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Dieses Buch ist gewidmet jenen, die es wagen, in das Herz der Dunkelheit hinabzusteigen, die dunklen Labyrinthe des Geistes zu durchwandern, in einer wunderschönen, fortdauernden Suche nach der schwarzen Sonne, dem Licht des Göttlichen im Innern, das nur im tiefsten Abgrund der Melancholie zu finden ist.

1. Auflage 2012

Copyright © 2010 by Edition Roter Drache.

Edition Roter Drache, Holger Kliemannel, Postfach 10 01 47,

D-07391 Rudolstadt. edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org

Übersetzung aus dem Englischen: Helge Lange.

Lektorat: Georg Dehn.

Buch- und Umschlaggestaltung: Asenath Mason.

Titelbild: Asenath Mason.

Gesamtherstellung: Jelgavas Tipografija, Jelgava.

Alle Rechte der Verbreitung in deutscher Sprache und der Übersetzung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Ton- und Datenträger jeder Art und auszugsweisen Nachdrucks sind vorbehalten.

1. Digitale Auflage 2012

Digitale Veröffentlichung: Zeilenwert GmbH

ISBN 9783944180120

Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis

Einführung

Kapitel I

Die Lehre der Elemente

Mikrokosmos und Makrokosmos

Die Elemente

Säfte und Temperamente

Die esoterischen Korrespondenzen der Elemente

Die Symbolik der Melancholie

Kapitel II

Die Welt der Melancholie

Die Entstehung der Säfte

Mittelalterliche religiöse Lehren und der Aufschwung der Medizin

Die Renaissance: Ruhm und Abwertung des menschlichen Wesens

Angst und Furcht im siebzehnten Jahrhundert

Die Aufklärung: Vom Geist zum Fleisch

Das neunzehnte Jahrhundert: Begeisterung und Spleen

Hin zur modernen Psychiatrie

Kapitel III

Furor Divinus

Die antike Sicht des Wahnsinns

Bacchische Riten und ritueller Rausch

Propheten und Orakel

Künstlerische Manie und Besessenheit der Sinne

Kriegertrance der Raserei

Rituelle Besessenheit und chamanische Mysterien

Religiöse Manie

Der astrale Garten der Verrücktheit

Kapitel IV

Lycanthropia

Die Legende

Die heilige Krankheit

Mensch zu Wolf

Saturnalien

Tiergeister

Gestaltwandlung

Lycanthropos

Kapitel V

Die schwarze Essenz

Atra Bilis

Die spirituelle Essenz

Kundalini

Der Aufstieg und der Fall

Abstieg in die Schwärze

Die Biologie des Prozesses

Hin zum Licht

Kapitel VI

Der unruhige Geist

Die Wiederkehr der Leidenschaften

Manisch-depressive Verrücktheit & feiner Wahnsinn

Ennui & Spleen

Gegen den Strich

Leiden bis zum Tod

Trauer und Melancholie

Depression

Kapitel VII

Acedia

Spirituelle Erstarrung

Weltschmerz

Faulheit

Die tödlichste der Sünden

Kapitel VIII

Das dunkle Weibliche

Die Dame Melancholie

Tochter des Saturn

Die Hure

Blut auf dem Altar des Saturn

Anima Mundi

Kapitel IX

Kinder des Saturn

Der verschlingende Vater

Das goldene Zeitalter

Astrologische Symbolik

Der saturnische Mensch

Die Vision der Trauer

Kapitel X

Die schwarze Sonne

Der Schatten der Sonne

Visita Interiora Terrae Rectificando Invenies Occultum Lapidem

Der schwarze Stein

Nigredo

Das Herz der Dunkelheit

Anhang

Quellenverzeichnis

Die Autorin

Einführung
Einführung


Seit des Aufstiegs der Philosophie haben Gelehrte und Denker der Erfahrung von Kummer, Depression, Traurigkeit und Schwermut mit tiefsinniger Aufmerksamkeit bedacht. Viele von ihnen lebten selbst in abgeschiedener Einsamkeit. Sie widmeten ihr Lebens der Kontemplation über ihre Psyche in dem Versuch, die veränderlichen Geisteszustände durch physiologische Theorien, geistige Störungen oder esoterische Interpretationen zu erklären. Die betörendste Vorstellung war die der inneren Dunkelheit der Seele, der schwärzung der Sinne, des Abbaus von Emotionen und Gefühlen oder ihrer Steigerung zur göttlichen Ekstase. Diese Erfahrung von Dunkelheit wurde „Melancholie” genannt. Sie wurde im Laufe der Jahrhunderte zu einem der faszinierendsten Phänomene für Philosophen, Ärzte, Künstler, Musiker, Schriftsteller, Dichter und insbesondere die Adepten der okkulten Künste.

Aufzeichnungen über Depression, Schwermut, Verrücktheit und manische Stimmungswechsel tauchen in fast allen Kulturen aller Geschichtsepochen auf. Die medizinischen Schriften des alten Ägypten beschreiben pathologische Ursachen depressiven Verhaltens und die griechische Mythologie stellt oft Helden dar, die gegen den Wahnsinn kämpfen. Hippokrates, Plato, Aristoteles, Theophrastos und andere Vertreter der antiken Philosophie und Medizin analysierten Depression und Melancholie. Dramatiker der Klassik wie Aeschylos oder Euripides enthalten zahlreiche Beschreibungen von Traurigkeit, Gram, Erschöpfung und spirituellem Leiden. In den alten Zeiten wurde die Melancholie als eine Krankheit der Seele angesehen, als Triumph der inneren spirituellen Dunkelheit über das göttliche Licht der Vernunft und die rationale Harmonie im Menschen. Antike Ärzte versuchten die Melancholie als eine körperliche Störung zu erklären. Sie formulierten eine Theorie der Säfte, die Humoralpathologie. Nach der resultiert die Melancholie aus einer Disharmonie der Körperflüssigkeiten und einer Vorherrschaft der schwarzen Galle, der verderblichsten und schädlichsten der Säfte. Der griechische Begriff mélaina cholé (μέλαινα χολή) erlangte weite Verbreitung in Bezug auf diese mysteriöse schwarze Flüssigkeit.

Mehr als zweitausend Jahre lang wurde die Humoralpathologie die annahm, dass Körper und Geist mystisch verbunden seien, zur Erklärung von Charakterzügen, Zuständen, Geschmäckern, Aussehen, emotionalen Zuständen und körperlichen Funktionsstörungen verwendet. Viele alte Traditionen basierten auf dem Konzept von Flüssigkeiten, die im Körper zirkulieren, oft durch metaphorische Darstellungder Energieflüsse. Im Laufe der Zeit wandelten sich diese Vorstellungen sukzessive in die von Hormonen, Enzymen, Partikeln usw. Ihre mystische Bedeutung blieb nur in bestimmten Teilgebieten der okkulten Philosophie erhalten.

Die Melancholie wurde jedoch nicht nur mit dem schwarzgalligen Temperament gleichgesetzt. Es war ein Zustand, der jeden befallen konnte, abhängig von der wechselnden Menge an schwarzer Galle, die im Winter zunahm, bei Nacht, im Prozess des Alterns und anderen Lebensabschnitten, mit denen das Element Erde und der Einfluss des Saturn assoziiert wurde.

So war die Melancholie auch nicht nur körperliche Erkrankung, sondern auch eine geistige Störung, resultierend aus der Disharmonie zwischen Körper und Seele in Verbindung mit Schwäche und dem Mangel an Lebensenergien. In diesem Sinne kann sie als eine universelle Erfahrung der Menschheit betrachtet werden, die unabhängig von Kultur oder Einstellung dieselben Aspekte beinhaltet. Robert Burton, der Autor des berühmten Kompendiums der Melancholie aus dem siebzehnten Jahrhundert, beobachtete, dass es immer einen inhärenten Zustand der Sterblichkeit gab. Burton glaubte auch, dass die Melancholie nicht nur eine Serie von Anfällen, sondern eine fixe Gewohnheit war, ein immanenter Zustand, der die ganze Welt und alle menschlichen Institutionen betreffen konnte, Königreiche, Zivilisationen und Familien, als eine grundlegende Eigenschaft der menschlichen Existenz.

Der Begriff „Melancholie” als solcher, wird durch eine große Unschärfe und Vieldeutigkeit charakterisiert. Heute neigen wir dazu, Melancholie mit Kummer oder Depression zu verwechseln. In der westlichen Kultur wurde sie jedoch immer sowohl in depressiven Zuständen als auch in Exzessen manischer Begeisterung gesehen. Bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts gab es auch eine Unterscheidung zwischen den Begriffen Melancholie und Melancholia. „Melancholie” bezog sich traditionell auf jede Störung, die durch ein Ungleichgewicht der Säfte oder den schädlichen Einfluss der schwarzen Galle verursacht wird, konnte aber auch alle natürlichen Zustände und Charakterzüge meinen. „Melancholia” umfasste einen weiten Bereich von medizinischen Störungen, insbesondere geistiger und emotionaler Art. In diesem Sinne wurde der Begriff in der aufstrebenden Psychiatrie und dem Studium der geistigen Krankheiten vom achtzehnten Jahrhundert an gebraucht. Oft wurden diese beiden Begriffe abwechselnd verwendet. Ich behalte die ursprüngliche Bedeutung von „Melancholie” als kultureller Idee, aber ich werde diesen Begriff auch in Bezug auf das ganze Phänomen verwenden, das alle Arten von geistigen, emotionalen und spirituellen Zuständen umfasst, ebenso wie körperliche Symptome: Die Krankheit des Fleisches und des Geistes.

Dieses Buch konzentriert sich auf die alten Konzepte der Melancholie und ihre Interpretationen in der modernen westlichen Kultur, im zeitgenössischen Kontext. Es zeigt sich, dass diese frühen Ideen nicht aus der modernen Esoterik verschwunden sind. Darum enthalten die folgenden Kapitel viele Bezüge zu ausgewählten Aspekten oder Phänomenen, die mit der esoterischen Weltanschauung assoziiert werden und nicht immer in direktem Zusammenhang mit der Melancholie stehen, aber notwendig sind zum Verständnis des Ursprungs, der Natur und des Einflusses, den diese mystische Idee auf die westliche Kultur ausübte. Dabei werde ich mich auf die philosophischen und praktischen Grundlagen der Tradition konzentrieren, die in der westlichen Esoterik als der linkshändige Pfad bekannt ist.

Die Melancholie war nie eindeutig philosophisch, religiös oder esoterisch einzuordnen. Traditionen, die Ordnung und perfekte Struktur im Universum anstreben, die die Welt in ein Idealschema von göttlicher Schöpfung einzupassen versuchen, konnten die Melancholie nicht vereinnahmen. Sie war immer ein mehrdeutiges, komplexes und stets veränderliches Prinzip, das unmöglich zu greifen war, weder im christlichen Schöpfungsplan noch in der Mystik der Kabbala und ihrem Lebensbaum noch in den gnostischen Lehren.

Melancholie bezeichnet die Dunkelheit, die außerhalb der Strukturen der Schöpfung existiert und wird mit der linken, unbewussten Seite der menschlichen Psyche assoziiert. Sie ist das dunkle Prinzip in der Natur, im mikrokosmischen wie im makrokosmischen Sinne. Sie wird auch mit dem Weiblichen, der lunaren Sphäre, der Nacht und dem Irrationalen assoziiert. Melancholie ist der innere Abgrund, vollkommen schwarz und bar des Lichts, das Ordnung und kosmische Harmonie bedeutet. Dieser Abgrund wird von den Dämonen des Unbewussten bewohnt – atavistischen Urinstinkten und Impulsen, die vom Bewusstsein im Schöpfungsprozess unterdrückt wurden. Sie liegen in den Tiefen des Unbewussten, schlafend, „tot, aber träumend”, Ungeheuer und schreckliche Geschöpfe des Urchaos. Gelegentlich steigen sie aus dem Abgrund auf und Eindrücke ihrer Natur schlüpfen in unser Bewusstsein. In diesen Momenten müssen wir unsere innere Dunkelheit konfrontieren, das schwarze Reich der vergessenen Archetypen. Es wird als Depression, Furcht, Wahnsinn, Obsessionen oder Selbstmordgedanken erlebt. Wenn wir auf diese Konfrontation nicht vorbereitet sind, können wir uns in den Labyrinthen des Irrationalen verlieren.

Melancholie kann aber auch ein Weg zu Selbsterkenntnis sein, zu tiefgehender Innenschau, zur Selbstinitiation in die Mysterien der Seele. Die Reise durch die Melancholie ist die sprituelle Pilgerfahrt in den schwarzen Abgrund des inneren Geistes. Dieser Pfad führt durch schmerzhafte Transmutation, die alchemistische Nigredo, die dunkle Nacht der Seele, in der das einzige Licht die geheimnisvolle Illumination der schwarzen Sonne ist. Es ist die Reise ohne Anfang und Ende, eine immerwährende Passage durch das Labyrinth von Düsternis und Wonne, Verzweiflung und Ekstase, Wahnsinn und Weisheit, Besessenheit und Leere, Trauer und Vergnügen, Chaos und ultimativer Stille.

Wir sollten uns dieser Reise nicht verweigern. Wir sollten sie genießen und den Abgrund unserer Psyche zu erforschen lernen, weil wir dort das Unerwartete, das Vergessene, das Irrationale finden können – die verborgene Kraft, die unser Leben und unsere Art, die Welt zu sehen, beständig ändern wird. Der Danse melancholique ist ein der menschlichen Existenz zugehöriges Element, und widersprüchliche Erfahrungen verweben sich beständig in dem mystischen Reich unserer Imagination.

Dieses Buch wurde fertiggestellt nach über zehn Jahren, die dem Studium der Melancholie, ihrer Ursprünge und Interpretationen in der westlichen okkulten Praxis gewidmet waren. Ich hoffe, dass dieses Werk den modernen Leser wieder in diese wunderschöne Vorstellungswelt einführt und dass jene, die vom schwarzen Abgrund der Melancholie verschlungen werden, es hilfreich finden beim Verständnis ihrer mystischen Bedeutung und den Zweifel und die Verzweiflung in eine lohnende innere Erfahrung umwandeln werden.

Asenath Mason im Frühling 2010

Kapitel I - Die Lehre der Elemente
Mikrokosmos und Makrokosmos


„Alle Menschen haben das Potential, sich selbst zu erkennen.”1

Die ersten Zeilen der Tabula Smaragdina, des uralten Textes, der die philosophischen Grundlagen der traditionellen und modernen hermetischen Lehre liefert, enthalten das berühmte Motto „wie oben, so unten”. Es reflektiert die Erkenntnis, die im menschlichen Geist immer gegenwärtig war: Das ganze Universum ist eins und alle Dinge enthalten dieselben Prinzipien und Elemente. In den alten Schulen des Denkens wurde das menschliche Wesen als das wichtigste von allen lebenden Geschöpfen im Universum betrachtet, und man glaubte deshalb, dass der Mensch von den Göttern als ein lebendes Abbild des Kosmos und der ganzen Natur erschaffen wurde. So setzten diese Lehren den Menschen über alle anderen Lebewesen. Er war der Knotenpunkt der gesamten Schöpfung und ein Prinzip, das jedes Element enthielt, aus dem das Universum zusammengesetzt war. Erde, Feuer, Wasser und Luft – sie alle spiegelten sich im menschlichen Körper und Geist. Als Abbild der Götter war der Mensch der Vermittler zwischen der unteren (dem Reich der Pflanzen und Tiere) und der oberen Welt (der Domäne der Götter) und enthielt Aspekte von beiden, wodurch er die kosmische Kluft zwischen den gegensätzlichen Prinzipien Materie (der sterbliche Körper) und Geist (die unsterbliche Seele) überbrückte.

Die pythagoräische Lehre beschrieb den Menschen als eine „kleine Welt”, weil er die Fähigkeiten des Universums besaß: Die gottgleiche der Vernunft sowie die Natur der Elemente in den Prinzipien der Ernährung, des Wachstums und der Fortpflanzung. Gleichzeitig war der Mensch unvollkommen in jeder dieser Fähigkeiten, ganz so wie „der Wettkämpfer im Fünfkampf, der dem Athleten unterlegen ist, der sich auf nur einen Teil spezialisiert.”2 Und so wurde die Gabe der Vernunft weniger bedeutend gesehen als die heiligen Eigenschaften der Götter. Die Elemente waren im Menschen nicht so üppig vorhanden wie in den Elementen selbst, die menschlichen Energien und Wünsche waren schwächer als die der Tiere und die Kräfte der Ernährung und des Wachstums waren geringer als die der Pflanzen. Deshalb fand der Mensch als ein Gemisch aus vielen und verschiedenen Elementen sein Leben schwierig zu beherrschen:

Denn jedes andere Geschöpf wird von einem Prinzip geleitet, aber wir werden von unseren verschiedenen Fähigkeiten in unterschiedliche Richtungen gezogen. Zum Beispiel werden wir einmal vom gottgleichen Element zum Besseren hingezogen, und ein andermal von der Herrschaft des tierischen Anteils in uns zum Schlechten.3

Diese komplexe Natur des Menschen stellte von der frühesten Vorzeit bis heute eine Quelle des Interesses dar. Philosophen und Ärzte analysierten die möglichen Korrespondenzen zwischen dem Menschen (Mikrokosmos) und dem Universum (Makrokosmos). Analog zur Lehre der Elemente, die den ganzen Kosmos einschloss, schufen sie die Lehre der Säfte (Humoralpathologie) im menschlichen Organismus, die, wie sie dachten, die vier Elemente der Natur widerspiegelten. Die vier grundlegenden Säfte waren Blut (Luft), gelbe Galle (Feuer), Schleim (Wasser) und schwarze Galle (Erde).

Der Gelehrte und Okkultist der Renaissance Agrippa von Nettesheim schrieb in seinem berühmten Buch De occulta Philosophia, „die Knochen ähneln der Erde, das Fleisch der Luft, der Lebensgeist dem Feuer.”4 Dies kennzeichnet auch menschliche Qualitäten: Erde sind langsame und sichere Bewegungen, Wasser Furchtsamkeit, Trägheit und Nachlässigkeit bei der Arbeit, Luft Fröhlichkeit und ein freundliches Wesen und Feuer ein aufbrausendes, schnelles und zorniges Temperament. Die ganze Philosophie des Menschen, einschließlich seiner Wesensart, seines Aussehens und seiner Lebensweise, wurde durch dieselben Elemente bestimmt, die die Grundlagen des Universums bildeten.

Die Elemente


„Die Elemente sind deshalb das erste von allen Dingen, und alle Dinge bestehen aus ihnen oder stimmen mit ihnen überein, und sie sind in allen Dingen und verbreiten ihre Tugenden durch alle Dinge.”5

Einer der ersten Philosophen, die die Elemente identifizierten und unterschieden, war Empedokles. Er erklärte die Welt der Materie als aus vier Grundprinzipien bestehend: Erde, Luft, Feuer und Wasser, neben den zwei Hauptkräften Harmonie und Missklang. Er verglich die vier Elemente auch mit den vier Hauptgottheiten des griechischen Pantheons: Zeus (Luft), Hera (Erde), Hades (Feuer) und Nestis (Wasser). Die antike Philosophie versuchte jedem Element auch bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben. Ein Jahrhundert bevor Empedokles seine Theorie vorstellte, unterschied Anaximander, ein anderer griechischer Denker, die heiße/kalte und trockene/feuchte Qualität in allen Dingen der Natur. Es war jedoch Aristoteles, der diese Theorie weiterentwickelte, indem er eine Einflussanalyse der Elemente entsprechend ihrer gegensätzlichen Qualitäten lieferte:


Element Qualität
Erde kalt und trocken
Wasser kalt und feucht
Luft heiß und feucht
Feuer heiß und trocken

Aristoteles erklärte, dass zwar jedes Element zwei Hauptqualitäten teilt, aber eine immer vorherrscht. Und deshalb ist Erde hauptsächlich trocken, Wasser kalt, Luft feucht und Feuer heiß. Die heiße und kalte Qualität sind aktiv, die trockene und die feuchte sind passiv. Die aktiven Qualitäten werden mit Energie gleichgesetzt, die passiven mit der Materie. Erde und Wasser sind schwer und weiblich. Feuer und Luft sind leicht und männlich. Alle Dinge existieren als Resultat der Polarisierung und Fluß der vier Elemente.

Eine andere Analyse der Elemente schloss ihre Korrespondenzen mit den Planeten ein. Erde wurde mit Saturn assoziiert, Wasser mit Venus oder Mond, Luft mit Jupiter und Feuer mit Mars. Man dachte auch, dass die Planeten die elementaren Qualitäten beeinflussten:


Planet Qualität
Saturn kalt und trocken
Jupiter heiß und feucht
Mars heiß und trocken (extrem)
Sonne heiß und trocken (gemäßigt)
Venus kalt und feucht (extrem)
Merkur heiß mit heiß, kalt mit kalt usw.
Mond kalt und feucht (gemäßigt)

Die Verbindung zwischen den Elementen und den Planeten wies jedem Element ein bestimmtes Zeichen des Tierkreises zu. Die Astrologen unterteilten die zwölf Tierkreiszeichen in vier Gruppen, die jeweils die Qualitäten des ihnen zugewiesenen Elements repräsentierten. Deshalb gab es eine Triade der Erde, bestehend aus Stier, Jungfrau und Steinbock, eine Triade des Wassers, bestehend aus Fische, Krebs und Skorpion, eine Triade der Luft, bestehend aus Wassermann, Zwillinge und Waage, die Triade des Feuers, bestehend aus Widder, Löwe und Schütze.

Nach Aristoteles sind die gegensätzlichen Qualitäten der Elemente der Schlüssel zum Verständnis der Prozesse in der Natur. Das Heiße trennt und macht die Dinge subtil und leicht. Das Kalte bindet, vermischt Dinge miteinander und macht sie grob und schwer. Die feuchte Qualität wird mit Flexibilität, Veränderlichkeit und Ausdehnung assoziiert. Trockenheit ist die Qualität der Starre. Sie definiert Formen und Begrenzungen und wird mit Festigkeit und Struktur assoziiert. In der folgenden Aufstellung finden sich die nach unterschiedlichen Philosophien gemeinsamen Qualtiäten:

Erde wird durch die kalte – bindende und trockene – starre Qualität definiert und ist deshalb das festeste Element. Sie schafft die Basis für die anderen Elemente und definiert eine Struktur, in der sich alles Leben manifestieren kann. Sie ist das Zentrum der Existenz, weil sie den festen Boden für alle lebenden Dinge bildet. Xenophanes und seine Anhänger betrachteten die Erde als das Urelement, das Grundprinzip aller Dinge.

Wasser erlaubt den Dingen wegen seiner feuchten Qualität Gestalt anzunehmen, zu schmelzen und sich auszudehnen. Feuchtigkeit hindert die Trockenheit am Zerbröseln und zugleich hindert Trockenheit die Feuchtigkeit am Zerfließen. Wasser breitet sich aus, versickert in die Umgebung, dringt in alle Dinge ein und versorgt sie mit Feuchtigkeit, die essentiell für das Leben ist. Für Thales von Milet war Wasser das Urelement. Nach ihm stammt alles aus dem Wasser und besteht aus Wasser. Diese Ansicht, findet sich in vielen Mythologien, wie der chinesischen, der vedischen oder der sumerischen.

