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Carola Schierz
Das Blutsiegel von Isfadah (Teil 2)
Die Rückkehr des Erben
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Sina
Farid
Finea
Ammon und Fanida
Kamir
Farid
Sina
Kamir
Sina
Sandor
Sina
Farid
Kamir
Sina
Sandor
Sarah
Farid
Sarah
Kamir
Sarah
Kamir
Sina
Kamir
Sandor und Kossmo
Sina
Ismee
Lester
Lina
Fanida
Kamir
Fanida
Kamir
Ismee
Kamir
Lina
Sandor und Kossmo
Kamir
Lina
Sina
Kamir
Farid
Lina
Kamir
Einige Wochen zuvor …
Ammon
Kamir
Ein paar Monate später ...
Impressum neobooks
Sina
Sina saß in ihren Räumlichkeiten und prüfte die Bevorratungslisten des Tempels. Vergeblich versuchte sie, sich auf die vielen Zahlen vor ihren Augen zu konzentrieren. Sie konnte es wie immer kaum abwarten, endlich ihren abendlichen Gang zur Kontrolle des Blutsiegels anzutreten. Zu groß war ihre Sorge um das Befinden von Finea, dem kleinen Ammon und Lord Arko. Obwohl Farid jegliche Verbindung zum Tempel gelöst hatte, gingen die Wächterinnen weiterhin ihrer wichtigsten Bestimmung nach: Sie wachten über das Wohl der königlichen Familie. Dabei gab es jedoch seit jeher feste Abläufe. Außer Sina waren noch zwei andere Wächterinnen dazu autorisiert, diesen ehrenvollen Gang zu absolvieren, und sie wechselten sich dabei ab. Sina war demzufolge nur jeden dritten Tag an der Reihe. Ihr fiel es unsagbar schwer, nicht häufiger nachzusehen, doch um unnötiges Aufsehen zu vermeiden, hielt sie sich zurück. Heute war es endlich wieder so weit.
Als die Zeit gekommen war, musste sie an sich halten, um nicht zu rennen. Mit klopfendem Herzen trat sie schließlich an das Heiligtum heran. Angespannt nahm sie das erste Fläschchen aus dem Versteck. Mit Ammon war alles in Ordnung. Aufatmend legte sie es zurück und griff nach dem nächsten. Sie zog die Stirn in Falten, als sie sich Fineas Probe ansah. Sie war ziemlich trüb, aber das musste noch nichts Schlimmes bedeuten. Vielleicht war sie einfach nur erkrankt. Sina versuchte zunächst, vom Besten auszugehen.
Doch als sie schließlich Lord Arkos pechschwarze Probe in der Hand hielt, wusste sie, dass etwas Schreckliches passiert war. Der Raum um sie herum begann sich zu drehen und ihr wurde speiübel. Sie musste sich setzen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Sie hatte Arko kaum gekannt. Darum war ihre Sorge um Finea und den Jungen weitaus größer als ihre Trauer um den Toten.
Sina wurde fast verrückt dabei, alle Varianten durchzugehen, die zu diesem Ergebnis geführt haben konnten. Was war passiert? War Arko vielleicht den Folgen eines Unfalls erlegen? Dann wäre Finea jetzt ganz auf sich gestellt und müsste sich allein um den Jungen kümmern. Dass es ihr dabei nicht besonders gut gehen mochte, wäre nachvollziehbar. Zumindest schien diese Erklärung sehr viel wahrscheinlicher als die schlimmste Version: Ihre Enttarnung. Oder war hier doch eher der Wunsch der Vater des Gedankens?
Irgendwie musste Sina Genaueres herausfinden. Dazu würde sie das Blutsiegel ab sofort doch täglich aufsuchen müssen, um häufiger nach den Proben sehen zu können. Wenn sie weiterhin stabil blieben, bestand die berechtigte Hoffnung, dass zumindest Finea und der Junge wohlauf waren.
Oder sollte sie ihr doch lieber einen Raben senden? Dann könnte ihn Finea mit einer Antwort zu ihr zurückschicken. Doch was, wenn Sinas Nachricht in falsche Hände geriet und sie damit ihre Schützlinge erst recht in Gefahr brachte? Sie hatten damals schließlich nicht ohne Grund vereinbart, dass Sina nur Kontakt zu Arko und Finea aufnehmen durfte, wenn sie die beiden vor einer ernsthaften Bedrohung warnen müsste.
Sie war wohl oder übel gezwungen abzuwarten, und Finea, ihrem klügsten und treuesten Zögling, zu vertrauen. Sie glaubte fest daran, dass die junge Frau durchaus in der Lage war, sich auch allein um Ammons Wohl zu kümmern. Inzwischen war er ja schon sechs Jahre alt und sollte aus dem Gröbsten heraus sein.
Wenn sich das Ergebnis allerdings weiter ins Negative verändern würde, musste sie sich dringend etwas einfallen lassen, um die beiden zu finden. Im Moment hoffte sie nur inständig, dass es nicht schlimmer wurde, als es bereits schon war. Ihre Gedanken kamen nicht zur Ruhe. Immer neue Szenarien tauchten vor Sinas innerem Auge auf. Keines war befriedigend. Egal, was auch immer geschehen sein mochte, eines stand fest: Die arme Finea musste sich sehr hilflos vorkommen, ohne Lord Arkos männliche Unterstützung.
Die Großpriesterin hoffte, dass die junge Wächterin im Ernstfall selbst einen Weg finden würde, um ihrerseits Kontakt zu ihr aufzunehmen.
Routinemäßig kontrollierte sie noch alle anderen 'offiziellen' Proben. Dabei musste sie sich zum wiederholten Male eingestehen, dass sie bei der von Farid insgeheim auf eine Schwarzfärbung hoffte. Das entsprach absolut nicht ihrem Naturell, doch dieser Mensch schaffte es, auch in ihr dunkle Seiten zu erwecken. Erwartungsgemäß waren jedoch alle in einem tadellosen Zustand. Den Kopf voller Sorgen verließ Sina den geheiligten Ort und begab sich zurück in ihre Gemächer.
Farid
Endlich! Sie hatten die junge Blutwächterin in ihrer Gewalt. Zufrieden legte Farid das Papier mit der erfreulichen Botschaft auf den Tisch und griff nach der Weinkaraffe. Darauf musste getrunken werden! Genüsslich ließ er einen Schluck des guten Tropfens seine Kehle hinunterrinnen und lächelte, als er spürte, wie der Rebensaft seine Magenwände streichelte.
Schon am folgenden Tag wurden die Männer zurückerwartet, welche die rothaarige Hexe nach Isfadah brachten. Arko war tot. - Jetzt wirklich! Das Kind, ob es sich nun um seinen Neffen handelte oder nicht, war in den Flammen der brennenden Hütte umgekommen. Die Männer hatten sie in jener Nacht komplett umstellt und hätten definitiv gesehen, wenn auch nur eine Maus versucht hätte, das Gebäude zu verlassen. Dies bezeugte zumindest der Söldnerführer in seinem Schreiben. Auf den Mann war Verlass! Das hatte er Farid bereits in zahlreichen Situationen bewiesen. Wenn sie zurück wären, würde er sich die ehemalige Wächterin persönlich vornehmen und dazu bringen, ihm alles zu verraten, was sie wusste. Damit konnte er vielleicht gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.
Farid hasste Sina und ihren Tempel. Sollte die Großpriesterin in irgendeiner Form in diese Sache involviert sein - und das hielt er durchaus für möglich - würde er sie zur Verantwortung ziehen. Dann hätte er auch endlich etwas in der Hand, um sie und ihren elenden Tempel zu zerstören. Doch dazu brauchte er zuvor das Geständnis der Rothaarigen. Sina ohne ausreichende Beweise verhaften zu lassen, wäre, aufgrund ihres hohen Ansehens im Volk, nicht klug. Doch er sollte dieses Geständnis ganz sicher bekommen, dafür würde sein Folterknecht schon sorgen ... Farid wollte es genießen, dabei zuzusehen. Schon bei der Vorstellung schoss ihm das Blut in die Lenden ... Am Ende wartete unweigerlich das Schafott auf die schönen Wächterinnen. Auf beide! Sie würden, wegen Ausübung schwarzer Magie und Beihilfe zur Flucht, zum Tode verurteilt werden. Dafür müsste er allerdings öffentlich machen, dass sie Arko geholfen und damit Farid an der Nase herumgeführt hatten. Da diese Peinlichkeit von seinen Männern inzwischen jedoch erfolgreich bereinigt worden war, blieb der Schaden begrenzt. So wäre er mit einem Schlag alle Beteiligten an der Verschwörung gegen ihn los.
Die Sache mit dem vermeintlichen Kindertausch würde er nur im Stillen verfolgen. Es war eh nur eine vage Vermutung und wahrscheinlich vollkommen unbegründet. Der Knabe konnte ihm so oder so nicht mehr schaden und es würde nur schlafende Hunde wecken – und Ismee verwirren.
Wieder schlich sich ein überlegenes Lächeln auf seine Züge. Beschwingt, durch die positive Entwicklung in dieser Angelegenheit, beschloss er, Ismee in ihren Gemächern aufzusuchen.
Ein wenig Plauderei und ein anschließendes Schäferstündchen mit der Frau seiner Träume würden diesen Tag zu einem perfekten werden lassen.
Er fand sie auf ihrem Balkon. Sie trank, wie fast jeden Abend, Wein. Er interpretierte das so, dass sie ihr Leben an seiner Seite jetzt doch zu genießen verstand. Sie erfüllte Farids Bedürfnisse in jeglicher Hinsicht. Sie führte ausgedehnte Unterhaltungen mit ihm, trat in der Öffentlichkeit an seiner Seite vorbildlich auf und teilte bereitwillig mit ihm das Bett. Zwar wurde Farid des Öfteren auf Ismees Gesundheitszustand angesprochen, tat ihre Blässe aber mit einem ihr angeborenen hellen Teint ab. Sie unterstrich ihre zarte Eleganz und Farid fand das eher reizvoll als besorgniserregend. Zumal Ismee ihm immer versicherte, dass es ihr an nichts fehle.
„Farid, wie schön, dass du noch vorbeischaust!“, sagte sie leise und er übersah absichtlich die kleine Falte zwischen ihren Brauen, die dort für kurze Zeit erschienen war und ihre Worte Lügen strafte.
„Ich hatte Sehnsucht nach meiner schönen Gemahlin“, erwiderte er seinerseits wahrheitsgemäß. Er trat zu ihr und küsste ihre Hand. Als er mit seinen Lippen ihren Nacken berührte, bildete sich dort sofort eine Gänsehaut, die er als Bestätigung seiner Anziehungskraft auf sie wahrnahm. Zufrieden setzte er sich zu ihr.
„Möchtest du auch ein Glas Wein?“, fragte sie beflissen.
Er lehnte sich entspannt zurück. „Wie könnte ich die Einladung einer so schönen Frau ablehnen? Vielleicht lassen wir das als gemeinsamen Schlummertrunk gelten, denn ich habe nicht vor, dich danach wieder zu verlassen. In dieser Nacht möchte ich dich mit allen Künsten der Liebe verführen.“
Sie lächelte, schwieg jedoch und nickte nur zustimmend.
'Ja, sie freut sich ebenfalls darauf' , ging es ihm durch den Kopf. 'Sie ist nur von zu edler Natur, um über diese Dinge zu sprechen.'
Gemeinsam unterhielten sie sich über die kleinen Unwichtigkeiten des Alltags. Neben dem aktuellen Hofklatsch kamen auch Linas Probleme mit dem Hoflehrer zur Sprache, von dem sie seit Kurzem in allen wichtigen Dingen unterrichtet wurde.
Die Kleine war ein wahrer Wildfang. Immer fröhlich, aber auch schwer zu bändigen. Sie hatte einen ausgesprochenen Dickkopf. Der Lehrer hatte seine liebe Not mit ihr. Sie gehorchte ihm oft nicht und konzentrierte sich nicht gern auf Dinge, die zwar wichtig, aber in ihren Augen einfach zu langweilig waren. Mit ihrer ehrlichen, frischen und manchmal etwas frechen Art, brachte sie Leben ins Schloss. Ihr Faible für Kamir war noch immer nicht verschwunden. Er musste mittlerweile recht oft mit ihr und ihren Kuscheltieren die Teestunde verbringen. Es war für jeden Beobachter amüsant zuzusehen, wie Lina jede junge Dame an Kamirs Seite mit bösen Blicken durchbohrte. Und fast immer gelang es ihr, ihren großen Freund unter einem Vorwand von diesen Damen fortzulocken. Kamir konnte ihrem flehenden Blick einfach nicht widerstehen und ließ die ein oder andere Verehrerin frustriert zurück. Und gelegentlich krönte Lina ihren Sieg, indem sie der Verliererin noch unauffällig die Zunge herausstrecke. Natürlich wagte niemand, die Prinzessin in ihre Schranken zu weisen. Unter den strengen Augen ihrer Mutter vermied das Mädchen wohlweislich derartige Entgleisungen.
Als Farid, seiner Meinung nach, genug mit Ismee geredet und auch getrunken hatte, führte er seine Frau zum Bett. Er setzte sich, während sie auf seinen Wunsch hin ihre Kleider ablegte. Sofort reagierte seine Männlichkeit aufs Heftigste und er erhob sich. Langsam umkreiste er die nackte Ismee und entledigte sich langsam seiner eigenen Sachen. Genießerisch fuhr er mit seinen Fingern über die weiblichen Rundungen ihres Körpers. Ihre Brustwarzen reagierten auf seine Berührung und formten sich zu harten Knospen. Er küsste ihren Nacken und massierte mit den Händen gleichzeitig ihre Brüste. Dann zog er sie zum Bett und legte sich so, dass sie rittlings auf ihm Platz nehmen konnte. Sie hielt ihre Augen geschlossen, während sie ihn tief in sich einließ und ihren sündigen Rhythmus aufnahm. Kurz bevor er zu kommen drohte, warf er sie auf den Rücken und führte die letzten Stöße in der ihm gebührenden überlegenen Position aus. Stöhnend gab er seinen Samen frei, der bisher leider noch immer nicht auf fruchtbaren Boden gefallen war.
Als sie später nebeneinander lagen, hatte Ismee ihm ihre schöne Kehrseite zugewandt. Farid betrachtete sie ausgiebig. Er konnte ihr keinen Vorwurf im Bezug auf die Kinderlosigkeit ihrer Ehe machen. Zum einen hatte sie schon ein Kind bekommen und war damit nachweislich nicht der Grund dafür, zum anderen hatte das Blutsiegel ihnen genau dies prophezeit.
Seine Mutter hörte jedoch überhaupt nicht mehr damit auf, ihn diesbezüglich zu bedrängen. Langsam musste er wohl oder übel in den sauren Apfel beißen und eine der Hofdamen schwängern. Um einen Thronerben zu zeugen, konnte er nicht einfach eine dahergelaufene Magd packen und solange beschlafen, bis sie ein Kind empfing. Seine Mutter war schon emsig dabei, die Damen bei Hofe nach Gesundheit, Intelligenz und Schönheit einzustufen. Wenn Farid dann eine Wahl getroffen hätte, müssten Verhandlungen mit der Familie der Auserwählten aufgenommen werden. Die Position als offizielle Mätresse des Königs wäre nicht die schlechteste. Und als Mutter des Thronerben hätten sowohl die junge Frau als auch deren Familie für den Rest ihres Lebens ausgesorgt.
Er empfand die Vorstellung lästig. Denn anders als jene Frauen, die ihn ab und zu seine 'anderen' sexuellen Gelüste stillten, müsste er diese umwerben und ihr sein Interesse heucheln. Es widerte ihn jetzt schon an. Nach wie vor war Ismee die einzige Frau im Universum, die es schaffte, sein Herz zu berühren. Wenn er mit ihr das Bett teilte, war er nahezu wunschlos glücklich. Sie brachte das Monster in ihm zum Schweigen. Er griff mit einer Hand in ihr weiches Haar und schlief so ein.
Am nächsten Morgen warteten dringende Staatsgeschäfte auf ihn, darum verabschiedete er sich widerwillig in aller Frühe von seiner Gemahlin.
Er bekam nicht mit, was geschah, als er den Raum verlassen hatte. Wie jedes Mal, nach einer Nacht mit Farid, sprang Ismee aus dem Bett, sobald sich seine Schritte entfernt hatten. Dann rief sie nach der Magd und befahl ihr, ein heißes Bad herzurichten. Sie eilte zum Schrank und spülte mit Branntwein mehrere Male den Mund aus. Dabei vermied sie es, in den Spiegel zu sehen. Erst nach dem Bad hatte sie weniger das Gefühl, eine schmutzige Hure zu sein …
Finea
Die Zeit im Kerker verging nur langsam. Es war kalt hier und roch muffig. Finea war dennoch froh, dass die beschwerliche Reise vorüber war. Man hatte sie verkehrt herum auf ein Pferd gesetzt und ihr die Hände auf den Rücken gefesselt. So kam der Trupp schneller voran als mit einem Wagen und sie hatte trotzdem keine Chance zu fliehen. Nicht nur einmal war Finea fast vom Pferd gefallen.
Doch das alles war nichts gegen den seelischen Schmerz, den sie gewaltsam zu unterdrücken versuchte. Arko und die Kleinen waren tot. Sie hatte eindeutig die Schreie beider Kinder gehört und Fanida sogar als Schatten am Fenster gesehen. Kurz darauf war der Dachstuhl eingestürzt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie noch lebend aus dem Haus herausgekommen waren, ging gegen null. Würde sie sich jedoch gänzlich ihrer Trauer hingeben, hätte sie ihrem Leben bereits ein Ende gesetzt. Das Mittel dazu, die tödlichen Beeren der Maruccapflanze, hatte sie schon seit Langem in ihrem Ärmelsaum eingearbeitet. Diese Vorsichtsmaßnahme traf sie, nachdem der Stadtvater von Limera ihr Wächterinnenmal entdeckt und sie vor Sorge kein Auge mehr zubekommen hatte. Ein bis zwei davon würden ausreichen, um eine Frau von ihrer Statur in den schnellen und sicheren Tod zu schicken. Doch sie hoffte, zuvor noch einmal Sina sehen zu können. Finea wusste: Sobald ihre Meisterin davon erfuhr, dass sie hier war, würde diese versuchen, zu ihr in den Kerker zu gelangen.
