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Albert Wendt
wurde 1948 geboren. Er lebt seit seiner Kindheit in einem Dorf bei Leipzig. Nach dem Abitur arbeitete er als Heizer, Schlosser, Ringer, Traktorist, Armist, Kulturwissenschaftler, Bühnenarbeiter und Dichter. Er schreibt Aphorismen, Gedichte, Hörspiele, Kindergeschichten und Theaterstücke.
Bei Jungbrunnen sind folgende Titel von Albert Wendt lieferbar: Adrian und Lavendel (2004), Betti Kettenhemd (2008), Marta-Maria (2010), Der kleine Waldräuber (2012), Der kleine Fallschirmspringer (2013), Das tanzende Häuschen (2015) und Henrikes Dachgarten (2019).
ISBN 978-3-7026-5949-3
eISBN 978-3-7026-5950-9
1. Auflage 2020
Einbandgestaltung: b3k
© 2020 Verlag Jungbrunnen Wien
Alle Rechte vorbehalten – printed in Austria
Druck und Bindung: Buch Theiss GmbH, A-9431 St. Stefan
Wir legen Wert auf nachhaltige Produktion unserer Bücher und arbeiten lokal und umweltverträglich: Unsere Produkte werden in Österreich nach höchsten Umweltstandards gedruckt und gebunden. Wir verwenden ausschließlich schadstofffreie Druckfarben und zertifizierte Papiere.
Albert Wendt
Tok-Tok im Eulengrund
Das Geheimnis der Vogelfrau

Inhalt
1. Kapitel Rose-Rad-ab macht sich fein
2. Kapitel Ein Bär tappt in die Falle
3. Kapitel Drei Frauen im „Kopfstand“
4. Kapitel Wer schleicht da durch die Nacht?
5. Kapitel Das große Glüh
6. Kapitel Wasser und Brot
7. Kapitel Erste Berufserfahrungen als Kinderschreck
8. Kapitel Ich bekam Prügel und Kupferspecht ein Frühstück
9. Kapitel Angriff und Belagerung
10. Kapitel Hohe Schule der Niedertracht
11. Kapitel Nachtschicht mit Kupferspecht
12. Kapitel Ich lüge und werde belogen
13. Kapitel Ein Habicht stürzt ins Lerchennest
14. Kapitel Koboldjagd
15. Kapitel Aller Liebreiz dieser Erde
16. Kapitel Letzte Nacht
17. Kapitel Eine Entdeckung und eine Beförderung
18. Kapitel Ein Mondgesicht ist in Gefahr
19. Kapitel Der Überfall
20. Kapitel Glühwürmchen kämpft gegen Drachenfuß
21. Kapitel Es grünt so grün
22. Kapitel Miranda fliegt und stürzt ab
23. Kapitel Rückzug mit dicker Lippe
24. Kapitel Miranda und Tok-Tok
25. Kapitel Tok-Tok verschwindet spurlos und Rose füttert Sperlinge
26. Kapitel Zwei schüchterne Männer auf dem Mädchenstein
27. Kapitel In der Ferne ein Krokodil
1.Kapitel
Rose-Rad-ab macht sich fein
Der Eulengrund war eine Wildnis am Rande einer großen Stadt. Dort wucherte ein Dickicht über den Ruinen einer Eisenfabrik. Und mittendrin lag der Mädchenstein. Dieser Stein war eine Betonplatte, versteckt in einer Kuhle aus grobem Kies. Der Mädchenstein hieß Mädchenstein, weil kein Junge den Stein, das Kiesbecken und das Gestrüpp daneben betreten durfte.
An einem warmen Frühlingstag lagen zwei Mädchen, etwa 14 Jahre alt, winterblass und bezaubernd schön, auf dem Mädchenstein und sonnten sich. Die eine, etwas dünn, hieß Miranda, die andere, etwas rundlich, hieß Anna-Muriel und wurde Anna-Mu genannt. Neben ihnen spielte Bäumchen, Anna-Mus fünfjährige Schwester, mit Kieselsteinen.
„Keine Angst, Anna-Mu“, sagte Miranda, „die Jungen haben versprochen, uns nicht zu belauern. Das ist abgemacht, mit Schwur und Handschlag.“
„Elle Endstelle ist richtig mies, ganz der Vater, und Carlito ist auch nur ein Junge. Mimi-Randa, glaube mir, Jungs lassen sich so etwas nicht entgehen. Jungs müssen einfach herumschleichen und Mädchen, die sich nackt sonnen, ganz frech anglotzen.“
„Carlito ist so eine Art Königssohn“, sagte Miranda unverstellt schwärmend. „Er kann gar nicht unedel handeln. Er schleicht sich nicht an und äugt.“
„Da! Da!“, rief plötzlich das Bäumchen. „Der Schuft, er guckt!“
Die Mädchen kreischten, richteten sich auf, zogen die Beine an die Körper und umschlangen die Knie mit den Armen.
„Wer? Wo?“
„Der Kerl da am Himmel.“
„Ein Vogel, ein Milan“, sagte Miranda erleichtert.
„Blöde, kleine Kröte“, schimpfte Anna-Mu, „uns so zu erschrecken.“
„Aber der große Vogelkerl kreist schon so lange über uns, weil er gucken will.“
„Der Milan kreist“, erklärte Miranda, „weil es hier massenhaft Wildkaninchen gibt.“
Die Jungs, von denen auf dem Mädchenstein die Rede war, Carlito, der Königssohn, und sein Freund Elle Endstelle, hielten ihr Versprechen. Sie schlichen nicht durch den Ginster, um die nackten Mädchen zu belauern. Sie kletterten im Innern eines baufälligen Schornsteins an rostigen Eisenklammern hinauf zur Schornsteinöffnung. Das schwarze, rissige Bauwerk hieß Eulenschlot, weil abends manchmal Eulen auf ihm saßen. Der Eulenschlot ragte trotzig aus den Kletterpflanzen empor, die ihn schon zur Hälfte erobert hatten. Außen kletterten Geißblatt und wilde Rosen und innen kletterten Carlito und Elle Endstelle.
„Warte, Carlito, ich muss dir etwas ganz Wichtiges sagen.“
„Weiter, Elle, sag’s beim Klettern.“
„Ich habe gehört, dass Jungs manchmal ohnmächtig werden, wenn sie zum ersten Mal so etwas Schönes sehen.“
„Richtig bewusstlos, meinst du? Schwarz vor Augen, weggetreten?“
„Ja, Carlito, das kommt oft vor. Eigentlich fast immer. Man sieht das Schöne an den Mädchen, oben und unten, dann flimmert es und schon ist es dunkel im Kopf und man ist weggetreten.“
„Und Abflug in die Tiefe.“
„Und Peng! Und Matsch.“
„Ach, das ist es wert“, sagte Carlito, verharrte aber auf seiner Sprosse.
