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Palast aus Gold und Tränen
Die Hexenwald-Chroniken
Christian Handel

Copyright © 2020 by


Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

http: www.drachenmond.de

E-Mail: info@drachenmond.de

Lektorat: Stephan R. Bellem

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Umschlagdesign: Marie Graßhoff

Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991-518-2

Alle Rechte vorbehalten

Für Jessi & für Stephan

Inhalt

1. Grimoire

2. Zu Hause

3. Das Frühstück mit der Ziege

4. Die Mühlenhexe

5. Pflanzenmagie

6. Das Ritual

7. Die Hüterin der Toten

8. Der Bär auf dem Dachboden

9. Markttag

10. Das Feentor

11. Schwanensee

12. Die Gemahlin des Steinernen Königs

13. Die Gänsehirtin

14. Dämonen

15. Die Eisfrau

16. Die Reise durchs Zarenland

17. Der Bergpalast des Zaren

18. Die Audienz bei der Zarenfamilie

19. Die königlichen Gärten

20. Der Feuervogel

21. Die Erste Hexe des Reiches

22. Wie ein schlagendes Herz

23. Der Weg zur Baba Yaga

24. Handel mit einer Hexe

25. Das Märchen von den zwei Schwestern

26. Die verschwundene Prinzessin

27. Der Geheime Hof

28. Der Zorn des Schneeadlers

29. In der Palastküche

30. Geständnisse

31. Geisterbraut

32. Die Gemächer der Tränenzarin

33. Die Sternengrotte

34. Das Lager der Steppenreiter

35. Vorbereitungen

36. Das Reittier in die Geisterwelt

37. Geisterbeschwörung

38. Brennende Totenschädel

39. Das Angebot der Baba Yaga

40. Traum oder Wirklichkeit?

41. Das Geständnis

42. Die Knochen der Geisterfrau

43. Die Erpressung

44. Gold und Tränen

45. Weißdorn und Vogelfedern

46. Das Ultimatum

47. Der Rat einer Königin

48. Keine Zeit für Trauer

49. Auf in den Kampf

50. Alles hat seinen Preis

51. Königin aus Eis und Schnee

Nachwort

Grimoire

Das Zauberbuch lag in der Mitte des Raums, direkt auf dem Boden der kleinen Dachkammer. Ein Dutzend Kerzen spendete flackerndes Licht. Wachs rann an ihnen herunter und tropfte auf die Dielen. Im ganzen Zimmer duftete es nach Honig. Ich schloss den Kreis, den ich in großzügigem Abstand um das Buch gezogen hatte, und kniete mich neben Rose. Sie schenkte mir ein nervöses Lächeln und ich drückte kurz meine Lippen auf ihren Mund. »Mach dir keine Sorgen«, sagte ich und wünschte, ich würde mich so selbstsicher fühlen, wie ich mich gab.

»Mach ich nicht.«

Rose log, das wusste ich. Vor uns lag das Zauberbuch einer Hexe, die unzählige Kinder abgeschlachtet hatte. Es war so lang wie mein Unterarm und so dick wie ein Ziegelstein. Seine Seiten bestanden aus vergilbtem Pergament und das Leder, in das es gebunden war, schien schwarz wie die Nacht. In den letzten Monaten hatte ich mich oft gefragt, welche finsteren Geheimnisse es beherbergte. Bisher hatte ich dem Drang, es aufzuschlagen, widerstehen können. Vermutlich half es, dass Rose das Buch in ihrem Rucksack verwahrte, und nicht ich.

Seit mehreren Monden suchten wir nach der Eigentümerin des Grimoires – erfolglos. Jede noch so kleine Spur war im Sand verlaufen und allmählich gingen uns die Ideen aus. Das Zauberbuch musste uns einfach einen Hinweis darauf liefern, wohin die Hexe geflohen war.

Nervös blickte ich zur Tür.

Rose legte mir die Hand auf die Schulter. »Keine Bange. Nach dem Abendessen stört uns hier niemand mehr.«

Bei dem Gedanken, dass uns ihre Mutter oder ihre Schwester unvorbereitet erwischten, wurde mir gleichzeitig heiß und kalt. Rose und ich waren bereits seit mehreren Jahren ein Paar und ihre Familie hatte das längst akzeptiert. Es gab dennoch Dinge, von denen es mir lieber war, dass sie sie nicht zu Gesicht bekamen. Dazu zählte auch die Zauberei. Noch hatte ich nicht den Mut aufgebracht, ihnen zu gestehen, dass ich magische Kräfte besaß. Es war schwer genug gewesen, Rose die Wahrheit zu sagen, und sie liebte mich bedingungslos.

Deshalb hatte ich auch den Salzkreis gezogen. Ich wollte nicht, dass irgendwelche Geräusche, die bei dem entstanden, was wir vorhatten, nach außen drangen.

»Ich bin so weit.« Entschlossen schlug ich das Buch auf.

Seltsame Schriftzeichen, Symbole und Illustrationen zogen sich über das Papier. Sie waren mit roter und blauer Tinte gemalt, in einer schön geschwungenen, regelmäßigen Handschrift. Die wenigsten davon konnte ich lesen.

Neben einem Text, der dem Versmaß zufolge ein Gedicht oder Spruch war, ringelte sich die Silhouette einer Schlange. Auf der nächsten Seite war erstaunlich detailverliebt eine Waldpflanze gemalt, ihre einzelnen Bestandteile mit winzigen, akkuraten Buchstaben beschriftet.

Das half mir nicht. Ich blätterte um. Weitere Schriftzeichen, weitere Symbole. Auch sie konnte ich nicht lesen. Also blätterte ich noch einmal um. Und noch mal.

»Verstehst du, was dort steht?«, fragte Rose.

Ich schüttelte den Kopf. Mit den Fingern fuhr ich die Linie einer Eulenzeichnung nach.

»Schlag es weiter hinten auf. Vielleicht steht da ja etwas, was wir lesen können.«

Ich schlug das Buch in der Mitte auf und blätterte einige Seiten vorwärts. Die Handschrift blieb die gleiche, auch wenn die Linienführung aggressiver geworden war und die Zeichnungen immer düsterer. Statt Pflanzen und Vögel bedeckten nun seltsame Hybridwesen die Seiten. Eine Kreatur besaß den Rumpf und die Schwanzspitze eines Raben, aber einen reptilienartigen Hals und Kopf. Es gab Totenköpfe, aus deren Augen Flammen loderten. Und ein menschliches Herz, durch dessen Muskelfleisch sich Würmer fraßen.

Als ich die nächste Seite umblätterte und eine Pastete erkannte, musste ich würgen. Auch Rose hinter mir stöhnte auf. Wir hatten das Grimoire in der Hütte einer Waldhexe gefunden, die ihre Zauberkraft dadurch genährt hatte, dass sie sich von Kindern ernährte. Die Geister ihrer Opfer hatten mich durch Visionen daran teilhaben lassen, was mit ihnen geschehen war. Die Zeichnung der Pastete weckte in mir die Erinnerung an Margarete und ihren Bruder Hans, die von der Hexe gezwungen wurden, mit menschlichen Innereien gefülltes Backwerk zu verspeisen.

»Du musst das nicht tun.« Rose streichelte meinen Oberarm. »Wir können aufhören. Vermutlich ist das Grimoire auch nichts anderes als eine weitere Sackgasse.«

Margarete und Hans waren die letzten Opfer der Hexe gewesen. Ich hatte geschworen, sie zu rächen. Dazu musste ich ihre Mörderin jedoch erst einmal finden.

Deshalb beugte ich mich nach vorn. »Eins haben wir noch nicht probiert.«

»Du willst eine Vision heraufbeschwören.«

Ich nickte.

»Ich weiß nicht …« Besorgnis schwang in ihrer Stimme mit.

»Du hast mich auch in der Hütte beschützt.«

»Damals hatten wir keine andere Wahl.«

Das stimmte. Warum die Visionen damals zu mir gekommen waren, wusste ich bis heute nicht. Sie hatten mich dann überkommen, wenn ich einen bestimmten Gegenstand berührte. Damals hatte ich geglaubt, dass die Visionen mich gesucht hatten; dass die Geisterkinder sie vielleicht geschickt hatten. In meinem ganzen Leben war ich nie zuvor von Visionen übermannt worden. Aber Hellsicht war eine Fähigkeit, die man den Selkies nachsagte, und ich fragte mich, ob ich sie, wie so vieles andere, von meiner Mutter geerbt haben könnte. Ich erinnerte mich an einen Spruch, den sie geflüstert hatte, wenn sie vor einer mit Meerwasser gefüllten Schüssel stand oder im Dunkeln vor einem Fenster, gegen das von außen der Regen peitschte. Manchmal hatte sich dann statt ihres Abbildes etwas anderes in der Scheibe gespiegelt: schaumgekrönte Wellenkämme, eine geheimnisvolle Unterwasserwelt, in der sich farbenprächtige Fischschwärme tummelten, das kleine Boot meines Vaters im Sturm. Solange meine Mutter bei uns lebte, war er immer sicher nach Hause gekommen. War es ihr Zauber gewesen, der uns beschützt hatte?

»Ein Versuch«, drängte ich. »Du hast es mir versprochen.«

Rose grummelte. Trotzdem rappelte sie sich auf und ging hinüber zu der eisenbeschlagenen Truhe, die am Fußende des Bettes stand. Sie hielt es für keine gute Idee, mit meinen magischen Fähigkeiten zu experimentieren. Missmutig öffnete sie den Deckel, kramte darin herum und kam mit einer bronzenen Schüssel und einer kleinen Glasphiole zurück.

»Wehe, du bist nicht vorsichtig.«

Achtsam stieg sie über die Salzlinie und drückte mir die Gegenstände in die Hand. Ich lächelte und wartete, bis sie sich wieder neben mich gesetzt hatte. Dann stellte ich die handtellergroße Schale vor mir auf den Boden und schüttete getrocknete Mondraute aus der Phiole hinein. Ich überlegte, ob ich die Pflanzenblätter mit einem Zauber zum Brennen bringen sollte, entschied mich aber dagegen. Rose mochte akzeptiert haben, dass Magie in meinem Blut floss. Deshalb musste sie das noch lange nicht mögen. Ich wollte den Bogen nicht überspannen. Also griff ich nach einer der Kerzen und entzündete mit deren Flamme vorsichtig das Kräutergemisch. Wachs tropfte mir dabei auf die Hand. Ich zischte, mehr erschrocken als vor Schmerz, und reichte Rose die Kerze. Dann beugte ich mich über die Schale. Rauch stieg auf, tanzte als dünne Säule der Decke entgegen. Sein säuerliches Aroma kitzelte mir in der Nase. Ich war froh, den Salzkreis gezogen zu haben, denn so würden weder Geräusche noch der Geruch der verbrennenden Kräuter nach außen dringen.

Ich zwang mich dazu, langsam und tief einzuatmen, und ließ den Rauch seine Wirkung entfalten. Mein Herz begann schneller zu schlagen, Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn. Nach einem halben Dutzend Atemzügen schob ich die Schale beiseite und legte die Handflächen auf das Pergament. Rau wie poröser Stein fühlte es sich unter meinen Fingern an, schuppig und warm wie die Haut einer Schlange.

Was hatte meine Mutter damals immer geflüstert?

Seit sie mich und meinen Vater vor vielen Jahren verlassen hatte, um zu ihrem Volk zurückzukehren, hatte ich mich nach Kräften bemüht, alles zu vergessen, was mit ihr zu tun hatte. Es war nicht leicht, sich jetzt wieder an Einzelheiten zu erinnern.

Der Geruch der verbrennenden Kräuter veränderte sich. Er wurde weniger würzig, dafür frischer, salziger.

»Tha mi airson fhai cinn«, flüsterte ich. Die Worte waren plötzlich da. Lass mich sehen.

Zunächst geschah nichts. Ich heftete meinen Blick fest auf die Seiten vor mir und zwang mich, geduldig zu bleiben. Zauber brauchten ihre Zeit. Dann spürte ich ein Kribbeln in meinem Bauch und unter meinen Handflächen und wusste: etwas geschah.

Der Salzgeruch wurde schwächer und die Symbole auf dem Pergament begannen plötzlich an Kontur zu verlieren. Mein Blick trübte sich, als hätte ich Tränen in den Augen, und Rose und die Dachkammer traten in den Hintergrund. Die Tintenschlange, deren Schwanzspitze zwischen meinen Fingern hervorlugte, zuckte auf dem Pergament. Plötzlich gaben die Seiten nach. Meine Hände versanken im Grimoire wie in Flussschlamm. Der Rauch aus der Schale …

… verwandelt sich in Schnee.

Eiskristalle tanzen um mich herum und ein scharfer Wind bläst mir ins Gesicht. Sonst ist da nichts. Ich kneife die Augen zusammen, um mich vor den Flocken zu schützen, die die Böen mir entgegenwehen. Ihr Kuss brennt auf meiner Haut. Alles um mich herum ist weiß. Obwohl ich keine Ahnung habe, wo ich bin, weiß ich instinktiv, dass ich mich inmitten einer riesigen Ebene befinde, schutzlos den Launen der Natur ausgeliefert. Ich blicke mich nach Rose um, vergeblich. Mein Herz beginnt schneller zu schlagen. Ich will …

»Muireann! Lass sofort das Buch los!«

Rose’ Stimme holte mich zurück in die Gegenwart. Die Schneelandschaft um mich herum verschwand. Ich befand mich wieder in der Dachkammer. Rose hatte meine Hände gepackt und vom Buch gezerrt.

Ich blinzelte, brauchte einen Moment, bis ich wieder richtig bei mir war.

»Es war seltsam«, sagte ich träge. »Ich habe etwas gesehen. Anders, aber auch ähnlich der Visionen im Hexenhaus …«

»Muireann«, unterbrach mich Rose scharf und die Furcht in ihrer Stimme ließ mich zusammenzucken. »Deine Hände!«

Verwirrt blickte ich nach unten. Eine dunkelblaue Tintenspur schlängelte sich um die Finger meiner rechten Hand. Ich erstarrte. Es handelte sich um die Kreuzotter aus dem Buch. Während ich ungläubig auf sie hinunterstarrte, sah ich, dass sie ihren Kopf zwischen meinem Ringfinger und Mittelfinger hindurchsteckte und sich langsam über meinen Handrücken schob. Reflexartig schüttelte ich die Hand, doch das störte die Schlange nicht. Sie kringelte sich um mein Gelenk und wanderte weiter nach oben. Sie war nicht das einzige Symbol, das seinen Weg vom Buch auf meine Haut gefunden hatte.

Die beiden aufgeschlagenen Pergamentseiten vor mir waren leer. Stattdessen wuselten auf meinen Händen und Unterarmen Buch­staben, Linien und unverständliche Symbole wie lebendige Tätowierungen. Tatsächlich spürte ich sie gar nicht, aber sie machten mir Angst.

»Was ist das?!« Rose klang panisch.

Ich streckte die Hände weit von mir. Ich hatte keine Ahnung. »Verschwinde aus dem Salzkreis!«

Rose schüttelte den Kopf.

Im Kerzenflackern schienen die flachen Tätowierungen Schatten zu werfen.

»Du musst«, presste ich so ruhig wie möglich hervor. »Ich sollte die Linie nicht übertreten. Bring mir Salbei. Und Rosenwasser. Aus der Truhe. Schnell.«

Ohne ein weiteres Wort stand Rose auf und sprang zur Truhe hinüber. Beinahe hätte sie dabei den Salzkreis mit dem Fuß verwischt. Das hätte gerade noch gefehlt.

Während Rose hinter mir herumkramte, heftete ich meinen Blick wieder auf die Symbole aus dem Hexenbuch, die an meinen Armen höher und höher kletterten. Inzwischen hatten sie fast meine Ellenbogen erreicht. Ich versuchte, tief durchzuatmen und so die Angst zu unterdrücken, die in mir aufstieg. Verzweifelt zermarterte ich mir das Hirn. Was auch immer wir jetzt taten, wir mussten schnell handeln.

»Bring mir die roten Bänder von deiner Schwester mit.«

Leni hatte mir zum Winterfest zwei dunkelrote Haarbänder geschenkt, die sie selbst mit einem aufwendigen Muster aus goldenem Faden bestickt hatte. Die Bänder hatten beinahe die Farbe von Rose’ Haaren. Sie waren wunderschön.

Mein Herz verkrampfte sich, als ich daran dachte, was als Nächstes zu tun war.

»Schneide sie in vier Teile. Bitte beeil dich!«

Den Zeigefinger meiner rechten Hand drückte ich vorsichtig auf eine dunkelblaue Rune, die auf der Innenseite meines linken Unterarms zitterte. Nichts. Ich spürte gar nichts. Und das Symbol ließ sich von meiner Berührung nicht beeindrucken.

Da war Rose wieder heran und ließ Stoffbeutelchen und ein mit Wachs zugepfropftes Tongefäß zu Boden gleiten. Sie zog ihren Dolch und einen Augenblick später flatterten vier rote Bänder auf den Dielen­boden.

»Was hast du vor?«

»Du musst mir helfen.«

»Was soll ich tun?«

»Ich werde gleich ein paar Blätter Salbei kauen und einen Spruch aufsagen«, erklärte ich ihr, während ich hastig die Beutel durchsuchte. »Sobald ich damit fertig bin, musst du die Bänder nehmen und mir jeweils eins um jeden Oberarm binden, oberhalb des Bereichs, auf dem sich die Zeichen befinden. Wir müssen ihnen den Weg abschneiden.«

Ich öffnete das Tongefäß mit dem Rosenwasser und tauchte die Bänder hinein.

»Die anderen beiden Bänder binden wir danach um meine Handgelenke. Wir sperren die Tintenzeichen ein, verstehst du?«

»Nein.« Rose schluckte und griff nach den Bändern. »Aber das ist egal. Du kannst es mir später erklären.«

»Danke«, sagte ich und steckte mir ein paar getrocknete Salbeiblätter und etwas Minze in den Mund. So schnell wie möglich kaute ich darauf herum. Das intensive Aroma der Pflanzen breitete sich auf meiner Zunge aus.

»Du musst die Knoten sorgfältig knüpfen. Die Bänder dürfen nicht verrutschen.«

Mit der Rechten schob ich meinen Hemdsärmel nach oben und streckte ihr meinen Arm entgegen. Eine winzige Tintenkröte schwamm gerade auf meine Armbeuge zu.

»Stad! Chan eil an córr.«

Rose zögerte nicht. Sie wand das rote Band um meinen Oberarm, knüpfte einen Knoten und zog ihn zu. Dann griff sie nach dem nächsten Band und kümmerte sich um meinen anderen Arm. Ich unterdrückte ein nervöses Lächeln.

»Du brauchst keine Angst davor zu haben, mich zu berühren«, versprach ich ihr. »Ich glaube, der Zauber soll mich mehr aufwühlen als mir schaden. Dir sollte er nichts anhaben.«

»Seit wann bist du eine Sachkundige für Hexenflüche?« Rose’ Stimme klang scharf, doch ich war mir sicher, dass das nur an ihrer Sorge um mich lag.

