Читать книгу: «Wie zerplatzte Seifenblasen ...»

Шрифт:


o

Wie zerplatzte Seifenblasen ...

Aylin Duran


o

Impressum:

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet - herzsprung-verlag.de

© 2020 – Herszprung-Verlag

Mühlstraße 10, 88085 Langenargen

Alle Rechte vorbehalten.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Lektorat: Redaktions- und Literaturbüro MTM

ISBN: 978-3-96074-346-0 - Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-347-7 - E-Book

*

Inhalt

Ben

Ben

Lina

Cagney

Ben

Cagney

Ben

Lina

Ben

Cagney

Ben

Lina

Ben

Lina

Ben

Ben

Cagney

Ben

Lina

Cagney

Cagney

Ben

Lina

Ben

Cagney

Lina

Ben

Cagney

Lina

Ben

Cagney

Lina

Ben

Cagney

Lina

Ben

Lina

Cagney

Ben

Lina

Cagney

Ben

Lina

Cagney

Ben

Lina

Cagney

Ben

Lina

Cagney

Ben

Die Autorin

Buchtipp

*

Ben

Neun Monate zuvor

Wie die Menschen über das Leben reden, ist lächerlich. Als könnten sie etwas entscheiden. Als könnten sie etwas ändern. Die Wahrheit aber ist: Das Leben ist unfair. Es macht uns kaputt, schubst uns herum. Es schlägt uns, schlägt uns so lange direkt ins Gesicht, bis wir die Kraft verlieren, uns wieder aufzurichten. So ist das Leben.

*

Ben

Mai

Mein Kopf lehnte an der kühlen Scheibe, der Zug war in Bewegung und die Landschaft zog im Nebel an mir vorbei. Ich hörte die anderen Passagiere nicht, konzentrierte mich ausschließlich auf die Musik, die aus meinen Kopfhörern dröhnte. Der Sitz neben mir war frei, ich hatte meine Gitarre und meine Reisetaschen darauf platziert. Als Kind hatte ich Züge, Bahnhöfe und vor allem Flughäfen geliebt. Die Aufbruchsstimmung, die Unruhe – es hatte mir immer das Gefühl gegeben, nicht weit genug wegfahren zu können. Nicht genug Städte und Länder besichtigen zu können. Nicht genug Bekanntschaften machen und nicht genug fremde Orte entdecken zu können.

Dieses Gefühl ging verloren, als ich mein Zuhause verlor. Plötzlich war mein einziger Wunsch, wieder an einem Ort anzukommen, den ich ein Zuhause nennen konnte. Anzukommen.

Der Zug wurde allmählich langsamer und hielt schließlich an. Da ich nicht wusste, wo mein Ziel lag, blieb ich einfach sitzen. Wie immer würde ich auf die Endstation warten und schließlich in die Dunkelheit stolpern. Es war jeden Tag dasselbe. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie die Sitze sich leerten. Wenn ich Zug fuhr, überlegte ich mir immer, wie wohl das Leben und der Alltag der anderen Fahrgäste aussehen mochten. Zum Beispiel das Leben der jungen, gestresst wirkenden Mutter, die ihr Kind, ein kleines blondes Mädchen, hastig den Gang entlang zerrte. Sie hatte sich einige Unterlagen unter den Arm geklemmt, während der gesamten Zugfahrt hatte sie verzweifelt versucht, sie zu lesen. Doch das kleine Mädchen hatte sie mit ihrer Puppe abgelenkt. Nun sah ich den beiden beim Aussteigen zu.

Der Bahnsteig füllte sich. Ein einsam aussehender, älterer Mann mit Gehstock stieg ebenfalls aus dem Zug aus. Ich beobachtete aus dem Zugfenster, wie sich sein zittriger Griff um seine Einkaufstüte lockerte und die Tüte zu Boden fiel. Seine Einkäufe purzelten über den schmutzigen Gehsteig. Zahnpasta, eine Packung Tomaten, Dosenmais. Das Gewürzgurkenglas zerbrach auf dem Steig, der Mann bückte sich umständlich, um alles aufzuheben und die Scherben zu beseitigen. Obwohl weitere Fahrgäste ausstiegen, half ihm niemand. Nur das kleine Mädchen lief sofort auf ihn zu, wurde dann aber gleich mahnend von seiner Mutter angesehen. Alle waren in Eile, keiner hatte Zeit. Ich fragte mich, ob der alte Mann allein lebte. Ich fragte mich auch, wo der gestresste Gesichtsausdruck der jungen Mutter herrührte.

Der Geschäftsmann, der telefonierend an den Gewürzgurken auf der Straße vorbeibalancierte, hatte bereits lichtes Haar und hielt seine Aktentasche umklammert, als würde er jeden Moment in Gefahr laufen, Opfer eines Überfalls zu werden. Während er den Bahnsteig hastig verließ, warf er den rauchenden Jugendlichen unter der Überdachung misstrauische Blicke zu. Der Zug begann, wieder zu beschleunigen, und bevor ich das Geschehen weiter verfolgen konnte, waren die Mutter, ihre blonde Tochter mit der Puppe, der wichtigtuerische Geschäftsmann, der alte Mann mit Gehstock und die rauchenden Jugendlichen aus meinem Sichtfeld verschwunden.

Die Beleuchtung im Abteil ging an, draußen dämmerte es auch bereits. Ich mochte die Dämmerung und noch mehr mochte ich die Nacht. Sie beruhigte mich. Zur Nachtzeit hatte ich nie das Gefühl, den Blicken der anderen Menschen ausweichen zu müssen. Ich fühlte mich nicht beobachtet. Ich schloss die Augen und dachte an den alten Mann. Ich fragte mich, ob er traurig war. Schließlich waren die meisten einsamen Menschen auch unglücklich. Die Lautsprecher quietschten und ich zog hastig die Kopfhörer aus meinen Ohren, um die Durchsage verstehen zu können, obwohl es mir eigentlich vollkommen egal war, eben weil mir egal war, wo und wann ich ankommen würde. Der Zug hatte zehn Minuten Verspätung.

Gerade wollte ich die Augen wieder schließen und in meine Traumwelt abdriften, um über das Leben anderer Menschen nachdenken zu können und nicht mit meinem eigenen konfrontiert werden zu müssen, da sah ich, dass mich ein Mädchen, das an der letzten Haltestelle frisch zugestiegen war, verstohlen musterte. Ohne direkten Blickkontakt herzustellen, registrierte ich ihre halblangen schwarzen Haare, die klaren blauen Augen und den glänzenden, silbernen Stecker in ihrem linken Nasenflügel. Die Füße, die in dreckigen, grauen Converse steckten, hatte sie auf ihrem Koffer abgelegt. In ihrem Schoß lag ein Buch und ich hätte nur zu gerne den Titel gelesen und mich gefragt, was für ein Mensch sie war und wo ihr Ziel lag. Stattdessen schloss ich meine Augen wieder und stellte mir vor, wie sie den Blick senkte, nach dem Buch in ihrem Schoß griff, durch die Seiten blätterte und schließlich zu lesen begann. Ich konnte nicht einschlafen, war zu aufgewühlt.

Als ich die Augen einige Zeit später wieder öffnete, nahm sie gerade einen Schluck von ihrem Coffee-to-go. Sie hatte beide Hände um den Pappbecher gelegt und sah erneut in meine Richtung, aber ich ignorierte sie. Ich konnte nicht sagen, ob sie hübsch war, ich wollte mich auch nicht mit dieser Frage beschäftigen. Ich starrte auf meine Füße, die in abgelaufenen Turnschuhen steckten. Es waren Schuhe, die meine Mutter schon vor Jahren aussortiert hätte. Schließlich merkte ich, wie sie den Kopf drehte, den Kaffee vor sich auf den Boden stellte und ihr Buch aufschlug. Da begann ich meinerseits, sie unauffällig zu beobachten. Während sie las, bildete sich eine kleine, süße Falte zwischen ihren Augenbrauen. Sie befeuchtete ihre Fingerspitze mit der Zunge, bevor sie die Seiten umblätterte. Ihre Fingernägel waren schwarz lackiert, schwarz wie ihre ungleichmäßig gelockten Haare. Sie hatte nur einen Koffer bei sich und ein graues Sweatshirt um den Griff geknotet, ansonsten konnte ich auf dem Sitz neben ihr nur ihre Handtasche ausmachen. Nun legte sie das Buch weg und sah mir direkt in die Augen. Ihre waren so blau, dass mich die Farbe beinahe irritierte. Unnatürlich, außergewöhnlich. Und irgendwie schön. Ich rechnete damit, dass sie etwas sagen würde, doch sie blieb stumm und lächelte nur scheu.

Ich wandte den Blick wieder ab und sah zum Fenster. Mittlerweile war es so dunkel, dass man die Landschaft, die draußen vorbeizog, kaum mehr ausmachen konnte. Das Zugabteil spiegelte sich in der Scheibe. Es war fast niemand mehr unterwegs, ich sah nur das lesende Mädchen und einen heruntergekommen aussehenden Mann mittleren Alters, der sich auf seinem Sitz zusammengerollt hatte und zu schlafen schien. Durch die Lautsprecher vernahm ich eine Frauenstimme, die die Endstation ankündigte. Ich seufzte. Das fremde Mädchen leerte ihren Pappbecher in hastigen Zügen, schlug das Buch zu und verstaute es in ihrer Handtasche. Als der Zug langsamer wurde und wir uns mit unseren Gepäckstücken erhoben, stand sie direkt hinter mir am Ausgang. Ich sprang auf den Bahnsteig, der in das Licht weniger Laternen getaucht war, und sah mich zu ihr um. Jetzt sah sie mich nicht mehr an, hob ihren Koffer auf die Straße und hüpfte aus dem Zug. Ich setzte mich unter die Überdachung, die abkühlende Luft brachte mich zum Frösteln. Sobald alle Menschen das Gleis verlassen hatten, fühlte ich mich ruhiger. Während ich nach meinen Zigaretten kramte, warf ich einen flüchtigen Blick auf die Uhr. 23:01 Uhr.

„Feuer?“ In der Nacht leuchtete ein Feuerzeug auf. Die Flamme erleuchtete das Gesicht des Mädchens aus dem Zug. Überrascht nahm ich ihr das Feuerzeug aus der Hand und zündete mir meine Zigarette selbst an. Sie zog ihren Koffer unschlüssig hinter sich her, bevor sie ihn schulterzuckend abstellte und sich neben mir auf einem der Stühle niederließ. Natürlich hätte ich ein Gespräch beginnen können, und die meisten Menschen hätten das in diesem Moment wohl auch von mir erwartet. Aber mir war nicht danach und ich hatte kein Problem damit, in der Dunkelheit neben ihr zu sitzen und schweigend meine Zigarette zu rauchen. Ich beobachtete, wie die Zeiger meiner Uhr von 23:01 Uhr auf 23:02 rückten. Das Mädchen strich sich die dunklen Locken aus dem Gesicht und sah in die Ferne. Entgegen meiner Erwartung, aufzustehen und sich zu verabschieden, blieb sie sitzen, noch immer ohne ein Wort zu sagen. Ich hätte sagen können, dass es schon spät war. Dass ich langsam nach Hause gehen sollte. Doch das wäre wohl eine Lüge gewesen, denn weder war es für mich spät noch musste ich nach Hause. Ich hatte kein Zuhause.

„Du bist wohl auch nicht sonderlich scharf darauf, nach Hause zu kommen, was?“, meinte sie dann unvermittelt und rutschte unbehaglich auf ihrem Sitz herum.

„Ist eine längere Geschichte“, erwiderte ich ausweichend.

Sie nickte langsam. Sie sagte nicht, dass sie Zeit habe und meine Geschichte hören wollte. Ich war froh darüber.

„Na ja, ich pack’s“, kündigte sie wenige Minuten später an. Dann hängte sie sich ihre Handtasche um die Schulter, zog ihren Koffer hinter sich her.

Ich sah ihr nach und lauschte auf das Klackern der Rädchen ihres Gepäckstücks. Zurück blieb nur der schwache Geruch ihres Parfüms. Ich blieb einfach sitzen und lauschte in die Nacht. Der Bahnsteig war vollkommen leer und die Luft weiter abgekühlt. Es war so neblig, dass ich keinen einzigen Stern erkennen konnte, als ich meinen Kopf hob und in den Himmel starrte. Dann begann es zu regnen. Die Tropfen klopften gleichmäßig auf die Überdachung, bald glitzerte der Boden vor Feuchtigkeit und schmale Rinnsale bildeten sich zu meinen Füßen. Ich war ganz ruhig, während meine Augen sich mit Tränen füllten, die ich ärgerlich mit meinem Jackenärmel fortwischte. Ziemlich lange blieb ich ganz genau dort, wo ich mich hingesetzt hatte, vermutlich bewegte ich mich nicht einmal. Stillstand. Einige Zeit verging, in der ich nicht die Kraft fand, mich aufzurichten, meine Gitarre und meine Reisetasche vom Boden aufzuheben und mich entlang des dunklen, verlassenen Bahnsteigs in Bewegung zu setzen.

Reisen war für mich immer etwas Aufregendes gewesen, das Unbekannte und Unentdeckte hatte mich fasziniert. Heute wusste ich nicht, was mich faszinierte. Wahrscheinlich war das normal. Meine Mutter hatte mir früher immer die Geschichte von Peter Pan und den verlorenen Kindern aus Nimmerland vorgelesen. Als ich erfahren hatte, dass die Kinder in Nimmerland blieben, um niemals erwachsen werden zu müssen, hatte ich mir vorgestellt, wie Peter Pan eines Nachts auch durch mein Fenster fliegen und mich mitnehmen würde, um auch mein Erwachsenwerden zu verhindern. Mein Wunsch war niemals in Erfüllung gegangen.

Diese großen Vorstellungen, die man als Kind von seinem Leben und seiner Zukunft hat, werden immer blasser und verschwinden irgendwann gänzlich, wenn die Zeit vergeht und man älter wird. Und dann geht es nicht mehr darum, etwas Großartiges zu sein oder zu erreichen. Irgendwann verabschiedet man sich von dem Gedanken, berühmt oder besonders zu sein oder die Welt verändern zu können. Denn irgendwann wacht man auf und ist weder Peter Pan noch ein Mitglied seiner niemals alternden Bande. Dann erst realisiert man, dass man niemand anderen hat außer sich selbst – und dass man irgendwie trotzdem klarkommen muss mit seinem verdammt beschissenen Leben und all den zerschlagenen Träumen, die vor einem auf dem Boden liegen wie winzige, spitze Glasscherben. Da muss man sogar noch aufpassen, dass man sich nicht blutig schneidet. Ein Geräusch schreckte mich auf. Schon wieder die Rädchen eines Koffers auf dem Asphalt, dazu hastige Schritte. Ein paar Sekunden später konnte ich den Körper der Unbekannten aus dem Zug ausmachen, der sich zögernd auf mich zubewegte. „Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll“, gestand sie leise.

„Ich weiß auch nicht, wohin ich gehen soll“, entgegnete ich.

Ihre blauen Augen sahen direkt und unverblümt in meine. Dann streckte sie die Hand aus, und meine rauen Finger umfassten ihre fast vollständig, als ich ihr die Hand schüttelte. „Ich bin Lina“, stellte sie sich vor.

„Ben.“

Fröstelnd verschränkte sie die Arme vor der Brust. Ich saß noch immer auf meinem Stuhl, sie stand vor mir in der Dunkelheit. Das war der Abend, an dem ich Lina traf. Der Abend, an dem sich alles für immer verändern würde.

*

Lina

Mai

Ich kannte ihn nicht, wusste aber trotzdem sofort, dass er mich nicht gebrauchen konnte. Eilig hatte er es trotzdem nicht. Während über ihm der Regen auf die Überdachung prasselte, hatte er die Beine lang vor sich ausgestreckt und rauchte.

„Und jetzt?“, fragte ich, als ich die Stille nicht mehr ertragen konnte. Die Laternen beleuchteten den Bahnsteig nur dürftig, umso heller leuchtete das Feuerzeug auf, als er sich eine weitere Zigarette anzündete.

„Wie, und jetzt?“ Seine dunkelbraunen Locken hätten einen radikalen Schnitt vertragen können – seine Frisur konnte nicht einmal mehr wirklich als Frisur bezeichnet werden.

