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Hannes Hofbauer

Feindbild Russland


© 2016 Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien

ISBN: 978-3-85371-833-9

(ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-85371-401-0)

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Über den Autor

Hannes Hofbauer, geboren 1955 in Wien, studierte Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien und arbeitet als Publizist und Verleger. Im Promedia Verlag sind von ihm zuletzt erschienen: Verordnete Wahrheit, bestrafte Gesinnung. Rechtsprechung als politisches Instrument (2011) und Die Diktatur des Kapitals. Souveränitätsverlust im postdemokratischen Zeitalter (2014).

Inhalt

Über den Autor

Vorwort

Russische Reichsbildung

Länder sammeln

Das Russlandbild im Westen

Überdehnte Expansion

»Kaiser aller Reußen/Russen«

Eurasisches Herzland

Napoleons großer Feldzug

Allianz gegen Russland: Vom Krimkrieg zum deutsch-russischen Zerwürfnis

Befreier oder Barbaren: Konträre Russenbilder im 19. Jahrhundert

Von den Liberalen gehasst, von den Reaktionären verehrt

Aufruf zum Krieg gegen die Barbaren

Im Krieg gegen Russland (1914–1945)

Von der britischen »Heartland«-Theorie zur deutschen Kriegserklärung

Die Ukraine zwischen den Fronten

Vom »Drang nach Osten« zum »Volk ohne Raum«

Deutsche Großraumpläne

Vom heißen zum Kalten Krieg (1945–1991)

Von Bretton Woods zum Containment

Schwierige Zeiten für US-Hegemonie: die 1970er Jahre

Amerikanische Mission unter antikommunistischer Flagge

Waffen in Stellung bringen

Moskau tappt in die Falle: Afghanistan

Keynesianismus auf Amerikanisch

Moskau bankrott

Auf die Knie! Die Ära Jelzin (1991–1999)

Das Ende der Sowjetunion

Von der IWF-gesteuerten Schocktherapie …

… zum militärischen Vormarsch der NATO

Jelzin’sche Nachwehen

Stabilisierung in Moskau (2000–2012)

Konsolidierung der Macht

Administrative Re-Zentralisierung

Ökonomische Integrationsversuche

Der starke Staat

Das Ende der Entspannung

Das georgische Abenteuer

Soft Power: das Konzept »Farbrevolution«

Den Anfang macht die Bundesrepublik

Zivilgesellschaftliches Intervenieren349

Das Geld kommt aus dem Westen

An Russlands Grenzen363

Wer revoltiert?

Proteste in Russland

Moskau ist gewarnt

Kampf um die Ukraine Die Europäische Union prescht vor: das Assoziierungsabkommen 2013389

Die Transformation des europäischen Ostens in den 1990er Jahren

Die »Ostpartnerschaft«

Zuckerbrot und Peitsche

Jazenjuk und Poroschenko unterschreiben

Vom Majdan zum Bürgerkrieg

Die Ukraine zerfällt – die Krim wird bzw. bleibt russisch

Massaker in Odessa und Repression in Kiew

Krieg im Donbass

Die Volksrepubliken

Aus Fronten werden Grenzen

Vom Einsatz gegen »Terroristen« zum Stellvertreterkrieg gegen Russland

Bringt Minsk II den Frieden?499

Wirtschaftlich am Ende

Sanktionsregime gegen Moskau

Prophylaxe gegen den Anschluss der Krim

Von Personensanktionen zum Wirtschaftskrieg

Olympia-Boykott

Mobbing und Russen-Bashing

Sanktions- und Embargofolgen für den Westen

Moskau reagiert

Die große Schlacht um Öl und Gas

Zäsuren westlicher Russophobie (ab 1999)

Gegen Putin, die Inkarnation des Bösen

Russland eindämmen

Medienmeute losgelassen

»Medizinische Diagnose« statt politischer Analyse

Feind-Freund-Wahrnehmung

Die Putin-Versteher

Russland-Deutung: national, etatistisch, eurasisch

Literaturverzeichnis

Bücher, Beiträge und Quellen (gedruckt)

Internet

Filme

Zeitschriften/Zeitungen/Agenturen

Gesprächspartner

Vorwort

Pünktlich zum Gedenkjahr an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges schwoll im Westen die lange vorhandene russophobe Grundstimmung zu manifestem Russenhass an. Ende 2013 eskalierte die Ukrainekrise, kurz darauf war zwischen Washington, Brüssel und Berlin die Feindortung erfolgt. Die trans­atlantische Gemeinschaft nahm Moskau ins Visier, erließ Einreiseverbote gegen Diplomaten, verhängte Sanktionen, sperrte Konten, schloss Russland aus Gremien aus, boykottierte politische, kulturelle und sportliche Groß­ereignisse und mobbte sogenannte »Russlandversteher« in den eigenen Reihen. Stellvertreterkriege in der Ukraine und in Syrien verfestigten das gegenseitige Misstrauen. Ein altes Feindbild war neu erstanden.

Feindbilder – das wissen wir bereits aus der Friedensforschung der späten 1960er Jahre1 – begleiten militärische Aggressionen oder gehen diesen voraus bzw. bereiten das Publikum an der Heimatfront auf entsprechende Maßnahmen vor. Sie sind Instrumente einer »psychischen Herrschaftssicherung zur Herstellung einer Massenloyalität«,2 wie es der Soziologe Hans Nicklas auf den Punkt bringt.

»Auf der Basis von Feindbildern«, so der Friedensforscher Dieter Senghaas, »läßt sich jegliche Verteidigungsmaßnahme potentiell rechtfertigen«. Ihre Propagierung bestimmt »das Spektrum möglicher Konflikterwartungen.«3 Was Senghaas im Kontext der NATO-Aufrüstungspolitik in Zeiten des Kalten Krieges analysiert, kann mühelos auf andersgeartete geopolitische Konfliktfelder übertragen werden. Die EU-Osterweiterung von NATO und Europäischer Union seit den 1990er Jahren stellt dafür ein beredtes Zeugnis aus. Solange diese in ihren Anfängen nicht auf Widerstand in Moskau stieß und in der Person des damaligen Präsidenten Boris Jelzin sogar einen indirekten Unterstützer fand, war vom »bösen Russen« im Westen nichts zu hören. Erst als sich das Land unter Wladimir Putin nach dem Jahr 2000 zu konsolidieren begann, schlug die westliche Freude über das Ende der kommunistischen Epoche in Skepsis um, der die Feindbildkonstruktion folgte.

Auch die Suche nach den historischen Wurzeln des scheinbar ewigen negativen Russlandbildes bestätigt den Zusammenhang zwischen geopolitischem Konflikt, hinter dem in aller Regel wirtschaftliche Interessen stehen, und der Herstellung eines Feindbildes. Das westliche Klischee vom »barbarischen, asiatischen Russen« taucht zum ersten Mal Ende des 15. Jahrhunderts beim Krakauer Philosophen Jan z Głogowa (Johannes von Glogau) auf, just in jenen Jahren, als der Deutsche Orden gegen den erstarkenden Moskauer Zaren Iwan III. Krieg führt.

Über 500 Jahre lang wechseln einander seither positive und negative Zuordnungen zu Russland und den Russen ab, wobei die negativen im Zeitenlauf deutlich überwiegen. Diese Tatsache hat mich auch dazu gebracht, das Buch »Feindbild Russland« zu nennen, wohl wissend, dass es Epochen gegeben hat, in denen dieses Bild nicht oder nur für einen Teil der Gesellschaften in Westeuropa Gültigkeit in Anspruch nehmen kann.

Zur Zeit der Drucklegung dieses Buches Anfang 2016 beherrscht die Lage im Nahen Osten die außenpolitische Diskussion. Ob das militärische Eingreifen Moskaus in den Konflikt seit Ende September 2015 die Kräfteverhältnisse wesentlich verschiebt, ist nicht absehbar, noch weniger eine ernst gemeinte Allianz für eine friedliche Lösung. Anstatt des Abbaus bestehender Feindbilder steht deren Multiplizierung an. Maßgebliche Stimmen wie jene von Papst Franziskus warnen bereits vor einem sich schleichend breitmachenden dritten Weltkrieg. Für das Verhältnis des Westens zu Russland stehen die Zeichen weiter auf Konfrontation.

Um ein Buch wie das vorliegende zu schreiben, bedarf es neben dem Studium möglichst mannigfaltiger Lektüre und dem Sammeln von Informationen aller Art vor allem auch ständiger Diskussionen mit Kennerinnen und Kennern historischer und aktueller Zusammenhänge. Stellvertretend für eine Vielzahl von Kol­legIn­nen und FreundIn­nen, die meine Arbeit auf solch diskursive Weise begleitet und damit erst möglich gemacht haben, möchte ich an dieser Stelle meiner Lebensgefährtin Andrea Komlosy danken. Ihre wirtschafts- und sozialhistorische Expertise ebenso wie die Aufmerksamkeit, mit der sie aktuelle Ereignisse verfolgt, sind in den Text eingegangen.

Hannes Hofbauer

Wien, im Februar 2016

1 Vgl. Dieter Senghaas, Aggressivität und Gewalt. Thesen zur Abschreckung. In: Herbert Marcuse u. a. (Hg.), Aggression und Anpassung in der Industriegesellschaft. Frankfurt/Main 1968, S. 128ff. Zit in: Imad Mustafa, Feindbild Islam. Die politische Instrumentierung »orientalischer Feindbilder« in den Medien, Frankfurt/Main 2008 (Magister­arbeit), S. 7

2 Hans Nicklas, Die politische Funktion von Feindbildern. Thesen zum subjektiven Faktor in der Politik. In: Gert Sommer/Johannes Becker (Hg.), Feindbilder im Dienste der Aufrüstung. Beiträge aus Psychologie und anderen Humanwissenschaften. Marburg 1992, S. 34. Zit. in: Mustafa 2008, S. 18

3 Dieter Senghaas, Zur Analyse von Drohpolitik in den Internationalen Beziehungen. In: ders. (Hg.), Rüstung und Militarismus. Frankfurt/Main 1972, S. 42

Russische Reichsbildung

Beginnen wir unseren historischen Rückblick mit dem Jahr 1480. Es steht für eine bedeutende Zäsur in der russischen Geschichte. Jahrhunderte waren vergangen, seitdem der schleichende Niedergang der Kiewer Rus zur Mitte des 11. Jahrhunderts die mittelalterliche Reichsbildung in Vergessenheit geraten ließ. Vom Glanz des einstigen Kiew mit seinen 100.000 Ein­wohnerIn­nen war schon lange vor der Ankunft der Mongolen nicht mehr viel übrig geblieben. Die Eroberung der alten Hauptstadt im Dezember 1240 durch die »Goldene Horde« gilt bis heute als russisches Trauma.

240 Jahre später schüttelte ein Regent aus dem Moskauer Zweig der Rurikiden-Familie die mongolisch-tatarische Oberherrschaft ab. Unter ihr hatte sich zwar eine gewisse politische Autonomie und religiöse Selbstverwaltung behaupten können, die Tributpflicht gegenüber dem Khanat blieb jedoch ökonomisch bestimmend. Unter Iwan III. fanden die Tributzahlungen an die Tataren, die sich zu Herrschaftsträgern4 der »Goldenen Horde« entwickelt hatten und in deren Fußstapfen getreten waren, im Jahr 1480 ein Ende. Dies war nicht zuletzt der Zersplitterung tatarischer Reiche in die Khanate Kasan, Astrachan und Krim geschuldet. Ihre Raubzüge und Sklavenjagden blieben indes für ein weiteres Jahrhundert eine bestimmende Konstante im Leben der Moskowiter. So überfielen noch im Mai 1571 Einheiten der Krimtataren Moskau und brannten es nieder. Die oberherrschaftliche Stellung der turksprachigen Tataren-Khane endete allerdings 1480.

Bereits einige Jahre vor dem Ende der Tributpflicht, die in der russischen Literatur als »Tatarenjoch« bezeichnet wird, sandte Iwan III. kräftige Zeichen einer Konsolidierung der slawisch-russischen Herrschaft an das eurasische Kernland. 1472, knapp zwei Jahrzehnte nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen (1453), ehelichte er die letzte byzantinische Prinzessin, Sophia Palaiologa, genannt Zoe. Durch diese Verbindung sah sich der russische Führer in den Rang eines byzantinischen »Selbstherrschers« gehoben, einen Titel, mit dem sich Iwan III. in die (ost)römisch-christliche Traditionslinie setzte. Wie der Kaiser im Westen Europas legte sich das russische Fürstengeschlecht einen Doppeladler als Wappentier zu und ließ sich mit »Großfürst und Zar«, der russischen Entsprechung von Cäsar, ansprechen.5 Es sollte noch weitere 100 Jahre dauern, bis mit der Einsetzung eines Moskauer Patriarchen im Jahre 1589 die politische und territoriale Konsolidierung Russlands auch kulturell und religiös ihre Entsprechung fand. Seit damals postuliert das Moskauer Patriarchat mit seiner Erhebung zum »Dritten Rom« einen christlich-universellen Herrschaftsanspruch. Die orthodoxe Mission kennt im Gegensatz zur weströmisch-katholischen nicht Feuer und Schwert, war also weniger gewalttätig.6 Sie beruhte im Kern auf wirtschaftlichem Druck. Religiöse Toleranz und die Kooptierung von nicht-russischen Eliten gehörten bis ins 18. Jahrhundert zur Herrschaftspraxis. Erst unter dem Einfluss des Westens kam es zu Zwangsmissionierungen von muslimischen Tataren an der Wolga und von »heidnischen Völkern« in Sibirien.7 Sie verliefen allerdings weit weniger aggressiv als in den Amerikas.8 Vertreibungen von Andersgläubigen fanden kaum statt, was auch einen ökonomischen Sinn hatte. Dem orthodoxen Herrscher waren Steuer- und Tributleistungen der Untertanen wichtiger als ethnische oder religiöse Homogenität.

Länder sammeln

Das legendäre »Sammeln der russischen Erde«, wie es in jeder Historiografie Russlands ausführlich dargestellt ist, kann in erster Linie als Machtkampf des Moskauer Fürsten und Zaren um die Ausschaltung herrschaftlicher Konkurrenten interpretiert werden. Die ganzen 1470er Jahre hindurch benötigte Iwan III., um die im russischen Nordwesten bestehenden autonomen slawischen Fürstentümer unter Moskauer Kontrolle zu bringen. Jaroslawl, Rostow Weliki, Wladimir sowie die lange Zeit bedeutende, selbstständig agierende Stadtrepublik Nowgorod wurden gewaltsam annektiert und dem Moskauer Reich eingegliedert. Die Einnahme Twers gelang parallel zur Überwindung der mongolisch-tatarischen Oberhoheit im Jahre 1478. Der Aufstieg Moskaus zum Zentrum der russischen Welt war damit historisch besiegelt.

Gegen Ende seiner Regentschaft setzte Iwan III. das Ländersammeln im Nordwesten fort, indem er militärische Konflikte mit dem polnischen-litauischen Nachbarn eskalieren ließ. Die unter litauischer Heerführung kämpfende Allianz aus livländischer Konföderation und Deutschem Orden, Teilen der mongolischen Streitkräfte und Khan Achmat erlitt 1503 eine schwere Niederlage.9 Weite weißrussische Gebiete fielen daraufhin der Moskauer Kontrolle anheim. Kurz darauf erfolgte die Eingliederung Pskows und Rjasans in den Moskauer Staat unter dem Sohn Iwan des III., Wassili III., in den Jahren 1510 bis 1521. Eine Generation später saß Wassilis Sohn Iwan IV., genannt Grosny, der Schreckliche, auf dem Zarenthron. Seine Expansionsstrategie ließ er im Inneren von einem repressiven Regime begleiten, für das er eine eigene Verwaltungseinheit schuf, die Opritschnina.10 De facto war dies eine dem Zaren hörige Truppe von 5000 kampfbereiten Gardisten. Sie trugen schwarze Kleider und führten einen Hundekopf mit sich, der den »Feinden des Zaren« (den Hunden) zeigen sollte, wie sie mit ihnen umzugehen beabsichtigten. Die ordensmäßig organisierte Opritschnina wütete in weiten, aber genau abgegrenzten Teilen des Landes. Ihre Mitglieder gingen insbesondere gegen die Häupter jener Bojarenfamilien vor, die der Zar des Verrats im Krieg gegen die Livländer bezichtigte. An die Stelle der geschwächten Bojaren setzte Iwan IV. einen willigen Dienstadel, gut entlohnte Staatsbeamte. Und ganz nebenbei presste die Opritschnina noch aus dem Volk heraus, was die vergleichsweise selbstverwalteten Bauerngemeinden (mir) dem Zaren nicht zu geben bereit waren. Die Schreckensherrschaft im Inneren gegen Adel und Volk nutzte Iwan IV. für seine Erweiterungspläne im Nordwesten wie im Osten. Noch zur Herrschaftszeit Grosnys kamen die Wolga, Astrachan und die fruchtbaren Schwarzerde-Böden unter die Fittiche Moskaus. Ende des 16. Jahrhunderts stand das Tor zur Kolonisierung Sibiriens offen.

Zu dieser Zeit lebten fast 7 Mio. Menschen unter dem russischen Doppeladler im Einflussbereich des Moskauer Zaren; über 90% von ihnen von der Landwirtschaft.

Das Russlandbild im Westen

Feindschaft erzeugt Feindbilder. Mit dieser ebenso einfachen wie historisch unstrittigen Tatsache erklärt sich bereits der Kern jenes Russland und die Russen diffamierenden Bildes, das während des 16. Jahrhunderts im Westen Europas vorherrschte. Zwischen 1492 und 1582 führten Moskau und Polen-Litauen bzw. das bis 1561 unter Deutscher Ordensherrschaft stehende Livland insgesamt sechs Kriege gegeneinander. Während der Hälfte dieser Zeit (von 1492–1494, 1500–1503, 1507–1508, 1512–1522, 1534–1537 und 1558–1582) sprachen die Waffen. Dementsprechend gestaltete sich die Wahrnehmung des Feindes. Das im Westen des Kontinents verbreitete Bild vom »asiatischen, barbarischen Russland« ist in dieser Epoche grundgelegt. Und es waren vor allem polnische Intellektuelle, die es verbreiteten und ideologisierten. Der Krakauer Philosoph und Mathematiker Jan z Głogowa (Johannes von Glogau) ergänzte im Jahre 1494 eine kosmografische Ausgabe des klassischen Ptolomaios-Atlas und bezeichnete darin Moskau als »asiatisches Sarmatien«.11 Der Zeitpunkt dieser mutmaßlich ersten Orientalisierung Russlands in der europäischen Geistesgeschichte ist bemerkenswert. Johannes von Glogau reagierte mit der Zuordnung Moskaus als »asiatisch« auf den ersten Krieg der polnisch-litauischen Union gegen Iwan III. Die militärische Auseinandersetzung zweier in der Folge sich gegenseitig als »natürliche Feinde« betrachtenden Reiche und Fürstenhäuser lag somit am Ursprung der Entstehung eines Vorurteils, das über die folgenden 500 Jahre immer wieder die Wahrnehmung Russlands im Westen Europas geprägt hat. Und »asiatisch« war schon damals abwertend gemeint, obwohl die Herkunft des Wortes (asu) auf das Assyrische zurückgeht und keinerlei negative Konnotation aufweist. Im Gegenteil: dort bedeutet es nichts anderes als »hell« bzw. beschreibt den Ort, wo, vom Zentrum des assyrischen Reiches im mesopotamischen Zweistromland des Euphrat und Tigris aus betrachtet, die Sonne aufgeht. Dem entgegen steht im Assyrischen das Wort erp, was so viel wie »dunkel, finster, düster« heißt – dort, wo die Sonne untergeht.12 In den Begriffen »Morgenland« und »Abendland« spiegelt sich noch dieselbe Herkunft. Im später über die griechische Mythologie verbreiteten »Europa« dürfte der assyrische Wortstamm erp stecken.

Den Siegeszug der Zuordnung des Asiatischen als barbarisch und fremd konnte die Etymologie des Begriffes nicht aufhalten. Er orientierte sich am damaligen militärischen Feindbild. Und den Feind galt es nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch philosophisch und geistig zu bekämpfen. Ein wesentlicher Kampfplatz dafür war die Kirchenkanzel, denn parallel zur Asiatisierung Russlands und der Russen wurde das sich konsolidierende Moskau von seinen Gegnern als Hort des Antichristen definiert. Die meisten westeuropäischen Autoren des 16. Jahrhunderts sahen die östlich von Polen-Litauen siedelnden Slawen als außerhalb des »orbis christianus« – des christlichen Erdkreises – lebende Menschen. Ihnen galten Polen-Litauen und Livland als Bollwerke der Christenheit.13

Es war nicht die Geografie, die Russland außerhalb Europas imaginierte, denn die meisten diesbezüglichen Gelehrten folgten seit der Neuzeit der antiken Tradition, nach der die Grenze zwischen Europa und Asien am Don bzw. am Asowschen Meer verlief; Moskau lag ohne Zweifel im »europäischen Sarmatien«; erst mit der Einnahme des Khanats Astrachan im Jahre 1556 griff das Moskauer Zarenreich auch auf asiatische Gebiete über.14 Das Bild vom »asiatischen Russland« entstand infolge politischer Interessen. Es war eine polnische Erfindung, die dazu diente, den »Erzfeind des Jagiellonenstaates gleichsam als ein ›Reich des Bösen‹ hinzustellen.«15 Die Krakauer Universität als führende Lehrstätte jener Tage produzierte die im Kampf gegen Moskau benötigte Ideologie. Als intellektuelle Drehscheibe strahlte sie auch in den deutschen Sprachraum aus; gerade die Vorlesungen des Johannes von Glogau waren stark von deutschen Studenten besucht. Eine später erstellte Studie listet für die Jahre 1460 bis 1520 fast 60 deutsche Gelehrte auf, die an der Universität Krakau ihre Ausbildung erhalten hatten.16 Sie trugen das negative Russlandbild in den Westen des Kontinents. Eigene, in sogenannten Felddruckereien hergestellte Flugschriften verbreiteten während der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts antirussische Propaganda in mehreren Sprachen.17 Polnische Autoren gaben die Linie vor.

Als ideales Instrument der Feindbildkonstruktion diente die Religion. Seit dem großen Schisma von 1054 galten die oströmisch Betenden den Päpsten in Rom als Schismatiker. Die russisch-orthodoxe Kirche bildete dabei keine Ausnahme. Im Gegenteil: Jenseits der sogenannten »Vormauer der Christenheit« – antemurale christianitatis18 –, deren Verteidigung sowohl das polnische Königreich als auch die ungarischen Herrscher für sich in Anspruch nahmen, anerkannte die katholische Kirchenlehre keine christliche Gemeinschaft. Die orthodoxen Metropolien und erst recht das Patriarchat des »Dritten Rom«, Moskau, galten als Horte der Abtrünnigen. So entwarf der einflussreiche Gelehrte und Rektor der Krakauer Universität, Johannes Sacranus, im Jahr 1500 in seiner Schrift Elucidarius errorum ritus Ruthenici die Vorstellung, bei den Russen handle es sich um ein »Ketzervolk mit Verbindungen zu den Türken«.19 Schlimmer hätte man ein west­römi­sches Feindbild in jenen Zeiten nicht zeichnen können.

Anfang des 16. Jahrhunderts hielt der osmanische Vormarsch die abendländischen Herrscherhäuser in Atem. 1517 eroberte Sultan Selim I. Palästina, 1526 rissen die Türken dann die »Vormauer der Christenheit« im ungarischen Mohács nieder, 1529 standen sie vor Wien. Der katholischen Propaganda waren Türken und Russen gleichermaßen hassenswert. Dies kam an prominenter Stelle zum Ausdruck, als im Jahr 1518 während des Reichstages zu Augsburg Erasmus Ciołek, der Bischof von Płock, eine Brandrede gegen die »Moskowier« hielt. Niemand geringerer als der polnische König Sigismund I. übertrug dem Bischof von Płock das Wort. Und dieser griff vor versammeltem Reichstag den Moskauer Zaren frontal an, indem er ihn mit der türkischen Bedrohung auf eine Stufe stellte: »Es existiert noch ein zweiter, nicht geringerer Feind, der in Richtung auf das feste Siebengestirn diesseits des Eismeeres verharrt, der Herzog von Roxolanen, den wir den Moskowier nennen; dieser ist für ödes Heidentum und fluchwürdiges Schisma berüchtigt. Tagtäglich bedrängt er überdies einen Teil des Reiches, nämlich die Provinz der Litauer, durch große Kriegsleidenschaft.«20 460 Jahre später war es der höchste Repräsentant der katholischen Kirche, Papst Johannes Paul II. – auch er polnischer Abstammung –, der am Katholikentag in Wien die Verbindung von Türken- und Russengefahr herstellte. In seiner Rede am 10. September 1983 erinnerte er an den 300. Jahrestag der Türkenbelagerung und warnte zugleich vor der neuen Gefahr aus dem Osten: dem russischen Kommunismus.

Zurück ins 16. Jahrhundert. Der Reichstag war die höchstrangige politische Veranstaltung des Heiligen Römischen Reiches, die man sich vorstellen konnte, eine dortige Feindnennung entsprechend bedeutsam. Das Bild vom barbarischen und unchristlichen Russen hat sich im 16. Jahrhundert weit über das Heilige Römische Reich hinaus bis nach England21 festgesetzt und kreierte dort sogar eine Theatermode unter dem Kürzel »Moscovite monsters«. Seit damals fräste es sich – wie auch jenes des muslimischen Türken als Feind der Christenheit – in das historische Gedächtnis Westeuropas ein.