„Schon. Aber …“
„Na, dann weiter.“
„Aber geht’s nicht auch anders, ohne Peng und Matsch?“
„Gut. Ich gucke zuerst, ganz allein, und du bleibst dicht unter mir. Wenn ich ohnmächtig werde, dann fängst du mich auf.“
„Ohnmächtige sind ungeheuer schwer, fast so schwer wie Besoffene. Ich müsste mich dann entscheiden, stürzen wir beide ab, oder nur einer von uns. Carlito, mein Freund, ich bin mir nicht sicher, ob ich mich dann vielleicht doch entscheiden werde, nicht mit dir zusammen abzustürzen.“
„Ach, Elle, wenn du diese Art Freund bist, dann … dann …“
„Dann ist es wohl besser, wir klettern wieder runter.“
„Jammerlappen.“
„Verzeih mir.“
„Nein.“
„Au, meine Hand. Nicht so schnell. Ich kann nun mal nicht gut klettern. Bin doch kein Affe.“
Carlito und Elle Endstelle krochen durch das Labyrinth der Züge und Feuerluken der schon lange erkalteten Heizanlage ins Freie. Verdreckt und verkühlt hockten die beiden in der Frühlingssonne. Verdreckt und verkühlt war auch Carlitos Laune.
„Schöne Pleite.“
„Pleite, aber am Leben.“
„Feiglingsleben ist halb tot.“
„Halb tot ist besser als ganz tot.“
„Nein.“
„Mach mich nicht fertig, Carlito. Ich habe Verzeihung gesagt.“
„Schon gut. Verziehen. Du bist nun mal, wie du bist.“
So entschlossen sich Carlito und Elle Endstelle schließlich, einen Aussichtsturm zu bauen mit einer Plattform, auf der zwei ohnmächtige Jungs bequem liegen konnten, ohne abzustürzen. Der Turm sollte oben auf dem „Klinkergebirge“ stehen, dem höchsten Trümmerhaufen des Geländes. Sie schleppten Paletten hinauf auf den Ziegelschutt. Diese stabilen Holzplatten lagen verstreut im Gelände. Aber – habt ihr schon mal eine erdfeuchte, angefaulte Palette auf einen Trümmerhaufen geschleppt? Niemand im Normalzustand kann so etwas schaffen. Carlitos und Elles Zustand machte es dennoch möglich.
„Die Kinder müssen vom Gelände verschwinden“, sagte nachdenklich eine alte Frau, die in dieser Wildnis vor einem noch recht gut erhaltenen Gemäuer saß und Sperlinge fütterte. Neben ihr standen zwei junge Frauen und reichten Brotstückchen.
„Wir sollten ihnen Angst machen, ehrwürdige Tok-Tok, vielleicht mit etwas Hexen-Spektakel“, schlug eine der jungen Frauen vor. Sie war zierlich und hatte eine Rose im Haar.
Die alte Frau, die mit ehrwürdige Tok-Tok angeredet wurde, schüttelte den Kopf.
„Nein, nein, mein Kind, wir sollten uns nicht als Hexen verdächtig machen. Das ist nicht gut. Hexen kann man sich nähern, man kann sie sogar fassen, fesseln und wegschleppen. Feenzauber ist besser. Feen sind nicht recht greifbar, man wagt sich nicht zu nah heran. Feen kann man auch nicht quälen und verbrennen. Es gibt das Wort Hexenjagd, das Wort Feenjagd gibt es nicht.“
Die ehrwürdige Tok-Tok überlegte. „Nein, mein Kind, ich fürchte, jeder Hokuspokus, auch Feenwunder, weckt nur Neugierde und lockt eher noch mehr Kinder an. Wir brauchen etwas Plumpes, Einfaches, das Kinder abschreckt.“
Die Frauen schwiegen. Die Sperlinge lärmten. Die Bienen summten in den blühenden Sträuchern.
„Wir brauchen, ehrwürdige Tok-Tok, eine lebendige Vogelscheuche für Kinder, wir brauchen eine Kinderscheuche“, sagte die zierliche junge Frau.
„Das übernehme ich“, rief lebhaft die andere, eine sehr runde junge Frau. „Ich verjage sie mit dem Besen.“
„Nein, mein Glühwürmchen“, widersprach die alte Dame.
„Als Kinderschreck bist du viel zu schön. Wir brauchen etwas ganz Abscheuliches, etwas unsäglich Hässliches, wir brauchen eine Art von Ungeheuer.“
„Wir brauchen einen Mann“, sagte die Zierliche.
„Rose hat recht. Wir brauchen einen Berg von einem Mann“, sagte die alte, ehrwürdige Tok-Tok. „Wir brauchen ein Scheusal von einem Mann, einen zottigen Raufbold brauchen wir.“
„Und er muss grimmig brüllen und grunzen. So: Uuuu! Und sich dabei mit den Fäusten auf die Brust trommeln“, stimmte begeistert die runde junge Frau zu. Die Sperlinge flogen auf, die Frauen lachten, dann summten wieder Bienen und Gedanken, und die Spatzen kamen zurück.
„So etwas muss es doch geben“, sagte die Alte. „So ein fürchterliches Dings muss doch irgendwo aufzutreiben sein.“
„Du warst lange nicht in der Stadt, ehrwürdige Tok-Tok“, sagte die mit Rose angesprochene junge Frau. „Die Männer sind jetzt alle schmal, glatt und sehr nett. Männer zum Fürchten, die gibt’s nicht mehr. Ich, jedenfalls, ich kenne keinen.“
Die ehrwürdige Tok-Tok betrachtete liebevoll lächelnd die zierliche junge Frau.
„Rose, du Schöne, du kleine Schlange, du Lügnerin, da war ein Zögern, ein Flackern im Auge. Du hast in deinen weiblichen Tiefen so einen Unhold versteckt, willst ihn aber nicht hergeben. Rück ihn raus.“
„Nun ja, es ist lange her. Auf der Universität hatte ich mal einen schüchternen Verehrer. Er war Kraftsportler, ein Ringkämpfer, zwei Zentner, zwei Meter, stark behaart, nur auf dem Kopf nicht – eher kahl. Äußerlich passt er, innerlich nicht. Er ist ein Kindskopf. Er schreibt jetzt, so hörte ich, Kinderbücher.“
„Aber hässlich, wenigstens, ist er doch?“
„Naja, nicht ganz so hässlich wie Quasimodo, der Glöckner von Notre-Dame, aber doch stark mit Muskeln verbeult, auf den Beulen wuchert dunkles Kraut.“
„Ach“, sagte fröhlich die ehrwürdige Alte, „hole mir das Muskeldings erst einmal her. Ich schau es mir an. Geh, Rosalinde, mein Honigtöpfchen, und locke mir diesen Bären in die Falle.“
Tok! Tok! Der Stock der alten Dame stieß zweimal auf den Boden. Die Sperlinge flogen nicht auf, sie kannten das schon. Rose verschwand im Haus und machte sich stadtfein.
Habt ihr, Kinder, …
Verzeiht, liebe Jugendliche und Erwachsene, diese Anrede. Nehmt sie als Hochachtung. Ich finde keine höhere. Also, habt ihr, Kinder, schon einmal eine Frau betrachtet, die in der Wildnis wohnt und sich für die große Stadt fein macht? Himmel, was treibt die doch für einen Aufwand. Nun, das ist verständlich. In der Wildnis sehen nur ein paar Augen auf sie, in der Stadt aber sind es Tausende. Weil das hier eine Geschichte ist, in der viel von klugen und dummen Augen geredet wird, wollen wir unsere Augen staunend aufreißen und Rose bei ihren weiblichen Künsten beobachten.
