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Christoph Ruf

KURVEN​REBELLEN

DIE ULTRAS

EINBLICKE IN EINEWIDERSPRÜCHLICHE SZENE

VERLAG DIE WERKSTATT

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Copyright © 2013 Verlag Die Werkstatt GmbH

Lotzestraße 22a, D-37083 Göttingen

www.werkstatt-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten.

Satz und Gestaltung: Verlag Die Werkstatt

Coverfoto: Daniel Marr

ISBN 978-3-7307-0070-9

INHALT

1  EINLEITUNG

2  „EINE COOLE GEMEINSCHAFT LEBEN“

3  Die verschlungenen Wege von Deutschlands erfolgreichster Jugendkultur

4  SCHICKERIA MÜNCHEN

5  Das Beste am FC Bayern

6  HORIDOS FÜRTH

7  Stress mit der Nachbarschaft

8  VON „HAUSBESUCHEN“ UND „SINNLOS-RIOTS“

9  Eine Szene zwischen Gewaltfaszination und Nachdenklichkeit

10  „EMOTIONEN RESPEKTIEREN – PYROS LEGALISIEREN“

11  FEINDBILD POLIZEI

12  Warum die Fronten verhärtet bleiben

13  Polizeigewalt – ein Opfer erzählt

14  „ULTRAS ZURÜCK IN DIE KURVE“

15  Die Coloniacs haben ihren eigenen Kopf

16  RIOT GRRRL ODER BRÖTCHEN SCHMIEREN?

17  Eine Ultra-Frau in der Kurve (Helga Wolf)

18  „WIR SIND KEIN CHOR“

19  Die Kohorte Duisburg eckt an

20  „KEINE X-BELIEBIGE GRUPPE“

21  Das Commando Cannstatt

22  MÜNSTER DEVIANTS

23  Ultras in der Findungsphase

24  EINFACH GUTER JOURNALISMUS

25  Das „Transparent“-Magazin

26  „GANZ OBEN IN DER NAHRUNGSKETTE“

27  Rechte Hools fordern die Ultra-Szene heraus

28  BRAUNE FLECKEN AUF GELBER WAND

29  Der BVB und die Neonazis (Olaf Sundermeyer)

30  INFERNO COTTBUS

31  Wenn Nazis im Reich unterwegs sind

32  ALLEIN GELASSEN

33  Die Aachen Ultras geben auf

34  VERTRAUEN IST GUT

35  In Erfurt wissen Verein und Ultras, was sie aneinander haben

36  „EINE GEFESTIGTE SZENE“

37  Warum die Ultras des Karlsruher SC bundesweit Respekt genießen

38  VON MÜCKEN, ELEFANTEN UND HERRN WENDT

39  Politiker, Medien und ein Polizeigewerkschafter führen die Sicherheitsdebatte

40  DER AUTOR

41  FOTOSTRECKE

„Wer in diesem Fußball oder dieser Gesellschaft keine Probleme verursacht, dem ist sowieso nicht mehr zu helfen.“

Daniel, 28, Ultra

„Draußen sind die 20-Jährigen doofer als die 40-Jährigen. Bei den Ultras ist es andersherum, da merke ich immer, wie doof wir Alten geworden sind. Ich finde, das ist eine Subkultur, wie man sie sich wünscht.“

Harry, 38, Fan der Spielvereinigung Greuther Fürth

„Warum jubeln die denn die ganze Zeit so und schauen gar nicht zum Spiel? Dann wissen sie doch gar nicht, warum sie sich freuen.“

Nils, 6

EINLEITUNG

Nicht alle Vorbehalte, die ich gegen Ultras hatte, sind in den vergangenen Monaten zerstreut worden. Dass ich sie habe, liegt wohl vor allem an meinem Geburtsdatum und mithin einer völlig anderen Fansozialisation, als sie die heute 20-Jährigen haben. Als wir 20 waren, fieberten wir den Fahrten nach England oder Schottland entgegen, bewunderten die Stimmung in Liverpool, bei Celtic Glasgow, West Ham United oder bei irgendeinem dieser vielen vielen britischen Grounds, in denen Tausende ihre Mannschaft von den Stehplätzen aus nach vorne brüllten. Italien interessierte uns auch, nur nicht in Sachen Fußball.

Ich erinnere mich noch gut an eine im Auswärtsblock erlebte Niederlage in Bochum, an deren Ende die VfL-Fans branchenüblich riefen: „Ihr könnt nach Hause fahr’n.“ Aus der spontanen Replik eines Stehplatznachbarn, der irgendetwas vor sich hinmurmelte, was uns Nebenleuten gefiel, entwickelte sich binnen Sekunden die in der gleichen Melodie vorgetragene Antwort des Gästeblocks: „Ihr müsst in Bochum bleib’n …“

Ob das nun ungeheuer geistreich war oder nicht – es war jedenfalls spontan, ungeplant, Resultat eines gruppendynamischen Prozesses, den keiner beeinflussen konnte.

Natürlich waren Fangruppen schon damals hierarchisiert, der große Dicke hatte schon damals mehr zu sagen als der Kleine mit dem Stimmbruch, doch das Geklatsche und Gesinge in der Kurve ergab sich hin und wieder auch, wenn die großen Dicken grad am Bierstand waren. „Capos“, wie die „Vorsänger“ heute heißen, gab es nur auf dem Bau. Und die Vorstellung, dass eine Fankurve einen „Chef“ brauche, hätten damals alle für reichlich absurd gehalten.

Die Zeiten haben sich geändert. „Ihr müsst in Bochum bleib’n“ wäre heute undenkbar. Denn unter dem Klangteppich, den die Ultras über die Kurve legen, erstickt jedes andere Leben. Und auch wenn genau das in vielen Szenen gerade reflektiert wird – der elitäre Anspruch entspricht per se dem Selbstverständnis der Ultra-Szene, die sich durchaus als Avantgarde der Fankurve begreift. Das würden viele Ultras sympathischerweise empört von sich weisen, stimmt aber trotzdem. Wie es auch stimmt, dass nur beinharte Realitätsverweigerer der Stimmung in der heutigen Premier League noch etwas abgewinnen können.

Nach der Katastrophe von Hillsborough wurden dort die Sitzplätze abgebaut, brav domestiziert sitzt seit ein paar Jahren die englische Mittelklasse im Stadion, während die Reste der Arbeiterklasse das Spiel in den Pubs anschaut. Und Wochenende für Wochenende kommt die High Society aus Wiesbaden, Tokio oder Katar nach Manchester und London geflogen, um sich ein paar neue Trikots zu kaufen und die Stars mal aus der Nähe zu sehen. Mit einem Wort: Der Fußball auf der Insel ist ziemlich tot. Und auch in Deutschland wäre er wohl sanft entschlummert, wenn sich nicht ein paar junge Leute zusammengerafft hätten und etwas Neues gewagt hätten: Dass die Ultras die Kurven eroberten, war folgerichtig, und es war gut. Die Zeit war reif für sie. Und dass mein Abschied vom aktiven Fandasein einige Jahre später vollzogen war, hatte nicht primär mit der sich wandelnden Stimmung in den Kurven zu tun.

Längst bin ich vom Fußballfan zum Sportjournalisten mutiert. Dass der Karlsruher SC wieder in der zweiten Bundesliga spielt, freut mich. Wäre er drittklassig geblieben, hätte mir das aber auch nicht das Wochenende versaut. Also bin ich kein Fan mehr. Würde ich das von mir behaupten, käme ich mir vor wie einer dieser Politiker, die einmal im (Wahl-)Jahr ins Stadion gehen und sich vorm Nahen des Fotografen schnell einen Fanschal umlegen lassen. Fans verzweifeln nach Niederlagen, sie sind zum Teil tagelang nicht ansprechbar. Und sie tun Dinge, die Nicht-Fußballfans mehr als absonderlich finden: Ein Dortmunder hat anno 2004 die Abiturprüfung verweigert und ein Jahr später nachgeholt. Ein Autoaufkleber „Abi 04“ hätte ihn an den vermaledeiten Lokalrivalen aus Gelsenkirchen erinnert.

Und dennoch: Meine Fansozialisation prägt mich noch heute. Man muss mir nicht erklären, warum es großer Mist ist, wenn das Auswärtsspiel des eigenen Vereins mal wieder auf einen Freitag oder Montag fällt, was an Klatschpappen nervt und an Stadionsprechern, die glauben, es interessiere sich irgendjemand für ihre gute Laune. Und mir muss niemand erklären, wie man sich als Fan fühlt, wenn man den Eindruck hat, ausgenutzt zu werden. Ultras sind zunächst einmal Fußballfans. Wer ihnen das abspricht („sogenannte Fans“) macht sie wütender als derjenige, der sie mit Schimpfwörtern überzieht.

Nach wie vor befremdet mich vieles an der Ultra-Szene, nicht nur die Klangteppiche. Ich finde es grotesk, wie sich eine Szene, die so gern rebellisch wäre, „der Gruppe“ unterordnet, und mich befremdet die Ultra-spezifische Mischung aus kindlichen Pfadfinder-Riten und einer Gewaltfaszination, die ich intelligenten Menschen nur schwer verzeihen kann.

Doch das, was ich an der Ultra-Szene schätze, überwiegt bei Weitem. Die Szene ist lebendig, sie diskutiert, sie er-lebt die Welt mit Händen, Hirn und Füßen, anstatt sie sich von zweifelhaften Autoritäten erklären zu lassen. Und sie hat sich die kritische Grundhaltung bewahrt, die den meisten Gleichaltrigen abgeht.

Doch erstaunlicherweise wird öffentlich weder die Kreativität der Ultras, ihr politisches Engagement noch ihr Engagement für den Verein öffentlich gewürdigt. Eine brennende Bengalfackel genügt zuweilen, um eine ganze Kaskade von Negativschlagzeilen über eine Szene auszuschütten, die bundesweit aus mehreren zehntausend Menschen bestehen dürfte.

Ich war positiv überrascht, dass die allermeisten Szenen, die mich interessiert haben, bereit waren, sich gegenüber dem Angehörigen einer Berufsgruppe zu öffnen, aus deren Reihen allein im Jahre 2012 Verzerrungen und Unwahrheiten transportiert wurden, die eigentlich ein Fall für den Presserat sind.

Wer Ultras kritisiert, findet natürlich jede Menge Ansatzpunkte. Doch unter Garantie findet er keinen, den die erstaunlich selbstkritische Szene nicht auch schon intern diskutiert hätte – nicht der einzige Punkt, an dem sich Ultras wohltuend von vielen ihrer Altersgenossen unterscheiden: von all den Konsumsklaven, die am Samstagmorgen vor „Primark“ oder „Starbuck’s“ herumstehen, stupide auf ihr Smartphone starren und sich offenbar nur dann unterhalten können, wenn ihre Telefone irgendeinen Gesprächsgegenstand hervorzubringen scheinen.

