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Hans Hyan
Der Gang unter der Erde
Kriminalroman
Saga
I
Der alte Martin brachte den Tee in das Arbeitszimmer des Konsuls.
„Das gnädige Fräulein möchte Herrn Konsul sprechen, ehe der gnädige Herr ins Büro geht.“
Die hohe, schulternbreite Figur des Konsuls reckte sich, er sah den Diener forschend an.
„Was sagte denn meine Tochter, wieso? ...“
„Das gnädige Fräulein meinte nur, sie müßte Herrn Konsul auf jeden Fall vorher sprechen.“
Indem kamen leichte Schritte durch das Nebenzimmer, und zwischen den dunklen Samtportieren erschien die blonde Rose, des Konsuls einzige Tochter.
Sie blieb einen Augenblick stehen und sah mit ihrem schönen, blühenden Gesicht aufmerksam zu ihrem Vater hin. Da wußte er, daß sie ihm wirklich Wichtiges mitzuteilen hatte, und er freute sich, wie trotzdem keine Spur von Aufregung oder Hast in ihrem Wesen war.
Der alte Martin war geräuschlos gegangen; der Konsul breitete seine Arme aus ...
Da, dieses Mädchen, war der Mittelpunkt seines Daseins. Er selbst, schon in den Fünfzigern, hatte die Genüsse des Lebens gekostet; er war reich, besaß Macht und Einfluß, er hätte nicht gewußt, was er sich noch wünschen sollte. Aber dieses Kind, seine Rose, mit ihren einundzwanzig Jahren, war für ihn der Einsatz und der ganze Gewinn seines Lebens. Er liebte sie, nicht nur wie Väter ja meistens ihre Töchter lieben — sie war ihm Weib und Kind zugleich. Den Gedanken, sie zu verlieren, den dachte er überhaupt nicht aus. Und er wußte, daß, wie er für dieses blonde Mädchen lebte, Rose ebenso nicht ohne ihn sein konnte.
Sie war verlobt mit einem Künstler, einem berühmten und wertvollen Menschen, und sie hing gewiß mit Liebe und Leidenschaft an dem erwählten Mann. Aber die Ausschließlichkeit ihres kindhaften Gefühls konnte durch nichts übertroffen werden.
Das alles dachte Rudolf Hermann nicht, das fühlte er mit jedem Nerv, und davon war seine Seele erfüllt, als Rose zu ihm trat, ihre Arme um seinen Hals legte, wie sie es schon als ganz kleines Mädchen getan hatte, und sich von ihm auf die Wange küssen ließ.
Sie lächelten beide: seine dunklen, energischen Augen fragten, was sie denn so früh bei ihm wolle!
„Ja, ich muß dich sprechen, Papa“, sie zauderte sekundenlang; dann ging ein Ruck durch ihren schlanken Körper:
„Ich kann mich nicht verloben ... ich kann einfach nicht, Papa.“
Ein Lächeln irrte noch um seinen bärtigen Mund, als er fragte:
„Seit wann hat meine Rose solche Launen?“
Sie schüttelte ihr blondes Haupt:
„Das sind keine Launen ... das ist ...“, sie fand das Wort nicht, „das ist ...“ Sie hob die Schultern: „Das ist wahrscheinlich ... mein Schicksal ...“
Jetzt war das Kopfschütteln an ihm:
„Wie alt bist du, Rose?“
„Einundzwanzig, Papa.“
„Ich weiß es ja, aber ich frage doch ... Ihr jungen Menschen von heute, ihr lebt von lauter Entschlüssen; für euch gibt es immer nur ein Entweder-Oder. Jede Schwierigkeit heißt bei euch ‚unmöglich‘. So ist doch das Leben nicht! ... Wenn du mir gesagt hättest: du kannst dich heute nicht verloben, das würde ich begreifen. Wenn jemand noch nicht das volle Gefühl der Zusammengehörigkeit mit einem anderen Menschen hat ...“
Aber Rose verneinte:
„Das ist es ja nicht, das ist es ja nicht, Papa! Mein Gefühl für Karl bleibt sich immer gleich. Ich liebe ihn so sehr, wie eine Frau einen Mann lieben muß, wenn sie ihm angehören soll. Ich habe Verlangen nach seiner Nähe und nach seiner Person, und ich weiß ganz genau, daß ich glücklich sein werde, wenn ich ihm angehöre ...“
Die schönen blauen Augen blickten unbeirrt in die von Liebe erfüllten ihres Vaters:
„Nein, das ist es wirklich nicht, es ist etwas ...“
Mit einem tiefen Atemzug, als nähme sie einen Anlauf, um ein unüberwindliches Hindernis zu besiegen:
„Es ist etwas in meinem Leben, das ich ihm nicht sagen kann ... nein, auch dir nicht, Papa ... über das ich nicht sprechen kann, wenigstens jetzt, ehe ich mir nicht ganz klargeworden bin ... über den eigentlichen Vorgang ...“
„Aber Rose, das ist doch die reine Rätselraterei!“ Er versuchte absichtlich, einen leichten, scherzenden Ton zu behalten. „Du sagst, es ist etwas geschehen, aber was geschehen ist, das sagst du nicht; gleich darauf: du weißt selbst nicht, ob etwas passiert ist, was dich hindert, dich mit Karl zu verloben. Wer soll sich denn da herausfinden!“
Roses Gesicht wurde ernster und trüber:
„Ich weiß es nicht, Papa, ich bin mir ja selbst nicht klar darüber, was ich tun muß, um von dieser furchtbaren Last frei zu werden. Du weißt, ich habe ein frohes und heiteres Naturell, mir liegt nichts ferner als Kopf hängen und Grübeln; ich will gar nicht unglücklich sein! Leben will ich! Gesund sein und lachen! ... Aber das weißt du doch auch, Papa, man kann nicht immer, wie man will. Vielleicht ... kann ich nur in der Entfernung von dir das tun, was ich muß.“
Sie wandte sich ab und ging an das Fenster; dort zog sie die schwergestickten Stores beiseite und blickte hinaus in die neblige und dunstige Morgenfrühe der Allee, in der die Villa Hermann zwischen anderen Landhäusern reicher Leute inmitten eines großen Gartenlandes lag.
Der Konsul hatte sich in den Ledersessel niedergesetzt und sagte zärtlich und eindringlich, wie manchmal in früheren Jahren, wenn Roses Widerspruchsgeist sich regte:
„Du weißt, Liebling, ich kann dir ernstlich nichts abschlagen. Aber weil du meine Schwäche dir gegenüber kennst, darum hast du auch die Pflicht, mich nicht vor Entscheidungen zu stellen, bei denen ich dir einfach nicht nachgeben kann. Das mußt du doch einsehen; daß du heute, am Morgen deines Verlobungstages, wo alles vorbereitet ist, wo vielleicht hundert Menschen bei uns zu Gaste sein werden, nicht plötzlich sagen kannst: ‚Ich verlobe mich nicht!‘“
Rose war zu ihm getreten, hatte den Arm um seinen nur wenig ergrauten Kopf gelegt und setzte sich nun, wie sie es als Kind so oft getan hatte, auf des Vaters Knie, küßte ihn leise und zärtlich:
„Du hast ja recht, aber ...“ Sie schwieg.
„Aber ...?“ fragte er.
Sie blickte ihn zweifelnd und unsicher an, endlich sagte sie:
„Ich verspreche dir, nichts zu überstürzen ... Ja, ich werde mich verloben, heute abend ... nicht, weil ich diese Verlobung wünsche, oder weil ich sie auch nur aufrechterhalten kann, aber ... das sehe ich ein, und darin gebe ich dir recht, ich hätte Karl meinen Entschluß schon früher mitteilen sollen ... das war ein doppeltes Unrecht ... Ich habe ihm verheimlicht, was er wissen muß, und ich habe ihm nicht einmal gesagt, daß ich nicht die Seine werden kann, wenn dieses Unglück ...“
Sie drückte ihre weißen, schmalen Hände an die Augen, als wollte sie aufschluchzen, aber sie weinte nicht. Im Gegenteil, ihre Stimme und ihre Muskeln wurden fester und straffer. Sie beugte den Kopf:
„Ich muß dahinterkommen, Papa, und du kannst dich auf mich verlassen, daß ich das, was mir heute, jetzt so unfaßbar ... so unergründlich erscheint, daß ich das herausbekomme und daß ich mich von allem freimache.“
Sie drückte seinen Kopf fest und leidenschaftlich an ihre Wange, und da er weiter fragen wollte, wehrte sie ab:
„Nein, nein, ich kann dir jetzt nichts sagen, heute nicht und morgen auch nicht ... Du darfst mich auch nicht fragen.“
Der Fernlautsprecher schnarrte. Dann kamen aus dem Apparat die Worte:
„Herr Generaldirektor wollen doch bitte sofort in die Bank kommen, es ist eingebrochen worden!“
Überrascht fragte der Konsul:
„Bei uns ... in der Bank ...?“
Er hatte den Lautsprecher abgestellt und den Hörer ans Ohr genommen:
„Matschunke, Sie sind es ... nun sagen Sie doch ...! Nein, ich komme sofort herunter ... den Doppelschlüssel zum Tresor, ja, den bring’ ich mit ...!“
Er legte den Hörer fort, wandte sich zu der gespannt aufhorchenden Tochter:
„Was sagst du dazu, Rose ...! Ja, ich ruf’ dich gleich an, von der Bank aus ...“ Der Konsul war jetzt schon ganz in seiner Bank und mit dem Einbruch beschäftigt. „Und im übrigen, Rose, ich komme früh nach Hause heute, da können wir ja alles noch einmal in Ruhe durchsprechen ... und du bist meine vernünftige Tochter ... nicht wahr, du siehst, in diesem Augenblick ... da weiß ich wirklich nicht, wo mir der Kopf steht ...“
Der alte Martin war hereingekommen, hatte seinem Herrn Mantel und Hut gebracht, und der Konsul war aus dem Zimmer, ehe Rose noch viel fragen konnte. Sie war auch so beschäftigt mit ihren eigenen Gedanken, daß ihr dieser Einbruch, der sie sonst gewiß interessiert hätte, im Augenblick recht bedeutungslos erschien.
Es gab ja eine Versicherung und auch die Polizei. Rose war es von ihrem Vater gewöhnt, daß er jede Sache schnell und praktisch erledigte.
Nachdenklich ging sie wieder hinüber in ihr Boudoir.
II
Im Schneenebel eines Wintermorgens, der sich langsam erhellte, ging der frühere Kriminalinspektor und jetzige Privatdetektiv Doktor Splittericht durch die Flinsberger Straße nach seiner am Harlemer Platz gelegenen Wohnung. Zehn Schritt vor ihm, im Morgendämmer verschwimmend, trugen zwei Telefonarbeiter ein schweres Kabel, und der Doktor-Kommissar, der nach seiner Gewohnheit meditierend dahinging, erschrak etwas, als der vordere von den beiden Arbeitern aufschreiend mit dem halben Leibe im Straßenpflaster versank. Sein Kollege, hinzuspringend, zog den Mann im blauen Kittel aus dem Loch, und die beiden im Verein mit dem rasch näher kommenden Detektiv betrachteten voll Erstaunen den Einbruch in der Pflasterung. Es hatten sich eigentlich nur die mosaikartig festgeklopften Granitbrocken neben den großen Trottoirsteinen etwa einen halben Meter gesenkt. In dem entstandenen Loch aber sah man zerbrochene Bretter und Hölzer, die den Steinbelag noch stützten. Als sich nun die beiden Arbeiter und ein paar hinzukommende Kollegen von ihnen daranmachten, wurde bald ein unterirdischer Gang bloßgelegt, der, wie ein Bergwerksstollen abgesteift, unter der Erde entlangging.
