Читать книгу: «Fünf Wochen im Ballon»
FÜNF
WOCHEN
IM
BALLON
JULES VERNE
MIT DEN ILLUSTRATIONEN DER ORIGINALAUSGABE

Mit den Illustrationen der
französischen Originalausgabe des
Verlages J. Hetzel & Cie.
Nach der deutschen Übersetzung des
A. Hartleben’s Verlages (1874-1911)
der neuen Rechtschreibung angepasst.
Leicht bearbeitet durch den Wunderkammer Verlag.
© 2013 Nikol Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG,
Hamburg
Alle Rechte, auch das der fotomechanischen Wiedergabe
(einschließlich Fotokopie) oder der Speicherung auf
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Titelabbildung: akg-images, Berlin
Umschlag: Timon Schlichenmaier, Hamburg
ISBN: 978-3-86820-957-0
www.nikol-verlag.de
ERSTES KAPITEL
Das Ende einer sehr beifällig aufgenommenen Rede. – Vorstellung des Dr. Samuel Fergusson. – ›Excelsior!‹ – Standbild des Doktors. – Ein überzeugter Fatalist. – Diner im Travellers-Club. – Zahlreiche Gelegenheitstoasts.
A
m 14. Januar 1862 hatte sich eine große Anzahl von Zuhörern zur Sitzung der Königlich-Geographischen Gesellschaft in London, Waterlooplace 3, eingefunden. Der Präsident Sir Francis M... machte in einer häufig von Beifall unterbrochenen Rede seinen ehrenwerten Kollegen eine wichtige Mitteilung. Diese seltene Probe seiner Beredsamkeit endete schließlich mit einigen schnarrenden Phrasen, in welchen sich der Patriotismus in vollen Strömen ergoss:
»England hat sich immer durch die Unerschrockenheit seiner Reisenden auf der Bahn geographischer Entdeckungen an der Spitze der Nationen bewegt. Denn, wie man bemerkt, muss von den Nationen immer eine der anderen voraus sein (große Beifallsbekundung). Doktor Samuel Fergusson, eins der glorreichen Kinder dieses Landes, wird seinen Ursprung nicht verleugnen. (Von allen Seiten: ›Nein! Nein!‹) Dieser Versuch wird, wenn er glückt, die verstreuten Kenntnisse der afrikanischen Kartographie vervollständigen und verbinden (stürmischer Beifall), und, wenn er missglücken sollte (›Niemals! Niemals.‹), so wird man ihn wenigstens als eine der kühnsten Unternehmungen des menschlichen Geistes bestaunen. (Wütendes Trampeln mit den Füßen.)«
»Hurra! Hurra!«, schrie die von diesen zündenden Worten elektrisierte Gesellschaft.
»Ein Hurra dem unerschrockenen Fergusson!«, rief eins der erregtesten Mitglieder des Auditoriums.
Aber in England bleibt der Enthusiasmus nicht bei Worten, er schlägt noch rascher Geld als der Prägstock der ›Royal mint‹. Noch in derselben Sitzung wurde bestimmt, dem Doktor Fergusson eine anerkennende Gratifikation zur weiteren Ermutigung zukommen zu lassen. Dieselbe belief sich auf 2.500 Pfund Sterling. Die Größe der Summe stand im richtigen Verhältnis zur Wichtigkeit des Unternehmens.
Eins der Mitglieder der Gesellschaft fragte den Präsidenten im Bezug darauf, ob Doktor Fergusson nicht offiziell vorgestellt werden würde.
»Der Doktor steht der Gesellschaft zur Verfügung«, antwortete Sir Francis M...
»So möge er eintreten!«, rief man. »Einen Mann von so außerordentlicher Kühnheit sieht man gern mit eigenen Augen.«
»Vielleicht hat dieser unglaubliche Vorschlag«, sagte ein alter, gelähmter Commodore, »keinen andern Zweck gehabt, als uns zu täuschen!«
»Und wenn dieser Doktor Fergusson überhaupt nicht existierte!«, ließ sich eine boshafte Stimme vernehmen.
»So müsste man ihn erfinden«, sagte ein launiges Mitglied der ernsten Gesellschaft.
»Lasst den Doktor Fergusson hereinkommen«, sprach Sir Francis M... einfach und der Doktor trat inmitten eines Beifallssturmes ein, ohne auch nur die geringste Erregung spüren zu lassen.
Er war ein Mann von etwa vierzig Jahren, von gewöhnlicher Statur und Konstitution. Die erhöhte Färbung seines Gesichtes verriet ein sanguinisches Temperament; er hatte kalte, regelmäßige Züge und eine starke, einem Schiffsschnabel ähnelnde Nase schien ihn zu Entdeckungsreisen prädestiniert zu haben. Seine sanften, mehr intelligenten als kühnen Augen verliehen seiner Physiognomie einen großen Reiz, seine Arme waren von ungewöhnlicher Länge, und an der Art, wie er seine Füße auf den Boden setzte, erkannte man den großen Wanderer. Die ganze Erscheinung des Doktors atmete einen ruhigen Ernst, und man dachte nicht daran, dass er das Werkzeug der unschuldigsten Mystifikation sein könnte. Auch hörten die Hurras und das Beifallklatschen nicht eher auf, als bis Dr. Fergusson mit einer liebenswürdigen Handbewegung Stillschweigen gebot. Er wandte sich nach dem zu seiner Vorstellung herbeigeschafften Lehnsessel, hob, hoch aufgerichtet, mit energischem Blick den Zeigefinger seiner rechten Hand gen Himmel, öffnete den Mund und sprach dies einzige Wort:

»Excelsior!«
Wer war denn dieser Doktor? Und welcher Unternehmung wollte er seine Kräfte widmen? Der Vater des jungen Fergusson, ein wackerer Kapitän der englischen Marine, hatte seinen Sohn vom zartesten Alter an mit den Gefahren und Abenteuern seines Berufes vertraut gemacht. Das ausgezeichnete Kind, welches Furcht nie gekannt zu haben schien, verriet frühzeitig einen lebhaften Geist, einen regen Forschungssinn, eine bemerkenswerte Neigung zu wissenschaftlichen Arbeiten und zeigte außerdem eine wunderbare Geschicklichkeit, sich in schwierigen Fällen aus der Affäre zu ziehen und sich im Leben durchzuschlagen. Es geriet niemals in Verlegenheit, selbst nicht, als es sich zum ersten Mal der Gabel bedienen sollte, wobei Kinder im Allgemeinen so wenig Glück haben.

Bald entzündete sich seine Fantasie an der Lektüre von kühnen Unternehmungen und Erforschungen des Meeres, ja, der Knabe verfolgte mit leidenschaftlichem Interesse die Entdeckungen, welche den ersten Teil des 19. Jahrhunderts auszeichneten. Er träumte von den Erfolgen eines Mungo-Park, eines Bruce, Caillie, Levaillant und, wie ich glaube, auch nicht wenig von den Mühen und Kämpfen Selkirks, des Robinson Crusoe, dessen Ruhm ihm nicht geringer erschien. Wie viel wohlangewandte Stunden brachte er bei ihm auf seiner Insel Juan Fernandez zu! Oft fanden die Gedanken des verlassenen Matrosen seine Billigung, bisweilen aber unterzog er seine Pläne einer eingehenden Erörterung. Er hätte vieles anders gemacht. Manches vielleicht besser oder mindestens ebenso gut, aber bestimmt hätte er dieser glückseligen Insel, auf der er glücklich gewesen war wie ein König ohne Untertanen, niemals den Rücken zugekehrt, selbst wenn es sich darum gehandelt hätte, erster Lord der Admiralität zu werden!
Ich überlasse es euch zu erwägen, ob sich diese Neigungen in der Zeit seiner abenteuerlichen Jugend entwickelten, während welcher er in allen fünf Weltteilen herumgestoßen wurde. Im Übrigen versäumte es sein Vater als gebildeter Mann nicht, diesem lebhaften Geist durch ernste Studien auf dem Gebiete der Hydrographie, der Physik und der Mechanik einen festen Boden zu geben und ihm zugleich eine oberflächliche Kenntnis der Botanik, Medizin und Astronomie beizubringen. Als der würdige Kapitän starb, hatte Samuel Fergusson, 22 Jahre alt, schon eine Reise um die Welt gemacht. Er ließ sich von dem Bengalischen Ingenieurkorps anwerben und zeichnete sich bei verschiedenen Gelegenheiten aus. Aber das Soldatenleben behagte ihm nicht, es lag ihm wenig daran zu befehlen und er gehorchte nicht gerne. Er nahm seine Entlassung und zog jagend und botanisierend nach dem Norden der indischen Halbinsel. Diese durchstreifte er von Kalkutta bis Surate. Ein einfacher Spaziergang aus Liebhaberei. Von Surate sehen wir ihn nach Australien wandern und im Jahre 1845 an der Expedition des Kapitän Stuart teilnehmen. Dieser hatte den Auftrag, jenes Kaspische Meer zu entdecken, das angeblich im Innern von Neuholland existieren soll.
Samuel Fergusson kehrte 1850 nach England zurück, und mehr als je von dem Dämon der Entdeckungslust besessen, begleitete er bis zum Jahre 1853 den Kapitän MacClure auf der Expedition, durch welche die Küste des Kontinents von Amerika von der Beringstraße bis zum Kap Farewell erforscht werden sollte. Sowohl bei den ärgsten Strapazen als auch in jedem Klima hielt die Konstitution Fergussons vortrefflich stand, und unter den furchtbarsten Entbehrungen fühlte er sich ganz behaglich. Kurz, man sah in ihm den Typus eines Reisenden, dessen Magen sich nach Wunsch zusammenzieht oder ausdehnt, dessen Beine sich nach dem improvisierten Lager verlängern oder kürzer werden und der zu jeder Tageszeit einschlafen und zu jeder beliebigen Stunde der Nacht erwachen kann.
Während dieser verschiedenen Ausflüge war Samuel Fergusson der tätigste und anziehendste Korrespondent des ›Daily Telegraph‹, dieser Penny-Zeitung, die täglich in einer Auflagenhöhe von 140.000 Exemplaren gedruckt wurde und kaum für mehrere Millionen Leser ausreichte. Auch kannte man unseren Doktor überall, obgleich er Mitglied keines gelehrten Instituts war und weder den Königlich-Geographischen Gesellschaften von London, Paris, Berlin, Wien oder St. Petersburg angehörte noch zu den Mitgliedern des Klubs der Reisenden oder der ›Royal Polytechnic Institution zählte, in welcher sein Freund, der Statistiker Kokburn, den Vorsitz führte.
Dieser Gelehrte gab ihm eines Tages, in der Hoffnung, sich ihm angenehm zu machen, folgende Aufgabe zu lösen: Wenn die Zahl der von dem Doktor auf seinen Reisen um die Welt zurückgelegten Meilen gegeben ist, einen wie viel weiteren Weg hat – in Anbetracht der Verschiedenheit der Radien – sein Kopf gemacht als seine Füße? Und ferner: Wenn die Zahl der von den Füßen und dem Kopf des Doktors gemachten Meilen bekannt ist, sei die Körpergröße desselben bis auf die Linie genau zu berechnen.
Fergusson indessen hielt sich stets von den gelehrten Körperschaften fern, denn er rechnete sich zu den Streitern, die mit Taten, nicht mit Worten kämpften. Unser Doktor verwandte seine Zeit lieber für Forschungen und Entdeckungen als für langatmige Erörterungen.
Man erzählt, dass eines Tages ein Engländer in Genf eintraf, um dort den See zu besichtigen, und sich zu diesem Zweck in eine der alten, omnibusartigen Kutschen setzte, in denen die Plätze für die Passagiere an beiden Seiten angebracht sind. Nun traf es sich aber unglücklicherweise, dass der Reisende dem See den Rücken zukehrte, und so kam es, dass er seine Rundreise in aller Gemütsruhe vollendete, ohne auch nur einen Schimmer vom Genfer See erblickt zu haben, denn an die Möglichkeit, sich auch nur einmal umzuwenden, hatte er nicht gedacht. Trotzdem kehrte er, vom Genfer See entzückt, nach London zurück. Was nun Doktor Fergusson anbetraf, so hatte er sich auf seinen Reisen mehr als einmal umgewandt, und zwar so gut, dass er viel von der Welt gesehen hatte. Er folgte hierbei übrigens nur seiner Natur, und wir haben guten Grund anzunehmen, dass er ein wenig Fatalist war. Er huldigte jedoch einem sehr orthodoxen Fatalismus, denn er rechnete auf sich selbst und auf die Vorsehung. Er behauptete, dass er viel mehr in seine Reisen hineingeschleudert würde, als dass sie ihn anzögen, und dass er mit einer Lokomotive zu vergleichen sei, die sich nicht selbst lenkt, sondern deren Richtung vom Schienenwege bestimmt wird.

»Ich verfolge nicht meinen Weg«, sagte er oft, »mein Weg verfolgt mich.«
Nach alledem wird man sich nicht über die Kaltblütigkeit wundern, mit welcher Doktor Fergusson die Beifallsrufe der Königlich-Geographischen Gesellschaft entgegennahm. Er war über dergleichen Erbärmlichkeiten erhaben, da er weder Stolz noch irgendwelche Eitelkeit besaß, und fand den Vorschlag, welchen er dem Präsidenten Sir Francis M... gemacht hatte, im höchsten Grade einfach. Der ungeheuren Wirkung, welche derselbe hervorgebracht hatte, war er nicht einmal gewahr geworden.
Nachdem die Sitzung beendet war, wurde der Doktor im Triumph zum Travellers-Club nach Pall Mall geführt, wo ein prächtiges Festmahl vorbereitet war. Der Umfang der servierten Schüsseln stand im Verhältnis zur Bedeutung der gefeierten Persönlichkeit, und der Stör, welcher bei diesem glänzenden Diner serviert wurde, maß nicht drei Zoll weniger an Länge, als Samuel Fergusson selbst.
Zahlreiche Toasts wurden mit französischen Weinen auf die großen Reisenden ausgebracht, welche sich auf Afrikas Erde einen berühmten Namen gemacht hatten. Man trank auf ihre Gesundheit oder auf ihr Andenken, und zwar in echt englischer Manier nach alphabetischer Ordnung: auf Abbadie, Adams, Adamson, Anderson, Arnaud, Baikie, Baldwin, Barth, Batouda, Beke, Beltrame, du Berba, Bimbachi, Bolognesi, Bolwik, Bolzoni, Bonnemain, Brisson, Browne, Bruce, Brun-Rollet, Burchell, Burckhardt, Burton, Caillaud, Caillié, Campbell, Chapman, Clapperton, Clot-Bey, Colomieu, Courval, Cumming, Cuny, Debono, Decken, Denham, Desavanchers, Dicksen, Dickson, Dochard, Duchaillu, Duncan, Durand, Duroule, Duveyrier, Erhardt, d‘Escayrac de Lauture, Ferret, Fresnel, Galinier, Galton, Geoffroy, Golberry, Hahn, Halm, Harnier, Hecquart, Heuglin, Hornemann, Houghton, Imbert, Kaufmann, Knoblecher, Krapf, Kummer, Lafargue, Laing, Lajaille, Lambert, Lamiral, Lamprière, John Lander, Richard Lander, Lefebvre, Lejean, Levaillant, Livingstone, Maccarthie, Maggiar, Maizan, Malzac, Moffat, Mollien, Monteiro, Morrisson, Mungo-Park, Neimans, Overweg, Panet, Partarrieau, Pascal, Pearse, Peddie, Peney, Petherick, Poncet, Prax, Raffenel, Rath, Rebmann, Richardson, Riley, Ritchie, Röchet d‘Héricourt, Rongawi, Röscher, Ruppel, Saugnier, Speke, Steidner, Thibaud, Thompson, Thornton, Tolde, Tousny, Trotter, Tuckey, Tyrwitt, Vaudey, Veyssière, Vincent, Vinco, Vogel, Wahlberg, Warington, Washington, Werne, Wild und endlich auf den Doktor Fergusson, der die Arbeiten dieser Reisenden durch seinen unglaublichen Versuch miteinander vereinen und die Reihe der Entdeckungen in Afrika vervollständigen sollte.
ZWEITES KAPITEL
Ein Artikel im ›Daily Telegraph. – Gelehrter Federkrieg. – Herr Petermann unterstützt seinen Freund, den Doktor Fergusson. -Antwort des Gelehrten Koner. – Abschluss von Wetten. – Dem Doktor werden verschiedene Vorschläge gemacht.
A
m folgenden Tag veröffentlichte der ›Daily Telegraph‹ in seiner Nummer vom 15. Januar einen wie folgt lautenden Artikel:
›Das Geheimnis der ungeheuren afrikanischen Einöden wird endlich offenbart werden; ein moderner Ödipus wird uns die Lösung dieses Rätsels bringen, das die Gelehrten von sechs Jahrtausenden nicht zu entziffern vermochten. Ehedem wurde eine Aufsuchung der Nilquellen, fontes Nili quaerere, als ein wahnsinniges Unternehmen, ein nicht zu verwirklichendes Hirngespinst betrachtet. Indem der Doktor Barth die von Denham und Clapperton vorgezeichnete Straße bis Sudan verfolgte, Doktor Livingstone seine unerschrockenen Nachforschungen vom Kap der Guten Hoffnung bis zum Flussbecken des Zambesi ununterbrochen betrieb, die Kapitäne Burton und Speke die großen Binnenseen entdeckten, haben sie der modernen Zivilisation drei Bahnen geöffnet. Der Durchschnittspunkt, nach dem noch kein Reisender hat gelangen können, ist das eigentliche Herz Afrikas; daraufhin müssen sich nunmehr alle Anstrengungen richten. Jetzt aber werden die Arbeiten dieser unerschrockenen Pioniere der Wissenschaft durch den kühnen Versuch des Doktor Samuel Fergusson untereinander verknüpft werden. Dieser verwegene Entdecker, dessen so herrliche Forschungen unsere Leser so oft mit Interesse verfolgt haben, hat sich vorgenommen, über ganz Afrika von Osten nach Westen in einem Ballon hinweg zu fahren. Sind wir recht unterrichtet, so würde der Ausgangspunkt dieser wunderbaren Reise die Insel Sansibar an der Ostküste sein. Was ihren beabsichtigten Endpunkt anbetrifft, so ist die Kenntnis desselben allein dem Schicksal überlassen. Der Vorschlag zu dieser wissenschaftlichen Forschungsreise ist gestern offiziell der Königlich-Geographischen Gesellschaft gemacht worden und eine Summe von 2.500 Pfund von derselben bereitgestellt, um die Kosten des Unternehmens zu decken.
Wir werden unsere Leser laufend in Kenntnis über den Verlauf dieser bewunderungswürdigen Entdeckungsreise halten, von der sich in den Annalen der Geographie kein Präzedenzfall findet.‹
Wie man sich denken kann, machte dieser Artikel ein ungeheures Aufsehen; zuerst stieß er auf allgemeinen Unglauben; Doktor Fergusson galt bei vielen für ein in der Idee existierendes, nur fingiertes Wesen, eine Erfindung des Herrn Barnum, der sich, nachdem er in den Vereinigten Staaten gearbeitet hatte, nunmehr anschickte, die Britischen Inseln zu ›machen‹.
Eine scherzhafte Antwort erschien in Genf in der Februar-Nummer des Bulletins de la Societe Geographique. Dieselbe verspottete auf ironische Weise die Königlich-Geographische Gesellschaft in London, den Travellers-Club und den riesigen Stör.
Aber Herr Petermann brachte die Genfer Zeitschrift in seinen in Gotha veröffentlichten ›Mitteilungen‹ gründlich zum Schweigen, denn er kannte den Doktor Fergusson persönlich und leistete für die Unerschrockenheit seines kühnen Freundes Gewähr.
Bald mussten übrigens alle Zweifel verstummen. Die Vorbereitungen zu der Reise gingen in London vor sich. Lyoner Fabriken hatten bedeutende Taffetbestellungen für den Bau des Luftschiffes erhalten, und endlich stellte die Regierung von Großbritannien das Transportschiff ›The Resolute‹, Kapitän Pennet, dem Doktor zur Verfügung.