„Was machen wir jetzt?“

Ben sah mich stirnrunzelnd an. „Es gibt kein wir“, stellte er dann kopfschüttelnd klar.

Schon im Zug war mir aufgefallen, wie schlaksig er war. Doch erst jetzt, als er direkt neben mir saß, erkannte ich, wie mager er tatsächlich war. Es war die Art des Magerseins, bei der man Lust bekam, ihn in der Küche einzusperren und ihm eine riesige Portion Hühnersuppe einzuflößen. Aber er war sehr groß und hatte schöne, braune Augen. Schokoladenaugen.

„Wir machen einen Deal“, erklärte Ben mir dann. Er wippte unruhig mit den Füßen, die in schmutzigen, durchgelaufenen Turnschuhen steckten. „Wir sind Partner für diese Nacht. Aber wir stellen keine Fragen.“ Er ließ die Kippe fallen und trampelte halbherzig darauf herum, obwohl der Asphalt vor Feuchtigkeit glitzerte.

Ich mochte, was er da sagte, mochte, dass er keine komplizierten Fragen stellen und keine schwierigen Gespräche beginnen wollte. Also nickte ich.

„Ja?“, vergewisserte er sich.

Ich musste lächeln, konnte nicht einmal etwas dagegen tun, meine Mundwinkel bogen sich in die Höhe beim Anblick seiner hochgezogenen, buschigen dunklen Augenbrauen über den Schokoaugen. „Ja.“

Wir schliefen nicht in dieser Nacht, doch irgendwann begannen wir, uns entgegen unserer Vereinbarung zu unterhalten. Wenn Ben sprach, dann war sein Blick stets auf den Asphalt zu unseren Füßen geheftet und er war tunlichst darum bemüht, jeglichen Blickkontakt zu vermeiden. Gab er mehr als drei aufeinanderfolgende Sätze von sich, zündete er sich, wie zur Belohnung, eine Zigarette an. Und geriet er doch einmal in einen Redefluss, dann verstummte er, sobald es ihm selbst auffiel. Es kam mir so vor, als hätte er Angst, zu viel von sich preiszugeben, obwohl wir über Belanglosigkeiten wie Zigarettenmarken und das Wetter sprachen. Viel lieber hörte er mir zu. Wenn ich sprach, lehnte er sich zurück und seine Züge wurden entspannter, die Zigarettenschachtel blieb an ihrem Platz in seinem Rucksack. Er nickte alle paar Minuten, um zu zeigen, dass er mir zuhörte.

„Kannst du spielen?“, fragte ich ihn irgendwann und zeigte auf seine Gitarrentasche.

„Die ist bestimmt total verstimmt“, wich er aus. „Wegen des Wetters. Im Zug war es warm, aber draußen ist es kalt, dann passiert es, dass ...“

„Ich weiß, was dann passiert“, unterbrach ich ihn. „Ist doch egal.“

Er zuckte mit den Schultern und machte sich an den Reißverschlüssen der Tasche zu schaffen. Wenig später zog er eine zerbeulte Akustikgitarre heraus. Seine Hände schmiegten sich an den Hals des Instruments, seine kalten Finger legten sich auf die Saiten und er begann, ein bisschen herumzuklimpern. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass du die Lieder kennst, die ich damals gespielt habe“, sagte er, ohne sein Geklimper zu unterbrechen. Seine Lippen hatten sich zu einem Lächeln verzogen, aber es war die Art von Lächeln, die einem das Herz brechen konnte. Er konnte seine Traurigkeit nicht einmal dann verstecken, wenn sich seine Mundwinkel in die Höhe bogen.

Ich verkniff es mir, sein damals als Frage zu wiederholen. Keine komplizierten Fragen. „Soll ich mich jetzt herausgefordert fühlen?“

Er antwortete nicht und stimmte einen Song an, den ich in der Tat noch nie in meinem Leben gehört hatte. Es gefiel mir, wie er spielte, wie er die Augen geschlossen hielt und den Bahnsteig und den Rest der Welt zu vergessen schien. Ich sah, wie er die Saiten mit seinen rauen Fingern berührte, wie er in den Klängen zu versinken schien. Wenn er spielte, schien seine innere Unruhe zu verschwinden, sie wurde davongetragen von den leisen Gitarrentönen.

Während er die Augen geschlossen hielt, konnte ich sein Gesicht beobachten. Die dunklen Bartstoppeln am Kinn, die spröden Lippen. Den Blick wandte ich erst von ihm ab, als er das Lied beendet hatte und seine Augen wieder aufflogen.

„Und? Kannst du mir sagen, wie das Lied heißt?“, fragte er dann. Ich schüttelte den Kopf. „Hab’ ich mir gleich gedacht“, sagte er, schien aber dennoch enttäuscht.

„Was soll das denn jetzt heißen?“

Er ließ sich Zeit dabei, seine Gitarre wieder einzupacken. „Ich hab’s, ehrlich gesagt, nicht anders erwartet“, antwortete er dann schulterzuckend. „Ich hab dir schon angesehen, dass du keinen guten Musikgeschmack hast.“

„Wow, danke. Ich konnte dir auch nicht angesehen, dass du ein Arschloch bist. Aber jetzt weiß ich es“, feuerte ich empört zurück. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Ben sich ein winziges Grinsen nicht verkneifen konnte.

„Nirvana. Lithium“, klärte er mich schließlich auf.

Ich traute mich nicht, etwas zu erwidern – schließlich wusste ich nicht einmal, ob Nirvana der Name der Band oder der Name des Liedes war.

„Nirvana ist nicht nur der Name der Band. Das Wort kommt aus dem Buddhismus. Es ist die Erlösung aus dem ewigen Kreislauf des Lebens“, erklärte mir Ben.

„Erlösung?“

„Buddhisten glauben, dass nach jedem Tod eine Wiedergeburt folgt – als Tier oder als Mensch.“

„Also kann man theoretisch alles sein? Ein Adler, ein Delfin, ein Schmetterling?“

Er nickte, aber sein Blick zeigte mir, dass ich ihn nicht wirklich verstanden hatte. „Das ist nicht das Schöne. Das Schöne ist, dass man sich hocharbeiten und irgendwann aus dem Kreislauf entlassen werden kann. Und das ist das höchste Glück.“

„Das verstehe ich nicht. Das Leben ist doch etwas Schönes. Man freut sich doch, am Leben zu sein“, widersprach ich ihm. Die Vorstellung, höchstes Glück nur durch den endgültigen Tod erleben zu können, fand ich ziemlich bescheuert.

Ben schien meine Gedanken lesen zu können und betrachtete mich mit hochgezogener Augenbraue. „Das Leben ist nicht immer schön, Lina.“ Damit brachte er mich zum Schweigen.

Aus dem Augenwinkel betrachtete ich seine buschigen Augenbrauen und seine ernsten Züge und fragte mich, was ihm zugestoßen war. Warum er – genauso wie ich – mitten in der Nacht hier am Bahnhof saß und nicht einfach nach Hause ging. Natürlich fragte ich nicht. „Ich wäre gerne eine Möwe“, sagte ich in die Stille.

Ben verzog das Gesicht. „Möwen fressen Fisch und stinken“, gab er zurück, während er den Blick starr geradeaus gerichtet hielt.

Es nervte mich, wie er die Dinge sah. So ... falsch. „Möwen können fliegen. Sie leben am Meer. Möwen sind frei.“

„Nichts und niemand ist frei“, sagte er leise. „Du bist naiv.“

„Was wärst du denn gerne?“, fragte ich patzig, genervt von seiner Schwarzmalerei.

Er musste nicht einmal darüber nachdenken, was er gerne wäre. „Nichts und niemand“, gab er sofort zurück. „Jemand, der den Nirwana-Status erreicht hat.“

Es war definitiv nicht einfach, sich mit ihm zu unterhalten. Zwar konnten wir miteinander reden, aber sein ständiges Bedürfnis, mich zu belehren oder mir meine Naivität vorzuhalten, ging mir gehörig auf die Nerven. Je pessimistischer und schwarzmalerischer er redete, desto mehr interessierte mich seine Geschichte. Desto mehr interessierte ich mich für ihn. Ich mochte seine Stimme und bat ihn, mir Lithium vorzusingen, aber er weigerte sich. Als ich ihn aufforderte, mir wenigstens ein paar Zeilen vorzusprechen oder mir zu erklären, worum es in dem Lied ging, ließ er sich breitschlagen.

Er dachte lange nach und ging die Zeilen im Kopf durch, bevor er sich aufrecht hinsetzte und tief Luft holte. „Ich schätze …, dass es um eine Person geht, die sehr gläubig ist. Gott gibt der Person Halt, nicht die Menschen auf der Welt. Und damit arrangiert sich die Person. Ihr Glaube hilft ihr dabei, nicht zu zerbrechen.“

Ich schob die Unterlippe vor. „Hört sich sehr traurig an.“

„Es könnte schlimmer sein“, kommentierte Ben mit einem weiteren Schulterzucken. „Die Person wird durch ihren Glauben beschützt. Bist du gläubig?“

Darüber musste ich nachdenken. Ich war Protestantin, hatte auch meine Konfirmation über mich ergehen lassen, aber ob ich mich deshalb als gläubig bezeichnen würde, wusste ich nicht. „Ich weiß es nicht“, gestand ich.

Er nickte langsam. „Versteh’ ich. Es gibt einfach zu viel auf diesem Planeten, das keinen Sinn ergibt. So viele Dinge passieren ... furchtbare Dinge ... manchmal denke ich, Gott muss ein Monster sein. Oder es gibt keinen Gott. Ach, ich weiß es nicht.“

Zu diesem Zeitpunkt füllte die Schwärze den Raum um uns aus, die Laternen waren für wenige Stunden erloschen, Ben und ich saßen in gänzlicher Dunkelheit. Wenn er sein Feuerzeug aufflammen ließ, musste ich die Augen zusammenkneifen, weil mir das spärliche Licht zu hell erschien.

Bens Nervosität schien nicht abzunehmen – das erkannte ich daran, dass er andauernd sein Feuerzeug anknipste, ohne sich eine Zigarette anzuzünden, und dann wie ein spielendes Kind darauf herumdrückte und Schatten auf den Boden projizierte. Er war ein komischer Vogel, aber obwohl wir meist stumm nebeneinander saßen, war die Stille nicht unangenehm. Ich war froh, dass er da war. Als Ben merkte, dass ich schläfrig wurde und mir die Augen zufallen wollten, hantierte er wieder an den Reißverschlüssen seiner Gitarrentasche herum. Es war ein langer Tag gewesen, an dessen Anfänge ich nicht zurückdenken wollte. Ich verdrängte jeden Gedanken, der von Gesprächen mit Ben auf dem regennassen Bahnsteig abwichen, und Ben half mir dabei, als er wieder zu spielen begann.

„Was hörst du?“, fragte er, während seine schwieligen Hände bei dem Versuch, seine Finger warm zu halten, unaufhörlich die Saiten streichelten und Klänge erzeugten.

Ich hatte keine Ahnung von Musik, keinen eigenen Musikgeschmack. Ich hörte eben, was alle hörten. Das, was modern war und es in die Charts schaffte. Aber irgendwie wollte ich ihm das nicht sagen. Ich wollte nicht preisgeben, wie normal – wie wenig besonders und langweilig – ich war. Denn ich wusste sofort, dass Ben anders war. Und dass es mir gefiel. Aber ich fand nicht nur seinen Musikgeschmack interessant, ich interessierte mich dafür, wie er zu seinen Ansichten gekommen war, traute mich allerdings nicht, ihn danach zu fragen. Obwohl ich nicht alles, was er von sich gab, unterstützen oder verstehen konnte, mochte ich es, dass er eine eigene Meinung hatte.

„Grouplove?“, fragte er, während er einzelne Saiten langsam anschlug, um mir so die Möglichkeit zu geben, das Lied zu erkennen.

„Nie gehört.“

Außer den einzelnen Anfangstönen, die Ben gespielt hatte, hörte sich das Lied nicht traurig an. Die Akkorde flossen ineinander, es war ein schöner Song, schöner als Lithium, aber wahrscheinlich konnte ich das gar nicht beurteilen.

„Itching on a photograph“, gab Ben bekannt und öffnete die Augen einen winzigen Spalt. „Da ist eine Fotografie, aber sie ist alt und vergilbt, eigentlich ist die Zeit also längst vergangen. Die Person ist wehmütig, aber sie weiß, dass es Zeit ist … Zeit ist, loszulassen.“ Während er sprach, wurde seine Stimme immer leiser, bis ich ihn kaum mehr verstehen konnte. Sein Blick schweifte ab ins Nirgendwo und ich sah diese furchtbare Traurigkeit ganz deutlich in seinen Schokoaugen, eine Traurigkeit, die auf ihm lag, ihn niederdrückte und ihn plötzlich vollkommen erfasst zu haben schien. Wie ein Schatten.

„Es tut mir leid. Ich wollte nicht …“

Sein Blick wurde verschlossen. „Hast du auch nicht.“

Wir schwiegen uns an, bis die ersten zaghaften Sonnenstrahlen unsere durchgefrorenen Körper wärmten. Ben packte seine Sachen zusammen, während ich sitzen blieb und in die Sonne blinzelte.

„Wohin gehst du jetzt?“, fragte ich ihn zögernd.

Er stand mit dem Rücken zu mir, seine Locken standen in alle Richtungen ab, sein Pullover war zerknittert. Er antwortete, ohne sich zu mir umzudrehen: „Ein billiges Hotel suchen. Schlafen.“ Seine Stimme klang rau und erschöpft.

Gerne hätte ich auch einen Plan gehabt, was ich in dieser fremden Stadt jetzt tun sollte, aber ich hatte keinen blassen Schimmer. Hatte meinen Koffer gepackt, war in einen Zug gestiegen, aber all das war eine Kurzschlussreaktion gewesen. Weil ich wegmusste, Distanz schaffen musste zwischen mir und … nein. Ich wollte nicht an das denken, was ich gesehen hatte. Schließlich war ich gekommen, um zu vergessen.

„Kann ich mitkommen?“, hörte ich meine eigene Stimme wie aus weiter Ferne fragen.

Ben fuhr herum und schien mich zum ersten Mal wirklich zu sehen. Mich anzusehen. Auf seinem Gesicht machte sich ein verwirrter Ausdruck breit, dann öffnete er den Mund, schloss ihn jedoch wieder, ohne meine Frage beantwortet zu haben. Schnell schüttelte ich den Kopf, um die Gedanken zu vertreiben.

„Stell’ dich nicht hilfloser dar, als du es bist“, schalt ich mich leise. Er war ein Fremder. Es reichte, dass ich mich die ganze Nacht mit ihm am Bahnhof herumgetrieben hatte. „Blöde Idee“, sagte ich. „Vergiss sie.“ Ich stand so hastig auf, dass ich stolperte. Ich spürte seine Blicke im Rücken, als ich begann, meine Taschen zusammenzusuchen. Ich vermied es, ihn anzusehen.

„Klar kannst du mitkommen“, hörte ich Ben sagen. „Ich meine … ich kann es dir nicht verbieten, die Bürgersteige zu benutzen, oder?“

Ich wusste, dass er grinste, obwohl ich ihm den Rücken zukehrte. „Bist du dir sicher?“, fragte ich, doch im selben Moment ärgerte ich mich bereits über die Unsicherheit in meiner Stimme und bereute es, gefragt zu haben.

Ben schulterte seine Gitarrentasche und seufzte. „Du kannst mitkommen oder hierbleiben. Es ist mir egal, was du machst, verstehst du?“

*

Cagney

Mai

„Ich hätte gerne eine Pizza Peperoni.“ Durch das Fenster des Straßenverkaufsstandes starrte mich ein pubertierendes Mädchen an, dessen Gesicht ausschließlich aus Pickeln in verschiedenen Reifestadien zu bestehen schien. Ich starrte zurück und war beeindruckt von einem besonders großen, gelben Pickel, der sich direkt auf ihrer Nase befand. Es dauerte eine Weile, bis sie mir einen zerknitterten Fünfer entgegenstreckte und wiederholte: „Pizza Peperoni.“

Ich nahm den Geldschein entgegen und wollte ihn schon in das passende Fach der Kasse einsortieren, als mir auffiel, dass wir keine Pizza Peperoni verkauften. „Eh.“ Ich wollte ihr den Schein zurückgeben. „Peperoni gibt’s nicht.“

Allerdings machte das Mädchen keine Anstalten, das blöde Geld zurückzunehmen, ganz im Gegenteil: Trotzig hob sie ihr verpickeltes Kinn. „Warum nicht?“

„Keine Ahnung, vielleicht, weil Peperoni eklig ist?“, antwortete ich genervt. Eigentlich wollte ich sie nicht mehr anschauen, aber ihre Pickel hypnotisierten mich irgendwie.