Doktor Splittericht trat mit einem leisen Lächeln an den Bord der breiten und modernen Straße. Das Haus, vor dem man sich befand, war ein großes Industriegebäude, das in seinen oberen Etagen Wohnungen enthielt, während in den unteren Stockwerken sich nur Geschäftsräume befanden. Das Parterre und den ersten Stock bewohnte die „Allgemeine Handelsbank“ — diese Feststellung zauberte ein mephistophelisches Lächeln auf Doktor Splitterichts Gesicht. Er legitimierte sich den erregt durcheinanderredenden Arbeitern gegenüber und forderte sie auf, hier an der Stelle zu bleiben, bis er von einem Telefongespräch zurückkäme. Dann eilte er nach dem Harlemer Platz, trat in einen Telefonkiosk und ließ sich mit dem Polizeipräsidium verbinden.
„Die Abteilung IV, bitte, Fräulein ...! Kommissar Starkmann ... jawohl, hier Splittericht. Sie müssen schnell mal herunterkommen, Herr Kollege, nach der Flinsberger Straße neun. Mit ein paar von Ihren Leuten, ja ... es handelt sich um ein ganz groß angelegtes Verbrechen ... wie? ... ja, Bankraub ... Allgemeine Handelsbank in der Flinsberger Straße neun ... das Straßenpflaster ist unterminiert. Die Leute sind offenbar unter dem Straßenniveau durch die Hausmauer in den Tresorkeller gedrungen ... richtig, ja! ... Ich sichere den Tatort bis zu Ihrer Ankunft.“
Der Detektiv hängte ab und nahm gleich die zweite Verbindung zu der Privatwohnung des ihm gut bekannten Oberregierungsrats Henderson, des Leiters der Abteilung IV. Auch den verständigte er von seiner Entdeckung und entschuldigte sich wegen des frühen Anrufs — es war kurz nach sieben Uhr.
„Aber ich bitte Sie, liebster Doktor“, klang es von der anderen Seite, „wir sind Ihnen doch sehr dankbar ... es ist ja so merkwürdig, daß Sie immer schon da waren, wenn wir erst hinkommen ...“ Sie lachten beide, „in einer Viertelstunde bin ich bei Ihnen.“
Als Doktor Splittericht zurückkam, hatten die Telefonarbeiter den Gang schon ein ganzes Ende weiter bloßgelegt. Die Flinsberger und die Straße am Harlemer Platz schnitten sich hier. Den Schnittpunkt bildete das Bankhaus. Aber der Eingang zur Bank befand sich an der Flinsberger Straße. Doktor Splittericht stieg nun auf die etwa zwei Meter tief liegende Gangsohle hinab. Den Revolver in der rechten, seine Taschenlampe in der linken Hand, drang er zuerst nach links vor und kam etwa drei Meter weiter an das Ende des Stollens und an ein Loch in der Hausmauer, durch das er sich nur schwer hindurchzwängen konnte. Er befand sich jetzt, wie der helle Lichtstrahl seiner Lampe zeigte, in einer Art Schornstein, in dem er sich kaum bewegen konnte. Kein Zweifel, das war ein Luftschacht!
Splittericht kroch vorläufig wieder durch das Mauerloch in den Gang zurück und ging in gebückter Haltung durch ihn hindurch bis zu seinem rechten Ende. Auch hier stieß er auf ein Loch in der Hausmauer, durch das er in den Heizungskeller hineinblickte. Er wollte sich eben weiter orientieren, als er Stimmen in seinem Rücken hörte und, sich umdrehend, den Kommissar Starkmann sah, der ihm neugierig mit der elektrischen Laterne ins Gesicht leuchtete.
„Ah, Sie sind der Kriminalpolizei wieder um eine Nasenlänge voraus, Herr Doktor!“
„Leider“, meinte Splittericht bekümmert, „ich habe wirklich selber genug zu tun. Aber ich kann doch beim besten Willen an so einer Sache nicht vorbeigehen.“
„Waren Sie schon da drin?“ Der Kommissar deutete auf das Loch in der Mauer, durch das Splittericht im nächsten Augenblick verschwand. Der Beamte folgte ihm. Das erste, was sie sahen, war ein gewaltiger Berg weißen Sandes — der Rauminhalt des Stollens, den die Einbrecher mit großer Mühe herausgeschafft hatten. Da lag noch der Eimer, den der im Stollen stehende Schränker ein Mal um das andere mit Erde füllte, um ihn jedesmal dem hinter der Mauer im Heizkeller stehenden Komplizen durch das Loch hindurchzureichen.
„Ein tolles Stück Arbeit“, sagte der Kommissar, „woran die Herrschaften wahrscheinlich tagelang geschuftet haben! Den Sand und die Bruchstelle haben sie immer wieder mit Kohlen bewerfen müssen ... es konnte ja doch jemand hier reinkommen, wenngleich die Stelle im Keller ziemlich abseits liegt ...“
Die beiden Fänger leuchteten nun den Keller in allen seinen Gängen ab. Sie besichtigten die Heizung, das recht komplizierte System der elektrischen Schalter für die Beleuchtung des großen Hauses und kamen so durch mehrere Gänge an die Tresorwand.
„Von hier aus ist nichts zu machen gewesen, das haben die beiden Ganowen sofort gesehen. Der Tresor besteht aus einer zollstarken doppelten Stahlwand und ist mit einer Mischung von Beton, Kalk und Kieseln, sogenanntem Eisenmörtel, ausgefüllt. Kein Bohrer und kein Schneidebrenner kann dagegen an“, Kommissar Starkmann betrachtete die Wand interessiert, er sah deutlich, wo die Einbrecher das Material des Tresors auf seine Festigkeit geprüft hatten. „Nun bin ich bloß gespannt, ob und wie sie reingekommen sind.“
„Das will ich Ihnen sagen“, nickte Splittericht, „darum sind sie ja durch die Hauswand, unterm Trottoir durchgekommen, dann wieder durch die Hausmauer und an den Tresor, aber von der Schmalseite her ... da liegt nämlich der Luftschacht.“
„Woher wissen Sie denn das?“
Das stille Leuchten, das über das meist unbewegliche Gesicht des Detektivs lief, ärgerte den andern. Er dachte bei sich: Du alter Besserwisser, zaubern kannst du doch auch nicht!
„Woher wissen Sie denn das, Herr Kollege?“
Aber Splittericht antwortete nicht. Er ging zurück, kroch durch die Mauer, wobei ihm der Kommissar auf dem Fuß folgte, glitt den Gang entlang und kam durch die jenseitige Maueröffnung in den Luftschacht hinein. Hier war nur sehr wenig Raum. Herr Starkmann konnte ihm nicht folgen. Er hörte nur, wie Splittericht meinte:
„Es ist so, wie ich dachte: der Luftschacht ist von außen durchbrochen, dann haben die Leute die Anker, die in der Luftklappe den Durchlaß zum Tresor schützen sollen, mit der Schweißlampe weggefräst und der Dünnere ist reingekrochen ... Das werden wir beide kaum fertigkriegen, Herr Starkmann ... Wir müssen warten, bis die Leute von der Bank mit den Schlüsseln kommen.“
Auch Starkmann sah sich in dem engen Gemäuer um, dann gingen sie beide zurück, kletterten aus dem Gang auf die Straße und kamen eben recht, um Oberregierungsrat Henderson zu begrüßen, der gerade aus seinem Auto sprang.
Der Hausportier hatte inzwischen den Generaldirektor und Hauptaktionär der „Allgemeinen Handelsbank“, Konsul Hermann, angeläutet und ihm mitgeteilt, was geschehen war. Auf dessen Geheiß war er im Auto zu dem nahe wohnenden Kassenboten Matschunke gefahren, der den einen Schlüssel zum vorderen Bankeingang in Verwahrung hatte. Den anderen Schlüssel nahm der Lehrling Winter abends mit nach Hause, um sich am nächsten Morgen Punkt acht Uhr mit Matschunke vor dem Bankgebäude zu treffen. Die beiden jungen Leute konnten nur gemeinsam die Eingangstür zur Bank öffnen. Allerdings befanden sich die Duplikatschlüssel zum Eingang im Gewahrsam des Generaldirektors selbst.
Matschunke und Alfred Winter kamen eben. Sie öffneten die Tür und ließen den Oberregierungsrat, den Kommissar Starkmann, zu dem jetzt noch seine Untergebenen, Wachtmeister Vogel und Assistent Nebeltau, gestoßen waren, und den Doktor Splittericht in die Bank eintreten. Dann fuhr der Lehrling Winter nach der Markenstraße zum Hauptkassierer Hermann Reese.
„Wann kommt Herr Reese für gewöhnlich ins Geschäft?“
„So um halb neun, Herr ...“
Splittericht sah auf die Armbanduhr: es waren zehn Minuten bis acht.
Das Banklokal lag nur eine Stufe über dem Niveau der Straße, auf der sich jetzt, da es schon heller geworden war und der Verkehr der zur Arbeit eilenden Menschen wuchs, Publikum ansammelte, das voller Neugier herandrängte. Von der nächsten Wache wurden mehrere Sipos herbeibeordert, die die Straße in ziemlichem Umkreis absperrten.
III
Wenn man in den Schalterraum der Bank eintrat, so lagen rechts die sich weit hinziehenden Einzelschalter, vor denen sich das Publikum aufhielt. Es standen da Tische zum Schreiben, Sessel und Stühle und an der linken Wand mehrere große Lederbänke. Links vom Eingang führte eine Holztreppe mit geschnitztem Eichenholzgeländer in den Tresor hinab. Der Treppeneingang war offen. Unten kam man in einen kleinen Vorraum und dann an die Tresortür selbst, die, gleich einer mächtigen Stahlwand, den Zugang zu diesem Mammut-Kassenschrank versperrte. Das Buchstaben-Stellschloß war nach besonderer Konstruktion gearbeitet. Niemand außer dem Konsul Hermann und dem Hauptkassierer Reese kannte die Zahlenfolge des Stellschlosses, die obendrein alle Woche einmal geändert wurde.
„Es ist also ganz unmöglich“, meinte Herr Henderson, „in diesen Tresor einzudringen. Denn selbst wenn man die Schlüssel hat, so muß man doch immer noch die Stellziffern wissen.“
Doktor Splittericht nickte, und wieder irrte jenes seltsame Lächeln um seine Lippen.