»Jetzt die Handgelenke«, sagte ich, nachdem sie auch den zweiten Knoten festgezurrt hatte. »Bitte nicht so fest. Den Bändern kommt eher eine symbolische Bedeutung zu. Du brauchst mir nicht das Blut abzuschnüren.«

Rose hob eine Augenbraue. »Zu fest?« Sie blickte auf meinen Oberarm, wo sich die Tintenfiguren am Rand des roten Bandes stauten wie an einem Damm. Sie schoben sich aufeinander und überlagerten sich, bis eine Handfläche breit keine helle Haut mehr zu sehen war.

Ich schüttelte den Kopf.

»Warum auch noch die Handgelenke? Vielleicht musst du nur abwarten und die Zeichen wandern wieder in die andere Richtung und verschwinden von selbst.«

»Vielleicht. Irgendwie glaube ich das nicht. Wenn wir noch rote Bänder an den Unterarmen verknoten, stehen die Chancen gut, dass wir diese … Symbole einkesseln und sie sich nicht zum falschen Zeitpunkt über meine Finger und Handflächen schlängeln. Oder was denkst du, was deine Mutter sagen wird, wenn ich ihr beim Kochen eine Kartoffel reiche und sie plötzlich eine Schabe aus Tinte von meiner Handfläche aus anstarrt?«

Rose seufzte und griff nach dem letzten Bandstück. »Hast du schon eine Idee, wie wir die Dinger endgültig loswerden?«

»Keine, außer der offensichtlichen.«

»Irina«, grummelte Rose.

»Sie wird wissen, was zu tun ist.«

»Wir jagen Hexen. Wir sollten sie nicht um Hilfe bitten.«

Ich hätte anführen können, dass Irina keine Hexe war, sondern eine Zauberin, und dass sie uns schon mehr als einmal geholfen hatte. Aber viel genutzt hätte das nicht. Rose mochte es nicht, jemandem etwas schuldig zu sein – schon gar nicht einer Magiewirkerin.

»Ich weiß, mein Vorschlag gefällt dir nicht. Lass uns bitte heute nicht darüber streiten. Vielleicht fällt uns bis morgen ja noch etwas anderes ein. Jetzt lass uns erst mal hier aufräumen.«

Mit einem tiefen Seufzen stand Rose auf, fuhr mir im Vorbeigehen mit der Hand über die schwarzen Haare und ging hinüber zur Tür, um Besen und Kehrschaufel zu holen. Ich begann derweil damit, die Kräutersäckchen wieder in die Truhe zu räumen. Für heute hatte ich genug Chaos verursacht.

Zu Hause

Später lagen wir Seite an Seite in dem breiten Holzbett und beobachteten die blauen Linien, die an meinen Unterarmen wie Insekten herumkrabbelten. Ich hatte gehofft, mit der Zeit würden sie erstarren. Doch die Einzigen, die von Augenblick zu Augenblick träger wurden, waren Rose und ich. Seufzend zog ich schließlich die weißen Ärmel meines Nachtgewandes bis zu den Handgelenken hinunter, damit ich den Anblick der wandernden Symbole nicht länger ertragen musste.

Ich schwitzte, und ich war mir nicht sicher, ob das an den Symbolen lag, die vom Hexenbuch zu mir übergesprungen waren, oder nur an den Sorgen, die ich mir deshalb machte. Trotzdem kuschelte ich mich eng an Rose. Ihre Nähe beruhigte mich.

Es hätte wunderbar sein sollen, nach unzähligen Übernachtungen im Wald, auf der Straße oder auf Strohsäcken in irgendwelchen Herbergen endlich wieder ein paar Nächte in einem richtigen Zuhause zu verbringen. Dass ich das jetzt wegen des schiefgegangenen Rituals nicht genießen konnte, ärgerte mich. Ich liebte das alte, knarzende Holzbett, in dem Rose und ich schliefen, wenn wir ihre Familie besuchten. Früher hatten sie und ihre Schwester sich die kleine Dachkammer geteilt. Inzwischen war Leni ausgezogen, und auch wenn Rose viel unterwegs war, so gehörte das Zimmer doch inzwischen ganz ihr. Obwohl nicht allen in ihrer Familie die körperliche Seite unserer Beziehung ganz geheuer war, so hatten sie mich doch mit offenen Armen aufgenommen und ich fühlte mich nicht länger wie eine Fremde. Ich besaß nur wenige Habseligkeiten, an denen mir wirklich etwas lag. Jene, die ich bei der Dämonenjagd nicht bei mir trug, bewahrte ich inzwischen in der reich mit Schnitzereien verzierten Truhe am Fuß unseres Bettes auf.

Wir kamen zwischen unseren Aufträgen sehr unregelmäßig hierher, aber wann immer wir ankamen – ob angekündigt oder nicht –, hatte Rose’ Mutter Helene die Betten gelüftet und kleine Beutelchen mit Lavendel unter die Kopfkissen gelegt. Wenn ich mich in die weichen Federn sinken ließ und den beruhigenden Duft einatmete, fühlte ich mich geliebt und geborgen.

Jedenfalls für gewöhnlich.

Jetzt konnte ich nur an meinen missglückten Zauber denken.

»Es tut mir leid, dass ich darauf bestanden habe, es mit dem Grimoire zu versuchen.«

Rose griff unter der Bettdecke meine Hand und drückte sie fest. »Das muss es nicht. Ich verstehe, warum du es wolltest.«

»Trotzdem macht es dir weniger Angst, ins Zarenreich zu gehen.«

Das war nämlich Rose’ Vorschlag, die Kindsmörderin zur Strecke zu bringen. Die Hexe befand sich im Körper des Mädchens, dem ich versprochen hatte, es zu rächen. Die Hexe hatte Margarete den Körper gestohlen, ehe sie sie getötet hatte. Gemeinsam mit Rose suchte ich seit dem Frühling nach ihr. Gerüchten zufolge hatte sie inzwischen einen Prinzen verführt. Wir wussten nicht, ob das stimmte. Da es uns sonst an Anhaltspunkten fehlte, hatten wir entgegen unserer sonstigen Gepflogenheiten die Dörfer und Wälder hinter uns gelassen und zogen durch die Städte. Doch die Kindsmörderin verwischte ihre Spuren gut. Jetzt hatten wir erfahren, dass im Zarenreich bald eine königliche Hochzeit stattfinden sollte, zu der Vertreter aus sämtlichen umliegenden Ländern eingeladen waren. Seit Tagen versuchte Rose, mich davon zu überzeugen, mit ihr die Grenze nach Osten zu überqueren und an den Feierlichkeiten teilzunehmen.

»Zahlreiche Adelige werden dort versammelt sein«, pflegte sie täglich mindestens einmal zu sagen. »Wenn sie sich wirklich einen Prinzen unter den Nagel gerissen hat, werden wir sie mit hoher Wahrscheinlichkeit dort antreffen. Oder zumindest erfahren, wo sie sich aufhält.«

Anders als Rose beunruhigte mich die Vorstellung, mich mit ihr auf einer königlichen Hochzeit einzuschleichen, zu der wir nicht eingeladen waren. In einem Reich, in dem wir auf dem Scheiterhaufen brennen würden, wenn jemand herausfand, dass wir uns liebten. Hierzulande mochten gleichgeschlechtliche Beziehungen nicht gern gesehen sein, doch sie wurden immerhin nicht mit dem Tode bestraft.

»Wir werden vorsichtig sein«, wischte Rose auch jetzt meine Gedanken beiseite.

Zärtlich drückte ich ihr einen Kuss in die Halsbeuge. »Das könnten wir dort nicht machen.«

»Es wäre nur für eine Weile. Und du weißt, was du mir bedeutest, auch ohne dass ich dir das ständig zeigen muss.«

»Soll das heißen, das hier würde dir gar nicht fehlen?«, fragte ich unschuldig und begann, an ihrem Ohrläppchen zu knabbern.

Rose drehte ihren Kopf und blickte mich mit funkelnden Augen an.

»Du Biest!«

Langsam beugte sie sich mit ihrem Gesicht näher und näher, öffnete die Lippen – und verzog sie zu einem spöttischen Lächeln. »Du weißt genau, wie sehr ich dich liebe.« Sie wich zurück. »Aber ich kann mich beherrschen.«

Ich musste lachen und spürte, wie sich der Druck auf meiner Brust langsam verflüchtigte. Gemeinsam würde uns schon etwas einfallen, wie ich diese verfluchten Symbole wieder loswurde. Irina würde wissen, was zu tun war.

»Vielleicht sollten wir das Grimoire bei Irina lassen.«

»Vielleicht …« Rose klang nicht überzeugt. »Hältst du es wirklich für eine gute Idee, das Buch bei einer wie ihr zu lassen?«

»Irina wirkt weiße Magie.«

»Letztes Jahr um diese Zeit hätte ich gesagt, so etwas wie weiße und schwarze Magie gibt es nicht. Sondern nur Magie. Dass es keinen Unterschied macht, ob sich jemand als Hexe, Zauberin, Fluchbringer oder Magier bezeichnet.«

»Bevor du erfahren hast, dass meine Mutter eine Selkie war.« Meine Stimme klang traurig.

Rose lehnte ihren Kopf an meinen.

»Ich liebe dich deshalb nicht weniger, das musst du mir glauben.« Sie seufzte tief. »Damals war die Welt … einfacher.«

»Sie war nicht einfacher, Rose. Es kam dir nur so vor.«

»Ich weiß«, sagte sie, und dann schwiegen wir eine Weile.

»Es ist nur …« Sie schlug die Decke zurück und setzte sich mit untergeschlagenen Beinen aufs Bett, mir gegenüber, damit sie mir direkt in die Augen sehen konnte. »Seit wir im Haus der Hexe waren. Seit deinen Visionen. Du … es gefällt dir, mit der Magie zu experimentieren, habe ich recht?«

Rose’ rote Locken reflektierten das Licht der Kerze auf dem Nachttisch. Ihr Gesicht schien selbst wie in Flammen getaucht und die Sommersprossen auf ihrer Nase und ihren Wangen hoben sich deutlich von der sonnengebräunten Haut ab.

Unschlüssig zupfte ich mit den Fingern an einem der Bänder um mein Handgelenk, ließ das aber gleich wieder bleiben, als es sich zu lösen drohte.

»Als ich Orkney verlassen habe, dachte ich, ich könnte alles hinter mir zurücklassen. All die traurigen Erinnerungen. An meine Mutter, die gegangen ist. An meinen Vater, der ihr auf seine Art folgte. An Tante Raelyn, für die ich einfach nicht die Tochter sein konnte, die sie sich wünschte.« Ich griff nach ihrer Hand. »Eine Zeit lang ist mir das gelungen. Ich habe ein neues Leben begonnen. Mit dir habe ich endlich die Familie gefunden, von der ich immer geträumt habe.«

Rose lächelte und ich drückte ihre Hand fester.

»An jenem Morgen auf dem Grundstück der Hexe, als ich meinen ersten Zauber seit Jahren gewebt habe … Ich habe es nicht sofort bemerkt, aber inzwischen weiß ich, dass ich nicht nur die schlechten Erinnerungen in Orkney zurückgelassen habe, sondern auch die guten.

Ich weiß, ich habe oft davon erzählt, wie wütend ich auf meine Mutter bin. Weil ihr das Meer wichtiger war als ihr kleines Mädchen. Doch damals am Strand, Rose … Wenn sie sicher war, dass uns niemand beobachten konnte, brachte sie Muschelschalen dazu, vor uns im Kreis zu tanzen, und färbte durch einen Handstreich und einen gemurmelten Zauber die Federn einer Möwe von weiß zu rosa. Um mich zum Lachen zu bringen. Es lag nichts Arglistiges in ihrer Magie.«

»Und du meinst, der Möwe hat es gefallen, rosafarbene Federn zu besitzen?«

»Es war doch nur für ein paar Augenblicke«, sagte ich und zog mich von ihr zurück. »Vielleicht habe ich es auch schlecht erklärt.«

»Tut mir leid, wenn ich den Finger in die Wunde lege, Mui­reann. Aber es ist längst an der Zeit, dass wir darüber sprechen. Früher sind wir nur mit Messern und Bögen auf Jagd gegangen. Den letzten Mühlenkobold hast du mit einem deiner Sprüche aus seinem Versteck getrieben.«

»Und es hat uns eine Menge Zeit gespart.«

Rose nickte. »Das hat es. Aber es fühlt sich falsch an, die Dinge so zu erledigen, wenn wir eigentlich diejenigen sind, die Monster, Hexen und Dämonen jagen. Wenn wir uns ihre Methoden zu eigen machen …«

»Gegen einen Schutzkreis hast du allerdings ganz und gar nichts«, unterbrach ich sie beleidigt.

Sie ließ den Kopf hängen. »Da hast du wohl recht. Vielleicht sollten wir auf ihn künftig ebenfalls verzichten.« Sie fuhr sich unschlüssig durchs Haar. »Er erschien mir so harmlos.«

»Er ist nicht nur eine Linie aus Salz, wenn es das ist, was du glaubst.« Meine Stimme klang angriffslustiger, als ich es beabsichtigt hatte. »Ohne den richtigen Spruch und den entsprechenden Einsatz von Magie wäre er vollkommen nutzlos.«

»Vielleicht hast du recht. Vielleicht gibt es wirklich Zauberei, die nicht schadet. Aber ich mag es nicht, wenn du einfach so mit der Magie herumexperimentierst.«

»Ich weiß genau, was ich tue.«

»Tust du das?« Mit hochgezogenen Augenbrauen richtete sie ihren Blick auf meine Unterarme.

»Das ist gemein«, sagte ich und zupfte verlegen an den Ärmel­säumen meines Schlafgewands. »Du warst damit einverstanden, dass wir es versuchen.«

»Das war ich. Und es war ein Fehler.«

In diesem Moment war ich so wütend und enttäuscht von ihr, dass ich nicht wusste, was ich darauf antworten sollte. Dabei hätte mich ihre Reaktion eigentlich nicht überraschen dürfen.

Einen Moment später lenkte sie ein. »Vielleicht war es auch kein Fehler, Muir. Ich will mich nicht mit dir streiten. Ich gebe zu, dass uns deine kleinen Zaubertricks in den letzten Wochen oft geholfen haben. Das ändert nichts daran, dass sie mir Angst machen.«

»Angst? Vor mir?«

»Nicht vor dir! Um dich.«

Sie griff wieder nach vorn und zog meine Hände in ihren Schoß. »Denk daran, was Irina gesagt hat, als wir sie das erste Mal um Hilfe gebeten haben: Magie hat immer ihren Preis.«

»Meine Mutter hat jahrelang …«

»Du bist aber keine Selkie.«

Ich wollte meine Hände zurückziehen, Rose ließ jedoch nicht los. Stattdessen sah sie mir tief in die Augen. »Ihr Blut mag in deinen Adern fließen. Trotzdem bist du keine von ihnen. Du bist ein Mensch. Und jeden Zauber, den du sprichst, bezahlst du mit einem Stück deiner selbst.«

Dem konnte ich nichts entgegensetzen. Nicht viele Menschen konnten Magie wirken. Die, die es taten, wurden vor ihrer Zeit alt und welk, bekamen schmerzende Buckel, triefende Nasen und wässrige Augen. Die Magie war das Feuer, das sie nach und nach auffraß. Es war die eigene Lebensenergie, mit der ein Magiewirker für jeden Spruch bezahlte. Oder die Lebensenergie eines anderen. Das taten die verabscheuungswürdigen Kreaturen, die wir jagten. Sie bezahlten ihre faulen Zauber mit fremder Währung. Sie stahlen die Energie anderer. Sie bluteten Kinder aus, um durch fremdes Leben selbst jung und schön zu bleiben. Wie es die Hexe getan hatte, deren Grimoire bei uns in der Dachkammer lag. Wie ich es aber nie, nie, niemals tun würde. Was bedeutete: Wenn ich Magie einsetzte, alterte ich ein winziges Stückchen schneller, als es die Natur vorsah.

»Ich will dich nicht verlieren«, flüsterte Rose kläglich. »Nicht deshalb.«

Und mit diesen Worten verlosch meine Wut.

»Ich wollte dir keine Angst machen.«

Sie zog mich in ihre Arme und ich vergrub meinen Kopf in ihren Haaren. Normalerweise rochen sie nach Kamille und Frühling. Jetzt hing noch der Rauch der verbrannten Mondraute darin.

»Ich will dir doch gar nicht verbieten, dich mit deinem Erbe auseinanderzusetzen.« Sie streichelte mir sanft über den Rücken. »Ich wünschte mir nur, du würdest dich bei der Jagd wieder etwas mehr auf deinen Silberdolch verlassen und etwas weniger auf deine Magie.«

Ich wagte nicht zu antworten, weil ich nicht genau wusste, was ich sagen sollte. Ich wollte Rose nicht anlügen. Einen Moment lang verharrten wir in unserer Umarmung, dann lösten wir uns langsam voneinander.

»Es ist spät, wir sollten versuchen zu schlafen.«

Ich nickte und ließ mich zurück in mein Kissen fallen.

Rose stand noch einmal auf, um das Fenster einen Spalt zu öffnen, damit frische Luft und die Kühle der Nacht in die Dachkammer strömen konnten.

»Was hältst du davon, wenn ich dich wieder im Stabkampf unterrichte?«, fragte sie, während sie unter die Decke schlüpfte.

Ich zog eine Grimasse. »Das lassen wir lieber. Darin war ich nie sonderlich gut.«

Rose kicherte. »Das kann man so nicht sagen. Da musst du dir nur die Narbe ansehen, die ich von unserer letzten Kampfstunde zurückbehalten habe.«

Die sichelförmige Narbe an ihrer linken Schulter verdankte Rose nicht meinem Kampfgeschick. Als ich sie während einer unserer Übungsrunden einen Waldhügel hinunterjagte, war ich auf nassem Laub ausgerutscht und der Länge nach hingefallen. Den Kampfstab hatte ich dabei dummerweise nicht losgelassen und Rose mit der harten Kante seines oberen Endes die Haut auf dem Rücken aufgerissen. Sie musste mit vier Stichen genäht werden. Und es war die einzige ernsthafte Wunde, die ich ihr beim Stockkampf jemals zugefügt hatte.

»Wir können gern morgen gegeneinander antreten, wenn du Lust auf weitere Narben hast.« Spielerisch boxte ich ihr gegen die Schulter. Dabei rutschte mein Hemdsärmel nach hinten. Die blauen Tinten­linien auf meinem Unterarm bewegten sich nun nicht mehr so schnell, schienen jedoch dunkler geworden zu sein. Täuschte ich mich, oder ging ein sanftes Glühen von ihnen aus? Als ich Rose anblickte, erkannte ich, dass sie es auch bemerkte. Ich schluckte. Rose sammelte sich als Erste und zog mir energisch wieder den Stoff über den Arm.

»Morgen gehen wir als Erstes zu Irina«, sagte sie. »Schlaf jetzt, und mach dir keine Sorgen mehr.«

Das war freilich unmöglich.

Trotzdem ließ ich es dabei bewenden und erwiderte nicht mehr als »Gute Nacht«, als sie mir einen Kuss auf die Wange hauchte. Danach beugte sich Rose über mich, um die Kerze auf dem Nachtschränkchen auszublasen, und zog mich fest in ihre Arme. Mein Kopf lag an ihrer Brust und ich konnte ihren schnellen Herzschlag hören.