Mit dem Zeigefinger tippte sie an die Außenfassade. „Da steht aber, dass Pizza Peperoni neu im Sortiment ist.“

Da fiel es mir wieder ein. Sie hatte recht – und das, obwohl sie eklig und hässlich war. Was sollte ich dazu sagen? Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn, schätzte ich. „Sorry, du hast recht.“

„Ich weiß, dass ich recht habe. Und weißt du was? Deinen Service fand ich ziemlich scheiße.“

„Wenn dir hier der Service nicht passt, warum bewegst du deinen Arsch dann nicht in ein schickes Restaurant und lässt dir dein Pickelgesicht da bedienen?“, giftete ich sie an.

Nach meiner letzten Aussage klappte ihr empört der Mund auf, es dauerte einen Moment, bis sie wieder fähig war, ihn zu schließen. Das freute mich. Ich mochte keine verwöhnten, reichen Mädchen, die grundsätzlich alles in den Arsch geschoben bekamen, ohne zu arbeiten.

„Weißt du nicht, wer ich bin?“ Sie machte einen weiteren Schritt auf mich zu und mittlerweile sah sie so wütend aus, dass ich froh war, dass ich für den Straßenverkauf arbeitete und mir niemand zu nah auf die Pelle rücken konnte, weil es ein Fenster zwischen mir und den Kunden gab.

„Klar weiß ich, wer du bist. Grace Kelly. Hab’ dich sofort erkannt.“

Sie stützte von außen die Ellenbogen auf die Verkaufsfläche und senkte ihre Stimme zu einem bedrohlichen Flüstern. Neben dem Geruch nach erkaltetem Fett roch ich nun den angenehmeren Geruch ihres Parfüms. „Weißt du überhaupt, für wen du arbeitest?“ Je näher sie mir kam, desto flächendeckender sahen die Pickel in ihrem Gesicht aus.

„Jetzt komm ich nicht mehr ganz mit, Quasimodo.“

„Mein Onkel schmeißt den Laden und bezahlt Vollidioten wie dich. Aber ich glaube nicht, dass du noch Geld von ihm kassieren kannst, wenn er erfährt, wie du deine Kunden behandelst.“ Mit diesen Worten und einem letzten empörten Schnauben kehrte sie mir den Rücken und rauschte davon.

Vor lauter Aufregung vergaß das Pickelgesicht sogar, dass sie die Pizza Peperoni schon bezahlt hatte.

*

Ben

Mai

Ich hatte so viel Zeit allein verbracht, dass es komisch war, Lina plötzlich bei mir zu haben. Lange, einsame Nächte mit keiner anderen Gesellschaft als meiner verbeulten Gitarre, frühe Morgenstunden mit kalten Füßen – wir Menschen sind stärker, als wir denken, wir können uns an alles gewöhnen, wenn wir den Zustand nur lang genug ertragen müssen. Wenn wir erkannt haben, dass es ohnehin kein Entkommen gibt. Auf dem schmalen Fußweg plapperte Lina vor sich hin, ich war mir sicher, dass es nur belangloses Zeug war, aber ich hätte ohnehin keine Kraft gehabt, ihr zuzuhören.

Es dauerte nicht lange, bis auch Lina das erkannte. „Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?“, fragte sie und stemmte die Hände in die Hüften. Sie war schmal gebaut, wenn sie allerdings die Hände so in die Hüften stemmte, war der Fußweg zu schmal für uns beide. Und natürlich hatte ich ihr nicht zugehört.

„Oh“, sagte ich gleichgültig. Lina runzelte ihre Stirn, konnte sich dann jedoch dazu durchringen, normal weiterzulaufen. „Ich bin ein ziemlicher Morgenmuffel, weißt du?“, log ich und bemühte mich, ihren schmalen Ellenbogen beim Laufen nicht mit meinem zu berühren. Ich hasste Körperkontakt.

„Das würde ich verstehen, wenn du geschlafen hättest. Aber wir waren die ganze Nacht wach, deshalb macht es absolut keinen Sinn, was du da sagst“, meinte sie.

Schon da war der Punkt erreicht, an dem sie mir auf die Nerven ging. Und das, obwohl ich sie zuvor konstant ignoriert hatte. Ich knurrte, bevor ich ihr antwortete: „Sag’ mir bitte nicht, was Sinn macht und was nicht. Deine Einstellung über Möwen hat mir nämlich schon gezeigt, dass du absolut keine Ahnung hast. Nicht über das Leben, aber noch weniger über die Sinnhaftigkeit unseres Lebens. Also: Sei bitte einfach ruhig.“ Ich suchte ihren Blick, aber sie starrte wütend auf die Pflastersteine. Als sie nichts erwiderte, seufzte ich zufrieden. „Danke.“

Es dauerte nur wenige Sekunden, und eigentlich war es mir klar gewesen, dass Lina das letzte Wort haben musste. Frauen. „Ben, du bist ein richtiger Kotzbrocken.“

Nachdem wir uns ein billiges Hostel genommen hatten, in dem wir die heruntergekommenen Zimmer nebeneinander bezogen, hatte ich keinen sehnlicheren Wunsch, als zu schlafen. Die Einrichtung war minimalistisch, auf unserer Etage gab es nur Gemeinschaftswaschräume, die Teppiche waren verdreckt und es roch nicht gerade appetitanregend. Ich war allerdings so übermüdet, dass mich solche Kleinigkeiten nicht störten. Außerdem war ich froh über die billigen Preise. Ich war so unglaublich gerädert, so müde. Ich spürte diese Müdigkeit in jeder einzelnen Zelle, und ich konnte nur noch die Kraft aufbringen, mir die schmutzigen, nassen Schuhe von den Füßen zu streifen, bevor ich zum Bett krabbelte, mich auf dem weißen Laken zusammenrollte und einschlief.

Mein Schlaf war traumlos und endete abrupt durch ein Klopfen an der Zimmertür. Sogar in diesem komischen Dämmerzustand zwischen Traumwelt und realer Welt wusste ich sofort, wer vor der Tür stand. Es musste Lina sein.

„Gut geschlafen, Partner?“, hörte ich ihre zaghafte Stimme auf der anderen Seite der Tür.

Ich stöhnte erschöpft. Wann würde sie es endlich kapieren? „Wir sind keine Partner!“, rief ich und machte keine Anstalten, ihr die Tür zu öffnen. Ich würde einfach hier im Bett bleiben, und es war mir total egal, wenn es hier Wanzen oder Kellerasseln gab. Hier war es warm und gemütlich – und ich war ohnehin Schlimmeres gewohnt. Ich war es gewohnt, gar kein Bett zu haben. Ich streckte die Arme über dem Kopf aus, um mich zu dehnen. Von der Nacht am Bahnhof tat mir jeder einzelne Knochen weh.

„Kannst du mich vielleicht wenigstens reinlassen?“, fragte Lina. Nun klang sie weniger enthusiastisch, wollte ihre Mission aber nicht erfolglos aufgeben. Was auch immer das für eine Mission war.

Stöhnend schlug ich die Bettdecke zurück und blinzelte in die späte Nachmittagssonne, die golden durch die Vorhänge schimmerte. Sobald Lina hörte, dass ich aufgestanden war, öffnete sie die Tür selbst. Dann stand sie vor mir, ihr Blick war trotzig, aber ihre Körpergröße machte es ihr unmöglich, bedrohlich auszusehen. Sie marschierte an mir vorbei in mein Zimmer und fragte: „Was tun wir jetzt? Ich hätte mir gerne angeschaut, in welcher Stadt wir hier gelandet sind. Oder etwas Essbares besorgt.“

Sie machte einen Schmollmund und ich wollte sie verspotten, wollte ihr sagen, dass sie mit diesem Gesichtsausdruck aussah wie ein beleidigtes Kleinkind. Dann fiel mir allerdings auf, dass sie eigentlich ziemlich süß aussah, wenn sie den Mund so verzog. Und plötzlich dachte ich mir: „Was soll’s. Wir sind gestern in denselben Zug gestiegen und beide bis zur Endstation durchgefahren.“ Offensichtlich wusste sie genauso wenig, wohin sie gehen sollte, war vermutlich irgendwo gestrandet. Auch in ihrem Leben musste es etwas geben, was sie zum Weglaufen gebracht hatte. „Okay, dann lass’ uns etwas Essbares besorgen“, sagte ich und verblüffte mich damit selbst.

Wir liefen nebeneinander die Straße entlang und stoppten bei der ersten Möglichkeit, etwas Essbares in die Mägen zu bekommen. Dass ich fast verhungert war, fiel mir erst auf, als ich meine Pizza Margherita bereits in den Händen hielt und glücklich von ihr abbiss. Für mich war in diesem Moment alles beinahe perfekt. Denn irgendwann musste man lernen, kleine Dinge zu schätzen. Für mich war es schön, dass die Sonne nach dem nächtlichen Regen wieder am Himmel zu sehen war, dass ich kurzzeitig die Augen schließen konnte, um das Gefühl zu haben, die Wärme in mich aufsaugen zu können. Ich grinste über die schiefen Töne, die die Straßenmusiker produzierten, die fettig schmeckende Pizza und sogar über die Tauben, die auch Hunger auf Pizza hatten und uns auf Schritt und Tritt verfolgten. Lina schien die Pizza nicht zu schmecken. Während ich meine Pizza hungrig bis auf den letzten Krümel verschlang, sah ich auf Linas Pappteller die Ränder, die sie sorgfältig abgetrennt und zu einem Haufen aufgetürmt hatte.

Lina seufzte, als sie meinen Blick auffing. „Ich hasse Ränder“, erklärte sie. „Nicht nur bei Pizzen. Auch bei Brot.“

Diese Aussage war so idiotisch, dass ich einfach nicht anders konnte. Ich brach in schalendes Gelächter aus. Für Lina tat es mir leid, aber das erste Mal, dass sie mich lachen hörte, da lachte ich sie aus. „Was bist du? Eine Oma?“, fragte ich, während ich darum rang, meine Fassung wiederzugewinnen.

Lina streckte mir die Zunge heraus. „Du kannst die Ränder essen, wenn du möchtest“, schlug sie mir vor. Dann streckte sie mir den Pappteller mit den aufgetürmten Pizzarändern entgegen, aber ich schüttelte heftig den Kopf und schob ihre Hand weg.

„Ich bin nicht dein Müllschlucker.“ Wir verfütterten die Reste an die Tauben, die sich sehr über die milde Gabe freuten und uns aufgeregt umkreisten.

„Tauben sind die Ratten der Lüfte. Widerlich. Ich hasse Tauben“, setzte Lina mich schaudernd in Kenntnis.

„Dann benimm dich“, grinste ich. „Sonst wirst du irgendwann als Taube wiedergeboren.“

Die Zeit nicht allein verbringen zu müssen, war ungewohnt. Zu zweit schienen die Zeiger der Uhren schneller zu ticken, die Stunden schneller zu verfliegen. Obwohl Lina nichts Besonderes war und ich mich eigentlich nicht für sie interessierte, tat mir ihre Gesellschaft gut. Manchmal musste ich lachen, wenn ich sie beobachtete. Sie gab mir ein Gefühl von Normalität, weil sie sich über Belanglosigkeiten wie angetrocknete Pizzaränder und Taubengurren erbosen konnte – und dieses Gefühl von Normalität tat mir gut. Warum sie weiter bei mir bleiben wollte? Das Leben kannte sie vermutlich nur aus ihrer ehemaligen, beschützten Kleinstadtperspektive. Sie hatte Angst, alleine zu sein. Ich hatte keine Angst, alleine zu sein, war lange genug einsam gewesen, um mich an den Zustand gewöhnen zu können. Aber ich wollte das Gefühl nicht verlieren, dass sie mir übermittelte: Dass das Schlimmste, was passieren konnte, der Kontakt mit den Tauben auf den Dächern war.

Nachdem Lina und ich ins Hostel gelaufen waren, ging ich unbemerkt wieder zurück. Ich hatte kein Geld. Wenn andere Menschen sagten, sie hätten kein Geld, dann reichte es bestimmt noch zwei Wochen. Weil jeder eigentlich Notfallrationen bereitliegen haben sollte. Ich nicht. Wenn ich sagte, dass ich blank war, dann war ich das auch. Richtig pleite. Wer kann sich schon wirklich vorstellen, wie es ist, Existenzängste zu haben? An den Boden der Tatsachen geworfen zu werden? Man musste grundsätzlich mit dem Schlimmsten rechnen. Mir war klar, dass ich einen Job brauchte, wenn ich im Hostel bleiben und mein Essen bezahlen wollte. Dergleichen hatte ich schon länger nicht mehr gehabt, weil es für mich irgendwann keine Rolle mehr gespielt hatte, wo ich übernachtete. Ich hatte niemanden mehr, der sich um mich kümmern oder mich unterstützen konnte. Aber das musste Lina ja nicht wissen.

Am selben Tag begann ich also damit, Arbeit zu suchen. So lernte ich Cagney kennen, denn wenige Minuten später fand ich mich vor dem Straßenverkauf wieder, an dem Lina und ich unsere Pizzen gekauft hatten. Hinter dem Glasfenster, durch das die Mahlzeiten herausgereicht wurden, stand ein Mann in meinem Alter. Er war damit beschäftigt, die Plastikfolie von verschiedenen Tiefkühlpizzen abzuziehen. Seine braun gebrannten Arme waren muskulös, die Locken schwarz und verschwitzt. Er sah italienisch aus. „Hey“, rief ich, nachdem ich an die Scheibe geklopft hatte.

Er sah auf und wollte mich mit einem Nicken dazu auffordern, zu bestellen. Ich schüttelte den Kopf. „Was ist los?“, fragte er genervt, ohne damit aufzuhören, die Folien der Tiefkühlwaren zu zerschneiden.

„Braucht ihr zufällig jemanden hier?“, fragte ich ihn. „Eine Aushilfskraft?“

Er kam näher und verzog das Gesicht zu einem spöttischen Grinsen. „Junge, sieht der Scheißladen für dich vielleicht so beliebt aus, dass ich Verstärkung bei meiner Schicht bräuchte?“

„Nein.“ Ich legte den Kopf schief. „Aber vielleicht könnte ich eine andere Schicht übernehmen.“

Er winkte mich rein. Als ich in den kleinen Innenraum eintrat, mussten sich meine Augen erst an das gedimmte Licht gewöhnen, dass dort herrschte. Es roch nach verbranntem Käse und Schweiß. Der Mann kam auf mich zu und wischte sich die Hände an der Schürze ab, auf der in Regenbogenfarben Luigi’s Pizza-Imbiss stand. Dann hielt er mir seine Rechte hin. „Cagney“, stellte er sich vor, als ich seine Pranke schüttelte. Ich starrte auf seine Schürze und er folgte meinem Blick. „Ich weiß, es ist lächerlich. Mein Boss heißt nicht mal Luigi, er tut nur so. Wirklich. Er tut so. Es ist komplett bescheuert.“ Cagney schüttelte den Kopf und stöhnte. „Gestern hat mich seine Cousine bei ihm angeschwärzt, weil ich sie beleidigt habe. Weil sie hässlich ist.“ Als ihm auffiel, dass seine riesige Hand noch immer meine schüttelte, ließ er sie hastig fallen. „Na ja, auf jeden Fall werde ich nicht gefeuert. Und willst du wissen, warum?“ Er sprach schnell und ich konnte ihm kaum folgen. Ich sah ihn fragend an und sein Grinsen wurde noch breiter. „Weil ich italienisch aussehe. Kannst du dir das vorstellen?“

Ich stimmte kopfschüttelnd in sein Gelächter ein, denn diese Geschichte war wirklich köstlich. Als wir uns beide wieder eingekriegt hatten, versprach Cagney: „Ich kann mal fragen, ob jemand gebraucht wird. Nur als Vorwarnung: Du wirst jeden Tag stinken und in Depressionen verfallen.“ Cagney hinterließ seinem Boss eine Notiz und bot mir dann eine Zigarette an. Er führte mich um den Imbiss herum in einen kleinen Hinterhof, in dem sich hauptsächlich riesige Mülltonnen aneinanderreihten. Das Kopfsteinpflaster war verdreckt und aus den Mülltonnen strömte ein widerlicher Geruch nach Fäulnis. „Die Hochphase des Gestanks ist in den Sommermonaten. Du kannst dich also noch glücklich schätzen“, erklärte er mir trocken. Er ließ sich auf der kleinen Treppe neben den Mülltonnen nieder und klopfte neben sich auf das Pflaster. Ich setzte mich zu ihm und ließ mir die Zigarette von ihm anzünden. „Was hast du erlebt, dass du so verzweifelt auf der Suche nach einem Job bist?“, fragte Cagney. Er schnipste die Asche von seiner Zigarette.