Man mag einiges an den Ultras auszusetzen haben, vieles davon wird auf den kommenden 200 Seiten genauso thematisiert wie all das, was die Ultra-Szene zur vielleicht faszinierendsten Jugendkultur dieser Tage macht. Eines steht aber fest: Die Ultras sind die Besten ihrer Generation …

„EINE COOLE GEMEINSCHAFT LEBEN“
DIE VERSCHLUNGENEN WEGE VON DEUTSCHLANDS ERFOLGREICHSTER JUGENDKULTUR

Die Ultra-Bewegung umweht die Aura des Neuen. Das mag lächerlich klingen. Zumindest für Ultras. Schließlich haben hierzulande die ersten Gruppen bereits ihr 15-jähriges Bestehen gefeiert. Und dennoch könnte die Mehrheit der Fußballinteressierten wohl nicht so genau erklären, was es mit diesen merkwürdigen Ultras auf sich hat. Sind es besonders fanatische Fans? Sind es moderne Hooligans, skrupellose Fußballschläger? Das glauben vor allem viele Menschen, die lange nicht mehr im Stadion waren. „Ultra“ klingt jedenfalls extrem, verrucht, vielleicht sogar ein bisschen gefährlich. Und das soll es vielleicht auch

Mitte der Neunziger fanden die ersten jungen Fußballfans zusammen, denen die eingefahrenen Rituale in den Kurven zu langweilig geworden waren. Zwar hatten sich mancherorts bereits Ende der Achtziger kritische Fanszenen gebildet, die zum Teil spektakulär gut gemachte Fanzines herausgaben und mit dem Bild des tumben Fußballfans gründlich aufräumten. Doch sie waren meist allenfalls das intellektuelle Aushängeschild einer Kurve, die sie meist nur partiell erreichte. Deren stimmgewaltige Mitte waren fast überall die Kutten-Fans, deren einprägsamste Vertreter eine mit Aufnähern übersäte Jeansjacke, Trikot und Schal trugen – die Unerschrockeneren unter ihnen banden sich auch gerne einmal deren fünf um ein einziges Handgelenk. So oder so ging man gemeinsam ins Stadion, trank ein paar Pils – und wartete auf das nächste Auswärtsspiel. Fußball war etwas, das sich am Wochenende abspielte. Und nur am Wochenende. Es sei denn, der Kassenwart des Fanklubs war mit den Einnahmen der Tombola durchgebrannt, und es stand eine Nachwahl an. Dann gab es eine Sondersitzung neben der regulären Weihnachtsfeier.

Mitte, spätestens Ende der neunziger Jahre traten dann die Ultras auf den Plan. Den meist sehr jungen Fußballfans reichte es nicht mehr, zweimal pro Saison zu fordern, ihr Team möge den Bayern doch bitte die Lederhosen ausziehen und „Cologne“ auf „Scheiße vom Dom“ zu reimen. Von der Tristesse bei den Spielen ihrer Lieblingsvereine hatten sie gründlich die Nase voll. Die Nachwuchsfans blickten sehnsüchtig nach Italien. Dorthin, wo die Fans seit den frühen sechziger Jahren eine ganz andere Kultur praktizierten als ihre Kollegen in Nord- und Mitteleuropa. Jenseits der Alpen, in Italien, so hörte man damals, hatte sich eine andere, eine farbenfrohere, kreativere und originellere Fankultur entwickelt.

An spielfreien Wochenenden machten sich also per Auto oder Zug Fans aus allen Teilen der Republik nach Rom, Parma oder Genua auf, um in den dortigen Fankurven auf Bildungsreise zu gehen. Für sie wurde Italien das gelobte Land der Fußballkultur. Und sie sahen schon kurz darauf keinen einzigen Grund mehr, warum das, was jenseits der Alpen so gut funktionierte, in Deutschland nicht möglich sein sollte.

Prompt machten sie sich ans Werk. Fleißig und detailversessen, wie Ultras nun mal sind. Statt sich zu Weihnachten das neue Trikot aus dem Fanshop zu wünschen, gestalteten sie ihr eigenes Merchandising. Statt Unterschriftenlisten auszulegen, schrieben sie Transparente. Und sie nutzten alle Kommunikationsformen, die das Internet ihnen bot. Die Anfangstage der Ultra-Bewegung schildern die Angehörigen der „ersten Generation“ als inspirierende und inspirierte Zeit. Man diskutierte viel, probierte noch mehr aus und tat das, was Jugendliche eben richtigerweise tun, wenn sie finden, dass das Leben zu kurz ist, um es ausschließlich vor verschieden großen Bildschirmen in abgedunkelten Räumen zu verbringen. Sie trafen sich mit Gleichgesinnten, aus denen nicht selten Freunde wurden. Sie redeten, feierten und tranken zusammen – und sie gingen zum Fußball.

Auch in den deutschen Ligen tauchten nun Doppelstockhalter und Transparente auf, die Fangesänge wurden zentral von einem Menschen gesteuert, der sich Vorsänger nannte. Die ersten Choreografien wurden gezeigt, wochen- und monatelang werden die geplant, was selbst den größten Ultra-Kritikern in den Vereinen Respekt abnötigt. Auch Bengalos, leuchtende Fackeln, sah man wieder verstärkt in den Fankurven. Neu waren die allerdings nicht, das wird heute gerne einmal vergessen. Der Bieberer Berg in Offenbach und der „Betze“ in Kaiserslautern verdanken ihren im Rückblick immer legendärer werdenden Charme nicht zuletzt der Tatsache, dass die Fans dort an Abendspielen munter Fackel um Fackel anzündeten und damit Bilder lieferten, mit denen Fernsehsender und Stadionzeitungen nur zu gerne arbeiteten. Pyros waren damals nicht nur nicht geächtet, sie waren vom offiziellen Fußball geachtet. Und das lange, lange, bevor das Wort „Ultra“ zu einem feststehenden Begriff der Fußballsprache wurde wie „Ball“ oder „Abseits“.

Für die meisten Ultras ist zudem die „Zaunfahne“, hinter der sie sich im Stadion versammeln, ein Fetisch. Kommt die Textilie zu Schaden, ist das die denkbar größte Schande für eine Gruppierung. Als Kölner Ultras die Zaunfahne der rivalisierenden Gladbacher stahlen, löste sich „Ultras Mönchengladbach“ auf. Sie hatten zugelassen, dass ihre Standesehre beschmutzt wurde.

Wem das alles ein wenig verrückt vorkommt, der hat gute Argumente auf seiner Seite. Aber auch die Riten von Gruftis, Burschenschaftern oder Karnevalisten wirken auf Außenstehende hochgradig autistisch. Wer in eine Subkultur eintaucht, verliert eben manchmal den Kontakt zum Leben oberhalb der Subkultur. Erschreckend viele Ultras geben zu, dass sie kaum noch Freunde außerhalb von Fußballzusammenhängen haben.

Am Fan-Dasein änderte sich weit mehr als nur Äußerlichkeiten. Mit dem Aufkommen der Ultras wurde es zur Vollzeitbeschäftigung, Fan eines Fußballvereins zu sein. In vielen Gruppenräumen stehen Tischkicker, Tischtennisplatten und Billardtische, es gibt einen Tresen – kurzum: Alles das, was die Jugendzentren oft aus Finanzmangel kaum noch bieten können, organisieren (und finanzieren) die Ultras selbst. Ins Jugendzentrum gehen sie natürlich schon lange nicht mehr. Warum auch, wenn sie in ihrer Ultra-Gruppe unter Gleichgesinnten sind. Und damit Teil eines kompletten Lebensentwurfes, der auch alltägliche Hilfestellungen beinhaltet, Ältere helfen Jüngeren bei den Hausaufgaben, alle sich wechselseitig beim Umzug. Mindestens einmal wöchentlich trifft sich jede Gruppe, an den anderen Tagen werden Choreografien gebastelt, für Ultras ist jedes Pflichtspiel ihres Vereins auch ein Pflichtspiel für sie selbst. Manch einer bleibt im Sommer zu Hause, weil ein Großteil des Jahresurlaubs für die Auswärtsspiele an Freitagen und Donnerstagen draufgegangen ist. Dass Ultras gegen die Zersplitterung der Spieltage kämpfen, ist also nur logisch. Weil sie so unendlich viel für ihre Leidenschaft tun, entsteht andererseits ein manchmal ungesundes Selbstbewusstsein: Manche Ultra-Fürsten stolzieren so demonstrativ durch den Block, als wären sie kurz davor, Autogrammkarten von sich drucken zu lassen. Überhaupt sind Ultras Meister der Selbstinszenierung: Wer einmal erlebt hat, wie sich hunderte Fans, die Sekunden zuvor hochkonzentriert ihre Lieder abgesungen haben, mit dem Schlusspfiff, also quasi auf Knopfdruck, in die wildesten Erregungszustände beamen können, brüllen, Fäuste schütteln und an Zäunen rütteln, weiß, was gemeint ist. Hinter dem Ultra-Dogma „Ihr für uns, wir für euch“ steckt also auch eine Circus-Maximus-Mentalität, die man sehr unsympathisch finden kann: Das Volk senkt den Daumen. Es fordert zwar nicht den Tod der Gladiatoren, zählt aber mit dem Metermaß nach, wie eng sich die Spieler mit angemessen gesenkten Köpfen den wütenden Massen genähert haben. „Ein saublödes Ritual“, sagt ein Erstliga-Spieler. „Wenn die wütend sind, kann man sich mit denen nicht unterhalten, es geht dann nur darum, sich beschimpfen zu lassen und mit gesenktem Kopf in der Kabine zu verschwinden.“

Die Attraktivität der Ultra-Bewegung ist noch heute ungebrochen. Beobachter halten die Ultras für die größte jugendliche Subkultur dieser Tage – was allein schon mangels Alternativen stimmen dürfte. Teenager, die zum ersten Mal ohne ihren Papa ins Stadion gehen, zieht es bei Popkonzerten in die erste Reihe. Und im Stadion zu den Ultras. Dorthin, wo am meisten los ist. Um nicht allzu schnell zu wachsen, haben einige Ultra-Gruppierungen Aufnahmesperren verhängt. Wer zum harten Kern der Gruppe gehören will, muss sich vorher bewähren. In manchen Gruppen durch Sozialverträglichkeit, in anderen durch Frondienste: Der Nachwuchs einer großen Ultra-Gruppe wird bei Auswärtsspielen in den Block geschickt, um dort erst mal alle Aufkleber abzukratzen, die von Gruppen anderer Vereine in den Monaten zuvor verklebt wurden. Bei gewaltaffineren Gruppen stehen Mutproben auf dem Programm: Erbeutete gegnerische Schals dienen dann beispielsweise als Skalp. So oder so: Neulinge haben sich einzufügen in das, was die Gruppe als ihre „Identität“ ausmacht. Die wird mal von den Altvorderen vorgegeben, mal basisdemokratisch ermittelt, in jedem Fall aber ist sie bindender als der Fraktionszwang im Berliner Reichstag.