In dieser Nacht träumte ich das erste Mal von Schnee.

Das Frühstück mit der Ziege

Am nächsten Morgen waren die Tintensymbole immer noch da. Mit einem Seufzen schlüpfte ich in ein violett eingefärbtes Leinenhemd, dessen Ärmel eng anlagen und so meine Unterarme bedeckten. Die roten Bänder versteckte ich so gut wie möglich unter den Bünden. Beim Waschen hatte ich sorgfältig darauf geachtet, sie nicht mit Wasser zu benetzen, auch wenn ich keine Ahnung hatte, ob das wirklich nötig war. Dann gingen Rose und ich nach unten, um ihrer Familie bei der Hofarbeit zu helfen. Normalerweise liefen wir jeden Morgen einige Meilen, um in Form zu bleiben. Bei der Dämonenjagd kam es oft darauf an, schnell zu sein, und ich hatte keine Lust, mich von einem Moorgeist fressen zu lassen, weil ich aus Bequemlichkeit meine Körperertüchtigung einmal zu oft hatte ausfallen lassen.

Weil wir nicht wussten, wie die Symbole auf meinen Armen auf körperliche Anstrengung reagieren würden, beschlossen wir dennoch, heute eine Ausnahme zu machen. Die Arbeit auf dem Gehöft war vermutlich ohnehin ein angemessener Ersatz. Zumindest für Rose, die losging, die Kühe zu melken und dann ihrem Vater und zwei ihrer Brüder zur Hand zu gehen. Ich ging in den Hühnerstall, um die Tiere in die eingezäunte Freifläche auf der Obstwiese zu lassen, ihren Wasser- und Futtertrog aufzufüllen und nach frisch gelegten Eiern zu suchen.

Mit einem Dutzend Eiern kehrte ich ins Haus zurück. Helene stand am großen Tisch in der Wohnküche und schnitt Brot in Scheiben. Hinter ihr auf dem Herd stand eine Kupferkanne, in der sie Wasser erhitzte. In einem weich gepolsterten Schaukelstuhl am Fenster saß Ursula, Eckharts Frau, ihren neugeborenen Sohn an die Brust gedrückt. Sie schien über dem Stillen eingeschlafen zu sein.

Helene drehte den Kopf in meine Richtung, als ich hereinkam, und lächelte mich an. »Guten Morgen. Hast du gut geschlafen?«

Das hatte ich nicht, aber das konnte ich ihr kaum sagen. Also quälte ich mir ein Lächeln ins Gesicht, eilte quer durch den Raum und öffnete die Tür zur kleinen Vorratskammer, wo ich die Eier in einem Weidenkorb verstaute.

Danach ging ich zum Schrank, um erst einige Holzbretter und Besteck hervorzuholen, danach ein Glas von Helenes selbst gemachtem Mus. Die Butter holte ich aus dem Keller, in den man durch eine außerhalb des Hauses angebrachte Luke kam.

Ich war gerade dabei, eine Rübe in Scheiben zu schneiden, als lärmend die Tür aufflog und unter großem Gelächter Rose und ihre Brüder in die Wohnküche stolperten. Lasse, Rose’ jüngster Bruder, hing an ihrem Arm und ließ sich von ihr hinterherschleifen. Er war vor Kurzem zehn geworden, das jüngste Kind von Lennard und Helene, ein Nachzügler.

»Jetzt sag schon, Rosalie«, bettelte er. »Wie habt ihr den Bergtroll besiegt?«

»Nicht so laut!«, herrschte ihn Ursula an, die offenbar doch wach war. »Die Kinder sind noch im Bett. Und das Kleine ist gerade endlich eingeschlafen.«

Die Männer wurden augenblicklich leiser. Rose verdrehte die Augen.

»Schon gut«, sagte sie mit gesenkter Stimme. »Du musst deshalb nicht so einen Aufstand machen.« Sie setzte Lasse auf dem Boden ab und strubbelte ihm durch die Haare. »Ich erzähl’ es dir später, versprochen.«

»Ach nein, erzähl es jetzt. Bitte.«

»Lasse«, mahnte nun auch seine Mutter streng. Mehr musste sie nicht sagen. Gehorsam, wenn auch unzufrieden, fügte er sich in sein Schicksal und schlurfte zur Bank, um sich auf seinen Platz zu setzen.

»Hast du dir auch die Hände gewaschen?« fragte Helene.

»Freilich!«, erklärte er entrüstet, nur um sich eine weitere spitze Bemerkung von Ursula einzufangen. Jetzt verdrehte auch ich die Augen. Es gab schon einen Grund, weshalb Rose und ihr ältester Bruder Björn Ursula nur die Ziege nannten. Wenn sie es nicht hören konnte.

Eckhart, Rose’ mittlerer Bruder, stellte den tönernen Milchkrug ab, den er von draußen mitgebracht hatte, und ging hinüber zu seiner Frau, um ihr einen Kuss auf den Scheitel zu drücken und mit verzückten Augen auf sein Jüngstes hinunterzugucken. Merkte er nicht, was für einen Besen er geheiratet hatte? Vermutlich nicht. Dass ausgerechnet diese beiden eines Tages den Hof von Lennard und Helene übernehmen würden, darüber war ich nicht gerade begeistert. Im Grunde genommen war Eckhart kein schlechter Kerl. Er war nur ein Jahr älter als Rose und stand ihr damit altersmäßig von all ihren Geschwistern am nächsten. Trotzdem war er derjenige, mit dem ich am wenigsten anfangen konnte. Und ihr ging es da genauso.

Als Rose’ Vater Lennard in die Wohnstube kam, setzten wir uns um den großen Esstisch und begannen mit dem Frühstück.

»Was habt ihr beide heute vor?«, fragte Lennard Rose, als wir uns dem Ende der Mahlzeit näherten.

Rose und ich sahen uns über den Tisch hinweg an. Ich saß auf einem der Stühle, neben Helene, damit ich schnell aufstehen und zum Vorratsschrank gehen konnte, wenn etwas fehlte. Rose saß zwischen ihre beiden Brüder eingekeilt auf der Eckbank.

»Wir werden wohl Irina einen Besuch abstatten«, sagte sie schließlich.

Lennard hob die Augenbraue.

»Es haben sich während unserer letzten Aufträge einige Fragen angesammelt, von denen wir hoffen, dass sie die Antwort kennt.«

»Was für Fragen?«, wollte Lasse wissen.

Rose verzog das Gesicht zu einer Grimasse, krümmte ihre Finger zu Krallen und stieß ein Knurren aus. »Das werde ich dir doch nicht auf die Nase binden, argloses Menschenkind.«

Lasse blieb unbeeindruckt. »Hat es mit Hexerei zu tun?«

Ich verschluckte mich fast an einem Bissen Brot und trank schnell etwas Milch, um nicht antworten zu müssen.

»Oder mit Dämonen?« fragte er mit weit aufgerissenen Augen. »Ich will auch auf Dämonenjagd gehen.«

Neben mir erstarrte Helene. Ich konnte mir vorstellen, was in ihrem Kopf vor sich ging. Das Dämonenjagen war eine ehrenhafte, wenn auch sehr gefährliche Angelegenheit. Es genügte ihr sicher, dass sie sich bereits um zwei ihrer Kinder Sorgen machen musste. Björn war schon als junger Kerl Hexenschlächter geworden, und Rose war in seine Fußstapfen getreten. Jetzt fehlte es noch, dass auch Lasse diesen Weg einschlug.

Lennard setzte zu einer Erwiderung an, aber Ursula war schneller. »Du, ein Dämonenjäger? Letzte Woche hast du dich noch vor einer Ratte im Keller gefürchtet.«

»Gar nicht wahr!«

»Ursula«, mahnte Eckhart seine Frau sanft.

»Diesen Sommer werden jedenfalls keine Dämonen gejagt, mein Lieber«, mischte sich Lennard ein. »Diesen Sommer wirst du mir auf den Feldern helfen. Bis zur Ernte ist es nicht mehr lang.«

»Wusstest du, dass es im Zarenreich einen Korngeist gibt, der den Bauern auf den Feldern auflauert?«, fragte Rose scheinheilig. Lasse riss die Augen auf und hing an ihren Lippen.

»Es ist ein weiblicher Geist. Man nennt ihn die Mittagsfrau. Sie trägt eine riesige Sense bei sich. Wenn die Mittagshitze am größten ist …«

»Rosalie.« Helene trommelte bedeutungsschwanger mit ihrem Zeigefinger auf den Tisch.

»Es ist wahr.«

Lasse ließ sich nicht einschüchtern. »Was passiert, wenn die Mittagshitze am größten ist?«

»Eckhart«, drängte die Ziege.

Eckhart räusperte sich. »Musst du deine Gruselgeschichten hier am Frühstückstisch erzählen, Rosalie?«

Ich sah, wie sich Rose’ Miene wütend verzog und sie zu einer Antwort ansetzte, aber Lennard war schneller. »Dein Bruder hat recht, Lockenköpfchen. Heb dir deine Geschichten für später auf.«

»Es ist keine Geschichte«, schmollte Rose.

»Wir müssen ohnehin gleich gehen.« Ich wandte mich zu Helene um. »Wir lassen dich ungern mit der ganzen Arbeit allein, nur sollten wir früh zu Irina aufbrechen. Wir wissen nicht, was sie heute geplant hat.«

Helene lächelte warm und legte ihre Hand auf meine. »Mach dir darüber keine Gedanken. Mit dem bisschen Geschirr komme ich schon zurecht. Und Lasse wird mir helfen. Nicht wahr?«

»Ja, Mama«, sagte dieser schicksalsergeben und biss in sein Brot. Pflaumenmus färbte die Winkel seines Mundes dunkel.

Ich schob meinen Stuhl zurück und stand auf. Rose steckte sich schnell einen letzten Bissen Käse in den Mund, ehe sie sich über ihrem Holzbrett die Krümel von den Händen rieb und ebenfalls aufstand.

»Zeit zum Aufbruch.«

»Schade, dass Björn noch nicht zurück ist. Ich bin mir sicher, er hätte euch gern zu Irina begleitet.« Helenes Mundwinkel zogen sich in der Andeutung eines Lächelns nach oben.

»Björn?«, fragte Rose misstrauisch.

»In den letzten Wochen hat er sie das eine oder andere Mal besucht«, sagte Helene schlicht und widmete sich wieder ihrer Mahlzeit. Rose blieb überrascht im Türrahmen stehen und sah sie verwundert an. Als ihre Mutter jedoch nichts weiter hinzufügte, zuckte sie mit den Schultern und öffnete mir die Tür, die zur Treppenstiege nach oben führte. Wenn wir uns auf den Weg zu Irina machten, durften wir das Grimoire nicht vergessen.

Die Mühlenhexe

Irina lebte in einer stillgelegten Mühle, eine halbe Wegstunde vom Dorf entfernt. Rose und ich gingen den schmalen Pfad am Rand des Waldes entlang, der sich hinter den Feldern fächerartig über die Landschaft ausbreitete. Obwohl es so früh am Morgen war, trieb uns die Hitze den Schweiß auf die Stirn. Deshalb bewegten wir uns eng im Schatten der hohen Fichten, deren harziges Aroma schwer in der Luft hing. Das Buch steckte gut verborgen in Rose’ Schulterbeutel. Ihren Kampfstab aus Eschenholz benutzte sie wie einen Wanderstock. Wenn man einmal von meinem Silberdolch absah, war ich unbewaffnet. Über meiner Schulter hing eine ausgebeulte Leinentasche, in der sich ein halbes Dutzend Hühnereier befanden. Helene hatte sie uns überlassen, damit wir nicht mit leeren Händen an Irinas Tür erscheinen mussten. Ich hatte die Zauberin vor vier Jahren kennengelernt, als Rose sie mit mir aufgesucht hatte, damit sie uns im Kampf gegen einen Schwarzalben beistand. Damals hatten wir uns an sie gewandt, weil uns keine andere Wahl geblieben war. Während ich eine Blindschleiche dabei beobachtete, wie sie vor mir über den Weg schlängelte und dann im hohen Weidegras verschwand, wurde mir bewusst, dass die Situation heute ganz ähnlich war.

Irina war kurz nach mir ins Dorf gekommen. Ursprünglich hatte sie nicht länger als einen Winter bleiben wollen. Inzwischen war die alte, verlassene Mühle, in die sie damals gezogen war, ihr Zuhause. Die Dorfbewohner hatten sie aufgrund ihrer Fremdartigkeit anfangs scharf beobachtet. Sie jedoch scherte sich nicht um die Meinung von Menschen, die zwar hinter ihrem Rücken über sie lästerten, aber dennoch zu ihr kamen, wenn die Not groß war. Sie flehten sie um Heiltränke an oder um Beistand bei einer schwierigen Geburt. Und Irina half, wo sie konnte.

Sie blieb eine Einzelgängerin. Wie ich hatte sie ihr altes Leben hinter sich gelassen und hier ein neues begonnen. Vielleicht war das der Grund, weshalb ich sie ein Stück weit in mein Herz gelassen hatte. Anders als Rose, die ihr nur mit äußerster Vorsicht begegnete. Hexe bleibt Hexe, und wenn sie sich hundert Mal Zauberin nennt, hatte sie einmal gesagt. Ob sie das Gleiche jetzt auch von mir dachte?

»Fandest du es eigentlich auch seltsam, was deine Mutter vorhin gesagt hat?«, fragte ich, um meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. »Dass es schade ist, dass Björn uns nicht begleiten kann.«

Rose zuckte nur mit den Schultern.

»Es klang ein bisschen so, als wolle sie die beiden verkuppeln«, fuhr ich fort.

»Unsinn!«

Ich unterdrückte ein Grinsen. »Sie sagte, Björn habe Irina in letzter Zeit mehrfach besucht.«

»Freilich.« Rose reichte mir den Eschenstab, damit sie sich den Pferdeschwanz neu binden konnte. »Vermutlich hat er mehr von ihrem ekligen Trank gebraucht.« Ihr Gesicht hellte sich auf. »Oder sie arbeiten an einer Möglichkeit, den Zauber endgültig zu brechen.«

»Meinst du nicht, davon hätten uns deine Eltern erzählt?«

Rose schürzte die Lippen und nahm den Kampfstab wieder an sich. »Wenn es so ist, hat Björn ihnen sicher nichts davon gesagt. Er will ihnen keine falschen Hoffnungen machen.«

Seite an Seite stapften wir weiter über den Waldweg. Ich glaubte nicht, dass Rose recht hatte, hielt es jedoch auch für keine gute Idee, ihr jetzt, kurz vor unserem Besuch bei Irina, zu widersprechen.

Die alte Mühle lag in einer Senke am Waldrand. Der Trampelpfad, dem wir folgten, führte direkt an ihr vorbei. Auf der anderen Seite des Gebäudes, dort wo das stillgelegte Mühlrad hing, plätscherte fröhlich ein Bachlauf über moosbewachsene Steine. Die Mühle hob sich wie eine kunterbunte Oase vor dem Grün des Hintergrunds ab. Tausend Farben explodierten rund um das aus Stein und dunklem Holz errichteten Gebäude: Korn- und Ringelblumen, Holunder und Schafgarbe, tiefrote Rosen, dunkelblaue Schwertlilien und rosa­farbenes Springkraut wetteiferten miteinander um die Vorherrschaft in dem prächtigen Garten, den Irina hegte und pflegte. Ein kleines Fleckchen, das wusste ich, war allein den Heilkräutern vorbehalten. Der größte Teil des Gartens jedoch war ein wildes Durcheinander aus den unterschiedlichsten Blumen, Obststräuchern, Gemüsebeetchen und Giftpflanzen. Kürbisse wuchsen neben Sonnenblumen, Brombeerbüsche neben Feldsalat und unweit der Erdbeeren erhoben sich die langen Stauden des Blutschierlings. Selbst die schmalen Kästen vor den Fenstern der Mühle hatte Irina bunt angestrichen, mit Erde befüllt und dann wild bepflanzt. Vom überdachten Absatz der Außentreppe im ersten Stock ergoss sich Goldregen ein halbes Stockwerk nach unten. Seine kräftige Farbe leuchtete üppig vor der dunklen Holzverkleidung.

Der Anblick war atemberaubend. Vor allem, wenn man wusste, wie die Mühle noch vor wenigen Jahren ausgesehen hatte. Halb verfallen war sie damals ein schwarzer Verschlag gewesen, der selbst im strahlendsten Sonnenschein traurig und unheimlich ausgesehen und eine böse Aura ausgestrahlt hatte. Bei meiner Ankunft im Dorf war die Mühle bereits seit Generationen als Spukhaus verschrien. Jahrzehntelang hatte niemand mehr darin gewohnt. Gerüchte gingen, dass etwas Schreckliches hinter diesen Mauern geschehen war. So recht erinnerte sich aber niemand mehr daran, was wirklich vorge­fallen war. Von Mord und Totschlag war die Rede, eine Zeit lang befand sich die Mühle in Räuberhand. All das Schlechte, was hinter ihren Wänden geschehen war, hatte das Gemäuer selbst verdorben und zu etwas Bösem gemacht.

Niemand war gern hier vorbeigegangen, und so mancher Krämer und Wanderer hatte einen beträchtlichen Umweg in Kauf genommen, nur um nicht auf seinem Weg das seltsame Gebäude zu passieren. Rose hatte mir erzählt, dass die Dorfkinder früher Mutproben abgeschlossen hatten, wer sich näher daran herantraute. Vielleicht hatten die Dorfbewohner auch begonnen, Irina zu akzeptieren, weil sich mit ihrer Anwesenheit die Atmosphäre der Mühle völlig veränderte.

»Dann mal los.« Rose packte ihren Eschenstab, als würde sie in den Kampf ziehen, und trat vom Weg auf den Hof. Grinsend folge ich ihr in das Blumenmeer. In den Rabatten zu meiner Rechten hörte ich Insekten summen, und als wir am Wacholder vorbeikamen, sprang uns eine schwarz-weiß gefleckte Katze in den Weg und blickte uns fragend an. Wo Irina weilte, waren Tiere nicht weit.

»Es ist schön hier geworden, nicht wahr?« Behutsam fuhr ich mit meinen Fingerkuppen über die Blätter. Rose brummte nur. Ich schob mich an ihr vorbei und klopfte an die Tür. Irina war vermutlich eher geneigt, uns zu helfen, wenn ein freundliches Gesicht sie zuerst begrüßte. Außerdem waren die Tintenlinien im Grunde genommen mein Problem.

Irina öffnete nach meinem zweiten Klopfen. Sie hatte ihr schwarzes Haar in zahlreiche kleine Zöpfe geflochten und am Hinterkopf zu einem kunstvollen Knoten hochgesteckt. Es musste Stunden gedauert haben, sich so zu frisieren. Es sah wunderschön aus. Ich hatte so etwas noch nie gesehen.

