Читать книгу: «Ein Winter auf Mallorca»
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George Sand (1804 – 1876) war berühmt, berüchtigt und heftig umstritten. Sie war wohl die erste Frau, die Männerkleider trug, Pfeifen und Zigarren rauchte. Sie machte ihre Liebschaften öffentlich, und das zu einer Zeit, als für Frauen noch Zuchthaus auf Ehebruch stand. Geborene Amantine-Aurore-Lucile Dupin, Urenkelin Moritz’ von Sachsens, verheiratete Baronin Dudevant, lässt sie 1831 ihren Mann und ihre beiden Kinder in der Provinz zurück und geht nach Paris. Ihre Liebesbeziehungen mit Alfred de Musset, Prosper Mérimée, Frédéric Chopin oder der Schauspielerin Marie Dorval sind legendär. Mit ihren zahlreichen Romanen, die sie unter ihrem männlichen Pseudonym veröffentlichte, erreichte sie ihre finanzielle Unabhängigkeit und einen Platz in der Weltliteratur.
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Im November 1838 reisen George Sand mit ihren beiden Kindern und der von Tuberkulose gezeichnete Frédéric Chopin, der sich im südlichen Klima gesundheitliche Besserung erhofft, nach Mallorca. Doch die Reise ist voller Widrigkeiten: Erst nach langer Suche finden sie eine Unterkunft, das verlassene Kloster von Valldemosa, die Bevölkerung verhält sich feindselig und intolerant, mangelnder Komfort und katastrophales Wetter prägen diese Zeit auf der Baleareninsel. Die strenggläubigen Mallorquiner sind geradezu entsetzt: George Sand und ihre Tochter tragen Hosen, Chopin, schwer lungenkrank und schon daher verdächtig, lebt im »Konkubinat« mit George Sand – und keiner der vier geht je in die Kirche! Statt dessen klettert die 34jährige Familienmutter tollkühn über Felsen, schimpft über Ungeziefer im Bett, flucht über Flöhe in der Suppe – und schildert das alles in ihrem amüsanten, farbigen Reisebericht, der hier in einer neuen Übersetzung vorliegt. Sie setzt den Mallorquinern damit ein überaus galliges Denkmal, das heute noch ebenso reizvoll zu lesen ist wie damals.
Den Komponisten Frédéric Chopin lernt George Sand durch Franz Liszt kennen und beginnt 1838 eine Liebesbeziehung mit ihm. Im November desselben Jahres reist sie auf Anraten eines Arztes mit ihren Kindern Maurice und Solange nach Mallorca, da sie sich eine Verbesserung des Gesundheitszustandes ihres Sohnes erhofft, den eine rheumatische Erkrankung quälte. Aber auch Chopin, der an Tuberkulose litt, verspricht sich eine Linderung seines Leidens durch das mildere Klima und schließt sich der Familie an. Während Maurice sich erholt, verschlimmert sich der Gesundheitszustand Chopins zusehends aufgrund von Kälte, mangelnder Hygiene, schlechter Nahrung, fehlender Arznei und schlechtem Wetter. Die unüberbrückbare Distanz der Mallorquiner gegenüber dem unverheirateten Paar lassen den Aufenthalt teils zu einem wahren Alptraum werden. Nach 98 Tagen verlassen Chopin und Sand die Insel wieder. Sie hat später einen ausführlichen, lebendigen Bericht über diese »Familienreise« geschrieben: EIN WINTER AUF MALLORCA
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| Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2011 Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH Bildnachweis: Johannes Vortmann, Gelsenkirchen Lektorat: Dr. Bruno Kern, Mainz eBook-Bearbeitung: Medienservice Feiß, Burgwitz Gesetzt in der Palatino Ind Uni – untersteht der GPL v2 ISBN: 978-3-8438-0002-0 www.marixverlag.de |
Inhalt
Über den Autor
Zum Buch
Notiz
Brief eines ehemaligen Reisenden an einen sesshaften Freund
Erster Teil
I
II
III
IV
V
VI
VII
Zweiter Teil
I
II
III
IV Das Kloster der Inquisition
V
Dritter Teil
I
II
III
IV
V
Kontakt zum Verlag
Notiz
Dieses Buch trägt sein Entstehungsdatum in einem Widmungsbrief an meinen Freund François Rosina und den Grund seines Zustandekommens in den Betrachtungen zu Beginn des vierten Kapitels – ich kann sie nur wiederholen: »Warum reist man, wenn man nicht dazu gezwungen ist?« Heute, da ich von den gleichen Breitengraden zurückkomme, die ich an einem anderen Punkt Südeuropas überschritten habe, gebe ich mir dieselbe Antwort wie bei meiner Rückkehr von Mallorca: Es geht nicht so sehr ums Reisen als vielmehr ums Fortfahren. Wer von uns hat nie einen Schmerz gekannt, den es zu vertreiben galt, oder ein Joch, das abzuschütteln gewesen wäre?
Nohant, den 25. August 1855
George SAND
Brief eines ehemaligen Reisenden an einen sesshaften Freund
Du, der du sesshaft geworden bist aus Pflicht, mein lieber François, glaubst, dass ich, mitgerissen vom stolzen und launischen Zeitvertreib der Unabhängigkeit, in dieser Welt kein glühenderes Vergnügen erlebt habe, als Meere und Gebirge, Seen und Täler zu durchmessen. Und doch habe ich meine schönsten, meine angenehmsten Reisen an meinem Kamin gemacht, mit den Füßen am warmen Feuer und den Armen aufgestützt auf die abgewetzten Lehnen des Sessels meiner Großmutter. Ich bezweifle nicht, dass du ebenso angenehme und tausendmal poetischere Reisen unternimmst: Deswegen rate ich dir, nicht zu sehr der Zeit nachzutrauern, nicht den Anstrengungen, nicht deinem Schweiß, die du in den Tropen gelassen hast. Ebenso wenig deinen halb erfrorenen Füßen in den Ebenen des Pols, auch nicht den schrecklichen Stürmen auf dem Meer, nicht den Überfällen der Räuber sowie kleineren Gefahren, keine Erschöpfung die du jeden Abend aushalten musst, ohne deine Pantoffeln abzustreifen und ohne andere Beeinträchtigungen hinnehmen zu müssen als die Löcher, die dir die Zigarre ins Hemd brennt.
Um dich darüber hinwegzutrösten, dass du den wirklichen Raum und die körperliche Bewegung nicht erfährst, schicke ich dir den Bericht der letzten Reise, die ich außerhalb Frankreichs gemacht habe, damit du mich mehr bedauerst als du mich beneidest und damit du diese wenigen Momente der Bewunderung und Verzückung, die ich meinem Ungemach abgerungen habe, zu teuer bezahlt findest.
Dieser Bericht, den ich schon vor einem Jahr geschrieben habe, hat mir seitens der Bewohner Mallorcas außerordentlich fulminante und komische Diatriben eingebracht. Ich bedauere, dass sie zu lang sind, um als Anhang meiner Erzählung veröffentlicht zu werden. Der Ton, in dem sie nämlich verfasst sind, sowie die Art der an mich gerichteten Vorwürfe bestätigen nämlich meine Annahmen über die Gastfreundschaft, den Geschmack und die Zuvorkommenheit der Mallorquiner gegenüber Fremden. Dies wäre ein ziemlich seltsames Beweisstück: Allein, wer könnte es bis zum Ende lesen? Darüber hinaus: Wenn Eitelkeit und Dummheit darin liegt, Komplimente zu veröffentlichen, die man bekommen hat, läge nicht vielleicht noch mehr darin, heutzutage Aufhebens um Beleidigungen zu machen, deren Gegenstand man ist?
Ich erspare dir also dies alles und beschränke mich darauf, dir zu sagen, um die Einzelheiten, die ich dir über diese naive Bevölkerung Mallorcas schulde, zu vervollständigen, dass die geschicktesten Anwälte Palmas, vierzig an der Zahl, sich nachdem sie meinen Bericht gelesen hatten, versammelt haben, um mit vereinten Kräften ein schreckliches Schriftstück gegen den unmoralischen Schriftsteller aufzusetzen, der sich gestattet hatte, über ihre Habsucht und ihre Hingabe an die Schweineaufzucht zu lachen. Hier darf man ihnen wohl nachsagen, dass sie alle zusammen schlau wie zehn kleine Dörfer gewesen sind.
Aber lassen wir diese braven Leute in Frieden, die so aufgebracht gegen mich sind. Sie haben Zeit gehabt, sich zu beruhigen, und ich meinerseits hatte Zeit, ihre Handlungsweise und wie sie sprechen und schreiben zu vergessen. Ich erinnere mich unter den Insulanern dieses schönen Landes nur noch an fünf oder sechs Menschen, deren herzlicher Empfang und deren liebenswürdige Manieren immer als eine Entschädigung und eine Wohltat des Schicksals in meiner Erinnerung bleiben werden. Wenn ich sie nicht namentlich erwähnt habe, dann weil sie mich nicht für eine Persönlichkeit gehalten haben, die bedeutsam genug gewesen wäre, ihnen Ehre zu erweisen und sie durch meine Dankbarkeit auszuzeichnen; jedoch bin ich sicher (und ich glaube, es im Laufe meiner Erzählung erwähnt zu haben), dass sie mich ihrerseits in freundlichem Andenken behalten werden und sich durch meine respektlosen Spötteleien nicht gemeint fühlen werden und deshalb auch nicht an meiner Achtung für sie zweifeln werden.
Ich habe dir nichts von Barcelona erzählt, wo wir indes ein paar anstrengende Tage verbracht haben, bevor wir uns nach Mallorca eingeschifft haben. Es ist hinreißend, bei schönem Wetter und auf einem guten Dampfschiff von Port-Vendres nach Barcelona zu fahren. Wir begannen, an der Küste Kataloniens die Frühlingsluft wieder zu finden, die wir im November in Nîmes geatmet hatten, die uns aber nach Perpignan abhanden gekommen war; auf Mallorca wurden wir von Sommerhitze empfangen. In Barcelona machte eine frische Brise vom Meer die strahlende Sonne erträglich und fegte alle Wolken vom weiten Horizont, der in der Entfernung manchmal von schwarzen, kahlen, dann wieder von weiß verschneiten Gipfeln eingegrenzt war. Wir machten einen Ausflug aufs Land, nicht ohne dass die guten andalusischen Pferdchen, die uns zogen, ihren Hafer gefressen hatten, damit sie uns im Falle von unliebsamen Begegnungen wieder in die Mauern der Zitadelle bringen konnten.
Du weißt, dass damals (1838) überall in diesem Land Räuberbanden umherzogen, die einem den Weg versperrten, die in den Städten und Dörfern auftauchten und sogar den bescheidensten Behausungen etwas abpressten und sich in den Landhäusern einnisteten, die bis zu einer halben Meile vor der Stadt lagen, um dann, ohne dass man sich’s versah, hinter jedem Felsen hervorzuspringen um vom Reisenden das Geld oder Leben zu verlangen.