Überdehnte Expansion

Im Krieg um Livland, eine päpstliche Bastion an der Ostsee, die dem Deutschen Orden als Kolonie anvertraut worden war und das auf dem Gebiet des heutigen Estland und Lettland liegt, erschöpften sich die Heere Moskaus. 25 Jahre lang, von 1558 bis 1582, führte Iwan IV. seine Soldaten in Richtung Nordwesten. Um die Skepsis der Bojaren und Adeligen gegenüber diesem Waffengang zu brechen, errichtete er ein wahrhaftes Terrorregime im Inneren und zog den Krieg in die Länge. Am Ende lag die Wirtschaft danieder, ganze Landstriche waren verwüstet, die Bevölkerung von Hunger und Krankheiten dezimiert. Die soziale und wirtschaftliche Misere spiegelte sich in der politischen Schwäche des Zarenthrons. Anstatt neue Gebiete zu erobern, verlor Russland den Zugang zur Ostsee, und die Newa mündete nicht mehr auf russischem Gebiet ins Meer. Nach 1561 übernahmen Polen und Schweden die Herrschaft in Livland. Historiker nennen die Jahrzehnte nach dem Tod Iwan IV. die »Zeit der Wirren«.22 Herrschaftsgeschichtlich ist damit jene relativ führungslose Epoche zwischen dem Aussterben der Rurikiden 1598 und der ersten Thronbesteigung eines Romanow 1613 gemeint. Es war auch die Zeit, in der polnische Truppen bis Moskau vordrangen und kurzfristig den Kreml und Kitaj-Gorod einnahmen.23

Die Wahl des damals erst 16jährigen Michail Romanow zum Zaren auf der Moskauer Versammlung der Adeligen, dem sogenannten Sobor, zeugt von der Schwäche der Zentralmacht. Michail, der in jenen kalten Januartagen des Jahres 1613 auf den russischen Herrscherthron gehievt wurde, entstammte einer vergleichsweise unbedeutenden Bojarenfamilie; der Sobor war überzeugt davon, mit seiner Wahl die Position des Zaren im eigenen Interesse lokaler Adelsfamilien und Städte schwach halten zu können. Die Geschichte sollte jedoch zeigen, dass der Bojarensprössling eine dreihundertjährige Herrscherfamilie begründete, die erst von den Räten der Oktoberrevolution 1917 beendet werden konnte.

Anfang des 17. Jahrhunderts sah sich das gerade erst einmal 100 Jahre alte Zarentum mit widerstreitenden Machtansprüchen konfrontiert. Auf dem Boden der heutigen Ukraine bedrohten Kirche auf der einen und Kosaken auf der anderen Seite die Ansprüche Moskaus.

Im damals unter polnisch-litauischer Verwaltung stehenden, heute weißrussischen Brest gelang dem römischen Papst ein genialer Schachzug, als er 1596 die Union von Brest verkündete, die Katholisierung der orthodoxen Kirche im litauisch-polnischen Herrschaftsgebiet. Diese kirchenpolitische Anbindung an den Westen war die Grundlage für die Herausbildung einer entsprechenden Orientierung ukrainischer Christen in Abgrenzung zu ihren orthodoxen Glaubensbrüdern, die östlich des polnischen Herrschaftsgebietes unter dem Moskauer Patriarchat lebten. Damit war die ukrainische Christenheit in eine west-unierte und eine russisch-orthodoxe Gemeinde gespalten.24

Mit der Anerkennung des Papstes als oberstem und einzigem Vertreter Gottes auf Erden und Roms als Zentrum der Christenheit begab sich die unierte Kirchenhierarchie – trotz starkem Widerstand vor allem der Lemberger orthodoxen Bruderschaft25 – unter die weströmische Logik und Herrschaft. Die Beibehaltung orthodoxer liturgischer Besonderheiten konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Jahr 1596 die wichtigste Zäsur in der Kirchengeschichte seit dem großen Schisma 1054 symbolisiert. Rom konnte mit der Union von Brest im Kampf mit Moskau um die slawisch-orthodoxen Seelen seinen Einfluss erweitern und auch geopolitisch einen Markstein setzen, den in späteren Jahrhunderten die Habsburger in Galizien zu nutzen wussten. Wer erlebt hat, mit welcher Verbitterung, ja mit welchem Hass 400 Jahre später die Nachfahren der in sowjetischen Zeiten verbannten und verbotenen unierten griechisch-katholischen Popen Anfang der 1990er Jahre um orthodoxe Gotteshäuser kämpften, der erahnt die historische Bedeutung des weströmischen Ausgriffs nach Osten. Im Kapitel über die Ukraine wird uns die Aktualität dieses Themas begegnen.

Zurück zur Union von Brest, dem Ausgangspunkt einer ersten Verwestlichung ostslawischer Siedlungsgebiete: Es dauerte nicht lange, bis als Reaktion darauf erste Stimmen in Westeuropa laut wurden, die auch das Bild von Russland als Hort des Antichristen in Frage zu stellen begannen. Wenn sich Kleinrussen (Ukrainer) in Richtung Rom bekehren lassen, so lautete das Motto, kann man auch Russen nicht pauschal den Vorwurf machen, schismatisch zu sein und sie aus dem System der Christenheit ausschließen. Ein eindrückliches Zeugnis eines solchen, nach der Union von Brest nun positiv gewendeten Russlandbildes liefert ein französischer Militär, der 1607 aus Russland heimkehrt. Jacques Margeret, der sein Traktat über den Aufenthalt in Moskau König Heinrich dem IV. von Frankreich widmet, notiert darin: »Russland ist einer der besten Wegbegleiter der Christenheit« und sein Zar »gut gegen die Skythen und andere Mohammedaner« gerüstet.26 Die westeuropäische Wahrnehmung Russlands beginnt sich im 17. Jahrhundert zu ändern; die Hinwendung der west-ukrainischen Kirche nach Rom spielte dabei eine wichtige Rolle. Genauso wesentlich für den Meinungsumschwung waren schwankende Allianzen westlicher Mächte gegen die Türken. Im Abwehrkampf gegen die Hohe Pforte in Konstantinopel brauchte man die Russen fallweise als Verbündete.27

Während Moskau durch die Katholisierungsbemühungen im Westen seines Herrschaftsbereiches unter Druck geriet, waren es im Süden die Kosaken, die für das Zarenreich eine Herausforderung darstellten. Auch diese Auseinandersetzung spielte sich auf dem Territorium der heutigen Ukraine ab. Kosake bezeichnete einen Grenzer, der im Gebiet zwischen dem Einflussbereich Moskaus und den tatarischen, häufig nomadisierenden Muslimen lebte und keiner adeligen Herrschaft zu Abgaben oder Fron verpflichtet war.28 Kosaken waren leicht bewaffnet, oft als Händler unterwegs oder ernährten sich von Fischfang an den Ufern des Dnepr. Im 16. und 17. Jahrhundert bildeten sie stabile Gemeinschaften, die sich selbst verwalteten. Entlang ihres Herrschaftsgebiets entstanden befestigte Burgen (samok) und Forts (gorodok). Die größte und langlebigste dieser Kosakenfestungen hielt sich an den Stromschnellen des Dnepr nahe der heutigen Stadt Saporoschschje/Saporischschja. Die sogenannte »Saporoschschjer Sitsch«, was so viel wie »der Ort hinter den Stromschnellen, an dem die Bäume gefällt wurden« heißt,29 ist die historisch am besten dokumentierte Kosakensiedlung, die auf der Insel Chortyzja mitten im Dnepr liegt. Ein von allen wehrfähigen Männern gewählter Hetman führte das Gemeinwesen, das durch die natürlichen Gegebenheiten des breiten, mäandernden und von Stromschnellen durchzogenen Flussbettes gegen äußere Feinde geschützt war. Die heute musealisierte und touristisch genützte, in den Löß der Dnepr-Böschung gehauene Festung bietet interessierten Zu­sehern Reiterspektakel aller Art und dient politisch dem neu erwachten ukrainischen Nationalgefühl. Eine aufwendig gestaltete Ausstellung stellt die Saporoschschjer Kosaken des 17. Jahrhunderts als Vorläufer einer modernen ukrainischen Staatlichkeit dar, die schon vor 350 Jahren eine politische Eigenständigkeit behauptete. Die Dnepr-Kosaken zur Mitte des 17. Jahrhunderts kämpften gleichermaßen gegen die polnische Adelsrepublik – die sogenannte Rzeczpospolita – und den Moskauer Zaren. Den polnischen Magnaten waren sie verhasst, weil massenhaft vor Repressionen flüchtende Bauern in den Kosaken­heeren Unterschlupf fanden und sich diese dann in zahllosen Aufständen gegen Polen wandten. Die Kosaken behaupteten gegenüber den polnischen Landesherren ihre Unabhängigkeit. Gleichwohl zogen sie fallweise auch im Verbund mit polnischen Adeligen gegen Osmanen und Russen. Ihr berühmtester Hetman, Bohdan Chmelnyzkyj, zerschlug 1648 das polnische Kronheer und führte einen allgemeinen ukrainischen Aufstand gegen Polen, Juden und Jesuiten.30 Daraus entstand im Osten der heutigen Ukraine eine von Warschau und Moskau sowie auch vom Krim­khanat unabhängige Kosakenrepublik. Nach kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Polen, Russland und Schweden, die um Gebiete der heutigen Ukraine geführt wurden, bildete der Fluss Dnepr ab den 1670er Jahren die Grenze zu Russland, wobei bemerkenswerter Weise auch das rechts­ufrige Kiew unter Moskauer Verwaltung kam. Im Vertrag von Andrussowo aus dem Jahr 1667 schlossen Moskau und Polen-Litauen einen Waffenstillstand, der auf mittlere Sicht das Ende der polnisch-litauischen Vorherrschaft im osteuropäischen Raum bedeutete und Russland Gebietsgewinne zusprach. Im »Ewigen Frieden« von 1686 fand die Jahrhunderte lange Feindschaft zwischen Russland und Polen (vorläufig) ihr Ende.

»Kaiser aller Reußen/Russen«

Mit Beginn des 18. Jahrhunderts wird Russland zu einem globalen Spieler in Europa. Im Norden schlagen zaristische Verbände nach jahrelangen, verlustreichen Schlachten die Armee des Schwedenkönigs Karl XII. aus dem Feld (1709); und im Süden beginnen die großen russisch-türkischen Kriege um das Erbe des schwächelnden Osmanischen Reiches. Die Eroberung der türkischen Festung Asow an der Mündung des Don im Jahr 1696 stellt insofern eine historische Zäsur dar, als Russland damit erstmals – wenn auch vorläufig nur für 15 Jahre – einen Zugang zum Schwarzen Meer erhält. Ein jahrzehntelanges Ringen um den Ausbruch aus dem Binnenlandcharakter Russlands in Richtung Süden war damit eröffnet.

Im Norden stellt sich die Lage geopolitisch betrachtet ähnlich dar. Auch hier geht es um den Zugang zur Welt und ihren Märkten über das Meer. Mit dem Sieg in der Schlacht von Połtawa Ende 1709 gegen die technisch überlegenen, aber an Soldaten quantitativ unterlegenen Schweden festigt Russland seinen Zugang zur Ostsee, den es wenige Jahre zuvor mit der Eroberung der schwedischen Festung Nyenschanz, an der unteren Newa gelegen, erreichen konnte. Hier an der Newa-Mündung legt Zar Peter I. ab 1703 die Grundsteine für Sankt-Peterburg, das 1712 zur Haupt- und Residenzstadt des Russischen Reiches wird.

Der schon im zarten Alter von zehn Jahren als Zar titulierte Peter war jahrelang von seiner Halbschwester Sofija und seiner Mutter Natalja in Regierungs­geschäften begleitet worden, bis er 1694 die Alleinherrschaft antrat. Er war der erste russische Herrscher, der in den Jahren 1697 bis 1698 nach Westeuropa reiste. Mit einer Delegation von fast 300 Begleitern machte er sich für 18 Monate auf eine der seltsamsten Reisen der Weltgeschichte. Zar Peter lernte Artillerietechnik in Königsberg, besuchte Werften in Amsterdam und Eisen­produk­tions­stätten in England, traf den brandenburgischen Kurfürsten Friedrich II. (der als Friedrich I. zum Preußenkönig wurde) in Berlin und schmiedete mit dem sächsischen Kurfürsten August dem Starken Pläne gegen Schweden, die kurz darauf in die Tat umgesetzt wurden. Seine Eindrücke von auf Pfählen errichteten holländischen Städten inspirierten ihn später angesichts der Sumpflandschaft des Newa-Deltas beim Bau von Russlands »Tor zum Westen«.

Peters Politik der Verwestlichung Russlands umfasste alle Bereiche. Und sie war gewalttätig. Den Auftakt machte eine öffentliche Hinrichtungsorgie von 1182 Palastgardisten, sogenannten Strelizen,31 einer Einheit, die seit den 1550er Jahren exekutive Funktionen wahrgenommen hatte. Der als begeisterter Handwerker bekannte Zar war sich nicht zu schade, bei den Hinrichtungen selbst Hand anzulegen. Mit Kleidervorschriften und Bart­erlass erzwang er die Durchsetzung westeuropäischer Modevorschriften in den Städten. Und für den Aufbau seiner neuen Hauptstadt an der Newa-Mündung musste das Volk bluten. Erstmals in der russischen Geschichte wurde eine Kopfsteuer erlassen, die Bauern und Knechte zu »Steuerseelen« machte, womit sie alle Rechte verloren. Das traditionelle russische Recht, nach dem Bauern ihren Gutsherren wechseln und von dessen Hof abziehen durften – so sehr dies auch fallweise durch sogenannte »Verbotsjahre« eingeschränkt wurde –, war schon mit dem Gesetzbuch von 1649 aufgehoben worden. Seit damals ist der russische Bauer an die Scholle gebunden und kann mit dem Land verkauft werden, er ist leibeigen. Peter I. verschärft nun mit der Einführung der Kopfsteuer diese Praxis, indem er alle unfreien Knechte und noch freien Bauern zu »Steuerseelen« erklärt. Als solche sind sie nicht mehr an die Scholle – also den Ort –, sondern an den Gutsherren direkt gebunden. Das heißt, Grundbesitz ist gar nicht mehr notwendig, um »Steuerseelen« sein eigen zu nennen, was Kaufleute animieren sollte, Manufaktur- Produktionsstätten zu gründen, auf denen dann Leibeigene (auch fern der Landwirtschaft) tätig waren.

Doch mit der Kopfsteuer allein war es für den Zaren nicht getan. Die neue Hauptstadt Sankt-Peter­burg erforderte mehr; der Aufbau einer russischen Flotte, die dereinst Wache am Schwarzen Meer und an der Ostsee schieben sollte, musste bezahlt werden. Dafür wurde u. a. eine eigene Galeerensteuer aufgelegt, die Gutsherren zu vermehrten Abgaben verpflichtete. Und diese gaben den Druck nach unten weiter.

Politisch spiegelte sich die neue Ordnung von Peter I. im Aufbau einer strengen Zentralisierung der Macht wider. Auch dabei folgte er dem westeuropäischen Vorbild, wo das absolutistische Zeitalter im 17. Jahrhundert Einzug hielt. Ziel war die Etablierung einer unbeschränkten Staatsgewalt und die Zurückdrängung des adeligen, ständischen und kirchlichen Einflusses. Um zu dieser damals als modern eingestuften Staatlichkeit zu kommen, schaffte Peter I. die Duma der Bojaren, die seit dem 11. Jahrhundert als beratendes Gremium dem Moskauer Großfürsten bzw. Zaren zur Seite gestanden war, im Jahr 1711 ab. Auch schwächte der Imperator die orthodoxe Kirche, indem er 1721 das Amt des Patriarchen schließen ließ und stattdessen einen Synod als Kirchenbehörde einsetzte, der in die staatliche Verwaltung eingegliedert wurde und dessen Prokurator er selbst ernannte. Im selben Jahr 1721 nahm der mittlerweile 49jährige Romanow den Titel »Imperator und Selbstherrscher« an und ließ sich als »Kaiser aller Russen – von Moskau, Kiew, Nowgorod, Wladimir, Kasan und Astrachan« huldigen. Die russische Reichsbildung – nun »Rossija« statt dem bis dahin gebräuchlichen »Rus« oder »Moskowien« – war auf ihrem ersten Höhepunkt angelangt.

Im Westen war man von dem »modernen« Zaren an der Newa, der streng genommen nun den Titel »Imperator« trug, anfangs begeistert. Seine Europa-Euphorie und die zur Schau gestellte Lernbegierde auf seiner »großen Gesandtschaft« in den Jahren 1697 und 1698 schmeichelten vor allem den deutschen Fürsten und Meinungsträgern. Die harte Hand gegen den aufmüpfigen Adel und die Einführung einer zentralen Steuergesetzgebung entsprachen der auch im Westen üblichen absolutistischen Staatsform. Die Modernität jener Epoche spiegelte sich in der Selbstherrschaft des Monarchen.

Der entscheidende Punkt für das in Westeuropa weit verbreitete positive Russland-Bild zu Ende des 17. Jahrhunderts lag jedoch weniger in der Bewunderung der petrinischen Reformen und der Europa-Liebe des Herrschers begründet, sondern basierte schlicht auf einer – relativ kurzfristigen – militärischen Allianz. Russland stand im Krieg gegen die Osmanen auf der Seite des Heiligen Römischen Reiches. Mit der sogenannten Zweiten Türken­belagerung Wiens im Jahr 1683 hatte der osmanische Vormarsch nach Westen einen neuen Höhepunkt erreicht. Ihn zurückzuschlagen galt als oberste Christenpflicht. Das russische Zarenreich wiederum stand an anderer Front, im Süden, gegen die Osmanen. Es ging um den Zugang zum Schwarzen Meer und die Befreiung von der Last ständiger Tataren-Einfälle. Diese nahmen seit Jahrhunderten ihren Ausgang vom Khanat der Krim, das in engem Bündnis mit der Hohen Pforte stand. Die Militärallianz des Russischen Imperiums mit dem Heiligen Römischen Reich entsprang dem gemeinsamen geopolitischen Interesse, die Osmanen zurückzudrängen.

In dieser historischen Situation am Ende des 17. Jahrhunderts erreichte die Russophilie im Westen einen Höhepunkt, der Zar erschien vielen als Retter der Christenheit und Freund der Moderne. »Ich sehe gar nicht, wie ein großer Fürst einen schöneren Plan machen kann als den, seine Staaten blühend zu machen und die Pflanzung, die ihm Gott anvertraut hat, zur Vollkommenheit zu entwickeln,« schmiert der große deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz dem Herrscher in Sankt-Peter­burg Honig ums Maul. Und weiter: »Der Große Zar der Russen zeigt eine außerordentliche Höhe seines Genies und seines Heldenmutes nicht nur in den Angelegenheiten des Krieges, sondern auch in der Regierung, indem er Pläne faßt und ausführt, an die keiner seiner Vorfahren mit Erfolg zu denken gewagt hat.« Des Weiteren rühmt Leibniz in seinem 1697 an Peter den Großen verfassten Brief die Kraft, die der Zar »gegen den gemeinsamen Feind« (die Osmanen, d. A.) aufwendet und vermerkt, wie wichtig die von den Russen mit der siegreichen Schlacht um die an der Mündung des Don gelegenen Festung Asow eröffnete zweite Front im Osten für das Überleben der Christenheit ist. In den Worten Leibniz’ liest sich das folgendermaßen: »Das ist umso beachtenswerter, als die Not drängend ist und man Anlass hat zu glauben, dass ohne diese Ablenkung unsere Angelegenheiten in Ungarn eine schlechte Wendung genommen hätten.«32 Mit »Ablenkung« ist wohl der russische Sieg über die Osmanen am Don gemeint, während die »Angelegenheiten in Ungarn« das Zurückschlagen der Türken nach ihrer gescheiterten Offensive vor Wien anspricht.

Das positive Russlandbild im Westen verblasste nach dem Friedensschluss von Karlowitz 1699 schnell. Dieser beendete zwar den Krieg, fand jedoch keine Antwort auf die drängende Frage Russlands nach Zugang zum Schwarzen Meer. Schon 1711 eroberten die Osmanen die Festung Asow zurück und ab 1721 tobten insgesamt elf russisch-türkische Kriege um Land und Meeres­zugang sowie die Schutzmachtfunktion über die orthodoxen Christen unter dem Halbmond. Erst 100 Jahre nach Karlowitz war die Krim russisch. Im Jahr 1783 gehörte das Khanat der Vergangenheit an und Russland verfügte über einen strategischen Hafen am Schwarzen Meer.

Eurasisches Herzland

Die Konsolidierung zaristischer Macht verband sich das gesamte 18. Jahrhundert hindurch mit Gebietserweiterungen. Die geopolitischen Konkurrenten im Konzert der europäischen Reiche waren alarmiert.

Eine Prinzessin aus dem deutschen Adelsgeschlecht Anhalt-Zerbst stand wie keine andere für das Vorrücken Russlands. Nach der Ermordung ihres Gatten bestieg sie als Katharina II. – von der Nachwelt »die Große« genannt – 1762 den Zarenthron in Vertretung ihres damals achtjährigen Sohnes. Für 35 Jahre sollte sie das Zepter bis zu ihrem Tod im Jahr 1796 nicht mehr aus der Hand geben.

Auf das von inneren Querelen geschwächte Polen, in dem verschiedene Adelsgeschlechter sich Jahrzehnte lang gegenseitig und damit auch die Reichstage (Sejm) blockierten, übten Katharina II. und ihr preußisches Gegenüber Friedrich II. gehörigen politischen Druck aus. Dort in Warschau hatte die katholische Gegenreformation bereits früher sämtlichen Nichtkatholiken, insbesondere Protestanten im Norden und Orthodoxen im Osten und Südosten, ihre religiösen und politischen Rechte aberkannt, was Berlin und Sankt-Peter­burg, die sich als unausgesprochene Schutzmächte der Diskriminierten verstanden, gehörig empörte. Versuche, in dieser Frage zu einer Einigung zu kommen, scheiterten auch daran, dass der einstige Günstling und Geliebte Katharinas und spätere polnische König, Stanisław Poniatowski, sich von seiner Förderin abwandte. Mit einem Truppeneinmarsch im Jahr 1766 wollte Russland den religiösen und politischen »Dissidenten«, wie die Nichtkatholiken genannt wurden, zu Hilfe kommen.33 Dies war zugleich der Anfang vom Ende der polnischen Staatlichkeit. Die Teilung des Landes geschah auf Vorschlag Friedrich II. Russland, Preußen und Österreich bedienten sich in den Jahren 1772, 1795 und 1795, wobei der größte Teil Polens mit fast zwei Dritteln der Landmasse und der Hälfte der Bevölkerung an Russland fiel. Nach der dritten polnischen Teilung grenzte das Zarenreich direkt an Preußen und Österreich.

Die Expansion im Osten und Süden schritt zeitgleich und mit ebensolchem Tempo voran. Hier war es das im schleichenden, aber konstanten Rückzug aus Europa befindliche Osmanische Reich, das sich russischen Eroberungsplänen gegenübersah. Katharina II. hatte für diesen Vormarsch, gemeinsam mit einem ihrer Höflinge, Grigori Potjomkin, ein großes Dessin entworfen. Der als »Griechisches Projekt«in die Geschichtswissenschaft eingegangene Plan sah die Schaffung eines orthodoxen Reiches vor, das von der Tundra und den Steppen Eurasiens bis zum Schwarzen Meer und nach Konstantinopel ans östliche Mittelmeer reichen sollte.34 In dieser Dimension blieb das »Griechische Projekt« ein Wunschbild russisch-weltherrschaftlicher Pläne; mehrere Kriege gegen die Türken fügten dem Zarenreich jedoch Mosaikstein für Mosaikstein neue Gebiete hinzu. Die nördliche Bergkette des Kaukasus wurde 1763 eingenommen, im Frieden von Küçük Kaynarca 1774 erhielt das Russische Reich von der Hohen Pforte über die Flussmündungen von Dnepr und Don Zugang zum Schwarzen Meer. Das letzte Khanat, das sich in der Herrschaftstradition der Mongolen verstand, das Krim-Khanat, verschwand 1783 von der Landkarte, und nach einem weiteren Waffengang gegen die Türken Ende der 1780er Jahre kam die gesamte Nordostküste des Schwarzen Meeres unter russische Kontrolle. Die planmäßige Gründung der Stadt Odessa im Jahr 1794 an der Stelle des türkischen Hafens Hacıbey war als Tor zur Welt am Rande neurussischer Siedlungsgebiete gedacht, die zum Neurussischen Gouvernement wurden.

Auch im Inneren des Russischen Reiches änderte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert Beträchtliches. Die Ansiedlung von Kolonisten, viele von ihnen aus deutschsprachigen Ländern, diente der Urbarmachung von Wald- und Sumpfgebieten. Und in weiten Teilen der heutigen Ukraine setzte sich nach und nach die russische Gesetzgebung durch. Die Befreiung des Adels vom Dienst am Hof auf der einen Seite und die Ausdehnung der Leibeigenschaft auf ukrainische Gebiete auf der anderen Seite ließen die als soziales Gleichgewicht verstandene Gerechtigkeit (prawda) zwischen Gutsherren und Untertanen zerbrechen, was zu bäuerlichen Aufständen führte.35 Deren heftigster fand unter der Führung des Donkosaken Jemeljan Puga­tschow statt und wurde von Katharina II. blutig niedergeschlagen. Anfang des 19. Jahrhunderts führte die russische Verwaltung Regie von Kam­tschatka im fernen Osten bis zur Krim am Schwarzen Meer, und tief hinein in polnische Gebiete bis ins Baltikum.

Napoleons großer Feldzug

Den Westmächten war das von Sankt-Peter­burg aus gesteuerte Russland zu mächtig geworden. Aus dem eurasischen Herzland, das fern vom Zugang zu Meeren und Weltmärkten rund um sein Zentrum Moskau kreist, wurde innerhalb eines Jahrhunderts ein Reich, das östlich an den Pazifik, südlich ans Schwarze Meer und nördlich – neben dem unzugänglichen Eismeer – an die Ostsee grenzte. Der Ausbruch aus einer vorgeblich naturräumlich gegebenen Isolation konnte vor der Welt und den europäischen Mächten nicht augenscheinlicher vollzogen werden.

