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Joanna Glen
Die andere Hälfte der Augusta Hope
Roman
Aus dem Englischen von Stefanie Ochel

Für Mark, Charlie und Nina
Eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen,
eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz;
eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln.
Kohelet 3:4–5
Augusta
Nichts deutete darauf hin, dass meine Eltern mal jemanden umbringen würden. Das würde jeder sagen - bis auf den toten Jungen, der sagt nämlich nichts mehr. Er hat seine Geschichte mitgenommen, über den Rand der Erde hinaus, wie die anderen, die vor und nach ihm gestorben sind.
Diese Geschichte, meine Geschichte, ist irgendwie auch ihre.
Meine Geschichte beginnt wie alle Geschichten mit einer Mutter und einem Vater, nämlich Stanley und Jilly Hope.
Stanley ging immer ein bisschen gebückt, wie um sich für seine Größe zu entschuldigen, und trug gern einen dunklen Wollanzug, dessen Hosenbeine beim Hinsetzen hochrutschten und zwei weiße und komplett haarlose Schienbeine entblößten. Jilly reichte ihm gerade übers Kinn, war knautschig wie ein Marshmallow und Schürzenträgerin. Ihre fahlen Locken, die sie eher erfolglos zu bändigen versuchte, endeten knapp über den Schultern.
Das Haus im Willow Crescent in Hedley Green hatten meine Eltern schon angezahlt, bevor es dort überhaupt Häuser gab. Es war das größte Risiko, das sie je im Leben auf sich nahmen. Alle Ersparnisse gingen drauf für ein schlammiges Stück Erde.
Von da an ging man auf Nummer sicher. Das Leben spielte sich ausschließlich im Willow Crescent ab, unserer halbkreisförmigen Straße mit Rondell in der Mitte, und so lebten sie ihr Leben im Kreis, tagein, tagaus, rundum zufrieden, ohne jemals herauszuwollen.
Ich dagegen wollte, kaum war ich raus aus dem Bauch meiner Mutter, immer nur raus aus allem, wo man mich reinsteckte, und versuchte, mit einigem Erfolg, aus Bettchen, Laufstall und Kinderwagen zu fliehen.
Meine erste Flucht (die aus meiner Mutter) verlief nicht ganz reibungslos. Ich hatte mich verdreht und mir dabei die Nabelschnur um den Hals gewickelt, während Julia am 31. Juli kurz vor Mitternacht seelenruhig auf die Welt rutschte. Ich kam erst ein paar Minuten später zum Vorschein, da war es bereits August, und so wurden wir Zwillinge mit verschiedenen Geburtstagen.
Meine Schwester, im Juli geboren, bekam den Namen Julia, ich, im August geboren, sollte Augusta heißen. Das war stringent und stimmig, wie in den zahllosen Namensratgebern empfohlen, die meine Mutter während der langen Monate unseres Heranreifens auf dem Nachttisch gestapelt hatte. Unser doppelter Exit war also vollbracht. Das Wort Exit mochte ich, schließlich hieß ex auf Latein »aus, heraus«, und in Mathematik stand x für alles Mögliche. Und in der Schule hingen überall diese Exit-Schilder in Grün und Weiß, bloß kam man da nie besonders weit.
Stanley und Jilly Hope tendierten mehr zum Drinnen als zum Draußen, zum Bleiben mehr als zum Gehen. Sie waren als Erste in den Willow Crescent gezogen und brüsteten sich damit vor den Nachbarn wie mit einem Verdienstorden. Wir wohnen in Nummer 1. Als würde sie das zu Gewinnern machen.
Mich dagegen beschlich schon früh der Gedanke, dass sie eigentlich Verlierer waren.
»Geh weg!«, befahl ich dem Gedanken, doch er blieb.
Ich habe nie jemandem davon erzählt, nicht einmal Julia, aber sie sah es mir an, und ich wusste, dass es sie traurig machte – und das tut mir heute leid, ich kann gar nicht sagen, wie leid.
Sie und ich waren Schneeweißchen und Rosenrot: Julia, hell, still und zurückhaltend, selbstgenügsam und häuslich, immer ein Summen auf den Lippen; und ich das genaue Gegenteil, dunkel, geradeheraus, mit dem Drang nach draußen und dem Wind im Rücken, immer einen Fluch auf den Lippen.
Unser fünfter Geburtstag, die Vorschule war überstanden. Meine Beine und Arme waren immer schmaler geworden, und inzwischen war ich drei Zentimeter größer als Julia. Wir bekamen Dreiräder, meins war gelb, Julias rosa. Julia zeichnete Kreidelinien auf die Einfahrt und übte den ganzen Tag rückwärts einparken. Ich radelte auf die Straße, bog nach links, den Halbkreis entlang bis zur Nummer 13, quasi bis auf zwölf Uhr, dann über die Straße zum Rondell, wo ich mein Dreirad geradewegs in den Fischteich steuerte, diesmal mit »We all live in a yellow submarine« auf den Lippen.
Im Jahr 1998, da war ich sieben, führten wir mit der Klasse ein Meeresprojekt durch (leider an Land, wie ich enttäuscht feststellen musste) und lernten von Miss April, dass marinus auf Latein »zum Meer gehörend« bedeutet und sub »unter«, daher submarine. Doch als ich mich meldete und die Lehrerin mit »Entschuldigung, Miss, ihr Stift liegt sub dem Tisch« ansprach, meinte sie nur, ich solle mich »nicht immer so aufspielen«.
Ich habe schon immer Wörter geliebt, wie andere Leute vielleicht Bonbons oder Pudding lieben – Wörter, aus Buchstaben gemacht, auf dass aus Lauten Dinge werden, echte Dinge. Was für ein Wunder, dass wir behalten, welche Laute zu welchen Dingen gehören, uns Abertausende von Lautkombinationen merken – denn genau das ist Sprache. Als Kind war ich fasziniert davon und blieb jedes Mal wie verzaubert stehen, wann immer ich jemanden Spanisch, Französisch oder auch Gujarati sprechen hörte.
Irgendwann ging mir auf, dass ich für Ausländer bestimmt genauso schlau klang, wenn ich die englischen Wörter runterratterte wie ein Vollprofi, und das machte mich ein bisschen stolz. Dabei tun wir das ja alle ständig – na ja, fast alle, außer Graham Cook von nebenan. Der brachte irgendwie gar keine Wörter hervor.
»Die Cooks sind wirklich zu bemitleiden«, sagte mein Vater leichthin und ohne eine Spur von Mitleid im Gesicht. »So was kann jeden treffen …«
Ich ging gern nach nebenan und unterhielt mich mit Jim Cook, wenn der in der Auffahrt sein Auto wusch, weil er immer neue Träume in petto hatte. Der Ausdruck kam, wie ich später lernte, von lateinisch in pectore, »im Herzen«. Nur schafften es Jim Cooks Träume irgendwie nie aus seinem Herzen ins wahre Leben.
An Tagen, wenn Grahams Pfleger kam, nahm Barbara Cook mich und Julia oft mit ins Schwimmbad, da die Arme, wie meine Mutter mir erklärte, gern auch mal ganz normale Dinge auf ganz normale Weise tun wollte. Ich wollte die Schwimmbadbesuche für Barbara Cook immer so schön wie möglich machen, auch wenn die eigentlich nie darüber sprach, wie es ihr ging.
Eines Tages fand ich nach dem Schwimmen meinen Rock und meine Unterhose nicht wieder. Als ich nur im roten T-Shirt und unten ohne zu Barbara in die Umkleidekabine ging, rief sie aus: »Ha, Augusta, du siehst ja aus wie Pu der Bär!«
Und sie lachte, bis ihr Tränen über die Wangen liefen, und wickelte mir mein nasses Handtuch um die Hüfte. Mir glühten die Wangen vor Scham, als ich so neben ihr zum Parkplatz stolperte.
Ich wollte Barbara Cook mögen, und ich mochte sie auch, vielleicht hatte ich sie sogar lieb, also wollte ich mir nichts draus machen, dass sie mich auslachte, als ich mich sowieso schon schämte. Ich lernte an diesem Tag eine wichtige Lektion: dass auch die Menschen, die wir mögen, vielleicht sogar lieb haben, uns früher oder später enttäuschen – und umgekehrt tun wir das auch.
»Warum hat Barbara mich ausgelacht?«, fragte ich Julia, als wir wieder zu Hause waren.
Julia zuckte die Schultern und frickelte weiter an der dicken Schnur, die aus dem Kopf einer bunten Strickliesel kam. Ich hasste dieses Ding. Ich hatte selbst auch so eins. Allerdings noch verpackt. Eingesperrt in einem stickigen Karton. Wie wir alle.
Unbegreiflicherweise hängte meine Mutter Julias Strickschnur an die Kordel der Badezimmerlampe, allerdings fiel sie unter dem restlichen Deko-Klimbim auch nicht weiter auf. Mit dabei: Schmetterlinge aus Krepp, Papier-Mobiles an Kleiderbügeln, Häkeldeckchen an Fenstern, Magnetbildchen am Kühlschrank – das ganze Haus ein Schrein für uns, die Zwillinge, ihre Mädchen.
Mehr Kinder kamen nicht.
»Warum das Glück herausfordern«, sagte mein Vater, »wenn man zwei perfekte Kinder hat?«
»Perfekt findest du uns?« Julia lächelte und rekelte sich auf dem Sofa wie eine Katze, mit dieser wunderbaren Aura der Zufriedenheit, die sie umgab wie ein riesiger, menschenförmiger Heiligenschein.
»Ohne Komplikationen, meine ich«, sagte mein Vater und nickte in Richtung von Nummer 2, wobei er Julia seine kleine blasse Hand auf die Schulter legte. »Geistig voll da. Nicht … Na, ihr wisst schon.«
Er beschrieb mit dem Zeigefinger Kreise an der Schläfe.
Meine Mutter klopfte sich die Hände an der Schürze ab und betrachtete uns wie zwei Kuchen aus ihrer Produktion, die wirklich prächtig geraten waren.
»Graham Cook ist voll da«, rief ich und war außer mir. »Was musst du da mit dem Finger rumkreiseln? Und was glaubst du, wie seine Eltern das fänden? Und was zum Teufel soll perfekt überhaupt bedeuten – die Leute, die du so perfekt findest, machen nämlich dann doch die …«
»Kannst du mal langsamer reden, Augusta? Ich komm gar nicht so schnell mit.«
»… allerschlimmsten Sachen.«
Ich redete weiter, denn ich hörte mich wahnsinnig gern reden, obwohl ich gerade erst sieben war, und malte mir immer aus, wie schlau ich erst klingen würde, wenn ein Ausländer zuhören würde. Jemand, der nicht aus unserem langweiligen Land kam, dieser Insel auf einem grauen Ozean, sondern aus einem der vielen anderen Länder der Welt, wo sie bessere Meeresfarben hatten, nämlich Türkis und Aquamarin und Azurblau.
Wie man sieht, war ich nicht von Julias Aura der Zufriedenheit umhüllt. Ich weiß nicht, warum. Ich schätze, wir waren einfach verschieden gestrickt, sie und ich.
Ich war so gestrickt, dass ich unbedingt ein Buch schreiben wollte. Schon seit ich denken konnte.
Erst aber wollte ich mir so viele Wörter wie möglich einprägen, denn ich wollte präzise schreiben und mit ordentlich Wumms – ein Wort übrigens, das das Wörterbuch gar nicht kennt.
Ich schlug das Wörterbuch beim A auf und arbeitete mich bis Zytotoxizität durch alle Buchstaben des Alphabets, sprach die Wörter laut aus, prägte sie mir ein und probierte sie in neuen, ausgefallenen Kombinationen. Dann ging ich zurück zum A.
Im Durchschnitt gebrauchen die Leute beim Sprechen im Alltag nur 5000 Wörter und beim Schreiben doppelt so viele; ein gebildeter Mensch kann es auf 80000 bringen, und das zwanzigbändige Oxford English Dictionary umfasst 171476 Haupteinträge für Wörter im aktiven Gebrauch, 47156 für veraltete Wörter und zusätzlich 9500 Unterpunkte für Ableitungen.
Eines Morgens in der Bücherei von Hedley Green nahm ich mir vor, den schönsten Ländernamen zu finden, wobei ich nur nach dem Klang gehen würde, ohne etwas über das Land zu wissen.
Eigentlich hätte ich bei einer Puppenwerkstatt mitmachen sollen, aber ich verdrückte mich, sodass Julia gleich zwei Schlangen mit Plastikaugen und Filzzungen aus Ringelsocken basteln musste. Nicht so mein Fall.
Ich schlich mich an Jean, der Bibliothekarin, vorbei, die die Angewohnheit hatte, sich die Haare auszurupfen. Mit einem Atlas setzte ich mich zwischen die Regale, las das Register von von A bis Z durch und kam zu dem Schluss: Der beste Name für ein Land war Burundi.
Burundi Burundi Burundi. Ich sagte mir den Namen so oft vor, bis er gar nichts mehr bedeutete. Er schwappte nur noch wie Wellen durch meinen Kopf.
Ich ging in die Ecke der Bibliothek, wo ein großer Globus auf Rädern stand, und ich fand Burundi, ein Binnenland in Afrika, zwischen Tansania, Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo. Ich drehte den Globus langsam herum und versuchte dabei, mir Namen und Lage und Grenzen der Länder einzuprägen und welche Formen sie mit dem Meer und miteinander bildeten. Dann drehte ich ihn immer schneller, bis alles zu einem grün-blauen Streifen verschwamm, und stellte mir dabei vor, wie ich mich mitdrehte, als nadelstichkleiner Punkt in der Hedley-Green-Bücherei in Südengland. Und ich dachte, eigentlich müssten wir doch alle von der Erde runterfallen – ich, Julia, die Puppenbastellehrerin und alle Ringelsocken.
Bei meinen Recherchen über Burundi in den Lexika und Sachbüchern fand ich heraus, dass die Hutu, die zuerst da gewesen waren, von den Tutsi verachtet wurden – obwohl sie alle die gleiche Bantusprache Kirundi sprachen, die gleiche Hautfarbe hatten und Christen waren. Irgendwann waren europäische Männer auf Schiffen gekommen und hatten gesagt, die Hutu sollten sich um die Rinder der Tutsi kümmern. Um die sehr lange Geschichte zusammenzufassen: Am Ende wollten sie sich am liebsten alle gegenseitig umbringen. Ich war bestürzt darüber, wie traurig und sinnlos das war – und dann darüber, wie viele andere traurige und sinnlose Dinge Menschen auf der Erde anstellten. Also wandte ich mich dem Himmel zu.
Am Anfang meiner Recherchen über den Himmel erschien mir eine Wolke als etwas Simples – ein schwebender Wasserdampfbausch, mehr nicht. Aber je mehr ich las, desto mehr bedeutete Wolke. Die fünf Buchstaben waren elastisch, und sie dehnten sich in meinem Kopf mit den Jahren immer weiter, bis mir klar wurde, dass wahrscheinlich irgendwo jemand seine Doktorarbeit über Wolken schrieb, oder über einen klitzekleinen Aspekt von Wolken, und dass dieser Aspekt vielleicht ein Leben lang die Hälfte seines Gehirns beanspruchen würde.
Mir wurde schwindlig, als ich erkannte, was alles in dem schlichten Wort Wolke steckte. Und als ich erkannte, dass das für alle Wörter galt. Mir war schwindlig, und ich fühlte mich winzig, wenn ich die Wolken vorbeiziehen sah, und sie kamen mir vor wie Sprechblasen. Mit den Jahren verbrachte ich immer mehr Zeit zwischen den Wörterbuchregalen der Bücherei und platzierte neue Wörter in den Sprechblasen, Wörter, die mir besonders gefielen, in alphabetischer Reihenfolge, von A bis Z. Admiral, Aeronaut, Akanthus, Bergamotte, Bohnenstange (ich), Calypso, Chrysantheme, Clou. Ich dachte über die Größe der Wörter nach – oder sollte ich sagen, ihre Tiefe und den Raum, den sie einnahmen? Es ging dabei nie um die Zahl der Buchstaben, sondern darum, welche Art Ding oder Dinge in ihnen enthalten waren.
Ich dachte an die Tausende und Abertausende von Wörtern mit ihren Tausenden und Abertausenden von Bedeutungen, und ich begriff, was ich am Ende meines Lebens wissen würde: fast nichts. Aber mein Fast-Nichts wäre bestimmt ein anderes als das Fast-Nichts der anderen Menschen, und alle zusammen wüssten wir dann ein bisschen mehr als fast nichts. Und dann käme natürlich der Tod, und alles, was wir rausgefunden hätten, würde mit uns begraben werden. Was für eine sinnlose Verschwendung. Sollte man uns nicht erst auf den Kopf stellen und unser ganzes Wissen rausschütteln – wie die Münzen aus einem Sparschwein?
Noch tagelang trug ich Burundi auf der Zunge, kaute auf dem Wort herum wie auf Kaugummi. Burundi, so fand ich heraus, war ein großes, raumgreifendes Wort, und es dehnte und dehnte sich weiter. Denn Burundi bedeutete Millionen Dinge.
Es umfasste 27816 Quadratkilometer, ein großer Teil davon hügelig und bergig und zehn Prozent Wasser, hauptsächlich im gigantischen Tanganjikasee mit seinen 250 Arten von Buntbarschen in allen Regenbogenfarben.
In Burundi lebten etwa zehneinhalb Millionen Menschen – Hutu (85 Prozent), Tutsi (14 Prozent) und Twa (1 Prozent) – und die meisten von ihnen waren traurig. Es gab kaum noch fruchtbaren Boden im Land, kaum noch Bäume in den Wäldern, und wer nicht von den anderen umgebracht wurde, starb an Aids.