Als sie erkannte, wer vor der Tür stand, lächelte sie. »Guten Morgen.«

Eine Bachstelze kam über den Hof geflattert und ließ sich auf ihrer Schulter nieder. Sie grub ihre Krallen in den Stoff von Irinas Hemd und schmiegte sich an sie. Die hob den Finger und streichelte sanft die helle Vogelbrust, ließ uns dabei jedoch keine Sekunde aus den Augen. »Na, kommt rein, ihr beide«, sagte sie dann.

Sie drehte sich um und verschwand im Haus, ohne sich zu versichern, dass wir ihr folgten. Über meine Schulter hinweg warf ich Rose einen Blick zu. Die aber zuckte nur mit den Schultern, und so betrat ich die alte Mühle.

Der Flur war schmal und dämmerig. Das dunkle Holz der Wandpaneele ließ ihn finster wirken. Daran konnten auch die Blumenkübel nichts ändern, die überall herumstanden. Ich hatte noch nie gesehen, dass man Efeu auch an einer Wand im Haus hochklettern ließ. So war Irina eben: eigen, wenn es um Pflanzen ging. Und um Tiere. Eine kleine Meise schmetterte uns ein fröhliches Lied entgegen. Sie saß auf einer abgestorbenen Baumwurzel, in die ein gnomenhaftes Gesicht geschnitzt war und die Irina an einer Stelle der Wand befestigt hatte, die noch nicht vom Efeu verschlungen worden war. Über den Boden vor uns flitzten im Zickzack zwei Eichhörnchen. Und durch die Geländerstreben einer Treppe, die steil nach oben führte, steckte ein Fuchs sein spitzes Gesicht. Er beobachtete uns wachsam und schien sich für die anderen Tiere überhaupt nicht zu interessieren.

»Passt auf bei der Treppe«, rief Irina uns zu, während sie vom Flur in eines der hinteren Zimmer abbog. »Den schwarzen Fleck dort habe ich immer noch nicht wegbekommen. Normalerweise ist er nur gefährlich, wenn man in den ersten Stock hinaufwill. Aber wenn Gäste im Haus sind, ist er unberechenbar.«

Unbehaglich warf ich einen Blick nach rechts. Das Zwielicht am Fuß der Treppe schien noch eine Spur düsterer zu sein als im restlichen Flur und irgendwie … kälter. Die Stelle löste widerstreitende Gefühle in mir aus: Beunruhigung, aber auch eine seltsame Faszination. Wie ein grauenhaftes Gemälde, von dem man einfach nicht den Blick abwenden konnte. Mein Herz begann zu klopfen und ich hatte das Gefühl, die Tintenflecken auf meinen Unterarmen herum­krabbeln zu spüren.

Rose schloss zu mir auf und legte mir die Hand auf die Schulter. Ob sie mich damit beruhigen wollte oder eher sich selbst, wusste ich nicht. Ihr ganzer Körper war angespannt.

»Komm«, stieß sie gepresst hervor und schob mich weiter.

Erleichtert atmete ich auf. Ich wusste selbst nicht weshalb, und schritt durch einen Türbogen in einen großen, lichten Raum, dessen hintere Fensterfront vom Fußboden bis zur Decke aus trübem Glas bestand. So dunkel es im Flur gewesen war, so hell war es hier.

Irina ging zu einem mächtigen Eichenholztisch in der Mitte des Raums. Darauf standen nicht nur allerlei Pflanzen, sondern auch Korbschalen, Tongefäße und Glasfläschchen. Vor Irina lagen ein hölzernes Schneidebrett und ein kleines Messer. Sie ergriff Mörser und Stößel. Hexenküche, schoss es mir durch den Kopf. Doch der Raum war so ganz anders als die unterirdische Gift- und Folterkammer der letzten Hexe, deren Haus wir betreten hatten. Wo uns das Grimoire in die Hände gefallen war. Das Kellerverlies jener Hexe hatte nach Blut, Angst und Tränen gestunken. Dieser Raum roch nach Frühling, Freundlichkeit und Leben.

»Wenn ihr Durst habt: Auf der Anrichte dort hinten steht ein Krug mit verdünntem Apfelsaft. Entschuldigt bitte, dass ich euch nicht selbst einschenke. Morgen ist Markttag und es gibt noch viel zu tun.«

Rose griff demonstrativ nach ihrer Wasserflasche am Gürtel und trank einen tiefen Schluck. Innerlich verdrehte ich die Augen, beschloss allerdings, keinesfalls auf das Thema einzugehen.

»Die Mühle ist unglaublich!«, platzte es stattdessen aus mir heraus.

Irina blickte auf und lächelte mich herzlich an. »Danke.« Sie deutete mit dem Kinn auf die Bank, die auf der anderen Seite des Tisches stand. »Setzt euch.«

Rose setzte zu einer Erwiderung an, aber ehe sie ablehnen konnte, zog ich sie mit mir zur Bank und ließ mich darauf nieder. Unsere Gastgeberin nahm auf einem Holzstuhl Platz, legte jedoch Mörser und Stößel nicht aus der Hand.

»Wie hast du das so schnell geschafft?«, fragte ich neugierig.

Irina grinste mich spitzbübisch an. »Magie.«

Mir wurde gleichzeitig heiß und kalt.

»Was führt euch zu mir?« Irina zupfte ein paar Blätter von einer Pflanze ab, um sie in den Mörser zu geben.

»Ich dachte, das wüsstest du. Hast du uns nicht erwartet?« Rose’ forscher Ton trieb mir die Röte ins Gesicht. Möglichst unauffällig trat ich ihr unter dem Tisch auf den Fuß.

Irina lachte nur. Der Bachstelze, die bis dahin auf ihrer Schulter gesessen hatte, wurde es offenbar zu unruhig auf ihrem Platz. Sie flog nach oben ins Gebälk, um sich dort niederzulassen. »Ich sehe, du hast immer noch deine Dornen. Warum kommst du zu mir, wenn du mir nicht traust?«

Ehe Rose antworten konnte, trat ich mit dem Fuß noch einmal zu. Fester diesmal.

»Sei uns nicht böse«, sagte ich schnell.

»Das bin ich nicht.«

Einen Augenblick lang schwiegen wir. Dann stellte Irina klappernd den Mörser beiseite und stand auf, um uns Apfelsaft einzuschenken.

Als sie uns die Getränke demonstrativ vor die Nase stellte, blitzten ihre Augen. »Ich weiß, dass du nicht aus reiner Höflichkeit auf einen Nachbarschaftsbesuch gekommen bist, Rosalie Lennards­tochter. Also: Was willst du?«

»Sie ist mit mir gekommen, weil ich sie darum gebeten habe. Ich bin es, die deine Hilfe braucht.« Ehe sie etwas erwidern konnte, nestelte ich an dem Hornknopf an meinem Ärmelbund herum und schob dann den Stoff nach oben, um den Unterarm freizulegen.

Als sie die Zeichen erblickte, finsterblau auf meiner schneeweißen Haut, sog Irina scharf die Luft ein. »Was ist das?!«

»Wir hatten gehofft, dass du uns das sagen könntest.« Rose’ Stimme klang nun nicht mehr angriffslustig.

»Sie sind von einem Zauberbuch«, sagte ich niedergeschlagen. »Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.«

Irina kam um den Tisch herum und setzte sich neben mich auf die Bank.

»Was für ein Zauberbuch?«

»Ein Grimoire.«

»Ich hab es dabei.« Rose ließ ihren Lederbeutel von der Schulter gleiten. Irina nahm meine Hand in ihre und beugte sich nah zu meinem Unterarm herunter. Die Symbole und Schlangenlinien führten wilde Tänze auf.

»Sind sie nur dort?«

Ich schüttelte den Kopf. »Auch auf dem anderen Unterarm.«

»Darf ich?«

Irina wartete meine Antwort nicht ab und schob auch den anderen Ärmel nach oben. In ihrer Miene spiegelte sich eine Mischung aus Faszination und Entsetzen, als sie eine Tintenspinne dabei beobachtete, wie sie sich zwischen zwei zackigen Runen hindurchquetschte und dann auf der Rückseite meines Arms verschwand.

»Hast du das gemacht?« Irina deutete auf die Bänder, die ich immer noch um meine Oberarme und Handgelenke gebunden trug.

»Rose hat mir geholfen.«

»Salbei und Rosenwasser?«

Ich nickte. »Und Minze.«

»Kluges Mädchen.« Sie umschloss meine Hände fest mit den ihren. »Ich will dich nicht anlügen, Muireann. Das, was ich sehe … das sind keine harmlosen Symbole auf deinen Armen. Das ist Hexenwerk.«

Ich schluckte.

»Hier ist das Buch.« Rose klang ungewohnt leise, als sie das Grimoire vorsichtig auf den Tisch legte. Irina streckte den Arm aus, um es zu sich zu ziehen, aber sobald sie das bronzebeschlagene Leder berührte, zuckten ihre Finger zurück, als hätte sie sich verbrannt. Ihre Hände ballte sie zu Fäusten.

»Wo habt ihr das her?«, fragte sie scharf und ich konnte sehen, wie sich ihr Brustkorb schneller hob und senkte als gewöhnlich.

»Aus dem Keller einer Hexe«, sagte ich. »Es ist eine längere Geschichte.«

Irina verschränkte die Arme. »Wenn ich euch helfen soll, muss ich alles wissen.«

Also erzählten Rose und ich ihr abwechselnd die ganze schreckliche Geschichte.

Pflanzenmagie

Vor ein paar Monden haben wir den Auftrag angenommen, eine Hexe aufzuspüren und zur Strecke zu bringen. Genauer gesagt, ihren Geist«, begann Rose.

Irina runzelte die Stirn. »Ihren Geist?«

Ich schob den Stoff meines Hemdes wieder über meine Unterarme. »Zumindest dachten wir das. Wie sich herausstellte, war die Hexe gar nicht tot.«

»Die Dorfbewohner, die uns um Hilfe baten, nahmen das an, weil eines ihrer Opfer, ein Mädchen, ihr entkommen war und behauptet hatte, die Hexe in ihrem eigenen Backofen verbrannt zu haben.«

»Eine Lüge. Margarete konnte die Hexe zwar in deren eigenen Ofen stoßen. Der Hexe gelang es jedoch im letzten Moment, mit Margarete den Körper zu tauschen.« Plötzlich glaubte ich das Fauchen von Flammen zu hören. Einen Moment lang war ich wieder im Backofen der Hexe, zurückversetzt in eine meiner Visionen, in denen ich Margaretes Schicksal teilte. Die Luft um mich herum brannte. Es war fast unmöglich, sie in meine Lunge zu saugen. Mein Haar kräuselte sich in der Hitze, begann zu stinken, und das Eisen unter meinen Händen und Knien versengte mir die Haut. Ich musste mich zwingen, die Augen zu schließen und mir begreiflich zu machen, dass das nicht meine Erinnerungen waren, die mich quälten. Ich atmete langsam ein und aus, die Luft war warm, nicht heiß, und sie duftete nach Blüten und Blattwerk. Mein Herzschlag beruhigte sich, ich blinzelte und befand mich wieder in der lichtdurchfluteten Kräuterkammer.

Irina sah mich beunruhigt an.

»Alles gut«, log ich. »Ich war nur einen Moment … Es war nicht der Geist der Hexe, der im Wald spukte und den Bewohnern der umliegenden Dörfer Angst und Schrecken einjagte. Es waren die Geister der Opfer.«

»Eine von dieser Sorte also.«

»Ihre Opfer: Es waren alles Kinder.«

Irina nickte grimmig. »Das ergibt Sinn.«

Rose und ich starrten sie ungläubig an.

»Was ergibt daran Sinn?«, brach es aus mir heraus. »Sie hat sie in ihre Fänge gelockt und dann in ihrem Keller auf einer Art Stein­altar … Sie hat die Kinder nicht einfach nur getötet, sie hat sie geschlachtet! Wie Vieh. Sie hat sie ausbluten lassen. Sie hat sie zu Pasteten verarbeitet und …« Ich musste würgen.

Irina schüttelte schnell den Kopf. »So meinte ich das nicht. Bitte entschuldigt. Das Blut von Kindern verleiht ihr viel mehr Macht. Die Kraft im Blut von Menschen, die die Schwelle zum Erwachsenenalter überschritten haben, verbraucht sich schnell und nährt Magie kaum. Kinder hingegen – sie haben noch ihr ganzes Leben vor sich.«

»Das ist krank«, sagte Rose angeekelt.

Ich musterte Irina. Wie alt war sie eigentlich? Bis auf ein paar Lachfältchen um die Augen sah ihre Haut glatt und rein aus. Verdankte sie das dem Erbe ihres Vaters? Oder hatte auch sie bereits andere für das Wirken ihrer Zauber bluten lassen?

Das war das Problem, wenn man Hexen jagte. Man konnte sie äußerlich nicht erkennen. Die Schauergeschichten, die man Kindern erzählte, handelten von buckligen alten Frauen mit hervorspringendem Kinn und Warzen auf der Nase. Und tatsächlich sahen einige Hexen auch so aus. Das waren traurigerweise jene, die ihre Zauber nicht mit der Energie anderer, sondern mit der eigenen bezahlten. Gefährlich waren die, die jung und schön aussahen, ganz so, als ob sie kein Wässerchen trüben könnten.

Wie Irina.

Nein. Irina war anders. Es durfte nicht sein, dass …

»Wie habt ihr das alles überhaupt erfahren?«

»Von Margarete.«

»Das Mädchen, das anstelle der Hexe verbrannt ist?«

Ich nickte. »Sie … Auf der Waldlichtung, im Haus der Hexe. Ich bekam Visionen, wenn ich bestimmte Gegenstände berührt habe. Als würde ich durch Margaretes Augen sehen.«

»Ist das schon öfter passiert?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich glaube, es hat mit meinem Selkieblut zu tun.«

Irina schürzte die Lippen und nickte.

»Hast du gewusst, dass Muireann eine Magische ist?«, fragte Rose angriffslustig. Ich hielt den Atem an. Aber Irina schüttelte den Kopf.

»Nein. Ich habe gespürt, dass etwas an ihr anders ist.« Sie sah mich direkt an. »Ich dachte, das läge daran, dass sie aus dem Norden stammt. Albion und die Inseln sind von Magie durchdrungen. Sie klebt an allen, die von dort kommen, egal ob sie Zauber wirken können oder nicht.«

Nicht in allen Teilen der Welt wurden Hexen verfolgt. Der Zar im Osten hielt seine schützende Hand über sie – oder sie über ihn, je nachdem, wie man das sehen wollte. In Albion saß sogar eine Hexe auf dem Thron. Stolz trug Morgan den Beinahmen Hexenkönigin. Man sollte meinen, dass ich aufgrund der Tatsache, von dort zu stammen, schon immer eine freundlichere Gesinnung zur Zauberkunst gehabt hätte. Orkney, wo ich zur Welt gekommen war, lag jedoch so weit von Morgans Herrschersitz Camelot entfernt, dass die Menschen dort nach ganz anderen Sitten und Gebräuchen lebten.

»Und dort im Wald habt ihr dieses Buch gefunden?«

»Im Keller der Hexe«, sagte Rose.

Irina stand auf und ging wieder um den Tisch herum, den Blick nicht vom Buch nehmend. »Warum sie es wohl zurückgelassen hat?«

»Die Geister haben sie vertrieben.« Eine Spur Genugtuung stahl sich in meine Stimme. »Die Geister ihrer Opfer. Die Kinder. Sie haben uns geholfen, Margaretes gefangenen Geist zu befreien und sie mit ins Jenseits zu nehmen.«

»Dort spukt es jetzt nicht mehr.« Auch Rose klang stolz.

Irina schüttelte ungläubig den Kopf. »Ihr beide müsst mehr Glück als Verstand gehabt haben. Dass ihr überhaupt in Betracht gezogen habt, euch mit einer untoten Hexe anzulegen.«

Rose reckte entschlossen das Kinn nach vorn. »Was hätten wir denn tun sollen? Die Menschen, die uns um Hilfe gebeten haben, im Stich lassen?«

»Ihr hättet die Hexenschlächter rufen können.«

»Was hätte das genutzt? Sie wären nicht gekommen.«

Das hatten uns die Dorfbewohner damals erzählt. Hexen­schlächter nannten sich jene Dämonenjäger, die im Dienst der Krone standen und im Auftrag der Könige durch die Lande zogen, um Trolle, Alben und Werwesen zur Strecke zu bringen. Auch Rose und ich hatten einmal darüber nachgedacht, uns ihnen anzuschließen. Heute war ich froh, dass wir das nicht getan hatten. Wir waren frei, dorthin zu gehen, wohin es uns trieb, und die Aufträge anzunehmen, die wir wollten. Seit über vier Jahren taten wir das bereits und ich liebte unser Leben. Als Hexenschlächter wären wir nicht so frei gewesen.

»Es war leichtsinnig, den Auftrag nur zu zweit anzunehmen«, schalt uns Irina dennoch. »Stellt euch vor, es wäre wirklich der Geist der Hexe gewesen, mit dem ihr es zu tun bekommen hättet.«

Ich schluckte, Rose rollte mit den Augen. »Es ist doch alles gut gegangen, oder etwa nicht?«

Irina warf einen bedeutungsschwangeren Blick auf meine Unterarme und ich fühlte mich ertappt wie ein kleines Kind beim Stehlen einer Süßigkeit.

»Das ist böse Magie, auf die ihr euch eingelassen habt. Rabenschwarze.« Sie seufzte und griff wieder nach Mörser und Stößel, um das Blattgemisch, das sich darin befand, zu einem klebrigen Brei zu verarbeiten. »Und sie ist mächtig. Weit mächtiger als ich.«

»Das heißt, du kannst uns nicht helfen?«, fragte ich leise.

»Oder willst es nicht?!«, setzte Rose hinzu.

Irina begann, an ihrem Ohr herumzuzupfen. »Das habe ich nicht gesagt.« Sie sah uns an. »Es gibt nur nicht sonderlich viel, was ich tun kann.«

Rose stellte sich hinter mich und nahm mich in die Arme.

»Was immer es ist«, sagte sie versöhnlich. »Wir wären dir dafür dankbar.«

Irina holte tief Luft, nickte einmal und sah uns mit einem schwachen Lächeln an. »Also gut. Ich denke, ich kann dir zumindest dabei helfen, dass du diese roten Bänder nicht mehr brauchst.«

Die nächste halbe Stunde verbrachten Rose und ich damit, durch den Garten vor der Mühle zu spazieren, während Irina sich in ihrer Hexenküche einschloss, um an einem Zauber zu arbeiten. Sie kam nur einmal kurz heraus, um eine weiße Fingerhutblüte zu pflücken.

»Das ist eine Giftpflanze«, protestierte Rose.

Irina erstarrte in der Bewegung. »Wenn es um Riesen, Trolle oder Wassermänner geht, magst du die Kundige sein. Bei dem hier«, sie hielt den Blütenkelch hoch in die Luft, »müsst ihr mir schon vertrauen, oder wir lassen es. Eure Entscheidung.«

»Danke, Irina«, antwortete ich. »Ich weiß zu schätzen, dass du mir hilfst.«

Als sie nach drinnen verschwunden war, wandte ich mich an Rose. »Musst du sie zusätzlich reizen? Du siehst doch, was sie aus der Mühle gemacht hat. Fällt es dir da so schwer zu glauben, dass sie eine der Guten ist?«

»Sie ist trotzdem noch eine Hexe.«

Ich verdrehte die Augen. »Dein Bruder vertraut ihr. Und deine Mutter auch.«

»Wir werden sehen«, sagte sie grimmig. Dann ging sie in die Hocke und streichelte eine kleine Katze, die unter einer Brombeer­hecke hervorgekrochen war und sich an ihrem Bein rieb.