Wir jedoch wagten uns bis auf wenige Meilen ans Meer und trafen nur Delegationen von Christinos, die nach Barcelona unterwegs waren. Es hieß, dies seien die schönsten Truppen Spaniens; es waren ziemlich schöne Männer, nicht zu übel anzuschauen für Leute, die aus dem Felde kamen, aber Männer und Pferde waren so mager, die einen von einer solch gelblichen und blassen Gesichtsfarbe, die anderen mit solch hängenden Köpfen und mageren Flanken, dass man sie am Hunger leiden fühlte, sobald man ihrer ansichtig wurde.
Einen noch traurigeren Anblick boten die Mauern, die um die kleinsten Dörfer und die ärmlichsten Hütten herum errichtet worden waren: Ein kleiner Schutzwall aus groben Steinen – kein großer gezackter Turm –, der dick wie ein Kloß vor jeder Tür stand, oder niedrige Mäuerchen mit Schießscharten um jedes Dach zeugten davon, dass sich kein Bewohner dieser reichen Landschaft in Sicherheit wiegen konnte. An vielen Stellen trugen diese zerfallenen kleinen Schutzmauern jüngere Spuren von Angriffen und Verteidigungen.
Als wir durch die großartigen und gewaltigen Schutzmauern von Barcelona gekommen waren, durch ich weiß nicht wie viele Tore, über Zugbrücken, Thermen und Wälle, kündigte nichts mehr an, dass wir eine Stadt des Krieges betraten. Hinter einer dreifachen Reihe von Kanonen und durch Räubereien und den Bürgerkrieg vom Rest Spaniens abgeschnitten, ging die strahlende Jugend in der Sonne der Ramblas spazieren, einer langen Allee, die wie unsere Boulevards von Bäumen und Häusern gesäumt war: Die schönen Frauen waren graziös und kokett und ausschließlich mit dem Faltenwurf ihrer Mantillen und dem Spiel ihrer Fächer beschäftigt; die Männer kümmerten sich lachend, schwatzend und den Damen Blicke zuwerfend um ihre Zigarren, während sie sich über die italienische Oper unterhielten, und schienen sich nicht um das zu sorgen, was jenseits ihrer Mauern geschah. Aber wenn die Nacht hereingebrochen war, die Oper zu Ende und die Gitarren weit entfernt, wurde die Stadt den Wachgängen der Serenos übergeben, und man hörte, mitten im monotonen Rauschen des Meeres, nur noch die düsteren Rufe der Wachposten, Schüsse, die noch düsterer waren und in unregelmäßigen Abständen fielen, manchmal seltener, manchmal häufiger, von verschiedenen Orten aus, sei es ein Schusswechsel, seien sie vereinzelt, manchmal aus ziemlicher Entfernung, manchmal in der Nähe und stets bis zum frühen Morgengrauen. Dann kehrte über alle für ein oder zwei Stunden Stille ein, die Bürger schienen tief zu schlafen, während der Hafen erwachte und das Volk der Matrosen munter wurde.
Falls es einem während der vergnüglichen Stunden des Spaziergangs einfiel zu fragen, woher denn dieser seltsame und schreckliche Lärm des Nachts gekommen war, wurde einem lächelnd geantwortet, dies ginge niemanden etwas an, und es sei unvorsichtig, sich danach zu erkundigen.
Erster Teil
I
Zwei englische Touristen entdeckten vor ungefähr fünfzig Jahren, glaube ich, das Tal von Chamonix, so bezeugt es eine Inschrift, die in einen Felsbrocken am Eingang zum Gletscher Mer de glace gemeißelt ist.
Dies scheint ziemlich anmaßend, wenn man die geografische Position dieses Tages in Betracht zieht, aber bis zu einem gewissen Grad gerechtfertigt, wenn diese Touristen, deren Namen ich nicht behalten habe, die Ersten gewesen sind, welche die Dichter und Maler auf diesen romantischen Ort aufmerksam gemacht haben, wo Byron sein bewundernswertes Drama »Manfred« erträumt hat.
Man kann ganz allgemein sagen, indem man den modischen Standpunkt einnimmt, dass die Schweiz erst von der guten Gesellschaft und den Künstlern vor einem Jahrhundert entdeckt wurde. Jean-Jacques Rousseau ist der wirkliche Christopher Columbus der Alpendichtung und, wie Chateaubriand so treffend beobachtet hat, der Vater der Romantik in unserer Sprache.
Da ich nicht die gleichen Ansprüche auf Unsterblichkeit erheben kann wie Jean-Jacques und nun nach welchen suche, die ich haben könnte, wurde ich gewahr, dass ich mich vielleicht auf die gleiche Art und Weise wie die beiden Engländer dadurch auszeichnen könnte, nicht etwa das Tal von Chamonix, sondern die Insel Mallorca entdeckt zu haben. Aber die Welt ist heutzutage so anspruchsvoll geworden, dass es mir nicht genügen würde, meinen Namen in irgendeinen Felsen der Balearen meißeln zu lassen. Man hätte von mir eine ziemlich genaue Beschreibung verlangt, oder wenigstens einen ziemlich poetischen Bericht meiner Reise, um den Touristen das Verlangen zu vermitteln, sie auf mein Wort hin zu unternehmen; und da mich diese Gegend nicht in eine überschwängliche Geistesverfassung versetzt hatte, verzichtete ich auf den Ruhm meiner Entdeckung und habe sie weder auf dem Granit noch auf dem Papier verewigt.
Hätte ich unter dem Eindruck des Kummers und Ungemachs geschrieben, die ich damals zu gewärtigen hatte, nie hätte ich mich dieser Entdeckung rühmen können; denn jedermann hätte mir nach dem Lesen meiner Erzählung gesagt, dass hierzu kein Grund bestünde. Und doch gibt es einen solchen, dies wage ich heute zu sagen; für die Maler ist Mallorca tatsächlich eine der schönsten Gegenden der Welt und eine der unbekanntesten. Dort, wo es nur malerische Schönheit zu beschreiben gibt, ist die literarische Produktion so ärmlich und ungenügend, dass ich nicht einmal daran dachte, sie zu übernehmen. Es bedarf des Stiftes und Griffels eines Zeichners, um die Erhabenheit und Schönheit der Natur den Reisenden vor Augen zu führen.
Wenn ich also heute die Lethargie meiner Erinnerungen wachzurütteln versuche, so liegt das daran, dass ich unlängst eines Morgens auf meinem Tisch einen hübschen Band mit folgendem Titel gefunden habe: »Erinnerungen an eine Kunstreise auf die Insel Mallorca von J.-B. Laurens«.
Es war für mich eine wahre Freude, Mallorca und seine Palmen, seine Aloepflanzen, seine arabischen Monumente und seine griechischen Kostüme wieder zu finden. Ich erkannte alle Orte mit ihrer poetischen Farbe wieder und empfand aufs Neue die Eindrücke, die ich bereits für vergessen hielt. Es gab keine Hütte, kein Gesträuch, das in mir nicht eine Welt von Souvenirs, wie man heute sagt, wachgerufen hätte. Daraufhin fühlte ich mich in der Lage, wenn nicht meine Reise, so doch die Eindrücke des Herrn Laurens nachzuerzählen, eines intelligenten und fleißigen Künstlers, flink und gewissenhaft in der Ausführung seiner Werke, dem sicherlich die Ehre gebührt, die ich mir zuteil werden ließ, nämlich die Insel Mallorca entdeckt zu haben.
Diese Reise des Herrn Laurens durch das Mittelmeer und an dessen Ufern enträt bisweilen genauso wie seine Bewohner der Gastlichkeit und ist daher umso verdienstvoller als die Wanderung unserer beiden Engländer durch die Alpen. Dennoch wird Mallorca bald der Schweiz zum Nachteil gereichen, da unsere europäische Zivilisation es geschafft hat, weitestgehend Zöllner und Gendarmen, diese konkreten Verdeutlichungen des Misstrauens und der nationalen Antipathien, abzuschaffen und die Dampfschifffahrt direkt von unseren Küsten nach dorthin zu organisieren. Man wird nämlich in ebenso kurzer Zeit dorthin reisen können und gewiss ebenso gefällige Schönheit und fremde Größe und Erhabenheit vorfinden, die der Malerei zum neuen Gegenstand gereicht.
Heute kann ich ruhigen Gewissens diese Reise nur körperlich robusten Künstlern leidenschaftlichen Geistes empfehlen. Sicherlich wird eine Zeit kommen, da zartere Kunstliebhaber, vielleicht sogar hübsche Damen sich in Palma ohne mehr Anstrengungen als in Genf werden aufhalten können.
Herr Laurens, den man lange mit Herrn Taylor und seinen kunstvollen Arbeiten über die historischen Monumente Frankreichs in Verbindung brachte, und der nun auf sich gestellt ist, hatte sich letztes Jahr vorgenommenen, die Balearen, über die es so wenig Auskünfte gibt, zu besichtigen, und er gibt zu, klopfenden Herzens an Land gegangen zu sein, da ihn dort vielleicht zahlreiche Enttäuschungen erwarten würden als Antwort auf seine goldenen Träume. Aber was er dort suchte, sollte er finden, und alle seine Erwartungen wurden erfüllt, denn ich wiederhole es: Mallorca ist das Eldorado der Malerei. Alles dort ist malerisch, von der Bauernhütte, die bis in die kleinste Einzelheit die Tradition des arabischen Stils behalten hat, bis zum in Windeln gewickelten Kind, das in seiner grandiosen Unreinlichkeit triumphiert, wie Heinrich Heine es in Bezug auf die Frauen des Kräutermarktes von Verona ausgedrückt hat. Der Charakter der Landschaft, die an Vegetation reicher ist als diejenige Afrikas, hat im Allgemeinen ebenso viel Weite, Ruhe und Einfachheit. Es ist das grüne Helvetien unter dem Himmel Kalabriens mit der Feierlichkeit und Ruhe des Orients.
In der Schweiz verleihen der allgegenwärtige Sturzbach und die Wolken, die unaufhörlich vorüberziehen, den Anblicken eine Beweglichkeit der Farben und sozusagen eine ständige Unruhe, die mitunter schwierig in der Malerei wiederzugeben ist. Die Natur scheint hier mit dem Künstler ihr Spiel zu treiben. Auf Mallorca scheint sie ihn zu erwarten und einzuladen. Dort nimmt die Vegetation stolze und seltsame Formen an, aber sie entfaltet nicht jenen wilden Luxus, unter dem die Konturen der schweizerischen Landschaft zu oft verschwinden. Die Spitze eines Felsens zeichnet ihre kleineren Umrisse auf einen glitzernden Himmel, die Palme beugt sich von selbst über den Abgrund, ohne dass die launische Brise die Majestät ihres Schopfes in Unordnung bringt, und bis hin zum letzten kümmerlichen Kaktus am Wegesrand scheint alles aus Eitelkeit, wie zum Vergnügen des Betrachters, aufgestellt worden zu sein.