Alsbald ließen sich von vielen Seiten ermutigende Äußerungen vernehmen, und tausend Glückwünsche wurden laut. Die Einzelheiten der geplanten Reise wurden ausführlich in den ›Bulletins de la Societe Geographique‹ in Paris besprochen, und ein interessanter Artikel über diesen Gegenstand in den ›Nouvelles Annales des voyages, de la géographie, de l‘histoire et de l‘archéologie de M. V – A. Malte-Brun‹ abgedruckt. Eine äußerst sorgfältige Arbeit des Doktor W. Koner, die in der ›Zeitschrift für allgemeine Erdkunde‹ veröffentlicht wurde, wies siegreich die Möglichkeit der Reise, ihre Aussichten auf Erfolg, die Natur der Hindernisse und die unermesslichen Vorteile der Beförderungsweise auf dem Luftwege nach. Er tadelte nur den Anfangspunkt und gab Massaua, einem kleinen Hafenorte Abessiniens, den Vorzug, von welchem aus James Bruce im Jahre 1768 zu der Erforschung der Nilquellen ausgezogen war. Übrigens bewunderte er rückhaltlos den energischen Geist des Doktor Fergussons und das mit dreifachem Erz umschlossene Herz, welches den Plan zu einer solchen Reise entwerfen und sie zur Ausführung bringen konnte.
Die ›North American Review‹ sah nicht ohne Missvergnügen einen solchen Ruhm England vorbehalten, nahm den Vorschlag des Doktors von einer scherzhaften Seite und lud ihn ein, da er dann einmal auf dem Wege sei, gleich weiter bis nach Amerika zu fahren. Kurz, ohne die Zeitschriften der ganzen Welt aufzählen zu wollen, können wir versichern, dass es vom Journal des missions évangéliques‹ bis zur ›Revue Algérienne et coloniale‹, von den ›Annales de la propagation de la foi‹ bis zum ›Church missionary intelligencer‹ keine wissenschaftliche Zeitschrift gab, welche diese Tatsache nicht in allen Variationen berichtet hätte.
Beträchtliche Wetten wurden in London wie in ganz England eingegangen, 1. über die wirkliche oder nur vermutete Existenz Doktor Fergussons; 2. über die Reise selbst, die nach der Behauptung der einen nicht angetreten, nach der Meinung der anderen unternommen werden würde; 3. über die Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit einer Rückkehr Doktor Fergussons. Man trug bedeutendere Summen in das Wettbuch ein, als wenn es sich um ein Epsom-Rennen gehandelt hätte.
So waren die Augen von Gläubigen und Ungläubigen, von Unwissenden und Gelehrten auf den Doktor gerichtet, und er wurde der Löwe des Tages, ohne eine Ahnung davon zu haben, dass er eine Mähne trüge. Er gab bereitwillig Auskunft über die Expedition, denn er war der natürlichste und zugänglichste Mensch von der Welt. Mehr als ein kühner Abenteurer bot sich an, den Ruhm und die Gefahren seines Versuchs zu teilen, aber Fergusson wies alle solche Anerbietungen ab, ohne die Gründe hierzu anzugeben.
Außerdem stellten sich eine Menge Erfinder von allerhand Mechanismen bei ihm ein, um ihr System für die Steuerung des Ballons zu empfehlen. Er ließ sich jedoch auf nichts ein, und wenn man ihn fragte, ob er selbst in dieser Beziehung etwas entdeckt habe, weigerte er sich hartnäckig, eine bestimmte Erklärung abzugeben, und beschäftigte sich eifriger als je mit den Vorbereitungen zu seiner Reise.
DRITTES KAPITEL
Der Freund des Doktors. – Geschichte ihrer Freundschaft. – Dick Kennedy in London. – Ein unerwarteter, aber keineswegs beruhigender Vorschlag. – Das wenig tröstlich klingende Sprichwort. – Einige Worte über die afrikanische Märtyrerliste. – Vorteile eines Luftschiffes. – Das Geheimnis des Doktor Fergussons.
D
oktor Fergusson besaß einen Freund. Derselbe war nicht etwa sein zweites Ich, kein Alter Ego – zwischen zwei vollkommen gleichartigen Wesen hätte wirkliche Freundschaft nicht existieren können -, aber wenn Dick Kennedy und Samuel Fergusson auch verschiedene Eigenschaften und Fähigkeiten, ja sogar ein unterschiedliches Temperament besaßen, so waren sie doch ein Herz und eine Seele und wurden dadurch nicht weiter gestört, im Gegenteil.
Besagter Dick Kennedy war ein Schotte im wahrsten Sinne des Worts; offen, entschlossen und beharrlich. Er wohnte in der kleinen Stadt Leith bei Edinburg, eine richtige Bannmeile von dem ›alten Rauchnest‹ entfernt. Bisweilen betrieb er die Fischerei, aber immer und überall war er dem Jägerhandwerk mit Leib und Seele ergeben; und das war bei einem Kinde Kaledoniens, das gewohnt ist, in den Bergen des Hochlands umherzustreifen, nicht eben verwunderlich. Man rühmte ihn als einen vorzüglichen Schützen mit dem Karabiner und sagte ihm nach, dass er die Kugel beim Schuss auf eine Messerklinge nicht nur durchschnitt, sondern sie auch auf diese Weise in so gleiche Hälften teilte, dass beim Wiegen kein Unterschied zwischen ihnen gefunden werden konnte.
Die Physiognomie Kennedys erinnerte lebhaft an diejenige Haibert Glendinnings, wie sie Walter Scott im ›Kloster‹ gezeichnet hat; seine Größe überstieg sechs englische Fuß; obgleich graziös und geschickt, war er mit einer herkulischen Körperkraft ausgestattet; ein wettergebräuntes Antlitz, lebhafte schwarze Augen, eine natürliche, ausgeprägte Kühnheit, kurz eine gewisse Güte und Solidität in der ganzen Person des Schotten nahm von vornherein zu seinen Gunsten ein.
Die beiden Freunde hatten sich in Indien, als beide bei demselben Regiment dienten, kennen gelernt; während Dick sich auf der Tiger- und Elefantenjagd vergnügte, erbeutete Samuel Pflanzen und Insekten. Dieser wie jener konnte sich in seiner Sphäre eines guten Erfolges rühmen, und dem Doktor fiel gar manche Pflanze in die Hände, deren Wert einem Paar Elfenbeinhauern gleich zu schätzen war.
Die beiden jungen Leute hatten niemals Gelegenheit gehabt, einander das Leben zu retten oder sich sonstige Dienste zu erweisen; daher erhielt sich unter ihnen eine ungetrübte, gleichbleibende Freundschaft. Das Schicksal trennte sie zuweilen voneinander, aber immer führte sie ihre Sympathie wieder zusammen. Seitdem sie nach England zurückgekehrt waren, wurden sie oft durch die Expeditionen des Doktors getrennt; wenn er indessen heimkam, versäumte er niemals, ungebeten bei seinem Freunde vorzusprechen und ihm einige Wochen zu widmen. Dick plauderte dann von der Vergangenheit und Samuel machte Zukunftspläne; der eine sah vorwärts, der andere schaute zurück. Und so kam es, dass der Geist des einen die personifizierte Aufregung, der des andern die vollkommenste Ruhe war.

Nachdem der Doktor aus Tibet zurückgekommen war, sprach er fast zwei Jahre lang nicht von neuen Forschungsreisen, und Dick gab sich der Hoffnung hin, dass sein Reisetrieb und seine Sucht nach Abenteuern nun endlich befriedigt wären. Dieser Gedanke begeisterte ihn. ›Wenn man auch noch so gut mit den Menschen umzugehen versteht‹ sagte er zu sich, ›muss es doch früher oder später ein schlechtes Ende nehmen; man begibt sich nicht ungestraft unter Menschenfresser und wilde Tiere.‹ So forderte denn Kennedy seinen Freund dazu auf, ein Ende mit seinen Reisen zu machen, und stellte ihm vor, dass er für die Wissenschaft genug und für die Dankbarkeit der Menschen bereits viel zu viel geleistet habe. Hierauf erhielt er von dem Doktor keine Antwort; derselbe war in der nächsten Zeit nachdenklich, beschäftigte sich insgeheim mit Berechnungen, verbrachte die Nächte mit minutiösen Arbeiten, über Zahlen brütend; ja, er stellte sogar Experimente mit allerlei sonderbaren Maschinerien an, von denen man nicht wusste, was sie zu bedeuten hatten. So viel aber war klar ersichtlich: Es gärte ein neuer, großer Gedanke im Hirn Samuel Fergussons.
›Worüber mag er so gegrübelt haben?‹, fragte sich Kennedy, als ihn sein Freund im Januar verlassen hatte, um nach London zurückzukehren. Da wurde ihm die Beantwortung dieser Frage eines Morgens aus dem bereits mitgeteilten Artikel des ›Daily Telegraph‹ gegeben.
»Barmherziger Himmel!«, rief er aus. »Ist der Mensch wahnsinnig geworden! Afrika in einem Ballon durchreisen! Weiter fehlte nichts! Also darüber hat er in diesen beiden Jahren nachgesonnen!« Denkt euch anstatt aller dieser Ausrufungszeichen kräftige, auf das eigene Hirn geführte Faustschläge und ihr werdet euch einen ungefähren Begriff von der körperlichen Emotion machen können, in welcher unser wackerer Dick seine Erregung austobte. Als seine alte Vertraute, Frau Elsbeth, ihm zu bedenken gab, dass dies alles nur eine Mystifikation sein könne, antwortete er:

»Unsinn! Ich werde doch meinen Mann kennen? Das sieht ihm ähnlich, ganz ähnlich! Durch die Lüfte reisen! Jetzt wird er gar eifersüchtig auf die Vögel! Nein, daraus soll nichts werden! Ich werde es zu verhindern wissen! Ja, wenn man ihn gewähren ließe; wer könnte einem dafür gutsagen, dass er sich nicht eines schönen Tages nach dem Monde aufmachte!«
Noch am Abend desselben Tages setzte sich Kennedy voll großer Unruhe und Erbitterung in ein Coupé der Eisenbahn nach der General Railway Station und kam am folgenden Morgen in London an. Eine Dreiviertelstunde später setzte ihn eine Droschke vor dem kleinen Hause des Doktors, Soho Square, Greek Street ab. Er schritt über den Vorplatz und kündigte sich durch fünf nachdrückliche Schläge gegen die Tür an, worauf Fergusson öffnete.
»Dick?«, fragte er, ohne irgendwelches Erstaunen zu verraten.
»Dick selber«, erwiderte Kennedy kurz.
»Du hältst dich zur Zeit der Winterjagden in London auf? Was führt dich hierher?«
»Eine grenzenlose Torheit, die ich verhindern will.«
»Eine Torheit?«
»Ist das, was in dieser Zeitung steht, wahr?«, rief Kennedy jetzt, indem er die betreffende Nummer des Daily Telegraph hervorholte und sie seinem Freunde entgegenhielt.
»Ach davon sprichst du! Diese Zeitungen schwatzen doch wirklich alles aus! Aber setze dich doch, lieber Dick.«
»Nein, ich werde mich nicht setzen. Sage mir, ob du wirklich und wahrhaftig die Absicht hast, diese Reise zu unternehmen?«
»Ganz entschieden; meine Vorbereitungen sind schon im Gange, und ich ...«
»Wo hast du deine Vorbereitungen? In tausend Stücke will ich sie zerschlagen! Her damit!«
Der würdige Schotte geriet jetzt ernstlich in Zorn.
»Beruhige dich, mein lieber Dick«, versetzte der Doktor; »ich begreife deine Gereiztheit sehr wohl. Du zürnst mit mir, weil ich dir meine neuen Pläne noch nicht mitgeteilt habe.«
»Das nennt er neue Pläne!«
»Ich bin nämlich sehr beschäftigt gewesen«, fuhr Samuel fort. »Es gab in der letzten Zeit viel für mich zu tun. Aber trotzdem wäre ich nicht abgereist, ohne dir zu schreiben ...«
»Ach, was liegt mir daran ...«
»Weil ich die Absicht habe, dich mitzunehmen.«
Der Schotte machte einen Satz, der einem Gemsbock zur Ehre gereicht hätte.
»Ach so!«, sagte er. »Du bist also darauf aus, uns beide nach Bedlam zu bringen!«
»Ich habe mit voller Bestimmtheit auf dich gezählt, lieber Dick, und dich unter Ausschluss von vielen anderen zu meinem Reisegefährten auserwählt.«
Kennedy war ganz erstarrt vor Erstaunen.
»Wenn du mich zehn Minuten lang angehört hast, wirst du mir dafür dankbar sein«, fuhr der Doktor fort.
»Sprichst du wirklich im Ernst?«
»Vollkommen im Ernst.«
»Und wenn ich mich nun weigere, dich zu begleiten?«
»Das wirst du nicht tun.«
»Wenn ich mich nun aber doch weigere?«
»Dann reise ich allein.«
»Setzen wir uns«, sagte der Jäger, »und sprechen wir ohne alle Leidenschaft. Von dem Augenblick an, wo ich weiß, dass du nicht scherzt, ist die Sache wenigstens einer Unterredung wert.«
»Wenn du nichts dagegen hast, können wir dabei frühstücken, lieber Dick.«
Die beiden Freunde setzten sich einander gegenüber an einen kleinen Tisch, auf dem rechts ein stattlicher Berg von Butterbroten und links eine ungeheure Teekanne stand.
»Mein lieber Samuel, dein Plan ist geradezu verrückt; an seine Durchführung ist nicht zu denken, er ist mit einem Wort: unmöglich!«
»Das werden wir erst genau wissen, wenn wir den Versuch gemacht haben.«
»Aber eben dieser Versuch soll ja nicht gemacht werden!«
»Und warum nicht, wenn‘s beliebt?«
»Denke doch an die Gefahren, die Hindernisse aller Art!«
»Hindernisse«, versetzte Fergusson sehr ernst, »sind dazu gemacht worden, um beseitigt zu werden; und was die Gefahren betrifft – wer kann sich sicher sein, ihnen zu entgehen? Alles im Leben ist Gefahr! Es kann das größte Unglück herbeiführen, wenn man sich an einem Tische niederlässt oder auch nur seinen Hut aufsetzt. Überdies muss man sich sagen, dass alles, was bereits geschehen ist, auch wiederum geschehen wird, dass die Zukunft nur eine etwas entferntere Gegenwart ist.«
»Ich kenne deine Ansichten«, schob Kennedy ein, indem er mit den Achseln zuckte. »Du bist ein Fatalist!«
»Immer, aber im besten Sinne des Wortes. Beschäftigen wir uns also nicht mit dem, was das Schicksal uns möglicherweise vorbehalten hat, sondern halten wir uns an das gute englische Sprichwort: ›Wer zum Hängen geboren ist, wird nie den Tod des Ertrinkens sterben‹«
Hierauf war nichts zu erwidern, doch hinderte dies Kennedy nicht, eine Menge nahe liegender Gründe gegen die beabsichtigte Unternehmung aufzuzählen, deren nähere Erörterung uns hier zu weit führen würde.
»Warum willst du denn aber«, sagte er nach einer Stunde lebhaftester Debatte, »wenn diese Bereisung Afrikas absolut zu deinem Lebensglück gehört, nicht dieselben Bahnen einschlagen wie andere gewöhnliche Sterbliche vor dir?«
»Warum?«, rief der Doktor in Eifer geratend. »Weil bis jetzt alle Versuche scheiterten! Weil von Mungo Parks Ermordung am Niger bis zum Verschwinden Vogels in Wadai, von Oudneys und Clappertons Tod in Murmur und Sackatu bis auf den Franzosen Maizan, der in Stücke gehauen wurde, von dem Major Laing, der durch die Hand der Tuaregs sein Ende fand, bis zur Ermordung Roschers aus Hamburg am Anfang des Jahres 1860 zahlreiche Opfer in die afrikanische Märtyrerliste eingetragen worden sind! Weil es ganz unmöglich ist, gegen die Elemente, gegen den Hunger, den Durst, das Fieber, gegen die wilden Tiere und die noch viel wilderen Völkerstämme anzukämpfen! Weil man das, was nicht auf eine Weise zu erreichen ist, auf eine andere Art versuchen muss, und endlich, weil man da, wo nicht gerade durchzukommen ist, nebenher oder darüber hinweg gehen muss.«
»Wenn es sich nur darum handelte, darüber hinweg zu gehen!«, äußerte Kennedy. »Aber du willst ja hoch darüber fliegen.«
»Nun«, argumentierte der Doktor mit der größten Kaltblütigkeit weiter, »was habe ich denn zu befürchten? Wie du dir wohl denken kannst, habe ich meine Vorsichtsmaßnahmen dergestalt getroffen, dass ein Absturz meines Ballons nicht befürchtet werden muss. Sollte mich das Luftschiff trotz alledem im Stich lassen, so würde ich mich auf der Erde noch immer in gleichen Verhältnissen mit andern Entdeckungsreisenden befinden; aber mein Ballon wird sich bewähren, wir können fest darauf zählen.«
»Im Gegenteil, wir dürfen nicht darauf zählen.«
»Doch wohl, mein lieber Dick. Ich beabsichtige, mich nicht eher von meinem Luftschiff zu trennen, als bis ich an der Westküste Afrikas angekommen bin. Mit diesem Ballon ist alles möglich. Ohne ihn aber fiele ich wieder den Gefahren und natürlichen Hindernissen solcher Expeditionen zum Opfer. Mit ihm gedenke ich ebenso der Hitze, den Strömen und Stürmen, wie dem Samum und dem ungesunden Klima zu trotzen; weder wilde Tiere noch Menschen können mir etwas anhaben. Ist mir zu heiß, so steige ich; wird es zu kalt, so lasse ich mich herab. Über einen Berg fliege ich hinweg, über jeden Abgrund schwebe ich hin; ich schieße über Flüsse und Ströme wie ein Vogel, und entlädt sich ein Gewitter, so erhebe ich mich über dasselbe und beherrsche es von oben herab. Ich komme vorwärts, ohne zu ermüden, und halte an, ohne der Ruhe zu bedürfen! Ich schwebe über den Städten und fliege mit der Schnelligkeit des Orkans bald hoch oben in den Lüften, bald nur hundert Fuß vom Erdboden entfernt; und unter meinen Augen entrollt sich die Karte von Afrika im großen Atlas der Welt!«
Der wackere Kennedy begann eine gewisse Bewegung und Rührung zu verspüren, und doch schwindelte ihm bei dem vor seinen Augen entrollten Schauspiel. Er betrachtete Samuel mit einem Gemisch aus Bewunderung und Sorge; fast fühlte er sich schon im Weltraum schwebend.
»Nach alledem, mein lieber Samuel«, sagte er endlich, »hast du auch das Instrument ausfindig gemacht, um den Ballon lenken zu können?«
»Nein! Das ist eine Unmöglichkeit.«
»Aber dann wirst du reisen ...«
»Wohin es dem Schicksal beliebt, aber jedenfalls von Osten nach Westen, denn ich gedenke, mich der Passatwinde, die eine durchaus beständige Richtung haben, zu bedienen.«
»Oh, freilich!«, sagte Kennedy überlegend. »Die Passatwinde ... gewiss ... Man kann im Notfall ... Es wäre immerhin möglich ...«
»Es wäre möglich? Nein, mein wackerer Freund, es ist sogar gewiss. Die englische Regierung hat mir ein Transportschiff zur Verfügung gestellt, und es ist abgemacht, dass zu der voraussichtlichen Zeit meiner Ankunft drei oder vier Schiffe an der Westküste kreuzen sollen. Spätestens in drei Monaten werde ich in Sansibar sein, um die Füllung des Ballons zu bewerkstelligen, und von dort aus wollen wir uns in die Lüfte schwingen ...«
»Wir!«, rief Dick.
»Hast du mir noch den leisesten Einwand zu machen, so sprich, Freund Kennedy.«
»Nicht einen Einwand, sondern tausend! Aber sage mir vor allem: Wenn du das Land zu besichtigen und dich nach Belieben zu erheben oder herabzulassen gedenkst, so kannst du das nicht, ohne von deinem Gas einzubüßen. Schon dieser Umstand hat bis jetzt alle langen Reisen in Luftballons verhindert.«
»Mein lieber Dick, ich will dir nur dies eine sagen: Ich werde auch nicht den kleinsten Teil, kein Quentchen Gas einbüßen.«
»Und doch willst du nach Belieben steigen und fallen können? Wie willst du das machen?«
»Das ist mein Geheimnis, Freund Dick. Habe nur Vertrauen zu mir, und lass mein Losungswort auch das deinige sein: ›Excelsior!‹«
»Gut, also ›Excelsior‹«, antwortete der Jäger, der kein Wort lateinisch verstand.
Er war fest entschlossen, sich mit allen erdenklichen Mitteln der Abreise des Doktors zu widersetzen; vorläufig aber gab er sich den Anschein, als sei er der Meinung desselben beigetreten. Er begnügte sich damit, den Freund zu beobachten. Dieser machte sich jetzt daran, die Anfertigung der Ausrüstung für seine Reise zu beaufsichtigen.
VIERTES KAPITEL
Forschungsreisen in Afrika. – Barth, Richardson, Overweg, Werne, Brun-Rollet, Peney, Andrea Debono, Miani, Guillaume Lejean, Bruce, Krapf und Rebmann, Maizan, Röscher, Burton und Speke.
D
ie Luftlinie, welcher Doktor Fergusson zu folgen gedachte, war nicht aufs Geratewohl gewählt worden. In Bezug auf den Anfangspunkt seiner Reise hatte er fundierte Studien betrieben und nach reiflicher Überlegung beschlossen, von der Insel Sansibar aufzusteigen. Dieselbe liegt an der Ostküste Afrikas unter dem 6. Grad südlicher Breite, d. h. ungefähr 430 geographische Meilen südlich vom Äquator. Von hier aus war soeben die letzte Expedition aufgebrochen, welche über die großen Seen zur Entdeckung der Nilquellen abgesendet worden war.
Es dürfte jedoch an der Zeit sein, hier die Forschungsreisen, welche Doktor Fergusson miteinander zu verknüpfen gedachte, näher zu beleuchten. Die beiden wichtigsten waren die des Doktor Barth im Jahre 1849 und ferner diejenige der Lieutenants Burton und Speke im Jahre 1858.
Doktor Barth, gebürtiger Hamburger, erhielt für seinen Landsmann Overweg und sich die Erlaubnis, die Expedition des Engländers Richardson begleiten zu dürfen, der mit einer Sendung nach dem Sudan betraut war. Dieses ausgedehnte Land liegt zwischen dem 15. und 10. Grad nördlicher Breite, d. h., wenn man dorthin gelangen will, muss man über 1.500 Meilen weit in das Innere Afrikas dringen.
Bis zu jener Zeit kannte man diesen Landweg nur durch die Reisen Denhams, Clappertons und Oudneys aus den Jahren 1822 bis 1824. Richardson, Barth und Overweg gelangten in ihrem Eifer, die Nachforschungen weiter auszudehnen, nach Tunis und Tripoli, wie auch ihre Vorgänger, und schlugen sich bis Mursuk, der Hauptstadt von Fezzan, durch. Dann verließen sie die senkrechte Linie und bogen unter der Führung der Tuareg westlich, in der Richtung nach Ghät, ab, nicht ohne mannigfache Schwierigkeiten zu überwinden. Ihre Karawane kam, nachdem sie vielfache Plünderungen, verschiedene bewaffnete Angriffe und tausenderlei andere Belästigungen erlitten hatte, im Oktober bei der großen Oase von Asben an. Doktor Barth trennte sich hier von seinen Gefährten, um einen Abstecher in die Stadt Agades zu unternehmen, und schloss sich dann der Expedition, die am 12. Dezember weitermarschierte, von neuem an. In der Provinz von Damerghu trennten sich die drei Reisenden, und Barth schlug die Straße nach Kano ein, wo er nach langem, geduldigem Ausharren und bedeutenden Geldopfern endlich anlangte.
Obwohl er an einem heftigen Fieber litt, verließ er am 7. März in Begleitung eines einzigen Bedienten die Stadt. Der Hauptzweck seiner Reise war, den Tschad-See zu erkundschaften, von dem er bis dahin noch 350 Meilen entfernt war. Er schritt also östlich vor und erreichte den eigentlichen Kern des großen Reiches von Zentralafrika, die Stadt Suricolo in Bornu. Hier erfuhr er die Nachricht vom Tode Richardsons, der den Strapazen und Entbehrungen erlag. Barth setzte seine Reise fort und kam nach drei Wochen, am 14. April, also ein Jahr und vierzehn Tage nach seiner Abreise von Tripoli, in der Stadt Ngornu an.
Am 29. März 1851 fanden wir ihn mit Overweg wieder auf der Reise, um dem Königreich Adamaua im Süden des Sees einen Besuch abzustatten. Er gelangte bis zur Stadt Yola, etwas unter dem 9. Grad nördlicher Breite: die äußerste Grenze im Süden, die von diesem kühnen Reisenden erreicht worden war.

Im Monat August kehrte er nach Kuka zurück, durchreiste sodann Mandara, Barghimi, Kanem und erreichte als äußerste Grenze im Osten die Stadt Masena, die bei 17° 20‘westlicher Länge liegt.[1]
Nach dem Tode Overwegs, seines letzten Begleiters, schlug er sich am 25. November 1852 nach Westen, besuchte Sockoto, überschritt den Niger und kam endlich in Timbuktu an, wo er in der schlechtesten Behandlung und in großem Elend acht lange Monate unter den Quälereien des Scheiks schmachten musste. Aber die Anwesenheit eines Christen in der Stadt wurde nicht länger geduldet; die Fullannes drohten mit einer Belagerung. Der Doktor verließ also Timbuktu am 17. März 1854, flüchtete an die Grenze, wo er 33 Tage in der vollständigsten Hilflosigkeit zu verweilen gezwungen war, kehrte im November nach Kano zurück und begab sich wieder nach Kuka, von wo er nach einer viermonatigen Rast die Straße Denhams weiterverfolgte. Gegen Ende August 1855 sah er Tripoli wieder und erschien, der einzige von der Expedition übrig gebliebene, am sechsten September in London.
Dies war die kühne Reise Barths, in Bezug auf welche Doktor Fergusson sich sorgfältig notierte, dass er über 4° nördlicher Breite und 17° westlicher Länge nicht hinausgekommen sei.
Vergegenwärtigen wir uns nunmehr, was die Lieutenants Burton und Speke in Ostafrika ausrichteten:
Die verschiedenen Expeditionen, welche am Nil aufwärts gegangen waren, hatten niemals vermocht, bis an die geheimnisvollen Quellen des Flusses zu gelangen. Nach dem Bericht des deutschen Arztes Ferdinand Werne machte die im Jahre 1840 unter den Auspizien Mehemet-Alis unternommene Expedition in Gondokoro zwischen dem 4. und 5. Grad nördlicher Parallelkreise halt.
Im Jahre 1855 brach Brun-Rollet aus Savoyen (zum Konsul von Sardinien im östlichen Sudan ernannt, um Vaudey, der dort seinen Tod gefunden hatte, zu ersetzen), von Chartum auf, gelangte mit Gummi und Elfenbein handelnd nach Belenia bis über den 4. Grad hinaus und kehrte krank nach Chartum zurück, wo er im Jahre 1857 starb.
Weder Dr. Peney, Chef des Medizinalwesens in Ägypten, welcher auf einem kleinen Dampfboot einen Grad unterhalb Gondokoro erreichte und nach seiner Rückkehr vor Erschöpfung in Chartum starb, noch der Venetianer Miani, der, um die unterhalb Gondokoros gelegenen Katarakte biegend, den zweiten Parallelkreis erreichte, noch auch der Malteser Kaufmann Andrea Debono, welcher seine Exkursion an dem Nil noch weiter fortsetzte, konnten über diese bisher unüberschrittene Grenze hinauskommen.
Im Jahre 1859 begab sich Herr Guillaume Lejean im Auftrage der französischen Regierung über das Rote Meer nach Chartum und schiffte sich mit einundzwanzig Mann Schiffsvolk und zwanzig Soldaten auf dem Nil ein; aber er konnte nicht über Gondokoro hinauskommen und hatte die größten Gefahren inmitten der aufrührerischen Negerhorden zu bestehen. Die von Herrn d‘Escayrac von Lauture geleitete Expedition suchte gleichfalls vergeblich, an die berüchtigten Quellen zu gelangen.
Aber vor diesem verhängnisvollen Ziel machten die Reisenden noch immer halt; vor langer Zeit hatten die Abgesandten Neros den 9. Breitengrad erreicht, man kam also in 18 Jahrhunderten nur um 5 oder 7 Grade, d. h. um 300 bis 360 geographische Meilen, weiter.
Mehrere Reisende versuchten, zu den Nilquellen zu gelangen, indem sie ihre Reise von einem Punkt an der Ostküste Afrikas antraten.
In den Jahren 1768 bis 1772 reiste der Schotte Bruce von Massaua, dem Hafen Abessiniens, ab, durchquerte Tigre, besuchte die Ruinen von Axum, glaubte irrtümlich, die Nilquellen gefunden zu haben, und brachte kein nennenswertes Ergebnis von seiner Reise mit.
Im Jahre 1844 gründete Doktor Krapf, Missionar der anglikanischen Kirche, eine Niederlassung in Mombasa an der Küste von Sansibar und entdeckte, in Gesellschaft des Geistlichen Rebmann, 300 Meilen weit von der Küste zwei Berge, den Kilimandscharo und den Kenia, welche die Herren von Heuglin und Thornton kürzlich teilweise erstiegen haben.
Im Jahre 1845 stieg der Franzose Maizan in Bagamayo, gegenüber Sansibar, an Land und gelangte nach Dejela-Mhora, wo ihn ein Häuptling unter den grausamsten Martern hinrichten ließ.
Im Monat August des Jahres 1859 erreichte der jugendliche Reisende Röscher aus Hamburg, der sich mit einer Karawane arabischer Kaufleute auf den Weg gemacht hatte, den Niassa-See, wo er im Schlaf ermordet wurde.
Schließlich wurden im Jahre 1857 die Lieutenants Burton und Speke, beide Offiziere im bengalischen Heer, von der Geographischen Gesellschaft in London ausgesandt, um die großen Binnenseen zu erforschen. Am 17. Juni verließen sie Sansibar und drangen geraden Wegs nach Westen vor.
Nach viermonatigen, unerhörten Leiden gelangten sie, ihres Gepäcks beraubt, ohne ihre Träger, die der Wut der Eingeborenen zum Opfer gefallen waren, in Kaseh, dem Zentralvereinigungspunkt der Kaufleute und Karawanen, an. Sie waren mitten im Mondland und sammelten wertvolle Informationen über die Sitten und Gebräuche, die Regierung, die Religion und die Fauna und Flora des dortigen Gebiets. Dann steuerten sie auf den ersten der großen Binnenseen, den Tanganyika, zu, der zwischen dem 3. und 8. Grad südlicher Breite liegt. Sie kamen dort am 14. Februar 1858 an und besuchten die verschiedenen, meist kannibalischen Völkerschaften, die seine Ufer bewohnen. Am 26. Mai traten sie den Rückweg an und zogen am 20. Juni wieder in Kaseh ein. Dort musste der vor Erschöpfung erkrankte Burton mehrere Monate liegen bleiben. Unterdessen machte Speke einen Abstecher von über dreihundert Meilen Richtung Norden an den Ukerewe-See, den er am 3. August bemerkte; es war ihm jedoch nur möglich, den Anfang desselben unter 2° 31‘ Breite zu besichtigen.
Am 25. August war er nach Kaseh zurückgekehrt und schlug in Gemeinschaft mit Burton wieder den Weg nach Sansibar ein, wo sie im März des folgenden Jahres wieder eintrafen. Die beiden kühnen Reisenden kehrten nun nach England zurück, und die Geographische Gesellschaft in London erkannte ihnen den Jahrespreis zu.
Doktor Fergusson merkte sorgfältig an, dass sie weder den 2. Grad südlicher Breite noch den 29. Grad östlicher Länge überschritten hatten. Es kam also darauf an, die Entdeckungsreisen Burtons und Spekes mit denen des Dr. Barth zu vereinigen, und dazu war es notwendig, eine Strecke von über zwölf Graden zu überschreiten.
FÜNFTES KAPITEL
Träume Kennedys. – Artikel und Pronomina in der Mehrzahl. – Dicks Insinuierungen. – Spaziergang auf der Karte von Afrika. – Was zwischen den beiden Spitzen des Zirkels bleibt.— Gegenwärtige Expeditionen. – Speke und Grant. – Kropf, von Decken, von Heuglin.
D
oktor Fergusson betrieb die Vorbereitungen zur Abreise äußerst sorgfältig und leitete selbst, gewissen Angaben gemäß, über die er das absoluteste Schweigen hielt, den Bau seines Luftschiffes. Er hatte sich schon seit geraumer Zeit mit dem Studium der arabischen Sprache und verschiedener Mundarten der Mandingos beschäftigt und machte, infolge seiner vortrefflichen Anlagen zu einem Polyglotten, große Fortschritte.
Inzwischen verließ ihn sein Freund, der Jäger, nicht; er blieb ihm so ängstlich zur Seite, als fürchte er, dass der Doktor sich einmal, ohne vorher etwas davon zu sagen, in die Lüfte erheben könne. Er hielt ihm, um ihn von seinem gefährlichen Vorhaben abzubringen, die überzeugendsten Reden, aber sie überzeugten Samuel Fergusson nicht; er erging sich in den gefühlvollsten, inständigsten, flehentlichsten Bitten, aber den Doktor vermochten sie nicht zu rühren. Dick merkte, wie ihm sein Freund förmlich zwischen den Fingern durchschlüpfte.
Der arme Schotte war wirklich zu beklagen; er konnte nicht mehr ohne düstere Schreckensregungen zum azurblauen Himmelsgewölbe aufschauen; er hatte im Schlaf das Gefühl eines Schwindel erregenden Wiegens und Schaukeins, und jede Nacht kam es ihm vor, als stürze er jäh von unermesslichen Höhen herab.
Wir müssen noch hinzufügen, dass er unter diesen schrecklichen Anfällen von Beklemmungen und Alpdrücken ein- oder zweimal aus dem Bett fiel, worauf es dann am anderen Morgen seine erste Sorge war, Fergusson eine große Beule zu zeigen, die er sich dabei am Kopfe zugezogen hatte.
»Und doch«, fügte er hinzu, »bedenke – nur drei Fuß hoch und schon eine solche Beule! Nun bitte ich dich zu erwägen –!« Diese schwermutsvolle Andeutung machte auf unseren Doktor indessen keinen Eindruck.
»Wir werden nicht fallen«, erwiderte er kurz.
»Es wäre aber doch möglich ...«
»Ich sage dir, wir werden nicht fallen!«
Auf eine so entschiedene Meinungsäußerung blieb dann Kennedy nichts anderes übrig, als zu verstummen. –
Was den guten Dick besonders beunruhigte und reizte, war der Umstand, dass Fergusson seit einiger Zeit einen unerträglichen Missbrauch mit der ersten Person Plural der Pronomina trieb: ›Wir werden an dem und dem bereit sein ..., wir werden dann und dann abreisen ..., wir werden da und da vorgehen ...‹, hieß es bei jeder Gelegenheit.
Und ebenso machte er es mit dem Possessiv-Pronomen in der Einzahl wie in der Mehrzahl: ›Unser‹ Ballon ..., ›unser‹ Schiff ..., ›unsere‹ Entdeckungsreise ..., ›unsere‹ Vorbereitungen ..., ›unsere‹ Entdeckungen ..., ›unsere‹ Steigungen ... und dem armen Schotten schauderte dabei die Haut, obgleich er fest entschlossen war, nicht zu reisen.
Eines Tages, als er sich herbeigelassen hatte, zuzugestehen, dass bei einem unverschämten Glück die Chancen für ein Gelingen des Unternehmens etwa wie eins zu tausend ständen, tat er so, als füge er sich den Wünschen des Doktors; begann aber, um die Reise weiter in die Ferne zu rücken, eine lange Reihe der mannigfachsten Ausflüchte. Er ließ sich darüber aus, ob die Expedition wirklich nützlich und zeitgemäß, ob diese Entdeckung der Nilquellen in der Tat notwendig sei? ... Ob man sich würde sagen können, dass man für das Glück der Menschheit gearbeitet habe? ... Und ob sich die Völkerstämme Afrikas, wenn sie der Zivilisation zugänglich gemacht wären, dadurch glücklicher fühlen würden? ... Ob man übrigens darüber ganz sicher sei, dass die Zivilisation nicht vielmehr dort, als in Europa angetroffen werde? ... Vielleicht ja. – Und ob man nicht noch mit der Expedition warten wolle? ... Man würde einst gewiss auf praktischere und weniger lebensgefährliche Weise Afrika durchreisen ... Wer weiß, ob das nicht schon in einem Monat, in einem halben Jahr der Fall sein könne; vor Ablauf eines Jahres würde ohne allen Zweifel irgendein Entdeckungsreisender dahin kommen ... Diese Andeutungen erzielten eine Wirkung, die durchaus nicht beabsichtigt war, der Doktor geriet vor Ungeduld außer sich.

»Möchtest du unglücklicher Dick, du falscher Freund, denn wirklich, dass solcher Ruhm einem andern zugute käme? Soll ich meine ganze Vergangenheit Lügen strafen? Vor Hemmnissen, die keine wirklichen Hindernisse sind, zurückbeben? Mit feigem Zögern vergelten, was die englische Regierung und die Königlich-Geographische Gesellschaft in London für mich getan haben?«
»Aber ...«, begann Kennedy von neuem; er schien eine ganz besondere Vorliebe für diese Konjunktion zu haben.
»Aber«, fuhr der Doktor fort, »weißt du denn nicht, dass meine Reise mit den gegenwärtig in der Ausführung begriffenen Unternehmungen in Konkurrenz treten soll? Dass sich schon wieder neue Entdecker rüsten, um nach Zentralafrika zu gelangen?«
»Aber ...«
»Höre mich genau an, Dick, und wirf einen Blick auf diese Karte.«
Dick ergab sich in sein Schicksal und tat, wie ihm geheißen.
»Verfolge den Lauf des Nils«, sagte Fergusson, »und reise nach Gondokoro.«
Kennedy dachte, wie leicht doch solch eine Reise sei... auf der Karte.
»Nimm eine der Spitzen dieses Zirkels«, versetzte der Doktor, »und setze sie auf diese Stadt, über welche die Kühnsten kaum hinausgekommen sind. Und jetzt suche an der Küste die Insel Sansibar, unter dem 6. Grad südlicher Breite. Folge sodann diesem Parallelkreise bis Kaseh, gehe an dem 33. Längengrade entlang bis zum Beginn des Ukerewe-Sees, der Stelle, bis zu welcher der Lieutenant Speke kam.«
»Ich bin glücklich am Ziel! Noch etwas weiter und ich wäre in den See gefallen.«
»Nun, weißt du wohl, was man nach den von den Ufervölkern gegebenen Informationen mit Recht voraussetzen darf?«
»Ich habe keine Ahnung.«
»Dass dieser See, dessen unteres Ende unter 2° 30‘ Breite liegt, sich gleichfalls 2,5 Grad über den Äquator erstrecken muss.«
»Wirklich?«
»Nun geht aber von diesem nördlichen Ende ein Wasser aus, das sich notwendig mit dem Nil vereinigen muss, wenn es nicht der Nil selbst ist.«
»Das wäre merkwürdig.«
»Setze nun die andere Spitze deines Zirkels auf dieses Ende des Ukerewe-Sees. Wieviel Grade zählst du zwischen den beiden Spitzen?«
»Kaum zwei Grade.«
»Und weißt du, wie viel Meilen das sind, Dick?«
»Das kann ich nicht sagen.«
»Kaum 120 Meilen, also so gut wie gar nichts.«
»So gut wie gar nichts, Samuel?«
»Weißt du denn vielleicht, was in diesem Augenblick vorgeht?«
»Nein, auf mein Wort!«
»Nun, so höre. Die Geographische Gesellschaft hat die Erforschung dieses von Speke entdeckten Sees als sehr wichtig erkannt. Unter ihren Auspizien hat sich der Lieutenant, jetzt Kapitän Speke, mit dem Hauptmann im indischen Heere, Herrn Grant, vereinigt. Sie haben sich an die Spitze einer umfangreichen, trefflich ausgerüsteten Expedition gestellt und sollen jetzt den Auftrag ausführen, über den See zu setzen und dann nach Gondokoro zurückzukehren. Man hat ihnen Subsidien im Betrage von über 5.000 Pfund gewährt, und der Gouverneur des Kaplandes stellt ihnen hottentottische Soldaten zur Verfügung. Ende Oktober 1860 sind sie von Sansibar aufgebrochen. Unterdessen hat der Engländer John Petherick, Ihrer Majestät Konsul in Chartum, von dem Foreign-Office etwa 700 Pfund bekommen, um ein Dampfboot in Chartum auszurüsten, es mit genügenden Vorräten zu versehen und sich nach Gondokoro zu begeben; dort wird er die Karawane des Kapitäns Speke erwarten und imstande sein, sie neu zu verproviantieren.«
»Fein ausgedacht«, sagte Kennedy.
»Du siehst also, dass es Eile hat, wenn wir uns an diesen Forschungsarbeiten beteiligen wollen. Und das, was ich dir soeben mitgeteilt habe, ist noch nicht alles. Während man sicheren Schrittes auf die Entdeckung der Nilquellen losgeht, dringen andere Reisende kühn in das Herz von Afrika vor.«
»Zu Fuß«, warf Kennedy ein.
»Jawohl, zu Fuß«, antwortete der Doktor, ohne die Andeutung verstehen zu wollen. »Doktor Krapf beabsichtigt, im Westen auf dem Dschobflusse unter dem Äquator vorzugehen; und Baron von Decken hat Mombasa verlassen, die Kenian- und Kilimandscharo-Berge erkundet und rückt nach Zentralafrika vor.«
»Immer zu Fuß?«
»Immer zu Fuß oder auf Maultieren.«
»Das ist in meinen Augen genau dasselbe«, meinte Kennedy.
»Schließlich«, fuhr der Doktor fort, »hat Herr von Heuglin, österreichischer Vizekonsul in Chartum, eine sehr bedeutende Expedition organisiert, deren erster Zweck der ist, den Reisenden Vogel aufzusuchen, der im Jahre 1853 nach Sudan geschickt wurde, um an den Arbeiten des Doktor Barth teilzunehmen. Im Jahre 1856 verließ er Bornu mit dem Entschluss, das unbekannte Land zwischen dem Tschad-See und Darfur zu erforschen; seit dieser Zeit ist er aber nicht wieder erschienen. Briefe, die im Juni 1860 nach Alexandrien gelangten, haben berichtet, dass er auf Befehl des Königs von Wadai ermordet worden sei; aber andere Nachrichten, von Doktor Hartmann an den Vater des Reisenden gesandt, teilen uns mit, dass Vogel nach den Erzählungen eines Fellatahs von Bornu nur in Wara gefangen gehalten werde; alle Hoffnung, ihn wieder zu finden, ist also noch nicht verloren. Unter dem Vorsitz des regierenden Herzogs von Sachsen-Coburg-Gotha hat sich ein Komitee gebildet (mein Freund Petermann ist Sekretär desselben); und eine nationale Subskription hat die Kosten dieser Expedition, der sich zahlreiche Gelehrte angeschlossen haben, bestritten. Herr von Heuglin hat sich im Monat Juni von Massaua aus auf den Weg gemacht, und während er den Spuren Vogels nachgeht, ist es zugleich seine Aufgabe, alles zwischen dem Nil und dem Tschad-See liegende Land zu erforschen, d. h. die Reisen des Kapitäns Speke mit denen des Doktor Barth zu verknüpfen. Und wenn dies geschehen ist, wird Afrika von Osten bis nach Westen durchwandert sein!«
»Das ist ja prächtig«, versetzte der Schotte, »wenn sich das alles so gut einfädelt, haben wir dort unten doch eigentlich nichts mehr zu suchen.«
Doktor Fergusson antwortete nicht; er zuckte nur verächtlich mit den Achseln.

SECHSTES KAPITEL
Ein unbeschreiblicher Diener. – Er bemerkt die Trabanten des Jupiters. – Dick und Joe im Streit. – Zweifel und Glaube. – Das Wiegen. – Joe. – Wellington. – Er erhält eine halbe Krone.
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oktor Fergusson hatte einen ganz unglaublich eifrigen Bedienten, der auf den Namen Joe hörte: eine vortreffliche Natur und seinem Herrn mit Leib und Seele ergeben. Er pflegte sogar seine Befehle schon mit richtigem Verständnis auszuführen, noch ehe jener sie ausgesprochen hatte, und war niemals mürrisch oder verdrießlich, sondern ein stets gut gelaunter Caleb; man hätte sich einen vorzüglicheren Diener überhaupt nicht denken können. Fergusson konnte sich, was die Einzelheiten seiner Existenz betraf, vollständig auf ihn verlassen. Ja, es war ein ausgezeichneter, ein braver Joe! Ein Diener, der das Mittagessen anordnet, der den Geschmack seines Herrn zu dem Seinigen gemacht hat, der den Koffer packt und weder Strümpfe noch Hemden vergisst und der die Schlüssel und Geheimnisse des Herrn unter seinen Händen hat, ohne jemals irgendwelchen Missbrauch damit zu treiben. Aber was war der Doktor auch für ein Mann in den Augen unseres würdigen Joe! Mit welcher Achtung und welchem Vertrauen nahm er seines Herrn Ratschläge an! Wenn Fergusson einmal gesprochen hatte, konnte nur ein Tor etwas dagegen einwenden! Alles, was er dachte, war richtig, alles, was er sagte, vernünftig, alles, was er unternahm, möglich, und alles, was er vollendete, bewundernswert. Man hätte Joe in Stücke zerhauen können, eine Prozedur, die jedenfalls nur mit dem größten Widerstreben vollzogen worden wäre – nie würde er seine Meinung hinsichtlich des Doktors, seines Herrn, geändert haben. Wenn demnach Fergusson den Plan aussprach, Afrika durch die Lüfte zu bereisen, so war dies für Joe eine abgemachte Sache. Hindernisse gab es von dem Augenblick, in welchem der Doktor die Unternehmung beschlossen hatte, nicht mehr, und dass er, der treue Diener, seinen Herrn begleiten würde, unterlag für ihn nicht dem geringsten Zweifel, obgleich noch nie die Rede davon gewesen war. Es sollte ihm übrigens vorbehalten sein, durch seine Einsicht und erstaunliche Gewandtheit seinem Herrn die größten Dienste zu leisten. Wenn man für die Affen im Zoologischen Garten einen Turnlehrer gesucht hätte, so wäre er der richtige Mann dafür gewesen; denn springen, klettern, fliegen und tausend unmögliche Kunststücke ausführen war für ihn eine Kleinigkeit. Wenn Fergusson der Kopf und Kennedy der Arm bei der Expedition war, so sollte Joe die Hand sein. Er hatte seinen Herrn schon auf mehreren Reisen begleitet und war im Besitz einiger oberflächlicher Kenntnisse, die er sich auf seine Weise nach und nach angeeignet hatte. Aber seine Hauptstärke bestand in einer herrlichen Lebensweisheit, einem angenehmen Optimismus. Er fand alles leicht, logisch, natürlich und kannte demzufolge das Bedürfnis zu fluchen oder sich zu beklagen kaum dem Namen nach. Unter anderen schätzenswerten Eigenschaften besaß er auch ein vortreffliches Auge, eine fast wunderbar anmutende Weitsichtigkeit. Er teilte mit Moestlin, dem Lehrer Keplers, die seltene Fähigkeit, mit unbewaffnetem Auge die Trabanten des Jupiters zu unterscheiden, und in der Gruppe der Plejaden vierzehn Sterne zu zählen, von denen die letzten neunter Größe sind. Er war deshalb nicht etwa stolzer oder hochmütiger, im Gegenteil! Er grüßte schon aus weiter Ferne und wusste sich bei geeigneten Gelegenheiten seiner Augen sehr gut zu bedienen. Bei dem Vertrauen, das Joe in den Doktor setzte, darf man nicht über die Streitigkeiten erstaunen, die sich unaufhörlich, natürlich mit Beachtung des schuldigen Respekts, zwischen Kennedy und dem würdigen Diener entspannen. Der eine zweifelte, der andere glaubte; der eine repräsentierte die hellsehende Klugheit, der andere das blinde Vertrauen; der Doktor aber hielt die Mitte zwischen Zweifel und Glauben, womit ich sagen will, dass er sich weder von dem einen noch von dem andern beeinflussen ließ.
»Nun, Herr Kennedy?«, begann Joe eines Tages.
»Was willst du, mein guter Junge?«
»Jetzt kommt der Augenblick bald heran; es scheint, als wenn wir demnächst nach dem Monde abfahren würden.«
»Du meinst damit wahrscheinlich das Mondland; es liegt zwar nicht ganz so weit ab, aber beruhige dich, die Gefahr ist noch immer groß genug.«
»Gefahr? Von Gefahr ist keine Rede bei einem Mann wie Doktor Fergusson.«
»Ich will dir deine glückliche Täuschung nicht rauben, mein lieber Joe, aber was er da zu unternehmen gedenkt, ist ganz einfach die Unternehmung eines Verrückten. Es wird übrigens keinesfalls zu dieser Reise kommen.«
»Keinesfalls zur Reise kommen? Dann haben Sie also nicht den Ballon gesehen, der in der Werkstatt der Herren Mitchell in Borough[2] angefertigt wird?«
»Ich werde mich wohl hüten, ihn mir anzusehen.«
»Da büßen Sie wirklich einen schönen Anblick ein, Herr Kennedy; es ist ein herrliches Gerät! Und die hübsche Form, die reizende Gondel! Wie wohl werden wir uns darin fühlen!«
»Du denkst also im Ernst daran, deinen Herrn zu begleiten?«
»Das versteht sich! Ohne allen Zweifel!«, versetzte Joe. »Ich begleite ihn, wohin er will. Das fehlte noch! Ich soll ihn wohl allein reisen lassen, nachdem ich bis jetzt mit ihm zusammen die Welt durcheilt habe! Wer würde ihm denn helfen, wenn er ermüdet ist, wer ihm eine starke Hand reichen, wenn er über einen Abgrund springen will? Wer sollte ihn pflegen, wenn er etwa gar krank würde? Nein, Herr Dick, Joe wird immer auf seinem Posten sein.«
»Wackerer Junge«, rief der Schotte.
»Übrigens kommen Sie mit uns, Herr Kennedy«, fügte Joe hinzu.
»Natürlich«, sagte Kennedy, »ich begleite euch, um Samuel noch bis zum letzten Augenblick von der Ausführung einer solchen Torheit abzuraten. Ich werde ihm sogar nach Sansibar folgen, um das Meinige zu tun, damit dieser unsinnige Plan nicht zur Ausführung gelange.«
»Allen Respekt vor Ihnen, Herr Kennedy, aber Sie werden ihn auch nicht um ein Haar breit von seinem Vorhaben abbringen. Mein Herr ist nicht so hirnverbrannt, wie Sie meinen. Wenn er etwas unternehmen will, sinnt er lange zuvor darüber nach, und wenn dann sein Entschluss gefasst ist, kann ihn kein Teufel davon abbringen.«
»Das werden wir sehen!«
»Schmeicheln Sie sich nicht mit dieser Hoffnung. Übrigens liegt sehr viel daran, dass Sie mitkommen. Für einen so ausgezeichneten Jäger wie Sie ist Afrika ein herrliches Land. Sie würden keine Ursache haben, Ihre Reise zu bereuen.«
»Ich werde sie auch nicht bereuen, besonders wenn dieser Starrkopf sich überzeugen lässt und dableibt.«
»Beiläufig«, äußerte Joe, »Sie wissen doch, dass heute das Wiegen vorgenommen wird.«
»Wovon sprichst du?«
»Nun, der Herr Doktor, Sie und ich, wir sollen alle drei gewogen werden.«
»Wie Jockeys!«
»Jawohl; aber haben Sie keine Bange: Abmagerungsversuche werden nicht an Ihnen gemacht, wenn Sie zu schwer sind. Man wird Sie so nehmen, wie Sie sind.«
»Ich werde mich unter keiner Bedingung dazu hergeben, darauf verlass dich!«, sagte der Schotte sehr entschieden.
»Aber, Herr Kennedy, ich glaube, es ist für seine Maschine notwendig.«
»Er kann sehen, wie er seine Maschine ohne das fertig bekommt.«
»Wenn wir nun aber aus Mangel an genauen Berechnungen nicht aufsteigen können?«
»Das wäre mir gerade recht!«
»Machen Sie sich darauf gefasst, Herr Kennedy; mein Herr wird uns gleich abholen.«
»Ich werde nicht mitkommen.«
»Sie werden ihm doch das nicht antun.«
»Allerdings.«
»Ich weiß schon«, meinte Joe lachend. »Sie sprechen nur so, weil mein Herr noch nicht hier ist; aber wenn er Ihnen erst von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht und zu Ihnen sagen wird: ›Dick – verzeihen Sie die Freiheit, Herr Kennedy – Dick, ich muss genau wissen, wie viel du wiegst‹, so werden Sie mitkommen, ich wette darauf.«
»Ich werde nicht mitkommen.«
In diesem Augenblick betrat der Doktor sein Arbeitszimmer, in welchem diese Unterredung stattgefunden hatte; er sah Kennedy, der sich nicht ganz behaglich zu fühlen schien, fest an und sagte dann:
»Dick, komm mit, und du auch, Joe; ich muss wissen, wie schwer Ihr seid.«
»Aber ...«
»Du kannst deinen Hut aufbehalten. Komm.«
Und Kennedy ging mit. – Sie begaben sich miteinander in die Werkstatt des Herrn Mitchell, wo bereits eine Schnellwaage mit Laufgewicht aufgestellt worden war. Der Doktor musste wirklich das Gewicht seiner Begleiter kennen, um das Gleichgewicht seines Luftschiffes herzustellen. Er hieß Dick auf die Brücke der Waage treten, was dieser auch, ohne Widerstand zu leisten, tat; aber er murmelte vor sich hin:
»Schon gut! Schon gut! Das verpflichtet noch zu nichts.«
»153 Pfund«, sagte der Doktor und notierte sich die Zahl in seinem Notizbuch.
»Bin ich zu schwer?«
»Bewahre, Herr Kennedy«, erwiderte Joe, »übrigens bin ich leicht – das wird sich aufheben.«
Und mit diesen Worten nahm Joe voller Begeisterung für die Sache, der er diente, die Stelle des Jägers ein. Fast hätte er in seiner Hitzigkeit beim Hinaufsteigen die Waage umgeworfen. Jetzt nahm er eine imponierende Haltung an, etwa wie der Wellington, welcher am Eingange vom Hyde-Park den Achilles nachäfft, und gab auch ohne Schild eine prächtige Figur ab.

»120 Pfund«, notierte der Doktor.
»He, He!«, schmunzelte Joe mit Genugtuung. Warum lächelte er? Wahrscheinlich hätte er selbst den Grund nicht anzugeben gewusst.
»Jetzt ist die Reihe an mir«, bemerkte der Doktor und schrieb gleich darauf 135 Pfund als Gewicht seiner eigenen Person auf. Wir drei wiegen zusammen nicht mehr als 400 Pfund.«
»Wenn es für Ihre Expedition erforderlich wäre, Herr Doktor, so könnte ich wohl um zwanzig Pfund abmagern, indem ich mich etwas knapper hielte.«
»Das ist unnötig, mein Junge«, antwortete Fergusson. »Du kannst essen, so viel du willst; und hier hast du eine halbe Krone, um dich nach Herzenslust zu delektieren.«
SIEBTES KAPITEL
Geometrische Einzelheiten. – Berechnung der Tragfähigkeit des Ballons. – Das doppelte Luftschiff. – Die Hülle. – Die Gondel. – Der geheimnisvolle Apparat. – Lebensmittel. – Eine Zugabe.
D
oktor Fergusson hatte sich schon seit geraumer Zeit mit den näheren Details seiner Expedition beschäftigt, und selbstverständlich war der Ballon, dies wunderbare Fahrzeug, das ihn durch die Luft führen sollte, der Hauptgegenstand seiner Sorge. Zunächst beschloss er, das Luftschiff mit Wasserstoffgas zu füllen, damit er ihm keine zu großen Dimensionen zu geben brauche. Die Erzeugung dieses Gases bereitet keine Schwierigkeit, es ist 14,5 Mal leichter als die Luft und hat bei aerostatischen Versuchen die befriedigendsten Ergebnisse geliefert. Nach sehr genauen Berechnungen fand der Doktor, dass die zur Reise und Ausrüstung unentbehrlichen Gegenstände ein Gewicht von viertausend Pfund haben würden. Man musste also herausbekommen, wie groß die auftreibende Kraft sei, welche dieses Gewicht zu heben vermochte, und wie hoch sich demgemäß ihre Tragfähigkeit belaufe. Ein Gewicht von viertausend Pfund ist gleichzusetzen mit einer Luftverdrängung von 44.847 Kubikfuß, was darauf hinausläuft, dass 44.847 Kubikfuß Luft etwa viertausend Pfund wiegen.
Wenn man dem Ballon einen Inhalt von 44.847 Kubikfuß gibt und ihn statt mit Luft mit Wasserstoffgas füllt, das, 14,5 mal leichter, nur 276 Pfund wiegt, so bleibt eine Gleichgewichtsdifferenz über, welche einem Gewicht von 3.724 Pfund gleichzusetzen ist. Diese Differenz zwischen dem Gewicht des in dem Ballon enthaltenen Gases und dem Gewicht der atmosphärischen Luft macht die auftreibende Kraft des Luftschiffes aus. Wenn man jedoch in den Ballon die erwähnten 44.847 Kubikfuß Gas einfüllte, so würde er voll sein; nun darf dies aber nicht geschehen, denn in dem Maße, wie der Ballon in die weniger dichten Luftschichten steigt, strebt das eingeschlossene Gas danach, sich auszudehnen, und würde alsbald die Hülle zum Platzen bringen. Man füllt also die Ballons gewöhnlich nur zu zwei Dritteln auf. Aber der Doktor beschloss, infolge eines gewissen, ihm allein bekannten Projektes, sein Luftschiff nur zur Hälfte zu füllen, und da er ja 44.847 Kubikfuß Wasserstoff mit sich nehmen musste, seinem Ballon eine etwa doppelte Tragfähigkeit zu geben. Er ließ ihn in der länglichen Form anfertigen, der man, wie bekannt, den Vorzug gibt. Der horizontale Durchmesser betrug 50, der vertikale 75 Fuß; er erhielt demgemäß ein Sphäroid, dessen Inhalt sich in runden Zahlen auf 90.000 Kubikfuß belief.
Wenn Doktor Fergusson zwei Ballons hätte verwenden können, so wären die Chancen des Gelingens für ihn gestiegen. Man kann sich tatsächlich, in dem Fall, dass ein Ballon in der Luft zerplatzen sollte, mithilfe des andern durch Abwerfen von Ballast oben halten. Aber die Handhabung zweier Luftschiffe wird sehr schwierig, wenn es darauf ankommt, ihnen eine gleiche Steigungskraft zu verleihen.
Nach reiflicher Überlegung vereinigte Fergusson infolge eines sinnreichen Gedankens die Vorteile zweier Ballons, ohne deren Nachteile mit in Kauf zu nehmen: Er konstruierte zwei von ungleicher Größe und schloss sie ineinander ein. Sein äußerer Ballon, dem er die oben angeführten Dimensionen gab, enthielt einen kleineren von gleicher Gestalt, der nur 45 Fuß im horizontalen und 68 Fuß im vertikalen Durchmesser hatte. Der Inhalt dieses inneren Ballons betrug also nur 67.000 Kubikfuß; er sollte in dem ihn umgebenden Fluidum schwimmen; eine Klappe öffnete sich von einem Ballon nach dem anderen, und man konnte dadurch nach Bedarf eine Verbindung unter ihnen herstellen. Diese Einrichtung bot den Vorteil, dass, wenn man, um zu fallen, Gas entweichen lassen wollte, zuerst dasjenige des großen Ballons abgelassen wurde. Selbst wenn man ihn ganz geleert hätte, wäre der kleine unangetastet geblieben. Man konnte sich dann der äußeren Hülle wie eines lästigen Gewichts entledigen, und das zweite Luftschiff, nunmehr allein, diente dem Wind nicht in gleicher Weise zum Spielball wie die halbentleerten Ballons. Sodann hatte beim Eintreten eines etwaigen Unfalls, z. B. eines in den äußeren Ballon gekommenen Risses, der andere den Vorzug, unversehrt geblieben zu sein.
Die beiden Luftschiffe wurden aus Lyoner Köperseide, die mit Guttapercha überzogen war, konstruiert. Diese gummiharzige Substanz erfreut sich einer absoluten Undurchlässigkeit, sie wird von den Säuren und Gasen durchaus nicht angegriffen. Der Taffet wurde am oberen Pol des Globus‘, wo die stärkste Spannung ist, doppelt aufgelegt. Diese Hülle war imstande, das Fluidum über eine unbeschränkte Zeit zurückzuhalten. Sie wog ein halbes Pfund auf neun Quadratfuß. Da jedoch die Oberfläche des äußeren Ballons ungefähr 11.600 Quadratfuß betrug, wog seine Hülle 650 Pfund. Die Hülle des zweiten Ballons, welche 9.200 Quadratfuß Oberfläche hatte, wog nur 560 Pfund. Die Stricke, welche die Gondel tragen sollten, waren aus Hanf von größtmöglicher Festigkeit gedreht, und die beiden Ventile bildeten, gerade wie das Steuer eines Schiffes, den Gegenstand der minutiösesten Sorgfalt. Die Gondel, welche kreisförmig war und fünfzehn Fuß im Durchmesser hatte, wurde aus Korbweide gefertigt, mit einem leichten Eisenbeschlag verstärkt und am unteren Teil mit elastischen Sprungfedern versehen, welche die Bestimmung hatten, etwaige Stöße abzuschwächen. Ihr Gewicht betrug, mit Einschluss der Stricke, nicht über 280 Pfund.
Außerdem ließ der Doktor vier Kästen von zwei Linien dickem Blech konstruieren, und diese untereinander mit Röhren verbinden, welche wiederum mit Hähnen versehen waren. Er setzte damit ein Schlangenrohr von ungefähr zwei Zoll Durchmesser in Verbindung, welches letztere in zwei ungleich lange, gerade Enden auslief, deren größtes 25 Fuß maß, während das kürzere nur eine Höhe von 15 Fuß hatte. Die Blechkästen wurden dergestalt in die Gondel eingepasst, dass sie einen möglichst geringen Raum einnahmen; das Schlangenrohr, welches erst später eingefügt werden sollte, wurde besonders verpackt, und ebenso eine sehr starke Bunsensche elektrische Batterie. Dieser Apparat war so sinnvoll zusammengestellt, dass er nicht mehr als 700 Pfund wog, sogar 25 Gallonen Wasser, die in einem besonderen Kasten waren, mit inbegriffen.
Die für die Reise bestimmten Instrumente bestanden aus zwei Barometern, zwei Bussolen, einem Sextanten, zwei Chronometern, einem künstlichen Horizont und einem Altazimut, um entfernte und unerreichbare Gegenstände mehr hervortreten zu lassen. Die Sternwarte in Greenwich hatte sich dem Doktor zur Verfügung gestellt. Dieser hatte übrigens nicht die Absicht, physikalische Experimente zu machen. Er wollte nur über die Richtung im Klaren sein und die Lage der hauptsächlichen Flüsse, Berge und Städte bestimmen können. Er versah sich mit drei eisernen, genau erprobten Ankern sowie mit einer leichten, widerstandsfähigen, etwa fünfzig Fuß langen seidenen Leiter.
Fergusson berechnete auch das genaue Gewicht seiner Lebensmittel; diese bestanden aus Tee, Kaffee, Zwieback, gesalzenem Fleisch und Pemmikan, einem Gericht aus getrocknetem Fleisch, welches bei sehr geringem Umfang viele nährende Bestandteile enthält. Als Getränk stellte er, außer einem genügenden Vorrat Branntwein, zwei Wasserkisten auf, die jede 22 Gallonen[3] fassten.
Der Verbrauch dieser verschiedenen Nahrungsmittel sollte allmählich das von dem Luftschiff getragene Gewicht verringern, denn das Gleichgewicht eines Ballons in der Atmosphäre ist bekanntlich äußerst empfindlich. Der Verlust eines ganz unbedeutenden Gewichts genügt, um eine sehr merkliche Änderung der Stellung hervorzubringen.
Der Doktor vergaß weder ein Zelt, das einen Teil der Gondel schützen sollte, noch die Decken, welche das ganze Reisebettzeug ausmachten, noch auch die Flinten oder den Kugel- und Pulvervorrat des Jägers.
Hier eine Übersicht seiner verschiedenen Berechnungen:
| Fergusson | 135 Pfund |
|---|---|
| Kennedy | 153 Pfund |
| Joe | 120 Pfund |
| Gewicht des ersten Ballons | 650 Pfund |
| Gewicht des zweiten Ballons | 510 Pfund |
| Gondel nebst Stricken | 280 Pfund |
| Anker, Instrumente, Flinten, Decken, Zelt, verschiedene Utensilien | 196 Pfund |
| Fleisch, Pemmikan, Zwieback, Tee, Kaffee, Branntwein | 380 Pfund |
| Wasser | 400 Pfund |
| Apparat | 700 Pfund |
| Gewicht des Wasserstoffs | 276 Pfund |
| Ballast | 200 Pfund |
| Summe | 4.000 Pfund |
Diese Bestimmung gab der Doktor im einzelnen den 4.000 Pfund, welche er mitzunehmen beabsichtigte; er nahm nur 200 Pfund Ballast auf, ›nur für unvorhergesehene Fälle‹, wie er sagte, denn Dank seinem Apparat hoffte er stark darauf, keinen Gebrauch davon machen zu müssen.
ACHTES KAPITEL
Joes Selbstgefühl. – Der Befehlshaber der Resolute. – Kennedys Arsenal. – Einrichtungen. – Das Abschiedsessen. – Die Abreise am 21. Februar. – Wissenschaftliche Sitzungen des Doktors. – Duveyrier, Livingstone. – Einzelheiten der Luftreise. – Kennedy wird zum Schweigen gebracht.
A
m 10. Februar waren die Vorbereitungen ihrem Ende nahe und die ineinander gefügten Ballons vollständig fertig. Sie hatten einen starken Luftdruck, der hineingetrieben worden war, ausgehalten, und diese Probe legte ein gutes Zeugnis für ihre Solidität sowie für die bei ihrem Bau angewandte Sorgfalt ab.
Joe wusste sich vor Freude nicht zu halten. Er war beständig auf dem Wege von Greek Street nach der Werkstatt der Herren Mitchell, immer geschäftig, aber immer aufgeräumt, jedem, der es hören wollte, von der betreffenden Angelegenheit erzählend und vor allem stolz darauf, dass er seinen Herrn begleiten durfte. Ich vermute sogar, dass der gute Junge sich einige halbe Kronen damit verdiente, das Luftschiff zu zeigen, die Gedanken und Pläne des Doktors zu berichten und die Leute auf dessen jetzt viel besprochene Persönlichkeit aufmerksam zu machen, wenn er an einem halbgeöffneten Fenster lehnte oder bei Gelegenheit durch die Straßen ging. Wir dürfen Joe deshalb nicht zürnen; er hatte wohl das Recht, etwas auf die Bewunderung und Neugier seiner Zeitgenossen zu spekulieren.
Am 16. Februar legte sich der ›Resolute‹ auf der Höhe von Greenwich vor Anker. Es war ein Schraubendampfer von achthundert Tonnen Last und ein guter Segler, der zuletzt den Auftrag gehabt hatte, die Expedition von Sir James Ross nach den Polargegenden von neuem mit Proviant zu versorgen. Der Befehlshaber Pennet stand in dem Rufe eines liebenswürdigen Mannes und nahm an der Reise des Doktors, den er schon von früher her kannte, einen ganz besonderen Anteil. Pennet hätte eher für einen Gelehrten als für einen Soldaten gelten können; trotzdem führte sein Fahrzeug vier Kanonaden, die jedoch nie jemandem etwas zuleide getan und nur den Zweck hatten, bei den allerfriedlichsten Gelegenheiten abgeschlossen zu werden.
Der Schiffsraum des ›Resolute‹ wurde für die Aufnahme des Ballons eingerichtet, und dieser mit der größten Vorsicht am 18. Februar hinübergeschafft. Man lud ihn auf dem Boden des Schiffes ab, um jedem Unfall vorzubeugen. Die Gondel nebst Zubehör, die Anker, Stricke, Lebensmittel sowie die Wasserkisten, welche nach der Ankunft gefüllt werden sollten, alles wurde unter Fergussons Augen verstaut.
Zur Erzeugung des Wasserstoffgases verlud man zehn Tonnen Schwefelsäure und zehn Tonnen altes Eisen. Diese Menge war mehr als hinreichend, doch musste man sich vor möglichen Verlusten eindecken. Der Gasentwicklungs-Apparat, welcher aus etwa dreißig Fässern bestand, wurde in den unteren Schiffsraum gebracht.
All diese verschiedenen Vorbereitungen waren am Abend des 18. Februars beendet, und zwei bequem eingerichtete Kajüten erwarteten den Doktor Fergusson und seinen Freund Kennedy. Soviel dieser Letztere auch schwur, dass er nicht mitreisen würde, begab er sich doch mit einem Jagdarsenal an Bord, das aus zwei vorzüglichen, doppelläufigen Hinterladern und einem vielfach erprobten Karabiner aus der Fabrik der Herren Purdey Moore und Dickson in Edinburg bestand. Mit solchen Waffen konnte der Jäger mit Sicherheit aus einer Entfernung von 2.000 Schritt einer Gams das Auge ausschießen. Zu diesen Gewehren fügte er für unvorhergesehene Fälle zwei sechsläufige Colt-Revolver; Pulverhorn, Patronentasche, Blei und Kugeln in hinreichender Menge überstiegen nicht das von dem Doktor angegebene Gewicht.

Die drei Reisenden gingen am 19. Februar an Bord und wurden vom Kapitän und seinen Offizieren mit großer Anerkennung aufgenommen. Der Doktor erschien ziemlich kalt und einzig mit seiner Expedition beschäftigt; Dick war in außerordentlicher Aufregung, aber doch bemüht, dieselbe zu verbergen, und Joe schließlich sprang, außer sich vor Vergnügen, hin und her, indem er sich in den lustigsten Reden erging. Er wurde bald der Bruder Lustig auf dem Schiffe und bei jedermann beliebt.
Am 20. lud die Königlich-Geographische Gesellschaft Doktor Fergusson und Herrn Kennedy zu einem großen Abschiedsessen ein. Der Befehlshaber der ›Resolute‹ und seine Offiziere wohnten gleichfalls diesem Mahle bei, das unter allseitiger, fröhlicher Laune verlief und bei dem es an einer Masse schmeichelhafter Trinksprüche für unsere Freunde nicht fehlte. Gesundheiten wurden in einer so reichen Zahl ausgebracht, dass sie genügt hätten, um den Gästen ein hundertjähriges Leben zu sichern. Sir Francis M... führte mit mäßiger, aber würdevoller Rührung den Vorsitz.
Zu Herrn Dicks großem Missfallen erhielt auch er seinen reichlichen Anteil an diesen Glückwünschen. Nachdem man auf den unerschrockenen Fergusson, den Ruhm Englands, getrunken hatte, durfte man nicht verabsäumen, auf den nicht minder heldenmütigen Kennedy, seinen kühnen Begleiter, zu trinken. Dick errötete über und über, was ihm jedoch als Bescheidenheit ausgelegt wurde und nur zur Folge hatte, dass man die Beifallsbezeugungen verdoppelte. Dick Kennedy errötete noch tiefer.
Beim Dessert kam eine Botschaft der Königin an. Sie sandte den beiden Reisenden ihre Grüße und ließ ihnen Glück zu ihrem Unternehmen wünschen. Dies erforderte natürlich wiederum Toasts ›auf Ihre allergnädigste Majestät‹.
Endlich, um Mitternacht, trennten sich die Gäste nach einem rührenden Abschied und manch warmem Händedruck. Die Boote der ›Resolute‹ warteten an der Westminster-Bridge; der Kommandant nahm in Gesellschaft seiner Passagiere und Mannschaften darin Platz, und der Strom der Themse brachte die Gesellschaft schnell nach Greenwich. Um ein Uhr lag alles an Bord im tiefsten Schlafe.
Am Morgen des 21. Februar, um drei Uhr früh, waren die Kessel geheizt, um fünf Uhr lichtete man die Anker, und unter dem Druck der Schraube steuerte die ›Resolute‹ der Mündung der Themse zu.
Während der langen, unbeschäftigten Stunden der Reise ging der Doktor mit den Offizieren einen förmlichen geographischen Kursus durch. Die jungen Leute interessierten sich lebhaft für die seit vierzig Jahren in Afrika gemachten Entdeckungen. Er erzählte ihnen von den Forschungsreisen Barths, Burtons, Spekes, Grants und schilderte ihnen dieses geheimnisvolle Land, das gegenwärtig so rege von der Wissenschaft in Angriff genommen war. Im Norden erforschte der junge Duveyrier die Sahara und brachte die Häuptlinge der Tuareg nach Paris. Unter Oberaufsicht der französischen Regierung wurden zwei Expeditionen ausgerüstet, die vom Norden herab nach Westen gehend sich in Timbuktu kreuzen sollten. Im Süden rückte der unermüdliche Livingstone immer weiter Richtung Äquator vor, und vom Mai des Jahres 1862 ab ging er in Gesellschaft Mackensies an dem Rovoonia-Flusse aufwärts. Das 19. Jahrhundert würde gewiss nicht zu Ende gehen, ohne dass Afrika die in seinem Schoß seit sechstausend Jahren vergrabenen Geheimnisse enthüllt hätte.
Das Interesse der Zuhörer Fergussons wurde besonders geweckt, als er ihnen im Einzelnen von den Vorbereitungen zu seiner Reise erzählte. Sie wollten die Probe seiner Berechnungen machen und begannen eine Erörterung, in welche der Doktor sich ohne alle Umschweife einließ. Im Allgemeinen staunte man über die verhältnismäßig geringe Menge an Lebensmitteln, welche er mit sich führte, und eines Tages befragte jemand den Doktor in Bezug hierauf.
»Das erstaunt Sie?«, fragte Fergusson zurück. »Aber wie lange glauben Sie denn, dass ich unterwegs sein werde? Doch nicht etwa Monate? Da irren Sie sehr. Wenn meine Reise sich in die Länge ziehen sollte, wären wir verloren und würden gar nicht ans Ziel gelangen. So wissen Sie denn, dass von Sansibar nach der Küste von Senegal nicht mehr als 3.500, nehmen Sie an 4.000 Meilen sind. Wenn man nun in zwölf Stunden 240 Meilen zurücklegt, was der Schnelligkeit unserer Eisenbahnen nicht nahe kommt, und wenn man Tag und Nacht reist, so würden sieben Tage genügen, um Afrika zu durchfahren.«
»Aber dann könnten Sie nichts sehen, keine geographischen Aufnahmen machen, noch das Land gehörig kennen lernen.«

»Ich werde mich deshalb auch«, antwortete der Doktor, »überall aufhalten, wo ich es für gut befinde, besonders auch dann, wenn zu heftige Luftströmungen mich fortzureißen drohen.«
»Und das wird nicht ausbleiben«, sagte Pennet; »es wüten bisweilen Orkane, welche über 240 Meilen in der Stunde zurücklegen.«
»Sie sehen«, versetzte der Doktor, »bei einer solchen Schnelligkeit könnte man Afrika in zwölf Stunden durchfahren. Man würde in Sansibar aufstehen, um in Saint-Louis zu Bett zu gehen.«
»Aber«, äußerte ein Offizier, »könnte denn ein Ballon in solcher Schnelligkeit mit fortgerissen werden?«
»Man hat das schon erlebt«, erwiderte Fergusson.
»Und der Ballon hat gehalten?«
»Vollkommen. Zur Zeit der Krönung Napoleons im Jahr 1804 ließ der Luftschiffer Garnerin um elf Uhr abends von Paris einen Ballon ab, der in goldenen Lettern die folgende Inschrift trug: ›Paris, 25. Frimaire, Jahr 13, Krönung des Kaisers Napoleon durch Seine Heiligkeit Pius VII.‹ Am folgenden Morgen, um fünf Uhr, sahen die Einwohner von Rom denselben Ballon über dem Vatikan schweben, die römische Campagna durchfliegen und sich in den See von Bracciano versenken. Dies ist der Beweis, meine Herren, dass ein Ballon gegenüber solcher Schnelligkeit standhalten kann.«
»Ein Ballon, mag sein, aber ein Mensch?«, wagte Kennedy einzuwerfen.
»Auch ein Mensch! Denn ein Ballon ist immer unbeweglich im Verhältnis zu der ihn umgebenden Luft: Er selber geht nicht, sondern die Luftmasse; zündet z. B. ein Licht in einer Gondel an, und die Flamme wird nicht hin und her flackern. Ein Luftschiffer auf dem Ballon Garnerins hätte durch diese Schnelligkeit keineswegs gelitten. Übrigens liegt mir durchaus nichts daran, mit einer solchen Geschwindigkeit zu experimentieren, und wenn ich mein Luftschiff während der Nacht an einen Baum oder irgendeine Unebenheit des Bodens ketten kann, werde ich mir das nicht entgehen lassen. Wir führen indessen für zwei Monate Lebensmittel mit uns, und nichts wird unseren geschickten Jäger daran hindern, Wildbret im Überfluss zu erjagen, wenn wir uns einmal auf der Erde niederlassen.«
»Ah, Herr Kennedy, Sie werden Gelegenheit haben, Meisterschüsse zu tun«, sagte ein junger Midshipman, den Schotten mit neidischen Augen betrachtend.
»Ganz abgesehen davon«, fügte ein anderer hinzu, »dass Ihr Vergnügen mit großem Ruhm Hand in Hand gehen wird.«
»Meine Herren«, antwortete der Jäger, »ich weiß Ihre Komplimente sehr wohl zu würdigen, aber ich kann dieselben nicht annehmen.«
»Wie?«, rief man von allen Seiten, Sie werden nicht mitreisen?«
»Ich werde nicht reisen.«
»Sie wollen Doktor Fergusson nicht begleiten?«
»Nicht nur das, sondern meine Anwesenheit hat keinen anderen Grund, als ihn im letzten Augenblick noch zurückzuhalten.«
Aller Blicke richteten sich auf den Doktor.
»Hören Sie nicht auf ihn«, antwortete dieser mit ruhiger Miene. »Das ist eine Frage, die man nicht mit ihm erörtern darf; er weiß im Grunde recht gut, dass er mitreisen wird.«
»Beim heiligen Patrick!«, rief Kennedy aus, »ich beteure ...«
»Beteure nichts, Freund Dick; du bist ausgemessen, du bist gewogen, du bist mitsamt deinem Pulver, deinen Flinten und Kugeln in unser Luftschiff eingepasst; so lass uns nicht mehr davon sprechen.«
Und wirklich öffnete Dick von diesem Tage bis zur Ankunft in Sansibar nicht mehr den Mund; er sprach ebenso wenig von der Reise wie von etwas anderem. Er schwieg.
NEUNTES KAPITEL
Das Kap wird umfahren. – Das Halbverdeck. – Kosmographischer Kursus des Professors Joe. – Von der Lenkung des Ballons. – Von der Erforschung der atmosphärischen Ströme. – Heureka.
D
ie ›Resolute‹ segelte rasch auf das Kap der Guten Hoffnung zu, und das Wetter hielt sich gut, obgleich das Meer hoch ging.
Am 30. Mai, 27 Tage nach der Abreise von London, zeichnete sich der Tafelberg am Horizont ab; Kapstadt, am Fuße eines Amphitheaters von Hügeln gelegen, war mit den Ferngläsern wahrzunehmen, und bald legte sich die ›Resolute‹ im Hafen vor Anker. Aber der Kommandant hielt nur an, um Kohlen aufzunehmen, und dies war in einem Tage geschehen; am Folgenden schon hielt das Schiff südlich, um die mittägige Spitze Afrikas zu umsegeln und in den Kanal von Mozambique einzulaufen.
Joe machte nicht seine erste Reise zur See. Bald fühlte er sich heimisch an Bord, und jedermann hatte ihn wegen seiner Offenherzigkeit und guten Laune gern. Ein Abglanz von der Berühmtheit seines Herrn strahlte auch auf ihn über. Wenn er sprach, lauschte man ihm, wie auf ein Orakel. Während der Doktor seinen gelehrten Kursus in der Offizierskajüte fortsetzte, thronte Joe auf dem Halbverdeck und machte auf seine Weise Geschichte, ein übrigens von den größten Geschichtsschreibern aller Zeiten befolgtes Verfahren. Natürlich handelte es sich hierbei hauptsächlich um die Luftreise. Es war Joe schwer geworden, den störrischen Geistern die Unternehmung als überhaupt ausführbar vorzustellen. Nachdem man aber einmal von der Möglichkeit derselben überzeugt war, kannte die von der Erzählung Joes angestachelte Fantasie der Matrosen keine Grenzen. Der brillante Erzähler redete seiner Zuhörerschaft ein, dass man nach dieser Reise noch sehr viele andere machen würde; dies sei nur der Anfang einer langen Reihe großartiger Unternehmungen.
»Wissen Sie, meine Freunde, wenn man diese Art der Beförderung einmal versucht hat, so kann man dieselbe nicht mehr entbehren; bei unserer nächsten Expedition werden wir, anstatt von einer Seite zur anderen, geradeaus gehen, indem wir fortwährend steigen.«
»Gut! Also gerade auf den Mond los«, sagte ein staunender Zuhörer.
»Auf den Mond?«, entgegnete Joe; »nein wahrhaftig, das ist uns denn doch zu gewöhnlich! Nach dem Mond kann jeder reisen! Übrigens gibt es dort kein Wasser, und man ist genötigt, ungeheure Vorräte davon mitzunehmen ... ebenso auch einige Fläschchen Luft, so wenig man auch zum Atmen braucht.«
»Ob da wohl Gin zu haben ist?«, äußerte ein Matrose, der dieses Getränk sehr zu lieben schien.
»Auch das nicht, mein Lieber! Nein, mit dem Mond ist es nichts, aber wir wollen unter den Sternen lustwandeln, unter den reizenden Planeten, über die sich mein Herr so oft mit mir unterhalten hat. – Und wir werden damit anfangen, dem Saturn einen Besuch abzustatten ...«
»Dem, der so einen Ring um sich herum hat?«, fragte der Quartiermeister.
»Ja, einen Hochzeitsring. Man weiß nur nicht, was aus seiner Frau geworden ist.«
»Wie! So hoch würdet ihr hinaufsteigen?«, fragte ein Schiffsjunge verwundert. »Da ist Ihr Herr wohl der leibhaftige Teufel?«

»Der Teufel? Nein, dazu ist er zu gut!«
»Also zum Saturn?«, fragte einer der ungeduldigsten Zuhörer.
»Zum Saturn? Ja, natürlich! Und dann statten wir dem Jupiter einen Besuch ab; das ist ein komisches Land, in welchem die Tage nur neuneinhalb Stunden lang sind – ganz bequem für die Faulenzer; wo ein Jahr z.B. zwölf Jahre dauert, was sehr vorteilhaft für die Leute ist, die nur noch ein halbes Jahr zu leben haben. Das verlängert ihr Leben etwas!«
»Zwölf Jahre!«, wiederholte der Schiffsjunge erstaunt.
»Ja, mein Kleiner; wärest du dort geboren, so würdest du jetzt noch als Säugling auf dem Arm deiner Mama getragen werden, und jener Alte im fünfzigsten Jahr wäre ein niedliches Püppchen von kaum vier Jahren.«
»Das ist nicht zu glauben!«, rief das Halbverdeck wie aus einem Munde.
»Die reine Wahrheit«, beteuerte Joe zuversichtlich. »Aber wie das so geht! Wenn man, ohne sich anderwärts umzusehen, in dieser Welt immer weiter vegetiert, so lernt man nichts und bleibt unwissend wie ein Meerschwein. Kommt nur erst auf den Jupiter, dort werdet ihr euer blaues Wunder erleben! Man muss sich da oben anständig benehmen, denn er hat eine unangenehme Leibwache von Trabanten um sich!«
Man lachte, aber doch glaubte man ihm halb und halb; er redete weiter vom Neptun, bei dem die Seeleute gut aufgenommen würden, und vom Mars, auf welchem das Militär allen anderen den Rang ablaufe, was schließlich ganz unerträglich wäre. Was den Merkur anlangte, so sei das eine garstige Welt, nichts als Diebe und Kaufleute, die sich einander so ähnlich sehen, dass man sie schwer unterscheiden könne. Endlich entwarf er ihnen von der Venus ein wahrhaft entzückendes Bild.
»Und wenn wir von dieser Expedition zurückkehren«, sagte der liebenswürdige Erzähler, »wird man uns mit dem Stern des südlichen Kreuzes dekorieren, der da oben an dem Knopfloch des lieben Gottes leuchtet.«
»Und ihr habt ihn dann mit Recht verdient!«, sagten die Matrosen.
So vergingen in heiteren Scherzreden die langen Abende auf dem Halbverdeck, während im Kreise der Offiziere die lehrhaften Unterhaltungen des Doktors ihren Fortgang nahmen.
Eines Tages unterhielt man sich über die Lenkung der Ballons, und Fergusson wurde dringend aufgefordert, dahingehend seine Meinung abzugeben.
»Ich glaube nicht«, sagte er, »dass es gelingen wird, die Ballons zu lenken. Ich kenne alle in dieser Beziehung versuchten oder vorgeschlagenen Systeme, aber nicht ein einziges hat Erfolg gehabt, nicht ein einziges ist ausführbar. Sie begreifen wohl, dass ich mich eingehend mit dieser Frage beschäftigen musste, die ein so großes Interesse für mich hat; aber ich habe sie mit den von den gegenwärtigen Kenntnissen der Mechanik gelieferten Mitteln nicht lösen können. Man müsste eine bewegende Kraft von außerordentlicher Macht und unmöglicher Leichtigkeit entdecken! Und auch dann noch wird man gegen beträchtliche Luftströmungen nicht anzukämpfen vermögen. Bis jetzt hat man sich übrigens viel mehr damit beschäftigt, die Gondel zu lenken als den Ballon. Und das ist ein Fehler.«
»Es bestehen aber doch«, entgegnete man, »genaue Beziehungen zwischen einem Luftschiff und einem Schiff, und dies kann man nach Belieben lenken.«
»Ich muss das in Abrede stellen«, antwortete der Doktor Fergusson. »Die Luft ist unendlich weniger dicht als das Wasser, in welches das Schiff nur zur Hälfte sinkt, während das Luftschiff ganz und gar in der Atmosphäre schwebt und in Beziehung auf das umgebende Fluidum unbeweglich bleibt.«
»Sie sind also der Meinung, dass die aerostatische Wissenschaft ihr letztes Wort gesprochen hat?«
»Keineswegs! Wenn man den Ballon nicht lenken kann, so muss man etwas anderes zu erreichen suchen, ihn zumindest in den für ihn günstigen atmosphärischen Strömungen erhalten. In dem Maße wie man sich hebt, werden diese einförmiger und folgen dann beständig derselben Richtung. Sie werden nicht mehr durch die Täler und Berge, welche die Oberfläche der Erdkugel durchfurchen, gestört, und das ist ja bekanntlich die Hauptursache der Veränderungen des Windes und seiner ungleichen Stärke. Wenn nun aber einmal diese Zonen bestimmt sind, so braucht man den Ballon nur in die für ihn passende Strömung zu versetzen.«
»Aber man wird dann«, begann der Kommandant, »beständig steigen oder fallen müssen, um sie zu erreichen. Darin liegt die eigentliche Schwierigkeit, mein lieber Doktor.«
»Und warum, mein lieber Herr Pennet?«
»Einigen wir uns darauf: Das wird nur für die ausgedehnten Reisen eine Schwierigkeit und ein Hindernis sein, nicht für einfache Luftspaziergänge.«
»Und weshalb denn, wenn‘s beliebt?«
»Weil man nur steigt, wenn man Ballast abwirft, und sich nur mit dem Ablassen von Gas herablässt, und weil bei diesem Verfahren Ihre Gas- und Ballastvorräte schnell erschöpft sein werden.«
»Mein lieber Pennet, dies eben ist die ganze Frage, dies ist die einzige Schwierigkeit, welche die Wissenschaft zu besiegen streben muss. Es handelt sich nicht darum, die Ballons zu lenken, sondern vielmehr darum, sie von oben nach unten zu bewegen, ohne dieses Gas zu vergeuden, welches, wenn man sich so ausdrücken darf, die Kraft, das Blut, die Seele des Ballons ist.«
»Sie haben Recht, mein lieber Doktor, aber dieses Problem ist noch nicht gelöst, das Mittel dafür noch nicht gefunden.«
»Bitte um Verzeihung, es ist gefunden.«
»Von wem?«
»Von mir!«
»Von Ihnen?«
»Sie begreifen wohl, dass es mir ohne dies nicht hätte in den Sinn kommen können, eine Bereisung Afrikas im Ballon zu unternehmen; nach 24 Stunden wäre ich mit meinem Gas aufs trockene gesetzt worden!«
»Aber in England haben Sie davon nichts verlauten lassen?«
»Nein, denn es lag mir nichts daran, meine Erfindung öffentlich besprochen zu sehen; dies schien mir überflüssig. Ich habe in der Stille vorbereitende Versuche gemacht, die befriedigend ausgefallen sind, und weiter brauche ich nichts.«
»Nun, mein lieber Fergusson, darf man jetzt Ihr Geheimnis erfahren?«
»Jawohl, meine Herren, das Mittel ist äußerst einfach.«
Die Aufmerksamkeit der Zuhörer war auf das Höchste gespannt, und der Doktor begann ruhig mit der folgenden Auseinanderlegung:
ZEHNTES KAPITEL
Frühere Versuche. – Die fünf Kästen des Doktors. – Das Knallgasgebläse. – Der Heizapparat. – Handhabungsweise. – Sicherer Erfolg!
M
an hat oft versucht, meine Herren, nach Belieben zu steigen oder zu fallen, ohne Gas oder Ballast aus dem Ballon zu verlieren. Ein französischer Luftschiffer, Herr Meunier, wollte dies dadurch erreichen, dass er Luft in einem inneren Behälter komprimierte. Ein Belgier, Herr Doktor van Hecke, suchte mithilfe von Flügeln und Schaufeln eine Kraft in vertikaler Richtung zustande zu bringen, die sich jedoch in der Mehrzahl der Fälle als ungenügend erwiesen haben würde. Auch sind die von diesen verschiedenen Mitteln erzielten praktischen Resultate geringfügig gewesen.
Ich beschloss also, an diese Frage von jenen früheren Versuchen ganz unabhängig heranzutreten. Zunächst lasse ich den Ballast im Prinzip vollständig beiseite und behalte ihn nur in beschränkter Weise für den Eintritt zwingender Umstände bei, wie z. B. für den Fall einer Beschädigung meines Apparates oder wenn ich mich unverzüglich zu erheben wünsche, um einem unvorhergesehenen Hindernis aus dem Wege zu gehen. Meine Mittel zum Steigen und Herablassen bestehen einzig darin, durch Anwendung verschiedener Temperatur das im Innern des Luftschiffes eingeschlossene Gas auszudehnen oder zu verdichten. Und dieses Ergebnis erhalte ich auf folgende Weise:
Sie haben gesehen, wie mit der Gondel mehrere Kästen, deren Gebrauch Ihnen unbekannt war, verladen worden sind; und zwar habe ich von diesen Kästen fünf mitgenommen. Der erste enthält ungefähr 25 Gallonen Wasser, dem ich einige Tropfen Schwefelsäure beifüge, um seine Leitungsfähigkeit zu erhöhen. Ich zerlege dasselbe mithilfe einer starken Bunsenschen Batterie. Das Wasser enthält bekanntlich zwei Raumteile Wasserstoffgas und einen Raumteil Sauerstoffgas. Dieses letztere begibt sich unter Wirkung der Batterie von ihrem positiven Pol in einen zweiten Kasten. Ein dritter, über diesem Kasten stehend und von doppeltem Inhalt, nimmt das Wasserstoffgas auf, welches vom negativen Pol herkommt. Hähne, von denen der eine eine doppelt so große Öffnung wie der andere hat, setzen diese beiden Kästen mit einem Vierten in Verbindung, welchen ich den Mischungskasten nennen will. Dort mischen sich nämlich diese beiden aus der Zerlegung des Wassers herrührenden Gase. Der Inhalt dieses Mischungskastens beträgt ungefähr 21 Kubikfuß.
Am obersten Teile dieses Kastens befindet sich ein mit einem Hahn versehenes Platinrohr. Sie verstehen mich, meine Herren: Der Apparat, den ich Ihnen beschreibe, ist ganz einfach ein Knallgasgebläse, dessen Hitze diejenige eines Schmiedefeuers übersteigt. Hiernach darf ich wohl zum zweiten Teil meines Apparates übergehen.
Von meinem hermetisch verschlossenen Ballon gehen unten zwei durch einen kleinen Zwischenraum voneinander getrennte Röhren aus, deren eine den oberen und deren andere den unteren Schichten des Wasserstoffgases entspringt. Diese beiden Röhren sind in gewissen Entfernungen mit starken Gelenken aus Kautschuk versehen, welche ihnen gestatten, den Schwingungen des Luftschiffes nachzugeben. Sie gehen beide bis in die Gondel hinunter und laufen in einen eisernen Kasten von zylindrischer Form aus, welcher den Namen des Wärmekastens führen mag und an seinen beiden Enden durch zwei starke Deckel aus demselben Metall verschlossen ist. Die von dem unteren Bereich des Ballons ausgehende Röhre läuft durch den unteren Deckel in diesen zylindrischen Kasten hinein und nimmt sodann die Gestalt eines schraubenförmig gewundenen Schlangenrohrs an, dessen übereinander gelegte Ringe fast die ganze Höhe des Kastens ausfüllen. Ganz oben mündet das Schlangenrohr in einen kleinen Kegel, dessen hohe Grundfläche in Gestalt einer Kugel-Kalotte nach unten gerichtet ist. Durch die obere Spitze dieses Kegels geht die zweite Röhre und läuft, wie gesagt, in die oberen Schichten des Ballons. Die Kugel-Kalotte des kleinen Kegels ist aus Platin, um nicht unter der Einwirkung des Knallgasgebläses zu schmelzen, denn dieses ist über dem Boden des eisernen Kastens inmitten des schraubenförmig gewundenen Schlangenrohrs angebracht, und die Spitze seiner Flamme erhitzt leicht die Kugel-Kalotte. Sie kennen, meine Herren, die Bestimmung eines Zimmerheizapparates und wissen auch, wie er arbeitet. Die Luft des Zimmers wird durch die Röhren geleitet und kommt mit erhöhter Temperatur zurück. Somit ist das, was ich Ihnen soeben beschrieben habe, nichts anderes als ein Heizapparat.
Wie ist denn nun schließlich der Vorgang? Wenn einmal das Knallgasgebläse angezündet ist, so erhitzt sich das Wasserstoffgas des Schlangenrohrs und des hohlen Kegels und steigt schnell durch das Rohr empor, welches es in die oberen Regionen des Luftschiffes hinaufführt. Ein leerer Raum bildet sich unten und zieht das Gas der unteren Bereiche an, welches sich seinerseits erwärmt und beständig wieder ersetzt wird. So stellt sich in den Röhren und in dem Schlangenrohr ein außerordentlich schneller Gasstrom her, welcher vom Ballon ausgeht, dorthin zurückkehrt und sich unaufhörlich überhitzt.
Nun vermehren sich aber die Gase für jeden einzelnen Hitzegrad um 1/480 ihres Volumens. Wenn ich also die Temperatur um achtzehn Grad steigere, wird sich der Wasserstoff des Luftschiffes um 18/480 oder um 614 Kubikfuß ausdehnen; er wird also 1.674 Kubikfuß Luft mehr verdrängen, was seine emportreibende Kraft um 160 Pfund vergrößern wird. Dies liefert demnach dasselbe Ergebnis, als wenn ich das gleiche Gewicht Ballast abwerfe.
Sie verstehen, meine Herren, dass ich auf diese Weise leicht bedeutende Gleichgewichtsdifferenzen hervorbringen kann. Das Volumen des Luftschiffes ist so berechnet, dass dasselbe, halb aufgeblasen, ein Gewicht an Luft verdrängt, welches dem der Hülle des Wasserstoffgases und dem der mit den Reisenden und all ihrem Zubehör beladenen Gondel genau entspricht. Wenn es so aufgebläht ist, hält es sich in der Luft genau im Gleichgewicht; es steigt weder, noch fällt es. Um die Steigung zu bewirken, bringe ich mithilfe meines Knallgasgebläses das Gas auf eine Temperatur, welche höher ist als die umgebende; durch diese gesteigerte Wärme erhält es eine stärkere Spannung und bläht den Ballon mehr auf, der umso mehr steigt, je mehr ich den Wasserstoff ausdehne.
Das Absteigen geschieht natürlicher Weise dadurch, dass ich die Hitze des Knallgasgebläses vermindere und die Temperatur sich abkühlen lasse. Das Aufsteigen wird also gewöhnlich viel schneller vonstatten gehen als das Herabsinken. Aber dies ist ein glücklicher Umstand. Ich habe nie ein Interesse daran, rasch herabzusinken, während ich im Gegenteil durch ein sehr schnelles Aufsteigen den Hindernissen aus dem Wege gehe: Die Gefahren sind unten und nicht oben.
Übrigens habe ich ja, wie gesagt, eine gewisse Menge an Ballast, die mir die Möglichkeit gibt, noch schneller aufzusteigen, wenn es notwendig werden sollte. Die am oberen Pol des Ballons angebrachte Klappe ist nur ein Sicherheitsventil; der Ballon behält immer die gleiche Last Wasserstoff; die Temperaturveränderungen, welche ich inmitten des eingeschlossenen Gases hervorbringe, besorgen an und für sich schon seine auf- und absteigenden Bewegungen. Jetzt, meine Herren, werde ich, als besondere Anmerkung für die Praxis, noch Folgendes hinzufügen:
Die Verbrennung des Wasserstoffs und Sauerstoffs an der Spitze des Knallgasgebläses erzeugt nur Wasserdampf. Ich habe also den unteren Teil des zylindrischen Eisenkastens mit einem Rohr für die Entweichung des Dampfes versehen. Dasselbe ist durch ein Sicherheitsventil geschlossen, welches sich bei weniger als zwei Atmosphären Druck öffnet; sobald der Dampf demgemäß diese Spannung erreicht hat, entweicht er von selbst. Hier folgen nun ganz genaue Zahlen:
25 Gallonen in seine Bestandteile zerlegten Wassers liefern 200 Pfund Sauerstoff und 25 Pfund Wasserstoff. Das stellt unter atmosphärischer Spannung 1.890 Kubikfuß des ersteren und 3.780 Kubikfuß des letzteren, im ganzen 5.670 Kubikfuß der Mischung dar. Nun verbraucht aber der voll geöffnete Hahn meines Knallgasgebläses in der Stunde bei einer Flamme, die sechsmal stärker ist als die der großen Beleuchtungslaternen, 27 Kubikfuß. Ich werde also im Durchschnitt, und um mich in einer weniger beträchtlichen Höhe zu halten, nicht über neun Kubikfuß in der Stunde verbrennen; meine 25 Gallonen Wasser ergeben demgemäß 630 Stunden Luftschifffahrt oder etwas über 26 Tage. Da ich nun aber nach Belieben herabsteigen und meinen Wasservorrat unterwegs erneuern kann, ist es mir möglich, meiner Reise eine unbegrenzte Dauer zu geben.
Dies ist das ganze Geheimnis, meine Herren; es ist sehr einfach, und wie bei einfachen Dingen überhaupt, kann ein Gelingen nicht ausbleiben. Zusammenziehung und Ausdehnung des Gases im Luftschiff: das ist mein Mittel, das weder künstliche Flügel noch einen sonstigen mechanischen Motor erfordert. Ein Heizapparat, um meine Temperaturveränderungen zu erzeugen, ein Knallgasgebläse, um denselben zu erhitzen, das ist weder unbequem noch schwer. Ich glaube so alle wesentlichen Bedingungen des Erfolgs vereinigt zu haben.«
Hiermit beendete Doktor Fergusson seine Rede und erntete reichlichen Beifall. Man konnte nicht einen einzigen Einwand erheben; alles war vorgesehen und berechnet.
»Man darf sich indessen nicht verhehlen, dass die Sache sehr gefährlich werden kann«, sagte der Kommandant.
»Was soll‘s?«, antwortete der Doktor kurz, »wenn sie nur ausführbar ist!«
ELFTES KAPITEL
Ankunft in Sansibar. – Der englische Konsul. – Ungünstige Stimmung der Einwohner. – Die Insel Kumbeni. – Die Regenmacher. – Schwellung des Ballons. – Abreise am 18. April. – Letztes Lebewohl. – Die Viktoria.
E
in günstiger Wind hatte die Reise der ›Resolute‹ nach ihrem Bestimmungsort beschleunigt. Die Fahrt durch den Kanal von Mozambique war besonders glücklich vonstatten gegangen, und so konnte die Seefahrt als eine gute Vorbedeutung für die Luftreise angesehen werden. Jeder sehnte sich nach dem Augenblick der Ankunft und wollte an die Vorbereitungen des Doktor Fergusson mit Hand anlegen helfen.
Endlich kam die Stadt Sansibar, auf der Insel gleichen Namens gelegen, in Sicht, und am 15. April, 11 Uhr morgens, legte sich das Schiff im Hafen vor Anker.
Gleich nach der Ankunft der ›Resolute‹ kam der englische Konsul von Sansibar an Bord, um dem Doktor seine Dienste anzubieten, denn schon seit einem Monat war er durch europäische Zeitungen von den Plänen desselben in Kenntnis gesetzt worden. Aber bis jetzt gehörte er zu der zahlreichen Phalanx der Ungläubigen.
»Ich zweifelte«, sagte er, indem er Samuel die Hand entgegenstreckte, »aber jetzt zweifle ich nicht mehr.«
Er bot dem Doktor, Dick Kennedy und natürlicherweise auch dem wackeren Joe sein eigenes Haus an, und durch ihn gewann Fergusson Kenntnis von verschiedenen Briefen, die er von dem Kapitän Speke erhalten hatte. Dieser sowie seine Begleiter hatten furchtbar unter dem Hunger wie unter der Ungunst des Wetters zu leiden gehabt, ehe sie das Land Ugogo erreichten; sie waren nur mit großen Schwierigkeiten vorgerückt und zweifelten, ob sie in nächster Zeit wieder von ihrem Ergehen würden Nachricht geben können.
»Das sind Gefahren und Entbehrungen, die wir zu vermeiden wissen werden«, sagte Doktor Fergusson.
Das Gepäck der drei Reisenden wurde in das Haus des Konsuls gebracht, und man schickte sich nun an, den Ballon auszuladen; es befand sich bei dem Signalturm, einem mächtigen Gebäude, das ihn vor den Ostwinden geschützt haben würde, eine geeignete Stelle hierzu. Der dicke Turm, welcher einer aufgerichteten Tonne nicht unähnlich sah (im Vergleich zu welcher freilich das Heidelberger Fass ein kleines Fässchen gewesen wäre), sollte als Fort dienen, und auf seinem Söller hielten mit Lanzen bewaffnete Belutschen, eine Art herumlungernder, großmäuliger Polizeidiener, Wache.
Aber als man an das Ausladen des Luftschiffes gehen wollte, wurde der Konsul darüber benachrichtigt, dass sich die Bevölkerung der Insel dem mit Gewalt widersetzen würde. Nichts ist blinder als durch Fanatismus angefachte Leidenschaften. Die Nachricht von der Ankunft eines Christen, der sich in die Lüfte erheben wollte, hatte eine gereizte Stimmung hervorgerufen. Denn die Neger, noch leichter erregbar als die Araber, vermuteten in diesem Vorhaben feindliche Absichten gegen ihre Religion und bildeten sich ein, dass er gegen die Sonne und den Mond in den Kampf ziehen wolle. Diese beiden Gestirne aber sind für die afrikanischen Völkerschaften Gegenstand größter Verehrung. So hatte man denn beschlossen, sich diesem gotteslästerlichen Unternehmen zu widersetzen. Der Konsul, welcher, wie gesagt, von solcher Stimmung Kunde erhalten hatte, nahm mit Fergusson und dem Kommandanten Pennet hierüber Rücksprache. Letzterer wollte vor den Drohungen nicht zurückweichen, aber der Doktor vermochte ihn zu veranlassen, eine andere Lösung zu finden.

»Gewiss würden wir am Ende den Sieg davontragen«, sagte er. »Selbst die Soldaten des Imam würden uns im Notfall ihre Hilfe nicht versagen; aber, mein lieber Herr Pennet, wie schnell kann sich ein Unfall ereignen! Ein einziger Hieb würde genügen, um dem Ballon einen enormen Schaden zuzufügen, und die Luftreise könnte durch eine solche Verletzung in Frage gestellt, ja unmöglich gemacht werden. Wir müssen also mit großer Vorsicht zu Werke gehen.«
»Aber was sollen wir tun? Bei einem Versuch, an der afrikanischen Küste zu landen, würden wir auf dieselben Schwierigkeiten stoßen.«
»Nichts einfacher als das«, erwiderte der Konsul. »Sehen Sie die jenseits des Hafens gelegenen Inseln? Lassen Sie Ihr Luftschiff auf eine derselben transportieren, umgeben Sie sich mit einer Wache von Matrosen, und Sie haben keine Gefahr zu befürchten.«
»Ausgezeichnet«, sagte der Doktor, »auf diese Weise können wir in aller Ruhe unsere Vorbereitungen vollenden.«
Der Kommandant fügte sich diesem Rate, und die ›Resolute‹ erhielt Befehl, sich der Insel Kumbeni zu nähern. Am Vormittag des 16. April wurde der Ballon inmitten einer Lichtung der großen Wälder in Sicherheit gebracht.
Man pflanzte zwei achtzig Fuß hohe Masten auf, welche in derselben Entfernung voneinander aufgestellt wurden; Rollen, die an ihren oberen Enden spielten, gestatteten, das Luftschiff mithilfe eines transversalen Taues zu heben; es war zur Zeit noch nicht aufgebläht, und der innere Ballon dergestalt oben an dem äußeren befestigt, dass dieser wie jener emporgehoben werden konnte. An den unteren Teil jedes Ballons wurden die beiden für den Wasserstoff bestimmten Leitungsrohre angelegt.

Der 17. April ging damit hin, den Gaserzeugungsapparat zu ordnen. Er bestand aus dreißig Tonnen, in welchen die Zersetzung des Wassers dadurch bewirkt wurde, dass man altes Eisen und Schwefelsäure mit einer großen Menge Wasser in Verbindung brachte. Nachdem der Wasserstoff auf seinem Durchgang gewaschen worden war, trat er in einen ungeheuren Zentralbehälter ein und gelangte von dort durch die Leitungsröhren in jedes der Luftschiffe. So wurden beide Ballons mit einer genau bestimmten Menge Gas angefüllt.
Für diese Operation musste man 1.870 Gallonen Schwefelsäure, 16.050 Pfund Eisen und 966 Gallonen Wasser verwenden. Diese Operation begann in der folgenden Nacht gegen drei Uhr morgens, und sie nahm beinahe acht Stunden in Anspruch.
Am folgenden Morgen schwebte das Luftschiff, mit seinem Netz bedeckt, anmutig über der durch eine große Zahl von Sandsäcken zurückgehaltenen Gondel. Der Aufblähungsapparat wurde mit äußerster Sorgfalt in Tätigkeit gesetzt und die von dem Luftschiff ausgehenden Röhren genau an dem zylindrischen Kasten befestigt. Anker, Stricke, Instrumente, Reisedecken, Zelte, Lebensmittel und Waffen mussten an den ihnen angewiesenen Plätzen in der Gondel untergebracht werden. Der Wasservorrat wurde aus Sansibar herbeigeschafft und die 200 Pfund Ballast, in fünfzig Säcke verteilt, im unteren Raum der Gondel, jedoch so, dass man sie leicht erreichen konnte, aufgestaut.


Diese Vorbereitungen hatten gegen fünf Uhr abends ihr Ende erreicht, Posten hielten fortwährend um die Insel herum Wache, und die Boote der ›Resolute‹ durchfurchten den Kanal nach allen Seiten.
Die Neger fuhren indessen fort, ihren Zorn durch Geschrei, Grimassen und wunderliche Körperverdrehungen an den Tag zu legen. Zauberer eilten unter den gereizten Gruppen hin und her, ihre Wut zu hellen Flammen anschürend, und einige Fanatiker versuchten, die Insel schwimmend zu erreichen, wurden jedoch zurückgeworfen. Alsdann begannen die Zaubersprüche und Beschwörungsformeln. Die Regenmacher, welche vermeinen, den Wolken gebieten zu können, riefen die Orkane und ›Platzregen von Steinen‹[4] zu ihrer Hilfe herbei. Dazu pflückten sie Blätter von allen verschiedenen Bäumen des Landes ab und ließen sie bei gelindem Feuer aufkochen, während man einen Hammel schlachtete, indem man ihm eine lange Nadel ins Herz bohrte. Aber trotz ihrer Zeremonien blieb der Himmel klar, und sie hatten ihren Hammel umsonst geschlachtet und ihre Faxen vergebens gemacht.
Die Neger ergingen sich nun in rasenden Orgien, indem sie sich mit ›Tembo‹, einem dem Kokosnussbaum extrahierten Likör, und in einem außerordentlich zu Kopfe steigenden Bier, ›Togwa‹ genannt, berauschten. Ihre Gesänge ohne eigentliche Melodie, aber in sehr genauem Takt vorgetragen, folgten einander bis tief in die Nacht hinein.
Gegen sechs Uhr abends vereinigte ein letztes Mahl die Reisenden am Tische des Kommandanten und seiner Offiziere. Kennedy, den niemand mehr befragte, flüsterte ganz leise unverständliche Worte vor sich hin. Er ließ Doktor Fergusson nicht aus den Augen.


Bei dieser Mahlzeit ging es übrigens recht traurig zu. Das Herannahen des erhabenen Augenblicks flößte allen quälende Erwägungen und beunruhigende Gedanken ein. Was behielt das Schicksal den kühnen Reisenden noch vor? Würden sie sich je inmitten ihrer Freunde am häuslichen Herde wiederfinden? Wenn die Beförderungsmittel sie im Stich ließen, was sollte unter den wilden Völkerstämmen, in jenen unerforschten Gegenden, vielleicht tief in unermesslichen Wüsten aus ihnen werden?
Diese bis dahin nur zeitweilig auftretenden Gedanken, die man immer bald wieder zurückgedrängt hatte, ließen sich jetzt aus der so heiß erregten Fantasie nicht mehr verscheuchen. Doktor Fergusson, immer kühl und ruhig, sprach von diesem und jenem; aber er versuchte vergebens, die Traurigkeit, welche sich aller bemächtigt hatte, zu zerstreuen. Da man einen feindlichen Angriff gegen die Person des Doktors und seiner Begleiter befürchtete, schliefen sie alle drei an Bord der ›Resolute‹. Um sechs Uhr morgens aber verließen sie ihre Kajüte und begaben sich zu der Insel Kumbeni.
Der Ballon wiegte sich leicht im Hauch des Ostwindes. Die Sandsäcke, welche ihn hielten, waren durch zwanzig Matrosen ersetzt worden. Der Kommandant Pennet und seine Offiziere wohnten dieser feierlichen Abfahrt bei. In diesem Augenblick ging Kennedy plötzlich auf den Doktor zu, fasste ihn bei der Hand und sagte:
»Es ist also entschieden, Samuel, dass du abfährst?«
»Ganz entschieden, mein lieber Dick.«
»Ich habe doch alles, was in meinen Kräften stand, getan, um diese Reise zu verhindern?«
»Das bezeuge ich dir.«
»Dann kann ich mein Gewissen in Bezug auf diesen Punkt beruhigen, und – ich begleite dich.«
»Ich habe mich darauf verlassen«, antwortete der Doktor, und man konnte in seinen Gesichtszügen eine gewisse Rührung lesen.
Der Augenblick des Abschieds kam heran. Der Kommandant und seine Offiziere umarmten tief bewegt ihre unerschrockenen Freunde, ohne den würdigen, stolzen, hocherfreuten Joe auszuschließen, und jeder der Anwesenden wollte dem Doktor noch seinerseits kräftig die Hand drücken.
Um neun Uhr nahmen die drei Reisegefährten in der Gondel Platz. Der Doktor zundete sein Knallgasgebläse an und vergrößerte die Flamme, um eine rasche Hitze hervorzubringen, worauf der Ballon, welcher sich auf der Erde in vollkommenem Gleichgewicht gehalten hatte, nach Verlauf einiger Minuten anfing, sich zu heben. Die Matrosen mussten etwas von den ihn zurückhaltenden Stricken ablassen, und die Gondel erhob sich um etwa zwanzig Fuß. Der Doktor stand zwischen seinen beiden Begleitern, nahm den Hut ab und rief:
»Meine Freunde, geben wir unserem Luftschiff einen Namen, der ihm Glück bringe! Es heiße, die ›Viktoria‹!«
Ein laut schallendes Hurra erklang:
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