„Man hätte nur an den Luftschacht denken müssen, der doch eigentlich, wenn man so will, recht überflüssig ist.“
In diesem Augenblick trat der Generaldirektor der „Allgemeinen Handelsbank“, Konsul Hermann, in den Vorraum des Tresors und begrüßte, mit besorgtem Blick die Tresortür musternd, die Herren von der Behörde. Mit Herrn Henderson war er seit langem befreundet. Er schüttelte den Kopf:
„Ich kann es mir doch gar nicht denken, lieber Herr Oberregierungsrat ... unter der Straße lang und durch die Hausmauer ...? Ist denn so etwas möglich?“
„Ja ...“ Der Oberregierungsrat strich den kurzen grauen Schnurrbart. „Es muß wohl so sein, Herr Konsul. Eben sagte Doktor Splittericht noch ... übrigens, darf ich vorstellen: Herr Doktor Splittericht — Herr Konsul Hermann ... ach, die Herren kennen sich?“
Der Bankier reichte dem Detektiv die Hand:
„Ich habe viel von Ihnen gehört, Herr Doktor! Und gerade in diesen Tagen hatte ich vor, Sie in einer ... Sie in einer Sache um Ihren Rat zu bitten ...“
Der Detektiv verbeugte sich:
„Ich stehe immer zu Diensten, Herr Konsul!“
Der Oberregierungsrat lächelte verbindlich:
„Ja, aber der Doktor hat recht: an den Luftschacht im Tresor hätte man denken sollen ... der ist ja übrigens total überflüssig ... Wenn einer, der hier was zu suchen hat, hineingeht, so bleibt die Tresortür offen und er kriegt Luft von außen. Und wenn einer eindringt, der nichts darin zu suchen hat, dann hat man eigentlich nicht notwendig, für Luftzuführung zu sorgen ...“
Konsul Hermann stellte jetzt die Scheiben-Kombination des Stellschlosses an der Tresortür auf die nur ihm und dem Hauptkassierer bekannte Stellziffer ein und drehte das Handrad einmal. Es wurde dadurch eine kleine schmale Nische in der Außenpanzerung frei, und der Bankier erklärte dem Leiter der Kriminalpolizei: das sei die sogenannte Lafette. Dahinein täte man diesen Schlüssel — er holte aus einem kleinen Lederetui ein unwahrscheinlich kleines, flach-sichelartiges Instrument hervor, das er nun in die Vertiefung einpaßte.
„Sie sehen, lieber Herr Oberregierungsrat, ein Schloß gibt es hier eigentlich überhaupt nicht, wenigstens nicht an der Oberfläche der Tür. Das Schloß ist eingelagert in die hintere Panzerung. Erst die zweite Umdrehung des Handrades“, er legte seine Hand auf das Rad, „führt den Schlüssel mit der Lafette in das versteckte und so doppelt geschützte Patentschloß ... wenn ich jetzt das Rad noch eine halbe Drehung machen lasse, dann ist das Schloß offen, und gleichzeitig schiebt sich die hundert Zentner schwere Doppeltür selbsttätig auseinander.“
Er ließ seinen Worten die Tat folgen und trat dann mit dem Kassenboten Matschunke, der neben ihm stand, in den Tresor. Aber die beiden Männer prallten zurück, der Kassenbote schrie laut und Konsul Hermann griff nach dem blanken Stahl der Gittertür. Hinter den beiden reckten die Kriminalbeamten voller Neugier die Köpfe.
Was zuerst ins Auge fiel in diesem von automatisch aufflammenden Lampen erhellten Raum, waren nicht die aufgebrochenen Safes, auch nicht der Extraschrank, an den Konsul Hermann besonders gedacht hatte, weil gestern abend noch anderthalb Millionen in barem Gelde darin lagen — was so kraß ins Auge fiel und die Beschauer mit Entsetzen erfüllte, war der Mensch, der mitten im Raum tot auf dem Teppich lag.
Ein junger, großer und schlanker Mann in eleganter Kleidung. Der lag, die Arme verkrümmt und die Hände zu Fäusten gekrampft, lang ausgestreckt, das Gesicht nach unten, auf dem hellen Fußbodenbelag. Neben ihm lag die ausgebrannte Diebslaterne.
Kommissar Starkmann trat heran. Seine beiden Untergebenen folgten ihm.
„Drehen Sie mal den Mann um, Vogel!“
„Jawohl, Herr Kommissar!“ Und der Oberwachtmeister Vogel, ein wahrer Goliath, gegen den sich ein Verhafteter nur selten wehrte, nahm den doch schweren Menschen wie eine Puppe vom Boden auf und legte ihn auf den Rücken:
„Er ist schon ganz steif, Herr Kommissar.“
„Ja“, sagte der und sah bald den Wachtmeister, bald den Verbrecher an, „wie ist mir denn, Vogel? Das ist doch der ehemalige Leutnant, unser alter Freund Zalewski?“
Der Wachtmeister Vogel war im Kriminaldienst ergraut, er kannte die meisten der gewerbsmäßigen Einbrecher. Und nickte einsilbig:
„Ja ... Zalewski.“
„Na, na, reden Sie mal ’n bißchen, lieber Vogel, wenn’s auch schwer fällt! ... Seit wann ist denn der wieder draußen, der Zalewski?“
„Sechs Wochen.“ Und Wachtmeister Vogel schwieg abermals.
Lächelnd sagte der Kommissar, zu dem Generaldirektor und seinem Chef gewendet:
„Der Wachtmeister Vogel weiß mehr als wir alle, aber er sagt es nicht ... ’s muß hart kommen, wenn er mal vier Worte hintereinander sprechen soll. Was, lieber Vogel?“
Aber der Wachtmeister beantwortete auch diese Frage nicht. Er hatte sich niedergebeugt, hatte den toten Einbrecher durchsucht und die Brieftasche aus dem modern geschnittenen dunklen Tuchjackett genommen; hatte aus der hinteren Hosentasche links eine Pistole gezogen und aus der rechts eine zweite, beides Brownings. In den Seitentaschen steckten ein an der Kette hängendes Schlüsselbund, ein Taschentuch und eine Handvoll zerknittertes Papiergeld.
„Das ist alles, was der Tote bei sich hat?“ fragte Starkmann.
Der Wachtmeister bückte sich noch einmal, nahm eine fein ziselierte Uhr aus der Westentasche des Toten, steckte sie ebenfalls zu sich. Dann hob er den Toten wieder hoch, als hätte er gar kein Gewicht, und legte ihn genau so nieder, wie er ihn gefunden hatte.
Inzwischen war der Polizeifotograf gekommen und die übrigen Herren der Mordkommission. Aber jetzt traten alle zurück, um Platz für den Fotografen zu schaffen. Eine große Lichtlampe wurde angeschlossen. In der weißblendenden Helle sah das Gesicht des toten Einbrechers wie Marmor aus.
Die Bankbeamten, die nach und nach zum Dienst gekommen waren, drängten sich auf der Kellertreppe. Aber ein gebieterischer Blick des Generaldirektors scheuchte sie zurück.
Nur ein Reporter, der erste, der, Gott weiß woher, schon von dem Bankdiebstahl gehört hatte, blieb. Er stellte sich vor und übersah freundlich die kühlen Blicke, die ihn kaum willkommen hießen. Er ließ es sich auch nicht anfechten, als Herr Hermann deutlich sagte:
„Wir sind genug hier unten ... Sagen Sie mir bloß, lieber Oberregierungsrat, was bedeutet das?“
Der hob nur die Achseln, zeigte mit dem Finger auf den Geldschrank:
„War viel Geld darin?“
„Anderthalb Millionen Mark ... und was da drüben in den Einzelsafes“, er zeigte nach dem Metallschrank, der eine Kombination vieler, jetzt brutal aufgerissener Safefächer war, „was da drin gelegen hat, das wissen nur unsere Tresorkunden ... da kann es noch ganz nette Zivilprozesse geben ...“
Konsul Hermann schwieg. Er ging an den kleinen, aber ganz modernen Kassenschrank, dessen beide Schlösser mit dem Fernholzbrenner wie mit einer Schere aus der Stahlplatte herausgeschnitten waren ... Dicht neben dem Schrank lag die Brennlampe, ein Erzeugnis modernster Konstruktion, und daneben eines jener schweren Lederetuis, in denen die kleinen Staubsaugermodelle transportiert werden. Hier hatte dieser glänzende Beutel zum Transport zweier Eisenflaschen gedient, und Herr Henderson verbreitete sich eben über ihren Zweck: sie seien mit dem modernen Disu-Gas gefüllt gewesen, mit dem der Fernholzbrenner gespeist würde. Eine ganz neue Erfindung, die das Mitschleppen der großen Sauerstoffballons überflüssig mache.
In einer Art Trance sah der Bankier die Menschen und die Gegenstände in dem hell erleuchteten Tresorraum an sich vorüberhuschen. Der Verlust der anderthalb Millionen, die Sonnabend von der Reichsbank hereingeholt waren, um heute, am Letzten des Monats, den Ultimobedarf einer Kleinbahn, der Hauptkundin der Bank, zu decken, war gewiß schmerzlich. Doch die Diebstahlsversicherungen seiner Bank waren so ausreichend, so durchaus unanfechtbar, daß für die Firma auf keinen Fall ein allzu großer Verlust entstehen konnte. Nein, was den Konsul so schwer bedrückte, was in ihm diese widerwärtige Empfindung hervorrief, als schmecke er Blut, das war der tote Mensch dort vor ihm auf der Erde. Und in dieses grausige Bild mischte sich ein anderes. Er hörte die Stimme seiner Tochter, seiner Rose, die ihn bat: „Du darfst mich jetzt nicht fragen, Papa, ich kann heute nichts sagen!“ — Was verbarg sich hinter dieser Weigerung ...? Die Furcht vor einem Menschen ...? Aber wer durfte seinem Kinde etwas anhaben ...? Hatte sie selbst etwas Unrechtes begangen? — Nein, er kannte Roses stolze, freie Seele! Hatte sie etwas getan, was unrecht war, so hätte sie auch den Mut gefunden, es einzugestehen.
„Was ist nun eigentlich hier vorgegangen, meine Herren?“ wiederholte der Konsul seine Frage.
In diesem Augenblick kam noch jemand die kurze Treppe herab und drängte sich zwischen den Beamten durch. Herr Henderson ging ihm entgegen und sagte vorstellend:
„Sanitätsrat Rangower, unser Polizeiarzt.“
Ein kleiner, nicht sehr adrett gekleideter Herr von fünfzig Jahren mit buschigem Schnauzbart, der einen schwarzumrandeten Kneifer vor die Augen drückte sofort die grüne Decke wegzog und, neben dem Toten in die Knie gehend, den Körper und das Gesicht musterte.
Er fühlte flüchtig den Puls, behorchte die Herzgegend und sagte mit heftiger Stimme:
„Herzschlag ... gar kein Zweifel“, er lauschte nochmal an der verstummten Brust, „sogenannter Betriebsunfall ...! Is mausetot, der Mann!“
Herr Henderson schüttelte ungläubig den Kopf.
„Aber wieso ...? Wie soll er denn — hier ’n Herzschlag gekriegt haben?!“ Doktor Rangower sprühte ordentlich vor Sarkasmus: „Das is ganz einfach! Arbeiterrisiko bei der Nachtschicht, Herr Oberregierungsrat!“
Henderson schien ärgerlich, aber er überwand seine Verstimmung und meinte nun seinerseits ironisch:
„Natürlich! Wer so befreundet ist mit dem Herrn Tod wie Sie, Doktor, der muß ja alle Scheu vor ihm verlieren!“
Der Sanitätsrat Rangower stand auf und drehte sich um:
„Danke bestens! Übrigens kann ich weiter nichts tun hier ... kommt ja später zur Obduktion, der Knabe, habe auch noch zu viel anderes vor heute!“
Und er ging, ohne sich um irgend jemand zu kümmern, durch den Kreis der Herren und verschwand auf der Tresortreppe.
Der Oberregierungsrat lächelte und wollte den Sanitätsrat, der im übrigen ein ganz vorzüglicher Arzt wäre, entschuldigen. Doch Konsul Hermann sah mit zerstreutem Blick an den Anwesenden vorbei:
„Mich entschuldigen Sie wohl auch für eine Weile, lieber Henderson ... ich muß mich erst wieder ein bißchen zusammenfinden. Außerdem warten meine Herren oben auf mich mit der Post ...“
Und er ging langsam die Treppe hinauf nach den Bankräumen.