Luft macht Dinge leicht, flüchtig und fähig zum Aufstieg in höhere Sphären. Anaximenes hielt sie statt Wasser oder Erde für die wahre Essenz aller Dinge, das Urelement. Ihre vorherrschende Qualität ist Feuchtigkeit, die sie sich ausdehnen und aktiv ausbreiten lässt. Zusammen mit dem Feuer ist Luft das aktive Element, der Atem des Lebens in allen Kreaturen. Sie ist der Wind, der die Natur belebt, der Blitz als Zeichen der Götter, und der Raum für alle Bewegung und Lebensprozesse. Sie wird oft durch das Licht charakterisiert, den Geruch der Natur, den Flug der Vögel und das Prinzip der Schöpfung.

Feuer verfeinert, raffiniert und verbindet Dinge. Es durchdringt und trennt. Seine Kraft ist sowohl schöpferisch (es spendet Wärme) als auch zerstörerisch (es verbrennt alles). Es überwindet die Kälte von Erde und Wasser und bewahrt deshalb die Harmonie zwischen den Elementen. Feuer war das Urelement in der Philosophie des Heraklit – es war das Agens der Transformation, das dynamische Prinzip der Veränderung in der gesamten Natur. Heraklit glaubte an die Wandlungsfähigkeit der gesamten Natur, in der es keinen Anfang und kein Ende gibt und die Dinge beständig durch das Feuer in einem Kreislauf fließen und sich verändern: Die Welt löst sich im Feuer auf und erschafft sich erneut aus dem Feuer. „Die Welt, eine Wesenheit aus allem, wurde weder von Göttern noch von Menschen erschaffen, sondern war, ist und wird ewig lebendiges Feuer sein, das regelmäßig entzündet und regelmäßig ausgelöscht wird.”6

Die Elemente bilden auch den lebenden Organismus. Erde waren die Knochen von Menschen und Tieren, die Luft das Fleisch, Feuer der Lebensgeist und Wasser die Säfte. Genauso die spirituellen Gaben. Nach Agrippa ist, Feuer das Verständnis, Luft der Verstand, Wasser die Imagination, und Erde die Sinne. Die Sinne unterteilte er noch in Unterkategorien:

Das Sehen ist feurig, weil es ohne Feuer und Licht nichts wahrnehmen kann; das Gehör ist luftig, weil ein Ton aus Luftbewegung besteht; der Geruch und Geschmack ähnelt dem Wasser, ohne dessen Feuchtigkeit es keinen Geruch oder Geschmack gibt; und das Gefühl schließlich ist ganz irdisch und seine Sache sind die groben Körper.7

Der Fluß der Elemente erzeugt die Energie, die die ganze Schöpfung, das Leben und alle vitalen Prozesse im Universum ermöglicht. Die gängigste Richtung der Umwandlung war folgendermaßen: Erde wird zu Wasser, Wasser wird zu Luft, Luft wird zu Feuer und Feuer wird zu Erde – wodurch der Prozess zum Anfang zurückkehrt und erneut beginnt. Die primäre Bewegkraft der Wandlung war das Feuer, wie Heraklit erklärt: „Die Transformationen des Feuers sind zuallererst das Meer, und eine Hälfte des Meeres ist Erde und die andere Hälfte ist leuchtender Blitz. Alle Dinge werden durch Feuer ersetzt und Feuer durch alle Dinge.”8 In Heraklits Lehre sind die üblichen Muster der „Rotation“ umgekehrt: „Das Feuer lebt den Tod der Erde, und die Luft lebt den Tod des Feuers, das Wasser lebt den Tod der Luft und die Erde den des Wassers.”9 Dasselbe Muster ist in Empedokles Reinigungen zu finden. Außerdem unterschied Empedokles zwei Primärkräfte, die die Elemente dazu veranlassen, sich zu trennen und zu verbinden: Streit und Liebe (Eris und Eros). Feuer als die Bewegkraft der Umwandlung kann mit dem Prinzip des Streits gleichgesetzt werden, weil der Streit zwischen den Gegensätzen die Quelle der Schöpfung und der Lebensenergie ist. Die Wandlung der Elemente konnte auch nach folgendem Muster gesehen werden: Wasser – Anpassung, Luft – Ausdehnung, Feuer – Erzeugung, und Erde – Schrumpfung. Dieses Muster des natürlichen Wechsels spiegelt sich in vielen anderen Phänomenen der Natur wie den Jahreszeiten, den Stadien des menschlichen Lebens, dem zyklischen Aufstieg und Fall von Institutionen und anderen Dingen.

Der vierfältige Kreislauf der Natur korrespondiert mit den vier Phasen des Mondes – das erste Viertel, der Vollmond, der abnehmende Mond und die dunkle Phase des Neumonds. Ebenso war das menschliche Leben dem Kreislauf von Tod und Wiedergeburt unterworfen, wie es das Gesetz des Karma besagt, das kosmische Gesetz von Ursache und Wirkung, das über eine Lebenszeit hinaus reicht. Menschen sterben und werden in einem kosmischen Prozess wieder inkarniert, und all ihre vergangenen Taten beeinflussen die folgenden Inkarnationen. Die Welt ist ein Ozean von Leben und Tod, das Rad der Zeit, das das Schicksal aller lebenden Geschöpfe und alle Prozesse in der Natur beherrscht.

In heidnischen Traditionen unterliegt nicht nur das menschliche Leben dem Kreislauf der Wiedergeburt, sondern die ganze Welt verändert sich zyklisch. So u.a. in der nordischen Mythologie, wo Ragnarök nicht das abschließende Ende der Welt ist, sondern zu ihrer Wiedergeburt führt. Es ist der Neuanfang. Entsprechende Konzepte sind das hinduistische eines zyklischen Schicksalstages, an dem Kali die Welt zerstört. Kali ist die Göttin der Zeit, Kala. Sie ist das Prinzip der Zerstörung und Auflösung, der Nacht, der Dunkelheit und des Todes. Ihre erhobene Hand mit dem Schwert erinnert an den Tod, doch in der anderen Hand hält sie Sangrail, den Vinum sabbati, das Elixier des Lebens. Sie tanzt auf der Leiche von Shiva, was den Tod bedeutet, aber ihr Tanz findet auf seinem erigierten Penis statt, was den Samen der neuen Schöpfung impliziert. Die monotheistische Apokalypse ist das jüngste Gericht, die endgültige Zerstörung der materiellen Welt. Die Zeit ist hier linear. In heidnischen Traditionen ist die Zeit zyklisch. Alles stirbt und wird wiedergeboren. Der Tod ist ein beständiger Initiator neuen Lebens. Das Rad der Zeit dreht sich beständig, es gibt keinen Anfang und kein Ende.

Der Fluß der Elemente und das Prinzip der Transformation sind auch Thema der Alchemie. In der alchemistischen Transmutation wird die Erde zu Wasser, wenn sie geschmolzen oder aufgelöst wird, Wasser wird zu Luft durch Kochen, Luft wird zu Feuer (einen trockenen Dunst) durch Erhitzen, und Feuer wird wieder zu Erde, indem es zu einem festen Material kondensiert. Symbolisch wird das durch die vier alchemistischen Prozesse dargestellt (Nigredo – Erde, Albedo – Wasser, Citrinitas – Feuer, Rubedo – Luft)10, in denen Materie aufgelöst und wieder kondensiert wird nach der Formel solve et coagula. In der Phase des Nigredo werden die alten Strukturen aufgelöst und können verfaulen (putrefizieren). Dies ist der Beginn des alchemistischen Prozesses, in dem die prima materia weiteren Veränderungen erfährt. Im Stadium des Albedo wird sie zu Silber transmutiert und dann auf der Stufe der Citrinitas das Silber zu Gold. Die Rubedo als letzte Phase veredelt das Gold mit dem Geist und ermöglicht dadurch die Vollendung des alchemistischen großen Werkes. Der Prozess wird in einem Kerotakis, einem Rückflusskondensator durchgeführt, einem der ältesten alchemistischen Instrumente. Der Kerotakis besteht aus zwei symmetrischen Gefäßen, die eins über dem anderen miteinander verbunden sind. Diese zwei Gefäße entsprechen den hermetischen Prinzipien der „oberen Dinge” und der „unteren Dinge” und wurden oft Himmel und Erde (manchmal auch Hades) genannt. Im Kerotakis wird die Materie in Geist umgewandelt und die Elemente ineinander. Es gibt eine beständige Zirkulation zwischen aktiven und passiven Prinzipien, heiß und kalt, feucht und trocken. Das Ziel des Prozesses ist der Stein der Weisen, in dem alle Elemente vereint sind. Dadurch repräsentiert der Stein selbst das fünfte Element, die Quintessenz. In einem alchemistischen Text aus dem sechzehnten Jahrhundert ist zu lesen: „Unser Stein ist aus den vier Elementen” und sie alle sind zu gleichen Teilen darin vereint.

Die Quintessenz ist die Einheit aller gegensätzlichen Qualitäten, die in den Elementen enthalten sind. Sie wird oft als das feurige Wasser und das wässrige Feuer beschrieben. Sie ist die heilige Hochzeit (hieros gamos) der Gegensätze: Venus und Mars, oder Liebe und Streit nach Empedokles. Luft (manchmal Erde) ist das Prinzip, das die Grundpolaritäten im alchemistischen Prozess versöhnt: Feuer (repräsentiert durch Merkur) und Wasser (Venus oder Mond). Luft enthält die Wärme des Feuers und die Feuchtigkeit des Wassers, deshalb ist sie ein natürlicher Vermittler zwischen den Polaritäten. Die Quintessenz ist das alchemistische Kind der Vereinigung der Gegensätze, wie in der Tabula Smaragdina zu lesen ist: „Die Sonne ist sein Vater, der Mond seine Mutter, der Wind hat es in seinem Bauch getragen und die Erde ist die Amme.” Dieses Prinzip wird auch durch den Tarottrumpf „Die Mäßigung” repräsentiert, wo das göttliche Kind das Symbol der vereinigten Elemente ist.


Diese Vereinigung wird oft als Hexagramm dargestellt, das Symbol des Ausgleichs zwischen den Gegensätzen. Das Hexagramm enthält gleichzeitig die Dreiecke von Feuer und Wasser und die Zeichen von Luft und Erde. Sie könnte auch als das Kreuz dargestellt werden, das übliche Emblem der Quaternio, der vierfältigen Vereinigung. In diesem Sinne repräsentieren die vier Arme des Kreuzes die vier Elemente und sein Zentrum die Quintessenz. Der vertikale Arm des Kreuzes repräsentiert auch die Axis mundi, die Verbindung zwischen den unteren und den oberen Welten, während der horizontale Arm die Erde und die Welt der Menschen und Tiere bezeichnet. Um das Ziel der Alchemie zu erreichen, ist sowohl der Aufstieg (die Sublimation) als auch der Abstieg (die Koagulation) nötig. Zusammen stellen sie die alchemistische Circulatio dar, die die Basis für den Prozess der Transmutation ist. Wie C.G. Jung erklärt:

Diese Zirkulation entspricht dem Kampf zwischen dem geflügelten [Quecksilber] und dem flügellosen Drachen [Schwefel], d.h. dem Ouroboros. Dorn beschreibt es als ‚die zirkuläre Destillation‘ … Sie werden zu einem Gefäß, in dem das, was zuvor ein Ding war und nun ein anderes ist, vibrierend fließt, so dass die schmerzhafte Spannung zwischen den Gegensätzen sich allmählich in eine bilaterale Aktivität in einem Punkt im Zentrum verändert.11

Die Schlange Ouroboros, die Jung erwähnt, ist eine der ältesten Allegorien der zyklischen Transformation. Ihre ältesten Abbildungen stammen aus Ägypten, wahrscheinlich aus der Zeit um 1600 v.u.Z. und das Symbol wurde oft von den Gnostikern verwendet, um den Urzustand der Natur darzustellen. Ouroboros zerstört sich selbst, heiratet, verschlingt und spendet Leben. Dies ist die Einheit der Gegensätze und die ursprüngliche Selbstgenügsamkeit. Es kann als die Vereinigung zwischen dem männlichen und dem weiblichen Prinzip interpretiert werden, wobei eine Hälfte des Körpers weiß und die andere Hälfte schwarz ist. Diese zwei Farben seines Körpers entsprechen dem chinesischen Yin-Yang-Symbol, in dem das weiße Yang das männliche Prinzip und das schwarze Yin das weibliche darstellt. Ouroboros gehört zu zwei gegensätzlichen Sphären, der aktiven und der passiven, der positiven und der negativen, der kreativen und der destruktiven. Er ist das Symbol des Urzustandes der Existenz, der Licht und Dunkelheit enthält, Selbstzerstörung, aber auch Fruchtbarkeit und schöpferisches Potential. Er ist das Stadium, bevor die Gegensätze definiert und geteilt wurden.

Säfte und Temperamente


„Säfte bringen Leben … Wenn sie hervorsprudeln, sind sie entweder unangebracht in der sozialen Welt, in der wir selbst unsere Haut verstecken müssen, oder sie bringen Tod. Aber im Leben haben sie immer die Kluft zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren gefüllt.”12

Der Ursprung der Theorie der „Säfte” kann auf die ältesten Kulturen zurückgeführt werden. Die frühesten Aufzeichnungen tauchen in sumerischen Schriften auf. In Indien gab es eine Lehre der vier elementaren Körperflüssigkeiten in der hinduistischen Medizin. Ähnliche Aufzeichnungen sind in altägyptischen Texten zu finden. Die Humoralpathologie jedoch wurde von griechischen Philosophen und Ärzten entwickelt. Im fünften Jahrhundert v.u.Z. schrieb Hippokrates das erste einflussreiche Werk zu diesem Thema, den Corpus Hippocraticum. In einem Teil davon, der den Titel Von der Natur des Menschen trägt, entwickelt der Autor eine medizinische Lehre über das Verhältnis zwischen den Elementen und den Säfte im menschlichen Körper. Ihm zufolge war die Natur des Menschen ein Teil desselben kosmologischen Prinzips, das in allen lebenden Geschöpfen existierte. Eine ähnliche Analyse der Elemente ist auch in den Schriften von Plato und Aristoteles zu finden. Auf der Basis all dieser Überzeugungen formulierte der bekannte griechische Arzt Galen im zweiten Jahrhundert seine Lehre der vier Temperamente, von denen jedes einem bestimmten Körperflüssigkeit zugeschrieben war. Das Verhältnis zwischen ihnen war in Galens System wie folgt:

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Der Überzeugung folgend, dass einer der Säfte immer vorherrschend war, wurde jeder Person ein bestimmtes Temperament zugeordnet. Man sagte, dass die Säfte durch die Adern von der Leber zum Herzen befördert wurden und der Ausgleich zwischen ihnen für ein richtiges Funktionieren des Organismus nötig war. Eine überschüssige Menge von einer einzelnen war die Quelle von Krankheit und körperlichen oder geistigen Störungen. Dies galt insbesondere für die schwarze Galle. Die Hauptquelle der schwarzen Galle und der Melancholie war nicht die Leber, sondern die Milz. Der Begriff „Spleen” (Milz) wurde im siebzehnten Jahrhundert zu einem Synonym für Schlechtgelauntheit und ein „Splenetic” war eine gehässige und schlechtgelaunte Person. Abnormerweise konnten die Säfte in Form eines Dunstes direkt zum Gehirn aufsteigen. Solche Dünste erzeugten Erkrankungen und düstere Gedanken. Ein Saft konnte auch durch übermäßige Hitze verbrannt werden. Dieses Phänomen wurde oft als „melancholisches Ausbrennen” bezeichnet, selbst wenn es einen der anderen Säfte betraf.

Man hielt ihre Rolle für enorm wichtig: Die Säfte waren die lebenspendende Feuchtigkeit des Körpers, das aktive Lebensprinzip, die vitale Hitze, die mit den Feuern und Energien im Innern der Erde korrespondierte. Außerdem spiegelten sie die Strukturen und Phänomene des umgebenden Kosmos. Frieden und Harmonie des Universums spiegelten sich in einer friedlichen Einstellung des Menschen, während Stürme und Erdbeben als Leidenschaften und dynamischer Teil der menschlichen Natur angesehen wurden. Die Säfte waren auch die Quelle des spirituellen Zustandes des Menschen: Die Leber produzierte den natürlichen Geist, das Herz den vitalen Geist und das Gehirn den tierischen Geist. Die Ausgeglichenheit der Säfte war ein Zeichen von Gesundheit, während Störungen und Erkrankungen aus einer Störung dieser natürlichen Harmonie resultierten.

Die Lehre der Säfte und ihrer Korrespondenzen und Funktionen im menschlichen Organismus wurde von dem mittelalterlichen Gelehrten Avicenna (Ibn Sina) in seinem Kanon der Medizin dargelegt. Ihm zufolge besteht der menschliche Körper aus den Organen, der vitalen Energie (Thymos), den Säfte und den Elementen. Diese elementaren Qualitäten sind untrennbar mit allen körperlichen und geistigen Prozessen verwoben, was die Quelle der Temperamente und ihrer Eigenschaften bildet:

Sanguinisch: Fröhlich, optimistisch, mutig, erfindungsreich, gewitzt, freundlich. Blut ist der Saft einer ausgeglichenen Natur, die dem Körper Stärke und Farbe verleiht. Es ist rot, salzig und seine Quantität übersteigt die der anderen Säfte. Herrscht von 3 Uhr bis 9 Uhr früh und nimmt im Frühjahr zu.

Cholerisch: Ungeduldig, leicht provozierbar, verräterisch, aufbrausend, zu Neid und Stolz neigend, extravagant und rachsüchtig. Die gelbe Galle, die dieses Temperament beherrscht, mäßigt die Feuchtigkeit im menschlichen Körper und versorgt das Blut mit einer durchdringenden Qualität. Sie ist gelb oder rot und bitter. Sie durchdringt und öffnet Passagen und hält den Körper davon ab, schwer und schläfrig zu werden. Sie herrscht von 9 Uhr vormittags bis 3 Uhr nachmittags und dominiert im Sommer.

Phlegmatisch: Schwerfällig, blass, schläfrig, müßig und langsam. Das Phlegma mäßigt die Stärke, Hitze und Dicke des Körpers. Es ist üblicherweise weiß, wässrig und süß. Es befeuchtet und ernährt das Gehirn und die beweglichen Teile des Körpers. Es herrscht von 3 Uhr bis 9 Uhr nachmittags und steht mit dem Herbst in Verbindung.

Melancholisch: Introspektiv, starrsinnig, argwöhnisch, sorgenvoll, mit wechselnden Launen. Die schwarze Galle mäßigt die Knochen, die Milz und die festen Teile des Körpers. Sie ist schwarz und sauer. Sie verdickt das Blut. Die schwarze Galle herrscht von 9 Uhr abends bis 3 Uhr früh und nimmt im Winter zu, wenn auch die Stimmung sich verdickt und die Leute träge werden.

Ein charakteristisches Temperament macht jedes Individuum zu einem einzigartigen Mikrokosmos, der bestimmte Ähnlichkeiten mit anderen Mikrokosmen hat, aber niemals mit ihnen identisch ist. Die Funktion der Säfte war nach Avicenna und seinen Anhängern die Quelle der Lebenskraft (Pneuma oder Thymos), die Verbindung zwischen dem Körper, der Seele und dem Geist. Die Lebenskraft erhielt das Leben, erzeugte Gefühl und Bewegung, und wurde mit der Verdauung der Nahrung, Wachstum und Fortpflanzung in Verbindung gebracht.

Der Einfluss der Säfte wurde auch mit dem der Planeten verglichen. In seinen Drei Büchern der Magie schrieb Agrippa, dass alle Dinge unter dem Saturn der Traurigkeit und Melancholie dienen, die unter dem Jupiter dem Frohsinn und der Ehre, die unter dem Mars der Kühnheit, Auseinandersetzung und Wut, die unter der Sonne dem Ruhm, Sieg und Mut, die unter der Venus der Liebe, Lust und Begehrlichkeit, die unter dem Merkur der Redegewandtheit, die unter dem Mond einem gewöhnlichen Leben. Agrippa schrieb auch alle Taten und Einstellungen von Menschen den Planeten zu: Saturn herrscht über alte Männer, Mönche und melancholische Menschen sowie verborgene Schätze und „solche Dinge, die durch lange Reisen und Schwierigkeiten erlangt werden können”, Jupiter herrscht über die Religiösen, Prälaten, Könige und Herzöge und „solche Art von Gewinn, die gesetzlich zu erlangen ist”, Mars herrscht über Barbiere, Chirurgen, Ärzte, Unteroffiziere, Metzger, Henker und „alle, die Feuer machen, Bäcker, und Soldaten, die überall als martialische Menschen bezeichnet werden” usw. Jeder Planet soll eine bestimmte Wirkung auf das weltliche Leben haben und sein Einfluss spiegelt sich in der Physiologie und der Wesensart von Menschen. Das menschliche Wesen und die umgebende Welt existierten in einer perfekten Harmonie, und das Wissen über die Prozesse, denen das kosmische Gleichgewicht unterliegt, war der Schlüssel zu Langlebigkeit, Gesundheit und Unsterblichkeit des Geistes. Die Korrespondenzen zwischen den Säften, Planeten und Elementen können wir deshalb in eine Vergleichstabelle zwischen dem Mikro- und dem Makrokosmos aufzeigen:


In der Jungianischen Psychologie korrespondieren die vier Elemente mit den vier Funktionen der Psyche: Empfindung, Gefühl, Denken und Intuition. Im spirituellen Sinne werden sie durch den ätherischen, den astralen, den mentalen und den kausalen Körper repräsentiert. Philosophen glaubten, dass das menschliche Wesen alle Qualitäten des Makrokosmos vereint, materielle wie spirituelle. Da sie drei Komponenten des menschlichen Geistes unterschieden (den vitalen, den natürlichen und den animalischen), hielten sie die Säfte für die konkretere Repräsentation dieser spirituellen Anlagen – in Form der Elemente stiegen sie im menschlichen Organismus in einem Zirkulationsprozess auf und ab, der die materiellen und immateriellen Teile des Menschen miteinander verband, was den Menschen zu einem vollständigen Mikrokosmos machte. Deshalb sahen die Denker der Antike und der Renaissance den Menschen als harmonische Reflektion und Ausgleich des ganzen Universums. Dies ist am Beispiel der neoplatonischen Rede an die Würde des Menschen, Pico della Mirandolas (1463 - 1494) zu sehen, die das menschliche Wesen als „den Vermittler zwischen den Geschöpfen, … den Herrn der Dinge unter ihm” oder „den Deuter der Natur” versteht. Diese Situation stattet den Menschen mit einem enormen Potential an Wandlungsfähigkeit und Kreativität aus.

Die esoterischen Korrespondenzen der Elemente


„Magie ist die höchste Wissenschaft, die auf unserem Planeten existiert, weil sie sowohl das Metaphysische lehrt als auch die metaphysischen Gesetze, die auf allen Ebenen gültig sind.”14

Die Lehre der Elemente und ihrer zahlreichen Korrespondenzen wurde zur Grundlage vieler Arten magischer Praxis von der Antike bis heute. Rituale, Zeremonien und andere Feiern und Festlichkeiten basierten auf dem Kontakt mit der Natur, und die Rolle der Elemente war dabei immer von großer Bedeutung. Die Meisterung der umgebenden Welt war untrennbar mit der Meisterung der Prinzipien verbunden, aus denen das Universum bestand. Viele Rituale beinhalteten die Invokation von Elementarkräften, entweder zum Zweck der Reinigung wie in Bannritualen oder bei der Arbeit mit Kräften, die mit bestimmten elementaren Energien assoziiert wurden. Gottheiten, Dämonen, Engel, Elementale und andere Wesenheiten, die die Magier und Priester bei ihren Operationen beschworen, standen oft in Verbindung mit einem der vier Elemente, und die Struktur der magischen Operation basierte auf diesen Korrespondenzen.