Zu allererst stellen wir in einer sehr kurzen Beschreibung die größte der Inseln vor, und dies in Form eines gewöhnlichen Artikels eines geografischen Lexikons. Dies ist nicht so einfach wie man annimmt, vor allem, wenn man versucht, Erkundigungen vor Ort einzuziehen. Die Vorsicht des Spaniers und das Misstrauen der Insulaner gehen hier so weit, dass ein Fremder nicht die harmloseste Frage stellen darf, ohne für einen politischen Agenten gehalten zu werden. Der gute Herr Laurens ist vom grimmigen Gouverneur verhaftet worden, während er die Skizze einer Burgruine anfertigte, und dies unter dem Verdacht, die Baupläne der Festung kopieren zu wollen. So hat unser Reisender, der nicht die Absicht hatte, sein Skizzenbuch in den Gefängnissen Mallorcas zu vervollständigen, darauf verzichtet, andere Erkundigungen als solche über die Gebirgspfade einzuziehen, und sich darauf beschränkt, als Dokumente die Steine der Ruinen zu konsultieren. Nachdem ich vier Monate auf Mallorca verbracht habe, wäre ich nicht weiter als er gewesen, hätte ich nicht Zugang gehabt zu den wenigen Informationen, die es über diese Gegend gibt. Und doch setzte da erneut meine Ungewissheit ein, denn diese Werke sind schon alt und voller Widersprüche. Wie es bei Reiseautoren üblich ist, stellen sie die Aussagen der anderen auf derart brillante Weise in Abrede, dass man sich wohl mit einigen Ungenauigkeiten abfinden muss und vermeiden sollte, viele weitere zu begehen. Hier jedoch mein Artikel des geografischen Lexikons und, um meine Rolle als Reisende nicht zu überschreiten, beginne ich damit, zu erklären, dass er zweifellos allen vorangehenden Artikeln überlegen ist.
II
Mallorca, das Herr Laurens Balearis Major nennt, wie die Römer es taten, und von dem Doktor Juan Dameto, der König der Historiker Mallorcas, sagt, dass es in früherer Zeit Clumba oder Columba hieß, nennt sich heute als Folge sprachlicher Vereinfachung Mallorca, und die Hauptstadt trug niemals diesen Namen, wie mehrere unserer Geografen zu behaupten beliebten, sondern hieß stets Palma.
Diese Insel ist die größte und die fruchtbarste des Archipels, Zeugin eines Kontinents, dessen Becken das Mittelmeer überspült haben muss und der mit Sicherheit Spanien und Afrika verband, und daher trifft man hier das Klima und die Erzeugnisse beider an. Sie liegt 25 Meilen südöstlich von Barcelona und 45 vom nächsten Punkt der afrikanischen Küste. Ferner glaube ich, dass sie sich 95 oder 100 Meilen von Toulon entfernt befindet. Ihre Fläche beträgt 1234 Quadratmeilen, ihr Umfang 143 und die breiteste Stelle 54, die schmalste 28. Die Bevölkerung belief sich im Jahre 1787 auf 136.000 Personen; heute sind es ungefähr 160.000. Von ihnen leben 36.000 in Palma, im Gegensatz zu den 32.000, die es damals waren.
Die Temperatur kann von Ort zu Ort sehr unterschiedlich sein. Der Sommer ist in der ganzen Ebene heiß, aber die Gebirgskette, die sich vom Nordosten bis zum Südwesten erstreckt, die durch ihre Ausrichtung auf die Ähnlichkeit zwischen spanischen und afrikanischen Landstrichen verweist und deren einander am nächsten liegende Punkte gleichzeitig die jeweils höchsten sind, beeinflusst das winterliche Klima stark. So berichtet Miguel de Vargas, dass in Palma während des schrecklichen Winters 1784 das Thermometer nur an einem einzigen Januartag auf sechs Grad unter dem Gefrierpunkt sank. An anderen Tagen stieg es auf sechzehn Grad und blieb meistens bei elf. Ungefähr diese Temperatur hatten wir einen gewöhnlichen Winter über in den Bergen von Valldemosa, das im Rufe steht, eine der kältesten Gegenden der Inseln zu sein. In den kältesten Nächten, als zwei Zoll Schnee lagen, war das Thermometer bloß bei sechs oder sieben Grad. Um acht Uhr morgens stieg es auf neun oder zehn, um mittags bei zwölf oder vierzehn Grad anzugelangen. Gewöhnlich fiel gegen drei Uhr, das heißt nach dem Sonnenuntergang hinter den Gipfeln der Berge, die uns umgaben, die Temperatur plötzlich auf neun und selbst acht Grad.
Der Nordwind weht hier oft mit Heftigkeit, und der Winterregen fällt mit einer Stärke und Dauerhaftigkeit, von der wir uns in Frankreich keine Vorstellung machen. Im Allgemeinen ist das Klima im ganzen südlichen Teil, der Afrika gegenüber liegt, gesund und zuträglich. Hier ist man vor den wilden Windstürmen des Nordens der Gebirgskette geschützt sowie vor den Zerklüftungen der Nordküste. Der Gesamtplan der Insel entspricht also einer von Nordwesten nach Südosten geneigten Fläche, und die Schifffahrt, die im Norden aufgrund der Beschaffenheit der Küste quasi unmöglich ist, gestaltet sich im Süden leicht und sicher.
Trotz seiner Wirbelstürme und Rauheit wurde Mallorca von den Alten zu Recht die goldene Insel genannt, denn es ist äußerst fruchtbar und seine Erzeugnisse sind von ausgezeichneter Qualität. Der Weizen ist hier so rein und so schön, dass die Bewohner ihn exportieren und er ausschließlich in Barcelona zur Herstellung eines hellen und leichten Gebäcks dient, das man Pan de Mallorca nennt. Die Bewohner lassen aus Galizien und der Biskaya gröberes Korn zu niedrigeren Preisen kommen, von dem sie sich ernähren. Dies führt dazu, dass man in dem Land, das an ausgezeichnetem Weizen am reichsten ist, widerwärtiges Brot essen muss. Ich weiß nicht, ob dies den Bewohnern zum Vorteil gereicht.
In den Provinzen der Mitte unseres Landes, wo die Landwirtschaft die wenigsten Fortschritte gemacht hat, beweisen die Gepflogenheiten der Landwirte lediglich ihre Sturheit und Unwissenheit. Dies trifft umso mehr auf Mallorca zu, wo die Landwirtschaft, obwohl man sich ihrer mit Hingabe widmet, noch in den Kinderschuhen steckt. Nirgendwo sonst habe ich gesehen, dass die Äcker so geduldig und träge bewirtschaftet wurden. Die einfachsten Maschinen sind unbekannt; die Arme der Menschen, im Vergleich zu den unsrigen sehr mager und unterentwickelt, müssen alles erledigen, aber mit unerhörter Langsamkeit. Es bedarf eines halben Tages, um weniger Erde umzugraben, als man bei uns in zwei Stunden schafft, und fünf oder sechs Männer sind nötig, um ein Ackergerät fortzubewegen, das der Schmächtigste unserer Gehilfen fröhlich auf den Schultern davontragen würde.
Trotz dieser Trägheit ist auf Mallorca alles beackert und dem Anschein nach gut beackert. Man sagt, dass diese Insulaner kein Elend kennen. Aber inmitten all dieser Naturschätze und unter dem denkbar schönsten Himmel ist das Leben rauer und auf traurige Weise kärglicher als das unserer Bauern.
Für gewöhnlich lassen sich die Reisenden über das Glück der Völker des Südens aus, deren Gesichter und malerische Gewandung ihnen wie die Sonntagssonne erscheint und deren mangelnde Vorstellungskraft und Voraussicht ihnen wie die ideale Gelassenheit des Landlebens vorkommt. Dies ist ein Irrtum, den ich selbst oft begangen habe, dessen ich mir aber durchaus bewusst geworden bin, besonders, seit ich Mallorca besucht habe.
Nichts auf der Welt ist so traurig und so arm wie dieser Bauer, der nur beten, singen und arbeiten kann und niemals nachdenkt. Sein Gebet ist eine stupide Formel, die in seinem Geiste keinerlei Sinn ergibt; seine Arbeit ist eine Anstrengung der Muskeln, die keine Anstrengung des Geistes ihm zu vereinfachen beibringt. Sein Gesang ist der Ausdruck dieser trüben Melancholie, die ihn niederdrückt, ohne dass er sich dessen bewusst wäre, und deren Poesie uns beeindruckt, während sie ihm verborgen bleibt. Würde ihn nicht dann und wann die Eitelkeit aus seiner Lethargie wecken und ihn zum Tanz gehen lassen, wären seine Feiertage nur dem Schlaf gewidmet.
Aber schon verlasse ich den Rahmen, den ich mir gesteckt hatte. Ich vergesse, dass ein geografischer Artikel im strengeren Wortsinn Ertragswirtschaft und Handel erwähnen muss, oder sich erst ganz zum Schluss, nach dem Getreide und dem Vieh, mit der Gattung Mensch zu beschäftigen hat.
In aller beschreibenden Geografie, die ich gelesen habe, habe ich im Artikel über die Balearen diesen kurzen Hinweis gefunden, den ich hier bestätige, auf den ich jedoch später mit Betrachtungen zurückkommen werde, die seinen Wahrheitsgehalt verringern: »Diese Insulaner sind sehr liebenswürdig (es ist bekannt, dass sich auf allen Inseln die menschliche Rasse in zwei Kategorien gliedert: die Menschenfresser und diejenigen, die sehr liebenswürdig sind). Sie sind sanft und gastfreundlich; es ist selten, dass sie Verbrechen begehen, und Diebstahl ist bei ihnen gleichsam unbekannt.« Auf diesen Text werde ich wahrlich zurückkommen.
Sprechen wir aber zunächst von den Erzeugnissen, denn ich glaube, dass in der Abgeordnetenkammer unlängst ein paar Worte (die zumindest unvorsichtig waren) über die mögliche Besetzung Mallorcas durch die Franzosen gefallen sind, und ich vermute, dass, falls dieses Schriftstück in die Hände eines unserer Abgeordneten gelangt, er sich sehr viel mehr für den Abschnitt über die Nahrungsmittel interessieren wird als für meine philosophischen Betrachtungen über die intellektuelle Lage der Bewohner.