Etwas später vernahm sie Schritte und das Geräusch eines Schlüssels im Schoss des Gitters. Ein Mann betrat die Zelle und brachte ihr einen Krug Wasser und etwas Brot. Als er schon wieder gehen wollte, erkannte sie in ihm jenen Wärter, den Sina damals bestochen hatte, um Arko den befreienden Trank zukommen zu lassen.
„Wartet!“, rief sie ihm nach. Zögerlich drehte er sich um und kam zu ihr zurück. „Ich erkenne Euch wieder. Ihr seid der Wärter, der …!“
„In Dreiteufelsnamen schweigt! Oder wollt ihr mich gleich mit aufs Schafott nehmen?“, fuhr er sie an.
„Verzeiht! Aber Ihr seid meine letzte Chance. Bitte sagt Sina, dass ich hier bin. Ich muss sie unbedingt sprechen.“
Er sah sie mitleidig an. „Es tut mir leid, aber ich muss Euch jegliche Hoffnung auf Rettung nehmen. Der König hat angeordnet, dass jeder Gefangene, der in diesen Mauern stirbt, seinen Männern präsentiert werden muss, bevor der Leichnam abtransportiert werden darf. Die stoßen den Toten ihren Dolch ins Herz, um sicherzugehen, dass so etwas wie bei Lord Arko sich nicht wiederholt.“
„Seit wann weiß er davon, dass Arko geflohen ist und wie hat er es überhaupt erfahren?“, wollte Finea wissen.
„Keine Ahnung. Offiziell ist auch nichts davon bekannt. Kurz nach dem fünfjährigen Thronjubiläum des Königs wurde plötzlich dieser Befehl herausgegeben. Und noch etwas Seltsames geschah: Der Totengräber wurde wegen Leichenschändung zum Tode verurteilt. Ich bin mir sicher, dass es nur einen Grund dafür geben kann: Der König wusste spätestens zu diesem Zeitpunkt von Lord Arko. Das Ihr jetzt hier seid, ist für mich der letzte Beweis.“
Finea nickte zur Bestätigung. „Sie haben uns vor ein paar Tagen in Blumare gefunden. Ich bin die einzige Überlebende unserer kleinen Familie.“ Eindringlich hob sie den Blick. „Ich muss mit Sina sprechen. Bitte versucht es.“
Der Mann sah sie hoffnungslos an. „Ich werde es probieren, aber macht Euch keine Hoffnung. Es ist nahezu unmöglich.“ Mit diesen Worten ließ er sie allein.
Nur wenig später hörte sie erneut Schritte. Es schienen mehrere Personen zu sein.
Die kurz aufkeimende Hoffnung, es könne sich um Sina handeln, wurde spätestens in dem Moment zerstört, als plötzlich Farid vor ihr stand und sie herablassend anlächelte.
„Welch eine Freude, Euch zu sehen, ehrwürdige Wächterin. Viel zu lange haben wir Euer liebreizendes Antlitz entbehren müssen.“ Langsam trat er an sie heran und griff nach einer ihrer langen roten Haarlocken. Genüsslich ließ er sie durch seine Finger gleiten und näherte sich mit seinem Mund ihrem Ohr. „Schade, dass uns diese Schönheit bald für immer verloren geht. Der Henker hat selten ein solches Prachtweib in seine tödlichen Finger bekommen. Die öffentliche Auspeitschung vor Eurer Hinrichtung wird vielen unserer Untertanen eine Augenweide sein.“ Er richtete sich wieder auf und sah sie abwartend an.
„Wie habt Ihr uns gefunden?“, fragte sie mit gefasster Stimme.
Er sah sie triumphierend an. „Erinnert Ihr Euch an den Stadtvater von Limera? Ihr wart ihm in einer misslichen Lage behilflich und glaubt mir, sein Dank ist Euch auf ewig gewiss. Er war mein Gast, während der Feierlichkeiten zu meinem Thronjubiläum. Auf einem Gemälde im Ballsaal entdeckte er das Zeichen der Wächterinnen.“ Er holte einen Dolch hervor und schnitt ihr Kleid an der Schulter entzwei. Angewidert strich er über die Narbe, die das Mal ersetzte, das Finea einst als Wächterin des Tempels auswies. „Eines ergab das andere. Den Rest kennt Ihr selbst.“ Er machte eine Pause und legte den Kopf schief. Eindringlich betrachtete er sie. „Es wäre nett von Euch, meine Liebe, wenn Ihr mir sagen könntet, ob es sich bei dem Knaben, von dem jener Stadtvater sehr angetan sprach, um meinen Neffen handelte. Und genauso gern würde ich wissen, inwiefern die ehrwürdige Sina in die ganze Sache involviert war. Und ich bin überzeugt, dass sie es war.“
Finea schwieg. In ihrem Inneren fragte sie sich voller Verzweiflung, warum sie vor Arko nicht darauf bestanden hatte, dass sie Bluemare verließen. Sie hätte besser auf ihr Gefühl hören und nicht Arkos Verharmlosungen Glauben schenken sollen. Es war allerdings auch für sie wesentlich angenehmer gewesen, darauf zu hoffen, dass sie dort gemeinsam leben könnten, bis Ammon alt genug war, um sein Erbe einzufordern. Jetzt war alles aus. Finea sah keinen Sinn mehr darin, am Leben zu bleiben. Wohin immer ihre Seele nach dem Tode auch ging, sie wollte dort sein, wo ihre Familie war. Doch eines stand für sie fest: Von ihr würde Farid kein Wort erfahren! „Ich weiß nicht, wovon Ihr redet. Ich habe Arko damals allein befreit. Ich hatte mich im selben Moment in ihn verliebt, in dem ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Das war lange bevor er angeklagt wurde. Wir hielten unsere Liebe geheim, aus Rücksicht auf meine Stellung im Tempel. Als er dann zum Tode verurteilt wurde, wollte ich mit ihm fliehen und ein gemeinsames Leben aufbauen. … Sina hätte das Ganze niemals unterstützt! Das sollte Euch eigentlich klar sein! Ich gab Arko den Trank, der ihn zum Schein sterben ließ, schon vor dem Prozess. Unauffällig ... als ich mit der Königin im Kerker weilte. Der Junge war unser gemeinsames Kind. Ich war bereits im vierten Monat schwanger, als wir flohen.“
Farid sah sie beinahe freundlich an, bevor er ausholte und ihr mit der flachen Hand fest ins Gesicht schlug. Finea spürte einen brennenden Schmerz und schmeckte Blut, vermied aber jeden Laut. Er sollte sie nicht jammern hören. Der Schmerz des Schlages überdeckte für einen Moment den der Trauer und das tat beinahe gut.
Farid schloss die Augen und atmete tief durch. „Verzeiht! Ein Ausrutscher. Ich lasse mich nur nicht allzu gern vorführen. Zufälligerweise hat uns Sina erklärt, Ihr würdet den Tempel andernorts vertreten. Warum sollte sie so etwas behaupten, wenn Ihr zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr zu den Wächterinnen gehört habt? Und dann noch Eure Aussage gegenüber dem Stadtvater von Limera. Ihr sagtet ihm, der Junge wäre Euer Neffe. Das Kind Eurer Schwester. Warum diese Geschichte?“
„Ich schätze, Sina wollte den Tempel nicht in Schande stürzen. Eine schwangere Wächterin, die durchbrennt, ist nicht gerade eine Ehre für den Orden. Sie wusste von der Schwangerschaft, aber nicht wer der Vater des Kindes war! Was meine Erklärung gegenüber dem Stadtvater von Limera betrifft: Ich war der Überzeugung, der Mann würde sich früher oder später erinnern, wofür das Mal steht. Eine Wächterin, die Mutter ist, wäre ihm seltsam vorgekommen. Hingegen eine Wächterin, die für einen gewissen Zeitraum ihre Familie unterstützt, eher nicht. Ich wollte keine Aufmerksamkeit auf mich und damit auf Arko lenken, um uns zu schützen. Wie man sieht war dies durchaus notwendig, aber leider erfolglos.“
Sie sah Farid an, dass er ihren Worten nicht traute. Nur mühsam beherrschte er seinen Zorn. „Gut! Ich dachte, wir könnten uns das ersparen, aber ... Da ich mir noch immer ziemlich sicher bin, dass Sina hinter alldem steckt, werden wir unsere kleine Unterhaltung im Beisein des Folterknechtes fortsetzen. Ich lasse Euch jetzt eine Stunde Zeit zum Nachdenken. Entweder Ihr sagt freiwillig gegen die Großpriesterin aus und beeidet dies schriftlich oder man bringt Euch dazu. Ihr habt die Wahl!“ Er nickte seinen Begleitern zu und ließ sie allein.
Finea wusste, sie hatte keine Chance. Sie hielt nichts mehr in dieser Welt und jede Stunde, die sie länger lebte, würde Sina nur unnötig in Gefahr bringen. Sie war sicher nicht zimperlich, doch einem Verhör, unter den Händen eines Folterknechtes, war sie nicht gewachsen. Irgendwann, wenn die Schmerzen zu groß wären, würde sie zusammenbrechen und alles gestehen, was Farid von ihr verlangte. Und im Gegensatz zu ihr hing Sina an ihrem Leben. Sie sollte es behalten. Diese Welt war besser mit Sina darin.
Entschlossen riss sie ihren Ärmelsaum auf und holte die fünf winzigen getrockneten Beeren hervor. Sie lächelte, als sie sie sich in den Mund schob. Sie schmeckten, wider erwarten, angenehm süß. 'Wie schön, mit diesem lieblichen Geschmack auf der Zunge, die Reise zu Arko und den Kindern anzutreten', war das Letzte, was Finea dachte, bevor sich ihr Geist von ihrem Körper löste und sie diese Welt für immer verließ.
Als Farid später mit seinem Gefolge zurückkehrte, fand er sie lächelnd vor, den Blick ins Unendliche gerichtet. Er stieß laut einen derben Fluch aus und verließ, bebend vor Zorn, den Kerker.
Seine schlechte Stimmung sprach sich unter den Dienstboten schnell herum. Da sich alle Mägde weigerten, sein Gemach zu betreten, um sein Bett für die Nacht vorzubereiten, wurde ausgelost wer sich der Gefahr seiner Nähe aussetzen musste. Schließlich sah man die beiden unglücklichen Verliererinnen, mühsam ihre Tränen zurückhaltend, in Richtung seiner Gemächer eilen. Jeder, der ihnen auf ihrem angstvollen Weg begegnete, senkte den Blick betreten und wünschte ihnen im Geiste, dass sie verschont bleiben mögen.
Ammon und Fanida
Die Kinder waren den Männern, die ihren Vater getötet und ihre Mutter entführt hatten, einen ganzen Tag lang gefolgt. Sie liefen einfach immer weiter in die Richtung, in der die Reiter verschwunden waren. Am Abend entschieden sie sich dafür, unter einem Felsvorsprung die Nacht abzuwarten. Bei Tagesanbruch setzten sie ihren Weg fort. Als sie etwas später einen Fuhrmann trafen, fragte ihn Ammon nach der Richtung, in der sie nach Isfadah gelangen würden. Als der Mann die beiden mit gerunzelter Stirn ansah und fragte, warum zwei einsame kleine Kinder dies wissen wollten, log er ihn an. „Mein Vater belädt nicht weit von hier den Wagen. Er meinte, ich soll nicht herumstehen, sondern an der Straße nach jemandem Ausschau halten, der uns den Weg weisen kann.“
Der Mann schüttelte missmutig den Kopf. „Nicht zu fassen! Richte deinem Vater aus, dass er in Zukunft besser auf euch achten soll. Es verschwinden immer wieder Knaben spurlos.“ Er wies in Richtung Süden. „Nach Isfadah geht es da lang. Seht jetzt zu, dass ihr zurück zu eurem Vater kommt!“
Ammon bedankte sich artig und der Mann fuhr davon. Also liefen sie weiter die Straße entlang. Fanida hielt ihre Puppe die ganze Zeit über fest an die kleine Brust gepresst und versicherte ihr ununterbrochen, dass alles wieder gut werden würde.
Sie versteckten sich im Gebüsch, sobald ihnen ein Wagen entgegenkam. In den ersten beiden Tagen hatten sie Glück und fanden ein paar Beeren am Wegesrand und auch frisches Wasser in einem Bach. Doch dann wurde der Hunger so unerträglich, dass sie sich an die Straße setzten und auf ein Wunder warteten.
Besagtes Wunder vermuteten sie, gegen Mittag des dritten Tages, gefunden zu haben. Es kam in Form eines stattlichen Fuhrwerks, auf dem ein Mann und eine Frau mittleren Alters saßen und welches direkt vor ihnen anhielt.
„Was macht ihr denn hier, ihr kleinen Strolche? Haben euch eure Eltern ausgesetzt?“, fragte der Mann mit einem breiten Lächeln.
Ammon entschloss sich diesmal dazu, die Wahrheit zu sagen: „Wir sind allein. Böse Männer haben unser Haus überfallen und unseren Vater ermordet. Dann haben sie unsere Mutter mitgenommen. Sie wollten sie nach Isfadah bringen. Das habe ich deutlich gehört.“
„Und jetzt wollt ihr Zwerge den ganzen Weg nach Isfadah zu Fuß gehen, um sie zu finden, wie?“ Der Mann musterte die Kinder voller Zweifel. Dann warf er seiner Frau ein verschwörerisches Lächeln zu und fuhr fort: „Passt auf! Isfadah liegt an unserem Weg. Zu Fuß würde es Wochen dauern, bis ihr da ankommt, wenn ihr überhaupt ankommen würdet. Die Straßen sind in diesen Zeiten nicht mehr sicher für Kinder. Ihr dürft bei uns mitfahren! Wenn ihr euch ein wenig nützlich macht, könnt ihr euch eure Mahlzeiten verdienen.“
Ammon und Fanida sahen sich an. Ein kurzes hoffnungsvolles Lächeln huschte über die traurigen Gesichter. „Das würdet Ihr tun?“, fragte Ammon ungläubig.
„Sehe ich aus wie ein Lügner?“, entgegnete der Mann mit gespielter Entrüstung.
„Nein, nein, mein Herr!“ Ammon sah ihn aus erschrockenen Augen an. „Ich würde niemals ...“
Der Mann lachte schallend. „Schon gut, Kleiner. Ich habe dich nur genarrt. Natürlich würden wir das tun.“ Er wies mit einer einladenden Geste hinter sich auf den Wagen. „Also hopp, hopp! Springt auf und macht es euch so bequem wie möglich.“
Die Kinder ließen sich das nicht zweimal sagen und kamen der Aufforderung unverzüglich nach.
Unter der Plane des Wagens befanden sich ein paar Kisten, zwei Fässer und einige Decken.
Die Frau des Mannes kletterte zu ihnen nach hinten, während er die Pferde antrieb.
Sie war rundlich, hatte ein freundliches Gesicht und braunes Haar, das sie zu einem Knoten gesteckt trug. Sie suchte in einer der Kisten herum und förderte etwas Brot zutage. Sie teilte es und gab jedem von ihnen ein Stück. Sie bedankten sich höflich und begannen es gierig hinunterzuschlingen, während die Frau ihnen lächelnd dabei zusah.
„Ihr könnt euch die Decken hier nehmen, wenn ihr wollt, und einstweilen etwas schlafen. Wir wecken euch dann, sobald wir unser Lager errichten.“ Sie machte Anstalten, wieder nach vorn auf den Kutschbock zurückzukehren, hielt dann aber inne. „Tut mir leid, was mit euren Eltern passiert ist. Ihr armen Kinder habt viel durchmachen müssen. Ihr könnt uns vertrauen. Keine Angst! Wir passen auf euch auf. Ach, und noch etwas: Ihr könnt uns gern Torbald und Matilda nennen.“ Sie zwinkerte ihnen aufmunternd zu und ließ sie allein.
Ammon baute aus den Decken ein weiches Lager und sie ließen sich, dicht aneinander gekuschelt, darauf nieder.
Zum ersten Mal, seit jener furchtbaren Nacht, fühlten sie sich sicher und schliefen ein.
Sie erwachten, als das Rumpeln des Wagens verstummte. Die Sonne stand schon tief und die Nacht meldete ihr Kommen an. Matilda öffnete die Plane auf der Rückseite und forderte sie auf, nach draußen zu kommen.
„Sagt mal, wie heißt ihr zwei eigentlich?“, fragte sie freundlich.
„Ich bin Ammon und das ist meine Schwester Fanida.“
„Gut! Also, Ammon, du hilfst Torbald bei den Pferden. Fanida, du kannst ein paar dürre Äste suchen, damit wir ein warmes Feuer machen können. Aber bleib in der Nähe, Mädchen!“
Die Kinder halfen bereitwillig bei all den ihnen aufgetragenen Tätigkeiten. Als es dunkel war, saßen sie gemeinsam am Feuer und aßen Bohnen mit etwas Speck. Ammon und Fanida waren dankbar, für die ihnen entgegengebrachte Fürsorge. Torbald und Malilda schliefen unter freiem Himmel, während die Kinder die Nacht im Wagen verbrachten.
Am Morgen gab es etwas Haferbrei. Dann räumten sie alles zusammen und setzten ihre Reise fort.
So verliefen auch die folgenden Tage. Sie kamen Isfadah immer näher und die Kinder hofften, dort bald ihre Mutter zu finden. Sie hatte ihnen Geschichten über die weiße Stadt erzählt. Von den vielen Menschen, die dort lebten - viel mehr als in Limera. Und von dem Schloss, in dem der König des Landes wohnte. Am spannendsten waren jedoch die Geschichten über den Tempel, der hoch über allem thronte und das Symbol der Stadt war. In diesem Tempel lebten die Wächterinnen des Blutes, die über die königliche Familie wachten und sehr weise waren. Die Oberste von ihnen war eine Frau namens Sina. Und diese war die klügste und großmütigste Frau, die ihrer Mutter je begegnet war. Wenn sie in Isfadah ankamen, wollte Ammon mit Fanida sofort zu diesem Tempel gehen und um Hilfe bitten. Dann würden sie ihre Mutter befreien und alles wieder gut werden, sofern das ohne den geliebten Vater möglich war.
Etwa eine Tagesreise von Isfadah entfernt, gelangten sie an eine Taverne. Sie betraten den Schankraum und Torbald und Matilda sprachen mit dem Wirt. Dann bekamen sie jeder eine Portion Eier mit Speck und gesüßtes Zitronenwasser. Voller Appetit schlangen sie es hinunter. Als sie müde wurden, brachte Matilda die Kinder in eines der Zimmer und sie teilten sich ein Bett.
Am Morgen erwachte Fanida allein und erschrak, als Ammon nicht auf ihre Rufe antwortete. Als sie aufstand und hinunter in die Schankstube ging, war dort zunächst niemand zu sehen. Sie lief hinaus, um nach Matilda und Torbald zu sehen, konnte jedoch weder sie noch ihren Wagen finden. Als sie wieder hineinging, kam ihr eine Frau entgegen, die in jeder Hand einen Eimer Wasser trug.
„Endlich aufgewacht? Geh in die Küche und nimm dir ein Stück Brot. Dann kommst du sofort zu mir und hilfst mir!“ Sie ließ den Blick auf dem kleinen Mädchen ruhen und sagte mehr zu sich selbst: „Zu viel bist du sicher noch nicht zu gebrauchen, aber ein paar Handlangerdienste wirst du schon übernehmen können. Ich werde aus dir schon herausholen, was geht.“
„Wo ist mein Bruder?“, fragte Fanida ängstlich.
„Der ist mit den Leuten unterwegs, die euch hergebracht haben. Du sollst hier auf ihn warten, hat er gesagt. Und so lange wirst du dich nützlich machen. Also los jetzt, sonst mache ich dir Beine!“
Fanida spürte plötzlich Angst in sich aufsteigen. „Wann kommen sie denn wieder?“, fragte sie den Tränen nahe.
„Woher soll ich das denn wissen? In ein paar Tagen, Wochen oder Monaten ... Keine Ahnung.“ Sie kam auf Fanida zu, nahm ihr die Puppe aus dem Arm und sagte: „Wenn du dich ordentlich anstellst, bekommst du sie heute Abend wieder.“
Fanida sah, wie sie die Puppe auf das oberste Brett eines Regals setzte und die Treppe emporstieg. Das Mädchen versuchte tapfer zu sein, konnte aber nicht verhindern, dass dicke Tränen über ihre Wangen rollten. Sie ging in die Küche, die direkt hinter dem Tresen lag, und nahm sich einen Kanten trockenen Brotes vom Vortag. Als sie es heruntergewürgt hatte, stieg Fanida ebenfalls die Treppe hinauf und suchte nach der Frau. Sie fand sie schließlich in jenem Zimmer, in dem sie mit Ammon die Nacht verbracht hatte. Tapfer versuchte das Mädchen alle Aufgaben zu erfüllen, die ihr erteilt wurden. Eimer tragen, Nachttöpfe ausleeren, Waschschüsseln auswischen und frisches Wasser in den dazugehörigen Krug füllen. Nichts davon konnte sie zufriedenstellend tun. Sie war einfach noch zu klein.
Ab Mittag half Fanida in der Küche. Die Frau, laut eigener Aussage die Wirtin, musste spätestens jetzt einsehen, dass das Mädchen auch zum Karotten schneiden noch zu jung war, da es sich böse in den Daumen stach. „Du bist wirklich zu nichts nutze!“, schimpfte sie.
Als der Wirt später in die Schankstube kam, stellte er sich hinter sein Weib, das sich bereitwillig von ihm umarmen ließ, während er sie zu Fanida befragte.
Sie hielt mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg: „Sie wird uns nur Unkosten bringen! Es dauert mindestens zwei Jahre, bis sie etwas Sinnvolles tun kann. Ich habe es dir gleich gesagt. Wir brauchen ein älteres Mädchen! Sieh zu, dass du sie wieder loswirst!“
Der Wirt sah Fanida stirnrunzelnd an. Dabei fasste er gedankenverloren an den Busen seiner Frau, der sich deutlich unter dem Stoff ihrer Bluse abzeichneten. Als er nicht antwortete, schlug sie ihm auf die Hände und entzog ihm ihre pralle Weiblichkeit. „Kümmere dich darum! Eher brauchst du mir nicht mehr unter den Rock zu kriechen.“ Damit ließ sie ihn stehen und Fanida war mit dem Mann allein.
Der zuckte die Schultern. „Tut mir leid Mädchen, aber sie hat mich in der Hand. Ich werde dich zu Madame Letizia bringen müssen. Vielleicht tauscht sie dich ja gegen ein älteres Mädchen.“
„Ich muss auf meinen Bruder warten“, sagte Fanida bestimmt.
Doch er schüttelte mit dem Kopf. „Nicht hier! Wir werden ihm sagen, wo er dich findet.“ Sein Blick wanderte über ihren Kopf hinweg zu dem Regal, in dem die Puppe saß. „Ist das nicht deine?“, fragte er. Sie nickte zaghaft. Er griff nach der Puppe und drückte sie Fanida in den Arm. „Hier, mehr kann ich für dich leider nicht tun.“
Sie presste die Puppe an ihr Herz und hockte sich weinend in die Ecke. „Ich will zu meiner Mama!“, flüstere sie immer wieder mit bebender Stimme.
Einige Zeit später saß sie neben ihm auf dem Wagen und blickte abwesend geradeaus. Inzwischen war es ihr beinahe egal, wohin er sie brachte. Das Einzige, was ihr jetzt wichtig erschien, war, dass Ammon sie dort so schnell wie möglich finden würde. Dann wären sie wenigstens wieder zusammen und konnten gemeinsam nach ihrer Mutter suchen.
Nach einer Stunde Fahrt hielten sie am Rande einer kleinen Stadt, vor einem großen Haus. Es machte einen recht düsteren Eindruck und erschien Fanida wie das Haus eines dicken mürrischen Riesen. Ihr schauderte bei dem Gedanken, sie müsse hierbleiben.
Der Wirt klopfte an die massive Holztür und bei jedem Schlag, den der Eisenring gegen das Portal machte, zuckte sie zusammen. Nach einer Weile des Wartens öffnete sich ein kleines Fenster, das in die Tür eingelassen war und ein strenges faltiges Gesicht erschien darin.
„Was wollt ihr hier?“, fragte die Frau dahinter mit krächzender Stimme.
„Ich will Madame Letizia sprechen. Sieh zu, dass du Beine bekommst!“
Die Alte machte ein unzufriedenes Geräusch und knallte das Fenster zu. Wieder zuckte Fanida zusammen. Vorsichtig zupfte sie am Ärmel des Wirtes und sah ihn ängstlich an. „Ich will hier nicht bleiben“, flehte sie leise.
Er sah sie mitleidig an. „Tut mir wirklich leid, meine Kleine. Wenn du ein paar Jahre älter wärst, hätte dich mein Weib auch nicht fortgeschickt. Aber sie braucht dringend eine helfende Hand und kein kleines Mädchen, das ihr noch zusätzlich Arbeit macht. Und ich brauche ein zufriedenes Weib“, fügte er stöhnend mehr zu sich selbst hinzu. „Aber du wirst sehen, Madame Letizia ist recht umgänglich. Lass dich nicht von dem grässlichen Weib von eben erschrecken! Die zischt nur, beißt aber nicht.“
In diesem Moment öffnete sich die Tür und die knurrige Alte erschien in ihrer buckligen Gänze. „Sie erwartet euch“, sagte sie knapp und ging voran. Fanida blickte mit weit geöffneten Augen auf den Buckel der Frau, der jetzt wie ein Felsen vor ihr aufragte. So mussten die bösen Meerhexen aussehen, vor denen sie ihr Vater stets gewarnt hatte. Er sagte immer: „Bleib vom Wasser weg, solange du nicht gut schwimmen kannst! Unter Wasser hocken die buckligen Meerhexen und fangen alle, die nicht vor ihnen davonschwimmen können. Sie selbst haben keine Flossen und jagen darum voller Neid Nixen, die zu nahe ans Ufer kommen, um sich zu sonnen. Ab und zu erwischen sie dabei auch mal einen Menschen. Also hüte dich.“ Bei dem Gedanken an ihren Vater wurde Fanidas kleines Herz noch schwerer.
Sie gelangten in ein großes dunkles Treppenhaus. Ihre Schritte hallten von den Wänden wider. Nur ab und zu kamen ihnen ein paar kleine Mädchen entgegen. Sie schwiegen und hielten züchtig die Köpfe gesenkt. Nur kurz warfen sie einen Blick auf Fanida und ihren Begleiter. Eine breite Treppe führte in das obere Stockwerk. Schließlich gelangten sie an eine Tür, in die kunstvolle Efeuranken eingeschnitzt waren. Die Alte drückte die Klinke hinunter und öffnete einen Spalt breit. „Hier sind sie“, teilte sie der Person hinter der Tür mit. Sie trat beiseite und der Wirt schob das Mädchen vor sich her, in den Raum hinein.
Fanida fielen zuerst die vielen Bücher ins Auge, die in deckenhohen Regalen die Wände füllten. Hinter einem massiven Tisch, auf dem sich etliche Dokumente stapelten, saß eine Frau. Sie war schon etwas älter und eine beeindruckende Erscheinung. Sie trug das Haar straff zu einem Knoten zusammengebunden und wirkte dadurch strenger, als es ihre freundlichen Augen vermuten ließen.
„Simon, seid gegrüßt! Wir haben uns aber lange nicht mehr gesehen“, stellte sie distanziert freundlich fest.
Der Wirt wirkte in der Nähe von Madame Letizia spürbar eingeschüchtert. Er trat nervös von einem Bein aufs andere. „Madame, ich bin gekommen, um Euch zu bitten, dieses Mädchen hier aufzunehmen. Im Gegenzug würde ich ein älteres Kind aus Eurem Haus bei mir anstellen. Wie Ihr vielleicht wisst, ist das letzte Mädchen, dass ich vor zehn Jahren, nach dem Tod meiner damaligen Frau, bei mir aufnahm, inzwischen mein neues Weib geworden. Sie erwartet in fünf Monaten ein Kind und braucht Hilfe. Doch diese Kleine hier ist einfach noch zu jung, um sie bei den anfallenden Arbeiten zu unterstützen. Sie ist eine Waise und wurde von Durchreisenden einfach zurückgelassen.“
„Das ist eine Lüge!“, rief Fanida entsetzt. „Meine Mama lebt noch und ich werde sie, gemeinsam mit meinem Bruder Ammon, von den bösen Männern befreien. Ammon ist nicht weg! Er kommt bald zurück und holt mich. Das hat die Frau gesagt.“ Verzweifelt schlug sie mit den kleinen Fäusten auf den Wirt ein, der all seine Kraft und Geschicklichkeit aufwenden musste, um sie zu bändigen. Hilfesuchend blickte er zu Madame Letizia.
Die erhob sich nun und trat an die beiden heran. Sie zog Fanida mit einem festen Griff von dem hilflosen Mann fort und sah ihr eindringlich in die Augen. „Hör zu, Mädchen! Keiner hier will dir etwas Böses. Du bekommst ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen. Tagsüber helfen die Kleinen bei der Obstlese in den Plantagen der Umgebung und die Großen gehen gehobeneren Tätigkeiten nach. Die Mädchen aus diesem Haus haben später gute Chancen, eine ordentliche Stellung zu finden. Du könntest es also durchaus schlechter treffen.“
„Ich gehe mit Ammon nach Isfadah!“, schrie Fanida jetzt schrill und hielt sich dabei die Ohren zu. Sie wollte kein Wort mehr hören.
Doch Madame Letizia ließ sich nicht einschüchtern. Sie rüttelte das Mädchen kurz und sagte laut: „Du wirst dich jetzt beruhigen, meine Kleine. Hör zu! Wenn dein Bruder oder deine Mutter jemals hier auftauchen, dann kannst du mit ihnen gehen. Sie werden dich finden, wenn sie nach dir suchen. Du hast allein keine Chance. Also sei vernünftig und verhalte dich, wie es sich für ein anständiges kleines Mädchen gehört.“ Sie hatte die nötige Strenge in ihre Stimme gelegt, um sich Respekt zu verschaffen. Solche Ausbrüche waren in diesem Hause nicht gestattet. Den Mädchen drohten Strafen, wenn sie sich ungebührlich verhielten. Die Disziplin und der Respekt mussten gewahrt werden. „Es wird dir hier besser gehen als allein auf der Straße. Solange du hier bist, sind alle anderen Mädchen deine Schwestern und meine Erzieherinnen und ich werden die Rolle deiner Eltern übernehmen. Also füge dich in diese Ordnung ein und du wirst es gut haben. Simon und seine Frau werden jeden herschicken, der nach dir fragt. Das versichere ich dir.“
Fanida wischte sich mit ihrem Ärmel das Rotznäschen ab und blickte beide prüfend an. Der Wirt lächelte sie unsicher an und nickte zur Bestätigung. Madame sah ihr streng aber offen ins Gesicht. Fanida kam zu der Einsicht, dass es keinen Sinn hatte, sich zu widersetzen. Sie ließ die Schultern sinken und fügte sich ihrem Schicksal. Was danach besprochen wurde, nahm sie nur am Rande wahr.
Am Ende des Tages saß sie in einem großen Schlafsaal, zwischen zahlreichen anderen Mädchen, auf einem wackligen Holzbett und verweigerte jedes Wort. Fest hielt sie ihre Puppe an die Brust gepresst und wendete all ihre Kraft dazu auf, nicht zu weinen. Sie nahm sich vor, solange zu schweigen, bis Ammon sie hier abholen würde. Sie vertraute ihrem Bruder voll und ganz und war sicher: Wenn er die Möglichkeit hätte, würde er zu ihr kommen.
Die anderen Mädchen, zwischen drei und sechs Jahren, gaben irgendwann ihre Versuche auf, sie zum Reden zu bringen. Bald hatte sich die Aufregung um die neue 'Schwester' gelegt und es kehrte wieder Ruhe ein. Eine Erzieherin, die aussah wie eine abgemagerte Ratte mit Dutt, ging steif durch die Bettreihen und sagte schnarrend: „Gute Nacht! Und dass ihr mir ja in den Betten bleibt! Morgen erwartet euch ein anstrengender Tag in den südlichen Orangenplantagen. Da möchte ich keine Klagen hören!“ Sie verließ den Saal und nahm mit ihrer Laterne die einzige spärliche Lichtquelle mit sich.
Nach einer Weile hatten sich Fanidas Augen an die Dunkelheit gewöhnt und sie konnte im Mondlicht wieder schwache Umrisse erkennen. Sie lauschte auf die Geräusche ringsum. Seltsamerweise schienen sich alle an die Anweisung der Rattenfrau zu halten. Hier und da knarrte ein Bett, als das ein oder andere Mädchen nach der richtigen Schlafposition suchte. Dann wurde es still und nur noch das gleichmäßige Atmen aus den kleinen Nasen und Mündern war zu hören. Jetzt endlich konnte Fanida dem Druck in ihrem Inneren nachgeben und leise in ihr Kissen weinen. Noch vor ein paar Tagen war ihre Welt so heil und wunderschön gewesen. Und nun? Wie eine eiskalte Hand aus Stahl umfassten Einsamkeit und Trauer ihr kleines Kinderherz.
Plötzlich spürte sie, wie sich ihre Bettdecke hob und das Mädchen aus dem Bett neben ihr darunter schlüpfte. Fanida hatte sie vorhin kurz bemerkt. Sie war etwas älter als sie selbst und hatte große blaue Augen und blondes Haar. „Ich bin Noria. Hab keine Angst. Es ist hier nicht so schlimm, wie es scheint. Allerdings musst du dich an die Gesetzte dieses Hauses halten. Sonst kann es auch mal sehr unangenehm für dich werden. Aber Schläge verteilen sie nur selten.“ Das etwa sechsjährige Mädchen zog Fanida schützend in ihre Arme und die ließ es sich bereitwillig gefallen. Aus irgendeinem Grund hatte sie das Gefühl, dass sie Noria vertrauen konnte.
Die fuhr flüsternd mit ihren Erklärungen fort: „Bei Sonnenaufgang müssen wir aufstehen. Dann gibt es Frühstück - meist Haferbrei. Und dann gehen wir auf den Gütern des Umlandes Obst pflücken. Die Älteren klettern in die Bäume und die Kleinen, so wie du, sammeln das Fallobst auf und pflücken die unteren Äste ab. Dafür wird Madame Letizia bezahlt und kann uns ernähren und einkleiden. Du siehst, es hätte uns schlimmer treffen können. Die Mädchen, die älter als zwölf Jahre sind, finden meist irgendwo eine Stelle als Dienstmädchen. Bis dahin erledigen sie hier im Haus alle anstehenden Arbeiten. Sie kümmern sich ums Waschen, Putzen und Kochen. Sozusagen als Vorbereitung auf ihre Zukunft. Schließlich wollen unsere zukünftigen Brotgeber kein Mädchen haben, das keine Ahnung davon hat, was im Haus zu tun ist. Ich werde in ein paar Monaten sieben, dann ist es bei mir auch so weit, dass ich alles lerne.“ Sie machte eine Pause und schien nachzudenken. „Zugegeben, ich habe ein wenig Angst davor, hier eines Tages wegzugehen, aber ich bin auch ziemlich neugierig auf das Leben draußen.“
Fanida hörte ihr aufmerksam zu. Das Mädchen hatte wirklich eine beruhigende Wirkung auf sie. Plötzlich fühlte sie sich nicht mehr ganz so allein. Vertrauensvoll kuschelte sie sich an die Ältere und schlief schließlich ein.
Sie träumte von ihrer Mutter, die in einem wunderschönen roten Kleid vor ihr stand und sie traurig, aber auch stolz anlächelte. „Fanida, meine Kleine. Ich bin bei dir, immerzu! Hab keine Angst. Alles wird gut. Habe Geduld! Du hast einen langen Weg vor dir und du wirst dabei nicht allein sein. Sie wird dich finden, wenn es an der Zeit ist. Ich liebe dich, meine Kleine. Verzeih mir, dass ich zu schwach war ...!“
„Warte!“, rief Fanida ihr nach, als sich ihre Umrisse zu verzerren begannen. „Bleib da! Bitte!Wer wird mich finden?“ Doch ihr Ruf ging ins Leere und ihre Fragen blieben unbeantwortet.
Kamir
Er hatte einen anstrengenden Tag hinter sich und sehnte sich nach einem heißen Bad in den Thermen. Es gab in den Kellern des Schlosses mehrere davon, insgesamt vier. Eine war der königlichen Familie vorbehalten, eine den Frauen des Hofstaates, eine den Männern und eine den Offizieren. Kamir hätte durchaus die Therme der königlichen Familie nutzen können, zog es aber vor, sich unter die Offiziere zu mischen. Das brachte ihn den Männern näher und stellte nicht in den Vordergrund, dass er Farids Bruder war. Er hatte sich, trotz seines jungen Alters von inzwischen zweiundzwanzig Jahren, hohes Ansehen bei seiner Truppe verschafft. Das war als Verwandter des Königs nicht wirklich leicht gewesen. Zuerst waren die Männer fest überzeugt davon, dass er diese Stellung nur aus diesem Grunde bekommen hatte. Doch er belehrte sie schnell eines Besseren. Als er hörte, was hinter seinem Rücken gesprochen wurde, befahl er, dass die Truppe einen aus ihren Reihen bestimmen sollte, der gegen ihn im Zweikampf antreten musste. „Wenn euer Mann mich besiegt, werde ich den König bitten, meine Position mit diesem zu besetzten. Wenn ich gewinne, fordere ich von euch Treue und Gehorsam und dass ihr umgehend damit aufhört, wie alte Waschweiber hinter meinem Rücken zu lästern. Derartiges Verhalten ist eines Mitglieds meiner Truppe unwürdig. Nur Feiglinge reden hinter dem Rücken eines anderen Mannes. Und Feiglinge dulde ich in diesem Regiment nicht!“ Einige der Angesprochenen blickten beschämt nach unten. Anderen war anzusehen, dass sie sich Hoffnung darauf machten, für den Zweikampf erwählt und nach einem Sieg, an Kamirs Stelle, im Sattel des Anführers zu sitzen. „In zwei Stunden komme ich wieder und dann erwarte ich euren Auserwählten.“
Als er zurückkehrte, standen die Männer in Zweierreihe um den Exerzierplatz herum. In deren Mitte erblickte er einen wahren Hünen von Mann. Er versuchte, seine Besorgnis beim Anblick dieses Muskelberges zu verbergen, und schritt mit erhobenem Kopf auf seinen Gegner zu. Der brachte sich wortlos in Kampfposition und das Kurzschwert vor sich in Bereitschaft. Kamir tat es ihm gleich. Er musterte sein Gegenüber. Er hatte langes dunkelblondes Haar und einen kurzgeschorenen Vollbart. Der Hüne war sicher ein paar Jahre älter als er selbst und einen halben Kopf größer. Und das, obwohl man auch Kamir nicht gerade als klein bezeichnen konnte. Er hatte aber gelernt, in jeder Situation seine Vorteile zu nutzen. Hier würden sie eindeutig in seiner Beweglichkeit und Geschwindigkeit liegen. Der Muskelberg würde ihn sicher an Kraft überbieten. Kamir zweifelte keinen Moment daran, dass er mit bloßer Faust einen Gaul ins Jenseits befördern konnte. Doch er selbst war viel wendiger und würde dem Gegner keine Chance lassen, ihn zu erwischen.
Kurz entschlossen hatte Kamir das Schwert erhoben und den Kampf eröffnet. Als er den ersten Hieb des Riesen abwehrte, meinte er, dass ihm die Knochen in den Armen brechen müssten. Eine Weile schlugen sie aufeinander ein. Kamir tänzelte dabei geschickt um den Hünen herum, weshalb der des Öfteren ins Leere schlug. Das kostete ihn Kraft und forderte seinen Tribut.
Zufrieden stellte Kamir etwas später fest, dass sein Gegenüber immer schwächer wurde und langsam zu torkeln begann. Auch seine Kräfte ließen nach, doch er hatte noch ein paar Reserven. Als der Riese unvorsichtig wurde, stellte er ihm geschickt ein Bein und hielt dem am Boden liegenden Mann blitzschnell die Klinge an die Kehle. Dem blieb nichts anderes übrig, als sich zu ergeben.
Von da an respektierten ihn die Männer ohne Wenn und Aber. Das alles war nun schon wieder ein paar Jahre her ...
Kamir betrat gedankenverloren die Therme und stellte zu seiner Zufriedenheit fest, dass er allein war. Als er sich seiner Kleidung entledigt hatte, glitt er ins angenehme Nass und tauchte so lange unter, wie es ihm seine Lungen erlaubten. Dann durchbrach er mit einem hörbaren Aufatmen die Wasseroberfläche und warf das nasse Haar nach hinten. Als er aufsah, stand vor ihm eine nackte Schönheit, die er bisher im Schloss noch nie gesehen hatte.
Voller Entsetzen sah sie ihn an und warf sich sofort ein Tuch um den makellosen Leib. „Was tut Ihr da?“, rief sie entsetzt.
„Baden oder was meint Ihr?“, erwiderte er ungeniert und musterte sie eindringlich. Sie hatte langes glattes schwarzes Haar und beinahe ebenso schwarze mandelförmige Augen. Der kurze Moment, der ihm vergönnt gewesen war, um ihren Körper zu mustern, hatte gereicht, um ihm eine Erektion nie da gewesenen Ausmaßes zu verschaffen. Er bewegte sich zum Rand des Beckens, da er befürchtete, sie könne dies durch das klare Wasser hindurch bemerken.
„Aber das ist das Bad für die Edelfrauen!“, zischte sie schockiert.
„Ihr irrt Euch, meine Dame. Dieses befindet sich drei Türen weiter. Ich nehme an, Ihr seid neu bei Hofe?“ Herausfordernd blickte er zu ihr auf.
„Ich bin gestern hier eingetroffen. Mein Vater ist vom König zum neuen Baumeister berufen worden.“ Sie blickte sich unsicher um und griff eilig nach dem Rest ihrer Sachen. „Ich glaube, das hier ist nicht der richtige Ort für eine Unterhaltung!“ Damit war sie verschwunden, noch ehe Kamir sie nach ihrem Namen fragen konnte. Doch die Informationen, die er hatte, reichten durchaus, um sie zu finden. Und er war sich sicher, dass er diese Augen überall wiedererkennen würde.
Und er sollte recht behalten. Schon wenig später, beim Abendessen im großen Saal des Schlosses, sah er sie wieder. Der Tisch des Königs, der quer zu den drei langen Tischreihen auf einer Erhöhung an der Stirnseite stand, blieb heute leer. Er und Ismee behielten sich vor, je nach Belieben in ihren Gemächern oder gemeinsam mit dem Hofstaat zu speisen. Oft nutzte Farid jedoch die Gelegenheit, um ein paar Gespräche zu führen oder um Zerstreuung beim Hofklatsch zu finden. Dann ließ er im Laufe des Tages den Begünstigten eine Einladung an seinen Tisch zukommen. Die auf diese Weise geehrten Höflinge wandelten dann erhobenen Hauptes, unter den neidischen Blicken der anderen, an ihren Platz. Doch heute war diese Ehre keinem vergönnt.
Kamir setzte sich zu seinem ersten Offizier. Dabei handelte es sich um denselben Hünen, der ihm in jenem legendären Zweikampf unterlegen gewesen war. Mittlerweile waren sie gute Freunde geworden.
Lester, so war sein Name, bemerkte Kamirs umherschweifenden Blick. „Falls du mich suchst: Ich bin hier, vor dir!“, sagte er und winkte vor den Augen seines vorgesetzten Freundes herum.
„Ich weiß!“, entgegnete Kamir, ohne seinen suchenden Blick zu unterbrechen. „Wer sollte dich Halbriesen auch übersehen. Ich glaube, das wäre nicht einmal möglich, wenn du dich hier vorsätzlich verstecken wolltest.“
Lester verzog das Gesicht zu einem Grinsen und schüttelte nachsichtig den Kopf. „Wie heißt sie denn? - Es ist doch eine Frau, nach der du suchst, oder? Den Blick kenne ich mittlerweile. Du jagst wieder.“
Kamir sah ihn vorwurfsvoll an. „Du tust ja so, als wäre kein Rock vor mir sicher!“
„Zumindest keiner, dessen Inhalt dich interessiert!“ Lester wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Essen zu. Er hatte immer einen großen Appetit, was bei einem Mann von seiner Statur kein Wunder war. Dementsprechend gut gefüllt war auch sein Teller. Gerade, als er Kamir darauf hinweisen wollte, dass der endlich etwas essen solle, bemerkte er, dass sich der Gesichtsausdruck seines Freundes änderte. Die braunen Augen begannen zu leuchten und ein verführerisches Lächeln umspielte die makellosen Züge. Interessiert folgte Lester dessen Blick und fand den Grund für Kamirs Ausnahmezustand. Jaaa, das erklärte alles! Die Schönheit der jungen Dame, die sich gerade in Begleitung ihrer Eltern einen Platz suchte, wurde nur von einer Frau bei Hofe übertroffen – Ismee. Für Lester gab es nichts Vollkommeneres auf der Welt als seine Königin. Doch diese Tatsache hielt er geheim. Nicht einmal Kamir wusste davon. Umso mehr genoss er es, wenn ihm sein Freund die ein oder andere Geschichte von Ismee und ihrer Tochter erzählte. Die wenigen Augenblicke, die ihm vergönnt waren, wenn er in dessen Begleitung ganz nah an die Königin herankam, waren die schönsten seines Lebens. Doch davon durfte nie jemand etwas erfahren. Der König hätte sicher kein Verständnis für derartige Gefühlsregungen.
„Wer ist sie denn und woher kennst du sie?“, fragte er jetzt.
Kamir erzählte ihm von seiner Begegnung in der Therme. „Du hättest sie sehen sollen! Den Anblick vergisst ein Mann nicht!“, schwärmte er.
In diesem Moment hatte auch die schwarzhaarige Schönheit ihre Badebekanntschaft entdeckt und senkte beschämt den Blick. Doch als sie wieder kurz zu Kamir aufsah, meinte er, den Anflug eines Lächelns um ihre Mundwinkel zu erkennen.
„Hör auf, sie so unverblümt anzustarren!“, ermahnte ihn Lester. „Ihr Vater ist schon aufmerksam geworden und sieht nicht gerade begeistert aus.“
Nun bemerkte auch Kamir den angespannten Ausdruck auf dem Gesicht des Baumeisters. Er beschloss, ausnahmsweise einmal aus seiner Position einen Vorteil zu ziehen, und erhob sich von seinem Platz. „Er wird sicher gleich zufriedener aussehen“, murmelte er noch, bevor er den Tisch verließ und unter den ungläubigen Augen Lesters zu der unbekannten Schönen hinüberschritt.
Dort angekommen, machte Kamir eine höfliche Verbeugung. „Darf ich Euch und die bezaubernden Frauen Eurer Familie am Hofe meines Bruders begrüßen? Ich nehme an, Ihr hattet noch nicht die Gelegenheit zu einer Audienz beim König, da er im Moment sehr beschäftigt ist.“
Dem Vater seiner Angebeteten war anzumerken, dass der junge Mann ihm plötzlich deutlich sympathischer geworden war. Seiner Gemahlin sah man ebenfalls an, wie sich vor ihrem inneren Auge eine Chance auftat. Schnell schob sie ihre Tochter nach vorn, während ihr Mann Kamir seine Familie vorstellte: „Mein Name ist Alesto Zorban, der neue Baumeister des Königs. Dies ist meine Gemahlin Amanda und das ist meine Tochter Sarah.“
Und schon hatte Kamir seine Informationen. Er gab beiden Damen einen formvollendeten Handkuss und sah Sarah lange genug in die Augen, um der Mutter ein zufriedenes Lächeln zu entlocken, bevor er sagte: „Solltet Ihr irgendwelche Hilfe benötigen oder jemanden, der Euch herumführt, dann wendet Euch vertrauensvoll an mich!“
Der Baumeister dankte ihm höflich und seine Frau beteuerte, dass sie ganz sicher von seinem Angebot Gebrauch machen würden. Damit entfernte er sich wieder und kehrte zu seinem Platz zurück. Das Ganze war natürlich nicht unbeobachtet geblieben und an den meisten Tischen wurde schon heftig getuschelt.
„Du hast gerade etwa zwanzig Herzen gebrochen und deiner Angebeteten ebenso viele Todeswünsche verschafft“, eröffnete ihm Lester grinsend, als er sich setzte.
„Wir müssen alle mit den grausamen Enttäuschungen und Risiken des Lebens umgehen lernen“, stellte Kamir nur sachlich fest und begann endlich mit seiner Mahlzeit.
Farid
Der König von Isfadah vertrieb sich keineswegs die Zeit bei der Jagd, womit er seine Abwesenheit offiziell begründete. Wie immer in den letzten Jahren benutzte er diese Ausrede auch jetzt, als er sich auf den Weg zum geheimen Draconenlager machte. Endlich konnte er selbst Zeuge jenes Rituals werden, währenddessen neue 'Rekruten' erschaffen wurden. Schon lange hegte er den Wunsch, einmal anwesend zu sein, wenn die Knaben ihren ersten Vergessenstrank bekamen - und 'wiedergeboren' wurden. Er wollte miterleben, was in jenem Moment geschah, in dem sie ihr bisheriges Leben und damit auch ihre Ängste und Sehnsüchte vergaßen. Er wollte mit eigenen Augen sehen, wie sie zu leeren Hüllen wurden, die sich, mit seinen Ideologien gefüllt, bedingungslos der harten und zuweilen grausamen Ausbildung stellten. Da Farid nicht so viel 'Material' zur Verfügung stand wie einst seinen Vorgängern, hatte man die gefährlichsten Teile des Trainings gestrichen. Zu hoch waren früher die Verluste gewesen. Diese Knaben wurden auch so um ein Vielfaches besser, als es normale Soldaten waren.
Zunächst führte man den König durch die Trainingsbereiche der älteren Draconen.
Da es in deren Köpfen kein Leben vor der Zeit im Lager gab, ordneten sie ihr Lebensalter den Jahren ihrer Ausbildung zu. Wenn Farid also einen der ältesten Knaben fragte, wie alt er sei, dann antwortete dieser ohne Umschweife: „Sechs Jahre, mein König und Vater.“ In Wirklichkeit war der Junge jedoch zwölf oder dreizehn. Die Körper der künftigen Krieger sahen deutlich männlicher aus als die ihrer Altersgenossen in Freiheit. Sie waren schon jetzt mit Muskeln bepackt, von denen manch erwachsener Mann nur träumen konnte. Sie beteten Farid regelrecht an. Für sie war er eine Art Gott und Vater in einem. Das Wenige an guten Eindrücken und Gaben, die die Kinder hier erhielten, wurde von den Ausbildern immer mit Farid in Verbindung gebracht. So stand er von Beginn an als die Personifizierung des Guten in der Welt da, das man behüten musste und wofür es sich zu sterben lohnte. „Euer Essen schenkt euch der König. Eure Kleidung, dieses Zuhause!“, erinnerte sie ständig jemand. Und immer wenn einer der Knaben gelobt wurde, was selten genug vorkam und bedeutsamer Leistungen bedurfte, wurde Farid erwähnt. Am Ende eines jeden Ausbildungsjahres wurden die zwei Besten des Jahrgangs mit einer kunstvoll geschmiedeten Waffe belohnt. Diese trugen sie mit geschwollener Brust, unter den anerkennenden und auch neidvollen Blicken ihrer Mitstreiter.
Doch der überwiegende Teil des Draconenlebens bestand aus Entbehrung, Schmerz, Aufopferung und Kälte.
Farid sah sich zufrieden um, während ihm die Ältesten ihr Können präsentierten. Als er einen etwa zwölfjährigen Jungen zum Zweikampf forderte, war ihm schnell klar, dass er diesem Kind gnadenlos unterlegen wäre, sobald es sein ganzes Können zum Einsatz brächte. Was würde das für eine Armee werden! In vier bis fünf Jahren wären die ersten Regimenter einsatzbereit. Hunderte junge kräftige Männer, die für einen Durchschnittskrieger nahezu unbesiegbar waren!
Im Geiste sah er sich schon zum Herrscher über die gesamten Königreiche des Südens werden.
„Hoheit, die Zeit des ersten Trankes ist gekommen!“, kündigte einer der Ausbilder nun an.
Farid und seine Begleiter folgten dem Mann an den Rand des Lagers. Die unfreiwilligen Anwärter wurden jenseits der hohen Umzäunung festgehalten, die das Draconenlager vor neugierigen Blicken schützten sollte. Es war inmitten eines Waldes errichtet worden. Die Stämme der extra dafür gerodeten Bäume hatte man dicht an dicht vertikal in den Boden gerammt. Um Schaulustige fernzuhalten, wurde das Gerücht von reißenden Tieren und verwunschenen Ungeheuern unter die Leute gebracht. Die Wenigen, die sich dennoch in das Dickicht hineintrauten, wurden von Wachen vertrieben, die angeblich gerade eines jener Untiere jagten … oder man brachte die Ahnungslosen einfach um. Der Plan schien aufzugehen, denn bisher hatte noch niemand das Lager entdeckt.
Dennoch kursierten in den Schankstuben schon die ein oder anderen vagen Vermutungen. Natürlich war das Verschwinden der Knaben nicht ganz unbemerkt geblieben. Als Farid von den Gerüchten hörte, hatte er sofort Spitzel ausgesandt, die sich unter das Volk mischten. Sie bedrohten jene, die die Wahrheit aussprachen derartig eindrucksvoll, dass die Unglücklichen künftig nie wieder ein Wort darüber verloren.
Farid nahm es jedoch gelassen. Er war sich sicher, dass all die dummen Schwätzer seinen siegreichen Kriegern voller Stolz zujubeln würden, sobald diese die ersten Siege für Isfadah errungen hätten.
Durch ein Tor im Zaun gelangten sie nach draußen. Dort stand eine größere Hütte auf einer Lichtung. Sie traten ein. In ihrem Inneren war es stickig und düster. Dutzende Knaben saßen verängstigt und dicht an dicht auf dem Boden. Farid meinte, den Geruch von Urin zu vernehmen. Als sich seine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, bemerkte er, dass die Kinder aneinandergekettet waren. Einige weinten leise, andere versuchten tapfer zu sein. Wenn sie erst den Trank des Vergessens eingenommen hätten, würden derartige Vorkehrungen nicht mehr von Nöten sein. Abgesehen davon, dass man nur schwer aus dem Lager ausbrechen konnte, würden sie es nicht einmal versuchen. Für diese Kinder gab es dann kein 'draußen' mehr. Nichts wonach sie sich sehnten, nichts was sie vermissen würden. Es gab nur noch das Leben danach. Und ihr höchstes Ziel würde sein, ihrem König und Vater Ehre zu machen.
Plötzlich waren vor der Tür Geräusche zu hören. Als sie sich öffnete, trat ein Ausbilder mit einem weiteren kleinen Jungen ein. Er wand sich unter dem Griff des Mannes und schrie ununterbrochen dieselben Worte: „Ich muss zu meiner Schwester! Sie wartet auf mich. Ihr habt es versprochen!“
Farids Augen wurden für einen Moment schmal, als er den Jungen musterte. Doch dann entspannten sich seine Züge sofort wieder. Niemand hatte davon Notiz genommen und auch Farid selbst war seine Reaktion nicht wirklich bewusst gewesen.
„Gib Ruhe, Bursche!“, forderte der genervte Ausbilder energisch. Dann wandte er sich ehrfurchtsvoll an seinen König: „Es tut mir leid, Hoheit, aber er wurde gerade erst abgeliefert. Wir hatten noch keine Gelegenheit dazu, ihn ruhig zu stellen.“
Farid hob beschwichtigend die Hände. „Nur keine Aufregung meinetwegen. Verfahrt einfach so, als wäre ich nicht anwesend!“
Der Knabe wurde ebenfalls angekettet und unter Androhung von Gewalt schwieg er schließlich. Wenig später begab sich die schier endlose Kette von unfreiwilligen Anwärtern auf den Weg ins Lager. Dazu benutzten sie dasselbe Tor, durch welches Farid und seine Begleiter es zuvor verlassen hatten. Drinnen stand ein Spalier von älteren Knaben. Unter ihnen war auch Farids Duellgegner. Sie blickten starr geradeaus und es herrschte Totenstille.
Die Neuankömmlinge waren sichtlich beeindruckt und sahen sich ängstlich um. Dann mussten sie sich in einer langen Reihe aufstellen. An beide Enden traten jetzt ältere Rekruten heran und reichten den Knaben prachtvolle Kelche mit einer dampfenden Flüssigkeit. Sie achteten akribisch darauf, dass jeder Junge mindestens drei große Schlucke des Trankes zu sich nahm. Farid war gespannt darauf zu verfolgen, was weiter geschah. Als die Letzten ihre Dosis 'Vergessen' hinunterschluckten, begannen die Ersten sichtlich zu schwanken. Nacheinander sackten sie zusammen und fielen in einen kurzen und sehr tiefen Schlaf. Sie spürten nichts davon, dass man ihnen die Ketten entfernte, sie vollkommen entkleidete und ihnen alles Persönliche abnahm.
Nach einer knappen halben Stunde kamen die Ersten wieder zu sich. Ihr Gesicht war ausdruckslos. Farid hätte erwartet, dass sie sich verunsichert umsehen oder wenigstens Erstaunen darüber äußern würden, dass sie nackt waren. Doch sie schienen alles als gegeben hinzunehmen, was man ihnen sagte.
„Ihr seid nichts!“, begann der oberste Ausbilder seine 'herzerwärmende' Rede. „Ihr habt nicht einmal einen Namen. Euer König und Vater gibt euch Kleidung und Nahrung. Einen Namen und Ehre müsst ihr euch selbst verdienen.“ Er gab ein Zeichen und es wurden knielange Hemden aus grauem Stoff verteilt, die sich die Knaben nun überwarfen. „Ihr werdet jetzt zu eurer Unterkunft gebracht, die ihr peinlich sauber halten solltet. Dort wartet eine Abendmahlzeit auf euch und ihr werdet einen Platz für die Nacht finden. Schlaft euch aus, denn schon morgen früh, bei Sonnenaufgang, wird alles von euch abverlangt werden. Bestimmt an jedem Abend einen von euch, der den täglichen Dank für euren König und Vater spricht. Ohne ihn wäret ihr einsam und schutzlos. Also dankt ihm für die Fürsorge, die er euch Unwürdigen entgegenbringt!“
Farid ließ seinen Blick schweifen. Die Knaben hingen förmlich an den Lippen des Redners. Sie schienen nicht im Geringsten mit ihrem Schicksal zu hadern. Gehorsam folgten sie ihren künftigen Ausbildern zu den Quartieren.
Farid hob bei deren Anblick ungläubig die Brauen. Es handelte sich dabei lediglich um Dächer auf Stelzen. Der Boden bestand aus Brettern, die eine halbwegs gerade Fläche bildeten. Es gab mehrere derartige Unterkünfte für jeweils etwa dreißig Knaben. In einem gewaltigen Topf, der zwischen den Behausungen über offenem Feuer hing, blubberte eine undefinierbare braune Masse vor sich hin.
Farid sah sich das Ganze aus der Nähe an. „Was um Himmels willen bekommen sie zu essen?“, fragte er den obersten Ausbilder angewidert.
„Dies ist ein nahrhafter Brei aus Kumabohnen und Milchlake. Er enthält alles Notwendige, um satt zu machen, das Muskelwachstum zu steigern und Kraft zu geben. Sicher, er sieht scheußlich aus und schmeckt auch nicht wesentlich besser, doch sie essen ihn alle. Und er ist sehr billig herzustellen.“
Auf dem Boden der Quartiere lagen einfache Schilfmatten und darauf standen Schüsseln aus Holz, mit ebenfalls hölzernen Löffeln.
Die Kinder verhielten sich für ihr Alters eher ungewöhnlich. Sie begaben sich geordnet, einer nach dem anderen, zu je einem der Schlafplätze und griffen nach den Schüsseln. Dann holten sie sich ihre Essensrationen ab und hockten sich anschließend schweigend an ihren Platz. Dort löffelten sie, ohne zu murren, die stinkende Pampe aus.
Farid drehte sich der Magen um, bei dem Gedanken ebenfalls davon essen zu müssen ...
Doch diese Gefahr bestand nicht. Er wurde in ein prachtvolles Zelt geführt, wo ein fürstlich gedeckter Tisch auf ihn wartete. Voller Appetit labte er sich an süßen Früchten, knusprigem Braten und frischem warmen Brot. Danach ließ er sich noch Kuchen und dicke Sahne schmecken. Bei einem guten Tropfen Wein im Anschluss, erhielt er von den Ausbildern bereitwillig Antworten auf all seine Fragen.
Bevor er sich zur Ruhe begab, ließ er sich noch einmal zu den Quartieren der Knaben führen. Ihm fröstelte, sobald er das wärmende Zelt verließ. Im Gegensatz zu ihm würden diese Jungen die Nacht im Freien zubringen. In Isfadah war es tagsüber meist sehr heiß und nachts dagegen oft extrem kalt. Die jungen Draconen sollten vom ersten Tage an gegen Hitze und Kälte gleichermaßen abgehärtet werden. Später auch gegen Hunger und Durst. Doch das hatte noch ein wenig Zeit.
Farid suchte mit den Augen nach jenem Knaben, der als Letzter zugeführt worden war. Er fand ihn im Halbdunkel des Mondlichtes, in einer Ecke. Während viele der anderen sichtbar vor Kälte zitterten, biss sich dieser so hart auf die Unterlippe, dass etwas Blut hervortrat. Doch er war nicht der Einzige, dessen angeborener Stolz durch den Trank nicht beeinträchtigt war. Es gab noch eine Handvoll anderer Jungs, die sich nicht anmerken lassen wollten, dass ihnen die Kälte zu schaffen machte. Das waren ausgezeichnete Grundlagen, für eine vielversprechende Karriere, inmitten der Draconen. Farid wollte sich diese Gesichter merken und sich künftig, bei seinen jährlichen Besuchen, nach deren Werdegang erkundigen. Er war davon überzeugt, dass er sie eines Tages hoch zu Ross, in den Farben der Anführer geschminkt, wiedersehen würde. Dann endlich sollten sie für ihn, ihren König und Vater, ausziehen und seine Kriege gewinnen.
Sina
Die Nachricht, dass ihre liebste Schülerin nach Isfadah zurückgekehrt war, hatte Sina erst nach deren Tod erreicht.
An jenem schicksalhaften Abend hatte eine der jungen Wächterinnen an Sinas Tür geklopft. Sie hatte ihr mitgeteilt, dass ein Mann an der Pforte stand und sie dringend zu sprechen wünsche. Als Sina in ihm jenen Wärter erkannte, der Arko einst in ihrem Auftrag den Schlaftrank überbracht hatte, ließ sie ihn gewähren. Sie begaben sich an einen ungestörten Platz. Erst dann fragte sie nach dem Grund seines Kommens. Er erzählte ihr, was geschehen war. Sina wurde schwarz vor Augen. Nur seine schnelle Reaktion verhinderte, dass sie auf dem harten Steinboden aufprallte. Sie hatte an diesem Tag noch nicht die Gelegenheit dazu gehabt, nach den Proben von Finea und dem Prinzen zu sehen. Die Nachricht erwischte sie also mit voller Härte. Als sie sich einigermaßen von ihrem ersten Schrecken erholt hatte, ließ sie sich haarklein alles erzählen, was der Wärter ihr zu berichten hatte. Dann steckte sie ihm ein paar Münzen zu und entließ ihn dankend in die Nacht.
Bei ihrer Kontrolle stellte sie später jedoch überrascht fest, dass zumindest der kleine Ammon wohlauf war. Dieses dumme Mädchen! Warum hatte sie sich von dem Anschein täuschen lassen, der Junge wäre umgekommen? Sie musste doch gespürt haben, dass er noch am Leben war. Finea hatte zu früh aufgegeben.
Doch war das wirklich so? Letztendlich musste sich Sina eingestehen, dass es nichts geändert hätte, wenn Finea nicht zu diesem letzten, todbringenden Mittel gegriffen hätte. Niemand wäre dazu in der Lage gewesen, sie aus Farids Klauen zu befreien. Der einzige Unterschied hätte darin bestanden, dass sie statt eines sanften und schnellen Todes, einen qualvollen und langsamen gestorben wäre. Sie hatte das gewusst und war in der glücklichen Vorfreude gestorben, all ihre Lieben auf der anderen Seite wiederzufinden. Sina war sich sicher, dass Finea inzwischen mütterliche Gefühle für den kleinen Ammon entwickelt hatte. Dass sie und Arko ein Paar geworden waren, stand nach den Schilderungen des Wärters für sie außer Frage.
Die ganze Nacht hindurch lag sie wach und grübelte darüber nach, was sie jetzt tun sollte. Laut der Probe in Ammons Gefäß ging es ihm körperlich noch immer gut. Doch wo konnte er jetzt nur sein? Sie beschloss, zunächst nach dem Ort zu suchen, den ihr der Mann genannt hatte. 'Bluemare' hatte er gesagt. Sie würde dort hinreisen und die Nachbarn befragen. Vielleicht hatten sie den Jungen aufgenommen. Wenn nicht, dann war es wichtig zu wissen, was in der Zwischenzeit in Fineas Leben geschehen war. Sina glaubte, dass ihr diese Informationen helfen konnten, den Prinzen zu finden.
Kamir
Inzwischen war es nun schon zwei Wochen her, seit Kamir seine erste Verabredung mit Sarah gehabt hatte. Natürlich so, wie es sich geziemte, immer in Anwesenheit ihrer Mutter Amanda. Doch da diese offensichtlich sehr daran interessiert schien, dass die jungen Leute sich näher kamen, entfernte sie sich während der Spaziergänge immer auf die maximale, gerade noch schickliche Distanz. Kamir nahm dies dankbar zur Kenntnis. Sein Herz war verloren, seit er Sarah zum ersten Mal gesehen hatte. Er war überhaupt zum ersten Mal in seinem Leben wirklich verliebt. Das stellte er spätestens dann fest, als ihm bewusst wurde, dass er Sarah nicht im Bett haben wollte, ohne ordnungsgemäß mit ihr verheiratet zu sein. Er würde nichts tun, das in irgendeiner Form ihrer Ehre schaden könnte. Darum begnügte er sich damit, ihr ein sinnliches Lächeln zu entlocken, stundenlange Gespräche zu führen und sie mit kleinen Geschenken und Komplimenten zu überschütten.
„Du läufst herum wie ein verliebter Trottel!“, eröffnete ihm Lester eines Tages in seiner ganz eigenen unverblümten Art. „Die Männer beginnen schon Witze über dein Balzverhalten zu reißen. Was ist los mit dir? Will die Kleine nicht in dein Bett oder warum bist du so lange damit beschäftigt, Süßholz zu raspeln. Mit deinem 'Dolch' ist doch hoffentlich alles in Ordnung, oder? Wenn nicht, dann hätte ich einen guten Tipp ...“
Er kam nicht dazu, seinen gutgemeinten Rat zu formulieren. Zu seiner Überraschung hatte Kamir ihn grob am Kragen gepackt.
„Hör zu, wenn ich auch nur ein weiteres unziemliches Wort von dir oder einem der Männer aufschnappe, welches Sarah verunglimpft, dann werdet ihr euch vor mir verantworten müssen. Und glaube mir, das bekommt keinem von euch!“
„Schon gut, schon gut, mein Freund“, versuchte Lester ihn zu beruhigen. Nicht, dass er keine Chance gehabt hätte, sich gegen Kamirs Attacke zu wehren. Doch ihm wurde spätestens jetzt klar, wie sehr es seinen Freund erwischt hatte und wie ernst es ihm mit Sarah war. Langsam nahm dieser seine Hände herunter und entfernte sich grußlos.
Lester ließ ihn gehen. Es war besser, Kamir würde sich zunächst einmal abreagieren, bevor er sich bei ihm entschuldigte. Er zweifelte auch keinen Moment daran, dass er dessen Absolution erhielt. Nachdenklich sah Lester ihm nach und schüttelte lächelnd den Kopf. Es schien wirklich so, als würde diese Frau es schaffen, den allseits beliebten Kamir zu einem treusorgenden Ehemann heranzuziehen. So wie Lester die Situation einschätzte, musste sich Kamir bald Gedanken darüber machen, wie er seinen Antrag formulieren sollte. Das würde ein schwarzer Tag für die ledigen weiblichen Bewohner bei Hofe werden. Schließlich war er zur Zeit der begehrteste Junggeselle hier.
Allerdings war auch noch nicht klar, was der König von der Wahl seines Bruders hielt. Immerhin wären Kamir und dessen künftige Söhne Farids legitime Nachfolger, wenn dieser kinderlos blieb. Er und Ismee waren nun schon lange genug verheiratet und noch immer unfruchtbar. Das sorgte hinter vorgehaltener Hand für allerlei Tratsch. Scheinbar sollte es ihnen nicht vergönnt sein, mit Kindern gesegnet zu werden.
Bei dem Gedanken, wie Farid bei Ismee lag, zog sich Lesters Herz zusammen. Es war ihm klar, dass ihm seine Eifersucht nicht zustand, doch was nutzte der Kopf, wenn das Herz verrücktspielte. Entschlossen begab er sich zu den Mannschaftsquartieren der Garde und lenkte sich bei einer anstrengenden Übungseinheit ab.
Kamir bereute schon kurze Zeit später seinen impulsiven Ausbruch. Umgekehrt war er schließlich nicht anders, im Umgang mit Lester und den anderen Männern. Er war berüchtigt für seine spitze Zunge, aber jeder wusste, dass er es nicht wirklich böse meinte. Ihm war klar, dass ihn Lester lediglich etwas sticheln wollte. Er lieferte ihm ja auch genügend Material für seine ironischen Bemerkungen. Im umgekehrten Falle hätte er auch nicht widerstehen können, den Freund zu necken. Er war Lester jedoch förmlich an den Hals gesprungen! So hatte er sich bisher noch nie aufgeführt. Es wurde Zeit, dass er Nägel mit Köpfen machte, Sarah seine Liebe gestand und um ihre Hand anhielt. Aber vorerst musste er mit Farid sprechen. Er würde sich die Hochzeit nicht verbieten lassen, hielt es aber dennoch für klug, sich den Segen seines Bruders vorher einzuholen. Vor allem, um Sarah jegliche Unannehmlichkeit diesbezüglich zu ersparen.
Er fand ihn in seinem Beratungszimmer über irgendwelchen Landkarten. Als Farid ihn bemerkte, rollte er diese eilig zusammen. Kamir konnte sich des Gefühles nicht erwehren, dass sein Bruder etwas vor ihm verheimlichte. Als König des Landes stand es ihm allerdings zu, seine Geheimnisse zu haben. Da Kamir im Moment in bittender Position hier war, verkniff er sich die spitze Bemerkung, die ihm bereits auf der Zunge lag.
„Kamir, schön dich zu sehen!“ Farid trat übertrieben freundlich und mit offenen Armen auf ihn zu.
'Ja, er hat mit Sicherheit irgendetwas zu verbergen. Und scheinbar etwas Gewichtiges ...', dachte Kamir bei sich und gab sich der ungewohnt herzlichen Begrüßung hin. „Was kann ich für dich tun?“, fragte Farid nun.
„Ich habe eine persönliche Bitte an dich.“ Kamir holte tief Luft und schloss die Augen. Dann sah er seinem Bruder fest ins Gesicht und sagte: „Ich möchte dich um die Erlaubnis bitten, Sarah, der Tochter deines neuen Baumeisters, den Hof machen zu dürfen, um sie später um ihre Hand zu bitten.“
Farid sah ihn eine Weile nachdenklich an. Dann legte er den Kopf schief und verschränkte die Arme vor der Brust. „Soweit ich weiß, machst du ihr schon lange den Hof. Und ich kann das verstehen, denn sie ist ein Prachtweib. Doch bisher hast du mich nie um Erlaubnis gefragt, wenn du ein Weib in dein Bett holen wolltest. Und was soll das mit der Hochzeit? Du musst ja nicht gleich die Stute kaufen, nur weil du sie mal reiten willst.“
Kamir musste an sich halten, um nicht, wie zuvor bei Lester, die Kontrolle zu verlieren. Dies wäre hier ganz und gar nicht dienlich. Farid würde nie verstehen, was es bedeutete, die Ehre einer Frau zu achten und sie mit dem eigenen Leben zu verteidigen. Auch wenn Kamir ihm seine Gefühle für Ismee nicht gänzlich absprach, war ihm längst klar, dass sein Bruder zu echter Liebe, so wie sie unter normalen Menschen vorkam, nicht fähig war. Er musste sogar die wenigen Personen, die ihm nahestanden, unter seinen Willen zwingen. Wenn er jemandem befehlen könnte, ihn zu lieben, dann würde er dies mit Sicherheit tun.
„Um es mit deinen Worten zu sagen: Ich habe nicht vor, die Stute zu reiten und dann dem Stallknecht zu überlassen! Ich will Sarah zu meiner Frau und zur Mutter meiner Kinder machen. Darum bitte ich dich um deine Zustimmung. Ich weiß, dass sie nicht von adligem Geblüt ist, doch das war unsere Mutter auch nicht. Darum hoffe ich auf deine Großzügigkeit.“ Demütig senkte er den Blick. Farid bemerkte es wohlwollend, vermisste er doch sonst bei seinem kleinen Bruder derartigen Respekt.
„Also gut. Du hast meine Erlaubnis. Ich wünsche dir viel Erfolg. Ehrlich gesagt zweifle ich nicht im Geringsten daran, dass du deinen Willen bekommst. Die Mutter der Kleinen scheint regelrecht versessen darauf zu sein, dich zu ihrem Schwiegersohn zu machen. Sie würde dir Sarah sicher direkt in dein Schlafgemach führen, wenn du deine Braut zuvor 'prüfen' wolltest.“
Kamir dankte ihm und verließ so schnell wie möglich den Raum. Er wusste nicht, ob er noch mehr Beleidigungen Farids, gegen seine Angebetete und deren Familie, aushalten würde, ohne ihm das Wort zu verbieten. Obwohl er zugeben musste, dass Farid im Bezug auf Amanda nicht ganz unrecht hatte. Sie war dennoch Sarahs Mutter und es widerstrebte ihm, derartige Aussagen kommentarlos hinzunehmen.
Sobald er weit genug von Farid entfernt war, verschaffte er sich mit einem derben Schimpfnamen gegen ihn Erleichterung und atmete auf. Jetzt stand seinem Vorhaben nur noch eines im Wege: Sarahs Wille. Er war sich bisher noch nicht ganz sicher, ob es nur Freundlichkeit oder romanische Gefühle waren, die sie ihm entgegenbrachte. Er wusste nur eines, dass er genau diese Frau haben wollte. Sie war klug, schlagfertig und humorvoll. Ganz zu schweigen von ihrer Schönheit und der unschuldigen Anziehungskraft.
Kurz entschlossen ging er in die Bibliothek, nahm sich ein Blatt Papier und eine Feder und schrieb Sarah eine Botschaft. Diese verschloss er mit seinem Siegel, welches er stets als Ring am Finger trug, und übergab sie einem Diener. Er erteilte ihm die Order, Sarah den Brief nur persönlich und ohne Aufsehen zu überbringen.
Als er später zum Abendessen die Halle betrat, nahm er geistesabwesend Lesters Entschuldigung entgegen. Er versicherte dem Freund nervös, dass er ihm keineswegs gram sei und bat ihn seinerseits um Verzeihung, wegen seiner Überreaktion. Damit war die Angelegenheit für beide erledigt und sie aßen schweigend. Kamir stocherte abwesend auf seinem Teller herum, hielt jedoch inne, als Sarah und ihre Eltern endlich den Saal betraten. Mit klopfendem Herzen sah er sie an. Beinahe unmerklich nickte sie ihm zu und ihm fiel bei dieser unauffälligen Geste ein ganzes Gebirge vom Herzen. Erleichtert aß er seinen Teller leer und antwortete auf Lesters Fragen.
Nach Sonnenuntergang wartete er im Schlossgarten nervös auf seine Angebetete. Er hatte sie in seinem Brief gebeten, ihn an der großen Weide zu treffen. Allein! Diese sollte ihnen Schutz vor unerwünschten Blicken bieten. Nach einer halben Stunde sank seine Hoffnung, dass sie überhaupt noch kommen würde. Als er gerade gehen wollte, hörte er das Knacken eines Astes in seiner Nähe. Reflexartig legte er seine Hand auf den Dolch an seinem Gürtel. Doch dann erkannte er die eindeutigen Umrisse einer Frau, die auf ihn zutrat.
„Kamir, seid Ihr hier?“, fragte sie mit flüsternder Stimme.
„Ich bin hier drüben.“ Mit ein paar Schritten war er bei ihr und trat dicht an sie heran. „Danke, dass Ihr mir Euer Vertrauen schenkt und mich hier trefft.“
Sie senkte kurz den Blick und sah ihn dann, unter ihren dichten schwarzen Wimpern hervor, verschüchtert an. Im Mondlicht gewahrte er ihre dunklen Augen fragend auf sich gerichtet.
„Ich habe keinen Moment an Eurer Ehrenhaftigkeit gezweifelt, Lord Kamir. Jedoch hörte ich schon das ein oder andere, das mich hätte davon abhalten müssen, eurem Wunsch nachzugeben. Ihr seid kein Mann, der schönen Frauen abgeneigt ist ... Dennoch, meine Neugier war stärker.“ Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Wahrscheinlich meine größte Schwäche.“
Er lachte leise. „Ein Glück für mich.“ Er näherte sich ihr noch mehr und war schließlich so dicht vor ihrem Gesicht, dass er ihren warmen Atem spürte. „Und was würdet Ihr tun, wenn ich Euch doch in unehrenhafter Absicht herbestellt hätte?“ Er hatte es noch nicht ganz ausgesprochen, da spürte er etwas Spitzes zwischen seinen Beinen, direkt an seiner empfindlichsten Stelle.
„Ich bin neugierig, aber nicht dumm!“, stellte sie unschuldig fest.
Er konnte nicht anders: Ungeachtet dessen, dass er ihr gemeinsames Versteck verraten könnte, begann er laut zu lachen. „Genau das ist es, was Euch in meinen Augen so unwiderstehlich macht. Ihr könnt einen immer wieder überraschen!“ Er schüttelte den Kopf und entfernte sich ein paar Schritte von ihr. „Eigentlich wollte ich ... Aber vergessen wir dies für heute. Ich glaube, es ist nicht der richtige Moment dafür.“ Noch immer wurde seine Stimme von Lachen gefärbt.
Ihre Augen wurden schmal und sie musterte ihn eindringlich. „Was wolltet Ihr? Ich bin nicht mitten in der Nacht aus meinen Gemächern geschlichen, um mich dann hier von Euch auslachen zu lassen.“
Sofort verstummte er und wurde ernst. „Ich lache Euch keineswegs aus. Es ist eher die Situation, die mich erheitert. Ich hatte vor, Euch heute meine Liebe zu gestehen und statt des innig erhofften Kusses, bekomme ich von Euch einen Dolch an den ...“ Er brach den Satz ab, als er die Veränderung bemerkte, die mit ihr vorging. Sie ließ die zierliche Klinge sinken und sah ihn forschend an. So standen sie eine Weile bewegungslos da, bis er ihr anbot, sie zurückzubringen. Doch statt sich in Richtung Schloss umzudrehen, trat sie entschlossen auf ihn zu und presste unbeholfen ihre Lippen auf die seinen. Völlig überrumpelt davon, dass sie die Initiative ergriff, entzog er sich für einen Moment. Doch als er sich der Bedeutung dieser forschen Geste bewusst wurde, legte er seine Arme fest um ihren schmalen Leib und zeigte ihr, wie ein richtiger Kuss zu sein hatte. In seinem Inneren explodierten die Gefühle und er ließ erst wieder von ihr ab, als sie ihn sanft von sich schob. Erregt und völlig außer Puste sahen sie sich an. „Ja, so etwas in der Art hatte ich mir vorgestellt“, sagte er leise.
„Ich mir auch“, gab sie keck zurück. Wieder versanken sie in einem langen leidenschaftlichen Kuss. Als er später bemerkte, dass sein Unterleib drohte, seinen Verstand lahmzulegen, ließ er von ihr ab. „Es ist besser, wir gehen jetzt zurück, sonst brauchst du am Ende deinen Dolch doch noch.“
Sie lachte verlegen, was sie für ihn noch anziehender machte. Spontan ging er auf die Knie und fragte: „Sarah Zorban, bist du damit einverstanden, dass ich deinen Vater um die Erlaubnis bitte, um deine Hand anhalten zu dürfen?“
Sie sah ihn fassungslos an, noch immer den kleinen Dolch in der rechten Hand. Als ihr dies bewusst wurde, steckte sie ihn fahrig in die dazugehörige Scheide, die sie zwischen ihren Rockfalten fand. Dann sah sie ihn lächelnd an und hielt ihm beide Hände entgegen. „Natürlich bin ich einverstanden!“ Sie zog ihn hoch und sie standen noch lange, schweigend und überwältigt von diesem Moment, eng umschlungen da.
Schon am nächsten Tag setzte Kamir sein Vorhaben in die Tat um. Wie erwartet gab es bei Sarahs Vater keine Probleme. Freudig erteilte er ihnen seinen Segen und Kamir kniete schon einen Moment später erneut vor seiner Braut. Glücklich steckte er ihr den Ring an, den er zum Zeichen seiner Liebe hatte anfertigen lassen. Sarahs Mutter sorgte dafür, dass der ganze Hof schon vor der offiziellen Verkündung von der Verlobung wusste. Man reagierte allseits positiv auf die Neuigkeit - bis auf ein paar gekränkte weibliche Seelen.
Als Kamir Ismee von der geplanten Hochzeit in Kenntnis setzte, gratulierte sie ihm von Herzen. Doch er hatte es kaum ausgesprochen, als Lina mit entsetztem Gesichtsausdruck ausrief: „Das geht nicht! Das kannst du nicht! Du sollst doch mich heiraten, wenn ich alt genug bin!“
Kamir ging in die Hocke. „Ach Lina, das war doch nur ein Spiel! Ich bin doch viel zu alt für dich. Aber wir bleiben die besten Freunde! Daran wird sich nichts ändern. Ich dachte, du könntest Sarahs Brautmädchen sein. Sie würde sich bestimmt freuen und ich mich auch.“
Er stellte mit einer gewissen Verwunderung fest, dass sich der Ausdruck in Linas Gesicht in blanke Qual verwandelte. Ihm wurde schmerzhaft bewusst, dass er diesem kleinen Mädchen, das er liebte wie seine eigene Schwester, gerade das Herz gebrochen hatte.
Nur mühsam hielt Lina ihre Tränen zurück. „Ich werde ganz sicher nicht ihr Brautmädchen. Und ich werde ganz sicher nicht mit zu eurer Hochzeit gehen. Ich hasse diese Sarah und dich auch!“ Mit diesen Worten rannte sie aus dem Zimmer. Kamir wollte ihr nachlaufen, doch Ismee hielt ihn zurück. „Lass sie! Ich werde dann nach ihr sehen. Sie muss sich damit abfinden, auch wenn es schwerfällt.“
Kamir zog die Stirn in Falten und schüttelte verständnislos den Kopf. „Was ist los mit ihr? Sie ist noch ein kleines Mädchen. Sie kann das alles doch unmöglich ernst genommen haben.“
Ismee lächelte ihr bezauberndes Lächeln und legte ihm eine Hand an die Wange. „Da täuscht du dich, mein Lieber. Auch im Herzen eines kleinen Mädchens kann schon die Liebe der späteren Frau reifen. Für Lina ist gerade ihre Zukunft zerstört worden. Sie war sich so sicher, dass sie irgendwann deine Frau sein würde. Zeit spielt für sie noch keine Rolle. Und wenn du ehrlich bist, gehörst du wirklich noch nicht zu den Greisen, wenn sie eines Tages ins heiratsfähige Alter kommt. - Das hat sie sich übrigens schon ausgerechnet. Aber trotz allem solltest du dich davon jetzt nicht einschüchtern lassen. Sie muss und wird begreifen, dass im Leben nicht alles so läuft, wie sie sich das vorstellt. Also geh jetzt zu deiner Braut und genieße deine Verlobungszeit. Um Linas gebrochenes Herz kümmere ich mich.“ Mit sanfter Gewalt schob sie ihn zur Tür und brachte ihn zum Gehen.
Dann machte sie sich auf, um Lina zu suchen. Sie fand sie in ihrem Zimmer, zusammengerollt neben dem Bett. Das Mädchen wimmerte laut und zuckte dabei heftig. Ismee ließ sich neben sie auf den Boden sinken und legte ihr die Hand auf das braune Haar. Mit einem heftigen Schluchzen warf sich das Kind in ihre Arme. Eine Weile strich Ismee ihrer Tochter nur sanft über den Kopf. Es zerriss ihr fast das Herz, sie so zu sehen.
„Lina, du darfst Kamir nicht hassen, nur weil er sich verliebt hat. Und auch Sarah hat nichts getan, das dieses Gefühl rechtfertigt. Dein Schmerz tut mir leid. Aber aus verletztem Stolz heraus, sollte man niemanden hassen. Und wenn du ehrlich bist, hast du Kamir immer noch lieb. Er dich übrigens auch. Kamir ist nun mal ein erwachsener Mann und du ein kleines Mädchen. Wenn du älter bist, lachst du darüber und wirst mit deinem Traumprinzen vor den Altar treten und glücklich 'Ja' sagen. Aber bis dahin ist es noch eine lange Zeit. Mach dir dein kleines Herz noch nicht mit solchen Dingen schwer!“ Lina hörte schließlich mit dem Weinen auf.
„Ich werde keinen anderen heiraten! Niemals!“, flüsterte sie mit entschlossener Stimme. Sie gab ihre kindliche Hoffnung nicht auf, Kamir eines Tages doch noch zum Mann zu bekommen. Doch davon sagte sie ihrer Mutter nichts. Die Erwachsenen nahmen sie nicht ernst. Das hatte sie heute wieder zu spüren bekommen. Sie nahm sich vor, mit keinem mehr jemals über diese Dinge zu reden.
Die Hochzeit fand drei Monate später statt. Die Trauung war für die Mittagszeit angesetzt. Der traditionelle Gang zum Tempel entfiel, da Kamir nur Farids Halbruder war und dieser die jahrhundertealte Tradition eh abgeschafft hatte. Kamir stand am Fenster und hielt sein Gesicht in die Strahlen der Vormittagssonne. Er genoss deren angenehme Wärme und dachte an seine Braut. Bei dem Gedanken, sie in der kommenden Nacht endlich ganz besitzen zu können, hoben sich automatisch seine Mundwinkel. Ja, er war glücklich!
Nur eines trübte seine Vorfreude erheblich: Lina hatte, seit dem Vorfall in Ismees Gemächern, kein Wort mehr mit ihm geredet. Zwar spürte er die Blicke des kleinen Mädchens, wenn sie meinte, sie blieben unbemerkt, doch immer wenn er Lina ansprechen wollte, lief sie davon. Er musste sich unbedingt mit ihr aussöhnen, bevor er zum Altar schritt. Sie war einer der wichtigsten Menschen in seinem Leben und das wollte er ihr noch einmal sagen.
Entschlossen machte er sich auf den Weg. Er fand sie schließlich, wie erwartet, an ihrem Lieblingsplatz auf den Wehranlagen. Dort saß sie mit angezogenen Beinen zwischen den Zinnen des Wehrganges. Diese waren breit genug, dass sie dort Platz fand, ohne zu dicht am Abgrund zu sitzen. Ismee durfte nicht wissen, dass Lina sich über ihr Verbot hinwegsetzte und noch immer sehr oft hier war. Leise schlich er an sie heran. Trotz des schönen Wetters wehte eine ordentliche Brise. Die Beflaggung machte knatternde Geräusche, weshalb sie ihn erst hörte, als er sie ansprach.
„Wie lange willst du noch vor mir davonlaufen?“, fragte er.
Sie sah demonstrativ in die Ferne und ignorierte ihn, wie immer.
„In wenigen Stunden ist meine Hochzeit. Mein größter Wunsch ist es, dass alle Menschen, die ich liebe, daran teilhaben. Wenn du nicht kommst, wird es niemals der Tag werden, den ich mir erträumt habe. Du bist mir wichtig! Ich heirate Sarah, aber du bist meine beste Freundin und ich hoffe, dass du das auch weiterhin bleibst. Und glaube mir, Freundschaften halten oft länger als jede Liebe.“ Er hielt ihr die Hand hin, doch sie blieb stur. „Wie du willst!“, sagte er leise und seine Enttäuschung war ihm deutlich anzuhören. Er wandte sich ab und ließ sie allein.
Als er später am Altar stand und seinen Blick erwartungsvoll über die Gäste in der Halle schweifen ließ, sah er, dass der Platz neben Ismee noch leer war. Sie saß mit Farid auf einem Zwischenpodest, das der königlichen Familie vorbehalten war. Lina fehlte. Ismee sah sich immer wieder um und zuckte missmutig mit den Schultern. Dann, in letzter Sekunde, eilte Kamirs beste Freundin zwischen den wartenden Menschen hindurch nach vorn. Unter dem erleichterten, aber dennoch tadelnden Blick ihrer Mutter, setzte sich das Mädchen auf seinen Platz. Nur kurz zuckten ihre Augen zu Kamir hinüber, doch das genügte ihm als Friedensangebot oder wenigstens als Waffenstillstand. Ihm war klar, dass dieses stolze Geschöpf eher die Strafe ihrer Mutter auf sich genommen hätte, als unfreiwillig hier zu sein. Sie sah sehr hübsch aus, obwohl sie sich in aller Eile fertig gemacht hatte. Wenn sie eines Tages erwachsen wäre, würde sie sicher sehr schön sein. Dann würde er, gemeinsam mit Sarah und ihren drei oder vier Kindern, zusehen, wie Lina ihrem glücklichen Ehemann zugeführt wurde. Doch den wollte Kamir zuvor auf Herz und Nieren prüfen.
Jetzt fehlte nur noch Sarah.