Deshalb wurden die Elemente auch mit den vier Himmelsrichtungen assoziiert: Erde – Norden, Wasser – Westen, Luft – Osten und Feuer – Süden. Um den Kontakt mit den Energien der jeweiligen Richtung herzustellen, werden bestimmte Zeichen, Glyphen und Beschwörungen verwendet. Hier sind z.B. elementale Pentagramme zu nennen, die in Invokations- und Bannungsritualen verwendet werden. Die Elemente und die Himmelsrichtungen werden auch durch bestimmte Gottformen, Geister oder andere Wesenheiten repräsentiert. Unter den mythologischen Gottheiten, die mit den Elementen assoziiert und in magischen Operationen beschworen wurden, können wir folgende Beispiele nennen:

Erde

Aditi (hinduistisch) – die große Mutter, Aker (ägyptisch) – Gott der Erde, Anu (irisch) – Göttin des Landes und Muttergöttin der Tuatha de Danaan, Ceres oder Demeter (griechisch/römisch) – Göttin des Wachstums und der Fruchtbarkeit, die Wechselfrau (Apachen) – Göttin der Erde, Cerne oder Herne (keltisch) – gehörnter Gott / Geist der Wälder, Cernunnos (irisch/keltisch) – gehörnter Gott des Waldes und Wächter der Erdmysterien, Dionysos oder Bacchus (griechisch/römisch) – Gott des Weins und der Ekstase, Gaia (griechisch) – Erdgöttin, Geb (ägyptisch) – Gott der Erde, Gwynn ap Nudd (walisisch) – Gott der Unterwelt und der wilden Jagd, Hades oder Pluto (griechisch/römisch) – Gott der Unterwelt, Hlödyn (isländisch) – Göttin der Fruchtbarkeit, Min (ägyptisch) – Gott der Fruchtbarkeit, Nerthus – germanische Mutter Erde, Nu Kua (chinesisch) – Göttin der Schöpfung, Pan (griechisch) – die dunkle Gottheit der Natur und der Sexualität, Rhea (griechisch) – Göttin der Berge, Tezcatlipoca (toltekisch) – Gott des Krieges, des Todes, des Nordens, des Nachthimmels und der Unterwelt

Wasser

Amphitrite (griechisch) – Göttin des Meeres, Anuket (ägyptisch) – Göttin des Nils, Aphrodite (griechisch) – Göttin der Liebe und Schönheit, Apsu (babylonisch) – Got des Süßwassers, Chnum (ägyptisch) – Wächter der Nilquelle, Danaiden (griechisch) – Töchter des Danaus, die in den Hades verbannt wurden, um ewig Wasser in ein bodenloses Gefäß zu füllen, Glaukos (griechisch) – Gott der Seefahrer, Luturna (römisch) – Göttin der Quellen, Lyr oder Lir (keltisch) – alter König der Ozeane, Mimir – nordischer Wächter des Brunnens der Weisheit, Naiaden (griechisch) – Nymphen der Bäche, Quellen und Fontainen, Nimue (keltisch- arthurianisch) – Dame des Sees, Ningyo (japanisch) – Fischgöttin, die, wenn sie gegessen wird, ewige Jugend und Schönheit garantiert, Oceanos (griechisch) – Gott des äußeren Meeres, das die Erde umgibt, Poseidon oder Neptun (griechisch/römisch) – Gott des Meeres, Tiamat (babylonisch) – Drachengöttin der bitteren/salzigen Wasser, Triton (griechisch) – halb Mensch, halb Fisch, Ran (skandinavisch) – Göttin des Meeres und Königin der Ertrunkenen, Ea/Enki (akkadisch/sumerisch) – Gott des Meeres

Luft

Aeolos (griechisch) – Sohn des Poseidon, Herr der Winde, Anu (assyrisch/babylonisch) – Gott des Himmels (atmosphärisch), Jupiter oder Zeus (römisch/griechisch) – Gott des Himmels (sprituell), Boreas (griechisch) – göttliche Personifizierung des Nordwindes, Brahma (hinduistisch) – Schöpfer von Himmel und Erde, manchmal auf einem Schwan oder Pfau reitend dargestellt, Frigg (nordisch) – Göttin des Himmels, Hadad (syrisch) – Gott des Donners, Hera oder Juno (griechisch/römisch) – Königin des Himmels, Indra oder Svargapati (indisch) – Herr des Himmels (spirituell), Iris (griechisch) – geflügelte Regenbogengöttin, die mit der Geschwindigkeit des Windes reist, Lilith (semitisch) – geflügelte Dame der Luft, Nut (ägyptisch) – große Himmelsgöttin, Odin (nordisch) – Schöpfer des Kosmos, Perun (slawisch) – Gott des Donners, Rudra (hinduistisch) – Gott der Stürme, Quetzalcoatl (nahuatl) – Gott des Windes, allgemein dargestellt als eine gefiederte Schlange, Taranis (keltisch) – Gott des Donners

Feuer

Agni (hinduistisch) – Gott des Feuers und Wächter der Menschen, Apollo (griechisch) – Gott der Sonne, Arinna (phönikisch) – Sonnengöttin, Brigid (keltisch) – Feuergöttin, Govannon (keltisch) – Gott des Feuers und der Metalla, Hestia (griechisch) – Göttin des Herdes, Hephaistos oder Vulcan (griechisch/römisch) – Gott des Feuers und der Metallbearbeitung, Loki (skandinavisch) – Gott des Feuers und des Unheils, Marduk – babylonischer Sonnengott, Ra (ägyptisch) – Sonnengott, Surya (hinduistisch) – blendender Sonnengott, Surt (nordisch) – Feuerriese von Muspelheim, Svarog (slawisch) – Gott des Feuers und der Sonne, Typhon (griechisch) – ein Ungeheuer, dessen Schultern hundert Drachenköpfe entspringen, Xiuhtecuhtli (nahuatl) – Gott des Feuers

Die Elemente finden sich nicht nur in der invozierten/evozierten Energie, sondern auch in den Werkzeugen bei den magischen Operationen. Der Tempel des Magiers ist ein Abbild des Makrokosmos, dessen Altar enthält die vier Hauptwerkzeuge, die den Elementen entsprechen: Pentakel (Erde), Kelch (Wasser), Schwert/Dolch (Luft) und Stab (Feuer). Jedes dieser Werkzeuge wird in einem anderen Teil des Rituals und für unterschiedliche Zwecke gebraucht.

Das Pentakel ist das Werkzeug der Synthese, die Manifestation der Kraft auf der Erde. Es wird oft als Schild und gleichzeitig als Tor verwendet, abhängig von der Operation. Das Pentakel empfängt die invozierten Energien und bringt sie für die Verwendung in der Zeremonie ins Gleichgewicht, oder blockiert und neutralisiert unerwünschte Einflüsse. Dieselbe Funktion kann dem Spiegel oder dem Schild zugeschrieben werden. Als Werkzeug der Synthese steht es in Verbindung mit der Stille, der Bindung von Energien und dem Aufbau von Kraftreserven.

Der Kelch oder Kessel ist das Werkzeug des Empfangens, das Symbol des Schoßes und des weiblichen Prinzips des Bewahrens und Nährens, die Repräsentation von Tod und Geburt. Er steht für die Transformation der Wahrnehmung des Magiers in der Zeremonie, das Schaffen und Wiedererschaffen. Er ist der Torweg, durch den die Wahrnehmung die Reiche der Träume und der Imagination erreicht. Der Kelch ist ein Gefäß, das geweihte Getränke wie Wein oder auch gereinigtes Wasser enthält.

Das Schwert oder der Dolch ist die Waffe der Analyse, der Zerstörung und Zerstreuung von Energien. Deshalb wird er in Reinigungsritualen verwendet, um unerwünschte Energien zu bannen. Er ist das Symbol der Macht, das den Einfluss von Energien auf die materielle Ebene auflöst. Das Schwert ist üblicherweise stumpf und wird nie benutzt, um irgendetwas zu schneiden.

Der Stab oder der Stock ist das Symbol des wahren Willens des Magiers. Er projiziert den Willen des Magiers auf die materielle wie auch auf die astrale Ebene. Er wird verwendet, um Energie heraufzubeschwören und auszurichten. Der Stab ist das phallische Symbol, das mit der männlichen Energie in Verbindung steht, und deshalb die ausgerichtete Schöpfungs- und Lebenskraft des Magiers.

Die Anzahl der Elemente in der Natur ist das Symbol für Ausgleich und die Ordnung im Universum, und deshalb ist die Vier eine der Kardinalzahlen von Prinzipien, die die Welt der Natur in vielen religiösen, mystischen und magischen Traditionen bilden. Zum Beispiel gibt es in der Kabbala vier Welten parallel zu den zehn Sephiroth im kosmischen Baum des Lebens, und es gibt vier korrespondierende Ebenen, die das gesamte menschliche Wesen ausmachen: Den physischen Antrieb (Erde), die emotionale Natur (Wasser), die intellektuelle Fähigkeit (Luft) und die spirituelle Dimension (Feuer).


Die gesamte Schöpfung basiert auf kosmischen Prinzipien, die in ihrer allgemeinen Form durch die vier Elemente/Welten repräsentiert werden und in einem komplexeren Sinne durch die zehn Sephiroth. Der Lebensbaum wird auch unterteilt in drei „Säulen”: Die weibliche passive Seite oder „die Säule der Stärke” (Binah, Geburah, Hod) und die aktive männliche Seite oder „die Säule der Gnade” (Chokmah, Chesed, Netzach). Zwischen ihnen gibt es eine neutrale Sphäre, die aus den vier verbleibenden Sephiroth besteht (Kether, Tiphereth, Yesod und Malkuth), die sogenannte „mittlere Säule” oder die „Säule des Bewusstseins.” Diese Säule, die sich von der höchsten zur niedrigsten Sephira erstreckt, ist der Hauptweg des mystischen Fortschritts vom Materiellen zum Spirituellen. Sie ist die Säule des Gleichgewichts, der die Rolle zukommt, die anderen beiden in der Balance zu halten. Wieder gibt es vier Ebenen, vier Stufen bei der Entwicklung des Bewusstseins. Die mittlere Säule ist die Axis mundi, die Weltachse, um die herum der Mikro- und Makrokosmos strukturiert ist. In einem mikrokosmischen Sinne ist diese Säule die Wirbelsäule im menschlichen Körper und die Basis der sogenannten Chakrenebenen. Dies entspricht andererseits den indischen tantrischen System, in dem der Adept sein Bewusstsein entsprechend dem Muster der sieben Chakren genannten Hauptebenen (Muladhara, Svadisthana, Manipura, Anahata, Vishuddha, Ajna, Sahasrara) entwickelt. Die transformierende Kraft ist die Kundalini, das Drachenfeuer, das erwacht, durch die einzelnen Chakrenebenen aufsteigt und bestimmte Kräfte und Fähigkeiten aktiviert. Die Chakren entsprechen auch den vier Elementen: Muladhara ist die Erde und ihr Äquivalent am kabbalistischen Lebensbaum ist die Ebene Malkuth/Lilith, Svadisthana ist das Element Wasser und es entspricht Yesod/Gamaliel, Manipura ist das Feuer und Anahata die Luft, zusammen entsprechen sie der Ebene Tiphereth/Thagirion, Vishuddha repräsentiert den Abyss und die verborgene Sephira Daath, Ajna und Sahasrara entsprechen der Ebene Kether/Thaumiel und repräsentieren das Ergebnis der Erweckung der anderen Chakren.

Der Baum des Lebens/Todes

Die vier Phasen des spirituellen Fortschritts sind die Basis des alchemistischen Musters der vier Hauptprozesse im Opus Magnum: Nigredo, Albedo, Citrinitas und Rubedo. Daraus können wir folgende Vergleichstabelle erstellen:


In vielen Metaphern für die kosmische Harmonie ist das Universum in vier Viertel unterteilt. Die Erde, die Himmel und die Unterwelt sind alle aus vier unterschiedlichen Sphären zusammengesetzt. Diese Vierteilung des Makrokosmos wird symbolisch durch den Tetramorph dargestellt. Der Tetramorph widerspiegelt die kosmische Ordnung, die von den Göttern nach der Bezwingung des Urchaos errichtet wurde. Er ist das Symbol des Lichts, der Schöpfung und der perfekten Struktur. Die vier Viertel des Universums werden von vier Wächtern der kosmischen Ordnung bewacht. Diese Idee ist auf der ganzen Welt verbreitet. In China sind es der grüne Drache, der weiße Tiger, der rote Vogel und der schwarze Krieger. In Tibet sind die kosmischen Wachen der Menschendrache, der schwarze Hund, der Geier Garuda sowie das Pferd mit dem Reiter. Das ägyptische Totenbuch nennt drei kosmische Tiere und eines mit einem Menschenkopf. In einem magischen Papyrus sieht man ein Krokodil, eine Schlange, einen Falken und das Horuskind auf einem Lotus. Auch in Mexiko gibt es rituelle Masken für die vier Herrscher: Das Krokodil, den Hund, den Geier und den Totenkopf. In der apokryphen Vision Hesekiels gibt es einen Löwen, einen Adler, einen Stier und einen Menschen. Im Tetramorph wird der Löwe traditionell rechts unten platziert, der Adler links oben, der Stier links unten und der Mensch rechts oben. Diese Geschöpfe haben in allen genannten Traditionen eine ähnliche Bedeutung. Es gibt immer zwei Charaktere, die die untere, chthonische, irdische Sphäre repräsentieren (der Stier und der Löwe) und zwei andere, die das überirdische, himmlische Reich repräsentieren (der Adler und der Mensch). In den religiösen und magischen Traditionen sind sie alle auf der Axis mundi zu finden, was sich auch im babylonischen Mythos von Etana widerspiegelt: Die Schlange und der Adler leben harmonisch im Baum (der Axis mundi), bis der Adler den Nachwuchs der Schlange frisst. Die Schlange bittet dann Shamash (den Sonnengott) um Gerechtigkeit und Bestrafung des heimtückischen Adlers. Shamash rät ihr, sich im Kadaver eines Stiers zu verstecken und wirft den Adler in die Unterwelt. Als Sühne für dieses Verbrechen muss der Adler den Menschen/Etana in den Himmel tragen. Die ganze Geschichte dreht sich um diese vier kosmischen Wesen – die Schlange, den Adler, den Stier und den Menschen. In der babylonischen Tradition gibt es die Wächter der kosmischen Viertel. Darüber hinaus gibt es weitere Hinweise auf die astrologische Vierteilung des Universums. Die babylonische Astrologie unterteilt den Himmel in die „Wege der Götter”, den Weg von Anu, den Weg von Enlil und den Weg von Ea. Diese sind die Pfade, auf denen die Sonne auf ihrem jährlichen Weg durch die vier Hauptrouten „reist”: Auf dem Weg von Ea beginnend, nördlich durch den Weg von Anu, durch den Weg von Enlil, südlich den Weg von Anu zurück und schließlich zurückkehrend zu Ea. Diese Wege repräsentierten symbolisch die vier Zeichen des Tierkreises: Stier (der nördliche Weg von Anu zu Enlil), Löwe (südlich von Enlil zu Anu), Skorpion (südlich von Anu zu Ea) und Wassermann (nördlich von Ea zu Anu).

Tetramorph, aus dem Book of Kells, ca. 800

Die vier archetypischen kosmischen Wesen korrespondierten auch mit der Sphinx, dem Geschöpf mit dem Gesicht einer Frau, einem Schlangenschwanz, Löwenkörper und Adlerflügeln. Die Sphinx war immer ein weithin bekanntes Symbol des „höchsten Rätsels”, der Quintessenz, die die vier kosmischen Prinzipien vereint und sie mit dem fünften durchtränkt – dem Geist. Ein ähnliches Symbol ist der Drache, der die Synthese der vier Elemente repräsentiert (der Körper die Erde, der Atem das Feuer, die Flügel die Luft und die Schuppen das Wasser) und deshalb zur Quintessenz wird. Die Quintessenz ist das Zentrum des Tetramorphs. Sie bindet und beherrscht die anderen Prinzipien. Ihre Ikonografie schließt oft einen Kreis oder eine Mandorla in der Mitte von vier umgebenden Punkten ein. Das Zentrum ist der Nabel der Welt (Omphalos mundi), um den die ganze Schöpfung aufgebaut ist. Solch ein Punkt ist z.B. der Berg Meru in der buddhistischen Kosmologie – der Nabel der Welt und die Axis mundi: In dieser Kosmologie fließen in den vier Flüssen, die dem Berg entspringen, Wasser (blauschwarz), Milch (weiß), Honig (gelb) und Wein (rot), was den vier alchemistischen Prozessen (Nigredo, Albedo, Citrinitas, Rubedo) und den vier Säfteen (schwarze Galle, Schleim, gelbe Galle und Blut) entspricht. Der Berg hat auch entsprechende Seiten an seiner pyramidenförmigen Spitze: Süden – blau (Lapislazuli oder Saphir), Osten – weiß (Kristall, Silber oder Diamant), Norden – gelb (Gold), Westen – rot (Rubin). Die vier Inseln, die den Berg Meru umgeben, werden auch mit den vier Elementen assoziiert, und die Zentralinsel, auf der sich der Berg Meru befindet, entspricht dem fünften Element, der Quintessenz.15

Im mikrokosmischen Sinne repräsentieren diese vier kosmischen Prinzipien im Tetramorph menschliche Qualitäten und Charakterzüge: Der Stier Beständigkeit, Stabilität, Opfer und Stärke, der Löwe Kraft, Bewegung, Majestät und Intuition, der Adler Intelligenz, Aktivität und Emotionalität, und der Mensch Denken und Einsicht. Nach einer anderen Interpretation ist der Stier die pure Substanz, der Löwe der inkarnierte Geist, der Adler Tod und Erneuerung, und der Mensch das Zusammenspiel von perfektem Wissen und perfekter Form. Der Tetramorph repräsentiert auch andere Vierfältigkeiten, die diesen kosmischen Prinzipien entsprechen. Es gibt eine Parallele zwischen ihnen und den vier Farben der kleinen Arkana im Tarot. Sie können sich aber auch auf die „Quaternität der Merkabah” beziehen, die vier Sephiroth nach dem Jungianischen Muster: Stier – Geburah, Löwe – Chesed, Adler – Chokmah und Mensch – Binah. In der christlichen Symbolik können die vier archetypischen Wächter mit den vier Evangelisten gleichgesetzt werden. Die vierfältige Struktur der natürlichen Welt beinhaltet auch die vier Hauptwinde in der griechischen Mythologie: den nassen Westwind (Zephyros), den heißen Südwind (Notos), den trockenen Ostwind (Apeliotes) und den kalten Nordwind (Boreas). Ähnlich verhält es sich mit den vier Unterweltflüssen, die den Eingang zur Welt der Toten bilden: Phlegethon (Hitze), Cocytos (Trockenheit), Styx (Kälte) und Acheron (Feuchtigkeit).

Die Symbolik der Melancholie


„Was wir üblicherweise die ‚äußere Realität‘ nennen, scheint Tiefe und Transparenz zu haben. Nichts ist nur so, wie es zu sein scheint.”16

Die Lehre der Elemente und ihrer Korrespondenzen könnte noch detaillierter abgehandelt werden, aber da unser Hauptinteresse auf der Melancholie liegt, sollten wir nun einen näheren Blick auf die Symbolik werfen, die dieses mystische Phänomen betrifft. Die unten stehende Liste ist keineswegs vollständig und es gibt offensichtlich viele weitere Korrespondenzen, die hinzugefügt werden könnten, doch sie deckt die meistgenannten Charakteristika ab und liefert das traditionelle Bild der Melancholie sowie der esoterischen Bedeutung.

Element: Erde

Körpersaft: schwarze Galle (Choler)

Charakteristika: Dunkelheit, Dicke, Langsamkeit, Schwerfälligkeit, Schlaf, Tod, Erneuerung, Stille, Schmerz, Langeweile, Wahnsinn, Traurigkeit, Eigensinn, Starre, Blasphemie, Habsucht, Materialismus, Eifersucht, Neid, Konservismus, Trägheit

Wesensart: langsam, sicher

Farbe: Schwarz und alle durchscheinenden, irdenen, bleiernen oder braunen Farben

alchemistische Phase: Nigredo

Planet: Saturn, Erde

Qualität: kalt und trocken

Element des Menschen: der Körper

Körperteil: Knochen

Lebensstadium: Alter, Tod

Körperlicher Sinn: fühlen

Geschmack: sauer

Dimension: die materielle

Chakra: Wurzel (Muladhara) oder Vishuddha (das Halschakra, das mit saturnischem Einfluss assoziiert wird)

Jahreszeit: Winter oder Herbst

Sitz: Milz

Tageszeit: Nacht

Quadrant: nördlich

Pflanzen: Knöterich, Farn, Geißblatt, Beifuß, Narzisse, Eisenkraut, Eichenmoos, Andorn, Nachtschatten, Schierling, Baldrian

Metall: Blei

Tiere: Würmer, Maulwürfe, Katzen, Krähen, Wölfe, Kröten, Wildschweine, Bären, Kamele, Basilisken, Hasen, Affen, Drachen, Maultiere – einsame, nächtliche, abseits lebende, traurige, in sich gekehrte, stumpfe, begehrliche, ängstliche Tiere; Schlangen und Kriechtiere, Skorpione, Ameisen, Mäuse und viele Arten von Ungeziefer, die sich von Dingen ernähren, die aus Fäulnis in der Erde entstehen oder die in Ruinen leben; der Skarabäus

Steine: Onyx, Obsidian, Hämatit, schwarzer Turmalin, brauner Jaspis, Calzedon und alle dunklen, schweren, irdischen Dinge

Pflanzen und Bäume: Osterglocke, Drachenwurz, Raute, Kreuzkümmel, Christrose, Alraune, Opium, Passionsblume, Anemone, und solche, die nie gesät werden und niemals Früchte tragen, und jene, die dunkle Beeren oder schwarze Früchte hervorbringen; Schwarzfeigenbaum, Pinie, Zypresse, Eibe

Pflanzenteil: Wurzeln

Vögel: Schreieule, Fledermaus, Kiebitz, Krähe, Wachtel

Fische: Der Aal, der abseits von anderen Fischen lebt, das Neunauge, der Hundshai, der seine Jungen frisst

Juristische Stärke: Erfahrung

Moralische Tugend: innere Stärke

Infernaler Fluss: Acheron

Elementaler Dämonenkönig: Amaymon

Kabbalistische Ebene: Binah (Verständnis)

Qliphothische Ebene: Lilith (die Welt der Materie), Thagirion (die schwarze Sonne), Satariel (die Sphäre des Saturn)

Ägyptische Plage: Wasser wird zu Blut

Elementale Geister: Gnome

Magisches Axion: Schweigen

Magisches Werkzeug: Pentakel, Spiegel, Rahmentrommel, Schild

Tierkreiszeichen: die Erdzeichen – Steinbock, Stier und Jungfrau

Verpflichtung: Disziplin

Fest: Samhain (das Fest der Toten)

1 Heraclitus. Quoted in: Tatarkiewicz, Władysław: Historia Filozofii

2 Tillyard, E.M.W: The Elizabethan World Picture

3 Ebenda

4 Agrippa, Heinrich Cornelius. Die magischen Werke

5 Ebenda

6 Tatarkiewicz, Władysław: Historia Filozofii

7 Agrippa, Henry Cornelius. Die magischen Werke

8 Tatarkiewicz, Władysław: Historia Filozofii

9 Ebenda

10 Ebenda

11 Jung, C.G. : Mysterium Coniunctionis

12 Arikha, Noga: Passions and Tempers: A history of the humours

13 Später wurde die schwarze Galle/Melancholie mit Winter und Alter identifiziert, wie ich das hier auch halten werde.

14 Bardon, Franz: Die Praxis der magischen Evokation

15 Opsopaus, John: The Pythagorean Tarot

16 Moore, Thoma: The Planets Within: The Astrological Psychology of Marsilio Ficino

Kapitel II - Die Welt der Melancholie
Die Entstehung der Säfte


„Der Ursprung der Säfte ist mit den frühesten Aufzeichnungen über die Ursprünge des Lebens selbst vermischt.”1

Die ersten Aufzeichnungen über die Lehre der Säfte stammen aus dem alten Babylon und den Überlieferungen des fernen Ostens. Die Tradition des Ayurveda, die in Indien im ersten und zweiten Jahrhundert v.u.Z. entwickelt wurde, basierte auf einer Theorie von den fünf Elementen (bhuta) Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther sowie drei Säfte (dosha): Wind, Galle und Schleim. Auch in der altchinesischen Medizin ist die Überzeugung zu finden, dass die Gesundheit vom richtigen Fluss bestimmter Energien (Pneuma oder Qi) im Körper aufrecht erhalten wurde, deren Ungleichgewicht in Gesundheitsproblemen aller Art resultieren konnte, was höchst aufrüttelnd für die griechische und arabische Humoralpathologie war. Psychische Störungen wurden mit dem negativen Einfluss böser Geister erklärt, aber es gab auch Versuche rationalerer Erklärungen. Zum Beispiel wurden sie einer falschen Ernährung, mangelnder Hygiene oder schlechtem Benehmen zugeschrieben. Frühe Texte der hinduistischen Medizin nennen auch unglückliche Liebe als Ursache von psychischen Erkrankungen und Depressionszuständen. Berichte über Depression gibt es in medizinischen Papyri Altägyptens ebenso wie in der frühen jüdischen Literatur. Eine der ersten literarischen Beschreibungen von Depression ist im biblischen Buch Hiob enthalten.