Das Ritual

Eine halbe Stunde später saß ich auf einem aufwendig gedrechselten Stuhl in der Hexenküche und ließ zu, dass mir Irina eine glitzernde türkisfarbene Paste auf den Arm pinselte. Obwohl ich selbst mit Pflanzen gut vertraut war, konnte ich nicht herausriechen, aus welchen Bestandteilen das Gemisch genau bestand. Es roch erdig und schwer wie ein Acker nach einem Regenguss.

Rose stand hinter dem Stuhl und ließ uns keinen Moment aus den Augen. Irina nahm sich Zeit, meine Unterarme mit der Paste zu bestreichen. Sie benutzte dazu ein großes Efeublatt. Ob der Grund dafür war, dass sie nicht mit ihrem selbst gebrauten Mittel in Berührung kommen wollte oder aber mit den Symbolen auf meinen Armen, wusste ich nicht. Obwohl sie so stark glitzerte, wurde die Paste durchsichtig wie Wasser, sobald sie mich berührte. Fast augenblicklich sog meine Haut sie auf.

Fasziniert beobachtete ich, wie die Bewegungen der Tinten­symbole langsamer wurden und schließlich erstarrten. Jetzt schienen sie nur noch seltsame Tätowierungen zu sein. Waren sie sogar ein bisschen blasser geworden?

Erleichtert stieß ich die Luft aus – ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich sie angehalten hatte.

»Danke.« Rose drückte Irina tatsächlich kurz am Oberarm. Die zog eine Augenbraue hoch, lächelte jedoch.

»Das sollte eine Weile halten. Du kannst die Bänder abnehmen.« Sie drehte sich um und ging zu ihrem Arbeitstisch zurück, der jetzt über und über mit Pflanzenresten bestreut war. »Dass du rote genommen hast, war eine gute Idee.«

Ich grinste, während Rose damit begann, Knoten um Knoten zu lösen.

»Ich dachte mir, was gegen Kreaturen aus der Anderswelt hilft, kann bei einem Hexenfluch nicht verkehrt sein.«

Mit einem Glasfläschchen in der Hand kam Irina zu uns zurück. Es war nicht größer als mein kleiner Finger und mit einem Korken verschlossen. »Hör mir bitte gut zu. Ich mag dich, und deshalb sage ich dir: Mit Magie spielt man nicht.«

Rose, die gerade das letzte Band von meinem Unterarm löste, richtete sich triumphierend auf. »Da sind wir doch tatsächlich einmal einer Meinung.«

Irina ignorierte sie. »Manchmal ist Wissen gefährlich. Aber meistens ist es gefährlicher, nichts zu wissen und trotzdem mit Dingen herumzuexperimentieren. Das war ein mächtiger Fluch, der auf dem Grimoire dieser Hexe lag, und du hast ihn mit deinem Zauber entfesselt. Ich weiß nicht, was geschehen wäre, wenn du die Zeichen nicht rechtzeitig gebannt hättest. Ich fürchte, es wäre schlimm für dich ausgegangen. Vielleicht für euch beide.«

Ich senkte betreten den Kopf. »Dann war es doch richtig, den Schutzzauber zu wirken.«

»Ja und nein. Am besten wäre gewesen, du hättest dich dem Buch gar nicht erst genähert. Offensichtlich möchte seine Besitzerin nicht, dass es in falsche Hände gerät. Hier.« Sie drückte mir das Glasfläschchen in die Hand. »Nimm davon jede Nacht vor dem Einschlafen drei Tropfen. Du kannst sie in Wasser auflösen, aber besser ist es, wenn du sie direkt auf die Zunge träufelst.«

Fasziniert betrachtete ich den türkisfarbenen Inhalt des Fläschchens. Es glitzerte wie die Paste, die Irina auf meinen Arm gestrichen hatte, war aber flüssig.

»Was ist das?«

»Du willst lernen, gut. Das ist jedoch nichts, was ich dir in ein paar Stunden beibringen kann.«

Ich spürte, wie Rose’ Griff um meine Schultern fester wurde. Irina bemerkte das offenbar auch. »Das ist etwas, was dir Zeit erkauft. Vielleicht einen Mondzyklus lang, vielleicht etwas weniger. Heilen kann ich dich nicht. Du musst woanders Hilfe suchen. Doch dazu kommen wir später.« Sie richtete sich an Rose. »Wie sehr liebst du deine Freundin?«

»Was ist das für eine Frage?«

»Eine ernst gemeinte.« Sie fixierte Rose regelrecht mit ihrem Blick. »Es gibt eine Möglichkeit, wie du Muireann helfen kannst. Dafür brauche ich dein Blut.«

Rose schluckte.

Ich konnte mir denken, was in ihr vorging.

»Wenn du sie wirklich liebst«, sagte Irina unbarmherzig, »kannst du den Zauber stärker machen.« Sie deutete auf das Glasfläschchen in meiner Hand. »Wir müssen nur ein, zwei Tropfen deines Blutes mit hinzugeben.«

Nach einem Augenblick nickte Rose. »Na gut.«

»Rose, nicht!«, bat ich, während Irina die Schublade der Anrichte öffnete und eine lange, spitze Nadel hervorholte. Mit einer Hand­bewegung entzündete sie den Docht einer Kerze, die auf der Anrichte stand, und hielt die Spitze der Nadel in die Flamme.

»Ihr müsst keine Angst haben«, sagte sie. »Das ist keine schwarze Magie. Im Gegenteil. Die Macht, die die Wirksamkeit des Trankes stärken wird, kommt von hier.« Sie legte eine Hand auf ihre Brust und lächelte uns an. »Hat deine Familie immer noch Schwierigkeiten damit, dass du dich in eine Frau verliebt hast?«

Rose zuckte mit den Schultern. »Eigentlich haben sie sich ganz gut daran gewöhnt.«

»Sehr gut sogar«, bekräftigte ich und griff nach ihrer Hand. Ich fühlte mich bei ihr zu Hause mehr willkommen, als das es jemals im Haus meiner Tante der Fall gewesen war.

»Bis auf meinen Bruder und seine Frau«, ergänzte Rose.

»Die Ziege …«, sagte Irina und verdrehte die Augen.

Ich blickte sie überrascht an. »Wer hat dir verraten, dass wir sie so nennen?«

»Björn hat es erwähnt.« Sie streckte Rose die Hand entgegen. »Gib mir deinen Zeigefinger. Ich schwöre, es wird dir nicht schaden.«

Während Rose tat, worum Irina sie bat, entkorkte ich das kleine Fläschchen, um es bereitzuhalten. Dann stach Irina Rose mit der Nadel in den rechten Zeigefinger. Zwei Tropfen Rot fielen in die grünblaue Flüssigkeit und wurden von ihr absorbiert.

»Mach die Flasche wieder zu und schüttle sie ein paarmal hin und her, bis sich das Blut mit dem Trank vermischt hat«, wies mich Irina an.

Rose steckte derweil die Fingerkuppe zwischen die Lippen und saugte daran. Sie beobachtete, wie Irina die Spitze der Nadel erneut in die Kerzenflamme hielt. »Siehst du«, erklärte sie dabei. »Ich verbrenne die Blutreste, die sich noch auf der Spitze befinden. Ich bin nicht daran interessiert, dir und den Deinen zu schaden.«

Sie blies die Kerze aus und streckte uns die Nadel entgegen. »Wenn ihr euch wohler damit fühlt, könnt ihr sie mitnehmen.«

Rose schüttelte verlegen den Kopf. »Es tut mir leid, dass ich vorhin so misstrauisch war.«

»Schon gut. Was kann man auch sonst von einer Hexen­schlächterin erwarten? Willst du jetzt etwas Apfelsaft?«

Rose nickte. Ich seufzte erleichtert auf. Dass sich die Situation ausgerechnet durch dieses Ritual so entspannte, damit hätte ich nicht gerechnet. Unwillkürlich fragte ich mich, ob Irina mit Rose’ Blut doch einen kleinen Zauber gewirkt hatte.

»Das Blut in dem Trank.« Ich hob das Fläschchen. Sein Inhalt wirkte jetzt eine Spur dunkler als zuvor. »Funktioniert es genauso wie Blutmagie?«

Irina reichte Rose den Tonkrug und wandte sich mir zu. »Im Grunde ja. Aber das, was du als Blutmagie bezeichnest, ist etwas ganz anderes. Jede Art von Magie wird durch Energie gespeist. Durch die Energie, die aus dir selbst kommt. Durch Energie, die freiwillig gegeben wird, um zu behüten und zu beschützen. Blut ist nur ein Magieträger. Was die Dunklen tun, die Abtrünnigen wie jene, die die Kinder getötet hat – das ist nicht, wie Blutmagie sein sollte. Sie haben sie pervertiert. Sie wollen Macht, ohne den Preis dafür zu zahlen. Ohne etwas von sich selbst zu geben. Blut ist jener Energieträger, den sie am einfachsten stehlen können. Sie betrügen und verderben, um das Gleichgewicht zu halten.« Sie drehte den Kopf und sah Rose sehr ernst an. »Ich möchte nie wieder erleben, dass du mich mit einer von ihnen vergleichst. Hexe ist nicht gleich Hexe. Das solltest du wissen, wenn du auf uns Jagd machst.«

Einen Moment lang herrschte betretenes Schweigen. Rose’ Gesicht war unbewegt, doch ich vermutete, dass ihre Gedanken rasten. Ehe sie etwas sagen könnte, ging Irina zum Tisch zurück und ließ sich auf ihrem Platz nieder. »Setzt euch. Wir haben noch einiges zu besprechen.«

Während wir an unseren Getränken nippten, segelten drei Blau­meisen im Sturzflug durch die offene Tür in den Raum und umkreisten die Gastgeberin mit schrillem Gezwitscher. Irina hörte ihnen einen Moment aufmerksam zu, dann verdrehte sie die Augen. »Ich habe euch doch gesagt, ihr sollt sie in Ruhe lassen.« Sie griff über den Tisch, zog eine reich verzierte Schatulle zu sich und öffnete sie.

»Eine der Katzen«, erklärte sie uns mit vielsagendem Blick. »Sie wollen sie einfach nicht in Ruhe lassen.« Sie griff in das Kästchen, holte eine Handvoll Körner daraus hervor und streute sie direkt auf die Tischplatte. Die Vögel ließen sich flatternd nieder und begannen, nach dem Futter zu picken. Aus dem Gebälk flog auch die Bachstelze wieder herunter und gesellte sich zu den Meisen.

»Zurück zu deinem Problem.« Irina deutete demonstrativ auf meine Unterarme. »Wie ich bereits sagte, habe ich dir nur Zeit erkauft. Die Hexe, der das Grimoire gehört, ist bedeutend mächtiger als ich. Ihren Fluch kann ich nicht brechen.«

Ich stellte die Ellenbogen auf den Tisch und stützte das Kinn in meine Hände. »Und was kann ich dann tun?«

»Wir«, korrigierte Rose und rückte näher an mich heran. »Was können wir tun?«

Irina begann damit, die Pflanzenreste vor sich einzusammeln und in einen Tonkrug zu werfen, der neben ihr auf dem Boden stand.

»Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Zunächst einmal könntet ihr nach der Hexe suchen, die den Fluch ausgesprochen hat, und sie dazu bringen, ihn aufzuheben.«

»Wir haben ohnehin vor, dieses Monster zur Strecke zu bringen.« Rose deutete mit ihren Fingern einen Kehlenschnitt an.

Irina lächelte säuerlich. »Das wäre die andere Möglichkeit. Ein Vorhaben, das leicht nach hinten losgehen kann. Die Zauber einer Hexe sterben zwar für gewöhnlich mit ihr, aber bei Flüchen muss man vorsichtig sein. Es gibt welche, die bereits mehr als ein Jahr­hundert überdauert haben.«

Mein Mund wurde trocken. »Wir wissen ohnehin nicht, wo sie sich aufhält. Wir suchen bereits seit mehreren Monden nach ihr, ohne auch nur eine Spur zu finden.«

»Sie zu finden ist auch nicht, was ich euch raten würde. Statt­dessen solltet ihr zu einer Hexe gehen, die ebenso mächtig ist wie sie. Oder mächtiger.« Sie legte die Hände vor sich auf die Tischplatte. Eine der Meisen begann, auf ihrem Arm herumzuspazieren, doch das störte Irina nicht. »Ich fürchte, davon gibt es nicht viele. Und noch weniger, die auch bereit wären, euch zu helfen.«

»Ich hasse Magie«, entfuhr es Rose. »Das wird ja noch komplizierter, als ich bereits dachte.«

Bisher hatten wir nur selten Hexen gejagt, und wenn, dann waren das immer solche gewesen, auf die man uns angesetzt hatte. Solche also, die sich nicht darum scherten, dass andere Leute wussten, was sie waren.

»Wo finden wir die, die stark genug sind?«, fragte ich deshalb.

Irina zögerte. »Die Königin von Albion würde mir zwar sicher widersprechen, aber die mächtigsten Hexen der Welt leben in meinem Heimatland.«

Rose verschluckte sich fast an ihrer Antwort. »Wir sollen nach Afrika reisen?«

»Nicht nach Afrika«, widersprach Irina. »Obwohl es dort auch einige sehr mächtige Magiewirker gibt. Ich meine das Land meiner Mutter. Ich mag so manches bei den Geistheilern aus Nubien gelernt haben, die Wurzeln meiner Kräfte liegen jedoch im Zarenreich.«

Na wunderbar!

Rose warf mir einen bedeutungsschwangeren Blick zu. Ich seufzte. »Das trifft sich gut.«

Irina schürzte überrascht die Lippen. »So?«

»Wir denken darüber nach, dorthin zu reisen.«

»Was wollt ihr im Zarenreich? Ihr wisst, solche wie euch sieht man dort nicht gern.«

Damit meinte sie nicht unsere Arbeit als Dämonenjägerinnen.

»Die Suche nach der Kindsmörderin. Gerüchten zufolge hat sie es geschafft, einen Prinzen zu verführen.«

Irina nickte versonnen. »Die anstehende Hochzeit des jungen Zarewitsch. Aber er heiratet die Häuptlingstochter eines Steppen­kriegerstammes.«

»Das haben wir auch gehört. Da uns das Grimoire allerdings nicht weiterhilft«, verlegen zupfte ich an meinen Ärmelsäumen, »hielten wir es für das Beste, uns bei der Hochzeit einzuschleichen, um die adeligen Gesandten aus den anderen Königreichen genauer in Augenschein zu nehmen.«

»Fast alle werden da sein, heißt es«, fügte Rose hinzu. »Es wird ein großes Hochzeitsfest.«

»Hexen sind im Zarenreich hoch angesehen. Kaum jemand dort hängt dem neuen Glauben an, der sich hier überall breitzumachen scheint und die Alte Kunst dämonisiert. Es ist ein gefährlicher Ort aus vielerlei Gründen. Aber ein guter, um Hilfe bei Muireanns Problem zu finden.«

Ich wusste nicht, ob ich erleichtert oder beunruhigt sein sollte. »Können wir uns einfach an den ersten Stadtwächter wenden, dem wir dort begegnen, und ihn fragen, wo wir eine Hexe finden?«

»O nein. So einfach wird das nicht werden. Und wie ich bereits sagte, auch nicht ungefährlich.«

»Wir lassen uns nicht so schnell Angst einjagen.« Rose gab sich selbstbewusst wie immer.

Irina beugte sich vor und lächelte. Sie zeigte dabei alle Zähne. Sie blitzten weiß wie Schnee in ihrem dunklen Gesicht. »Oh, vielleicht solltet ihr das. Es gibt nur eine Hexe im Zarenreich, von der ich mit Sicherheit weiß, dass sie die Macht besitzt, euch zu helfen.« Sie machte eine kunstvolle Pause. Dann fügte sie mit gesenkter Stimme hinzu: »Habt ihr je von der Baba Yaga gehört?«

Die Hüterin der Toten

Die Baba Yaga galt als eine der mächtigsten Hexen der Welt. Ihre Landsleute fürchteten und verehrten sie gleichermaßen. Angeblich lebte sie tief verborgen in den Wäldern des Zarenreiches. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, als Helferin, Mahnerin oder Strafende in Erscheinung zu treten. Manche berichteten davon, dass sie auf dem Rücken eines Flammenpferdes durch frostklirrende Wälder ritt. Andere behaupteten, sie hätten sie in einem riesigen Mörser über den Himmel fliegen sehen und anderen Unsinn. Ihre Hütte soll auf Hühnerbeinen stehen und sich fortbewegen können. Angeblich besaß sie Zähne aus Eisen und der Brunnen hinter ihrem Haus soll randvoll gefüllt sein mit dem Blut leichtsinniger Jungfrauen. Sie galt als die Torhüterin zur Unterwelt und soll mit den Toten sprechen können. Ich hatte sie bisher für nicht mehr als ein Schreckgespenst gehalten, mit dem man Kindern Angst einjagte.

»Die Baba Yaga gibt es wirklich?«

Irina lächelte. »Oh, es gibt sie wirklich, dessen seid euch gewiss. Ob sie euch helfen wird, steht auf einem anderen Blatt. Wenn die Baba Yaga etwas ist, dann unberechenbar.«

Rose begann, mit ihren Fingern auf der Tischplatte zu trommeln. »Das beruhigt mich nicht gerade.«

»Dann bist du eine kluge Frau.«

»Wie finden wir sie?«, fragte ich.

»Keiner kennt den Weg zu ihr, heißt es. Und niemand wird sie finden, wenn sie nicht gefunden werden will.«

»Das hilft uns nicht weiter«, murrte Rose.

»Anders als hier sind die Hexen im Zarenreich eine eingeschworene Gemeinschaft. Die Baba Yaga ist so etwas wie ihre Anführerin. Sie hält ihre schützende Hand über sie und es heißt, sie genießt das Vertrauen des Zaren.«

Mit der Hand verscheuchte sie die Vögel, die begonnen hatten, sich um die letzten Körner zu streiten. Wild flatternd stoben sie vom Tisch und flogen hinauf zur Decke, wo Blumenkübel mit Schnüren an den Balken angebracht waren.

»Der Zar, so heißt es, fragt sie sogar gelegentlich um Rat – sehr zum Missfallen seiner Minister.«

Rose schien wenig beeindruckt. »Wir können kaum den Zaren bitten, uns zu seiner Hexenfreundin zu führen.«

»Wer weiß, vielleicht hat er sie gar zur Hochzeit seines Sohnes geladen.«

»Deine Landsleute sind verrückt!«

Irina zuckte mit den Schultern. »Und vielleicht sind die Leute hier nur übertrieben misstrauisch.« Ihr Blick fiel auf das Grimoire vor uns. »Vielleicht auch nicht.« Sie schüttelte den Kopf. »Der Punkt ist: Einige Hexen wissen vermutlich, wo die Baba Yaga zu finden ist. Und wenn sie euch den Weg nicht weisen wollen, so besteht immerhin die Möglichkeit, dass sie eine Botschaft von euch übermitteln. Wenn die Baba Yaga gewillt ist, euch zu helfen, wird sie zu euch kommen.«

Hinter meiner Stirn begann ein dumpfer Schmerz zu pochen. »Warum sollte sie uns helfen wollen?«, fragte ich und massierte meine Schläfen.