Dort stand er noch und sprach ein paar Worte mit dem Vorsteher der Wechselkasse, als die Eingangstür förmlich aufgerissen wurde und ein großer, gebückt gehender Herr unsicheren Schrittes schnell hereinkam. Der Mann war leichenblaß, und als er eben den Hut abnahm, sah man das dichte weiße Haar, das unordentlich um den Kopf hing. Sein Winterpaletot stand offen, in der Eile und Aufregung hatte er sogar vergessen, die Krawatte zu binden, deren beide Enden herabhingen.
Konsul Hermann trat ihm entgegen:
„Aber lieber Herr Reese! Um Gottes willen, was ist denn mit Ihnen?!“
Der Hauptkassierer konnte nicht sprechen. Der Konsul nahm ihn unter den Arm und begleitete ihn die breite Treppe hinauf, die in die obere Etage der Bank führte.
„Ich kann es ja verstehen, lieber Freund, daß Sie sich darüber aufregen, aber schließlich sind Sie doch außerhalb jeder Schuld. Es ist natürlich ein Unglück für die Bank und für jeden von uns ... das obendrein noch ein Menschenleben gekostet hat ...“
Nichts weiter als ein trockenes Schluchzen kam aus der Kehle des Hauptkassierers.
„So beruhigen Sie sich doch nur ...! Wollen Sie vielleicht wieder nach Hause fahren, lieber Reese? Wir kommen auch so aus ... außerdem habe ich schon an Ostermann telegrafiert, der seinen Urlaub natürlich unterbrechen muß ... Ich erwarte ihn heute noch.“
Der Hauptkassierer sah seinen Chef aus verstörten Augen an:
„Anderthalb Millionen Mark ... anderthalb Millionen ... und die Schlüssel ... die Schlüssel ...“
Er machte sich vom Arm des Generaldirektors los und lief fahrig mit seiner langen mageren Gestalt den Korridor hinab, der nur gedämpftes Licht aus den Deckenlampen erhielt.
Der Konsul war stehengeblieben und wartete auf den Lehrling Winter, der beflissen näher trat:
„Herr Reese hat sich furchtbar aufgeregt, als er es hörte. Ich dachte schon, er würde ohnmächtig werden. Fräulein Gertrud kommt auch gleich.“
Der Konsul nickte:
„Es ist gut, Winter, gehen Sie man an Ihre Arbeit.“
Der junge Mensch verneigte sich in dem Gefühl seiner Wichtigkeit. Nachher, während der Frühstückspause, da würde er den Kollegen, die sonst immer auf ihn herabsahen, als wenn er gar nichts wäre, mal was erzählen!
Indem kam Gertrud Reese. Sie war ein Mensch, auf den man sich verlassen konnte. Hermann Reeses Tochter war schon ein paar Jahre in der Bank tätig und jetzt Privatsekretärin des Generaldirektors. Der Konsul kannte sie von Kind auf, er nannte sie heute noch „du“ und „Trudchen“, so daß sie von jedem in der Bank „Fräulein Gertrud“ gerufen wurde.
„Papa ist schon oben?“ fragte sie. „Ach, Herr Konsul, er hat sich entsetzlich aufgeregt, als der Winter kam. Und war schon so furchtbar niedergedrückt ... Willis wegen ...“
Der Konsul sah sie fragend an, sagte aber nichts. Sie gingen nebeneinander den breiten Korridor hinauf. Der Plüschläufer dämpfte das Geräusch ihrer Schritte, und dem Konsul war, als ob dieser matt erhellte Gang sich in schattenhafte Angst und Unsicherheit verlor.
Rudolf Hermann konnte nicht weitergehen. Ganz unmöglich, daß er jetzt mit diesem zerbrochenen Menschen, dem Reese, über das Verbrechen sprach. In dieser Stunde war er nicht wie sonst imstande, Mitgefühl für andere aufzubringen. Er suchte selbst nach einer Seele, die ihm helfen und ihn stützen konnte. Er sah Gertrud mit einem langen Blick an und wandte sich rückwärts:
„Ich muß noch einmal nach unten ... geh du zu Papa und sieh, daß du ihn ein bißchen beruhigst.“
Das Mädchen bewegte die vollen Lippen, als wollte sie etwas erwidern, aber dann nickte sie nur und ging weiter den Gang entlang.
IV
Kommissar Starkmann war mit dem Wachtmeister Vogel und Assistent Nebeltau um die Ecke nach dem Harlemer Platz gegangen. Sie wollten durch den zweiten Eingang des Hauses über den Hof in den Heizkeller. So blieben Herr Henderson und Doktor Splittericht allein im Tresorraum.
Sie hatten auf zwei Hockern Platz genommen, und der Chef, der Kriminalpolizei steckte sich noch eine von den schweren Zigarren an, die er entgegen dem Rat seines Arztes vornehmlich dann gern rauchte, wenn eine besonders schwierige Aufgabe seinen Geist beschäftigte.
Doktor Splittericht rauchte ebensowenig wie er trank. „Ich habe das früher getan“, dachte er bei sich, „und bin mir so lange weder über mich selbst noch über meine Mitmenschen recht klargeworden. Heute, wo ich immer nüchtern bin, sehe ich manchmal durch die Menschen hindurch wie durch Glas. Glücklicher macht mich das auch nicht, aber es gewährt mir eine gewisse Genugtuung. Ich habe das Gefühl, daß ich so besser meine Pflicht erfülle.“ — Laut sagte er das nicht. Er hatte ja kein Interesse daran, Herrn Henderson zu kränken, mit dem er seit vielen Jahren in fast freundschaftlichen Beziehungen stand. Splittericht war der Vertraute des ungemein rechtlichen und tüchtigen Mannes gewesen, solange er im Kriminaldienst stand. Als es ihm mit den Jahren immer schwerer wurde, sich in den Beamten-Rangstaat einzuordnen, litt es ihn nicht länger bei der Behörde. Sein Ruf war auch in Privatkreisen so groß, daß er als Detektiv das Zehnfache seines Beamtengehaltes verdiente. Um so mehr, als ihn die Kriminalpolizei noch jetzt bei besonderen Gelegenheiten gern zu Rate zog.
Die Herren saßen eine Weile schweigend beieinander. Zarte blaue Wolken zogen von der großen Zigarre des Oberregierungsrates durch den Raum, bis Splittericht auf einmal sagte:
„Wenn ich nur wüßte, wieso der Zalewski ’n Herzschlag gekriegt hat ...“
„Wird ’n Herzfehler gehabt haben, lieber Doktor!“
Splittericht nickte:
„Ganz recht, Herr Oberregierungsrat ... möglich ist das schon ... aber so herzleidende Leute wenden sich selten einem so anstrengenden Beruf zu ... haben auch meist gar nicht die Energie, die dazu nötig ist ... Ich kann mir nicht helfen, Herr Oberregierungsrat, an der Sache stimmt etwas nicht ...“
Kommissar Starkmann kam ohne seine beiden Helfer wieder herunter in den Tresor.
„Was sagen Sie dazu, Herr Starkmann ... ich meine, zu dem Herzschlag des Zalewski?“
Starkmann zuckte die Achseln:
„Was soll man da sagen! Der andere hat ihm vielleicht ’ne Pille gegeben, hat ihn beerben wollen, konnte die anderthalb Millionen alleine gebrauchen!“
Splittericht schüttelte den Kopf:
„Ausgeschlossen. Sie kennen doch unsere schweren Jungen ebenso gut wie ich selbst, Herr Kollege. Aber Sie denken vielleicht nicht so an das psychologische Moment bei der Tat. Wenn so ein Mensch an seine doch unerhört schwierige Aufgabe herangeht, dann erfüllt ihn das ganz und gar! Daß er dabei auch noch einen so raffiniert ausgeklügelten Mordplan wälzen soll — nein!
Übrigens hätte Doktor Rangower das ohne weiteres festgestellt ... müßte auch ein ganz besonders tückischer Geselle sein, der Täter! Nein, hier liegt irgendeine Kombination vor, die, das will ich offen gestehen, mir vorläufig selber ganz rätselhaft ist.“
Der Doktor-Kommissar stand auf und ging nachdenklich beobachtend durch den engen Raum. Er kam dabei an einem kleinen Tisch vorbei, der neben dem Geldschrank stand. Auf der polierten Platte befand sich ein handgroßer Wasserfleck ... Wie kam der dahin?
Splittericht ging zu den beiden Herren zurück. Er sagte kein Wort.
Herr Henderson blickte fragend zu Kommissar Starkmann hin, der in seiner unbekümmerten Weise mit einem halben Lachen erwiderte:
„Na, ich habe jedenfalls meine beiden Greifer zu der ‚schwarzen Alma‘ geschickt. Die hat die alte Zachowsche Kaschemme in der Boyenstraße, und da werden wir vielleicht Husaren-Albert finden. Das war der beste Freund von Zalewski. Das heißt, sie haben sich mal um ein Mädel gegenseitig halbtotgeschlagen. Wer weiß, ob das Husaren-Albert dem da“ — er deutete mit der Stiefelspitze auf den bedeckten Leichnam — „nicht noch nachträglich hat eintränken wollen.“
Doktor Splittericht war sichtlich anderer Meinung.
Starkmann meinte rasch und nicht allzu höflich:
„Na, eine Erklärung haben Sie doch auch nicht, Herr Doktor?“
„Nein, aber ich werde sie finden, Herr Kollege ... Sie verzeihen, Herr Oberregierungsrat, ich will mir nur einmal die oberen Räume ansehen.“
V
In der Liguster-Allee in Westend, nahe dem großen Rondell, das mit seinem Alpenrosenschmuck und den gewaltigen Fliederhecken im Frühsommer das Entzücken der ganzen Gegend ist, lag die Villa des Konsuls. Heute war in dieser so stillen Gegend ein emsiges Kommen und Gehen. Lieferanten aller Art brachten Blumen und Eßwaren für die Verlobungsfeier der einzigen Tochter.
Rose Hermann stand im Erker ihres kleinen Musiksalons und blickte auf die winterliche Straße hinaus.
Vor der Villa gegenüber hatte ein Konditorlehrling seinen Tortenkorb abgestellt. Ein großer schwarzer Pudel nahm das für eine Einladung zu Baisertorte und Schlagsahne. Die dicken weißen Sahneflocken hingen an dem krausen Schnauzbart des Hundes. Dabei war der schwarzlockige Spitzbube so gerissen, sich immer wieder nach dem Konditor umzusehen.
Rose öffnete geräuschlos das Parterrefenster und pfiff zwischen den Zähnen scharf und schneidend. Und dann, dann lachte sie, bis ihr die hellen Tränen aus den Augen liefen, über den wie ein schwarzer Blitz davonschießenden Pudel.
„Gnädiges Fräulein ...“
Rose sah sich, wie auf einer Torheit ertappt, rasch um:
„Ja, Annette, was ist denn?“
Eine Zofe, ungewöhnlich hübsch mit ihren dunklen Locken und Augen, sah den Konditorjungen aus dem Eingang der Villa heraustreten und die Verwüstung im Korb bemerken.
Der weiß gekleidete Junge mit der viereckigen Pikeemütze stand erst wie eine Bildsäule. Dann erblickte er den an der Ecke auf den Keulen sitzenden und den Verlauf der Dinge abwartenden Pudel. Und einen Strom von Flüchen und Schimpfworten hinausschreiend, raste er hinter dem Pudel her, der in großen Sätzen entfloh. Die beiden Mädchen am Fenster der Bankiersvilla hielten sich an der Fensterbank, um nicht umzusinken vor Lachen.