Ende des 18. Jahrhunderts erschütterte der Sturm auf die Pariser Bastille Europa. Die Französische Revolution ließ die Herrscherhäuser auf dem ganzen Kontinent erzittern. Instinktiv formten Kaiser, Könige und andere Fürstenhäuser Koalitionen gegen die Revolutionäre von Paris. Auch der Zar von Moskau folgte der internationalen Reaktion gegen die Französische Republik. Nachdem diese von innen ausgehöhlt und im Macht- und Expansionsstreben Napoleons zerborsten war, wandten sich die Herrscherhäuser wieder den alten Feindschaften zu. Nach wechselnden Bündnissen gegen Großbritannien und Frankreich schloss Zar Alexander i., ein Enkel von Katharina II., am 7. Juli 1807 Frieden mit Napoleon. In einem geheimen Zusatzprotokoll zum Frieden von Tilsit wurde Frankreich die Kontrolle über Deutschland und Spanien anheim gestellt, während Russland schwedische und türkische Gebiete einnehmen durfte, ohne in Konflikt mit Paris zu geraten.

Alexander I. nahm dies als Freibrief. Im fünften russisch-türkischen Krieg besetzten Truppen des Zarenreiches die rumänischen Donaufürstentümer Moldau und Walachei, die seit dem 15. Jahrhundert dem Osmanischen Reich tributpflichtig waren.36 Im Jahr 1810 erklärt Sankt-Peter­burg die beiden Fürsten­tümer als annektiert und lässt sich die Gebietsgewinne im Frieden von Bukarest 1812 bestätigen.

Nur wenige Wochen danach, im Sommer 1812, überschreitet Napoleon mit der mutmaßlich stärksten Armee der Weltgeschichte, die fast 500.000 Soldaten umfasst, die russische Grenze. Der russisch-französische Vertrag von Tilsit wie auch seine Zusatzabkommen sind damit Makulatur. Die personell und technisch wesentlich schwächeren und vom Angriff überraschten zaristischen Truppen ziehen sich in den russischen Raum zurück. Die legendär gewordene Strategie der verbrannten Erde lässt die Franzosen rasch bis nach Moskau vordringen, wo sie eine fast gänzlich leere Stadt vorfinden, die am 15. September 1812 in Flammen aufgeht, nachdem sie der russische Gouverneur Rostop­tschin in Brand stecken hatte lassen.37 Damit verloren die Franzosen jede Möglichkeit, ihre immer noch mehr als 100.000 Mann zählende Armee zu versorgen und über den Winter zu bringen. Der Rest ist Weltgeschichte. Im verlustreichsten Rückzug einer großen Armee erschöpft sich das Napoleonische Heer völlig und wird in der Folge auch aus deutschen Landen vertrieben. Am 30. März 1814 rücken Soldaten des Zaren in Paris ein. Tags darauf reitet Alexander I. gemeinsam mit dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm II. und dem österreichischen Feldmarschall Karl Philipp zu Schwarzenberg über die Champs-Élysées. Er lässt sich von deutschen Fürstenhäusern als Befreier feiern, womit politisch eine Phase der Reaktion eingeleitet wird. Der Zar wird zum Sinnbild der Bewahrung einer monarchischen Ordnung.38 Vage versprochene Verfassungsänderungen und Demokratisierungen fanden nicht statt, was vielerorts die Kluft zwischen Adel und Volk vertiefte.

Am Wiener Kongress des Jahres 1815 wurde eine post-napoleonische Neuordnung des Kontinents beschlossen und die Grenzen neu gezogen. Russland endet nun im Westen an der Oder, nachdem ihm Kongresspolen zugestanden wurde. Im äußersten Osten rücken russische Grenzsteine über die Beringstraße auf den amerikanischen Kontinent vor. Die Einigung auf dem als »tanzender« Kongress titulierten Groß­ereignis wird geopolitisch durch die Gründung der »Heiligen Allianz« der Herrscherhäuser Österreichs, Preußens und Russlands begleitet. Von der Aufbruchsstimmung der Französischen Revolution bleibt nichts übrig.

Allianz gegen Russland:
Vom Krimkrieg zum deutsch-russischen Zerwürfnis

Vom Osmanischen Reich verweigerte Schutzrechte für orthodoxe Popen und Gläubige, wie sie Russland als Reaktion auf die Entfernung eines silbernen Sternes von der Geburtskirche Jesus in Bethlehem gefordert hatte, waren der formale Auslöser für den Waffengang am nördlichen Ufer des Schwarzen Meeres. Er fand als »Krimkrieg« seinen Platz in den Geschichtsbüchern und dauerte von 1853 bis 1856. Während dieser Zeit fanden, bedingt durch technische Neuerungen und die schlechte Versorgungslage, die blutigsten und verlustreichsten Schlachten zwischen dem Napoleonischen Russlandfeldzug (bis 1815) und dem Ersten Weltkrieg (ab 1914) statt.

Geo- und machtpolitisch ging es, wie schon seit dem Ende des 17. Jahrhunderts, um die Aufteilung des Osmanischen Reiches, das von innen langsam erodierte und von außen immer mehr unter Druck kam. Erstmals tauchte im Osten Europas ein neuer »globaler Spieler« auf: Großbritannien. Das britische Herrscherhaus war entschlossen, seine und die Interessen der erstarkenden britischen Industrie im Raum zwischen Balkan und Schwarzem Meer wahrzunehmen und dafür auch entsprechend militärisch aufzutreten. Einem solchen Plan stand in erster Linie Russland entgegen. Also trieb man in London die Kriegspläne gegen Sankt-Peter­burg voran. Vorerst geschah dies indirekt, indem man Konstantinopel dazu drängte, Russland den Krieg zu erklären. Am 1. Oktober 1853 war es soweit. Fünf Monate später fuhren britische und französische Flottenverbände über die Dardanellen ins Schwarze Meer ein, landeten in der Bucht von Jewpatorija auf der Krim und nahmen die Hauptstadt Sewastopol ein. Odessa wurde einen ganzen Tag lang beschossen und dabei zerstört. Nach drei Jahren Schlachtengeheul standen 150.000 Soldaten aus Frankreich, Großbritannien und Sardinien auf der Krim. Russlands Armee war gedemütigt, die Schwarzmeerflotte versenkt.

Der Krimkrieg beendete die Vision von einem »Griechischen Projekt«, wie es Katharina II. imaginiert hatte. Der Zugang zum Mittelmeer, eine der wesentlichen Triebkräfte zaristischer Expansionsbestrebungen, blieb Russland verwehrt. Der Frieden von Paris 1856 goss die auf dem Schlachtfeld erlittene Demütigung in einen Vertrag. Darin verlor das Zarenreich seinen Zugang zur Donaumündung, Teile Bessarabiens sowie die Schutzmachtfunktion über Christen im Osmanischen Reich. Die 40 Jahre zuvor rund um den Wiener Kongress gegründete »Heilige Allianz« aus Österreich, Preußen und Russland zerbrach. Sankt-Peter­burg stand isoliert wie kaum zuvor auf der Weltbühne. Und das Russlandbild im Westen des Kontinents, aber auch in Deutschland, wandelte sich schlagartig. Nun fand sich Russlandhass nicht mehr nur unter Revolutionären und national orientierten studentischen Burschenschaften, die den Idealen der Französischen Revolution anhingen, sondern auch herrschende Kreise – allen voran das britische Königshaus und sein Regierungs­kabinett – entwarfen das Bild vom russischen Feind und dichteten ihm entsprechend negative Charaktereigenschaften an.

Die Einbußen im Westen konnte das Zaren­reich durch den Vormarsch in Zentral­asien nicht adäquat kompensieren. Zwar unterwarfen russische Truppen zwischen 1864 und 1885 turk­sprachi­ge Gebiete südlich von Sibirien bis hin zum Hindukusch,39 aber die Expansion stieß bald an innere und äußere Grenzen. Im Inneren kämpfte der Zar mit Aufständen eben eroberter Völkerschaften und deren Eliten; der äußere Widerstand war indes bedeutsamer, denn an der Nordgrenze Afghanistans begann der britische Einflussbereich, der weitere russische Erweiterungspläne Ende der 1880er Jahre zum Stillstand brachte. Der Vertrag von Sankt Petersburg 1907 schrieb die Demarkationslinie zwischen dem Zarenreich und dem Britischen Empire fest. Afghanistan wurde darin das Schicksal eines Pufferstaates zugedacht.

In den 1870er Jahren nutzte Russland nationale Erhebungen am Balkan, die sich gegen die Hohe Pforte und die Verwaltung des Sultans richteten, für einen weiteren Versuch, Einfluss in Südosteuropa zu erhalten. Dabei geriet es in direkte Konkurrenz mit Österreich-Ungarn, dem Deutschen Reich und Großbritannien. Im Februar 1878 standen zaristische Soldaten vor den Toren Konstantinopels. Und wieder war es das britische Königshaus, diesmal im Verein mit den Habsburgern aus Wien, das den Osmanen zu Hilfe eilte. London drohte dem Zaren mit einer Kriegserklärung und unterstrich dies durch eine massive Präsenz der britischen Flotte in den Dardanellen. Das hielt die Russen ab, das Zentrum Ostroms und der Osmanen im Sturm zu nehmen. Der Friedensschluss zwischen dem Zaren und dem Sultan vom 3. März 1878 in San Stefano bestätigte die territorialen Verluste des Osmanischen Reiches auf dem Balkan und die Gebietsgewinne Bulgariens, Serbiens und Montenegros. Er sollte nicht lange halten. Denn durch das Erstarken Russlands und seiner mit ihm sympathisierenden slawischen Staaten alarmiert trat Berlin auf den Plan und richtete nur drei Monate später eine große internationale Konferenz aus. Am 13. Juni 1878 fanden sich die Vertreter der europäischen Großmächte zur Eröffnung des Berliner Kongresses ein und gaben sich ein koloniales Stelldichein.40 Der Zar verlor an eben gewonnenem Einfluss, San Stefano wurde revidiert, die Osmanen – wenngleich stark geschwächt – im europäischen Spiel gehalten. Die in Berlin vereinbarte Neuordnung Südosteuropas brachte die internationale Bestätigung der staatlichen Anerkennung für Serbien, Montenegro und Rumänien. Großbritannien entriss dem »kranken Mann am Bosporus« Zypern. Österreich-Ungarn wurde das Besatzungsrecht für Bosnien-Herzegowina eingeräumt. Die Kartografen hatten Hochsaison; Europas Landkarte musste neu gezeichnet werden.

Die Parteinahme des österreichischen Kaisers für den Sultan rund um die russische Balkanpolitik entfremdete Wien von Sankt-Peter­burg. So verwundert es nicht, dass die sogenannte Bulgarische Krise des Jahres 1885/86, im Zuge derer der russische Einfluss zurückgedrängt wurde, einen geo­poli­ti­schen Frontenwechsel auslöste. Der nur für wenige Jahre – seit 1881 – bestehende und auf den Herrscherfamilien Romanow, Hohenzollern und Habsburg fußende Dreikaiserbund zerbrach. Zwar unterzeichneten der deutsche Kanzler Otto von Bismarck und der russische Außenminister Nikolaj de Giers im Juni 1887 ein gegenseitiges Stillhalte- oder Neutralitätsabkommen, ein als »Rückversicherungsvertrag« bekannt gewordenes Protokoll. Seine Geheimhaltung war indes schon der damals vorherrschenden antirussischen Stimmung im Deutschen Reich geschuldet. Und als Kaiser Wilhelm II. Bismarck schließlich im März 1890 entließ,41 war an eine Verlängerung des Rückversicherungsvertrages nicht mehr zu denken. Das änderte die deutsch-russische Beziehung grundlegend. Der Russland-Historiker Hans-Heinrich Nolte misst diesem Kurswechsel historische Bedeutung bei, wenn er schreibt, dass innerhalb von zwei Jahren aus Bundesgenossen potenzielle Gegner wurden. Er erklärt auch die wirtschaftspolitischen Hintergründe für diese bedeutende geopolitische Wende: »Auslösend für die Veränderung war vor allem die deutsche Führung, welche aufgrund ihrer durch Industrialisierung und Bevölkerungs­explosion überproportional angestiegenen Machtmittel glaubte, auf das auch im deutschen Nationalismus unpopuläre Freundschaftsverhältnis mit dem Haus Romanow nicht mehr angewiesen zu sein.«42 Russland wandte sich notgedrungen Frankreich zu und schmiedete ein Bündnis mit Paris. Es kann davon ausgegangen werden – und eine Reihe von Historikern bestätigt dies mit ihrer Arbeit –, dass mit dem 1894 beschlossenen französisch-russischen »Zweiverband« die geopolitischen Weichen am Vorabend des Ersten Weltkrieges neu gestellt wurden.

4 Hans-Heinrich Nolte, Kleine Geschichte Rußlands. Stuttgart 2003, S. 65

5 Offiziell wurde der Zarentitel erst 1547 anerkannt. Nolte 2003, S. 59; vgl. auch Andreas Kappeler, Russlands zen­tralasiatische Kolonien. In: Bert Fragner/Andreas Kappeler (Hg.), Zentralasien. 13. bis 20. Jahrhundert. Geschichte und Gesellschaft. Wien 2006, S. 139

6 Nolte 2003, S. 65f.

7 Hans-Heinrich Nolte, Deutsche Ostgrenze, russische Südgrenze, amerikanische Westgrenze. Zur Radikalisierung der Grenzen in der Neuzeit. In: Joachim Becker/Andrea Komlosy (Hg.), Grenzen weltweit. Zonen, Linien, Mauern im historischen Vergleich. Wien 2004, S. 62f.

8 Gespräch mit Alexej Klutschewsky am 30. September 2015

9 Christoph Schmidt, Bäuerliche Freiheit gegen Schollenpflicht. Schweden und Polen als konträre Muster auf dem Weg in die Neuzeit. In: Andrea Komlosy/Hans-Heinrich Nolte/Imbi Sooman (Hg.); Ostsee 700–2000. Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur. Wien 2008, S. 61, 72

10 Nolte 2003, S. 61

11 Ekkehard Klug, Das »asiatische« Russland. Über die Entstehung eines europäischen Vorurteils. Nach einem Gastvortrag am Seminar für osteuropäische Geschichte der Universität Köln, gehalten am 12. Dezember 1986, S. 273

12 Immanuel Geiss, Identität Europas. In: Universitas. Zeitschrift für Wissenschaft und Kultur, Nr. 9/2004 (Stuttgart)

13 Andreas Kappeler, Ivan Groznyj im Spiegel der ausländischen Druckschriften seiner Zeit. Ein Beitrag zur Geschichte des westlichen Rußlandbildes. Bern/Frankfurt am Main 1972, S. 242

14 Konstanty Zantuan, The Discovery of Modern Russia: Tractatus de duabus Sarmatiis. In: Russian Review 27 (1968), S. 327f.; zit. in: Klug 1986, S. 271f.

15 Klug 1986, S. 274

16 Gustav Bauch, Deutsche Scholaren in Krakau in der Zeit der Renaissance, 1460-1520, in: 78. Jahresbericht der schlesischen Gesellschaft für vaterländische Cultur. Breslau 1901, S. 2f. In: Klug 1986, S. 274

17 Andreas Kappeler, Die deutschen Flugschriften über die Moskowier und Iwan den Schrecklichen im Rahmen der Rußlandliteratur des 16. Jahrhunderts. In: Mechthild Keller (Hg.), Russen und Rußland aus deutscher Sicht. 9.–17. Jahrhundert. München 1985, S. 170

18 Vgl. Wolfgang Geier, Europabilder. Begriffe, Ideen, Projekte aus 2500 Jahren. Wien 2009, S. 35

19 zit. in: Klug 1986, S. 275

20 zit. in: Klug, S. 279

21 vgl. Karl-Heinz Ruffmann, Das Rußlandbild im England Shakespeares. Göttingen 1952, S. 82

22 Vgl. z. B. Manfred Hilderheimer, Geschichte Russlands: Vom Mittelalter bis zur Oktoberrevolution. München 2013, S. 281; siehe auch: Nolte 2033, S. 68f.

23 Nolte 2003, S. 71

24 Stefan Donecker, Konfessionalisierung und religiöse Begegnungen im Ostseeraum. In: Komlosy/Nolte/Sooman 2008, S. 98

25 Gespräch mit Alexej Klutschewsky am 30. September 2015

26 Jacques Margeret, Estat de L’Empire de Russie et Grande Duché de Moscovie. Paris 1669, VI. Zit in: Klug 1986, S. 289

27 Andreas Kappeler, Russland und Europa – Russland in Europa; in: Thomas Ertl/Andrea Komlosy/Hans-Jürgen Puhle (Hg.), Europa als Weltregion. Zentrum, Modell oder Provinz? Wien 2014, S. 100

28 Nolte 2003, S. 75

29 siehe: Guide of the Museum of the History of Zaporozhzhyan Cossaks. The national reserve »Khortitsya«. Saporoschschje o.J. (2004), S. 8

30 Nolte 2003, S. 77

31 Seit ihrer Gründung Mitte der 16. Jahrhunderts entwickelte sich die Elitetruppe mehr und mehr zu einem Staat im Staate. Nach mehreren Aufständen warf ihr Peter der Große Verschwörung vor und hielt ein martialisches Blutgericht. Siehe: Mathias Schreiber, Tyrannischer Aufklärer. In: Uwe Klußmann/Dietmar Pieper (Hg.), Die Herrschaft der Zaren. Russlands Aufstieg zur Weltmacht. München 2013, S. 62

32 Waldemar Guerrier, Leibniz in seinen Beziehungen zu Russland und Peter dem Großen. St. Peterburg/Leipzig 1873 (Nachdruck: Hildesheim 1975), S. 14f.; in: Hans-Heinrich Nolte/Bernhard Schalhorn/Bern Bonwetsch (Hg.), Quellen zur Geschichte Russlands. Stuttgart 2014, S. 91/92

33 Peter Rehder (Hg.), Das neue Osteuropa von A bis Z. München 1993, S. 505, 693

34 Edgar Hösch, Das sogenannte »griechische Projekt« Katharinas II. Ideologie und Wirklichkeit der russischen Orientpolitik in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, Band 12 (Neue Folge), München 1964, S. 168f.

35 Nolte 2003, S. 115

36 Hannes Hofbauer/Viorel Roman, Bukowina, Bessarabien, Moldawien. Vergessenes Land zwischen Westeuropa, Ruß­land und der Türkei. Wien 1993, S. 57, 182f.

37 Dies berichtet Napoleon in einem Brief an seine Frau Marie-Louise am 16. September 1812. Zit. in: Klußmann 2013, S. 113

38 Peter Jahn, Befreier und halbasiatische Horden. Deutsche Russenbilder zwischen Napoleonischen Kriegen und Erstem Weltkrieg. In: Unsere Russen, unsere Deutschen. Bilder vom Anderen 1800 bis 2000. Berlin 2007, S. 17

39 Nolte 2003, S. 142

40 vgl. Hannes Hofbauer, Experiment Kosovo. Die Rückkehr des Kolonialismus. Wien 2008, S. 35

41 http://www.wilhelm-der-zweite.de/kaiser/kritik_bismarck.php (17.4.2015)

42 Nolte 2003, S. 146

Befreier oder Barbaren:
Konträre Russenbilder im 19. Jahrhundert

In der wechselhaften Vorstellung, die sich Westeuropäer und insbesondere Deutsche über Russen und Russland im 19. Jahrhundert machten, spiegelt sich nicht nur die Geschichte des Kontinents wider, sondern auch die soziale und politische Differenz, die mit der Französischen Revolution offenkundig geworden war. Der Russe als Projektion unterschiedlicher gesellschaftlicher Ansichten konnte mal als Sinnbild des Befreiers von als national erlebter Unterdrückung, mal als Bewahrer der alten Feudalordnung und in wieder anderen Zusammenhängen als Bedrohung derselben auftauchen. Was in all den unterschiedlichen Zuordnungen auffällig ist, ist seine starke Präsenz. Vor allem in deutschen Landen war die Bezugnahme auf Russland und die Russen, ob durch die Herrschaft oder das Volk, seit den napoleonischen Kriegen eine Konstante. Als Freund oder Feind, als Guter oder Böser: Der Russe schien allgegenwärtig.

Die Grundlagen dieser Art von Fremdwahrnehmung bildeten sich in der Französischen Revolution heraus. Mit ihr wurde das Bild von der Gottgegeben­heit fürstlicher Herrschaft gesellschaftlich überwunden.43 Und dies war notwendig, um Debatten darüber überhaupt führen zu können. Wenn einmal die allumfassende Zuständigkeit Gottes in Frage gestellt ist, müssen Antworten auf die Fragen nach den Ursachen von politischen, sozialen, wirtschaftlichen, nationalen oder kulturellen Prozessen und Differenzen im Diesseits gesucht werden. Historische Verantwortung wird zuordenbar, Klasseninteressen werden wahrnehmbar, Nationen formieren sich.

Der napoleonische Feldzug in die Tiefe Russlands (1812), sein Scheitern und die anschließend als »Befreiungskriege« (1813/14) in die Literatur eingegangenen Schlachten prägten das Bild von Russland und den Russen bis zur Revolution von 1848 und darüber hinaus. Spätestens mit der drei­tägigen »Völker­schlacht« bei Leipzig, die 100.000 Tote auf dem Feld zurückließ, vermischte sich das Blut deutscher, österreichischer und russischer Soldaten in der Kriegspropaganda zu einer gemeinsamen Opfergabe, die für den Sieg über Napoleon notwendig war. In deutschen Landen überwog die Dankbarkeit gegenüber den russischen Truppen für die Hilfe bei der Befreiung vom französischen Joch. Dafür ertrugen die Bürger die harten Lasten des Krieges, Einquartierungen und Plünderungen.44 Der preußische Hof mit seinem Stab sowie die adeligen Gutsherren und Groß­agrarier, die von der Kapitulation Napoleons durch Gebietsgewinne direkt profitierten, wussten ohnedies, was sie den zaristischen Truppen schuldig waren. Daraus entstand ein in adeligen Kreisen positives Russlandbild, das sich danach praktisch ohne Unterbrechungen über die turbulenten Revolutionszeiten im Jahr 1848 bis zum Zusammenbruch der Monarchien Anfang des 20. Jahrhunderts halten sollte.

Parallel zum Image als Befreier haftete dem russischen Soldaten jedoch bei jenen, die ihn hautnah am Schlachtfeld zu spüren bekommen haben, das Bild des grauenhaften Schlächters an. Die zig-tausenden Toten, die die Heerstraßen säumten, prägten sich tief ins kollektive Gedächtnis nicht nur französischer, sondern auch deutscher und österreichischer Erzählungen ein. Die Brutalität von Kosaken-Überfällen war sprichwörtlich; sie ließen Angstbilder von Russen entstehen, vor denen der politische Nutzen der Befreiung von napoleonischer Herrschaft abstrakt erschien. Konkret galt »der Russe« deutschen Bürgern und Bauern nach den Franzosenkriegen als barbarisch. In einer Beschreibung aus dem Jahre 1824 wird dies deutlich: »Die meisten Soldaten verschmachteten daher an den Heerstraßen oder endigten ihr jammervolles Leben unter den Peitschenhieben wilder Kosaken und den ausgesuchten Martern, womit rache­dürstende Bauern sie zu Tode quälten. Niemals, soweit die Geschichte hinaufreicht, hat die Welt ein Schauspiel gesehen, das an Grässlichkeit mit diesem Heereszug könnte verglichen werden. Von Moskau bis an den Niemen war links der Heerstraße das Land von Leichnamen von Menschen und Pferden bedeckt.«45

Zum Barbarischen kam die Zuordnung als primitiv, trunksüchtig, asiatisch; Adjektive, die in den folgenden Jahrzehnten Russen als angebliche nationale Charaktereigenschaften zugeschrieben wurden. Auch in Russland selbst wurden die Bilder des unzivilisierten, an die Scholle gebundenen, dumpfen Bauern­tölpels von einer schmalen Schicht liberaler Westler gepflegt. Sie beschreiben den Russen als Inkarnation des Fortschrittsfeindes: »Einsam stehen wir da in der Welt, haben ihr nichts gegeben, haben sie nichts gelehrt; wir haben keine einzige Idee zur Gesamtheit der menschlichen Ideen beigetragen«, gießt der Freimaurer Pjotr Tschaadajew seinen ans Sozialrassistische grenzenden Hass auf die eigenen Landleute aus. In dem auf Französisch verfassten Brief kommt die ganze Verachtung eines Intellektuellen, der sein Land und sein Volk nicht begreift, zum Ausdruck: »Wir haben irgendetwas im Blut, das jeden wahren Fortschritt verhindert.«46 Derlei genetische Zuordnungen wurden bei Tschaadajews Gesinnungsbrüdern im Westen begierig aufgegriffen.

Das Bürgertum und noch mehr die deutsch-nationalen Studentenschaften vergaßen recht bald die postnapoleonischen Lobpreisungen über die russische Hilfe bei der Überwindung der französischen Herrschaft. In diesen Schichten paarte sich das Bild vom mordenden Kosakentrupp mit der revolutionären Stimmung, die in den 1830er Jahren halb Europa und insbesondere deutsche Lande erfasste. Fürstenhäuser und Adelsgeschlechter wiederum sahen ihre Stellung – zu Recht – gerade dadurch bedroht. Das mit harter Hand regierte Zarenreich war ihnen Garant für die alte Ordnung und Bollwerk gegen nationales Aufbegehren des Bürgertums und soziale Begehrlichkeiten der unteren Klassen. Die unterschiedliche, ja diametral entgegengesetzte Wahrnehmung von Russland und den Russen folgte diesem Klassengegensatz. National und revolutionär gesinnte Bürger entwickelten einen wahrhaften Russenhass, während die Bewahrer der Monarchie sich an der Standhaftigkeit des Zarentums aufrichteten. Die liberale Öffentlichkeit war antirussisch, die dynastische Reaktion prorussisch gesinnt.