Als Gründungsmythos der Ultra-Bewegung gilt das sogenannte Ultra-Manifest, das Fans des AS Rom vor Jahrzehnten verfasst haben und das in sechs Geboten („Ultras sollen …“) gipfelt. Ohne falsche Scheu vor Pathos gelobte die Szene damals in den Neunzigern, nicht nur jedes Spiel ihres Teams zu sehen („unbedingt Präsenz zeigen“) und keinesfalls mit Vereinsvertretern oder der Presse zu kooperieren. Und natürlich schon gar nicht mit der Polizei, dem Feindbild Nummer eins eines jedes anständigen Ultras. Es gehe darum, „sich nicht von den Autoritäten unterdrücken zu lassen“ und die „Ware TV-Fußball“ zu sabotieren, hieß es im „Manifest“ angemessen dramatisch.

Die Bedeutung des Ultra-Manifests für die deutschen Ultras hat im Laufe der Jahre deutlich nachgelassen, viele Gruppen lächeln heute eher darüber. Nichtsdestoweniger enthält es – in überzeichneter Form – einige unverrückbare Elemente der Ultra-Kultur. Der DFB-Sicherheitsbeauftragte Hendrik Große Lefert berichtete jüngst im kleinen Kreis von einem Gespräch mit einem Kopf der deutschen Ultra-Bewegung. Es sei ein gutes Gespräch gewesen, das allerdings in einem bestimmten Moment an einen Scheidepunkt geraten sei. „Der hat mir glatt ins Gesicht gesagt, dass für ihn das Ultra-Manifest verbindlicher ist als das Grundgesetz.“ Große Lefert war schockiert.

Das Label „Ultra“ beschreibt allenfalls den kleinsten gemeinsamen Nenner der Bewegung. „DIE Ultras gibt es nicht“, war wohl der am meisten gehörte Satz bei der Recherche. Was keinen, der ihn sagt, davon abhält, ein paar Gemeinsamkeiten zu formulieren, die zumindest hierzulande alle Ultras einen. „Es gibt da allenfalls einen Grundtenor“, meint auch Fabian aus Fürth. „Man möchte sich, seine Gruppe und seine Städte bestmöglich nach außen hin repräsentieren und zusammen mit seinen Freunden eine coole Gemeinschaft leben.“ Der Gemeinschaftsgedanke eint auch die Gruppen, die – wie in Gelsenkirchen oder Frankfurt – 800 bis 1.200 Mitglieder umfassen. Selbst in facebook-Kategorien gemessen, sind das zu viele Personen, als dass man mit allen befreundet sein könnte. Doch die Gruppen setzen sich in der Regel aus einem harten Kern zusammen – meist sind es die Mitglieder, die am längsten dabei sind – und einem Unterstützerkreis, den man erst mal beobachtet, bis man ihn in seine Mitte aufnimmt.

Unbequem, meint Fabian, wollten wohl alle Ultra-Gruppen sein. Doch darüber, was das bedeute, gingen die Meinungen stark auseinander: „Niedrige Eintrittspreise und fanfreundliche Anstoßzeiten wollen alle, aber schon bei den unterschiedlichen Support-Stilen enden die Gemeinsamkeiten.“

Die zunehmende Kommerzialisierung des „Premium-Produktes Bundesliga“ (Eigenwerbung des Ligaverbandes DFL) stößt allerdings Fans in allen Stadionbereichen übel auf. Dass in manchem Stadion jeder Eckball von einem Sponsoren „präsentiert“ wird, nervt längst nicht nur die Ultras. Doch sie sind es, die am heftigsten dagegen opponieren. Das schafft Solidarisierungseffekte bei älteren, bürgerlichen Fans, die das Gewese in der Kurve gerne einmal despektierlich als „Hüpfburg“ bezeichnen. Der Schlachtruf der Ultras – „Gegen den modernen Fußball“ – fasst vieles zusammen, was auch andere Stadiongänger nervt. Pyrotechnik und die (streng reglementierte) Länge der Blockfahnen-Stäbe mögen dabei Ultraspecial-interest sein. Aber wer weiß, mit welcher Vehemenz Vereine wie Hoffenheim oder RB Leipzig in den Fanforen von Rostock bis Burghausen angefeindet werden – als vermeintliche Stellvertreter des modernen Fußballs, der meint, auch ohne gewachsene Fanbasis auskommen zu können – ahnt, wie stark Ultras auch als lautstärkste Gruppe im Stadion das artikulieren, was fast alle im Stadion denken. Mancher Vereinsvertreter würde sich wohl wundern, wie negativ das Bild des „offiziellen“ Fußballs in den Stadien längst nicht nur bei den Ultras ist.

Michael Gabriel von der sozialpädagogisch orientierten Koordinierungsstelle der Fanprojekte kommt jedenfalls zu einem bedenklichen Urteil. Die Vereine hätten mehrheitlich keinen blassen Schimmer, wie die Fans in der Kurve ticken. „Sie müssen auf die Fans zugehen und sie so pflegen, wie sie das mit den Sponsoren tun“, fordert er. Ultras schlügen schließlich auch deshalb über die Stränge, weil sie den Eindruck hätten, dass ihr Engagement und ihre Kreativität von den Vereinen nicht honoriert würden.

Das mit dem Aufeinander-Zugehen ist allerdings so eine Sache. Zwar erkennen immer mehr Ultras, dass sie sich selbst schaden, wenn sie ihre Sicht der Dinge nicht im Dialog vertreten. Doch die Front der Verweigerer ist immer noch groß. Für viele von ihnen ist „Ultra“ vor allem Widerstand, jeder Kompromiss deshalb Verrat. Deshalb schotten sie sich ab wie Geheimlogen. Wer die Hardliner reden hört, stößt zuweilen auf ein schlichtes Weltbild, in dem Polizisten die prügelwütigen, sadistischen Schergen eines faschistoiden Überwachungsstaates sind – und Journalisten jedweder Couleur deren Hofberichterstatter, die, ohne zu recherchieren, Polizeiberichte abschreiben.

„Ultra“, und das betonen wiederum alle in der Szene, bedeute weit mehr, als einfach nur Fan eines Vereins zu sein. Das Ganze sei ein Lebensstil, mit dem man Erfahrungen mache, die zwangsläufig auf alle gesellschaftlichen Bereiche Auswirkungen haben. Wer im Stadion keinen Schritt machen könne, ohne von einer Kamera gefilmt zu werden, müsse als Ultra auch gegen die Überwachungskameras auf dem Marktplatz sein. Begriffe und Codes wie „Autonomie“, „Widerstand“ oder das allgegenwärtige „ACAB“ („All cops are bastards“) wabern durch den Raum, wenn Ultras über ihren Alltag reden.

Dementsprechend martialisch geben sich manche Teile der Szene. Schwarze Kleidung wird bevorzugt, auch Sonnenbrillen und Palästinensertücher sind beliebt. Die Mimikri, sagen die Ultras, soll die Identifizierung durch die Überwachungskameras der Polizei erschweren. Es komme schließlich vor, dass Ultras allein deswegen Stadionverbot bekommen, weil sie einen Sticker auf einen Wellenbrecher geklebt haben. Das Outfit dient aber auch der Selbstdarstellung als Bürgerschreck. Wenn Passanten beim Nahen eines Ultra-Pulks verschreckt die Straßenseite wechseln, fühlen sie sich bestätigt.

Ob Gewalt zur Ultra-Identität gehört, ist zwischen den Gruppen umstritten. Die erste Ultra-Generation hatte mit Schlägereien noch wenig am Hut. Zwischen ihnen und den Hooligans, den Fußball-Gewalttätern, gab es in den Anfangstagen kulturell keine Berührungspunkte. Das hat sich bei einem Teil der Ultras gründlich geändert. Prügeleien mit rivalisierenden Gruppen oder der Polizei gehören für diese Gruppen zum Spieltagsmenü. Mancherorts hat sich die Gewaltspirale auch schon bis zum Anschlag gedreht. In erschreckend vielen Städten berichten Ultras, dass sogenannte Hausbesuche in ihren Städten vorkommen: Anhänger der rivalisierenden Gruppen werden in deren Privatwohnung heimgesucht, dort bedroht oder gleich zusammengeschlagen. Doch die Hochzeit der „Hausbesuche“ scheint Gott sei Dank vorbei zu sein.

Wohlgemerkt: Diese Gewaltexzesse sind Randerscheinungen einer Ultra-Kultur, die zwar fast in ihrer Gänze gewaltfasziniert ist, von der aber nur eine Minderheit selbst gewalttätig ist. Dass diese Feststellung im krassen Gegensatz zur öffentlichen Wahrnehmung steht, hat tatsächlich auch mit manch grotesk überzeichnetem Fernsehbericht zu tun. Und damit, dass seit der Fußball-WM 2006 der Hype um den Fußball einfach nicht abklingen will.

Zu Hochzeiten des Hooliganismus in den achtziger und neunziger Jahren bevölkerten mancherorts mehrere hundert Gewalttäter die Stadien und gelangten zum Teil mit Messern und anderen Waffen auf die Tribünen. Nicht selten wurde mit Leuchtspurmunition in den gegnerischen Fanblock gezielt, Massenschlägereien waren an der Tagesordnung.

Früher war also nicht alles besser – im Gegenteil. Doch heute gelangt jede noch so kleine Schubserei ins Internet, tausendfach kommentiert und nicht selten von denjenigen gepostet, die sich nachher über die vermeintliche Hysterie aufregen. Auch Ultras filmen und fotografieren jede Minute ihres Daseins wie selbstverliebte Schauspieler, sie sind Kinder ihrer Zeit, Junkies des hyperventilierenden Internetzeitalters.

Und dennoch: Verglichen mit den achtziger und frühen neunziger Jahren, geht es beim Fußball heutzutage geradezu idyllisch zu – auch wenn das außerhalb der Fußballszene ganz anders wahrgenommen wird. Ultras stehen allerdings nicht nur gegenüber der kritischen Öffentlichkeit unter Rechtfertigungsdruck, sondern in vielen Städten auch gegenüber Teilen der Fanszene. Dabei haben die Ultras mit einem Hinweis recht: Als sie das Kommando in den Fankurven übernahmen, gab es weder Tote noch Verletzte: Junge, engagierte Leute stießen in das Vakuum, das dort entstanden war. Was sie vorhatten, beobachteten auch viele Ältere mit Wohlwollen. Denn Jungen wie Alten war klar, dass etwas Neues kommen musste, dass die traditionelle Fankultur in Langeweile erstarrt war und sich in immer mehr Stadien eine träge Masse dem Anpfiff entgegenlangweilte. Zugleich dienten die Fans auf den Rängen einer immer dreister werdenden Entertainment-Industrie mit Cheerleadern und Dauer-Werbejingles nur noch als Staffage („Und jetzt die Nordkurve …“). Seit die Ultras auch zahlenmäßig zu einem wichtigen Machtfaktor geworden sind, überlegen sich die Marketingabteilungen der meisten Vereine ganz genau, was sie ihrem Publikum noch zumuten wollen. Denn sie ahnen, dass sie ihm nicht alles zumuten können. Die Ultras haben es ihnen beigebracht. Und spätestens seit der „12:12“-Kampagne, mit der die bundesdeutsche Ultra-Szene ihren Widerstand gegen ein von den Vereinen geplantes Sicherheitskonzept bündelte und damit auch in den Medien viel Wohlwollen erntete, werden Ultras auch als politische Akteure ernst genommen.