Ich erwähnte, dass der Boden Mallorcas von einer bemerkenswerten Fruchtbarkeit ist und dass eine aktivere und klügere Bewirtschaftung seinen Ertrag verzehnfachen würde. Hauptsächlich werden Mandeln exportiert, sowie Orangen und Schweine. Oh schöne Äpfel der Hesperiden, die ihr von scheußlichen Drachen gehütet werdet, es ist nicht meine Schuld, wenn ich bei der Erinnerung an euch an jene schrecklichen Schweine denken muss, auf die man auf Mallorca neidischer und stolzer ist, als auf eure duftenden Blumen und goldenen Äpfel! Aber der Mallorquiner, der euch anpflanzt, ist nicht poetischer als der Abgeordnete, der meinen Text liest.
Ich komme also wieder auf meine Schweine zu sprechen. Diese Tiere, verehrter Leser, sind die Schönsten der Erde, und in naiver Bewunderung entwirft der Doktor Miguel Vargas das Porträt eines Schweins im zarten Alter von anderthalb Jahren, das 600 Pfund wog. Damals genoss die dortige Schweinezucht noch nicht den Ruf, den sie heute erlangt hat. Der Viehhandel wurde durch die Habgier der Assistentes oder Lieferanten behindert, denen ihn die spanische Regierung anvertraut hatte, das heißt, an welche sie das Versorgungsgeschäft übertragen hatte. Kraft ihrer Entscheidungsgewalt stellten sich diese Spekulanten jedwedem Viehexport entgegen und behielten sich die Möglichkeit eines unbegrenzten Imports vor.
Diese wucherische Praxis zog nach sich, dass die enttäuschten Viehzüchter sich nicht mehr um ihre Herden kümmern mochten. Das Fleisch wurde zu lächerlichen Preisen verkauft, und da der Außenhandel verboten war, blieb ihnen nur der Ruin oder die vollständige Aufgabe ihres Geschäfts. Die Auslöschung der Viehzucht ging schnell vonstatten. Der Historiker, den ich zitiere, bedauert, dass Mallorca zur Zeit der arabischen Besetzung und lediglich im Artagebirge mehr fruchtbare Kühe und edle Stiere zählte, als man heute in der gesamten Ebene Mallorcas zusammenbrächte.
Es war nicht diese Misswirtschaft allein, die das Land daran hinderte, seinen natürlichen Reichtum zu nutzen. Derselbe Schriftsteller berichtet, dass die Gebirge, besonders diejenigen von Torella und Galatzo, seinerzeit die schönsten Bäume der Welt besaßen. Gewisse Olivenbäume hatten zweiundzwanzig Fuß Umfang und vierzehn Durchmesser. Aber dieses herrliche Holz wurde von den Zimmerleuten der Marine zerstört, die anlässlich des spanischen Angriffs auf Algier aus ihm eine ganze Flotte von Kanonenbooten bauten. Die Erniedrigungen, denen die Waldbesitzer damals ausgesetzt waren, und der Geiz, mit dem sie entschädigt wurden, brachten die Mallorquiner dazu, ihr Holz gänzlich zu zerstören, anstatt seinen Anbau auszuweiten. Noch heute ist die Vegetation so üppig und so schön, dass es dem Reisenden gar nicht einfällt, der Vergangenheit nachzutrauern; aber heute wie damals und auf Mallorca wie in ganz Spanien, ist immer noch der Missbrauch die wichtigste Macht. Indes wird der Reisende niemals eine Beschwerde hören, weil der Schwache zu Beginn einer Unrechtsherrschaft aus Angst schweigt, und wenn sie erst einmal etabliert ist, schweigt er aus Gewohnheit.
Obwohl die Tyrannei der Assistentes aufgehört hat, geht es der Viehzucht nicht besser, und das wird auch nicht der Fall sein, solange sich die Exporterlaubnis auf den Handel mit Ferkeln beschränkt. Man sieht Rinder und Kühe in großer Zahl in der Ebene, aber nie im Gebirge. Das Fleisch ist mager und zäh. Die Schafe sind von schöner Rasse, aber schlecht gefüttert und ungepflegt; die Ziegen, die afrikanischen Ursprungs sind, geben nicht ein Zehntel der Milch von unseren.
Der Erde fehlt Dünger, und trotz aller Loblieder der Mallorquiner auf ihre Kunst, sie zu bestellen, glaube ich, dass die Algen, die sie benutzen, ein kärglicher Dung sind und die Felder weit davon entfernt, so viel abzuwerfen, wie sie es unter einem solchen Himmel eigentlich müssten. Ich betrachtete aufmerksam diesen Weizen, den zu essen sich die Bewohner nicht für würdig halten: Es ist genau derselbe wie in unseren zentralen Provinzen, unsere Bauern nennen ihn den weißen Weizen oder spanischen Weizen; bei uns ist er genauso schön, trotz des unterschiedlichen Klimas. Derjenige aus Mallorca müsste jedoch von höherer Qualität sein als der, den wir unseren so harten Wintern und wechselhaften Frühjahren abringen. Und dabei ist auch unsere Landwirtschaft noch recht barbarisch, wir haben in dieser Hinsicht noch viel zu lernen, aber der französische Landwirt ist von einer Ausdauer und Energie, auf die der Mallorquiner wie auf Hektik ohne Sinn und Verstand herabblicken würde.
Feigen, Oliven, Mandeln und Orangen gibt es auf Mallorca im Überfluss; mangels Wegen im Landesinneren ist dieser Handel allerdings weit davon entfernt, die nötige Ausweitung zu haben. Fünfhundert Orangen werden vor Ort für ungefähr drei Francs verkauft. Aber um diese sperrige Fracht von der Mitte des Landes mit Maultieren an die Küste zu bringen, muss man fast ebenso viel bezahlen wie für die Ware. In Anbetracht dieser Tatsache wird der Orangenanbau im Landesinneren vernachlässigt. Nur im Sollertal und in der Nähe der Buchten, wo unsere kleinen Boote Ladung aufnehmen, wachsen die Orangenbäume zuhauf. Das könnten sie jedoch überall, und in unserem Gebirge von Valldemosa, einer der kältesten Gegenden der Insel, haben wir wunderbare Zitronen und Orangen, auch wenn sie später kommen als diejenigen des Tals. In La Granja, einer anderen Berggegend, haben wir Limonen groß wie Köpfe geerntet. Es scheint mir, dass ganz Frankreich mit den herrlichen Früchten dieser Insel versorgt werden könnte, und dies zum gleichen Preis wie für die schrecklichen Orangen, die wir aus Hyères oder von der Küste bei Genua bekommen. Dieser Handel, der auf Mallorca so gerühmt wird, wird also wie auch das Übrige durch eine unglaubliche Nachlässigkeit verhindert.
Das Gleiche ließe sich über den unermesslichen Ertrag der Olivenbäume sagen, die sicherlich die Schönsten sind, die es auf der Welt gibt, und die die Mallorquiner dank der arabischen Traditionen perfekt anzubauen wissen. Leider verstehen sie von ihnen lediglich ein ranziges und Ekel erregendes Öl zu gewinnen, das wir abscheulich finden und das sie nie in großem Umfang nach Spanien werden exportieren können, wo auch der Geschmack dieses fürchterlichen Öls vorherrscht. Aber Spanien selbst ist an Olivenbäumen sehr reich, und wenn Mallorca dorthin Öl liefert, muss dies zu sehr niedrigen Preisen sein.
In Frankreich haben wir einen enormen Verbrauch an Olivenöl, es ist von ausgesprochen schlechter Qualität und sehr teuer. Wenn unsere Herstellung in Mallorca bekannt wäre und wenn es auf Mallorca Wege gäbe, wenn schließlich die Handelsmarine dieses Ziel anführe, stünde uns das Olivenöl zu einem wesentlich niedrigeren Preis zur Verfügung, es wäre rein und reichlich vorhanden, wie hart der Winter auch sein mag. Ich weiß wohl, dass die Fabrikanten, die in Frankreich Olivenbäume anbauen, ein paar Tonnen von ihrem kostbaren Öl lieber zum Goldpreis verkaufen und dass es unsere Händler mit Nelken- und Rapsöl verpanschen, um es uns zum Einkaufspreis anzubieten; es wäre jedoch seltsam, würden wir uns darauf versteifen, dieses Nahrungsmittel dem rauen Klima abzuringen, wo wir es doch auf einem vierundzwanzig Stunden längeren Weg in besserer Qualität und billiger bekommen können.
Unsere französischen Assistentes sollen sich jedoch nicht allzu sehr fürchten: Wir würden den Mallorquinern und, so will ich meinen, Spaniern insgesamt versprechen, uns bei ihnen einzudecken und ihren Reichtum zu verzehnfachen, was nichts an ihren Gewohnheiten ändern würde. Sie verachten die Verbesserungen, die aus dem Ausland und besonders aus Frankreich kommen, derart, dass ich nicht weiß, ob sie sich für Geld (obwohl sie Geld im Allgemeinen nicht verachten) entschließen würden, etwas an den alt hergebrachten Methoden zu ändern.
III
Der Mallorquiner versteht nichts von Rindermast, von der Nutzung der Wolle oder vom Kühe Melken (der Mallorquiner verabscheut Milch und Butter ebenso wie die Industrie); er schafft es nicht, genug Weizen anzubauen, um davon zu essen sich anzumaßen; er hält es kaum für nötig, Brombeersträucher anzupflanzen und Seide zu gewinnen; die Tischlerkunst, die einst auf der Insel in Blüte stand, ist völlig in Vergessenheit geraten; es gibt dort keine Pferde (Spanien kümmert sich für seinen Armeebedarf mütterlich um sämtliche Fohlen Mallorcas, woraus sich ergibt, dass dessen friedliebende Bewohner nicht dumm genug sind, für die Kavallerie des Königreiches zu arbeiten); er hält es nicht für nötig eine einzige Straße zu haben, auf seiner ganzen Insel einen einzigen befahrbaren Pfad, da das Exportrecht den Launen einer Regierung ausgesetzt ist, die nicht die Zeit hat, sich um derlei Geringfügiges zu sorgen. Darum lebte der Mallorquiner in den Tag hinein und hatte außer seinem Rosenkranzgebet und dem Flicken seiner Schuhe, die zerfledderter sind als diejenigen von Don Quichotte, seinem Schutzheiligen für Elend und Stolz, nichts mehr zu tun, bis das Schwein gekommen ist und alles gerettet hat. Der Export dieses Vierbeiners hat eine neue Ära beginnen lassen, die Ära des Heils ist angebrochen.
In späteren Jahrhunderten werden die Mallorquiner dieses Jahrhundert das Zeitalter des Schweins nennen, wie die Muselmanen ein Zeitalter des Elefanten in ihrer Geschichte haben.