Mein Blick folgte den feinen, schwarzen Partikeln, als sie durch die Luft flogen und vor uns auf dem verschmutzten Boden landeten. „Nichts. Ist es falsch, auf der Suche nach einem Job zu sein?“, fragte ich.

Cagney sah mich argwöhnisch an. „Nein“, entgegnete er, schloss genüsslich die Augen und zog an der Kippe. „Nein. Aber ich kenne die Menschen. Glaub mir. Ich schätze dich … Warte, lass mich nachdenken.“ Er begann, mich von der Seite zu beäugen, als könnte er durch die Betrachtung meines Profils meine Lebensgeschichte in sich aufsaugen. „Ich schätze dich auf 20, vielleicht 21. Mit 21 ist man nicht an dem tragischen Punkt im Leben, an dem man sich um einen Job bei einem stinkenden Fast Food-Restaurant bemüht. Da hat man noch Feuer. Man hat Hoffnungen. Träume.“

Ich schluckte und entschloss mich dazu, seine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten. „Wo sind deine Hoffnungen und Träume, wenn ich fragen darf?“

Cagney zuckte mit seinen breiten Schultern und bemühte sich um einen gleichgültigen Gesichtsausdruck. „Für mich hat es sich ausgeträumt.“

*

Cagney

Mai

„Du stinkst nach Pizza, verdammt.“

Max war es schon immer sehr wichtig gewesen, brutal und böse auszusehen. „Sonst hat man keine Chance in dieser Branche und geht unter“, sagte er ständig.

„Pizza stinkt nicht“, antwortete ich unbeeindruckt. „Es ist Pizza.“

„Mag sein, dann stinkst du nach was anderem. Wie viel brauchst du?“ Max hatte ein neues Tattoo, es war so frisch, dass das Pflaster noch darauf klebte. Er hatte sich einen monströsen Schlangenkopf auf den Oberarm tätowieren lassen, das erkannte ich trotz des großen Pflasters. Jedes Mal, wenn wir uns trafen, sah er tatsächlich ein bisschen furchteinflößender aus. Aber das konnte auch an den Drogen liegen.

„Zwei Gramm sollten reichen.“

Max sah sich um, bevor er mir das Tütchen gab. Bei ihm sah es immer aus, als würde er sich nur kurz zur Seite drehen, aber in Wirklichkeit checkte er in diesen zwei Sekunden die ganze Lage auf der Straße. Wie er das machte? Keine Ahnung, jahrelange Übung wahrscheinlich. Ich ließ das Tütchen in meine Jackentasche gleiten. Knisterte schon verheißungsvoll, versprach einen nicht ganz so beschissenen Abend. Wenigstens hatte ich das Gras. Mit einem kurzen Nicken bedankte ich mich bei Max und griff nach den Scheinen, die ich bereitgelegt hatte. Für mich war es das Ende unseres Geschäfts, für Max aber nicht. Es war jedes Mal dasselbe. Deshalb war Max für alle nur Kaiser Max. Er hatte Stoff, er hatte immer alles – und versuchte ständig, einem etwas anzudrehen, was man eigentlich nicht haben wollte.

Auch jetzt berührte er meine Schulter und glotzte mich an. Wie ein Fisch sah er aus, wenn er so dämlich glotzte. Wie ein ziemlich hässlicher Fisch. „Willst du dich mal unbeschwert fühlen? Bock auf Speed? Ecstasy?“ Er nahm die Scheine entgegen.

Ich schüttelte den Kopf. „Vielleicht irgendwann mal.“

„Du meldest dich bei mir, wenn es so weit ist, klar?“

„Klar.“

Kaiser Max huschte davon, ich lief in die entgegengesetzte Richtung. Meine Wohnung war einsam und dunkel, ich fragte mich, ob ich bei meinem nächsten Drogenkauf Speed probieren sollte. Meine Wohnung – einsam, dunkel, eigentlich todtraurig, aber das würde ich niemals zugeben. Ich wusste nicht, was ich wollte, aber wenn ich das sagte, dann redete ich nicht nur von Speed oder Ecstasy. Denn eigentlich war ich mir selbst ein Fremder.

*

Ben

Mai

Cagney war ein komischer Kauz. Wenn er rauchte, hörte er nicht beim Filter auf, sondern sog die Giftstoffe umso genüsslicher durch die Atemwege in die Lunge. Er war kein Italiener, obwohl ihm sein südländisches Aussehen den Job bei Luigi verschafft hatte – den er laut eigenen Angaben am liebsten stündlich hinschmeißen würde. Ständig sprach er davon, dass er selbst Geld verdienen müsste, weil er seine Eltern enttäuscht habe und nicht mehr auf deren Unterstützung zählen könne. Inwiefern er eine Enttäuschung war, wollte er mir nicht verraten.

Wenn unsere Schichten aneinandergrenzten, rauchten wir gemeinsam auf dem stinkenden Hinterhof. Bald entwickelten sich aus den gemeinsamen Raucherpausen zarte Anflüge einer Freundschaft. Und dann kam der Tag, an dem Cagney mir seine Geschichte erzählte. Der Imbiss war schon wie ausgestorben, als ich reinkam, um Cagney abzulösen. Unsere Schichten grenzten dienstags und sonntags aneinander, und Cagney hatte mich schon von Beginn an darüber aufgeklärt, dass die Zahl der Menschen, die das Bedürfnis nach fettiger Tiefkühlpizza á la Luigi hatten, sich grundsätzlich auf ein Minimum beschränkte.

„Ich frag’ mich, wie der Typ Gewinn macht“, lachte Cagney an diesem Dienstagnachmittag, als wir uns auf dem Hinterhof gemeinsam die Frühlingssonne auf die Schädel scheinen ließen. Eine Antwort auf seine Frage hatte ich nicht, weswegen ich nur lachend mit den Schultern zucken konnte. Cagney ließ sich nach hinten auf den Rücken fallen. Ich tat es ihm gleich und ließ den Stein die Haut unter meinem T-Shirt kühlen. Beide starrten wir in den blauen Himmel. Wie Bekloppte.

„Meine Eltern haben mich rausgeschmissen vor zwei Jahren.“

Ich war verblüfft, dass Cagney mir das erzählte. Sein Körper lag in unveränderter Position neben meinem, die Zigarette in seiner Hand brannte herunter, ohne dass er neue Züge nahm. „Ich habe Scheiße gebaut“, fuhr er fort, doch dann schluckte er und schüttelte den Kopf, als wolle er die Gedanken an die Vergangenheit vertreiben. Ich beließ es bei den lückenhaften Informationen, die er mir gab, und drängte ihn nicht dazu, mir mehr zu erzählen. Er war einsam und rastlos, aber waren wir das nicht alle? Konnten wir nicht alle erst mit dem Tod endgültig zur Ruhe kommen?

Klopf, Klopf.

Ich wusste, wer da wieder an meine Zimmertür klopfte, also bewegte ich meine müden Füße in Richtung Tür. Natürlich öffnete Lina sie selbst, sobald sie hörte, dass ich mich im Raum bewegte.

„Okay, ich erklär’ dir jetzt mal was“, begrüßte ich sie seufzend. Von ihren großen, blauen Augen fühlte ich mich immer noch hypnotisiert, wenn ich sie zu lange ansah. Keine Ahnung, was das für ein komisches Gefühl war, das sie in mir auslösten, es war mir fremd. Ich beschloss, ihr von nun an einfach nicht mehr in die Augen zu sehen. „Wenn man klopft, dann wartet man auf eine Antwort. Eine Antwort wie: Komm doch rein, Lina. Verschwinde, Lina. Oder ich öffne die Tür für dich. Aber es macht keinen Sinn, an eine Tür zu klopfen, wenn du anschließend einfach hereinspazierst.“

Der Blick, mit dem Lina mich ansah, war zur Hälfte spöttisch und zur anderen Hälfte amüsiert. „Ich hatte Angst um dich. Hätte schließlich auch sein können, dass du gerade im Sterben liegst. Dann hätte dich niemand gefunden, wenn ich nicht reingeschneit wäre“, scherzte sie. Sie rauschte durch das Zimmer, setzte sich vorsichtig auf die Kante des Bettes und merkte nicht, was ihre Worte in mir auslösten. Denn sie hatte recht. Niemand hätte mich gefunden, weil niemand nach mir gesucht hätte. „Also, was ich dich fragen wollte…“ Sie schluckte. Plötzlich sah sie ganz kleinlaut aus. „Kann ich heute vielleicht bei dir schlafen?“

Wäre ich in einer besseren Verfassung gewesen, dann hätte ich sie mitleidlos sofort rausgeschmissen. Ich hätte nicht mal mit der Wimper gezuckt. Aber sie hatte mich gerade daran erinnert, wie furchtbar mein Leben war. Denn so war es nun einmal, wenn man mutterseelenallein war und keiner mehr da war, an den man sich wenden konnte. Obwohl ich es nie zugegeben hätte, war ich sogar froh darüber, dass sie hier übernachten wollte.

„Ben?“

„Okay, ja. Kannst hier übernachten. Stört mich nicht.“

Lina verließ das Zimmer und kam etwa eine halbe Stunde später wieder im Schlafanzug zurück. Sie sah aus wie ein Kind. Ein Kind mit Albträumen. Ein Kind, das große Angst davor hatte, verletzt zu werden. Allein zu sein.

„Soll ich auf dem Sofa schlafen?“ Unschlüssig sah sie zwischen Bett und Sofa hin und her.

„Wie du willst.“ Ich putzte mir meine Zähne und schlüpfte im Gemeinschaftswaschraum in mein stinkendes Schlaf-T-Shirt. Der Flur war menschenleer und dunkel, der Boden eigentlich viel zu kalt, um barfuß zu laufen. Als ich die Zimmertür wieder aufschob, sah ich, dass Lina sich auf dem Sofa zusammengerollt hatte. Die Knie hatte sie an die Brust gezogen. Ihr Atem ging gleichmäßig, ihr Gesichtsausdruck war friedlich. Ungeschminkt sah sie nicht aus wie ein Kind – sie war ein Kind. Eine Weile stand ich mitten im Zimmer, ohne einen Laut von mir zu geben. Dann begann ich, mich bescheuert zu fühlen. Ich bewegte mich auf meine schlafende Zimmergenossin zu, breitete vorsichtig meine Bettdecke über ihrem Körper aus und bemühte mich dann, sie zu ignorieren. Ich hatte mich ganz sicher nicht einmischen wollen. Ich war derjenige gewesen, der von Beginn an auf seine Privatsphäre bestanden hatte und Lina jede Information über mich, mein Privatleben und meine Vergangenheit vorenthalten hatte.

Dann klingelte das bescheuerte Handy. Und ich war der Blödmann, der begann, sich einzumischen. Ihr Klingelton war ein furchtbarer Song aus den Charts und so laut eingestellt, dass er mich erschreckte und sie aufgeweckt hätte, wenn er weiterhin diese gehaltlosen, schrecklichen Töne produziert hätte. Nachgedacht hatte ich darüber nicht wirklich. Ich drückte den Anruf einfach weg. Als ich das leuchtende 1 verpasster Anruf von Luis auf dem Display aufleuchten sah, da wusste ich, dass ich Mist gebaut hatte. Denn mehr war nicht erforderlich gewesen: Ich hatte mich eingemischt und schämte mich dafür. Deshalb ließ ich Lina weiterschlafen, erzählte ihr auch anschließend nichts von ihrem verpassten Anruf und ließ das Handy in ihre Handtasche zurückgleiten, als sei nichts gewesen. Eigentlich war ich nie der Typ gewesen, der sich einmischte.

Das letzte Mal eine Nacht durchgeschlafen hatte ich, bevor alles passiert war. Seit dem Unfall war ich jede Nacht aufgewacht – schweißgebadet, schreiend oder geräuschlos weinend. Manchmal war mein Albtraum nämlich so real, dass ich nicht einmal aufhören konnte zu weinen, wenn der Traum vorbei war. Und wie gesagt – schwitzen, schreien oder weinen musste ich nächtlich. Aber nicht in dieser Nacht. In dieser Nacht konnte ich durchschlafen.

Zu Mittag essen wollten wir auch am nächsten Tag gemeinsam. Lina trug ihre Converse und ließ jeden zweiten Pflasterstein aus, der ihren Weg kreuzte. Ich beobachtete das kindische Spielchen eine Weile und Lina erwischte mich dabei. „Was guckst du so?“, fragte sie und ihr rechter Fuß berührte einen Pflasterstein, den sie eigentlich hätte überspringen müssen.

„Letztes Mal dachte ich, du bist eine Rentnerin. Wegen deiner Pizza-Ränder-Phobie. Jetzt kommt es mir irgendwie so vor, als würde ich ein Kindergartenkind zum Essen begleiten“, grinste ich.

Sie kniff die Augenbrauen zusammen und machte demonstrativ weiter damit, jeden zweiten Stein auszulassen. „Früher habe ich immer Wetten mit mir selbst abgeschlossen. Wenn du das schaffst, dann hast du eine gute Note im Vokabeltest. Weißt du, was ich meine?“

Ich wusste genau, was sie meinte. „Warum machst du es noch? Welche Wette hast du am Laufen?“

Sie hörte auf, wie ein ausgelassenes Kind über die Straße zu hüpfen. „Keine“, sagte sie dann. Plötzlich war die Freude über ihr Pflastersteinspiel aus ihrem Gesicht verschwunden und sie wurde ernst. „Keine“, wiederholte sie. Wenn Lina und ich uns anschwiegen, war es keine unangenehme Stille. Dadurch, dass wir übereingekommen waren, Abstand zu halten, endeten Gespräche zwischen uns oft mit dieser Art des Schweigens. Nämlich immer dann, wenn einer die Linie übertreten hatte.

Sie saß mir gegenüber an einem wackligen Tisch vor dem Café. Die Beine hatte sie überschlagen, die Haare zu einem unordentlichen Pferdeschwanz zusammengefasst. Unerlässlich tippte sie mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte, was ein nervtötendes, hohles Geräusch erzeugte. Als sie sah, dass mich das Geräusch ihrer Nägel auf der Glasplatte aufregte, nahm sie die Hände vom Tisch und legte sie in den Schoß.

„Nervige Angewohnheit“, kommentierte ich.

„Du hast bestimmt auch viele nervige Angewohnheiten“, feuerte sie zurück.

„Du kennst mich nicht.“

„Aber du kennst mich, oder was?“ Sie lachte verächtlich. „Du kommst dir vielleicht toll vor mit deiner bescheuerten Übereinkunft. Ich weiß ganz genau, dass du meinen Anruf weggedrückt hast. Wenn du an mein Handy gehst, um meinen Anruf abzulehnen, dann musst du dich auch nicht beschweren, wenn ich dir Fragen stelle. Die sind zumindest ehrlich und direkt!“ Jetzt war sie sauer. Sie stützte die Ellenbogen auf dem Tisch auf und funkelte mich an.