»Weil sie neugierig ist, jedenfalls sagt man das. Und weil ihr etwas besitzt, an dem sie interessiert sein könnte.« Irina nickte in Richtung des Buches.

»Das Grimoire? Wir sollen es ihr überlassen?«

»Was wollt ihr sonst damit anfangen?«

»Eigentlich hatten wir darüber nachgedacht, es bei dir zu lassen«, sagte ich vorsichtig.

Irina fuhr zurück. »Auf keinen Fall! Außerdem werdet ihr es brauchen. Wenn sich die Baba Yaga nicht damit bezahlen lässt, dann wird es ihr zumindest Aufschluss über den Zauber geben, mit den du in Berührung gekommen bist.«

Sie massierte sich den Nacken. »Es ist ein schreckliches Buch, das ihr da in eure Obhut genommen habt. Ich mag es nicht länger als nötig hier in der Mühle haben. Nicht nachdem ich mir solche Mühe gegeben habe, sie von allem Bösen zu reinigen. Na ja, von fast allem.«

»Bisher haben wir nichts von seiner ›bösen Aura‹ bemerkt«, sagte Rose. Weder hatte das Buch uns Albträume beschert noch uns Schaden zugefügt – sah man mal von dem missglückten Zauberritual ab, für das ich mir selbst die Schuld geben durfte. Aber dass etwas Unheimliches von dem Folianten ausging, war uns beiden von Anfang an klar gewesen.

Irina blieb unbeeindruckt. »Dann solltet ihr froh sein. Wann brecht ihr auf?«

»Bald.«

»Lasst euch lieber nicht zu viel Zeit. Der Weg ins Zarenreich ist weit.«

»Wir kennen eine Abkürzung«, sagte ich. »Der Jungfernfelsen.«

Irina lächelte kurz, presste dabei jedoch die Lippen so fest aufeinander, dass ich es beinahe nicht erkannt hätte. »Er ist ein Feentor.«

»Ihr überrascht mich«, sagte sie und blickte dabei Rose an. »Seid ihr schon einmal durch die Anderswelt gereist?«

Rose schüttelte den Kopf.

»Ihr müsst vorsichtig sein, und schnell.« Sie riet uns, worauf wir beim Durchschreiten des Tores achten mussten. Es überraschte mich nicht wirklich, dass Irina sich mit den Wegen durch die Anderswelt auskannte.

»Gebt mir eure Dolche«, verlangte sie, nachdem sie uns alles erklärt hatte. Reflexartig hob ich meine Hand an die Lederscheide, in der mein heiß geliebter Silberdolch steckte. Rose besaß den gleichen. Die beiden schmalen Waffen waren einfach gearbeitet. In das Eisen war jedoch Silber gemengt, und dadurch waren die Dolche großartige Verteidigungswerkzeuge gegen schwarze Magie.

»Warum?«, fragte ich.

Irina stand auf und schob sich einen kleinen schwarzen Zopf hinters Ohr, der sich aus ihrer Frisur gelöst hatte.

»Wenn ihr mir die Waffen für eine Nacht überlasst, kann ich sie mit einem Zauber besprechen, der euch schützt. Und ich kann einen Beutel fertigen, in dem ihr das Grimoire verbergen könnt, damit nicht jede Hexe auf zehn Meilen Entfernung wittern kann, was ihr mit euch herumtragt.«

»Du hast es doch auch nicht gewittert.«

»Ich bin auch keine dunkle.«

Ich blickte hinüber zu Rose. Die zögerte einen Moment, dann zog sie zu meiner Überraschung ihren Dolch und legte ihn vor Irina.

Sie lächelte warm. »Danke.« Dann wandte sie sich mir zu. Ich umgriff das kühle Heft meines Silberdolchs und legte ihn neben seinen Zwilling. »Es hat nichts mit dir zu tun«, sagte ich verlegen. »Ich trenne mich nur nicht gern von ihm. Er gibt mir Sicherheit.«

»Mach dir keine Sorgen. Du bekommst ihn morgen Vormittag zurück. Besucht mich auf dem Wochenmarkt.« Sie lächelte verschmitzt. »Vielleicht ist Björn dann ja wieder zu Hause und kann euch begleiten.«

»Vielleicht«, räumte Rose ein, und ich hörte ihr an, dass sie nicht wusste, was sie von Irinas Anspielung halten sollte. Auch ich war überrascht. Björn und Irina?

Ihr nächster Satz ließ mich dieses Thema jedoch vollends vergessen:

»Ich brauche für den Zauber noch etwas von eurem Blut. Und ein paar Haare.«

»Geht jetzt«, forderte Irina uns auf, nachdem wir ihrer Aufforderung folgend tatsächlich ein paar Blutstropfen in eine bronzene Schale hatten fallen lassen, ebenso wie ein paar Haare.

Sie klang nicht unfreundlich, aber bestimmt. »Ich habe noch viel zu tun. Und nehmt das Buch mit. Ich will es nicht um mich haben.«

Das wollte ich inzwischen auch nicht mehr, doch da hatten wir wohl keine Wahl. Rose packte das Grimoire in ihren Beutel und schulterte ihn.

Ich trank mit einem kräftigen Zug meinen Becher aus.

Dann traten wir den Heimweg an. An der Türschwelle zum Flur drehte sich Rose noch einmal um. »Ich warne dich. Treib keine Spielchen mit uns.«

Irina breitete die Arme aus und deutete mit einer Geste auf all die Pflanzen, die in Kübeln im Zimmer wuchsen. »Rosalie Lennards­tochter, glaube mir. Wenn ich euch Böses wollte, wärt ihr schon längst nicht mehr am Leben.«

Der Bär auf dem Dachboden

Der Weg nach Hause zog sich. Wie ich hing Rose ihren Gedanken nach. Wie viel Zeit würde mir bleiben, bis sich die seltsamen Male auf meinen Armen wieder zu bewegen begannen? Für die Schönheit meiner Umgebung – das kräftige Grün des Waldes und das Gold der wogenden Getreidefelder – hatte ich keinen Sinn.

Unsere Laune hellte sich erst wieder auf, als wir daheim ankamen. Inzwischen war es Mittag geworden. Björn stand auf dem Hof und unterhielt sich mit seinem Vater. Auf seinen breiten Schultern saß Lasse und trug eine begeisterte Miene zur Schau. Sobald Rose die drei entdeckte, beschleunigte sie ihre Schritte.

Lasse war der Erste, der uns bemerkte. »Rosalie, Muireann! Seht mal, wer wieder da ist!«

Björn drehte sich um und sein ganzes Gesicht begann zu strahlen. In einer fließenden Bewegung griff er nach oben, packte Lasse und hob ihn unter dessen Protesten herunter. »Später«, versprach Björn. »Erst muss ich die beiden begrüßen.«

»Schwesterherz!« Seine muskulösen Arme schlossen sich um Rose, als wollte er ihr die Luft aus dem Leib pressen. Sie beschwerte sich jedoch nicht, sondern drückte sich allenfalls fester an ihn. Rose liebte ihre Familie, aber Björn nahm eine besondere Stellung in ihrem Herzen ein.

Nachdem die beiden sich ausgiebig begrüßt hatten – dabei war es erst ein paar Tage her, dass wir drei uns auf dem Weg hierher begegnet waren –, wandte sich Björn mir zu und drückte mich, deutlich sanfter.

»Muireann.«

Ich umarmte ihn, dann ging ich einen Schritt zurück. »Dein Bart kitzelt.« Amüsiert kraulte ich die struppigen blonden Haare an seinem Kinn. Er hielt sie kurz geschnitten, aber sie bedeckten fast seine ganze untere Gesichtshälfte. »Du solltest dir überlegen, ihn abzurasieren.«

»Welcher Bär schert sich seinen Pelz?«, fragte er empört. Seine Augen blitzten, und ich wusste, dass er mich auf den Arm nahm.

»Wie war es bei Irina?« Lasse hüpfte aufgeregt im Kreis um uns herum.

Ich sah, wie Björn die Stirn in Falten legte und zu seiner Schwester hinüberschielte. »Ihr wart bei Irina?«

Rose holte Luft, doch ehe sie antworten konnte, schritt ich dicht an sie heran und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »Warum gehst du nicht mit Björn nach oben und ihr unterhaltet euch? Dieser Troll hier«, ich strubbelte Lasse durch die Haare, »und ich sehen mal nach, ob wir eurem Vater helfen können.«

»Ich bin kein Troll!«, protestierte Lasse.

»Da bin ich mir nicht so sicher bei deinen roten Haaren«, widersprach ich.

»Du bist wunderbar«, raunte mir Rose zu, drückte schnell meine Hand und verschwand mit Björn über den Hof, der mir auch noch einmal über die Schulter hinweg dankbar zunickte.

Ich schnappte mir Lasse am Kragen und ging Lennard hinterher, der uns vorhin zwar kurz zugewunken hatte, inzwischen aber im Stall verschwunden war.

Als ich eine halbe Stunde später auf unser Zimmer zuging, hörte ich Rose und Björn bereits diskutieren. Die Tür war nur angelehnt.

»… musst doch zugeben, dass sie seltsam ist.«

»Sie ist nicht seltsam«, protestierte Björn.

»Sie ist sogar reichlich seltsam! Sie bewahrt ihr Vogelfutter in einer Schatulle auf.«

Aha, es ging also um Irina. Ich drückte die Tür auf und schlüpfte in den Raum. Beide hatten nur kurze Blicke für mich übrig.

»Vielleicht ist es magisches Futter«, fuhr Björn an Rose gewandt fort, während er aufstand und mir das Tablett abnahm.

»Danke«, murmelte ich.

»Ist das dein Ernst?!« Rose angelte sich einen der drei Becher heißen Minztees. Danke, formten ihre Lippen und ihre Züge wurden weich. Dann verzog sich ihre Miene sofort wieder angriffslustig und sie starrte Björn direkt ins Gesicht. Der ließ sich vor der Truhe auf dem Boden nieder und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Rose und ich setzten uns ihm gegenüber, ungefähr an der Stelle, an der ich in der Nacht zuvor den Salzkreis gezogen hatte.

»Könnte doch sein, dass es magisch ist«, sagte Björn, nachdem er an seinem Becher genippt hatte.

Rose schnaubte. »Wer bitte füttert seine Vögel mit magischem Futter?!«

»Ich weiß nicht, ob es magisch ist. Es war nur eine Vermutung. Du hast mit der Schatulle angefangen.«

»Sie ist aus Ebenholz! Mit einem Edelstein im Deckel!«

»Na und, sie mag eben ihre Vögel!«

»Und mag sie auch dich?«

»Und wenn es so wäre?« Björns Stimme klang lauernd. Rose stierte ihn wütend an.

Ich ergriff die Gelegenheit. »Dann würden wir uns für euch freuen. Magst du sie denn?«

Beide blickten mich erstaunt an, als ob ihnen meine Anwesenheit erst jetzt wirklich klar geworden wäre. Trotz des Tees.

Björn konzentrierte sich auf den dampfenden Becher in seiner Hand. Wurden seine Ohren tatsächlich rot?

»Wir verstehen uns gut.« Er hob den Kopf. »Ich kann wunderbar mit ihr reden. Sie ist witzig, schlagfertig. Und sie hat keine Angst vor dem Bären.«

Rose’ Miene wurde weicher.

Vor vier Jahren war Björn bei einem seiner Aufträge als Hexenschlächter in die Falle eines Schwarzalben geraten. Der Zwerg hatte ihn in einen Bären verwandelt. Damals hatten Rose und ich das erste Mal Irina um Hilfe gebeten. Gemeinsam war es uns gelungen, den Schwarzalben zur Strecke zu bringen und den Zauber, den er über Björn verhängt hatte, zu schwächen. Ganz brechen konnten wir ihn jedoch nicht. Björn hatte sich in einen Menschen zurückverwandelt. Doch jeden Winter, sobald der Schnee zu fallen begann, wurde er bis zum Frühling wieder zu einem Bären. Bis jetzt hatten wir keine Möglichkeit gefunden, daran etwas zu ändern. Björn trug sein Schicksal mit Fassung, obwohl sich dadurch so vieles für ihn geändert hatte.

»Und es ist nicht nur das«, fuhr er fort. »Sie mag mich wirklich, Schwesterherz. Aufrichtig. Vielleicht wird daraus sogar mehr. Kannst du mir das nicht gönnen?«

Rose holte Luft, aber er ließ sie nicht zu Wort kommen. »Mir ist bewusst, dass ich niemals so ein Glück haben werde wie ihr beide.« Er senkte den Teebecher. Seine traurige Miene versetzte meinem Herz einen Stich. Ich griff nach Rose’ Hand und wir ließen ihn seine Gefühle von der Seele reden. »Überall, wo ich hinsehe, erblicke ich verliebte Pärchen. Euch beide. Mutter und Vater. Leni wird im nächsten Frühjahr heiraten. Selbst Eckhart und die Ziege, was auch immer er an ihr findet … Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich noch einmal verlieben könnte. Nachdem Therese …«

»Scheiß auf Therese«, unterbrach ihn Rose heftig. »Ja, wirklich! Sie hat dich nicht verdient, und das weißt du.«

»Sei nicht ungerecht.«

»Verteidige sie nicht auch noch! Ihr wolltet heiraten, Björn. Ihr wolltet euer Leben zusammen verbringen. In guten wie in schlechten Zeiten. Das wirft man nicht einfach weg.«

Therese hatte ihre Verlobung gelöst und Björn verlassen, weil sie nicht mit dem Bärenzauber zurechtgekommen war. Der Morgen vor ein paar Monden im Garten der Hexe kam mir in den Sinn, an dem Rose herausgefunden hatte, dass Selkieblut in mir floss und ich Magie wirken konnte. Das hatte sie so geschockt – ich hatte wirklich geglaubt, sie würde mich verlassen. Doch unsere Liebe war stärker gewesen. Vielleicht dachte sie auch daran, denn sie sagte: »Von mir aus triff dich mit Irina. Meinen Segen brauchst du zwar nicht, aber du hast ihn.«

Mit einem breiten Grinsen stürzte Björn zu uns und zog uns beide in eine Umarmung. »Danke, Rosalie. Ich wusste, auf dich ist Verlass.«

»Du sollst mich doch nicht so nennen«, maulte sie und löste sich langsam von ihm. »Mutter habt ihr beide ohnehin schon um den Finger gewickelt, oder?«

Björns Augen funkelten fröhlich. »Irina und sie kommen gut miteinander aus.«

Ich griff nach Björns Hand und drückte sie fest. »Das ist schön, wirklich. Ich wünsche euch nur das Beste.«

Björn grinste mir verlegen zu. »Genug von mir«, sagte er dann. »Meine Schwester behauptet, ihr wollt tatsächlich ins Zarenreich reisen?«

Ich warf Rose einen Blick zu. Diese nickte. »Dann weißt du auch weshalb.« Nervös zupfte ich an meinem Ärmelsaum.

»Ich würde euch ja begleiten, doch der Winter kommt früh im Zarenreich.«

Davon hatte ich gehört. Oft setzte schon im Herbst Schneefall ein, und Björn konnte nicht riskieren, sich fernab der Heimat in einen wilden Bären zu verwandeln. Die kalte Jahreszeit verbrachte er seit dem Tod des Zwerges immer auf dem Hof seiner Eltern. Mir fielen die ganzen Tiere in und um Irinas Mühle wieder ein. Vielleicht würde er ja dieses Jahr den Winter bei ihr verbringen.

Mir fiel ebenfalls wieder ein, dass ich in der Nacht zuvor von Schnee geträumt hatte.

»Wann brecht ihr auf?«, fragte Björn.

»Morgen gegen Mittag. Zuvor müssen wir noch auf den Markt«, antwortete Rose und warf einen sehnsuchtsvollen Blick auf das Bett.

Björn seufzte. »Dann heißt es also schon wieder Abschied nehmen.«

Markttag

Irinas Heiltrank schmeckte bitter. Nachdem ich wie von ihr angeordnet drei Tropfen davon auf meine Zunge hatte fallen lassen, wartete ich gespannt ab, ob etwas passierte oder ich mich anders fühlen würde. Als nichts geschah, verkorkte ich das Fläschchen wieder und stellte es auf das Schränkchen neben unserem Bett. Die Symbole auf meinen Armen blieben weiterhin zu blassen Tätowierungen erstarrt.

Es beruhigte mich, dass sich daran auch nichts änderte, nachdem ich am nächsten Morgen mit Rose eine große Runde gelaufen war und meine Unterarme beim Waschen nicht aussparte. Wir waren mit der Sonne aufgestanden, weil wir an unserem letzten Tag auf dem Hof noch so viel erledigen wollten. An meine Träume in dieser Nacht konnte ich mich nicht erinnern.

Der Markt auf dem Dorfanger fand nur einmal alle sieben Tage statt. Helene begleitete uns dorthin. Normalerweise bot auch sie an einem der Stände Waren feil. Am Morgen hatte sie jedoch erklärt, sie würde heute nicht verkaufen, sondern die Zeit mit uns verbringen. Nun schleppten Rose und ich üppig beladene Flechtkörbe, gefüllt mit Eiern, Milch und allerlei Eingekochtem, zu einem winzigen Tisch direkt am Dorfbrunnen, um den im Kreis herum die Händler ihre Stände aufgebaut hatten. Wir stellten sie bei der Fischer-Anni ab, die heute Helenes Ware für diese mitverkaufen würde. Helene selbst besuchte gerade die Dorfbewohner, für die sie gestern frisches Brot in ihrem großen Backofen hinter dem Haus mitgebacken hatte. Gemeinsam mit Rose schlenderte ich währenddessen die Stände entlang, um das einzukaufen, was wir für unsere anstehende Reise benötigten. Beim hübschen Johann kauften wir zwei Dutzend Streifen getrocknetes Rindfleisch und bei Wilhelm Ledermacher eine neue Halterung für Rose’ Wasserflasche sowie mehrere Ersatzriemen für unsere Schnürstiefel. Mir waren einmal die Bänder mitten in einer Berggegend gerissen, die nächste Ortschaft meilenweit entfernt, und ich legte keinen gesonderten Wert darauf, noch einmal eine ähnliche Erfahrung zu machen.

Irinas Tisch stand im Schatten eines mächtigen Ahorns. Darauf befanden sich zahlreiche Schälchen, in denen getrocknete Pflanzen lagen, zusammengebundene Kräutersträuße, verschlossene Tiegel und schlanke, mit Wachs versiegelte Tonflaschen. Als Irina uns kommen sah, strahlte sie übers ganze Gesicht.

»Selbst hier hüpfen Vögel um sie herum«, murmelte Rose.

Ich stieß ihr den Ellenbogen in die Rippen.