2016 erst landete Burundi bei einer von diesen weltweiten Glücksumfragen wieder auf dem letzten Platz.
Burundi war meine erste ungewöhnliche Wahl und, wie sich herausstellen sollte, bei Weitem nicht die letzte. Ich mochte, was aus der Reihe fiel – und hatte ich es mir einmal in den Kopf gesetzt, konnte ich nicht mehr loslassen. Ich stellte mir immer wieder vor, wie anders mein Leben wäre, wenn ich dort und nicht hier zur Welt gekommen wäre. Und über die Jahre hinweg hielt ich mich, so gut es ging, über Burundi auf dem Laufenden und schrieb sogar Briefe an jeden der amerikanischen Botschafter des Landes.
Von den Botschaftern kam nie eine Antwort, also wandte ich mich wieder den Wörtern zu, die irgendwie leichter zugänglich waren.
Dem Wort Asda zum Beispiel. Das war eigentlich kein Wort, sondern der Name einer Supermarktkette, zu der sich die Fleischereien der Gebrüder Asquith mit der Molkerei Associated Dairies 1965 vereint hatten.
Wollte man etwas Ähnliches mit Julia und Augusta anstellen, dann konnte man uns, so entdeckte ich, Justa nennen – und wir wären eins. Und das waren wir ja auch tatsächlich – damals, 1999, mit neun Jahren und identischen Faltenröcken, Modell Jane aus der Lesefibel Peter and Jane. Unsere Mutter hatte eine ganze Sammlung von gebrauchten Ladybird-Büchern.
Justa war, wie ich später herausfand, auch die feminine Form des lateinischen Adjektivs justus, das recht und gerecht und richtig und triftig und einen Haufen anderer Dinge bedeutete.
Das Wort Asda fasst das Leben, in das ich hineingeboren wurde, ganz gut zusammen, ein Leben nämlich, in dem Asda Nachrichtenwert hatte. Und die Nachricht lautete, dass es bald einen gigantischen neuen Asda in dem gigantischen neuen Shoppingcenter an der Hauptstraße geben würde. Das waren – 1999 – gigantische Neuigkeiten in unserem Haus, im Willow Crescent, auf dem Schulhof und in der Einkaufsstraße von Hedley Green.
Es sollte der größte Asda in Hertfordshire oder in Südengland oder auf der ganzen Welt werden, je nachdem, wem man gerade zuhörte. Er würde immens sein und weiß und aus gebogenem Glas – wie ein riesengroßes Ufo. Alle waren aufgeregt. Außer mir. Für sie war Asda ein großes Wort, aber für mich war es klein. Größe spielte dabei keine Rolle.
»Ich wüsste nichts, was weniger aufregend ist als ein neuer Asda«, sagte ich zu meiner Mutter und Julia. Aus reinem Trotz, wie meine Mutter es nannte. Und aus Opposition, wie ich es nannte, weil ich neue Wörter mochte.
»Sei nicht so ein Muffel, Augusta«, sagte meine Mutter. Wir waren gerade beim Frühstück, aber sie glasierte schon Cupcakes in Pastellfarben für später zum Tee, so wie Modehäuser im Frühling ihre Herbstkollektionen präsentieren. Sie war immer gern mindestens eine Mahlzeit voraus, manchmal auch mehr, und wenn man zu lang darüber nachdachte, kam man selbst aus der Puste. Sie saß praktisch nie still.
Entgegen meiner Aussage fielen mir auf Anhieb doch gut fünfundzwanzig Dinge ein, die tatsächlich weniger aufregend waren als der neue Asda. Schmalz und Spülmittel und abgeschnittene Fingernägel und Spachtel zum Beispiel und dieser Choral, den wir in der Schule singen mussten, der mit »Forty days and forty nights« begann.
Auch wenn alle das neue Center nur Asda nannten, sollten irgendwann (wenn denn alles nach Plan verlief) auch Filialen von Homebase, Next und Mothercare einziehen, ebenso wie vielleicht, so wollte es das Gerücht – denn Gerüchte wollen vieles –, ein Kinopalast und sogar eine Bowlingbahn. Kino und Bowlingbahn wurden nie Wirklichkeit, war ja klar. (Übrigens, was für ein Riesenwort ist bitte Gerücht, eine gigantische Lagerhalle der Fantastereien, voll bis zum Anschlag.)
Wenn ich als Kind Leuten meinen Namen sagte, wiederholten sie nur »Augusta?« mit Fragezeichen in der Stimme, als glaubten sie, ich könnte mich bei meinem eigenen Namen vertan haben.
Ich antwortete: »Ja, Augusta.«
Sie sagten: »Aha, verstehe.«
Manche sagten dann: »Und wie heißt du richtig?«
Ich sagte erneut: »Augusta.«
Sie sagten: »Den Namen hab ich noch nie gehört.«
Aber bald begann ich, meinen Namen zu mögen.
Er fällt aus der Reihe, wie so vieles, was ich mag.
Der Name Augusta, feminine Form von Augustus – majestätisch, erhaben, ehrwürdig –, wurde früher an die weiblichen Angehörigen römischer Kaiser vergeben.
Das nur nebenbei.
»Hummelguste«, nannte mich meine Mutter manchmal.
»Fräulein Hummeln-im-Po, kannst du mal kurz still sitzen und gar nichts sagen?«
Meine Mutter sagte immer wieder, wie sehr sie sich über die Mothercare-Filialen gefreut hätte, als wir noch klein waren. Ich fand die Aussage schon beim ersten Mal sinnlos.
Julia sagte mir einmal, dass Zwillinge zu haben für unsere Mutter die Vorstellung vom Himmel gewesen sei – Pastellstrampler, Faltenkleidchen und Pluderhöschen.
Ich überlegte, woraus mein Himmel wohl bestehen würde. Aber dann fiel mir ein, dass ich wahrscheinlich gar keine Wahl hätte, es war ja eher ein Gemeinschaftsprojekt.
Paradies gefällt mir als Wort sowieso besser als Himmel, doch am liebsten mag ich Elysium, vom griechischen Wort für das Land der Seligen, von dem eins meiner absoluten Lieblingsadjektive stammt: elysisch – ein Wort, das übrigens niemand je benutzt.
Meine Großmutter Nellie (der ich meinen zweiten Vornamen, die glatten, dunklen Haare und dürren Beine verdanke) sagte immer, im Himmel würden wir vor allem rumstehen und warten – ganz in Weiß, mit Kronen auf dem Kopf, wie in diesem Weihnachtslied. Ich wusste schon, dass ich keine Krone tragen wollte, und ich hasste Rumstehen und Warten. Ich hoffte also, dass sie sich irrte. Ich habe immer noch keine Ahnung, wie das Ganze abläuft, aber ich wüsste es zu gern. Wie wir alle wohl.
Laut Julia wiederum war der Himmel voller Rosen und Wasserfälle und Schwärme weißer Tauben, drei der Dinge, die sie am liebsten hatte.
»O, hätte ich doch Flügel wie die Taube, ich wollte hinfliegen und ruhen«, sagte meine Großmutter, die gern in Bibelversen sprach. Auslöser konnte irgendein Wort oder Gedanke sein, oder ein Fluch auf jemanden, den sie nicht mochte. Besonders gern teilte sie die Menschen in Schafe und Böcke ein und wünschte meinen Bockgroßvater bei jeder Gelegenheit in den Schlund der Hölle, weil er kurz nach der Geburt meiner Mutter mit der Sekretärin durchgebrannt war.
Freitagabends und samstagnachmittags saß meine Großmutter in der Wohnzimmerecke und gab wie ein antiker griechischer Chor zu allem ihren Senf dazu. Dabei spielte sie an ihrer Halskette mit dem silbernen Kreuz und dem ewig sterbenden kleinen Jesus dran. Das machte mich immer etwas nervös.
Um Platz für das magische Asda-Bauprojekt zu schaffen, wurden die Reihenhäuser an der Hauptstraße abgerissen und die Bewohner, wie überall zu hören war, großzügig entschädigt. Der Abriss ging scheibenweise vonstatten, im Prinzip wie beim Portionieren von Viennetta-Eis. Ich hielt das für einen meiner besten Vergleiche, aber niemand sonst in der Familie wusste ihn zu würdigen.
Mrs Venditti, die mit dem Eismann verheiratet war, weinte, als Scheibe Nummer 3 abgetragen wurde, und meine Mutter erklärte, dass in diesem Haus ihr Baby am plötzlichen Kindstod gestorben war. Ich hatte irgendwo gehört, dass das passierte, wenn man Babys auf den Bauch legte, und fragte, ob Mrs Venditti das vielleicht aus Versehen getan hatte, aber meine Mutter sagte nur: »Können wir bitte das Thema wechseln?«
»Warum?«, fragte ich.
»Weil ich nicht so gern über tote Babys rede«, sagte sie.
Mein Vater fügte hinzu: »Mrs Venditti ist auch Italienerin.«
Ich sagte: »Was meinst du damit?«
Er sagte: »Stell doch nicht immer so viele Fragen.«
Jemand krachte mit einem alten Renault 5 in einen Minibus voller Schulkinder, weil er zusah, wie Nummer 8 fiel. Immerhin wurde niemand schwer verletzt. Ein Schild mit der Aufschrift »Augen auf die Straße« wurde an die Ampel gehängt. Nur musste man die Augen nach oben richten, um es zu lesen. Manchmal, fand ich, denken Erwachsene die Dinge nicht zu Ende.
Meine Mutter erlaubte mir, unserem Vater abends auf der Hauptstraße entgegenzugehen, wenn er von der Arbeit kam. Es gab ihr das Gefühl, dass alles an unserem Leben vollkommen war. Wie bei den Familien in den alten Ladybird-Büchern, die nach wie vor die Fächer der auf Hochglanz polierten Kiefernkommode füllten.
Als Letztes wurde das Haus der Greens abgerissen, und alle sechs Greens sahen vom Bürgersteig gegenüber zu, während ich auf meinen Vater wartete. Und da kam er schon, pfeifend, auf dem Heimweg von seinem Laden für Schulbekleidung – Stanley Hope Uniforms.
»Das muss ein trauriger Tag für Sie sein«, sagte er fröhlich zu Mr Green, als fühlte er sich dank Mr Greens Traurigkeit sicherer in seinem eigenen Glück.
»Ist nur Stein und Mörtel«, sagte Mr Green mit den Händen in den Hosentaschen.
»Es ist ein Zuhause«, sagte mein Vater.
»Gefühlsduselei, Stanley«, sagte Mr Green.
Darauf schien meinem Vater keine Antwort einzufallen.
»Machst du dir keine Sorgen?«, fragte Mr Green meinen Vater.
»Sorgen, warum?«, entgegnete der.
»Nicht noch mehr Sorgen, Jilly«, war immer die Standardantwort meines Vaters, wenn meine Mutter vorschlug, einen Hund anzuschaffen, ein Flugzeug zu besteigen – oder noch ein Baby zu bekommen, ihr Lieblingsvorschlag schlechthin.
»Schuluniformen!«, rief Mr Green gegen den Lärm an und nickte in Richtung Bauzaun, hinter dem der größte Asda des Universums entstehen sollte.
»Schuluniformen?«, rief mein Vater zurück.
Das Krachen verstummte für einen Moment.
»Bei Asda gibts auch Schuluniformen«, sagte Mr Green sehr langsam und sehr laut, als wäre mein Vater schwer von Begriff. »In rauen Mengen. Und billig. Das ganze Pipapo.«
Ich sah meinen Vater an. Für den Bruchteil einer Sekunde ging ein haarfeiner Riss durch sein Gesicht, wie der Sprung in einer Porzellankanne. Ich starrte auf den Boden. So wollte ich sein Gesicht nicht sehen. Als ich wieder aufblickte, war der Riss weg. Aber jetzt hatte das Gesicht eine glänzende Schweißschicht, die aussah wie Uhu-Kleber. Ich hoffte, der würde den Riss einfach kitten – aber ich wusste ja, dass Risse nicht kleiner werden und zusammenwachsen, sondern größer werden und bersten. Vor meinem geistigen Auge sah ich das Gesicht meines Vaters entzweibrechen.
»Na, dann machen wir uns mal auf den Weg«, sagte mein Vater zu Mr Green und riss den Arm hoch, um Mrs Green und den vier gelangweilten Kindern zuzuwinken.
»Was ist ein Pipapo?«, fragte ich, gierig auf ein neues Wort für meine P-Liste.
Mein Vater hatte Mr Green keine Antwort gegeben, und mir gab er auch keine. Er rannte förmlich nach Hause. Normalerweise schlenderten wir Seite an Seite zurück und sprachen über meinen Schultag. Jetzt zitterten seine Finger, und ich sah ihm an, wie dringend er zu meiner Mutter wollte.
»Ein Herz und eine Seele«, so nennt sie das – auch heute noch, trotz allem, oder gerade deswegen. »Darum gehts in der Ehe. In guten und in schlechten Tagen. Ob krank oder gesund.«
»Ich muss mit dir reden, Jilly«, sagte mein Vater, sobald er die Tür geöffnet hatte, ganz außer Atem vor Sorge. Ich bezog Position unter der Durchreiche (einem gewölbten Loch in der Wand) auf der Wohnzimmerseite, von wo aus ich alle Küchengespräche mithören konnte.
»Aber Schatz«, sagte meine Mutter lachend. »Asda ist doch keine Konkurrenz für Stanley Hope Uniforms!«
»Meinst du?«, sagte mein Vater. »Wirklich?«
»Was zählt, ist die persönliche Beratung«, sagte meine Mutter. »Wer nimmt denn bei Asda bei den Kindern Maß? Und wer näht ihnen bei Asda die Initialen in die Turnbeutel?«
»Wirklich?«, wiederholte mein Vater. »Also kein Grund zur Sorge?«
Und er ging in den Flur und murmelte nur: »Kein Grund zur Sorge. Kein Grund zur Sorge.«
»Waren die Greens traurig, als ihr Haus eingestürzt ist?«, fragte meine Mutter beim Abendessen.
»Mr Green meinte, es ist bloß Stein und Mörtel«, sagte ich.
»Wie lieblos«, sagte meine Mutter. »Wo sie doch ihre Kinder in dem Haus großgezogen haben.«
»Er hat Dad gefühlsduselig genannt«, sagte ich.
Mein Vater wurde rot.
»Ich mag dich gefühlsduselig«, sagte meine Mutter.
Julia und ich sahen uns an und warteten darauf, dass meine Mutter meinen Vater auf das verschwitzte Haar küsste – was sie auch tat. Ich fand immer, dass sein Haar etwas komisch roch.
»Wir haben dir etwas zu sagen, Daddy«, sagte meine Mutter.
»Ach ja?«, sagte mein Vater, während er sich die fünfte Wurst auf die Gabel spießte.
»Julia ist ›Dichterin der Woche‹ geworden«, sagte meine Mutter. »Das ist eine wichtige Auszeichnung an der Schule.«
»Toll«, sagte mein Vater und fügte hinzu: »Augustas Gedicht war bestimmt auch gut.«
»Julia möchte es dir vorlesen, Stanley«, sagte meine Mutter.
»Der Titel meines Gedichts«, fing Julia an, mit einem leicht beschämten Blick zu mir, denn Gedichte waren eigentlich mein Ding, »lautet ›Der Name meiner Mutter‹.«
»Alle hatten denselben Titel«, ergänzte ich, nur zur Information, doch meine Mutter verstand es als eine Spitze gegen Julia und warf mir einen strengen Blick zu.
»Dann schieß los«, sagte mein Vater.
Julia stand auf und begann zu lesen, allerdings war das Vorlesen nicht ihre große Stärke, sie neigte dazu, sich zu verhaspeln. Ich biss die Zähne zusammen.
»Meine Mutter, die heißt Jill,
ihre Stimme klingt nicht schrill,
sie mag Sommer schon im April
und trägt Rüschen, wann sie will.«
»Bravo«, rief mein Vater lachend. Über die Verhaspler sah er hinweg.
»Sie hat mich gut getroffen, oder?«, sagte meine Mutter. »Passt genau. Ich trag Rüschen, wann ich will, stimmts, Stan?«
Ich freute mich wirklich, dass Julia die Dichterin der Woche-Urkunde bekommen hatte, und fand es toll, wie sie beim Vorlesen ihre kleine Nase gekräuselt hatte wie ein Kaninchen, aber ich wusste, dass das kein gutes Gedicht war. Entweder die Lehrerin hatte keine Ahnung von Lyrik oder sie bezweckte etwas anderes, eine ausgewogene Preisverteilung zum Beispiel.
Meine Mutter und mein Vater lachten nach Julias Vortrag noch eine Weile weiter, was mich auf den Gedanken brachte, dass sie langsam den Verstand verloren. Selbst wenn man die Reime mochte, so witzig war das Gedicht wirklich nicht.
»Sommer im April mag ich, und wie!«, lachte meine Mutter und wischte sich die Augen, »und mit der Stimme geb ich mir Mühe.«
Der Sommer kam näher, und am 30. oder 31. Juli (Julias Geburtstag) würde mein Vater wie jedes Jahr für zwei Wochen den Laden schließen, weil die meisten Leute verreist waren und weil meine Mutter unbedingt vierzehn Tage in die Ferien fahren wollte.
Sie verbrachte jedes Jahr fünfzig Wochen mit der Planung unseres zweiwöchigen Sommerurlaubs, des einzigen Urlaubs, den mein Vater sich gönnte, weil er den Laden niemand anderem überlassen mochte, wie manche Mütter niemand anderen ihre Babys auf den Arm nehmen ließen. Er hatte ein Schild mit einem Jahreskalender im Schaufenster. Darauf stand in dicken, unterstrichenen Großbuchstaben: GEÖFFNET, und die vierzehn Ferientage waren mit einem hauchfeinen Bleistift durchgestrichen.