Nun bedecken Oliven und Johannisbrotbäume nicht mehr den Boden, die Kaktusfeige dient den Kindern nicht mehr als Spielzeug und die Mütter lernen, an Bohnen und Kartoffeln zu sparen. Das Schwein erlaubt es nicht mehr, irgendetwas zu verschwenden, denn mit dem Schwein kommt nichts um; es ist das schönste Beispiel einer großzügigen Gefräßigkeit, die sich zum einfachsten Geschmack und den simpelsten Sitten gesellt, die man den Nationen schenken kann. So genießt das Schwein auf Mallorca Rechte und Vergünstigungen, die bisher den Menschen zuzubilligen undenkbar waren. Die Wohnstätten sind größer und angenehmer geworden, die Früchte, die auf den Boden verfaulten, wurden aufgesammelt, sortiert und konserviert, und die Dampfschifffahrt, die man für überflüssig und unvernünftig hielt, hat nun zwischen Insel und Kontinent Einzug gehalten.
Es ist daher dem Schwein zu verdanken, dass ich die Insel besuchen durfte, denn wenn ich vor drei Jahren den Plan dieser Reise gefasst hätte, hätten ihre lange Dauer und die Gefahren auf den Küstenschiffen mich abgeschreckt. Aber seit Schweine exportiert werden, hat die Zivilisation Fuß zu fassen begonnen. Man hat in England ein hübsches kleines Dampfschiff gekauft, das zu klein ist, um gegen die Nordwinde zu kämpfen, die hier so schrecklich sein können. Es transportiert aber bei schönem Wetter einmal pro Woche zweihundert Schweine und zusätzlich noch ein paar Passagiere nach Barcelona.
Es ist schön mit anzusehen, mit wie viel Rücksichtnahme und Aufmerksamkeit diese Lebewesen (ich spreche nicht von den Passagieren) an Bord behandelt werden und mit wie viel Liebe man sie an Land absetzt. Der Kapitän des Dampfschiffs ist ein sehr liebenswürdiger Mann, der durch das Leben und Sprechen mit den noblen Tieren durchaus ihr Grunzen und auch ein bisschen von ihrer Leichtfertigkeit angenommen hat. Falls ein Passagier sich über den Lärm, den sie machen, beschwert, antwortet der Kapitän, dass es der Klang des Goldes ist, das über den Tresen rollt. Sollte eine Frau zickig genug sein, eine Bemerkung über den Gestank auf dem ganzen Schiff zu machen, ist ihr Mann zur Stelle, um ihr zu sagen, dass Geld nicht stinkt und dass es ohne die Schweine für sie weder Seidenkleider noch französische Hüte noch Mantillen aus Barcelona gäbe. Wird jemand seekrank, soll er nicht versuchen, irgendjemanden aus der Besatzung um Hilfe anzugehen, da die Schweine auch seekrank sind und sich dies bei ihnen durch depressive Verstimmung und Lebensekel äußert, den es unbedingt zu bekämpfen gilt. So wird der Kapitän, der jedem Mitgefühl abgeschworen hat, um das Überleben seiner teuren Kunden zu garantieren, höchstpersönlich und mit einer Peitsche in der Hand, sich mitten unter Letztere stürzen und nach ihm seine Matrosen und Schiffsjungen. Jeder wird greifen, was ihm in die Hände fällt, eine Eisenstange, ein Stück Tau, und in einem Augenblick wird die gesamte stumme Gesellschaft, die auf der Seite lag, väterlich geprügelt und so gezwungen, auf die Beine zu kommen, sich zu bewegen, und dank dieser heftigen Emotion die ungute Wirkung des Wellengangs zu bekämpfen.
Als wir von Mallorca wieder nach Barcelona kamen, herrschte im März eine stickige Hitze; dennoch war es uns nicht möglich, den Fuß auf die Brücke zu setzen. Selbst wenn wir der Gefahr, das Bein von einem schlecht gelaunten Jungschwein abgebissen zu bekommen, getrotzt hätten, hätte der Kapitän es uns bestimmt nicht erlaubt, sie durch unsere Anwesenheit zu stören. Die ersten Stunden über verhielten sie sich ganz ruhig, aber mitten in der Nacht bemerkte der Lotse, dass ihr Schlaf trostlos wirkte, dass sie einem Anflug von Melancholie zum Opfer gefallen zu sein schienen. So verabreichte man ihnen eine Tracht Prügel, und alle Viertelstunde wurden wir von so schrecklichem Grunzen und Quieken geweckt, was einerseits vom Schmerz und von der Wut der Schweine rührte und andererseits von den Aufmunterungen, die der Kapitän an seine Leute richtete, sowie den Flüchen, die der Nachahmungstrieb Letzteren eingab, und wir mehrmals dachten, die Herde würde die Mannschaft fressen.
Als wir den Anker geworfen hatten, waren wir voller Hoffnung, uns von einer solch seltsamen Gesellschaft trennen zu können, und ich muss gestehen, dass mir diejenige der Insulaner fast ebenso lästig zu fallen begann wie die der anderen, aber wir durften erst nach dem Ausladen der Schweine an die Luft. Wir hätten in unseren Kajüten ersticken können, niemand hätte sich um uns gesorgt, solange noch ein Schwein an Land zu setzen war und vom Wellengang erlöst werden musste.
Ich fürchte das Meer nicht, aber ein Mitglied meiner Familie war gefährlich erkrankt. Die Überfahrt, der schlechte Geruch und der Schlafmangel hatten nicht zur Linderung seines Leidens beigetragen. Dem Kapitän war hierzu nichts anderes eingefallen, als uns zu bitten, den Kranken nicht im besten Bett der Kabine ruhen zu lassen, weil nach spanischem Volksglauben jede Krankheit ansteckend ist; und da unser Mann bereits dachte, das Lager, auf dem der Kranke lag, verbrennen zu lassen, wollte er, dass es das Schlechteste sei. Wir schickten ihn wieder zu seinen Schweinen, und vierzehn Tage später, als wir auf dem Le phénicien, einem herrlichen Dampfschiff unserer Nation, nach Frankreich zurückfuhren, verglichen wir die Dienstfertigkeit des Franzosen mit der Gastfreundschaft des Spaniers. Der Kapitän von El mallorquin hatte einem Sterbenden das Bett streitig machen wollen, der Kapitän aus Marseille fand unseren Kranken nicht gut genug gebettet und hatte die Matratzen aus seinem eigenen Bett geholt, um sie ihm zu geben … Als ich dem Franzosen unsere Überfahrt bezahlen wollte, bemerkte er, dass ich ihm zu viel gab, der Mallorquiner hatte mir das Doppelte abgenommen.
Daraus schloss ich nicht, dass der Mensch auf einem Fleck dieses Erdballes ausschließlich gut ist, ebenso wenig wie er auf einem anderen Fleck schlecht ist. Das moralische Übel der Menschheit ist nur das Ergebnis materiellen Übels. Leiden erzeugt Angst, Misstrauen, Betrug, Kampf in jedem Sinne. Der Spanier ist ignorant und abergläubisch, deswegen glaubt er an die Ansteckung, er fürchtet Krankheit und Tod, es mangelt ihm an Glauben und Nächstenliebe. Er ist ein Habenichts, dem Steuern abverlangt werden; demzufolge ist er geizig, egoistisch und Fremden gegenüber verschlagen. In der Geschichte sehen wir, dass er da, wo er groß sein konnte, gezeigt hat, dass die Größe in ihm lag. Er ist ein Mensch, und im Privatleben wird der Mensch da, wo er schwach werden kann, schwach.
Ich muss dieses als Prinzip herausstellen, bevor ich von den Menschen spreche, wie sie mir auf Mallorca erschienen sind, denn nur so glaube ich, dass man mir zugestehen wird, über Oliven, Kühe und Schweine zu sprechen. Die Länge dieses letzten Artikels zeugt nicht eben von gutem Geschmack. Ich bitte diejenigen um Verzeihung, die sich persönlich beleidigt fühlen könnten, und nehme nun meine Erzählung ernst, denn ich glaube, hier nichts zu tun zu haben, als Herrn Laurens Schritt für Schritt auf seiner Kunstreise zu folgen, und ich sehe, dass sich viele Betrachtungen meiner bemächtigen werden, wenn ich in der Erinnerung die steinigen Pfade Mallorcas wieder abschreiten werde.
IV
Aber man wird mir sagen: Was zum Teufel machen Sie bloß hier, wo Sie doch nichts von Malerei verstehen? Ich möchte den Leser so wenig wie möglich über mich und die meinigen informieren; ich werde jedoch oft bei dem, was ich auf Mallorca gesehen habe, über mich und uns sprechen müssen; ich und wir, das ist die zufällige Subjektivität, ohne die die Objektivität auf Mallorca sich nicht so dargestellt hätte, wie es der Fall war, und vielleicht ist es wichtig, dies den Leser wissen zu lassen. Daher bitte ich Letzteren, hier meine Persönlichkeit als etwas ganz Passives zu betrachten, wie eine Lupe, durch die man sehen kann, was in diesen fernen Ländern passiert, bezüglich derer man gern die Redewendung benutzt: Ich glaube es lieber, als dass ich es überprüfen möchte. Ferner bitte ich ihn inständig mir zu glauben, dass ich ihn nicht für das interessieren möchte, was mir zufällig passiert ist. Dies möchte ich hier mit einem leicht philosophischen Ziel nachvollziehen, und wenn ich meine diesbezüglichen Gedanken formuliert haben werde, wird man mir Gerechtigkeit widerfahren lassen, indem man anerkennt, dass es mir nicht im Geringsten um mich selbst gegangen ist.
Ohne Umschweife sage ich also meinem Leser, warum ich mich auf diese Fahrt begeben habe: Ich hatte einfach Lust zu reisen. Und nun stelle ich meinerseits meinem Leser eine Frage: Wenn Sie reisen, lieber Leser, warum tun Sie es? Ich höre Sie hier antworten, was ich an Ihrer Stelle antworten würde: Ich reise um des Reisens willen. Ich weiß genau, dass die Reise an sich ein Vergnügen ist; aber trotzdem, was treibt Sie zu diesem kostspieligen, anstrengenden, manchmal gefährlichem Vergnügen, das stets voll zahlloser Enttäuschungen ist? Das Bedürfnis zu reisen. Nun sagen Sie mir aber doch, was das für ein Bedürfnis ist, das uns alle mehr oder weniger beherrscht, und warum wir ihm alle nachgeben, obwohl wir so viele Male anerkennen mussten, dass es mit uns sein Spiel treibt und uns nicht wieder loslässt?
Wenn Sie mir nicht antworten wollen, werde ich die Ehrlichkeit aufbringen, es an Ihrer Stelle zu tun. Es liegt daran, dass wir uns in der Tat und Wahrheit nirgendwo wohl fühlen, und dass, egal wie das Ideal uns erscheinen mag (oder, falls Sie dieses Wort stört, das Gefühl des Besseren) die Reise uns hierüber eine der angenehmsten Illusionen verschaffen kann. In der offiziellen Welt geht es uns schlecht; diejenigen, die das leugnen, empfinden es genauso tief und vielleicht sogar noch bitterer als diejenigen, die es zugeben.
Nicht einmal diejenigen, die sie verteidigen, mögen die soziale Ordnung, niemanden von uns stellt sie zufrieden, und jeder geht für sich dorthin, wo es ihm gefällt. Jener widmet sich der Kunst, dieser der Wissenschaft, die meisten lenken sich ab, wie sie können. Wenn wir ein bisschen Zeit und Geld haben, reisen wir, oder fliehen vielmehr, denn es geht nicht so sehr ums Reisen als vielmehr ums Wegfahren, verstehen Sie? Wer von uns hat keinen Schmerz, den er vertreiben möchte, oder ein Joch, das es abzuschütteln gilt? Niemand.
Wer auch immer nicht völlig von seiner Arbeit beansprucht oder von seiner Faulheit gelähmt wird, ist unfähig, davon bin ich überzeugt, längere Zeit am selben Ort zu bleiben, ohne darunter zu leiden und eine Veränderung herbeizusehnen. Wenn jemand glücklich ist (hierfür muss man heutzutage sehr viel Größe oder Feigheit aufbringen), stellt er sich vor, durch das Reisen sein Glück zu vervollkommnen; die Liebenden, die jung Verheirateten fahren in die Schweiz oder nach Italien wie die Müßiggänger und die Hypochonder. Kurz, wer auch immer sich lebendig fühlt oder meint, dem Tod geweiht zu sein, wird vom Reisefieber ergriffen und macht sich sehr schnell auf, in der Ferne ein Liebesnest zu suchen oder einen Unterschlupf, um dort zu sterben.
Man möge mir verzeihen, dass ich mich hier gegen diesen Wandertrieb auslasse und mir für die Zukunft der Menschen vorstelle, dass sie sich mit ihrer Heimat verbunden fühlen, dass sie an ihr und ihrem Haus hängen wie die Polypen am Schwamm! Selbst wenn die Intelligenz und die Moral sich gleichzeitig mit der Industrie weiter entwickeln, will mir scheinen, dass es nicht der Zweck der Eisenbahn sein kann, die Menschen, die von Traurigkeit oder krankhafter Betriebsamkeit angefallen werden, von einem Ort des Globus an einen anderen zu fahren.
Ich stelle mir gern das Menschengeschlecht glücklicher vor, folglich ruhiger und aufgeklärter, wenn es zwei Leben hat: Das eine ist sesshaft, geprägt von häuslichem Glück, Verpflichtungen im täglichen Umfeld, dem Nachdenken und philosophischer Einkehr, das andere ist aktiv und reflektiert auf einen loyalen Austausch, der die peinlichen Machenschaften ersetzt, die wir Handel nennen, und dies zugunsten der Inspirationen aus der Kunst, wissenschaftlichen Forschungen, und vor allem der Verbreitung von Ideen. Kurz gesagt erscheint es mir, dass das normale Ziel der Reisen dem Bedürfnis nach Kontakt entspricht, nach Beziehungen und nach freundlichem Austausch mit den Menschen und dass es dort, wo es keine Pflicht gibt, kein Vergnügen geben dürfte. Im Gegenteil habe ich aber den Eindruck, dass die meisten von uns heute wegen eines Geheimnisses oder dem Wunsch nach Alleinsein reisen, weil nämlich die Gesellschaft Unseresgleichen unsere persönlichen Eindrücke mitunter auf angenehme, aber auch auf störende Art und Weise zu überschatten scheint.
Was mich betrifft, so habe ich mich auf den Weg gemacht, um ein Ruhebedürfnis zu befriedigen, das ich in dieser Zeit besonders stark empfand. Da uns in dieser Welt, die wir uns gebaut haben, stets zu allem die Zeit fehlt, stellte ich mir wieder einmal vor, dass ich nur zu suchen hätte, um, allein, stille Einkehr zu finden, wo ich keine Briefe zu schreiben hätte, noch Zeitungen durchzulesen, noch Besuch zu empfangen, wo ich immer im Morgenmantel bleiben könnte, wo die Tage zwölf Stunden hätten, wo ich alle guten Manieren und die Verpflichtungen, die daraus erwachsen, ablegen könnte, die Geistesbewegungen hinter mir lassen könnte, die in Frankreich uns alle beanspruchen, und so ein oder zwei Jahre hätte, um ein wenig Geschichte zu studieren und mit meinen Kindern Sprachen zu lernen.
Wer von uns hätte nicht diesen egoistischen Traum gehabt, eines schönen Tages alles stehen und liegen zu lassen, seine Gewohnheiten aufzugeben, seine Gewissheiten, ja sogar seine Freunde, um auf irgendeiner verzauberten Inseln ein sorgloses Leben zu führen, ohne Ungemach, ohne Verpflichtungen und vor allem ohne Zeitungen?
Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass der Journalismus, dieses Alpha und Omega, wie es Äsop ausgedrückt hätte, den Menschen ein völlig neues Leben ermöglicht hat, voll von Fortschritt, Vorteilen und Problemen. Diese Stimme der Menschheit, die uns jeden Morgen wecken kommt, um uns zu erzählen, wie es der Menschheit gestern ergangen ist, verkündet manchmal große Wahrheiten, manchmal schreckliche Lügen, aber stets prägt sie jeden Schritt des menschlichen Wesens, sie schlägt jede Stunde des Lebens in der Gemeinschaft, und ist das nicht etwas wirklich Großes, und dies trotz aller Unvollkommenheit und Unzulänglichkeit, die damit einhergeht?
Und obwohl dies unumgänglich für die Gesamtheit unserer Gedanken und Taten ist, ist es nicht auch schrecklich im Einzelnen zu sehen, dass um uns ein Kampf herrscht, dass Wochen und Monate mit Beleidigungen und Drohungen ins Land gehen, ohne dass eine einzige Frage wirklich geklärt oder ein spürbarer Fortschritt erzielt worden wäre? Und während dieses Wartens, das umso länger erscheint, als man uns über jede einzelne Phase erschöpfend informiert, überkommt uns da nicht manchmal die Lust, uns Künstler, die wir das Steuer nicht in der Hand halten, unter Deck zu gehen und dort zu schlafen, und erst nach einigen Jahren wieder aufzuwachen, wenn neues Land in Sicht ist, auf das wir zugefahren werden?
Ja, wahrlich, wenn dem so sein könnte, wenn wir uns dem Leben in der Gemeinschaft entziehen könnten, uns von jedem Kontakt mit der Politik eine Zeitlang fernhalten könnten, wir wären bei unserer Rückkehr überrascht, wie viele Fortschritte in unserer Abwesenheit erzielt worden sind. Aber solches ist uns nicht vergönnt; und wenn wir den Ort der Aktion verlassen, um Vergessen und Erholung bei Völkern zu suchen, deren Lebensrhythmus langsamer als unserer ist und deren Geist weniger scharf arbeitet, empfinden wir ein vorhersehbares Leiden und bedauern, die Gegenwart zugunsten der Vergangenheit verlassen zu haben, die Lebenden zugunsten der Toten.
Dies ist, einfach dargelegt, was den Text meiner Erzählung ausmacht und weswegen ich mich der Mühe des Schreibens unterziehe, obwohl es unangenehm ist, und obwohl ich mir zu Beginn vorgenommen hatte, mich weitestgehend persönlicher Eindrücke zu enthalten; nun erscheint mir diese Faulheit als Feigheit, und ich ändere meine Meinung.
V
Wir kamen im November 1838 in Palma an, und es herrschte eine Hitze, die mit unserer im Juni zu vergleichen ist. Wir hatten Paris vierzehn Tage zuvor bei äußerst kaltem Wetter verlassen, und es bereitete uns großes Vergnügen, nachdem wir die ersten Vorboten des Winters gespürt hatten, diesen Feind hinter uns zu lassen. Zu diesem Vergnügen kam jenes, eine sehr typische Stadt durchwandern zu können, die mehrere erstklassige Monumente der Schönheit oder der Seltenheit besitzt.
Aber bald bemächtigte die Schwierigkeit, Fuß zu fassen, sich unser, und wir sahen ein, dass die Spanier, die uns Mallorca als das gastfreundlichste aller Länder und voller Inspirationsquellen gerühmt hatten, weitestgehend Opfer ihrer Illusionen geworden waren, so wie wir. In einer Gegend, die so nah bei den großen Zivilisationen Europas liegt, hätten wir kaum damit gerechnet, nicht eine einzige Herberge zu finden. Diese Unmöglichkeit für den Reisenden abzusteigen, hätte uns sofort einsehen lassen sollen, was Mallorca im Vergleich zur restlichen Welt wirklich war, und wir hätten stehenden Fußes nach Barcelona umkehren sollen, wo es zumindest die üble Herberge mit dem emphatischen Namen »Das Hotel der Vier Nationen« gab.
In Palma muss man Beziehungen haben und mindestens zwanzig wichtigen Personen angekündigt worden sein sowie seit mehreren Monaten erwartet, um darauf hoffen zu dürfen, nicht auf freiem Felde schlafen zu müssen. Das für uns einzig Erreichbare waren zwei kleine möblierte Zimmer, oder vielmehr unmöblierte, die sich an einem unheimlichen Ort befanden, wo Fremde sich glücklich schätzen können, jeder ein Feldbett vorzufinden, das eine Matratze hat, die so weich und gemütlich wie eine Schiefertafel ist, einen mit Stroh bespannten Stuhl und als Nahrung Pfeffer und Knoblauch, soviel man möchte.
Es bedurfte weniger als einer Stunde, um uns darüber klar zu werden, dass, wenn wir uns über diesen Empfang nicht begeistert zeigten, man uns schief angucken, für impertinent und planlos halten würde oder wir zumindest so mitleidsvoll wie Verrückte betrachtet werden würden. Schande über den, der sich in Spanien nicht an allem erfreut! Wenn Sie auch nur ganz leicht die Miene verziehen, weil Sie Würmer im Bett oder Skorpione in der Suppe finden, ziehen Sie sich die tiefste Verachtung zu und rufen allgemeine Empörung hervor. Daher hüteten wir uns tunlichst, uns zu beschweren, und verstanden nach und nach, was es mit dieser Armseligkeit und dem offensichtlichen Mangel an Gastfreundschaft auf sich hatte.