Eine wesentliche Rolle in dieser Auseinandersetzung spielte dabei die Einschätzung eines polnischen Aufstandes im Jahr 1830. Dieser als »November­aufstand« oder »Polnisch-Russischer Krieg« bekannte Versuch polnischer Nationalisten, die russische Herrschaft über Kongresspolen, das der Zar in Personalunion regierte, loszuwerden, fand großen Widerhall unter revolutionär gesinnten Deutschen. Am 29. November 1830 drangen polnische Militär­kadetten in den Warschauer Belvedere-Palast ein und versuchten, den Bruder des russischen Zaren und polnischen Generalstatthalter, Konstantin Pawlowitsch Romanow, zu töten. Der Anschlag misslang, wurde jedoch von einem Teil der Polen als Fanal für eine allgemeine Erhebung gegen Russland verstanden. Diese scheiterte in wenigen Monaten nicht nur am militärischen Einmarsch russischer Truppen, sondern auch an internen Querelen. Keineswegs stand, wie es die polnische Nationalgeschichte gerne darstellt, die Mehrheit der Polen hinter den Aufständischen. Nicht nur im Adel und im Bürgertum herrschte große Skepsis gegenüber der schlecht organisierten Erhebung, sondern vor allem auch die Bauernschaft verweigerte den Putschisten die Gefolgschaft.47 Ihr war in der Verfassung der Aufständischen vom Mai 1831 keinerlei soziale Besserstellung in Aussicht gestellt worden. Im Gegenteil: Die Magnaten setzten sich mit ihren Wünschen nach einer Festigung der feudalen Ausbeutungsstrukturen durch. Der Novemberaufstand scheiterte kläglich.

Dem Polen-Hype in deutschen Landen (wie auch in Frankreich) konnte dies keinen Abbruch tun.48 In romantischer Verklärung der tatsächlichen Verhältnisse interpretierten vor allem die deutsch-national gesinnten Studentenverbindungen den Machtkampf in Polen als Befreiungskrieg gegen Russland. Ein Strom von polnischen Migranten, die der zaristischen Repressionswelle entkamen, half bei dieser Interpretation der Geschichte. Übrig blieb vor allem die antirussische Stimmung in der liberalen deutschsprachigen Öffentlichkeit. Sie liest sich wie jenes damals bekannte Studentenlied von Philipp Jakob Sieben­pfeiffer, das zu mehreren Anlässen, so auch auf dem berühmten Hambacher Fest Ende Mai 1832 angestimmt wurde. Darin heißt es: »Wir sahen die Polen, sie zogen aus, als des Schicksals Würfel gefallen. Sie ließen die Heimat, das Vaterhaus, in der Barbaren Räuberkrallen: Vor des Zaren finsterem Angesicht beugt der freiheitsliebende Pole sich nicht.«49

Von den Liberalen gehasst, von den Reaktionären verehrt

Im fast lückenlos funktionierenden Zensurregime des preußischen Staates wurde jeder gnadenlos verfolgt, der Kritik an der Obrigkeit und der feudalen Ordnung mit ihren Adelsprivilegien übte. In den Jahrzehnten vor 1848 geriet deswegen ein liberal Gesinnter schnell in die Fänge der deutschen Justiz. Der Hass auf den Zaren, Russland und die Russen bot einen Ausweg. Mit ihm konnte stellvertretend für verbotene Kritik im Inneren gegen ein ähnliches Herrschaftssystem gewettert werden. Doch es war nicht nur der Zar, der als despotisch und willkürlich beschrieben wurde; die deutschen Liberalen des Vormärz entwickelten aus ihrer Feindschaft gegen ihre eigene Monarchie und das fremde Zarentum einen verachtenswerten russischen Volkscharakter. Dieser kam nie ohne die Attribute »faul«, »schmutzig«, »verschlagen«, »versoffen« – mit einem Wort: barbarisch – aus. Damit konstruierten sie die Negation des eigenen Selbstbildes, das als »fleißig«, »sauber«, »ehrlich« und »pflichtbewusst« – mit einem Wort: als »deutsch« – galt. Der »barbarische Russe« war in letzter Konsequenz ein Produkt eines innerdeutschen Machtdiskurses. Aus ihrer Gegnerschaft zum eigenen Preußenkönig entstand im deutsch-national fühlenden Bürgertum über den Umweg der Kritik an der zaristischen Alleinherrschaft ein ausgewachsener Rassismus gegen die Russen.

Ein entscheidender Wendepunkt hin zu diesem antirussischen Rassismus war der Mord am Schriftsteller, Verleger und Theaterdirektor August von Kotze­bue durch den Studenten Karl Ludwig Sand am 23. März 1819. Kotze­bue war seit 1817 auch russischer Generalkonsul und galt den sich radikalisierenden Studenten als russischer Spion, weshalb der Hitzkopf Sand beschloss, ihm von Jena nach Mannheim zu folgen und ihn dort zu erstechen. Die Verehrung des Mörders innerhalb der revolutionären deutsch-nationalen Studentenschaft nahm skurrile Züge an. Nach seiner Hinrichtung zirkulierten Holzsplitter seines Schafotts in der Szene und wurden als patriotische Reliquien gehandelt. Als Reaktion auf den Mord an Kotze­bue beschloss der Deutsche Bund im österreichischen Karlsbad im September 1819 harte Maßnahmen gegen Studentenschaften und Universitäten. Jedes Schriftstück musste in Zukunft einer Vor- und Nachzensurbehörde vorgelegt werden, Berufsverbote für liberal und national gesinnte Professoren wurden erlassen. Die Kritiker dieser Karlsbader Beschlüsse wichen zunehmend in Richtung Russland-Bashing aus. Die konträren Russlandbilder der deutschen (und österreichischen) Herrscherhäuser auf der einen und der radikalen Bürger auf der anderen Seite drifteten mehr und mehr auseinander. Adel und Höfe klammerten sich an die Vorstellung vom Russischen Reich als Garant der Feudal­ordnung, während die Fortschrittlichen zwischen Donau und Nordsee »den Russen« zur negativen Folie des eigenen idealisierten Deutschen machten.

Heroen der deutschen Geistesgeschichte, auch jene, die sich in erster Linie der sozialen Frage widmeten, machten bei der Charakterisierung des Russischen als dem Bösen schlechthin mit. Friedrich Engels z. B. stand in der ersten Reihe, wenn es galt, den Deutschen eine zivilisierende Rolle in Europa zuzuschreiben und die Russen als Barbaren hinzustellen, die den Kontinent bedrohten. Insbesondere der angeblichen »panslawistischen Verschwörung, die ihr Reich auf den Ruinen von Europa zu gründen droht«,50 gelte es entgegenzuwirken. Ob Friedrich Engels dieser Einschätzung auch das sogenannte »Testament Peter des Großen« zugrunde gelegt hat, ist nicht überliefert. In diesem Anfang des 19. Jahrhunderts weit verbreiteten Pamphlet ist jedenfalls von russischen Expansionsplänen die Rede, die der 100 Jahre zuvor im Jahr 1725 verstorbene Zar angeblich testamentarisch verfügt hätte. Schon vor 1848 stellte sich heraus, dass das »Testament« von Polen im Exil verfasst worden war und nur dem Zweck diente, antirussische Stimmung anzuheizen.51 Es war eine Fälschung.

Die Revolution von 1848 änderte am Russlandbild der Deutschen nichts. Die von Revolutionären geschürte Angst vor der russischen Soldateska und den Kosakenheeren, die im Auftrag der »Heiligen Allianz« der Monarchen gegen die Volkserhebungen eingreifen würden, fand im Juni 1849 ihre Bestätigung. Die Niederschlagung der ungarischen Revolution wäre ohne den Zaren, den die Habsburger in Wien zu Hilfe gerufen hatten, nicht möglich gewesen. Antirussische Regungen verstärkten sich daraufhin nicht nur unter den revolutionären Ungarn.

Mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 und der Bismarck’schen Reichsverfassung liberalisierte sich das gesellschaftliche Klima in Deutschland. In Österreich-Ungarn zollten das Grundgesetz und der österreich-ungarische Ausgleich von 1867 den Ideen der 1848er-Revolution Tribut. Die antirussische Stimmung breitete sich aus und erfasste alle gesellschaftlichen Schichten. Nun lernten auch die Kinder in der Schule vom russisch-barbarischen Volkscharakter, vor dem sich Staat und Volk in Acht zu nehmen hätten. Im Seydlitz, dem bekanntesten und am weitesten verbreiteten deutschen Geografielehrbuch stand 1908 zu lesen: »Die russischen Stämme sind Halbasiaten. Ihr Geist ist unselbstständig, Wahrheitssinn wird durch blinden Glauben ersetzt, Forschungstrieb mangelt ihnen. Kriecherei, Bestechlichkeit, Unreinlichkeit sind echt asiatische Eigenschaften.«52 Vor solch einer Wesensart sollte – und musste – sich der Deutsche fürchten. Grafische Darstellungen von bärtigen, wilden Männern, die nomadisierend die Wälder Sibiriens unsicher machten und bald auch über Europa herfallen würden, ergänzten die Hetzschriften, die wie im Fall des Seydlitz offizielle Lehrbehelfe waren.

Aufruf zum Krieg gegen die Barbaren

Generationen lang hielt sich bei liberalen Intellektuellen vor allem in Deutschland, aber auch in Großbritannien und Frankreich eine russophobe Einstellung. Weil ihnen das Zarentum als Hort der Reaktion galt, dichteten sie den Russen alle nur erdenklichen negativen Eigenschaften an, die Inkarnation des Fortschrittsfeindes inklusive.

Spiegelbildlich zum Russenhass in Westeuropa entstand in russisch-nationalen Kreisen Ende des 19. Jahrhunderts ein Europa- und Deutschland­skepti­zis­mus. Die ideologische Klammer dafür bildeten panslawische Ansätze. Der Panslawismus wurzelt in der Vorstellung, möglichst viele slawischen Völkerschaften unter russischer Herrschaft zu vereinen; der zehnte russisch-türkische Krieg 1877/78, im Zuge dessen Sankt-Peter­burg die staatliche Unabhängigkeit Bulgariens vom Osmanischen Reich durchsetzte, wirkte als Beschleuniger zur Gründung erster panslawischer Vereinigungen.53 Wenn auch am Berliner Kongress 1878 der Traum von einem großen Bulgarien zurechtgestutzt wurde, die Idee des Panslawismus war geboren und lebte weiter. Seine geistige Kraft schöpfte er aus der griechischen Philosophie54 und der russischen Literatur. Seine orthodoxe Identität fußte auf der Einheit von zaristischer Selbstherrschaft, Kirche und Volkstum; sie stand in scharfer Abgrenzung zur westlich-bürgerlichen, laizistischen, als dekadent empfundenen Vertragsgesellschaft, die das römische Recht über kollektive Strukturen wie Familie oder Gemeinde stellte. Auch die Kritik am westlichen Individualismus speist sich aus dieser geistigen Tradition. Als ihr Vordenker kann der Minister für Volksaufklärung und Präsident der Akademie der Wissenschaften, Sergej Uwarow, genannt werden. Er verband die Kritik am individualisierenden Charakter westeuropäischer Gesellschaften in den 1830er- und 1840er Jahren mit einem Aufruf für ein starkes Russland, das sich davon distanzieren sollte. Seine Ideen fasste er mit der Doktrin »Orthodoxie, Autokratie, Nationalität«55 zusammen. In seinem Werk Études de Philosophie et de Critique schrieb er: »Infolge des schnellen Verfalls der religiösen und politischen Institutionen in Europa bei gleichzeitiger Ausbreitung zerstörerischer Auffassungen (…) mußte das Vaterland auf einer festen Basis gestärkt werden. (…) Es mußten die heiligen Überreste eines Volkstums zur Einheit zusammengefaßt werden, um darauf den Anker zu unserer Rettung zu befestigen.«56

Einer der führenden Panslawisten der 1860er Jahre, Nikolaj Danilewski, entwickelte eine Typologie der Kulturen, in der Europa – gemeint ist Westeuropa – als absteigende und das von Russland geführte Slawentum als aufsteigende Kraft gesehen wurde.57 Dem Russlandforscher Andreas Kappeler zufolge war die stark betonte Distanz der Panslawisten zu »Europa« jedoch nicht gleichbedeutend mit einer Selbstwahrnehmung des Russischen als etwas Asiatischem. Der slawische Volkscharakter galt ihnen im Gegenteil als das bessere Europäische, das die zerstörerischen Irrwege des Westens vermeiden und den Kontinent wieder auf eine wahrhaftige – christlich spirituelle und sozial kollektive – Basis stellen sollte.58

In westeuropäisch-liberalen Kreisen kamen die panslawischen Ideen als Bedrohung an, auf die schnell und scharf reagiert werden musste. Erste Aufforderungen, dem geopolitisch konsolidierten und ideologisch erstarkenden Russischen Reich auch militärisch entgegenzutreten, ließen nicht lange auf sich warten. Ganz besonders tat sich bei der Kriegshetze gegen Russland General Friedrich von Bernhardi hervor. Der aus estnischem Adel stammende, 1849 in Sankt-Peter­burg geborene preußische Kavalleriegeneral galt am Ende seiner Laufbahn als führender deutscher Militärhistoriker. In seinem erstmals 1912 erschienenen Buch Deutschland und der nächste Krieg59 rief er zur militärischen Niederwerfung Frankreichs und zur Eroberung von Siedlungsgebieten im von Russland kontrollierten Osten auf. Bedauernd stellte er fest, dass dieser von ihm als Notwendigkeit dargestellten Expansion die aktuelle Friedfertigkeit der Deutschen gegenüber stünde, weshalb er in einem eigenen Kapitel »das Recht zum Krieg« einforderte. Schon 1890 ortete er den Russen als »wahren Nationalfeind« und verfasste damals anonym ein Kriegspamphlet, in dem es hieß: »Kampf des Germanentums gegen den Panslavismus, das wird das Wahrzeichen der nächsten Geschichtsepoche sein«.60 Sein Wunsch sollte sich in grausamer Weise im Ersten Weltkrieg erfüllen, für den er übrigens als bereits pensionierter General reaktiviert wurde.

Friedrich von Bernhardi, dessen Kriegshetze in mehreren Auflagen erschien, war nur einer von vielen Russenhassern, die Deutschland am Vorabend des Ersten Weltkrieges in das große Völkerschlachten trieben. Ein weit verbreitetes antislawisches Ressentiment half ihm dabei. Auch die Sozialdemokratie argumentierte ihre Zustimmung zu den Kriegskrediten am 4. August 1914 mit Aufrufen zum Kulturkampf des Guten (der Deutsche) gegen das Böse (der Russe). »Wir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich«, lautete die Losung der SPD-Reichstagsfraktion an jenem 4. August.61 August Bebel, Ko-Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, hatte sich schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts in Vorahnung kommender Völkerschlachten auf die deutsche Seite gegen Russland gestellt. Während des Parteitages in Essen Mitte September 1907 stellte er sich hinter eine Russen-feindliche Rede seines Parteifreundes Gustav Noske und meinte: »Vor etwa sieben Jahren führte ich aus, daß, wenn es zu einem Kriege mit Rußland käme, das ich als Feind aller Kultur und aller Unterdrückten nicht nur im eigenen Lande, sondern auch als den allergefährlichsten Feind von Europa und speziell für uns Deutsche ansehe, (…) dann sei ich alter Knabe noch bereit, die Flinte auf den Buckel zu nehmen und in den Krieg gegen Rußland zu ziehen. Man mag darüber lachen, aber mir war es mit dem Wort bitter ernst.«62

Zur argumentativ vorgetragenen Abscheu vor dem »zaristischen Despotismus« gesellte sich eine gehörige Portion Rassismus. Dem ließen die Sozialdemokraten im Sommer 1914 auch publizistisch freien Lauf. Sie hieß es etwa in der Bergarbeiterzeitung, man erhoffe nichts sehnlicher als den Frieden, könne aber »nicht wünschen, daß Kosakentum und echtrussisches Knutenregiment den Sieg über Deutschland davonträgt.«63

Mühelos schaffte das Feindbild des »despotischen Zaren« die Transformation zum »russischen Barbaren«.

43 Immanuel Wallerstein, Der Siegeszug des Liberalismus (1789–1914). Das moderne Weltsystem IV. Wien 2012, S. 169

44 Peter Jahn, Befreier und halbasiatische Horden. Deutsche Russenbilder zwischen Napoleonischen Kriegen und Erstem Weltkrieg. In: Unsere Russen, unsere Deutschen. Bilder vom Anderen 1800 bis 2000. Berlin 2008, S. 15

45 Darstellung der denkwürdigsten europäischen Weltereignisse vom Jahr 1789 bis auf unsere gegenwärtigen Tage. Memmingen 1824/25, Bd. 6, S. 427. Zit. in: Jahn 2008, S. 16

46 Dmitrij Tschischewski/Dieter Groh (Hg.), Europa und Russland. Texte zum Problem des westeuropäischen und russischen Selbstverständnisses. Darmstadt 1959, S. 84f.; zit. in: Hans-Heinrich Nolte/Bernhard Schalhorn/Bernd Bonwetsch (Hg.), Quellen zur Geschichte Russlands. Stuttgart 2014, S. 193

47 Manfred Alexander, Kleine Geschichte Polens. Bonn 2005, S. 202

48 Andreas Kappeler, Russland und Europa. Russland in Europa. In: Thomas Ertl/Andrea Komlosy/Hans-Jürgen Puhle (Hg.), Europa als Weltregion. Zentrum, Modell oder Provinz? Wien 2014, S. 102

49 zit. in: Jahn 2008, S. 18

50 Friedrich Engels, Deutschland und der Panslawismus. Marx-Engels-Werke, Bd. 11, S. 198. Zit. in: Hans-Heinrich Nolte, »Drang nach Osten«. Sowjetische Geschichtsschreibung der deutschen Ostexpansion. Köln/Frankfurt a. M. 1976, S. 41

51 Jahn 2008, S. 19

52 E. von Seydlitz, Geographie. Ausgabe B, Kleines Lehrbuch. Breslau 1908, S. 243f. Zit in: Jahn 2008, S. 25

53 http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Russlands (19.4.2015)

54 Nolte 2003, S. 446

55 http://de.sputniknews.com/german.ruvr.ru/radio_broadcast/54791151/79833725/ (11.11.2015)

56 Sergej Uwarow, zit. in: Nikolaj Zimbajew, Zur Entwicklung des russischen Nationalbewußtseins vom Aufstand der Dekabristen bis zur Bauernbefreiung. In: Andreas Kappeler (Hg.), Die Russen. Ihr Nationalbewußtsein in Geschichte und Gegenwart. Köln 1990, S. 41; zit in: Petra Stykow, Slawophile und Westler – die unendliche Diskussion. In: Michael Brie/Ewald Böhlke, Rußland wieder im Dunkeln. Ein Jahrhundertstück wird besichtigt. Berlin 1992, S. 110

57 vgl. Alexander von Schelting, Russland und der Westen im russischen Geschichtsdenken in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Forschungen zur osteuropäischen Geschichte, Bd. 43). Wiesbaden 1989, S. 79ff. Zit. in: An­dreas Kappeler, Russland und Europa. Russland in Europa. In: Thomas Ertl/Andrea Komlosy/Hans-Jürgen Puhle (Hg.), Europa als Weltregion. Zentrum, Modell oder Provinz? Wien 2014, S. 105

58 Kappeler 2014, S. 104

59 Friedrich von Bernhardi, Deutschland und der nächste Krieg. Stuttgart 1912

60 zit. in: Jahn 2008, S. 25

61 Verhandlungen des Reichstags. XIII. Legislaturperiode. II. Session. Stenographische Berichte. Bd. 306, Berlin 1916

62 August Bebel auf dem Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands vom 15.–21. September 1907. Zit. in: Franz Klühs, August Bebel. Der Mann und sein Werk. Hamburg 2013, S. 77

63 Bergarbeiter-Zeitung, Nr. 32 vom 3. August 1914

Im Krieg gegen Russland (1914–1945)

Die Vernichtung der russischen Flotte durch die Japaner im Fernen Osten, Arbeiteraufstände in den industriellen Kerngebieten, Bauernunruhen auf dem Lande, Meutereien im Militär und Generalstreik in Odessa: Anfang des 20. Jahrhunderts stand das Zarenreich vor dem Abgrund. Es sollte nicht einmal zwei Jahrzehnte dauern, bis die Herrschaft der Romanows Geschichte war.

Im Februar 1904 überfiel Japan den von Russland gepachteten Stützpunkt Port Arthur auf der chinesischen Liaodong-Halbinsel und ließ damit die bereits lang schwelende Auseinandersetzung um die Man­dschu­rei eskalieren. Ein Jahr später lag die zaristische Ostseeflotte, die für den Krieg gegen Japan den langen Weg um Eurasien und Afrika genommen hatte, in Trümmern. Mehrere Landschlachten fügten der russischen Armee weitere hohe Verluste zu. Die Niederlage gegen Japan brachte nicht nur Gebietseinbußen (in Sachalin) und ein Problem der Glaubwürdigkeit für den Zaren an der Heimatfront mit sich, sondern wirkte sich auch sozial dramatisch aus. Bauern und Arbeiter konnten die durch die Kriegskosten immer höher werdenden Belastungen nicht mehr ertragen, die Intelligenz sympathisierte mit den aufkommenden Unruhen, in Sankt-Peter­burg gingen 150.000 Demonstranten auf die Straße und auf dem Linienschiff »Fürst Potjomkin von Taurien« meuterten die Matrosen. Der Regisseur Sergej Eisenstein setzte mit seinem 1925 gedrehten Film »Panzerkreuzer Potemkin« der revolutionären Stimmung des Jahres 1905 ein Denkmal.

Als hungrige Arbeiterinnen in Sankt-Peter­burg Stunden lang um rationiertes Brot anstehen mussten, riefen sie einen Streik aus. Die revolutionäre Stimmung entlud sich – gregorianisch gerechnet – am 22. Januar 1905. Zehntausende zogen zum Winterpalais, um ihren Forderungen nach Brot, Achtstundentag und einer Verfassung Nachdruck zu verleihen. Die zaristische Soldateska antwortete mit einem Blutbad; der Petersburger Blutsonntag mit 200 Toten gilt als der Auftakt zur Oktoberrevolution.

Einen zaghaften Versuch zur Einführung einer konstitutionellen Verfassung – das sogenannte »Oktobermanifest« – nahm der Zar noch im selben Jahr zurück, nachdem sich die Reichsduma erdreistet hatte, Landenteignungen zu beschließen. Auch eine Reform zur Kapitalisierung von Bauernwirtschaften durch Ministerpräsident Pjotr Stolypin scheiterte.64

Doch nicht nur die soziale und politische Situation spiegelte heftige Zerfallserscheinungen, auch der Zustand der Industrie war besorgniserregend, und die Kontrolle über sie lag in ausländischen Händen. Der Großteil der Schlüsselindustrien wurde von Berlin, Paris oder London aus dirigiert. »Obwohl selbst ein expandierender imperialistischer Staat«, schreibt der Historiker Alex Peter Schmid über die Eigentümerstruktur im Land, »war das Zarenreich zugleich auch ein kolonialistisches Objekt des europäischen Finanzkapitals.«65 Vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges befanden sich 90% der Bergwerke, 50% der chemischen Industrie und 40% der Banken in ausländischem Besitz; deutsche, französische und britische Firmen teilten sich die Filetstücke.66 Die meisten dieser Fabriken entstanden auf der grünen Wiese, viele von ihnen in Dimensionen, die die Produktionsstätten in den Mutterländern der Eigentümer bei weitem übertrafen. Trotz steigender Produktion, so der Russlandhistoriker Hans-Heinrich Nolte, konnte die nachholende Industrialisierung Russlands unter diesen Vorzeichen nicht gelingen.67

Während im Inneren Russlands die revolutionären Strömungen unter Arbeitern, Bauern, Militärs und Intelligenz immer stärker wurden, schwächelte das Zarenreich auf dem internationalen Parkett. Die Annexion Bosnien-Herzegowinas durch die österreichischen Habsburger im Oktober 1908 löste im Russischen Reich heftige Proteste von Panslawisten aus, weil sie einen klaren Bruch der Übereinkunft auf dem Berliner Kongress aus dem Jahr 1878 darstellte. Damals war Wien das Besatzungsrecht über Bosnien und die Herzegowina eingeräumt worden, eine Übernahme der Gebiete, wie sie die Annexion bedeutete, galt als ausgeschlossen. Berlin deckte die österreichische Aggression. Russland, das sich als Unterstützer der Balkan-Slawen in ihrem Befreiungskampf gegen das Osmanische Reich verstand, sah dem Vormarsch der Habsburger tatenlos zu.

Von der britischen »Heartland«-Theorie zur deutschen Kriegserklärung

Trotz sichtbarer Schwäche des russischen Bären hatte man insbesondere in Großbritannien große Sorgen um eine mögliche Konsolidierung des riesigen eurasischen Reiches. Spätestens seit dem Krimkrieg (1853–1856) fürchtete London einen Einflussgewinn Russlands nicht nur zwischen Schwarzem Meer und Konstantinopel. Das britische Empire sah in Sankt-Peter­burg einen ernsthaften Konkurrenten um die Kontrolle jener Länder und Völker, die zwischen Griechenland und Indien lagen bzw. lebten und zum eigenen Einflussgebiet gezählt wurden. Also dauerte es nicht lange, bis sich auch Wissenschaftler des geopolitischen Konkurrenzkampfes der »Global Player« annahmen. Der Wirtschaftsgeograf Halford Mackinder, Direktor der von ihm mitbegründeten London School of Economics, goss die britischen Ängste und die notwendigen Gegenmaßnahmen in ein geopolitisches Konzept. Unter dem Kürzel »Heartland-Theorie« sollte sie das gesamte 20. Jahrhundert hindurch in unterschiedlichen Ausprägungen zur Blaupause der jeweils führenden westlichen Hegemonialmacht werden, wie mit Russland bzw. der Sowjetunion umzugehen sei.