Endlich hatten sie sich beruhigt:
„Was willst du denn, Annette ...?“
„Ach, Fräulein Rose“, die Zofe sah sich besorgt um, obwohl niemand im Zimmer war, und sagte ganz leise:
„Ich habe wieder einen ... Fräulein ... einen Brief ...“
In das schöne, helle Oval der Blonden kam ein Ausdruck, als erstarrte sie zu Eis:
„Ich will ihn nicht ...! Ich nehme keinen Brief mehr an!“
„Was soll ich denn aber damit machen, Fräulein?!“
„Zerreißen! Verbrennen!“ kam es zwischen den weißen Zähnen hervor, die sich fest aufeinanderpreßten. „Ich will das nicht mehr! Ich kann nicht ...!“
„Aber, Fräulein Rose ...!“
„Nein! Geh weg ...! Scher dich ...!“
Annette wollte ängstlich geduckt aus dem Zimmer. Da war Rose an ihrer Seite und streichelte der um einen Kopf Kleineren das dunkle Gelock:
„Du kannst ja nicht dafür, Mädchen ...! Gib mir den Brief ...! Gib her ...!“
Und nahm den Umschlag aus bläulichem Überseepapier:
„Auch wieder per Post ... natürlich ...! Solch Schuft! Immer auf Schleichwegen ... hinten herum. Also geh, Annette ... und ...!“ Die Bankierstochter drückte den rosigen Finger an die Lippen.
„Du wirst nicht mehr viel solche Briefe bringen ... einmal versieht er’s doch, der ...“
Sie riß den Umschlag auf, und lesend winkte sie der Zofe, zu gehen.
Rose stand noch am Fenster und sah hinaus. Vor ihrem inneren Schauen kamen drüben Karl von Wieland und ihr Vater die Straße herauf. Die beiden gingen Arm in Arm, plaudernd und lachend ... Sie sah sie beide so deutlich, den geliebten Papa und ihren Karl ... Karl war nicht so sehr viel jünger als der Vater; der Konsul hatte schon die Fünfzig passiert, aber er sah aus, als wenn er in der Mitte der Dreißiger stünde. Stark, gefestigt und durch und durch gesund war er mit seiner brustbreiten, gerade gewachsenen Gestalt. Und stark und fest waren auch die Züge von Karls durchgeistigtem Angesicht.
Und ihn, den Mann, an dem ihr ganzes Herz hing, dessen Kuß und Umarmung sie erglühen ließ in heimlicher Sehnsucht und Leidenschaft, ihn sollte sie aufgeben, ihren Karl nicht mehr sehen, seine liebe warme Stimme nicht mehr hören ...! Vielleicht nie mehr an seiner Seite gehen, wenn der Frühling kam, wenn es wieder grün wurde und die Vögel in den Büschen sangen ... Was war dann ihr Leben noch? Wofür sollte sie dasein, welchen Sinn sollte ihr Leben noch haben, wenn sie ihm nicht mehr gehörte ...?! Ach, das, was sie für Karl empfand, das war nicht nur Liebe, das war viel, viel mehr! Ein schrankenloses Vertrauen, ein Fest-an-ihn-Gebundensein für alle Zeiten ... Und doch wollte sie ihn verlassen? — Nein, sie wollte nicht ...! Niemals ...! Weshalb denn ...? Weswegen? Hatte sie sich denn etwas vorzuwerfen —?
Einmal in ihrem Leben war sie leichtherzig gewesen, und das viel mehr aus Interesse und Mitgefühl mit dem Menschen, der ihr wertvoll schien, als aus irgendeinem anderen Grunde ... Sturm der Sinne? Ach, nichts davon!
Sie hatte den Mann, der damals in ihr kaum achtzehnjähriges Leben trat, ja noch gar nicht kennengelernt! Hatte ihn für einen vornehmen und feinen Menschen gehalten, dem sie helfen sollte. Dann, nach jenem Tage, an dem er plötzlich alle Hüllen abwarf von seiner grenzenlosen Schlechtigkeit, als tödlicher Abscheu gegen ihn in ihr aufwuchs, da war es zu spät. Seitdem hatte er sie in der Hand und ließ sie nicht wieder los.
„Wenn du mir auch deinen Körper nicht gibst, deine Seele habe ich, und die halte ich fest! Die lasse ich nicht wieder!“ hatte er einmal gesagt. Und hatte Wort gehalten. Und mit der Zeit war die Kraft, sich gegen ihn zu wehren, immer mehr von ihr gewichen.
Als sie Karl kennenlernte, hatte sie geglaubt, jetzt würden seine Liebe und die ihre stark genug sein, diese Sklavenkette zu sprengen. Aber auch das war nur ein schlimmer Irrtum gewesen. Ganz das Gegenteil war eingetreten. Dieser Erbärmliche hatte mit ihrer Liebe zu Karl eine neue Zange, mit der er sie festhielt und peinigte.
Aber heute, dieser Tag, an dem sie Karls Ring an den Finger stecken sollte, wo aus der freien Wahl ihrer Liebe ein Verlöbnis, ein Verspruch fürs Leben werden sollte — heute mußte sie sich wehren ...! Alle ihre Kraft zusammennehmen und die Kette zerreißen, an der der erbärmliche Mensch sie festhielt ... Wie sie das anfing, wußte sie nicht ... Sie sah und fühlte nur die Unmöglichkeit, ihren Liebsten weiter zu belügen; als Braut und bald als seine Frau an seiner Seite zu leben, immer gepeinigt von der abscheulichen Furcht, daß Karl eines Tages alles erführe.
Aber sie fand nicht die Kraft, dem Liebsten ihr Herz zu öffnen. Sie fürchtete, Karl in dem Augenblick zu verlieren, in dem sie offen zu ihm redete. Denn er war ein seltsamer Mensch. Er hatte oft genug gesagt, daß er schrankenlos und bis zum Letzten ihr vertraue, aber daß er von ihr eine Täuschung auch nicht ertragen könnte ... Konnte sie ihm trotzdem die Wahrheit geben?
Rose drehte sich um und sah ins Zimmer. Sie hatte ein Räuspern gehört in ihrem Rücken, die Zofe war wieder da und meldete, daß ein paar Lieferanten Fräulein Rose durchaus selbst sprechen wollten.
„Ja, Annette, ich komme!“
Das klang so froh und zuversichtlich, daß dem schwarzhaarigen Mädel das Herz ganz leicht wurde.
Rose ging, ging hinüber in den hohen Festsaal der Villa, der mit seinen bunten Fenstern abends immer die Vorübergehenden anlockte. Sie half bei der Aufstellung der Blumen, ordnete an und sah überall nach dem Rechten. Schließlich war sie ganz eifrig dabei, und am Ende kam’s ihr vor, als müsse sie mit dem Mut und der Kraft ihrer Jugend das Schicksal besiegen, als könne keine Bosheit und Niedertracht ihrer Liebe was anhaben. Sie war gerade dabei, in die Garderobe zu gehen und mit den für diesen Tag angestellten Frauen zu sprechen, als der Wohlklang einer vollen Männerstimme an ihr Ohr scholl. Ein Zittern überfiel sie und eine unnennbare Seligkeit. Das raubte ihr fast den Atem. Karl hielt sie im Arm. Er küßte Tränen von ihren Augen, als er fragte:
„Hast du mich denn lieb? Willst du mein sein fürs Leben?“
VI
In dem Privatbüro des Konsuls, einem großen, viereckigen Raum, der ganz in dunkler Eiche getäfelt und möbliert war, lag die Dämmerung des Winternachmittags, gleich jener grauen Angst und Sorge, die des reichen Mannes Herz umklammert hielt.
Der Konsul hatte in tiefem Nachdenken in dem Lederstuhl gesessen, der hinter dem Ebenholzschreibtisch stand. Jetzt ging er dem Doktor Splittericht entgegen, wobei er die starken Deckenlichter einschaltete, die hinter ihren Marienglaskugeln hell und doch milde aufleuchteten.
„Ich habe Sie zu mir gebeten, Herr Doktor, weil ich das größte Vertrauen zu Ihnen habe ...“
Splittericht wollte etwas erwidern, der Konsul hob leicht die Hand ...
„Das ist keine Floskel! Ich kenne Sie aus Ihren Arbeiten, und ich weiß, daß Sie, was ich für unendlich schwer halte, bei all der ernsten Unnachgiebigkeit, die Ihr Beruf nun einmal erfordert, daß Sie dabei immer menschlich fühlen und Mensch bleiben. Das führt mich zu Ihnen, Herr Doktor, das gibt mir den Mut und das Vertrauen, mich an Sie in einer schlimmen Angelegenheit zu wenden ... Vielleicht hätte ich das heute noch gar nicht getan, obgleich ...“, der Konsul zögerte, „obgleich gerade heute etwas eingetreten ist, was ich, ich will nicht sagen, erwartet, nein, vor dem ich mich schon lange geängstigt habe.
Und da ist nun heute diese schreckliche Diebstahlsgeschichte noch dazugekommen. Der tote Mensch da unten im Tresor ... das war ein Anblick ... ich kann Ihnen nicht sagen, Herr Doktor, wie mich das erschüttert hat ...“
Der Konsul nahm aus einem getriebenen Silberkasten, der auf der schwarzen Ebenholzplatte stand, eine Zigarre und hielt dem Detektiv den Kasten ebenfalls hin:
„Sie rauchen nicht, Herr Doktor ...? Ich leider desto mehr ... Wir Geldmenschen müssen ewig hetzen und jagen ... ganz ohne Stimulans halten da die Nerven nicht durch.“
Er zündete die Zigarre an dem elektrischen Apparat an und rauchte ein paar lange Züge. Dann legte er sie in den schweren Marmorbecher und vergaß lange, sie wieder an die Lippen zu führen.
„Ich möchte Sie vorerst einmal fragen, Herr Doktor, ob Sie inzwischen etwas herausbekommen haben, was irgendwie Licht in die Angelegenheit bringen kann?“
Doktor Splittericht antwortete nicht gleich. Es wurde ihm schwer, diesem sowieso gequälten Mann noch mehr und besonders das zuzumuten, was er selbst auf dem Herzen hatte.
Denn das waren nicht einfache detektivistische Resultate, das war ein in das Leben dieses Mächtigen hineindrohendes düsteres Etwas, von dessen wahrem Charakter er, der Doktor Splittericht, selber sich bisher keine rechte Vorstellung hatte machen können ... Den Verlust der anderthalb Millionen Mark würde dem Konsul die Versicherung tragen helfen. Wie ihn aber die Nachricht traf, die Splittericht ihm jetzt bringen mußte, das war überhaupt nicht vorherzusagen.