Auch mit ihrer Kommerzkritik haben die Ultras viele Forderungen der kritischen Fanszene übernommen und modernisiert, sie sprechen vieles aus, was den meisten im Stadion aus der Seele spricht. Und solange das so ist, wird es nicht gelingen, „die normalen Fans“ gegen „die Ultras“ auszuspielen, wie das der eine oder andere Vereinsfunktionär schon probiert hat. Sie kalkulieren dabei mit ein, dass Ultras ja durchaus Dinge tun, die dem Mehrheitswillen im Stadion zuwiderlaufen. Wenn zwei Minuten vor Abpfiff in einem hochdramatischen Spiel die Gästekurve meint, mit Licht und Rauch auf sich aufmerksam machen zu müssen, stößt das bei 90 Prozent der zahlenden Zuschauer bestenfalls auf Unverständnis, und wenn die 60 Quadratmeter große Schwenkfahne Hunderten von Menschen die Sicht aufs Spielfeld versperrt, wird der friedlichste Familienvater zum Berserker.

Dass „die Ultras“ ein Ärgernis sind, hört man jedenfalls in manch einem Stadion – und zwar von den gleichen Leuten, die ehrlicherweise zugeben, dass ohne „die Ultras“ gleich gar nichts mehr los wäre.

Dabei gibt es „den Ultra“ tatsächlich nicht. Jede Gruppe interpretiert die Erfordernisse der Szenezugehörigkeit anders. Und das von der Gewaltfrage über die Organisationsstruktur bis zur politischen Orientierung. Wenn kein Außenstehender zuhört, kann es vorkommen, dass die einen den anderen absprechen, echte Ultras zu sein. Was als Vorwurf dann natürlich gleich zurückgegeben wird. Es gibt Gruppen, die eine hierarchische Struktur haben. Wer als Jungspund zur Gruppe stößt, stellt sich erst einmal hinten an. Bei anderen Gruppen herrscht strikte Basisdemokratie, sie spotten über das „Führerprinzip“. Und auch über die Art und Weise, wie Ultra-Anfeuerung heutzutage zu klingen habe, wird munter gestritten. Dass die dann getroffenen Entscheidungen von allen mitgetragen werden, kann man bedenklich finden, oder bemerkenswert solidarisch. Es ist wohl beides.

Philipp Köster, Chefredakteur des Fußball-Magazins „11 Freunde“, hat die von Ultras praktizierte Form des Dauer-Supports in einem Leitartikel einmal mit nordkoreanischen Massenaufläufen verglichen. Damit sprach er vielen älteren Fußballfans aus der Seele, die die jugendliche „Stimmungsdiktatur“ anprangern. Sie verstehen nicht, warum die Atmosphäre in der Kurve so prächtig ist, wenn die eigene Mannschaft kurz vor Schluss 0:4 zurückliegt. Allerdings sitzt diese Kritik einem Missverständnis auf: Ultras bejubeln ja nicht die eigenen Spieler, sie wollen stattdessen „dem Verein“ (was auch immer das sein mag, es hat für Ultras viel mit dessen Tradition zu tun) durch ihren Support ein Denkmal setzen. Das klingt für ältere Semester befremdlich, die als Kinder Autogramme gesammelt haben und den Schützen des 1:0-Tores beim Derbysieg hochleben ließen. Beides würden Ultras eher nicht tun. Warum sollten sie einem Spieler zujubeln, der schon morgen, ohne mit der Wimper zu zucken, zu einem Verein wechseln würde, der ihm den größeren Dienstwagen in die Garage stellt?

Dieses Kosten-Nutzen-Denken unterstellen Ultras zumindest den meisten Vertretern der heutigen Spielergeneration, weshalb Profis wie Kevin Großkreutz, dessen Liebe zu Borussia Dortmund wohl selbst der eingefleischteste Schalker als aufrichtig interpretieren würde, auch szeneübergreifend als Ausnahmeerscheinungen wahrgenommen werden. Was – viel Feind, viel Ehr – natürlich auf Schalke dazu führt, dass er dort besonders lautstark angefeindet wird.

Ultras denken anders. Sie drücken sich auch anders aus. Wenn ein Dortmunder Ultra sagt, dass „Schalke heute gut war“, kann der BVB gegen eine grottenschlechte Schalker Mannschaft 8:0 gewonnen haben. Unser Ultra meint mit seinem Lob die gegnerische Fankurve. Viele waren’s. Gute Choreografie, und gehört hat man sie in der gegenüberliegenden Kurve auch. Keine Frage: Schalke war gut.

Doch die Ultra-Bewegung sah sich zumindest bei ihren italienischen Gründern nicht als jubelnde Staffage, als dauer-emotionalisierte Jubelperser, sondern als kritische Gegenöffentlichkeit. Im Zuge der 68er-Umwälzungen machten in Bologna, Rom oder Mailand linksgerichtete Studenten die Fankurven zum selbstverwalteten gesellschaftlichen Experimentierfeld. Die noch heute typischen Ultra-Aktionsformen (Megafon, Doppelstockhalter, Transparente) entstammen dieser linken Demo-Subkultur genauso wie die Antihaltung gegen Polizei, Politik und Medien. Bis weit in die Neunziger waren dann auch viele italienische Ultra-Kurven linksgerichtet – nicht zuletzt die des AC Milan, deren „brigate rossenere“ (rotschwarze Brigaden) nicht zufällig sowohl auf die Vereinsfarben als auch auf die politische Gesinnung verwiesen.

Hierzulande gibt es einige wenige Gruppen, die kein Problem damit zu haben scheinen, dass sich Neonazis in ihrer Mitte tummeln. Es gibt aber weitaus mehr, die sich als Linke begreifen. Und es gibt die große Masse an Gruppen, die sich als „unpolitisch“ verstehen, aber keine rechte Agitation in ihrer Mitte dulden. Wenn rassistische Pöbeleien, wie sie Mario Balotelli in Italien ertragen muss, hierzulande kaum noch zu hören sind, liegt das auch an der Dominanz der Ultra-Szenen, die ihr Fandasein mit einer ungeheuren Energie betreiben.

Die Ultra-Szene begreift sich als Subkultur und verhält sich dementsprechend. Man mag die Geheimnistuerei und die Abschottungsrituale merkwürdig finden. Und wenn man älter als 25 ist, findet man sie geradezu zwangsläufig merkwürdig – auch weil sich der Stellenwert des Fußballs in ihrem Leben für die meisten Menschen mit zunehmendem Alter eher relativiert. Bei den Ultras gibt es nichts zu relativieren: Der Fußball ist ihnen im Zweifelsfall wichtiger als Beruf, Ausbildung oder Privatleben. Wer einen x-beliebigen Ultra fragt, ob er noch Freunde außerhalb der Fußball-Zusammenhänge habe, erntet recht oft ein betretenes Kopfschütteln. Wer fragt, ob schon mal eine Beziehung zerbrochen sei, weil die Partnerin die Prioritätensetzung eines Ultras nicht immer nachvollziehen konnte, erntet oft die Gegenfrage: „EINE Beziehung?“

All das mag befremden. Wenn man sich allerdings daran erinnert, wie man selbst als Jugendlicher war, erscheint der Ultra-Lifestyle mit einem Mal gar nicht mehr so fremd. Oder wäre es einem selbst wichtig gewesen, die Elterngeneration immer und überall über das eigene Tun zu unterrichten? Um Verständnis zu betteln, die Akzeptanz der Spießer, vielleicht auch nur die der rot-grünen Sozialpädagogen, Lehrer und Journalisten zu erlangen? Eben.

Heute ist „Ultra“ nicht nur nach Einschätzung des Leiters der Koordinierungsstelle der Fanprojekte, Michael Gabriel, die „attraktivste jugendliche Subkultur, die es in Deutschland gibt“, mindestens 25.000 gibt es bundesweit, deren Engagement selbst von ihren größten Kritikern nicht bestritten wird.

Auch der eigentlich ausgesprochen demokratische Ansatz, sich bei dem, was einen angeht, einzumischen, stößt bei vielen traditionellen Fans und bei den Offiziellen auf Skepsis. Kein Wunder: Für die Vereinsbosse waren sowohl die Kuttenfans als auch die Hools vergleichsweise unkomplizierte Zeitgenossen. Sie stellten keine unbequemen Forderungen. Und wenn die Fanschal-Fraktion doch mal unzufrieden war, schickte man eben mal einen Spieler zur Autogrammstunde in die Vorstadt. Und schon war wieder Ruhe. Seit die Ultras das Kommando in den Fankurven übernommen haben, ist es vorbei mit der Ruhe. Das muss man nicht negativ finden.

SCHICKERIA MÜNCHEN
DAS BESTE AM FC BAYERN

Man kennt das Lamento älterer Herrschaften um die 40: Die Jugend von heute ist langweilig, angepasst und unselbstständig. Es gibt keine alternativen Jugendlichen mehr, nur noch Deppen, die den Superstar suchen. Keine kritischen jungen Leute mehr?

Hier sind sie doch. Mitten in München haben sich die Ultras von der „Schickeria“ getroffen. Passenderweise im Café Marat, einem typischen autonomen Jugendzentrum, in dem auch 40- oder gar 50-Jährigen das Herz aufgeht. Vielleicht liegt es daran, dass auch so viele langgediente Fansozialarbeiter gekommen sind, Volker Goll und Michael Gabriel beispielsweise, oder Günther Krause, der langjährige Leiter des Münchner Fanprojekts. Zum Thema „Die italienischen Ultras und der Rechtsradikalismus – ein Gesprächsabend“ ist ein kompetentes Podium geladen, darunter der Publizist Andrej Reisin, Jonas Gabler und Kai Tippmann, der Experte schlechthin, wenn es um italienische Fanthemen geht.