Die Heartland-Theorie tauchte erstmals im April 1904 auf, als Mackinder den Aufsatz »The Geographical Pivot of History« im Organ der Royal Geographical Society veröffentlichte.68 Das Wort »pivot« steht für Dreh- und Angelpunkt; diese Funktion schreibt Mackinder dem eurasischen Herzland zu. In Mackinders Weltbild ist für drei Großregionen Platz: der »Weltinsel«, zu der er Europa, Asien und Afrika zählt, den Raum mit der größten Bevölkerungsdichte; den »küstennahen Inseln« (offshore islands) mit Großbritannien im Westen und Japan im Osten der »Weltinsel«; und den »küstenfernen Inseln« (outlying islands), also den beiden Amerikas und Australien. Im Herzen der »Weltinsel« liegt der Dreh- und Angelpunkt, das »Herzland« (heartland), das Schlüsselland zur Beherrschung der Welt: Russland. Um seine Kontrolle, so Mackinder, würde es in Zukunft gehen. Ohne das »Herzland« würde Großbritannien seine weltherrschaftlichen Ansprüche nicht durchsetzen können. Die königlich-britische Überlegenheit auf den Meeren, so stark sie auch sein mochte, sei nicht in der Lage, an den Kern des russischen Reiches heranzukommen. Selbst Seeblockaden würden da nicht helfen. Dies umso weniger, seit durch moderne Technologien die Verkehrs­infra­struktur im Inneren des Herzlandes besser und von äußeren Einflüssen unabhängiger würde.69 Britische Herrschaftspläne, so die Warnung des Geografen an die königliche Gesellschaft, dürften die Kraft dieser eurasischen Landmasse nicht unterschätzen. Es sei mit allen Mitteln zu verhindern, dass sich diese durch eine Annäherung Deutschlands und Russlands potenzierte. Mackinders Kampfruf von 1904 war in erster Linie gegen Deutschland geschrieben, vor allem gegen eine Allianz Berlins mit Sankt-Peter­burg.

Nach dem Ersten Weltkrieg, im Jahr 1919, verkürzte Mackinder seine Hauptthese auf drei Sätze: »Wer Osteuropa regiert, beherrscht das Herzland; wer das Herzland regiert, beherrscht die Weltinsel; wer die Weltinsel regiert, kontrolliert die Welt.«70 Der Respekt vor einer eurasischen Weltmacht, das spürt man in dieser Analyse, war in London auch nach vier für Russland und Deutschland verheerenden Kriegsjahren noch vorhanden. Spätere Generationen – von Nazi-Ideologen bis US-Imperialisten – wärmten die Heartland-Theorie immer wieder auf und legten sie Einkreisungsplänen gegenüber der Sowjetunion und Russland zugrunde. Darauf wird noch zurückzukommen sein.

Das wilhelminische Deutschland war zur selben Zeit, in der Mackinder der britischen Krone indirekt Angriffspläne diktierte, um mögliche eurasische Integrationsversuche im Keim zu ersticken, mit anders gearteten, im Kern jedoch ähnlichen Problemen beschäftigt. Seine Strategen steckten bereits in Kriegsvorbereitungen, und die Propagandaabteilungen arbeiteten mit Hochdruck am Bild einer slawischen, einer russischen Gefahr, der rechtzeitig begegnet werden müsse.

Der Rüstungsindustrielle und spätere Reichsaußenminister Walther Rathenau gab den Takt bei den deutschen Erweiterungsplänen an, die 1914 zur Kriegserklärung führten. Bereits ein Jahr zuvor rief er als Aufsichtsratsvorsitzender des elektrochemischen AEG-Konzerns dazu auf, sich offensiver, aggressiver zu verhalten. Das im Zeitalter des Kolonialismus zu kurz gekommene Deutschland, so sein Credo, müsse sich nehmen, was es (gemeint war: seine Industriellen) brauchte. »Die letzten hundert Jahre bedeuteten die Aufteilung der Welt«, schrieb Rathenau: »Wehe uns, daß wir so gut wie nichts genommen und bekommen haben! Nicht politischer Ehrgeiz und nicht theoretischer Imperialismus rufen diese Klage aus, sondern beginnende wirtschaftliche Erkenntnis. (…) Erzlager werden eines Tages mehr gelten als Panzerkreuzer«,71 fügte er hinzu. Nicht theoretisch, sondern praktizierend sollte also der deutsche Imperialismus sein, den sich einer der führenden Unternehmer seiner Zeit wünschte. Russland mit seinen unendlichen Weiten, Kohle- und Erz­lager­stätten bot sich in dieser Sicht als quasi »natürlicher« Expansionsraum an. Rathenau machte keinen Hehl daraus, dass Kontrolle über Rohstoffe auch die Eroberung entsprechender Länder bedeutete: »Es wird Zeit, daß wir es kennenlernen und daß wir unumwunden bekennen und aussprechen: Ja, es ist wahr, wir haben Nöte und Bedürfnisse. Wir können nicht in einem Menschenalter hundert Millionen Deutsche mit den Produkten einer halben Million Quadratkilometer einheimischen Bodens und einer afrikanischen Parzelle72 ernähren und beschäftigen … Wir brauchen Land dieser Erde.«73

Am 1. August 1914 erklärte Berlin Russland den Krieg. Nur vier Wochen danach verlor die zaristische Armee in einer Schlacht bei Allenstein (Olsztyn), die als »Schlacht von Tannenberg« in die Militärgeschichte einging, 30.000 Mann und zählte 100.000 Verwundete. Die deutsche Expansion begann verheißungsvoll; in der Kriegspropaganda Berlins wurde Tannenberg zum Synonym für »Wir schreiten voran, wir schaffen es«.

An der Propagandafront hieß es von Anfang an: »Nach Osten!«. Die gleichnamige Flugschrift von Alfons Paquet sollte zur ideologischen Bibel des Vormarsches gegen Russland werden. Der 1881 in Wiesbaden geborene Alfons Paquet war ein umtriebiger Journalist, der für liberale und deutsch-nationale Zeitschriften tätig war, bevor er unmittelbar nach Kriegsausbruch Mitarbeiter des Stellvertretenden Generalkommandos XVIII der Armee,74 mit anderen Worten: im militärischen Nachrichtendienst für Propaganda zuständig wurde. Bestimmt kannte Paquet die »Heartland«-Theorie Mackinders; für den deutschen Gebrauch zog er weitreichende Schlussfolgerungen daraus. Russland stand kurz vor dem Zerfall, so sah es jedenfalls die überwiegende Mehrheit der kriegs­begeisterten Deutschen. Es wartete nur mehr darauf, in seine Bestandteile zerlegt und dem Nutzen des Siegers zugeführt zu werden. In der Propaganda-Schrift Paquets las sich diese »Gewissheit« folgendermaßen: »Russland ist der Steinbruch, aus dem einmal jene große Landbrücke gebaut werden wird, die das mittlere Europa mit dem Morgenland verbindet. Und aus dem Material dieses Steinbruchs muss zugleich die Scheidewand gebaut werden, die uns für immer von der moskowitischen Öde trennt.«75 Der Historiker Gerd Koenen nennt das deutsche Vorhaben eine »strategische Amputation des Russischen Reiches«. Und Paquet weiß auch, an welchen Gliedmaßen anzusetzen ist, um die Zerstückelung erfolgreich durchführen zu können: Finnland, Polen, die Ukraine und Georgien sollten aus der russischen Verwaltung herausgelöst werden. Dort lebten jene am wenigsten russifizierten Völker im Zarenreich, die sich für den deutschen Vormarsch – so die feste Überzeugung der Berliner Strategen – am ehesten instrumentalisieren ließen. Paquet war der erste, der die Schwachstelle des russischen Bären klar und deutlich benannte: Es war die ethnische Komponente oder – wie es damals hieß – die »kulturelle Scheidelinie«, an der die Zerschlagung Russlands anzusetzen habe. Diese Scheidelinie hat eine lange politische und religiöse Geschichte und reicht von Sankt-Peter­burg, das ab 1914 Petrograd hieß, über Smolensk und das Schwarze Meer bis in den Kaukasus.76 Bis zu dieser Linie sollte der deutsche Einfluss auf jeden Fall reichen, wenn nicht darüber hinaus.

Der Plan war fertig, der Bär jedoch noch lange nicht erlegt. Kein Kriegsmonat verging, in dem nicht die führenden Industriellen Deutschlands voran – nach Osten – drängten. Im September 1914 verfasste Stahlbaron August Thyssen eine Denkschrift, in der er seine Vorstellung eines zukünftigen Russlands darlegte: »Vielleicht interessiert es Sie, meine Ansichten in grossen Umrissen über die zukünftige Gestaltung Europas kennen zu lernen. Werden wir den Krieg so glorreich durchführen, wie wir ihn begonnen haben, dann werden wir Frankreich und Russland niederwerfen und beiden Staaten die Bedingungen zu Lande diktieren können, die wir für notwendig erachten.« Dann wird Thyssen konkret: »Russland muss uns die Ostseeprovinzen, vielleicht Teile von Polen und (das) Dongebiet mit Odessa, Krim, sowie asowsches Gebiet und den Kaukasus abtreten, um auf dem Landwege Kleinasien und Persien zu erreichen.«77 Auch diesem großen Plan liegt die Erkenntnis Mackinders zugrunde, nach der es das »Herzland« ist, das es zu kontrollieren bzw. von dem es Teile zu beherrschen gilt.

Auch Thyssens Konkurrent Hugo Stinnes, mit dem er gleichwohl eine Vielzahl von Wirtschaftskooperationen einging, stellte geopolitische Überlegungen an und schrieb sie, gemeinsam mit dem Nationalökonomen Hermann Schumacher, ebenfalls in einer Denkschrift nieder. Im November 1914 mahnte er vor der Maßlosigkeit deutscher Ansprüche gegenüber Russland. Das »eigentlich großrussische Gebiet soll nicht angetastet werden«, diktiert er seiner Sekretärin, sondern es gelte, die ganze Kraft auf die westlichen Ränder des Zarenreiches zu lenken. In anderen Worten: »… (Es) muß das Bestreben darauf gerichtet bleiben, den Gegensatz zwischen Russen und Polen in aller Schärfe zu erhalten (…), sowie ferner denjenigen zwischen Russen und Kleinrussen78 möglichst zu benutzen und zu vertiefen.«79 Nach der Lektüre solcher Denkschriften, die immerhin von den wichtigsten Unternehmerfiguren zu Papier gebracht wurden, wähnt man sich im falschen Jahrhundert. Fast auf die Jahreszahl genau, nur hundert Jahre später, stehen dieselben Begehrlichkeiten auf der Agenda der nun EU-europäischen Politik.

Im Spätsommer 1915 gelang es der deutschen Heeresleitung nach dem Rückzug russischer Truppen, im Baltikum eine eigene – wenn auch kurzlebige – Territorialität zu etablieren. »Ober Ost« nannte sie das militärisch verwaltete Gebiet. Es umfasste Kurland (einen Teil des heutigen Lettland), Litauen und nordöstliche polnische Gebiete. General Erich Ludendorff, Stellvertreter des Generalfeldmarschalls Paul von Hindenburg, sah in »Ober Ost« bereits die Grundstruktur eines Staates verwirklicht, in dem nicht-russische Völker aus dem Zarenreich unter deutscher Kontrolle vereint und später auch als Staat anerkannt würden. Die beiden Deutschen waren stolz, denn »›Ober Ost‹ hatte sich zu einem beeindruckenden, unabhängigen Militärstaat im Osten, einem militärischen Utopia im Osten« entwickelt, wie der aus einer litauischen Familie stammende US-Historiker Vėjas Liulevičius schreibt.80

»Ober Ost« entsprach dem expliziten Kriegsziel der Schaffung von Pufferstaaten am Rande eines verkleinerten Russlands, wie es von höchster Stelle bereits zu Beginn des Feldzuges gegen Russland ausgegeben worden war. Am 11. August 1914 schrieb Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg in einem Erlass an den deutschen Botschafter in Wien, dass es darauf ankäme, antirussische Aufstandsbewegungen anzuschieben, zum einen »als Kampfmittel gegen Rußland«, und zum anderen »weil im Falle glücklichen Kriegs­aus­ganges die Bildung mehrerer Pufferstaaten zwischen Rußland und Deutschland bzw. Österreich-Ungarn zweckmäßig würde, um den Druck des russischen Kolosses auf Westeuropa zu erleichtern und Rußland möglichst nach Osten zurückzudrängen.«81

Eine ähnliche Rolle wie »Ober Ost« kam auch dem im Mai 1915 von den Mittelmächten militärisch eingenommenen »Kongress-Polen« zu, dem bei den Aufteilungen Polens im 18. Jahrhundert Russland zugesprochenen Teilungsgebiet. Berlin und Wien gliederten das Gebiet in die Kriegswirtschaft ein: Nahrungsmittel, Kohle und Erze wurden abtransportiert. In Hinblick auf den politischen Status schwebte dem österreichischen Kaiser anfangs eine austro-polnische Lösung vor; »Kongress-Polen« sollte an Galizien angeschlossen werden. Im Zwei-Kaiser-Manifest vom 5. November 1916 schwenkte der Habsburger schließlich auf den deutschen Plan der Hohenzollern ein. Dieser sah die Ausrufung eines eigenen polnischen Staates auf dem ehemals russischen Teilungsgebiet mit eingeschränkter Selbstverwaltung unter deutsch-österreichischer Oberherrschaft vor.

Die Ukraine zwischen den Fronten

Es war das Herauslösen der Ukraine aus dem Russischen Reich, das damals – wie heute – eine zentrale Rolle in den deutschen Planungen spielte. In Militär- und Geheimdienstkreisen machte sich dafür eine eigene sogenannte »Osteuropäische Schule« Gedanken, wie das zaristische Vielvölkerreich entlang der ethnischen Linien gespalten werden könnte. Die Rede war von einer eigenen »Randstaatenpolitik«,82 die – anders als groß- und alldeutsche Ansätze – nicht-russischen Völkern eine gewisse Selbstständigkeit gewähren sollte. Einer der führenden Köpfe dieses Ansatzes war der im damaligen russischen Kurland aufgewachsene Deutschbalte Paul Rohrbach. Während des Ersten Weltkrieges arbeitete er im deutschen Auswärtigen Amt. In seiner Schrift Die russische Revolution – gemeinsam mit Axel Schmidt verfasst – reagierte er auf die Oktoberereignisse des Jahres 1917 und machte sich Sorgen um eine mögliche Konsolidierung Russlands unter revolutionärer, roter Fahne. Der, wie er es nennt, »Zwangsverband zwischen den Großrussen und den Fremdvölkern« müsse aufgelöst werden. Und Rohrbach wird deutlich: »Entscheidend hierfür ist die Lösung der ukrainischen Frage. Bleiben die Ukrainer Untertanen der Moskowiter, so bleibt das Grundelement der russischen Gefahr sowohl direkt durch die ungeheure Zahl und das reißende Wachstum der russischen Masse, als auch indirekt durch die Fortdauer des russischen Willens nach Konstantinopel erhalten.«83

Am (julianisch gerechnet) 3. März 1917 fand die Romanow-Dynastie und mit ihr der Zarismus ein Ende. Hungerrevolten, massenhafte Desertionen und Meutereien hatten einen revolutionären Prozess beflügelt, der am 25. Oktober in Petrograd kulminierte und als »Oktoberrevolution« in die Weltgeschichte einging. Der Führer der Bolschewiki, Lenin, war im April 1917 über Deutschland, Schweden und Finnland aus seinem Schweizer Exil nach Petrograd zurückgekehrt. Berlin unterstützte die Heimkehr des Revolutionärs im legendären »plombierten Waggon«84 in der Hoffnung, damit Russland zu schwächen und seine eigenen Kriegsziele leichter erreichen zu können. In einem als »streng geheim« klassifizierten Akt des Auswärtigen Amtes vom 29. September brüstet sich der kaiserliche Legationssekretär Kurt von Lersner mit dieser erfolgreichen »Minierarbeit« zwecks Unterstützung der bolschewistischen Kräfte. Dort heißt es: »Die Bolschewiki-Bewegung hätte ohne unsere stetige Unterstützung nie den Umfang annehmen und den Einfluß erringen können, den sie heute besitzt.«85

Und tatsächlich sollte es sich für den Kaiser – allerdings nur für sehr kurze Zeit – bezahlt machen, dass Berlin in Petrograd auf die bolschewistische Karte gesetzt hatte. Die deutsche Führung wusste die politischen und militärischen Wirren unmittelbar nach der Revolution zu nutzen.

Überall im Russischen Reich hatte die Revolution widerstreitende politische Umgestaltungsprojekte auf den Plan gerufen. Sozialrevolutionäre konkurrierten mit Bolschewisten; Räte, zaristische Getreue und Anhänger eines bürgerlichen Parlamentarismus rangen um Vorherrschaft in einer von Kriegswirren, Chaos, spontanen Aufständen und Landenteignungen gekennzeichneten Landschaft. Ausländische Mächte mischten bei den Auseinandersetzungen um zukünftige Ausrichtungen und Grenzziehungen mit. Auf dem Gebiet der Ukraine hatte sich im Laufe der Revolutionen vom Februar und Oktober 1917 ein sozialrevolutionär ausgerichteter Zentralrat (Rada) mit Sitz in Kiew gebildet, der mit dem vorwiegend im Osten, von Charkow/Charkiw aus operierenden Bolschewiki rivalisierte. In der Frage der Unabhängigkeit oder Zugehörigkeit zur Russländischen Föderation schwankten die Positionen. Vor dem Hintergrund bolschewistischer Terraingewinne erklärte die Rada im Jänner 1918 die Ukraine für unabhängig; kurz darauf ersuchte sie die Mittelmächte um militärischen Beistand gegen die Bolschwiken.

Die militärische Lage der Mittelmächte stand Anfang 1918 auf Messers Schneide. Die große Streikwelle und die Hunger­unruhen im Jänner 1918 signalisierten eine weit verbreitete Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung mit der Gefahr einer revolutionären Erhebung nach russischem Vorbild. Der im Dezember 1917 in Brest-Litowsk mit Russland geschlossene Waffenstillstand entlastete das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn an der Ostfront. In seinem Schatten boten die Mittelmächte der Rada-Führung in Kiew einen Separatfrieden an. Im Tausch für die Lieferung von einer Million Tonnen Brotgetreide erkannte Berlin deren Unabhängigkeit an. Mit den im sogenannten »Brotfrieden« zugesagten Nahrungsmitteln hoffte das Deutsche Reich, die Bevölkerung daheim beruhigen und weiter Krieg führen zu können.

Am 18. Februar 1918 marschierten deutsche und österreichische Soldaten in die Ukraine ein und errichteten zwei Besatzungszonen. Österreich-Ungarn instal­lierte sein Oberkommando in Odessa, die deutsche Militärführung ihres in Kiew. Der gesamte Schwarzmeerraum von Bessarabien über die Krim bis zum Kaukasus stand unter deutscher bzw. österreichisch-ungarischer Kontrolle. Vor diesem Hintergrund blieb dem revolutionären Russland unter Führung des Volkskommissars für äußere Angelegenheiten, Leo Trotzki, keine andere Wahl, als am 3. März 1918 dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk zuzustimmen, dessen ungünstige Bedingungen in Versailles teilweise wieder revidiert werden sollten. Das Überschreiten der Waffenstillstandsgrenze durch deutsche und österreichische Truppen am 18. Februar und die anschließende Besetzung der Ukraine zwangen den russischen Delegationsleiter Trotzki zum Einlenken.86 Die russische Demütigung von Brest-Litowsk liest sich in Zahlen folgendermaßen: Russland verlor in diesem im März 1918 aufgezwungenen Friedensvertrag 26% seines europäischen Territoriums, 27% des anbaufähigen Landes, insgesamt 1,4 Mio. Quadratkilometer Land, auf dem 60 Mio. Menschen – ein Drittel der Gesamtbevölkerung des Reiches – leben.87

Eine Hauptaufgabe der Besatzungsmächte bestand in der Organisation von Lebensmittelrequirierungen. Dies ging mit dem Kampf gegen ukrainische Bolschewisten und der Niederschlagung lokaler Aufstände einher. Die Zentral­rada wurde aufgelöst und durch ein den Besatzern genehmes Staatsoberhaupt ersetzt, den Großgrundbesitzer Pawlo Skoropadskyj, dessen Hetmanat sich bewusst an eine frühere ukrainische Staatlichkeit anlehnte.

Wie groß die Rolle der Ukraine in den deutschen Planungen für die Nachkriegszeit war, zeigt ein 1918 in Deutschland weit verbreitetes Plakat, das vermutlich auch im Schulunterricht Verwendung fand. Auf ihm sind politische und sozio-ökonomische Karten der Ukraine zu sehen. Mit Blick auf die begehrte fruchtbare Schwarzerde im Süden und die Rohstoffe im Osten des Landes steht am Rande des Plakates zu lesen: »Die landwirtschaftliche Produktion der Ukraine im Frieden könnte den Bedarf der Mittelmächte (also auch Deutschlands, d. A.) sicherstellen, ihre reichen Schätze an Kohle, Erze, Salz und Petroleum würden einen Überschuß für Mitteleuropa lassen.«88 Die Ukraine, da waren sich beim Zusammenbruch des Zarismus Unternehmer, Politiker und offensichtlich auch Lehrer einig, würde künftig deutschen Interessen dienen.

Die tatsächliche Getreideaufbringung blieb allerdings weit unter den Erwartungen und im November 1918 löste sich die deutsche Ostarmee im Chaos auf. Teile blieben weiterhin im Lande. In den Bürgerkrieg zwischen »Rot« und »Weiß« um die Kontrolle des Landes griffen im Sommer 1918 auch Tausende britische, französische und US-amerikanische Truppen ein. Sie landeten in Murmansk und Archangelsk, zu Jahresende auch in Odessa. Der Friede von Riga, der am 18. März 1921 zwischen Sowjetrussland und Polen geschlossen wurde, trug indirekt zum Ende des russischen Bürgerkriegs zwischen »Rot« und »Weiß« bei. Weite Teile der westlichen Ukraine fielen mit ihm an Polen; der Osten wurde sowjetisch. Die damit einhergehende Entlastung an der Westfront nutzte die Rote Armee, um die Weißen in anderen Landesteilen zurückzudrängen.

Mit dem »Diktatfrieden« vom 3. März 1918 war für kurze Zeit die Voraussetzung für ein von Friedrich Naumann mitten im Krieg zu Papier gebrachtes Mitteleuropa-Projekt gegeben, dessen Kern er im Zusammenwachsen des Deutschen Reiches mit Österreich-Ungarn sah. »Absichtlich schreibe ich mitten im Krieg«, erklärt der Theologe und liberale Politiker den LeserIn­nen seine Beweggründe, »denn nur im Krieg sind die Gemüter bereit, große umgestaltende Gedanken in sich aufzunehmen.« Die Grundlagen der neuen Gestaltung müssen, so Naumann weiter, »im Krieg, im Fließen des Blutes und im Wogen der Völker gelegt werden. Später könnte und würde es zu spät sein.«89 Das hier positiv beschriebene Zeitfenster des Völkerschlachtens wollte die Oberste Heeresleitung nutzen, um jenseits der »mitteleuropäischen« Konsolidierung militärisch nach Osten auszugreifen. Nach dem Frieden von Brest-Litowsk schienen die Generäle Paul von Hindenburg und sein Stellvertreter Erich Ludendorff ihr Ziel erreicht zu haben: Von Finnland über die baltischen Gebiete, die Ukraine und die Krim bis zum Kaukasus erlaubte der Zusammenbruch an der Ostfront die Bildung einer Art Cordon sanitaire. In dieser gegen das russische Kernland einzurichtenden Pufferzone würden deutsche und österreichische Konzerne ihre wirtschaftlichen Interessen durchsetzen können.

Während sich deutsche Soldaten auf der Krim und in Odessa herumtrieben, um mit allerlei Hilfstruppen vor Ort ihr Interessensgebiet abzustecken, gerieten die seit den 1860er Jahren ausgebeuteten kaukasischen Erdölfelder ins Visier britischer und US-amerikanischer Konzerne. Rund um Baku am Kaspischen Meer lagen riesige Reserven des schwarzen Goldes. Darauf wollten sich die USA und Großbritannien einen Zugriff sichern. Um dafür gerüstet zu sein, gingen Shell und Standard Oil in die Offensive. »In Erwartung, daß das Sowjetregime in kürzester Zeit politisch, militärisch und vor allem wirtschaftlich zusammenbrechen würde«, schrieb der deutsch-amerikanische Publizist und Wirtschaftsfachmann William Engdahl, »hatte Shell-Chef Deterding heimlich seine Fühler nach Paris ausgestreckt und dort alle Wertpapiere und Konzessionsbriefe für die Ölfelder Bakus aufkaufen lassen. Sie stammten aus der Zeit vor der Revolution und schienen inzwischen wertlos geworden zu sein. Entsprechend billig waren sie zu haben. Er gründete die Anglo-Kaukasische Ölgesellschaft, in die er die Ölkonzessionen für Baku einbrachte.«90 Die wirtschaftliche Grundlage zur Ausbeutung des kaukasischen Öls schien gelegt. Politisch setzten die Briten und Amerikaner Ende 1918 auf den ins Exil nach Paris geflüchteten Vertreter der weißen Generalität, Boris Sawinkow. Sawinkow gehörte vor der Oktoberrevolution zum bewaffneten Arm der Sozial­revo­lu­tio­näre und wandte sich nach der Machtübernahme der Sowjets den Weißen zu. Da er über beträchtliche Kontakte sowohl im Exil als auch zu den militärischen Spitzen der Konterrevolution wie General Peter von Wrangel und Admiral Alexander Kol­tschak verfügte, fanden Washington und London in ihm einen brauchbaren Partner. Die Briten und Amerikaner steckten ihm hohe Geldbeträge zu. Damit bestach Sawinkow die Truppen von von Wrangel und stellte eine Verbindung zu den westlichen Geheimdiensten, insbesondere zum im Jahre 1909 gegründeten britischen Secret Intelligence Service (SIS) her.91 Parallel zur Finanzierung der antisowjetischen Kräfte rückten britische und US-amerikanische Truppen, vom nördlichen Hafen Archangelsk kommend, in Russland vor. Im ölreichen Aser­bai­dschan hielten sich die Soldaten Georgs V. bis in das Frühjahr 1920, als die Rote Armee dem imperialistischen Spuk ein Ende setzte. Der aus deutsch-baltischem Adel stammende von Wrangel war der letzte weiße Militärführer, der sich Mitte Oktober 1920 der Roten Armee geschlagen gab und von der Krim aus ins Exil ging.

