma hatten ihn reich gemacht. Die Katoeys, wie man in Thailand Transsexuelle und Transvestiten nannte, lagen ihm zu Füßen. Seit jeher waren die Katoeys in Thailand zwar als dritte Geschlechtsform anerkannt, doch zunehmend waren sie wegen der westlich gesteuerten Sexindustrie in seinem Land in Bedrängnis geraten. Nuh Poo Tubkim aber hatte ihnen das gegeben, was die Weltreligionen ihnen beharrlich verweigerten, nämlich eine spirituelle Heimat.
Seine Sekte hatte Nuh Poo Tubkim aus Werten des Buddhismus einerseits und der Disziplin des Katholizismus andererseits erbaut. Die jeweilige Lehre über die Liebe hatte er zu seinen Gunsten umgedeutet. Das machte ihn so gut wie unangreifbar und äußerst erfolgreich. Jetzt saß Nuh Poo Tubkim in seinem neuen Haus auf der Fraueninsel und hielt Rat mit zehn seiner Katoeys, die um ihn herum auf dem Boden saßen.
»Wir brauchen also einen Ort in unserer Nähe, an dem wir das machen können«, sagte Guru Nuh Poo. »Ich plane eine große Bar mit Musik, schönen Getränken und außergewöhnlichen Speisen. Dort sollen sich alle wie zuhause fühlen. Es soll ein Ort sein, wohin unsere lieben deutschen und österreichischen Männer pilgern sollen. Sie können euch direkt hier in Deutschland verehren und sich von euch verwöhnen lassen. Wir holen noch mehr von uns hierher. Lauter liebe Katoeys.«
Ein Raunen ging durch den Raum, seine Jünger quiekten, freuten sich und klatschten in die Hände.
»Das wird wunderbar«, rief Nuh Poo und nickte begeistert mit dem Kopf. »Die Männer hier sind spendabel, fromm und lieben gern. Sie sind katholisch, so wie mein Vater es war. Und das heißt doch, dass sie das Lieben hier schon sehr früh lernen. Denn sie kommen zahlreich zu uns nach Thailand. Sie werden nun nicht mehr so weit zu reisen brauchen. Sie werden zu uns pilgern und teilhaben an unserem schönen Leben. Und Geld haben sie auch.« Nuh Poo sah jetzt zweien seiner Jünger besonders tief in die Augen. »Nun fehlt uns noch der richtige Ort«, sagte er zu den beiden.
Die zwei verneigten sich verschämt und geehrt zugleich. Alle wussten, dass sie in den Augen ihre Gurus etwas Besonderes waren. Thapakorn Kung und Boonipat Kosiyabong liebten sich ehrlich und innig. Seit sie sich über ihren Guru kennengelernt hatten, waren sie unzertrennlich. Sie stammten beide aus unterschiedlichen Provinzen. Thapakorn kam aus dem Osten an der Grenze zu Laos, Boonipat war im Norden in Lampang aufgewachsen. Als sie ihre Neigung entdeckten, wussten sie noch nichts voneinander. Schließlich kamen sie fast zur selben Zeit im Alter von etwa siebzehn Jahren nach Bangkok.
Sie gerieten schnell in die Prostitution und stürzten ab. Zwei sehr ähnliche Schicksale nahmen unabhängig voneinander ihren Lauf. Für wenig Geld sahen sich beide gezwungen, sich in einem billigen Bordell zahlungskräftigen Touristen hinzugeben. Italiener, Briten und Deutsche waren ihre Freier. Natürlich gab es auch Amerikaner, Franzosen und ein paar Österreicher.
Irgendwann hörten beide mit einem Abstand von einem halben Jahr von Guru Nuh Poo Tubkim, der sich um das Seelenheil der Katoeys kümmere. Sie gingen zu ihm, und Guru Nuh Poo schloss erst Thapakorn und später auch Boonipat in sein Herz.
Guru Nuh Poo hatte sie sogar auf eine Schule geschickt. Für sie war der Guru Retter, Vater und Gott zugleich. Und so ging es allen, die zu seinem engsten Kreis gehörten. Thapakorn war der Jüngste unter ihnen, weshalb er schnell von den anderen Jeab gerufen wurde, das Küken. Und Boonipat, der sich am liebsten frivol komisch ausdrückte und immer ein bisschen anzüglich wirkte, bekam den Rufnamen Muu, was so viel wie Schweinchen hieß.
Jetzt saßen Jeab und Muu mit verschränkten Beinen und in geblümten Sommerkleidchen vor ihrem Guru und hörten aufmerksam zu, was er ihnen zu sagen hatte.
Nuh Poo lächelte in die Runde. Direkt an Jeab und Muu gerichtet, sagte er: »Sucht nach einem richtigen Ort für unser Vorhaben. Es soll zwischen München und unserem Zuhause hier sein. Denn in München wohnen viele Männer, die uns besuchen möchten.« Nuh Poo sagte das sehr bedächtig. »Der Ort soll unserer würdig sein. Ich weiß, es muss diesen heiligen Ort geben. Er wartet auf uns und ist für uns vorbestimmt. Wir müssen ihn nur entdecken!«
Die anderen Katoeys applaudierten, warfen Jeab und Muu überschwängliche Handküsse zu und gratulierten den beiden Auserwählten. Sie umarmten und küssten sie. Jeab Thapakorn Kung und Muu Boonipat Kosiyabong hatten also von ihrem Guru den Auftrag bekommen, das Land zu erkunden und einen würdigen Ort zu finden, an dem der Guru seine Bar und sein heiliges Massageinstitut eröffnen konnte.
Lexikon
Jeab und Muu nahmen eine Kamera, eine Karte und ein Notebook mit. Sie bestiegen das kleine Fährschiff und stellten sich an den Bug, um im Fahrtwind das duftende Maiwetter zu genießen. Der Bootsführer und sein Matrose staunten über die beiden exotischen Mädchen in ihren hübschen Sommerkleidern, ihren dunklen Nylons und den ungewöhnlich großen, hochhackigen Schuhen. Jeab und Muu winkten ihnen freundlich lachend zu.
In Prien gingen sie an Land und bestiegen das Taxi, das Guru Nuh Poo bestellt hatte. Die Taxichauffeurin war eine dickliche ältere Dame, die sie sehr freundlich begrüßte und fragte, wohin denn die Fahrt gehen solle.
Muu bat sie auf Englisch, sie möge ganz einfach über Land Richtung München fahren. Sie würden ihr dann sagen, wenn sie anhalten solle, und Jeab drückte ihr hundert Euro Trinkgeld vorab in die Hand. »It is a tip«, sagte Muu freundlich lächelnd. Die Fahrerin war hocherfreut. »Na dann ...«, antwortete sie und fuhr grinsend los.
Das Taxi fuhr nach Westen. Sie passierten südlich des Simssees das Ortsschild Riedering. Muu hatte das Notebook auf seinen Oberschenkeln und ein Internetlexikon aufgerufen. Deutsch-thailändisch. Nuh Poo hatte ihnen beigebracht, dass deutsche Wörter oft zusammengesetzt waren. Muu gab also das Wort ›Ried‹ ein. Sie konzentrierten sich auf den Bildschirm. Dort wurde das Wort ›Gok‹ ausgegeben, was auch so viel wie Rattan oder Schilf bedeutete. »Gok?«, fragte Jeab überrascht. »Gok!«, antwortete Muu und grinste. Beide nickten und wiederholten »Gok!«, lachten leise und schüttelten den Kopf. Nein, Riedering war nicht der richtige Ort für sie. Die Taxifahrerin drehte sich nur kurz um, lächelte mit und fuhr einfach weiter.