Und da war sie auch schon. Die wartende Menge hatte eine breite Gasse freigehalten, durch die sie von ihrem Vater geführt wurde. Sie war atemberaubend schön und Kamir musste bei ihrem Anblick schlucken. Sie trug ein weißes Kleid, das dezent mit silbernen Stickereien verziert war. Es war schlicht geschnitten und zeigte nur wenig Dekolleté, dennoch wirkte sie wie die Versuchung selbst auf Kamir. Ihr schwarzes Haar war sorgfältig aufgesteckt und wurde von vielen kleinen Diamanten verziert.
Sie blickte demütig zu Boden, ganz wie es der Brauch von einer keuschen Braut verlangte. Erst als sie fast bei Kamir angelangt war und nur er in ihr Gesicht sehen konnte, verwandelte ihr Blick sich in pure Liebe. Eine heiße Welle der Zuneigung durchlief seinen Körper. Voller Dankbarkeit nahm er die Hand seiner Braut aus der ihres Vaters und konnte es kaum erwarten, dass sie den göttlichen Segen erhielten.
Nach dem öffentlichen Akt schritten die jungen Eheleute, Seite an Seite, durch den Gang nach draußen. Dort hatten sich Kamirs Männer versammelt und zu einem Spalier aufgestellt. Das Paar ging unter den gezückten Säbeln hindurch und dankte ihnen für die erwiesene Ehre.
Dann wurde festlich getafelt und gefeiert. Die Köche hatten sich selbst übertroffen. Es gab alles, was das Herz begehrte.
Nach dem Abendessen eröffneten sie den Ball. Während einer Tanzpause entdeckte Kamir Lina, die in der hintersten Ecke des Saales saß und missmutig das Treiben beobachtete. Er ging zu ihr und stellte sich eine Weile schweigend neben sie. Ohne sie dabei anzusehen, sagte er: „Schön, dass du es dir doch noch überlegt hast. Das werde ich dir nie vergessen.“ Nun sah er sie doch an und ging auf die Knie. „Freunde, für immer?“, fragte er leise. Statt eine Antwort zu geben, erwiderte sie seinen Blick mit großen Augen, in denen Tränen schimmerten. Plötzlich fiel sie ihm euphorisch um den Hals und klammerte sich fest an ihn. „Für immer und ewig!“, flüsterte sie zurück. Er nahm sie erleichtert in seine Arme und strich ihr übers Haar.
So fand sie wenig später Ismee vor. Sie lächelte Kamir zu, bevor sie in strengem Tonfall das Wort an ihre Tochter richtete. „Hier bist du also! Die Kinderfrau hat sich darüber beklagt, dass du ihr schon seit geraumer Zeit davonläufst. Du solltest um diese Zeit längst in deinem Bett sein. Sag jetzt 'Gute Nacht' und sei ein braves Mädchen!“
Lina löste sich unwillig von Kamir und ging an der Hand der Kinderfrau hinaus. Er sah ihr lächelnd nach, bevor er zurück zu seiner wunderschönen Braut ging, um sie erneut zum Tanzen zu holen.
Kurz nach Mitternacht war das Fest vorbei und endlich waren sie allein. Kamir betrat das Brautgemach. Seine Paradeuniform hatte er bereits gegen einen bequemen Hausmantel getauscht. Das Zimmer war in Kerzenlicht getaucht und exotische Blumen verströmten ihren Duft. Sarah stand am Fenster und hatte ihm den Rücken zugewandt. Sie trug ein Nachthemd, das an eine Toga erinnerte. Kamir genoss den Anblick, den der durchscheinende Stoff ihm bot. Langsam trat er hinter sie und küsste ihren Hals. Sie schloss die Augen und legte mit einem leisen Stöhnen den Kopf zur Seite, um ihm mehr Platz für seine Liebkosungen zu bieten. Und er verstand ihre Geste. Er ließ sich Zeit dabei, sie in die Liebe einzuführen. Sie küssten sich zunächst zärtlich, dann fordernd. Mit ein paar Handgriffen hatte er sie von ihrem Hemd befreit und entledigte sich auch seiner Sachen. Er trug sie zum Bett, ohne den Kuss zu unterbrechen. Er verwöhnte ihren gesamten elfenhaften Körper mit voller Aufmerksamkeit. Sie stöhnte und drängte ihn schließlich in die richtige Position, um den Akt zu vollziehen. Er ließ sich nicht lange bitten und kam ihrem Wunsch nach. Nachdem Sarah kurz zusammengezuckt war, hatte er sich zurückgehalten. Doch nur einen Augenblick später geriet sie schließlich wieder in Bewegung und sie fanden sofort einen gemeinsamen Rhythmus. Er hatte schon lange bei keiner Frau mehr gelegen und war dankbar dafür, als er schließlich, in einem ekstatischen Schwall, alle Anspannung verlor.
Später lagen sie eng aneinandergeschmiegt und schliefen glücklich ein.
Sina
Sobald sie alles Wichtige für die Zeit ihrer Abwesenheit geklärt hatte, machte sich Sina auf den Weg. Zwei anstrengende Wochen später kam sie endlich an der Küste an. Sie ließ ihren Blick über den weiten Horizont schweifen und genoss für einen Moment den Anblick. Wunderschön war die Verbindung vom Türkis des Meeres mit dem Azurblau des Himmels. Es war überwältigend und machte ihr einmal mehr klar, wie unwürdig und klein doch der Mensch war. Und dennoch lohnte es sich, für jene einzustehen, die sich nicht nur um ihr eigenes Wohl sorgten und die einem am Herzen lagen, so fehlbar sie auch sein mochten.
Ihre bevorstehende Abreise hatte im Tempel zunächst für Unruhe gesorgt. Die Wächterinnen fühlten sich nicht mehr sicher, seit Farid sich offen von ihnen distanzierte. Seit Generationen hatte der Tempel unter dem Schutz des Königshauses von Isfadah gestanden und die Wächterinnen brauchten sich um derartige Dinge nicht zu sorgen. Doch die veränderte Situation hatte die weisen Frauen ihrer Sicherheit beraubt und die bevorstehende lange Abwesenheit von Sina minderte derartige Angstgefühle nicht gerade. Doch die oberste Wächterin hatte ihre Autorität eingesetzt und keinen Widerspruch geduldet. Sie versicherte, dass ihre Mission auch dem Wohle des Tempels diene und ordnete an, dass keinesfalls etwas davon nach außen dringen durfte. Eventuelle Besucher sollten damit vertröstet werden, dass die Meisterin mit einem schweren, ansteckenden Leiden ans Bett gefesselt sei. Sina übergab die Leitung des Tempels an ihre Vertreterin und sprach den Frauen Mut zu. „Es darf und wird nicht immer so sein, dass wir uns vor Anfeindungen und Übergriffen dieses unwürdigen Königs fürchten müssen. Ich will die Ehre unseres Tempels wiederherstellen. Doch das ist ein langer Weg und meine Reise ist dafür nur der Anfang.“ Sie machte eine Pause und sah in die Gesichter der versammelten Wächterinnen. Als sie zu bemerken glaubte, wie sich Hoffnung und Stolz auf ihnen abzeichneten, fragte sie: „Habe ich eure Unterstützung?“
Langsam kam Leben in die Versammlung und nach und nach versicherte ihr jede der Anwesenden ihre Ergebenheit zu.
Der Abschied war tränenreich gewesen und viele gute Wünsche begleiteten Sina. Und die hatte sie auch bitter nötig. Als Frau allein zu reisen und das über eine so große Distanz, war nicht üblich und auch nicht ungefährlich. Sie hatte sich eine rührselige Geschichte zurechtgelegt, von einem alten einsamen Vater, der im Sterben lag. Das erklärte für die meisten Fragesteller alles und verschaffte ihr Ruhe. Zum Glück hatte sie immer wieder die Gelegenheit gehabt, bei einer netten Familie oder vertrauenswürdigen Händlern mitzufahren. Zu Fuß hätte sie ein Vielfaches der Zeit gebraucht. Dennoch war sie jetzt zutiefst erschöpft und genoss die Verschnaufpause am Strand.
Als sich Sina ausgeruht hatte, erhob sie sich und hielt Ausschau nach einem Menschen, den sie nach dem Weg fragen konnte. Nach einer Weile erblickte sie eine Gestalt, die ebenfalls den beeindruckenden Anblick des Meeres zu genießen schien. Zielsicher ging sie auf sie zu. Als sie näher kam, erkannte sie, dass es sich um einen alten Mann handelte. Erst als ihr Schatten sich vor ihm ausbreitete, wurde er sich ihrer Gegenwart bewusst. Überrascht blinzelte er zu ihr hinauf. Sina, die während der Reise ihr rotes Gewand gegen ein gewöhnliches Alltagskleid getauscht hatte, wirkte auf ihn nicht weiter bedrohlich und so wich sein anfänglich skeptischer Blick bald einem freundlichen Lächeln.
„Kann ich Euch behilflich sein?“, fragte er die anmutige Fremde höflich und versuchte, sich wacklig auf die schwachen Beine zu stellen.
Sina bat ihn, sitzen zu bleiben und ging selbst in die Hocke, um ihm direkt in die Augen zu sehen. „Ich suche nach einem Fischerdorf namens Bluemare. Könnt Ihr mit sagen, wo ich es finde?“ Auf dem Gesicht des Mannes breitete sich das Lächeln der Erkenntnis aus.
„Ja, das ist hier ganz in der Nähe! Geht einfach in dieser Richtung am Ufer entlang und in etwa zwei Stunden solltet Ihr da sein.“
Sie bedankte sich freundlich bei ihm, fasste ihr Bündel und begab sich in die gewiesene Richtung. Die Sonne stand noch hoch und alles sprach dafür, dass sie ihr Ziel vor deren Untergang erreichen würde.
Als die letzten Strahlen auf den Wellen des Meeres hüpften, kam Sina in Bluemare an. Erleichtert schritt sie aus und brauchte nicht lange, um einen Bewohner des Dorfes zu treffen. Der antwortete der Fremden nur unwillig auf ihre Fragen. Aufmerksam musterte er die Frau. „Das war ein Drama, das Ganze! Keiner weiß so richtig, was wirklich geschehen ist. Aber fragt am besten den alten Mateo. Er und seine Sippe waren gut mit diesen Leuten bekannt.“ Er erklärte ihr den Weg und Sina vergeudete keine Zeit. Sie dankte dem Mann und machte sich auf die Suche nach der beschriebenen Hütte. Sie musste in dem kleinen Ort nicht lange suchen. Auf ihr Klopfen hin öffnete ein alter Mann und sah sie fragend an.
„Seid Ihr Mateo?“, fragte sie ihn freundlich.
Der alte, aber keineswegs gebrechliche Mann zog die Stirn in Falten und fragte nun seinerseits: „Wer will das wissen?“
Sie lächelte ihn verständnisvoll an. „Mein Name ist Sina. Wenn Ihr der seid, den ich suche, hoffe ich, von Euch Auskunft über das Schicksal unserer gemeinsamen Freunde zu bekommen. Sie haben bis vor ein paar Wochen hier gelebt. Dann hat das Schicksal sie hart getroffen. Ich denke, sie sind Euch unter dem Namen Arno und Luna bekannt.“
Jetzt straffte sich der Rücken des Alten und an seiner aufmerksamen Miene konnte Sina erkennen, dass sie sehr wohl den richtigen Mann vor sich hatte.
„Sie haben nie von einer Sina gesprochen“, sagte er misstrauisch.
„Das kann durchaus sein. Doch Ihr könnt mir glauben, wenn ich Euch sage, dass mir Luna wie eine Tochter am Herzen lag. Ich muss einfach wissen, was ihr und den Ihren widerfahren ist.“
Mateos Menschenkenntnis sagte ihm, dass die Fremde vertrauenswürdig war. Und selbst wenn er sich irrte: Arno war tot und Luna und den Kindern konnte sie sicher auch nicht mehr schaden. Langsam trat er zur Seite und bat sie ins Haus. Sina dankte und nahm auf dem angebotenen Schemel Platz.
„Wir wissen selbst nicht genau, was passiert ist. Arno und ich waren an jenem Tag auf dem Markt. Dort tauchten plötzlich Soldaten auf und stellten Fragen nach einer Frau, deren Beschreibung auf Luna passte. Angeblich suchte man sie wegen Hexenzeugs und so. Doch uns war klar, dass unsere Luna nicht so eine war. Wir leugneten, die beschriebene Frau zu kennen. Nur dieses kleine niederträchtige Biest, die Tochter des Schmieds, hat ihr Schandmaul nicht halten können. Als Arno bemerkte, dass die Soldaten aufbrachen, ritt er selbst davon, um Luna und die Kinder zu warnen ...“
„Die Kinder?! Ihr meint den Jungen, Ammon“, unterbrach ihn Sina verwundert.
„Ihn und die kleine Fanida. Ein wunderschönes kleines Ding. Ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten und genauso klug ...“ Er schluckte und wischte sich verlegen eine Träne aus dem Augenwinkel.
„Sie hatte eine Tochter?“, rief Sina überwältigt von der Neuigkeit.
„Ja, sie und Arno waren schon bald nach der Hochzeit in froher Erwartung.“
Sina ließ die Neuigkeit sacken. Als sie sich wieder gefangen hatte, fragte sie: „Und was geschah dann?“
Sein Blick ging ins Leere und verfinsterte sich. „Als wir hier ankamen, war schon alles zu spät. Die Hütte brannte lichterloh und keiner schien überlebt zu haben. In den Trümmern fanden wir am nächsten Tag jedoch nur die verkohlten Überreste von Arno. Wir begruben ihn hinter der Hütte. Von den anderen Dreien fehlte jede Spur. Wir vermuten, dass die Soldaten sie verschleppt haben.“
Sina überlegte einen Moment, ob sie ihm von Fineas Schicksal erzählen sollte, wollte ihm aber die Hoffnung nicht nehmen, dass sie am Leben war. Obendrein hielt sie es für besser, wenn er die wahren Hintergründe der ganzen Geschichte nicht erfuhr. Noch immer hatte das Leben von Ammon oberste Priorität. Jeder weitere Mitwisser in dieser Sache wäre eine Gefahr. Ihre Gedanken überschlugen sich. Was war mit den Kindern geschehen? Sie war sich sicher, dass das Blutsiegel nicht log, wenn es Ammons Zustand als unbedenklich anzeigte. Doch was war mit dem Mädchen? Von dem Kerkerwärter hatte Sina erfahren, dass Finea wohl überzeugt davon war, die einzig Überlebende zu sein. Also waren die Kinder auch nicht bei ihr, als man sie mitnahm.
„Könnt Ihr mir die Reste der Hütte zeigen, in der sie gewohnt haben?“, fragte sie den Alten.
„Das kann ich wohl. Jedoch nicht mehr heute. Ich kann Euch ein Lager herrichten und morgen, bei Tageslicht, werde ich Euch hinführen.“
Sina sah hinaus und stellte überrascht fest, dass es schon stockdunkel war.
„Das klingt vernünftig. Ich nehme Euer Angebot gern an.“
Mateo deckte den Tisch und während sie ein einfaches Mahl verzehrten, erzählte er ihr alles, was seit Arnos und Lunas Ankunft geschehen war. So erhielt Sina Einblick in das Leben ihres Schützlings und fühlte sich ihr so nah wie schon lange nicht mehr. Dankbar hing sie an den Lippen des Alten und auch ihm schien es gut zu tun, in frohen Erinnerungen zu schwelgen. Sie lachte, als er von Arnos ersten Versuchen als Fischer erzählte und wurde wehmütig, als er von der Hochzeit und der kleinen Fanida berichtete.
Sie schienen glücklich gewesen zu sein, die Vier.
Als sie später auf ihrem Lager lag, wollte der Schlaf sich nicht einstellen. Ihr wurde zum ersten Mal bewusst, dass Finea ohne ihr Zutun noch am Leben wäre. Nur auf Sinas Anweisung hin, hatte sich die junge Wächterin Lord Arko und dem kleinen Prinzen angeschlossen. Hätte sie nicht darauf bestanden, dann wäre Finea noch heute im Tempel und würde die Schriften studieren. Das Gefühl von heißem Blei breitete sich in ihrem Magen aus. Verzweifelt rollte sie sich zusammen und schluchzte in ihre Decke. Irgendwann schlief sie erschöpft ein.
Als sie am Morgen erwachte, war das Gefühl noch immer da. Doch sie traf eine Entscheidung. Sie würde sich ihren Schuldgefühlen nicht hingeben. Sie war die einzige Hoffnung, die die Kinder noch hatten. Wenn sie sich jetzt gehen ließ, wäre alles vergebens gewesen. Sina vergrub ihre Schuldgefühle unter der großen Aufgabe, die vor ihr stand: Um jeden Preis die Kinder zu finden. Sie war sich sicher, dass auch das Mädchen überlebt hatte. Was allerdings seither alles passiert sein konnte, wollte sie sich nicht ausmalen. Zwei kleine Kinder, allein in der Fremde ...
Mateo riss sie schließlich aus ihren Grübeleien. Sie aßen etwas Haferbrei und machten sich wenig später auf den Weg. Schon von Weitem konnte Sina die verkohlten Überreste der kleinen Hütte erkennen. Erneut machte sich das Blei im Magen bemerkbar. Doch auch diesmal gelang es ihr, dieses Gefühl zu verscheuchen. Aufmerksam betrachtete sie die schwarzen Balken und trat näher. Doch Mateo hielt sie zurück. „Vorsicht, geht nicht zu nah heran! Die Reste könnten jederzeit zusammenbrechen!“ Sie nickte und beschloss, später noch einmal allein hierher zurückzukehren. Sie wusste nicht, wonach sie suchte, aber sie wollte nichts unversucht lassen. Sie pflückte ein paar Blumen von der benachbarten Wiese und legte sie auf Arkos Grab. Lange sah sie auf die gemeißelte Inschrift des Grabsteines. Dort stand der Name 'Arno'. Lord Arko würde also für immer unter falschem Namen in der Erde ruhen. Doch das war nicht schlimm. Hier war er glücklich gewesen. Als Arno hatte Finea ihn zum Vater gemacht ...
Nur schwer konnte Sina sich losreißen.
Zunächst begleitete sie den Alten wieder zurück. Dort packte sie ihr Bündel und bedankte sich für seine Hilfe. „Ich muss aufbrechen. Es war sehr freundlich von Euch, mir Obdach und Essen zu geben. Ihr sollt allzeit gesegnet sein.“ Mit diesen Worten verließ sie ihn und begab sich offiziell auf den Heimweg. In Wahrheit änderte Sina die Richtung, sobald sie außer Sichtweite war.