Die eigentliche Lehre der Säfte wurde jedoch im antiken Griechenland auf der Basis des Glaubens an die Existenz der Elemente als Grundlage der gesamten Schöpfung entwickelt. Die Lehre der Elemente und ihrer Korrespondenzen mit den wichtigsten Prozessen im Makro- und Mikrokosmos wurde bereits im vorherigen Kapitel dieses Buches erklärt. Wir haben auch die grundlegenden Charakteristiken der vier Säfte / Lebensessenzen im menschlichen Körper betrachtet. Diese Lehren wurden von vielen Philosophen und Ärzten entwickelt, interpretiert und geändert, was eine große Menge von Texten und Abhandlungen lieferte und in einer langen Tradition resultierte, die bis zum Aufkommen der modernen Psychologie weitergeführt wurde. Der Glaube an die Variationen der schwarzen Galle diente dazu, eine Ordnung und Zusammenstellung von Wesensarten, Verhaltensweisen und inneren Erfahrungen von Individuen, Neigungen, Charakterzügen, psychischen und emotionalen Störungen oder diversen Reaktionen auf Stress zu erstellen. Mehr als zweitausend Jahre lang wurde die Humoralpathologie verwendet, um die Funktionen des menschlichen Organismus zu erklären, und der Überzeugung, dass der Körper und der Geist innig miteinander verbunden waren, unterlag die ganze Entwicklung der westlichen Medizin mit all ihren Praktiken wie dem Ansetzen von Blutegeln, Aderlässen, Kompressen und Umschlägen als Mittel gegen die Unausgewogenheit der Lebensenergien. Der größte Teil der medizinischen Philosophie des Westens gründete sich auf die alte Idee von Flüssigkeiten, die im Körper zirkulieren, Energieflüsse, die Verbindung von Körper und Geist, und den Ausgleich von heißen und kalten oder trockenen und feuchten Qualitäten.

Die Humoralpathologie wurde im frühen sechsten Jahrhundert v.u.Z. von einer Anzahl von Denkern im griechischen Ionien ins Leben gerufen.2 Aus ihrer Analyse von Universum, Materie, Seele, Göttlichkeit und der menschlichen Natur selbst entwickelten sie die Lehre der Elemente und der elementaren Einflüsse auf die ganze Natur. Dies waren die Theorien, die von den frühen Philosophen formuliert wurden: Thales von Milet, Anaximander, Heraklit von Ephesos und Parmenides von Elea. Einer der ersten Denker, die ein Hauptinteresse auf den menschlichen Körper und die Seele richteten, war Alkmaeon, ein Anhänger von Pythagoras, der um 500 v.u.Z. tätig war. Er war einer der Ersten, die behaupteten, dass das Universum aus Gegensätzen zusammengesetzt sei und deshalb gegensätzliche Qualitäten enthielte. Dies war ein Gedanke, der später eine zentrale Rolle bei der Entstehung der Säfte spielen sollte. Alkmaeon analysierte auch die Verbindung zwischen Körper und Geist und nahm an, dass das Gehirn der Sitz der psychischen Energien war, während um dieselbe Zeit Empedokles von Agrigento (495-435 v.u.Z.) die Lehre der vier Elemente formulierte, die das hippokratische Konzept der vier Körperflüssigkeiten inspirierte. Hippokrates (460-377 v.u.Z.) ist als einer der ersten Ärzte und als Vater der Medizin bekannt.

In der gesamten antiken Welt wurden die meisten Krankheiten und körperlichen Gebrechen von den Priestern der verschiedenen Religionen als von Göttern oder Geistern verursacht angesehen. Die hippokratische Medizin konzentrierte sich auf die organischen Prozesse und das Verständnis, dass Krankheiten eher durch die Natur als durch Einwirkung äußerer Mächte auf den Körper verursacht wurden. Seine Säftelehre der vier Flüssigkeiten bildete die Grundlage der ersten medizinischen Theorie über psychische Störungen. Jede Krankheit wurde nun als ein Zustand der Unausgeglichenheit oder Dyskrasia zwischen den Säften angesehen, wobei der schwarzen Galle besondere Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Melancholie wurde als eine somatische Krankheit betrachtet, die von der schwarzen Galle verursacht wurde, obwohl sie durch psychische Störungen charakterisiert wurde: Schwermut, Apathie, Schlaflosigkeit und Appetitlosigkeit. Die Wissenschaft der Medizin, die allmählich auf der hippokratischen Lehre aufgebaut wurde, umfasste körperliche Krankheiten ebenso wie Leidenschaften, Launen und das ganze spirituelle Innenleben des menschlichen Wesens.

Platos Idealismus und die Idee des inspirierten Wahnsinns hatte in den folgenden Jahrhunderten einen signifikanten Einfluss auf die idealistischen und astrologischen Bezüge der Melancholie, aber noch einflussreicher waren die Lehren von Aristoteles (384-322 v.u.Z.). Aristoteles‘ Werk war nach dem Niedergang von Rom im Westen verloren gegangen, überlebte jedoch dank des islamischen und jüdischen Interesses an seiner Philosophie und wurde in Europa im frühen Mittelalter wieder eingeführt.3 Aristoteles und seine Schüler untersuchten die Verbindung zwischen Melancholie und Inspiration mit allen möglichen positiven und negativen Einflüssen, die aus den variablen Qualitäten der schwarzen Stimmung resultierten. Er führte auch die Idee ein, dass die melancholische Furcht und Traurigkeit „grundlos”, ohne Ursache ist, ein Thema, das häufig beim Studium der Melancholie von der Renaissance bis ins neunzehnte Jahrhundert auftaucht.

Zu jener Zeit wurde das Thema von Melancholie, Wahnsinn und Depression oft in den Werken der Literatur präsentiert, insbesondere im antiken griechischen Drama. Aeschylos, Euripides oder Sophokles präsentierten ihre Protagonisten als besessen von Verzweiflung oder Verrücktheit. Das Wort „Melancholia” war bereits weit verbreitet, besonders in Bezug auf jegliche Geistesstörung oder exzentrisches Verhalten und u.a. Aristophanes bezeichnete einen Verrückten als Melancholon. Andere Lehren über den Zusammenhang von Verrücktheit und melancholischen Zuständen wurden von Asklepiades im zweiten und ersten Jahrhundert v.u.Z. formuliert. Zu jener Zeit war auch der Begriff Hypochondria in Philosophie und Medizin in Gebrauch. Er wurde ursprünglich von Hippokrates in der Annahme geprägt, dass viele Beschwerden von der Bewegung der Milz verursacht wurden, einem Organ, das sich nahe dem Hypochondrium befindet (der oberen Region der Bauchhöhle direkt unter den Rippen). Der Begriff wurde oft in Bezug auf die Melancholie gebraucht. Aëtios von Amida, ein alexandrinischer Arzt des sechsten Jahrhunderts v.u.Z., nennt als Symptome von Hypochondria Furcht vor dem Tod und grundlose Ängste in dem Sinne, den die moderne Psychologie als Phobien bezeichnet.

Die Theorie der vier Säfte, wie sie im Hippokratischen Corpus erschien, wurde später außerhalb Griechenlands verbreitet, in Alexandria und Rom, und der berühmteste Vertreter der neuen Medizin war der Arzt und Gelehrte Galen von Pergamon (130-200). Noch mehr als fünfzehn Jahrhunderte nach seinem Tod blieben die wichtigsten Konzeptionen der Anatomie, Physiologie, Gesundheit und Charakterzüge des menschlichen Wesens „galenisch”. Galen entwickelte die Säftetheorie aus den Werken früherer Autoritäten weiter und stellte die Lehre der vier Temperamente vor. Seiner Ansicht nach war Hypochondria eine Art von chronischer Melancholie und wurde durch eine Vielfalt von Symptomen charakterisiert, insbesondere Depressionszustände. Ein großer Teil seines Werkes4 ist der Analyse der schwarzen Galle gewidmet, die er „atrabilen Saft” oder atrabiles Blut” nannte. Er empfahl eine Klassifizierung der Melancholie in drei Arten, abhängig vom Sitz des schwarzen Saftes im Körper – im Gehirn, im Blutstrom oder im Magen. Als eine der primären Qualitäten der schwarzen Galle betrachtete er ihre saure Natur (Aciditas). Vielleicht inspirierte dies andere Lehren, die sich mit einer sehr speziellen Form der Melancholie befassten, der Acedia. Er betonte auch die subjektiven Zustände von Schwermut und Furcht, die die Melancholie begleiteten und schlug verschiedene Behandlungsmethoden vor.

Der Melancholie als einer geistigen Krankheit widmete ein Zeitgenosse Galens große Aufmerksamkeit: Arataeus von Kappadokien (1. Jahrhundert). In seinem Werk Von den Ursachen und Symptomen der chronischen Krankheiten beschreibt er Personen, die an Melancholie und Manie leiden, als stumpfsinnig oder ernst, niedergeschlagen oder unvernünftig starr ohne eine erkennbare Ursache. Sie sind von unvernünftiger Furcht ergriffen und neigen dazu, ihren Sinn bereitwillig zu ändern und werden selbstsüchtig, boshaft und intolerant. Sie beschweren sich über das Leben und wünschen zu sterben, und bei manchen Leuten führt dieser Zustand zu Gefühllosigkeit und Torheit: Sie werden allen Dingen gegenüber ignorant, vergessen sich selbst und leben das Leben niederer Tiere.5

Eine weitere Beschreibung der Melancholie als einer geistige und emotionalen Störung stammt aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung und erscheint in den Schriften von Rufus von Ephesos. Er betonte die künstlerischen Talente, die aus dem melancholischen Temperament und depressiven Zuständen resultieren, stellte ihre Verbindung zu Frühling und Herbst fest und beschrieb die Symptome der melancholischen „Krankheit”. Seine Lehren wurden zu einer großen Inspirationsquelle für die spätere arabische Medizin und die mittelalterlichen Vorstellungen des Westens. Die ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung brachten einen zunehmenden Einfluss der mystischen und magischen Praktiken Ägyptens und des Ostens, die allmählich mit den Elementen der klassischen Vorstellungen und den neuen religiösen Lehren des Christentums verschmolzen. Diese Mischung von Ideen resultierte in einer völlig neuen Ansicht über die Melancholie, die während des größten Teils des Mittelalters vorherrschte.

Mittelalterliche religiöse Lehren und der Aufschwung der Medizin


„Galle ist schwarz, bitter und setzt alles Böse frei.”6

Im vierten Jahrhundert wurde das Christentum als offizielle Religion im römischen Imperium etabliert. Seitdem spielte es eine vorherrschende Rolle bei der Gestaltung der westlichen Zivilisation und Kultur. Die klassische Medizin wurde durch die dämonologische Lehre von psychischen Störungen ersetzt und die medizinischen Vorstellungen kollidierten oft mit den neuen religiösen Lehren. Das Studium von Aristoteles und Plato wurde verboten und die Götter und Geister der antiken Mythen wurden nun als Teufel und Dämonen in der infernalen Hierarchie klassifiziert. Menschen, die an geistigen oder emotionalen Störungen litten, wurden nicht mehr von Ärzten behandelt, sondern in die Hände von Kirchenvertretern gegeben. Die Philosophie setzte sich für Kontemplation, Mystizismus und Askese als Lebensgrundlagen ein. Krankheiten wurden in Klöstern behandelt und die frühen Asyle wurden in den folgenden Jahrhunderten zu Hospitälern.

Medizinischen Schriften aus dieser Periode mangelt es oft an eigenen Ideen und sie basieren auf Wiederholungen und Interpretationen der antiken Inhalte. Viele frühmittelalterliche Autoren betrachteten die antiken Philosophen als Autoritäten und stellten ihre Lehren nicht in Frage. Unter den Schriften, die besondere Aufmerksamkeit verdienen, sind die Werke des hl. Augustinus zu nennen, die stark vom Neoplatonismus Plotins beeinflusst sind. Die Bekenntnisse, die ein persönlicher Bericht seines Lebens sind, präsentieren eine tiefe introspektive Einsicht, die oft mit den Werken moderner Autoren wie Kierkegaard oder Freud verglichen wird.

Der galenische Hippokratismus und die Säfteorientierte Medizin befanden sich zwischen dem vierten und dem siebenten Jahrhundert in einem langsamen Niedergang und wurden in den darauffolgenden paar Jahrhunderten in der europäischen Kultur auch nicht wiederhergestellt. Die Theorien über Melancholie und psychische Krankheiten wurden erst nach der arabischen Eroberung des mittleren Ostens und bestimmter Teile Europas wiederbelebt. Das erste Asyl für geistig Kranke wurde in Byzanz im vierten Jahrhundert gegründet. In Jerusalem wurde ein ähnliches Hospiz am Anfang des fünften Jahrhunderts eröffnet, und in Bagdad zu Beginn des achten Jahrhunderts. Die Jahre 900-1150 waren die Zeit des Aufschwungs und zunehmenden Einflusses der arabischen Medizin und des Interesses an psychischen Störungen. Arabische Autoren führten die antiken medizinischen Vorstellungen in Philosophie und Ethik fort. Ihre Werke über den Körper waren eigentlich Studien der Seele, Reflektionen über die Natur ihrer Substanz und ihr Verhältnis zum Göttlichen.7 Unter den Gelehrten, die viele ihrer Schriften der Melancholie widmeten, waren u.a. Hunayn ibn Ishaq, bekannt als Johannitius, Ahmed ibn Sahl al-Balkhi, Najab ud-din Muhammad, Muhammad ibn Zakarya Rzi, Abu al-Qasim (Abulcasis), Ibn al-Haytham, and Ibn Sina, allgemein bekannt unter seinem latinisierten Namen Avicenna. Diese arabischen Autoritäten waren in einem großen Ausmaß für die Wiederherstellung der antiken galenischen und hippokratischen Ideen im westlichen Europa verantwortlich.

Avicenna (980-1037) ist als ein Pionier der Psychophysiologie und der psychosomatischen Medizin bekannt. Er war auch der Erste, der zahlreiche neuropsychiatrische Zustände beschrieb, einschließlich Halluzinationen, Schlaflosigkeit, Manie, Albträume, Demenz, Epilepsie, Paralyse, Schlaganfall, Höhenangst und Zittern. In seinem Kanon der Medizin setzt er die Melancholie mit dem Einfluss von abnormer schwarzer Galle gleich, insbesondere als ein Ergebnis von Überhitzung und Ablagerung. Seine Liste von Symptomen ist fast identisch mit denen der antiken griechischen Ärzte: Er schreibt von körperlichem Unwohlsein (Blähungen, Kribbeln, Schlaflosigkeit), unvernünftigen Äng-sten und Befürchtungen, Störungen der Vorstellung, falschen Glaubensvorstellungen, gestörter Wahrnehmung, Schwermut, Entfremdung, Ängstlichkeit und Trägheit. Seiner Ansicht nach stammen alle psychologischen Effekte wie Wahnvorstellungen, Verwirrung, Launen und Ängste von überhitzter schwarzer Galle in Verbindung mit anderen Säften.8

Vom elften Jahrhundert an wurde die Humoralpathologie auch in den Schriften anderer Philosophen und Ärzte wiederbelebt. Einer der größten jüdischen Denker seiner Zeit, Moses Maimonides (1135-1204) widmete einige seiner Werke der Beschreibung der melancholischen „Krankheit” und ihrer Beziehung zur Manie, und er empfahl mögliche Behandlungsmethoden, um die körperliche und geistige Gesundheit zu erhalten. Zur Behandung sah er therapeutische Methoden vor wie Musik und diverse Formen von Unterhaltung. Um dieselbe Zeit schrieb ein anderer Autor, Bartholomeus Anglicus (1203-1272) eine populäre Enzyklopädie des mittelalterlichen Wissens: De proprietatibus rerum (Von den Eigenschaften der Dinge), worin er die Melancholie als eine Krankheit beschreibt, die Hypochondrie, Depression, Furcht und Wahnvorstellungen beinhaltet. Wie viele andere christliche Autoren widmet er einen großen Teil seines Werkes religiösen Vorstellungen. Andere religiöse Autoren, deren Werke das Konzept der Melancholie als einer „Krankheit der Seele” vorstellen, waren Hildegard von Bingen (1098-1179), die die Melancholie mit der Erbsünde gleichsetzte, und Thomas von Aquin (1225-1274), der die dualistische Ansicht von Körper und Seele wiederbelebte.

Krankheiten wurden wieder oft durch den Einfluss äußerer Kräfte wie böser Geister erklärt, man hielt sie aber auch für eine Bestrafung durch die Heiligen. Der Glaube an Heilige war ein Überbleibsel der alten heidnischen Religionen, und so wie die alten Götter den Menschen halfen oder sie für Ungehorsam bestraften, erwartete man auch von den Heiligen, dass sie ihre Anhänger heilten oder mit Krankheiten schlugen. Das nahende Ende des ersten Jahrtausends wurde von einer signifikanten Zunahme von Pessimismus und der Überzeugung von einem unvermeidlichen Weltende (Chiliasmus) begleitet. Weltliche Angelegenheiten wurden vernachlässigt und die Menschen befassten sich mit Buße und Erlösung. Ähnliche Einstellungen und die Welle von Pessimismus waren in Zeiten von Hungersnöten, Epidemien oder Kriegen zu beobachten. Die Melancholie war in der allgemeinen Weltanschauung vorherrschend, obwohl sie in den Augen der Kirche eine Sünde war.

Es gab auch völlig entgegengesetzte Reaktionen: Man suchte Erleichterung und Vergessen in orgiastischem Trinken und Berauschung, in Liederlichkeit und Promiskuität, und oft in Verbrechen oder anderem „verbotenem Zeitvertreib.” Bestimmte Bewegungen oder Phänomene wie das Flagellantentum oder die Tanzmanie sollten der Erleichterung der Anspannung, des Gewissens und der Angst vor der Verdammung sowohl bei den Ausübenden als auch bei den Zuschauern dienen. Das Flagellantentum begann als eine Art von Pilgertum, bei dem die Pilger ihr eigenes Fleisch peitschten. Einer der ersten dieser Vorfälle fand in Perugia im Jahre 1259 statt, einem Jahr, das einer schweren Missernte und Hungersnot in ganz Europa folgte. Mehrere Chronisten berichten, wie die Manie sich unter fast allen Leuten in der Stadt ausbreitete, die sich zu großen Prozessionen mit Kreuzen und Bannern versammelten und singend und sich selbst peitschend durch die Straßen marschierten. Es erreichte seinen Höhepunkt während des schwarzen Todes, der um 1347 begann.

Obwohl das Flagellantentum als religiöse Bewegung begann, wurden seine Ausübendenden der Häresie bezichtigt, des Zweifels an der Notwendigkeit der Sakramente, der Ablehnung der üblichen kirchlichen Rechtsprechung oder des Anspruchs der Wundertätigkeit, und wurde von der Kirche unterdrückt. Die moderne Psychiatrie bezeichnet dieses Phänomen als Massenhysterie oder Massendepression. Massenhysterie beginnt typischerweise in einer Zeit des Stresses oder Traumas und wird durch solche Symptome wie Übelkeit, Muskelschwäche, Anfälle oder Kopfschmerzen charakterisiert – Symptome, die von der mittelalterlichen Medizin als Melancholie klassifiziert wurden.

In den 1230ern richtete Papst Gregor IX die Inquisition ein, die einen fatalen Einfluss auf das Schicksal von geistig Kranken haben sollte. Es gab auch verschiedene Versuche der zeitgenössischen Dämonologie, die Symptome dämonischer Besessenheit zuzuschreiben. Im elften Jahrhundert sammelte Michael Psellos Glaubensvorstellungen und Praktiken der byzantinischen Dämonologie in seinen Essays Die Operationen der Dämonen und Die Ansichten der Griechen über Dämonen. Das berüchtigtste Kompendium über Dämonologie und Hexerei, Malleus Maleficarum, wurde im fünfzehnten Jahrhundert (1486) von Heinrich Kramer und Jacob Sprenger geschrieben, zwei Inquisitoren der katholischen Kirche in Deutschland. Wahnsinn wurde als Krankheit angesehen und oft wurden Leute, die unter Depressionen litten, von der Anklage der Hexerei freigesprochen. William von Auvergne, ein scholastischer Philosoph des dreizehnten Jahrhunderts, erklärte, dass Leute, die verrückt und melancholisch sind, für ihre Sünden nicht verantwortlich gemacht werden könnten. Der Begriff „Melancholie” taucht in den Aufzeichnungen der Hexenprozesse auch nicht auf. Viele andere Menschen jedoch, die an Depressionszuständen und Schuldgefühlen litten, wurden Opfer der neuen Gesetze und Ermittlungen der Inquisition. Auch wenn die Melancholie eine etwas privilegiertere Stellung im Vergleich zu anderen psychischen Krankheiten hatte, stand die Kirche diesem Phänomen ablehnend gegenüber und betrachtete es als eine Bedrohung für die religiösen Vorstellungen und Bestimmungen. Es gab auch christliche Mystiker und Autoren, die glaubten, dass die Melancholie ein Werk des Teufels selbst sei und Melancholiker unter der Dunkelheit der Seele litten, weil sie von Dämonen besessen waren, eine Überzeugung, die eine signifikante Rolle in der Magie der Renaissance und des Barock spielen sollte.