Bei all seiner Gutherzigkeit und Menschenliebe betrachtete der Doktor-Kommissar den Multimillionär mit rein psychologischem Interesse, während er ihm in ein paar Sätzen bekanntgab, was er als unwiderruflich sicher und feststehend erkannt hatte:
„Herr Konsul, ich muß und will Ihnen das Ergebnis meiner Untersuchungen gleich zu Anfang sagen. Ich glaube, wenn jemandem etwas für ihn schwer, sehr schwer zu Ertragendes gesagt werden muß, dann soll man ihm diesen bitteren Trank sofort, gleich, nicht tropfenweise, sondern mit einem Male geben.“
Der Konsul richtete sich in seinem Sessel hoch empor, als wollte er dem Stoß, der ihn treffen sollte, die Brust zur Abwehr bieten:
„Ich bitte Sie, Herr Doktor, ohne jede Rücksicht auf mich oder irgendwelche andere Personen die volle Wahrheit zu sagen oder wenigstens das, was Sie dafür halten.“
Splittericht nickte und sprach klar und mit langsamer Betonung:
„Der Einbrecher, den wir unten im Tresor gefunden haben, ist nicht am Herzschlag gestorben. Er ist das Opfer eines Komplicen ... der hat ihn vergiftet ...“
Herr Hermann blickte überrascht auf:
„Wieso ...? Woher wissen Sie das, Herr Doktor?“
Der Detektiv antwortete nicht, er fuhr fort:
„Und der den Zalewski vergiftet hat, der ist zweifellos ein Mitglied Ihrer Bank, Herr Konsul!!“
Das hatte Konsul Hermann nicht erwartet.
Er nahm sich sehr zusammen, aber er konnte das Zittern seiner Lippen und das nervöse Spiel der Hände nicht verbergen. Seine Stimme klang mühsam, als er fragte:
„Und darf ich Sie bitten ...“
Der Doktor-Kommissar nickte:
„Jetzt, da Sie das Wichtigste wissen, Herr Konsul, möchte ich Ihnen in Ordnung und der Reihe nach erzählen, was ich bei meinen Untersuchungen festgestellt habe.
Es fiel mir vor allen Dingen das auf, was wir Kriminalisten, dem Rotwelsch der Verbrecher folgend, die ‚Annonce‘ nennen. Die ‚Annonce‘ ist das Auskundschaften der Gelegenheit zum Diebstahl, die genaue Beobachtung von Zeit, Ort und Menschen und insbesondere der Plan der internen Örtlichkeit, in der der Einbruch verübt wird.
Das war in unserem Falle von besonderer Wichtigkeit. Von außen sieht ein Haus wie das andere aus, das Gebäude Ihrer Bank unterscheidet sich nicht wesentlich von den Nachbarhäusern. Aber es hat zwei Eingänge von verschiedenen Straßenseiten. Der eine Eingang liegt auf der Seite, die gleichzeitig den Publikums-Eingang Ihrer Bank enthält. Der andere Eingang geht von der Straße am Harlemer Platz in Ihr Haus hinein.“
Der Konsul nickte.
„Und zwar“, fuhr Splittericht fort, „führt dieser zweite Eingang über einen kleinen Hof zur Hintertreppe. Diese führt hinauf zu den Wohnungen. Die Bank hat zu ihnen einen zweiten Ausgang in der ersten Etage. Wesentlich ist die Treppe für unsern Fall, weil sie auch hinabführt in den Heizkeller, den die Einbrecher als Operationsbasis benutzt haben. Von dort haben sie die Hauswand durchstemmt, so daß sie in der Flinsberger Straße unter dem Trottoir herauskamen. Dann haben sie einen vier Meter langen Gang unter dem Straßenniveau gegraben und sind nun in der Flinsberger Straße abermals durch die Hauswand gedrungen, und zwar ausgerechnet da, wo der wenig mehr als mannsbreite Luftschacht sich befindet, der durch eine Luftklappe Ihren Tresor ventiliert.
Wie konnten die Einbrecher diesen von außen in keiner Weise erkennbaren und so kleinen Luftschacht herausfinden? Ich habe mich genau erkundigt, irgendeinen Grundriß der inneren Baulichkeiten gibt es nicht. Das Haus ist etwa zwanzig Jahre alt, die Wohnungen in den oberen Stockwerken werden selten oder nie gewechselt, Ihre Bank hat das Parterregeschoß und den ersten Stock inne, den zweiten Stock ein großes Möbelhaus. Diese beiden Parteien wohnen hier schon seit zwölf Jahren. Und ferner: wie und woher wußten die Einbrecher, daß dieser Luftschacht in den Tresor hineinführt? Man könnte glauben, einer oder der andere von ihnen, elegant, wie sie stets gekleidet gehen, hätte sich in der Handelsbank zu tun gemacht, hätte vielleicht sogar unter angenommenem Namen einen Safe bei Ihnen gemietet und hätte so die Stelle des Lufteinlasses herausgebracht ... Aber nein, auch das ist unmöglich. Seit Jahren schon steht vor dieser Luftklappe im Tresor ein Ständer, an dem eine Schiffahrtskarte der Cunard-Line aufgehängt ist. Allein können die Diebe vorher nicht im Tresor gewesen sein ... es ist doch immer ein Bankangestellter dabei, wenn ein Kunde in seinen Safe will?“
Der Konsul nickte mehrmals. Seine Lippen waren fest zusammengebissen, man sah, daß er in seinem Inneren schwere und furchtbare Gedanken wälzte. Aber er sprach vorläufig kein Wort.
„Es muß also, verehrter Herr Konsul, schon aus diesem Grunde ein mit den Örtlichkeiten ganz eng vertrauter Mensch dagewesen sein, der den Einbrechern die ‚Annonce‘ brachte. Aber ich gebe zu, die bis jetzt angeführten Gründe brauchen Sie, Herr Konsul, nicht zu überzeugen. Und ich würde Ihnen nicht etwas so tief in Ihr menschliches Vertrauen Einschneidendes gesagt haben, wenn ich nicht ganz andere und unwiderlegbare Beweise für meine Behauptung hätte:
Ich sprach gestern — ich weiß nicht, ob Sie, Herr Konsul, zugegen waren? — schon mit Herrn Oberregierungsrat Henderson darüber:
Der ‚Herzschlag‘ des Zalewski erschien mir vom ersten Augenblick an merkwürdig ... Nachher fand ich auf dem kleinen polierten Tisch unten im Tresor einen großen Wasserfleck ... Wie kam der dahin? ... Wo doch keine Wasserflasche, kein Glas im Tresor zu finden war ... Ich habe mich dann oben im Kundenraum ein bißchen umgesehen, und da bemerkte ich eine Wasserflasche mit zwei Gläsern auf einem gelben Tablett.“
Herr Hermann lauschte gespannt.
„Und in dieser Karaffe war noch ein kleiner Rest Wasser. Den habe ich heute morgen von dem Gerichtschemiker Doktor Westkorn untersuchen lassen.“
„Na, und das Resultat, Herr Doktor?“
„Das Wasser war mit einem starken Betäubungsmittel versetzt ... mit Skopolamin.“
Der Doktor Splittericht hatte die letzten Worte langsam und mit Nachdruck gesprochen.
Der Konsul wollte etwas fragen, aber er blieb auch jetzt schweigsam und sah den Detektiv nur mit weit geöffneten Augen an.
Splittericht fuhr fort:
„Ich habe nun noch einmal mit Doktor Rangower gesprochen und ihm die Analyse des vergifteten Wassers gezeigt. Er war sofort im Bilde. Es sei noch ein dritter Täter im Spiel gewesen, meinte er, und dieser Dritte hätte den Zalewski betäubt. Zalewski hatte wahrscheinlich einen angeborenen Herzfehler. Für solche Leute sind Narkotika doppeltes Gift, besonders wenn man sie ihnen im Zeitpunkt großer Anstrengung beibringt.“
„Und so, meint Doktor Rangower, ist Zalewski umgebracht worden?“
Splittericht nickte:
„Ja, und das gelbe Tablett — ich habe es inzwischen sichergestellt, ebenso wie die Gläser und die Flasche — dieses Tablett befand sich während des Einbruchs im Tresorraum ... es ist eigens zu dem Zweck der Vergiftung vor dem Einbruch in den Tresor hineingebracht, und nachdem es seinen Zweck erfüllt hatte, als der Einbrecher Anton Zalewski tot am Boden lag, ist es wieder von derselben Person aus dem Tresor hinausgetragen und an seinen alten Platz gestellt worden.“
Dem Konsul wurde während des Gesprächs der Mund trocken. Er hielt den langen graumelierten Spitzbart mit der Rechten fest umspannt und leckte nervös die Lippen. Sehr blaß, sagte er tief atmend:
„Schauerlich ist das ... ganz furchtbar!“
Der Detektiv machte, selbst erschüttert, eine Pause. Dann fuhr er fort:
„Und außerdem: an dem zur Vergiftung gebrauchten Glase, das der Mörder wohlweislich ausgespült, gereinigt und abgetrocknet hat, fand ich noch eine andere Spur seiner Tätigkeit. Er hat nämlich dabei Handschuhe angehabt, wie das heute bei einem Einbrecher von Klasse selbstverständlich ist. Und er wußte zwar, daß die Papillarlinien der menschlichen Hand sich am Glas abdrücken und eine für den Eingeweihten leserliche Schrift bilden. Was er aber nicht gewußt hat, das ist die ebenso unumstößliche Tatsache, daß ein mehrfach getragener Handschuh besonders an den Fingerkappen Linien aufweist, die ebenso wie die Papillaren zur Rekognoszierung dienen können.“
„Und diese doch wohl für das bloße Auge kaum wahrnehmbaren Spuren, die haben Sie auch festgestellt, Herr Doktor?“
„Ja. Ich habe sie sofort mit Argentol, einem Silber-präparat, bestreut und fixiert, sie dann fotografiert und diese Abdrücke nach einem sehr interessanten Verfahren zwischen feinen Zelluloidblättchen konserviert. Wenn es uns gelingt, den Mann zu finden, und er nicht etwa die Handschuhe fortgeworfen hat (woran ich nach meinen früheren Erfahrungen nicht glaube), so werden wir ihn durch diese Abdrücke und Fotos überführen.“
Der Konsul atmete hörbar.
„Und Sie meinen, Herr Doktor“, fragte er und konnte nur schwer und mit Pausen, so aufgeregt war er, sprechen, „Sie meinen, daß der Mensch einer von meinen Angestellten ist?“
Splittericht nickte mehrmals.
„Jawohl, Herr Konsul. Das ist für mich eine unverrückbare Wahrheit: Der zweite oder wahrscheinlich der dritte Mann war jemand, der in Ihrem Büro schon längere Zeit tätig ist.“
„Ich habe hundertsechsunddreißig Angestellte“, sagte der Konsul eintönig, „hundertsechsundzwanzig sind davon dauernd in der Bank, zehn sind Vertreter und Außenangestellte. Aber sie können ebensogut wie die anderen jederzeit sich im Büro aufhalten —“
„— und kommen ebensogut wie die übrigen für das Verbrechen in Frage“, vollendete der Doktor-Kommissar.
„Wo soll man da ansetzen?“ fragte der Chef des Bankhauses mutlos. Er schwieg eine Weile und fuhr dann mit umflorter Stimme fort:
„Das alles ist schrecklich, lieber Herr Doktor, und doch erregt es mich weniger und wühlt mich nicht so in meinen Tiefen auf wie das, was ich Ihnen mitzuteilen habe. Wollen Sie mich, bitte, anhören?“
Doktor Splittericht neigte den Kopf und vermied es, seinem Gegenüber ins Gesicht zu sehen, denn Konsul Hermann kämpfte mit den Tränen.
VII
Hundert weiße Milchglaskugeln, die von der Decke der großen Halle in der Villa Hermann herniederhingen, beleuchteten eine Gesellschaft, die sich aus den Spitzen der Behörden, der Industrie, aus Militärs, Gelehrten und Künstlern, lauter prominenten Persönlichkeiten, zusammensetzte.
Man saß bei Sekt und Nachtisch an der hufeisenförmigen Tafel am oberen Ende des Festraums, und die Kapelle, hinter Rosen und Lorbeer versteckt, spielte moderne Komponisten.