Sie überquerten den Inn. Als sie Rosenheim auf dem Schild sahen, gab Muu ›Rosen‹ ein. Wieder sahen beide gespannt auf den Bildschirm. Ein staunendes Raunen kam von beiden. »Gulaap, ah«, sagte Jeab und zeigte beiläufig auf die Blume seines Kleides. Sie nickten. Dann gab Muu ›heim‹ ein. »Ah, Rosen-heim, Gulaap baan!«, freute sich Jeab. ›Baan‹ stand für ›Haus‹ oder ›Heim‹. Trotz des schönen Namens fuhren sie weiter.
Nach einigen weiteren Versuchen mit den Ortsnamen Kolbermoor, Bad Aibling, Thalacker und Fuchsholz kamen sie schließlich zu einem weiteren Ortsschild. Muu tippte ›Tunten‹ ein. Wie elektrisiert schrie Muu auf, so dass die Taxifahrerin auf die Bremse trat und den Wagen an den Straßenrand fuhr. Das Lexikon hatte ›Tunte‹ gefunden und das thailändische Wort ›Katoeye‹ angezeigt. Jeab riss die Augen auf und saß mit offenem Mund da. Jetzt schrien beide kreischend auf. »Tun-ten-hau-sen, Katoeye baan!«, schrie Jeab laut. »Katoeye baan!«, wiederholte Muu.
Am Ortseingang fuhren sie am Rathaus vorbei. Vor dem Rathaus standen an die dreißig Menschen in bayerischen Trachten.
»A bayerische Hochzeit«, sagte die Taxifahrerin lächelnd, verlangsamte das Tempo und hupte. Muu und Jeab sahen sie fragend an. »Bavarian Wedding«, sagte sie grinsend.
Jeab und Muu gaben ein lautes »Ahh« von sich und winkten und lächelten um die Wette. Sie sahen, wie gerade zwei Männer, die mit breiten ausladenden Hüten und langen braunen Trachtenjacken mit glänzenden Silberknöpfen sowie Lederhosen bekleidet waren, das Rathaus verließen und auf die Menschenmenge zugingen. Der eine hatte sich bei dem größeren eingehängt und hielt einen Blumenstrauß in der Hand. Sofort brach Jubel aus, und das Brautpaar wurde mit Reis beworfen.
»Jetzt heiraten a schon die Schwulen in Tuntenhausen«, sagte die Taxifahrerin unter Kopfschütteln. »Eingetragene Partnerschaft heißt des jetzt«, sagte sie zu Jeab und Muu und trat aufs Gaspedal.
Muu und Jeab lachten und konnten ihr Glück kaum fassen. Sie waren außer sich vor Freude. Das musste der Ort sein, den der Guru geweissagt hatte. Sie waren felsenfest davon überzeugt, ihren vorbestimmten Ort gefunden zu haben. Der Guru hatte wie immer Recht gehabt. Jeab legte der Taxifahrerin seine Hand auf die Schulter und bat sie, weiterzufahren. Sie wollten sich den Ort ansehen. »Sightseeing … Katoeye baan«, rief Muu laut, fuchtelte mit der Hand und nickte der Fahrerin lächelnd zu. Sie nickte ebenfalls und fuhr langsam durch den Ort. Die beiden hingen mit den Köpfen aus dem Fenster und staunten über die wunderbaren Gebäude, die aufgeräumten Straßen und all diese sauberen Menschen.
Sie diskutierten aufgeregt, was sie gerade alles erlebten. Merkwürdig fanden sie, dass sie gar keine Katoeys entdeckten. Aber wahrscheinlich kleideten sie sich hier anders. Eben mit großen Hüten, langen Jacken und Hosen aus Leder, wie die beiden, die eben geheiratet hatten. Oder vielleicht waren sie alle getarnt, wenn sie ihre Häuser verließen. Sie kamen zu dem Schluss, dass sie hauptsächlich versteckt hinter den Mauern der Häuser leben würden.
Hinter der Ortschaft fuhren sie an einem großen Gasthof vorbei. ›Zur Schwemme‹ stand in altdeutschen Lettern über der Tür. Darunter ein Schild ›zu verkaufen‹.
»For sale«, übersetzte die Taxifahrerin.
»Ah, for sale«, sagte Muu zu Jeab. Muu tippte ›Schwemme‹ ein. »Djam nuuan maak«, las Muu vor.
Jeab staunte. Das Wort stand auch für Unbegrenztheit und Unendlichkeit. Das musste es sein. Sie hatten ihren heiligen Platz in einem heiligen Ort gefunden.
Sie stiegen aus, liefen um das Objekt herum, machten durch die Fenster unzählige Fotos von den Räumen und allen Schildern, auch vom Ortsschild. Dann ließen sie sich nach Prien zurückbringen, gaben der Taxifahrerin noch einmal reichlich Trinkgeld und bestiegen die Fähre. Sie umarmten sich und wussten, dass sie alles richtig gemacht hatten.
Loyalität
Nachdem Adnan Curri erneut aus seinem Dorf geflohen war, tauchte er wieder in Tirana unter. Seine Mutter hatte er nie wiedergesehen. Das Gefühl der Ungerechtigkeit und der Hass gegenüber der heimatlichen Tradition in den ›Verwunschenen Bergen‹ Albaniens brannten sich mit jedem Tag tiefer in seine Seele.
In Tirana überließ er sich vollkommen seinen Herren. Sie unterrichteten ihn darin, wie man Menschen unterdrückt, erpresst und mit Messern tötet. Sie brachten ihm Techniken bei, wie man seine Zweifel und Skrupel durch meditative Übungen überwinden kann, wie man jedes Mitgefühl ausmerzt. Sie zeigten ihm, wie man Menschen zum Reden bringt. Nach einem weiteren Jahr in Tirana war er ein entwurzelter und anderer Mensch. Sie hatten ihm dabei geholfen, seine Gewissensbisse zu verbannen, die er nach Qamils Tod mit sich herumgetragen hatte.
Einer seiner Kameraden aus Tirana hatte es nach Wien geschafft. Petrit schickte ihm irgendwann Geld und genaue Informationen, wie auch er es nach Österreich schaffen könnte. Adnan hatte über die letzten beiden Jahre Deutsch gelernt und zögerte keinen Augenblick. Er floh aus Tirana über die Berge in den Kosovo und begab sich nach Priština, wo er Anfang Mai 2014 einen Schlepperbus bestieg. Er gab sich als Kosovo-Albaner und somit als Flüchtling aus, der keine Papiere besaß.
Der Bus brachte ihn nach Serbien. Östlich von Subotica in der nördlichen Provinz Vojvodina, kurz vor der ungarischen Grenze, überließen die Schlepper die Leute aus dem Bus sich selbst. Adnan tat das einzig Richtige, er setzte sich von der Gruppe der anderen Flüchtlinge ab.
In der Abenddämmerung schlug er sich nach Osten durch, wie es ihm sein Freund Petrit detailliert aufgeschrieben hatte. Bei der ersten Gelegenheit hielt er auf einer einsamen Straße einen Radfahrer an, der ihm entgegenkam. Er fragte ihn nach dem Weg. Der Mann begann freundlich, ihm die Strecke zu erläutern. Doch dann wurde er skeptisch und fragte, was er an der Grenze zu Ungarn wolle. Ohne zu zögern, schlug Adnan Curri den Mann mit einem Hieb vom Rad. Er ließ ihn bewusstlos am Straßenrand liegen, hob das Rad auf und setzte seinen Weg mit dem Fahrrad fort.
Bald kam er ans Ufer der Theiß, die er noch in Serbien bei Novi Kneževac über die einzige Brücke überquerte. Er folgte dem Lauf des Flusses nach Norden, wo er ihr eiskaltes Wasser schließlich durchschwamm, um unbemerkt auf die ungarische Seite zu wechseln.