Die Renaissance: Ruhm und Abwertung des menschlichen Wesens


„Der Teufel liebt es, sich in der melancholischen Stimmung anzudeuten, da sie gut geeignet ist für seine spöttischen Bilder.”9

Das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert waren die Zeit, in der die Magie und das Okkulte in der allgemeinen Weltanschauung wiederhergestellt wurden. Die okkulte Philosophie griff nicht nach den mittelalterlichen Vorstellungen der jüngsten Vergangenheit, sondern nach den antiken Ideen und den klassischen Theorien über den Menschen und das Universum. Die Gelehrten lösten sich von den mittelalterlichen scholastischen Lehren und suchten das Göttliche in anderen Vorstellungen als jenen, die die Kirche vertrat. Philosophen, Schriftsteller und Künstler waren fasziniert von dem alten Glauben an Götter, die Unterwelt, gute und böse Geister, Prophetie und Divination. Sie glaubten, dass übernatürliche Kräfte immer das Leben auf der Erde beeinflusst hatten und dass Kontakt zu ihnen der Schlüssel zu Wissen und Macht war. Die ersten Gelehrten der Renaissance, die die alten okkulten Prinzipien wiederbelebten, waren die italienischen Neoplatoniker Marsilio Ficino (1433 - 1497) und Giovanni Pico della Mirandola. Ihre Philosophie wurde als Hermetik bekannt (ein Begriff, der sich auf die antike hermetische Tradition bezieht) und basierte auf der Annahme, dass ein menschliches Wesen durch spirituelle Entwicklung gottgleich werden und die absolute Macht über das Universum erlangen kann. Nach neoplatonischer Sicht hatte die Magie zwei Formen. Die erste befasste sich vorwiegend mit „der Operation mit den Dämonen und deren Kräften”, die andere war „die höchste Erkenntnis der Naturphilosophie” einschließlich der profundesten Kontemplation über die tiefsten Geheimnisse der Dinge und das Wissen über die Gesamtheit der Natur”10. Der Ursprung der Magie der Renaissance wurde auch mit der Veröffentlichung von Giambattista della Portas Magia Naturalis im Jahre 1558 assoziiert. Viele Okkultisten jener Zeit hörten auf, natürliche Prozesse umzukehren und wandten sich einer wissenschaftlicheren Herangehensweise zu in dem Versuch, in Harmonie mit der Natur zu arbeiten. In vielen Aspekten stand diese Einstellung in Verbindung mit der Wissenschaft und der Suche nach Wissen, die das Rationale und das Okkulte einschloss. Die natürliche Magie versprach einem Magier die Fähigkeit zu fliegen, das Wetter zu steuern, Gold und Schätze zu finden, die dem profanen Auge verborgen waren, und die Geheimnisse der Natur mit Hilfe äußerer Mächte zu entdecken. Diese Faszination führte zu einem wachsenden Interesse an okkulten Schriften, Zaubersprüchen und Beschreibungen von Dämonen und Geistern.

Es gab mehrere Teilgebiete der okkulten Philosophie. Eine von ihnen war die Astrologie. Die Menschen des fünfzehnten und des siebzehnten Jahrhunderts glaubten zutiefst an astrologische Vorhersagen und Horoskope. Viele Monarchen hielten sich Hofastrologen und konsultierten sie in den wichtigsten Angelegenheiten der Staatspolitik und ihres Privatlebens. Die englische Königin Elisabeth I z.B. wählte das Datum ihrer Krönung nach dem Rat von John Dee (1527 - 1608), dem berühmtesten englischen Magier. Es geschah nicht vor dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts, dass der Niedergang dieses Glaubens begann. Nicht weniger bedeutend war die Alchemie, die magische Wissenschaft, die ihre Wurzeln im antiken Alexandria und Byzanz hatte. Das Hauptziel des „Großen Werkes der Alchemie” war der Stein der Weisen, die mystische Substanz, die jedes Metall in Gold verwandeln, alle Krankheiten heilen und das Leben über seine natürlichen Grenzen hinaus verlängern konnte. In einem metaphorischen Sinne war er die Transmutation und Reinigung der Seele, so dass sie auf höhere spirituelle Ebenen hinaufsteigen und sich mit dem Göttlichen verbinden konnte. Außer der natürlichen Magie und der Alchemie gab es auch noch die schwarze und weiße Magie. Schwarze Magie wurde durch die Verwendung übernatürlicher Kräfte zum persönlichen Gewinn definiert, während ihr weißes Gegenstück wohltätige Magie war, um anderen zu helfen. Ein Schwarzmagier (oder Zauberer) war jemand, der über Dämonen verfügen konnte, entweder indem er seine Seele verkaufte und einen Vertrag unterschrieb oder indem er die Geister durch Zaubersprüche und Rituale dazu zwang. Es gab zahlreiche Textbücher für Zauberer, die Grimoires genannt wurden und Zaubersprüche, Beschreibungen magischer Gegenstände und Anweisungen für die Beschwörung von Dämonen enthielten. Die bekanntesten waren das Grimoirum Verum, Heptameron, Das Grimoire von Honorius, das Grand Grimoire, oder Die Schlüssel Salomons. Diese magischen Texte bildeten die sogenannte „salomonische Tradition” in der westlichen Esoterik, deren Form auf ritualisierten Evokationen und ausgearbeiteten Beschwörungen basierte. Es gab auch eine Unterscheidung zwischen hoher und niederer Magie, von denen die Erstere die Erforschung der esoterischen Traditionen der Kabbala und Hermetik einschloss, und Letztere mit Zauberei und schwarzer Magie assoziiert wurde. Agrippa unterschied auch mathematische Magie, die sich auf Astrologie und Astronomie bezog, und zeremonielle Magie, die sich mit der Kommunikation mit Geistern befasste und von okkulten Geheimgesellschaften und magischen Bruderschaften ausgeübt wurde. Andere Formen von Magie waren Hexerei und Nekromantie, die zu jener Zeit eine Form von Divination durch Kommunikation mit den Toten war. Die Menschen des sechzehnten und frühen siebzehnten Jahrhunderts glaubten allgemein an die Wirkung von Magie und den Einfluss von Geistern auf menschliche Angelegenheiten. Zu den praktizierenden Magiern zählten die berühmtesten Gelehrten der Renaissance: Nostradamus, Paracelsus, Cornelius Agrippa von Nettesheim, Giordano Bruno, der englische Alchemist Robert Fludd und viele andere prominente Vertreter der Philosophie, Wissenschaft, Kunst und Literatur.

Die Renaissance war jedoch nicht nur eine Zeit des Optimismus, sondern auch eine Zeit der Dunkelheit und Furcht. Während die Philosophen, Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller ihren Glauben an den „Ruhm und die Würde“ des menschlichen Wesens verkündeten, starben tausende Menschen an Krankheiten und Hunger, litten unter extremer Armut oder wurden ihres religiösen Glaubens wegen verfolgt oder gefoltert und lebendig als angebliche „Hexen“ verbrannt. Das wichtigste Werk über Hexerei war das schon genannte Malleus Maleficarum von 1486. In den zwei folgenden Jahrhunderten wurde es zum wichtigsten Handbuch der Hexenjäger und zu einem Referenzwerk in Hexenprozessen, das die Grausamkeit der Folter und den Horror der Hinrichtungen rechtfertigte. Zauberei wurde von Hexerei dadurch unterschieden, dass sie von jedem ausgeübt werden konnte, der ein hinreichendes Wissen hatte, um Beschwörungen, Formeln und Tränke anzuwenden, während Hexerei von inhärenten mystischen Kräften herrührte, die auf unsichtbare Art angewandt wurden. Solche Glaubensvorstellungen lieferten formale Regeln für die Verfolgung von „Hexen“, die ihren Höhepunkt zwischen 1580 und 1660 erreichte und am häufigsten in Deutschland, Österreich, Frankreich und der Schweiz vorkam. In England wurde Hexerei mit derselben Ernsthaftigkeit behandelt, was in der Veröffentlichung von King James Demonology resultierte, aber Folterungen waren verboten und nur eine kleine Anzahl der angeklagten Hexen wurde durch Erhängen hingerichtet. In Schottland jedoch wurden Hexen um 1350 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Das Reich des Übernatürlichen wurde zu einem untrennbaren Bestandteil der zeitgenössischen Ansichten und der Teufel griff immer öfter nach menschlichen Seelen, insbesondere solchen von melancholischer Natur. Im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert waren die Existenz von Dämonen und ihre Einmischung in irdische Ereignisse als eine Tatsache anerkannt, die mit äußerster Ernsthaftigkeit behandelt wurde. Der Teufel war in jedem Aspekt des menschlichen Lebens gegenwärtig. Er suchte menschliche Behausungen heim, versuchte ambitionierte Menschen zum Fehlverhalten zu verleiten, plagte die Keuschen und Ehrlichen mit Leiden, spielte mit Wahnsinnigen und verdunkelte den Geist und die Seele mit Verzweiflung und Melancholie. Geistige Krankheiten und psychische Störungen, die zu jener Zeit den Begriff der Melancholie prägten, wurden oft als Symptome dämonischer Besessenheit betrachtet und kranke Menschen nicht behandelt, sondern als „Hexen“ verbrannt. Die Rechtsprechung machte oft keinen Unterschied zwischen Sünde, Geistesstörung, Hexerei und dämonischem Einfluss. Die Vorstellungen der Melancholie, die von den zeitgenössischen Philosophen und Ärzten vertreten wurden, waren eine Mischung aus antiker Magie, Alchemie, rationaler Empirik und Astrologie. Ein typischer Vertreter der Zeit war Paracelsus (1493-1541). Er klassifizierte die Melancholie als Verrücktheit und Defekt des Verstandes. Er glaubte nicht an die dämonologische Erklärung und suchte ihre Ursachen in Obsessionen und Wahnvorstellungen.11 Seine Lehren waren jedoch auf eine andere Weise etwas Besonderes: Seiner Ansicht nach wurden Krankheiten durch Gifte verursacht, die von den Sternen kamen. Melancholie wurde durch den Einfluss des Saturn verursacht, und im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert nannte man melancholische Menschen allgemein „die Kinder des Saturn.”

Die Verbindung zwischen Hexerei und Melancholie wurde von vielen Gelehrten der Renaissance behandelt, doch die wichtigste Arbeit zu diesem Thema schrieb Johann Weyer (1515-1588), ein holländischer Arzt des sechzehnten Jahrhunderts. In seinem De praestigiis Daemonum, das manchmal als das erste Textbuch der Psychologie angesehen wird, behandelt er das Thema der Hexerei aus vier unterschiedlichen Perspektiven: theologisch, psychologisch, medizinisch und juristisch. Für ihn waren die übernatürlichen Kräfte, die mit der Hexerei assoziiert wurden, nichts anderes als eine Verwirrung der Vorstellungskraft, die er den melancholischen Zuständen und Einstellungen zuschreibt:

Hexen können selbst durch den bösesten Willen oder die hässlichsten Exorzismen niemandem schaden … sondern ihre Imagination – von Dämonen auf eine Weise entflammt, die für uns nicht verständlich ist – und die Qual der Melancholie lassen sie sich einbilden, dass sie Böses aller Art verursachten.12

Eine andere bedeutende medizinische Herangehensweise an die Melancholie lieferte Timothy Bright (1550-1615) in seiner Treatise of Melancholy (1568), einem Werk, das Robert Burtons The Anatomy of Melancholy im siebzehnten Jahrhundert beeinflusste sowie Shakespeares häufige Bemerkungen über Melancholie und Wahnsinn in seinen berühmtesten Stücken. Bright schrieb melancholische Zustände dem verbreiteten Glauben an die Überhitzung der „melancholischen Stimmung” zu, der schwarzen Galle. Zu diesen Zuständen zählte er Traurigkeit, Furcht, Misstrauen, Zweifel, Schüchternheit und Verzweiflung. Er betonte, dass sie üblicherweise keine erkennbare oder äußere Ursache hatten und der ganze Prozess innerlich war. Unter diesem Gesichtspunkt behandelte er detailliert die Interaktionen zwischen dem Körper, dem Gehirn und dem Herzen. Er glaubte, dass splenetische Dämpfe die Funktionen des Gehirns störten und die Wahrnehmung, die Urteilsfähigkeit, das Gedächtnis und die Vorstellungskraft beeinträchtigten, während das Herz Zweifel, Traurigkeit und andere melancholische Zustände erzeugte, die den Körper und den Geist quälten.

Salvator Rosa: Democritus in Meditation, 1662

Es gab auch religiöse und mystische Versuche, die Melancholie als Krankheit der Seele zu erklären. Eine solche Herangehensweise ist in den Schriften einer Karmeliternonne zu finden, die von 1515 bis 1582 in Spanien lebte, der hl. Theresa von Avila. In ihren Werken Die Grundlagen und Das innere Schloss erkennt sie das theologische Verständnis der Melancholie in Begriffen dämonischen Einflusses an, erklärt aber auch, dass melancholische Menschen für ihre „Krankheit” nicht verantwortlich seien. Ihr Verstand ist verdunkelt und sie leiden an einer schweren seelischen Störung, für die sie nicht bestraft werden dürfen. Theresa von Avila war einer der wenigen Kirchenvertreter, die sich mit der Notwendigkeit befassten, die Melancholie unter verwandten Zuständen hervorzuheben, und mitleidig gegenüber der melancholischen Erfahrung waren.

Die zeitgenössischen Theorien über die Melancholie hatten einen enormen Einfluss auf die bildenden Künste der Renaissance. Ihre Personifizierungen und Allegorien erschienen als Gemälde, Holzschnitte, Radierungen und Buchillustrationen. Sie wurden üblicherweise durch einen bestimmten Satz von Zeichen, Hieroglyphen oder Emblemen dargestellt, obwohl es auch andere Versuche gab, die Natur der Melancholie selbst zu illustrieren. Die berühmtesten Kunstwerke der Renaissance, die sich mit diesem Thema befassten, waren jene von Albrecht Dürer (1471-1528). Seine Melencolia I, die in folgenden Kapiteln dieses Buches noch besprochen wird, ist die vielleicht beste Repräsentation der melancholischen Weltsicht. Dürer widmete auch viele andere Werke dem Studium der Melancholie. Unter ihnen befinden sich seine Kupferstiche Der heilige Hieronymus in seinem Studierzimmer und Ritter, Tod und Teufel. Im Selbstportrait von 1512 deutet Dürer auf seine Milz, den Sitz der Melancholie. Ein weiterer Künstler, der die melancholische Sicht der Welt darstellte, war Salvatore Rosa (1615-1673) mit seinem Demokrit in Meditation (1662). Die Radierung stellt einen Philosophen vor dem Hintergrund eines düsteren Himmels mit dunklen Wolken dar. Demokrit ist von verfallenen Gebäudeteilen, Obelisken, Urnen und halbverdorrten Bäumen umgeben. Der Boden um ihn her ist mit toten Tieren und Knochen bedeckt. Es gibt auch einen geöffneten Sarg mit einem Skelett. Rosas Bild stellt die Melancholie als einen spirituellen Zustand dar, der aus dem Gewahrsein der Übergangsnatur aller Dinge resultiert. Es ist der Weltschmerz, das tiefe Gefühl von Vergänglichkeit und Vergeblichkeit des menschlichen Lebens. Demokrit auf dem Bild nimmt nur die Entropie und den Tod um sich her wahr, den Verfall von menschlichen Wesen, Tieren, der Natur und schließlich die Fäulnis der ganzen Welt. Er war höchst inspirierend für die melancholische Sichtweise in Cesare Ripas Melancholia (1647) oder die Bilder von Domenico Fetti. Sie alle stellen die Melancholie durch Mittel wie düstere Umgebungen, Ruinen und vergehende Natur dar. Es gab viele weitere zeitgenössische Gemälde, die das Interesse an der Melancholie widerspiegelten. Giorgio Vasari stellt in seinem Die Leben der bedeutendsten italienischen Architekten, Maler und Bildhauer fest, dass fast alle Künstler dieser Zeit „Melancholiker” waren. Am Ende der Renaissance manifestierten sich diese Trends auch in einem Faible für den Tod, einem häufigen Thema von Bildern und Skulpturen. Pieter Bruegel der Ältere malte Triumph des Todes und Hans Baldung Grien und Rubens widmeten ihre Arbeit der Porträtierung des Saturn, des antiken Gottes der Melancholie. Lucas Cranach präsentierte die Melancholie als eine lächelnde, verführerische Frau/Hexe in einem roten Kleid, verlockend und attraktiv.

Ähnliche Trends waren in der Musik zu beobachten, insbesondere im Werk des englischen Komponisten John Dowland (1563-1626). Seine Kompositionen, vor allem Lachrimae, waren stark von Düsternis und einem Gefühl von Schwermut durchtränkt, was ganz den Zeitgeist widerspiegelte. Zuerst war Musik als Mittel gegen Melancholie betrachtet worden, was vor allem der orphischen Musiktradition und der pythagoräischen Überzeugung zu verdanken war, dass Melodien eine große Heilkraft hatten. Diese Kraft konnte sich auf verschiedene Art manifestieren. Zuallererst hatten Musik und Gesang die Kraft, Stress, manische Erregung und depressive Gedanken zu überwinden. Sie konnte böse Geister vertreiben (man glaubte, dass jemand mit einem melancholischen Temperament besonders anfällig für die Besessenheit durch Dämonen war) oder den Besessenen sogar retten. Musik stellte die innere Harmonie im Menschen wieder her und führte zur Katharsis, der Reinigung von Geist und Seele. Sie schuf ein mystisches Band zwischen dem Mikro- und dem Makrokosmos, verstärkte die natürlichen Harmonien der Planeten und des kosmischen Systems sowie die Balance im menschlichen Innern. Theoretiker untersuchten auch das Verhältnis zwischen Musik und Zuständen melancholischer Kreativität (Melancholia generosa). Den Klang und die künstlerische Inspiration hielt man für ein Resultat des Furor divinus, eines Ekstasezustands, der den Kontakt mit dem Göttlichen erlaubte. Apathie und Depression konnten sich unter dem Einfluss von Musik in eine ekstatische Erfahrung verwandeln, oder die Musik konnte die melancholische Stimmung und Schwermut noch verstärken. Deshalb wurde die Melancholie nicht immer als eine Krankheit angesehen, sondern auch als ein erwünschter Zustand. Melancholische Stimmung, intensiviert durch Musik, konnte eine Quelle von ekstatischer Freude und Lust sein. Dieser Glaube wurde typisch für das siebzehnte Jahrhundert, in dem der Glaube an die Harmonie und Ordnung im Universum durch Chaos und das Gefühl von Vergeblichkeit der menschlichen Existenz ersetzt wurde.

Lucas Cranach, Melancholie, 1532. Eins aus einer Melancholie-inspirierten Serie von Gemälden

Angst und Furcht im siebzehnten Jahrhundert


„Oh, diese düstere Welt, in welch einem Schatten oder tiefen Grube der Dunkelheit lebst du, weibische und furchtsame Menschheit?”13

Das sechzehnte Jahrhundert war das Zeitalter, das sich nach Freiheit, Wissen und Ruhm sehnte, die Zeit der Hoffnung und des Optimismus. Die Weltanschaung der Renaissance setzte den Menschen in den Mittelpunkt des Universums. Der Mensch war der Mikrokosmos, ein einzigartiges Wesen, das die Macht hatte, die umgebende Welt zu beeinflussen, ihr Schöpfer und Herrscher. Die Hauptquelle dieser Lehren, der Corpus Hermeticum14, betrachtete den Menschen als den Vermittler zwischen den Geschöpfen, als Gleichnis der Götter und den Herrn aller Wesen. Das Europa des sechzehnten Jahrhunderts war allgemein durch ein vernünftiges Maß an interner Stabilität und geschickter Politik charakterisiert. Geografische Entdeckungen und Erkundungen anderer Teile der Welt brachten eine optimistische Einstellung mit sich und eröffneten neue Möglichkeiten. Für viele Menschen war es eine Zeit des wachsenden Patriotismus und allgemeiner Zuversicht, ein Jahrhundert von Stärke und Glanz. Die Zustände begannen sich in vielen Ländern zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts zu ändern. Die erste Hälfte wurde zu einer Epoche der Schwierigkeiten und des allgemeinen Chaos, hauptsächlich verursacht durch schlechte Politik neuer Monarchen, soziale und ökonomische Veränderungen, religiöse Faktoren und ideologische Meinungsverschiedenheiten. Unterschiede zwischen der offiziellen Lehre und neuen Paradigmen wurden zur Ursache vieler ideologischer Zusammenstöße im siebzehnten Jahrhundert, begleitet von Fanatismus, Verfolgung, Flucht und einer Vervielfachung verfeindeter Sekten. Diese Tendenzen resultierten in einem überwältigenden Gefühl von Verwirrung und Melancholie, das zum Markenzeichen dieser Zeit wurde.

Die politischen, ökonomischen und ideologischen Spannungen hatten einen beachtlichen Einfluss auf die zeitgenössische Weltanschauung. Das sechzehnte Jahrhundert war eine Zeit, in der die Einstellung gegenüber der Position des Menschen im Universum allgemein positiv war. Dies begann sich mit dem Aufkommen der neuen Epoche zu ändern. Das siebzehnte Jahrhundert war eine halb mittelalterliche, halb moderne Mischung aus Denken und Glauben, in der der Pessimismus zur vorherrschenden Einstellung wurde. Das barocke Weltbild leitete sich eher von der mittelalterlichen Sichtweise ab als von der der Renaissance und basierte auf der ptolemäischen Lehre des Universums – geozentrisch, hierarchisch und unveränderlich. Die kopernikanische Astronomie und die neuen Entdeckungen (wie Keplers astronomische Errungenschaften) wurden zu einem Schock für den zeitgenössischen Menschen, der erkannte, dass die Welt, in der er lebte, anders war als bisher gedacht. Neue Lehren widersprachen den christlichen Dogmen und stellten die Autorität der Bibel in Frage, was zu einer gewaltigen Verstärkung des Pessimismus führte, besonders in der ersten Hälfte des Jahrhunderts.

Der wichtigste Teil in der universellen Ordnung der Renaissance war die Metapher von der „Kette des Seins”, die von Platos Ion und Timaeos abgeleitet war und von den frühen Neoplatonikern, insbesondere Plotin (204-270) weiterentwickelt wurde. Dieser Ansicht nach erstreckte sich die Kette von den Füßen von Gottes Thron bis zu den niedrigsten der unbelebten Objekte. Jeder Flecken der Schöpfung war ein Glied in der Kette, und jedes Glied, außer den beiden Endgliedern, war gleichzeitig größer und kleiner als ein anderes; es konnte keine Lücke geben.15 Mit anderen Worten symbolisierte die Kette die Vielfalt von Gottes Schöpfung und verband die Erde mit dem übernatürlichen Reich im Himmel. Plato verglich die göttliche Kraft, die die Kette zusammenhielt, mit den Eigenschaften eines Magneten:

Dieser zieht nicht nur eiserne Ringe an, sondern erzeugt in den Ringen die Kraft, ihrerseits dasselbe zu tun, nämlich andere Ringe anzuziehen, so dass sich manchmal eine lange Kette von Eisenringen bildet, die einer am anderen hängen, und alle haben die Kraft von dem Stein.16

Alle Glieder der Kette waren in einer Hierarchie angeordnet: „Der Mensch ist über den Menschen gesetzt, das Tier über das Tier, Vogel über Vogel und Fisch über Fisch, auf der Erde, in der Luft und im Meer.”17 Diese philosophischen Lehren dienten zur Erklärung der Einheit und Harmonie des ganzen Universums und entsprachen dem tatsächlichen Zustand der Angelegenheiten und Ereignisse zu jener Zeit in Europa. Zeitgenössische Autoren wie Nicholas Breton beschrieben das Staatswesen als einen Organismus, in dem jeder Teil den anderen helfen und Hilfe von anderen bekommen musste, um richtig zu funktionieren. Die Einheit und angenommene Notwendigkeit der Ränge im Staat ähnlich der Glieder der Kette waren essentiell für die innere Stabilität. Im siebzehnten Jahrhundert jedoch war das Gefühl von Stabilität im Niedergang. Weltliche Probleme, politische und gesellschaftliche Unordnung erfüllten die Welt allmählich mit Pessimismus.