Aber schon tänzelten die Zigeuner des Bela Janos herein, nach dem großen Tanzparkett hinüber auf der Südseite der Halle. Und kaum sangen ihre Geigen die ersten Weisen, so schwebten auch schon die Paare über das spiegelnde Getäfel des Parketts.
„Wirklich, es ist ein ästhetischer Anblick“, sagte Oberregierungsrat Henderson zu der Baronin Korf, die gleich ihm das Zusehen beim Tanzen höher schätzte als das Tanzen selbst.
„Aber was ist mit unserem Wirt?“ fragte die Dame dagegen, „ich habe Konsul Hermann noch nie in einer so bedrückten Stimmung gesehen.“
„Wundern Sie sich darüber, gnädige Frau?... Ich glaube, wenn mir anderthalb Millionen gestohlen würden, würde ich ganz anders lamentieren.“
„Also ist es wirklich wahr, Herr Oberregierungsrat ... anderthalb Millionen? Ich habe gedacht, die Fama macht da auch wieder aus der Mücke einen Elefanten.“
„Nein, da ist nichts übertrieben. Wir, ich und meine Leute, wir sind ja mit der Sache so eng befaßt, daß wir es schon wissen müssen.“
Der Brillantstern in dem fast weißen Haar der Dame zitterte funkelnd, als sie interessiert nickte.
„Ich bin wahnsinnig neugierig, Herr Oberregierungsrat! Haben Sie denn überhaupt einen Verdacht auf irgend jemanden?“
„Bis jetzt nicht, leider! Wir wissen eigentlich noch so gut wie gar nichts. Und ich sitze hier wie auf Kohlen, gnädige Frau. Ich erwarte jeden Augenblick den Anruf eines meiner Herren, der heute abend mit einem ganzen Heer von Beamten auf Streife ist, um den zweiten Täter zu fassen.“
„Den ersten, den haben Sie tot aufgefunden, nicht wahr? ... Das habe ich in der Mittagszeitung gelesen ... um Gottes willen, wie schrecklich ist das! In was für einer wilden Zeit wir doch leben! Ein Mord gilt heute kaum noch so viel wie früher ein einfacher Diebstahl.“
Herr Henderson nickte:
„Ja, das merken wir am besten. Die Kriminalpolizei ist mit Arbeit überlastet, und dann beschimpft man uns noch obendrein, wir bekämen nichts raus!“
Ein Tanzpaar ging an den Plaudernden vorüber. Er ein ausnehmend kräftiger Mann mit hoch und frei getragenem Kopf, unter dessen breiter Stirn zwei seelenvolle Augen leuchteten. Sie, ganz in weiß Crêpe de Chine mit wundervollen Spitzen, an ihn geschmiegt, als wären sie beide allein auf der Welt.
Die Dame am Tisch beugte sich zu Herrn Henderson und flüsterte:
„Da reden sie immer von der neuen Sachlichkeit und von der verschwundenen Romantik in der Liebe! Schauen Sie sich die beiden an, Herr Oberregierungsrat ... wenn das nicht noch so ist wie zu Zeiten unserer Eltern und Großeltern, dann will ich nie mehr Pommery trinken.“ Sie lächelte und deutete mit einem schalkhaften Zwinkern auf den Kühler, dem Herr Henderson schnell die silberhalsige Flasche entnahm, um seiner Partnerin die Sektschale zu füllen.
Es sprang, freilich ein wenig zu spät, ein Lohndiener heran, der dem Oberregierungsrat die Flasche abnahm und sie wieder in den Kübel stellte. Henderson richtete sein Monokel auf den Mann, der, in schwarzem Frack, nur an der silbernen Raupe auf der Schulter als Bedienter kenntlich war.
„Ah, aha!“ Herr Henderson wollte etwas sagen, verschluckte es aber. Nur ein leises Lächeln spielte um die grauen Borsten auf seiner Oberlippe. Das war doch? ... Ja ... ganz sicher! ... Das war er!
Doktor Splittericht, der nach Übereinkunft mit dem Hausherrn heute hier die Rolle des Lohndieners spielte, sah den Oberregierungsrat mit großen Augen an. Sie verstanden sich. Dann eilte der Pseudo-Lohndiener nach dem Tanzparkett hinüber und reichte da Erfrischungen herum.
Jemandem, der zu beobachten verstand, wäre es nicht verborgen geblieben, daß der Detektiv sich immer in der Nähe der blonden Tochter des Hauses aufhielt.
Der große, blendend erhellte Raum schwirrte von Stimmen. Auf der Tafel flammten in silbernen Leuchtern und in Girandolen aus altem Meißener Porzellan noch die duftenden Wachslichter, und der Rauch von Zigarren und Zigaretten schwebte wie eine durchsichtige Wolke über den Rosensträußen, deren Blumen, ihren Duft doppelt verströmend, schon die Köpfe hängen ließen. Die Tanzmusik hörte auf zu spielen, und mit einem mächtigen Akkord einsetzend, intonierte die Tafelkapelle den Hochzeitsmarsch aus „Lohengrin“. Alle Gäste wußten, wem zu Ehren man heute hier feierte, und von allen Seiten liefen sie nun zusammen, reckten die Hälse, plauderten und lachten und warteten auf den Hausherrn, der vor den Lorbeerbüschen auf eine kleine Estrade trat und die Verlobung seiner Tochter mit dem Komponisten Karl von Wieland bekanntgab.
Wieland, als Musiker bekannt und geschätzt, war vor kurzem zur musikalischen Leitung der Staatsoper berufen worden. Er hatte eine große Anzahl von Verehrern und Freunden, und wohl keiner war in der Gesellschaft, der ihm das Glück mißgönnte, als Schwiegersohn des millionenschweren Bankiers eines der schönsten Mädchen der Hauptstadt heimzuführen.
Der Konsul sprach nicht viel, aber jedes seiner Worte kam aus seinem Herzen und ging ins Herz der Hörer. Dann trat Wieland mit seiner Braut hinzu, und der Vater räumte ihnen den erhöhten Platz zwischen dem Lorbeer.
Alles drängte herbei, den Verlobten zu gratulieren. Auch Herr Henderson mit seiner Dame war unter den Glückwünschenden.
Aber da geschah schon etwas Störendes:
Ein anständig, aber gar nicht festlich gekleideter Mann trat rasch an Herrn Henderson heran und sagte leise einige Worte zu ihm. Darauf wandte sich der Oberregierungsrat zu der Baronin und verschwand mit einer hastigen Entschuldigung aus dem Kreise der Gratulanten und — das wurde allgemein bemerkt — aus der Festhalle.
Der alte Martin, der vertraute Diener des Konsuls und nebenbei ein Juwel von einem Hausmeister, winkte sofort mit seinem Seidentuch nach der Kapelle hin, die auf der Stelle eine schmetternde Fanfare blies. Aber die Gästeschar war irritiert, man sah nach der Tür, durch die Oberregierungsrat Henderson verschwunden war, alle Augen suchten nach einem Menschen, der die Erklärung für diesen eiligen Abschied hätte geben können; man fand niemanden, und der Gesellschaft bemächtigte sich eine unruhige Zerstreutheit.
Der Konsul war sich dieser Tatsache ebenfalls schnell bewußt geworden. Aber er wollte nicht, daß in seinem Hause heute abend von diesem scheußlichen Diebstahl gesprochen würde. Er nahm seinen ganzen Lebensmut, seine ganze Frische oder was noch davon übrig war, zusammen, ging zu den Gästegruppen, plauderte mit ihnen, animierte, was sonst gar nicht seine Art war, zum Trinken und zum Rauchen und tat alles, um eine Mißstimmung, wenn sie aufgekommen war, zu zerstreuen. Man tanzte auch wieder, man unterhielt sich, aber über diesen vielen geputzten, glänzenden Menschen schwebte eine stumme, unruhevolle, beinahe erbitterte Frage:
Warum sagte man ihnen nichts? Warum erfuhren sie nicht, was geschehen war? Anderthalb Millionen sind doch kein Pappenstiel! Davon muß man doch reden! Das war ja beinahe eine Brüskierung! In dieser Zeit der Not und des allgemeinen Mangels, da darf man nicht über den Verlust eines solchen Riesenvermögens weggehen, als wäre eine Schnupftabakdose gestohlen worden. Im Grunde genommen war es ja nur, daß bei all diesen leiblichen und seelischen Genüssen der Hunger nach Sensation nicht gestillt wurde. Man wollte nicht mit leichten Scherzen, mit Lachen und Tanzen unterhalten sein, wenn ein so prachtvoller Skandal in der Luft lag!
Aber der Gastgeber kämpfte gegen diese Neugier auf seine Weise weiter. Die Musik schwieg nicht einen Augenblick. Es wurden Überraschungen hereingebracht ... Riesentiere, wie sie in New York den Festtrubel heute beleben, Elefanten, Nashörner, Riesenschwäne und Alligatoren aus Gummi, die, aufgepustet, die Gäste faszinierten und die Stimmung zu heißer Lustigkeit und lautem Gelächter aufpeitschten.
Wie Karneval war es plötzlich. Eine Ausgelassenheit, wie sie in diesem Hause vielleicht noch nie gesehen worden war, bemächtigte sich besonders der Jugend. Der Wein tat seine Wirkung und machte die Sinne doppelt lebendig.
Eben schluchzten und klagten die Geigen noch. Dann gellte das Schlagzeug, die große Trommel dröhnte und die Saxophone quiekten und schnalzten. Man tanzte nicht mehr so ruhig und getragen wie zuerst. Die Bewegungen wurden wilder, die Tänzerinnen lachten und schrien leise im Arm ihrer Kavaliere, die sie fest umschlangen.
Was war’s, das den Jubel plötzlich wie in schriller Dissonanz abbrechen ließ? —
Noch vor Minuten war Rose Hermann im Arm des Bräutigams der Musik gefolgt. Dann hatte er sie einen Augenblick zu ihrem Sessel gebracht, war von einem der Freunde fortgezogen worden und hatte nach einem, wie er meinte, so kurzen Gespräch Rose wieder aufgesucht.
Sie war weg. Seine Augen forschten umsonst nach ihr. Eine Freundin Roses, die eben mit ihrem Kavalier vorübertanzte, gab Wieland Bescheid: vor ein paar Minuten sei ein junges Mädchen in hellem Kleid, wohl Roses Zofe, an sie herangetreten und habe ihr etwas gegeben. Was, konnte sie nicht genau sehen, aber wahrscheinlich sei es ein Brief gewesen.
Auch jetzt wieder von jener Ahnung bedrängt, die ihn am Nachmittag bei ihren Tränen überkommen hatte, eilte der Musiker durch die Halle zwischen den Gästen und Tanzenden durch, achtlos, beinahe schon unhöflich, und suchte Rose.
Er fand sie nicht. Aber die Zofe sah er am Ausgang der Halle eben hinter den Lorbeerbäumen verschwinden. Wieland verdoppelte seine Schritte und holte das Mädchen an der Saaltür ein.
Er war fast atemlos:
„Wo ist meine Braut, Annette?“
Die Zofe war sichtlich bestürzt und unruhig:
„Ich weiß es nicht, Herr ... Herr von Wieland.“
Es klang scharf und heftig, als er erwiderte:
„Sie müssen es wissen, Annette, Sie haben ihr ja eben erst den Brief gebracht!“
Das Mädchen erschrak so, daß ihr das Blut wie eine rote Welle bis unter das dunkle Stirnhaar flog.