Wir warteten, bis Irina einer Kundin eine Salbe gegen Gelenkschmerzen verkauft hatte.

»Wie geht es dir?«, fragte sie mich, nachdem wir uns begrüßt hatten.

»Gut.« Das entsprach größtenteils der Wahrheit. Rein körperlich spürte ich vom Hexenfluch nichts. Es beunruhigte mich schlicht, dass die Symbole nicht verschwinden wollten – und dass uns die Zeit davonlief. Nicht zu wissen, was passieren würde, wenn die Symbole wieder zu wandern begannen, half nicht gerade dabei, ruhig zu bleiben.

»Hast du Eberesche da?«, fragte ich, um mich abzulenken. Irina nickte. »Und ich brauche auch noch etwas getrockneten Klee.« Ich holte eine Glasphiole aus meiner Umhängetasche. Irina nahm sie entgegen und deutete mit dem Kopf nach rechts, wo eine große Weidenschale mit einem Tuch abgedeckt war. »Dort. Und Johanniskraut müsstest du auch finden. Ich habe es an Sonnwend geerntet.«

Begeistert schlug ich das Tuch beiseite und betrachtete die Pflanzenbüschel, die darunter zum Vorschein kamen. Sowohl die roten Beeren der Eberesche als auch die gelben Blüten des Johanniskrauts versprachen Schutz gegen Geister, Elfen und allerhand anderes dunkles Gelichter. Ich wusste nicht genau, welche Wesen sich in den östlichen Wäldern herumtrieben, aber ich wollte kein Risiko eingehen. Ganz sicher waren es nicht bloß Einhörner.

»Wir sollen dir schöne Grüße von Björn ausrichten«, sagte ich möglichst beiläufig, während ich nach einem kleinen Sträußchen Lavendel griff. Er duftete nach Sommer und Frieden. Irina ging nicht darauf ein, doch ihr ganzes Gesicht begann zu strahlen.

»Hast du gestern Nacht daran gedacht, den Trank zu nehmen?«, fragte sie, nachdem sie mir meine Einkäufe vorsichtig in ein Leinentuch eingewickelt und über den Tisch gereicht hatte.

»Ja.« Beim Gedanken an den bitteren Geschmack der türkis­farbenen Flüssigkeit zog sich mein Mund zusammen.

»Gut.«

Rose half mir, das Bündel in meiner Tasche zu verstauen, während Irina begann, in der Weidenkötze zu wühlen, die neben ihr auf dem Pflaster stand.

Als sie sich wieder aufrichtete, hielt sie ein dunkelgrünes Tuch in den Händen, das mit allerlei seltsamen Symbolen bestickt war – schlanke Runen, jedoch keine Insekten und Schlangen, wie ich erleichtert feststellte.

»Schlagt das Buch darin ein«, wies sie uns an, als sie das Tuch Rose in die Hand drückte. »So oft wie möglich. Und passt auf, dass keine Ecke daraus hervorspitzt. Schnürt das Bündel damit zusammen.« Sie holte eine gedrehte Kordel aus hellen Wollfäden hervor. Ich war gespannt, wie lange sie auf der Reise, die uns bevorstand, sauber bleiben würde.

»Da ist noch etwas«, murmelte Irina leise, während sie mit gesenktem Kopf die getrockneten Pflanzenstängel auf dem Tuch vor sich sortierte. »Wenn … Falls ihr der Baba Yaga wirklich begegnet …«

»Ja?«

»Sagt ihr …« Irina holte tief Luft. »Sagt ihr, Vasilisas Enkelin schickt euch.«

Ich hob eine Augenbraue, sagte allerdings nichts. Ebenso wenig Rose. Wir warteten beide geduldig, bis Irina weitersprach. »Es gibt zahlreiche Geschichten über Menschen, die die Hexe aufgesucht und um Hilfe gebeten haben. Die meisten davon gehen nicht gut aus. Meiner Großmutter hat sie allerdings kein Haar gekrümmt. Sie hat ihr aus großer Not geholfen.« Ein Lächeln umspielte ihre Lippen und ihr Blick verlor sich in der Vergangenheit. »›Sie ist mächtiger, als du dir jemals vorstellen kannst, Irinuschka‹, hat sie immer gesagt. ›Sie kann sehr grausam sein, aber sie schadet nie jenen, die mutig und reinen Herzens sind. Und das ist das Wichtigste: Zeig niemals Angst! Die Baba Yaga labt sich an ihr. Wenn du der Hexe begegnest, tritt ruhig und selbstbewusst auf. Sie hat eine Schwäche für mutige Mädchen.‹«

Irina blickte uns wieder direkt an. »Ich glaube nicht, dass ich der Baba Yaga je begegnen werde. Und ich weiß nicht, ob euch der Name meiner Großmutter schützen wird. Einen Versuch ist es jedoch wert.«

Aus einem Impuls heraus griff ich über den Tisch hinweg und drückte ihre Hand. »Danke. Wir können jeden Schutz gebrauchen, den wir bekommen können.«

Irina lachte bitter auf. »Das befürchte ich auch.«

Noch einmal griff sie in ihre Kötze. Diesmal fischte sie ein braunes Ledertuch hervor. Als sie es aufwickelte, kamen unsere Waffen zum Vorschein. Liebevoll betrachtete ich die winzige Scharte am Knauf meines Silberdolchs. Als ich nach ihm griff, hielt Irina mich auf. »Nimm den anderen.«

»Warum?« fragte Rose sofort misstrauisch.

Irina kam um den Tisch herum. »Weil ich eure Dolche mit einem Zauber belegt habe.«

Wirkte meine Klinge deshalb matter als sonst? Sie reflektierte kaum die Morgensonne. Rose’ Dolch hingegen glänzte silbern wie eh und je.

Ich ignorierte Irinas Einwurf und griff nach meiner Waffe. Es fühlte sich gut an, sie in den Händen zu halten. Nicht anders als sonst. Neugierig drehte ich ihn hin und her. Das einzig Seltsame war die Färbung der Schneide.

»Was hast du damit gemacht?«

Irina trat einen Schritt näher. »Es ist ein Zauber, den mir ein Geister­heiler in der Heimat meines Vaters beigebracht hat. Durch euer Blut und euer Haar sind eure Dolche jetzt mit euch verbunden. Sie spiegeln eure Verfassung. Solange die Klingen silbern glänzen, ist alles in bester Ordnung. Falls ihr euch trennen müsst, könnt ihr die Waffen tauschen und seht so immer, wie es der jeweils anderen geht.«

Ich hob meinen Dolch in die Höhe. »Seine Klinge ist matt«, sagte Rose. »Liegt das an dem Hexenfluch?«

Irina nickte. »Sorge dich deshalb nicht zu sehr. Solange die Klinge nur matt ist, heißt das, du bist krank. Wenn sich die Klinge allerdings rostbraun färbt, schwebst du in ernsthafter Gefahr.« Irina blickte Rose an. »Wenn das geschieht, weißt du, dass Muireann umgehend Hilfe braucht. Dann dürft ihr nicht aus falschem Stolz zögern, eine Hexe um Hilfe zu bitten.«

Rose nickte ernst und streckte mir die Hand entgegen, damit ich ihr meinen Dolch geben konnte. Aufmerksam musterte sie das angelaufene Silber.

Irina trat zu uns. »Wenn die Klinge schwarz wird …«

»Ja?«, fragte ich. Ich ahnte ihre Antwort bereits, aber ich musste es hören.

Sie holte tief Luft. »Dann kommt jede Hilfe zu spät.«

Das Feentor

Der Jungfernfelsen war eine hohe Gebirgsnadel, die sich am Ufer des Mains steil in die Lüfte reckte. Er war weithin sichtbar, weil er hoch über die Wipfel der Laubbäume hinausragte, die den Fluss zu beiden Seiten umgaben. Sein Name mochte romantisch klingen, bekommen hatte er ihn allerdings, weil immer wieder, Generation um Generation, Mädchen auf ihm verschwunden waren.

Verborgen im Felsgestein gibt es ein Tor in die Anderswelt, erzählten die Menschen, die in seinem Schatten lebten. Nur unverheiratete Mädchen finden den Weg dorthin.

Vor drei Jahren hatten Rose und ich allerdings herausgefunden, dass für das Verschwinden der Jungfrauen nicht das Feentor verantwortlich war, sondern ein Wassermann, der an dieser Stelle auf dem Grund des Flusses lebte. Ida, die Tochter eines Knopfmachers aus einem nahen Städtchen, nannte ihn ihren »grünen Prinzen mit den nassen Haaren«. Sie konnte von Glück sagen, dass ihre Tante klug genug gewesen war, zu erkennen, wer Idas Verehrer in Wirklichkeit war. Und dass sie mit der Frau eines Bauern befreundet war, der uns dafür bezahlte, seinen Kornspeicher von einer lästigen Koboldplage zu befreien. So hatten wir Ida retten können, ehe sie ihrem »grünen Prinzen« in sein nasses Reich folgen konnte. Es war uns sogar gelungen, den Wassermann zu vertreiben und dem Jungfernfelsen seinen Schrecken zu nehmen. Für eine Weile. Weder Rose noch ich waren so naiv zu glauben, den Wassermann für immer von seinem Zuhause verjagt zu haben. Aber vielleicht ließ er die Mädchen der Gegend für eine oder zwei Generationen in Ruhe. Ich hoffte, sie würden sich daran erinnern, wie man sich vor einem wie ihm schützen konnte, wenn er zurückkehrte.

Als ich den Jungfernfelsen jetzt vor mir sah, war ich sofort wieder von seiner Schönheit gefesselt. Der helle Schiefer hob sich deutlich vom Dunkelgrün der Wälder ab. Schlank und majestätisch ragte er in den Himmel. Der Fluss zu seinen Füßen schimmerte im Licht der Spätnachmittagssonne wie ein silbernes Band.

Um es schneller hierher zu schaffen, hatten Rose, Björn und ich den Nachmittag auf Pferderücken verbracht, und mir schmerzte gewaltig das Hinterteil. Immerhin lenkte mich das Reiten von den Hexenmalen auf meinen Unterarmen ab. Die Pferde hatten wir von Lennards und Helenes Nachbarn geliehen. Björn begleitete uns, damit er die Tiere zu ihm zurückbringen konnte.

»Seht ihr?« Rose, die ein Stück vor Björn und mir ritt, drehte sich im Sattel um und grinste. »Ich habe euch doch gesagt, wir schaffen es vor Einbruch der Dunkelheit hierher.«

»Freu dich nicht zu früh«, konterte er. »Ich sage euch, es wird heute noch gewittern.«

Ich legte den Kopf in den Nacken und blickte hinauf in den Himmel, über den mehrere graue Wolkenfelder zogen.

»Vielleicht nicht dort, wo wir hingehen«, sagte ich. Björn zuckte nur mit den Schultern.

»So oder so, wir sollten weiter.« Mit einem Schenkeldruck gab ich meinem Pferd zu verstehen, zu Rose aufzuschließen. Björn folgte uns und eine Weile lang schwiegen wir.

»Bist du aufgeregt?«, fragte ich Rose, als wir eine halbe Stunde später vor einem schmalen Spalt im Schiefer standen, aus dessen Tiefe uns ein geheimnisvolles blaues Licht entgegenleuchtete. Es hieß, Feentore schützten sich selbst und hielten sich vor den Augen der Menschen verborgen. Wir beide waren schon einmal hier gewesen und hatten es sofort wiedergefunden. Allerdings hatten wir es noch nie durchschritten.

Rose konnte den Blick nicht vom seltsamen Durchgang nehmen. »Ich kann mir durchaus angenehmere Arten zu reisen vorstellen.«

»Jedoch kaum schnellere.«

»Nein.« Sie ließ den Kopf im Nacken kreisen, bis es knackte. Dann drehte sie sich zu Björn um, der mit unseren Pferden ein paar Schritt hinter uns stand. Wir hatten uns bereits von ihm verabschiedet, aber offenbar wollte er warten, bis wir tatsächlich das Feentor durchschritten, ehe er den Heimweg antrat. Rose hob zum Abschied ihren Eschenstab, ich winkte ihm. Björn lächelte uns aufmunternd zu.

»Na komm.« Rose schob sich seitlich durch den Felsspalt. Im himmel­blauen Licht verschwammen ihre Konturen und lösten sich auf. Schließlich war sie ganz verschwunden. Mit gezogenem Silberdolch in der Hand folgte ich ihr. Wäre mir klar gewesen, was dann geschehen würde, hätte ich statt meiner Waffe besser ihre Hand gehalten.

In meinem Geburtsland bezeichnete man Feen als das Volk unter dem Hügel. Deshalb hatte ich mir die Anderswelt immer wie eine riesige Höhle vorgestellt, deren Wände aus wurzeldurchzogener Erde, Flechten und Moos bestanden. Nachdem die Felsen mich verschluckt hatten, betrat ich jedoch ein Plateau, von dem aus ich in ein dicht bewaldetes Tal blicken konnte. Üppig belaubte Bäume strebten dem Himmel entgegen. Wenn ich mich hinkniete und über den Felsrand nach unten griff, konnte ich fast ihre Kronen berühren. Das Blattwerk war jedoch nicht einfach nur grün wie bei den Bäumen in unserer Welt. Zwischen gewöhnlichen Eschen und Tannen, Buchen und Eichen mischten sich Bäume, deren Laubkleider dunkelrot, silbern und sogar golden leuchteten. Der Wind, der durch sie hindurchfuhr, ließ die Blätter nicht bloß rascheln, sondern auch klirren. Dutzende kristallklare Bachläufe schlängelten sich durch den Wald und in der Luft hing der Geruch von Glockenblumen.

Erst nach einem Augenblick begriff ich, dass ich allein war.

»Rose?«, rief ich leise. Meine Stimme verhallte ungehört. »Rose?«

Ich blickte mich nach allen Seiten um, doch da war niemand. Als ich mich umdrehte, um durch das Feentor zurückzugehen, sah ich, dass der Spalt im Felsen sich geschlossen hatte.

»Na großartig.«

Was hatte Irina uns geraten? Das Tor kann euch an viele Orte auf dieser Welt führen. Deshalb ist es so wichtig, dass ihr euch auf euer Ziel konzentriert.

»Ins Zarenreich«, flüsterte ich, während ich mich anschickte, einem schmalen Pfad zu folgen, der sich ins Tal hinunterwand. »Ich will ins Zarenreich.«

Hoffentlich hatte Rose dasselbe getan.

Ob sie schon dort angekommen war?

Meine Unterarme begannen zu kribbeln. Regten sich die Zeichen oder war das Gefühl nur meiner Aufregung geschuldet?

Bleib ruhig, mahnte ich mich, weil ich bemerkte, dass mein Puls sich beschleunigte. Die Symbole auf meiner Haut kribbelten eindeutig. Ich musste all meine Willenskraft aufbringen, um nicht an ihnen zu kratzen.

Mein Weg ins Tal führte an einem kleinen Wasserfall vorbei. Gischt setzte sich wie Tautropfen auf meine Haut. Mit jedem Schritt verstärkte sich der Geruch nach Glockenblumen.

Ins Zarenreich, beschwor ich meinen Wunsch innerlich wieder und wieder. Nichts geschah.

Plötzlich hörte ich ein Rascheln, als würde man schnell durch die Seiten eines Buches blättern. Die Temperatur sank schlagartig und die Tropfen auf meiner Haut gefroren zu Eis.

Ich verharrte in der Bewegung und packte den Silberdolch fester. War dies normal? Irina hatte nichts dergleichen erwähnt.

Die Male des Hexenfluchs begannen zu brennen. Ich ballte die Finger meiner linken Hand zur Faust, ignorierte das Gefühl und beschleunigte meine Schritte.

»Ich muss ins Zarenreich«, sagte ich erneut.

»Wo bist du?«, hörte ich plötzlich den Ruf einer Frau. Es war nicht Rose’ Stimme, aber ich kannte sie. »Wo versteckst du dich?« Die Frau klang sanft und freundlich.

Margarete, schoss es mir durch den Kopf. Natürlich sagte ich nichts. Die Stimme klang älter als das Mädchen aus meinen Visionen. Sie klang wie die der jungen Frau, zu der Margarete herangewachsen wäre. Hätte die Kindsmörderin sie nicht getötet. Hätte sie nicht Margaretes Körper gestohlen.

Ich wusste, wer mich rief. Entschlossen reckte ich mein Kinn vor. Vielleicht mussten Rose und ich uns gar nicht bis ins Zarenreich durchkämpfen. Vielleicht konnte ich all das, was mich umtrieb – der Fluch, die Kindsmörderin, Rache für Hans und Margarete –, bereits hier und jetzt erledigen.

Die Haut an meinen Unterarmen brannte inzwischen, als hätte ich sie in den Bau von Feuerameisen gestoßen. Die immer stärker werdende Kälte setzte mir zusätzlich zu.

»Du hast etwas, das mir gehört!« Mit einem Mal war die Stimme nicht lockend und sanft, sondern schneidend scharf wie der Winter.

Rose, rief ich stumm. Ich könnte ein bisschen Unterstützung gebrauchen.

Die Hexe würde sich nicht einfach einen Dolch ins Herz stechen lassen. Ich bezweifelte ohnehin, dass sie eines besaß. Wenn ich ihr nun entgegentrat, wie konnte ich sie besiegen?

Für gewöhnlich versuchten Rose und ich, so viel wie möglich über unsere Gegner in Erfahrung zu bringen. Welche Schwächen besaßen sie? Wie äußerten sich ihre Stärken? Wie konnte man sie in eine Falle locken?

»Bring mir das Buch!«, verlangte die Hexe.

Vorsichtig drehte ich mich im Kreis, um herauszufinden, aus welcher Richtung ihre Stimme kam. Noch immer war ich allein.

»Bring mir das Buch, oder es wird dich umbringen. Ich werde dich umbringen.«

Etwas biss mich in den Unterarm, so fest, dass ich zusammenzuckte und alle Mühe hatte, nicht vor Überraschung und Schmerz aufzuschreien. Als ich den Blick auf meinen Unterarm richtete, blickte mich die Kreuzotter, die sich von den Seiten des Buches auf meinen Arm geschlängelt hatte, bösartig an.

Zeig dich, hätte ich der Hexe am liebsten entgegengeschleudert. Dann bring ich dir dein verdammtes Buch. Aber ich hielt mich zurück.

»Wie heißt du?«, fragte die Hexe, jetzt wieder lockend. »Verrat mir deinen Namen.«

Plötzlich wuchs eine Wand aus Eis vor mir aus den Felsen und versperrte mir den Weg ins Tal. Überall um mich herrschte Sommer, doch vor mir erstreckte sich über die ganze Breite des Pfades eine glatte Eisfläche, die mehrere Mannslängen hoch war. Durch ihre durchscheinende Oberfläche glaubte ich einen dunklen Schemen zu erkennen. Die Gestalt einer Frau, die sich auf mich zubewegte. Die Hexe.

»Da bist du«, sagte die Fremde, und ich konnte sehen, wie sie eine Hand auf ihre Seite der Eiswand legte. Sie schien groß zu sein, größer als ich, und schlank. Mehr konnte ich nicht erkennen. Das Eis war dick und verzerrte die Konturen der Hexe. Ich erkannte nur undeutlich ihre Gestalt, jedoch keine Gesichtszüge.

»Das Buch gehört dir nicht«, sagte die Hexe. »Gib es mir, und ich mache dich reich.«

Ich tat ihr noch immer nicht den Gefallen, zu antworten. Stattdessen holte ich ein kleines Beutelchen aus meinem Ranzen, in dem ich Salz aufbewahrte.

»Du musst mir nur verraten, wo du bist«, lockte die Hexe, ganz so, als hätte sie mir nicht erst vor einem Augenblick mit dem Tod gedroht.

Sie kann nicht zu mir kommen, erkannte ich. Das Eis schützt nicht nur sie, es schützt auch mich.

Das war seltsam. Wir starrten uns an, auch wenn wir uns nicht richtig erkennen konnten. Aus dem Nichts erblühten Blumen in der durchsichtigen Wand. Zuerst hielt ich sie für Rosen. Dann erkannte ich, dass es Blut war, erstarrt im kalten Griff des Eises. Die Symbole aus dem Grimoire umschlangen meine Arme inzwischen wie glühender Draht. Die Hand, mit der ich den Dolch hielt, zitterte.

Silber tötet Hexen, versuchte ich mich zu beruhigen. Falls sie die Eiswand durchbricht, ist sie geliefert. Aber ich wusste, so einfach würde es nicht werden.

»Verrat mir deinen Namen«, forderte die Hexe.

Ich schnaubte. »Verrat du mir erst deinen.«

Wieder musterten wir uns und selbst die Zeichen auf meiner Haut erstarrten für einen Augenblick, als wollten sie abwarten, was als Nächstes geschah.

»Margarete«, flüsterte die Hexe.

Zorn durchflutete mich, heißer und heftiger als der Biss der Hexenmale.

»Du hast kein Recht auf diesen Namen!«, fauchte ich, hob den Arm und stieß die Spitze des Dolches direkt ins Eis. Als das Silber das gefrorene Wasser berührte, verwandelte es sich in einen Spiegel. Plötzlich sah ich nicht mehr den Schemen meiner Gegnerin, sondern mich. Ausgehend von der Stelle, auf die ich mit dem Dolch eingestochen hatte, zogen sich haarfeine Risse über die Oberfläche. Gleichzeitig trug mich mein eigener Schwung nach vorn. Während um mich herum Teile des Spiegels in einem Splitterregen zu Boden fielen, machte ich einen Ausfallschritt.

Und plötzlich, von einem Augenblick auf den anderen, befand ich mich nicht mehr auf einem Bergpfad in der Anderswelt, sondern auf einem bewaldeten Hügel. Die Bäume um mich herum waren einfache Bäume, in deren Unterholz Wildtiere raschelten. Es roch auch nicht mehr nach Glockenblumen, sondern nach Pilzen, Holz und Erde. Und neben mir stand Rose.

Ich befand mich im Zarenreich. Von der Hexe war weit und breit nichts zu sehen.

»Na, das ging ja wirklich schnell«, sagte Rose und wandte sich mir zu. Als ihr Blick auf mich fiel, riss sie die Augen auf. »Geht es dir gut?«

Ehe ich antworten konnte, hörten wir hohe, klagende Laute.

Schwanensee

Was ist das?«, fragte ich. Die Geräusche klangen surrend, eindeutig nicht menschlich, doch voller Emotion. Die Härchen in meinem Nacken richteten sich auf. Rose umgriff ihren Kampfstab und zuckte mit den Schultern. »Sehen wir nach.«

Zügig schritten wir zwischen den Bäumen hindurch, meine Finger schlossen sich fest um den Dolchgriff – Rose’ Dolch. Als wir in der Abenddämmerung aus dem Schatten der Bäume traten, bot sich uns ein seltsamer Anblick. Ein See lag wie ein glitzernder Lapislazuli im Talkessel. Der Abhang vor uns war, anders als die anderen um das Wasser herum, völlig frei von Baumbestand und mit Gras bewachsen. Am Ufer des Sees, wo der Boden abflachte, hatte jemand einen notdürftigen Lagerplatz aufgeschlagen: eine kleine Gruppe Männer und Frauen in kostbaren Gewändern, die um eine Feuerstelle herumstanden und mit in den Nacken gelegten Köpfen in den Himmel starrten. Dort kreisten sieben Schwäne in der Luft. Sie waren nicht weiß wie die meisten ihrer Artgenossen, und auch nicht schwarz wie manche von ihnen, sondern silbern. Die Strahlen der untergehenden Sonne glänzten auf ihren Federn und verwandelten die Vögel in gleißende Lichtgeschöpfe. Sie streckten die langen Hälse aus und stießen mit ihren Schnäbeln jene Geräusche aus, die wir als klagende Laute wahrgenommen hatten. Das Seltsamste an ihnen war jedoch weder die Färbung ihres Gefieders noch ihre schaurig-berührenden Rufe, sondern die ungewöhnlich langen Schnäbel, die sie im Flug leicht geöffnet hatten. Sie waren fast so lang wie die von Störchen und ich fragte mich, ob sie ebenso lange Beine hatten oder wie sie sonst ihr Futter suchten. Dann jedoch war dieser Gedanke vergessen und ich verlor mich in der Schönheit des Augenblicks, im Anblick dieser majestätischen Vögel, die fliegenden Edelsteinen gleich über dem Wasser kreisten.

Wie die Menschen am Ufer, standen Rose und ich einfach nur da und lauschten ihrem seltsamen Gesang. Tränen stiegen mir in die Augen. Ob das daran lag, dass ich so berührt von der Begegnung mit den wilden Tieren war oder am strahlenden Licht, das ihre Federn reflektierten, wusste ich nicht.

Erst als dieses Strahlen langsam nachließ, wurde mir bewusst, dass die Sonne bereits fast hinter den Bäumen untergegangen war.

Ohne Vorwarnung wurde das Klagen der Schwäne schriller. Einer der Vögel löste sich aus der Kreisformation und flog im Sturzflug auf die Wasseroberfläche zu. Die anderen schlossen sich ihm an. Ihr Gesang verstummte. Im ersten Moment glaubte ich, sie wollten sich wie Taucher aus großer Höhe in den See stürzen. Dann wieherten Pferde erschrocken auf und ich begriff, dass die Vögel nicht auf das Wasser zustürzten, sondern die Menschen dort anvisierten.

»Muireann!« rief Rose in diesem Moment.

Sie hatte bereits ihren Kampfstock in beide Hände genommen und rannte den Abhang hinunter.

Die Schwäne stürzten sich auf die Menschen. Ihre langen Schnäbel erinnerten mich plötzlich an Schwerter. Die Fremden schienen noch immer wie in Trance, begriffen nicht, was um sie herum wirklich geschah.

»Achtung!« brüllte ich, doch sie hörten mich nicht. Wie der Wind flog auch ich bergab. Ich musste den Drang unterdrücken, Rose’ Dolch aus der Scheide zu ziehen. Stattdessen angelte ich nach der Schleuder und dem kleinen Säckchen, die Seite an Seite an einer meiner Gürtelschlaufen angebracht waren. Noch im Laufen löste ich den Verschluss und holte eine Handvoll spitzer Steine hervor. In die Menschen am Ufer kam endlich Bewegung.

»Deckung!«, rief einer der Männer und griff in die Lagerfeuerstätte, um einen schweren Ast emporzureißen. Ein anderer zerrte derweil ein Kurzschwert aus der Scheide und stellte sich schützend vor eine hochgewachsene Frau in einem atemberaubenden Gewand. Da waren die Schwäne allerdings auch schon heran. Der erste stürzte sich auf den dritten Mann, der wie vom Donner gerührt dastand. Verzweifelt beobachtete ich, wie der Schwan seinen Schnabel tief in seine Brust stieß und wieder herausriss. Blut spritzte in pulsierenden Strömen aus dem Oberkörper des Mannes und er sank wie ein Stein zu Boden. Zwei junge Frauen, die etwas abseits von den anderen standen, schrien laut und das Gras färbte sich um den Gefallenen herum rot, während der Schwan sich mit kräftigen Flügelschlägen in den Himmel erhob. Auch sein Schnabel glänzte rot. Das sollte gar nicht möglich sein! Woher nahm der Vogel die Kraft, seinen Schnabel so tief in den Brustkorb eines ausgewachsenen Mannes zu stoßen, das Leder und den Stoff seines Hemdes und die Haut zu durchstoßen, Fleisch, Sehnen und Muskeln zu durchdringen und dann aus eigener Kraft den Schnabel wieder zurückzureißen?

Der halbe Abhang lag zwischen mir und der Stelle, an der der Mann gestürzt war, aber ich blieb stehen. Schnell verlagerte ich mein Gewicht auf mein hinteres Bein und packte den ersten Stein in die Schleuder. Mit kräftigen Armbewegungen brachte ich sie zum Kreiseln und konzentrierte mich auf eine der mörderischen Bestien, die von dem Mann mit dem Kurzschwert verjagt worden war und gerade zu einem Sturzflug auf die beiden kreischenden Frauen ansetzte.

Ich ließ den Stein fliegen.

Ich hatte auf die Brust des Vogels gezielt, das Geschoss schlug jedoch zu weit rechts ein. Der Schwan wurde aus seiner Flugbahn gerissen und sackte nach unten. Einer seiner Flügel hing kraftlos herunter, der Vogel trudelte hilflos dem Boden entgegen. Der erste Kämpfer fackelte nicht lange. Kaum war das Tier auf dem Boden aufgekommen, packte er den Ast, den er aus der Feuerstelle gezogen hatte, mit beiden Händen und schlug der Bestie kräftig auf den Kopf. Das Knacken konnte ich bis hier hören. Der Vogel regte sich nicht mehr.

Inzwischen war Rose am Ufer angelangt und stellte sich neben den Schwertträger und die prächtige Dame, hinter deren Rücken die beiden anderen Frauen geflüchtet waren. Drohend hielt sie ihren Eschenstab erhoben und wehrte damit einen der Silberschwäne ab. Der Schwertkämpfer trennte derweil einem anderen den Kopf vom schlanken Hals. Das Blut, das diesmal das grüne Gras verdunkelte, stammte von einem der Monster. Stumm zollte ich dem Fremden meinen Respekt. Es konnte gar nicht so einfach gewesen sein, die kurze Schwertklinge am langen Schnabel des angreifenden Vogels vorbeizumanövrieren und dem Biest den Garaus zu machen.

In meiner Hand kreiselte unterdessen die Schleuder, beladen mit einem weiteren Stein. Der Schwan, auf den ich zielte, hatte einen rot glänzenden Schnabel. Ich ließ den Stein fliegen, als sich der Schwan auf die Gruppe am Seeufer stürzte. Ich traf ihn nicht. Stattdessen musste ich hilflos beobachten, wie sich ihm zwei seiner Gefährten anschlossen. Ihre messerscharfen Schnäbel durchschnitten surrend die Luft. Der Schwertträger und Rose kämpften mit einem weiteren Vogel, der abwechselnd auf sie einstach. Der Mann mit dem Ast sprang zu den Frauen. Mit seiner provisorischen Waffe gelang es ihm, zwei der Vögel abzuwehren, aber der dritte fand ein Ziel. Eine der Frauen schrie auf. Ihr erschreckter Ruf wurde jedoch bald zu einem Gurgeln und verstummte dann ganz. »Veronique!« Ihre Gefährtin sank verzweifelt auf die Knie, während die Dame zu ihnen herumfuhr. Blut strömte in solchen Mengen aus dem Hals der verwundeten Frau, dass klar war, dass jede Hilfe zu spät kommen würde. Wenigstens gelang es dem Kämpfer mit dem Ast, dem Schwan den Garaus zu machen. Leider waren immer noch drei weitere übrig. Rose wirbelte wie ein Derwisch am Ufer entlang und hieb immer wieder mit ihrem Eschenstab nach den fliegenden Bestien. Ich war froh, dass ihre Waffe lang genug war, um die Vögel mit den langen Schnäbeln auf Abstand zu halten. Die Biester wichen allerdings gekonnt ihren Stockschlägen aus. Mit dem Kampfstab würde sie nicht viel ausrichten können. Als mein dritter Stein sein Ziel verfehlte, stieß ich einen Fluch aus und huschte näher ans Ufer heran. Es sah nicht gut für uns aus. Unweit der Feuerstelle lag zwar ein Jagdbogen und ein Köcher mit Pfeilen. Die Männer und Rose waren allerdings so sehr damit beschäftigt, die Schwäne auf Abstand zu halten und die Frauen zu beschützen, dass sich niemand von der Gruppe lösen konnte, um danach zu greifen. Die Frau kniete heulend neben ihrer Gefährtin, die sich nicht mehr regte. Die Dame beugte sich schützend über sie und suchte hektisch den Himmel ab. Inzwischen war auch der Mann mit dem Kurzschwert in die Knie gegangen. Er blutete aus einer Wunde. Die verbliebenen Schwäne schienen hingegen fast unverletzt.

Mein vierter Stein fand endlich ein Ziel. Ich hatte sogar einen Volltreffer gelandet und einen der Vögel am Kopf getroffen. Wie ein Felsbrocken stürzte er aus dem Himmel und kam mit einem lauten Platschen auf der Seeoberfläche auf, wo er noch einen Moment lang trieb, ehe er in der dunkelblauen Tiefe versank. Noch drei, dachte ich, und dann zwei, als ich sah, dass die Männer sich gemeinsam auf eines der Tiere gestürzt hatten und mit ihren Waffen darauf einhackten. Der Mann mit dem Ast musste lebensmüde sein. Er hatte die Kreatur an den Füßen gepackt und ließ nicht los, bis sie sich nicht mehr regte. Mein fünfter Stein flog durch die Luft, als die letzten beiden Schwäne auch endlich meiner gewahr wurden. Sie flogen direkt auf mich zu. Mist, dachte ich, und nestelte so schnell ich konnte einen weiteren Stein aus meinem Beutel. Jetzt musste jeder Wurf sitzen. Gleichzeitig konnte ich mir nicht die Zeit nehmen, genau zu zielen, denn wenn ich zu lang wartete, wären die Biester heran und dann würde mich zumindest ein Schwan erwischen. Ich spürte, wie mir Schweiß in die Augen lief.

Da gab es diesen Spruch, den meine Mutter mir als Kind beigebracht hatte. Eigentlich war er dazu gedacht, Muscheln zum Tanzen zu bringen.

»Lauf weg!«, hörte ich Rose schreien.

Meine Konzentration war unterbrochen.

Die Vögel setzten bereits zum Sturzflug an.

Ich ließ meinen Stein fliegen. Er traf sein Ziel und warf einen der Schwäne aus der Flugbahn.

Ich fingerte nach einem weiteren Stein, wusste jedoch bereits, dass es zu spät war. Also hob ich den Silberdolch aus dem Gras, während sich der Schwan mit ausgestreckter Schnabelspitze auf mich stürzte. Ein dumpfes Geräusch ertönte und der silberne Körper vor mir wurde in die Höhe gerissen. Ungläubig sah ich, wie der lange Schwanenhals zur Seite geschleudert wurde. Etwas Heißes tropfte mir ins Gesicht. Der Vogelkörper flog über mich hinweg und landete hinter mir im Gras, von einem Pfeil durchbohrt, aber noch flatternd. Überrascht keuchte ich auf und wandte den Kopf. Rose kniete neben dem Lagerfeuer, den Bogen in der Hand. Hinter ihr stand die schöne Dame in ihrem hellgrünen Kleid. Das blonde Haar hing ihr wirr in die Stirn, die Hände umschlossen fest Rose’ Eschenholzstab. Sie sah nicht so aus, als ob sie wirklich wüsste, was sie damit anfangen sollte, wirkte jedoch entschlossen, den Stab einzusetzen, wenn von irgendwoher noch ein Schwan auftauchen sollte. Als Rose erkannte, dass es mir gut ging, ließ sie erschöpft den Bogen fallen und drehte sich zu dem Schwertkämpfer um, der von dem anderen Mann gestützt neben der weinenden Frau stand und sich einen abgerissenen Stoffärmel auf die Schulterwunde presste. Er schwankte gefährlich.

Grimmig presste ich die Lippen zusammen, drehte mich um und stieß den Silberdolch mit kalter Wut in die Bestie vor mir. Der Schwan öffnete seinen gewaltigen Schnabel wie zu einem letzten Schrei, doch kein Laut erklang mehr. Warmes Blut quoll zwischen den silbernen Federn hervor, als ich meine Waffe wieder herausriss. Endlich trübten sich die Augen des seltsamen Wesens und sein Zittern erstarb. Der Schwan war tot.

Als ich zu den anderen rannte, begriff ich erst, dass die Schlacht geschlagen war. Vor den Männern auf dem Boden lag ein toter Schwan. Sein Kopf war eine breiige Masse, wo der Ast ihn in die Erde gestampft hatte. Sie hatten dem Monster zusätzlich mit dem Kurzschwert den Hals durchtrennt.

Bis auf unser Schnaufen und Keuchen und das Weinen der Frau war es still. Der Schreck saß allen tief in den Knochen. Die fremde Dame gab Rose den Kampfstab zurück und kniete sich neben ihre Gefährtinnen.

»Sie ist tot.« Zärtlich strich sie der Leiche über die Wange.

»Claude auch«, murmelte der Astträger geschlagen und die Dame stöhnte auf.

Rose kam bis auf Armlänge auf mich zu und sah mir fest in die Augen. »Das war knapp.«

»Danke«, sagte ich schlicht. Mehr nicht.

Gern wäre ich ihr sofort in die Arme gefallen und hätte mich versichert, dass es ihr auch gut ging. Aber wir waren nicht allein.

»Wer seid ihr?«, fragte der Schwertträger, legte seine Waffe zu Boden und presste sich die Hand auf die blutende Wunde. »Danke für eure Hilfe.« Er redete in der Gemeinen Zunge, eine Sprache, die über die Ländergrenzen hinweg verwendet wurde. Vielleicht stammte er auch nicht aus dem Zarenland. Er war ein Hüne mit schulter­langem Haar und gestutztem Bart, die Verletzung beeinträchtigte ihn, aber er wirkte wachsam.

»Mein Name ist Rosenrot«, sagte Rose und deutete dann auf mich. »Das ist Schneeweißchen. Wir sind … Kämpferinnen.«

Der Mann hob eine Augenbraue. Ehe er antworten konnte, trat die schöne Dame neben ihn. »Auch ich danke Euch sehr für Eure Hilfe. Seid Ihr Reisende?«

Wir nickten.

»Dann seid heute Nacht an unserem Lagerfeuer willkommen, wenn Ihr mögt.« Sie lächelte verhalten. »Ruht Euch aus und pflegt Eure Wunden.«

»Wir sind nicht verletzt.«

»Dann esst zumindest mit uns und stärkt Euch.«

Rose und ich blickten einander an. Hinter den Baumwipfeln im Westen ging die Sonne unter.

»Verratet Ihr uns Eure Namen?«, fragte ich und die Fremde nickte.

»Mein Name ist Ilena. Ich bin die Königin von Burgund.«

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391 стр. 3 иллюстрации
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9783959915182
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