Der Niedergang war auch in den zeitgenössischen Moralstandards und religiösen Glaubensvorstellungen gegenwärtig. Die Ansichten über Erlösung und Verdammnis hatten mehr mit der mittelalterlichen Weltanschauung zu tun als mit dem Glauben der Renaissance an die göttliche Natur des Menschen. Diese Situation war eine Konsequenz der ideologischen Zusammenstöße, die sich zu jener Zeit häufig zwischen diversen religiösen Gruppierungen und ihren Lehren ereigneten. Die barocke Ansicht der Sünde war traditionell und von der Genesis abgeleitet. Sie basierte auf der Annahme, dass mit dem Fall sowohl das menschliche Wesen als auch das Universum verdorben worden waren. In der zeitgenössischen Sicht des Menschen war die vorherrschende Stimmung die Melancholie, das dunkle Prinzip in der menschlichen Natur. Man hielt die „schwarze Krankheit” für das Resultat der Erbsünde und des menschlichen Ungehorsams gegenüber Gott: Als Adam die Frucht vom Baum der Erkenntnis kostete, wurde sein Blut verdorben und in schwarzen Saft verwandelt, das Zeichen Satans. Das philosophische Denken des Barock folgte dem mittelalterlichen Glauben, dass die Erbsünde der Anfang der Melancholie und der dem Menschen innewohnenden Sündigkeit war. Die menschliche Seele wurde in die melancholische Dunkelheit geworfen, die man durchbrechen musste, um das Licht wiederzuerlangen. Aber dieses Licht war nicht dasselbe wie das, was von der Sonne kommt. Es war das dunkle Licht, die schwarze Flamme, die aus den Tiefen des Unbewussten hervorkommt, oder in modernen Begriffen: Die auflösenden Strahlen der schwarzen Sonne. Dieser Glaube führte zu einer doppelten Ansicht über die Sündigkeit des Menschen. Die optimistische Ansicht ging davon aus, dass der Mensch die Sünde und seine eigenen Unzulänglichkeiten überwinden kann, während die pessimistische Ansicht diese Möglichkeit ablehnte. Im siebzehnten Jahrhundert kollidierten diese Ansichten häufig miteinander und in dieser religiösen Verwirrung war es nicht leicht, eine theologische Lösung zu finden.

Das Jahrhundert hatte ein besonderes Interesse am Studium der Melancholie und dem Kampf zwischen den Säften. Die Verwirrungen und Spannungen der Außenwelt spiegelten sich im menschlichen Innern. Folglich wurde der Mensch nicht länger als ein Spiegelbild der Harmonie im Universum angesehen, sondern als ein Produkt von Unordnung und Chaos. Das Barock griff auf Beschreibungen des Menschen zurück, die sich auf den inneren Kampf und die Widersprüchlichkeit von Körper und Seele konzentrierten. So die pythagoräische Darstellung des Menschen als eine Mischung von vielen verschiedenen Elementen, die einmal vom göttlichen Element zum Besseren und ein andermal von der Vorherrschaft des tierischen Elements zum Schlechteren hingezogen wurde. Solche inneren Kämpfe führten zu einer körperlichen Zerstörung, Funktionsstörungen des Gehirns, Krankheit, tiefer Melancholie oder gar Tod. Im siebzehnten Jahrhundert wurde der Mensch lediglich als eine Mischung von verschiedenen Elementen angesehen, die unter dem Kampf zwischen Vernunft und Leidenschaft litt, der Sünde verfallen war, monströs, furchtsam, deformiert, unfähig, ignorant, wechselhaft und mittelmäßig.18 Der mittelalterliche Danse macabre war nun durch den Danse melancholique ersetzt worden.

Das starke Gefühl von Pessimismus im zeitgenössischen philosophischen Denken stand auch mit der populären Idee des Theatrum mundi in Verbindung. Das Konzept tauchte bereits im vorherigen Jahrhundert, insbesondere in Shakespeares Spätwerk auf. Danach war die Welt ein riesiges Theater, das Leben ein Schauspiel und Gott der Autor, der Intendant und der Zuschauer zugleich. Wie Shakespeare es in Was ihr wollt ausdrückt: „Die ganze Welt ist eine Bühne und alle Männer und Frauen sind lediglich Schauspieler.” Die Metapher vom Theatrum mundi stammte aus der Antike. Bezüge zu dieser Ansicht gab es in den Werken von Plato, Demokrit, Seneca, Petronius und Terentius. Für die antiken Philosophen und die Denker des siebzehnten Jahrhunderts illustrierte das Konzept die Leere und Kürze des Lebens. Calderóns Das Leben ist ein Traum verglich die Welt mit einem Produkt der Imagination, in dem alles illusorisch war. Der Glaube der Renaissance an die unbegrenzten Möglichkeiten des Menschen kollidierte schwer mit dieser düsteren Vision der Welt als ein Theater, in dem die Menschen lediglich ihre vorbestimmten Rollen spielten. In dieser Sicht hatte der Mensch keinen Einfluss auf sein eigenes Schicksal und war eine Marionette in den Händen des allmächtigen Gottes.

Nicht weniger bedeutend war der Einfluss der neuen Entdeckungen und der Entwicklung der Wissenschaft. Es war die Zeit von William Harveys medizinischen Experimenten mit Blut und des Fortschritts auf dem Gebiet der Anatomie, Biologie und Chemie, der bald zum Untergang der Humoralpathologie führen sollte. In Der Fortschritt des Lernens betonte Francis Bacon (1561 - 1626) die Errungenschaften von Wissenschaft, Technik und Vernunft. Der wissenschaftliche Fortschritt hellte die düsteren Aussichten der Zeit jedoch nicht auf. Die Wissenschaftler waren nicht imstande, die Ansicht des Menschen als eines schwachen und unvollkommenen Wesens zu überwinden. Die intellektuellen Kapazitäten des Menschen wurden noch immer in Frage gestellt und die Männer der Wissenschaft gaben zu, dass das Wissen und der Geist des Menschen begrenzt waren. Ähnlich verhielt es sich mit den zeitgenössischen Ansichten über das menschliche Bewusstsein und die Physiologie. Den inneren Mechanismen des menschlichen Organismus hatte man seit der frühen Antike große Aufmerksamkeit gewidmet und auch die Philosophen und Ärzte des Barock hatten ein großes Interesse am menschlichen Organismus mit all seinen Fehlern und Schwächen. Die Anatomie des Menschen wurde zum Thema eingehender Studien, was ein Resultat der zeitgenössischen Faszination von Krankheit und Tod war. Die anatomischen Sektionen hatten jedoch nicht nur die Erforschung der körperlichen Mechanismen eines Organismus zum Ziel, sondern auch der geistigen. Sie waren „weniger als ein Körper … und mehr als eine Welt.”19 Die Anatomen versuchten sowohl die Gründe für moralische Verstöße (die Leichen für die anatomische Sektion waren meist die von Verbrechern) als auch die für körperliche Störungen (indem sie nach der Todesursache suchten) zu entdecken. Die zeitgenössische Kunst und Philosophie bewies, dass das Studium des menschlichen Körpers populär und wesentlich für die Untersuchung der inneren Mechanismen war. Darunter waren Werke wie Rembrandts Die Anatomie des Dr. Tulp oder Die Anatomie des Dr. Egbertsz‘s von Thomas de Keyser. Die Entdeckungen der Anatomen führten zu einer weiteren Zunahme des Pessimismus, weil sie zu dem Schluss kamen, „dass es nichts gibt, was das Zentrum des menschlichen Körpers bildet.” Thomas Brown, ein berühmter Arzt des siebzehnten Jahrhunderts, beschrieb den menschlichen Organismus als „abhängig von einem leeren Zentrum, das von verschiedenen Kombinationen von Körperteilen bedeckt ist”20 Außerdem gab es keine Harmonie zwischen diesen Teilen, sondern nur beständigen Kampf und Spannung. Selbst die neue Sicht der menschlichen Natur, die Descartes in seinem Diskurs über die Methode vorstellte, brachte keinen Optimismus in diese düstere Hälfte des Jahrhunderts. Obwohl er das bewusste Selbst als die Quelle des Verständnisses ausmachte, schaffte er es nicht, dessen Verhältnis zum Körper zu erklären. Kartesianische Ansichten über die Einzigartigkeit des menschlichen Selbst erlangten vor der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts keinen Einfluss.

Melancholie wurde noch immer oft mit dämonischer Besessenheit oder bösen Geistern assoziiert. Die Dogmen aus dem Malleus Maleficarum waren noch immer einflussreich und man unterschied mehrere Arten, wie Teufel ihre Opfer angreifen konnten: Sie besetzten nur den Körper oder den Körper und den Geist, sie verursachten temporären Wahnsinn, lösten Geisteskrankheiten aus und verwandelten Menschen in rasende Bestien. Man glaubte, dass Menschen von melancholischer Natur nicht nur in Träumen von Dämonen heimgesucht wurden, sondern auch nach ihrem Tod. Jene, die „von einem Rausch befallen waren oder eine andere melancholische Störung” im Leben hatten, litten auch, nachdem ihre Seelen den Körper verlassen hatten, große Qualen.21 Ähnlich verhielt es sich mit denen, die das Leben „in Unzufriedenheit, Melancholie oder unruhigen Geistes” verließen. Man glaubte, dass solche Leute wiederkehrten und „ohne Schrecken verursachen und Häuser und Familien alarmieren zu wollen nur nach einer Möglichkeit suchten, ihr eigenes Leben ungeschehen zu machen, um endlich ihre ersehnte Ruhe zu finden.” Das betraf speziell diejenigen, die eines gewaltsamen Todes gestorben waren:

Solche Personen, die insgeheim ermordet wurden oder die selbst insgeheim Morde begangen haben, sind am anfälligsten dafür, wieder zu erscheinen und an den Orten umzugehen, wo sich die Katastrophe ereignete.22

Den Teufel hielt man allgemein nicht nur für Sünde und Verzweiflung verantwortlich, sondern auch für andere Krankheiten und alle Arten von Obsessionen. Wahnsinn, Manie, Hysterie, Gewalttätigkeit und selbst Lust und Leidenschaft waren teuflische Erfindungen und ihr Hauptzweck bestand darin, menschliche Seelen in die Hölle zu führen:

Da die Teufel beständig auf der Suche nach jenen sind, die sie verschlingen können, sind sie immer auf der Wacht und bereit, jeden Gedanken aufzufangen, der sich zu ihrem Zwecke wenden ließe; und wenn sie erst soweit gekommen sind, den kleinsten Platz im Geist zu besetzen … wird es sich als nicht leicht erweisen, sie auszutreiben.23

Man glaubte, dass die Teufel nicht nur in den infernalen Regionen hausten, sondern auch die Sphäre der Luft zwischen Himmel und Erde beherrschten. Diese luftigen Dämonen störten die Harmonie des Universums und zerrissen die Stabilität des menschlichen Geistes. Es gab auch Dämonen, die für alle Sünden verantwortlich waren: Stolz, Unzucht, Habgier, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit.

Dies war auch die Zeit, in der die Literatur und Kunst zunehmend grimmig und makaber wurden. Die Klischeeelemente waren Geister, Friedhöfe, Leichenhäuser, Inzest, Wahnsinn, Ehebruch, Vergewaltigung, brutale Morde, Kindsmord, Selbstmord, Brandstiftung, Vergiftung und Verrat. Die Charaktere wurden als „Mikrokosmos der Hölle” präsentiert und die Welt war eine Bühne, auf der böswillige Schurken ihre gräulichen Taten mit „sardonischem Genuss” verübten und „immer bizarrere Methoden, Menschen zu zerstören” ersannen. Der Tod wurde „das Hauptthema in ihrem Plan und Mord ihre Erholung.”24 Die zeitgenössische Literatur, insbesondere das Drama, bezog auch eine tiefe psychologische Einsicht in die Persönlichkeit der Charaktere ein, mit der Betonung auf die dunkle Seite der menschlichen Natur. Die Literatur widerspiegelte alles, was im zeitgenössischen Europa geschah. Sie behandelte die wichtigsten Erscheinungen wie die Stellung der Frau in der Gesellschaft, Spannungen zwischen Rassen und Klassen, religiöse und politische Verwirrung, soziale Veränderungen und die vorherrschende Philosophie des Pessimismus. Dieser und die melancholischen Tendenzen trugen stark zur Entwicklung der Rachetragödie bei, dem düstersten literarischen Genre der Zeit. Der Puritanismus und die religiösen Lehren betonten die Sündigkeit aller menschlichen Wesen und erinnerten die Menschen beständig an Höllenfeuer und Leiden. In der Kultur des siebzehnten Jahrhunderts ist die Vision der Hölle immer in den Gedanken der Sünder gegenwärtig und die größte Qual für die Seele ist: „In der Hölle muss ich leben und kann nicht sterben.”25 Der barocken Ansicht nach ist die Hölle ein Teil jeder menschlichen Seele. Sie ist die dunkle Seite der menschlichen Natur und die Quelle von Sünde und allem Bösen. Das Interesse des siebzehnten Jahrhunderts am Theater resultierte aus dem Verhältnis zwischen Melancholie, Grandeur und düsterer Schaustellung, die charakteristisch für die barocke Ausdrucksweise war. Der Vergleich des Lebens mit der theatralischen Darstellung veranschaulichte die zeitgenössische Blickrichtung auf die Kürze der menschlichen Existenz, den illusorischen Charakter von Glück, Macht oder Stabilität, und betonte die stete Veränderlichkeit von Rollen, Launen und Gefühlen. Die Metapher des Theatrum mundi verwandelte die düstere Sicht des menschlichen Lebens und Todes in ein gewaltiges Theaterspektakel, in dem sich die Melancholie mit feierlicher Majestät vermischte. Das Leben wurde zu einem Traum, einem schrecklichen Albtraum, in dem die Figuren ihre Rollen unfreiwillig spielten und in dem alles möglich war.

Das bedeutendste Werk zu dem Thema war in jener Zeit Robert Burtons The Anatomy of Melancholy (1621). Burton (1577-1640) war ein englischer Gelehrter und Vikar der Oxford-Universität. The Anatomy of Melancholy wird als sein Lebenswerk betrachtet. Seine stimmungsorientierte Behandlung der Melancholie ist von Hippokrates und Galen abgeleitet und assoziiert die Melancholie mit einem Überschuss an schwarzer Galle. Seiner Ansicht nach war die Melancholie nicht nur eine körperliche Krankheit, sondern auch eine geistige, die aus einer Disharmonie zwischen Körper und Seele resultierte. Sie stand mit Schwäche und einem Mangel an Lebensenergien in Verbindung. Burton glaubte, dass Melancholie keine Serie von Anfällen war, sondern ein fixes Verhalten, Morbus chronicus, eine allgemeine Qualität, der die menschliche Existenz unterliegt. Andere Gelehrte, die in jener Zeit ihre Werke dem Thema der Melancholie widmeten, waren Thomas Wright mit Passions of the Mind (1601), Thomas Adams mit Deseases of the Soul: A Discourse Divine, Moral and Physical (1616), Richard Baxter mit seiner Christian Directory (1673) und der französische Arzt André du Laurens, dessen Ein Diskurs über die Wahrung der Sicht: Von melancholischen Krankheiten, von Rheuma und hohem Alter (1599) sehr einflussreich und weithin bekannt waren in Europa.

Die Aufklärung: Vom Geist zum Fleisch


„Die Ärzte nennen jene Krankheit eine Melancholie, in der der Patient lange und hartnäckig ohne ein Fieber deliriert und immer auf ein- und demselben Gedanken beharrt.”26

Das Ende des siebzehnten Jahrhunderts brachte die Entstehung völlig neuer Betrachtungsweisen der Melancholie mit sich. Die übernatürlichen Aspekte von Wahnsinn, Obsessionen, Sorgen oder Passivität wurden allmählich durch eine Lehre der Melancholie als einer geistigen Krankheit oder eines Zustands von emotionaler Instabilität ersetzt. Die Entwicklung der Medizin im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert verwarf die Humoralpathologie und führte zur Verbreitung von Begriffen wie Neurosis oder Phobia. Zeitgenössische Ärzte wie William Cullan (1710-1790) sprachen erstmals von einer Erkrankung des Nervensystems, die viele emotionale und mentale Störungen einschloss. Melancholische Menschen wurden nun in Asylen untergebracht und medizinisch behandelt.

Die neuen Vorstellungen sollten die Weltanschauung und die medizinischen Theorien von der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts an durch die Zeit der Aufklärung hinweg beeinflussen. Einer der ersten Neuerer, war Thomas Willis (1621-1685), ein Gründungsmitglied der Royal Society in London. Er verwarf die Säfte und lehnte den Glauben daran ab, dass die schwarze Galle irgendeine Rolle bei der Melancholie spielte, die „eine komplizierte Krankheit von Gehirn und Herz” war. Seiner Ansicht nach konnte Melancholie entweder eine kognitive Funktionsstörung sein oder etwas, das das Verhältnis zwischen Vernunft und Leidenschaften betraf. Willis prägte den Begriff „Neurologie“, mit dem die „Lehre von den Nerven“ bezeichnete. Seine Anatomie des Gehirns und der Nerven ist ausführlich in Cerebri anatomi (1664) beschrieben. Er war nicht der Einzige, der das Studium des Geistes zu einem Studium des Gehirns umwandelte. Die neue Zeit brachte ein Heranwachsen von Materialismus und Atheismus, Wissenschaft und atomistischer Philosophie. Im Jahre 1689 veröffentlichte der englische Autor Thomas Tryon A Treatise of Dreams and Visions, worin er Galens Säfte „eher Formen und Worte denn Realitäten” nannte und darlegte, dass alle geistigen Krankheiten „entweder durch irreguläre Leidenschaften des Geistes oder giftige Ablagerungen durch schlechte Ernährung oder unstimmigen Wuchs des Körpers” entstanden. Alle Antworten waren in der Physiologie enthalten.27

Die Vorstellungen von den Säfte verschwanden jedoch nicht. Sie wurden einfach durch ihre psychologischen Äquivalente ersetzt. Während einst der menschliche Organismus als eine Mischung von subtilen Energien und eine perfekte Widerspiegelung der kosmischen Harmonie angesehen wurde, wurde er nun als eine Masse von Nerven, Geweben, Fasern und Zellen angesehen. Die Säftelehre wurde jedoch als psychologisches Modell benutzt und es gab noch immer einen Platz für sie in der neuen Philosophie, in der der Geist zu Materie gemacht worden war. Als die Humoralpathologie offiziell verworfen wurde, wurden neue Vorstellungen über die Existenz und die Natur der Seele in die zeitgenössische Weltanschauung eingeführt. Die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts umfasste mehrere Bewegungen, von denen die wichtigsten der biologische Mechanismus und der Vitalismus waren. Während Ersterer den kartesianischen Ideen des vorangegangenen Jahrhunderts folgte und ein materialistisches und rationales Herangehen an den Menschen und das Universum vertrat, regte Letzterer eine alternative Annahme an: Die Prozesse des Lebens waren nicht durch die Gesetze der Physik allein erklärbar und das Leben war zu einem gewissen Teil selbstbestimmt. Der Vitalismus entwickelte eine neue Vorstellung vom lebenden Organismus, der nun als mit innerer mystischer Kraft ausgestattet angesehen wurde, die im Blut und den Nerven enthalten war. Diese Kraft hielt man für das vitale Prinzip, die oft auch als „Lebensfunke” oder „élan vital” bezeichnet und manchmal mit älteren Vorstellungen von der Seele gleichgesetzt wurde. In den folgenden Jahrhunderten sollte diese Ansicht eine signifikante Rolle bei der Entwicklung des westlichen Okkultismus und Lehren wie der „odischen Kraft” von Carl Reichenbach oder des „animalischen Magnetismus” von Anton Mesmer spielen.

Jetzt herrschten die materialistischen und mechanistischen Ideen der Zeit vor. Die Ärzte, die den Körper und das Gehirn untersuchten, waren primär am Verständnis der Ursachen und der Natur der Krankheit interessiert, und überließen die Angelegenheiten der Seele der Religion. Der holländische Arzt und Humanist Herman Boerhaave (1668-1738) veröffentlichte im Jahre 1735 eins seiner bekanntesten Werke: Aphorismen: Über das Wissen und die Heilung von Krankheiten, in dem er die Vorstellungen jener Zeit über die Melancholie populär behandelt. Er behält die stimmungsorientierte Sprache früherer Jahrhunderte bei und stellt fest, dass die Krankheit aus „der Bösartigkeit des Blutes und der Säfte” entsteht, die die Alten die „schwarze Galle” nannten, doch für ihn war die schwarze Stimmung ein pathologisches Nebenprodukt eines rein mechanischen Geschehens im Blut. Unter den Formen von Melancholie nannte er Spleen und Hypochondrie im Sinne von Unzufriedenheit und Untätigkeit, die aus einer Verdickung und Verlangsamung der Körperflüssigkeiten resultierten. Er unterschied auch „die sorgenvolle Art der Melancholie” von Wahnsinn, den er als eine „wilde Raserei” beschreibt und der durch extreme Wahnvorstellungen charakterisiert wird.28 In den frühen 1700ern stellten sich viele Gelehrte wie Boerhaave den Organismus noch immer nach dem traditionellen Säftemodell vor. Es war nicht ungewöhnlich, sich Teilchen vorzustellen, die in Flüssigkeiten durch die Nerven reisten und Melancholie als ein Ergebnis von Veränderungen in der Qualität dieser Flüssigkeiten und der Bewegung der Teilchen vorzustellen.