Eilig begab sie sich zu der Ruine und zögerte nicht lange, bevor sie in deren Inneres vordrang. Lange suchte sie in der Asche herum und fragte sich mehrfach, wonach. Was wollte sie hier finden? Dann plötzlich brach sie mit dem rechten Fuß durch die verkohlten Holzdielen. Ein Schmerzensschrei entfuhr ihr und mühsam zog sie das Bein aus dem Loch. Als sie das Brett schließlich entfernt hatte, stellte Sina erstaunt fest, dass sich der Erdboden keineswegs wie üblich eine Elle darunter befand. Das Loch war wesentlich tiefer. Als sie der Sache nachging, entdeckte sie den kleinen Tunnel. Sie kroch hinein und folgte ihm bis zum Ausgang. Sie wusste noch immer nicht, warum Finea so fest davon überzeugt gewesen war, dass die Kinder tot seien. Alles, was Sina hier sah, wies daraufhin, dass die beiden durch diesen Fluchtweg entkommen sein mussten. Wahrscheinlich hatten sie dann beobachtet, wie die Soldaten ihre Mutter verschleppten und sind ihnen gefolgt. Irgendwo, zwischen hier und Isfadah, musste sich ihr Schicksal entschieden haben. Sie wusste, dass die Suche nahezu aussichtslos sein würde, aber es war die einzige Chance.
Sandor
Sandor erwachte, als der lange durchdringende Ton des Weckhorns erklang. Schnell erhob er sich und war, wie fast jeden Morgen, der Erste, der sich in Marschbereitschaft befand. Nur einen Moment später war auch Kossmo so weit. Abschätzend trafen sich ihre Blicke. Schon vom ersten Tage an standen die beiden Knaben in direkter Konkurrenz zueinander. Dabei hätten sie, rein äußerlich, Brüder sein können. Beide hatten dunkles Haar und braune Augen, nur waren Kossmos noch eine Nuance dunkler als Sandors. Doch im Charakter unterschieden sie sich völlig. Während Sandor, trotz seines Ehrgeizes, seine Kameraden nicht vergaß, war Kossmo ein verschlossener Einzelgänger. Man sah den Jungen selten lächeln und er sprach kaum ein Wort.
Da den kleinen Draconen kaum freie Zeit gewährt wurde und Unterhaltungen während der Ausbildung nicht gestattet waren, gab es kaum die Möglichkeit, Freundschaften zu schließen. Und doch fanden die Knaben den ein oder anderen Weg, so etwas wie kameradschaftliche Nähe zuzulassen. Das gemeinsame und allem übergeordnete Ziel war es, der großen Sache zu dienen. Sie sprachen sich gegenseitig Mut zu, wenn die Kräfte zu schwinden drohten. Mancher schmuggelte schon mal einen Kanten Brot für jene, die mit Nahrungsentzug bestraft wurden, weil sie beispielsweise das Ausbildungsniveau nicht schafften. Erwischten die Ausbilder jedoch jemanden dabei, erwarteten den Schmuggler, ebenso wie dessen Begünstigten, heftige Strafen. Es wurden den Knaben nicht nur die kompletten Nahrungsrationen gestrichen, sondern sie mussten auch dursten … zwei Tage lang. Obendrein befahl man ihnen, eine Nacht hindurch stehenzubleiben. Das Ganze unter freiem Himmel und nur mit einem Lendenschurz bekleidet …
Da die Kinder einem extrem harten Trainingspensum ausgesetzt waren, fehlte ihnen danach jede Kraftreserve und sie brauchten lange, um wieder mit den anderen mitzuhalten. Und dies war am Ende für sie die größte Strafe, denn für jeden von ihnen war es das Wichtigste, mit ihrem Leben dem König zu dienen und ihm Ehre zu machen. Es war eine Schmach, den Anforderungen nicht zu genügen und demütigte sie bis ins Mark.
Sandor war von Anfang an einer der Besten gewesen und hatte schnell seinen Namen erhalten – einen Tag nach Kossmo. Dessen Namensverleihung hatte ihn zu größtmöglichen Leistungen angespornt und ungeahnte Kraftreserven freigesetzt. Wie in Trance hatte er alle Hindernisse überwunden, ohne sich über eventuelle Gefahren Gedanken zu machen. Danach hatten ihn alle mit derselben Bewunderung im Blick angesehen wie Kossmo. Das hatte ihn mit großem Stolz erfüllt.
Doch nicht bei allen lief es so gut. Noch heute, zwei Monate nach ihrer 'Wiedergeburt', gab es zwei Knaben in ihren Reihen, die namenlos waren. Die Ausbilder machten diesen das Leben zur Hölle und nannten sie 'Schwächlinge', 'Dreck' oder 'Nichts'. Sandor litt innerlich jedes Mal mit ihnen. Er tadelte sich selbst dafür, dass er zu weichlich war. Kossmo hingegen schien das alles nicht im Geringsten zu interessieren. Er sah dem täglichen Schauspiel ohne jede sichtbare Regung zu. Er war bei allen Ausbildern der beliebteste Knabe. Gefühle wollte hier schließlich keiner haben.
Trotz der widrigen Umstände, in denen die Kinder lebten, waren sie alle, ohne Ausnahme, stolz darauf, hier zu sein. Sie kannten ja nichts anderes mehr. Es gab nichts Höheres für sie, als ihren geliebten König und Vater. Sie wollten ihn stolz machen. Darum fühlten sich die Namenlosen nicht etwa ungerecht behandelt, sondern verzweifelten an ihrer eigenen Unzulänglichkeit. Sie schämten sich dafür. Sandor seinerseits war stolz, zu den Besten zu gehören. Vor allem, wenn es ihm gelang, besser zu sein als Kossmo, erfüllte ein Gefühl des Triumphs seine kleine Brust.
An die kalten Nächte hatten sich inzwischen fast alle gewöhnt. Kaum einer von ihnen zitterte noch, wenn er sich auf seinem kargen Lager zusammenrollte. Auch mit dem harten Boden hatten sie sich wohl oder übel arrangiert.
Jetzt ging gerade die Sonne auf und auch der Letzte war inzwischen auf den Beinen. Doch für diesen Bedauernswerten würde es kein Frühstück geben. So sagten es die Gesetzte. Der Letzte bei etwas zu sein - zu verlieren - wurde immer bestraft.
Schweigend setzte sich ihr Trupp in Bewegung. Über dem Feuer hing, wie jeden Tag, der große Topf mit der ungenießbaren Pampe. Doch die verblendeten Knaben waren dankbar für jede Mahlzeit, die der großmütige König und Vater ihnen spendete. Auch Sandor hielt seine Schüssel hin und sah zu, wie der Brei aus dem Schöpflöffel in das schlichte Gefäß wechselte und dabei ein widerlich klatschendes Geräusch verursachte. Eilig begab er sich an seinen Platz und setzte sich mit gekreuzten Beinen auf den Boden. Nur das dumpfe Geklapper der hölzernen Löffel war zu hören. Sie aßen zügig, denn sobald der Ausbilder das Wort erhob, mussten sie ihre Mahlzeit beenden.
„Geschirr säubern!“, rief dieser auch schon in gewohnt barschem Ton. Alle sprangen auf und reihten sich in die Schlange vor dem Eimer ein, der zum Abspülen der Schüsseln und Löffel diente. Wer das erledigt hatte, brachte seine Utensilien rasch an seinen Schlafplatz zurück und stellte sich dann gemeinsam mit den anderen in Formation auf. Den Blick auf den Boden gesenkt harrten sie der Anweisung des Ausbilders. Der ihnen zugeteilte Anführer war Tiron, ein Mann von etwa dreißig Jahren. Er hatte dunkelblondes langes Haar, das er zu einem Zopf geflochten trug und kalte blaue Augen. Sein muskulöser Oberkörper glänzte in der Sonne. Jeder der Jungen wollte eines Tages so stark sein wie er. Tiron war stets streng zu allen seinen Zöglingen. Heute schien er jedoch besonders schlecht gelaunt zu sein.
„Euretwegen hat mir mein Frühstück nicht geschmeckt!“, rief er ihnen entgegen. „Ich habe erfahren, dass es bei den anderen Einjährigen keine Namenlosen mehr gibt. Das heißt, dass sich die letzten Versager hier, unter uns, befinden. Ich sehe das als persönliche Beleidigung für mich und unseren König an. Darum habe ich Folgendes beschlossen: Heute werden wir das ändern!“ Er machte eine Pause und ging die Reihen ab. Dann ließ er die beiden Namenlosen vortreten.
Langsam umkreiste er die Bedauernswerten. „Seht sie euch an! Sie sind der Abschaum in euren Reihen!“ Erneut folgte eine unangenehme Pause. „Ihre Schmach ist auch die eure! Es wird Zeit, dass ihr mir dabei helft, diesem Bataillon zu seinem Ansehen zurückzuverhelfen. Heute werdet ihr erst aus dem Training entlassen, wenn diese beiden Schlappschwänze hier ihre Namen haben. Also seht zu, dass ihr sie ordentlich motiviert!“ Verachtung lag in seiner Stimme, Verachtung lag in seinem Blick. Es war ebenfalls Verachtung, die sich in die Blicke der zahlreichen Augenpaare schlich, die nun gleichermaßen an den zur Schau gestellten Knaben hingen.
„Wir beginnen mit einem Lauf am Zaun entlang. Sagen wir fünf Runden. Und ihr sorgt mir dafür, dass diese beiden Versager hier die Distanz ohne Stopp zurücklegen! Anderenfalls werden die sich schön ausruhen, während ihr weiterlauft, bis es dunkel wird.“ Er sah sie alle drohend an, bevor er das Kommando brüllte. „Los!“
Fünf Runden würden nicht nur für die beiden Knaben sehr schwer zu schaffen sein, die noch keinen Namen hatten, sondern für beinahe jeden hier. Die Strecke war mit etlichen Hindernissen versehen, die es zu bezwingen hieß. Es galt Gruben zu überwinden, Barrikaden zu überklettern, Seile entlangzuhangeln und vieles mehr. Jedes einzelne Element kostete Kraft. Sie kamen an den Ausbildungsplätzen der älteren Jahrgänge vorbei. Die Fünfjährigen hatten gerade Zweikampftraining. Sandor blickte sehnsüchtig zu ihnen hinüber. In fünf Jahren wären sie kampfbereit. Wenn er doch schon so groß und muskulös wäre und so gut mit einer Waffe umgehen könnte. Sein Ziel stand ihm klar vor Augen. Irgendwann wollte er ein großer Anführer der Draconen werden. Ein Mann, zu dem die anderen aufsahen und dessen Befehle sie wortlos befolgten. Doch dazu brauchte er das Vertrauen aller, auch der vermeintlich Schwachen. Er ließ sich absichtlich zurückfallen, um in der Nähe der beiden Namenlosen zu sein. Zu seiner Verwunderung tat Kossmo dasselbe. Doch bald wurde klar, dass sie zwar das gleiche Ziel verfolgten, jedoch sehr unterschiedliche Strategien hatten. Während Sandor den Kameraden leise Mut zusprach, setzte Kossmo sie permanent unter Druck. Es dauerte nicht lange und sie begannen sich gegenseitig lauthals anzuschreien und bald auch handgreiflich zu werden. Das blieb natürlich auf Dauer nicht unbemerkt. Sie mussten, nachdem sie endlich die komplette Strecke absolviert hatten, vor ihrem Ausbilder antreten. Dabei schien ihm egal zu sein, dass auch die beiden 'Problemfälle' die Distanz erfolgreich absolviert hatten.
Die anderen fuhren in ihrem Trainingsplan fort, während Tiron die zwei Kampfhähne anbrüllte: „Was bildet ihr kleinen Würmer euch ein? Glaubt ihr, nur weil ihr bisher die besten Ergebnisse erzielt habt, dass euch irgendwelche Sonderrechte zustehen? Irrtum!“ Er nahm sie bei den Handgelenken und führte sie zu zwei Pfählen, die etwa vier Meter in die Höhe ragten, dreißig Zentimeter im Durchmesser maßen und knapp einen Meter voneinander entfernt standen. „Ich will euch zeigen, was es heißt, für den Mann an seiner Seite einzustehen. Ein guter Dracone denkt immer zuerst an die große Aufgabe. Mit aller Härte gegen sich und andere, aber ausschließlich mit dem Ziel der Sache zu dienen, zu der er auf der Welt ist. Dabei geht es nicht um euch kleine Schmarotzer und eure Eitelkeit. Das Ziel ist ein Draconenregiment, vor dem die Feinde unseres Königs erzittern. Nur dafür seid ihr am Leben. Allein seid ihr Nichts. Und ihr beiden eitlen Zwerge wäret die Ersten, die auf dem Schlachtfeld in ihre Einzelteile zerlegt und verbluten würden. Ihr habt sicher gute körperliche Grundlagen, um es hier weit bringen zu können, aber ihr seid euch selbst zu wichtig! Nur in bedingungsloser Einheit mit euren Kampfgefährten seid ihr von Wert. Eine Kette ist immer nur so stark, wie ihr schwächstes Glied. Und ihr und eure Kameraden seid die Kette, die künftig den Thron unseres Königs und Vaters an seinem Platz halten soll. Wie wollt ihr seine Ehre und sein Leben verteidigen und seine Macht vergrößern, wenn ihr euch selbst wichtiger seid, als er und sein Wohlbefinden?“ Obwohl er so dicht vor ihnen stand, dass feine Spucketröpfchen ihre Wangen trafen, brüllte er wie ein wütender Löwe. „Bevor die Sonne untergeht, werdet ihr es begriffen haben. Denkt über meine Worte nach! Ihr bleibt solange da oben, bis einer von euch freiwillig aufgibt oder aber einer herunterfällt.“
Er befahl ihnen, die Pfähle zu erklimmen und sich aufrecht hinzustellen.
Es erwies sich als äußerst schwierig, an den glatten Stämmen hinaufzuklettern. Beinahe zeitgleich gelang es ihnen jedoch irgendwann. Von der Anstrengung geschwächt richteten sie sich wacklig auf. Von oben sah alles tiefer aus, als erwartet. Die Sonne stand schon hoch am Himmel und brannte heiß auf sie herab. Sandor fixierte einen Punkt in der Ferne, den er anstarren konnte, um so besser sein Gleichgewicht zu halten. Je weiter die Zeit fortschritt, desto schwieriger fiel es ihm.
Kossmo schien es zu bemerken. „Na, wackelst du, Schwächling?“
Sandor ging nicht darauf ein. In der Tat schien es Kossmo leichter zu fallen, die Balance zu halten. Doch mit der Zeit begannen beide zu schwanken. Es verging eine Ewigkeit. Oder fühlte es sich nur so an? Der Mund wurde ihnen trocken, die Sonne versengte ihre Haut und Schweiß rann in Rinnsalen über ihre Körper. Sie bemerkten nicht, dass sich unten inzwischen all ihre Kameraden versammelt hatten.
Als Kossmo irgendwann drohte, das Gleichgewicht zu verlieren, zischte Sandor ihm zu: „Wir werden nicht mehr lange durchhalten. Wer hier abstürzt, bricht sich den Hals oder ist für das Heer auf alle Zeit unbrauchbar. Willst du das etwa?“ Als keine Antwort kam, sprach er weiter: „Strecke deine Hände zu mir rüber! Wenn wir einander festhalten, sind wir stabiler.“ Doch Kossmo wollte nicht zugeben, dass auch er schwächelte und sagte nur: „Ich denke nicht daran!“
Sandor zuckte kurz mit den Schultern. „Dann brich dir doch den Hals, du Trottel!“ Und wieder verging eine gefühlte Ewigkeit. Jeder angespannte Muskel schmerzte. Doch ihr Stolz war ungebrochen. Kossmo begann gefährlich zu schwanken. Gerade, als er nach vorn kippte, ließ sich auch Sandor leicht nach vorn fallen, so dass er ihn an den Schultern zu fassen bekam. Kossmo, der durch den Schreck wieder wach zu werden schien, stemmte seine Hände ebenfalls gegen die Schultern des Anderen. So erhielten sie Halt und konnten sich etwas erholen. Gemeinsam balancierten sie sich aus und passten sich einander an. Sie wurden eins. Zu schwach, um miteinander zu reden, reagierten sie instinktiv auf jede noch so kleine Bewegung des Anderen und verharrten in ihrer krampfhaften Umarmung.
Als der Ausbilder schließlich davon überzeugt war, dass sie ihre Lektion gelernt hatten, ließ er zwei Fünfjährige zu ihnen hochklettern und ihnen Seile um die Leiber binden. Dann wurden Haken in die Pfähle geschlagen und die völlig entkräfteten Jungen abgeseilt. Ihre Muskeln waren inzwischen so versteift, dass sie sich noch aneinander festhielten, als sie unten aufkamen. Tiron befahl allen Schaulustigen, sich zurückzuziehen. Dann trat er an die noch immer regungslosen Knaben heran und goss einen Eimer Wasser über ihnen aus, bevor er sich entfernte. Durch den Schreck, den der kalte Guss bei ihnen auslöste, ließen sie einander schließlich los. So lagen sie noch eine Weile da.
„Danke!“, sagte Kossmo schließlich leise. „Ohne dich wäre ich jetzt vielleicht schon tot.“
Sandor schnaufte: „Falls dich das beruhigt, ich wäre dir direkt gefolgt. Mit dir habe ich letztendlich auch mich gerettet.“
Kossmo sah kurz zu ihm herüber. „Reiner Egoismus also. Dann bist du ja scheinbar doch nicht so dumm, wie ich geglaubt habe.“
Für einen Moment war es still, doch dann begannen beide Knaben zu lachen und hörten erst damit auf, als Tiron sie schimpfend in ihre Quartiere jagte. „Seht zu, dass ihr hier wegkommt! Und eure Abendration ist gestrichen!“
Die Jungen sahen nicht, dass es um die Mundwinkel des sonst so harten Mannes für einen kurzen Moment zuckte. Doch schon einen Wimpernschlag später kehrte der gewohnt kalte Ausdruck in seine Züge zurück.
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