„Ja, ja“, sagte sie weinerlich, „ja, Herr von Wieland, aber ...“
„Von wem war der Brief?“
„Ich weiß es nicht ... ich hab’ keine Ahnung.“
„Sie wissen es wohl! Reden Sie, antworten Sie mir augenblicklich!“
Er griff sie hart bei dem Handgelenk und schüttelte sie. Und sie, schon schluchzend:
„Ich weiß es nicht, ich weiß wirklich nicht, Herr von Wieland!“
„Kommen Sie mit!“
Er zog sie aus der Tür der Halle in den Gang, der in die Zimmerflucht hinüberführte. Die erste Tür links war geschlossen, die zweite stand halb offen, das Zimmer war erhellt.
Er blieb einen Augenblick zweifelnd stehen und sah zu dem Mädchen hin, dessen Arm er nicht losgelassen hatte.
Sie verstand seine stumme Frage:
„Ja ... ja, hier ist das Schlafzimmer des gnädigen Fräuleins ...“ Und sie weinte wieder.
„Heulen Sie nicht!“ herrschte er sie an. „Sagen Sie mir die Wahrheit, das ist alles, was ich von Ihnen will! ...“ Er zog sie in das Zimmer hinein.
„Wie oft haben Sie Fräulein Rose schon solche Briefe überbracht?“
Das Mädchen antwortete nicht, sie weinte ganz laut, sie schrie fast. Da nahm er sie bei den Schultern und rüttelte und schüttelte sie wutknirschend:
„Sie sollen still sein! Ihr Geschrei nützt Ihnen gar nichts! Ich will wissen, wie oft Sie schon den Postillon d’amour gespielt haben? Sagen Sie es mir, sofort! Ich lasse Sie nicht los!“
Aber das Mädchen war nicht imstande, zu sprechen. Sie wimmerte und schluchzte nur und schien ganz niedergeschmettert von dieser Entdeckung.
Wieland wurde immer wütender:
„Wo ist Rose? Sie werden es mir sagen, und wenn ich Sie zur Polizei bringen soll! Da werden Sie den Mund schon aufmachen!“
„Nein! Bitte, bitte, nicht ... nicht zur Polizei!“
„Dann sagen Sie, was Sie wissen!“
„Ich weiß ja nichts, ich weiß gar nichts.“
„Aber Briefe haben Sie gebracht? Das können Sie doch nicht leugnen? Ich habe Sie ja abgefaßt dabei!“
Das war nicht wahr, aber die Zofe, deren schwarze Augen vom Weinen ganz verschwollen waren, deren kleiner roter Mund offenstand wie bei einem unglücklichen Kinde, wußte gar nicht, was mit ihr geschah. Sie wußte nur, daß sie wirklich schon seit langer Zeit, schon über zwei Jahre, beinahe so lange, wie sie in diesem Hause diente, ihrer jungen Herrin Briefe überbracht hatte, von denen niemand etwas wissen durfte. Vielleicht hatte das ihrem Wesen jenen selbstbewußten, schnippischen Ton gegeben, von dem Rose Hermann sich manchmal so unangenehm berührt fühlte. Das war die Überlegenheit, die die Dienerin gegen die Herrin ausspielte und die jetzt, im Augenblick der Entdeckung, für sie selbst zu einer furchtbaren Angst wurde, zu der Erkenntnis eines großen Unrechts.
Der leichtherzige Sinn des Mädchens konnte dem Angriff dieses vor Eifersucht rasenden Mannes nicht standhalten. Sie wand sich und weinte, sie klagte und versuchte zu entrinnen, aber überall griffen seine harten Worte, seine wilden Drohungen nach ihr und bezwangen Widerstand und Unwahrheit.
Am Ende dieser peinvollen Unterredung wußte der Komponist, daß seine Braut schon seit zwei Jahren solche mit der Schreibmaschine geschriebenen Briefe erhielt, die Rose gleich, nachdem sie sie gelesen, vernichtet hatte.
Von wem diese Briefe stammten, wer an Rose Hermann schrieb, das konnte Annette dem Musiker nicht sagen. Er redete, drängte und drohte immer mehr! Er schien wirklich willens, sie sofort auf die Polizei zu schleppen. Er tat es nicht. Aber wenn er es getan hätte, er hätte auch nicht mehr von Annette erfahren. Wer der Schreiber dieser Briefe war, das hätte sie auch auf der Polizei nicht gestanden. Sie wußte es in der Tat selber nicht. Sie hatte eines Tages einen an ihre Adresse gerichteten Brief erhalten. Wenige Zeilen nur, ohne Unterschrift. Der Absender bat die Zofe, den inliegenden versiegelten Brief heimlich der jungen Herrin zu geben. Den beigeschlossenen Zwanzigmarkschein sollte sie als Trinkgeld behalten.
Annette gab den Brief ab. Zwanzig Mark kann man immer brauchen, und nebenbei macht es ja Spaß, so eine kleine Heimlichkeit mit seiner Herrschaft zu haben! Dann kam wieder ein Brief und noch einer. Zuletzt fast jede Woche einer. Einmal hatte sie einen solchen Brief, der nicht fest verschlossen war, neugierig geöffnet. Er enthielt zwei Hundertmarkscheine, die sie, vor Angst am ganzen Körper fliegend, in ihrem Busen verbarg. Den Brief, der keine Unterschrift zeigte, hatte sie ebenso wie den Umschlag verbrannt.
Nie hatte Rose nach diesem Brief gefragt. Aber ein paar Tage später kam ein anderer Brief an die Zofe selbst. In ihm teilte der Briefschreiber Annette kurz mit: er habe Kenntnis davon, daß sie den letzten Brief an das gnädige Fräulein nicht abgegeben und die inliegenden zweihundert Mark unterschlagen habe. Ob er sie deswegen bei der Polizei anzeigen und zur Bestrafung bringen sollte, das müsse er sich noch überlegen.
Seitdem lebte Annette in ewiger Angst. Ihre Herrin war freundlich und gut zu ihr wie stets. So wäre sie gewiß nicht gewesen, wenn ihr dieser unheimliche Mensch etwas von den zweihundert Mark gesagt hätte. Aber nun konnte es Annette nicht wagen, so oft sie schon daran gedacht hatte, seine Briefe nicht mehr zu bestellen. Sie war ein willenloses Werkzeug in seinen Händen geworden. Und wenn sie auch viel zu heiter von Natur und zu lebenslustig war, um etwa dauernd den Kopf hängen zu lassen, so gab doch ihr schwacher und leichtherziger Charakter ihr auch keine Möglichkeit, diese Sklavenkette abzuwerfen.
Das war’s, was alle Bemühungen des Komponisten nutzlos machte. Annette hätte so gern gesprochen! Sie hätte diesen Mann, der immer freundlich zu ihr gewesen war, schon längst aufgeklärt in der Hoffnung, damit ihre arme Herrin, deren seelische Leiden ihr nicht verborgen blieben, von ihrem Peiniger zu befreien. Aber die Angst um ihr eigenes Leben, um ihre Sicherheit war größer und ließ sie schweigen.
Der Musiker, vor Aufregung seiner Sinne kaum mächtig, stieß das Mädchen von sich und ging.
Er durchschritt planlos die Zimmerflucht, stand wieder in dem kleinen Musiksalon, wo er am Vormittag Rose im Arm gehalten hatte. Seine Augen irrten umher, immer auf der Suche nach einem Lebenszeichen, einer Abschiedszeile der Verschwundenen. Dann war er in den Zimmern des Konsuls, knipste die Beleuchtung in der Bibliothek an, stöberte in den hohen Regalen nach Büchern, die Rose gehörten, um da vielleicht ein verräterisches Blatt in irgendeinem Buche zu finden, und kam so in einem Zustand, der nicht Traum, nicht Wachen war, wieder in die Festhalle.
Die gleißenden Farben der Dekorationen, der Lärm der plaudernden, lachenden, tanzenden Menschen, die zerflatternden Klänge der Musik — es kam dem Komponisten vor, als schwirrten unheimlich große, grellbunte Rieseninsekten umher, drohten und griffen nach ihm! Angst überfiel den Gejagten. Fort, nur fort aus dieser bunten Scheinwelt mit ihrer schamlosen Lüge! Er gehörte da nicht hinein! Immer hatte er sich ferngehalten von diesen Menschen, bis sie, die eine, kam, an die er geglaubt, der er ganz vertraut hatte und die ihn doch hineinzog in den schillernden Sumpf, in dem er untergehen mußte.
Durch den grellen, lärmenden Jubel jagte an diesem Abend zum zweiten Male das Gespenst der Furcht. Die Gäste sahen einen großen, wie sie selber gekleideten Mann, der doch so ganz anders schien, dem das blonde, amerikanisch lang getragene Haar wild und wirr um den Kopf hing und dessen große, hellblaue Augen im Irrsinn brannten. Er sah niemanden, er ging rasch und ohne Rücksicht zwischen den Tanzenden durch und hörte nicht die Stimme des Konsuls, der ihm nacheilte, ihn fragen wollte. Verschwand in der Tür, die zu den Garderoben führte.
Dort holte ihn Konsul Hermann noch ein. Aber sein Forschen und Drängen war umsonst, der Musiker sah ihn mit leerem Blick an und beantwortete seine Fragen ohne Sinn und Zusammenhang.
„Sprich doch, Karl!“ Der Konsul dämpfte seine Stimme und konnte kaum reden. „Sag doch, ist etwas geschehen zwischen dir und Rose? ... Habt ihr euch gezankt? ... Wo ist sie denn nur? Wo ist Rose?“
Der Musiker bewegte kaum die Lippen. Ein paar unverständliche Worte, ein flüchtiger Händedruck, und Konsul Hermann war allein in dem Garderobenraum und fühlte sich den neugierigen Blicken der Frauen ausgesetzt, die sich den Anschein gaben, als sähen und hörten sie nichts.
Doch dieser große und starke Mann, der sich aus eigener Kraft und aus den kleinsten Anfängen emporgearbeitet hatte, verlor auch jetzt nicht die Gewalt über sich selbst. Er bekam es fertig, mit einer der Garderobenfrauen zu scherzen und der anderen ein Glas Sekt zu versprechen (das er nachher auch gleich hinausschickte), um dann wieder in die Halle zurückzukehren. Was immer geschehen war, er durfte die Haltung nicht verlieren. Auf keinen Fall sollte sein Haus zum Mittelpunkt eines Skandals werden. Über all seiner Angst und Unruhe, die zuletzt doch nur seinem Augapfel, seiner Rose galten, blieb stark und beherrschend das Gefühl seiner Würde, das Bewußtsein seines Ansehens und Kredites im öffentlichen Leben. So schwere Kämpfe er auch schon zu bestehen hatte, nie verließ ihn der Glaube und die Zuversicht zu sich selbst. Er würde auch hier in diese schauerliche Angelegenheit Licht bringen und seinem Hause die Ruhe und den Frieden wiedergeben. Er besaß Geld. Und Geld allein ist Macht. Alles, mit Ausnahme des Lebens, kann man dafür kaufen ... Des Lebens! ... Ein Schauer durchrann den Mann. Er sah sich nach Beistand um. Er dachte an Doktor Splittericht. Drüben bei dem Blumenparterre stand der alte Martin und folgte seinem Herrn mit den Augen. Der Konsul winkte ihn heran und schickte ihn aus, den Doktor-Kommissar zu suchen. Er selbst sah sich überall nach ihm um. Aber Splittericht hatte das Haus verlassen. Warum? Wohin? ... Von nirgends kam Antwort.
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