Henri Deterding, Gründer und Hauptaktionär des Shell-Konzerns, öffnete zusätzlich zu den aus dem britischen Budget aufgebrachten Mitteln noch die Privatschatulle seines Unternehmens, mit der er – sicher ist sicher – eine kaukasische Separatistenbewegung finanzierte, um die Sowjets in Schach zu halten.92 Neben dem britischen Unternehmen Shell war es vor allem John D. Rockefellers Standard Oil, die auf US-amerikanischer Seite Druck machte, um an das russische Öl zu kommen. Ein Korruptionsskandal um Erdöl-Schürfrechte in Wyoming (USA), der bis in die höchsten Kreise der Politik reichte, führte dazu, dass die USA im Wettlauf um das kaukasische Erdöl noch vor den Briten ausschieden.

Vom »Drang nach Osten« zum »Volk ohne Raum«

Im Vertrag von Versailles, den Berlin am 28. Juni 1919 unter Protest unterzeichnete, wurde Deutschland und seinen Verbündeten die alleinige Kriegsverantwortung zugesprochen. Die Siegermächte der Entente oktroyierten harte Bedingungen. Deutschland musste große territoriale Verluste, weit reichende militärische Einschränkungen und wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen hinnehmen. Das nach den Ratifizierungen im Januar 1920 gültig gewordene Dokument verkleinerte das Land um Elsass-Lothringen, Nordschleswig, Westpreußen, Posen und kleinere schlesische Gebiete, stellte das Saarland, Danzig und das Memelland unter die Kontrolle des Völkerbundes und erzwang Volksabstimmungen bezüglich staatlicher Zugehörigkeit in einer Reihe von Gebieten. Militärisch verkleinerte Versailles die deutsche Armee beträchtlich und verbot Aufrüstungsvorhaben, Befestigungsanlagen und die allgemeine Wehrpflicht. In wirtschaftlicher Hinsicht verpflichtete der Friedensvertrag Berlin zu hohen Reparationszahlungen und verschaffte den Siegermächten für eine befristete Zeit zollfreien Zugang zum deutschen Markt. Da gleichzeitig durch territoriale Abtretungen sowohl rohstoffreiche und schwerindustrielle Zentren als auch wertvolle landwirtschaftliche Gebiete verloren gingen, sicherten sich Frankreich und Großbritannien mit der Meistbegünstigung im Handel ein riesiges Absatzgebiet.

Fast einhellig war man nicht nur in der deutschen politischen und wirtschaftlichen Elite der Ansicht, dass die Bedingungen von Versailles Deutschland lähmten und seinen Wiederaufbau behinderten. Bald war vom »Schandfrieden« und dem »Versailler Diktat« die Rede. Ähnlich sah das auch einer der britischen Unterhändler, der Vertreter des Schatzamtes John Maynard Keynes. Er trat noch vor dem Abschluss des Vertrages aus Protest zurück. Die harten Bedingungen, so argumentierte er seine Ablehnung, würden in absehbarer Zeit große wirtschaftliche Probleme aufwerfen und sozialen Sprengstoff in sich bergen.93 Keynes sollte auf schauerliche Weise Recht behalten. Und in Deutschland machte sich in intellektuellen Kreisen die Überzeugung breit, dass der Vertrag von Versailles den Nationalisten jene Argumente in die Hände spielte, mit denen Adolf Hitler eine Mehrheit erhalten und schließlich Reichskanzler werden sollte. Der damalige liberale Reichstagsabgeordnete und spätere Bundespräsident Theodor Heuss brachte diese Stimmung auf den Punkt, als er 1932 über die (Wieder-)Gründung der 1925 in München entstandene NSDAP schrieb: »Die Geburtsstunde der nationalsozialistischen Bewegung ist nicht München, sondern Versailles …«94 In der auf Teile des deutschsprachigen Gebiets zusammengeschrumpften Republik Österreich war die Lage nicht viel anders. Hier diktierte der Völkerbund mit der sogenannten »Genfer Sanierung« aus 1922 Massenentlassungen und Sparauflagen. Die damit provozierten sozialen Verwerfungen führten zehn Jahre später zum Aufstieg der Austrofaschisten und zum Ständestaat. Das im Vertrag von Saint Germain festgelegte Anschlussverbot (an Deutschland) erwies sich schließlich am 12. März 1938 als hinfällig.

Im durch Versailles radikal verkleinerten Deutschland erlangten bald nach der Niederschlagung roter Rätebewegungen rechte Kreise eine kulturelle und politische Hegemonie. Eines ihrer eingängigsten Schlagworte war jenes vom »Volk ohne Raum«. Nach den Gebietsverlusten lag es auf der Hand, mit solch einfachen Losungen Politik zu machen und vermeintliche Lösungen anzubieten. Schon im Parteiprogramm der NSDAP vom Februar 1920 hieß es unter Punkt 3: »Wir fordern Land und Boden (Kolonien) zur Ernährung unseres Volkes und Ansiedlung unseres Bevölkerungsüberschusses«.95 Den Begriff »Volk ohne Raum« entliehen sich die Nationalsozialisten übrigens vom Titelblatt eines Romans, den der völkische Schriftsteller Hans Grimm im Jahr 1926 veröffentlicht hatte.96 Bis dahin hörte man vom für Deutsche notwendigen »Lebensraum im Osten«, den die Rechten als »natürlichen Siedlungsraum« am Schwarzen Meer, am Kaspischen Meer und im Kaukasus imaginierten. »Die Sowjetunion«, so der Russland-Historiker Hans-Heinrich Nolte, »war das vorrangige Ziel der deutschen Expansion«.97

Die Vorstellung von der Erweiterung des deutschen Lebensraumes findet sich zu jener Zeit auch in einschlägigen geopolitischen Publikationen. Die geografisch geschulten Geopolitiker waren es auch, die den ursprünglich aus der Biologie stammenden Begriff des Lebensraumes politisierten. Der in Karlsruhe aufgewachsene Zoologe und Geograf Friedrich Ratzel schrieb in einer Publikation aus dem Jahr 1901 als erster vom »Lebensraum« in einem geopolitischen Sinn. Er gilt als Begründer der politischen Geografie. Eine Generation später übernahm Karl Haushofer98 das Ratzel’sche Bild und fügte es in die Gedankenwelt der Nationalsozialisten ein. Haushofer, ein enger Freund Rudolf Heß’, war Professor für Geografie und nach 1934 Präsident der »Akademie zur wissenschaftlichen Pflege des Deutschtums«. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg popularisierte er seine These vom notwendigen Lebensraum über eine wöchentliche Rundfunksendung; nach der Machtergreifung der Nazis erhielt er einen regelmäßigen Sende­platz im Radio. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion zog sich Haushofer, der selbst nie Mitglied der NSDAP war, auf sein bayerisches Anwesen zurück. Für die gewaltsame praktische Umsetzung seiner geopolitischen Vorstellungen konnte er sich nicht erwärmen.

Die Geopolitiker sorgten für den Begriff des Raumes als machtpolitische Vorstellung. Mit der darauf aufbauenden Vision vom »Volk ohne Raum« etablierte sich ein Paradigmenwechsel in der deutschen Ostpolitik generell. Jahrzehnte lang war zuvor das politische Schlagwort vom »Drang nach Osten« in Gebrauch. Anders als die noch aggressivere nationalsozialistische Losung eines »Volkes ohne Raum«, die die Auswirkungen der Niederlage im Ersten Weltkrieg reflektiert, wurzelt die Vorstellung vom »Drang nach Osten« in historischen Tiefen. Sie stellt sich damit in die Tradition spätmittelalterlicher Siedler­bewegungen von Deutschen, die entweder von lokalen Fürsten im Namen des technischen oder organisatorischen Fortschritts angeworben wurden oder unter missionarischem Deckmantel Siedlungsgebiete eroberten. Die damit einhergehende Überlagerung der einheimischen slawischen Bevölkerung durch deutsche Handwerker, Händler und Bauern war ein Nebenprodukt des im Kern wirtschaftlichen oder verwaltungstechnischen Vormarsches. Nationale Ideologie spielte damals keine Rolle.

»Volk ohne Raum« ist für die 1930er Jahre ein radikal neues, modernes Paradigma deutscher Expansionsbestrebung. Die NSDAP bediente sich dieser Parole, während sie vom »Drang nach Osten« kaum mehr sprach. Und sie unterbuttert sie mit offen rassistischer und sozialdarwinistischer Ideologie. Der, den es zu verdrängen gilt, ist der singularisierte und damit seiner vielfältigen Menschlichkeit beraubte »Russe«. Er wird als rassisch minderwertig, schwach, krank und degeneriert dargestellt. Ihn auszulöschen, zu vernichten wird zur zivilisatorischen Aufgabe. Beim Leiter der Deutschen Arbeitsfront, Robert Ley, kann man diese ideologische Begründung einer angeblichen wirtschaftlichen und sozialen Notwendigkeit – »den Raum nehmen« – im Organ des Kampfbundes des Gewerblichen Mittelstandes, Der Deutsche Handel, vom 17. Oktober 1939 nachlesen: »Wir können unseren Auftrag nur daher nehmen, dass wir sagen, es ist von Gott gewollt, dass eine höhere Rasse über eine mindere herrschen soll, und wenn für beide nicht genügend Raum ist, dann muss die mindere Rasse verdrängt und, wenn notwendig, zum Vorteil der höheren Rasse ausgerottet werden. Die Natur rottet überall das Schwache und Ungesunde zugunsten des Starken und Gesunden aus. (…) Aus diesen Gedanken, aus dieser Idee kommt unser Auftrag. Deshalb verlangen wir Boden.«99

Eine neue, konkrete, expansive und rücksichtslose »Ostpolitik« statt einer allgemeinen »Ostorientierung« forderte auch der Führer der NSDAP, Adolf Hitler, in Mein Kampf. Im erst 1927 erschienenen zweiten Band setzt er sich vor allem mit dem Verhältnis Deutschlands zu Russland auseinander, das er als »Prüfstein« für die Partei und das Land bezeichnete.100 Die oberste Devise seiner »Lebensraum-Politik« müsse lauten, »dem deutschen Volk den ihm gebührenden Grund und Boden dieser Erde zu sichern.«101 Die russische Erde bot genug Platz dafür, diese Pläne zu verwirklichen.

Die deutsche Journaille zog nach. Einer der schlimmsten Rassisten, den sie zu bieten hatte, war der aus Reval/Tallinn stammende Deutsch-Balte, mit einer russischen Staatsbürgerschaft ausgestattete Alfred Rosenberg. Der Russen­hass des Chefideologen der NSDAP speiste sich aus Antisowjetismus und Antisemitismus, wobei er die beiden insofern verband, als er die sowjetische Führung als »verjudet« und dementsprechend »rassisch minderwertig« ansah. Das Asiatische, Östliche war für ihn der Feind des Nordischen, Europäischen, Deutschen. Wie hasserfüllt er der Sowjetunion gegenüberstand, zeigt sein Pamphlet Der Mythus des 20. Jahrhunderts, das 1930 erstmals erschien: »Der Bolschewismus«, heißt es darin, »bedeutet die Empörung des Mongoliden gegen nordische Kulturformen, ist der Wunsch nach der Steppe, ist der Hass des Nomaden gegen Persönlichkeitswurzel, bedeutet den Versuch, Europa überhaupt abzuwerfen.« Dieser Gefahr, so Rosenbergs Bekenntnis, müsse man dadurch begegnen, indem man die Slawen »als schmiegsamer Ton in der Hand nordischer Führer«102 der »deutschen Herrenrasse« dienstbar mache. Die ideologischen Pflöcke für den nächsten Feldzug gegen Osten waren spätestens Anfang der 1930er Jahre eingeschlagen, der »Untermensch« identifiziert und nach dessen Eliminierung das Versprechen an die deutsche Gefolgschaft abgegeben, dessen Grund und Boden zu übernehmen.

Den Grundstein für ein revanchistisches Deutschland, das die Folgen seiner Niederlage mit Rassismus kompensierte, legte der Vertrag von Versailles, so wie es Trianon für Ungarn und – mit etwas geringerer Strahlkraft – Saint Germain für Österreich tat. Die Machtübernahme der Sowjets in Russland hatte der herrschenden Klasse in Deutschland zum ethnischen Feindbild des Russen noch den Kommunisten hinzugefügt. Auf diesem Klavier der doppelten Ressentiments ließ sich vorzüglich vorurteilsbeladene, rassistische und antikommunistische Politik spielen. Doch nicht nur Berlin ortete seinen Feind im Osten, auch die Westmächte taten in den 1930er Jahren alles, um Moskau zu demütigen. So insbesondere in einem entscheidenden Moment der europäischen Geschichte zwischen den großen Kriegsgängen. Am 29. September 1938 trafen in München Benito Mussolini, Adolf Hitler, Neville Chamberlain und Édouard Daladier zusammen. Die vier Regierungschefs aus Rom, Berlin, London und Paris segneten die Eingliederung der mehrheitlich deutschsprachigen, sogenannten »Sudenten­gebiete« der ČSR ins Deutsche Reich ab. Die Tschechoslowakei in der Form ihrer 1918 als Vielvölkerstaat gegründeten Republik hörte damit zu existieren auf. Hitlers erste Grenzverschiebung in Richtung Osten blieb auf europäischem Parkett ohne Widerspruch.

Auffällig abwesend bei der Konferenz in München waren nicht nur Vertreter der Tschechoslowakei, um deren Existenz es immerhin ging, sondern auch die Führung der Sowjetunion. Sie war von den Westmächten nicht eingeladen worden. Dies interpretierte Moskau nicht zu Unrecht als Ausschluss aus dem internationalen Konzert und als Versuch, der deutschen Expansion im Osten ohne Widerstand den Weg zu bereiten. Diese Strategie weitergedacht, konnte dies nur bedeuten, dass Westeuropa die UdSSR im Falle eines Angriffs durch Deutschland wohl ebenso im Stich ließe wie es mit der Tschechoslowakei vorgeführt wurde.103 Vor diesem Hintergrund wird der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 verständlicher. Moskau fühlte sich von Frankreich und Großbritannien im Stich gelassen. Stalin garantierte im deutsch-russischen Pakt die sowjetische Neutralität, sollte Berlin Polen angreifen. Das geheime Zusatzprotokoll hingegen, das der Sowjetunion »im Falle einer territorial-politischen Umgestaltung« die Wiederinbesitznahme von Gebieten erlaubte, die dem Zarenreich im Ersten Weltkrieg verloren gegangen waren – was schließlich auch geschah –, zeigt erste (neo)imperiale Züge Russlands unter der roten Fahne.

Trotz offiziell gültigem deutsch-russischen Nichtangriffspakt blieben in Berlin die geopolitischen Planungen für den Osten weiterhin gegen Russland gerichtet. Ein Blick in die Gedankenwelt eines der höchsten NSDAP-Politiker, Reichsführer SS und späterer Reichsinnenminister Heinrich Himmler, mag die deutsche Position nach dem Angriff auf Polen (1. September 1939) und vor dem Überfall auf die Sowjetunion (22. Juni 1941) erhellen. Mit feiner Feder entwirft Himmler in einer Niederschrift vom 15. Mai 1940 ein Zukunftsszenario für Osteuropa, wie es in den Berliner Planungsstäben diskutiert wurde. Es geht, wie gewohnt, um die Kontrolle der Völker im Osten durch den deutschen »Herrenmenschen«: »Bei der Behandlung der Fremdvölkischen im Osten müssen wir daraus sehen, so viel wie möglich einzelne Völkerschaften anzuerkennen und zu pflegen, also neben den Polen und Juden die Ukrainer, Weissrussen, die Goralen, die Lemken und die Kaschuben. Wenn sonst noch irgendwo Volkssplitter zu finden sind, auch diese. Ich will damit sagen«, so Himmler weiter, »dass wir nicht nur das grösste Interesse daran haben, die Bevölkerung des Ostens nicht zu einen, sondern im Gegenteil in möglichst viele Teile zu Splittern zu zergliedern.«104 Neben der vielleicht für Mai 1940 überraschend anmutenden Bemerkung über die Juden, die Himmler als »Volkssplitter« anerkannt wissen will, ist es von größerem Interesse, wie sich der Chef der deutschen Polizei und Reichsführer SS den Umgang mit zu erobernden Gebieten im Osten vorstellt. »Teile und herrsche« ist die sichtbar zum Ausdruck gebrachte Devise. Aber dahinter steht die wahrhaftige Feindortung: Russland. Himmler verliert in der gesamten Niederschrift kein Wort über Russland oder die Sowjetunion, immerhin besteht ja zwischen Moskau und Berlin ein Nichtangriffspakt. Unschwer ist dennoch die Stoßrichtung seiner Planungen erkennbar: Moskau muss geschwächt werden, und zwar über die ethnische Frage, oder wie er es ausdrückt: das »völkische« Moment. Es gilt, wieder einmal, die Ukraine und Weißrussland – nebst möglichst vielen anderen Gebieten – vom russischen Einfluss fern zu halten bzw. aus dem sowjetischen Verband herauszulösen. Das Ziel der »Behandlung der Fremdvölkischen« im Rahmen der Eroberung kommt im strategischen Papier Himmlers nicht vor. Es sind die alten deutschen Pläne, die schon vor und während des Ersten Weltkrieges bestanden hatten, nämlich im Süden Russlands die Kontrolle über Getreidefelder, Erzlager und Erdöl zu erlangen. Deswegen machten die großen deutschen Industriemagnaten aus dem Gefreiten des Ersten Weltkrieges den Führer des Deutschen Reiches.

Mit dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 erhob sich schlagartig eine vielstimmige Propaganda gegen Bolschewismus, Russland und die Russen. Die Heimatfront tobte, wie in jedem Krieg. Der Begriff des »Untermenschen« wurde zum Stereotyp, wenn es darum ging, Russen bzw. Sowjetmenschen zu beschreiben. Eine 1942 vom SS-Hauptschulungsamt herausgegebene Broschüre zeigt am Titelbild einen solchen »Untermenschen«. Er ist breitschädelig, hat einen verschlagenen Blick, einen sklavisch rasierten Kopf, sein zur Fratze verzerrtes Gesicht ist dunkelhäutig; hinter ihm vermitteln Horden von tierisch anmutenden Gestalten die Gefahr, die von Russland ausgeht und die es zu bändigen gilt.105

Deutsche Großraumpläne

Der deutsche Überraschungsangriff gelang, es hatte den Anschein, als ob das Konzept vom »Blitzkrieg«, wie es im Berliner Generalstab entworfen worden war, funktionierte. Mit über 3,5 Mio. Soldaten – darunter Verbündete aus Ungarn, Rumänien und der Slowakei – und 3500 Panzern zog die Wehrmacht gegen Osten.106 Die sowohl an Mannschaft als auch an Material zahlenmäßig überlegene Rote Armee verlor hunderttausende Verteidiger in den Kesselschlachten, über 3 Mio. Rotarmisten ließen sich im ersten Kriegsjahr gefangen nehmen. In dieser Zeit vor der militärischen Wende, als es den Rotarmisten im November 1942 gelang, die deutsche 6. Armee in Stalingrad einzukesseln, herrschte Euphorie in Berlin. Die Vorstellungen über die Neuordnung des eurasischen Kontinents wurden immer größenwahnsinniger; und die Pläne eines von Deutschland geführten Großraumes immer konkreter. Ende 1941 glaubte der deutsche Generalstab – laut sowjetischen Quellen –, bis weit hinter Moskau an die Linie Archangelsk–Kasan–Samara–Stalingrad–Astrachan vordringen zu können. Die Eroberungspläne des »Unternehmens Barbarossa« reichten bis ins russische Herzland, vom Weißen Meer im Norden bis zum Kaspischen Meer.107

Sehen wir uns nur eine von vielen solcher Schriften an, die – den Sieg der Wehrmacht vor Augen – Nachkriegskonzepte für Russland und die Russen schmiedeten: »Die Zukunft der deutschen Herrschaft in Russland« nennt der bekannte SS-Sturmbannführer und Ökonom Giselher Wirsing seine vertrauliche Denkschrift, die der Sozialwissenschaftler Reinhard Opitz dankenswerter Weise in jahrelanger mühevoller Archivarbeit zusammen mit vielen anderen Dokumenten in einem über 1000-seitigem Band öffentlich gemacht hat. »Niemals wieder darf Deutschland und Europa durch eine russisch-asiatische Despotie bedroht werden«, beginnt er seine im August 1942 verfassten nationalsozialistischen Europapläne. Und er fährt fort: »Dies bedeutet, dass ein Gebiet, das voraussichtlich zwischen 70 und 90 Mio. Menschen in sich bergen wird, auf die Dauer von Deutschland – unter begrenzter Mithilfe der übrigen europäischen Völker – beherrscht werden muss. Die breitere Öffentlichkeit im Reich ist sich vorerst nur ganz bedingt bewusst, dass wir im Laufe des letzten Jahres den entscheidenden Schritt von der Grossmacht im alten europäischen Sinne zum Herrschaftsvolk im weltgeschichtlichen Sinne getan haben.« Im Kapitel »Der Grosswirtschaftsraum« wird der Herausgeber und Kommentator mehrerer deutscher Zeitungen sehr konkret, was die geplante Zukunft Russlands betrifft: »Der deutsch-europäische und der russische Wirtschaftsraum ergänzen sich gegenseitig in hervorragendem Masse. (…) Die Voraussetzungen sind also gegeben, dass uns der Russe auf die Dauer nicht als die Träger einer drückenden Fremdherrschaft empfindet, sondern dass er bereit ist, für sich selbst in dem von uns gezogenen Rahmen zu arbeiten und zu produzieren. Es ist dabei von ausschlaggebender Bedeutung, dass der Russe immer den Eindruck hat, dass seine Arbeit auch ihm selbst zugutekommt. (…) Das russische Volk muss also in stärkerem Masse, als dies bisher möglich war, mit positiver Propaganda über die Vorteile, die es bei der Eingliederung in unser europäisches System geniessen kann, bearbeitet werden.«108

Wie ein solches Unterfangen nach den von der Wehrmacht verursachten Verwüstungen in die Tat umgesetzt werden hätte sollen, bleibt – ganz unabhängig von der Frage nach Sieg oder Niederlage – schleierhaft. Die auch an vielen anderen Stellen angedachten Großraumpläne für die Nachkriegszeit gingen allesamt von einem deutsch geführten und beherrschten eurasischen Reich aus, in dem allerdings nicht mehr der plumpe Rassismus gegenüber »Untermenschen« im Vordergrund stand, sondern die Kooptierung einer willig und gefügig gemachten russischen Bevölkerung in ein deutsch-europäisches Projekt. Insofern sind die Töne, die Wirsing und andere insbesondere vor der Schlacht von Stalingrad von sich geben, Vorläufer von Expansionsideen, wie sie 50 Jahre später, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, freilich in anderer, nun moderner klingender Diktion zu hören sind. Die Unterwerfung Russlands unter die Begehrlichkeiten deutscher, europäischer Erweiterungspläne, seien sie geopolitischer und/oder wirtschaftlicher Natur, klingt hier 1942 erstmals in einer strategischen Dimension an. Zynisch formuliert könnte man von der Vision eines Kolonialismus mit menschlichem Antlitz sprechen.

Brachialer und weniger einfühlend gab sich der »Führer« selbst, wie aus nach dem Krieg publizierten »Tischgesprächen« hervorgeht. Anfang November 1941 bricht er eine Lanze für den brutalen Kolonialismus. »Wer Blut vergossen hat«, stellt er einen Vergleich zum britischen Kolonialsystem in Indien an, »hat auch das Recht, die Herrschaft auszuüben.« Die Zukunft Russlands sieht er parallel zu jener Indiens, wenn er sagt: »Was für England Indien war, wird für uns der Ostraum sein. Wenn ich dem deutschen Volk nur eingeben könnte, was dieser Raum für die Zukunft bedeutet!«109 Seine Propagandisten arbeiteten Tag und Nacht daran, die Bedeutung der Eroberung Russlands in entsprechend strahlendes Licht zu rücken.

Bereits drei Monate nach dem Überfall auf die Sowjetunion legte der Reichs­innenminister Wilhelm Frick im Herbst 1941 eine sogenannte »Braune Mappe« vor, die neue Strukturen für die »Zivilverwaltung in den besetzen Ostgebieten« vorgab. Vorgesehen war die Gliederung in »Reichskommissariate«, die bis dahin gültige Verwaltungsgrenzen ablösen sollten. Aus den 15 sowjetischen Verwaltungsbezirken in der Ukraine und den vier in Weißrussland entstanden so sieben Reichskommissariate.110 Dem militärischen Vormarsch folgte das totale Umkrempeln der zivilen Strukturen. Dahinter stand der sogenannte »Generalplan Ost«, der zunächst unter Reichsführer SS Heinrich Himmler erstellt wurde und dessen Konzept auf der Ausweitung eines »Lebensraumes im Osten« für Deutsche fußte. Es ging um nichts weniger als um die Kolonisierung Osteuropas durch das »germanische Element«. In der Version vom Mai 1942 sah der »Generalplan Ost« neben der Germanisierung von Westpreußen und Ostoberschlesien die »Abgrenzung neuer Siedlungsgebiete« (für Deutsche, d. A.) vor: dem rund um Leningrad gelegenen »Ingermanland« im Norden, dem westlich davon befindlichen »Memel-Narew-Gebiet« zwischen Riga, Vilnius und Białystok und dem »Gotengau«111 am Schwarzen Meer mit den riesigen Eisenerzvorkommen in Kriwoj-Rog, dem Industriezentrum Dnepropetrowsk und der Halbinsel Krim. Die ansässige slawische Bevölkerung sollte in mehreren Wellen nach Sibirien deportiert werden. Auch eine Frist hatte sich Berlin dafür ausgedacht; in 30 Jahren wollte man die drei »Reichsmarken« mit Millionen von Deutschen besiedelt haben.