Nach langem Fußmarsch kam er durchfroren und entkräftet ins ungarische Szeged. Am nächsten Morgen bestieg er einen Zug, der ihn nach zweimaligem Umsteigen nach Sopron brachte. Von dort aus passierte er schließlich die offene Grenze ins Burgenland. Endlich, er war in Österreich. Aus Klingenbach, dem ersten österreichischen Ort, rief er Petrit an, der ihn eineinhalb Stunden später mit einem Mercedes abholte und ihn herzlich begrüßte.
Mit Petrits Hilfe konnte er in Wien schnell Fuß fassen. Petrit besorgte ihm immer wieder Jobs, die mit Einbruch und Diebstahl zu tun hatten. Petrit riet ihm, den Menschen gegenüber härter und kompromissloser aufzutreten. »Wenn du keine Härte zeigst, verlierst du alles. Man muss die Härte in deinen Augen sehen.« Adnan begriff, was Petrit meinte, und lernte schnell, dass die Menschen ihn umso mehr fürchteten, je gnadenloser er sie ansah und je weniger er mit ihnen sprach.
Dann hatte Petrit ihn an Heimo Cerny vermittelt. Cerny, der Juwelenhändler, mochte Adnan vom ersten Augenblick an. Er schätzte seine klugen Augen und seine schnelle Auffassungsgabe. Für Cerny war er wie ein ungeschliffener Edelstein, den es zu bearbeiten galt. Nach einem halben Jahr besorgte er ihm österreichische Papiere. Cerny wusste, dass er sich damit Adnan Curris immerwährende Loyalität gesichert hatte.
Cerny nannte Adnan nur bei seinem Nachnamen. »Curri, das klingt so wunderbar nach indischem Essen«, hatte Cerny lustvoll gesagt und sich die Hände gerieben. Gleich hatte er hinterhergeschoben, dass er, wenn er Curri sehe, sofort Appetit auf Chicken Vindaloo bekäme.
Schnell hatte Curri das Geschäftsmodell seines neuen Chefs kennengelernt. Ohne Cerny konnte man im deutschsprachigen Raum kaum Rubine verkaufen. Der Mann galt als Rubinexperte und verfügte am Markt über eine unbezahlbare Glaubwürdigkeit.
Curri hatte schnell festgestellt, dass Heimo Cerny kein sehr mutiger Mann war. Ja, arrogant war er, überheblich, geschäftstüchtig. Aber eben nicht sehr mutig. Curri erledigte jetzt für Cerny unangenehme Botendienste und andere Wege. Curri war fortan Cernys Mann für die groben Dinge. Im Herbst 2014 wurde Adnan Curri unwiderruflich Österreicher. Und ab diesem Zeitpunkt war er Cernys zuverlässigste Hand.
Thailandeiland
Als Jeab und Muu auf die Fraueninsel zurückgekehrt waren, zeigten sie vor, was sie gefunden hatten. Sie erzählten von Tuntenhausen, von der Hochzeit, von den netten Menschen dort und von der Schwemme. Sie zeigten Bilder und malten alles mit farbigen Worten und Formulierungen aus.
Der Guru lächelte. Die Blicke von Jeab und Muu hafteten an ihm. Als der Meister sie in den Arm nahm und sie herzte wie seine Kinder, lachten sie erleichtert. »Sei es so«, sagte er. Die anderen Katoeys konnten es kaum erwarten, ihre Begeisterung mit den beiden zu teilen, und gratulierten überschwänglich.
Nuh Poo wurde sofort aktiv. Er telefonierte mit Müller-Westermann und gab ihm den Auftrag, sich mit ihm vor Ort zu treffen und das Gebäude zu besichtigen.
Eine Woche später, nach kurzen Besprechungen und einer Verhandlung mit dem Eigentümer, wurde der Kaufvertrag für die ›Schwemme‹ unterschrieben. Nuh Poo plante, die ›Schwemme‹ in Tuntenhausen sobald wie möglich wiederzueröffnen. Müller-Westermanns Innenarchitekt arbeitete Tag und Nacht. Alle Handwerker wurden vor Ort gebucht. Ihre Bezahlung war fürstlich, so dass sie auch gerne Sonderschichten einlegten. Nur mit dem Namen des Lokals war Nuh Poo nicht zufrieden. Aber es würde sich schon etwas ergeben, dachte er.
Einen Tag später erschien ein Polizist auf der Fraueninsel. Polizeihauptmeister Rödiger von der Wasserschutzpolizei verließ sein Boot und ging geradewegs auf das Haus von Nuh Poo Tubkim zu. Er klingelte und wartete. Der Leibwächter machte ihm die Tür auf.
»Ich möchte den Hausherrn sprechen«, sagte er.
Als er vor Nuh Poo stand, reichte er ihm die Hand und erklärte, dass er einen Antrittsbesuch mache, damit man sich kenne. Er habe ja schon viel von ihm gehört, dem Herrn Hausmayr, aber es wäre doch schön, wenn man sich auch mal gesehen hätte. Nuh Poo erwiderte freundlich lächelnd, dass ihn das sehr freue.
»Sagen S’ mal, wie viele von euch gibt’s denn da schon?«, fragte Rödiger.
Nuh Poo ließ den Polizisten nicht aus den Augen. »Was meinen Sie? Wie viele was?«, fragte er und lächelte erneut.
Polizeihauptmeister Rödiger räusperte sich. »Na, von den Madlbuben. Also, das erzählt man sich ja. Wie viel habt ihr da jetzt schon auf der Insel?«
»Das wechselt. Zehn Freundinnen wohnen eigentlich immer hier bei mir. Aber wir bekommen viel Besuch.« Er drehte sich um und fragte den Leibwächter: »Charlie, wie viele Besucherinnen haben wir gerade hier?«
Charlie trat einen Schritt nach vorn. »Heute werden es elf.«
»Immer wieder Gäste aus Thailand«, sagte Nuh Poo zu Rödiger. »Die reisen aber bald wieder ab. Warum fragen Sie?«
»Ka Wunder ned«, sagte er versonnen und sah auf seinen kleinen Notizblock, den er mehr aus Verlegenheit aus der Hosentasche gekramt hatte.
»Wunder, welches Wunder?«, fragte Nuh Poo neugierig.
»Na, dass die Leut’ hier am Chiemsee die Fraueninsel jetzt schon Thailandeiland nennen …«
Nuh Poos Blick erhellte sich. »Das ist es!«, rief er voller Freude und sah zu Charlie hinüber. Er war aufgesprungen. »Ja, das ist es! Wir haben einen Namen«, jubelte er und sah seine Katoeys der Reihe nach an. Sie applaudierten ihm. Charlie lächelte und sah zu Boden.
»Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist …«, sagte Rödiger verwirrt, hob seine Hand zum Gruß an die Stirn, grinste schief und verließ sie wieder.
Nuh Poo und Charlie beobachteten durch ein Fenster, wie Rödiger auf dem Weg in Richtung Landesteg ging. »Ein guter Mann, dieser Polizist«, sagte Nuh Poo. »Ihm ist der richtige Name zu unserem schönen Haus eingefallen. Er soll für zwei Monate eine Freikarte bekommen.«
Nuh Poo nahm sich drei Tage Zeit, um mit seinen deutschen Beratern die Werbestrategie für die Neueröffnung in Tuntenhausen abzustimmen. Charlie begleitete ihn auf Schritt und Tritt. Schließlich inserierten sie in allen Zeitungen, Käseblättchen und im Internet, kurz bevor eröffnet wurde:
Thailandeiland
Restaurant und Bar
Traditionelle Thai-Massage
Wir bedienen sieben Chakras
Im weiteren Text stand zu lesen: »Bei uns massieren nur thailändische Schönheiten mit Stiel.« Der Schreibfehler war die Idee von Müller-Westermann gewesen.