In den späten 1700ern wurde Melancholie primär als eine neurologische Erkrankung verstanden. Der erste, der neurologische Krankheiten nach ihren Symptomen klassifizierte, war William Cullen, dessen Lehren einen signifikanten Einfluss auf andere Ärzte und Philosophen ausübten. Im Jahre 1801 veröffentlichte der französische Doktor Philippe Pinel (1745-1826), der auch als einer der Väter der modernen Psychiatrie bekannt ist, seine Abhandlung über die Verrücktheit. Pinel unterschied fünf Arten von geistigen Störungen: Melancholia (“Delirium über ausschließlich ein Thema”), Mania ohne Delirium, Mania mit Delirium, Dementia und Idiotie. Seiner Ansicht nach war Melancholie eine sehr breit gefächerte Kategorie, die Fälle von vorübergehenden Anfällen, gewohnheitsmäßiger Depression und Angst, lang anhaltende Charakterzüge und ernste Zustände einschloss, die in Selbstmord enden oder zur Manie degenerieren konnten. Er schrieb auch geistige Störungen einem weiten Bereich von vermutlichen Ursachen zu wie Erblichkeit, schlechter Behandlung, den Schrecken von Kriegen, unregelmäßigem Lebenswandel, „spasmodischen” und „schwächenden” Leidenschaften, Trunk, Anomalien der Schädelstruktur, dem Zustand der Haut, häuslichem Unglück, religiösem Fanatismus, Menstruation und Menopause bei Frauen, und vielen anderen psychologischen Faktoren.29 Seine Theorien übten einen großen Einfluss auf die entstehende Psychiatrie des neunzehnten Jahrhunderts aus und wurden von anderen Gelehrten wie Jean-Étienne Dominique Esquirol (1772-1820) weiterentwickelt. Esquirol sah das Konzept des Wahnsinns als institutional und national an, wobei die Hilfe von Ärzten eine entscheidende Rolle bei der Behandlung der Armen spielte oder von Leuten, die wegen Verbrechen angeklagt, aber wegen ihrer Verrücktheit nicht verantwortlich für ihre Taten waren. Er unterteilte die allgemeine Klassifizierung der Melancholie in Lypemania und Monomania und schlug vor, dass Verrücktheit in speziellen Hospitälern von Ärzten mit einer speziellen Ausbildung behandelt werden sollte, was stark zur Verbesserung der Pflege und Behandlung der geistig Gestörten beitrug. Neue Trends in der Psychiatrie wurden auch von anderen Theoretikern beeinflusst. Im Jahre 1812 veröffentlichte der amerikanische Arzt Benjamin Rush (1745-1813) sein Werk Medical Inquiries and Observations upon the Diseases of the Mind, das seine Theorie der Melancholie enthielt und im zeitgenössischen Europa sehr einflussreich wurde. Rush entwickelte den Begriff der Hypochondrie und führte eine neue Terminologie in das Studium der Melancholie ein. Er ersetzte den Begriff „Hypochondria” durch „Tristimania”, was seiner Ansicht nach die Form des Wahnsinns bezeichnet, wenn das Leiden des Patienten in Wahnvorstellungen über seine Person, seine Angelegenheiten oder seinen Zustand bestand. Anstelle des Begriffs „Melancholia” setzte er „Anemomania”, was sich auf Wahnvorstellungen über die umgebende Welt bezog. Als wirksame Mittel gegen diese Leiden nannte er „solche Mittel, die direkt auf den Körper wirken” wie Aderlass, Abführ- und Brechmittel, eine reduzierte Ernährung, Stimulantien und Medizinen, warme und kalte Bäder, Körperübungen und das Zufügen von mildem Schmerz.30

Wahnsinn und Verrücktheit nahmen eine signifikante Stellung in der zeitgenössischen Psychiatrie und dem philosophischen Denken ein. Einer der größten Vertreter des Zeitalters der Vernunft, Immanuel Kant (1724-1804), verstand geistige Störungen als einen Defekt des Verstandes. Er unterteilte sie in drei Kategorien: Melancholia, Mania und Verrücktheit. Melancholia war eine wahnhafte Störung, die mit falschen Glaubensvorstellungen zu tun hatte, die Kant mit Hypochondria gleichsetzte, wobei er den Begriff im modernen Sinne gebrauchte, um jemanden zu beschreiben, der eingebildete Krankheiten für tatsächliche hält.

Im achtzehnten Jahrhundert wurden Psychiatrie, Medizin und Philosophie zu getrennten Bereichen. John Locke (1632-1704) stellte den Gedanken vor, dass alle geistigen Prozesse, einschließlich des Verstandes, aus der Erfahrung erwuchsen, und im Verlauf des Jahrhunderts half diese Ansicht beim Verständnis des Deliriums in Begriffen der individuellen psychologischen Geschichte. Wahnsinn war nicht mehr eine Frage übersteigerter Leidenschaften, sondern eine Störung der kognitiven Fähigkeiten. Der Geist wurde zum Studienobjekt für die neue Wissenschaft der Psychiatrie, die Medizin kümmerte sich um den Körper und die Seele überließ man den Moralphilosophen und Theologen.

Doch geistig kranke Menschen waren nicht nur Bündel von Nerven. Sie waren Personen und sie hatten die spirituellen Angelegenheiten niemals vergessen. Die neuen Wissenschaften boten keinerlei Verständnis der Natur des (spirituellen) Geistes. Gewaltige Mechanismen konnten Fabriken bauen, aber keine „zerbrechlichen Seelen trösten oder zerbrochene Körper reparieren.”31 Die Unbefriedigtheit mit der zeitgenössischen Philosophie und der schnelle Fortschritt der Wissenschaft führte zu einer Zunahme von Furcht und der Rückkehr des Pessimismus, der bald seinen Ausdruck in der Romantik und dem neuen Versuch einer Suche nach der Seele und der spiritualisierten Natur finden sollte. Einmal mehr würde die Melancholie Verrücktheit mit Genie verbinden, und die Welt sich der Leidenschaft und Verzweiflung zuwenden, der Ekstase und dem Leiden, inspiriertem Wahnsinn und spirituellem Tod und Wiedergeburt.

Das neunzehnte Jahrhundert: Begeisterung und Spleen


„Ich kann mir kaum eine Art von Schönheit denken, in der keine Melancholie ist.”32

Das Verhalten und die emotionalen Zustände von melancholischen Menschen wurden bald als „manisch-depressive Psychose” klassifiziert und zum Forschungsthema vieler prominenter Psychoanalytiker und Psychiater. Sigmund Freud und Carl Gustav Jung versuchten melancholische Zustände durch die Deutung von Träumen, freien Assoziationen und das tiefe Studium des menschlichen Selbst zu erklären. Gleichzeitig entwickelten moderne Philosophen ihre eigenen Theorien, in denen Melancholie als eine Krankheit der Seele beschrieben wird, ein spirituelles Gefühl von Hoffnungslosigkeit. Der Aufstieg von Zivilisation und Technologie führte zum Identitätsverlust, und in den Zeiten dieser Veränderungen fühlten sich die Einzelnen verloren und mussten eine neue Bedeutung in der umgebenden Welt finden. Diese Suche begründete Bewegungen wie den Vitalismus und Mesmerismus, die sentimentale Rückkehr zur Natur in der Philosophie von Jean Jaques Rousseau (1712-1778), die Naturtheologie und die verstörende Sicht der Menschheit, wie sie in solchen Werken wie Mary Shelleys Frankenstein zum Ausdruck kommt.

Mesmerismus ist ein Begriff, der sich auf die magnetischen Experimente bezieht, die am Ende des achtzehnten Jahrhunderts von dem deutschen Arzt und Astrologen Franz Anton Mesmer (1734-1815) durchgeführt wurden. Er entwickelte die Theorie, dass alle lebenden Wesen mit einem „animalischen Magnetismus” ausgestattet seien, einer unsichtbaren magnetischen Flüssigkeit, die den Körpern innewohnt und mit den Planeten in Verbindung steht. Von der Mitte der 1770er an benutzte er Magneten, um den Fluss von Energien durch die Körper von Menschen zu induzieren, die an verschiedenen Leiden litten. Er verstand Gesundheit als den freien Fluss von Energien durch tausende von Kanälen im menschlichen Körper. Krankheit wurde durch Behinderung dieses Flusses verursacht. Die Gesundheit konnte wiederhergestellt werden, indem diese Hindernisse überwunden wurden und der Fluss wieder ins Gleichgewicht gebracht war, was mittels eines magnetischen Leiters geschah. Mesmer erklärte, dass der Körper durch seine magnetische Flüssigkeit mit dem Universum verbunden war, kanalisiert durch externe Magnete und Metalle. Seine Theorie und medizinischen Experimente lieferte eine attraktive Alternative für jene, die auf der Suche nach einer anderen Behandlung waren als derjenigen, die von den Praktizierenden des Mainstream angeboten wurde. Das Zentrum seiner Methode war das populäre Konzept der Hypochondrie und sie schien bei psychosomatischen Krankheiten Wunder zu wirken. Die Natur der Behandlung unterschied sich jedoch von den zeitgenössischen Trends der Medizin. Mesmer schuf ausgefeilte Settings für seine Sitzungen mittels seltsamer Klänge, Dunkelheit, dicker Vorhänge, Flöten, fließendem Wasser, Spiegeln und anderen Elementen, von denen man die Erzeugung einer „Krise” erwartete, welche die Blockade auflöste, die die körperliche Krankheit verursachte.33 Der Mesmerismus markiert den Beginn der Periode, in der die Welt des Okkulten den Geist des Einzelnen wieder zu faszinieren und zu inspirieren begann.

Die rationale und mechanistische Herangehensweise an Krankheiten wurde durch ein vitalistisches Denken ersetzt, und Verrücktheit wurde nicht mehr als eine Störung des Verstandes angesehen, sondern als ein Ergebnis gewaltsamer und stürmischer Leidenschaften, die die Seele der Freiheit beraubten und Störungen des Geistes verursachten. Im Jahre 1818 veröffentlichte der deutsche Arzt Johann Heinroth (1773-1843) sein Werk Störungen des Seelenlebens, das die zeitgenössische romantische Philosophie stark beeinflusste. Er klassifizierte geistige Störungen in drei Hauptkategorien: Exaltationen, Depressionen und „gemischte Zustände” von Exaltation und Schwäche. Seine Theorien der Verrücktheit waren von den Ansichten der Ethik und Moral beherrscht. Er glaubte, dass die Seele die Herrschaft über den Körper hatte und dass Geisteskrankheit und viele somatische Krankheiten von den Interaktionen zwischen Körper und Seele verursacht wurden. Heinroth betrachtete auch Sünde als eine Ursache von Geisteskrankheit. Diese Ansicht wurde von einem anderen Psychiater der Romantik geteilt, Wilhelm Griesinger (1817-1868), der an die Einheit von Körper und Seele glaubte und die Symptome der Melancholie als gefühls- und launenzentriert ausmachte. In seinem bekanntesten Buch Mentale Pathologie und Therapeutik legte er dar, dass die Melancholie ein Zustand war, der der Verrücktheit voranging: Zuerst gab es melancholische Zustände, denen Zustände von mentaler Exaltation folgten, und schließlich endete der Patient in chronischer Demenz. Für ihn war das Stadium melancholicum die einleitende Periode der Geisteskrankheit.34

In den bildenden Künsten, der Musik und Literatur war die Romantik eine Revolte gegen die aristokratischen gesellschaftlichen und politischen Normen in der Zeit der Vernunft und eine Reaktion gegen die wissenschaftliche Rationalisierung der Natur. Leidenschaften und Emotionen wurden zur Quelle ästhetischer Erfahrung, begleitet von einer Faszination von Horror und Ehrfurcht. Melancholie wurde als eine Mischung von Freude und Leiden angesehen, Energie und Passivität, Vitalität und Verzweiflung, wie es in dem Gedicht Ode an die Melancholie von dem englischen romantischen Dichter John Keats (1795-1820) dargestellt wird. Schwarze Stimmungen und melancholische Gedanken wurden mit Wonne genossen, und die Phasen von Schwermut und Launenhaftigkeit inspirierten Neigungen zu Perversion, Masochismus, Sadismus und Dekadenz. Die führende Figur der leidenschaftlichen und melancholischen Bewegung in der europäischen Romantik war George Gordon, Lord Byron (1788-1824), der von seinen Zeitgenossen oft als ein Mann von „aufgewühlten Leidenschaften” und „rastloser Melancholie” beschrieben wurde. Lord Byrons Ruhm beruht auf seinen literarischen Werken ebenso wie auf seinem ungestümem und unbeständigem Lebenswandel. Er hatte den Ruf, extravagant zu sein, melancholisch, exzentrisch, schrill und unkonventionell, und seine Freunde waren von seinen Stimmungsumschwüngen so verwirrt, dass sie ihn für geistig krank hielten. Feurig, unbeständig, mit einem Temperament, das als „natürlich brennend” beschrieben wurde, geriet Byron oft in extreme Depressionszustände. In seiner Poesie beschrieb er den romantischen Menschen als „halb Staub, halb Gottheit, gleichsam unfähig zu sinken oder aufzusteigen”, eine „gemischte Essenz”, einen „Konflikt der Elemente.” Seine autobiografischen Gedichte waren voll von extremen Emotionen, melancholisch, oft sardonisch, mit einem Gefühl von verlorenem Sinn und missbrauchten Leidenschaften, Erhöhung und Horror, Kummer und Vergnügen, Ewigkeit und Veränderung.35 Über sich selbst schreibt Byron: „Schwer von Liebe, verzehrt vom Spleen.” Diese Neigung zu Unzufriedenheit, Freudlosigkeit, Untätigkeit und Entrücktheit wurde in der Zeit der Romantik als Byronismus oder Wertherismus bekannt und bezeichnete die zeitgenössische Neigung zu Exzessen, heroischer Verzweiflung und Melancholie.

Seit der Entstehung des Existentialismus assoziierten die Philosophen melancholische Geisteszustände mit dem Gefühl von Weltschmerz, mangelnder Erfüllung, Unbefriedigtsein und hoffnungsloser Sehnsucht. Die Melancholie wurde zu einem Zustand der spirituellen Dunkelheit, der schwarzen Leere, in der alle menschlichen Anstrengungen vergeblich und die Existenz sinnlos war. Eine der bedeutendsten modernen philosophischen Theorien über die Melancholie waren die Vorstellungen des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard (1813-1855). In Entweder/Oder definiert er die Melancholie als „spirituelle Hysterie”, einen Prozess der spirituellen Reifung, der zu Selbsterkenntnis und Ewigkeit führt, die jedoch nicht erlangt werden kann. Die andere und extremere Form von Kierkegaards „spiritueller Hysterie” war die Verzweiflung. Dem dänischen Philosophen nach war der Zustand der Verzweiflung die Krankheit des Selbst, das Siechtum bis zum Tod. Sie war eine spirituelle Schwäche, die den Körper jedoch nicht töten konnte. Ein Leidender war todkrank, aber die Krankheit führte nicht zum Tod, weil ihre Natur das Leiden und die Unfähigkeit war, zu sterben und sich vom Schmerz zu befreien. Langeweile war ein Lieblingsthema der Mehrheit der existentialistischen Philosophen. Besprechungen dieses Konzeptes sind in den Schriften von Arthur Schopenhauer (1788-1860) zu finden, jenes deutschen Philosophen, der für seinen atheistischen Pessimismus bekannt war, und später in den Werken von Martin Heidegger (1889-1976). Heidegger schrieb über die Langeweile in seinem Die fundamentalen Konzepte der Metaphysik und in dem Essay Was ist Metaphysik? Schopenhauer benutzte das Konzept der Langeweile, um die Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz zu beweisen.

Die milde Form der „spirituellen Hysterie” war die Nostalgie, eine schwärmerische und sentimentale Sehnsucht nach etwas Vergangenem und üblicherweise Unwiederbringlichem. Johannes Hofer (1669-1752) beschrieb die Nostalgie als Heimweh, die starke Sehnsucht nach Haus und Familie (der Begriff „Nostalgie” ist vom griechischen nostos, was „heimkehren” bedeutet und algos – Leiden abgeleitet). Seine Bedeutung reicht jedoch viel tiefer. Nostalgie war die melancholische Sehnsucht nach etwas, das unwiederbringlich verloren war. Es war der Mangel an Harmonie zwischen jemandes Vision des Universums und der feindseligen Realität. In der zeitgenössischen Literatur war sie die Krankheit der Unzufriedenheit.

Eine andere moderne Theorie war das Konzept des Spleen oder Ennui. Der Begriff „Spleen” tauchte in England im frühen siebzehnten Jahrhundert als Synonym für Hypochondrie auf. In den folgenden Jahrhunderten wurde er zum populärsten Ausdruck in den Beschreibungen von Melancholie. Zuerst hatte man geglaubt, dass die Krankheit aus Störungen der Milz (engl: Spleen) resultiere und ihre Symptome wurden allgemein mit Hysterie in Verbindung gebracht. Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert jedoch wurde der Begriff „Spleen” mit einer bestimmten Art von Depression assoziiert, einer Mischung aus Langeweile und Schwermut, die aus einer pessimistischen und zynischen Sichtweise der umgebenden Realität resultierte. Ennui war ein französischer Begriff für denselben emotionalen Zustand (abgeleitet vom altfranzösischen Enui – Verärgerung), der fast zur selben Zeit auftauchte und von Charles Baudelaire (1821-1867) in seinem Les Fleurs du Mal entwickelt und bekannt gemacht wurde. Der in Baudelaires Poesie dargestellte Zustand von Melancholie ist dunkel, erschreckend, schmerzhaft, hoffnungslos und voll von Verzweiflung. Diese Stimmung prägt auch berühmte zeitgenössische Werke der Literatur wie z.B. Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray (1890) oder J-K Huysmans À rebours (Wider die Natur, 1884). Im neunzehnten Jahrhundert bezeichneten Spleen und Ennui den Zustand von Schlaffheit und Unbefriedigtsein, der aus Interesselosigkeit oder Langeweile resultiert, dem anhaltenden Erleben der Zeit als einer Last. Die Monotonie der weltlichen Routinen und ermüdenden Handlungen verursachte Langeweile, schwächte den Willen und führte schließlich zu einem Gefühl von tiefer Depression. Spleen oder Ennui waren das Stadium der absoluten Passivität, der Zustand, in dem alle Taten sinnlos waren, ermüdend und stumpf.

Es war das Lebensgefühl der Dekadenzbewegung im späten neunzehnten Jahrhundert, als Künstler, Autoren und Philosophen das Künstliche über die typisch romantische spiritualisierte Sicht der Natur setzten. Die Dekadenz oder Fin de siècle war die Zeit des Niedergangs und einer wahrgenommenen Erosion der moralischen Werte und Traditionen. Der Ausdruck Fin de Siècle bezieht sich üblicherweise auf das Ende des neunzehnten Jahrhunderts in Europa, speziell Frankreich, und wird mit bestimmten französischsprachigen Kreisen in Paris und Brüssel assoziiert, zu denen Dichter und Schriftsteller wie Stéphane Mallarmé (1842.1878), Oscar Wilde (1854-1900), Comte de Lautréamont (1846-1870), Joris-Karl Huysmans (1848-1907) oder Arthur Rimbaud (1854-1891) gehörten. Die Bewegung der Dekadenz wurde auch mit anderen Bewegungen wie dem Symbolismus oder der Ästhetik assoziiert und drückte sich in erwartungsvoller Aufgeregtheit und Verzweiflung angesichts des bevorstehenden Jahrhundertwechsels aus. Fin de Siècle wird oft als die melancholischste Periode der westlichen Kultur bezeichnet.

Der Zustand des Spleen oder Ennui war eng mit dem Konzept der schwarzen Melancholie verwandt, das in der Romantik vorherrschte. Die romantische Literatur präsentierte die Welt oft als ein riesiges Grab und eine schwarze Leere, wie es in Edward Youngs Night Thoughts (1745) beschrieben wird. Diese düstere Sicht des Universums wurde als schwarze Melancholie bezeichnet, mit Depression und Verzweiflung assoziiert und als Grund für zahlreiche Selbstmorde angesehen. Die schwarze Melancholie (später mit dem deutschen Begriff Weltschmerz bezeichnet) war der ultimative Pessimismus, der aus der Kontemplation über die Welt resultierte, ein vages Sehnen und Unzufriedenheit mit der umgebenden Wirklichkeit, und das Taedium vitae, der Überdruss und die Abscheu vor dem Leben. In der Romantik wurde diese Einstellung auch durch das Erscheinen von Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther populär, dessen Protagonist ein hypersensibler junger Mann war, der unter schweren Anfällen von Melancholie litt. Sein Zustand wurde als Weltschmerz (ein Gefühl des unter der Welt Leidens) oder Ichschmerz (ein Gefühl von Unzufriedenheit mit sich selbst) bekannt.

Die schwarze Melancholie war, ähnlich wie der Spleen, von einem tiefen Gefühl von innerer Leere und Hoffnungslosigkeit der Existenz charakterisiert. Ihre Ursache war jedoch etwas anderes als lediglich Langeweile. Während der Spleen aus der Ermüdung durch die Aspekte des äußeren Welt wie den Routinen des Lebens resultierte, war die schwarze Melancholie tief im menschlichen Selbst verwurzelt. Die Kontemplation über die Leere der äußeren Welt führte zur Entdeckung der eigenen inneren Leere, des unerforschten dunklen Abgrunds, der das Zentrum der eigenen Seele bildet. Man glaubte, dass es eine enge Verbindung zwischen der äußeren Realität und den inneren geistigen Zuständen gab. In diesem Sinne war die schwarze Melancholie die Wahrnehmung der Leere, innerlich wie äußerlich. Die Welt der romantischen Melancholie war das Reich der Zweifel und vagen Gestalten, die bedeutungslose Domäne der Verwirrung, in der das Leben keinen Sinn hatte. Menschliche Wesen waren nur noch leere Schalen, bar einer Essenz, einer Lebenskraft, die ihre Existenz rechtfertigen würde. Alles in der Welt war illusorisch. Der Mensch war von trügerischen Erscheinungen umgeben, während die wahre Essenz der Objekte der menschlichen Wahrnehmung verborgen blieb. Diese Unfähigkeit, die verborgene Realität zu durchschauen und den Sinn der eigenen Existenz zu finden, war eine der Hauptursachen der schwarzen Melancholie. Diese Einstellung wurde später von J.P. Sarte als „die Übelkeit” beschrieben, die obsessive Beschäftigung mit der eigenen Existenz im Verhältnis zur Außenwelt. Die Konfrontation mit der wahren Natur von Leben und Tod und das Bewusstsein der eigenen Schwäche resultierte in der Übelkeit, dem anhaltenden Erleben der Existenz als einer Last. Es war das Gefühl, das jemandes Empfindsamkeit fast völlig zerstörte.

Hin zur modernen Psychiatrie


„Die kennzeichnenden mentalen Eigenschaften der Melancholie sind eine grundlegend schmerzliche Schwermut, ein Abbruch des Interesses an der Außenwelt, Verlust der Liebesfähigkeit, Hemmung aller Aktivität und ein Sinken des Selbstbewusstseins.”36

Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts wurde der Begriff „Melancholie” in der Medizin durch den Begriff „Depression” ersetzt, was die Entwicklung der modernen Psychiatrie einleitete, während die Bedeutung des Wortes „Melancholie” selbst auf Trauer und Gram begrenzt wurde.

In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts wurde Deutschland als das Zentrum der europäischen Psychiatrie angesehen und der einflussreichste Vertreter der neuen psychiatrischen Medizin war der deutsche Arzt Emil Kraepelin (1856-1926) Seine Beschreibung und Klassifizierung der Geisteskrankheiten wurde in zwei Werken veröffentlicht: Compendium und Kurzes Textbuch. Er widmete einen großen Teil seines Werkes der Besprechung der manisch-depressiven Verrücktheit, die er als „einerseits den gesamten Bereich der sogenannten periodischen und zirkulären Verrücktheit, andererseits einfache Manie, den größeren Teil der als Melancholie bezeichneten morbiden Stadien und auch eine nicht unbeachtliche Anzahl von Fällen von Amentia (verwirrte oder delirierende Verrücktheit)” einschließend beschrieb.37 Kraepelin unterteilte depressive Zustände in mehrere Kategorien: Melancholia simplex (die leichtesten depressiven Stadien, charakterisiert durch einfache psychische Hemmungen ohne Halluzinationen oder merkliche Wahnvorstellungen, begleitet von grundlegend in sich gekehrter Niedergeschlagenheit, düsterer Hoffnungslosigkeit und völligem Fehlen von Energie), Melancholia gravis (charakterisiert durch häufige Halluzinationen und Wahnvorstellungen, moralische Obsessionen und Verfolgungsideen), paranoide Melancholie (morbide Stadien mit extremen Wahnvorstellungen, Schwermut, Verzweiflung, düsteren Stimmungen und Selbstmordtendenzen), fantastische Melancholie (umfasst üppige Halluzinationen, fantastische und hypochondrische Wahnvorstellungen, Vernichtungsideen, umwölktes Bewusstsein und Willensstörungen) und delirierende Melancholie (delirierende Depressionsstadien mit einer grundlegend fantastischen Umwölkung des Gewissens).