»Noch sechs Monate, dann gehts los«, sagte meine Mutter jedes Jahr.
»Noch fünf.«
»Vier.«
»Drei.«
»Zwei.«
»Noch einen Monat.«
Wenn wir in Urlaub fuhren, installierte mein Vater im ganzen Haus Zeitschaltungen an den Lampen, die perfekt unseren Lebensrhythmus nachahmten, und kontrollierte sie vor der Abreise gut fünf Mal und dann noch einmal zur Sicherheit. Als ich einwandte, ich hätte im Willow Crescent noch nie irgendwelche Einbrecher herumlungern sehen, erklärte er, die liefen ja nicht im gestreiften Hemd mit Beutesack auf dem Rücken herum – jeder könne ein Einbrecher sein, sogar Leute, die wir kannten und mochten, sogar Nachbarn aus dem Willow Crescent.
»Sogar Barbara Cook?«, fragte ich.
»Barbara Cook natürlich nicht.«
»Du bist doch bei der Nachbarschaftswache«, sagte ich. »Müsstest du nicht längst wissen, wenn unter unseren Nachbarn Einbrecher sind?«
»Jetzt lass deinen Vater in Ruhe, siehst du nicht, wie beschäftigt er ist?«, sagte meine Mutter mit ihrem Urlaubsleuchten in den Augen. Sie fürchtete wohl, wegen meiner dreisten Art würden ihm gleich wieder die Hände zittern. Das taten sie manchmal, gerade am Tag der Abreise, wenn seine Nerven zum Zerreißen gespannt waren.
Ab September begann meine Mutter mit ihren Besuchen im Reisebüro. Sie achtete auf die Werbeständer vor dem Zeitungsladen. Sie durchforstete die Sonntagszeitungen. Sie las auch die Schulzeitung mit den Angeboten für Ferienhäuser und Wohnwagen.
Julias Gedicht wurde auch in der Schulzeitung veröffentlicht. Meine Mutter schnitt es aus und rahmte es ein, und mein Vater nagelte es an die Wand. Julia legte mir ein Werther’s-Toffeebonbon unters Kopfkissen mit einem Zettel, auf dem stand: »Du bist die wahre Dichterin in der Familie.«
Ich kaute in aller Bescheidenheit darauf herum und nahm es hin, als Julia (nicht zu Unrecht) sagte: »Mein Gedicht ist eigentlich ziemlich mies.«
Ich wollte entgegnen: »Nein, ist es nicht«, doch ich brachte es nicht über die Lippen. Julia hätte sowieso gewusst, dass es komplett geschwindelt war.
So ist das bei Zwillingen, vielleicht bei allen Geschwistern. Man kennt das Äußere der jeweils anderen, kennt den Körper, mit dem man jeden Abend badet, bis man irgendwann zu groß ist, um zu zweit in die Wanne zu passen. Ab da sitzt die eine auf dem Toilettendeckel und plaudert so lange mit der anderen in der Wanne, bis man heißes Wasser nachlässt und die Plätze tauscht.
Du kennst den kleinen Leberfleck auf Julias rechtem Oberarm und die dunkle Sommersprosse auf dem linken Ringfinger, dank der sie ihre Rechte von ihrer Linken unterscheiden kann, und ihr Innerstes kennst du genauso gut. Du spürst ihre Tränen, bevor sie fließen – und du willst sie aufhalten, so dringend willst du sie aufhalten, doch du kannst es nicht, so ist es nun einmal. Du hörst ihr Lachen, bevor es erklingt, und wenn du ihr Lachen hörst, musst du auch lachen. Ihr schönes, helles Lachen.
So gesehen ist dein Zwilling dein Zuhause.
Zumindest war das bei mir so.
Viel mehr als mein sogenanntes Zuhause.
Was für ein Wort: Zuhause – Millionen von Bedeutungen, eingewickelt in ein Riesentuch, das wir wie ein Wanderbündel an einem Stock über der Schulter tragen.
»Hast du nicht auch ein Gedicht geschrieben, Augusta?«, fragte meine Mutter.
Ich nickte.
»Das musst du mir zeigen«, sagte sie.
»Ach, ist nicht so wichtig.«
»Ich finde es sehr wohl wichtig«, sagte meine Mutter, woraus folgte, dass ich mein Heft holen musste. Was ich absolut nicht wollte.
»Hier«, sagte ich. »Miss Rae hat es nicht so gefallen.«
»Natürlich hat es ihr gefallen«, sagte meine Mutter, die das natürlich überhaupt nicht wissen konnte.
Ich gab meiner Mutter das aufgeschlagene Heft und sie las:
»Der Name meiner Mutter« von Augusta Hope
Meine Mutter heißt Jilly,
angeblich ist das die
Kose-Kurzform von Jill
nur eben ein Ypsil-
on länger und wenn man nur will
warum nennt man nicht Dill,
(wenn man ihn mag)
Dilly,
das Lieblingsfossil
Fossily,
(oder wär das Fusilli?)
und den netten Prof
Dr. Phily,
aber jetzt bin ich lieber stilly.
Darunter hatte die Lehrerin geschrieben:
»Das ist ein ziemlich merkwürdiges Gedicht, Augusta, und das Reimschema ist unregelmäßig. Gut!«
Meine Mutter starrte auf den Kommentar der Lehrerin.
Dann auf die graue Linie darunter. Sie versuchte, die Überreste einer Schrift zu entziffern, und fragte sich wohl, was um alles in der Welt sie zu diesem seltsamen Gedicht sagen sollte.
Unter den Kommentar der Lehrerin hatte ich geschrieben:
»Nur z. K. (das stand, wie ich herausgefunden hatte, für zur Kenntnisnahme): Das sollte gar kein regelmäßiges Reimschema sein.« Dann hatte ich es ausradiert. Ich wusste, es war zwar richtig, aber auch ziemlich frech – und altklug.
Meine Mutter schaute immer noch angestrengt auf die ausradierte Zeile.
»Was stand hier?«, fragte sie.
»Ich weiß nicht mehr«, sagte ich.
»Dein Gedicht ist …«, begann meine Mutter und brach dann ab.
»Schon gut«, sagte ich. »Es muss dir nicht gefallen. Es ist wirklich etwas merkwürdig.«
»Manchmal frage ich mich, was da die ganze Zeit in deinem Köpfchen vorgeht«, sagte meine Mutter.
Mein Gedicht hat sie nicht eingerahmt.
Parfait
Meine Mutter hieß Aurore, was Morgenröte bedeutet.
Und mein Mutterland, das immer noch auf seine Morgenröte wartet, heißt Burundi.
Burundis Poesie lebt in den Kolibris, die aus langen Blüten Nektar saugen, im satten Grün der Blätter nach dem Regen, den schillernden Buntbarschen in den Tiefen des Tanganjikasees, wo die Krokodile reglos und trügerisch dahindösen und die Nilpferde in Reih und Glied flussabwärts paddeln.
Und sein Geist lebt in den würdevollen Gesichtern all derer, die vergeben wollen, im festen Glauben, dass Burundi eines Tages wieder schön sein wird.
Gesichter wie das meines Vaters.
Ich war sein erster Sohn, und er betete, dass endlich Frieden herrschen würde, wenn ich erst groß wäre.
»Du bist schon mit einem Lächeln zur Welt gekommen«, sagte er zu mir. »Und du warst so perfekt. Alles, wovon wir geträumt hatten.«
»Also haben wir dich Parfait getauft«, sagte meine Mutter.
»Parfait Nduwimana«, sagte mein Vater (was Ich bin in Gottes Hand bedeutet).
»Ein wunderschönes Baby warst du«, sagte meine Mutter, »mit den kleinen Grübchen auf den Wangen.«
»Was soll an Grübchen schön sein?«, fragte ich.
»Ach, alles!«, antwortete sie, kam auf sehnigen Beinen auf mich zugehüpft und strich mir über die Wange.
Meine Mutter – sie erinnerte mich an einen zarten Vogel.
Bei jeder Gelegenheit beobachtete ich Vögel: den Wiedehopf, den Haubenzwergfischer und das Pfirsichköpfchen, meinen absoluten Liebling – ein kleiner Papagei im Regenbogenkleid, der immer im Flusslauf oberhalb unseres Gehöfts sein Bad nahm.
»Der Vogel da ist so …«, sagte ich.
Und mein Vater ergänzte: »Unnötig, irgendwie.«
Das ist Schönheit wohl immer.
Dass ich ohne sie nicht leben kann, fand ich erst später raus.
Dann sagte mein Vater: »Unnötig extravagant.«
Ich sagte: »Was heißt das?«
»Das hier«, sagte er, drehte sich im Kreis und deutete auf alles in der Umgebung, den Himmel und die Bäume und das klare Wasser über den Kieseln.
Meine Familie wusch sich weiterhin in dem kleinen Flusslauf, wie die Vögel.
Am Anfang waren wir zu neunt.
Die Zwillingsmädchen: Gloria und Douce, die am liebsten in den glitzernden Brautjungfernkleidchen herumtanzten, die die Baptisten in Plastiksäcken mitgebracht hatten.
Die Zwillingsjungen: Wilfred, benannt nach einem englischen Missionar, der mal auf unserer colline lebte (und später dort auch starb), und Claude, benannt nach einem französischen.
Pierre war stark und starrköpfig, und man wusste nie, was in ihm vorging.
Bei Zion, dem Jüngsten, wusste man es genau. Schon von klein auf trug er das Herz auf der Zunge, wie man so sagt.
Auf dem Gesicht meines Vaters lag immer eine Art Leuchten, als hätte er eine Kerze im Innern, die durch seine Augen flackerte. Ich sehe sein freundliches Lächeln vor mir, von einem Ohr zum anderen, und höre sein Lachen, das aus irgendeiner geheimnisvollen inneren Quelle hervorsprudelte. Ich sehe seine Hände, wie sie aus einem Stöckchen eine Pfeife, aus Kokosnuss und Zwirn einen Fußball für uns formen.
Ich spüre die Umarmung meiner Mutter, die Achseln leicht feucht auf meinen Schultern, ihre warme, weiche Brust an meiner Wange, und ein wohliges Kribbeln vom Nacken bis in die Fußsohlen: Geborgenheit.
Ich sehe uns alle zusammen ums Feuer sitzen, die Zwillingsmädchen, singend, Pierre still vor sich hin brütend, die Zwillingsjungen, buchstäblich unzertrennlich, an den Fußgelenken zusammengebunden, und das Baby in den Armen meiner Mutter noch von einem Rest Himmel beseelt.
»Wir nennen ihn Zion«, sagte mein Vater, als meine Mutter das Kind herauspresste, unter dem Lärm von Schüssen aus einem benachbarten Gehöft.
Die Frauen nabelten das Baby ab.
»Zion, ja!«, rief mein Vater. »Und wir träumen weiter von der Stadt, die da kommen wird!«
Augusta
Am 31. Dezember 1999, dem letzten Tag des zwanzigsten Jahrhunderts und des alten Millenniums, einem Tag mit viel Potenzial für Drama, fand bei Pattons in Nummer 13 eine Silvesterparty statt. Es war das einzige frei stehende Haus im Willow Crescent und stand leer bis auf mehrere Türme identischer Pappkartons, jeder davon mit schwarzem Marker in mysteriösen vokallosen Chiffren wie SZ1/KS oder WZ/BR beschriftet, sodass man denken konnte, Mr Patton wäre beim Geheimdienst.
Wie sich herausstellte, diente die Jahrtausendwende nur als Vorwand, denn der eigentliche Zweck der Party bestand darin, den Patton-Kindern Gelegenheiten für allerlei musikalische Darbietungen zu geben. Und zwar praktisch alle fünf Minuten. Cello, Geige, Klarinette, ein Blockflötenensemble, und das Ganze wieder von vorn, bis wir anderen vor Langeweile fast gestorben waren.
Dann kam der 1. Januar 2000 – Julia und ich waren neuneinhalb, und das Science-Fiction-Zeitalter hatte begonnen.
Es ließ hoffen. Als könnte jeden Moment etwas Gewaltiges passieren. Als würde im nächsten Augenblick ein Bataillon Silberroboter im Crescent einmarschieren. In Wirklichkeit aber rollte am nächsten Tag, dem 2. Januar, ein Flügel über den Bürgersteig. Weil die Pattons (die, wie gesagt, sehr musikalisch waren) aus unserer Straße auszogen. Durchs Fenster sahen wir Tabitha Patton in einem komplett leeren Haus zwischen Umzugskartons Geige üben. Sie war zehn und bereitete sich auf die Musikprüfung in Stufe 8 vor. Sie war auf der Privatschule, wo anscheinend nur Genies rumlaufen.
»Stufe 8, das ist doch grausam«, sagte meine Mutter.
»Oder brillant«, sagte ich (nur aus Opposition, denn ehrlich gesagt konnte ich Tabitha Patton nicht ausstehen).
»Musst du mir immer widersprechen?«, fragte meine Mutter.
Wenige Tage später fuhr ein riesiger, mit ausländischen Wörtern beschrifteter Möbelwagen vor, und Umzugsleute trugen geschnitzte Bänke und strassbesetzte Kissen, antike Vogelkäfige, Hutständer und kanariengelbe Pappkartons ins Haus.
Doch viel besser als all das war das Eintreffen eines dunkelhaarigen Jungen, der scheinbar mühelos vier Kisten auf einmal tragen konnte.
Julia und ich lungerten draußen in unseren Regenmänteln herum, taten, als hätten wir irgendwo im Rondell etwas verloren, und beobachteten den Jungen im Schutz der Trauerweide – übrigens ein lausiger Beobachtungsposten, weil die Zweige viel zu dünn und fransig waren und uns nur bis zur Hüfte verdeckten.
Dann liefen wir rüber und suchten auf dem nassen Bürgersteig vor Nummer 13 weiter, murmelten was von verloren und erfuhren, dass der Junge Diego hieß. Unseren verlorenen Gegenstand vergaßen wir in der Aufregung wieder, und als Diego uns am nächsten Tag fragte, ob wir ihn gefunden hätten, hatten wir keinen Schimmer, wovon er sprach.
Im Rückblick betrachtet war er zwar bloß ein pummeliger Zwölfjähriger, aber er war drei Jahre älter als wir, und für uns war er der Größte mit seiner dunklen spanischen Haut und den schwarzen Augen. Seine Schwester hieß Paloma, was Taube bedeutet, wobei sie nicht gerade ein Täubchen war und dies vielleicht nicht der passendste Name für sie.
»An welches Tier erinnert sie dich denn?«, fragte ich Julia.
»Sag ich nicht«, antwortete sie.
Wir prusteten trotzdem los.
Dann tat es uns leid, und Julia sagte: »Sie hat ein hübsches Gesicht.« Was die Leute eben über dicke Mädchen sagen.
Meine Mutter kochte eine große Lasagne für die Neuankömmlinge, wie es bei ihr Brauch war. Mein Vater war schließlich Leiter der Nachbarschaftswache, da war dies ihrer Meinung nach das Mindeste, was sie tun konnte. Sie überreichte sie an der Haustür und spähte in den Flur, in der Hoffnung, hereingebeten zu werden.
»Es sah ganz schön kahl aus«, sagte sie bei ihrer Rückkehr, »soweit ich sehen konnte.«
»Sie sind doch gerade erst eingezogen«, sagte mein Vater. »Und bestimmt haben sie sowieso andere Bräuche.«
»Möbel werden sie sicher haben«, sagte ich.
Ein paar Tage später beging Diegos ausländische Mutter den Fehler, meiner Mutter die Lasagneform nicht zurückzubringen, die sie 1998 im Urlaub gekauft hatte und auf deren Boden die Worte Quimper, Bretagne zu lesen waren.
»Von einer neuen Nachbarin hätte ich was anderes erwartet«, sagte meine Mutter, die nicht genug Fantasie besaß, um sich in Menschen hineinzuversetzen.
Julia ging rüber zu Nummer 13, um die fehlende Form zu holen, und nahm ihr Lächeln mit. Auf dem Rückweg pflückte sie einen Zweig gelber Winterblüte aus unserem Garten und legte ihn in die Auflaufform, sodass die Küche, als meine Mutter später hereinkam, nach Blütenblättern duftete. Sie wusste einfach, wie man sie nehmen musste. Ich hätte hundert Jahre überlegen können und wäre trotzdem nicht auf die Idee gekommen, meiner Mutter einen Blütenzweig in die Lasagneform zu legen.
Wenn ich jetzt hier in La Higuera im Süden Spaniens meine Geschichte aufschreibe, kann ich, obwohl Hedley Green über dreitausend Kilometer weit weg ist, die Winterblüte im Vorgarten von Nummer 1 riechen, hab den Duft von Julias weichem, hellem Haar in der Nase, noch nass, frisch gewaschen mit Timotei-Shampoo, ich sehe es vor mir, wie es ihr über den rosa Morgenmantel fällt und darauf wartet, geföhnt zu werden. Manchmal setzten wir uns mit gespreizten Beinen hintereinander, zu zweit, manchmal auch noch mit Angela Dunnett aus unserer Straße und Julias leicht dusseliger Freundin Amy Atkins, föhnten und flochten einander die Haare und kreppten sie mit dem Crimper und wechselten uns damit ab, wer hinten sitzen musste und so diesmal nicht frisiert wurde.
»Angela Dunnett braucht vielleicht eher einen Quimper zum Kreppen«, sagte ich mit Blick auf die bretonische Lasagneform.