Nuh Poo hatte außerdem eine Fahne entworfen, die über dem Haus wehen sollte. Er erinnerte sich versonnen an seine Kindertage, als er ein Antiquariat in Bangkok entdeckt hatte, das auf alte Bücher über Europa spezialisiert war. Ihn hatten nur die Bücher über Deutschland interessiert. Oft hatte er in diesen Büchern geschmökert, den alten Kaiser gesehen, die stolzen Bärte und Pickelhauben bewundert. Immer wieder hatte er sich als Kaiser von Deutschland verkleidet und war durch das Bordell seiner Mutter stolziert. Er liebte dieses Bild, das er vom längst untergegangenen Deutschland hatte. Und er erinnerte sich daran, dass die Nationalfarben von Deutschland schwarz, weiß und rot gewesen waren. Das aber war ihm zu streng. Daher entschloss er sich, diese Farben zu modifizieren, sie sollten irgendwie pastelliger wirken. Ihm fiel das berühmte deutsche Speiseeis ein, das seine Mutter ihm zum ersten Mal mitgebracht hatte, als er sechs Jahre alt war. Es war eine deutsche Spezialität, die zur glorreichen deutschen Kaiserzeit erfunden und dem berühmten Fürsten Pückler gewidmet war. Die Flagge, die künftig über dem stolzen ›Thailandeiland‹ gehisst werden würde, sollte in diesen Farben wehen. Die riesige Trikolore in den Farben Schoko, Vanille und Erdbeere wurde am Eröffnungstag von Charlie hoch oben auf dem Dach gehisst und wehte seitdem würdevoll und weithin sichtbar an ihrem hohen Fahnenmast.
Das ›Thailandeiland‹ war von Beginn an ein Erfolg. Allabendlich strömten Transvestiten, Schwule, Lesben sowie Liebhaber und Liebhaberinnen von Transvestiten, Schwulen und Lesben aus ganz Bayern und Österreich hierher. Der Parkplatz hinter dem Haus war abgeschirmt. Die Bar und das Restaurant waren nur durch den Hofeingang zu betreten. Für die Einheimischen hatte Nuh Poo auf den Rat von Müller-Westermann vorn eine ganz normale Kneipe errichten lassen, an deren Theke sich vor allem die Landjugend die Biergläser in die Hand gaben. Die Fenster zur Straße hin waren abgedunkelt, ein breites Sichtfenster aber gestattete einen offen Blick in Bar und Restaurant.
Gewerbesteuer
Das Geschäft im ›Thailandeiland‹ lief prächtig. Nuh Poo Tubkim aber hielt sich am liebsten auf der Fraueninsel im Chiemsee auf. Er sah dem Treiben aus der Ferne zu. Er wusste, dass es besser war, ein Geheimnis aus seiner Person zu machen. Nur selten war er selbst Teil des Geschehens. Doch dann wurde ein wahrhaft imposanter Auftritt daraus.
»Da kommt er«, flüsterte der Waldmeier Sepp dem Moser Hansi zu. Sie saßen am Tresen in der Kneipe und beobachten, was draußen geschah. Ein Mercedes 600 Pullmann in metallic Gold fuhr vor und bog auf den Parkplatz hinter dem Haus ein. Der Sepp und der Hansi beobachteten, wie der Mercedes 600 auf einem Platz abgestellt wurde, der für VIPs reserviert war. Der Fahrer stieg aus und öffnete die Tür am Heck des Fahrzeugs. Dann stieg Nuh Poo Tubkim aus, in all seiner Üppigkeit.
In der Bar stoppte die Musik, und der Guru wurde über die Lautsprecheranlage angesagt wie ein Popstar. Die Gäste und Bediensteten begrüßten ihn mit Applaus und bewunderndem Gejohle. Als er den Raum durchschritt, bedachte er jeden einzelnen Gast mit einem Kopfnicken.
»Pass auf«, sagte der Sepp. »Jetzt setzt er sich hin. Lang bleibt er nie.«
Nuh Poo bestieg wie immer, wenn er das Lokal besuchte, ein kleines, aber schmuckvolles Podest am Kopfende des großen Raums, auf dem ein vergoldeter Sessel mit einem Baldachin thronte. Alle Besucher beobachteten gebannt, wie Nuh Poo Tubkim sich auf dem schweren Brokatstoff breitmachte, als ob er Hof halten würde.
»Jo spinnt der? Is des der Bummipoll?«, fragte der Hansi.
»Der Wer?«
»Na der König von Thailand, Bummipoll heißt der doch.«
»Du meinst den B…h…umibol. Vielleicht is des sein warmer Bruder?«, vermutete der Sepp und kicherte sich weg.
Nach einer Stunde Audienz, in der man mit ihm persönlich reden konnte, erhob sich Nuh Poo Tubkim wieder von seinem Sitz und ging winkend und lächelnd mit rollenden Augen zur Tür. Die Leute waren verzückt von ihm.
Das ›Thailandeiland‹ in Tuntenhausen war inzwischen ein Magnet für die gesamte Region. Die Katoeys animierten die Gäste zum Trinken, ließen sich zu Getränken einladen und waren überaus charmant zu ihnen. Der thailändische Koch war eine Sensation. Einige nahmen die Katoeys, die hier kurz Mädchen genannt wurden, mit in ihre Massageabteile im oberen Stock. Manche Besucher blieben über Nacht. Die Zimmer waren fast immer ausgebucht. Alles lief natürlich legal. Nuh Poo berief sich auf die thailändische Massagelizenz, die jeder Katoey hatte. Was danach war, konnte niemand wissen. Das Wort Prostitution war im Umfeld des ›Thailandeiland‹ tabu. Und was die Mädchen an Nuh Poos gemeinnützigen eingetragenen Verein zur Hilfe thailändischer Waisen und sozial Gestrandeter spendeten, das war freiwillig.
Es hatte Proteste gegeben, ein ortsansässiger Verein hatte eine Demonstration organisiert, zu der viele Menschen aus München angereist waren. Mit dabei waren ein paar Nonnen von der Fraueninsel, vornan marschierte Schwester Irmentrud, die lauthals betete und verbittert gegen den Teufel ins Feld zog. Außerdem hatte die Heilsarmee gesungen.
Als Nuh Poo Tubkim Schwester Irmentrud deshalb sprechen wollte und ihr lächelnd gegenübertrat, war sie ihm mit finsterem Blick begegnet, hatte ihn einfach zur Seite gedrängt und war laut betend weitermarschiert, ohne ein Wort zu ihm zu sagen. Nuh Poo hatte das gewundert. In Thailand ging man mit dem Thema toleranter um. Er fragte sich, warum das so war. In der darauffolgenden Nacht hatten ein paar Burschen dann ein paar Fensterscheiben im ›Thailandeiland‹ eingeworfen, wobei auch Wände, Fenster und der Garten beschädigt worden waren.
Für all die folgenden Reparaturen beschäftigte Nuh Poo ortsansässige Handwerker. Nachdem er den Glaser, den Tischler, den Gärtner und den Maurer bezahlt und mit einem üppigen Trinkgeld verabschiedet hatte, brachte ihn das auf eine Idee. Er wies seine Leute an, in Zukunft nicht mehr im Großhandel zu kaufen, sondern Gebäck nur noch beim Bäcker vor Ort und die Getränke über ortsansässige Getränkemärkte zu beziehen. So machte Nuh Poo Tubkim es mit allen möglichen Handwerkern und Händlern. Sie alle waren in Tuntenhausen und Umgebung beheimatet. Dazu schickte er jedes Mal Jeab und Muu vor. Sie sprachen zwar nur sehr wenig Deutsch, aber Charme und Aussehen waren auf ihrer Seite. Alle hielten sie für zwei zwar überdrehte, aber überaus süße Mädchen. Sie bezauberten und entzückten jeden, mit dem sie redeten. Die eigentlichen Geschäftsverhandlungen führte Charlie anschließend.