Rose begann mit ihrem Prachthaar. Sie rieb sich sorgfältig Gänseschmalz hinein und drückte es auf der Kopfhaut fest. Sie frisierte das Ganze auf etwa vier Wochen ungewaschen. Die Blume im Haar aber, wie ein bitterer Spott, blieb. Dann kamen das Gesicht, der Hals und die Hände dran. Dort legte sie etwas Ruß auf. Viel Ruß legte sie unter den Augen auf. Sie krallte ihre Fingernägel in die feuchte Erde eines Blumentopfes und pustete auf die Fingerspitzen. Über die schönen Zähne wischte Rose etwas Heidelbeermarmelade.
Sie trat vor den Spiegel, kontrollierte gründlich ihre Arbeit und schickte zufrieden dem Spiegelbild einen Kuss. Dann übte sie noch einige passende Körperhaltungen, machte einen schiefen Hals und ließ die Schultern hängen. So zog die verwandelte Frau mit einem schäbigen Rollkoffer, dem ein Rad fehlte, los in die Stadt, um einen Bären in die Falle zu locken.
„Ich bin auch ein Honigtöpfchen“, maulte das runde Glühwürmchen. „Warum darf ich nicht losziehen und einen großen Rüpel anlocken?“
„Ach, mein liebes Glüh“, sagte Tok-Tok und streichelte die sehr große und sehr kindliche Hand der jungen Frau, „du bist kein Honigtöpfchen, du bist ein Tanklaster voll Honig. Du verschreckst die Männer. Die rennen um ihr Leben und verkriechen sich, wenn du sie frontal ansteuerst.“
„Aber ich könnte doch so einen Unhold unter den Tisch trinken, und dann, zack, über die Schulter werfen wie einen Kartoffelsack und hierher schleppen. Nie darf ich Spaß haben. Ich bin so unglü…, ich bin so unglü…, ich bin so unglücklich.“
Es klapperten die Bestecke, es klirrten die Gläser auf den Tischen vor dem „Gasthaus zur Endstelle“, es brummte das Geschäft. Der Wirt strahlte mit der milden Frühlingssonne um die Wette. Die Ankunft der Straßenbahn in der Wendeschleife war zu hören, ihr Halten und das Öffnen der Türen. Kurz darauf näherte sich aus der entgegengesetzten Richtung ein unangenehmer Kratz- und Schleifton. Der Wirt hob besorgt die Augenbrauen. Rosalinde schlurfte mit ihrem Rollkoffer an den Tischen vorbei zur wartenden Bahn. Bestecke, Gläser und Gespräche verstummten. Als die verstörende Erscheinung in der Bahn verschwunden war, belebte sich der Freisitz wieder.
„Was war denn das?“, murmelte ein Gast.
„Nur eine arme Irre“, beruhigte der Wirt die Gäste. „Rose-Rad-ab heißt sie und ist ganz harmlos. Sie wohnt seit ein paar Wochen im Eulengrund. Die Hochherzigen Brüder e.V. stecken dahinter, die haben das Dach von einem halb verfallenen Klinkerbau repariert. Sie nennen diese Bruchbude nun Sozialstation für unbetreutes Wohnen. Unbetreut? Dass ich nicht lache. Pflegekräfte und Wachpersonal wollen die Geizhälse sparen. Bis jetzt hausen nur drei Frauen dort.“
„Keine schlechte Sache“, mischte sich ein Gast vom Nachbartisch ein. „Ein Sozialmensch kam in die Siedlung, ging von Haus zu Haus und hat alles erklärt. Der Verein, also diese Hochherzigen Brüder oder so ähnlich, haben auf dem Gelände ein Obdach für Menschen in Not eingerichtet. Die sollen dort leben dürfen wie sie wollen und sollen dort Gartenwirtschaft treiben und Tiere halten. Und wir, die Nachbarn, sollen sie in Ruhe lassen. Das sind ganz normale obdachlose Frauen.“
Der Wirt grinste breit.
„Ja, das sind ganz normale Schnapsdrosseln, wenn ihr mich fragt. Massenhaft liegen dort Flaschen im Gras und Schlimmeres. Ich sehe nicht hin, geht mich nichts an. Aber hier oben sehe ich hin, hier gibt’s keine Bettelei, kein Vollquatschen der Gäste, kein Wühlen in den Papierkörben. Bei allem Verständnis, mein Geschäft soll nicht leiden unter dieser Nachbarschaft.“
Er schlenderte zwischen den Tischen ins Innere der Wirtschaft. „He, Kupferspecht, ich lade dich ein.“
Der Kupferspecht, durch und durch ein Gauner, stand an der Theke. Er nannte sich Buntmetallhändler, schlich nachts herum und klaute Blei- und Kupferrohre, zerschnitt sogar lebendige Kabel. Der Kupferspecht kannte den Eulengrund wie seine Westentasche. Wie ein Schatzgräber durchwühlte er täglich und nächtlich das Gelände der alten Eisenwerke.
„Die drei Frauen leben vorn im alten Betriebsbahnhof“, flüsterte er dem Wirt zu, der zwei Gläser füllte. „Sie kochen und schlafen dort. Dahinter steht auf vier Säulen das Schaltwerk, ein hoher Kasten mit vielen Fenstern. Eine schmale Eisentreppe zwischen den Säulen führt nach oben. Das scheint ihr Wohnzimmer zu sein. Dort verbringen sie die halbe Nacht. Die Fenster sind dicht mit Lappen verhängt. Dort werden sie wohl saufen, naschen und fernsehen. An den Lappen flackert immer Fernsehlicht.“
„Hast du dich mal innen umgesehen?“
„Nein. Man kommt nicht nah heran.“
„Hält das dicke Nilpferd mit ihrem Besen Wache?“
„Nein, Cora X-Bein hält Wache.“
„Cora X-Bein? Ist das die Alte, die mit dem Zauberstock?“
„Nein, die Alte mit dem Knüppel heißt Tok-Tok, sicher weil sie so Tok! Tok! auf die Erde klopft. Nein, nein, Cora X-Bein ist ein Untier, sie ist Das wirklich Böse unter der Sonne. Das ist eine Kampfziege, wachsam und gefährlich wie ein Hofhund. Dieses Ziegenvieh ist schlau, versteckt sich oder stellt sich tot und greift dann tückisch von hinten an. Das X-Bein wohnt in den Mauerresten der zerfallenen Werkskantine und schläft dort im alten Backofen. Da kommt man nicht unbemerkt vorbei. Ja, und diese gehörnte Hexe hätte mich gestern Nacht fast erwischt.“
„Eine Ziege, die in einem Backofen wohnt“, sagte der Gastwirt lachend, „das hat was.“
„Ja, das hat was Teuflisches“, sagte der Kupferspecht.
Dann wurde der Wirt ernst und sagte leise: „Das Lumpengesindel muss verschwinden.“ Er schenkte dem Kupferspecht ein. „Dabei bin ich nicht knausrig.“
2.Kapitel
Ein Bär tappt in die Falle
Man darf zwischen fremden Leuten nicht einfach umfallen, sich auf die Straße legen und heulen. Das macht man nicht. Man macht es schon gar nicht, wenn Kinder dabei sind. Sind Kinder dabei, muss man mit einigem Anstand verzweifeln. Ich hielt mich also aufrecht, als mich der Schlag traf, den man Schicksalsschlag nennt. Ich fiel nicht um und heulte auch nicht. Ich taumelte über die Straße. Ich lehnte mich mit der einen Hand an die Haustür und suchte mit der anderen nach dem Schlüssel. Ich hätte wohl lange so gestanden, wenn nicht ein Nachbar die Tür geöffnet hätte. Ich schleppte mich die Treppen hinauf. In meiner Wohnung warf ich mich auf das Bett und träumte mich zehn Jahre zurück.