Die Krim gehörte zu den bevorzugtesten Gebieten, in die deutsches Kapital unmittelbar nach ihrer Eroberung durch die Wehrmacht Ende 1941 investierte. In welchem Umfang das geschehen konnte, zeigt die penibel recherchierte Arbeit des Historikerduos Karl Heinz Roth und Jan-Peter Abraham über den deutschen Tabakriesen Reemtsma.112 Der Hamburger Konzern übernahm im Schatten der deutschen Besatzung die Tabakwirtschaft auf der Schwarzmeer-Halbinsel, in der Zehntausende Zwangsarbeiter – der Großteil von ihnen Krimtataren, die nach dem Sieg der Roten Armee u. a. wegen dieser »Kollaboration« mit Nazi-Deutschland deportiert wurden – wie Leibeigene schufteten. Doch damit nicht genug, über Tochterfirmen wie die Kühl-Transit AG baute Reemtsma ganze Güterketten für die Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte auf; so errichtete man »große Kühlhäuser in Simferopol, Sewastopol, Jewpatorija und Kertsch«, mit denen der privilegierte Zugang zu Obst und Gemüse sowie zur Fischerei gesichert wurde.113

Auch in anderer Hinsicht plante Berlin die Übernahme der ukrainischen Landwirtschaft. So wurden Bauern aus verschiedenen Gebieten des Deutschen Reiches in den Jahren 1941 und 1942 große Karrierechancen in den Ostgebieten in Aussicht gestellt. Im niederösterreichischen Gmünd zum Beispiel übten angehende Jungbauern in der Ausbildung zum Landwirt mit ukrainischer Schwarzerde. Dafür wurden Tonnen von ukrainischer Schwarzerde mit der Bahn von der Ostfront ins Hinterland gebracht. Den erfolgreichen Absolventen des bäuerlichen Lehrganges stellte die Schulbehörde nach Kriegsende eine Verwalterstelle auf deutschen Gütern in der Ukraine in Aussicht.114

In einer kritischen Stellungnahme zum »Generalplan Ost« bezweifelt der im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete arbeitende Jurist Erhard Wetzel die ambitionierten Vorstellungen der Umsiedlung von Slawen, um Platz für die Ansiedlung von Deutschen zu machen. In einer als »Geheime Reichssache« deklarierten Abschrift heißt es am 27. April 1942: »Aus dem Plan ergibt sich, dass es sich nicht um ein Sofortprogramm handelt, dass vielmehr die Besiedlung des Raumes mit Deutschen etwa 30 Jahre nach dem Kriege erreicht sein soll. Wie aus dem Plan hervorgeht, sollen 14 Mio. Fremdvölkische in dem Raum verbleiben. Ob diese jedoch innerhalb der vorgesehenen Zeit von 30 Jahren wirklich umgevolkt und eingedeutscht werden, erscheint mehr als zweifelhaft, da auch nach dem vorliegenden Plan die Anzahl der deutschen Siedler nicht gerade beträchtlich ist. (…) Die Kernfrage der ganzen Ostsiedlung ist«, sorgt sich der Jurist, »ob es uns gelingt, im deutschen Volke den Siedlungstrieb nach dem Osten wieder zu erwecken.«115

Ebenso planmäßig wie an die Ansiedlung von Deutschen im Osten ging Berlin an die Vertreibung und Ausrottung von Slawen, insbesondere Russen, heran. Dabei gab es durchaus unterschiedliche Positionen in Nazi-Führungskreisen, was die Härte und Brutalität anlangte, um zum Ziel zu kommen. Über das Ziel jedoch herrschte Übereinstimmung. Es ging um das Zurückdrängen des russischen und das Ausdehnen des deutschen Einflusses, und zwar territorial, ethnisch-völkisch und kulturell. SS-Sturmbannführer Giselher Wirsing spricht sich in einem vertraulichen Papier vom August 1942 dafür aus, bei der Inbesitznahme Russlands eher behutsam vorzugehen. »Die Kolonialzeit im Stile der britischen weltgeschichtlichen Epoche neigt sich ihrem Ende zu. Reine Ausbeutungskolonien können sich in gewissen Teilen Afrikas halten«, schreibt er, meint aber, dass dies in »asiatischen Zonen« nicht mehr so einfach und widerspruchslos möglich sei. Wirsing geht es um den Aufbau einer Ordnung, die »ein Höchstmass von produktiver Leistung erzielen könne«. Mit brachial-kolonialen Mitteln sei da kein Durchkommen, umso weniger, als die weit verbreitete Meinung irrig sei, »der Russe« würde »von Natur aus völlig bedürfnislos« sein. »In Wirklichkeit besitzt das russische Volk eine gerade besonders hervorstechende primitive Freude am Eigentum und Besitz jeder Art.« Dies gebe Hoffnung, so einmal der Bolschewismus beseitigt sei, ein deutschen und europäischen Werten aufgeschlossenes Volk zu formen, das zum Nutzen des Deutschen eingesetzt werden könne.116 Über eine mögliche direkte Eindeutschung äußert sich Wirsing in besagter Denkschrift nicht.

Die Wirklichkeit war noch brutaler. Der Historiker Hans-Heinrich Nolte nennt in seinem Klassiker Kleine Geschichte Rußlands allein 17 Mio. durch die deutsche Soldateska getötete Zivilisten. Davon wurden 7 Mio. ermordet, 7 Mio. verhungerten und 3 Mio. gelten als vermisst. Ein demografischer Vergleich der Jahre 1941 und 1946 kommt unter Berücksichtigung durchschnittlicher Geburts- und Todesraten auf einen Bevölkerungsverlust in der Sowjetunion von 26,6 Mio. Menschen.117 Die Ein­woh­nerIn­nen­zahl sank in diesem Zeitraum von 196,7 auf 170,5 Mio.. Kollektive Gewaltmaßnahmen und Losungen wie »Keine Schonung!« oder »Keine Gefangenen!« begleiteten den Vormarsch der Wehrmacht. Am Ende des Zweiten Weltkrieges lag die Sowjetunion in Schutt und Asche.

64 Hans-Heinrich Nolte, Kleine Geschichte Russlands. Stuttgart 2003, S. 156

65 Alex Peter Schmid, Churchills privater Krieg – Intervention und Konterrevolution im russischen Bürgerkrieg November 1918 – März 1920. Zürich/Freiburg i. Br. 1974, S. 13. Zit. in: Bernhard Rode, Das Eurasische Schachbrett. Amerikas neuer Kalter Krieg gegen Rußland. Tübingen 2012, S. 262

66 ebd.

67 Nolte 2003, S. 152

68 Halford John Mackinder, The Geographical Pivot auf History, in: The Geographical Journal, London, April 1904

69 Vgl. auch: Mathias Bröckers/Paul Schreyer, Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren. Frankfurt/Main 2014, S. 41

70 Halford John Mackinder, Democratic Ideals and Reality. A Study in the Politics of Reconstruction. Washington 1942, S. 194

71 Walther Rathenau, Deutsche Gefahren und neue Ziele (1913). In: Ders., Gesammelte Schriften in fünf Bänden, Bd. 1 1918, S. 267f. Zit. in: Reinhard Opitz (Hg.), Europastrategien des deutschen Kapitals 1900–1945. Bonn 1994, S. 205

72 Da spielt Rathenau auf Deutsch-Südwestafrika an, das heutige Namibia, das zwischen 1884 und 1915 deutsche Kolonie war.

73 Rathenau 1913, S. 205

74 Gerd Koenen, Der Russland-Komplex. Die Deutschen und der Osten 1900–1945. München 2005, S. 64

75 Alfons Paquet, Nach Osten! In: Der Deutsche Krieg. Politische Flugschriften, hg. von Ernst Jäckh, 23. Heft. Stuttgart-Berlin 1915. Zit in: Koenen 2005, S. 64

76 Koenen 2005, S. 65

77 Denkschrift von August Thyssen. Zentrales Staatsarchiv Potsdam, Rdl 19305, B. 19ff. Zit. in: Opitz 1994, S. 222

78 Gemeint sind damit die Ukrainer.

79 Gemeinsame Denkschrift von Hermann Schumacher und Hugo Stinnes. Zentrales Staatsarchiv Potsdam, Reichskanzlei 2476, B. 179-210. Zit. in: Opitz 1994, S. 277

80 Vejas G. Liulevicius, Kriegsland im Osten. Eroberung, Kolonisierung und Militärherrschaft im Ersten Weltkrieg. Frankfurt/Main-Wien 2009, S. 34. Zit. in: Wolfram Dornik, Die wirtschaftliche Ausbeutung Osteuropas durch die Mittelmächte im Ersten Weltkrieg. Vortrag bei den Zeitgeschichtetagen, Wien 2010, Manuskript S. 4

81 Erlass des Reichskanzlers vom 11. August 1914. Zit. in: Wolfgang Schumann/Ludwig Nestler (Hg.), Weltherrschaft im Visier, Dokumente zu den Europa- und Herrschaftsplänen des deutschen Imperialismus von der Jahrhundertwende bis Mai 1945, Berlin 1975, S. 79. Zit. in: Erhard Crome, Die Welt, Europa und Deutschland. In: Peter Strutynski (Hg.), Ein Spiel mit dem Feuer. Die Ukraine, Russland und der Westen. Köln 2014, S. 99

82 Oleh Fedyshyn: Germany’s Drive to the East and the Ukrainian Revolution 1917–1918. New Brunswick/New Jersey 1971, S. 21

83 Paul Rohrbach/Axel Schmidt, Die russische Revolution, Bd. 7. Stuttgart 1917, S. 7. Zit. in: Opitz 1994, S. 413

84 Fritz Platten, Lenins Reise durch Deutschland im plombierten Wagen. Frankfurt/Main 1985. Siehe auch: http://www.nikolaus-brauns.de/Lenins_Fahrt_im_plombierten_Zug.htm (4.5.2015)

85 Zit. in: Koenen 2005, S. 120

86 Kappeler Andreas, Kleine Geschichte der Ukraine. München 1994, S. 172

87 Manfred Weißbecker, Der Feind im Osten. In: junge Welt vom 20. April 2015

88 Unsere Russen, unsere Deutschen, Bilder vom Anderen 1800 bis 2000. Berlin 2008, S. 119

89 Friedrich Naumann, Mitteleuropa. Berlin 1915, S. 1f.

90 William Engdahl, Mit der Ölwaffe zur Weltmacht. Der Weg zur neuen Weltordnung. Wiesbaden 1992, S. 105

91 Engdahl 1992, S. 105f.

92 Bernhard Rode, Das Eurasische Schachbrett. Amerikas neuer Kalter Krieg gegen Rußland. Tübingen 2012, S. 269

93 http://de.wikipedia.org/wiki/Friedensvertrag_von_Versailles (3.5.2015)

94 Theodor Heuss, Hitlers Weg. Eine historisch-politische Studie über den Nationalsozialismus. Stuttgart-Berlin-Leipzig 1932, S. 152. Zit. in: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42625405.html (3.5.2015)

95 25-Punkte Programm der NSDAP, beim Deutschen Historischen Museum. Zit. in: http://de.wikipedia.org/wiki/Volk_ohne_Raum

96 Hans Grimm, Volk ohne Raum. München 1926

97 Nolte 2003, S. 246

98 http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Haushofer (5.5.2015)

99 Der Deutsche Handel vom 17. Oktober 1939. Zit. in: Helmut Krausnick/Harold Deutsch (Hg.), Tagebücher eines Abwehr­offiziers 1938–1940. Stuttgart 1970, S. 576. Zit. in: http://de.wikipedia.org/wiki/Volk_ohne_Raum (3.5.2015)

100 Koenen 2005, S. 396

101 Adolf Hitler, Mein Kampf, 2. Bd., 1927, S. 739. Zit. in: Koenen 2005, S. 397

102 Alfred Rosenberg, Der Mythus des 20. Jahrhunderts. München 1930, S. 113

103 Nolte 2003, S. 247

104 Niederschrift Heinrich Himmlers »Einige Gedanken über die Behandlung der Fremdvölkischen im Osten«. Aus: Zentrales Staatsarchiv Potsdam, Film 3570. Zit. in: Opitz 1994, S. 653

105 Unsere Russen 2008, S. 137

106 Nolte 2003, S. 253

107 Siehe Peter Scholl-Latour, Russland im Zangengriff. Putins Imperium zwischen Nato, China und Islam. Berlin 2007 (2014), Landkarte nach S. 204 im Buchinneren

108 Vertrauliche Denkschrift »Die Zukunft der deutschen Herrschaft in Russland von SS-Sturmbannführer Dr. Giselher Wirsing. Ende August 1942, aus: Zentrales Staatsarchiv Potsdam, Film AA 10579. Zit. in: Opitz 1994, S. 909, 916, 917

109 Gerhard Ritter (Hg.), Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier 1941–1942. Bonn 1951, S. 41 und 42; zit. in: Opitz 1994, S. 857f.

110 Aus den Richtlinien für die Zivilverwaltung in den besetzten Ostgebieten (Braune Mappe). Aus: Zentrales Staatsarchiv Potsdam, Film 734, Bl. 669ff. Zit in: Opitz 1994, S. 819f.

111 Der Name bezog sich auf eine frühe Besiedlung der Krim durch Ostgoten, deren Spur sich allerdings im 7. Jahrhundert verliert.

112 Karl Heinz Roth/Jan-Peter Abraham, Reemtsma auf der Krim. Tabakproduktion und Zwangsarbeit unter der deutschen Besatzungsherrschaft 1941–1944. Hamburg 2011

113 Roth/Abraham 2011, S. 80

114 Gespräche mit Waldviertler Bauern in den frühen 1980er Jahren.

115 »Stellungnahme und Gedanken zum Generalplan Ost des Reichsführers SS« von Dr. Wetzel, Regierungsrat im Reichsministerium für die besetzen Ostgebiete. Aus: Prozessakten des Nürnberger Gerichtshofs, NG-2326. Zit. in: Opitz 1994, S. 869

116 Vertrauliche Denkschrift »Die Zukunft der deutschen Herrschaft in Russland von SS-Sturmbannführer Dr. Giselher Wirsing. Ende August 1942, aus: Zentrales Staatsarchiv Potsdam, Film AA 10579. Zit. in: Opitz 1994, S. 912f.

117 Nolte 2003, S. 250, 263

Vom heißen zum Kalten Krieg (1945–1991)

Mit der Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 betrat eine Macht die Welt­bühne, die bis dahin in Europa keine entscheidende Rolle gespielt hatte. Das änderte sich nun. Die USA waren der Sieger des Zweiten Weltkrieges. Während die Sowjetunion den Frieden mit enormen Verlusten zu bezahlen hatte, gingen die USA gestärkt aus den Schlachten hervor. Das hatte vor allem auch damit zu tun, dass der nordamerikanische Kontinent bis auf einen (japanischen) Luftangriff auf Pearl Harbor in Hawaii am 7. Dezember 1941 vom Kriegsgeschehen verschont blieb.

Berechnungen über die von Nazi-Deutschland angerichteten Zerstörungen in der Sowjetunion gibt es eine Menge. Abgesehen davon, dass sie allesamt Gefahr laufen, im Angesicht des unschätzbaren Leides der Menschen zynisch zu wirken, ist eine statistische Quantifizierung von Kriegsschäden grundsätzlich fragwürdig. Der britische Ökonom Angus Maddison, der für seine volkswirtschaftlichen Datenreihen berühmt ist, hat es dennoch versucht. Sein makroökonomischer Befund interessiert uns weniger wegen der absoluten Zahlen, sondern wegen des aufschlussreichen Vergleichs der Schäden der kriegsführenden Länder. Zu Kriegsende, so Maddison, waren 3% des inländischen Kapitalstocks von Großbritannien, 7% von Italien und 8% von Frankreich zerstört. Für Deutschland berechnet er eine Kapitalvernichtung von 13%, während die überfallene Sowjetunion im Krieg 25% einbüßte und damit fast doppelt so zerstört zurückblieb wie der Aggressor.118 In den USA hingegen boomte die Wirtschaft. Von Detroit bis Baltimore wussten die Unternehmen der Schwer- und Metallindustrie nicht, woher sie die vielen Arbeiter bekommen sollten, die die schnell wachsende und mit Staatsgeldern garantierte Rüstungsindustrie benötigte. Das US-Sozialprodukt hatte sich zwischen 1941 und 1945 fast verdoppelt, die Arbeitslosigkeit sank von 9 Mio. auf Null,119 der Krieg im fernen Europa war, nicht zuletzt mit kräftiger staatlicher Unterstützung, zum Motor der US-amerikanischen Ökonomie geworden.

Nicht nur die Tatsache, dass auf amerikanischem Boden keine Zerstörungen zu beklagen waren, versetzte Washington in die Lage, aus dem Krieg Kapital zu schlagen. Auch der stark verzögerte Eintritt in das Kriegsgeschehen verschaffte den USA am Ende große Vorteile. Schon seit Juli 1942 forderte Stalin von den Westalliierten den Aufbau einer zweiten Front, also das Vorrücken gegen Deutschland von Westen her. Aber London und Washington zeigten Moskau die kalte Schulter. Am 22. Juli 1942 informierte US-Präsident Franklin D. Roosevelt den sowjetischen Botschafter in den USA, Maksim Litwinow, dass eine zweite Front am Unwillen der Briten scheiterte.120 Bis zur Landung der Alliierten in der Normandie Anfang Juni 1944 sollten noch fast zwei Jahre vergehen. In diesem Zeitraum verblutet die russische Zivilbevölkerung und die Rote Armee erleidet höchste Verluste. Bis ins Jahr 1944 kämpften sowjetische Soldaten gegen 60% bis 70% der Wehrmacht, während den Westalliierten nur 1% bis 6% der deutschen Landstreitkräfte gegenüberstanden.121 Hinter diesem Ungleichgewicht zwischen Ostfront und Westfront stehen indes nicht nur militärtechnische Überlegungen, wie sie von britischer und US-amerikanischer Seite immer wieder ins Treffen geführt werden. Die Mobilisierung sei noch nicht entsprechend abgeschlossen, die amerikanische Flotte noch nicht stark genug und die Berechnungen der Stäbe müssten noch überprüft werden, hieß es in unzähligen Memoranden aus Washington und London. In Wahrheit wollten führende Kreise der Westalliierten den Sowjets so lange wie irgendwie möglich nicht zu Hilfe kommen. Entlarvend für diese Position des willentlichen Abwartens ist eine Aussage des damaligen US-Senators (und späteren Präsidenten) Harry S. Truman in seiner Funktion als Vorsitzender des Ausschusses zur Überwachung der Kriegsproduktion. Mit ihr wird auch schon frühzeitig klar, dass Washington schon während des Krieges nicht nur Hitler, sondern auch Stalin als Feind betrachtete. »Wenn wir sehen«, so Truman zwei Tage nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion am 24. Juni 1941, »dass Deutschland gewinnt, sollten wir Russland helfen, und wenn Russland gewinnt, so sollten wir Deutschland helfen. Und auf diese Art lasst sie so viele wie möglich einander umbringen; obwohl ich Hitler unter keinen Umständen siegreich sehen will.«122 Diese Menschen verachtende Aussage Trumans hatte etwas grausam Prophetisches an sich. Es sollte genauso kommen.

Bereits im Jahr 1942, also mitten im Krieg, entwickelte der US-amerikanische Politikwissenschaftler Nicholas Spykman ein geopolitisches Konzept, dem sich u. a. George C. Marshall und Harold Stark, die beide zur Führung des Generalstabs gehörten, verpflichtet fühlten. In seinem Hauptwerk America’s Strategy123 greift Spykman die Theorie von Halford Mackinder aus dem Jahr 1904 auf, mit der die Notwendigkeit der Kontrolle über das russische Herzland argumentiert wird, um weltherrschaftliche Ansprüche umsetzen zu können. Spykman bedient sich allerdings Mackinders Formel nur, um ihr eine andere geopolitische Stoßrichtung zu geben. Ihm zufolge gehe es heutzutage – also in der Epoche nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges – nicht darum, das »Herzland«, Russland, zu beherrschen. Vielmehr müssten die USA die sogenannten »rimlands« kontrollieren, den das russische Kernland umgebenden geografischen Bogen. Die Interpretation dieser »rimlands« schließt Osteuropa, den Balkan und den Mittleren Osten genauso ein wie die innerasiatischen Sowjetrepubliken bis nach Afghanistan und China.124 Später sollte der Stratege und Präsidentenberater Zbigniew Brzeziński diese Theorie aufgreifen und weiterentwickeln.125

In seinem monumentalen, weit über 1000 Seiten starken Werk Das Eurasische Schachbrett outet der Autor Bernhard Rode jenen Mann, der Zbigniew Brzeziński (und Samuel Huntington) auf die Idee brachte, im gegen Moskau aufzubauenden Krisenbogen der »rimlands« auf die islamische Karte zu setzen, um die Sowjetunion an den Rändern ihrer »muslimischen Weichteile« zu destabilisieren. Der 1916 in England geborene Historiker Bernard Lewis galt Jahrzehnte lang als der führende Orientexperte in britischen Geheim­dienst­kreisen und beriet u. a. die US-Präsidenten Jimmy Carter und George Bush junior. »Die gesamte Politik der Carter-Administration gegenüber dem Persischen Golf, Afghanistan und dem südlichen Teil der Sowjetunion waren in ihren Ursprüngen Entwürfe von Bernhard Lewis«, schreibt Rode.126 Tatsächlich hatte der in Princeton lehrende Lewis mit seiner orientalisierenden Sicht auf die Völker Asiens großen Einfluss auf die US-Politik; sein heftigster intellektueller Gegner, Edward Said, warnte immer wieder (vergeblich) davor.

Für die unmittelbare Nachkriegszeit hat Spykman wesentliche Spuren in Richtung Kalter Krieg gelegt. Er gilt als geistiger Vater der Containment-Politik von Präsident Truman, der übrigens im Jahr 1947 jenen George C. Marshall ins Außenministerium berief, der Spykmans geopolitisches Konzept schon während des Krieges begierig aufsog.

Im Kampf gegen Hitler ließen die US-amerikanischen Geostrategen von Anfang an das größere Ganze, die Weltherrschaftspläne, nicht außer Acht.

Die fürchterlichste Ausprägung, um diesem Ziel näher zu kommen, war der Einsatz von zwei Atombomben gegen die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki. Am 6. August 1945 klinkte ein Pilot der US-Luftwaffe »Little Boy« aus dem Befestigungsmechanismus der Maschine. Minuten später war Hiroshima ein Flammenmeer, 100.000 Menschen verkohlten. »Little Boy« hatte das eben erst ins Pentagon übersiedelte Kriegsministerium in euphemistisch-zynischer Allmachtphantasie den Uransprengkopf getauft. Doch damit nicht genug, kam drei Tage später ein Plutoniumriese in Nagasaki zum Einsatz. »Fat Man«, so sein Kosename, legte die zweite japanische Stadt in Schutt und Asche. Nicht zufällig waren die beiden Sprengköpfe mit unterschiedlichem todbringendem Material bestückt gewesen. Beide, Uran und Plutonium, bestanden in den Augen der US-Krieger den Test. “They did the job”, hieß es im entsprechenden Militär-Kommuniqué an das Präsidentenamt.

Bei diesem bislang einzigen militärischen Einsatz der schrecklichsten je von Menschen entwickelten Waffe ging es nicht in erster Linie um den endgültigen Sieg der Alliierten über Japan, wie uns dies Teile der Historikerzunft bis heute weismachen wollen. Japan hatte bereits am 11. Juli 1945 an Moskau ein erstes Kapitulationsangebot abgegeben und dieses in den folgenden Tagen mehrfach wiederholt. Doch die Rote Armee bereitete sich in diesen Tagen auf einen Vormarsch in die Man­dschu­rei vor und war dabei, Japan anzugreifen; und Washington wollte von dem Angebot nichts wissen und lehnte ab.127 Mehr noch als um Japan ging es den Strategen im Pentagon um die Nachkriegshegemonie. Mit den Abwürfen von »Little Boy« und »Fat Man« zielte die US-Führung strategisch auf die Sowjetunion, und dies in mehrfacher Hinsicht. Die verheerenden Auswirkungen der Atombombenabwürfe sollten Moskau (und die Welt) ganz allgemein einschüchtern. Die alleinige Verfügungsgewalt über die militärische Nutzung der Atomtechnologie verschaffte den USA entsprechenden Respekt. Hiroshima und Nagasaki signalisierten auch der Sowjetunion, sie hätte ihre Schuldigkeit im Kampf gegen Hitler und seine Verbündeten getan. »In Wirklichkeit wollte man mit den beiden Atombomben-Abwürfen«, so der Zeitgeschichtler und Journalist Jürgen Bruhn, »dem sowjetischen Alliierten – mit dem man sich zur gleichen Zeit in Potsdam traf, um die Welt neu aufzuteilen – vorrangig die eigene militärische Überlegenheit beweisen.«128 Der Gleichzeitigkeit von Atombombeneinsatz und Friedenskonferenz in Potsdam, die vier Tage vor der Zerstörung Hiroshimas zu Ende ging, widmete sich auch der US-amerikanische Kommentator und Buchautor Gar Alperovitz. Ihm zufolge sollte der Atombombeneinsatz die Rote Armee nicht nur von dem fernöstlichen Kriegsschauplatz abhalten, sondern sie auch in Osteuropa in die Schranken weisen.129

Das Massensterben in den beiden japanischen Städten diente indirekt dazu, die US-amerikanische Vormacht im Fernen Osten für die Zeit nach 1945 festzuschreiben. Und auch für die europäische Front erwartete sich Washington von der Atombombe einiges. US-Außenminister James Byrnes erhoffte sich bereits vor deren Einsatz Vorteile bei der Aufteilung Europas: »Die Bombe wird Russland in Europa nachgiebiger machen,« meinte er im Juni 1945.130

Doch mit den Abwürfen über Japan war der Atomkrieg noch nicht beendet, zumindest nicht für Washington. Die US-Führung plante den Einsatz von Uran- und Plutoniumbomben gegen russische Städte. Der Hamburger Historiker Karl Heinz Roth war der erste deutsche Forscher, der konkrete US-Pläne über atomare Schläge gegen die Sowjetunion aufspürte und veröffentlichte. Im Einsatz gegen Hiroshima und Nagasaki sieht er nur eine mögliche Vorbereitung für einen Angriff auf russische Städte, einen »präventiven amerikanischen Atomkriegsplan gegen die Sowjetunion«131 für den November 1945.