Schnell hatten die Leute gemerkt, dass ihnen das neue Lokal am Ortsrand Geld einbrachte. Die Feindseligkeiten ebbten ab. Der Bürgermeister hatte seine anfänglich starken Protestnoten schon längst zurückgezogen. Schließlich hatte der Laden die Gewerbesteuer für den Ort erheblich verbessert. Und so war es gekommen, dass das ›Thailandeiland‹ einfach als exotisches Institut gesehen wurde. Nicht aber als Bordell, wie einige übereifrige Einheimische immer noch hinausposaunten.
Ordenspflicht
Als Sentlinger den kleinen Tagungsraum des Gasthofs Grundler betrat, saßen die Honoratioren der Gemeinde bereits an ihren Plätzen, darunter auch zwei Mitglieder des Vorstands des katholischen Herrenordens. Jeder von ihnen hatte einen Krug mit Bier vor sich stehen.
Abgehetzt sagte Sentlinger in die Runde: »Entschuldigt bitte, aber der Verkehr.«
Murrend nahmen die anderen seine Ausrede zur Kenntnis, obwohl jeder wusste, dass an diesem Abend so gut wie nichts los war auf den Straßen der Region.
»Was soll denn heute überhaupt besprochen werden?«, fragte Franz Paltinger, der Bürgermeister. »Wozu hast du uns geladen, Erwin?«
Sentlinger nahm Platz, bestellte ein Mineralwasser und legte seine Tasche ab. »Es ist euch allen zu Ohren gekommen, dass sich hier eine fremdartige Gastronomie breitgemacht hat. Ein thailändisches Restaurant mit angeschlossenem Massageinstitut.«
»Ja warst schon probieren, ob’s denn auch gut is, des Massieren?«, frotzelte der stellvertretende Bürgermeister Viehwalder unter leisem Gelächter der Anwesenden.
»Bitte bleibt sachlich. Ich habe erfahren, dass dieses Etablissement neben zweifellos gutem Essen auch zwielichtige Dienstleistungen anbietet, die dem Ruf von unserem schönen Tuntenhausen trefflichen Schaden zufügen können.«
»Was denn für einen Schaden?«, rief der Gemeindekämmerer.
»Schaden an unserer heiligen Tradition, den Katholizismus zu wahren und zu schützen.«
»Erwin, die Zeiten ändern sich«, sagte der Bürgermeister. »Du weißt selbst, dass der Papst zu Toleranz aufgefordert hat. Andersgläubigen gegenüber.« Er räusperte sich. »Dieses Restaurant schadet unserer Gemeinde nicht, es …«
Er kam nicht zum Ende, denn der Pfarrer mischte sich vehement ein. »Schweigt! Alle! Das alles passiert im Schatten unserer Basilika, einem der heiligsten Orte, die Bayern zu bieten hat. Es kann nicht sein, dass sich dort Schluder, Sünde und Verderben breit machen. Wir müssen etwas tun. Weihmiller, sag was.«
Weihmiller, der Chef des Ordnungsamts, wand sich. »Wir können nichts tun«, kommentierte er. »Der Gewerbeantrag ist vorschriftsmäßig eingereicht, der Besitzer hat einen deutschen Pass, und alles, was dort gemacht wird, ist in bester Ordnung.«
»Trotzdem, es geht nicht, dass sich hier ein Bordell breitmacht«, schimpfte Sentlinger.
»Mit Verlaub, Erwin, aber es ist kein Bordell«, warf Weihmiller ein. »Prostitution ist nicht angemeldet und wird nach unserem Wissen dort auch nicht betrieben.« Er betrachtete Sentlinger herausfordernd.
»Hast einen Test g’macht, Weihmiller? Was ham sie denn dir genau massiert?«, rief Grundler, der Wirt.
»Dass du ned willst, dass jemand besser kocht als du, is ja klar, Grundler«, rief Viehwalder. »Du hast Angst um deine Knödel und dein Sauerkraut.«
»Sünde, Sünde!«, rief der Pfarrer. »Alles Sünde.«
»Nochmal, das ist ein ganz normales Restaurant. Und ein Gesundheitsbetrieb«, erläuterte Weihmiller. »Da ist nichts zu beanstanden.«
»A Puff is des, und nix anderes!«, schnarrte Grundler in derbem Tonfall.
»Und selbst wenn. Ein Bordell lässt sich in Deutschland nicht verhindern«, erläuterte Haarthaler, Schatzmeister des katholischen Herrenordens und Staatssekretär im Finanzministerium. »Unsere Gesetze fördern sowas ja direkt. Selbst wenn es so wäre, wir hätten kaum eine Chance, sowas zu verbieten! Deutschland ist mittlerweile europaweit das Eldorado für Bordellbetreiber.« Er lehnte sich zurück, kreuzte die Arme und starrte sein Bierglas an.
»Abgesehen davon, der Betrieb tut unseren Gemeindefinanzen außerordentlich gut«, warf der Kämmerer ein. »Der Fleischhacker lebt, die Bäckerei lebt, der Blumenhändler, der Gemüsetürke. Selbst der Matterer mit seinem heruntergekommenen Porzellanladen macht wieder Geschäfte. Was wollt ihr eigentlich? Das ist für uns das Beste, was passieren konnte!«
»Wir müssen handeln«, sagte Hartmut Eberling, ehemaliger Landwirtschaftsminister und Vorsitzender des katholischen Herrenordens. »Erwin hat Recht. Selbst schon der Anflug von Ruchlosigkeit schadet uns doch enorm. Ich sehe es als unsere Pflicht, diesen Leuten das Handwerk zu legen.«
»Handwerk is gut«, kicherte Viehwalder.
»Wenn ich bedenke, dass dort Männer in Frauenkleidern anderen Männern zutiefst sündhafte Freude anbieten!«, sagte der Pfarrer geifernd. »Allein der Gedanke, dass sich nacktes Fleisch gleichgeschlechtlicher Geschöpfe einander nähert und Dinge vollbringt, die der Herrgott niemals für gutheißen könnt.« Dabei trug er jedes Wort in gequältem Ton und mit angeekelter Miene vor.
»Geh, jetzt seien S’ doch ned so empfindlich, Herr Pfarrer! Das gibt’s doch jeden Tag in allen Klöstern rund um die Welt bei euch Katholiken«, sagte Peter Rauwald vergnügt, der Vertreter des Wirtschaftsforums, der im Nachbarort eingeheiratet hatte. Jeder wusste, dass er als fränkischer Protestant die katholischen Traditionen der Gegend für verlogen hielt. »Da könnt ihr vielleicht noch einiges lernen«, sagte er belustigt und erntete schadenfrohe Heiterkeit.
»Es hat doch gar keinen Sinn, weiter zu diskutieren«, warf der Bürgermeister mürrisch ein. »Ich lehne das komplett ab. Wir haben keine gesetzliche Grundlage, solange dort nicht nachweislich illegale Prostitution betrieben wird.«
»Meine Herren«, sagte Sentlinger laut, »ich beantrage eine Abstimmung darüber, wie wir weiter vorzugehen gedenken. Die Gemeinde könnte anstreben, dem Betrieb Thailandeinland die Lizenz zu entziehen.«
»Wir könnten ja alle mal hingehen und eine Testreihe machen«, schlug Rauwald amüsiert vor, »ob die da noch was anderes anbieten als nur gesundheitsfördernde Dienstleistungen.«
Der niedergelassene Arzt lachte. »Was der Gesundheit förderlich ist, das ist ja von Fall zu Fall verschieden.«
»Herr Doktor Trieben, was gibt’s denn da zu lachen?«, fragte Hartmut Eberling scharf. »Sie betreuen doch als Hausarzt die Thailänder. Waren da ned zuletzt so ein paar von den Madeln bei Ihnen? Was wollten die denn?«
»Tut mir leid«, sagte Trieben und hob die Hände. »Die ärztliche Schweigepflicht verbietet mir, über meine Patienten zu reden.«
»Erwin, sei mal realistisch«, mahnte Bürgermeister Paltinger. »Das müssten wir sehr gut begründen. Und der Thai hat Müller-Westermann im Boot. Und der kennt die besten Anwälte. Vergiss es! Ich sehe da keine Chance.«
»Der Bürgermeister. So, so«, ätzte Grundler, der Wirt. »Auch schon verführt und dem schnöden Mammon hörig.« Enttäuscht winkte er ab.