Der Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts brachte die Entwicklung eines neuen medizinischen Bereichs mit sich, der psychoanalytischen Bewegung. Die Grundlagen der psychoanalytischen Theorien basierten auf den Ideen, die von dem österreichischen Arzt Sigmund Freud (1856-1939) vorgestellt wurden. Zu ihm gesellten sich bald die Schweizer Psychiater Paul Eugen Bleuler und Carl Gustav Jung sowie der Österreicher Alfred Adler. Im Jahre 1910 gründeten sie die Internationale Psychoanalytische Gesellschaft. Im Jahre 1917 veröffentlichte Freud seinen Essay Trauer und Melancholia, in dem er die beiden Phänomene als eng miteinander verwandt beschrieb, da beide Reaktionen eines undefinierten Verlustes oder der Trennung von einem geliebten Objekt waren. Er machte jedoch einen fundamentalen Unterschied zwischen diesen zwei emotionalen Zuständen aus. Während Trauer nach dem Verlust einer Person oder einer abstrakten Idee wie z.B. Freiheit aufkommt, bleibt die Ursache der Melancholie unbekannt. Trauer ist durch einen Rückzug von der umgebenden Welt charakterisiert und auf die Gefühle des Betreffenden nach der Trennung von einem wichtigen Aspekt seines Lebens ausgerichtet. Bei der Melancholie ist der Verlust nicht klar definiert. Die Person leidet unter Gram, ohne sich eines Grundes dafür bewusst zu sein. In diesem Sinne ist die Trauer ein Zustand mit Bezug zur Außenwelt, während die Melancholie zu einem inneren Zustand des menschlichen Selbst wird. In der Trauer nimmt die Person die Außenwelt als leer und bedeutungslos wahr. In der Melancholie ist es das Selbst, das ruiniert und leer wird. Eine melancholische Person ist isoliert, depressiv und erlebt den Verlust „des anderen” als den Verlust des eigenen Selbst. Die freudianische Melancholie ist dann eine Form des Narzissmus, die verzweifelte Sehnsucht nach dem eigenen Selbst, das verloren gegangen ist. Dies ist der Grund, weshalb es so schwierig ist, die Ursache der Krankheit zu definieren, und weshalb sie durch extreme Selbsterniedrigung charakterisiert ist.

Freud identifizierte auch den Selbstzerstörungstrieb als einen weiteren Aspekt der Melancholie. Er beschrieb diese Neigung als „Todesinstinkt” (in der psychoanalytischen Literatur auch als „Thanatos” bezeichnet). Nach Freud gibt es zwei angeborene Tendenzen, die die menschliche Existenz bestimmen: Den Wunsch zu leben (Eros) und den Todeswunsch (Thanatos). Der Todesinstinkt kann auf andere oder auf sich selbst gerichtet sein. Er ist oft eine Mischung aus Selbsthass, sexueller Perversion und melancholischen Obsessionen. In diesem Sinne wird das Leben als beständiger Kampf zwischen dem instinktiven Wunsch nach Leben und der Sehnsucht nach dem Tod angesehen.

Freuds und Jungs Lehren wurden zur Grundlage der modernen psychologischen Ansichten über die Melancholie. In den Vorstellungen, die in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts vorherrschten, bezog sich der Begriff „Melancholie” allein auf Gram, während alle anderen Aspekte dieses Zustands mit Depression assoziiert wurden. Der modernen Psychologie zufolge ist Depression der Zustand, in dem sich jemand ohne bestimmten Grund grämt. Das Leben und alle Anstrengungen scheinen sinnlos zu sein, die Welt wird dunkel und leer, und die Sicht der Zukunft wird von einer Folge melancholischer Bilder getrübt. Die natürliche Lebensenergie schwindet, jede Entscheidung ist schwierig und selbst die trivialsten Dinge erscheinen als unlösbare Probleme. Diese Veränderung ist sowohl im emotionalen als auch im körperlichen Zustand erkennbar. Solch eine Person neigt dazu, meist über die Hoffnungslosigkeit des eigenen Lebens nachzudenken, und träumt vom Tod, der die einzige Lösung und Flucht von der Last der Existenz zu sein scheint. Das Gedächtnis wird schwach, jeder Gedanke ist schmerzlich, die Lebensdynamik verlangsamt sich und der Betroffene erlebt Apathie und innere Schwere. Das Leben wird dunkel und der natürliche Rhythmus von Tag und Nacht ist gestört. Der Zyklus von Tag und Nacht wird im menschlichen Leben nicht nur mit dem biologischen Mechanismus des Schlafens und Erwachens assoziiert, sondern auch mit einer bestimmten Wahrnehmung der Realität. Im Licht ist die Welt hell, rational, logisch und sicher. In der Dunkelheit ist alles unbekannt, furchterregend, irrational. Die Leere der Dunkelheit ist mit Bildern erfüllt, die die eigene Vorstellungskraft erschafft, manchmal angenehmen, manchmal extrem erschreckenden, wie im Fall der Depression. Der Leidende beobachtet sichtbare Veränderungen in seiner körperlichen Erscheinung, fühlt sich krank, körperlich schwach und von der Krankheit aufgezehrt.

In der heutigen Zeit wird der Begriff „Melancholia” in der Psychiatrie nicht mehr verwendet, und die geistigen Störungen, auf die er sich in den letzten Jahrhunderten bezog, fanden ihren Platz in einer allgemeinen Kategorie von affektiven oder Stimmungsstörungen. Größtenteils verschwunden ist auch die Idee der Kreativität, die den melancholischen Zuständen und dem „inspirierten Wahnsinn” nach den alten Vorstellungen von künstlerischem oder poetischem Genius zugeschrieben wurde. Viele dieser Ideen überlebten jedoch bis in die heutige Zeit in der Magie und dem westlichen esoterischen Denken. Sie wurden von okkulten Systemen übernommen, die aus den esoterischen Traditionen der Renaissance und der Romantik und dem Interesse am spirituellen Fortschritt des Einzelnen hervorgingen, in dem die Phasen von Brillianz und Erleuchtung abwechselnd mit den Perioden von Melancholie vorkommen, der dunklen Nacht der Seele, die ihre Bedeutung nie verloren hat für jene, die auf den Pfaden der Ewigkeit wandeln.

1 Arikha, Noga: Passions and Tempers: A history of the humours

2 Gleichwie stammt die endgültige Form der Humoralöpathologie aus dem 2. Jh. v.u.Z.

3 Seine Hauptschriften sind: Die Physik; Die Metaphysik; Nikomachische Ethik; Eudemische Ethik; Politik; Rhetorik; De Anima

4 De atrabile, De temperamentis, und De sanitate tuenda

5 Radden, Jennifer: The Nature of Melancholy

6 Hildegard von Bingen: Buch des ganzheitlichen Heilens

7 Arikha, Noga: Passions and Tempers: A History of the Humours

8 Radden, Jennifer: The Nature of Melancholy

9 Weyer, Johann: Of Deceiving Demons

10 Pico Della Mirandola, Giovanni: Oration on the Dignity of Man

11 Sein berühmtestes Werk über Geisteskrankheiten ist Von den Krankheiten die die Vernunft berauben.

12 Zitiert in: Radden, Jennifer: The Nature of Melancholy

13 Webster, John: The Duchess of Malfi

14 Der Corpus Hermeticum war eine Sammlung griechischer esoterischer Texte aus dem zweiten und dritten Jahrhundert, das geheime Weisheit enthalten sollte und Hermes Trismegistos zugeschrieben wurde, dem „dreifach großen Hermes“, ein Synkretismus aus dem griechischen Gott Hermes und dem ägyptischen Thoth. Die Sammlung wurde von Gelehrten der frühen italienischen Renaissance zusammengestellt, insbesondere Marsilio Ficino.

15 Tillyard, E.M.W: The Elizabethan World Picture

16 Plato: Ion

17 Tillyard, E.M.W: The Elizabethan World Picture

18 Ebenda

19 Rachwał,T., T. Sławek: Lines, Planes and Solids: Studies in the Seventeenth-century Writings

20 Ebenda

21 Agrippa, Henry Cornelius. Drei Bücher der Magie

22 Sibly, Ebenezer: A New and Complete Illustration of the Occult Sciences

23 Ebenda

24 Cuddon, J.A.: Dictionary of Literary Terms and Literary Theory

25 Webster, John: The Duchess of Malfi

26 Boerhaave, Herman: Aphorisms: Concerning the Knowledge and Cure of Diseases

27 Arikha, Noga: Passions and Tempers

28 Radden, Jennifer: The Nature of Melancholy

29 Ebenda

30 Ebenda

31 Arikha, Noga: Passions and Tempers

32 Baudelaire, Charles

33 Arikha, Noga: Passions and Tempers

34 Radden, Jennifer: The Nature of Melancholy

35 Redfield Jamison, Kay: Touched with Fire

36 Freud, Sigmund: Mourning and Melancholia

37 Zitiert nach: Radden, Jennifer: The Nature of Melancholy

Kapitel III - Furor Divinus
Die antike Sicht des Wahnsinns


„Tatsächlich ist der Rausch, wenn er als Geschenk vom Himmel kommt, der Kanal, durch den wir die größten Segnungen empfangen.“1

In Euripides‘ Die Bacchantinnen begegnen wir einer Szene, in der eine Gruppe von Frauen, die Bacchantinnen, in einem Zustand der Eks-tase tanzt, singt und wild schreit. Nach einer Weile hören sie auf zu tanzen und zerreißen in einer wilden Trance Tiere mit bloßen Händen. Sie greifen grasende Rinder an, reißen sie in Stücke und verstreuen die Teile ringsum. Man kann sehen, wie eine Rippe oder ein gespaltener Huf hier- oder dorthin geworfen wird. Teile, die an Fichten hängen, sind geschändet und triefen von Blut. Die Frauen bewegen sich wie Vögel, die von ihrer Geschwindigkeit angehoben werden, fallen wie der Feind über Dörfer her und kehren das Unterste zuoberst. Sie schleppen Kinder aus den Häusern und erschlagen jeden, der ihnen im Weg steht. Was immer sie sich auf die Schultern laden, bleibt dort, ohne festgemacht zu sein und fällt nicht auf die dunkle Erde, weder Bronze noch Eisen. Sie tragen Feuer in ihrem Haar, ohne dass es sie verbrennt. Als die Dörfler, aufgebracht über die Plünderung durch die Bacchantinnen, zu ihren Waffen eilen, lassen die Frauen ihre Thyrsosstäbe los, die die Männer verwunden und in die Flucht schlagen. Danach kehren sie dorthin zurück, von wo sie aufgebrochen sind, waschen sich das Blut ab, und Schlangen lecken mit ihren Zungen die Tropfen von ihren Wangen.2 Sie tun das zu Ehren von Dionysos in seinen Mysterien der Ekstase und Berauschung. Nach dem Ritus fallen sie erschöpft zu Boden und schlafen leblos. Was sie zum Wahnsinn treibt, ist die göttliche Besessenheit, ein Zustand, in dem sie außergewöhnlich stark und wild werden und in dem sie besondere Kräfte zu haben scheinen. In der Antike nannte man diesen Zustand Furor divinus, den göttlichen Rausch, und hielt ihn für ein Ergebnis von Besessenheit durch Götter oder Dämonen. Aber die ganze Idee, die hinter diesem Glauben steht, resultiert aus der engen Verbindung zwischen der Sicht des Wahnsinns und der Melancholie.

Man glaubte, dass melancholische Menschen wegen ihrer natürlichen Veranlagung anfälliger für Verrücktheit waren. Die Vorherrschaft der schwarzen Galle über die anderen Säfte machte sie wechselhaft und schwach, unfähig, dem Einfluss der Geister zu widerstehen, die ihre Seelen in Besitz zu nehmen versuchten. Man glaubte, dass melancholische Menschen besessen wurden, wenn die schwarze Galle heiß wurde und zum Gehirn aufstieg. Dann konnte eine Person zeitweilig den Verstand verlieren und sich wie von einer übernatürlichen Macht besessen verhalten. Dies konnte natürlich auch Menschen mit den drei übrigen Temperamenten geschehen, da die schwarze Galle in jedem menschlichen Organismus vorhanden war, aber eine melancholische Person erlebte diese Zustände sehr viel häufiger und in einer viel schwereren Form. Die Melancholie erschien deshalb nicht nur als eine inhärente Veranlagung, sondern auch als eine Folge zeitweiliger Anfälle von Wahnsinn.

Die griechische Mythologie beschreibt Helden, die darunter leiden (Ajax, Herkules, Bellerophon), in Homers Iliade oder Die Odyssee. Auch im griechischen Drama finden wir häufig das Thema von Wahnsinn und melancholischen Obsessionen (Aeschylos, Sophokles oder Euripides).

Die melancholische Verrücktheit erzeugte entweder Zustände von extremer Depression und Rückzug von der Außenwelt, oder extreme Aggression, Gewalttätigkeit und unkontrollierbares Verhalten. Asklepiades unterschied drei Formen von psychischen Krankheiten: Phrenitis, Furor und Delirium. Die Melancholie gehörte zum teilweisen Delirium, während Manie wegen der starken Tendenz zu Wahnvorstellungen allgemein als Delirium klassifiziert wurde. Eine ähnliche Unterteilung traf Cornelius Celsus in seiner medizinischen Abhandlung De re medica, in der Geisteskrankheiten in drei Kategorien gruppiert sind: Phrenitis, Mania, Melancholia. Der Römer Cicero verglich die Manie mit dem Furor und suchte ihre Ursachen in Wut, Angst und Gram. Es ist charakteristisch, dass es in Rom eine Göttin gab, die die Schutzherrin der Geisteskranken war – Angerona Dea. Sie schützte ihre Anhänger vor Wahnsinn, mysteriösem Gram und Depression.

Zeitweilige Anfälle melancholischen Wahnsinns wurden nicht als schädliche Krankheit, sondern als Quelle von Kreativität und überragenden Kräften betrachtet, die für Menschen auf gewöhnliche Art nicht zugänglich waren. Der Vorreiter der Theorie des kreativen Wahnsinns war Plato. In Phaedros liefert er eine detaillierte Beschreibung der Haupttypen des Wahnsinns, wobei er sich auf ihre kreativen Qualitäten konzentriert. Melancholie als ein Resultat des Überschusses an schwarzer Galle war die Quelle des Rausches, in dem die göttliche Kraft sich manifestieren konnte: Der platonische Furor divinus war der Zustand, in dem die menschliche Seele zeitweilig empfänglich und extrem anfällig für den göttlichen Einfluss war, der sich als Genius manifestierte. Diese Theorie wurde später von Aristoteles weiterentwickelt, dessen rationale Philosophie die mysteriöse Theorie des kreativen Wahnsinns als einer göttlichen Besessenheit ins Gleichgewicht mit den bekannten menschlichen Qualitäten brachte. Im dreißigsten der Problemata physica3 stellt er fest: „Wieso sind all jene, die in der Philosophie oder Politik oder Dichtung oder den Künsten bedeutend geworden sind, ganz klar Melancholiker?” Die Antwort auf diese Frage ist ihm zufolge in der mysteriösen und veränderlichen Qualität der schwarzen Galle zu finden: „Dass alle melancholischen Personen außerhalb des Gewöhnlichen stehen, ist nicht Krankheit, sondern ihrer natürlichen Veranlagung zu verdanken.”

Der Überschuss an schwarzer Galle führte zu Perioden zeitweiligen Wahnsinns, in denen die Kreativität, der Intellekt, die Kraft und andere Fähigkeiten in einem solchen Ausmaß gesteigert waren, dass derjenige, der an einem solchen Anfall litt, für besessen durch übernatürliche Kräfte gehalten wurde. Es war jedoch eine rationale und völlig irdische Erklärung, welche die Grundlage für die Entwicklung der Theorie des Furor divinus in der Renaissance lieferte.

Einer der bedeutendsten Vertreter der frühen Renaissance, Marsilio Ficino, erforschte die widersprüchlichen Aspekte des melancholischen Temperaments, wobei er sich auf die positiven konzentrierte. Ficino erklärte wie Aristoteles, dass alle herausragenden Menschen wie große Philosophen, Propheten, Genies oder fähige Künstler, an Melancholie litten, entweder durch Veranlagung oder zumindest durch eine Tendenz, Anfälle dieser „Krankheit” zu erleben. Ficinos Lehren waren in der antiken platonischen und neoplatonischen Philosophie verwurzelt. Er entwickelte die ursprünglichen Ideen von Plato und der neoplatonischen Schule des dritten Jahrhunderts weiter. Plotin und seine Anhänger erklärten, dass der Zustand der Melancholie der Rauschzustand war, der einem die Kommunikation mit dem göttlichen Geist, dem Nous, erlaubte. Der Nous war die Manifestation der innewohnenden Göttlichkeit, die Tiefe der Seele. Der Mensch war den Neoplatonikern nach das Zentrum des Universums, der Knotenpunkt des riesigen Netzes von Sphären, die sich im menschlichen Wesen widerspiegelten – ein perfekter Mikrokosmos. Gott war die äußerste Wesenheit im ganzen Universum, und der melancholische Rausch erzeugte einen Zustand von extremer Empfänglichkeit der Seele, durch den das menschliche Wesen sich mit der göttlichen Macht verbinden konnte. Dies war der Prozess, der im Pimander beschrieben ist, dem legendären hermetischen Text, der Hermes Trismegistos zugeschrieben wird. Die Geschichte von Adam, die in dem Text vorgestellt wird, zeigt die Überzeugung von der einzigartigen Stellung und Natur des menschlichen Wesens. Im Pimander ist Adam mehr als ein Mensch: Er ist göttlich und gehört zur Rasse der Sternendämonen, der göttlich erschaffenen Herrscher der unteren Welt. Selbst als er fällt, ist dieser Fall selbst ein Akt der Macht. Er kann „sich hinablehnen durch die Armatur der Sphären, ihre Hüllen aufreißen und herabkommen, um sich der Natur zu zeigen.” Auf eine ähnliche Weise gründete Ficino seine Philosophie auf die Überzeugung, dass die menschliche Seele das Zentrum des Universums ist. Er war der erste Gelehrte im Europa der Renaissance, der den Pimander ins Latein übersetzte und in der platonischen Akademie in Florenz verbreitete. Nach dem Erstdruck im Jahre 1471 wurde der Text bis zum Ende des Jahrhunderts mindestens sechzehnmal neu aufgelegt.

So war der Mensch das würdigste Geschöpf in der ganzen Schöpfung. Und so, wie der Mensch der Mittelpunkt des Universums war, so wurde die Erde als das dichteste und feste Element als kosmisches Zentrum betrachtet, als ein unveränderlicher Hervorbringer aller Dinge. Eine ähnliche Stellung war die des schwarzen Saftes im menschlichen Organismus. Die schwarze Galle der Melancholie war der wichtigste Saft in Ficinos Sicht der Melancholie. In seinen Drei Bücher über das Leben verglich er die Melancholie mit der hermetischen Taxonomie der kosmischen Sphären, die sich bis zum Nous erstrecken. Die Taxonomie war folgendermaßen:


Die Melancholie war sowohl das Zentrum als auch der Höhepunkt des intellektuellen Lebens. Ficino assoziierte sie eng mit der Kontemplation. Er erklärte, dass eine lange Periode der Kontemplation das Gehirn durch den Überschuss an Gedanken kalt und trocken mache und den Geist leere. Die Melancholie hatte jedoch eine duale Natur: „Da ist tiefe Kahlheit, aber auch reines verbindendes Licht.” Diese Dualität wurde von den kalten und heißen Qualitäten der schwarzen Galle verursacht. Die kalte Qualität induzierte ein Stadium der Depression und Stagnation, während die heiße einen Rausch erzeugte, der den menschlichen Geist in die höchsten Sphären aufsteigen und eine unmittelbare Vision des Göttlichen erreichen ließ. Die schwarze Galle „zwingt das Denken dazu, das Zentrum seines Objekts zu durchdringen und zu erforschen, weil die schwarze Galle selbst dem Zentrum der Erde ähnelt. Ebenso erhebt sie das Denken zum Verstehen des Höchsten, weil sie mit dem höchsten der Planeten korrespondiert.” Ficino stellte fest, dass der Zustand des göttlichen Rausches wie ein „spirituelles Nirwana, in dem die Stimmung heftig brennt” war.

Ficinos Theorie der Melancholie wurde von Agrippa übernommen und in seinem berühmtesten Werk De Occulta Philosophia weiterentwickelt. Agrippa folgte den drei Ebenen der Melancholie, die Ficino vorgeschlagen hatte, und klassifizierte sie als Melancholia imaginativa, Melancholia rationalis und Melancholia mentalis. Die dreifältige Kapazität der Seele (die imaginative, die rationale und die mentale) wurde mit bestimmten Zuständen assoziiert, die von der melancholischen Stimmung verursacht wurden. Nach Agrippa wird die Seele in der ersten Phase, wenn sie auf die Imagination konzentriert ist, „besessen” von den niederen Geistern, von denen der Mensch Anleitungen in den handwerklichen Künsten erhält. Wenn die Seele sich auf den Verstand konzentriert, wird sie von mittleren Geistern übernommen, die Wissen über die Erkenntnis von natürlichen und menschlichen Dingen vermitteln. Die letzte Phase ist die „intellektuelle” Ebene der Seele, wenn sie sich zum Intellekt erhebt und von den höheren Geistern die Geheimnisse der göttlichen Angelegenheiten lernt. Deshalb war der göttliche Rausch, der Furor divinus, die Quelle der kreativen Inspiration, die höchste und edelste Ebene der Seele, die durch den kreativen Gebrauch der verschiedenen Zustände erreicht werden konnte, die die schwarze Galle im menschlichen Körper und der Seele erzeugte.

Die Lehre des Furor divinus war höchst einflussreich in der Antike und der Renaissance. Der melancholische Wahnsinn war das dynamische Element der Kunst, Philosophie und Literatur. Das Prinzip der Verrücktheit und der Irrationalität wurde in moderner Zeit von Friedrich Nietzsche untersucht, der in seiner Geburt der Tragödie feststellte, dass die antiken Kulturen um zwei kontrastierende Prinzipien herum aufgebaut waren, dem rauschhaften und dem gelassenen. Er nannte das erste Prinzip „dionysisch” und letzteres „apollonisch”. Während der Begriff „apollonisch” alles bezeichnete, was rational, harmonisch, edel, einfach und ruhig war, stand das dionysische Prinzip mit dem Furor divinus in Verbindung und beinhaltete irrationale Elemente, Verfall, Unordnung, Auflösung, dunkle und mysteriöse Visionen, Halluzinationen, Trancen und Berauschung. Er war das Prinzip der göttlichen Besessenheit, das sich in bacchischen Feiern manifestierte, in künstlerischer Manie oder Anfällen von Wahnsinn, in denen Leute die Zukunft vorhersagen konnten oder allen anderen Formen von ekstatischen Zuständen.

Der Furor divinus wurde bei den alten Griechen vorwiegend mit dem bacchischen Wahnsinn und dem prophetischen Rausch assoziiert, der für Orakel charakteristisch war. Berichte über göttliche Besessenheit, die sich als ein Anfall von Raserei manifestieren, sind auch in anderen Kulturen zu finden, in alten und in modernen Quellen. Die folgende Präsentation der Arten von Wahnsinn ist ein Überblick über einige ausgewählte Aspekte des Furor divinus, abhängig von ihrem kulturellen Kontext.

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
Объем:
429 стр. 33 иллюстрации
ISBN:
9783944180120
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