»Für ihren Sprachfehler kann sie doch nichts«, sagte meine Mutter. »Also lass die Schlaumeierei.«
Ich schämte mich zwar, aber fand es auch ein bisschen lustig, dass Angela Dunnett, die sich immer so toll fand, das R nicht richtig aussprechen konnte. Obwohl sie nur zwei Jahre älter war als wir, führte sie sich auf, als wüsste sie schon alles, was es über die Welt zu wissen gab.
Julia erzählte, dass Diegos Mutter Lola Alvárez hieß, wobei sie sich große Mühe gab, den Namen spanisch auszusprechen. Er bestand aus den schönsten Lauten, die ich je gehört hatte. Außerdem, fügte Julia hinzu, würde Lola Alvárez sich bestimmt doch noch als sehr gute Nachbarin entpuppen, sie hatte ein so liebes Lächeln.
Drei Monate später war es mit Julias Prognose nicht mehr weit her, denn inzwischen war der Vorgarten von Nummer 13 mit Unkraut überwuchert, was natürlich das Straßenbild verunstaltete. Meine Mutter meinte, wenn der Leiter der Nachbarschaftswache dieser Lola Alvárez das nicht sagen konnte, wer dann?
Also wurde mein Vater zu ihr hingeschickt. Doch bei seiner Rückkehr äußerte er Zweifel, ob seine Botschaft richtig angekommen war.
»Hast du überhaupt etwas gesagt?«, fragte meine Mutter.
»Ich hab gesagt, den Engländern ist ihr Heim heilig.«
»Das ist immerhin ein Anfang«, sagte meine Mutter.
»Ich frage mich, ob sie vielleicht den Unterschied zwischen Blumen und Unkraut nicht kennen«, sagte mein Vater. »Vielleicht ist es bei denen da anders.«
Er deutete in Richtung Bahnübergang, als läge Spanien hinter den Gleisen.
»Dann werde ich ihnen den Unterschied erklären, Stanley«, sagte meine Mutter.
Ich war dabei, als sie es tat, stand neben ihr und wäre am liebsten im Erdboden versunken, als sie sich vor dem Haus der Nachbarn die Locken zurechtstrich und schließlich klingelte. Ihre Wangen unter dem blassbeigen Make-up waren gerötet.
»Ihre Unkräuter sind meine Blumen«, sagte Diegos Mutter zu meiner Mutter und zwinkerte sie an, die Hände in den Taschen einer weiten Latzjeans, und lächelte wieder auf diese liebe Art, bei der sich kleine Fältchen an den Augenwinkeln bildeten.
Meine Mutter hatte nie gelernt zu zwinkern. Noch hatte sie das Bedürfnis. Noch hatte sie Verständnis für Erwachsene in Latzhosen.
Die sogenannten Unkräuter in Weiß, Blau, Gelb und Rot wuchsen weiter im Garten von Nummer 13, und ich fand sie wunderschön.
Ihre Unkräuter sind meine Blumen – noch so viele Jahre später denke ich an diesen Satz.
Ich wusste sofort, dass ich Diegos Mutter ins Herz schließen würde. Diegos Vater Fermín war hochgewachsen und dunkel und ein namhafter Wissenschaftler, der nach Hedley Green gezogen war, um das riesige Forschungslabor im Industriepark von Tattershall zu leiten. Diegos Mutter hatte eine Stelle als Spanischlehrerin im Oberstufen-College in Hinton gefunden, und sie trug ihre Haare in zwei Zöpfen, mit einer Rose in jedem Haargummi. Manchmal zog Fermín ihr Gesicht an den Zöpfen zu sich heran und küsste sie auf den Mund, mitten in der Küche. Ich war von diesem Anblick völlig hingerissen.
Parfait
Wenn meine Mutter sich gegen die dunkle Brust meines Vaters lehnte wie gegen eine starke Wand und er die Arme um sie legte, die Hände vorn einhakte wie zwei Enden eines Gurts, dann wusste ich, uns konnte nichts Schlimmes passieren. Er war ja da, würde uns retten, was auch immer geschah.
»Wir brauchen alle einen Erlöser«, sagte er oft und lächelte dabei.
»Brauchen wir nicht«, sagte Pierre dann. Es verletzte meinen Vater, diese Angewohnheit, immer zu allem Nein zu sagen.
Nun aber kam wirklich ein Erlöser.
Nicht von oben aus dem Himmel.
Sondern über die Grenze aus Ruanda.
Mit dem Namen Melchior wie mein Vater, wie einer der drei Weisen.
Er war ein Hutu, wie wir.
Und dieser Hutu sollte Präsident von Burundi werden.
Und das, obwohl Hutu nicht Präsidenten wurden, nicht unter normalen Umständen, jedenfalls bis jetzt.
Den Tag, an dem Melchior Ndadaye die Macht übernahm, werde ich nie vergessen. Die Hoffnung, die wir in unseren neuen Hutu-Präsidenten setzten, wehte in dem Rauch, der über den Kegeldächern der Hütten aufzog, dem Rauch der tausend Feuer, über denen auf den collines vor Bujumbura zur Feier des Tages tausend Hühner gebraten wurden.
»Wir haben die Wahl, die Tutsi zu lieben, auch wenn sie die Hälfte der Menschen, die wir liebten, umgebracht haben«, sagte mein Vater. »Wir haben die Wahl, unseren Nachbarn zu lieben.«
Wir nickten, denn wir wollten unseren Vater um keinen Preis enttäuschen.
»Und wer ist unser Nachbar?«, fragte mein Vater.
»Jeder, den Gott erschaffen hat«, sagten wir im Chor, wie es uns beigebracht wurde. »Egal ob Hutu, Tutsi oder Twa.«
»Hoch lebe der neue Präsident!«, sagte mein Vater.
»Hoch lebe der neue Präsident!«, antworteten wir als Echo.
Wir ahnten nicht, dass einhundertzwei Tage später Männer aus der Armee – der Armee des Präsidenten – ihren Präsidenten ermorden würden. Wir ahnten nicht, dass seine achtunddreißig Palastwächter keinen Versuch unternehmen würden, ihn zu schützen.
Aus Rache verübten die Hutu ein Massaker an den Tutsi. Was, laut meinem Vater, der Präsident nicht gewollt hätte. Dreihunderttausend Menschen kostete der Konflikt am Ende das Leben, und einer davon war mein Vater, der sich entschied, die andere Wange hinzuhalten. Jemand musste schließlich, wie er uns so oft erklärte, den Kreislauf durchbrechen.
Ich war damals acht Jahre alt.
Ich sah den Flughunden nach, die in einer großen schwarzen Wolke nach Norden flogen, und ich wusste, ich würde es hier auf der colline ohne ihn nicht aushalten. Vielleicht würden die Flughunde über den ganzen afrikanischen Kontinent bis nach Europa fliegen – und vielleicht könnte auch ich es eines Tages bis dort schaffen.
Die Länder Europas rückten weiter zu einem einzigen glücklichen Kontinent zusammen. So hatten es die Baptisten erzählt – die mussten es wissen, sie waren ja selbst aus England und aus Frankreich. Über die Jahre brachten sie uns außer Kleidung auch gebrauchte Taschenbücher und Atlanten, zweisprachige Wörterbücher und alte Zeitschriften, und ich blieb nachts auf, um von dieser anderen Welt zu lesen, meinen französischen Wortschatz zu erweitern, Englisch zu lernen und die europäischen Hauptstädte.
Ich erfuhr von einer Popband namens Spice Girls und einer Nonne namens Mutter Teresa und einer schönen Prinzessin, die in einem Tunnel in Paris ums Leben kam, und einer Frau, die einundachtzig Tage allein über den Atlantik ruderte.
Also war es offensichtlich möglich, woanders hinzukommen, wenn man den Mut hatte.
Ich könnte meine ganze Familie an einen besseren Ort bringen. Wir könnten die colline verlassen, mit dem Boot über den See fahren, durch Ruanda hinauf zur Demokratischen Republik Kongo wandern, dann durch die Zentralafrikanische Republik weiter in den Tschad, durch Niger und Algerien bis nach Marokko, und auf der Karte hatte ich gesehen, dass sich dahinter nur ein winziger Meeresstreifen befand, schmal wie ein Fluss. Den würden wir mit dem Boot überqueren und im Süden von Spanien wohnen.
Vielleicht ein neues Leben finden.
Doch die Jahre verstrichen, und wir fanden kein neues Leben. Alles lief weiter wie immer.
Etwas aber änderte sich doch.
Das Jahrtausend neigte sich dem Ende zu.
Am 31. Dezember 1999 saßen wir alle in der Hocke zusammen, unsere nackten braunen Füße verkrustet von rotem Schlamm, und blickten erwartungsvoll über den Tanganjikasee, dessen Wasser über unsere Grenzen und weit darüber hinaus schwappte, und stellten uns vor, etwas Großes würde passieren, als wir um Mitternacht die Schwelle zum neuen Jahrtausend überschritten.
»Das ist der längste See der Welt«, erklärte ich meinen Geschwistern und versuchte dabei, den fröhlichen Tonfall unseres Vaters zu imitieren, auch wenn ich ihn nicht mehr so genau im Ohr hatte, sechs Jahre nach seinem Tod. Auch nachts konnte ich mir seine Stimme kaum noch ins Gedächtnis rufen, doch sein markantes, breites Lächeln und sein Augenzwinkern sah ich immer noch vor mir.
»Und der zweittiefste und zweitgrößte, nach dem Baikalsee in Sibirien«, ergänzte ich. »Er fasst achtzehn Prozent des weltweiten Süßwasservorkommens – und die Fische darin sind so bunt und besonders, dass sie an reiche Männer auf der ganzen Welt verkauft werden, die sie in Glaskästen in ihren Speisezimmern halten.«
»Und dann brechen die Soldaten da ein und zerschlagen die Glaskästen?«, fragte Zion.
»In diesen Ländern brauchen sie keine Soldaten«, dozierte ich – ich war inzwischen vierzehn, schon aus dem Stimmbruch heraus und zunehmend behaart. »Nein, die reichen Männer leben in Frieden.«
»Frieden?«, sagte Zion und kräuselte die Stirn.
Und dann gingen Zion und ich den Hang des Hügels entlang und blickten hinauf zum Himmel.
»Stell dir vor, die Wolken wären Boote«, sagte ich, ging in die Hocke und legte Zion den Arm um die Schulter, wie mein Vater es früher bei mir getan hatte. »Und jetzt stell dir vor, mein Kleiner, sie sinken herab, und wir steigen ein. Und weißt du, was? Dann ziehen wir mit den Wolken über die Grenze von Burundi und über ganz Afrika bis hoch zum Meer.«
»Echt?«, fragte Zion.
»Echt echt«, sagte ich. Ich wünschte mir so sehr, es wäre wahr, ich könnte wirklich was ändern und Zion vom Ort seiner Geburt befreien.
Augusta
Meine Mutter mit ihrer Vorliebe für alles, was mit Stricken, Sticken und Nähen zu tun hatte, wollte uns ständig für diese schrecklichen Handarbeitsgruppen begeistern, wo man Stoffeulen basteln oder Puppendeckchen häkeln musste.
Für den Laden unseres Vaters bot sie einen speziellen Service an, der darin bestand, Turnbeutel, Mäppchen, Hemden, einfach alles mit Namen zu besticken.
Wir waren kaum auf der Welt, da prangten auch unsere Namen schon auf allem, mal eingenäht oder aufgestickt, mal gemalt und gerahmt, mit Blumenschnörkeln, die sich oben und unten aus den Buchstaben rankten.
Barbara Cook aus Nummer 2 war von den Arbeiten meiner Mutter so beeindruckt, dass sie einen Malkurs belegte, was dazu führte, dass sie bald nur noch indische Wickelröcke trug. Was mit ledernen Slipper-Pumps, hautfarbenen Strumpfhosen und Anoraks ziemlich komisch aussah.
Helen Dunnett aus Nummer 3 (die einen sehr dünnen grauen Windhund besaß) häkelte viel, zum Beispiel Krawatten für ganz kleine Jungs, Babymützchen und Klopapierhüte – und sogar ein Mäntelchen für den Hund, in Blassgrün.
Der Handarbeitswahn muss ansteckend gewesen sein, denn in kürzester Zeit war über die Hälfte der Frauen im Willow Crescent davon befallen und bastelte in der Freizeit um die Wette, schuf Flickenpuppen, dreieckige Kerzen, Babysachen, Pop-up-Grußkarten für besondere Anlässe. Nichts schien unmöglich – kaum gedacht, schon handgemacht.
Meine Mutter träumte von einem eigenen Bastelraum, schließlich hatte mein Vater ja auch sein eigenes Arbeitszimmer, doch obwohl er sechs Tage die Woche außer Haus arbeitete, kam er nicht auf die Idee, es mit ihr zu teilen.
Sein Arbeitszimmer war der einzige Raum in unserem Vier-Zimmer-Haus, für den er verantwortlich war. Auf seinem Schreibtisch herrschte makellose Ordnung, die dunkelgrünen Akten waren beschriftet von A bis Z, die Pinnwände mit bündig aneinandergrenzenden Zetteln behangen. Er war auch zuständig für die Doppelgarage, die Einzelgarage und den Garten, wo jedes Ding seinen festen Platz hatte.
Barbara Cook hatte die Idee, im Willow Crescent einen Handarbeitsmarkt abzuhalten. Man war sich schnell einig, dass Nummer 1 die beste Adresse dafür wäre, nicht nur wegen unseres überdurchschnittlich großen Gartens, sondern auch, im Fall von Regen, wegen der makellos ordentlichen Doppelgarage. Die Einzelgarage sollte für das von den Kindern zu organisierende Rahmenprogramm dienen.
»Wir hatten überlegt, wie wir Spenden für die Farm School sammeln können, wo Graham Cook hingeht«, erklärte meine Mutter meinem Vater. »Wir alle fanden, so ein Handarbeitsmarkt wäre eine gute Idee.«
»Wie nett«, sagte mein Vater. »Da werden sich die Cooks freuen.«
»Ja, das dachten wir auch«, sagte meine Mutter, ließ diesen Anfall von Menschenliebe kurz wirken und streute dann wie beiläufig die Sache mit dem Veranstaltungsort ein.
»Ich will nicht, dass alle über unseren Teppichboden trampeln, um auf Toilette zu gehen«, sagte mein Vater.
Ein paar Stunden später hatte sich die Diskussion unserer Eltern mehrmals im Kreis gedreht, beide klangen immer gereizter, und Julia und ich lauschten vom Bett aus bang auf Hinweise auf die bevorstehende Scheidung, als unser Vater plötzlich ausrief: »Und ob ich eine Außentoilette baue!«
Den ganzen Frühling und Sommer hindurch werkelte mein Vater an dieser Außentoilette, und am Ende strich er sie an und montierte ein Rot-Grün-Drehschloss, das anzeigte, ob gerade besetzt war. Innen gab es eine kleine Ablage, für die meine Mutter ein Bouquet Trockenblumen zusammenstellte. Bei Helen Dunnett kaufte sie einen Häkelklopapierhut – und zwar in, wie Helen es nannte, Terrakotta-Rost.
Nach Abschluss der Arbeiten wirkte mein Vater an den Sonntagen immer ein bisschen verloren, als wäre seinem Leben der Sinn abhandengekommen.
Meine Mutter und ihre Freundinnen hielten alle fünf Minuten Konferenzen an unserem Küchentisch ab, während die Kinder mit der Planung der Zusatzveranstaltungen wie Schätze die Anzahl der Bonbons im Glas oder Rate, wie schwer der Kuchen ist begannen.
Meine Aufgabe war es, die gebrauchten Spielsachen zu sortieren und mit Preisen zu versehen, die meine Mutter jedoch, wie ich später feststellte, mit Edding noch einmal überschrieb. Unter den Spielsachen fand ich eine hässliche Stoffpuppe mit gelben Zöpfen, eine nagelneue Peter-Hase-Figur und eine bemalte Porzellanpuppe mit nur einem Arm und einem Bein. In meiner Wut über die mit der Preisbeschriftung vertane Zeit riss ich ihr auch die restlichen Gliedmaßen aus, was sich seltsam anfühlte. Ihren Torso legte ich zusammen mit dem abgetrennten Arm und Bein in meine Nachttischschublade und verfasste dann eine Geschichte über ein totes Baby, das in Plastik eingepackt war, wie der unbenutzte Peter Hase.
Ich gab sie Julia zu lesen, damit noch jemand anders wusste, wie schrecklich es bei mir im Kopf zuging, wo man ja nicht immer die Kontrolle hat. Sie zögerte kurz, atmete tief durch und sagte dann: »Jeder hat mal komische Gedanken. Und vielleicht hast du zu viele schlimme Dinge über Burundi gelesen. Aber wir verbrennen sie doch sowieso wieder, oder, Gusta? Das macht bestimmt auch Spaß, meinst du nicht?«
Ich stimmte zu, aber heute bereue ich, dass ich sie ihr gezeigt habe.
Noch so viele Jahre später höre ich ihre kindliche Stimme so klar und deutlich, dass ich vor Schreck zusammenzucke.
Ich höre, wie sie versucht, mich zum Spaß, zum Fröhlichsein hinzuziehen, weg von der Dunkelheit.
Eine blasse Motte flattert auf das Licht der Kerze zu, die vor mir steht, während ich hier im Halbdunkel des Wohnwagens schreibe. Ich verscheuche sie. Sie hat dunkle Schnörkel auf den Flügeln, wie Buchstaben auf sepiafarbenem Papier.
Julia ging ins Haus, um Streichhölzer zu holen, und wir verzogen uns in ein gemütliches Versteck hinter dem Schuppen – ich spüre jetzt noch die rauen Holzlatten, an denen unsere Pullis hängen blieben, und ich sehe den Feuerkorb vor mir, mit Spinnweben überzogen. Dort, auf einer dieser glücklichen Zeitinseln nur für Geschwister, standen wir nebeneinander vor unserem kleinen Feuer und sahen meine Geschichte in Flammen aufgehen.