Schon nachmittags haben sich die ersten Ultras hier getroffen, haben Bruschette belegt, Pasta und Risotto vorbereitet und Stühle zusammengeschoben. Der „italienische Abend“ will vorbereitet sein. Simon, der in zwei Stunden einen der Referenten am Bahnhof abholen muss, nimmt sich dennoch die Zeit, um seine Gedanken über die deutsche Ultra-Szene darzulegen. „Die Leute, die Ultra Anfang der Neunziger aus Italien importiert haben, haben nur an der Oberfläche gekratzt“, findet er. „Die haben nur die Folklore übernommen, die Pyrotechnik, die Art des Supports, die Doppelstockhalter, ohne zu verstehen, was dahinter abläuft.“ Nicht ohne Stolz schiebt er nach, dass es Münchner Allesfahrer gewesen seien, die damals Elemente von Ultra nach Deutschland gebracht haben. „Zu der Zeit war München Vorreiter.“

Simon, ein Mann um die 30, ist seit Kindheit Bayern-Fan, schon als kleiner Junge war er fasziniert von „der Kurve“. Und er weiß, dass er damit als Bayern-Fan in der Allianz Arena ein Problem hat. Seine Ultra-Gruppe, die Schickeria, hat sich im Laufe der Jahre bundesweit gehörigen Respekt erarbeitet. Zum einen, weil sie wie kaum eine zweite mit Widerständen aus dem Verein und der eigenen Fanszene leben muss. Zum anderen, weil die Schickeria viele Debatten angestoßen und vorangetrieben hat, die später auch andere Szenen beeinflusst haben. Auch in anderen Szenen urteilt man über die Schickeria so wie Simon, der meint: „Wir könnten eine krasse Gruppe sein, wenn uns nicht ständig Knüppel zwischen die Beine geworfen würden.“

Doch die Knüppel werden immer mehr. Da dem Verein offenbar jeder Fan lieber ist als einer, der sich als Ultra versteht, kann die Schickeria nur einen Teil ihrer Anhänger auch ins Stadion mitnehmen. Im eigenen Stadion werden sie als kleine eifrige Randgruppe wahrgenommen, die im Meer all jener Leute unterzugehen droht, die allenfalls dann aufspringen und klatschen, wenn ein Tor fällt oder irgendein Sponsor Klatschpappen verteilt hat, diese lärmende Menschheitsgeißel für Leute, die schon so lange ihre Samstagabende mit Carmen Nebel und Markus Lanz verbringen, dass sie rhythmisches Klatschen auf Kommando für die pure Lebensfreude halten.

Simon sagt, er könne das alles ausblenden, die Konsumfans, die Stille im Stadion, die Deppenmusik, wenn ein Tor gefallen ist. Überhaupt will er sich nicht allzu kritisch über die anderen Fans äußern. Zu viele von denen denken sowieso, dass die Ultras mit ihrem politischen Ansatz und ihrem Dauer-Support nicht so recht zur sonstigen Fanszene passen. Und die Offiziellen haben in den letzten Jahren vieles dafür getan, um den schlichten Gegensatz „gute Fans / böse Ultras“ immer wieder neu zu betonen. Wer sich kritisch zur Vereinspolitik äußert, ist schon mal per se Ultra. Selbst wenn er tatsächlich vom „Club Nr. 12“ stammt und mit Ultra nicht allzu viel zu tun hat.

„Ich glaube, wir tun gut daran, selbstkritisch zu sein und unsere eigene Kommunikation zu verbessern“, sagt Simon. „Wir vermitteln unseren Jungen schon das Bewusstsein, dass jeder im Stadion seine Daseinsberechtigung hat, dass wir nur dann Respekt einfordern können, wenn wir ihnen Respekt entgegenbringen.“ Wenige Monate später, im August 2013, wird die Gruppe das auch in einem offenen Brief an die anderen Bayern-Fans offiziell dokumentieren. „Man könnte sich viel Ärger untereinander ersparen, wenn man sich gegenseitig mit mehr Respekt begegnen und mehr miteinander reden würde. Einen Schuh, den auch wir uns anziehen müssen. Wir haben definitiv auch selber Fehler gemacht, ob als Gruppe oder auch, was das Verhalten einzelner Mitglieder von uns betrifft. Es ist allerdings genauso wenig akzeptabel, wie man sich zum Teil uns gegenüber verhalten hat. Respekt ist keine Einbahnstraße. Respekt beinhaltet die Erkenntnis, dass es ganz verschiedene Formen gibt, Fan des FC Bayern zu sein. Alle haben ihre Berechtigung. Die jungen Fans aus der Südkurve, Ultras, Fanklub-Mitglieder, Jahreskartenbesitzer, Gegengeraden- und Haupttribünen-Besucher. Unser gemeinsamer Nenner ist Bayern München.“ Ausführlich erklären die Ultras zudem ihr Selbstverständnis, entkräften manches Vorurteil und werben für einen Dialog in der Fanszene. Die Spaltung Ultras/Fans, die in München viele schon verinnerlicht zu haben scheinen, nütze letztlich nur den Verbänden und Vereinen, finden sie bei der Schickeria. Egal, ob denen nun ein Fußball ohne Ultras vorschwebt – oder einer mit gezähmten Ultras. Doch so weit wird es nicht kommen, da weiß sich die Schickeria mit den allermeisten anderen deutschen Ultra-Gruppen einig. Gezähmte Ultras, die sich aufs Jubeln und Choreografie-Malen beschränken, wären Tanzbären in einem Zirkus, den sie ablehnen.

Drei Monate später. Samstag, zehn Uhr, in fünfeinhalb Stunden beginnt das Heimspiel der Bayern gegen den SC Freiburg. Das Oktoberfest beginnt hingegen erst in fünf Monaten. Doch die Leute, die hier am Hauptbahnhof zu Hunderten und Tausenden aus ICEs und Nahverkehrszügen steigen, sehen so aus, als planten sie einen Wiesenbummel. Mal Jeans, mal Lederhose über grobwollenen Socken, auch der Sepplhut ist gerne genommen, das Fantrikot, neueste Edition natürlich, Pflicht. Praktischerweise hat der FC Bayern unter der Rolltreppe, die vom Bahnhof zu den U- und S-Bahnen führt, einen Riesenfanshop eingerichtet: Vom Quietscheentchen bis zum totschicken Bademantel gibt es hier alles, was die Bayern-Fans aus Mittelfranken, Nordhessen und dem Sauerland gerne nach Hause mitnehmen: die volle Einkaufstüte schnell im Schließfach verstauen und ab zum Marienplatz, noch ein paar Bier trinken, ehe das Spiel gegen den langweiligen Gegner losgeht. Die mitgebrachte Freundin, selbstredend im pinken Bayern-Look, wird schon aufpassen, dass es nicht zu viel wird. Wenn der FC Bayern ruft, strömt die Provinz nach München. Und die Provinz gibt sich nicht die geringste Mühe zu verheimlichen, woher sie kommt.

Elf Uhr: Die Sonne scheint, es ist ruhig. Vor dem orangenen Streetwork-Bus in der Nähe der Allianz Arena stehen ein paar Ultras herum, andere haben sich ein Augustiner oder ein Wasser geschnappt und sich ins Gras gesetzt. Man unterhält sich.

Dann kommt Simon aus dem Bus. Er hat sich seit dem letzten Treffen einen Bart stehen lassen. Und das ist nicht das Einzige, was sich geändert hat. Das Verhältnis zwischen aktiver Fanszene und Verein ist noch einmal deutlich abgekühlt. „Da drinnen“, sagt Simon und zeigt auf die Allianz Arena, „trifft sich gerade der Arbeitskreis Fandialog“. Doch bei dem vom Verein bestellten Mediator, Prof. Dr. Wolfgang Salewski, einem Polizeipsychologen, der sich 1977 als Verhandlungsführer bei der Entführung der „Landshut“ in Mogadischu einen Namen machte, haben die Ultras offenbar keine guten Karten: Im August 2013 schlägt er im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ vor, „den gesamten Block neu zu organisieren: neue Leute, neue Lieder. Dann baut sich da wieder was auf.“ Als ob man eine Fankurve umstrukturieren könnte wie das Sortiment eines Kaufhauses.

Die Schickeria-Leute haben trotzdem in den letzten Monaten immer wieder brav einen Vertreter in die AG entsandt, obwohl sie schon immer den Eindruck hatten, dass sie da, wenn überhaupt, nur als Feigenblatt erwünscht sind. Denn sonst sind 30 Vertreter größerer Fanklubs aus dem Umland eingeladen, ausgesucht vom Verein. Fans, für die es die größte Freude ist, wenn einmal im Jahr die Profis zum „Traumspiel“ gegen den Fanklub antreten, und die der Verein großzügig mit Tickets versorgt. Mit der Schickeria tut sich der Verein da schon schwerer. Immer diese kritischen Fragen, diese Transparente, dieser Anspruch, mitreden zu wollen. Und keine Besänftigungsmöglichkeit weit und breit. Die Schickeria braucht kein „Traumspiel“, sie organisiert jeden Sommer ihr eigenes Fußballturnier zum Gedenken an den von den Nazis verfolgten Ex-Präsidenten Kurt Landauer. Doch so ganz können sie auf die Ultras eben doch nicht verzichten. Ohne sie wäre endgültig Totenstille im weiten Rund.

Schon heute – mit den paar hundert Aufrechten im Bayern-Block – hört man in der Mitte des Stadions deutlich lauter die Gäste- als die Heimfans – und das, obwohl der FC Bayern die in weiser Voraussicht schon in die entlegenste Ecke des Stadions verfrachtet hat. „Ihr seid nur Fußballkulisse“, singen die 7.000 Freiburger Fans in Richtung der über 63.000 Bayern-Anhänger. Es ist keine Beleidigung, sondern die Feststellung einer Tatsache. Kurzum: Der Verein braucht die Ultras. Er will sie nicht ganz aus dem Stadion vertreiben. Aber er will mit aller Macht verhindern, dass sie mehr werden. Dabei hat der FC Bayern sowieso schon den kleinsten Stehplatzblock der Liga, der ist fast komplett besetzt mit Jahreskarteninhabern, die die vergleichsweise günstigen Plätze nicht verlassen wollen. Für Stimmung wollen sie aber nicht sorgen. Junge Leute, die zu den Ultras wollten, hatten bisher nur die Möglichkeit, sich ein Ticket für einen anderen Stadionbereich zu kaufen – und sich dennoch zu den Ultras zu gesellen. Doch genau das geht jetzt nicht mehr. Um das zu verhindern, hat der Verein extra zusätzliche Drehkreuze vor dem Block installiert.

Und wenn man den Ultras einen eigenen Block einräumen würde? Simon lacht. Auch er findet es skurril, dass ein Verein, der 37 Millionen Euro für Mario Götze hat, sich nicht weitere Stehplätze leisten mag. Letzte Saison, beim Spiel gegen Bate Borisov, haben die Ultras mal ein Zeichen gesetzt und sind einfach weggeblieben. Die Stimmung war gespenstisch. Noch direkt unter dem Stadiondach waren die Rufe von Co-Trainer Peter Herrmann gut zu vernehmen.

Am 28. Januar 2013 um 17 Uhr 30 blickten die Zuschauer im Stuttgarter Stadion wie gebannt Richtung Block 61. Dort reckten tausende Bayern-Fans eine aufwendig gestaltete Stoffbahn der Schickeria in die Höhe. Die Aufschrift erinnerte an einen Mann, der fast schon in Vergessenheit geraten war: Richard „Dombi“ Kohn. Unter der Regie des jüdischen Coachs holten die Bayern 1932 den ersten von mittlerweile 23 nationalen Meistertiteln. „Ein tolles Erlebnis“, fand Eberhard Schulz von der Evangelischen Versöhnungskirche in Dachau, der mit den Münchner Fans nach Stuttgart gereist war. „Das Engagement der Schickeria gegen Rassismus und Antisemitismus ist absolut glaubwürdig“, sagt Schulz, der den „Erinnerungstag“ des deutschen Fußballs initiiert hat, mit dem an diesem Wochenende in vielen Stadien des Holocausts gedacht wurde. Die Schickeria sei seit Jahren Mitglied im antifaschistischen europäischen Fan-Netzwerk FARE („Football against racism in Europe“).