Ich träumte von einer Mädchenhorde, und mittendrin in diesem quietschenden und lachenden Knäuel war sie, Rosalinde, Rose genannt, das schönste und klügste Mädchen der Universität. Wenn sie da war, war es etwas heller im Hörsaal. Es leuchteten die Augen der Studenten und Lehrer, vom schüchternen Erstsemester bis hin zum alten Professor. In Rosalindes Nähe reckten sich alle ein wenig in die Höhe und waren stolz, weil sie ja irgendwie zu der gleichen Art Lebewesen gehörten wie diese wunderbare junge Frau.
Eines Tages verschwand Rosalinde aus der Universität, aus der Stadt und, wie es schien, aus der Welt. Studenten und Professoren schrumpften um einige Zentimeter.
„Verlassen, wie der Saufnapf eines gestorbenen Wellensittichs“, murmelte ein Lichtenberg-Kenner. Doch nach und nach trösteten wir uns. Wir waren sicher, dass Rosalinde wieder auftauchen würde, ganz oben, in der höchsten Liga. Sie würde als Sonderbotschafterin der UNO Kriege verhindern, sie würde als Ärztin Seuchen besiegen oder sie würde auf der Liste der Nobelpreisträger erscheinen. Nein, so ein Glücksfall Mensch kann nicht einfach verschwinden. Und nun, etwa zehn Jahre später, traf ich Rosalinde, den Glücksfall Mensch, meine unerreichbare Studentenliebe. Ich traf sie an der Haltestelle vor meiner Wohnung. Sie bemerkte mich nicht, sie war beschäftigt. Sie wühlte in einem Papierkorb.
Sie holte angebissene Brötchen heraus. Sie roch daran und pustete Schmutz und Zigarettenstummel von den Brotresten herunter. Sie stopfte ihre Beute in einen speckigen Rollkoffer, den sie hinter sich her zerrte. Dem Rollkoffer fehlte ein Rad und die Achse kreischte über das Pflaster. Dieses Kreischen schrillte in meinen Ohren, als ich auf dem Bett lag.
„Ich muss sie retten“, murmelte ich endlich nach ein paar Stunden und rappelte mich auf. „Ich muss sie zu mir nehmen, ins Bad führen, die Haare waschen, neu einkleiden, zum Doktor bringen … Vielleicht ist ihr ein Unglück zugestoßen oder eine Suchterkrankung oder eine Liebeskatastrophe. So was kann man reparieren. Ich bin doch kein Schwächling, ich schaffe das.
Zuerst aber muss ich sie finden. Ich werde die Stadt durchstreifen, in die finstersten Winkel kriechen, unter jeder Brücke nachsehen, jede speckige Steppdecke anheben und Rosalinde ohne Ekel auf den Arm nehmen und nach Hause tragen.“
Entschlossen trat ich aus dem Haus. Neben der Haustür lehnte ein alter Mann an der Wand. Die Kapuze einer Sportjacke, wie sie junge Leute tragen, hatte er tief über Stirn und Augen gezogen, und unter dem Arm trug er ein großes, rundes Brot.
„Sie wartet“, murmelte der Alte sanft vorwurfsvoll.
„Wer wartet?“, stotterte ich.
„Rosalinde, die du suchst, sie heißt jetzt Rose-Rad-ab“, antwortete ruhig der Alte. „Ich führe dich zu ihr.“ Dann schwieg der Alte und lief vor mir her zur Haltestelle.
„Du hast leere Hände“, sagte der Alte leise. „Das ist nicht gut. Ich habe niemals leere Hände, ich trage immer ein Brot bei mir, wenn ich zu Bedürftigen gehe.“
Die Straßenbahn kam. Wir stiegen ein. Wir fuhren lange. Wir fuhren aus der Stadt heraus. Wir fuhren bis zur Endstelle. Der Alte, immer noch schweigend, führte mich an einem Gasthof vorbei auf ein mächtiges Eisentor zu. Es war ein Fabriktor aus dem vorigen Jahrhundert, vom Alter verbogen und mit rostigen Ketten verschlossen. „Eisenwerke Pross und Co“, stand oben, in gut erhaltenen Buchstaben, handgeschmiedet.
Der Alte blieb stehen.
„Stillgelegt! Was für ein gutes, genaues Wort. Stillgelegt!“
Er schwieg, stand da und lauschte.
„Es ist sehr, sehr still. Eine stille Fabrik.“
„Ja“, sagte ich etwas verlegen.
„Hier war mal viel Krach“, sagte der Alte.
„Ja, das haben Eisenwerke so an sich“, sagte ich, schon etwas ungeduldig.
„Jetzt ist es still“, sagte der Alte und bewegte sich immer noch nicht. „Die Fabrik produziert in aller Stille weiter.“
„Aha!“
„Wird wohl Eulen produzieren, denn Eulengrund nennen die Leute nun die stille Fabrik.“
„Und Rosalinde?“, versuchte ich, den Alten weiter zu drängen.
„Ja, ja, der alte Eisenkönig, dieser Pross, der war etwas wunderlich. Er trug einen öligen Zahnkranz als Krone.“
Der Alte sah unter seinem Kapuzenrand spöttisch hervor. „Jeder hat sein Zeichen. Pross hatte seinen Zahnkranz, ich habe mein Brot und du, Poet, lässt ein Buch aus deiner Jackentasche ragen.“
Der Alte kannte also meinen Beruf. Und mit dem Berufszeichen hatte er recht, ich trug stets ein dickes Notizbuch bei mir.
„Und Rosalinde?“, drängte ich wieder.
„Rosalinde? Ja, Rosalinde hat ein Rad ab. Darum heißt sie Rose-Rad-ab.“
Der Alte mit der Mönchskapuze zeigte auf die rostigen Gitterstäbe des Tores. Darauf waren Reste verblichener Warnschilder.
Verboten, Einsturzgefahr, Privatgelände …
Ein nagelneues Schild überdeckte die alten Schilder:
Sozialprojekt – Hochherzige Brüder e.V.
„Dort wohnt sie“, sagte er. „Hier entlang!“
Neben dem Tor führte ein Trampelpfad über einen niedergetretenen Maschendraht in die Wildnis. Neben dem Pfad lagen leere Schnapsflaschen, glitzernde Verpackungen von Naschzeug, Fetzen bunter Zeitungen und widerliche Zigarettenschachteln.
Goldmarie sprang in den Brunnen und landete auf einer himmlischen Wiese, Alice fiel in ein Kaninchenloch und schwebte hinab in ein Wunderland, Robinson Crusoe wurde auf eine einsame Insel gespült und blieb dort achtundzwanzig Jahre, ich schritt durch Müll über zerfetzten Maschendraht in einen Dornenwald.
Der Alte, das Gesicht unter der Kapuze verborgen, mit seinem Brot unterm Arm, führte mich auf einem mit Kraut bewachsenen Weg. Unter der kargen Erdschicht spürte ich das Pflaster einer Straße. Wir kamen zu den Resten eines kleinen Bahnhofs. Das Bahnhäuschen war ein massiver Bau aus geschwärzten Klinkern. Die Schienen waren mit Bauschutt eingeebnet. Vor dem Bahnhaus fiel eine behagliche Bank auf, mit einem reinlichen Platz davor.
„Frauenhaus!“, sagte der Kapuzenmann. „Betreten verboten.“
Am Bahnhäuschen klebte auf vier Stahlsäulen ein Kasten mit Fenstern auf allen vier Seiten.
„Ehemaliges Schaltwerk“, sagte der Alte wie ein Reiseführer.
Die Fensterscheiben des Schaltwerkes waren vom Alter stumpf und milchig und dicht mit Lumpen verhangen.
„Betreten sehr streng verboten.“
Sehr streng also! Ich sah noch einmal hoch und entdeckte ein bläuliches Flackern an den Lappen. Es dämmerte schon. Ich konnte die Anlage neben dem Bahnhof nur undeutlich erkennen. Ich sah einige Mauerreste von Gebäuden, innerhalb dieser Quadrate waren Gärten angelegt.
„Das war mal die Buchhaltung“, erklärte der Alte, „jetzt wächst hier Gemüse. Viel ist noch nicht da, nur Salat, Kresse und Radieschen. Betreten erlaubt.“
Daneben waren die Mauern mit Draht und Brettern erhöht. Es schien ein Tiergehege zu sein.
„Das war mal die Werkskantine, jetzt wohnt hier eine Ziege. Betreten verboten, Lebensgefahr!“
Der Alte führte mich am Bahnhof vorbei, einen sehr schmalen, heftig gewundenen Pfad entlang. Dieser enge Gang mit seinen dichten Seitenwänden aus Dornengestrüpp, Schrott und Steinen erinnerte an ein Labyrinth, aus dem man nicht entweichen konnte. Etwa hundert Schritte vom alten Bahnhof entfernt, öffnete sich die Enge zu einer erfreulichen Lichtung. Dahinter stand, wie ein Waldhaus aus alten Zeiten, eine schiefe Blechhütte.
Auf die Flügeltüren am Giebel war grob „Zum Kopfstand“ gepinselt. Darunter konnte man noch einige Buchstaben aus dem Wort „Bauarbeiterhotel“ entziffern. Es gab keine Fenster. Zur Belüftung waren in die Seitenwände fünf handgroße Löcher ins Blech geschnitten. Aus den Löchern, die an Bullaugen erinnerten, kam warmes Licht. Schilfgras, Wilde Möhre und Rainfarn wuchsen an der Blechwand. In der Abenddämmerung sah die Hütte wie ein Schiff aus, das in grünen Wellen schaukelt. Der rechte Türflügel war in die Erde gesunken, der linke war einen Spalt offen. Das gleiche warme Licht der Bullaugen schimmerte durch den Spalt.
„Tritt ein, du wirst erwartet.“
3.Kapitel
Drei Frauen im „Kopfstand“
Drei Frauen saßen im Laternenlicht feierlich wie ein hohes Gericht im engen Raum. Vor ihnen stand ein leerer Stuhl. Wortlos wurde ich auf diesen Platz gewiesen. Ich setzte mich zögernd und ahmte die Haltung der Frauen nach. Wir saßen so nah beieinander, dass meine Knie fast die Knie der Frauen berührten.
Eine zierliche junge Frau saß mit gesenktem Kopf neben einer würdigen alten Dame, deren schlanke Hände auf dem Griff eines Stockes lagen. Die dritte Frau war stark gerundet und hatte ein fröhliches Mondgesicht. Dann hob die zierliche junge Frau den Kopf und ich erkannte Rosalinde. Und sie war … Wie soll ich’s euch nur beschreiben? Ich sage einfach: Sie war das Gegenteil von verwahrlost.
Die Frauen schwiegen und betrachteten mich aufmerksam. Dann richtete sich die alte Dame in einer Weise auf, wie ich es bisher nur auf Gemälden der alten Meister gesehen hatte.
„Wir wollen hier in den Fabrikruinen ungestört leben“, sagte sie und schwieg wieder. „Die braven Bürger aus der braven Siedlung nebenan kann man sich leicht vom Leibe halten“, fuhr die alte Dame fort. „Ein paar leere Schnapsflaschen im Grase, nächtelang Fernsehgeflimmer an der Gardine, schon die übliche Verwahrlosung schreckt sie ab. Die Kinder aus dieser Siedlung aber sind nun mal keine braven Bürger, sie kommen näher und näher und stören unser stilles Leben.“
Wieder schwieg die Alte und musterte mich eindringlich. „Wir brauchen einen Kinderschreck“, fuhr sie fort. „Wir brauchen ein abscheuliches, unsäglich hässliches Ungeheuer. Du sollst diese Aufgabe übernehmen.“
Sie wartete, bis mein Gesicht ihr sagte, dass ich ungefähr begriffen hatte, was da von mir verlangt wurde.
„Du darfst kostenlos in dieser Hütte hier wohnen“, fuhr die alte Dame fort. „Du bekommst drei Mahlzeiten täglich.“
Die alte Dame lächelte huldvoll. Ich war einfach nur verwirrt und wusste nicht weiter. Ich stammelte einige Zweifel an meiner Eignung für den Beruf eines Kinderschrecks. Ich wies auch auf die Harmlosigkeit meines Äußeren hin. Aber die alte Dame stieß ihren Stock unsanft an meinen Oberarm.
„Und was ist das?“
„Das sind Muskeln.“
„Gut. Schön hässlich. Und das Kraut hier?“
„Ich bin etwas behaart.“
„Gut. Schön hässlich. Auf dem Kopf fehlt es an Kraut. Warum hast du dir lange Haare über die Glatze gelegt und am Hinterkopf zusammengebunden?“
„Ich wollte …“
„Ach, Faxen, Ziererei. Mach das da auf und lass die Haare neben der Glatze herunterbaumeln.“
„Aber … Es wird dann vielleicht etwas unerfreulich aussehen.“
„Höchst erfreulich! Schön hässlich. Gut, das bleibt so. Vielleicht einen Tropfen Öl auf die Glatze. Sie muss weithin glänzen. Nach dieser Platte sollst du heißen, ‚Kahler Barbar‘. Barbar heißt Stammler. Stammler ist gut.“
Die alte Dame sah nach links und rechts zu den jungen Frauen.
„Zu lang“, sagte Rose. „Kahler Baba ist besser.“
„Ja, Kahler Baba passt“, stimmte die alte Dame zu. „Du bist also ab sofort der Kahle Baba.“
Sie stieß ihren Stock auf den Boden. Tok! Tok!
„Aber …“
„Und merke dir, Kahler Baba, schlage ich mit dem Stock zwei Mal auf den Boden, so Tok! Tok!, dann ist mein Wort festgestampft und Gesetz. Und es gibt kein Aber. So.“
Die strenge alte Dame sah mich erwartungsvoll an. Ich wusste nichts zu sagen.
„Ich warte.“
„Worauf?“
„Dass du sagst, ich übernehme diese ehrenvolle Aufgabe.“
„Warum sollte ich? Diese Aufgabe ist höchst seltsam. Warum sollte ich Kinder ängstigen?“
„Weil dich Rose-Rad-ab anlächelt.“
Rose-Rad-ab, früher Rosalinde genannt, hatte bis jetzt vermieden, mir in die Augen zu sehen. Nach dieser Aufforderung hob Rosalinde den Kopf, sah mir in die Augen, und ihre Augen sprühten vor Intelligenz und Übermut. Nein, hier hatte niemand ein Rad ab. Ich sah die stark gerundete junge Frau an. Sie blickte offen entzückt mal zu Rose, mal zu mir. Ich sah in die Augen der alten Dame, warm und klug und etwas besorgt nahm sie meinen Blick an.