Unter dem Titel »Atombombenziel Sowjetunion« erstellte das Joint Intelligence Committee am 3. November 1945 eine Liste mit 20 sowjetischen Industrie- und Verwaltungszentren, die durch einen »präventiven begrenzen Atomschlag« zerstört werden sollten, für den Fall, dass eine »sowjetische Aggression bevorsteht«.132 Als Abwurfziele werden darin genannt: Moskau, Leningrad, Gorki, Kasan, Omsk, Swerdlowsk, Tiflis und 13 weitere Städte. »Zu den wichtigsten Besonderheiten der Atomwaffen gehört es, große Menschenansammlungen vernichten zu können, und von dieser Besonderheit muß man zusammen mit ihren anderen Eigenschaften Gebrauch machen«, heißt es dazu in der Gebrauchsanweisung.133

Bald war den Strategen in den USA indes klar, dass es mit dem Abwerfen von Atombomben alleine nicht getan sein würde, um die verhassten Kommunisten in Russland in die Knie zu zwingen. Deshalb wurden in der Folge Interventionsszenarien entwickelt, die einerseits an nazi-deutsche Besatzungspläne anknüpften und andererseits auf die ethnische Karte setzten, also vorhandene nationalistische Bestrebungen z. B. in der Ukraine für die eigenen geopolitischen Zwecke instrumentalisieren sollten. Die Interventionspläne der Jahre 1948 bis 1952 trugen Namen wie »Broiler« (»Griller«), »Halfmoon«, »Offtackle«, »Fleetwood« oder »Dropshot«. Bodentruppen sollten Atombombenabwürfen folgen. Im Memorandum 496/1 der kurz zuvor gebildeten »Vereinigten Strategischen Planungsgruppe«, das am 8. November 1947 in den streng geheimen Rundlauf der obersten Heeresführung ging, findet sich wiederum eine Liste wichtiger sowjetischer Städte, die es einzunehmen gelte. Darin werden Zahlen über Militärdivisionen und Jagdfliegereinheiten genannt, um zuletzt auch die ideologischen Gründe für den Angriff nachzureichen. Das Memorandum 496/1, das unter dem Stichwort »Broiler« bekannt geworden ist, nennt als Aufgabe der Besatzungsmission: »Die Vernichtung der kommunistischen Diktatur in der UdSSR und überall auf der Welt« sowie »Die Zurückdrängung Russlands in die Grenzen von 1939; die Einwirkung auf die Bevölkerung einzelner Teile der UdSSR, damit diese einen unabhängigen Status erlangt oder Föderationen bildet.«134

Die Anwerbung einzelner Personen und Gruppen aus nationalen Minderheiten schien Washington ein einfacher und gangbarer Weg, um Zwietracht in der vom Krieg zerstörten sowjetischen Gesellschaft zu säen. Was lag da näher, als auf antikommunistische NS-Kollaborateure zurückzugreifen. Veteranen der von Adolf Hitler Ende 1944 aufgestellten, gegen Moskau kämpfenden Wlassow-Armee, ukrainische Nationalisten aus dem Umfeld Stepan Banderas und baltische Rechte waren billig und schnell rekrutierbar, Überzeugungsarbeit war nicht mehr nötig. Der Historiker Christopher Simpson hat diese von Washington angeleiteten antikommunistischen Netzwerke zum Aufbau militärischer Formationen hinter der sowjetischen Grenze untersucht. Im Baltikum und in der Ukraine bestanden sie bis in die frühen 1950er Jahre. »Die Rekrutierung der CIA in Europa«, schreibt Simpson, »konzentrierte sich oft auf Russen, Ukrainer, Letten und andere osteuropäische Nationalisten, die während des Krieges, als ihre Heimatländer von der deutschen Wehrmacht besetzt waren, mit den Besatzern zusammengearbeitet hatten. Hunderte, vielleicht Tausende solcher Mitarbeiter waren SS-Veteranen, einige ehemalige Funktionäre beim berüchtigten Sicherheitsdienst (SD) gewesen.«135

Als Koordinator dieser geheimen, irregulären Kriegsführung fungierte der Geheimdienstler Frank Wisner, der unter CIA-Chef Allen Dulles weitgehend freie Hand hatte. Zu seinen Aufgaben gehörte es nicht nur, aufstandswillige Antikommunisten zu rekrutieren und sie mit Waffen, Sprengstoff und allerlei technischem Gerät zur Durchführung von Sabotageakten zu versorgen, sondern auch Zielpersonen auszusuchen, die die Amerikaner eliminieren wollten. Allein in der Ukraine wurden auf diese Weise in den ersten Nachkriegsjahren 35.000 sowjetische Kader, Gewerkschafter und Exekutivorgane ermordet. Diese unvorstellbar hohe Zahl gab Wisner im Jahre 1961 selbst und voll Stolz zu Protokoll.136 Der personelle Aderlass für die Sowjetunion ging also nach Kriegsende weiter, nur dass es nun nicht Wehrmacht und SS-Divisionen waren, die mit Hilfe von Kollaborateuren das Mordhandwerk betrieben, sondern vom ehemaligen Alliierten USA bezahlte und ausgerüstete Aufständische. Von Moskau aus betrachtet, hatte der Feind seinen Namen und auch seine Taktik geändert. Nicht mehr von Berlin, sondern von Washington aus kam die Bedrohung, und nicht mehr das ganze Land hatte er im Visier, sondern seine Randgebiete: »rimlands« statt »heartland«.

Ende 1949 wollten die USA dann die Früchte der schmutzigen Kriegsführung in der Ukraine ernten. Dafür beschaffte Chefkoordinator Wisner über inoffizielle Wege Waffen einschließlich Fahrzeuge und Hubschrauber für Hunderte Millionen Dollar. Über eine Fallschirmjägerbrücke plante der US-Geheimdienst, dieses Gerät und 1000 in den USA trainierte Kämpfer in die Ukraine zu fliegen. Man rechnete damit, innerhalb weniger Monate eine Guerillaarmee in der Stärke von 350.000 Mann auf die Beine stellen zu können.137 Vor Ort waren es vor allem Mitglieder der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) mit ihrer herausragenden Figur Stepan Bandera und der mit dieser liierten Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA), die als verlässlichste Partner der USA galten. Viele von ihnen hatten bis zum Kriegsende im Schatten und wohl auch im Solde der Wehrmacht gegen die Rote Armee gekämpft, jetzt wechselte, von der OUN aus betrachtet, nur der ausländische Partner. Der Feind, die Roten, war gleich geblieben. Noch bis 1951 setzten britische und US-amerikanische Dienste antisowjetische Kämpfer im Westen der Ukraine, insbesondere in der Gegend von Lwow/Lwiw ab. Letzte versprengte Reste dieser irregulären Truppen hielten sich bis Mitte der 1950er Jahre. Und dies nicht nur in der Ukraine, sondern beispielsweise auch im Baltikum. Führer der ukrainischen Nationalisten flohen in die Bundesrepublik Deutschland, wo sie die antikommunistische Exilorganisation »Anti-Bolshevik Bloc of Nations« aufbauten. Ihr Leiter Jaroslaw Stezko, der in den 1940er Jahren Stellvertreter von Stepan Bandera war, unterhielt auch kontinuierlich Kontakt zum US-amerikanischen Geheimdienst CIA. Im Jahr 1983 wurde Stezko von US-Präsident Ronald Reagan empfangen, der ihm versicherte: »Ihr Kampf ist unser Kampf, Ihr Traum ist unser Traum.«138 Apropos Kontinuität: Stezkos Witwe, Slawa Stezko, kehrte 1991 aus dem Exil in die postsowjetische Ukraine zurück und beteiligte sich an der Gründung der rechtsradikalen Partei »Kongress der Ukrainischen Nationalisten«, die sich bei den Parlamentswahlen 2002 dem Block »Unsere Ukraine – Nationale Selbstverteidigung« des US-gestützten Präsidenten Wiktor Ju­schtschen­ko anschloss.139

In Vilnius widmet ein großes sogenanntes »Museum der Genozidopfer« den sogenannten »Waldbrüdern«, die sich bis 1953 als antikommunistische Partisanen halten konnten, eine Reihe von ehrenden Sälen. Eine Broschüre mit dem Titel »Der unbekannte Krieg« gibt die Zahl von 30.000 Partisanen an, die sich 1945 in den litauischen Wäldern auf einen Guerillakrieg gegen Moskau und die Kommunisten vorbereiteten.140 Ein letzter, versprengter »Waldbruder«, August Sabbe, kam im September 1978 ums Leben, als er sich seiner Festnahme entziehen wollte. Im heutigen Litauen gilt er als Held.

Von Bretton Woods zum Containment

Direkt unterhalb des Mount Washington, an den Abhängen der White Mountains gelegen, trafen sich am 1. Juli 1944, also noch mitten im Krieg, die Führer der Anti-Hitler-Koalition im noblen Urlaubsressort Bretton Woods in New Hampshire. US-Finanzminister Henry Morgenthau lud die Delegationen von 44 Staaten in den damals mutmaßlich größten Hotelkomplex der Welt. Noch 70 Jahre später kann man in einem seither unberührt gebliebenen Saal die Stimmung jener drei Wochen einfangen, in denen es den USA gelang, die entscheidenden Finanz- und Wirtschaftsinstrumente einer ihren Interessen dienlichen Nachkriegsordnung zu implementieren. In Bretton Woods schlug die Geburtsstunde der Zwillinge Weltbank und Internationaler Währungsfonds (IWF). Die »Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung«, wie die Weltbank im vollen Wortlaut heißt, wurde gegründet, um möglichst weltweit ein günstiges Investitionsklima zu schaffen. Ihr Ziel bestand (und besteht bis heute) darin, »private Investitionen zu fördern, indem sie Garantien für Kredite privater Investoren übernimmt oder selbst Anleihen tätigt«, wie es im Annex der Gründungsurkunde heißt.141 Der IWF wiederum hatte für die Herstellung von Währungskonvertibilität unter seinen Mitgliedsländern zu sorgen, indem er ein Regime zur Kontrolle bzw. zum Verbot von Auf- und Abwertungen von mehr als 10% etablierte. Zugleich wurde mit dem »Dollar-Gold-Exchange-Standard«, der Gold- und Dollarkurs aneinander und andere Währungen wiederum an den Dollar band, der US-Dollar zur Leitwährung aller Teilnehmerstaaten. Die Etablierung dieses multilateralen Zahlungssystems bildete die Basis für die »Ausschaltung von Außenhandelsrestriktionen, die das Wachstum des Welthandels einschränken«,142 so die eingängige Floskel, mit der überschüssiges Kapital üblicher Weise Markterweiterungen einfordert. Jeder Teilnehmerstaat hatte 2% in Gold und 18% in seiner Landeswährung (auf Basis des US-Dollarkurses) einzulegen, den Rest musste er mit dem nationalen Budget garantieren.

Freihandel und Währungssicherheit lauteten mithin die Zielvorgaben der beiden Organisationen, die unter dem Deckmantel der UNO gegründet wurden. Doch anders als die Hauptversammlung der Vereinten Nationen galt (und gilt) hier nicht das Motto »ein Land – eine Stimme«, denn Weltbank und Währungsfonds wurden als Kapitalgesellschaften gegründet. Die Einlagenhöhe bestimmt das Stimmrecht. An den im Sommer 1944 in Bretton Woods projektierten Beitragszahlungen lässt sich exakt ablesen, wessen Interessen hinter der Gründung der Zwillinge standen: Von den 9,1 Mrd. US-Dollar Stammkapital waren 3,175 Mrd. für die USA und 1,3 Mrd. für Großbritannien vorgesehen.143 Zusammen mit den beispielsweise 325 Mio. von Kanada ergibt das bereits über 50% der Stimmen. Zur Sicherung des Einflusses siedelte man die beiden Institutionen in Washington an und dokumentierte damit die Stärke der USA.

Moskau entsandte Michail Stepanow nach Bretton Woods, der die Vorgänge genau beobachtete und den Willen Moskaus bekundete, sich an den Finanzorganisationen zu beteiligen. Die sowjetische Quote hätte 1,2 Mrd. US-Dollar, mithin 13% betragen. Der übergroße Einfluss Washingtons sowie strikte Vorgaben, ausschließlich private Investitionen zu bevorzugen, ließen Stalin dann offensichtlich davon Abstand nehmen, der Weltbank und dem IWF beizutreten. Bis zum Ende der Sowjetunion blieb es auch dabei. Ökonomen wie William Williams144 oder Gar Alperovitz sehen in Bretton Woods nicht zuletzt auch den Versuch Washingtons, die Sowjetunion in die US-Weltmarktpläne einzubinden und den russländischen145 Markt für US-Investitionen zu öffnen. Weil daraus nichts wurde, so ihre These, schwenkte Washington auf feindlichen Kurs, was in der Folge zum Kalten Krieg führte. Dagegen spricht allerdings, dass die USA bereits unmittelbar mit Kriegsende – wie oben beschrieben – auf eine Zerstörung der russländisch-sowjetischen Landesstruktur und auf die Unterstützung nationalistischer Kreise in den westlichen Regionen der UdSSR setzten. Eine gewünschte ökonomische Durchdringung der UdSSR als Ganzes steht jedoch mit der Strategie einer Zerschlagung ihrer Territorialität qua Ethnisierung gesellschaftlicher Widersprüche in Widerspruch.

Die gute Stimmung in Bretton Woods wurde übrigens nur kurzfristig vom australischen Delegierten getrübt, der damals von der regierenden Labor-Partei entsandt wurde. Als dieser einwarf, IWF und Weltbank würden zu sehr auf Währungsstabilität und zu wenig auf Beschäftigung und Arbeitsrechte Wert legen, gab man sich in den Couloirs ein wenig irritiert. Das Anliegen blieb unberücksichtigt, Australien trat trotzdem bei, wenn auch erst zwei Jahre später.

Der Schock, den die zwei Atombombenabwürfe über Japan in Moskau ausgelöst hatten, beschleunigte die sowjetischen Anstrengungen in diesem ersten Rüstungswettlauf mit den USA enorm. Bereits im Juni 1946 waren russische Wissenschaftler in der Lage, Uran herzustellen, und noch im selben Jahr erzeugte der erste Atomreaktor »F 1« am Stadtrand von Moskau eine kritische Masse an spaltbarem Material. Bis zur Zündung einer ersten »roten« Atombombe in der kasachischen Steppe sollten zwar noch fast drei Jahre vergehen;146 die Drohung aus Moskau zeigte jedoch schon zuvor Wirkung. Die sowjetische Rüstungsanstrengung im Verein mit der in US-Militärkreisen um sich greifenden Einsicht, dass mit Atombomben allein dem Kommunismus nicht beizukommen sei, führte spätestens im Jahr 1947 zu einem strategischen Umdenken seitens Washingtons. Man ließ »die Idee des Präventivkrieges vorläufig fallen und wählte die Doktrin der Eindämmung, die ›Containment‹-Politik, als Basis der US-Politik gegenüber Moskau. Im Wesentlichen war das eine Strategie, die unser politisches System dadurch zerstören wollte, daß man ständig an allen Punkten Druck ausübte.«147 So umschrieb der sowjetische Wissenschaftler und Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften, Georgi Arbatow, den Wechsel vom heißen Krieg der Wehrmacht, den die USA kurzfristig gegen die Sowjetunion fortsetzen wollten, zu einem kalten Krieg gegen die kommunistischen Regimes im Osten Europas.

Der Erfinder dieser »Strategie der Eindämmung« hielt sich bedeckt und blieb vorerst anonym. Unter dem Pseudonym »Mr. X« veröffentlichte die Zeitschrift Foreign Affairs in ihrer Juli-Ausgabe 1947 den Aufsatz »Die Quellen des sowjetischen Handelns«. Foreign Affairs ist das Organ des größten und mächtigsten Think-Tanks der USA, dem Council on Foreign Relations. Seit seiner Gründung im Jahre 1921 gehören ihm die kapitalkräftigsten Unternehmungen der allermeisten Branchen an: Bank of America, Chevron, Exxon, Goldman Sachs, JP Morgan und McKinsey finanzierten die Institution von Anfang an.148 Was in Foreign Affairs publiziert wird, hat Gewicht. »Mr. X« forderte in seinem Beitrag die politisch Verantwortlichen im Weißen Haus auf, sich aktiv in die Angelegenheiten Moskaus einzumischen: »Es ist den USA durchaus möglich, durch ihre Aktionen die innere Entwicklung sowohl in Russland selbst als auch innerhalb der gesamten internationalen kommunistischen Bewegung zu beeinflussen. (…) Die USA haben es in ihrer Hand, die Belastungen, unter denen die sowjetische Politik operiert, enorm zu verschärfen und auf diese Art und Weise Entwicklungen zu fördern, die mit der Zeit entweder zum Zusammenbruch oder zur Aufweichung der sowjetischen Macht führen müssen.«149 US-Präsident Henry Truman und Außenminister George Marshall griffen die Anregung von »Mr X.« begierig auf. Die Containment-Politik war geboren. Vom Embargo bis zur permanenten Aufrüstungsspirale trieb Washington für die folgenden 40 Jahre Moskau wirtschaftlich und militärisch vor sich her. »Mr. X« entpuppte sich übrigens bald als George F. Kennan, seines Zeichens US-Botschafter in Moskau.

Auch die für Westeuropa wichtigste Wiederaufbaumaßnahme, der European Recovery Plan, vulgo Marshall-Plan, kann nur vor dem Hintergrund der Containment-Politik verstanden werden. Bis heute gilt der im April 1948 in Kraft getretene Marshall-Plan – fälschlicher Weise – als ein nordamerikanisches Hilfsprogramm für Westeuropa. De facto war er die bis dahin aufwendigste und teuerste Exportförderung für US-Firmen auf ihrem Weg nach Europa. In erster Linie galt es, Hindernisse wie die Nichtkonvertibilität von Währungen – die 16 europäischen Marshall-Plan-Teilnehmer (inklusive der Türkei) waren sich ja eben noch als Kriegsfeinde gegenübergestanden – zu überwinden. Ein eigenes System von »Sonderziehungsrechten« (drawing rights) rechnete Defizite und Überschüsse gegeneinander auf.150 Auf diese Weise wurden Währungen gegenseitig konvertibel und das Risiko für transnationale Investitionen US-amerikanischer Unternehmen berechenbar; sicherheitshalber saßen US-Beamte in den Wirtschaftsministerien aller Teilnehmerländer, um den Lauf jeder einzelnen Investition zu kontrollieren. So durften z. B. in Österreich Marshall-Plan-Gelder nicht in staatliche oder kommunale Projekte wie Wohnbau oder Gesundheitseinrichtungen fließen.

Der Marshall-Plan war jedoch nur die Vorderseite einer Medaille, auf deren Rückseite das exakt zur selben Zeit verabschiedete Coordinating Committee (COCOM) stand. Das COCOM war ein penibel ausgearbeitetes Embargoregime gegen die Sowjetunion und ihre Partnerländer. Auf seinen schwarzen Listen standen Zigtausende von technologisch hochwertigen Produkten, die nicht in kommunistisch regierte Staaten ausgeführt werden durften. Jeder Empfänger von Marshall-Plan-Geldern hatte sich daran zu halten. Erst 45 Jahre später, 1993, strich Washington Ungarn als erstes Land von dieser Embargoliste. Zusammen genommen waren Marshall-Plan und COCOM ökonomische Instrumente zur Eindämmung Moskaus und später des Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe. Während der Marshall-Plan Westeuropa an die Außenhandelsstruktur der USA band, sorgten die Embargolisten für eine möglichst umfassende Isolierung Osteuropas.

In diesem Zusammenhang ist noch erwähnenswert, dass dem Ausdruck »Eiserner Vorhang« für die Grenzlinie zwischen West- und Osteuropa vom britischen Premier Winston Churchill im März 1946 in seiner Fultoner Rede medial zum Durchbruch verholfen wurde. Er wollte mit dieser Metapher vor dem Einfluss der Sowjetunion warnen, den diese im Zuge der Befreiung Osteuropas von Hitlerismus und Wehrmacht gewonnen hatte. »Von Stettin an der Ostsee bis nach Triest an der Adria«, so wird der britische Premier zitiert, »hat sich ein ›Eiserner Vorhang‹ über den europäischen Kontinent gesenkt.«151 Der Begriff des »Eisernen Vorhangs« bestand allerdings schon länger und geht auf eine Rede von Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, zurück, der ihn im Februar 1945 zur Rechtfertigung der letzten verzweifelten Kriegsanstrengungen Berlins gegen die vorrückende Rote Armee verwendet hat.152 Dass Churchill für seine Warnung vor der »eisernen russischen Dampfwalze« ausgerechnet Goebbels zitiert, mag als (symbolischer) Hinweis auf die antikommunistische Kontinuität der Kriegsgegner Deutschland und Großbritannien gelesen werden. Ab Kriegsende galt Moskau als Feind Londons und Washingtons.

Einen letzten Versuch Moskaus, die US-Strategie der Eindämmung zumindest militärisch zu unterlaufen, wischte Washington als unseriös und indiskutabel vom Tisch. Stalin versuchte nämlich, die Gründung einer US-geführten Militärallianz zu verhindern. Ihr einziges Ziel konnte nach der Niederschlagung der Faschismen in Deutschland und Japan nur in einer Bedrohung der Sowjetunion liegen, mutmaßte er nicht zu Unrecht. Wenig bekannt ist, dass Moskau, um dieser Gefahr zu entgehen, einen Antrag auf Mitgliedschaft in der NATO stellte.153 Dieser wurde abgeschmettert, die Nordatlantik-Organisation am 4. April 1949 gegründet. Erst sechs Jahre später, am 14. Mai 1955, zog die kommunistische Staatenwelt nach und rief die Warschauer Vertragsorganisation ins Leben. Die Strukturen für einen Jahrzehnte lang dauernden kalten Krieg, der später als Terminus technicus ein großes K bekommen sollte, waren gelegt.

Und sogleich verlagerten die geopolitischen Strategen der USA einen ihrer Schwerpunkte von der direkten, verdeckt geführten militärischen auf die mediale Front. Das Personal blieb weitgehend dasselbe. Ein bereits in den späten 1940er Jahren etabliertes Komitee zur Befreiung der Welt vom Bolschewismus, das in der 1947 gegründeten CIA auch unter dem Kryptonym »QKACTIVE« geführt wurde, versammelte während des Jahres 1950 die wichtigsten für den Geheimdienst tätigen Personen. In vom Archiv des staatlichen Wilson Centers in Teilen publizierten Protokollen wird die politische Schlagkraft dieses Amerikanischen Komitees für die Befreiung der Völker Russlands (auch mit AmComLib abgekürzt) deutlich.154 Dort trafen im August 1950 u. a. George Kennan und Frank Wisner zusammen, um antikommunistische Pläne zu schmieden. Die Leitung dieser Treffen hatte ein gewisser Henry Chamberlain; er war als führender Russlandexperte in der ultraliberalen Mont Pelerin Society organisiert, die 1947 von Friedrich von Hayek in der Schweiz gegründet wurde.

Gerade die Figur des Frank Wisner ist interessant, verkörpert er doch wie kaum ein anderer die Parallelität von harten (militärischen) und weichen (medialen und kulturellen) Interventionsmaßnahmen der USA. Während des Zweiten Weltkrieges arbeitet der ausgebildete Jurist für das Office of Strategic Services (OSS), die Vorgängerorganisation der Central Intelligence Agency (CIA), baut unmittelbar darauf unter dem Decknamen »Organisation Gehlen« den westdeutschen Geheimdienst auf und wird in der Folge zum wichtigsten Mann von Allan Dulles, dem Leiter der CIA und Bruder von John Foster, seines Zeichens US-Außenminister.155 In dieser Funktion führt er – wie schon 1949 beim oben beschriebenen fehlgeschlagenen Versuch, die Ukraine aus dem sowjetischen Einflussbereich herauszubomben – weltweit Putsche gegen als »Nationalisten« oder »Sozialisten« gebrandmarkte und den USA deswegen missliebige Regierungen durch. Gleichzeitig arbeitet Wisner am Aufbau des »Amerikanischen Komitees für die Befreiung der Völker Russlands«. Dieses AmComLib kam Anfang der 1950er Jahre so richtig in die Gänge.156 Die Einstellung eines eigenen Sondervertreters (inklusive Entourage) für die nicht-russischen Völker, Mikola Abramchyk, lässt erkennen, dass die ethnische Differenz für Washington weiterhin ein wichtiges Merkmal blieb, mit der gegen Moskau vorgegangen wurde.

Der US-Kongress sponserte AmComLib großzügig, und im Jahr 1953 bekam die erste wichtige Initiative Flügel: Radio Liberation, später umgetauft in Radio Liberty und mit Radio Free Europe vereint, ging auf Sendung. Vom hessischen Lampertheim aus strahlte antikommunistische US-Propaganda in russischer Sprache ins russische Herzland. Mitte der 1970er Jahre übersiedelte der Sender nach München; 1995, nach dem Ende der Sowjetunion, an den Wenzelsplatz in Prag. Frank Wisner und seine Nachfolger wussten sich seiner Wellenlängen zu bedienen.

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