Rauwald sah den Wirt an, dann den Pfarrer und schließlich Sentlinger. »Jetzt seid’s doch mal ned so scheinheilig. Wenn die Deutschen es in Thailand treiben wie die Karnickel, das ist euch egal. Aber wehe, wenn es sich im schönen Bayern abspielt, huijuijui! Dann muss der Katholizismus herhalten, um die … ›Eindringlinge‹ wieder aus dem schönen Bayernland zu vertreiben.«
»Wer da eindringt, sind ja wohl die Bayern, nämlich in die Thailänder«, rief Viehwalder dazwischen, suchte die Augenpaare der anderen Anwesenden grinsend ab und sorgte erneut für Gelächter.
»Wir verdienen alle genug an dem Laden«, fuhr Rauwald fort, »lasst sie gewähren. Ich bin überzeugt davon, irgendwann verschwinden die auch wieder. Also, gehen wir zur Abstimmung.«
Sentlinger stellte die Frage. »Also, verehrte Honoratioren der Gemeinde. Wollt ihr Schamlosigkeit und Sünde weiterhin dulden in unserem heiligen Bayern? Wollt ihr für Schimpf und Schande weiterhin den Weg geebnet sehen in unserem Land? Wollt ihr Moral und Sitte den Rücken kehren hier in Tuntenhausen? Dann sagt Ja und stellt euch gegen mich und den katholischen Herrenorden. Wollt ihr aber Anstand und Ehre, Keuschheit und Reinheit bewahren, dann sagt Nein und erhebt eure rechte Hand.«
Außer Sentlinger hoben der Pfarrer, der Vorsitzende und der Schatzmeister des katholischen Herrenordens sowie der Wirt die Hand.
»Grundler, du hast kei Stimmrecht net!«, beschwerte sich Viehwalder. Der Wirt senkte seine Hand und verließ schnaubend den Raum.
Sentlinger beäugte einen nach dem anderen. Doch sie blieben standhaft.
»Erwin, es hat keinen Sinn«, sagte der Bürgermeister. »Ich weiß nicht, was dich in dem Fall antreibt.«
»Wird wohl seine heilige Schwester sein«, spottete Viehwalder. »Sie verlangt wohl von ihm, den Teufel mit unserer Hilfe zu vertreiben.« Gelächter setzte ein.
»Erwin, es bringt nichts«, sagte der Bürgermeister und versuchte zu beschwichtigen. »Sieh es ein. Wir werden nichts tun können, was unserem Gewerberecht wiederspräche.«
Sentlinger ließ die Hand sinken. Er seufzte und warf den anderen enttäuschte Blicke zu. Er fühlte sich und seine Sache verraten. Wortlos stand er auf, nickte und verließ frustriert den Raum.
Liese
Sentlinger stand am Fenster und sah hinaus. Die Niederlage gestern hatte ihn arg gebeutelt. Er hatte sich ausgemalt, in Tuntenhausen eine Front schaffen zu können, so dass Nuh Poo von selbst aufgeben und Deutschland und damit auch die Fraueninsel wieder verlassen würde. Er dachte mit Grauen daran, wie er seiner Schwester beibringen sollte, dass er keine Unterstützung gefunden hatte.
»Irgendwas stimmt doch nicht. Was ist Ihnen denn über die Leber gelaufen?«, fragte Liese, als sie Sentlinger den Morgentee brachte.
Sentlinger sah geknickt zu Boden, die Hände auf dem Rücken verschränkt. »Manchmal muss man Niederlagen einfach hinnehmen. Die Abstimmung von gestern steckt mir immer noch in den Knochen.«
»Worum ging es denn?«, fragte sie, ohne zu neugierig wirken zu wollen.
»Eine üble Sache, da sind ein paar Leute aufgetaucht, die unbayerische Umtriebigkeit zeigen. Wir müssen das verhindern. Ich werde darum kämpfen, auch wenn wir vom Herrenorden mit meinem Antrag unterlegen sind.« Dann sah er wieder zum Fenster hinaus. Liese beobachtete ihn kurz, sah zu Boden und verließ den Raum.
Sentlinger war kein Politiker, der sich gern den Massen hingab. Er arbeitete lieber im Hintergrund. Und sein Ministerpräsident wusste das zu schätzen. Sentlinger ließ niemand gern an sich heran. Es gab nur wenige Ausnahmen: seine Schwester, seine Sekretärin und seine Ärztin. Zu ihnen hatte er ein mehr oder weniger früherotisches Verhältnis. Aber das sollte niemand von ihnen wissen.
Andere Menschen waren und blieben ihm fremd. Vor vielen hatte er sogar Angst. Sexuelle Gefühle versuchte er erst gar nicht zu zeigen, obwohl er sie hatte wie jeder andere Mensch. Aber er empfand sie als peinigend. Der bloße Gedanke an Sex bereitete ihm Unbehagen. Deshalb ging er lieber zu Prostituierten, die konnte er sogleich wieder verlassen, bevor er sie hassen musste. Aber seine Neigungen hatten sich im Laufe seines Lebens gewandelt. Denn in den letzten Jahren hatte sich in ihm zunehmend die Zuneigung zu Männern durchgesetzt, wenn sie wie Frauen aussahen. Das war der Grund, warum er bis heute ledig geblieben war. Er lächelte bei dem Gedanken, wie wunderbar es ihm jeweils ergangen war, wenn er sich in Thailand bei Nuh Poo Tubkim aufgehalten hatte.
Die Minuten des Innehaltens waren vorbei. Der tägliche Kampf konnte beginnen. Er setzte sich an den bulligen Schreibtisch, nahm eine Nagelfeile aus der Jacketttasche und feilte sich die abgekauten Nägel, so gut es ging. Dann rief er: »Liese, was haben wir heute?«
Um seine Stimme souverän zu halten, klang er unfreundlich. »Liese, wo bleibst du denn?«, schimpfte er. Nach dem Streit mit seiner Schwester und seiner Niederlage von gestern Abend spürte er jetzt ein nicht enden wollendes Verlangen. Liese! Ein wonniger Schauer überkam ihn.
Liese betrat erneut sein Büro. »Bin doch schon da«, sagte sie lächelnd. Sentlinger schluckte leise und war aufgewühlt. Er beobachtete sie aus den Augenwinkeln heraus. Sie war Ende Vierzig und trug mittellanges, fast schwarzes Haar. Ihr Gesicht zeigte die ersten Falten, ihre Haut war fahl. Während der Arbeit war sie ungeschminkt, weil Sentlinger sich vor ein paar Jahren anzüglich dazu geäußert hatte. Ihre blauen Augen versteckte sie hinter einer altmodisch großen Brille. Ihre wohlgeformten Beine waren heute mit einem langen, eng anliegenden Rock bekleidet, der an der Seite geschlitzt war. Bei jedem ihrer Schritte wurde ihre Wade sichtbar, die in einem glänzenden Nylonstrumpf steckte. Sie trug außerdem eine bis zum Hals geschlossene dunkelblaue Bluse. Und gerade das machte Sentlinger fast verrückt.