Und, das Wichtigste, das noch nie Gefühlte, hier war Vertrauen möglich. Ich stimmte zu.
„Bedingungslos?“
„Bedingungslos.“
„Der Vertrag ist abgeschlossen. Du bist in unseren Verbund als Hilfskraft aufgenommen.“
Tok! Tok! Zweimal stieß der Stock auf den Boden und besiegelte den Vertrag.
„Jetzt zur Kleidung. Dreifingerregel. Daumen hoch: Hemd. Zeigefinger hoch: Hose. Mittelfinger hoch: Sandalen.“
„Kein Unterzeug?“
„Wozu? Wäschst du dich vielleicht nicht gründlich? Willst du dich üppiger kleiden als wir Frauen?“
„Aber Frauen …“
„Frauensommerbekleidung. Dreifingerregel: Kleid, Sandalen, Schmuck.“
„Bei mir kommen natürlich noch zwei Kissen hinzu. Das sind hier nämlich nur Kissen. Nicht, dass du denkst …“
Die Frauen lachten, das große Glüh wurde puterrot.
„Immer nur ein einziges Kennzeichen“, erklärte Tok-Tok. „Glüh hat die Nilpferdrundungen, Rose hat ein Rad ab, das Heilige Graubrot hat sein Brot, ich habe den Stock und du hast den Kahlkopf. Der Rest, Dreifingerregel: Mimik, Schultern, Gangart. Mehr nicht an Verstellung. Nihil nimis, never zu viel. Täuschung muss einfach sein, sonst ist das bisschen Menschengehirn überfordert und nimmt die Täuschung nicht an.“
Die würdige Alte erhob sich. Wir jüngeren Leute standen ebenfalls auf. An der Tür drehte sich die alte Dame um und betrachtete mich noch einmal sehr lange. Sie schüttelte besorgt den Kopf.
„Ach, Kahler Baba, du bist so hoffnungslos komisch. Wie nur soll ich dich zu einem Scheusal machen? Ich fürchte, es geht nicht anders, ich muss dir die Sprache wegnehmen. Die Sprache verriete dich sofort.“
„Aber ich muss doch irgendetwas sagen, wenn ich Leute treffe? Das gehört sich so.“
„Warum? Du kannst doch auch Fratzen schneiden, mit den Händen fuchteln, trällern, brüllen und grunzen.“
„Darf ich wenigstens ein paar Worte grunzen: Ich, Kahler Baba! Ich, böser Baba.“
„Gut, das darfst du grunzen, meinetwegen auch noch ein paar Schimpfworte und Flüche stammeln, aber nichts Vernünftiges und nur keine richtigen Sätze dahersagen.“
Sie stieß ihren Stock zweimal auf den Boden. „Das, Kahler Baba, gehört jetzt zum Vertrag“, sagte Tok-Tok streng, fügte aber lächelnd hinzu: „Und musst du unbedingt etwas Kluges von dir geben oder verschachtelte lange Sätze reden, dann mach das mit uns, wir halten das schon irgendwie aus.“
Kaum war Tok-Tok verschwunden, huschte geräuschlos der Alte mit dem Brot unterm Arm herein. Er legte das Brot auf den Tisch. Er holte ein Bündel Papiere hervor, reichte es mir zusammen mit einem Stift und zeigte auf das letzte Blatt.
„Hier unterschreiben.“
Ich überflog die Papiere. Es waren meist Geldüberweisungen. Alle meine nicht ganz unbeträchtlichen Schulden, sogar die, die ich schon vergessen hatte, waren bezahlt worden. Dann, die letzte Seite, war eine Vollmacht, dass jemand Miete, Versicherungen, Müll und Ähnliches, also die Kosten meiner Wohnung in der Stadt, für mich übernehmen werde. Der ganze Bürokram musste in den wenigen Stunden erledigt worden sein, in denen ich k. o. herumgelegen hatte. Ich glaube nicht an dunkle Zauberkräfte. Aber die Kraft, die das geplant und ausgeführt hatte, war gut organisiert, unsichtbar und nicht klein. Mit dieser Kraft war ich nun durch mein Wort und ein Tok! Tok! und vor allem durch ein Frauenlächeln verbunden. Also schrieb ich, ohne zu zögern, meinen Namen neben dem Fingernagel einer gepflegten Greisenhand aufs Papier. Still verschwand der Alte. Das Brot ließ er zurück.
Rosalinde lächelte mich wieder an, so innig, wie man einem Kind zulächelt, das man sehr gern hat, aber mit dem man noch lange nicht über heikle Dinge reden kann.
„Stell keine Fragen“, sagte sie nur.
Dann nahm sie die große, runde Frau, die mich mit unverhohlenem Behagen anstarrte, an die Hand und zog sie mit sich hinaus in die dunkle Wildnis.
Drei schöne Frauen
bargen ein wunderbares Geheimnis,
nach dem ich nicht fragen durfte.
4.Kapitel
Wer schleicht da durch die Nacht?
Das Kichern und Schwatzen der Frauen entfernte sich und verstummte. Ich sah den Hebel an der Blechtür, mit dem ich mich einschließen konnte. Ich schloss mich nicht ein. Es war sehr still. Im schwachen Licht der Laterne sah ich mich um. Der verbeulte und rostige Blechkasten war früher ein oben offener Abrollcontainer, eine Riesenblechwanne für fünfunddreißig Tonnen groben Bauschutt gewesen. Den Container hatten die Abrissarbeiter auf den Kopf gestellt, sicher, um dort teure Maschinen und ihre Wertsachen einzuschließen. Das war für sie eine Art Tresor. Die Schrift an der Tür sagte, dass der Eisenkasten auch manchmal eine Notunterkunft war, um die Hotelkosten zu sparen.
Ich betrachtete die Einrichtung der Hütte: Tisch und Stuhl, ein schmaler Schrank, ein eisernes Bettgestell mit Strohsack und einer Decke am Fußende. Sonst standen da nur noch eine Schüssel und zwei Eimer, einer mit klarem Wasser gefüllt und ein leerer Eimer. Aha, das also war mein Bad. Sich in die Schüssel stellen und kaltes Wasser über den Kopf schütten, so sah also meine Dusche aus. Dann gab es nur noch eine Werkzeugkiste und eine Futterkiste. Mehr war da nicht. Ich betrachtet meine Essensvorräte in der Futterkiste: Haferflocken, Kartoffeln; dazu Salz, Öl, Knoblauch und Zwiebeln. Sicher war das meine Wochenration.
Ich setzte mich an den Tisch. Ich zog die Laterne heran, legte mein Notizbuch davor und machte auf einer leeren Seite drei Kreuze. Neben die Kreuze schrieb ich: Tor, Bahnhof, Kopfstand. Mit Wellenlinien, das sollte „Pfad“ bedeuten, verband ich die Kreuze. Das war nicht viel. Trotzdem beruhigte die Zeichnung. Ich malte einen Kringel um den „Kopfstand“ und sagte mir: „Hier also bin ich.“ Dann zeichnete ich ein Strichmännchen und drei Strichweiblein. Das erste Weiblein bekam einen Stock, das zweite Rundungen und das dritte eine Blume auf den Kopf. Das Strichmännchen verzierte ich mit Dach und Kreis, das sollten Kapuze und Brot sein. Ich schlug eine neue Seite auf. Ich stellte mir drei Aufgaben und schrieb sie in Druckbuchstaben übers ganze Blatt.