Ich war zu überrumpelt davon, dass sie von meiner nächtlichen Aktion wusste, als dass ich mir kurzfristig eine schlaue Antwort hätte überlegen können. Die helle, strahlende Farbe ihrer blauen Augen irritierte mich. „Ich hab’s einfach gemacht, ohne darüber nachzudenken. Du wärst sonst aufgewacht. Und du hast …“ Ich brach den Satz ab. „Und du hast so friedlich geschlafen“, hatte ich sagen wollen. Aber dann hätte sie gewusst, dass ich sie im Schlaf beobachtet hatte. Das wäre irgendwie demütigend gewesen.

„Und ich habe ...?“ Sie sah über den Tisch zu mir herüber, aber ich starrte auf meine Serviette.

„Du hast geschlafen.“

„Als ob es dich interessiert hätte, wenn ich aufgewacht wäre – mach dich nicht lächerlich!“

„Es hätte mich interessiert.“

Sie schnaubte. „Wenn du etwas über mich wissen möchtest, dann frag doch einfach.“ Es lag Hoffnung in ihrer Stimme, ganz so, als würde ich wirklich anfangen, zu fragen. Vielleicht wollte sie, dass ich ihr alles erzählte. Aber das konnte ich nicht. Ihre klaren, blauen Augen sahen mich verständnislos an, als ich aufstand und den Stuhl zurückschob.

„Ich habe keinen Hunger mehr“, hörte ich meine Stimme sagen. Dann drehte ich mich auf dem Absatz um und ließ Lina allein am Tisch zurück. Sie blickte mir kopfschüttelnd nach.

„Du bist ein Arschloch“, sagte Cagney begeistert, als ich ihm erzählte, was passiert war.

Ich boxte ihn an die Schulter. „Ich kann mit der komischen Situation einfach nicht umgehen. Ich will sie nicht hier haben. Wegschicken will ich sie aber auch nicht.“

„So ist das mit den Weibern!“ Cagney zog den rechten Mundwinkel zu einem halben Grinsen in die Höhe.

Was ich gesagt hatte, war nicht die ganze Wahrheit. Ich tat, als wäre ich der edle Ritter, als sei Lina auf mich angewiesen, aber in Wirklichkeit brauchte ich sie genauso wie sie mich. Ihre Gesellschaft war ein Zeichen dafür, dass die Welt sich Tag für Tag weiterdrehte.

„Ich würde sie trotzdem wegschicken. Mit einem Tritt in den Arsch. Zumindest, wenn sie nervt.“

„Sie nervt.“

„Dann schick sie weg.“ Cagney beobachtete eine Reihe von Ameisen, die die Wände der Mülltonne emporkletterten, neben der wir uns auf dem Boden niedergelassen hatten. Er feuerte kleine Spuckfontänen auf die Tierchen ab und versuchte, sie damit zu ertränken, aber er verfehlte die Insekten. Sein Speichel bildete schleimige, kleine Pfützen auf dem Boden. „Blöde kleine Scheißviecher“, brummte er. Dann griff er in seine Hosentasche und förderte ein Päckchen Zigaretten zutage. Das Feuerzeug klickte, als er sich eine anzündete. „Ich bin keine Tussi“, sagte Cagney, obwohl das offensichtlich war. Er schnipste die Asche weg und begrub kaltherzig zwei Ameisen unter dem Haufen. „Wir könnten reden.“

„Du könntest reden. Vielleicht kann ich dir helfen.“ Ich stocherte mit der Schuhspitze in die Ameisenstraße auf dem Boden. „Für immer können deine Eltern dich nicht hassen.“

„Da ist die Königin“, sagte Cagney und deutete auf ein im Vergleich zu seinen Artgenossen riesiges Insekt mit Flügeln. Er lenkte vom Thema ab.

Ich sprang darauf an. „Die Ameisenkönigin ist arm dran. Wusstest du, dass sie nur dafür lebt, Eier zu legen? Den ganzen Tag. Immer. Sie sichert das Fortbestehen des Stammes“, setzte ich ihn in Kenntnis.

Er sah mich stirnrunzelnd an und antwortete: „Kein sehr schönes Leben.“ Vorsichtig nahm er das Tierchen auf die Hand.

„Vielleicht wird sie wiedergeboren. Als etwas viel Besseres. Oder sie war in ihrem vorherigen Leben ein Schwerverbrecher und das ist ihre Strafe.“

„Alter, Ben, wie schräg bist du denn bitte? Du glaubst doch nicht ernsthaft an Wiedergeburt und so einen Mist?“ Er entließ unsere Ameisenkönigin zurück in die Freiheit.

Ich fragte mich, wo ihr Nest war. „Wieso nicht?“

„Weil es keinen Sinn macht.“

„Natürlich macht es Sinn. Alles, was du in diesem Leben ertragen musst, wird im nächsten Leben belohnt. Oder andersherum. Es ist absolut logisch.“

Cagney antwortete nicht mehr und ich beobachtete die untergehende Sonne, die den verdreckten kleinen Hinterhof in warme, rote Farben tauchte. Wir saßen still nebeneinander.

Erst Minuten später antwortete er: „Es ist falsch, Ben. Du hast ein Leben. Eine Chance. Du kannst was daraus machen. Oder du kannst deine Chance verspielen und hoffen, dass in deinem angeblichen nächsten Leben alles besser wird. Aber egal, was dir passiert ist: Es wird dich nicht davor retten, dich auf deinen Arsch zu setzen und dir Mühe zu geben. So läuft das nun mal.“

Ich starrte in die Sonne, bis das Einzige, was ich hinter meinen Lidern noch erkennen konnte, springende rote und grüne Punkte waren. Cagney schien noch immer über das Leben zu sinnieren. Schon wieder steckte er sich eine Kippe an. „Wenn es nur ein Leben und eine Chance gibt, warum bist du dann hier?“, fragte ich ihn.

Er zuckte mit den Schultern. „Es ist alles nicht so einfach, Ben.“

„Warum rauchst du, wenn du nur ein Leben hast und Zigaretten dich krank machen?“, fuhr ich fort, aber Cagney winkte ab.

„Weil es egal ist. Weil meine Chance verstrichen ist.“

Als ich weit nach ein Uhr die Zimmertür aufschob, lag Lina mit offenen Augen in der Dunkelheit und starrte an die Decke. Sanft zog ich die Tür hinter mir zu. „Was machst du da?“, fragte ich sie flüsternd.

„Ich kann nicht schlafen“, gab sie knapp zurück.

Ich fühlte mich schlecht, weil ich mittags einfach abgehauen war. „Es tut mir leid, dass ich einfach gegangen bin. Und dass ich den Anruf weggedrückt habe.“ Ich flüsterte noch immer.

„Es ist nicht schlimm. Dein Essen war lecker.“

Ich lachte leise. Sie warf mir einen Blick aus ihren kristallklaren blauen Augen zu, den ich nicht deuten konnte. In der Dunkelheit sah ich, wie Lina ihr Gesicht im Kopfkissen vergrub. „Lina?“ Immer noch flüsterte ich, obwohl kein Anlass dazu bestand.

„Hm?“

„Was ich dir gesagt habe, über Glück und all das – denkst du, es ist Blödsinn?“

Sie drehte sich in meine Richtung und legte den Kopf auf dem Unterarm ab. „Wieso fragst du das?“

Im abgedunkelten Zimmer sah ich nur die Silhouette ihres Körpers unter der dünnen, weißen Decke.

„Warum?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht, warum.“

„Ich glaube nicht, dass es falsch ist. Ich finde die Vorstellung schön, dass jeder das kriegt, was er verdient. Das spendet Trost, oder?“

Ich nickte, und als mir auffiel, dass sie mich nicht sehen konnte, war sie bereits verstummt und mit dem Kopf müde auf das Kissen gesunken.

Ich musste lächeln. „Schlaf gut, Lina.“ Es störte mich nicht, dass sie mich nicht mehr hören konnte.

*

Lina

Mai

Die Zimmertür, an die ich jeden Tag mindestens einmal klopfte – mal entschlossen, mal zaghaft – trug die Zimmernummer 27. Als die Tür von innen geöffnet wurde, waren es aber nicht Bens Schokoaugen, die in meine blickten.

„Abend“, sagte die tiefe Stimme, die dem südländisch aussehenden Fremden gehörte, der mir gegenüber stand. Der Fremde war gebräunt und muskulös, sein Blick hatte etwas Spielerisches.

„Ähm. Abend“, erwiderte ich verunsichert. Er machte einen Schritt zur Seite und gab mir dadurch den Weg frei. Beim Reingehen stolperte ich über die Schwelle und Ben, der selbstverständlich rauchend am Fenster stand, grinste blöd.

„Das war dann wohl mein Stichwort“, sagte der Fremde. Er räusperte sich. Es war mehr als deutlich, dass er sich unwohl fühlte in meiner Gegenwart.

Ben stieß sich vom Fensterbrett ab und schnippte den Zigarettenstummel nach unten auf die Straße. „Sie beißt nicht“, sagte er mit einem Seitenblick auf mich. Sein blödes Grinsen klebte ihm noch im Gesicht, während sich bei seinem Freund nur der rechte Mundwinkel hob und sein Lächeln ihm beinahe schief im Gesicht zu liegen schien, so, als hätte er vergessen, auch den linken Mundwinkel in die Höhe zu ziehen.

„Dafür, dass sie nicht beißt, hat sie sehr spitze Eckzähne“, observierte der Fremde. Er starrte auf meine oberen Zahnreihen.

„Scharf wie ein Säbelzahntiger!“, scherzte Ben, der sich neben seinem Kumpel positioniert hatte. Beide hatten sie unheimliche Freude daran, sich mit kindischen Vergleichen zu übertreffen.

„Wie ein Piranha!“

„Wie ein Vampir!“

„Wie ein weißer Hai!“

Auf der Suche nach neuen Tiergebissen, die er mit meinen Zähnen vergleichen konnte, blieb Bens Blick für einen kurzen Moment an meinen Lippen hängen. Ich hatte nicht einmal Zeit, zu erröten, so schnell hatte er sich wieder gefangen und seinen Blick von mir abgewandt. Kurze Zeit später kündigte der Fremde an, dass er jetzt gehen müsse. Ben bot ihm sofort an, ihn ein Stückchen zu begleiten. Er schien erleichtert, dass er mich nicht mehr ansehen musste.

„Du isst immer Marmelade. Jeden Tag. Kommt es dir nicht langsam wieder zum Hals raus?“, fragte ich Ben beim Frühstück am nächsten Morgen im Hostel. Es war die einzige Mahlzeit, die man hier bekam. Ben saß mir gegenüber am Tisch und strich hoch konzentriert Erdbeermarmelade auf sein Brot. Dabei war er stets darauf bedacht, den Aufstrich gleichmäßig zu verteilen und keine Stelle unbedeckt zu lassen.

Ohne den Blick von seinem Brot abzuwenden, schüttelte er den Kopf. „Es erinnert mich an zu Hause“, sagte er.

Mit der Aussage überraschte er mich. Es war das erste Mal, dass er von der Zeit sprach, die unserem Zusammentreffen am Bahnhof vorausging. Als ich versuchte, Emotionen in seinem Gesicht zu finden, war sein Blick neutral und gab mir keinen Aufschluss darüber, was Zuhause für ihn bedeutete.

„Was ist für dich zu Hause?“ Er legte das Messer mit einem leisen Klirren auf dem Tellerrand ab. Sein perfekt geschmiertes Marmeladenbrot verströmte einen süßlichen Geruch. Es sah etwas verloren aus auf dem riesigen Frühstücksteller. Aber waren wir das nicht alle?

„Das Quietschen der dritten Treppenstufe“, sagte ich, weil mir nichts Besseres einfiel.

Er lachte. Es war dieses Lachen, das ich nur von Ben kannte. Das Lachen, das abgrundtief traurig war. „Wirklich?“

Ich musste kichern.

„Das Quietschen der dritten Treppenstufe?“

„Wirklich.“

Über den Tisch hinweg grinsten wir uns an und Ben hielt sein Brot in diesem Moment schief, sodass ein Marmeladenklecks auf seinem Teller landete. Als es ihm auffiel, legte er das Brot weg, stützte die Ellenbogen auf dem Tisch auf und sah mich an. „Du bringst mich … irgendwie zum Lachen“, sagte er leise.

Ich spürte, wie ich errötete. „Ist doch gut, oder nicht?“

Ben hob das Brot wieder auf, zuckte mit den Schultern. „Es ist ungewöhnlich.“

Ich mochte ihn. Zwar wusste ich nicht, warum, und eigentlich hatte er das nicht verdient, aber in seiner Nähe fühlte ich mich gelöst. Vielleicht rührte dieses Gefühl einfach nur daher, dass er nichts über mich wusste und ich ihm keinerlei Erklärungen schuldig war, aber das war egal. In dieser Stadt hatten wir uns eine geschützte, kleine Blase geformt, in der wir nun lebten, ohne dass es irgendjemanden zu interessieren schien. Es war wie ein Stillstand. Die Uhren blieben nicht stehen, doch die Zeit lief weiter. Alles, vor dem ich geflüchtet war, existierte noch. Aber es existierte in weiter Ferne und ich brauchte noch Zeit. Ich war noch nicht bereit dazu, meine Blase zu verlassen. Manchmal braucht man den Stillstand.

Meine Mutter rief drei Tage später an, als Ben und ich gerade am Ufer des Flusses saßen, der mitten durch die Stadt floss und den man nur über eine monströse, steinerne Brücke überqueren konnte. Der Boden war schmutzig und noch kühl, aber wir froren nicht, als wir auf unseren Hosenböden saßen und den Fluss betrachteten. Die Frühlingssonne spiegelte sich im Wasser und erzeugte Tausende schimmernde und funkelnde Reflexionen. Es sah magisch aus.

„Wie ein Feenzauberstab“, sagte ich.

Ben schwieg und genoss mit geschlossenen Augen die wärmenden Strahlen der Sonne auf seiner Haut. Ich tat es ihm gleich und plötzlich konnte ich mich voll und ganz auf das sanfte Rauschen und Plätschern des Wassers konzentrieren. Als er zu sprechen begann, flogen meine Augenlider auf. Seine Schokoaugen waren hinter den Lidern verborgen und er wirkte vollkommen entspannt, als er fragte: „Wusstest du, dass Wasser im Buddhismus als Sinnbild gilt?“

Ich drehte mich auf den Rücken, starrte ihn an. „Sinnbild für was?“

„Als Sinnbild für den Strom des Lebens.“

„Warum bist du so fasziniert vom Buddhismus?“, fragte ich ihn, während ich die Unterarme auf die kühle Erde aufstützte.

Ben bemerkte meine Bewegung, öffnete die Augen in Zeitlupe und blinzelte in das gleißende Sonnenlicht. „Weil es Sinn macht“, entgegnete er. Das Licht verwandelte seine Augen in Schokokaramellbonbons. Als mein Handy klingelte, übertönte es das entspannende Geräusch des rauschenden Flusses und zerstörte die schläfrige Ruhe des Moments. Ich sprang auf die Füße.

„Es ist Zeit, nach Hause zu kommen“, sagte meine Mutter ohne Begrüßung. Sie klang krank vor Sorge.

„Es geht mir gut. Wirklich. Ich brauche nur … ein bisschen Abstand von allem.“

Stille am anderen Ende der Leitung.

Während ich auf ihre Antwort wartete, lief ich unruhig am Ufer entlang, zeichnete mit meiner Schuhspitze matschige Kreise in die Erde, sah in Bens Richtung, der meinen Blick auffing. Ich hörte meine Mutter durchs Telefon seufzen.

„Es ändert nichts, Schatz, du hast Abstand genommen, aber irgendwann musst du doch zurückkommen. Es ist eine Geldverschwendung, was du da machst. Du kannst auch daheim in deinem Selbstmitleid baden. Da musst du wenigstens nicht für deine Unterkunft bezahlen. Wenn du so weitermachst, dann kannst du deinen Amerikatraum gleich begraben.“ Sie klang sauer, aber ich wusste, dass sie das nicht war. Sie versuchte nur alles, um mich zurückzuholen.

„Ich gehe nicht nach Amerika“, sagte ich. Dann legte ich auf.

Als ich zu Ben zurückstapfte, hatte sich eine steile Falte zwischen meinen Augenbrauen gebildet. „Ich gehe zurück ins Hostel“, kündigte ich an und konnte die schlechte Laune nicht vor ihm verstecken.