»Setz dich«, sagte er. Sie ging hinüber zu dem Stuhl vor seinem Schreibtisch. Heute würde er es versuchen. Liese musste doch förmlich überschäumen vor verdrängter Lust. Seine Phantasie geiferte. Dann, wie auf einer milchigen Leinwand, sah er seine Schwester für den Bruchteil einer Sekunde aufblitzten, deren Protest er sogleich mit einem heftigen Zungenschnalzen und einer ungewollten Wischbewegung aus seinem Kopf verscheuchte. Er wandte sein Gesicht ab, doch Liese hatte sein Gedankenruckeln bemerkt.
»Liese, heute hast du etwas Wunderbares angezogen. Deine Schuhe, so schön elegant.« Sein Lächeln war teigig wie Hefe.
»Äh«, sagte Liese verlegen, »die hatte ich ja letzte Woche schon an.« Sie ließ sich seine Anzüglichkeiten gefallen und beobachtete ihn, wie ein Geißlein den bösen Wolf angesehen haben mochte.
»Ehrlich?«, fragte Sentlinger aufgesetzt freundlich. »Ich muss Zwetschgen vor den Augen haben«, sagte er und lachte viel zu laut und so künstlich wie ein Wackelpudding. »Schön, Liese, das passt so … so hübsch zu deinen Beinen.« Gerade wie der Rohrstock seiner Schwester stand er jetzt da und schlug die Hände zusammen wie ein senil gewordener Patriarch.
Liese sah kurz zu Boden und fragte dann: »Was kann ich heute tun, Herr Staatssekretär?« Die Peinlichkeit, die sie empfand, war ihrer Stimme anzumerken.
»Nun mal langsam mit den jungen Pferden ...« Er lächelte sie an, doch seine Freundlichkeit hatte etwas Bedrohliches. »Wir haben ja Zeit.« Mit einem verklärten Gesicht, das ihr beinahe Angst machte, und federndem Gang ging er unbeholfen auf sie zu.
Liese stand auf und wich einen Schritt zurück. Sie stolperte. »Ich muss noch viel erledigen. Ihre Arztrechnungen und die Gastronomieabrechnungen müssen bezahlt werden.« Liese wusste, dass es sich um Rechnungen aus zweifelhaften Begegnungen handelte. Er ließ sich tatsächlich diese Rechnungen zusenden. Kreditkarten konnte er nicht ausstehen. »Und, ein … « Sie hob ihre Brille und sah auf einen Zettel, den sie unter ihrem Block festhielt, »… ein Herr Hausmayr hat angerufen.«
Schlagartig wurde Sentlinger aus seinem Zustand herausgerissen. Er räusperte sich. »Ah, ja? Dann machen Sie mal«, brummte er und schnalzte mit den Lippen.
Liese verließ sein Büro und atmete hörbar auf.
Leidenschaft
Sentlinger betrat das ›Thailandeiland‹ durch den Hintereingang, wo er diskret von Charlie empfangen wurde. Charlie hatte trotz des beträchtlichen Gewichts ein schön geschnittenes, sanftes Gesicht. Heute hatte er sich geschminkt, trug eine weite geblümte Bluse, eine fliederfarbene Hose und feine Wildlederschuhe. Er lächelte, als er Sentlinger sah. »Schön, dich wiederzusehen, mein Meister.« Er verneigte sich vor ihm. »Der Guru ist nur wegen dir heute wieder hergekommen«, sagte Charlie und strahlte ihn an.
Sentlinger durchfuhr ein Schauer. Ihm war die Begegnung mit Charlie unangenehm.
Charlie nutzte den Wirbel um den Guru, der sich gerade mal wieder feiern ließ, um Sentlinger unbemerkt in ein Etablissement im ersten Stock zu führen. Hier wurde er von Jeab und Muu empfangen. Als Sentlinger die beiden sah, verschlug es ihm den Atem. Sie lächelten ihn an und strahlten um die Wette. Wie schön sie waren, dachte er. Ihr Anblick traf ihn bis ins Mark. Beide trugen Frauenkleidung, wie man sie in einem Haus wie diesem erwarten würde. Sie waren dezent geschminkt und bewegten sich so, dass kein Mensch vermuten würde, dass es sich um zwei Männer handelte. Allein das Wissen darum aber machte Sentlinger schier verrückt. Perfekte Ladyboys, dachte er, wunderschön. Sein Gesicht verklärte sich, und in ihm begann die Leidenschaft zu rasen.
Charlie bemerkte seine Verzückung und fragte: »Können wir dir etwas Gutes tun?«
Sentlinger schreckte auf. Diese plötzliche Unterbrechung ließ ihn aus seinen Gedanken fallen. Er stammelte: »Ähh … nein … nichts.« Er schluckte trocken.
»Einen Drink?«, fragte Charlie.
»Ja, das wäre gut. Bring mir ein Bier.«
Schnell gab Charlie den beiden ein Zeichen. Sie lächelten höflich, drehten sich um und verschwanden.
Charlie ging einen Schritt auf ihn zu. »Es freut mich, dir wieder dienen zu können. Wie geht es dir, Meister?«, fragte er mit demütigem Blick.
Sentlinger war sichtlich nervös. »Gut, danke, Charlie. Schön auch, dich zu sehen.« Er drehte sich zum Fenster und fragte: »Seit wann bist du hier?«
Charlie ging einen Schritt zurück und sagte leise: »Seit der Guru angekommen ist. Ich wollte mich schon früher …«
Sentlinger schoss herum. »Wage es nicht, mich hier zu kontaktieren!«, herrschte er ihn an. »Wenn wir was miteinander zu schaffen haben, dann melde ich mich bei dir. Verstanden? Du hältst dich zurück.«
Charlie nickte und sah zu Boden.
»Und jetzt lass mich alleine!«
Charlie nickte erneut, verneigte sich und verließ den Raum. Unmittelbar danach klopfte es an der Tür. Jeab und Muu kamen mit einer Flasche Mineralwasser und einem Bier zurück. Sentlinger spürte, wie sein Kreislauf wieder angeworfen wurde. Er ließ sie die Getränke auf den kleinen Tisch stellen und nahm in einem der Plüschsessel Platz. Als Jeab sich zum Tisch hinabbeugte, streichelte Sentlinger ihm vorsichtig mit der linken Hand über den Oberschenkel. Jeab lächelte. Muu kam hinzu, stellte das Bier ab und streichelte Sentlingers Wange. Sentlinger fuhr auch ihm mit der anderen Hand unter den Rock und erfasste die Vorderseite von Muus Slip. Dort spürte er die Wölbung, die den Unterschied zwischen einer Frau und diesem für ihn wundervollen Geschöpf klarstellte. Sentlinger war derart verzückt von den beiden Katoeys, dass er nicht merkte, dass die Tür aufging und Nuh Poo Tubkim hereinkam.
»Lass dich umarmen, mein lieber Freund«, sagte er überschwänglich und ging auf Sentlinger zu. »Wir haben uns lange nicht gesehen, und ich bin froh, dass wir uns hier treffen können. Wie schön es ist, dich zu sehen.«
Sentlinger fuhr hoch, drängte die beiden Katoeys zur Seite und sortierte sich schnell.
»Ich sehe, meine beiden schönsten Mädchen haben dich bereits herzlich empfangen, so wie es dir, mein alter Freund, gebührt. Und Charlie hast du sicher auch schon begrüßen können.«
Sentlinger stand wie angewurzelt da und stopfte sich das Hemd in die Hose. Nuh Poo kam auf ihn zu und umarmte ihn.
»Wie geht es dir, Erwin?«
»Gut, sehr gut, bei dem Empfang!«, sagte Sentlinger süffisant und betrachtete die beiden Katoeys, die ihn immer noch anlächelten.