Abgesehen von der Antriebslosigkeit und Trägheit der Mallorquiner hatte der Bürgerkrieg, der Spanien seit so Langem erschütterte, damals jeden Austausch zwischen der Bevölkerung der Insel und derjenigen des Kontinents unterdrückt. Mallorca war für so viele Spanier, wie es irgend aufnehmen konnte, eine Zufluchtsstätte geworden, und die Einheimischen blieben in ihren Häusern und vermieden es, auf dem Festland Abenteuer suchen zu gehen und Schläge einstecken zu müssen.
Hinzu kommt, dass es keinerlei Industrie gibt, und der horrende Zoll, der auf jeden Gegenstand, der das tägliche Leben angenehmer macht, erhoben wurde. Palma ist auf eine bestimmte Anzahl von Einwohnern ausgerichtet. Steigt die Bevölkerungszahl, rückt man ein bisschen näher zusammen, neue Häuser wurden kaum gebaut. In den bestehenden Wohnungen wurde nichts erneuert. Mit Ausnahme von zwei oder drei Familien war das Mobiliar seit zweihundert Jahren so gut wie nie ausgewechselt worden. Man kennt hier weder die Welt der Mode noch das Bedürfnis nach Luxus oder nach den Annehmlichkeiten des Lebens. Einerseits herrscht Apathie, andererseits bestimmen Schwierigkeiten die Geschicke des Landes/der Menschen, daher bleibt alles beim Alten. Man verfügt über das unbedingt Notwendige, man besitzt nichts Überflüssiges. Darum spielt sich alle Gastfreundlichkeit nur in Worten ab.
Auf Mallorca wie in ganz Spanien gibt es einen typischen Satz, mit dem vermieden wird, etwas zu verleihen. Er besteht darin, alles anzubieten: das Haus und alles, was es enthält, steht Ihnen zur Verfügung. Sie können kein Bild anschauen, keinen Stoff berühren, keinen Stuhl anheben, ohne dass man ihnen sagt, und dies mit vollkommener Höflichkeit: Es steht zu Ihrer Verfügung. Hüten Sie sich jedoch, irgendetwas, und sei es auch nur eine Nadel, anzunehmen, dies wäre von unerhörter Grobschlächtigkeit.
Ich habe bei meiner Ankunft in Palma eine solche Unverschämtheit begangen, und ich glaube, dass mir hierfür in den Augen des Grafen**** niemals vergeben werden kann. Ich war diesem jungen Salonlöwen aus Palma wärmstens empfohlen worden und glaubte, seinen Wagen für eine Spazierfahrt annehmen zu können. Er war mir auf so liebenswürdige Art und Weise angeboten worden! Aber am nächsten Tag gab mir ein kurzer Brief zu verstehen, dass ich gegen sämtliche Sitten verstoßen hatte, und ich beeilte mich, den Wagen zurückzuschicken, ohne ihn genutzt zu haben.
Allerdings habe ich auch Ausnahmen von dieser Regel angetroffen; dabei handelte es sich aber um Personen, die gereist waren, die die Welt gut kannten und sozusagen in allen Ländern zu Hause waren. Selbst wenn andere ebenfalls aus Herzensgüte ihre Freundlichkeit und Offenheit unter Beweis stellen wollten, hätte uns niemand auch nur ein Eckchen seines Hauses zur Verfügung stellen können, ohne sich Zwänge und Unannehmlichkeiten aufzuerlegen, was in Kauf zu nehmen unsererseits wirklich unverschämt gewesen wäre (es ist unverzichtbar, das zu betonen, um zu verdeutlichen, wie die Zölle und die fehlende Industrie diesem Land geschadet haben).
Als wir versuchten, Unterkunft zu finden, kamen wir nicht umhin, diese Widrigkeiten zu verinnerlichen. Es war unmöglich, in der ganzen Stadt auch nur eine bewohnbare Bleibe zu finden.
Eine Wohnung in Palma verfügt über vier absolut nackte Wände und besitzt weder Fenster noch Türen. In den meisten Bürgerhäusern gibt es keine Fenster, und wenn man sich diese Annehmlichkeit besorgen möchte, die im Winter unabdingbar ist, muss man zunächst Fensterrahmen herstellen lassen. Jeder Mieter nimmt also bei jedem Umzug (Umzüge finden selten statt) seine Fenster mit, wie auch seine Schlösser und die Türangeln. Sein Nachfolger muss zunächst alles ersetzen, es sei denn, er möchte, und das ist in Palma durchaus verbreitet, dem Wind ausgesetzt sein.
Es dauert aber mindestens sechs Monate, um lediglich Türen und Fenster machen zu lassen, die Tische, die Stühle, eigentlich alles, so einfach die Möblierung auch sein mag. Es gibt nur wenige Handwerker, sie arbeiten langsam, haben kaum Werkzeug und Material. Es gibt immer einen Grund, weswegen der Mallorquiner sich nicht beeilt. Das Leben ist so lang! Man muss Franzose sein, das heißt extravagant und hektisch, um zu verlangen, dass etwas sofort erledigt werden soll. Und wenn Sie schon sechs Monate gewartet haben, warum sollten Sie nicht sechs weitere Monate warten? Und wenn es Ihnen hierzulande nicht gefällt, warum bleiben Sie? Braucht man Sie hier? Man schafft es auch ohne Sie. Sie glauben doch nicht etwa, dass Sie alles durcheinander bringen können? Oh, das auf keinen Fall! Wir hier, verstehen Sie, hören Ihnen geduldig zu, und machen dann doch, was wir wollen. – Gibt es also tatsächlich nichts zu vermieten? – Vermieten? Was ist das denn? Möbel mieten? Sollte es hier so viele geben, dass wir welche zu vermieten haben? – Gibt es denn auch keine zu verkaufen? – Verkaufen? Das würde bedeuten, dass sie bereits angefertigt sind. Haben wir Zeit übrig, um im Voraus Möbel herzustellen? Wenn Sie wollen, lassen Sie aus Frankreich welche kommen, das ganze Land scheint ja voll davon zu sein. – Aber um welche aus Frankreich kommen zu lassen, dauert es mindestens sechs Monate, und Gebühren sind zu entrichten. Wenn man also die Dummheit begeht, hierher zu kommen, ist das einzige Mittel, seinen Irrtum zu beheben, wieder wegzufahren! Das ist, wozu ich Ihnen rate, oder fassen Sie sich in Geduld, viel Geduld, mucha calma, wie die hiesige Volksweisheit es verlangt.
Wir setzten diesen Rat in die Tat um, als man uns, gewiss in bester Absicht, den schlechten Dienst erwies, ein Haus auf dem Land für uns zu mieten.
Es handelte sich um die Villa eines reichen Bürgers, die uns zu einem unserer Meinung nach sehr bescheidenen Preis überlassen wurde, der aber für die Gegend ziemlich hoch war (ungefähr 100 Francs pro Monat). Sie war wie alle Landhäuser hier möbliert. Die verbreiteten Feldbetten oder solche aus grün gestrichenem Holz, einige bestanden aus zwei aufgebockten Brettern, auf die man eine dünne Matratze gelegt hatte. Die Strohstühle, die Tische aus unbearbeitetem Holz, die nackten Wände, die mit Kalk geweißt worden waren. Als Gipfel des Luxus gab es in fast allen Zimmern Glasfenster; schließlich befanden sich anstelle von Bildern in dem Raum, der Salon genannt wurde, vier schreckliche Kaminaufsätze, wie diejenigen, die man in unseren ärmlichen Dorfgasthäusern findet, und die der Señor Gomez, unser Vermieter, unbedingt hatte einrahmen lassen wollen, als handele es sich um wertvolle Drucke, um die Holzwände seines Anwesens zu verzieren. Im Übrigen war das Haus großzügig geschnitten, offen (zu offen), die Räume lagen praktisch und waren gut ausgerichtet, es lag am Fuße der Berge, die in gefälligen und fruchtbaren Hängen ausliefen. Wir befanden uns in einem üppigen Tal, das von den gelben Mauern Palmas abgeschlossen wurde, seine massige Kathedrale und das glitzernde Meer sah man am Horizont. Die ersten Tage, die wir hier verbrachten, waren fast gänzlich von Spaziergängen und müßigem Flanieren ausgefüllt, zu denen uns ein äußerst angenehmes Klima sowie eine bezaubernde Natur, die uns völlig neu war, einlud.
Obwohl ich einen großen Teil meines Lebens unterwegs gewesen bin, habe ich mich selten weit von meiner Heimatgegend entfernt. Es war also das erste Mal, dass ich eine Vegetation und Landschaft sah, die sich so grundlegend von dem, was wir in unseren gemäßigten Breiten haben, unterscheidet. Als ich Italien entdeckte, landete ich an den Stränden der Toskana, und die grandiose Vorstellung, die ich mir von diesem Landstrich gemacht hatte, hielt mich davon ab, seine pastorale Schönheit und strahlende Anmut wahrzunehmen. An den Ufern des Arno glaubte ich mich an der Indre, und ich bin bis nach Venedig gekommen, ohne über irgendetwas erstaunt oder gerührt zu sein. Auf Mallorca hingegen schien es keine Vergleichsmöglichkeit mit mir bekannten Orten zu geben. Die Menschen, die Häuser, die Pflanzen bis hin zum kleinsten Stein auf dem Weg hatten einen besonderen Charakter. Meine Kinder waren hiervon so beeindruckt, dass sie von allem Sammlungen anlegten. Sie wollten alle unsere Schrankkoffer mit diesen schönen Quarzsteinen und geädertem Marmor in allerlei Farben füllen, die um jedes Gehege herum aufgehäuft werden. So kam es, dass die Bauern, die uns sogar trockene Zweige aufsammeln sahen, uns entweder für Apotheker hielten, oder aber einfach für Idioten.
VI
Die Insel verdankt die große Vielfalt der Anblicke, die sie bietet, der ständigen Bewegung, der der Boden immer wieder durch gewaltige Wasserfluten ausgesetzt ist. Jener Teil der Insel, in dem wir damals wohnten, hieß Establiments und wies in einem Umkreis von wenigen Meilen ganz unterschiedliche Eindrücke auf. Aller Ackerbau um uns her war auf fruchtbarem Boden und leicht abschüssigen, unregelmäßigen Stufen rings um die Hügel herum angelegt. Dieser terrassenförmige Anbau ist in allen Teilen der Insel anzutreffen, die vom Regen und den plötzlichen anschwellenden Bächen ständig bedroht sind, er begünstigt den Baumbestand, der der Landschaft das Aussehen eines wunderbar gepflegten Obstgartens verleiht.
Zu unserer Rechten stiegen die Hänge von den Weiden aus nach und nach leicht an und führten in die tannenbedeckten Berge. Am Fuße dieses Gebirges fließt im Winter und bei den Sommergewittern ein Sturzbach, der sich bei unserer Ankunft noch als steiniges Bett darbot. Aber das hübsche Moos, das diese Steine bedeckte, die kleinen Brücken, die durch die Feuchtigkeit grün geworden waren und brüchig durch die Heftigkeit des Stroms und zur Hälfte von den hängenden Zweigen der Weiden und den Pappeln versteckt, diese schönen schlanken Bäume, deren üppiges Blattwerk wie miteinander verschlungen war und die sich neigten, als wollten sie vom einen Ufer zum anderen eine grüne Wiege bilden, ein schmaler Wasserlauf, der lautlos zwischen Gestrüpp und Myrten dahinfloss, und immer wieder Gruppen von Kindern, Frauen und Ziegen, die in geheimnisvollen Vertiefungen hockten, machten aus diesem Ort ein herrliches Motiv für die Malerei. Jeden Tag gingen wir im Bett des Sturzbaches spazieren, und wir nannten diese Stelle der Landschaft den Poussin, weil diese freie Natur elegant und stolz in ihrer Melancholie uns an die Orte erinnerte, die den großen Meistern besonders lieb gewesen zu sein scheinen.
Ein paar hundert Schritte von unserer Einsiedelei teilte sich der Sturzbach in mehrere Verästelungen, deren Lauf sich in der Ebene zu verlieren schien. Die Olivenbäume und Johannisbrotbäume spreizten ihre Zweige über die gepflügte Erde und verliehen der Ackerlandschaft das Aussehen eines Waldes. Auf den zahlreichen Erhebungen am Rand dieses bewaldeten Teils erhoben sich Hütten von beeindruckender Machart, obwohl sie tatsächlich winzig klein waren. Man kann sich nicht vorstellen, wie viele Scheunen, Verschläge, Ställe, Höfe und Gärten ein pagès (Grundeigentümer) auf einem kleinen Stück Land unterbringt und von welchem natürlichen Schönheitssinn diese zufällige Anordnung Zeugnis ablegt. Für gewöhnlich besteht das Häuschen aus zwei Stockwerken und einem flachen Dach, dessen Verlängerung eine Galerie überschattet, das geradeso wirkt wie eine Reihe von Schießscharten unter einem florentinischen Dach. Diese symmetrische Krönung verleiht den hinfälligsten und ärmlichsten Bauten etwas Starkes und Herrschaftliches, und die riesigen Bündel von Maiskolben, die an der Luft trocknen und in jeder Öffnung der Galerie hängen, bilden schwere Zacken, wo rot und Bernsteinfarben einander abwechseln, und deren Effekt unglaublich üppig und hübsch ist. Um diese Häuschen herum erhebt sich gewöhnlich eine dicke Hecke von Kaktuspflanzen, deren bizarre Zweige ineinander greifen und eine Mauer bilden, und so die hinfälligen Umzäunungen aus Algen und Schilf schützen, die zur Unterbringung der Schafe dienen. Da sich diese Bauern nie untereinander bestehlen, haben sie, um ihren Besitz zu umschließen, nur ein Tor dieser Art. Mandel- und Orangebäume umgeben den Garten, wo kaum anderes Gemüse als Pfefferschoten und Liebesäpfel angepflanzt werden, aber all dies ist von einer herrlichen Farbe, und oft breitet eine einzige Palme in der Mitte ihren anmutigen Sonnenschirm aus, um dem hübschen Bild, das dieses Anwesen bietet, einen krönenden Abschluss zu verleihen, oder sie neigt sich anmutig zur Seite, wie eine hübsche Feder.
Diese Gegend ist eine der blühendsten der Insel, und die Eindrücke, die Herr Grasset de Saint-Sauveur in seiner »Reise auf die Balearen« von ihr liefert, bestätigen, was ich zuvor über die Unzulänglichkeit des Ackerbaus im Allgemeinen auf Mallorca gesagt habe. Die Bemerkungen, die dieser kaiserliche Beamte 1807 über die Lethargie und Unwissenheit der Grundbesitzer machte, führten ihn dazu, nach deren Wurzeln zu forschen, und er fand zwei maßgebliche Ursachen:
Die erste ist die große Anzahl an Klöstern, in die ein Teil der ohnehin bereits geringen Bevölkerung verschwand. Dieses Problem ist jedoch dank des energischen Dekrets von Herrn Mendizabal behoben, das die strenggläubigen Bewohner Mallorcas ihm nie verzeihen werden.
Die zweite ist die Mentalität der Leibeigenschaft, die bei ihnen vorherrscht, und die sie zu Dutzenden in den Dienst der Reichen und Adeligen treibt. Dieser Missstand zeigt nach wie vor deutliche Auswirkungen. Jeder Aristokrat Mallorcas hat ein Gefolge, das er mit seinem Einkommen kaum unterhalten kann, obwohl es ihm zu keinerlei Annehmlichkeit verhilft. Es ist unmöglich, schlechter bedient zu werden als von jenen Lohndienern.
Fragt man sich, wofür ein reicher Mallorquiner sein Einkommen ausgeben kann in einer Gegend, wo es weder Luxus noch irgend andere Versuchungen gibt, erhält man die Antwort, wenn man sein Haus besucht, das voller schmutziger Faulpelze beiderlei Geschlechts ist, die den dafür vorgesehenen Teil der Gebäude belegen. Sobald sie ein Jahr im Dienste ihres Herrn verbracht haben, haben sie lebenslang ein Anrecht auf Wohnung, Kleidung und Nahrung. Diejenigen, die nicht dienen wollen, können dies, indem sie auf einige Annehmlichkeiten verzichten. Das Gewohnheitsrecht erlaubt ihnen jedoch, jeden Morgen zu kommen und mit ihren ehemaligen Kollegen Schokolade zu trinken, und, wie Sancho Pansa bei Camacho, an allen Festlichkeiten des Hauses teilzunehmen.
Auf den ersten Blick erscheinen diese Sitten patriarchalisch, und man ist versucht, diese republikanische Einstellung zu bewundern, die das Verhältnis zwischen Herr und Knecht bestimmt, aber schnell wird klar, dass es sich um eine republikanische Einstellung nach Art des alten Roms handelt und dass diese Knechte Kunden sind, die durch Faulheit oder Elend an die Eitelkeit ihrer Herrschaften gefesselt sind. Es ist auf Mallorca ein Luxus, fünfzehn Angestellte für einen Hausstand zu haben, der allenfalls zwei benötigt. Und wenn man die weiten, brach liegenden Felder sieht, die darniederliegende Industrie, und wie jeder Ansatz von Fortschritt erstickt wird durch Unfähigkeit und Gleichgültigkeit, weiß man nicht, wen man mehr verachten soll, den Herren, der so die moralische Erniedrigung seiner Mitmenschen fördert und fortsetzt, oder den Knecht, dem erniedrigender Müßiggang lieber ist als Arbeit, die ihn jene Unabhängigkeit finden ließe, die der menschlichen Würde entspricht.
Es kam jedoch vor, dass die reichen Grundbesitzer Mallorcas, nachdem sie lange genug mit angesehen hatten, wie ihre Ausgaben stiegen und ihrer Einnahmen sanken, sich entschlossen haben, etwas gegen die Unverbesserlichkeit ihrer Pächter und den Hunger der Arbeiter zu unternehmen. Sie haben einen Teil ihrer Ländereien über Leibrenten an Bauern veräußert, und Herr Grasset de Saint-Sauveur hat sich davon überzeugen können, dass auf allen großen Grundbesitztümern, wo man diese Methode angewandt hat, der vorher scheinbar unfruchtbare Boden bei der fleißigen Bearbeitung durch Menschen, denen an seiner Verbesserung gelegen sein musste, einen so üppigen Ertrag lieferte, dass in nur wenigen Jahren alle Beteiligten die vorteilhaftesten Ergebnisse erzielten.
Die Voraussagen von Herrn Grasset sind in dieser Hinsicht vollständig eingetreten, und heute ist die Gegend von Establiments ein blühender Garten geworden, die Bevölkerungszahlen sind angestiegen, zahlreiche Häuser sind gebaut worden und die Bauern sind hier zu einem gewissen Wohlstand gelangt, der zwar noch nicht mit Aufklärung einherging, jedoch ihre Geschicklichkeit bei der Arbeit deutlich erhöht hat. Es wird wohl noch Jahre dauern, bis der Mallorquiner aktiv und fleißig sein wird, und wenn er wie wir die harte Phase des Durstes nach persönlicher Bereicherung durchleben muss, um zu verstehen, dass dies noch nicht das Ziel der Menschheit ist, können wir ihm ruhig seine Gitarre und seinen Rosenkranz lassen, um die Zeit damit totzuschlagen. Aber sicherlich sind diesen Naturvölkern bessere Schicksale als uns vorbehalten. Eines Tages werden wir sie in die wirkliche Zivilisation einweihen, ohne ihnen vorzuwerfen, was wir für sie getan haben. Sie sind noch nicht stark genug, um den Revolutionsgewittern, die unser Bewusstsein für Perfektion über unseren Köpfen hervorgerufen hat, entgegenzutreten. Allein, ohne Unterstützung, verspottet und bekriegt vom Rest der Erde, haben wir riesige Schritte unternommen, und der Lärm unserer gewaltigen Kämpfe hat diese Völkchen, die kaum weiter als einen Kanonenschuss entfernt im Schoße des Mittelmeers schlummern, nicht aus ihrem tiefen Schlaf geweckt. Es wird der Tag kommen, an dem wir ihnen die Taufe für die wirkliche Freiheit erteilen und sie sich freudestrahlend in unsere Arme werfen werden. Finden wir Worte für unser soziales Schicksal, verwirklichen wir unsere erhabenen Träume! Und während die umliegenden Nationen sich nach und nach unserer revolutionären Gemeinschaft anschließen, werden diese unglücklichen Insulaner, die aufgrund ihrer Schwäche unaufhörlich stiefmütterlichen Herrschernationen zum Opfer fallen, die sich um sie streiten, schließlich auch begierig, Anschluss suchen.
Während wir auf diesen Tag warten, an dem wir als erste in Europa das Gesetz der Gleichheit für alle Menschen verkünden werden und die Unabhängigkeit aller Völker, herrscht auf der Welt das Gesetz des Stärkeren im Krieg oder des Gerissensten im diplomatischen Spiel; das Recht der Leute ist nur ein Wort, und das Schicksal aller Völker, die allein stehen, wie der Transsylvanier, der Türke oder der Ungar, wie La Fontaine es ausdrückt, ist es, vom Sieger verschlungen zu werden. Wenn dem für immer so sein sollte, wünschte ich Mallorca weder Spanien noch England und nicht einmal Frankreich als Herrscherin, und ich würde mich ebenso wenig für sein Schicksal interessieren, wie für die seltsame Zivilisation, die wir nach Afrika bringen.
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