ERSTENS. ROSE NAHE SEIN!
ZWEITENS. KINDER VERJAGEN!
DRITTENS. GEHEIMNIS DER FRAUEN ERGRÜNDEN!
So schuf ich erste Ordnung im Kopf.
Der Wind schabte Zweige an der Blechwand. Ich hörte Froschquaken und seltsame dunkle Rufe. Eulen? Ja, das waren Eulenrufe. Der Ort wird nicht umsonst Eulengrund heißen. Dann hörte ich ein beunruhigendes Tapsen. Das waren eindeutig Schritte. Die Schritte kamen draußen immer näher an die Blechwand. Manchmal war es ein Trippeln, manchmal verharrten die Schritte, manchmal entfernten sie sich, manchmal kamen sie zurück. Es mussten mehrere Schleicher sein, die sich vor meinem Blechhaus bewegten. Es schien, als kämen immer neue hinzu, als würde sich da draußen eine größere Bande versammeln. Ich blies die Kerze aus und tastete mich zur Tür. Ich wartete. Die Wolken vor dem Mond waren mal locker, mal dichter. Endlich war die Nacht beinahe schwarz und ich schob mich lautlos durch die halb geöffnete Tür. Draußen drückte ich den Rücken gegen das Blech und glitt so an der Rückseite der Hütte dahin. Die Wolken gaben den Mond frei. Zum Glück beschien er die Vorderseite des Containers. Ich blieb auf der Rückseite im tiefen Schatten.
Behutsam entfernte ich mich nun von der Blechwand. Schritt für Schritt tastete ich mich vorwärts. In weitem Bogen gelangte ich so zur Vorderseite der Blechhütte. Ich fand ein Versteck in einem dichten Gebüsch, durchzogen mit Brombeerranken und hohem Kraut. Ich drückte mit dem Rücken eine Höhle in das undurchdringliche Geflecht und hatte eine sichere Beobachtungsstelle, den Rücken gedeckt und gute Sicht auf den mondbeschienenen Platz vor der Hütte. Selbst unsichtbar, überschaute ich das Gelände wie aus dem behaglichen Dunkel einer Loge die beleuchtete Theaterbühne. Das Spiel konnte beginnen. Kommt hervor, ihr Schleicher! Nur Mut, ihr Banditen, stürmt die Hütte!
Die Banditen kamen, doch sie stürmten nicht. Sie hüpften vergnügt umher. Es waren Wildkaninchen. Ihre kurzen Hüpfer hatte ich für Schritte gehalten. Ich schämte mich etwas, aber nur kurz. Ich bin ein Großstädter. Ich kann nun mal nicht wie ein Wilddieb lauschen. Ich betrachtete vergnügt das kleine Kaninchenfest im Mondenschein. Warum ich in meinem Versteck unbeweglich stehen blieb, wusste ich selbst nicht.
Die ausgelassene Stimmung der Wildkaninchen ist doch recht flüchtig und ihre Tänze sind kurz. Sie erstarrten plötzlich in ihren Bewegungen, spitzten – und das wortwörtlich – ihre Ohren, und wie mit dem Besen von der Bühne gefegt, so waren sie plötzlich verschwunden. Jetzt wird wohl eine Eule auf die Bühne fliegen, oder ein Fuchs hat seinen Auftritt, dachte ich. Doch kein Kaninchenjäger kam aus dem Dunkel. Aus dem Dunkel kam ein kleiner Mensch. Genauer gesagt, es kam der Schatten eines kleinen Menschen. Und der Schatten kam auch nicht so einfach daher, der Schatten tanzte aus dem Dunkel hin zu der schiefen Blechhütte. Das war ein kleiner Mann in einem eng anliegenden schwarzen Trikot mit einer schwarzen Skimaske. Er hatte einen breiten Gürtel um, an den eine Werkzeugtasche geschnallt war. Solche Taschen haben Handwerker, die in großer Höhe arbeiten. Nah an der Hütte änderte der Schatten seine artistisch schnellen und eleganten Tanzschritte und näherte sich langsam auf Zehenspitzen einem der faustgroßen Gucklöcher. Er hielt inne und drehte sich um. Sein Blick tastete gründlich die Umgebung der Hütte ab. Als er in meine Richtung blickte, war mir, als verweilten seine Augen etwas. Ich drückte mich rückwärts tiefer in die schwarze, stachlige Höhle. Der kleine Kerl wandte sich wieder der runden Öffnung im Blech zu. Er spähte lange in das Innere der Hütte. Dann drückte er sein Ohr an die Hüttenwand. Ein Fauchen in der Nähe und ein Jammerton, Geräusche einer erfolgreichen Kaninchenjagd, schreckten den kleinen Kerl auf und er verschwand in katzenhaften Sprüngen. Das geschah in wenigen Sekunden. Diese Erscheinung war so unwirklich, so schwerelos, so katzenhaft geschmeidig, dass ich vor mich hin flüsterte: „Ein Kobold.“
Mein Gehirn trübte ein Gespensternebel.
„Es gibt keine Kobolde!“, sagte ich mir, als riefe ich mich zur Ordnung. „Die Werkzeugtasche war nicht aus einem Märchen, die war aus einem Baumarkt. Kobolde gehen nicht in Baumärkte und kaufen dort Werkzeugtaschen.“
Ich verließ mein Versteck. Ich ging offen über den freien Platz zurück in mein Bauarbeiterhotel „Zum Kopfstand“. Ich ließ die Tür halb geöffnet. Ich zündete die Kerze in der Laterne an. In mein Notizbuch zeichnete ich neben das Kreuz „Kopfstand“ ein tanzendes Strichmännchen. Darunter schrieb ich „Kobold“. Ich schloss mein Notizbuch und öffnete die Futterkiste. Ich fand einen Topf und einen Spirituskocher und kochte mir Pellkartoffeln. Ich hatte eine heiße Kartoffel im Mund, da knarrte die Tür.
„Rose kommt zurück“, dachte ich froh. Ich schluckte die heiße Kartoffel, denn man kann nicht mit einer heißen Kartoffel im Mund selig „Rosalinde!“ hauchen. Ich hauchte nicht „Rosalinde“, ich sagte:
„Oh weh, bist du hässlich.“
Es war also nicht Rosalinde, die sich durch den Türspalt zwängte. Es war eine magere Hündin. Das Tier blieb halb in der Tür und starrte auf meine Kartoffeln.
„Komm rein“, sagte ich und fügte schnell hinzu, „aber nicht zu nah.“
Das Tier kam herein, kam viel zu nah, saß gespannt vor dem Tisch und saugte sich voll Kartoffelduft. Ich sah einen kahlen Fleck auf dem Hunderücken. Die kahle Stelle war genauso groß und genauso kreisrund wie meine kahle Stelle auf dem Kopf.