»Ja, die beiden sind meine Schätze«, sagte Nuh Poo und verdrehte verzückt die Augen. »Sie sind mir die Liebsten. Magst du sie auch?«
Sentlinger überkam eine Wallung. Wie wunderbar sie waren. Er nickte und schluckte dabei.
Nuh Poo grinste ihm schelmisch zu und hob den Finger. »Du bist kein Kostverächter, oder wie sagt man? Du magst die beiden, oder?«
Sentlinger nickte verhalten. Er nahm sich wieder zusammen. Ein paar Sekunden sagten beide nichts. Nuh Poo spürte, dass eine eigenartige Spannung in der Luft lag. Dann platzte es aus Sentlinger heraus: »Poonish, wie kommst du dazu, einfach hier aufzutauchen? Bist du verrückt geworden? Was treibst du hier?«, fragte er zischend. »Und gerade hier in Tuntenhausen! Das ist der Sitz des katholischen Herrenordens! Und ich bin der Ehrenvorsitzende.«
»Was bedeutet das?«, fragte Nuh Poo lächelnd.
»Das ist ein heiliger Ort. Einer der heiligsten Orte Bayerns. Ihr müsst hier wieder weg.«
Nuh Poo gab den beiden Katoeys ein Zeichen, woraufhin sie sich lächelnd zurückzogen.
»Bitte setzt dich«, sagte der Guru und bot Sentlinger wieder einen Platz an, bevor er sich theatralisch in den anderen Sessel fallen ließ. Dann breitete er die Arme aus. »Ich bringe euch lieben Deutschen meine Mädchen hierher. Ihr braucht nicht mehr zu reisen. Verstehst du, Erwin? Ihr könnt jetzt alles hier bei euch haben.« Er glänzte über das ganze Gesicht und rollte enthusiastisch mit den Augen.
»Aber die Deutschen wollen nach Thailand reisen, wir wollen das hier nicht haben.«
Nuh Poo lächelte sanft. »Aber Erwin, sieh doch, wie sie alle kommen. Das Haus ist voll, meine Mädchen sind gefragt. Als Gesprächspartner und Gesellinnen. Sie sprechen ein bisschen Deutsch, sie sind ausgebildet. Ich habe ihnen alles beigebracht über das Land und seine Männer. Was die Deutschen so mögen.«
»Poonish, hör zu, das ist doch etwas ganz anderes, ob du das in Thailand machst oder hier bei uns! Bitte hör auf damit. Das gibt einen Skandal.«
»Wieso Skandal? Was heißt das? Ich habe Familie hier, und die möchte ich bald kennenlernen. Du wirst mich zu ihnen führen, so wie du es mir versprochen hast, als ich noch ein kleiner Junge war.«
Sentlinger räusperte sich. »Ja, das ist schon lange her. Damals habe ich mich um dich gekümmert, weil dein Vater ein guter Freund von mir war und ich das deiner Mutter versprochen hatte. Aber jetzt?«
Nuh Poo beugte sich vor. »Versprochen? Geschworen hast du es. Beim Tod meines Vaters. Ich will sie alle kennen lernen.«
Sentlinger baute sich vor Nuh Poo auf und musterte ihn von oben bis unten. »So kann ich dich doch nicht vorstellen. Das wollen deine Verwandten doch … gar nicht.«
»Warum weigerst du dich?«, fragte Nuh Poo verärgert.
Sentlinger seufzte. »Sie leben ja alle nicht mehr. Bis auf die Schwester deines Vaters. Aber die will dich nicht sehen«, log er. Sein Gesicht wurde hart. »Sie weiß um deine Leidenschaften, und damit will sie nichts zu tun haben.«
Nuh Poos Ärger verwandelte sich in Traurigkeit.
Sentlinger hob die Schultern und schwieg.
Nuh Poo lehnte sich zurück und senkte den Blick. Er atmete tief durch. »Für die Rubine, die du regelmäßig bei mir abgeholt, dann in deinem Diplomatengepäck mitgenommen und ihnen übergeben hast, dafür war ich ihnen gut genug. Fast jedes zweite Jahr warst du bei mir, seit ich diese Steine habe. Reich müssen sie damit geworden sein. Und jetzt wollen sie mich nicht einmal sehen?« Er lauerte auf Sentlingers Reaktion.
Sentlinger breitete die Arme aus und lächelte gequält. »Sieh mal, Poonish, es ist so. Ich habe die Rubine jedes Mal in ihrem Auftrag verkauft, und das Geld ist mittlerweile ausgegeben. Einfach weg.«
»Soll ich dir das wirklich glauben, Erwin? Ich habe auch immer dafür gesorgt, dass es dir gut ging, wenn du in Bangkok warst, dir immer angenehme Liebschaften besorgt. Du hast auch ein paar Rubine bekommen. Und Charlie, dein Liebling, war er nicht immer gut zu dir?«
»Charlie«, zischelte er. »Lass mich in Ruhe mit Charlie. Er soll mich hier nicht ansprechen. Sorg dafür, dass er sich zurückhält. Wenn mich jemand mit ihm sehen würde …«
»Aha, ist er dir nicht mehr genehm?«, fragte Nuh Poo streng. »Du hast es immer gut gehabt durch ihn, durch mich und durch meine Mutter!«
Sentlinger antwortete jetzt sanfter. »Du darfst das nicht falsch verstehen, Poonish, in Deutschland ist das alles anders. In Thailand ist … das nicht so schlimm, was dich angeht.« Sentlingers Stimme wirkte gehetzt. »Deutschland ist da eher … nicht so tolerant. Eher verstockt, konservativ, sehr verschämt. So etwas hat bei uns keine Tradition! Darum reisen so viele deutsche Männer ja nach Thailand.«
»Und wieso hast du mir das früher nicht erzählt?«, fragte Nuh Poo vorwurfsvoll.
»Weil ich dich schonen wollte. Ich wollte dich nicht verletzten. Ich habe ja nicht ahnen können, dass du tatsächlich mal hierherkommst. Und jetzt auch noch mit einem ganzen Tross von Katoeys.« Er lachte kraftlos. »Ja geht’s denn noch?«
Nuh Poo machte ein beleidigtes, aber stolzes Gesicht. Er stand auf und sagte zu Sentlinger: »Du redest Unsinn. Die Deutschen lieben uns. Ich werde dir zeigen, dass du Unrecht hast. Melde dich, wenn du dich wieder gefangen hast. Du weißt, die Liebe ist das größte Geschenk, das uns mein Vater mitgegeben hat.«
»Hör zu, Poonish, ich bekomme Druck von allen Seiten. Deine Familie will dich nicht sehen. Auf der Insel mögen sie nicht, dass du dort Häuser gekauft hast. Sie wollen euch nicht haben.«
»Viele Menschen dort sind freundlich zu uns. Bis auf diese Nonnen.«
»Ja!«, zischte Sentlinger, »und ganz vornweg meine Schwester.« Das war ihm herausgerutscht. Er räusperte sich.
»Deine Schwester? Wer ist deine Schwester?«, fragte Nuh Poo drängend.
»Na ja, die stellvertretende Chefnonne, Schwester Irmentrud.«
»Dann kann ich doch sicher mit ihr reden«, sagte Nuh Poo.
»Ich denke, das ist keine gute Idee. Sie führt doch die Proteste gegen dich an«, erklärte Sentlinger mit bedauerndem Blick. »Poonish, sei vernünftig. Zieh dich zurück.«
Nuh Poo saß geknickt vor ihm. Und irgendwie tat er Sentlinger leid. Doch jetzt war der rechte Moment, dachte Sentlinger, um das Thema anzuschneiden, weswegen er eigentlich hergekommen war. »Und außerdem machst du Dinge, die du nicht tun solltest. Du verkaufst Mogok-Rubine. Illegal. Richtig?«
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