„Wer auch immer angerufen hat, du solltest dir nicht diesen wunderschönen Tag verderben lassen“, erwiderte Ben. Als er zu mir hochsah, blendete ihn die Sonne. Er stand auf und war plötzlich nur wenige Zentimeter von mir entfernt. „Du hast da was“, sagte er leise, während er auf die Stelle zwischen meinen Augenbrauen starrte.

Ich spürte, wie sich mein Herzschlag beschleunigte. „Was?“

„Eine Schlechte-Laune-Falte.“

Wie von einer unsichtbaren Hand gelenkt, bewegten sich Bens raue, warme Finger zu meiner Stirn, um die Falte glatt zu streichen. Er nahm die Hand nicht weg, als er die Falte geglättet hatte. Die Wärme seiner Finger schien sich auf meinen ganzen Körper zu übertragen. Die Stelle, die er in meinem Gesicht berührte, schien zu brennen. Er sah auf mich herunter und die Farben in seinen Augen verschwammen, sodass ich nicht mehr sagen konnte, was ich da sah. Waren sie haselnussfarben? Schokoladenfarben? Oder sahen sie eher aus wie flüssiges Karamell?

Plötzlich wusste ich es nicht mehr und ich wollte mich auch nicht darauf konzentrieren, mich auf eine dieser Farben festzulegen. Ich wusste nicht, was Ben in diesem Moment dachte – eigentlich wusste ich nie, was in ihm vorging – und genauso schnell, wie seine Hände mein Gesicht berührt hatten, verschwanden sie auch wieder von dort. Er sah verwirrt aus. „Keine Ahnung, warum ich das gerade gemacht habe“, sagte er und räusperte sich verlegen.

Ich schluckte. Mein Herzschlag war in diesem Moment so schnell und laut, dass ich mir sicher war, er müsste ihn hören.

„Wegen der Falte?“

„Richtig.“ Er räusperte sich. „Wegen der Falte.“

Ich beobachtete, wie er einen Rückwärtsschritt machte, um Abstand zu mir herzustellen. Während ich noch immer die warme Berührung seiner Finger auf meiner Haut fühlen konnte, schien er bemüht, den Gedanken schnellstmöglich zu vertreiben. Seine Knie knacksten, als er sich bückte und wieder auf dem erdigen Boden vor dem Fluss Platz nahm. Mit seinen Augen folgte er dem Strom des Wassers. So konnte er jeglichen Blickkontakt vermeiden. Die entstandene Stille war unbehaglich. Es war nie merkwürdig gewesen, wenn wir uns angeschwiegen hatten. Jetzt war es das.

Mit geschlossenen Lidern lag ich in der Sonne und versuchte die Tatsache, dass Ben nur wenige Zentimeter von mir entfernt lag, zu verdrängen. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sein Blick meinen Körper streifte, aber wenn ich die Augen aufschlug und mich in seine Richtung drehte, schien er zu schlafen und sich nicht dafür zu interessieren, was ich tat.

Immer wieder drängten sich die Worte meiner Mutter in meine Gedanken: „Du kannst nicht ewig bleiben. Nicht ewig Auszeit nehmen und vor den Tatsachen fliehen.“ Obwohl ich es nicht zugeben wollte, hatte sie natürlich recht. Aber ich war noch nicht bereit, nach Hause zurückzukommen. Ich hatte das untrügliche Gefühl, dass es falsch wäre, jetzt zu gehen. Dass es einen Grund dafür gab, warum Ben und ich in derselben Nacht an derselben Haltestation ausgestiegen waren. Allein schon der Gedanke an eine Abreise fühlte sich nicht richtig an. Und was würde mich zu Hause erwarten? Eine kaputte Familie, eine kaputte Beziehung, eine kaputte Freundschaft. Zwar hatte ich mein ganzes Leben vor mir, aber alles, was ich mir für die Zukunft gewünscht und worauf ich hingearbeitet hatte, war innerhalb einer einzigen Nacht zerstört worden.

„Ich gehe“, unterbrach ich die Stille.

„Wohin denn?“, fragte Ben mich schläfrig.

Ich fühlte mich kein bisschen schlecht, als ich seine Frage ignorierte, meine Sachen zusammenpackte und mich mit hastigen Schritten vom Flussufer entfernte.

„Was soll das?“, rief Ben mir nach, aber ich antwortete ihm nicht.

Sobald ich den ersten Schritt auf die asphaltierte Straße gemacht hatte, verschwand der Geruch der feuchten Erde und des Wassers. Die Erinnerung an Bens Karamellaugen direkt vor meinem Gesicht verschwand nicht. Ich hatte es satt, mich von ihm herumschubsen zu lassen. Wenn er ein Problem damit hatte, Nähe zwischen uns herzustellen, dann sollte er seine Finger gefälligst bei sich lassen. Grundsätzlich waren es immer seine unüberlegten Handlungen, die uns beide in Verlegenheit und merkwürdige Situationen brachten. Grundsätzlich war ich am Ende diejenige, die mit Schweigen gestraft und behandelt wurde, als hätte sie einen Fehler gemacht. Aber ich hatte keinen Fehler gemacht. Schon bevor ich mich umdrehte, wusste ich, dass Ben mir gefolgt war. Ich beschleunigte meine Schritte, rannte fast. Aber er war schneller. „Ich habe es kapiert, Ben, du hast keinen Bock auf mich. Weißt du, wenn du mich so scheiße findest, dann solltest du mir vielleicht nicht hinterherlaufen“, fauchte ich. Als ich abrupt zum Stehen kam, war er mir so dicht auf den Fersen, dass er mich fast über den Haufen rannte. „Also, was willst du hier?“

„Was willst du hier?“, entgegnete er. Er meinte nicht den Platz am Fluss, er meinte die Stadt, die ihm ebenso fremd war wie mir.

„Was willst du mir damit ...“

Er berührte mich an der Schulter und ich brach meinen Satz ab, als mich sein Blick aus warmen Schokoaugen traf.

„Ich will doch gar nicht, dass du abhaust, verdammt“, sagte er dann und zog die Hand wieder zurück. Diesmal tat er nicht, als hätte er sich verbrannt.

„Was willst du dann?“

„Dass du bleibst.“

Beide starrten wir auf unsere Schuhspitzen.

„Ich weiß nicht … Ich hatte das Gefühl so lange nicht mehr … Es überfordert mich“, sagte Ben und sprach zusammenhangsloses, wirres Zeug.

Während wir nebeneinander die Straßen entlangliefen, spürte ich seine flüchtigen Seitenblicke. Sobald ich ihn ansah, senkte er jedoch den Blick und starrte auf den Boden, als wären die schmutzigen Pflastersteine das Interessanteste, was er seit Langem gesehen hatte.

„Denkst du eigentlich schon manchmal daran, zurückzugehen?“, fragte ich ihn vorsichtig.

Obwohl er ganz genau wusste, was ich meinte, stellte er sich ahnungslos. „Zurückzugehen?“ Sein Körper spannte sich an und seine Schritte wurden hektischer.

„Ob du darüber nachgedacht hast, wann du abreisen und dein altes Leben weiterführen willst“, erklärte ich. Obwohl er so schnell lief, dass ich Mühe hatte, sein Tempo zu halten, schien er gar nicht zu merken, wie nervös ihn meine Frage gemacht hatte.

Den Blick hatte er starr auf den Boden gerichtet, als er sagte: „Nein, habe ich nicht. Will ich auch nicht.“

Ich gab es nicht zu, aber seine Antwort erleichterte mich. Solange er da war, konnte ich auch hier sein. Solange er da war, war ich nicht allein. „Okay“, sagte ich.

Ben sagte nichts, aber als ich ihn sacht am Jackenärmel zupfte, wurde er langsamer und versuchte, seine Schritte an meine anzupassen. „Du kannst das Spiel spielen, wenn du willst“, sagte er nach einer Pause.

„Was für ein Spiel?“

„Das Pflastersteinspiel.“

Ich hatte aufgehört, zu zählen, wie oft er heute schon gegrinst und gelacht hatte. Mittlerweile hatte ich begonnen, es nur noch zu genießen und darauf zu warten, dass ich seinen süßen unvollständigen Frontzahn sehen konnte. „Das fandest du doch so furchtbar kindisch.“ Ich musste an den Tag denken, an dem er sich über mich lustig gemacht hatte, nachdem er mich beim Pflastersteinspiel beobachtet hatte.

„Es ist auch kindisch“, sagte Ben schulterzuckend. „Aber was ist falsch daran?“

Abends gesellte sich der Fremde wieder zu uns in Bens Hotelzimmer. So fand ich endlich heraus, dass er Cagney hieß und kein Italiener war. Auch hier gab es etwas, das im Raum schwebte, dass ihn beschäftigte, stets begleitete und nicht loszulassen schien. Aber er sprach nicht darüber. Ben und Cagney spielten ein Trinkspiel, betranken sich mit billigem Schnaps und schienen minütlich Tausende Gehirnzellen abzutöten, da ihre Kommentare immer stumpfsinniger wurden.

„Wir sollten never have I ever spielen“, schlug ich ihnen vor.

Sofort flog Bens Blick zu mir. „Willst du mich herausfordern?“ Er war schon betrunken, sah aus geröteten, glasigen Augen zu mir hoch. Unbeeindruckt von seiner Fahne setzte ich mich neben ihn auf den Teppich. Im Gegensatz zu Ben schien Cagney noch nichts von dem Alkohol zu merken.

„Was ist das, never have I ever?“, fragte er interessiert. Mit dem Rücken lehnte er sich am Sofa an.

„Ich sage irgendetwas, was ich in meinem Leben gemacht habe, und ihr müsst trinken, wenn ihr es auch gemacht habt“, erklärte ich.

Ben und Cagney wechselten einen Blick und Cagney öffnete schon den Mund, um meinen Spielvorschlag abzulehnen, aber Ben war betrunken. „Sehr gut!“

Ich dachte nach und sagte: „Ich habe noch nie ... gespickt.“ Anschließend hob ich die Wodkaflasche und trank zum Zeichen, dass ich sehr wohl schon gespickt hatte. Es schmeckte furchtbar. Ich war nicht an den Geschmack gewöhnt und schüttelte mich vor Ekel. Der flüssige Alkohol fühlte sich warm und kribbelnd in meinem Magen an. Nachdem wir eine Runde durchlaufen hatten, landete die Flasche wieder bei mir und ich gab sie an Ben weiter. Er saß so nah neben mir auf dem kratzigen Teppich, dass mein Knie fast seines berührte. Fast.

Als Ben zum Zuge kam, grinste er schon verschmitzt. „Ich habe noch nie eine Prügelei angefangen! Prost!“, rief er fröhlich, hob die Flasche an die Lippen und trank um einiges mehr, als nötig gewesen wäre. Sein T-Shirt roch nach Schweiß und sein Atem nach Alkohol.

Cagney nahm ihm die Flasche ab. „Du?“, lachte er ungläubig.

Auch ich konnte mir Ben nicht in einer Prügelei vorstellen. Bei näherer Betrachtung vermittelte einem sein Körperbau nämlich eher, dass er das Weite suchte, sobald er sich in eine gefährliche Situation manövriert hatte. Ben schienen unsere Zweifel nicht im Geringsten zu interessieren. „Natürlich ich!“ Er nahm einen weiteren Schluck. Cagney und ich wechselten einen zweifelnden Blick. „Ihr glaubt mir nicht!“, bemerkte Ben beleidigt.

Ich zuckte mit den Schultern und passte, als Cagney die Flasche an mich weitergeben wollte, nachdem auch er einen kräftigen Schluck genommen hatte.

„Ich musste meinen Bruder verteidigen. Das war Ehrensache“, erläuterte Ben, obwohl niemand ihn danach gefragt hatte.

Die Flasche stand jetzt in der Mitte des Kreises, den wir gebildet hatten, und es war still im Raum geworden. Gespannt wartete ich darauf, dass Ben noch mehr erzählte. Ich stellte mir vor, wie er zu seinem Bruder hielt, wie er ihn beschützen wollte. Und plötzlich gefiel er mir noch besser. Erst als Cagney sich laut und vernehmlich räusperte, merkte ich, dass ich Ben anstarrte und sich ein bescheuertes Grinsen in meinem Gesicht ausgebreitet hatte. Ich schluckte unbehaglich und konzentrierte mich darauf, die Fusseln auf dem Teppich zu zählen, um mich nicht in weitere peinliche Situationen zu manövrieren. „Du bist dran, Cagney“, sagte ich.

Er nickte, machte aber keine Anstalten, mit dem Spiel fortzufahren. Stattdessen saß er stumm und im Schneidersitz in unserem Kreis auf dem Teppich und schaute von Ben zu mir. Dann wieder zu Ben. Zurück zu mir. Dabei sah er irgendwie fassungslos aus. Zwar wollte ich mir das nicht eingestehen, aber es kränkte mich. Es kränkte mich sehr.

Meine Mutter rief täglich an und versuchte, mich zu überreden, nach Hause zu kommen. Irgendwann begann ich, sie zu ignorieren. Ich rief sie nicht zurück und ich hörte auch die verzweifelten Nachrichten nicht ab, die sie mir auf meiner Mailbox hinterließ. Ben rief niemand an – oder ich bekam es nicht mit. Ich wusste nicht wirklich, wo ich war oder was ich eigentlich machte – aber ich fühlte mich, als wäre ich an der richtigen Stelle. Für den Moment fühlte sich dieser Zustand zu gut an, um an etwas anderes zu denken.

Als ich mit Ben darüber geredet hatte, konnte er es mit seinen Worten auf den Punkt bringen: „Was zählt, ist der Moment.“

Und wir taten Tag für Tag nichts anderes, als diesen Moment zu leben, zu lieben und zu ehren. Die Zeit, die ich mit Ben verbrachte, erschien mir kostbar. Ich versuchte, mir jede dieser wertvollen, gemeinsamen Minuten einzuprägen. Es entwickelte sich eine untypische Freundschaft zwischen uns, eine Freundschaft, die weder Worte noch große Taten brauchte. Eine Freundschaft, die daraus bestand, gemeinsam zu schweigen. Gemeinsam die wärmenden Strahlen der Sonne zu genießen, sich die Pizza zu teilen, dem Rauschen des Wassers zuzuhören und über unwichtige Dinge zu quatschen. Niemand konnte uns unsere Leichtigkeit nehmen, wir achteten schließlich selbst darauf, dass die Unbeschwertheit nie gefährdet wurde.

„Cagney und ich haben etwas verdammt Cooles gefunden“, erzählte mir Ben aufgeregt, als die zweite Woche angebrochen war.

Ich hatte Cagney seit den Trinkspielen in Bens Zimmer nicht mehr gesehen. Es interessierte mich nicht, was die beiden Tolles gefunden hatten, und ich beschränkte mich darauf, lustlos in meinem Müsli herumzurühren. „Keinen Hunger mehr?“, fragte Ben, der mich aufmerksam beobachtet hatte.

„Nicht wirklich“, gab ich zurück.

Er streckte die Hand nach der Müslischale aus und ich reichte sie ihm über den Tisch. Er hielt die Schüssel schief. Kleine Milchtropfen sprenkelten über den Holztisch. Mit vollem Mund begann er dann zu erzählen: „Wir haben versucht, ein bisschen rauszukommen aus der Stadt. Wir sind ein Stückchen gelaufen und dann ... “ Er hob die Schüssel an, um die übrig gebliebene Milch auszuschlürfen.

Stirnrunzelnd sah ich ihm dabei zu. „Und dann?“, hakte ich nach, als er nicht weitersprach.

„Das kann man nicht beschreiben“, behauptete er. „Das muss man gesehen haben. Es würde sich blöd anhören, wenn ich es dir nur erzählen würde.“

Ich lächelte. „Also?“

„Na ja … Ich denke, ich sollte dir das nach dem Frühstück zeigen.“

Wir verließen das Hostel, direkt nachdem Ben in den Gemeinschaftsräumen seinen Milchbart abgewaschen hatte. Obwohl ich am Himmel zahlreiche Schleierwolken sehen konnte, war es warm, als wir das Foyer verließen und nebeneinander auf der Straße vor unserem Hostel standen.

„Da lang“, wies Ben mich an und deutete auf einen schmalen Weg, der scheinbar ins Nirgendwo zu führen schien. Rechts und links entlang des Weges blühten Gänseblümchen und riesiger Löwenzahn, die den Anschein erweckten, dass sich niemand um die Grünflächen und das Unkraut kümmerte.