„Räude“, stellte ich fest, „wirst wohl Babarina heißen.“ Ich zerteilte die Kartoffeln, damit sie schneller abkühlten. „Warte. Ich muss erst pusten. – Jetzt geht’s.“
Ich warf ihr die Stücke zu. Sie schnappte die Viertel aus der Luft und schlang sie ohne Bewegung der Kiefer hinunter. Es tropfte aus den Lefzen. Als die Hündin die gute Hälfte meines Abendbrots verschlungen hatte und ich mich nun auch am Mahl beteiligen wollte, kam das erste Geräusch aus dem Tier. Das war ein bettelnder Fiepton.
„Da, nimm, das Letzte, mehr gibt’s nicht. – Nein, das Brot wird nicht angerührt. Ich weiß, es duftet. Und nun verschwinde! Zieh ab! Zieh Leine! Verzieh dich! Schieß in den Wind! Ab durch die Mitte! Geh deiner Wege. Du hast deine Probleme, ich habe meine. – Nein, da kannst du Augen machen, wie du willst. Ich falle darauf nicht rein. Ein rührender Ausdruck in den Augen kostet keine Mühe und schon habt ihr dummen Hunde Unterkunft und drei Mahlzeiten täglich. Nicht mit mir. Du ziehst hier nicht ein. Punkt. Basta. Tok! Tok!“
Ich machte ein strenges Gesicht, hob den Arm und zeigte auf die Türspalte.
„Ich habe meine Pflicht als Gastgeber erfüllt und nun geht jeder wieder seiner eigenen Wege. War mir ein Vergnügen, komm gut nach Hause.“
Das hässliche Tier musste früher einmal in guten Verhältnissen gelebt haben. Es ließ den Kopf sinken und trottete mit eingeklemmtem Schwanz zur Tür. Es knarrte ein wenig, denn der Hundebauch war nun doch einige Millimeter breiter.
Ich aß zu Ende, räumte auf, betrachtete besorgt meine Essensvorräte. Das runde Brot des heiligen Mannes blieb unberührt, obwohl mein Appetit darauf übermächtig war. Ich legte mich auf den knisternden Strohsack. Die Tür blieb einladend einen Spalt breit offen, auch die Laterne löschte ich nicht. Ein leichter Wind rieb Zweige am Blechdach. Ich hörte Froschquaken. Ganz nah musste es einen Teich geben. Ich schlief ein.
„Du Narr!“, quakte im Traum ein fetter Frosch. „Du Narr hast dich auf ein Schachbrett der Riesen verirrt. Ein dicker Daumen lauert über dir. Quak! Quak! Du Amateur, du jämmerlicher Stammler betrittst eine Bühne und weißt den Text nicht, kennst nicht die Rolle, die du spielen sollst.“
Der Frosch sprach klar und vernünftig. Ich antwortete närrisch und verworren, sprach von den Augen der drei Frauen und forderte einen Blick in die Augen des Froschs. Weil der Frosch das verweigerte, lehnte ich weitere Gespräche mit ihm ab. Aber der Frosch quakte weiter: „Du Narr! Du Narr!“ Dann träumte mir, dass die Tür dreimal knarrte und die kahle Hündin drei fette Frösche unter mein Bett schleppte.
Ich erwachte. An der Kerze konnte ich sehen, dass ich kaum eine Stunde geschlafen hatte. Ganz nah, nur wenige Zentimeter von mir entfernt, raschelte es. Unter meinem Bett war irgendetwas im Gange. Ich stand auf, nahm die Laterne und sah nach. Die kahle Hündin hatte tatsächlich etwas hereingeschleppt, aber es waren keine fetten Frösche, es waren drei fette Hundebabys, Welpen. Aus meinem maßgeschneiderten Jackett hatte sie ein Lager gebaut und lag nun da und säugte ihre Brut. Die Augen leuchteten mich an.
„Nun gut“, knurrte ich, „darfst bleiben. Ich werfe keine Mutter mit drei Kindern in der Nacht auf die Straße. Aber morgen werden wir ein ernstes Wörtchen miteinander reden.“
Es schien, die Hündin glaubte nicht so recht an die ernsten Wörtchen. Sie gähnte ausgiebig und drehte ihren Kopf den Welpen zu.
5.Kapitel
Das große Glüh
„Ich bin so glü…, ich bin so glü…, ich bin so glücklich“, jauchzte zur gleichen Zeit, etwa hundert Meter entfernt, das große Glüh in seinem Bett.
„Oho, mal was ganz Neues“ antwortete Tok-Tok und sah von ihrem Buch auf. Im größten Wohnraum des Betriebsbahnhofs stand Tok-Toks Bett den Fenstern gegenüber an der Wand, im rechten Winkel am Kopf- und Fußende waren die Betten der jungen Frauen.
„Und warum, mein Glühwürmchen, bist du denn heute so glü…?“
„Weil er mir gesagt hat, dass ich ein prächtiges Weib bin.“
„Er hat mit dir kein Wort gesprochen.“
„Stimmt, mit dem Mund hat er nichts gesagt, aber mit den Augen hat er deutlich gesagt: ‚Du bist ein prächtiges Weib!‘ Darum bin ich glü… Ich glaube, er ist ein wenig in mich verliebt.“
„Ach, mein Glühwürmchen, da irrst du dich. Er ist in mich verknallt. Naja, vielleicht auch ein wenig in Rose.“
„Aber auch in mich. Er hat es deutlich mit den Augen gesagt.“
Ein Kissen flog aus Roses Bett hinüber zu Glüh. Die jungen Frauen bewarfen sich mit Kissen, die alte Frau lachte. Dann war es lange still. Rose schlief. Die Buchseiten in Tok-Toks Hand raschelten.
„Ich bin so unglü…“, flüsterte das große Glüh.
„Und warum, mein Kind, bist du auf einmal so unglü…?“, flüsterte Tok-Tok, ohne vom Buch aufzusehen.
„Weil ich eine fette Made bin.“
„Ach, mein liebes Dumm, von einer gewissen Höhe aus gesehen bist du nur ein Würmchen. Und du bist ein erfreuliches Würmchen, weil du glühst. Du bist halt ein Glühwürmchen.“ Glüh seufzte und war nicht mehr unglü… Sie war übrigens nie richtig unglü… Sie wusste gar nicht, wie das geht.
„Gute Nacht, Tok-Tok.“
„Ja, ja, schlaf endlich.“
„Tok-Tok?“
„Schlaf.“
„Ist unser Kinderschreck ein richtiger Schriftsteller?“
„Da gibt es eine warme Wahrheit und eine kalte. Die warme sagt: Ja. Ein Verlag hat einige dünne Büchlein von ihm gedruckt. Einige Zeitungen haben das freundlich bemerkt. Irgendwo wird es eine alte Tante geben, die das ausschneidet und in Heftchen klebt. Die kalte Wahrheit aber sagt: Nein. Die kalte Wahrheit sind die verkauften Bücher.“
„Schlimm wenig?“
„Im hunderter Bereich.“
„Es kann aber noch werden.“
„So denke ich auch.“
„Tok-Tok, du könntest ihn mir jeden Tag für ein Stündchen schenken.“
„Wozu?“
„Damit ich ihn mit meinem Besen verdreschen kann. Er braucht das. Er braucht Antrieb. Er sieht schon etwas träge aus und wird fett.“
„Na, meinetwegen.“
„Ach, bin ich glü…“
Die jungen Frauen schliefen. Die alte Tok-Tok las bis zum Morgen.
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