Wenige Tage zuvor waren 200 Gäste ins FCN-Vereinszentrum gekommen, um zu hören, was Evelyn Konrad, Tochter des einst von den Nazis vertriebenen Coachs Jenö Konrad, über ihren Vater zu berichten hatte. Dass die eloquente 84-Jährige überhaupt in die Stadt zurückkehrte, die sie als Dreijährige verließ, ging auf eine Initiative der Gruppe „Ultras Nürnberg“ zurück. Acht Wochen lang arbeiteten mehrere Dutzend von ihnen an der Choreografie zum Gedenken an Jenö Konrad: Sie nähten schwarze und rote Stoffbahnen zusammen und verteilten auf Tausenden von Stadionsitzen verschiedenfarbige Pappen, die emporgereckt ein gigantisches Mosaikbild ergaben. Am 17. November schließlich präsentierten sie zum Heimspiel gegen den FC Bayern eine Choreografie, die mehrere tausend Euro gekostet hatte. „Diese Geste gegen Antisemitismus und Rassismus wurde medial fast nicht gewürdigt“, sagt FCN-Manager Bader. Es sei aber ein „Gebot der Redlichkeit“, dass sich nun nicht ausschließlich der Verein für seine Aktivitäten feiern lasse: „Ohne das Engagement der Ultras wären wir nicht so konsequent aktiv geworden.“

Ähnlich würden sich wohl die Manager vieler anderer Profivereine äußern. Die „Supporters“ des Bundesligisten Hamburger SV finanzierten 2007 und 2008 die Sonderausstellung „Die Raute unter dem Hakenkreuz“. Beim Lokalrivalen FC St. Pauli sorgte die Fanbasis-Organisation „Arbeitsgemeinschaft interessierter Mitglieder“ für die Umbenennung des Stadions, das bis 1998 nach einem NSDAP-Mitglied benannt war. Auch der Beitritt des Vereins zum Entschädigungsfonds jüdischer Zwangsarbeiter geht auf eine Faninitiative zurück. In Mainz sorgte der Fan-Dachverband „Supporters“ dafür, dass die Zufahrtstraße zum neuen Stadion nicht „Arenastraße“ (wie von der Politik geplant) heißt. Sie trägt nun den Namen des nach Auschwitz deportierten ehemaligen Mainz-05-Präsidenten Eugen Salomon. Keine Einzelfälle, der Hamburger Journalist Werner Skrentny führt in seinem Buch „Julius Hirsch. Nationalspieler. Ermordet.“ viele weitere Beispiele dafür auf, wie sich Fans für eine ehrliche Erinnerungskultur engagieren. Herumgesprochen hat sich das allerdings scheinbar noch nicht; das Image von Fußballfans und insbesondere der Ultras könnte schlechter kaum sein.

Wenn man Christian Mössner von Ultras Nürnberg mit dieser Feststellung konfrontiert, schaut man in ein Gesicht, das neben Genugtuung auch ein wenig Trotz verrät. Mössner spricht von „Medienhetze“ und betont, dass sein Selbstwertgefühl nicht von einer Schlagzeile abhänge. „Auch dann nicht, wenn die ausnahmsweise mal positiv ausfällt.“

Immer wieder fragt sich Mössner allerdings, warum das Negativimage der Ultras auch politisch konnotiert ist, warum so viele Menschen davon ausgehen, dass in den deutschen Fankurven der Rechtsradikalismus fröhliche Urstände feiert. „Eines steht mal fest“, sagt Mössner, „wenn bei uns in der Kurve ein antisemitischer Spruch zu hören ist, wird das auf dem kürzesten Dienstweg unterbunden.“ Was Mössner von der Nürnberger Fanszene berichtet, lässt sich durchaus verallgemeinern. Seit die Ultra-Szene etwa Mitte der neunziger Jahre zur dominanten Jugendkultur in den Stadien wurde, sind rechte Slogans in den allermeisten Stadien tabu. Es ist heute weitgehend undenkbar, dass irgendwo in der ersten oder zweiten Liga rassistische Gesänge erschallen. Ein Verdienst von Leuten wie Mössner und Simon. Ob sich beide kennen, ist nicht überliefert, aber beide würden bei einem persönlichen Treffen in den meisten Punkten einer Meinung sein. Sie würden dennoch kein Bier miteinander trinken – auch darin wären sie sich einig. Schließlich ist der eine Nürnberger Ultra – und der andere Münchner.

HORIDOS FÜRTH
STRESS MIT DER NACHBARSCHAFT

Fürth ist ein nettes Städtchen. Die Stadt mit ihren verwinkelten Gässchen und schönen Altstadtfassaden, nett. Auch Fürths Fußballverein ist, wie könnte es anders sein, nett. Es gibt hier selbstgebackenen Kuchen im Presseraum und auf allen vier Tribünenseiten fast nur friedliche Menschen, die das Spiel nicht gerade euphorisch, aber mit Sympathie verfolgen. Von „15.000 netten Fürthern“ wird allerdings auch Cheftrainer Frank Kramer nach dem Heimspiel gegen Hannover sarkastisch sprechen, als er sich über die Fehlentscheidungen des Referees aufregt. Nette Fürther sind nicht so gut darin, den Schiedsrichter unter Druck zu setzen wie 80.000 Dortmunder oder 65.000 Schalker, meint Kramer, dem nicht als Einzigem aufgefallen ist, dass sein Verein in seiner Bundesligasaison doch ziemlich oft benachteiligt wurde. Das Wort „nett“ ist vergiftet, man verbindet nur vordergründig etwas Positives damit. Und assoziiert: „harmlos“, „naiv“, vielleicht sogar „Opfer“.

Auch Fürths Ultras sind ungeheuer nett. Und das ist nun wirklich ein Problem. Denn Ultras wollen vieles sein, aber garantiert nicht „nett“. Journalisten bemerken immer wieder den gleichen Reflex. Lobt man einem Ultra gegenüber das Verhalten seiner Gruppe und vergleicht es mit dem einer anderen, betont er mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit, dass auch seine Gruppe schlimme Dinge tue und er selbstredend nicht das Recht habe, das Verhalten anderer Gruppen zu bewerten.

Bei der Fürther Ultra-Gruppe „Horidos“ ist das ähnlich. Dass sie in den zurückliegenden 18 Monaten schon dreimal – mutmaßlich von Anhängern des benachbarten 1. FC Nürnberg – überfallen und ausgeraubt wurden, bestreiten sie dann aber nicht. Trotzdem haben sie nicht die geringste Lust auf Racheakte. Die würden wohl auch nicht viel bringen. Die Nürnberger Ultras, die ihnen den Krieg erklärt haben, sind einfach hoffnungslos überlegen. Zahlenmäßig und physisch. Weshalb man sich fragen könnte, warum sich so viele Nürnberger ausgerechnet an den „kleinen“ Fürthern abreagieren müssen, zumal die Nürnberger ja schon eine anstrengende Feindschaft mit den Ultras des FC Bayern unterhalten, die von beiden Seiten liebevoll gepflegt wird. Man kann mit einem 17-jährigen Nürnberger Ultra sprechen oder mit einem 67-jährigen Clubberer im „Bahnhof Dutzendteich“, wo sich nach dem Spiel die traditionelleren Die-hard-Fans treffen. Es ist, wie es ist: Viele FCN-Fans bekommen Schaum vor den Mund, wenn sie auch nur auf den grün-weißen Verein aus der Nachbarstadt angesprochen werden. Rivalität? Das Verhältnis zwischen Fürth und Nürnberg ist dann doch eher eine echte Feindschaft.

Das mag überraschend sein, schließlich stehen sich im Gegensatz zu den Rivalen Schalke/Dortmund, HSV/St. Pauli oder 1860/Bayern hier nicht zwei große, über Jahrzehnte gewachsene Fanszenen gegenüber, sondern die große des FCN und eine sehr junge, zahlenmäßig sehr überschaubare Anhängerschaft der Fürther, die nach einem jahrzehntelangen Dornröschenschlaf (in den Achtzigern spielte das Kleeblatt dritt- oder viertklassig) ab der Jahrtausendwende mit der Etablierung des Kleeblatts in der zweiten Liga allmählich heranwuchs. Doch die gegenseitige Abneigung, die schon in den zwanziger Jahren entstand, als beide Vereine den deutschen Fußball dominierten, scheint zwei Generationen überdauert zu haben und heute die 20-Jährigen auf beiden Seiten anzutreiben.

Allerdings geht die Gewalt in diesem Fall fast ausschließlich von einer Seite aus. Immer und immer wieder. Und in einer Vehemenz, dass bundesweit Ultras den Kopf schütteln. Dass Fürth und Nürnberg so nah beieinanderliegen, dass sie nur durch eine U-Bahn-Station mit dem programmatischen Namen „Stadtgrenze“ getrennt sind, hat deutliche Nachteile für die Fürther Szene: Es kommt vor, dass nachts an Fürther Wohnungstüren geklingelt wird, hinter denen keiner aufmachen will.

Doch beschränken wir uns auf die offiziell registrierten Vorfälle. Im Dezember 2011 gewann der damalige Zweitligist Greuther Fürth das Pokal-Achtelfinale in Nürnberg. Nürnberger Ultras versuchten unmittelbar nach dem Schlusspfiff, über den Stadioninnenraum die Gästekurve zu stürmen. Die Polizei, die an allen möglichen Orten postiert war, nur nicht dort, wo Menschen, die schon einmal in einem Stadion waren, die Einsatzkräfte hinbeordert hätten, kam dann irgendwann auch an den Ort des Geschehens und verhinderte Schlimmeres. Zehn Monate später ging es nicht so glimpflich ab.

Im Oktober 2012 fand eine Autorenlesung in den Räumlichkeiten der Sportfreunde Ronhof e.V. statt, einem etwa 750 Mitglieder zählenden Zusammenschluss oft älterer und noch öfter alternativ denkender Fürther Fans. Das Vereinsheim der „Sportfreunde“ wird allerdings auch von den Fürther Ultras genutzt. Was den Überfall Nürnberger Ultras erklären dürfte, die versuchten, in die Räume zu gelangen und sich mit den Fürthern ein Handgemenge lieferten. Die Sportfreunde Ronhof sprachen in einer Stellungnahme von einer „blinden, sinnfreien Aktion“ und einem „Tabubruch“. Zwei-teres stimmte schon deshalb, weil es sich eben um einen Überfall auf eine Einrichtung handelte, in der sich offenbar Dutzende Menschen befanden, die nichts mit der Ultra-Szene zu tun hatten. Wer bei Verstand ist, hätte die Aktion allerdings wohl auch ansonsten sinnfrei gefunden.

Wenige Monate darauf wurden die Fürther Fans erneut überfallen. Auf dem Rasthof Steigerwald, auf dem etwa 200 Fürther Anhänger nach dem Sieg in Schalke eine Pause einlegten, stürmten plötzlich Vermummte auf die Busse zu. Die Fürther flohen in die Fahrzeuge, an denen ein Sachschaden von 40.000 Euro entstand. Man darf davon ausgehen, dass auch in der Nürnberger Fanszene eine übergroße Mehrheit kein Verständnis für solche Aktionen hat. Bei den klassischen Fanklubs sowieso nicht, aber auch nicht in der Ultra-Szene. Offiziell äußern will sich dazu allerdings niemand.

So viel zur doch schon ziemlich ausführlichen Vorgeschichte der Ereignisse vom April 2013, die bundesweit für Aufsehen sorgten. Und das weniger bei der kritischen Öffentlichkeit als in der Ultra-Szene selbst. Schließlich bedeutete diese Aktion der Nürnberger Ultras in mehrerlei Hinsicht einen Bruch mit vielen „Regeln“, die die meisten Gruppen als für sich verbindlich begreifen.

In der Nacht vom 3. auf den 4. April 2013 wurde das Vereinsheim der Sportfreunde Ronhof zum zweiten Mal innerhalb eines halben Jahres zum Ausflugsziel Nürnberger Ultras. Sie brachen nachts ein, brachen mehrere Türen auf und stahlen deren Zaunfahne. Der Angriff war zielgerichtet, weder die Bar noch sonst irgendetwas in den Räumlichkeiten wurde zerstört. Es ging den Dieben offenbar einzig und alleine darum, den verhassten Fürther Ultras den Gegenstand zu klauen, der den allermeisten Ultra-Gruppen der Republik heiliger ist als einem niederbayrischen Katholiken die Grabtücher von Jesus höchstpersönlich.

Die Rede ist von dem Stück Stoff, auf dem bei allen Ultra-Gruppen der Republik der Name dieser Gruppe verewigt ist, das im Stadion zu Hause wie auswärts aufgehängt wird und das gehütet wird wie ein rohes Ei. Wir reden von der „Gruppenfahne“. Die war den Fürthern also nun entwendet worden. Nicht, weil die unachtsam gewesen wären (dann hätte merkwürdigerweise kaum eine Ultra-Gruppe viel Mitleid mit den Kollegen gehabt), sondern weil nachts eingebrochen wurde. Und das gilt in der Szene aus gutem Grund als tabu. Man rühmt sich schließlich auch nicht seiner Angelkünste, wenn man einen fetten Köder ins Aquarium statt ins offene Meer hält.

Wer die Täter waren? Nürnberger Ultras, so viel scheint klar. Aber ob die von der größten Gruppe Ultras Nürnberg kommen oder von der „Banda di Amici“, die sich im Oktober 2010 von den Ultras Nürnberg abgespalten haben, weil sie politischer, aber auch „gewaltmäßig härter drauf“ seien, wie es übereinstimmend in Fürth und Nürnberg heißt, ist umstritten. Dabei zählt weder die eine noch die andere Nürnberger Gruppe zu den unreflektierten, tumben im Lande. Im Gegenteil: Ultras Nürnberg äußert sich sowohl auf ihren Veranstaltungen als auch in ihrem hervorragend aufgemachten und unbedingt lesenswerten Magazin „Ya basta“ reflektiert und klug. Zudem ist die Nürnberger Ultra-Szene kritisch und hartnäckig, der Blick in Richtung Nordkurve lohnt in Nürnberg bei fast jedem Heimspiel. Schließlich machen beide Gruppen mit ihren Transparenten immer wieder auf Fehlentwicklungen aufmerksam und vertreten – zum Beispiel mit ihrer Initiative für die Umbenennung der Arena in „Max-Morlock-Stadion“ – Forderungen, die in Nürnberg auch traditionelle Fans teilen. Doch die große Stärke der Nürnberger Ultras, ihre zahlenmäßige Größe, sorgt eben offenbar auch dafür, dass an ihren Rändern Leute agieren, deren Gewaltfaszination überbordet. Und so wahr es ist, dass mancher Ultra die Überfälle auf die Fürther insgeheim (oder in gruppeninternen Gesprächen) kritisieren mag – offiziell distanziert sich weder Ultras Nürnberg noch Banda di Amici davon. Und eines stimmt eben auch: Es gibt in der deutschen Ultra-Szene durchaus kluge und gelassene Menschen, die alle paar Wochen den Adrenalinkick suchen, den ihnen offenbar nur Gewalttaten bieten.

In der bürgerlichen Gesellschaft ist Gewalt aus gutem Grund geächtet, sie wird von den meisten Bürgern als Randphänomen und als Ausdruck geistiger Schwäche wahrgenommen. Mancher in der Ultra-Szene widerlegt diese Gleichsetzung – so gruselig die Vorstellung sein mag, dass möglicherweise derjenige, der einem Journalisten am Donnerstagabend zwei Stunden lang sachlich und geistreich Rede und Antwort steht, schon 24 Stunden später Gleichaltrige in der Nachbarschaft verprügelt. Es ist vor allem das, was Ultras meinen, wenn sie sagen, dass nicht alles, was sie tun, von der Mehrheitsgesellschaft akzeptiert werden soll und kann.

Es steht jedenfalls fest, dass es schon häufig zu „vermummten Hausbesuchen“ bei Fürther Ultras gekommen ist. Wenngleich offenbar seltener als im Ruhrgebiet, wo „Hausbesuche“ häufiger und brutaler sein sollen, medial aber nicht dokumentiert sind. Dabei ist „Hausbesuch“ ein verniedlichendes Wort. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um Hausfriedensbruch, Nötigung und Körperverletzung. Weniger juristisch ausgedrückt: Der Gegner soll eingeschüchtert und demoralisiert werden. Im Falle der Fürther ist das insofern grotesk, als die Horidos im Gegensatz zu anderen Gruppen, die mit Gegenangriffen geantwortet hätten, nicht die geringste Lust auf Auseinandersetzungen haben und am liebsten in Ruhe gelassen würden. Und – noch bemerkenswerter –das auch gar nicht hinter dem üblichen Ultra-Posing verbergen wollten. Stattdessen stellten sie ein paar Tage nach dem Überfall auf ihr Vereinslokal eine bemerkenswerte Stellungnahme auf ihre Seite:

„Unsere Gedanken, unsere Beziehungen untereinander, unsere Werte und Ideale, unsere Ziele und Träume habt ihr nicht – ihr werdet sie niemals bekommen, ihr werdet sie uns niemals entreißen, ihr könnt sie nicht einmal verstehen. Sie passen nicht in euer enges, verkapptes – ja gar reaktionäres und destruktives – Weltbild. Ein Weltbild, das euch besagt, ‚in Franken nur der FCN‘, und das durch das Drehen, Biegen und Verschieben von Tatsachen, nach denen alle FürtherInnen und insbesondere Horidos ‚Lutscher‘, ‚Fotzen‘ oder mittlerweile auch, Juden‘ sind, die sowieso nur Kindergarten machen und mit Bullen labern, konkrete Realisierung erfährt. Welche Affekte und Triebe bewegen Menschen, die sich durch an Vernichtungswahn grenzenden blinden Hass gegenüber anderen definieren, sich zeitgleich jedoch gegenüber der ‚Mainstreamgesellschaft‘ als etwas ‚Ehrenhaftes‘ und ‚Rebellisches‘ darstellen und verstehen?“

Dreieinhalb Stunden vor dem Heimspiel gegen Hannover 96 warten Domi und Fabian an der Tür zum Vereinslokal der Sportfreunde Ronhof, das nur einen Steinwurf von der Haupttribüne entfernt liegt. Genau das ist der Ort, an dem andere Ultra-Gruppen (offenbar längst nicht nur die Nürnberger) in den vergangenen Jahren eingebrochen sind. Eine Plastikplane schützt die Kneipe im Souterrain vor neugierigen Blicken, ein Türsteher wacht am Eingang. Wenn man weiß, was in den vergangenen Monaten hier passiert ist, wundert man sich auch darüber nicht mehr.

Die Spuren des Einbruchs sind immer noch gut zu sehen. Mehrere Türen wurden aufgebrochen, mit einem Stemmeisen, wie an den Türrahmen unschwer zu erkennen ist. Mitten in der Nacht standen die Nürnberger dann in dem Raum, in dem in Fürth das Allerheiligste einer jeden Ultra-Gruppierung gelagert ist. Das war vor drei Wochen. Doch noch immer schwingt Wut in der Stimme mit, wenn Domi darüber spricht: „Fahnenklau hat mit unserem Verständnis von Ultra nichts zu tun.“

Lange haben sie überlegt, wie sie weitermachen sollen. „Wir haben das wichtigste Material geklaut gekriegt, das, was seit den Anfangstagen unserer Gruppe da ist. Auch wenn’s eine feige Aktion ist, kann man nicht so tun, als wäre nichts passiert.“ Beim kommenden Auswärtsspiel in Gladbach und dem Heimspiel gegen den BVB haben sie dann geschwiegen, sie mussten sich dazu nicht zwingen. Eines aber haben sie nicht gemacht: Sie haben sich nicht als Gruppe aufgelöst, wie es 2008 die Gladbacher Ultras getan haben, als ihnen Kölner Ultras die Materialien gestohlen haben. Die hatten allerdings nicht eingebrochen, sie waren mit einem Trick in die Räumlichkeiten der Gladbacher Ultras gelangt.

Mit der Weigerung, sich aufzulösen, haben die Horidos etwas zurückgewiesen, das die allermeisten Gruppen als festen Bestandteil von „Ultra“ sehen. Wer seine Zaun- oder Blockfahne verliert, hat seine Existenzberechtigung als Gruppe verloren. Zumindest, schieben Insider nach, wenn sie im Stadion, also „im Kampf“ verloren geht. Wer zu blöd ist, die Fahne zu verteidigen, ist selbst schuld. So sind die ungeschriebenen Regeln der Szene. Aber wie verhält es sich mit dieser Regel, wenn die andere Seite gar nicht danach spielt? Wenn sie einfach nachts einbricht und sich nimmt, was sie will?

Die Horidos haben jedenfalls nicht eingesehen, warum sie ein Spiel mitspielen sollen, auf das sie keine Lust haben. Die Überschrift der Stellungnahme vom 9. April war eine trotzige Ansage: „Horidos lebt weiter!“ Stumpfere Zeitgenossen und Ultra-Orthodoxe dürften sich in ihrer Einschätzung der Fürther bestätigt gesehen haben. Zu weich, zu lasch, eben NICHT Ultra. Aber stimmt das? Wenn „Ultra“ bedeutet, unbequem zu sein, stellen sich nach solchen Aktionen Fragen, die an den Kernbestand der Ultra-Szene gehen. Was ist rebellisch an solchen Kindergarten-Ritualen? Was ist ihr Sinn?

Die netten Fürther, Ultras wie Normalos, können allerdings auch anders: Sie können sehr trotzig sein, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen. Und wenn sie es den Großen mal gezeigt haben, feiern sie das tagelang. Anlass dazu gab es in der Fürther Erstligasaison nicht oft, das ist der Haken an der Sache. In der Saison 2012/2013, auf die sich so gefreut hatten, haben die netten Fürther überhaupt nur viermal gewonnen. Gegen Mainz, Schalke und Stuttgart. Und der vierte Sieg, der hat dann die ganze Saison rausgerissen: Am 21. April gewann das Fürther Kleeblatt beim 1. FC Nürnberg. Noch eine Woche später wirkten bei den netten Fürthern alle so, als habe Johannes Geis gerade erst den Fernschuss im Netz hinter Raphael Schäfer versenkt. Das Tor war nicht mehr und nicht weniger als die gerechte Strafe für die Aktionen der Nürnberger. So sehen sie das hier.

Hier, bei den Sportfreunden Ronhof, kann jedenfalls jeder sehr anschaulich erzählen, was er in den Hundertstelsekunden empfunden hat, als der Ball den Fuß von Geis verließ und doch tatsächlich Anstalten machte, den Weg ins Tor zu finden. Vorausgesetzt, die Stimmen übertönen den einzigen Song, der hier seit drei Stunden in Endlosschleife rotiert: „Derbysieg“ von den Travelling Playmates. („Wir sin fast blatzt vor Stolz un lauder Freid“). Auch den Ultras gefällt der Song, der 2011 nach dem Sieg gegen den Club im DFBPokal aufgenommen wurde. Auch für sie hat der Geis-Treffer seine eigene Dramaturgie, die für immer eingebrannt ist. Schließlich fiel das Tor des Tages, wenige Sekunden nachdem Banda di Amici in der Nürnberger Kurve ein Schmähtransparent auf den Fahnenklau hisste, das eigentlich noch einmal Salz in die Fürther Wunden streuen sollte: „Wer mit den Bullen labert, hat keine Regeln verdient“, stand darauf. Dann nahm Geis Maß und traf. Das 0:1 aus der 27. Minute sollte bis zum Schlusspfiff Bestand haben. Die Schmähung, der Ärger, der Triumph, alles innerhalb weniger Sekunden.

Im Vereinsheim der Sportfreunde ist das Tor jedenfalls auch eine Woche später das wichtigste Gesprächsthema. „Die knabbern doch noch an der Derbyniederlage 2011. Für die ist das jetzt, wie wenn du nach einem Kreuzbandriss zurückkommst und dann reißen dir beim ersten Spiel nach der Verletzungspause gleich beide.“ Harry kann auch noch etwas Plastisches beitragen. Sein Arbeitskollege, ein Clubberer, hat ihn am Morgen nach dem Derbysieg wie folgt begrüßt: „Wir haben eine gute Saison zu einer beschissenen gemacht und ihr eine beschissene zu einer glorreichen.“

So sehen sie das auch hier. Die Nürnberger Kollegen wollen die Mannschaft beim darauffolgenden Auswärtsspiel in Hoffenheim nicht unterstützen – aus Protest gegen die Derbyschmach. Noch so eine Nachricht, die sie hier in Fürth mit Genugtuung hören.

Der Geräuschpegel ist mittlerweile merklich gestiegen. Hier, bei den Sportfreunden, ist Fußball wie früher, es wird geraucht, die Vorfreude aufs vorletzte Bundesliga-Heimspiel scheint mit jeder Minute zu steigen. 15-jährige Ultras sind hier und 60-jährige Fanveteranen. Jeder kennt jeden, wie es scheint. Und wer noch mal genau wissen will, was der gemeinsame Nenner ist, schaut in einem liebevoll eingerichteten Museum nach, das in einem Nebenraum der Kneipe eingerichtet ist.

Die Ultras, ein elitäres Volk? Nicht hier, wo sie mittendrin sind in der Masse der Feierwütigen und nach dem Fahnenklau die Solidarität erfahren, die ihnen im Liga-Alltag manchmal fehlt. Viele Fans stocken die Bierrechnung auf, die älteren Herrschaften vom Bayreuther „Altstadtkult“, deren Spielvereinigung Bayreuth zwei Tage darauf im nahen Erlangen spielen wird, haben gleich 100 Euro gespendet. Kommt alles in die „Choreokasse“. Domi ist gerührt. Zumal es auch in Fürth, wo vom Ultra bis zum Rentner eine der friedlichsten Fanszenen der Republik zu Hause ist, Konflikte zwischen älteren Fans und den Horidos gab – interessanterweise, weil die Ultras nach dem Verlust ihrer Fahne ihre Arbeit als Stimmungskanonen zunächst einstellten. „Wir wurden im Spiel danach in Mönchengladbach ganz schön angegangen“, erinnert sich Domi, „nach dem Motto: Ultras sind die Dienstleister, die haben für Stimmung zu sorgen, wenn sie das nicht machen, können sie gehen. Die Wunde ist eh schon so groß und dann wird’s dir noch reingedrückt. Manchmal haben wir mehr Verständnis für die, die nur beim Torjubel aufspringen, als die umgekehrt für uns.“

Dabei, darauf legen hier alle Wert, würde man sich regelrecht freuen, wenn Normalo-Fans das Gespräch suchten, einfach mal an den Infostand kommen, den die Horidos bei jedem Heimspiel hinter der Kurve öffnen. Aber nein: „Gepöbelt wird anonym im Internet.“ Eine Klage, die man im Übrigen öfter hört, es scheint, dass mancher Ultra-Gegner gar nicht erst den Versuch unternommen hat, mit Leuten zu reden, von denen er nachher behauptet, man könne mit ihnen nicht reden.

Die Horidos wüssten im Übrigen nicht, wie eine rebellische Grundhaltung, wie sie „Ultra“ für sich in Anspruch nimmt, unpolitisch sein könnte. „Leute, die sagen, ‚Ultra‘ sei unpolitisch, kann ich nicht ernst nehmen“, sagt Fabian und verweist auf die Wiege der Bewegung. „Man muss sehen, wie sich Ultra in Italien gegründet hat: eindeutig aus einer linken, politischen Bewegung heraus. Die Leute haben sich politische Forderungen auf die Fahnen geschrieben und die ins Stadion getragen.“

Das sei es, das Wesen des Ultra-Gedankens, nicht alles hinzunehmen, was einem Eltern, Lehrer und Politiker zu vermitteln suchen, sich seinen eigenen Kopf machen. „Bei mir“, sagt Domi, „war das klassisch. Natürlich war ich dagegen, dass Fußballspiele um 13 Uhr angepfiffen werden. Irgendwann habe ich dann gefragt, welche Interessen dahinterstehen, dass das gegen den Willen der Fans durchgesetzt wird.“ Die Interessen derer, die vom „Produkt“ Fußball reden, das sie in möglichst viele appetitliche Häppchen fürs Fernsehvolk zerlegen wollen. Nicht die Interessen derer, die zwei Tage Urlaub nehmen müssen, um als Fan von 1860 München am Montagabend ein Spiel bei St. Pauli sehen zu können. Domi hatte angefangen, politisch zu denken.

Damit war er bei den Horidos prima aufgehoben. „Unsere Bewegung ist ein kleiner Revoluzzerkreis, eine Opposition, die sich auch mal kritisch anschaut, was Verein und Politik treiben“, sagt er und formuliert damit das Selbstverständnis vieler Ultra-Gruppen.

Auch Harry und Andy, die beiden älteren Fans, nicken. Das sei oft so, berichten sie. Die Ultras von den Horidos sprechen das aus, was sie als über 35-Jährige erst wieder neu lernen müssen. Dass man nicht alles klaglos hinnehmen muss, beispielsweise. Die merkwürdigen Anstoßzeiten in der zweiten Liga beispielsweise, die hier allen auf die Nerven gehen. Mittags ins Stadion zu müssen, zu einer Zeit, zu der andere noch frühstücken, nur weil die Leute vom Pay-TV möglichst viele Wochenendspiele live zeigen wollen. Auch die Ticketpreise, die Gängeleien durch Ordner und Polizei. Draußen, sagt Harry und zeigt auf die Tür ins Freie, „draußen sind die 20-Jährigen doofer als die 40-Jährigen. Bei den Ultras ist es andersherum, da merke ich immer, wie doof wir Alten geworden sind. Ich finde, das ist eine Subkultur, wie man es sich wünscht.“

Fabian und Domi widersprechen nicht. Gegen Lob aus der eigenen Fanszene haben sie nichts einzuwenden. Schon gar nicht, wenn es von denen kommt, die schon zur Spielvereinigung gingen, als die noch in der Bayernliga gegen Frohnlach und Landshut spielte. Skeptischer – und auch da unterscheiden sich die Horidos nicht von anderen Ultra-Gruppen, werden sie, wenn das Lob von anderer Seite kommt; etwa aus der Politik. „Ich will gar nicht, dass Politiker und Medien alles toll finden, was wir machen“, sagt Fabian. „Es gibt uns nur im Gesamtpaket: mit Schwenkfahnen, Choreos und Pyrotechnik – und dann gehört bei uns das Politische dazu. Da ist sicher einiges dabei, das gesamtgesellschaftlich nicht jedem gefällt.“

Die Verbände, meint Fabian, wollen einen bereinigten Fußball. Die gleichen Leute, die wegen ihres Engagements gegen Diskriminierung und Rassismus gelobt werden, würden verteufelt, wenn sie Normverstöße begehen „Bei uns Ultras gibt es natürlich viel pädagogisches und soziales Engagement. Aber auch vieles, was nicht in die heile Welt passt. Solange das mitschwingt, werden wir kritisiert.“

Die Sprache kommt nun auf das Thema Gewalt. Fabian sagt das, was viele Ultras sagen, die eigentlich viel zu reflektiert wirken, um einem stumpfen Gewaltkult das Wort zu reden. Er sagt, man solle sich doch mal mit der „Kultur auseinandersetzen, die diesen Sport prägt“. Schon vom Vokabular her definiere sich der Fußball mit seinen „Stürmern“, „vernichtenden Niederlagen“ und „kämpferischen Tugenden“ doch über Gewaltverhältnisse. Das Problem der Ultra-Szene sei, dass sich der Gewaltkult verselbstständige. Vielerorts rückten Jüngere nach, denen die alten Ultras zu angepasst seien. Und die spalteten sich über kurz oder lang dann ab – nicht zuletzt, weil die Alten in der Gewaltfrage zu lasch geworden seien.

Vielerorts gibt es allerdings auch die umgekehrte Entwicklung: In Aachen oder Duisburg haben sich die Jüngeren von den Älteren auch dadurch emanzipiert, dass sie „Ultra“ inhaltlicher definierten als die Altvorderen. Sie wurden politischer. Und riefen damit rechte Hooligans auf den Plan, die genau das als Kriegserklärung verstanden. In Fürth haben sie das Glück, dass es so etwas wie eine alteingesessene Hooligan-Szene schlicht nicht gibt. „Wenn es hier gestandene Hauer geben würde“, da machen sich die Horidos keine Illusionen, „wären wir nicht hier.“

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12 декабря 2025
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252 стр. 21 иллюстрация
ISBN:
9783730700709
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