„Wohin soll das führen, wenn ich fragen darf?“

Ben schob mich einfach vorwärts, als hätte er meinen skeptischen Tonfall und meine Frage einfach überhört. Seine Hände berührten meinen Rücken, als wäre ich blind und er müsste mich führen. Die Berührungen seiner Hände an meinen Schulterblättern genoss ich, das konnte ich nicht leugnen. Komisch, wie schön solche riesigen, schwieligen Hände sein können.

„Es ist nicht weit, vielleicht zehn Minuten“, informierte mich Ben.

Im Laufen drehte ich mich zu ihm um. „Hoffentlich ist es das wert“, erwiderte ich, obwohl ich ihm vermutlich auch gefolgt wäre, wenn wir zwei Stunden hätten laufen müssen. Oder noch länger.

„Glaub mir, ich weiß, es ist das wert“, sagte Ben bestimmt.

Und ich glaubte ihm. Er führte mich den Weg entlang, bis die Rasenflächen an den Seiten endeten und ich plötzlich Lärm vernahm. Geräusche, die Autos bei schneller Geschwindigkeit machten. Fernes Rauschen.

„Pass auf!“, sagte er gespannt. Dann sah ich, wo er mich hingeführt hatte: Wir standen auf einer Autobahnbrücke. „Es fühlt sich an, als würde alles vorbeifliegen, nicht?“, fragte Ben und deutete nach unten auf die Autos und Lkw. Mit den Fingern umklammerte ich die kühlen, grün bepinselten Eisenstäbe, die uns davon abhielten, in die Tiefe zu stürzen. Unter uns rauschten die Autos auf der Straße entlang, eines nach dem anderen, in jedem Auto eine Person, ein Leben, eine Geschichte. Doch kaum hatte ich mich auf eines konzentriert, verschwand das Auto wieder.

„Wahr“, sagte ich fasziniert. Es war komisch, hier oben zu stehen, nach unten zu sehen und keinen Bezug zu den Menschen unter uns zu haben, obwohl wir nur Meter von ihnen entfernt waren und sie sehen konnten.

Ben zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich mit dem Oberkörper gegen die Eisenstäbe. Er beugte sich immer tiefer hinunter, sah den Autos entgegen und lachte leise. „Schon komisch“, sagte er und blies mir dabei den Zigarettenrauch ins Gesicht. „Schon komisch, wie schnell sie da sind – und wie schnell sie wieder verschwinden.“ Er klopfte mit dem Finger auf die Zigarette und ich beobachtete, wie sich Asche löste und langsam von der Brücke herabsegelte. Bald hatte ich die winzigen schwarz-weißen Pünktchen aus den Augen verloren. „Es ist ... gewissermaßen zu schnell“, sagte Ben.

Ich hatte keine Ahnung, was er mir damit sagen wollte. „Was meinst du?“ Mit meinem Rücken an den Stäben sank ich hinunter auf den Asphalt und streckte die Füße aus.

Er sah zu mir hinunter, blieb aber stehen und setzte sich nicht zu mir auf den Boden. „Ich meine: Es ist zu schnell, wie die Menschen sich bewegen. Sie verlieren das Wesentliche aus den Augen, sie kriegen nicht einmal mehr mit, was auf der Reise passiert, weil sie so auf das Ziel konzentriert sind. Aber hier oben ist es so, als würde die Zeit stillstehen. Aber nur für uns. Und da unten ...“ Ben deutete auf die Straße und die vorbeifliegenden Autos. „Da unten läuft sie weiter.“

Das hatte er schön gesagt, aber ich musste trotzdem lachen. „Unglaublich philosophisch, Ben“, kicherte ich. Er verdrehte die Augen, setzte sich nun doch zu mir. Ein Zentimeter näher, und unsere Knie hätten sich berührt. Die Geräusche auf der Straße waren plötzlich ganz leise, ich konnte mich nur noch darauf konzentrieren, dass ich seinen Atem hören konnte und meine Nasenflügel seinen Zigarettengeruch aufnahmen. Nach einem Moment der Stille begann Ben, sich zu räuspern. „Was ich dir eigentlich sagen wollte …“, begann er und sah mir direkt in die Augen. „... ist, dass alles vorbeigeht. Aber wir haben den Moment. Und es muss uns nicht interessieren, was sonst noch so passiert, weil es das Wichtigste ist, was hier passiert.“ Es hörte sich an wie ein Versprechen, als er das sagte.

*

Ben

Mai

Cagney war überrascht, mich zu sehen, weil ich mittwochs meinen freien Tag hatte. Als ich in den Imbiss gestürmt kam und der mittlerweile vertraute Gestank nach verbranntem Käse meine Nasenflügel erreichte, tat er ausnahmsweise einmal etwas anderes, als Kette zu rauchen, er fror Pizzateige ein. Sobald er mich sah, begann er dümmlich zu grinsen.

„Na, meine kleine Ameisenkönigin? Wer hat dir denn ins Hirn geschissen? Hast du so starke Sehnsucht nach mir, dass du mich an deinem freien Tag besuchen kommst?“ Er versuchte, mir in die Backe zu kneifen, und ich schlug seine eisige Hand, die zuvor in der Tiefkühltruhe gesteckt hatte, reflexartig weg. „Wir liegen beide richtig“, setzte ich ihn in Kenntnis.

Er sah mich verständnislos an. „Wovon redest du?“

„Vom Erreichen des Glückszustands. Man muss auch kämpfen, wenn man weiß, dass man wiedergeboren wird. Weil man daran arbeitet, irgendwann aus dem Kreislauf zu verschwinden. Ich glaube, du hast recht. Aber ich habe auch recht. Und deine Chance ist nicht verstrichen. Du hast noch dein ganzes Leben Zeit, um alles richtig zu machen.“

Mir erschien plötzlich alles ganz logisch, aber Cagney schüttelte nur den Kopf und griff wieder in die Tiefkühltruhe, als würde er meine Gedanken als Hirngespinste und mich als Vollidioten abstempeln.

„Ich habe es dir gestern schon gesagt, Ben, manchmal kriegt man keine zweite Chance.“

„Also hast du aufgegeben?“

„Kann man so sagen.“

„Warum?“ „Du nervst, Ben, ehrlich. Lass mich meine Arbeit machen, vielleicht können wir wann anders schwule Gespräche führen.“

Es war nicht okay und er machte mich WAHNSINNIG. Er hatte eine Familie, zu der er zurückkehren konnte. Und er behauptete einfach, er habe seine Chance gehabt und es lohne sich nicht mehr, zu kämpfen. Könnte ich irgendetwas ändern, dann würde ich kämpfen. Jeden Tag. Ich würde alles dafür tun, nur für eine Stunde meine Familie wiederzusehen. Und Cagney gab einfach auf.

„Weißt du, was du in deinem nächsten Leben sein wirst?“, fuhr ich ihn beim Herausgehen an. „Eine Eintagsfliege. Weil du zu blöd bist, um zu erkennen, dass du ein ganzes Leben hast und nicht nur einen Tag.“

Ich wusste nicht, ob es meine Worte waren, die Cagney dazu brachten, alles auszuspucken. Aber am Abend stand er wie ein Häufchen Elend vor meiner Zimmertür. Ich machte eine einladende Kopfbewegung und sah zu, wie Cagney kurz im Türrahmen verharrte, um sich aus dieser Perspektive das unaufgeräumte Zimmer anzusehen, bevor er mit großen Füßen große Schritte ins Zimmer machte und seinen Hintern auf der Couch platzierte. Ich öffnete das Fenster und lehnte mich heraus, während ich rauchte. Die weiße Farbe auf dem Fensterrahmen war abgeplatzt. Der Rauch, den ich ausstieß, tanzte durch die Luft, bevor er verblasste und unsichtbar wurde.

Als Cagney zu sprechen begann, hatte ich ihm den Rücken zugewandt. „Es war vor vier Jahren. Ich war neunzehn und ich hatte eine Freundin.“

Ich schwieg und wartete darauf, dass er weiterredete. Es dauerte eine Weile, bis er die Worte fand.

„Alles war … irgendwie in Ordnung, verstehst du? Alles war okay.“

Ohne den Blick von der Straße ein Stockwerk tiefer abzuwenden, nickte ich. Ein kleiner Junge fuhr auf seinem roten Fahrrad mit Stützrädern die Straße entlang und lachte. Ich sah ihm hinterher, bis er hinter der nächsten Ecke verschwunden und die Straße wieder menschenleer war.

„Wir waren auf derselben Schule“, fuhr er fort.

Als ich mich zu ihm herumdrehte, sah ich, dass er beim Gedanken an die Vergangenheit traurig lächelte. Er hatte die Schuhe abgestreift und die Knie an die Brust angezogen, in dieser Position sah er nicht aus wie der dreiundzwanzigjährige Kettenraucher, den ich vor wenigen Tagen in der Imbissbude kennengelernt hatte. Stattdessen war er plötzlich ein kleiner Junge. Ein Kind.

„Wir haben darüber geredet, zusammenzuziehen, später. Im Vergleich zu ihr war ich der totale Versager. Die Schule hat mich nie interessiert. Ich hatte nicht einmal ein Lieblingsfach, ich war wirklich überall nur mittelmäßig oder unterdurchschnittlich.“ Cagney strich mit seinen rauen Händen nervös über den Sofabezug. „Sie war schwanger.“

Als er schwer schluckte, erschien mir das Geräusch zu laut. „Schwanger von dir?“

„Natürlich von mir, du Vollidiot.“

Ich war vollkommen perplex. Ich hätte alles erwartet. Alles, aber bestimmt nicht das. Ich konnte mir meinen nach Rauch stinkenden Freund in den zerrissenen Jeans nicht als Vater vorstellen. Es ging nicht. „Aber …“, begann ich, ohne zu wissen, was ich eigentlich sagen wollte. Meine Stimme klang belegt und Cagney lachte bitter.

„Das wollte ich nicht, Ben. Ich wollte kein Vater sein. Ich hätte keinem Kind der Welt etwas bieten können ohne richtige Ausbildung, ohne Job. Ich hätte ihr nichts bieten können.“ Er starrte in die Ferne. Es gab keine Worte, um den Ausdruck auf seinem Gesicht zu beschreiben.

Nach einer langen Pause schaute er mich an. Wie ein geprügelter Hund sah er aus, als er sagte: „Deshalb habe ich zu ihr gesagt, sie soll es wegmachen lassen. Und dann bin ich abgehauen.“

*

Cagney

Mai

Ich grinste, weil ich drauf war. Vor lauter Grinsen taten mir schon die Mundwinkel weh. Ben saß neben mir auf dem Hosenboden, war ein alter Spießer und wollte nichts von dem Joint. „I-D-I-O-T“, buchstabierte ich. Er warf mir einen genervten Blick zu. Hätte er nur mitgekifft. Ich fühlte mich entspannt und warm, als hätte mein Gehirn alle Gedanken zerlegt – ich musste mich mit keinem davon mehr quälen.

„Du solltest das lassen, Cag“, sagte Ben nüchtern.

Ich kiffte weiter. „Bald wird das Zeug eh legalisiert, du kleiner Hosenscheißer. Dann kannst du nichts mehr dagegen sagen. Es gibt… Petitionen. Überall. Wirst schon noch sehen.“

„Denkst du nicht manchmal an das Kind?“, nervte Ben weiter.

Das Gras beschützte mich vor meinen Schuldgefühlen, ich hatte mir eine Mauer gebaut, die nicht einmal Ben zerschlagen konnte. Alles war verlangsamt durch das Gras, aber die Mauer war in meinem Kopf in rasender Geschwindigkeit in die Höhe geschossen. „Es gibt kein Kind, Ben. Es gibt kein Kind, weil wir es so ausgemacht haben. Sie und ich. Wir beide“, antwortete ich. Ich nahm einen tiefen Zug, schloss die Lippen und bemühte mich, das Ausstoßen des Rauches hinauszuzögern, um die bestmögliche Wirkung zu erzielen. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Ben neben mir den Kopf schüttelte.

„Das meinte ich doch gar nicht!“, sagte er.

Langsam drehte ich den Kopf in seine Richtung. „Was meintest du dann?“ Ich hielt ihm den Joint unter die Nase, obwohl ich wusste, dass er den Geruch nicht ausstehen konnte.

Ärgerlich schob er meine Hand weg. „Fragst du dich nicht manchmal, wie es geworden wäre, das Kind? Wie es ausgesehen hätte. Denkst du nicht manchmal, es wollte existieren? Und du hast alles in den Sand gesetzt? Vielleicht wäre es der neue Bundeskanzler geworden. Oder würde Siedlungen auf dem Mars bauen.“

Das Gras machte, dass ich die Vorstellung davon unglaublich witzig fand. „So gute Gene habe ich nicht“, gab ich zurück.

Ben lachte und ich hörte auch mein eigenes, dümmliches Kichern. Mein Arsch schmerzte vom Sitzen auf den Pflastersteinen, aber aufstehen wollte ich nicht. „Weißt du, was wir tun sollten?“, fragte ich.

Ben zuckte mit den Schultern. „Nein, Cag, ich weiß nicht, was wir tun sollten.“

Ich setzte mich aufrecht hin, holte tief Luft. „Wir sparen jeden Dreckscent, den wir in dieser Bruchbude machen“, begann ich dann feierlich. „Dann kaufen wir uns ein Flugticket. Irgendwohin, es ist egal. Ein neuer Start.“ Die Gedanken nahmen in meinem Kopf schillernde Farben an. Ich sah förmlich vor mir, wie ich diese verdammte Stadt und den widerlichen Schnellimbiss verlassen und nie wieder nach verschmortem, billigem Käse stinken würde. Und Luigi würde als Abschiedsgeschenk einen Arschtritt bekommen.

„Cag, wie lange willst du denn noch vor deiner Vergangenheit fliehen?“ Ben schwang sich auf die Füße und sah von oben auf mich herunter.

Für seine Frage hasste ich ihn. „Ich fliehe nicht“, sagte ich beleidigt.

Ben rollte mit den Augen. „Natürlich tust du das. Wir alle machen es.“ Traurig sah er mich an. „Na ja, ist ja ein ganz nettes Plätzchen hier“, war er überzeugt, im Recht zu sein.

Das machte mich wütend. „Du hast doch keine Ahnung, Ben. Wahrscheinlich bist du nur zu feige, um abzuhauen“, sagte ich scharf. Dann hielt ich kurz inne und plötzlich war da ein ganz neuer Gedanke in meinem Kopf. „Oder aber es ist die Tusse.“

Ben schnellte herum. Volltreffer. „Lina?“

„Ja, genau die. Schau’ mir in die Augen und sag mir, dass du nicht nur wegen ihr hierbleiben würdest.“

Er schüttelte so wild den Kopf, dass seine dunklen Locken flogen. „Das ist lächerlich! Ich würde nicht nur wegen ihr … Wir sind nicht ... Ach, vergiss es, Cagney.“ Er begann, wegzulaufen. Angesehen hatte er mich nicht. „Deine Spinnereien kannst du alleine durchziehen.“

„Du hast mir nicht in die Augen geschaut.“

„Halt die Klappe.“

Ich hasste sie, fand es ekelerregend, dass er an sie dachte. Sie machte alles kaputt. „Hör mal zu, Ben, das geht nicht“, sagte ich laut.

Ben sah mich an, als wäre ich verrückt geworden. Er machte einen Schritt auf mich zu und klopfte mir beruhigend auf die Schultern. „Ich mag sie, Cag, das ist alles. Und du bist mir wichtiger. Wir sind ein gutes Team.“

„Ein gutes Team“, wiederholte ich und nickte langsam. „Ja, du hast recht. Das darf nicht von einem Weib zerstört werden.“

Ben nickte, sah allerdings nicht sonderlich überzeugt aus. Und da wusste ich, dass ich Lina irgendwie loswerden musste. Allein schon, um Ben davor abzuhalten, einen gewaltigen Fehler zu machen. Denn sie würde nicht hierbleiben. Sie war anders als wir. Ich wusste nicht, was Ben passiert war, aber ich spürte, dass er Scheiße gefressen hatte. Genau wie ich. Jeden Tag.