Mein Vater drehte durch, als er uns fand.
Ich sagte, es sei alles meine Schuld.
Auch Julia nahm Schuld auf sich, wobei sie seine Wut mit ihrer leisen, sanften Stimme übergoss, wie eine warme Dusche.
»Es tut uns leid, Dad, es tut uns leid«, sagte sie, ihr kleines herzförmiges Gesicht war ganz zerknittert vor lauter Leidtun.
Damals dämmerte mir, was ich heute weiß: Mir tat es überhaupt nicht leid.
Worüber man im Komitee nicht sprechen konnte, weil Barbara Cook den Handarbeitsmarkt auf die Beine gestellt hatte, war die Frage, was an dem Tag mit Graham Cook passieren sollte. Denn auch wenn es keiner sagte, fürchteten alle, seine komischen Gurgellaute würden die Menschen vom Kaufen abhalten.
Als eines Samstags Barbara Cook auf Besuch zu ihrer Schwester fuhr, wurde daher in unserer Küche eine Ad-hoc-Sitzung des Komitees einberufen. Praktisch noch bevor sie begonnen hatte, kam mein Vater ständig hereingelaufen in der Hoffnung, sie wäre bald vorbei.
»Und wenn Barbaras Bruder kommt und den Tag über auf Graham aufpasst?«, sagte meine Mutter. »Er kann gut mit ihm umgehen.«
Mein Vater schüttelte den Kopf.
»Der ist doch unberechenbar«, sagte er im Vorbeigehen. »Was, wenn er im Garten einen seiner Wutanfälle bekommt?«
»Ich kann mich gern um Graham Cook kümmern«, sagte ich. Graham war zwar fünf Jahre älter als ich, aber ich fand, unter den gegebenen Umständen ginge es vielleicht trotzdem.
»Ach, Schatz, du kannst doch nicht auf Graham Cook aufpassen«, sagten meine Eltern praktisch unisono, als mein Vater wieder durch die Küche lief. »Du bist doch erst zehn.«
»Fast elf«, sagte ich.
»Wenn Graham wütend wird, tickt er aus«, sagte Hilary Hawkins. »Da kann man echt Angst bekommen.«
Am Ende aber erzählte Barbara Cook dem Handarbeitskomitee, wie sehr Graham sich auf den Markt freute, und so saß er, als der Tag dann kam, mit seinem roten Bus in der Hand in einer schattigen Ecke hinten im Garten neben dem Kerzenstand, machte Gurgellaute und hielt so die Leute davon ab, näher zu kommen.
Ich ging zum Stand mit den gebrauchten Spielsachen und kaufte mir einen roten Plastikbus. Mit dem setzte ich mich neben Graham, damit es normaler wirkte, einen roten Plastikbus zu halten. Ich spielte mit dem Gedanken, selbst auch Gurgellaute zu machen und die Arme ruckartig zu bewegen, kam aber zu dem Schluss, dass das zu viel Aufsehen erregen würde.
So saßen Graham Cook und ich mit unseren Plastikbussen im unerwarteten Sonnenschein nebeneinander, und er schien beruhigt und machte fast keine komischen Laute. Julia musste zwar am Glückstopf neben der Außentoilette die Stellung halten, aber sie ermunterte mich mit ihrem Julia-Lächeln.
Dann kam mein Vater und raunte mir zu, sobald Barbara Cook außer Hörweite war: »Meine Güte, steh auf. Du machst dich lächerlich. Die Leute denken noch, du wärst auch ein bisschen …«
»Ein bisschen was?«, wollte ich wissen.
»Halt ein bisschen … du weißt schon. Zurückgeblieben. Spastisch.«
»Ich bleibe hier«, sagte ich. »Aus Solidarität mit Graham.«
Da packte mich mein Vater, zog mich ruckartig hoch, als wollte er mir den Arm ausreißen, und flüsterte mir mit einer strengen, fast drohenden Stimme ins Ohr: »Du gehst jetzt rüber zum Glückstopf und hilfst deiner Schwester.«
Graham Cook stöhnte und heulte auf und versuchte wegzulaufen, und Jim Cook musste ihn im Polizeigriff festhalten.
Ich schloss mich in der Außentoilette ein und brach in Tränen aus, ich weinte und weinte, so tief saß der Schock, und als ich mit meinem roten Bus wieder rauskam, hatte sich eine lange Schlange gebildet, und Angela Dunnett sagte: »Wir wollten schon die Feuerwehr wufen. Wir dachten, du wärst eingeschlossen.«
Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil Angela Dunnett so nett zu mir war und mir sogar einen Cupcake mit Buttercreme vom Kuchenstand geholt hatte, um mich zu trösten, und ich beschloss, nie, nie wieder Witze über ihr R zu machen.
Mein Freund Ian tauchte auf und kaufte aus Spaß die hässliche Puppe mit den gelben Zöpfen. Wir lieferten uns hinter der Außentoilette später ein Tauziehen – bis sie riss und die ganze Füllung herausquoll.
Danach stellte ich mich neben Julia an den Glückstopf, den roten Bus in der Hand. Julia fragte nicht, warum ich geweint hatte. Sie nahm nur meine Hand, doch als mein Vater mit rotem, wutverzerrtem Gesicht angelaufen kam, ließ sie sie wieder los. Im Vorbeigehen zischte er mir eine weitere laute Ermahnung ins Ohr: »Leg den verdammten Bus weg.«
Julia biss sich auf die Lippe und wirbelte die Sägespäne im Glückstopf auf, damit die verbliebenen Preise zum Vorschein kamen.
Alle Fröhlichkeit war aus ihrem Gesicht verschwunden.
Parfait
Ich erinnere mich genau an den Tag, als ich Víctor, den spanischen Priester, auf der Straße auf seinem Fahrrad traf. Wir fingen an, uns zu unterhalten, und bald sprudelte es nur so aus mir heraus, alles, was sich in mir angestaut hatte, weil ich nicht gewusst hatte, wohin damit.
Ich erzählte Víctor, dass eine Woche nach der Ermordung Melchior Ndadayes auch mein Vater Melchior gestorben war.
»Die Soldaten sind zu uns auf die colline gekommen«, sagte ich. »Und mein Vater hielt einfach die andere Wange hin, weil er den Kreislauf durchbrechen wollte.«
Ich erzählte ihm vom nächsten Mal, als die Soldaten kamen und der englische Missionar Wilfred sich vor unsere schwangere Nachbarin Honorine gestellt hatte, damit die Soldaten nicht sie, sondern ihn erschossen.
»Ich werde nie vergessen, wie er lächelte, obwohl er schon tot war«, sagte ich. »Er lag da inmitten der Narzissen, die seine Mutter aus England geschickt hatte. Ich schämte mich so sehr dafür, was unser Land ihrem Sohn angetan hatte.«
Víctor nickte.
»Meine Mutter ist dann mit den Frauen zur Müllhalde gegangen«, sagte ich, »und sie haben Narzissen aus alten Blechdosen gebastelt, um sie auf sein Grab zu legen.«
Ich holte tief Luft, denn über Claude wollte ich nicht sprechen.
Ich hatte ihm zugerufen, er solle rennen, als die Soldaten mit brennenden Fackeln kamen, aber als ich später hinter dem Busch am Fluss alle abzählte, war er nicht dabei. Wir fanden seinen verbrannten Körper zu spät, in eine Ecke gekauert.
»Sein Zwillingsbruder Wilfred hat immer noch das Seil am Fußgelenk«, sagte ich zu Víctor. »An dem er und Claude sich immer zusammengebunden hatten. Er nimmt es einfach nicht ab, und ich kann ihn nicht fragen, warum, weil er nicht mehr spricht. Kein Wort, seit Claude tot ist.«
Ich erzählte ihm von meiner Mutter, der es nicht gut ging und die keinen Arzt aufsuchen wollte, weil alle Ärzte Tutsi waren und sie ihnen nicht traute.
Immer weiter sprudelte es aus mir heraus, und Víctor nickte weiter.
Dann erzählte er mir aus seinem Leben. Von der Schule für taube und blinde Kinder, die er oben auf dem Hügel errichtet hatte. Damit sie sich nicht mehr ausgegrenzt fühlten und sich nicht mehr schämen mussten. Dann lud er mich ein, sie kennenzulernen, und ich schüttelte ihnen allen die Hände, und Víctor machte mir in seiner kleinen Küche einen Haferbrei mit Mangostücken.
»Ist Spanien wirklich da drüben?«, fragte ich. »Am Ende von Afrika und hinter dem Meer?«
Licht strömte in meinen Körper beim Gedanken an dieses Land, das real war und voller Frieden und Sonnenschein und gar nicht so weit weg.
»Es ist wirklich da drüben«, sagte Víctor.
»Und wie ist es da?«, fragte ich.
»Das Meer geht fast einmal ganz rum, und im Sommer machen die Leute Picknick am Strand und gehen schwimmen. Weihnachten und Ostern haben wir Straßenfeste, bei denen die Männer Filzhüte tragen und die Frauen gepunktete Kleider und Rosen im Haar – und wir haben einen Tanz namens Flamenco.«
»Hast du schon mal Flamenco getanzt?«, fragte ich ihn.
Víctor nickte.
»Ich war ja nicht immer Priester«, sagte er lachend.
»Ist er so ähnlich wie unsere Tänze?«, fragte ich.
»Er geht ungefähr so«, sagte Víctor.
Er stand von dem kleinen Holzstuhl auf, warf die Hände in die Luft und begann zu tanzen, wobei er die Hüften kreisen ließ und mit den Füßen aufstampfte.
»Und die Frau tanzt so …«, sagte er, und jetzt lachte er richtig, und ich lachte mit, denn er sah zum Brüllen aus mit seinem dicken grauen Bart, dem rosa Gesicht und der weiten Hose, wie er die Hüften schwang, sich im Kreis drehte und dabei sein imaginäres Kleid rascheln ließ.
Ein Mann namens Nelson Mandela kam im Radio.
Víctor hörte auf zu tanzen und drehte die Lautstärke hoch.
Dieser Nelson Mandela hatte eine Stimme, die man nicht mehr vergaß – irgendwie weich, aber unten drunter hart – wie Wolle mit Stahl im Innern.
Nelson Mandela machte Präsident Buyoya den Vorschlag, dass die Tutsi und Hutu abwechselnd die Führung im Land übernehmen könnten, das würde vielleicht die Menschen in Burundi davon abhalten, ständig zu kämpfen und zu sterben.
Víctor klatschte in die Hände und rief: »Ja! Ja!«
Ich sagte: »So naheliegend. Warum ist da noch keiner drauf gekommen?«
»Weil niemand gern die Macht teilt«, sagte Víctor.
Augusta
Die Frage der Machtverteilung führte zu einer Zerreißprobe im Willow Crescent, als das Komitee ein Jahr nach dem ersten Handarbeitsmarkt mit frischem Elan zur Planung des zweiten zusammentrat.
Denn als Janice Brown laut überlegte, ob Graham auf dem Markt wirklich gut aufgehoben sei, stand Barbara Cook einfach vom Tisch auf. Dabei blieb sie mit ihrem indischen Wickelrock hängen, der aufging und eine große weiße Unterhose mit einer teigigen Pobacke entblößte.
Eine schreckliche Stille legte sich über die Runde, als die Haustür krachend ins Schloss fiel.
Meine Mutter sagte: »Oje.«
Dann behaupteten alle, in einem Komitee müsse man auch unangenehme Themen ansprechen und dürfe vor der Wahrheit nicht die Augen verschließen, und es sei nun einmal Tatsache, dass Graham Cook die Käufer vom Kaufen abschreckte.
Julia und ich saßen still und brav daneben. Julia presste gerade Blumen in einer Holzpresse und ich blätterte in meinem Buch über lateinische Redewendungen, als ich mich sagen hörte: »Wenn der Markt dazu da ist, Graham Cook zu helfen, sollte es euch nicht so wichtig sein, wie viel Geld seine Schule bekommt, sondern dann lasst ihr ihn einfach dabei sein.«
Julia hob eine Hand, wie meine Mutter es immer tat, wenn mein Vater ihr im Auto nicht früh genug auf die Bremse getreten war.
Meine Mutter saß völlig unbewegt da, als hätte jemand bei ihr den Pausenknopf gedrückt, und dann ergriff Hilary Hawkins das Wort: »Mir hat nie jemand gesagt, dass es darum geht, Geld für Graham Cooks Schule zu sammeln.«
»Und wer hat das Geld letztes Jahr bekommen?«, fragte ich meine Mutter. »Ist es nicht an seine Schule gegangen?«
Jetzt nahm Julia meine Hand, was »Klappe halten« bedeutete.
»Ich weiß gar nicht«, sagte meine Mutter. »Ich hab die Kasse nicht gemacht. Janice Brown war Schatzmeisterin.«
Julia sah meine Mutter an und dann mich und dann wieder meine Mutter, und da wusste ich, meine Mutter hatte meinen Vater angeschwindelt, damit er zustimmte, den Markt in unserem Garten abzuhalten.
»Wir können ja dieses Jahr einen Anteil spenden«, sagte Janice Brown, die rot geworden war und mir einen bitterbösen Blick zuwarf, als meine Mutter gerade nicht hinsah. Von Liebe deinen Nachbarn, wie es auf den weißen Plastiksäcken stand, in denen sie immer unsere Altkleider für afrikanische Kinder sammelte, konnte bei ihr in dem Moment nicht die Rede sein.
Nach diesem plötzlichen Aufruhr machte sich eine noch größere Stille breit, und in diese Stille brach Zuglärm. Wir ließen den Zug unsere Stille sprengen, wir waren schon daran gewöhnt. Wir wussten nicht, dass Barbara Cook spazieren gegangen war, um sich zu fangen. Wir wussten nicht, dass sie auf der anderen Seite dessen wartete, was jeder in Hedley Green nur seufzend den Übergang nannte.
Der Bahnübergang von Hedley Green war immer wieder in den Nachrichten – er ließ Menschen Babys im Auto zur Welt bringen und Abiturprüfungen verpassen; für Schuljungen stellte er, wie manche es ausdrückten, eine zu große Verlockung dar, und immer wieder waren Sträuße vertrockneter Rosen am Zaun zu sehen, an der Stelle, wo ein Junge namens Specki Jenkins beim Spielen mit seinen Kumpels ums Leben gekommen war. Das heißt, wir sollten ihn, seit er tot war, nur noch Franky Jenkins oder noch besser Francis nennen, denn so war er getauft.
Seine Mutter hatte eine Gedenktafel an der Schranke angebracht, und man sah sie oft dort stehen, wie sie sie polierte, den vorbeifahrenden Zügen nachsah und auf die Gleise starrte, als gäbe es eine kleine Chance, dass Specki Jenkins nach einem sehr langen Versteckspiel doch noch aus dem hohen Gras gelaufen käme.
Für Francis Jenkins, 1980–1992, der hier am Übergang starb und jetzt bei den Engeln ist.
Parfait
Ich saß auf dem Hügel und grübelte, wie ich unsere Zukunft ändern könnte. Der kleine Wassergraben zwischen Afrika und Europa, das war unser Übergang.
Er verhieß Frieden und Hoffnung und die Chance auf ein neues Leben.
Augusta
Der Zug raste vorbei, die Schranken gingen hoch – und Barbara Cook marschierte mit festgezurrtem Wickelrock und versteinerter Miene wieder zur Tür herein, um ihren Rücktritt zu verkünden. Meine Mutter wollte das nicht gelten lassen, natürlich sei Graham Cook auf dem Markt herzlich willkommen, da wären sich alle einig, und das Komitee setzte seine Sitzung fort, als wäre nichts geschehen.
Dieses Mal durfte ich den Stand mit den gebrauchten Büchern betreuen. Unter den zerschlissenen Enid-Blyton-Bänden stieß ich auf ein altes Buch mit Ledereinband, eine mit wunderschönen Aquarellen illustrierte Sammlung viktorianischer Kindergedichte aus dem Jahr 1900. Ohne meine Mutter zu fragen, nahm ich es mit nach Hause und versteckte es unter meiner Matratze. Ich erzählte niemandem davon, nicht einmal Julia.
Insgeheim wusste ich, dass es Diebstahl war.
Aber ich wollte es so gern haben.
Es enthielt die bekannten Kinderreime, die Julia und ich von klein auf auswendig konnten und früher immer so schnell runtergerasselt hatten, dass die Wörter sich überschlugen. Humpty Dumpty war darunter, ebenso Mary, Mary, Quite Contrary, wegen dem meine Mutter mich auch gern Kleine Mary Querkopf nannte, was mich jedes Mal in den Wahnsinn trieb.
Mein Lieblingsgedicht aber war »Der Händler und sein Pferdewagen« von William Brighty Rands. Die Abbildung zeigte Bäume und Vögel und Raupen – und einen alten prächtigen Pferdewohnwagen aus gelben und roten Latten, mit vorn links und rechts aufgemalten Blumenranken und flatternden Schmetterlingen darüber. Es gab winzige Fenster mit Geranien in Blumenkästen, es gab eine Leiter, hölzerne Räder mit cremeweißen Speichen und einen rauchenden kleinen Schornstein. Durchs Fenster sah man eine dunkelhäutige Frau mit Kind auf dem Arm. Gerade fuhr der Wagen unter einem riesigen Baum hindurch, und der Händler auf der Kutschbank lenkte seinen Apfelschimmel auf einen dämmrigen, nicht klar auszumachenden Horizont zu.
Wenn ich allein war, las ich das Gedicht wieder und wieder, und dann klopfte mein Herz, und meine Seele bekam Flügel, und es begann in mir zu singen, niemand weiß, woher er kommt, und ich saß auf dem Pferdewagen, wohin’s ihn treibt am Horizont, und dann lenkte ich den Apfelschimmel, und mein eigener Horizont war unerkennbar – und jedes Mal, wenn ich in meiner Vorstellung die Leiter zum Wagen hinaufstieg, gab ich meiner Lebensgeschichte ein neues Ende. Und nie landete ich in Hedley Green.
Vielleicht wollte ich Julia das Buch deshalb nicht zeigen, ich brachte es nicht übers Herz, ihr zu sagen, dass ich wegwollte.
Irgendwo sein wollte, nur nicht da, wo ich war.
Und zwar am liebsten gestern.
Natürlich wusste ich, dass sie bleiben wollte.
Und dass wir, wenn ich ging und sie blieb, nicht mehr Justa wären.
Es würde uns entzweireißen, die Füllung würde aus uns herausquellen wie aus der hässlichen Puppe.
Parfait
Die Füllung quoll aus meiner Mutter heraus.
Ich wusste es in dem Moment, als Douce aus der Hütte gerannt kam und diesen Schrei ausstieß.
Aber ich hatte nicht den Mut, mich dem zu stellen, was ich wusste.
Nicht schon wieder.
Also rannte ich hinauf zu Víctors Haus, und gemeinsam rasten wir mit seinem Fahrrad den Hügel wieder runter, ich mit angezogenen Beinen auf dem Gepäckträger. Beim Anblick von Víctors starkem Rücken mit den kräftigen Schulterblättern, dem breiten weißen Nacken und grauen Haarschopf hatte ich das Gefühl, dass diesmal, dieses eine Mal vielleicht, alles gut ausgehen würde.
Doch kaum erreichten wir die Hütte, verflüchtigte sich das Gefühl. Denn da saßen Gloria und Douce und Wilfred und Zion im Halbkreis, und vor ihnen lag meine Mutter. In gewisser Weise war es zwar meine Mutter, aber sie sah mehr aus wie ein leerer Sack.
Atme doch, dachte ich. Atme ein, aus.
Ich erinnerte mich an ihre Haut an meiner Wange.
So weich.
Zion stand auf.
»Sie geht zu Papa«, sagte er, ballte die Finger zur Faust und streckte sie dann wieder. »Das ist doch gut, oder? Dass sie bei ihm ist? Dass sie wieder zusammen sind.«
»Genau«, sagte ich und wischte mir jede Träne weg, kaum dass sie zu rollen begann, als Ältester musste ich tapfer sein.
»Ja, mein Kleiner«, sagte ich und versuchte, von irgendwo ein Lächeln aufzutreiben, »genau da wird sie sein, an dem riesigen Strom, wo der Baum steht, der jeden Monat Früchte trägt – weißt du noch? –, mit den Blättern, die zur Heilung der Völker dienen.«
»Blätter heilen keine Völker«, sagte Pierre, der gerade durch die offene Tür hereinkam. »Blätter bewirken gar nichts.«
»Außer Fotosynthese«, sagte Zion.
Zion merkte sich alles, was ich ihm beibrachte. Dass er mir zuhörte, wie ich meinem Vater zugehört hatte, gab mir Kraft. Dass er mich viel mehr liebte, als die anderen es taten, gab mir eine Bestimmung. Mit ihm an der Seite hatte das Weitermachen einen Sinn.
»Ja, Zion«, sagte Víctor. »Deine Mutter ist in der ewigen Stadt angekommen.«
»Wie mein Name!«, rief Zion.
»Genau, wie dein Name!«, sagte Víctor. »Und jetzt tanzt sie mit deinem Vater über die goldenen Straßen.«
»Was denkst du?«, fragte Pierre an Víctor gewandt, und er klang gereizt, wollte von goldenen Straßen nichts hören, »was hat sie umgebracht?«
»Wahrscheinlich Cholera«, sagte Víctor.
»Hätte der Arzt sie retten können?«, fragte ich Víctor.
Er legte mir den Arm um die Schulter.
Pierre hakte nach: »Und, hätte er?« Sein Tonfall gab mir das Gefühl, dass alles, was in unserem Leben passierte, meine Schuld war.
»Tja, Cholera ist eine verzwickte Sache«, sagte Víctor.
Dann grub er ein Loch in die Erde, und wir alle dankten nacheinander Gott für unsere kleine vogelzarte Mutter Aurore, deren Name Morgenröte bedeutete. Wir versammelten uns um das Grab, und während Víctor es mit roter Erde füllte, sang er uns vor, damit wir einstimmten: Die Freiheit ist nah, die Freiheit ist nah, die Freiheit ist nah, o ja, so nah!
Mittendrin lief Pierre einfach davon.
Ich konnte ihn verstehen.
Die Freiheit schien alles andere als nah.
Mit jedem Jahr, das verstrich, fühlten wir uns weniger frei.
Augusta
Je älter man wurde, fiel mir auf, umso mehr musste man aufpassen, was man sagte. In der ersten Klasse konnte man noch mit allem Möglichen herausplatzen, aber spätestens nach der Grundschule musste man jedes Wort vorher abwägen.
Zum Beispiel konnten wir in der Siebten und ein paar Jahre danach das Wort Rasenmähen nicht mehr laut sagen. Nachdem Robin Fox die Klasse irgendwann in die Welt des eindeutig Zweideutigen eingeführt hatte, traute sich praktisch keiner mehr, in der Schule überhaupt den Mund aufzumachen. Bei den Mädchen der Klasse wuchsen immer mehr Haare an immer heikleren Stellen, und Robin Fox kommentierte unsere struppigen Beine und Achseln mit den Worten: »Da ist wohl am Wochenende mal wieder Rasenmähen angesagt!«
Was blieb uns übrig, als unser gesamtes Taschengeld für Einwegrasierer, Epiliercremes und Wachsstreifen auszugeben, die nie was brachten? Unfassbar im Nachhinein, was für eine Macht er über uns hatte.
Robin Fox hatte vier ältere Brüder und wusste daher, wie man normale Sätze durch das Heben einer Augenbraue ins Sexuelle kehren konnte. Unser ganzes Leben lang hatten wir »Kommst du?« fragen können, ohne uns was dabei zu denken. Aber das war einmal. Jetzt sahen wir immer Robin Fox’ hochgezogene Augenbraue, und wenn genug Publikum da war, bekamen wir obendrauf den vorgetäuschten Orgasmus aus Harry und Sally zu hören, und zwar in voller Länge. Mit einem am Esstisch wild strampelnden, stöhnenden und keuchenden Robin Fox.
Ich erinnere mich an einen Tag im Frühling kurz vor unserem dreizehnten Geburtstag. Mein Vater mähte den Rasen ohne einen Hauch von Zweideutigkeit; meine Mutter kümmerte sich (dito) um die weichen Kurven der Schnittkanten; und Julia war (unbehelligt von Robins hochgezogener Braue) am Unkrautjäten.
Auch ich dachte nicht an Robin Fox. Das Glück der Sommerferien bestand auch darin, Ruhe vor ihm zu haben.
Nein, ich dachte an Lola Alvárez und ihren Satz »Ihre Unkräuter sind meine Blumen«.
Die »Unkräuter« mit ihren hübschen blauen Blütenblättern, die für mich haargenau wie Blumen aussahen, lagen jetzt auf dem Boden und warteten darauf, in grünen Plastiksäcken zur Mülldeponie gefahren zu werden, um dort in einem gelben Metallcontainer zu enden.
Ich war in meinem stickigen Zimmer geblieben, um mich vor der Ödnis der Gartenarbeiten zu drücken. Gerade beobachtete ich Pallys weiße Taube, die in dem cremeweißen Taubenschlag wohnte, den Fermín in ihrem Garten gebaut hatte. Die Taube kam oft zu Besuch und flatterte dann zwischen den samtigen Blütenblättern des Magnolienbaums herum, den mein Vater exakt in die Mitte unseres Vorgartens gepflanzt hatte. Von Zeit zu Zeit maß er alles noch einmal nach, nur um sich daran zu erfreuen, wie genau er gemessen hatte.
Heute war die Taube über unser Haus hinweg zu den drei Kirschbäumen im hinteren Garten geflogen. Sie flatterte von Baum zu Baum und weiter zum Garten der Cooks, wo sie oben auf Grahams Schaukel landete. Die stand schon seit Ewigkeiten da, aber ich hatte bisher kaum darauf geachtet.
Ich hatte zwar gesehen, wie Barbara Cook Graham – im Regen – in dem riesigen Gitterschaukelsitz anschubste, und ich hatte auch gesehen, wie Jim Cook ohne Hemd mit seinem großen Ballonbauch vor der Schaukel stand und dabei grölte: »Hey ho and up she rises.«
Aber als ich an diesem Tag aus dem Fenster blickte, fiel mir auf, dass ich noch nie jemanden auf der zweiten, normalen Schaukel neben Graham hatte sitzen sehen. Noch nie in seinem ganzen Leben.
Also schlich ich mich nach unten und aus dem Haus, lief über den schmalen, grau gepflasterten Weg unserer Auffahrt nach nebenan und fragte Barbara Cook, ob Graham Lust hätte, mit mir zu schaukeln.
Graham war in seinem komischen Laufstall, wo er vor und zurück wippte und dabei ein bisschen klang wie ein Staubsauger, den man auf dem Teppich hin und her schiebt.
Barbara Cook sprach ihn an und führte ihn dann am Arm in den Garten. Es war gar nicht so leicht, ihn in die Schaukel zu bekommen, aber als er mit seinem roten Bus erst einmal drinsaß und zu schaukeln begann, hörten die Staubsaugergeräusche auf.
Barbara schob Graham an, und auch ich fing an zu schaukeln, langsam erst, vor und zurück im Takt mit ihm, dann immer höher. Von oben sah ich meine Mutter, meinen Vater und Julia im Garten graben.
Und runter.
Und hoch – alle noch am Graben.
Und runter.
Und hoch – eigenartig, meine Familie ohne mich als Familie zu sehen.
Grabend.
Voller Konzentration.
Mein Vater drehte sich um.
Und wieder runter.
Ich fand es großartig, dass sie keine Ahnung hatten, dass ich sie beobachtete.
Ich kam mir allwissend vor.
Aber auch etwas seltsam.
Ich sang »Hey ho and up she rises« wie Jim Cook, und Graham und ich machten zusammen Lachgeräusche.
Und wieder hoch – meine Familie weiterhin ahnungslos.
Es roch nach frisch geschnittenem Gras.
Barbara Cook ging kurz ins Haus, und ich hörte, wie sie mit Jim schimpfte: »Du bist betrunken!«
Sie kam mit einer Kamera zurück. Sie stellte sich vor die Schaukel, rief »Cheese!« und fing an zu lachen. Sie schien gar nicht mehr aufhören zu können, und es klang, als hätte sich dieses Lachen über einen langen Zeitraum irgendwo tief drinnen aufgestaut. Während sie weiterlachte, machte sie immer mehr Fotos von ein und derselben Szene – Graham Cook und ich, nebeneinander auf der Schaukel.
Sie gab Graham noch einen Schubs und ging wieder ins Haus. Von dort brachte sie Tee und ein geblümtes Kissen mit, setzte sich auf den weißen Plastikstuhl und stellte ihren Tee auf den weißen Plastiktisch. Sie seufzte laut und tunkte einen Keks in den Tee, bis er an den Rändern aufgeweicht war. Als sie den Kopf hob, sah ich, dass sie weinte, und zwar so, wie sie gelacht hatte: als würde sie nie mehr aufhören.
Grahams Schaukel war zum Stillstand gekommen, und er stöhnte und zuckte, und Barbara Cooks Tränen sprudelten weiter von tief drinnen. Ich stellte mir vor, dass wir alle den Bauch voller Bläschen hatten, die sich beim Weinen säurerot und beim Lachen blau färbten wie Lackmuspapier. Wahrscheinlich trugen wir alle einen unerschöpflichen Vorrat dieser Bläschen in uns, und ich hätte gern gewusst, ob mein Leben mehr ein lachendes bläuliches oder ein weinendes rotes sein würde. Das weiß niemand.
Nein, niemand weiß es.
Barbara Cook weinte weiter, Graham und ich schaukelten weiter, und nach einer Weile war Schluss. Ich bedankte mich bei Barbara, schlich durch die Doppelgarage und die Hintertür zurück ins Haus und lief die Treppe hoch. Auf dem Absatz traf ich meine Mutter.
»Wir haben dich gerufen«, sagte sie. »Wo warst du die ganze Zeit?«
»Auf Toilette«, log ich.
»Wir fahren jetzt alle zusammen zur Deponie«, sagte sie.
»Wie aufregend«, sagte ich, was nicht die richtige Antwort war.
Kurz darauf saßen Julia und ich angeschnallt auf dem Rücksitz des Autos.
»Und was hast du solange getrieben?«, fragte meine Mutter.
»Nichts«, sagte ich.
Als ich eine Woche später bei den Cooks vorbeischaute, hing ein großes gerahmtes Foto von Graham und mir auf den schwingenden Schaukeln im Flur.
Als ich eintrat, rief Barbara Cook Graham zu: »Deine Freundin ist hier.«
Das gab mir ein komisches Gefühl. Ich hoffte, ich könnte einfach so nett zu Graham sein, ohne seine Freundin werden zu müssen, also seine feste Freundin. Und dann ging mir auf, dass Graham sein Leben lang wohl nie eine feste Freundin haben würde.
Richtig problematisch wurde es, als mein Vater bald darauf die Cooks besuchte und das Foto im Flur entdeckte und als Barbara Cook Graham zurief: »Der Vater von deiner Freundin ist hier!«
Mein Vater forderte Barbara auf, das nicht mehr zu sagen. Als er nach Hause kam, sagte er, weder ich noch Julia dürften Graham Cook zu Hause besuchen, er wäre kein Umgang für uns. Und was ich mir dabei gedacht hätte, mit ihm zu schaukeln, als ob … als ob ich ..., stammelte er und brach ab.
Meine Mutter guckte ganz erschrocken, wrang ihre Schürze und fing an, Barbara Cooks gute Eigenschaften aufzulisten.
»Es macht mir aber Spaß, mit ihm zu schaukeln«, sagte ich trotzig. »Und ich bin gerne mit ihm befreundet.«
Der Hals meines Vaters lief rot an, und seine Finger zitterten.
»Das Schaukeln hört auf«, sagte er.
Dann sagte ich etwas sehr Freches. Mit einem Wort aus der Welt des Zweideutigen, das ich in der Schule gelernt hatte. Mein Vater fand es nicht so lustig.
Ich sagte: »Und wie ist es mit Rutschen? Oder hast du Angst, ich lass ihn über mich drüberrutschen?«
Meine Mutter und mein Vater wurden ganz still, und mein Vater forderte mich und Julia auf, bitte in unser Zimmer zu gehen.
Sofort.
Jetzt.
JETZT.
»JETZT«, schrie mein Vater.
Julia fragte mich, warum mein Vater sich über die Sache mit Graham so aufregte.
»Weil er so ein Idiot ist, zu glauben ...«, fing ich an.
»Bitte sag nicht so was«, sagte Julia.
»... dass ich Graham als Freund will. Wo doch ein Blinder sieht, dass ich Diego will!«
»Ich auch«, sagte Julia.
»Wir können ihn nicht beide haben«, sagte ich. »Wir können ihn ja schlecht teilen, das führt sogar bei Zwillingen etwas zu weit.«
»Aber für wen wird er sich entscheiden?«, fragte Julia. »Auf jeden Fall für eine von uns. Wir sind schon ewig hinter ihm her.«
»Die Entscheidung ist nicht schwer«, sagte ich. »Wir sind uns ja nicht gerade ähnlich. Besonders für Zwillinge.«
Noch im selben Moment wusste ich, wie er sich entscheiden würde.
»Jeder sagt, im Gesicht sehen wir uns ähnlich«, sagte Julia. »Nur die Haarfarbe und Körperform sind unterschiedlich.«
Ich blickte an meinen dünnen Beinen mit den dunklen Haaren hinunter.
»Tja, er muss einfach danach entscheiden, wessen Haare und Körper er lieber mag«, sagte Julia.
»Das klingt schrecklich«, sagte ich. »Man muss sich doch in den Charakter verlieben, nicht in die Körperform. Es ist voll sexistisch, Frauen als Körper zu betrachten, Julia.«
»Aber ich kapier immer noch nicht, warum Dad nicht will, dass du Graham besuchst.«
»Er will mich nicht mit einem Spastiker zusammen sehen.«
»Hör auf«, sagte Julia.
»Das hat er ungelogen beim Handarbeitsmarkt zu mir gesagt«, sagte ich. »Dass ich, wenn ich bei Graham sitze, auch spastisch wirke. Und dann hat er mir fast den Arm ausgekugelt, um mich wegzuziehen.«
»Trotzdem versteh ich nicht, warum er uns ins Bett geschickt hat«, sagte Julia, die unsere Eltern nicht gern kritisierte.
»Weil ich einen Witz gemacht hab, übers Rutschen.«
»Welchen Witz denn?«
»Robin Fox hat erzählt, es heißt drüberrutschen, wenn ein Mann Sex mit einer Frau hat. Und er meinte auch, in Straßen wie der hier rutschen die Männer ständig über fremde Frauen drüber. Swingen heißt das wohl.«
»Aber Dad ist doch bei der Nachbarschaftswache«, sagte Julia. »Würde er das nicht verhindern?«
»Es passiert ja in den Häusern«, sagte ich. »Anscheinend werfen einfach alle ihre Schlüssel in eine Schale und landen in irgendeinem anderen Haus.«
»Was? Sie gehen mit Absicht ins falsche Haus?«, sagte Julia.
»Ja«, sagte ich. »Für Sex.«
»Was? Leute wie Helen Dunnett und Janice Brown?«, sagte Julia mit einer tiefen Falte auf der Stirn.
»Robin Fox meinte, das wäre typisch Vorstadt, aber ich hab keine Ahnung, wie er das meinte.«
»Meinst du, Mum und Dad machen bei so was mit?«, fragte Julia ungläubig. »Glaubst du, Dad hat Sex mit Helen Dunnett oder Janice Brown gehabt?«
Ich nickte ernst und sagte dann: »Wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass irgendwer außer Mum den Anblick von Dads Unterhosen erträgt.«
Julia kugelte sich vor Lachen beim Gedanken an die grauen Slips mit Y-Eingriff, durch die die Männer ihr Ding stecken konnten. (Wir kannten inzwischen haufenweise Wörter für das Ding, aber keine von uns brachte es über sich, sie zu benutzen – schon der Gedanke daran grauste uns. Ganz zu schweigen von der Rolle, die sein Ding in unserer Entstehung gespielt hatte. Mit unserer eigenen Mutter!)
Jetzt kam mein Vater wutschnaubend die Treppe hoch, denn er hatte gehört, dass ich, anstatt mich für meinen unanständigen Witz zu schämen, schon wieder am Lachen war. Dann stand er bebend und mit pochenden Adern am Hals vor uns und brüllte, aber wir wussten ja, dass er seine graue Schlitzunterhose anhatte, und schlugen uns die Hand vor den Mund, um nicht erneut laut loszulachen. Es nutzte nichts, wir prusteten durch die Finger. Was ihn vollends auf die Palme brachte.
Dann kam noch unsere Mutter dazu, sie hatte gebadet und roch nach Talkumpuder, und durch das leicht durchsichtige Nachthemd konnten wir ihre große Stretchunterhose und den Speckring sehen, der wie ein riesiger Donut auf ihrer Hüfte saß.
»Wenn ihr weiter so lacht«, sagte meine Mutter, »bekommt euer Vater noch eine Herzattacke.«
Kaum hatte sie das Wort Herzattacke gesagt, platzte mir, ich weiß nicht, warum, eine Art Lachschrei aus dem Mund und zwischen den Fingern durch – worauf auch Julia schallend loslachte.
Meine Mutter lief knallrot an.
Sie blickte Julia an und sagte: »Von dir hätte ich mehr erwartet.«
Und ich begriff, dass sie von mir offensichtlich nichts erwartete.
Ich war hin- und hergerissen – wollte ich ab jetzt brav sein wie Julia oder extra böse, um es meiner Mutter heimzuzahlen?
Parfait
Wenn mein Kopf mal wieder übervoll war, ging ich oft runter zum See, tauchte tief ein ins Wasser wie ein Delfin, bis ich wieder klar denken konnte, und rief mir in Erinnerung, dass ich Parfait Nduwimana war – in Gottes Hand.
»Kommt«, rief ich den anderen zu. »Wer will schwimmen lernen? Es ist so ein schöner Tag.«
»Da sind Krokodile im Wasser«, sagte Gloria. »Du bist wohl verrückt!«
»Nicht da, wo ich schwimme«, sagte ich.
»Wir kriegen alle Bilharziose«, sagte Douce.
»Und Blutegel an den Beinen«, sagte Pierre.
»Wir kommen mit und gucken dir zu, wie wärs?«, sagte Gloria. »Komm, Wilfred, du auch.«
Wilfred sah sie an und sagte kein Wort.
»Pierre?«
»Mal sehen.« Pierres Stirn war wie üblich zerfurcht, als tobte dahinter ein Krieg.
»Zion?«
»Wenn Parfait geht, gehe ich auch.«
Es war eine ziemliche Strecke den Hügel runter, aber der See glitzerte, Schmetterlinge flatterten herum, und fast fühlten wir uns wieder wie eine Familie, wie wir so in einer Reihe durch den Sonnenschein spazierten.
Gloria und Douce hatten sich untergehakt, aber sie sangen nicht mehr zusammen wie früher. Wilfred humpelte nebenher, immer noch das Seil am Fußgelenk, dahinter Zion in seinem rot-weißen Nylon-Fußballhemd, von dem er sich einbildete, es hätte mal David Beckham gehört. Pierre folgte mit einigem Abstand.
»So ähnlich wärs, wenn wir nach Spanien laufen«, sagte ich zu ihnen. »Aber da schwimmen wir dann im türkisen Meer, richtig im Atlantik. Und machen Picknick am gelben Sandstrand. Und trinken spanischen Wein.«
»Wie wollen wir denn den weiten Weg schaffen?«, sagte Douce. »Ich schaff das auf keinen Fall.«
»Wir gehen in kleinen Etappen«, sagte ich. »Und ihr habt immer Zeit zum Ausruhen, versprochen. Und wenn ihr mal zu müde seid, rasten wir eben einen Tag.«
»Wir müssen das ja nicht jetzt entscheiden«, sagte Gloria.
»Aber wir müssen gehen«, sagte Zion mit diesem fest entschlossenen Blick. »Ich kapier nicht, warum ihr nicht wollt. Wir gehen nach Europa und fangen ein neues Leben an, mit einem eigenen Haus am Strand, wo wir dann alle drin wohnen. Und wir feiern Feste und trinken spanischen Wein. Was hält euch hier bloß? Ich verstehs einfach nicht.«
»Wir wissen doch gar nicht, wie es in Europa ist«, sagte Douce leise. »Vielleicht ist es schlimmer als hier.«
»Nichts ist schlimmer als hier«, sagte Zion. »Und ich gehe auf jeden Fall mit Parfait mit. Wenn ihr nicht wollt, lasst es bleiben.«
»Es ist viel zu weit«, sagte Gloria.
»Gott hat uns Beine gegeben«, sagte Zion. »Was glaubst du, wofür die sind, wenn nicht zum Gehen?«
Ich legte Zion den Arm um die Schultern und drückte ihn.
»Gib ihnen Zeit, mein Kleiner«, sagte ich.
»Ich meins ernst«, sagte er. »Wenn es nach mir geht, sind wir morgen weg. Ich will, dass wir wieder glücklich sind.«
Augusta
Zum ersten Mal hörte ich das Wort España, als Diego im Willow Crescent einzog. Hätte mir vorher jemand gesagt, dass es ein so luftiges und helles und herrliches Wort für ein Land gibt, hätte ich mich vielleicht nie für Burundi entschieden.
Ich hatte (natürlich) gedacht, dass das Land an der Grenze zu Frankreich den Namen Spanien trug, und der hatte mich nur insoweit beschäftigt, als er sich auf Kastanien reimt, was mich zu der Überlegung führte, ob man wohl irgendwo eine einzelne Spanie (oder auch Albanie) finden konnte.
Weiter als Frankreich waren wir nie gekommen in unseren August-Urlauben, die meine Mutter sämtlich in einem Klebefotoalbum dokumentierte und mit Anmerkungen versah.
Jeder, der die Alben zu sehen bekam, wies genüsslich darauf hin, wie unterschiedlich Julia und ich geraten seien und wer von uns nun größer, kleiner, dünner, dicker, blasser, dunkler war.
So ist das bei Zwillingen.
Ich galt bald als die Schlaue – da musste Julia natürlich die Gegenposition einnehmen. Julia wiederum galt bald als die Hübsche – Sie ahnen, worauf ich hinauswill. Und ganz objektiv betrachtet war ich auch kein sehr ansehnliches Kind.
Da stand ich mit Knubbelknien und zugekniffenen Augen am Strand von Benodet, zwanzig Kilometer von Quimper entfernt, wo meine Mutter die Lasagneform gekauft hatte.
Dort war ich in Wales, dürr und groß, mit leicht strähnigen Haaren.
In dem Urlaub hat es viel geregnet, aber wir sind trotzdem in den Pool gegangen.
Am Beckenrand stand mein Vater unter einem Regenschirm mit unseren Handtüchern unterm Arm, neben ihm meine Mutter mit meiner Brille. Beim Rausklettern fing sie mich ab, damit ich nirgendwo gegenlief. Meine Großmutter merkte sich derweil im Pool-Café alles, was es an den anderen Gästen zu bemäkeln gab, um uns später davon zu berichten.
»Du liest zu viel«, sagte meine Mutter, als sie mir die Brillenbügel um die nassen Ohren legte. Sie wollte mir den Arm tätscheln, aber ich schüttelte ihre Hand ab, ich mochte nicht, wenn meine Eltern mich anfassten. Und weil ich sie immer abschüttelte, gaben sie irgendwann auf und bedachten stattdessen Julia mit ihrem Getätschel.
Julia ließ es über sich ergehen, dass ich ihr in unserem winzigen Zimmer in der Holzhütte nicht nur Gedichte vorlas, sondern auch Auszüge aus Stimmen im Wind, das ich bei unserer Großmutter im Regal entdeckt hatte. Die Liebesszenen zwischen der weißen Frau und dem schwarzen Sklaven hatte ich mit Kassenbons markiert.
Meine Mutter folgte uns auf Schritt und Tritt durch das verregnete Feriendorf aus Blockhütten, denn sie wollte »ein Auge auf uns haben«, nachdem Amanda Dowler auf dem Heimweg von der Schule verschwunden war und man ihre Leiche später aus der Themse gezogen hatte. Dann, an unserem vierten Urlaubstag – glaubt mans? –, verschwanden zwei Mädchen namens Holly und Jessica in einem Ort namens Soham. Julia und ich beteten verzweifelt, dass sie gesund und wohlbehalten aufgefunden wurden. Aber nein! Ihr Schicksal brachte meine Mutter fast um den Verstand, und sie wollte uns ab sofort nicht mehr allein zur Schule gehen lassen. Sonst würde uns noch jemand entführen und an Menschenhändler verkaufen und zur Prostitution zwingen.
»Hahaha«, sagte meine Großmutter.
Parfait
Wenn ihnen danach war, brachen die Soldaten in unsere Hütte ein und brachen die Körper meiner Schwestern wie leere Tongefäße.
Und waren wir auch gebrochen, dachte ich, irgendwann würden wir einfach davonfliegen, nach Spanien. Ich sah uns über den Wolken schweben wie die Kronenkraniche oder Engel mit weiß gefiederten Flügeln. Ja, schick uns Engel, betete ich, mach, dass sie jetzt in diesem Moment herabstoßen und Douce und Gloria retten.
Und sollten die Engel ausbleiben, würde ich die beiden eben mit nach Spanien nehmen, wo ihnen kein Mann was antun konnte. Ich würde ihnen ein kleines weißes Steinhaus am Wasser bauen und Hängematten zwischen den Palmen aufhängen, und darin könnten sie liegen und schaukeln, während ich im blauen Meer fischen ging. Und abends würden wir alle zusammen ums Feuer sitzen und Fisch braten und spanische Gedichte lesen.
Augusta
Unsere Eltern wollten, dass Julia und ich mit Französisch weitermachten. Aber die Hedley Heights, unsere neue Schule, bot zum ersten Mal in der Achten auch Spanisch als Wahlfach an. Aber nur wer zu den Klassenbesten gehörte, durfte beide Sprachen gleichzeitig belegen.
Julia gehörte nicht zu den Klassenbesten und blieb bei Französisch. Das wollte sie zwar eigentlich nicht, da sie wie ich in Diego aus Nummer 13 verliebt und dazu grottenschlecht in Französisch war, aber sie machte wie immer bereitwillig, was unsere Eltern wollten.
»Es tut mir weh, wenn sie enttäuscht gucken«, sagte sie.
»Das machen sie, um dich zu manipulieren«, sagte ich.
Wer wollte, konnte auf der Hedley Heights in der Mittagspause auch noch Latein machen. Ich war schon seit einem Jahr dabei und verpasste damit den Kochkurs, einer der wichtigsten Vorzüge der Lateinstunden. Am Anfang. Bevor ich alles andere daran toll fand.
Meine Mutter hatte uns erst beide für den Kochunterricht eingetragen, Kochen war ja ihr Ding. Mir war aufgefallen, dass manche Leute wegen meines Mädchenseins glaubten, Kochen wäre auch mein Ding. Um mit dem Missverständnis aufzuräumen, hielt ich es für das Klügste, niemals kochen zu lernen. Weder im Kochkurs noch bei den verschiedenen Gelegenheiten, wenn meine Mutter es zu Hause versuchte.
»Ach, Augusta«, sagte sie, »was wird dir denn Latein später bringen?«
»Vielleicht werde ich Professorin in Cambridge«, sagte ich.
»Professoren müssen auch mal kochen«, sagte meine Mutter.
Und kapierte wie immer gar nichts.
»Was willst du bloß mit all den Wörtern anstellen, auf die du so versessen bist?«, sagte meine Mutter.
»Warts nur ab«, sagte ich.
Nun saß ich also allein im Spanischunterricht, und España schwirrte und tanzte in meinem Kopf, leicht wie eine Fee, wie ein Schmetterling, wie Frühlingsgefühle.
Und schon meldete ich mich und fragte den Lehrer nach dem spanischen Wort für Fee. Ich konnte nicht anders. Und ich wollte gar nicht wissen, wie man Ich heiße Augusta auf Spanisch sagt, worauf die ganze Stunde offensichtlich hinauslief.
»Fee oder Elfe – hada«, sagte der Lehrer, und sein Mund war weich wie ein Knautschsack, als er es sagte. Ich war gespannt, ob ich das mit meinem Mund auch anstellen konnte, das d bis zum Verschwinden erweichen.
»Oder duende vielleicht«, sagte der Lehrer, »was Kobold bedeutet, aber eigentlich unübersetzbar ist.«
Unübersetzbar, ich spitzte die Ohren – was für ein wunderschöner, komplizierter Gedanke. Ich speicherte ihn ab für später und hoffte, auch unübersetzbar zu sein.
»Gerade erst ist ein Buch namens Duende erschienen«, sagte der Lehrer. »Von Jason Webster – vielleicht wäre das was für dich.«
Duende – ich erfühlte das Wort auf meiner Zunge, versuchte, den Lehrer nachzuahmen.
»Duende«, sagte der Lehrer, »ist dieses …«
Er zögerte.
»Dieser …«
Wir starrten ihn gebannt an.
»Dieser Moment der Ekstase.«
Er hielt inne.
Und ich dachte, ich muss es finden, dieses Ding, das fehlt, was immer es ist.
Parfait
Ich wusste genau, wo ich es finden würde. Das, was fehlte. Es war oben, Richtung Norden – ich wusste es einfach.
Ich lief den Hügel hinauf zu Víctor, der in seinem Gemüsegarten zugange war. Denn ich hatte mich entschieden.
»Wir haben wieder einen Hutu als Präsidenten, Parfait«, sagte er. »Sie teilen sich wirklich die Macht – und vielleicht ist der Frieden endlich in Sicht.«
Ich sah zu, wie er, auf Knien hockend, die großen, zähen Blätter von einem Brokkolistiel abzupfte und in einen Eimer warf, die kleinen baumartigen Köpfe in einen anderen, und dachte nur, der neue Präsident interessiert mich nicht.
Die Hühner liefen gackernd durch den Matsch vor dem Gehege, und Víctors blinde Kinderschar tanzte durch den Garten, wobei sie ihre weißen Stöcke schwangen und skandierten: »Linker Fuß vor und der Stock nach rechts, rechter Fuß vor und der Stock nach links.«
»Ich hab mich entschieden, Víctor«, sagte ich. »Ich werde in dein Land gehen und mir da ein Zuhause aufbauen.«
»Ach, wirklich?« Víctor ließ sich auf die Fersen sinken und zwinkerte mich an.
»Ich sehe keinen Sinn darin, hierzubleiben«, sagte ich.
»Ein toller Plan, Parfait«, sagte Víctor. »Aber für deine erste Reise ist Spanien vielleicht etwas ehrgeizig. Es sind achttausend Kilometer.«
»Wir gehen einen Schritt nach dem anderen«, sagte ich, wütend über Víctors oberlehrerhaften Ton, darüber, dass er mich nicht ernst nahm. »Ist doch egal, wie lang es dauert. Hier hält uns nichts.«
»Du weißt, dass da ein Meer ist zwischen Afrika und Spanien?«, fragte Víctor, als wäre ich ein Idiot.
»Aber ein sehr kleines Meer«, sagte ich, ohne zu lächeln. »Ich hab es mir im Atlas angeguckt, und es ist mehr wie ein Fluss. Von Tanger aus können wir mit dem Boot übersetzen. Warst du da schon mal?«
»Da war ich tatsächlich schon einmal«, sagte Víctor.
»Wann war das?«
»Bevor ich hierherkam, ganz am Anfang meiner Reise durch Afrika.«
»Und was hast du da gemacht?«
»Bei einem Freund gewohnt – einem Priester, am Hafen …«
Víctor verstummte einen Moment und schloss die Augen.
»Aber nachts ist es da gefährlich, Parfait, da sind Gangster unterwegs, da treibt man sich nicht allein herum, zu keiner Tageszeit …«
»Also ist dein Freund noch da?«, fragte ich.
»Ich glaube schon«, sagte er.
»Du glaubst es, oder du weißt es?«, fragte ich. Mir war klar, dass er mich von meinem Plan abbringen wollte.
Víctor zupfte Brokkoliblätter.
»Sag nicht, du weißt es nicht, nur um mich am Gehen zu hindern«, sagte ich. »Dein Freund wird uns doch helfen, meinst du nicht? Wenn ich sage, dass ich dich kenne.«
Víctor machte ein zerknittertes Gesicht.
»Vielleicht will ich dich einfach nicht verlieren«, sagte er. »Du hast doch gerade angefangen, hier auszuhelfen, fährst den Transporter …«
Er ließ den Satz ins Leere laufen.
»Du gibst mir doch seinen Namen und seine Nummer, oder, Víctor?«, sagte ich. »Ich hab das Gefühl, der Plan nimmt Gestalt an.«
»Also, zuallererst«, sagte Víctor, »müssen wir dir wohl Spanisch beibringen. Englisch kannst du ja schon …«
»Das hat mir mein Vater beigebracht. Und die Baptisten.«
»Und Spanisch ist gar nicht so viel anders als Französisch.«
»Also, fangen wir an?«, fragte ich.
»Fangen wir mit den Verben an.«
»Mein Vater hat immer gesagt, ich lerne schnell«, sagte ich. »Ich sauge alles auf wie ein Schwamm, hat er gesagt.«
Und das stimmte auch – wenn ich wollte, konnte ich stundenlang bei der Stange bleiben, und mit etwas Wiederholung schien ich alles zu behalten.
Die Hühner gackerten weiter, Víctor gärtnerte weiter, die blinden Kinder schwangen weiter im Hof ihre Stöcke, und ich hockte mich mit meinem Herzen voller Hoffnung unter einen Eukalyptusbaum und sagte auf: »Hablo, hablas, habla, hablamos, habláis, hablan.«
Augusta
Mr Sánchez sammelte sich.
»Duende kann man beim Flamenco erleben, wenn alle Bedingungen stimmen – wenn die Gitarre und der Gesang und der Tanz mit dem Klatschen der Menge und der nächtlichen Hitze verschmelzen. Dann plötzlich, manchmal nur ganz kurz, wie beim Feuerwerk, nur viel besser, entlädt sich eine berauschende Energie, und die ganze Atmosphäre verändert sich. Und neben dir murmelt vielleicht jemand ganz leise, im Schutz des Dunkels, aus dem Innern des Zaubers: Olé.«
Vielleicht war der duende soeben durch die grauen Wände des Klassenzimmers oder unter der Tür hindurchgeweht. Die Atmosphäre hatte sich gewandelt, und es war totenstill. Wir saßen da und starrten Mr Sánchez an wie in Trance.
Nach und nach wich die Stille einem leisen Rascheln, wie das Flattern von Schmetterlingsflügeln.
Ich meldete mich.
»Und was heißt Schmetterling?«
Meine Stimme klang seltsam brüchig.
Ich konnte nur an duende denken.
»Schmetterling – mariposa«, sagte Mr Sánchez.
»Oh«, sagte ich. »Danke.«
Denn sowie man das Wort mariposa sagt – probieren Sie es aus! –, fliegt ein Schmetterling aus dem Mund.
»Und jetzt alle zusammen«, sagte Mr Sánchez.
Mariposa mariposa mariposa.
Schmetterlinge flatterten wie Konfetti durchs Klassenzimmer.
»Was heißt Frühling auf Spanisch?«, fragte ich.
»Frühling?«, sagte Mr Sánchez. »Primavera.«
Primavera primavera primavera.
Ich dachte mir damals gern lateinische Sätze aus, versuchte sogar, einen Teil meines Tagebuchs auf Latein zu schreiben. In meiner Familie erzählte ich niemandem davon, die hielten mich sowieso schon für verrückt.
Primavera.
Für mich klang das nach Latein.
Primum – das Erste.
Verum – die Wahrheit.
Ich meldete mich.
»Mr Sánchez«, sagte ich. »Das Wort für Frühling klingt wie erste Wahrheit.«
Um mich herum bekamen die Gesichter den Ausdruck, den sie um mich herum immer bekamen.
Aber Mr Sánchez nickte. Er sah ganz nachdenklich und traurig aus, ich wusste gar nicht, warum.
»Frühling«, sagte er, seine Augen blickten dabei so trübsinnig wie die der einsamen Kuh, die die Hendersons grundlos auf ihrer Weide hielten. »Frühling – die erste Wahrheit. Ja, wahrscheinlich.«
Wieder wurde es still im Klassenzimmer.
Als wäre der duende zurück.
Mr Sánchez war der einzige Lehrer, den ich je hatte, der durch seine eigene Stille Stille schaffen konnte. Die meisten Lehrer mussten mit den Armen rudern und rufen und mit irgendwas drohen.
»Frühling«, wiederholte er. »Die erste Wahrheit.«
Als die Schulglocke ertönte, konnte ich es nicht glauben.
Mr Sánchez schreckte auf.
Später erfuhr ich, dass er seine Frau verloren hatte, deren Name Leonor gewesen war, wie die Frau des spanischen Dichters Antonio Machado. Sie war im Frühling gestorben. Während sie im englischen Hospiz immer kahler und immer weniger wurde, rieselten vor dem Fenster die Apfelblüten herunter und vermoderten auf dem Rasen.
»Das Bücherverteilen am Anfang hat wohl ziemlich lang gedauert«, sagte Mr Sánchez. »Uns ist die Zeit davongelaufen …«
»Das tut sie doch immer. Die Frage ist, wohin«, sagte ich.
Er lachte.
Dann stockte er, und es sah aus, als wäre er den Tränen nah.
»Ja, wohin? Wo ist die ganze Zeit geblieben, Augusta?«
»Vielleicht finden wir sie ja im Himmel«, antwortete ich zu meiner eigenen Überraschung. Die Worte kamen aus mir heraus, ohne dass ich sie gedacht hatte.
»Oder wäre das die Hölle?«, erwiderte Mr Sánchez. »Unsere ganze Vergangenheit am Straßenrand aufgehäuft zu sehen, alles, was wir je gesagt, gedacht und getan haben.«
Das war so eine von Mr Sanchez’ Fragen, die einem den Atem verschlugen, als hätte er sie dir mitten durchs Herz geschossen.
Dann war unsere allererste Spanischstunde vorbei. Alle erhoben sich schon von den Stühlen, da sagte Mr Sánchez: »Und natürlich ist Spanisch die Sprache von Miguel de Cervantes, Federico García Lorca, Gabriel García Márquez, Isabel Allende und nicht zu vergessen Picasso, Dalí und Velásquez.«
Der Klang dieser Namen!
Das ist mein Himmel.
In meinem Himmel sitzen sie unter einer ewigen Palme zusammen und unterhalten sich bis in alle Ewigkeit über weltbewegende Dinge, in diesem herrlichen Spanisch, das klingt wie MG-Salven und Lebensfreude zusammen.
Einer nach dem anderen verließen wir den Raum, aber ich blieb vorn stehen und sagte: »Danke, Mr Sánchez. Das war die beste Stunde, die ich je hatte – und können Sie mir bitte Ihr Buch über den Duende leihen?«
Er nickte und strich sich den Bart und wirkte wie unter Schock, und ich wusste eins: Ich musste unbedingt nach Spanien.
Nach España.
Parfait
Ich erzählte Víctor, wenn ich es nach Spanien geschafft hätte, wollte ich Lehrer oder Arzt, Künstler oder Dichter werden.
»Dann fangen wir mal mit der Kunst an«, sagte er. »Dabei kann ich dir helfen.«
Er ging hinter sein Häuschen und holte eine alte Staffelei, einen verschmierten Farbkasten und ein paar Zeichenstifte aus dem Vorratsschrank.
Zuerst musste ich Bilder spanischer Meister aus Víctors Kunstgeschichtsband abzeichnen. Dann durfte ich mit Pastellfarben arbeiten und danach Ölfarben probieren.
In seinem Bildband über europäische Gegenwartskünstler stieß ich auf das Foto eines Malers namens Sami Terre. Er hatte meine Hautfarbe und ganz viele lange schwarze Zöpfchen. Er stammte aus einem Drecksloch am Brüsseler Stadtrand, so nannte er es, und hatte als Graffitisprayer angefangen.
Ich zeigte das Foto Gloria und Douce: »Könnt ihr mir die Haare auch so machen?«
»Für wen willst du dich denn so hübsch machen?«, fragte Gloria.
Ich schüttelte den Kopf.
Sie machten sich an die Arbeit, zusammen mit Amie Santiana, die auf dem Gehöft nebenan wohnte und sich mit Frisuren auskannte.
Als ich am nächsten Tag aus der Hütte trat, kam ich mir tatsächlich etwas größer vor. Wenn ein Sami Terre berühmt geworden war und in Büchern stand, obwohl er in einem Drecksloch geboren war, konnte jeder es schaffen. Sogar ich.
Gegenüber in der Akazie gurrten Brillentauben – grrrrrrrr, u-UU-u. Ich holte das Hochzeitsfoto meiner Eltern aus der Erinnerungskiste. Ich fand auch ein Kärtchen, das mein Vater meiner Mutter in der Hochzeitsnacht geschenkt hatte.
»Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann«, stand darauf, »den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.«
Eine gute Entscheidungshilfe.
Es gab etwas, das ich ändern konnte.
Den Ort, an dem wir lebten.
Ich hatte den Mut dazu, das wusste ich.
Ich malte das Foto ab – meine Eltern an ihrem Hochzeitstag, Arm in Arm, mein Vater in einem dunklen Anzug und meine Mutter in einem seidig glänzenden Brautkleid, geliehen vom baptistischen Priester.
»Sag mir, dass es richtig ist, wenn ich weggehe«, bat ich meinen Vater auf dem Foto, aber es kam keine Antwort.
Ich arbeitete tagelang an dem Porträt, hängte abends eine alte Matte darüber und sagte allen, sie dürften es nicht angucken, noch nicht.
Und wenn mir vom Bananenpflücken die Arme noch so wehtaten, ich malte weiter.
Dann war das Bild fertig.
Víctor kam mit dem Fahrrad zu uns, alle versammelten sich, was mich plötzlich befangen machte, aber dann zog ich die Matte herunter.
»Du bist ein Genie«, sagte Víctor. »Ein Naturtalent! Bleib hier, aus dir wird mal ein berühmter burundischer Maler.«
Die anderen starrten auf meine Mutter und meinen Vater, vielleicht in der Hoffnung, dass sie aus dem Bild treten und wieder mit uns in der Hütte leben würden.
»Damit können wir unterwegs Geld verdienen«, erklärte ich. »Mit Porträts.«
»Ich komme nicht mit«, sagte Pierre. »Ich bleibe hier und ziehe in den Kampf.«
»Kampf?«, fragte ich. »Du willst in die Schlacht ziehen?«
»In den Kampf, mit allem, was dazugehört.«
Mein Vater auf der Staffelei mit seinen zwinkernden Augen und seinen Wangen, diesen »Halt auch die andere hin«-Wangen, hörte kurz auf zu zwinkern.
»Was würde Pa dazu sagen?«, fragte ich.
»Und was hat es ihm genützt? Dass er nicht zurückgeschlagen hat? Dass er den Kreislauf durchbrochen hat?«, erwiderte Pierre.
Wilfred starrte weiter das Bild an.
Die Mädchen sahen traurig drein.
Víctor schwieg.
»Wann gehts los?«, fragte Zion.
Dann gingen wir leise, einer nach dem anderen, aus der Hütte. Meine Eltern blieben auf der Staffelei und warfen sich weiter verliebte Blicke zu.
»Geduld, mein Kleiner«, sagte ich und fing an, mit ihm herumzutanzen, um selbst wieder fröhlicher zu werden. So stellte ich mir damals Flamenco vor. Inzwischen weiß ich, dass Flamenco ganz anders geht.
»Tanzt mit!«, rief ich den Mädchen zu. »Man schwingt die Hüften so und hebt die Arme so und dreht sich so – und die Frauen haben schmetterlingsbunte Kleider an.«
»Und wenn man Lust hat, darf man immer Olé rufen!«, sagte Zion.
Gloria winkte ab: »Tanzt ihr Jungs weiter. Ich gucke lieber zu.«
Douce nickte.
Wenn Zion und ich allein waren, sagten wir andauernd Olé, wir hatten auch unser Spezial-High-five – von oben nach unten. Das war unser Zeichen, dass wir an unsere Reise glaubten.
»Olé olé olé olé.«
Augusta
Meine Mutter hatte begonnen, mögliche Reiseziele für den Sommer 2004 mit rotem Kugelschreiber einzukringeln, und ich fragte Mr Sánchez, ob Spanien ein guter Ort zum Urlaubmachen wäre.
»Die Costa del Sol sollte man unbedingt meiden«, sagte er. »Da wimmelt es von Engländern!«
Und wir lachten verschwörerisch, einig darin, wie langweilig die Engländer waren. So langsam fragte ich mich, ob ich vielleicht in Wahrheit Spanierin war und vom Storch (haha) nur am falschen Ort abgeworfen worden war. Über Sex wusste ich natürlich inzwischen eine ganze Menge – und zwar nicht nur von den Szenen aus Stimmen im Wind. Nein, das Internet hatte Einzug gehalten – jedenfalls in den Häusern anderer Leute. Meine Eltern setzten dagegen weiter auf Papier. Meine Mutter hatte uns ein Buch über Sex gekauft, das sie uns in die Hand drückte mit den Worten, wie wundervoll es sei, ein Baby zu bekommen, ein großes Privileg für jede Frau.
»Nicht für jede«, sagte ich. »Manche Frauen können keine Kinder bekommen.«
Da warf sie mir den »Du wieder!«-Blick zu, also sagte ich nichts davon, dass das Privileg auch Leid bedeuten konnte oder dass für Barbara Cook jeder Tag als Mutter Liebe und Leid bedeutete, sodass die beiden ein und dasselbe wurden. Ich verkniff mir auch zu sagen, dass Liebe wohl das allergrößte Wort der Welt war und wir im Laufe eines Lebens nie dahinterkommen würden, was es bedeutete. Und dass wir, wenn wir Liebe in eine Waagschale und Leid in die andere legen würden, unsere Meinung womöglich ändern und feststellen müssten, dass Leid viel stärker wog. Dann überlegte ich, ob Liebe und Leid nicht vielleicht in dieselbe Waagschale gehörten. Und dass man das eine nicht ohne das andere haben konnte. Aber dann konnte ich mich nicht entscheiden, was in der anderen Waagschale liegen sollte. Aber nichts von alldem sprach ich aus, während meine Mutter uns über die Risiken der Tamponbenutzung aufklärte, allen voran über die Gefahr des toxischen Schocksyndroms.
»Und davon abgesehen«, sagte sie am Ende ihrer Ausführungen, »kann es sehr schmerzhaft sein, wenn ihr sie einführt in eure. Einführt in eure. In eure.«
Das Wort wollte einfach nicht rauskommen.
»Scheide«, sagte ich.
Vor lauter Schreck, das Wort ausgesprochen zu hören, quetschte meine Mutter die Packung extradünner Binden in ihrer Hand zusammen und lenkte auf das Thema Ferien um. Sie legte die Binden beiseite und holte ihren Spiralblock hervor, der als Urlaubsplaner diente.
»Spanien soll sehr sicher sein«, sagte ich. »Und ich könnte mein Spanisch verbessern, in der Bretagne haben wir ja auch Französisch geübt.«
Spanien, notierte meine Mutter und unterstrich es doppelt.
Das Ferienhaus der Familie Alvárez befand sich nicht an der Costa del Sol, sondern der Costa de la Luz, erklärte ich meiner Mutter. In einem Dorf am Strand namens La Higuera. Was Feigenbaum bedeutet. Higos sind Feigen, und das H wird nicht ausgesprochen.
Da Diegos Familie im nächsten Jahr im August für eine Hochzeit nach Argentinien fliegen wollte, bestand die Möglichkeit, ihr Ferienhaus mit Feigenbäumen im Garten zum Freundschaftspreis zu mieten. Sie selbst wollten dann erst in der Weihnachtszeit wieder hinfliegen.
Mein Vater sagte: »In Spanien ist alles anders. Lola sonnt sich im Garten angeblich ohne Badeanzug. Wahrscheinlich machen die das da alle so. Und im Sommer ist es richtig heiß. Drückend. Vielleicht ist das alles nichts für uns.«
Er hatte recht.
Für ihn war es nichts.
Aber gemeinsam, verbündet und verschworen, würden wir ihn schon rumkriegen.
Ich halte kurz inne und blicke mich um, während ich dies schreibe, hier in La Higuera, dreizehn Jahre nach unserem ersten Besuch. Wie sehr ich an diesem Ort hänge, an den Feigenbäumen und Palmen, der warmen Luft und den wilden Winden.
Da waren wir – unschuldig und naiv.
Und so aufgeregt.
»Noch zwei Monate«, sagte ich zu Julia und machte wieder ein Kreuz in den Kalender, den wir innen an die Kleiderschranktür gehängt hatten.
»Werden wir verändert sein, wenn wir zurückkommen?«, fragte Julia.
»Na klar«, sagte ich lächelnd.
Ich weiß noch, wie wir packten für Spanien, die Koffer aufgeklappt auf dem Bett. Sonnenstrahlen fielen durchs Fenster und erhellten die Zimmerecke, wo ein kleines Eckregal stand, immer noch steht. Darauf unsere Preise – all meine Schulpokale aus falschem Silber, die Rosette vom Reitturnier am oberen Brett und Julias goldene, ballettschuhförmige Tanztrophäen. Ich erinnere mich an die schwirrenden Staubkörnchen im Licht, unsere Hautschuppen.
Ich blicke hinunter auf meine Hand, meine Haut, sie ist braun von der Sonne, denn ich lebe jetzt hier.
Die Haut meiner Hand.
Mano auf Spanisch.
Mano mano mano – Man-ometer - Man-över - Mann-über-Bord - Man-o-ti. Ach nein, Manati heißt das.
Manatis, Rundschwanzseekühe – delfinartige Wesen mit runden Nasen. Wie die Pilotwale in der Straße von Gibraltar, als wir mit dem Boot von Tarifa ablegten.
An jenem Tag.
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