Meine Worte hatten ihn verunsichert. Das merkte ich, als Ben später sagte: „Ich bin dabei.“

„Dabei bei was?“

„Bei der Sache mit dem Flugticket.“

Ich konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Ab jetzt würde ich nicht mehr alleine durch die Weltgeschichte trampeln. „Und, wo fahren wir hin? Frankreich? Italien? Griechenland?“ Zwar antwortete er nicht auf diese Frage, aber er füllte die abkühlende Abendluft mit einem ohrenbetäubend lauten, aufgeregten, jungenhaften Schrei. Dieser Schrei war der Beweis dafür, dass ich gewonnen hatte.

Obwohl die Imbissbude längst geschlossen hatte, gingen wir automatisch den Weg zu unserem Arbeitsplatz und zündeten uns auf dem Hinterhof eine an. An diesem Abend konnte man die Sterne sehen. Ich hatte in dieser Stadt noch nie die Sterne gesehen, jetzt konnte ich den Kopf in den Nacken legen und sah sie klar und deutlich über mir. Hunderte, Tausende von glitzernden Punkten.

„Du meinst es ernst, oder?“, fragte Ben. Er sprach leise. „Du meinst es wirklich ernst. Du glaubst, dass wir es schaffen können.“

„Ich glaube es nicht nur, ich weiß es“, entgegnete ich. „Ich bin mir ganz sicher. Wir müssen nur irgendwie hier rauskommen, und dann fliegen wir.“ Noch immer beobachtete ich den Himmel, lächelte den Sternen zu. „Wir fliegen.“

Ben grinste, als ich den Blick vom Sternenhimmel abwandte und in seine Richtung sah. „Was zur Hölle hast du denn jetzt schon wieder gekifft, Cag?“, fragte er kopfschüttelnd.

„Ich sehe es schon vor mir. Wir suchen uns ein warmes Land. Dann suchen wir Arbeit. Und um die anderen Dinge ...“ Ich warf ihm einen vielsagenden Blick zu. „... um die anderen Dinge kümmern wir uns, wenn wir damit fertig und zufrieden sind.“

„Ich mag sie wirklich, Cag.“

Ich stöhnte. Die Phrase bereitete mir Kopfschmerzen. „Ich sehe das, verdammt. Ich sehe das, aber ich weiß, dass es falsch ist. Deshalb helfe ich dir nur, wenn ich dir so früh wie möglich sage, dass du sie schleunigst vergessen musst. Vielleicht solltest du dir ein anderes Zimmer buchen. In einem anderen Hotel. Am anderen Ende der Stadt.“

„Spinnst du?“ Ben zeigte mir den Vogel. „Damit ich jeden Morgen ewig zum Imbiss laufen muss, oder was?“

Daran hatte ich nicht gedacht. „Punkt für dich“, sagte ich trocken. Dann schnipste ich meinen Kippenstummel auf den Boden und beobachtete, wie kleine Fünkchen auf dem Asphalt auftrafen, bevor die brennende Zigarette erlosch. „Also haben wir einen Deal.“

„Ja, ich schätze, den haben wir.“

*

Ben

Mai

„Es ist bald vorbei, Ben. Ich muss bald zurück.“

„Das weiß ich.“ Ich wollte nicht, dass sie abreiste. Ich wollte sie nicht verlieren. Aber ich traute mich nicht, sie zu fragen, wann sie gehen würde. Deshalb waren wir einfach still und sagten kein Wort.

„Leg dich zu mir“, bat sie plötzlich, ohne mich anzusehen.

Ich streifte die Schuhe von den Füßen und ließ meinen Körper ebenfalls auf die Matratze sinken. Obwohl sich unsere Körper nicht berührten, waren wir einander nahe. Ich konnte ihre Körperwärme spüren. „Ich will nicht, dass du gehst“, sagte ich leise. „Ich bin es nur nicht mehr gewohnt, so viel Zeit mit jemandem zu verbringen. Jemanden zu mögen. Ich meine, wirklich zu mögen.“

„Jemanden?“

„Du weißt genau, dass ich dich meine.“

Lina lächelte zufrieden. „Ich mag dich auch, Ben.“

Wir schliefen nebeneinander ein. Ich spürte Linas Kopf, den sie im Schlaf auf meiner Schulter abgelegt hatte, als ich aufwachte und in die Sonne blinzelte. Obwohl ich ihre Berührung genoss, schob ich sie vorsichtig von mir weg, bevor ich sie weckte.

„Wie viel Uhr ist es?“, fragte sie schläfrig. Ihr dunkles Haar war wirr und verknotet.

„Halb elf. Du solltest aufstehen, weil wir etwas vorhaben“, erklärte ich. Sie setzte sich auf, rieb sich die Augen und runzelte die Stirn. Ich widerstand dem Bedürfnis, die Sorgenfalte glatt zu streichen.

„Wir?“, fragte sie argwöhnisch.

Die Federn der Matratze quietschten erneut, als ich aus dem Bett sprang. „Du und ich. Kein Cagney.“

Als wir das Hostel verließen, hatte ich noch den Geschmack von Erdbeermarmelade auf der Zunge. Lina lief mit hüpfenden Schritten direkt neben mir. Ich wusste nicht, wohin ich sie bringen würde.

„Es ist komisch, das Leben“, sagte sie.

„Ich weiß“, sagte ich.

Sie sah mich mit großen Augen an. „Du weißt nicht, was ich meine.“

„Dann erklär es mir.“

„Findest du es nicht komisch, wie wir unser ganzes Leben für die Zukunft aufopfern? Ich … Seit ich hier bin, hat sich irgendetwas verändert. Weil das Leben trotzdem weitergeht, obwohl ich mich nicht jeden Tag anstrenge. Verstehst du?“

Ich verstand sie. „Zuerst muss es stehen bleiben, das Leben“, gab ich nach kurzem Nachdenken zurück.

Sie schwieg und es dauerte eine Weile, bis sie wieder die Stimme erhob. „Ist es stehen geblieben, dein Leben?“

Ich hätte ihr davon erzählen können. Von den Blaulichtern und Sirenen. Von dem Anruf, der mein Leben zerstört hatte. Von meinen täglichen Schuldgefühlen. Aber ich erzählte es ihr nicht. Ich schwieg und wusste nicht recht, wieso. Vielleicht, weil die Wahrheit alles verändert hätte. Und weil ich nicht bereit dafür war, mich jemandem zu öffnen, jemandem meine Fehler und Ängste zu gestehen. Jemanden an meiner Seite zu haben und nicht mehr allein zu sein. Jemanden.

„Du musst nicht antworten, wenn du nicht willst“, sagte sie und bedachte mich mit einem besorgten Blick.

Aber ich würde nicht abhauen. Genauso wenig wie ich hoffte, dass sie abhaute. „Es ist stehen geblieben, ja.“

„Und willst du, dass es weiterhin stehen bleibt?“

Ich war so in Gedanken und Erinnerungen versunken, dass ich eine Weile brauchte, um zu bemerken, dass sie nicht mehr neben mir lief. Sie stand auf der Straße und suchte die Antwort in meinem Gesicht, als ich mich zu ihr umdrehte. Ich dachte daran, ihr zu zeigen, wie die Welt stehen bleiben konnte. Ja, ich dachte daran, sie zu küssen. Aber stattdessen zuckte ich nur mit den Schultern. „Zumindest fühlt es sich gerade ganz in Ordnung an.“

„Ganz in Ordnung“, wiederholte sie. Dann schüttelte sie den Kopf, wie, um einen lästigen Gedanken zu vertreiben. „Ich wollte nach Amerika nach den Ferien“, erzählte sie mir dann.

Ich nickte interessiert mit dem Kopf, aber sie sah nicht in meine Richtung. „Mit einer Freundin. Ich habe so lange darauf gespart ... und jetzt gebe ich mein Geld hier aus. Ich gebe Geld aus für etwas, was zu Hause meine Eltern finanziert hätten. Es ist dumm, aber irgendwie ist es auch …“

„Wichtig“, unterbrach ich sie.

Lina nickte. „Alles, woran ich geglaubt habe ... Alle Menschen, die Teil meines Lebens waren, sind blöderweise beschissene Heuchler.“

Ich musste lachen über ihren trockenen Ton, aber sie stimmte nicht mit ein in mein Gelächter. Und die Töne, die meiner Kehle entschlüpften, hörten sich fremdartig und einsam an, als sie nicht mit mir lachte.

„Jetzt bin ich hier und ich bin allein ...“ Sie warf mir einen flüchtigen Seitenblick zu. „Fast allein. Und es fühlt sich richtig an. Ich bin dabei, meine gesamte Zukunftsplanung über den Haufen zu werfen … Aber Zukunft, was ist das schon? Es ist doch der Moment, auf den wir uns konzentrieren sollten, richtig?“

„Richtig.“

„Und wenn es mich im Moment glücklich macht, hierzubleiben und nichts zu tun und nicht meine Koffer für Amerika zu packen, dann muss das doch richtig sein.“

„Es macht dich glücklich, hier zu sein?“, hakte ich nach. Ich beobachtete ihre Reaktion und mir ging das Herz auf, als ich ihr wunderschönes Lächeln sah.

„Natürlich“, antwortete sie. „Natürlich macht es mich glücklich.“

Ich hatte oft darüber nachgedacht, womit man das verdiente, was einem im Laufe des Lebens zustieß. Es gab Kleinkinder, die mit zwei Jahren an Krebs erkrankten. Was konnte ein zweijähriges Kind getan haben, um so etwas zu verdienen? Es gab Kinder, die in Kriegsgebieten geboren wurden, die minderjährig Waffen in die Hände gedrückt bekamen und lernten, auf alles zu schießen, was sich bewegte. Es gab Kinder, die vor Panzer gekettet wurden, um die Gegner davon abzuhalten, zu schießen. Natürlich schossen sie trotzdem. Ich hatte all das noch nie verstanden, die einzige Lösung, das einzig Sinnvolle war der Glaube daran, dass es ein weiteres Leben gab. Und ein weiteres. Und ein weiteres. Dass jeder irgendwann das bekam, was er verdiente. Jeder.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Lina, die meine gedankliche Abwesenheit bemerkt hatte.

„Sicher. Wenn Luis derjenige ist, der dir wehgetan hat, dann ... “

„Lass uns nicht darüber reden, bitte“, unterbrach sie mich hastig.

„Ich wollte nur sagen, dass du dich immer an das Prinzip erinnern solltest.“

„An welches Prinzip, bitteschön?“

„Dass jeder irgendwann das bekommt, was er verdient. Erinnerst du dich?“

„Ich erinnere mich. Lass uns trotzdem nicht über ihn reden. Der Ort hier ist magisch für mich und alles, was mit Luis zu tun hat, macht die Magie kaputt.“

Ich wusste nicht, wer Luis war oder was er getan hatte. Aber falls ich ihm jemals begegnen sollte, wusste ich, dass meine Faust in seiner Fresse landen würde.

Ich wusste, dass es Cagney war, als mein Handy klingelte. Ich wusste es, ohne aufs Display zu schauen. „Hey, Ameisenkönigin. Wo treibst du dich rum?“

„In der Nähe der Brücke.“

„Ist Lina da?“, fragte er sofort lauernd. Die Stille, die auf seine Frage folgte, war für ihn wohl Antwort genug. „Komm, Ben, echt jetzt?“

Ich hörte ihn durch den Hörer entnervt ausatmen. Lina sah zu mir herüber. Ich wollte, dass sie bei mir war, einfach so. Ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen. Ohne daran zu denken, dass wir uns wahrscheinlich nie mehr wiedersehen würden, wenn sie abreiste. Ich sah den verunsicherten Blick in ihrem Gesicht. Da legte ich auf und stopfte das Handy zurück in meine Hosentasche.

„Das war Cagney, oder?“ Lina machte einen zögerlichen Schritt auf mich zu. Ich nickte. „Haust du jetzt wieder ab und lässt mich hier stehen wie bestellt und nicht abgeholt?“, fragte sie bitter.

Jetzt schüttelte ich den Kopf. Ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem scheuen Lächeln. „Hast du das Sprechen verlernt?“

Gewissermaßen hatte ich das, ja. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich war überfordert. Mit allem. Auf der einen Seite wollte ich ihr alles erzählen, ich wollte keine Distanz mehr zwischen uns. Ihr trauen. Vertrauen. Und auf der anderen Seite hatte Cagney recht und alles, was ich hier trieb, war die reinste Zeitverschwendung. Wie gerne wäre ich einfach umgedreht und zu Cagney zurückgegangen. Wie gerne hätte ich mich neben ihn auf den Asphalt unseres Hinterhofs gesetzt. In die Wolken gestarrt. Ein Kippchen geraucht. Aber hier direkt vor mir stand Lina und ich wusste nicht, was genau es war, dass es mir unmöglich machte, zu gehen und den enttäuschten Blick in ihren Augen zu sehen. Natürlich war es nie zuvor so gewesen. Und natürlich war es lächerlich und naiv, mich an das winzige Stückchen Normalität zu klammern, das sie mir schenkte. Aber sie war da. Und sie war real. Ich konnte sie sehen: Ihre schwarzen Wellen, die Falte, die an ihrer Stirn auftauchte, wenn die Sonne sie blendete oder sie sich ärgerte.

„Irgendwie habe ich wirklich verlernt, zu sprechen“, antwortete ich verspätet.

„Ah ja, ist das so?“ Ihre Frage klang neckisch.

Ich wusste, dass sie sich einen Spaß aus dem machte, was ich sagte. Aber ich meinte es ernst. „Ja. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, weil ich ... “

Sie legte den Zeigefinger auf die Lippen. „Ich glaube, ich weiß ganz genau, was du sagen willst“, unterbrach sie meine umständlichen Erklärungen. Plötzlich war sie ganz nah.

„Es macht mir Angst“, gab ich leise zu.

„Mir macht es auch Angst. Aber du hast gesagt, dass es der Moment ist, der zählt.“

Ich wünschte, ich könnte es. Loslassen. Ihre Hand war nur Zentimeter von meiner entfernt und ich wollte nach ihr greifen. Aber ich konnte nicht. Wenn ich den Faden weiterspann, wenn ich an die Zukunft dachte – dann war da keine Zukunft. Und was nutzte es mir, noch einen Menschen zu verlieren? Ein weiteres Mal Abschied nehmen zu müssen? „Du weißt nicht, wie gerne ich gerade alles vergessen und den Moment leben würde“, sagte ich.

Lina hatte ihre Hände in den Jackentaschen vergraben und schwieg. „Warum tust du es dann nicht einfach?“ Auf diese Frage hatte ich keine Antwort. Zumindest keine Antwort, die ich mit ihr teilen konnte. „Warum muss alles immer so kompliziert sein?“, fragte sie weiter.

Eigentlich war es doch gar nicht kompliziert. Ich mochte sie. Ich kannte sie seit nicht einmal zwei Wochen, aber da war eine Verbindung zwischen uns, die ich nicht beschreiben konnte. Wenn ich ein ganz normaler Junge wäre, dann hätte ich ihr all das längst gesagt. Aber ich war feige, und wer war schon ein ganz normaler Junge?

„Der abgesplitterte Zahn … Was ist da passiert?“, wollte sie wissen.

Ich zuckte mit den Schultern. „Ist bei einer Party passiert“, sagte ich ausweichend. Ich wollte auf keinen Fall über diese Party reden. Die Erinnerungen, die damit verknüpft waren, waren unerträglich. Ich hasste mich selbst dafür, dass ich sie nicht einfach angelogen hatte. Dass ich die Party erwähnt hatte.

„Muss ja eine sehr wilde Party gewesen sein“, urteilte sie kichernd. Das gespielte Lachen blieb mir fast im Hals stecken. „Eine Sache habe ich gelernt“, sagte sie. „Sei niemals der Gastgeber. Der warst du doch nicht, oder?“

Ich war der Gastgeber gewesen und ich erinnerte mich an den Abend, als wäre es gestern gewesen. An diesem Abend hatte ich nicht nur mein eigenes Leben zerstört. Ich hatte das Leben meiner Familie zerstört.

Бесплатный фрагмент закончился.

915,09 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
12 ноября 2025
Объем:
281 стр. 3 иллюстрации
ISBN:
9783960743477
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги