Читать книгу: «Magnus Carlsen»

Шрифт:

Aage G. Sivertsen

MAGNUS CARLSEN

Das unerwartete Schachgenie

Aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg und Rainer Vollmar


Titel der Orginalausgabe:

Magnus

Kagge Forlag, Oslo 2015

Copyright © Aage G. Sivertsen

Published in agreement with

Stilton Literary Agency

This translation has been published

with the financial support of NORLA.

Erste Auflage 2017

© der deutschsprachigen Ausgabe

Osburg Verlag Hamburg 2017

www.osburgverlag.de

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Lektorat: Bernd Henninger, Heidelberg

Umschlaggestaltung: Judith Hilgenstöhler, Hamburg

Satz: Hans-Jürgen Paasch, Oeste

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

Printed in Germany

ISBN 978-3-95510-130-5

eISBN 978-3-95510-138-1

Für Ekaterina

Inhaltsverzeichnis

Boy meets Beast

Magnus als Mozart

Die Erziehung von Genies

Eine kompromisslose Methode

Magnus’ familiärer Hintergrund

Die Schwestern Gara

Die Welt entdeckt den Mozart des Schachs

Zum ersten Mal Vollprofi

Der Sieger Simen Agdestein

Ist Spielstärke altersabhängig?

Malysj

Der Weltbeste

Ratingverluste

Nein zu Kasparow

Mit den Figuren sprechen

In seiner eigenen Welt

Schüler verliert gegen Lehrer

Nummer 10 von hundertachtundzwanzig Großmeistern

Lehrer verliert gegen Schüler

Begegnung mit der Weltelite

Der Nervenkrieg gegen Aronjan

Halsbrecherisches Turniertempo

Heimliche Zusammenarbeit mit Kasparow

Geldsorgen

Glück ist kein Zufall

Kasparow wird entlassen

Der Bruch mit Simen Agdestein

Heimliche Helfer

An der Spitze der Rangliste

Verlegenheit und Berühmtheit

Magnus zieht zurück

Nichts Vergleichbares auf der Welt

Nervenkrieg in London

Kramniks Finte

Besorgte Mutter

Vor der dreizehnten Runde: Psychokrieg

Die dreizehnte Runde: Blut aus einem Stein pressen

Vor der vierzehnten Runde: Crescendo

Eine Stippvisite in der Hölle

Weltmeister in Chennai

Donald Duck und Kartenspiel

Alles oder nichts

Die neunte Partie

Dreifacher Weltmeister

Der Tiger aus Chennai

Das Drama von Sotschi

Das Nervenspiel

Die zweite Partie: Anand überspielt

Die dritte Partie: Der Schock

Die vierte Partie: Magnus stocksauer

Die fünfte Partie: Kontrolle

Die sechste Partie: Ein Geschenk für Anand

Die siebte Partie: Die wissenschaftliche Herangehensweise

Die achte Partie: Magnus schläft

Die neunte Partie: Die Ruhe vor dem Sturm

Die zehnte Partie: Die vorletzte Chance

Die elfte Partie: »All-In«

Magnus Carlsen im Licht von Fischer und Kasparow

»Zwanzig Prozent Schach, achtzig Prozent Psychologie«

Nachwort

Anmerkungen

Anhang:

Schachbegriffe

Literaturverzeichnis

Artikel und Filme

Bildnachweis

Boy meets Beast

Reykjavik, 12. März 2004

Nach dem normalen Open fand in Island noch ein Blitzturnier statt. Dabei kam es zu einer kleinen Schachsensation. Denn Magnus Carlsen schlug den ehemaligen Weltmeister Anatoli Karpow.

Direkt nach der Partie wandte Magnus sich der Tribüne zu, auf der seine gesamte Familie saß. Der dreizehnjährige Junge lächelte und reckte den Daumen nach oben. Seine ältere Schwester Ellen erwiderte die Geste.

Karpow spielte zu dieser Zeit noch immer auf sehr hohem Niveau, und die norwegischen Medien überschlugen sich vor Begeisterung. Insgesamt vielleicht ein wenig übertrieben, aber den norwegischen Journalisten wurde allmählich bewusst, dass sich etwas Großes anbahnte. Allerdings ging es um die Randsportart Schach, nicht um Langlauf oder Fußball. Daher nahm man es nicht richtig ernst – noch nicht.

Am darauffolgenden Tag sollte Magnus gegen Garri Kasparow zum Schnellschach antreten. Kasparow hatte bei dem Blitzturnier den 2. Platz belegt, Magnus war Vorletzter geworden. Aufgrund dieser Ausgangssituation mussten die beiden beim anschließenden Schnellschachturnier gegeneinander antreten. Es war das erste Mal, dass Magnus Carlsen der Schachlegende begegnete.

Karpow war 2004 noch immer stark, aber Kasparow galt weiterhin als bester Spieler aller Zeiten. Er stand auf dem 1. Platz der Weltrangliste. »Boy meets Beast« titelte das Internetmagazin Chess-Base. Der Vergleich David gegen Goliath lag allerdings näher. Der gestandene, ernste, gut gekleidete Kasparow gegen einen Jungen, der mit den Beinen kaum den Boden berührte, wenn er sich an den Tisch setzte.

Magnus Carlsen belegte zu diesem Zeitpunkt Platz 786 der Weltrangliste. Kasparow hatte ein Rating von 2831, während Magnus gerade einmal bei 2484 stand. Die Partie war aussichtslos. Beim Fußball könnte man sie mit dem Spiel einer hervorragenden Erstligamannschaft gegen eine Jugendauswahl vergleichen. Normalerweise würde die Erstligamannschaft zweistellig gewinnen. Ein paarmal vielleicht nur mit sechs oder sieben Toren Unterschied, aber dass sie unentschieden spielen oder gar verlieren würde – undenkbar. Aber Schach ist kein Fußball. Der psychologische Faktor ist weitaus wichtiger und kann dazu führen, dass der Beste sogar gegen einen klar schwächeren Gegner verliert. Dennoch war der Unterschied in der Spielstärke so groß, dass es nahezu utopisch war, auf eine Sensation zu hoffen.

Am Vorabend entschied Magnus, sich mit der Lektüre von Micky-Maus-Heften auf die Partie vorzubereiten. Nach dem langen Open war er noch ein wenig erschöpft, und es gab keinen Grund, sich unnötig unter Druck zu setzen.

Das Schnellschachturnier, bei dem die Spieler eine Bedenkzeit von fünfundzwanzig Minuten für die gesamte Partie zur Verfügung hatten, sollte um 18 Uhr beginnen. Doch ein Spieler tauchte nicht auf: Kasparow. Normalerweise wird die Uhr in Gang gesetzt, und wenn der Gegner nicht rechtzeitig erscheint, hat er die Partie verloren. Der Veranstalter entschied jedoch, Kasparows Uhr nicht anzustellen, denn dem russischen Schachgenie war versehentlich nicht mitgeteilt worden, dass das Turnier an diesem Tag eine Stunde früher begann. Während Magnus gespannt auf den weltbesten Schachspieler wartete, schlenderte er umher und verfolgte die anderen Partien. Nach zwanzig Minuten erschien die Schachlegende. In einem tadellosen blauen Anzug, hellblauen Hemd und mit passender Krawatte. Selbstsicher, eine Hand in der Jackentasche, ging er direkt zum Tisch, an dem Magnus bereits saß. Er erklärte ihm, dass nicht er, sondern der Veranstalter für sein Zuspätkommen verantwortlich sei.

Kurz zuvor hatte Carlsen sich ein Glas Cola geholt. Normalerweise trinkt er Orangensaft, eine volle Flasche stand auch auf dem Tisch, aber er hatte Lust auf eine Cola. Kasparow zog sein Jackett aus und nahm die Armbanduhr ab, legte sie links neben das Brett. Er hatte weder Saft noch ein anderes Getränk mitgebracht. Das Publikum sah einen ehemaligen Weltmeister, der ungewöhnlich nervös zu sein schien. Magnus führte seinen ersten Zug aus, Bauer nach d4. Kasparow berührte sämtliche Figuren, rückte sie exakt so zurecht, wie er sie haben wollte, und verhüllte mit den Händen sein Gesicht, ehe er Bauer nach d5 erwiderte und die Uhr drückte.

Die Nummer 1 der Weltrangliste beging in der Eröffnung einen Fehler und erhielt als Quittung schon früh die schlechtere Stellung. Wenig später stand Magnus sogar klar besser, laut Kasparow – wie er später bekannte – sogar auf Gewinn. Während der Partie schüttelte Kasparow mehrfach den Kopf, das Publikum verfolgte aufmerksam das Geschehen. Magnus sah Kasparow an und wandte seinen Blick nicht mehr von ihm ab. Ein Zeichen, dass er mit seiner Stellung zufrieden war.

Kasparow erklärte ein Jahr später, er habe angefangen, an die sensationsheischenden Überschriften zu denken, als seine Stellung zusehends schlechter wurde. Nie zuvor war er auf einen Gegner mit einem so großen Altersunterschied getroffen, allerdings hatte er als Jugendlicher selbst mehrfach Erwachsene bezwungen, die nominell klar besser waren als er.

Kasparow saß ein wenig zusammengekrümmt am Tisch, und die Art und Weise, wie er die Lippen bewegte, zeigte, wie sehr ihm seine Stellung missfiel. Mehrfach verbarg er das Gesicht in den Händen, ganz offensichtlich konnte er nicht fassen, was sich auf dem Brett gerade abspielte. Während die Schachlegende nachdachte, entfernte sich Magnus einige Meter vom Tisch, um sich die anderen Partien anzusehen. Dies war womöglich ein psychologisches Mätzchen, in jedem Fall jedoch ein Zeichen geradezu grenzenloser Arroganz. Beim Schnellschach ist es sehr ungewöhnlich, dass ein Spieler während der Partie herumschlendert. Zumindest, wenn man gegen den Weltbesten spielt. Bei normalen Partien, die sich über mehrere Stunden hinziehen, geschieht es häufig, dass einer der Spieler den Tisch verlässt. Hin und wieder, um dem Gegner demonstrativ zu zeigen, wie sehr einem die eigene Stellung gefällt. Steht man beim Schach schlecht, kann es unglaublich irritierend sein, wenn der Gegner gähnt, aufsteht oder so tut, als hätte er die Partie bereits gewonnen. Als Magnus sich erhob und den Tisch verließ, hob Kasparow den Kopf und starrte ihn an. Vielleicht wollte er ihn psychisch beeinflussen, vielleicht überlegte er aber auch nur, ob Magnus begriffen hatte, wie schlecht Kasparows Stellung tatsächlich war. Und als Carlsen sich in dieser Sekunde entschied, den eiskalten Blick nicht zu erwidern, indem er den Tisch verließ, war das Antwort genug.

Nachdem Magnus aufgestanden war, führte Kasparow sehr schnell seinen nächsten Zug aus. Der Exweltmeister ertrug es nicht, ignoriert zu werden. Sobald Kasparow die Uhr gedrückt hatte, kam Magnus zurück und machte blitzschnell seinen nächsten Zug. In dem sicheren Glauben, die Partie gewinnen zu können, faltete er die Hände. Der Rest der Familie Carlsen saß einige Meter entfernt. Henrik Carlsen erklärte der zweitältesten Tochter Ingrid, dass Magnus Vorteil hätte. »Wenn Papa sagt, dass Magnus gut steht, gewinnt er normalerweise auch, und dann freue ich mich«, so Ingrid. Kasparow sah aus, als hätte ihn der Blitz getroffen, doch er kämpfte und schaffte es, seine Position schrittweise zu verbessern. Magnus wurde ein wenig nervös und fand nicht immer die beste Fortsetzung. Die Partie endete mit einem Remis. Der Meister war mit dem Schrecken davongekommen.

Die zweite Partie gewann der Russe mühelos. Hinterher wurde Magnus Carlsen von dem Regisseur Øyvind Asbjørnsen interviewt, der ihm ein Jahr lang kaum von der Seite wich und den Film The Prince of Chess drehte. Magnus war enttäuscht, dass er die zweite Partie verloren hatte. »Ich habe wie ein Kind gespielt«, erklärte der Junge.

Und Kasparow sagte nach der Partie: »Bekommt er die richtige Förderung, kann er der weltbeste Schachspieler werden.«

Magnus als Mozart

»Nach Gott kommt gleich der Papa.«

Wolfgang Amadeus Mozart

Sven Magnus Øen Carlsen wurde zum ersten Mal als Mozart des Schachs bezeichnet, nachdem er als Dreizehnjähriger beim renommierten »Corus-Turnier« in Wijk aan Zee seine erste Großmeisternorm errungen hatte. Magnus hatte ein so wunderbares Schach gespielt, dass der Vergleich angebracht war. In seiner wöchentlichen Schachkolumne in der Washington Post verlieh der Schachjournalist Lubomir Kavalek im Januar 2004 Magnus Carlsen den Titel The Mozart of Chess.

»Er zeigte sein enormes Talent mit einer der großartigsten Angriffspartien, die in diesem Jahr in Wijk aan Zee gespielt wurden«, schrieb er. Danach verglich er ihn wiederholt mit dem Wunderkind der klassischen Musik. Es war allerdings nicht das erste Mal, dass ein junges Schachgenie mit Mozart verglichen wurde. Schon mehrere Weltmeister waren als »Mozart des Schachs« bezeichnet worden.

Außerdem gibt es von 60 Minutes auf CBS einen Dokumentarfilm mit dem Titel The Mozart of Chess. Weder der amerikanische Sender noch andere Schachjournalisten haben sich aber je die Mühe gemacht herauszufinden, ob die beiden tatsächlich irgendwelche Gemeinsamkeiten aufweisen. So verkam die Bezeichnung »Mozart des Schachs« zum reinen Klischee. Die Frage ist also, ob es Parallelen zwischen dem Wunderkind des Schachs und dem mystischen Wolfgang Amadeus Mozart gibt. Auch Magnus Carlsen hat etwas Mystisches. Das zumindest behauptete der ehemalige Weltmeister Boris Spasski im November 2014 in Sotschi: »Magnus Carlsen ist ein unterirdischer Kobold. Ich mag ihn. Er ist ein feiner Kerl und ein guter Schachspieler. Und er hatte schon immer etwas Mystisches.«1

Fraglos hatte Wolfgang Amadeus’ Vater, Leopold, beschlossen, dass sein Sohn sich zu einem musikalischen Phänomen entwickeln sollte. Alle entsprechenden Maßnahmen wurden eingeleitet. Bei Magnus Carlsen war es nicht ganz so. Zwar lernte er bereits im Alter von fünf Jahren die Schachregeln, doch erst als Achtjähriger begann er, sich ernsthaft mit dem königlichen Spiel zu beschäftigen. Allerdings spielte der Vater, Henrik Carlsen, durchaus mit dem Gedanken, dass sein Sohn sich zu etwas Außerordentlichem entwickeln könnte, und auch er veranlasste die notwendigen Maßnahmen.

Die Bedingungen und Voraussetzungen waren für Magnus nicht besser als für seine drei Schwestern Ellen, Ingrid und Signe. Es zeigte sich nur, dass Magnus schon früh besondere Eigenschaften besaß. Bereits im Alter von einem Jahr spielte er mit großem Interesse und großer Ausdauer mit Lego-Steinen. Als Zweijähriger kannte er die Namen sämtlicher Automarken, und noch vor seinem vierten Geburtstag konnte er sich bestimmte Dinge besser merken als mancher Erwachsene. Im Alter von fünf Jahren kannte Magnus die Namen aller norwegischen Orte, erkannte die Ortswappen, wusste die Namen sämtlicher Hauptstädte auf der ganzen Welt und konnte exzellent Kopfrechnen.

»Wichtiger als der Erwerb sozialer Eigenschaften war für mich, dass Magnus sich Kenntnisse aneignete und intellektuelle Fertigkeiten entwickelte«, erklärt Henrik Carlsen.

Als Magnus in die Schule kam, konnte er bereits lesen und schreiben. Man erwog, ihn die erste Klasse der Grundschule überspringen zu lassen, die Eltern lehnten es ab. Allerdings vereinbarten sie mit dem Lehrer, dass er zusätzliche Anregungen und Anreize bekommen sollte, so durfte er neben dem normalen Pensum Sportbücher lesen.

Magnus bedeutet auf Lateinisch »der Große«. Norwegen hatte sieben Könige namens Magnus. »Für uns war es vollkommen normal, dass wir ihn Magnus nannten«, berichtet sein Vater. »Selbstverständlich war uns klar, dass es ein königlicher Name ist, aber er gefiel uns.«

Amadeus. Man muss sich diesen Namen auf der Zunge zergehen lassen. Eigentlich war er als Theophilus geboren, das griechische Wort für »den von Gott Geliebten«. Auf Lateinisch wurde daraus Amadeus.

Henrik Carlsen ging nicht davon aus, dass Magnus der beste Schachspieler der Welt werden würde. Jedenfalls nicht, bevor er zehn Jahre alt war. Damals, im Jahr 2000, wurde dem Vater klar, dass er einen Sohn mit einem ganz außergewöhnlichen Talent für das Schachspiel hatte:

»Als ich eines Tages die Karl Johans gate in Oslo entlangging, klingelte das Telefon. Ein enger Freund erklärte mir, dass Magnus Schachweltmeister werden könne. In dem Gewimmel auf der Straße hatte ich das Gefühl, die anderen Leute könnten das Gespräch mithören. Ich flüsterte daher, auch ich sei dieser Ansicht. In diesem Moment kam mir zum ersten Mal der Gedanke, er könnte der beste Schachspieler der Welt werden. Er war zehn Jahre und ein paar Monate alt.«

Henrik hatte damals dasselbe Rating wie heute, rund 2000 Elo. Eine solche Spielstärke erreichen sehr viele recht gute Spieler nach jahrelangem Training. Viele Schachspieler trainieren mehrere Stunden am Tag, und das zwanzig bis dreißig Jahre lang, um ein höheres Rating zu erreichen. Magnus spielte als Neunjähriger bereits so gut wie sein Vater, und das, obwohl er erst ein Jahr am Brett verbracht hatte.

In Anbetracht seines jungen Alters war das Bemerkenswerteste an Wolfgang Amadeus Mozart die Qualität seiner Musik. Die Musikstücke, die er bereits als Fünfjähriger komponierte, sind nahezu unerklärlich gut. Schon im Alter von sechs, sieben Jahren steckte in seiner Musik eine Reife, die ihn in ganz Europa bekannt machte. Das Klavierspiel prägte seinen Alltag. Der Junge liebte es zu spielen. Er musste gezwungen werden, ins Bett zu gehen, sonst wäre er am Klavier eingeschlafen.

Amadeus liebte nicht nur die Musik, er spielte mit ihr. Das Publikum konnte eine Melodie summen, zu der er Variationen spielte, oder er begleitete eine Arie, die er nie zuvor gehört hatte. Er konnte sogar mit einer Binde vor den Augen oder mit dem Rücken zum Klavier spielen. Mit anderen Worten, er fand Gefallen daran, etwas Außergewöhnliches zu veranstalten. Vor allem aber suchte Wolfgang Amadeus Mozart in der Musik die Harmonie.

Magnus Carlsen wünschte sich vom frühen Alter an die totale Harmonie seiner Figuren. Er sagt: »Ich wünsche mir um jeden Preis, dass die Figuren zusammenarbeiten, dass sie auf den richtigen Feldern stehen und eine Harmonie bilden, eine Art Vollkommenheit.«

Leopold Mozart sorgte dafür, dass der Sohn mehrere Instrumente beherrschte. Neben Klavier lernte er Violine und Orgel, damit er ein kompletter Musiker werden konnte.

Bei Magnus Carlsen könnte man das Klavier vielleicht mit dem Mittelspiel im Schach vergleichen. Darin lag sein großes Talent, und damit überraschte er in den ersten Jahren oft seine Gegner. Im Mittelspiel konnte er eine Leichtfigur opfern, um anschließend die Partie zu gewinnen. Um neue Wege beschreiten zu können, war es aber notwendig, auch die Eröffnung und das Endspiel zu beherrschen. Dies ließe sich mit der Rolle der Geige und der Orgel bei Mozart vergleichen. Nachdem Magnus sich auch zu einem Experten in der letzten Partiephase entwickelt hatte, dem Endspiel, war er der beste Schachspieler der Welt.

Als er anfing, sich für Schach zu interessieren, stand zunächst das Spielerische im Vordergrund. »Ich habe mehrfach versucht, Magnus dazu zu bringen, seine Hausaufgaben zu machen, aber ich habe ihn nie aufgefordert, Schach zu spielen. Es sollte ein Spiel sein, und die Motivation sollte von innen kommen. Wenn er sich abends ans Schachbrett setzte, mussten wir ihn oft zwingen, ins Bett zu gehen«, erzählt sein Vater Henrik Carlsen.

Das Besondere an Magnus’ Herangehensweise beim Schach war die Impulsivität. Statt mithilfe russischer Schachdisziplin besser zu werden, tat er nur das, was ihm selbst Spaß machte. Das ändert nichts an der Tatsache, dass er sich als Kind den ganzen Tag mit Schach beschäftigte. Wenn er abends zu Bett ging, dann nicht, um zu schlafen, sondern um Schachbücher zu lesen. Nachdem Henrik Carlsen die Tür zugezogen hatte, schaltete der Sohn das Licht ein.

Will man Magnus’ wichtigste Eigenschaft benennen, oder vielleicht den wichtigsten Faktor, warum er ein so extrem guter Schachspieler geworden ist, dann ist es vor allem die Freude am Trainieren und Spielen. Sein Freund und Sekundant Jon Ludvig Hammer beschreibt es so:

»Von seinem zehnten bis zu seinem dreizehnten Lebensjahr spielte er den ganzen Tag Schach. Je mehr er spielte, desto mehr gefiel es ihm. Training ist wichtig, aber wenn du dann noch glaubst, dass unbegrenztes Training nur positiv sein kann, hast du einen Vorsprung.«

Magnus begann als Achtjähriger vergleichsweise spät mit dem Schachspiel. Die meisten Spieler der Weltspitze fingen im Alter von fünf oder sechs Jahren an, allerdings gibt es auch Beispiele für Weltklassespieler, die später begonnen haben.2

Mozart entwickelte früh ein musikalisches Gedächtnis, das unfassbar erscheint. Als er fünf Jahre alt war, konnte er Musikstücke nachspielen, die er nur ein einziges Mal gehört hatte. Selbst herausragende erwachsene Pianisten haben damit Probleme.

Das Gedächtnis ist beim Schach wie in der Musik ein wichtiger Faktor. Sowohl Wolfgang Amadeus Mozart als auch Magnus Carlsen haben ein extremes Erinnerungsvermögen entwickelt, das weit über die normale Gedächtnisleistung hinausgeht.3

»Als Magnus sechs oder sieben Jahre alt war, kannte er sich unglaublich gut im Sport aus. Er hätte als Experte für sämtliche Sportarten bei Quizsendungen im Fernsehen auftreten können«, erzählt sein Vater.

Leopold Mozart war selbst ein Musiker auf hohem Niveau. Er war in der damaligen Zeit recht bekannt und als Musiker vermutlich weit besser als Henrik Carlsen als Schachspieler. Dennoch hatten sie die gleiche Leidenschaft, wenn es um ihre Söhne ging. Obwohl Henrik Carlsen Schach nie auf Spitzenniveau gespielt hat, ist seine Liebe zum Spiel zweifellos ein wichtiger Faktor. Dazu kommt, dass elterliche Liebe und Fürsorge für alle Kinder sowohl in der Familie Mozart wie in der Familie Carlsen einen sehr hohen Stellenwert hatten.

Leopold Mozart bestand 1736 das Abitur mit hervorragenden Noten. Später gab er sein Studium auf und widmete sich ausschließlich der Karriere seines Sohnes. Dies ist durchaus vergleichbar mit den Ideen und Plänen, die Henrik Carlsen für Magnus hatte. Als Magnus zwölf Jahre alt war, und die Familie sich zu einem schulfreien Jahr für die Kinder entschloss, geschah dies vor allem mit Blick auf den Sohn.

Wolfgang Amadeus Mozart ging bereits als Fünfjähriger mit seinem Vater auf Reisen, um aufzutreten und zu spielen. Vater und Sohn Mozart reisten mit Pferden und Kutschen durch ganz Europa. Auch die Familie Carlsen hatte ihre »Hauskutsche« – einen Kleinbus, mit dem sie von Turnier zu Turnier fuhr. Beiden Vätern ging es darum, die Bedingungen zu schaffen, damit ihre Söhne sich optimal entwickeln konnten. Amadeus besuchte nie eine Schule. Er lernte Latein, Englisch und Französisch vom Vater. Sowohl Leopold Mozart wie Henrik Carlsen begriffen, dass sie zu außerordentlichen Maßnahmen greifen mussten, wenn ihre Söhne etwas Außerordentliches werden sollten.

Frederic Friedel, der Erfinder der Schachdatenbank ChessBase, ist zugleich einer der erfahrensten Schachjournalisten. In einem Gespräch, das wir 2013 in Zürich führten, erklärte er: »Fraglos ist Magnus ein Genie. Aber … Henrik ist klüger.«

Beide Väter hatten verstanden, dass Inspiration ein wichtiger Schlüssel ist. Wolfgang Amadeus musste die großen europäischen Städte wie München, Paris und London besuchen und dort auftreten. Das anspruchsvolle und empfängliche Publikum war nur außerhalb der Kleinstadt zu finden, aus der sie stammten – Salzburg in Österreich. Amadeus lernte die großen Komponisten seiner Zeit kennen. Damals wurde die Musikwelt von Johann Sebastian Bachs jüngstem Sohn, Johann Christian Bach, dominiert. 1764 begegneten sich die beiden in London und spielten vierhändig. Wolfgang Amadeus Mozart saß auf Johann Christian Bachs Schoß, sie spielten zwei Stunden für das englische Königspaar.

Sollte Magnus richtig gut werden, musste er hinaus in die Welt, er musste an den großen Turnieren teilnehmen und auf die besten Spieler treffen. Inspiriert werden.

Amadeus verdiente viel Geld. Er hatte ein unkompliziertes Verhältnis zum Geld und war gewöhnt, dass sich das meiste von allein regelte. Was nicht immer der Fall war.

Seit Magnus Carlsen ein Weltstar im Schach ist, führt er ein Luxusleben. In den letzten fünf, sechs Jahren hat er Millionen verdient, Geldsorgen sind kein Thema. Im Gegenteil, er fährt die schicksten Autos, fliegt Business Class, wohnt in den teuersten Hotels und besucht zwischendurch die Finanzelite. Seine Begegnungen mit Milliardär Bill Gates oder Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und sein Auftritt in einer populären norwegischen Talkshow erinnern an Mozarts Einladungen bei Hofe.

Amadeus wurde von den meisten europäischen Höfen eingeladen. Sein ohnehin großes Selbstvertrauen wurde dadurch nicht unbedingt kleiner. Immer wieder wies er darauf hin, wie gut er komponieren und spielen konnte.

Auch Magnus verhehlt nicht, wie gut er ist. Nachdem er 2009 in China eines seiner besten Turniere gespielt hatte, erklärte er: »Ich will das Schachspiel auf ein neues Niveau heben.«

Beide Söhne gehorchten ihren Vätern. Über Magnus lässt sich sagen, dass sein Vater die wichtigste Person in seiner Karriere war und ist, aber er legt großen Wert darauf, dass die ganze Familie ihm sehr viel bedeutet.

Leopold Mozart wollte streng genommen immer die volle Kontrolle über seinen Sohn haben. Das wurde mehr oder weniger unmöglich, nachdem Amadeus erwachsen geworden war. Leopold Mozarts Ambitionen waren extrem hoch, und er wusste, was er verlangte. Vielleicht sind auch Henrik Carlsens Ambitionen extrem hoch gewesen. Dann allerdings hatte er die ungewöhnliche Eigenschaft, sie gut verbergen zu können. Im Gegensatz zu vielen Eltern, die oft weit größere Ambitionen haben als ihre Kinder, ist Henrik Carlsen ungewöhnlich gelassen. So sieht es zumindest aus. An dieser Stelle muss eine Episode aus dem Film Searching for Bobby Fischer erwähnt werden, bei der mehrere Eltern bei einem Kinderschachturnier einen geradezu hysterischen Eindruck hinterlassen. Leider ist es tatsächlich so, dass viele junge Schachspieler wie dressierte Hunde wirken. Die Eltern wollen, dass sie gut werden.

Da es eine Reihe von Publikationen gibt, die auf Wolfgang Amadeus Mozarts Briefen basieren, ist die Quellenlage sehr gut, um sein musikalisches Genie zu beurteilen. Die Briefe belegen, dass er sich jahrelang in einem geradezu euphorischen Zustand befand, sie beschreiben eine tiefe Freude und beweisen, dass er sich als unabhängig und souverän wahrnahm.

Magnus Carlsen hat seit seinem dreizehnten Lebensjahr nahezu nichts anderes getan, als Schachpartien zu gewinnen, und seine Freude, Schach spielen zu dürfen, ist ganz offensichtlich. Sein Selbstvertrauen scheint unübertroffen.

Einer der größten Feinde des Musikers ist die Nervosität. Dasselbe lässt sich von Schachspielern sagen. Beim Schach ist Selbstvertrauen für den Erfolg von entscheidender Bedeutung. Mozart strahlte auf der Bühne Selbstsicherheit aus, und das gilt auch für Magnus, wenn er sich bei wichtigen Partien in Zeitnot befindet und von tausenden Zuschauern beobachtet wird. Auch auf diesem wichtigen Gebiet gibt es eine Gemeinsamkeit zwischen ihm und Mozart.

Die Erziehung von Genies

»Jedes Kind kann mit der richtigen Anleitung überragende Resultate in einem beliebigen Bereich erreichen.«

Lászlo Polgár

Kann ein beliebiges Kind unabhängig von Geschlecht und Abstammung Höchstleistungen in einem beliebigen Bereich erbringen? Spielt es eine Rolle, ob die Eltern oder ein Familienmitglied eine höhere Bildung haben? Ist eine Voraussetzung, damit aus einem Kind ein guter Schachspieler wird, dass ein Elternteil oder beide Eltern gute Schachspieler sind?

Eine kompromisslose Methode

Das extremste Beispiel aus der Schachszene sind die drei ungarischen Schwestern Susan, Sófia und Judit Polgár. Ihr Vater Lászlo Polgár behauptet in seinem Buch Die Erziehung von Genies, dass jedes beliebige Kind enorme Resultate in einem beliebigen Bereich erreichen könne.4 Voraussetzung dafür ist seiner Ansicht nach, dass die richtigen Grundlagen geschaffen werden müssen und dass fehlende angeborene Eigenschaften durch harte Arbeit ausgeglichen werden.

Diese Theorie ähnelt ein wenig der Überzeugung Malcolm Glad-wells, der behauptet, es seien zehntausend Trainingsstunden notwendig, um in einer Sportart in die Spitze vorzustoßen. In seinem Buch Überflieger versucht Gladwell zu erklären, welche Komponenten nötig sind, um Erfolg zu haben. Er führt mehrere gute Beispiele an, warum man über einen Zeitraum von zehn Jahren etwa diese Stundenzahl qualitativ hochwertiger Trainingseinheiten absolvieren muss, um in einer Sportart extrem gut zu werden.

Auch Magnus Carlsen hatte laut Angaben seines Vaters ungefähr zehntausend Stunden mit Schach verbracht, als er mit fünfzehn Jahren in die erweiterte Weltelite vordrang.

László Polgár hatte sich von vornherein für ein Experiment entschieden. Er suchte eine kluge Frau, die ihm sechs Kinder gebären sollte, und er wollte jedes dieser Kinder auf einem bestimmten Gebiet zu einem Genie erziehen. Es wurden schließlich nur drei Kinder, alles Mädchen, aber alle wurden ab ihrem vierten Lebensjahr systematisch zu Schachspielerinnen ausgebildet. Später wurden sie von der Schule genommen, spielten acht bis zehn Stunden am Tag Schach und reisten mit ihrem Vater zu Turnieren. Alle drei Mädchen erreichten die Weltspitze bei den Frauen. Die Jüngste, Judit, war der Konkurrenz vollkommen überlegen. Ihr gelang es sogar, in der Weltrangliste der Männer unter die besten Zehn zu kommen. Ein ziemlich ungewöhnliches Experiment, das mit einem aufsehenerregend guten Ergebnis endete.

Damit ein solches Unterfangen gelingt, muss das jeweilige Kind vermutlich bessere Voraussetzungen als andere mitbringen. Beim Beispiel der Polgár-Schwestern darf man ihre Eltern nicht vergessen. Beide verfügten über eine hohe Bildung, und zweifellos lagen ihre Veranlagungen und Fähigkeiten über dem Durchschnitt. Der Vater war Ingenieur, die Mutter ausgebildete Lehrerin. László Polgár war ein leidenschaftlicher Schachspieler mit einer Spielstärke auf dem Niveau Henrik Carlsens.

Allerdings zeigt sich, dass kein Elternteil zwangsläufig eine hohe Elo-Zahl haben muss, damit das Kind ein guter Schachspieler wird. Unter den hundert besten Spielern der Welt gibt es niemanden, dessen Vater oder Mutter den Titel eines Großmeisters errungen hat. Nur ein Spieler hat einen Vater, der Internationaler Meister (IM) ist: der ukrainische Großmeister Pavel Eljanow.

Es gab auch nie einen Weltmeister, dessen Eltern besonders gute Schachspieler waren. Dagegen ist bei Eltern von Weltmeistern sehr häufig ein höheres Bildungsniveau festzustellen. Dies deutet darauf hin, dass es beim Schach – im Gegensatz zu vielen anderen Sportarten – kein Vorteil oder gar eine Voraussetzung ist, dass die Eltern selbst zur Weltspitze zählten. Im Gegenteil, offenbar ist es sogar ein Nachteil, und zwar in dem Sinne, dass die Motivation möglicherweise nachlässt, wenn man es nicht schafft, den eigenen Vater im Schach zu schlagen.

Judit Polgár meint: »Die Entwicklung in den ersten sechs, sieben Jahren der Kindheit ist für einen Schachspieler extrem wichtig. Es ist so gut wie unmöglich, unter die Besten der Welt zu kommen, wenn man als Kind nicht von Anfang an Kreativität und intellektuelle Fähigkeiten beigebracht bekommt. Schach war unsere Muttersprache.« Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg, ob Judit Polgárs Behauptung stimmt. Wahrscheinlich aber schon.

Eine Besonderheit des Polgár-Experiments war, dass es sich bei den Probanden um Mädchen handelte. Man sollte meinen, dass Mädchen und Jungen bei der Geburt die gleichen Voraussetzungen mitbringen. Falls das zutrifft, müssten Mädchen sich genauso gut wie Jungen behaupten. Das ist definitiv nicht der Fall. Judit Polgár ist die einzige Schachspielerin, die sich jemals in der männlichen Weltelite etablieren konnte.

Man muss auf die Schachgeschichte zurückblicken, um die Gründe zu verstehen. Schach war normalerweise ein Spiel für Männer.5 In mehreren Ländern der Erde war Schach verboten. Und wenn es zugelassen wurde, war es oft ausschließlich Männern gestattet. Da Schach als Kriegsspiel bekannt ist, bei dem das erklärte Ziel streng genommen darin besteht, dem Gegner das Leben zu nehmen, ist es keine Überraschung, dass das Spiel lange nur Männern vorbehalten war.

In den letzten zehn Jahren hat die Zahl der Schachspielerinnen immer mehr zugenommen, vor allem junge Frauen zeigen zunehmend Interesse. Trotzdem gibt es nach wie vor eine strikte Trennung von Jungen und Mädchen. Bei Turnieren können Mädchen in der Gruppe der Jungen spielen, aber nicht umgekehrt. Der Grund liegt zum Teil in der Rekrutierung der Schüler. Es ist schwierig, Mädchen zu bewegen, sich an einer Aktivität zu beteiligen, die so von Jungen dominiert wird. Daher wurden eigene Mädchengruppen eingeführt. Doch diese Regeln können sich ändern. Über kurz oder lang werden sie sich sicherlich nicht mehr so behandeln lassen.

Judit Polgár gehört zu den Frauen, die sich weigern, an reinen Frauenturnieren teilzunehmen. Sie ist eine Pionierin unter den Schachspielerinnen – und sie war vor ihrem Karriereende stärker als fast alle Männer auf der Welt.

Magnus’ familiärer Hintergrund

Es gibt genügend Beispiele, dass Kinder erfolgreicher Eltern selbst Erfolg haben. Trifft dies in Magnus Carlsens Fall auch zu? Es ist interessant, sich ein bisschen mit Magnus’ Stammbaum zu beschäftigen. Mit dem Stammbaum eines Kindes kann man kaum etwas beweisen, aber es ist nun einmal so, dass der Weltmeister Magnus Carlsen ein ganz spezielles genetisches Erbe aufweist. Eine kleine Untersuchung der mütterlichen und väterlichen Seite liefert ein paar erstaunliche Informationen. Fangen wir bei der Mutter an.

Mutter Sigrun hat Chemie an der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität von Trondheim studiert, aber nie Schach gespielt. Ihr Lieblingsfach war allerdings immer Mathematik. Sigruns Vater, Sverre Øen, war Elektroingenieur und spielte mit seinen Schulkameraden Schach. Sverre Øen war mit Berit verheiratet, einer Chemikerin. Die Lieblingsfächer von Sigruns Eltern waren die Naturwissenschaften.

Sigruns Großeltern väterlicherseits besuchten keine weiterführende Schule, beide spielten auch nicht Schach. Dies gilt auch für ihre Großeltern mütterlicherseits. Wie viele Norweger in dieser Zeit besaßen sie einen Hof. Sigrun Carlsen beschreibt Magnus’ Urgroßeltern als hart arbeitende Bauern.

Auf der väterlichen Seite stehen uns detailliertere Informationen zur Verfügung, und dabei stößt man auf ein erstaunlich hohes Bildungsniveau, das mehrere Generationen zurückreicht. Henrik Carlsen war ein sehr guter Schüler, vor allem im Fach Mathematik. Er konnte exzellent Kopfrechnen. Als Erwachsener wurde er Ingenieur, sein Interesse an der Mathematik hielt also auch nach der Schule noch an.

Henriks Bruder Fredrik ist Professor für Sozialwirtschaft. Auch er zeigte mathematische Fähigkeiten, die weit über den Durchschnitt hinausgehen. Fredrik kann sich nicht erinnern, dass er im Kopfrechnen so gut war wie Henrik, berichtet aber, er habe in Mathematik immer ausgezeichnete Noten bekommen. Ihre Schwester Birte, Magnus Carlsens Tante, machte in den USA einen Masterabschluss in Mathematik.

Magnus’ Großvater väterlicherseits, Kurt Magnus Carlsen, wuchs in Bergen auf. Er verließ die weiterführende Schule als bester Schüler seines Jahrgangs mit Bestnoten in sämtlichen Fächern. Er studierte ebenfalls an der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität von Trondheim, wurde Diplomingenieur und spezialisierte sich auf Metallurgie. Kurt Magnus Carlsen wurde Leiter von Norsk Hydro Aluminium. Als Henrik Carlsen, lange nachdem der Vater in Rente gegangen war, bei derselben Firma eingestellt wurde, war dies nicht die schlechteste Voraussetzung, wie er erzählt: »Vater war oberster Chef bei Hydro Aluminium, und als ich mich bewarb, erinnerte man sich noch gut an ihn. Mir wurde mir erklärt, er habe die Aluminiumsparte des Unternehmens aufgebaut.«

Kate, Magnus’ Großmutter väterlicherseits, holte als Erwachsene ihr Chemiestudium nach und schloss es in den USA mit Diplom ab. Das Besondere an Kates Familie war, dass sechs von sieben Geschwistern die Universität besuchten. Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg war es höchst ungewöhnlich, dass sämtliche Kinder die Möglichkeit bekamen, ein Universitätsstudium zu absolvieren. Die Geschwister studierten Mathematik, Ingenieurswesen, Geologie, Medizin und Chemie. Eines der Kinder besuchte eine Gärtnerschule, und nur das Mathematikstudium wurde ohne Abschluss beendet.

Henriks Grußmutter väterlicherseits hieß Berta Ølmheim, wuchs in Sogndal auf und heiratete Albert Herman Carlsen. Sie war für ihre Willensstärke bekannt und galt als außerordentlich kluge Frau mit eindeutigen Meinungen. Albert Herman Carlsen hatte eine Halbschwester, die eine begeisterte Leserin war und ein fantastisches Gedächtnis hatte. Es hieß, sie könne sich sogar an die Seitenzahlen der Texte erinnern, die sie gelesen hatte.

Betrachtet man Magnus Carlsens Stammbaum auf der väterlichen Seite, zieht sich das Fach Mathematik wie ein roter Faden durch die Generationen.

Mathematik wird häufig mit Schach in Verbindung gebracht. Sehr viele gute Schachspieler zeigen großes Interesse an einem Studium der Informatik, der Mathematik oder eines anderen Faches, das mathematische Fähigkeiten erfordert. Einige Weltmeister haben auf diesen Zusammenhang explizit hingewiesen.6

Magnus’ drei Schwestern sind ebenfalls mathematisch begabt. Die älteste Schwester Ellen studiert Medizin. Die beiden anderen, Ingrid und Signe, haben auf dem Gymnasium Bestnoten im Fach Mathematik.

Daher ist es schon erstaunlich, dass Magnus Carlsen auf der weiterführenden Schule nicht sonderlich gut in Mathematik war. Allerdings gibt es dafür eine schlichte Erklärung: Schon früh verlor er das Interesse an Mathematik. Dies hing damit zusammen, dass immer öfter Gleichungen mit x oder y und Kurvendiskussionen auf dem Lehrplan standen. Henrik Carlsen ist der Ansicht, dass Magnus bis heute nicht weiß, wofür ein x eigentlich steht. Auf dem Gymnasium, das Magnus wegen zu hoher Fehlzeiten ohne Abschluss verließ, hatte er in Mathematik meist eine Vier, im besten Fall eine Drei.

Dies bedeutet nicht, dass Magnus keine mathematischen Fähigkeiten besäße. Aber Mathematik war ihm zu langweilig, und er verstand nicht, warum er sich in diesem Fach anstrengen sollte.

»Meine Eltern haben mich gedrängt, einen ordentlichen Schulabschluss zu machen. Ich habe aber nie bereut, dass ich das getan habe, was mir am besten gefiel: Schach spielen.«

Man sagt, Schach sei die Verbindung von Rechnen und Harmonie. Musiker können ihre Noten lesen und die Musik hören, ohne dass sie gespielt wird. Auf die gleiche Weise können Schachspieler die Notation von Schachpartien lesen und visualisieren. Nach dem Schachspieler und Musiker François Philidor wurde eine Eröffnung (1. e4 e5 2. Sf3 d6) sowie eine Technik im Turmendspiel benannt – die sogenannte Philidor-Stellung. Er wurde als Komponist bekannt, dessen Werke noch immer gespielt werden, und er war im 18. Jahrhundert lange einer der stärksten Schachspieler der Welt.7

Die Schwestern Gara

Die jüdischen Schwestern Gara sind weit weniger bekannt als die Schwestern Polgár. Auch sie stammen aus Ungarn, doch ihre Geschichte blieb außerhalb ihrer Heimat erstaunlich unbeachtet.8 Anita und ihre Schwester Ticia sind heute Schachprofis, sie spielen von Kindesbeinen an Schach.

Ihr Vater, der heute fast achtzigjährige Imre Gara, ist Arzt, und der Zufall wollte es, dass der Großvater der Polgár-Schwestern in demselben Krankenhaus behandelt wurde, in dem Imre Gara arbeitete. Als László Polgár zu Besuch kam, erzählte er von der Schachkarriere seiner Töchter. Er garantierte, dass die Schwestern Gara, die damals fünf beziehungsweise sechs Jahre alt waren, in die Weltspitze im Schach vordringen würden, wenn sie seinen Plan befolgten. Imre Gara war begeisterter Schachspieler und hatte eine Spielstärke im Bereich von Henrik Carlsen, kein Wunder also, dass er die Idee interessant fand.

Etwa zur gleichen Zeit entdeckte die Leiterin von Ticias Kindergarten eine Besonderheit. Sie war der Ansicht, dass Ticia weit klüger war als die übrigen Kinder, und empfahl den Eltern, einen Psychologen aufzusuchen. Der Psychologe teilte die Ansicht der Kindergärtnerin und schlug vor, Ticia solle anfangen, Schach zu spielen.

Imre Gara hörte das gern. Er und seine Frau trafen eine Entscheidung. Sie wollten Anita und Ticia zu den weltbesten Schachspielerinnen erziehen.

László Polgár entwarf ein Trainingskonzept, das mit dem Plan identisch war, den er für seine Töchter entwickelt hatte. Ein Aktionsplan, der hundertprozentig eingehalten werden sollte. Er erklärte unmissverständlich, dass die gewünschten Resultate nicht erzielt werden könnten, wenn die Vorgaben nicht Punkt für Punkt erfüllt würden. László Polgár begleitete die Erziehung der Schwestern mehrere Jahre lang, er motivierte die Eltern wie auch die beiden Kinder.

Wie sollten aus zwei Kindern im Alter von fünf und sechs Jahren, die zuvor nie eine Schachfigur in der Hand gehabt hatten, die besten Schachspieler der Welt werden? Anita und Ticia waren zu dieser Zeit sportlich sehr aktiv. Die Mädchen spielten Tennis und Tischtennis, gingen in die Tanzschule und schwammen. Im Winter liebten sie es, Ski zu fahren und Schlittschuh zu laufen. Sie spielten mit anderen Kindern. Ticia ging in den Kindergarten, Anita in die erste Klasse. All dies wurde nun komplett auf den Kopf gestellt.

Laut Trainingsplan sollten die Mädchen pro Tag sieben bis acht Stunden Schach spielen oder Schachunterricht bekommen. Daneben hatten sie weiterhin die Gelegenheit zu anderen sportlichen Aktivitäten, aber weit weniger, als sie es gewohnt waren. Ein bisschen Sport war gut, aber nicht zu viel. Filme, Konzerte, Fernsehen, andere Spiele als Schach, Spielen mit anderen Kindern, Lesen oder sich einfach nur unterhalten, all dies waren aus László Polgárs Sicht störende Faktoren.

Für Anita und Ticia wurde eine Regelung gefunden, die sie vom Schulunterricht befreite, allerdings mussten sie jedes Halbjahr eine Prüfung ablegen. Die Eltern unterrichteten sie daheim. Besonderer Wert wurde auf das Erlernen von Sprachen gelegt. Dies war ein Teil von Polgárs Plan.

Sie lernten Esperanto und vor allem Englisch. Allerdings sei es nicht gut, zu viele Sprachen zu lernen. Laut László Polgár würde sich dies negativ auf die Schachentwicklung auswirken. Eine der Polgár-Schwestern, Susan, hatte sieben Sprachen gelernt, und ihr Vater war überzeugt, dass darunter ihre Fähigkeiten im Schach gelitten hatten.

Ein Teil des Plans sah vor, dass die Kinder sehr gute Trainer bekamen, einen Experten für jede Partiephase. »Sehr häufig waren vier, fünf Trainer gleichzeitig bei uns. Wir hatten einen Spezialtrainer für alle Teilbereiche. Einen für Eröffnungen, einen für das Mittelspiel, einen für das Endspiel, einen für Blitzschach und einen für Blindschach.«

Die Eltern wollten ihren Kindern mit Schach zu einem guten Leben verhelfen. Sie sollten Sprachen lernen, viel reisen, durch Turniersiege Geld verdienen, sie sollten es zu Selbstvertrauen und Wohlstand bringen. Das Problem bestand allerdings darin, dass die Eltern Polgárs Programm nicht Punkt für Punkt befolgten. Imre Gara wollte seine Kinder nicht zu reinen Schach-Nerds erziehen. Er wünschte sich, dass sie sich auch auf anderen Gebieten deutlich besser entwickelten, als das Programm vorsah.

Eine Idee Polgárs bestand darin, die Kinder aus ihren natürlichen Aktivitäten herauszureißen, damit sie sich voll und ganz aufs Schachspielen konzentrierten konnten. Dadurch sollten sich Leidenschaft und Besessenheit für die Kunst des Schachspiels entwickeln. In der Konsequenz hätte dies ein asoziales Leben bedeutet.

»Wir folgten Polgárs Methoden nicht sklavisch. Vor allem schätzten wir andere Aktivitäten, die nichts mit Schach zu tun hatten, aber der Alltag bestand schon hauptsächlich darin, Schachspielen zu lernen«, berichtet Anita, die ältere der beiden Schwestern.

Unabhängig von der konkreten Methode ist Disziplin eine der Voraussetzungen, die erfüllt sein muss, wenn man die Weltspitze erreichen möchte – ganz gleich, um welche Sportart oder Aktivität es geht. Schach ist da keine Ausnahme. Die Russin Alexandra Kostenjuk, ehemalige Gewinnerin der Frauen-Weltmeisterschaft, berichtete, dass sie ihr Weltklasseniveau nicht dauerhaft halten konnte: »Weitermachen hätte für mich und Judit Polgár bedeutet, in einem Gefängnis zu sitzen. Man muss sich zehn oder zwölf Stunden pro Tag ins Schach vergraben, und ein solches Leben will ich nicht führen.«

Die Schwestern Gara wurden zu einem solchen Leben erzogen. Sie sind mehr oder weniger schon ihr ganzes Leben lang Schachprofis. Beide errangen mehrere ungarische Meistertitel, in einigen Altersklassen haben sie auch bei Weltmeisterschaften Medaillen gewonnen. Anita hatte als Neunzehnjährige eine Elo-Zahl von 2365, ihr höchstes Rating betrug bisher 2405. Ticia erreichte mit siebzehn Jahren 2381 Elo-Punkte, das ist bis heute ihre höchste Notierung.

Wenn sie Kinder bekommen, wollen die beiden Schwestern sie genauso erziehen, wie sie aufgewachsen sind.

Die Welt entdeckt den Mozart des Schachs

»Es gab einen Ort, von dem ich sagen kann, dass ich dort nichts lernte. Die Schule.«

Jens Bjørneboe

Der am 30. November 1990 in Tønsberg im Süden Norwegens geborene Magnus Carlsen war zwölf Jahre alt, als er den Titel eines Internationalen Meisters (IM) errang. Er war damals der jüngste IM und sein Ziel war eindeutig, Großmeister (GM) zu werden. Unter Schachspielern ist dieser Titel von großer Bedeutung. Norwegen hatte 2015 elf Großmeister, und einige von ihnen hatten mehrere Jahre gebraucht, bis ihnen der Titel verliehen wurde.

Zum ersten Mal Vollprofi9

Im Jahr 2003 entschied sich die Familie Carlsen, eines ihrer Autos zu verkaufen, ihr Haus zu vermieten und die Kinder von der Schule zu nehmen. Sie wollten kreuz und quer durch Europa reisen. Ein Sabbatjahr für die ganze Familie, ein anstrengendes, aber erfolgreiches Jahr für Magnus. Zum ersten Mal trat er als professioneller Schachspieler auf. Allerdings wird eine solche Vorgehensweise in Norwegen nicht sonderlich gern gesehen. Man darf in einer Disziplin ruhig zu einem Könner werden, doch sollte man die Regeln des Systems nicht überstrapazieren. Umgekehrt musste ein ganzes Jahr schulfrei nicht zwangsläufig bedeuten, dass die Kinder weniger lernten. Im Gegenteil. Ziel der Eltern war es, dass die Kinder sich mindestens weiter so entwickelten wie in einem normalen Schuljahr.

Ein alter sechssitziger Transporter, ein Hyundai Van, sollte die Familie Carlsen durch ganz Europa transportieren – von einem Schachturnier zum nächsten. »Von Hunderten Leuten haben wir eine Menge Ratschläge bekommen, wie Magnus trainieren soll, um ein noch besserer Schachspieler zu werden. Sie alle wussten ganz genau, was für Magnus am besten ist«, so Henrik Carlsen.

Mitte August 2003, kurz vor Schulbeginn, ging es los. Mit dem Transporter voller Gepäck verließ die Familie Carlsen Oslo in Richtung Österreich. Die Kinder nannten das Auto einfach den »Kasten«, alle freuten sich auf die Reise. Natürlich gefiel ihnen der Gedanke, ein ganzes Jahr nicht zur Schule gehen zu müssen.

Am 23. August 2003 begann Magnus’ erstes Turnier auf der Reise, das Schwarzacher Open in Österreich. Er spielte sehr stark und hätte fast seine erste Großmeisternorm errungen. Das heißt, er gewann gegen mehrere wesentlich höher eingestufte Gegner. Ein vielversprechender Start in das Schachjahr.

Das nächste Reiseziel war Budva in Montenegro. Hier fanden die Jugend-Europameisterschaften statt. Die Carlsens fuhren über die Alpen, durch Italien und Kroatien. In den Tagen vor der Jugend-Europameisterschaft bestand ihr Alltag darin, historische Stätten zu besuchen, zu baden und Spaß zu haben. Allerdings war von vornherein festgelegt, dass die Kinder täglich eine Stunde mit Schularbeiten verbrachten. Im Großen und Ganzen wurde diese Vereinbarung eingehalten.

Bei der Europameisterschaft führte Magnus nach sieben Runden souverän mit 6,5 Punkten. In den letzten zwei Partien war er jeweils klarer Favorit, brachte es aber fertig, beide zu verlieren. Er erreichte den dritten Platz in der Gruppe der Jungen unter vierzehn Jahren. »Es war verdammt ärgerlich, dass ich kein Gold geholt habe«, erklärte er später, »aber der Frust ging schnell vorbei.«

Schon bald gab es neue Möglichkeiten. Sechs Tage nach der Europameisterschaft kam das nächste Turnier, der Europacup der Vereinsmannschaften. Austragungsort war Kreta. Für die anderen Familienmitglieder war die Insel der perfekte Urlaubsort. Meer und Sonne, und überall gab es antike Stätten wie die über zweitausend Jahre alten Ruinen des Palastes von Knossos zu besichtigen. Alle Kinder mussten einen Aufsatz über den Palast schreiben, auch Magnus.

Norwegen hatte nie eine Mannschaft entsandt, die auch nur in die Nähe einer Spitzenplatzierung gekommen wäre. Bis dahin hatten die Osteuropäer die Ergebnislisten souverän dominiert. Magnus sollte für Asker antreten, einen Vorort von Oslo, und er bekam die Möglichkeit, am ersten Brett zu spielen. Dort sitzt der stärkste Spieler einer Mannschaft. Erneut erhielt der zwölf Jahre alte Junge die Chance, seine erste Großmeisternorm zu erringen.

Leider erkrankte Magnus direkt vor dem Turnier an einem Magenvirus. In Budva waren mehrere Spieler krank gewesen und hatten Magnus angesteckt. Während der gesamten Reise hatte er schlapp und kränklich hinten im »Kasten« gelegen. Als die Familie Carlsen auf Kreta ankam, war noch keine wesentliche Besserung eingetreten, »doch ich hatte mich so darauf gefreut zu spielen. Ich glaube, dadurch wurde ich gesund«, so Magnus.

Die besten Schachspieler der Welt waren versammelt, und Magnus holte 3,5 von 7 Punkten. Eine durchaus imponierende Leistung, wenn man bedenkt, dass er zu Beginn des Turniers noch krank war. Für eine GM-Norm reichte das Ergebnis allerdings nicht.

Das nächste Ziel war die Junioren-Weltmeisterschaft. Von den historischen Stätten auf Kreta ging es an den nächsten Urlaubsort, auf die griechische Halbinsel Chalkidiki. Auf dem Weg dorthin machte die Familie einen Abstecher zum Olymp, dem Berg der Götter, und besichtigte in Athen natürlich die Akropolis. Auf diesem Teil der Reise hatten die Multiplikationstabellen auf dem wöchentlichen Schulplan gestanden. Magnus und seine große Schwester Ellen waren ausgezeichnet im Kopfrechnen.

Rund zweitausend Schachspieler sowie Eltern und Organisatoren der Reisegruppen hatten sich in dem kleinen Dorf Kallithea versammelt, darunter eine große norwegische Schachdelegation mit fast zwanzig Personen. Außerdem hatten Henrik Carlsens Eltern beschlossen, ihren Urlaub in Kallithea zu verbringen.

Für Magnus ging es wieder um eine Medaille. Aus seiner Sicht hatte er sich bei der Europameisterschaft blamiert und sann auf Revanche. Das Turnier begann gut, doch dann wurde Magnus erneut krank. Das Turnier endete für ihn mit einem enttäuschenden neunten Platz.

»Eine Weile überlegte ich, ob das Programm nicht doch zu hart für Magnus war. Nach seinem Ergebnis bei der Weltmeisterschaft machte ich mir Sorgen, doch als Magnus nach seiner Krankheit wieder zu Kräften gekommen war, gab es keinen Zweifel, dass wir ihn weiterhin Turniere spielen lassen würden«, berichtet Henrik Carlsen.

Bei Turnieren, an denen die besten Jugendspieler teilnehmen, spielt das Rating keine so entscheidende Rolle. Dennoch haben viele Spieler großen Respekt, wenn sie bei normalen Turnieren auf jüngere Talente treffen, die sich mit aller Macht im Rating verbessern wollen. Und das nicht ohne Grund. Die zehn, zwanzig besten Spieler einer Junioren-Weltmeisterschaft strotzen normalerweise vor Selbstvertrauen und Dynamik; die meisten glauben, sie können Weltmeister werden.

In den traditionsreichen Schachnationen wie Russland und der Ukraine ist es üblich, dass die besten Spieler eigene Sekundanten haben, was ihnen einen großen Vorteil verschafft. Die Sekundanten analysieren vorher die Partien des Gegners, um Informationen über dessen Spielanlage zu bekommen, und legen ihrem Spieler einen entsprechenden Plan für die jeweilige Partie zurecht. Magnus Carlsen hatte keine Sekundanten, bevor er sich der Weltspitze näherte.

Trotz seines schwachen Resultats bei der Junioren-Weltmeisterschaft hatten einige Beobachter bemerkt, wie stark der Norweger in einzelnen Partien spielte. Herausragend war seine Partie gegen seinen Landsmann Hammer, die er mit einem spektakulären Opfer für sich entschied. »Nach der Junioren-Weltmeisterschaft hatte ich das eindeutige Gefühl, dass ich trotz des schlechten Ergebnisses mit einigen Partien sehr zufrieden sein konnte. Vor allem die erste Runde gegen Jon Ludvig Hammer, in der ich die Dame opferte, um ihn direkt danach mattzusetzen, gefiel mir gut«, erinnert sich Magnus.

Das nächste Reiseziel der Familie gilt als eines der schönsten der Welt. Direkt am Fuß des Vulkans Ätna liegt das pittoreske Taormina auf Sizilien. Henrik Carlsen schlug seinem Sohn vor, in den ersten Partien des Turniers jeweils Remis anzustreben, weil er noch immer ein wenig kränkelte. Doch Magnus folgte dem Rat seines Vaters nicht. Die erste Partie ging er offensiv an und musste bereits nach siebenundzwanzig Zügen aufgeben. Seine Chance, sich eine GM-Norm zu sichern, war damit erheblich kleiner geworden. Da die Voraussetzung für eine Norm 7 aus 9 war, musste er in den letzten acht Runden 7 Punkte erzielen, was vollkommen unrealistisch war. Unterm Strich endete das Turnier mit einer soliden Leistung und insgesamt 5,5 Punkten. Seine wiederholt erfolglosen Versuche, eine GM-Norm zu erringen, zeigen auch, wie groß der Unterschied zwischen dem IM- und dem GM-Titel ist. Magnus wollte diesen Titel in der kürzestmöglichen Zeit, am liebsten innerhalb eines Jahres erringen. Damit wäre er der weltweit jüngste Großmeister aller Zeiten gewesen.

Es wurde Dezember. Natürlich war es für alle Mitglieder der Familie Carlsen ungewohnt, mehrere Monate am Stück im Auto zu leben. Viel Zeit verbrachten sie damit, von einem Ort zum anderen zu fahren. Das Waschen der Kleidung war auch nicht immer einfach, dasselbe galt für den Einkauf von Lebensmitteln und das Zubereiten der Mahlzeiten. Alle waren sich aber einig, dass dies zu dem großen Plan gehörte, Magnus’ Entwicklung zu einem besseren Schachspieler zu fördern.

»Wir hatten keine besonders große Sehnsucht nach der Schule, aber wir vermissten unsere ganzen Freunde, besonders unsere kleine Schwester Signe«, erzählt Magnus’ ältere Schwester Ellen. »Trotzdem hielten wir zusammen, und im Nachhinein gibt es gar keinen Zweifel, dass es ein positives halbes Jahr war. Ich glaube, auch Magnus hat davon profitiert. Sein Verhältnis zu seiner Familie wurde noch enger, und dies gab ihm eine Sicherheit, die einfach von großem Nutzen war.«

Sigrun Carlsen, seine Mutter, hatte ein eher zwiespältiges Verhältnis zum Schach: »Bei einigen Turnieren sieht es so aus, als würde er so sehr leiden, dass ich ihn am liebsten in den Arm nehmen und nach Hause bringen würde. Zum Glück bekomme ich ständig zu hören, dass er das Schachspielen liebt, das hilft mir ein wenig.« In dem halben Jahr auf Reisen übernahm Sigrun Carlsen weitgehend die Aufgabe einer Lehrerin ihrer vier Kinder.

Nach einigen Monaten, in denen es auch im Süden Europas kühler wurde, bekam die ganze Familie Heimweh. Sie wollten Weihnachten zu Hause verbringen. Magnus’ dreizehnter Geburtstag wurde in Rom gefeiert, sie besuchten den Vatikan und das Kolosseum. Wenig später zeigte die Kompassnadel nach Norden. Der »Kasten« war bereit für eine lange Reise über Florenz nach Ungarn. In Budapest fand Mitte Dezember noch ein großes Schachturnier statt, an dem Henrik, Ellen und Magnus Carlsen teilnahmen. Magnus spielte ein gutes Turnier, verfehlte aber einmal mehr die Großmeisternorm.

Am 20. Dezember fuhren sie weiter Richtung Norden. Einen Tag vor Heiligabend saß Magnus mit seinem Schachtrainer Simen Agdestein zusammen und analysierte Partien. Sie kamen zu keinem Ende, und Magnus fragte, ob sie morgen weitermachen könnten. »Aber morgen ist doch Heiligabend«, erwiderte Agdestein.

Seit er anfing Schach zu spielen, hatte Magnus Carlsen fünf Trainer. Bjarte Leer-Salvesen war sein Lehrer im Freizeitangebot der Grundschule, Torbjørn Ringdal Hansen half ihm, sich von 900 auf 1900 Ratingpunkte zu verbessern, ein Sprung, für den der Junge lediglich ein Jahr brauchte. Magnus kam schachlich aus dem Nichts und spielte nun regelmäßig mit Erwachsenen, die seit zwanzig, dreißig Jahren vor dem Brett saßen. Im Alter von zehn Jahren wurde Simen Agdestein sein fester Trainer und arbeitete mit ihm zusammen, bis Magnus als Dreizehnjähriger zum zweitjüngsten Großmeister der Welt ernannt wurde. Eine hervorragende Entwicklung. Von da an unterrichtete ihn der damals beste Schachspieler Skandinaviens, der Däne Peter Heine Nielsen. Trainer zählen, so Henrik Carlsen, zu den wichtigsten Bausteinen auf dem Weg an die Weltspitze: »Alle Trainer waren für Magnus sehr wichtig. Sie spielten in den unterschiedlichen Phasen seiner Entwicklung eine einzigartige Rolle.«

Als Magnus acht Jahre alt war, trat er dem Schachklub der Gemeinde Bærum bei. Auch hier leitete Bjarte Leer-Salvesen das Training, den Magnus bereits aus der Grundschule kannte. Leer-Salvesen studierte damals Theologie an der Universität von Oslo und arbeitete nach Abschluss seines Studiums als Pastor. In seiner Gruppe waren rund zwanzig Kinder. Er erzählt: »Bereits nach ein paar Wochen merkte ich, dass Magnus besonderes Talent für das Schachspiel hatte. Er war schon nach sehr kurzer Zeit viel besser als alle anderen.«

Ein Jahr später spielte Magnus bereits sehr gut, und Torbjørn Ringdal Hansen übernahm die Trainingsverantwortung. Kurz zuvor hatte Leer-Salvesen beim Simultanschach gegen seinen Schüler gewonnen, als Magnus einer von fünfundzwanzig Spielern war, die gegen den Theologiestudenten antraten. Leer-Salvesen ist damit einer der wenigen Spieler auf der Welt, der Magnus im Simultanschach geschlagen hat, wenn Magnus zu den Herausforderern gehörte.

Dem norwegischen Schachgroßmeister Simen Agdestein war das Talent des Neunjährigen ebenfalls aufgefallen. Er schlug vor, dass Magnus bei Torbjørn Ringdal Hansen lernen sollte. Gleich zu Beginn des Unterrichts bemerkte Ringdal Hansen, dass der Junge etwas Besonderes hatte: »Es war völlig unglaublich, wie er sich an alles erinnerte, was ich ihm einmal erklärt hatte.«

Als Neunjähriger hatte Magnus ein Rating von ungefähr 900 und träumte davon, über 1000 Punkte zu kommen. Ein Jahr später stand er bereits bei einer Elo von 1900. Eine enorme Steigerung in so kurzer Zeit. Ringdal Hansen erklärte Simen Agdestein, dass nun er das Training übernehmen müsse. Magnus war zu gut für seinen Lehrer geworden!

Die Gemeinsamkeit aller fünf Trainer ist, dass ihre Spielstärke im Verhältnis zu ihrem Schüler besonders hoch war. Bjarte Leer-Salvesen hatte zu der Zeit, als Magnus mit dem Schachspielen anfing, annähernd 2300 Elo-Punkte. Zu dieser Zeit wurde Leer-Salvesen auch Internationaler Meister.

Torbjørn Ringdal Hansen hatte sogar noch einige Ratingpunkte mehr, als er die Verantwortung übernahm; er sollte Magnus’ erster richtiger Trainer werden.

Es kommt in Norwegen ausgesprochen selten vor, dass junge Schachspieler so gute Trainer haben wie Magnus Carlsen. In Russland ist es normal, dass Kinder mit dem Vater, einem Onkel oder einem anderen Verwandten trainieren. Das mag im ersten Moment vielleicht ein wenig amateurhaft klingen, doch sehr viele dieser Trainer sind ausgesprochen gute Schachlehrer und befinden sich oft auf einem hohen Niveau wie Leer-Salvesen und Ringdal Hansen.

Als Simen Agdestein und später Peter Heine Nielsen und Garri Kasparow die Verantwortung für das Training übernommen hatten, arbeitete Magnus Carlsen mit Kapazitäten zusammen, die der Weltelite angehörten. Kasparow war fünfzehn Jahre Weltmeister, Peter Heine Nielsen und Simen Agdestein zählten in ihrer besten Zeit zur erweiterten Weltspitze.

Man weiß von anderen Sportarten, dass diejenigen, die mit guten Sportlern trainieren, oft selbst gute Sportler werden. Ohne Zweifel ist dies auch bei Magnus Carlsen der Fall.

Der Sieger Simen Agdestein

Der 1967 geborene Simen Agdestein ist ein außerordentliches Sporttalent. Als Zwölfjähriger gehörte er zu den besten 800-Meter-Läu-fern Norwegens. Gleichzeitig war er ein ausgezeichneter Skiläufer. Mit elf Jahren begann er ernsthaft, Schach zu spielen, und als Sechzehnjähriger gewann er bei einem Turnier im norwegischen Gjøvik gegen Exweltmeister Boris Spasski. Eine Sensation. Der Junge hatte unerklärliche Fähigkeiten. Mit achtzehn Jahren errang er als damals jüngster Spieler der Welt den Großmeistertitel.10 Bei der Weltmeisterschaft der Junioren erreichte er den zweiten Platz, doch damit nicht genug: Simen Agdestein war der einzige Schachspieler mit Weltklasseniveau, der auch in einer Fußballnationalmannschaft spielte. Leider bekam er Knieprobleme und musste sich einer Operation unterziehen. Die Operation misslang, und Simen Agdestein musste im Alter von zweiundzwanzig Jahren seine Fußballkarriere beenden.

Die meisten Beobachter waren der Ansicht, er würde nun ein noch besserer Schachspieler werden, da er mehr Zeit hätte, sich darauf zu konzentrieren. Doch nach der missglückten Operation begann für Simen Agdestein eine traumatische Phase seines Lebens, er bekam Atemprobleme und war anderthalb Jahre krankgeschrieben. »Diese Zeit war ein gelebter Albtraum«, sagt er. »Ich verstand nicht, was mit mir passierte. Ich musste mich zusammenreißen, um wieder auf die Beine zu kommen, aber im Grunde fühle ich mich seit damals nicht mehr richtig gesund.«

Die große Frage für Simen Agdestein lautete nicht, ob er Fußball oder Schach spielen konnte. Für ihn ging es in erster Linie darum, gesund zu werden. Er fing wieder an, Schach zu spielen, aber er erreichte nicht mehr die Form wie vor der Operation; und es dauerte mehrere Jahre, bis er das Gefühl hatte, wieder auf hohem Niveau Schach spielen zu können. Als Fußball-Nationalspieler und einer der weltbesten Schachspieler war Simen Agdestein in Norwegen unglaublich populär. Es war nicht ungewöhnlich, dass ein ganzer Haufen Jugendlicher Schlange stand, um ein Autogramm von ihm zu bekommen. Nach seiner Fußballkarriere gelang es ihm jedoch nicht, sein hohes Rating als einer der besten Schachspieler der Welt zu halten. Als Schachlehrer und Organisator machte er aber weiterhin auf sich aufmerksam. Und zweifellos waren seine Lehrmethoden sehr gut für Magnus: »Mir war wichtig, dass ich in Magnus nichts zerstöre, sondern das Talent zur Blüte bringe.«

Im Gegensatz zu den strengen und detaillierten Unterrichtsmodellen, die man von osteuropäischen Schachschulen kennt, ging es bei Agdestein eher lustbetont zu. Spaß zu haben war das Wichtigste. Diese Trainingsform ist umstritten, aber für Magnus war sie perfekt.

»Viele Trainingseinheiten waren kaum vorbereitet, aber ich hatte eine Vision und einen Plan, wie ich ihn zum weltbesten Schachspieler mache«, sagt Simen Agdestein. Diese spielerische, spontane und lebenslustige Trainingsmethode war einzigartig. Trotzdem musste Magnus wie alle anderen Schachspieler auf dem NTG (Norges Toppidrettsgymnas), dem führenden Sportgymnasium Norwegens, ein Programm absolvieren, in dem ihm auch Kenntnisse der Schachtheorie beigebracht wurden. Nach seiner Grundschulzeit ging Magnus auf das NTG in Oslo, dort hatte Simen Agdestein den Schachzweig eingeführt und unterrichtete auch selbst.

Im Mai 2014 gelang ihm bei dem stark besetzten Norway-Chess-Turnier in Stavanger ein Comeback. Dort trat er gegen neun Spieler der Weltelite an. Es gab eine Reihe skeptischer Stimmen wegen seiner Teilnahme, viele meinten, der Unterschied zwischen der Weltspitze und einem längst abgetretenen Schachspieler, der nicht einmal mehr zu den hundertfünfzig weltbesten Spielern gehörte, sei zu groß. Vor der Teilnahme musste sich Simen Agdestein gegen Norwegens zweitbesten Spieler, Jon Ludvig Hammer, qualifizieren. Agdestein gewann. Dennoch hatte auch er Zweifel an der Richtigkeit seiner Teilnahme: »Es wäre normal gewesen, Jon Ludvig einzuladen. Er spielt wirklich professionell und engagiert Schach. Aber dann kam ich auf die Idee, ein kleines Comeback zu versuchen. Den Glauben an die eigenen Fähigkeiten hatte ich nie verloren, und ich hatte auch keine Angst, gegen die anderen anzutreten. Kurz vor Beginn des Turniers fand ich dann mit GM Jewgeni Romanow einen ausgezeichneten Sekundanten, mit dem die Zusammenarbeit gut funktionierte.«

Mit seinem russischen Sekundanten überraschte er alle – nur nicht sich selbst. Judit Polgár, die weltbeste Spielerin, reagierte so: »Simen Agdesteins Partien und seine Ergebnisse in Stavanger waren fast unglaublich.« Romanow, der damals halb so alt war wie sein Schützling, war ebenfalls beeindruckt: »Simen liebt Schach. Das war der Hauptgrund, warum er so gut spielte.«

Simen Agdestein, der sich über zwanzig Jahre lang nicht mehr mit der Weltelite gemessen hatte, war mit den anderen auf Augenhöhe. Er erreichte in neun Runden 3,5 Punkte; in einigen Partien hätte er mehr als ein Remis erreichen können, ja müssen, allerdings übersah er einige recht einfache Gewinnzüge. Kurz vor Schluss lag er auf einem ausgezeichneten Platz im Mittelfeld, da er aber in den letzten beiden Runden leer ausging, landete er in der Schlusstabelle ganz unten. Exweltmeister Vishy Anand, der als einziger Top-Spieler nicht an dem Turnier teilgenommen hatte, war ebenfalls überrascht. »Große Leistung von Simen«, kommentierte der ehemalige Weltmeister.

Dank guter Vorbereitung kam Simen oft besser aus der Eröffnung als seine Gegner. Mit Hilfe seines Sekundanten, der rund um die Uhr für ihn arbeitete, erspielte er sich aussichtsreiche Stellungen. Nach den ersten zehn, fünfzehn Zügen war Agdestein klar, dass er den Vergleich mit den Weltstars nicht scheuen musste. Mit großem Vertrauen in die eigenen Kräfte und seine überragenden Rechenfähigkeiten war Simen Agdestein nahe dran, für eine kleine Schachsensation zu sorgen. Allerdings gelingen Sensationen in der Realität eher selten. Dennoch bestand kein Zweifel, dass Simen Agdestein noch immer auf Weltklasseniveau spielen konnte.

Einige Monate später trat er für den Osloer Schachklub Oslo Schachselskap beim Europacup der Vereinsmannschaften in Bilbao an. Dort gewann er gegen den Bulgaren Wesselin Topalow, der zu diesem Zeitpunkt auf Platz 3 der Weltrangliste geführt wurde.

Ist Spielstärke altersabhängig?

Ein Comeback als Siebenundvierzigjähriger auf dem Fußballplatz, auf Skiern oder in der Leichtathletik ist unmöglich. Schach ist daher etwas Besonderes. Simen Agdesteins Karriere beweist zwei Dinge. Zum einen ist es möglich, sich auch mit siebenundvierzig Jahren noch mit der Weltelite zu messen. Und zum anderen ist ein Comeback auch dann denkbar, wenn man fast zwanzig Jahre nicht mehr auf höchstem Niveau gespielt hat. Als Schachlehrer und Leiter der Schachklasse auf dem Sportgymnasium NTG stand er natürlich im täglichen Training, dennoch ist es erstaunlich, dass er sich der Weltelite als ebenbürtiger Gegner erwies.

Als Vishy Anand in Chennai den Weltmeistertitel verteidigen musste beziehungsweise in Sotschi versuchte, ihn zurückzugewinnen, waren die meisten Beobachter der Meinung, dass Magnus Carlsen wegen seines deutlich niedrigeren Alters klar im Vorteil wäre. Ist jemand jedoch in einer so guten physischen Verfassung wie Anand, ist es keineswegs sicher, dass das Alter von so großer Bedeutung ist. Die meisten Schachweltmeister waren relativ jung, doch es gibt genügend Beispiele von Spielern, die auch noch im Alter zur Weltelite gehörten.

Aus der jüngeren Vergangenheit sind Wassili Smyslow und Viktor Kortschnoi zwei gute Beispiele. Mit dreiundsechzig Jahren gelang es Smyslow 1984, bis ins Finale des Kandidatenturniers vorzudringen, dann jedoch verlor er mit 4,5:8,5 gegen Kasparow. Der russische Autor, Psychologe und Schachspieler, GM Nikolai Krogius, untersuchte zweiunddreißig Spieler der Weltspitze aus dem Zeitraum von 1881 bis 1967. Er fand heraus, dass ein Schachspieler durchschnittlich im Alter von fünfunddreißig Jahren die besten Resultate erzielt. Mit siebenundvierzig Jahren kommt es bei den meisten Spielern zu deutlich schwächeren Ergebnissen. Laut Krogius war es durchaus möglich, die Weltspitze zu erreichen, auch wenn man nicht schon in sehr jungen Jahren mit dem Schach angefangen hatte.

Er verwies auf eine Gruppe von zehn Spitzenspielern, darunter die Weltmeister Lasker und Botwinnik. Im Durchschnitt begannen sie mit 14,3 Jahren Schach zu spielen. Der russische Schachmeister Michail Tschigorin begann mit sechzehn Jahren, Lasker und Botwinnik waren zwölf Jahre alt.

In einer anderen Gruppe von zehn Topspielern, in der weitere Weltmeister vertreten waren, lag das durchschnittliche Einstiegsalter bei sechs Jahren und vier Monaten. Hier findet man Nimzowitsch, der mit acht Jahren begann, Capablanca, der vier Jahre alt war; Aljechin begann mit sieben und Euwe mit fünf Jahren. Bei Krogius’ Untersuchungen stellte sich heraus, dass die Schachkarriere von Spielern, die sehr früh angefangen hatten, länger dauerte.11

Diese Zahlen wären niedriger, würde man eine entsprechende Untersuchung mit aktiven Spielern von heute durchführen. Es besteht kein Zweifel, dass die aktuellen Spitzenspieler bei ihren Anfängen als Schachspieler im Durchschnitt jünger waren als ihre Vorgänger.

Die heutigen Vertreter der absoluten Weltspitze begannen fast alle, sehr früh Schach zu spielen, meist im Alter von fünf oder sechs Jahren. Heute ist es quasi undenkbar, dass jemand, der erst mit dreizehn oder vierzehn Jahren beginnt, noch die Weltspitze erreichen kann. Es ist wesentlich leichter geworden, Schachprogramme und wichtige Informationen über das Spiel zu bekommen. Daher ist die Möglichkeit, unter die zehn weltbesten Spieler zu kommen, verschwindend gering, wenn man zu spät beginnt. Und doch gibt es weit mehr Ausnahmen beim Schach als in den meisten anderen Sportarten.

Malysj

In den letzten vier Monaten des Jahres 2003 nahm Magnus Carlsen an sechs Turnieren teil und spielte dabei achtundfünfzig Partien. Er schätzte diesen Herbst so ein: »Es war eine schöne Zeit für die Familie, aber schachlich war ich nicht zufrieden. Durch die viele Fahrerei war alles ein wenig hektisch, und auf Reisen muss man immer damit rechnen, dass man krank wird, so wie ich. Das Programm war vielleicht ein bisschen zu hart.«

Das halbe Jahr, in dem die Familie unterwegs war, wird allen unvergesslich bleiben. Magnus’ ältere Schwester Ellen beschreibt die Reise zehn Jahre später wie ein Märchen.

»Es war einfach großartig, was die Familie zusammen unternommen hat. Der Zusammenhalt wuchs enorm, und falls ich eines Tages eine Familie haben sollte, werde ich bestimmt etwas Ähnliches machen. Obwohl es für Magnus auf dieser Reise vor allem darum ging, Schach zu spielen, glaube ich, dass der soziale Aspekt mit der Familie für ihn genauso wichtig war. Der Zusammenhalt und die Geborgenheit, die sich in der Familie entwickelten, haben ihm gutgetan.«

Obwohl Magnus Carlsen mit seinen Leistungen im Herbst 2003 nicht zufrieden war, hatte er sich als Schachspieler zweifellos weiterentwickelt. Einige seiner Partien hatten Aufsehen erregt. Einer derjenigen, die auf ihn aufmerksam wurden, war Dirk Jan ten Geuzendam, Redakteur der renommierten Schachzeitschrift New in Chess. Ten Geuzendam hatte die Partien nachgespielt, die Magnus auf Kreta gespielt hatte, und war beeindruckt. Als Simen Agdestein anrief und ihm erklärte, dass der Junge Mitte Januar 2004 unbedingt am prestigeträchtigen »Corus-Turnier« im niederländischen Wijk aan Zee teilnehmen müsse, war ten Geuzendam skeptisch, sorgte aber dafür, dass er eingeladen wurde.

Magnus sollte in der C-Gruppe spielen. A-Gruppe und B-Gruppe bestanden aus Spielern der Weltspitze, während die C-Gruppe talentierten Spielern vorbehalten war, die auf dem Weg an die Spitze waren. Mit seinen dreizehn Jahren war Magnus Carlsen der jüngste Teilnehmer des Turniers. Er wurde von seinem Vater begleitet, und diesmal sollte das Wunderkind den verdienten Lohn für seine Anstrengungen erhalten.

Nach sechs Runden hatte er vier Siege und zwei Remis auf seinem Konto. In der siebten Runde traf er auf GM Merab Gagunaschwili, einen sehr starken Georgier. Magnus hielt sich ordentlich in dieser Partie, doch es sah lange nach einer Niederlage aus. Dann fand er jedoch einen Ausweg. Er wanderte mit seinem König auf die gegenüberliegende Seite des Bretts, und merkwürdigerweise bereitete dies seinem Gegner erhebliche Probleme. Magnus gewann, und bereits nach sieben Runden war klar, dass er seine erste GM-Norm errungen hatte – mit dreizehn Jahren und zwei Monaten.

Die Spieler der A-Gruppe und die Journalisten wurden auf den kleinen Burschen aufmerksam. Das Turnier endete mit einem klaren Sieg für Magnus, dessen 10,5 von 13 möglichen Punkten die ganze Schachwelt aufhorchen ließen.

Den Beinamen »Mozart des Schachs« bekam er nach der zwölften Partie, die er gegen den elf Jahre älteren Niederländer Sipke Ernst austrug. Er beherrschte seinen Gegner in einem Maß, dass die Experten voller Bewunderung waren. Für Turnierleiter Jeroen van den Berg, den Schachjournalisten Lubomir Kavalek und das Publikum grenzte das Ganze an ein Wunder. Ein Junge von dreizehn Jahren gewann gegen erfahrene Großmeister.

»Es sah so aus, als wäre Magnus ein Monster mit tausend Augen«, sagte Simen Agdestein hinterher dem Fernsehsender TV2. Agdesteins Aussage erinnerte an Kasparow, der, kurz nachdem er Weltmeister geworden war, gegen Tony Miles antrat. Miles meinte nach der Partie: »Ich dachte, ich sollte gegen den Weltmeister spielen, nicht gegen ein Ungeheuer mit hundert Augen.«12

Magnus Carlsen bekam für seine Leistung den Preis der Zuschauer, und Vishy Anand erklärte in seiner Laudatio: »Als ich 1989 das erste Mal in Wijk aan Zee antrat, spielte Viktor Kortschnoi mit, der damals dreimal so alt war wie ich. Fünfzehn Jahre später bin ich dreimal so alt wie der Gewinner der C-Gruppe.«

Der Januar war vorbei, und das Jahr 2004 hatte für Magnus ausgezeichnet begonnen. Doch für Henrik Carlsen und die ganze Familie blieb es weiterhin anstrengend. Wohin sollten sie als Nächstes reisen?

In den Niederlanden war auch Alexander Bakh unter den Zuschauern gewesen, ein umstrittener und mächtiger Funktionär aus Russland. Er war unter anderem verantwortlich für das Moskauer »Aeroflot Open«, bei dem einhundertvierzig Großmeister antreten sollten. Magnus und die Familie Carlsen wurden in die russische Hauptstadt eingeladen.

Die Bedingungen waren günstig, Bakh bezahlte den Flug und den Aufenthalt. Damit wurde das geplante Reiseziel im Süden zugunsten von ein paar kalten Wochen in der russischen Hauptstadt aufgegeben. Doch in Moskau war es nicht nur kalt. Die Carlsens wohnten im Hotel Rossija, einem der größten und teuersten Hotels der Welt mit dreitausend Betten. Das Preisniveau beunruhigte allerdings sogar Henrik Carlsen: »Ein Pils an der Bar kostete sechzehn Euro. Ich wagte gar nicht daran zu denken, was es kostete, etwas aus der Minibar zu trinken. Jeden Morgen hatte ich Angst, dass ich im Schlaf etwas herausgenommen hätte.«

Im Februar 2004 hielt sich die Familie Carlsen mit der gesamten Weltelite des Schachs in Moskau auf. Und damit nicht genug. Ehemalige Weltmeister wie Wassili Smyslow und Boris Spasski kamen, um den norwegischen Schachkometen kennenzulernen. Moskau war das Mekka des Schachs, die Osteuropäer dominierten seit Jahrzehnten die Ergebnislisten, und die Sowjetunion und später Russland waren nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Schachbrett mehr oder weniger Alleinherrscher gewesen. Die Teilnahme am Aeroflot Open war daher mit Respekt und Furcht verbunden.

Doch die positive Entwicklung, die in den Niederlanden begonnen hatte, setzte sich in Moskau fort. Magnus Carlsen errang seine zweite GM-Norm. Er erreichte 5,5 von 9 Punkten und landete auf dem vierzigsten Platz, angesichts der erwähnten Reihe von sehr starken Gegnern eine gute Platzierung. Zu den Konkurrenten, die der Norweger besiegen konnte, gehörte Großmeister Sergei Dolmatow, der ehemalige Trainer von Wladimir Kramnik. Die Art und Weise, wie er Dolmatow schlug, führte in der Schachgroßmacht Russland zu einer Art Magnus-Fieber. Er wurde von den Russen Malysj genannt, Kerlchen. Ein Spitzname mit Vorgeschichte. Denn Astrid Lindgrens Figur Karlsson vom Dach heißt bei den Russen Kerlchen. Das Buch handelt von einem gewöhnlichen sieben Jahre alten Jungen, der mit seiner gewöhnlichen Familie in einem gewöhnlichen Haus in einer gewöhnlichen Stockholmer Straße wohnt … abgesehen von der außerordentlichen Tatsache, dass ein Mann, der Karlsson heißt, in einem kleinen Haus auf dem Dach wohnt. Und dieser Mann hat einen Propeller auf dem Rücken, mit dem er fliegen kann. Der kleine, korpulente Karlsson hat einen unerschütterlichen Glauben an die eigenen Fähigkeiten und eine schelmische Natur, durch die er zum perfekten Freund für den Jungen wird.13

Selbstverständlich wurde Magnus Carlsen von den Russen mit Garri Kasparow verglichen. Vor allem aber schmerzte es, dass ein Norweger auf dem hauseigenen Terrain der Russen so stark war. Die Russen mochten es nicht, wenn Ausländer sich unter die Spitze mischten. Mit seinem vierzigsten Platz schien Magnus noch ungefährlich zu sein, aber mit Blick auf sein Alter begriffen die Russen, dass eine Bedrohung aufkeimte.

Nach dem Auftritt in Moskau nahm das Interesse am Schachspieler Magnus Carlsen deutlich zu. Er wurde zu weiteren Turnieren eingeladen. Zunächst nach Island. Reykjavik war 1972 zu Zeiten des Kalten Kriegs zwischen der Sowjetunion und den USA ein Nervenzentrum des Schachs gewesen. Damals gelang es der umstrittenen Schachlegende Bobby Fischer, den Russen mit seinem Sieg gegen Boris Spasski den Weltmeistertitel abzunehmen. Und 2004 stand die Vulkaninsel einmal mehr im Fokus eines großen Schachereignisses.

Sollte es Magnus Carlsen gelingen, seine dritte GM-Norm zu erringen, wäre er als Dreizehnjähriger der zweitjüngste Großmeister aller Zeiten. Sergei Karjakin war bereits mit zwölf Jahren und sieben Monaten Großmeister geworden. Aber Magnus Carlsen konnte die Erwartungen nicht erfüllen. 4,5 von 9 möglichen Punkten waren ein erheblicher Einbruch. »Ich spürte, dass meine Spielstärke reichte, aber irgendetwas funktionierte nicht«, erklärte er nach dem Turnier. Und sein Vater ergänzte: »Die große Aufmerksamkeit der Medien ist ein bisschen zu viel für Magnus. Außerdem hat er während des Turniers teilweise schlecht geschlafen.«

Beim anschließenden Blitzturnier schlug er jedoch den ehemaligen Weltmeister Anatoli Karpow. Und am darauffolgenden Tag saß ein weiterer nervöser Exweltmeister auf der anderen Seite des Bretts, Garri Kasparow. Die Partie endete wie eingangs erwähnt remis, Magnus Carlsens Talent war nicht mehr zu übersehen.

Die erste GM-Norm holte er im Januar 2004, die zweite im Februar. War es zu einem Leistungsabfall gekommen, bevor der Großmeistertitel unter Dach und Fach war? Bobby Fischer war fünfzehn Jahre alt, als er 1958 Großmeister wurde, während Simen Agdestein 1985 wie beschrieben als Achtzehnjähriger zum damals jüngsten Großmeister gekürt wurde. Konnte Magnus es bereits mit dreizehn Jahren schaffen? Zumindest war es nicht ganz unmöglich. Der Zugriff auf das komplette Schachwissen durch Computerprogramme hat dazu geführt, dass es immer mehr junge Großmeister gibt.

Eigentlich hätte Magnus an einem weiteren großen Turnier in Malmö teilnehmen sollen, aber sein Vater hatte dem Rest der Familie gegenüber ein schlechtes Gewissen. Er hatte versprochen, dass sie bald zu einer Reise in wärmere Gefilde aufbrechen würden. Ab 18. April fand ein stark besetztes Turnier in Dubai statt. Das Problem war nur, dass die Anmeldefrist bereits verstrichen war. Henrik Carlsen rief dennoch an, und als den Organisatoren klar wurde, dass ein Dreizehnjähriger mit einem Rating von 2552 gern bei ihnen mitspielen wollte, war die gesamte Familie herzlich willkommen.

Eine Voraussetzung, Großmeister zu werden, ist ein Rating von mindestens 2500 Elo-Punkten. Magnus Carlsen lag deutlich jenseits dieser Schallmauer, aber er musste noch eine Norm erringen, um den Titel zu erlangen. Das Großmeisterturnier »Sheikh Rashid Bin Hamdan Al Maktoum Cup« bot diese Chance. Dubai ist eines der merkwürdigsten Länder der Erde, durch Öl und Perlen ist es schwerreich geworden. Das Land ist nicht zuletzt für seinen Luxus bekannt, daher war es auch für die Mitglieder der Familie Carlsen ein interessantes Reiseziel, die kein Schach spielten.

Das Turnier fand im Dubai Chess and Cultural Club statt. Ein blank poliertes weißes Gebäude mit einem Turm in der Mitte, der dem Turm beim Schach nachempfunden ist und den Eindruck eines Schlosses erwecken soll. Ein Luxusgebäude, das normale moderne Bauwerke altmodisch erscheinen lässt. Der Bau dieses Märchenschlosses kostete fast elf Millionen Euro. Neununddreißig Großmeister waren am Start. In der vorletzten Runde titelte die Internetzeitung Nettavisen: »Heute wird Magnus Carlsen Großmeister.«

»Mir gefiel das nicht«, so Henrik Carlsen, »ich rief den Journalisten Ole Valaker an und bat ihn, die Überschrift zu ändern. Natürlich war die Chance groß, dass Magnus Großmeister wurde, aber es war überflüssig, Vorschusslorbeeren zu verteilen.«

Eine typische Reaktion von Henrik Carlsen. Das Fell des Bären sollte nicht verteilt werden, bevor er erlegt war. Nettavisenänderte die Überschrift, aber nur ein paar Stunden später, eine Runde vor Ende des Turniers, konnte die große Neuigkeit publiziert werden. Magnus Carlsen wurde am 26. April 2004 im Alter von dreizehn Jahren, fünf Monaten und drei Tagen Großmeister. Und so mancher ahnte, dass dies erst der Beginn von etwas ganz Großem war.

»Ein Donnerschlag, als wäre Norwegen zweimal hintereinander Fußballweltmeister geworden«, schrieb der Schachkolumnist Einar Gausel.

»Es ist fast so, als würde einem Dreizehnjährigen der Nobelpreis in Chemie verliehen«, erklärte Simen Agdestein gegenüber der Presse.

Der Weltbeste

»Ego Magnus sum.«

Im Oktober 2004 hatte Magnus Carlsen ein Rating von 2581 Elo. Als Dreizehnjähriger war er bereits auf dem Weg zum sogenannten »Supergroßmeister«. Die Schallmauer für diese Bezeichnung liegt bei 2600 Elo. Die Entwicklung des Jungen war einzigartig. Doch dann fiel seine Wertungszahl zum Jahreswechsel auf 2553, und Anfang Juli 2005 lag sie bei nur noch bei 2528. In einem halben Jahr war sein Rating dramatisch gefallen. War er ein schlechterer Schachspieler geworden, oder war sonst etwas nicht in Ordnung? Woran lag es?

Ratingverluste

Der Brite Nigel Short, ehemaliger Herausforderer des Weltmeisters und Supergroßmeister, erklärt dieses Phänomen so: »Es ist vollkommen normal, dass Spieler, die einen Großmeister-Titel erreichen, sich anschließend eine kleine Auszeit in ihrer Entwicklung nehmen. Der Großmeistertitel ist so schwer erreichbar, dass ein Rückschritt oder eine Stagnation danach nicht verwunderlich sind.«

Magnus Carlsen hatte ein derart hohes Rating in so erstaunlich kurzer Zeit erreicht, dass es überrascht hätte, wäre die Entwicklung einfach so weitergegangen. In der »Russischen Schachschule« zum Beispiel wurde eine ganz andere Ausbildungsmethode angewandt, als Magnus sie erlebt hatte. Die Osteuropäer lernten Schach Schritt für Schritt. Magnus ging anders vor, und auch das könnte ein Grund gewesen sein, dass er eine gewisse Zeit zum Nachdenken brauchte. Doch trotz seines zeitweiligen Elo-Verlusts spielte er zwischendurch weiterhin geniale Partien.

»Die anderen Spieler hatten angefangen, Magnus ernst zu nehmen. Außerdem glaubte er selbst, besser zu sein, als er in Wirklichkeit spielte. Garri Kasparow hat darauf hingewiesen. Bei einer ihrer ersten Begegnungen hat Kasparow Magnus geprüft. In einer der Partien, in der Magnus schlechter stand als sein Gegner, versuchte Magnus, auf Sieg zu spielen, statt ein Remis anzustreben«, erinnert sich sein Vater.

Zum Jahreswechsel 2004/2005 wurde das Turnier »Smartfish Chess Masters Drammen« in der Nähe von Oslo ausgerichtet. Endlich konnte Magnus an einem stark besetzten Großmeisterturnier in Norwegen teilnehmen. Er gewann sensationell gegen Alexei Schirow, der damals zu den zehn besten Spielern der Welt gehörte. Insgesamt errang Magnus aber dennoch nur drei von neun Punkten, ein für ihn enttäuschendes Ergebnis.

Nein zu Kasparow

Magnus Carlsen traf Garri Kasparow 2005 in Oslo wieder. Der Regisseur Øyvind Asbjørnsen hatte tief in die Tasche gegriffen, um die Schachlegende nach Norwegen zu holen. Der Grund waren die Dreharbeiten zu dem fabelhaften Film The Prince of Chess, der Höhepunkt des Films war die Schachpartie zwischen Kasparow und Carlsen in Reykjavik.

Magnus hatte ein Aha-Erlebnis, als er im Grand Hotel in Oslo mit Kasparow über Schach diskutierte. »Hey, hier ist wirklich jemand, der über Schach Bescheid weiß«, erklärte er hinterher.14 Garri Kasparow und seine Verlobte Dascha wurden von Simen und Espen Agdesteins Mutter eingeladen, die im Osloer Stadtteil Slemdal wohnte. Dies geschah, drei Jahre bevor Henrik Carlsen bei Espen Agdestein anrief und ihn fragte, ob er die Betreuung des Sponsorings von Magnus übernehmen wolle. Rund dreißig Gäste waren bei den Agdesteins eingeladen, die meisten kamen aus der norwegischen Schachszene. Unter ihnen war auch der Marketingdirektor von Microsoft Norwegen, Jannik Lindbæk jr., Magnus Carlsens erster Sponsor. Die Gäste kamen allerdings kaum zu Wort, Kasparow dominierte die Gesellschaft. Er wurde in den Weinkeller eingeladen, um seinen Favoriten auszusuchen, und natürlich suchte er einen der allerbesten und teuersten Weine aus. Trotz Kasparows Dominanz war diese Einladung für die norwegischen Schachenthusiasten ein großes Erlebnis. Allein die Begegnung mit dem ehemaligen Weltmeister blieb als Erinnerung fürs Leben. Bevor Magnus Carlsen den Titel errang, hatte es auf norwegischem Boden nicht viele Gelegenheiten gegeben, einen Schachweltmeister zu begrüßen.

Ein paar Monate später, am 11. März 2005, verkündete Kasparow das Ende seiner Karriere als Schachprofi. Mit seiner Ankündigung schockierte er die Schachwelt, denn noch immer stand er an der Spitze der Weltrangliste und war von 1985 bis 2000 Weltmeister gewesen. Doch Kasparow wollte sich in der Politik engagieren, Schachbücher schreiben und eventuell andere Schachspieler unterstützen.

Zwei Wochen später saßen Henrik und Magnus Carlsen im Flugzeug auf dem Weg nach Moskau. Espen Agdestein war ebenfalls dabei, allerdings eher aus Vergnügen. Ein Sekretär empfing sie am Flughafen und fuhr sie zum Hotel Rossija. Nach einem Mittagessen brachte man sie in Garri Kasparows Büro, dort wurde Magnus ein Video von einigen Partien des Weltmeisterschaftskampfes zwischen Karpow und Kasparow 1985 gezeigt. Anschließend wurden sie zurück ins Hotel gefahren. Am ersten Tag ließ sich Garri Kasparow nicht sehen.

Am Vormittag des folgenden Tages traf Magnus den siebzigjährigen Alexander S. Nikitin und den sechzigjährigen Juri S. Rasuwajew. Nikitin war viele Jahre Trainer von Kasparow gewesen, Rasuwajew von Karpow. Rasuwajew erzählte später einer Zeitung, Magnus habe gewöhnliche taktische Fertigkeiten, aber sein positionelles Talent sei auf dem Niveau von Tigran Petrosjan oder Anatoli Karpow. Außerdem schien er Informationen aufzusaugen wie ein Computer. Taktische Fertigkeiten zu besitzen bedeutet die Fähigkeit, Varianten zu berechnen, um konkrete Lösungen zu finden, während sich positionelles Verständnis als Durchdringen der Gesamtsituation erklären lässt.

Am dritten Tag trafen sie den Chef persönlich. Kasparow hatte sich von den Trainern berichten lassen und lud die Carlsens zum Mittagessen in seine dreigeschossige Wohnung in Moskau ein. Seine Mutter Klara kochte, und nach dem Essen setzte sich Magnus mit der Schachlegende zusammen, um über Schach zu diskutieren. »Im Übrigen mochte Klara Magnus, und sobald sich die Gelegenheit ergab, redete sie mit ihm. Das war mit ein Grund, warum es ihm bei den Kasparows so gut gefiel«, erinnert sich Henrik Carlsen.

Magnus durfte auch Kasparows Arbeitszimmer sehen. Hier stand ein Computer mit einer Datenbank von tausenden, extrem detaillierten Informationen zu Schacheröffnungen. Er war beeindruckt, wie gut diese Datenbank strukturiert war. Ansonsten fand er den Besuch in Moskau »ein bisschen erschreckend und auch ein bisschen langweilig«.15

Garri Kasparow war nicht hundertprozentig von Magnus Carlsens Qualitäten überzeugt. Er meinte, die Phase zwischen vierzehn und sechzehn Jahren sei für ihn besonders wichtig. »The apple is nearly rotten«, so Kasparow. Er schlug daher vor, einige Sponsoren zu finden, damit der Junge in Moskau ordentlich trainiert würde.

Magnus hatte von Kasparow Schachaufgaben bekommen. Er sollte vier Partien analysieren, die Kasparow gespielt hatte. Magnus fand die Hausaufgaben langweilig und erinnerte sich später, dass er sich lediglich mit drei Partien beschäftigte. Insgesamt kam er zu diesem Zeitpunkt zu dem Entschluss, dass er nicht mit Kasparow zusammenarbeiten wollte. Er war nicht bereit, das Spiel gegen harte Arbeit einzutauschen – so wie die russischen Schachschulen seit jeher funktionierten.

Garri Kasparow muss gekränkt gewesen sein.

Im Gespräch mit Frederic Friedel erzählte er später mehrfach, dass er Magnus Carlsens Partien verfolgt habe und einige davon brillant fand. Friedel ist ein erfahrener Schachjournalist und der Mann hinter ChessBase. Er stammt aus Hamburg und brach sein Philosophie- und Fremdsprachenstudium ab, um Journalist zu werden. ChessBase ist unter Schachenthusiasten aller Niveaus international anerkannt. Unter anderem produziert und verkauft die Firma auch Schachprogramme. Frederic Friedel setzte sich für eine enge Zusammenarbeit zwischen Magnus Carlsen und Garri Kasparow ein. Er brachte Kasparow dazu, Magnus ein signiertes Schachbuch zu schicken, und gab die Hoffnung nicht auf, dass eine Art Dreamteam entstehen würde. Friedel ließ nicht locker, und am Ende kam tatsächlich eine Kooperation zwischen Kasparow und Carlsen zustande. Allerdings sollten bis dahin noch einige Jahre vergehen.

Mit den Figuren sprechen

Manch einer hat ein angeborenes Talent für das, was er tut. Dies gilt nicht nur beim Sport, sondern im Grunde für jegliche Form von Aktivität. Ein Kunstmaler kann dieses »besondere Etwas« in den Fingern haben. Und in den unterschiedlichsten Sportarten lässt sich beobachten, dass es Menschen gibt, die einfach weitaus mehr Talent für eine bestimmte Disziplin haben als andere. Tore Øvrebø, aktuell oberster Chef der norwegischen Olympiamannschaft, war eine Zeit lang Cheftrainer der Ruderer. Er hat einmal gesagt: »Es geht darum, das Boot in Fahrt zu bringen. Die einen bekommen das Boot in Fahrt, andere nicht.«

Ähnlich verhält es sich im Schach. Einige bringen die Figuren in Fahrt, sie »versorgen sie mit Energie«, wie Garri Kasparow sagt. Einer der besten schwedischen Spieler, Großmeister Tiger Hillarp Persson, sagt, er spreche mit den Figuren. »Ich frage sie, ob sie sich auf dem Feld, auf dem sie stehen, wohlfühlen oder ob sie das Gefühl haben, dass sie woanders hingezogen werden sollten.«

Der Schwede fragt seinen Springer, ob er sich am Rand des Bretts wohlfühlt oder lieber ein bisschen mehr Kontakt zum Zentrum haben möchte. Dasselbe macht er mit dem Läufer oder der Dame. Durch diese Selbstgespräche findet er für jede einzelne Figur das richtige Feld. Und wenn alle Figuren auf den Feldern, Reihen und Linien platziert sind, auf denen sie sich wohlfühlen und als Team zusammenarbeiten, ist auch Tiger mit seinem Spiel zufrieden.

»Einen geborenen Farbigen«, nannte Einar Gausel16 einmal Simen Agdestein. Der langjährige Schachjournalist Gausel schuftete hart, um 2500 Elo zu erreichen, während Simen Agdestein in der Liste einfach immer weiter nach oben kletterte. Statt jahrelang am Strand in der Sonne zu liegen, um ein bisschen brauner zu werden, hat man es als »geborener Farbiger« einfacher. So ist es. Einige lernen leichter als andere. Die meisten Spieler stagnieren an einem gewissen Punkt. Das können Amateurspieler sein, die nie über eine Wertungszahl von 1900 Elo hinauskommen, oder Großmeister, denen es nicht gelingt, sich weiterzuentwickeln. Selbst wenn sie jahrelang mehrere Stunden am Tag Schach spielen oder studieren, werden sie nicht besser. Der Schachexperte des norwegischen Nachrichtensenders NRK Torstein Bae zum Beispiel hatte als Dreiundzwanzigjähriger schon drei IM-Normen auf dem Konto, aber er brauchte fünf Jahre, um sein Rating von 2370 auf 2400 Punkte zu erhöhen und damit die Voraussetzung zu erfüllen, Internationaler Meister zu werden.

Magnus Carlsens zweiter Trainer, Torbjørn Ringdal Hansen, holte seine erste Großmeisternorm 2004. Obwohl er danach lange professionell Schach spielte, vergingen elf Jahre, bevor es ihm gelang, den Großmeistertitel zu erringen. Man kann durch geringere Ursachen die Motivation und das Selbstvertrauen verlieren. Merkwürdigerweise platzte der Knoten bei Torbjørn Ringdal Hansen erst, als er seine Karriere als Schachprofi beendet hatte und einem ganz normalen Beruf nachging. Nach einem fantastischen Turnier für Norwegens zweite Mannschaft bei der Schach-Olympiade näherte er sich ernsthaft den 2500 Wertungspunkten im Rating. Und bei einem Turnier in Spanien 2015 gelang es ihm schließlich, die letzten elf Elo-Punkte zu erobern, die ihn über die Marke von 2500 hoben.

Magnus Carlsen hatte den Ehrgeiz, der beste Schachspieler der Welt zu werden. Durch dieses klare Ziel verlor er auch dann nicht die Motivation, wenn er die eine oder andere Niederlage einstecken musste. Nach dem Besuch in Moskau 2005 hielt er den Kontakt zu Garri Kasparow, er inspirierte ihn. Und da Magnus zwischendurch immer wieder einige ausgezeichnete Partien gegen besonders gute Spieler gelangen, verlor er auch nicht sein Selbstvertrauen.

In seiner eigenen Welt

Die Europameisterschaft in Warschau Ende Juni 2005, an der mehrere Spieler der Weltklasse teilnahmen, beendete Carlsens negativen Trend. Unter zweihundertneunundzwanzig Teilnehmern kam er auf den vierunddreißigsten Platz und spielte eines seiner besten Turniere. Die meisten Gegner, gegen die er antrat, hatten ein höheres Rating als er. Dies führte dazu, dass er nicht jede Partie um jeden Preis gewinnen wollte. Unterm Strich kamen dabei weniger Niederlagen und mehr Remis heraus. Etwas Unerklärliches war geschehen. Vielleicht war sein Spielstil gereift, vielleicht war auch der Junge gereift. Wie ein Mensch sich fühlt, lässt sich an der Art ablesen, wie er Schach spielt.

Ist es notwendig, dass sich jemand wohlfühlt, damit ihm etwas gelingt? Natürlich. Hat man keinen Seelenfrieden, sondern lässt sich beim Schachspiel von alltäglichen Dingen stören, wirkt sich das negativ auf die Leistung aus. Etliche Schachspieler fragen sich, warum sie phasenweise sehr gut spielen, andererseits aber auch längere Formkrisen haben. Es ist nicht leicht, diese Schwankungen zu erklären. Magnus Carlsen selbst meint, es sei bei ihm stark davon abhängig, ob er das Gefühl hat, dass es ihm gut geht und er ausgeglichen ist.

Er hat eine ganz besondere Fähigkeit, sich auf seine jeweilige Beschäftigung zu konzentrieren. »Seit er ganz klein war, ja, bereits als Zweijähriger, konnte er sehr lange dasitzen und sich in etwas vertiefen, ohne sich darum zu kümmern, was um ihn herum vorging«, erzählt seine Mutter Sigrun. Und so ist er auch heute noch, meint seine Schwester Ellen: »Wenn er sich eine lustige Fernsehsendung ansieht, lacht er einfach so vor sich hin. Er strahlt echte Freude aus. Er ist voll darauf konzentriert.«

Dieses Fokussieren ist vor einer Partie am extremsten, vor allen in den Stunden und Minuten davor. In dieser Zeit darf er auf gar keinen Fall gestört werden. Diese Konzentration ist so speziell, dass der Wachdienst beim Weltmeisterschaftskampf im indischen Chennai darauf achten musste, dass Magnus auf dem Weg in den Spielsaal immer die Türen geöffnet wurden. Nicht, weil er sie nicht hätte selbst öffnen können, sondern weil er in seiner Konzentration auf die anstehende Partie nicht gestört werden wollte. Viele Spieler sind in den Stunden und Minuten vor einem Match in ihrer eigenen Welt, aber eine so starke Konzentration wie bei Magnus Carlsen ist ungewöhnlich.

Während des Weltmeisterschaftskampfes in Sotschi arbeitete eine junge Russin als Helferin für das Team Carlsen und das Team Anand. Sie half beim Transport, als Fremdenführerin und bei der Reservierung von Restaurants. Sie erlebte die beiden Spieler als vollkommen unterschiedliche Typen: »Beide Teams waren sehr nett. Sie lächelten, grüßten, die Kommunikation funktionierte jeden Tag sehr gut. Aber es gab gewaltige Unterschiede in der Art von Viswanathan Anand und Magnus Carlsen. Wenn sie an den Spielort fuhren, grüßte Viswanathan Anand und lächelte hin und wieder. Aber Magnus Carlsen hat mich nicht einmal registriert, glaube ich. Ich hatte jedenfalls nie Blickkontakt mit ihm.« Auf die Frage, was sie davon hielt, dass er sie in diesen Momenten nicht grüßte, befürchtete sie offensichtlich, eine falsche Antwort zu geben, doch dann meinte sie: »Er braucht eine Frau!«

Auf dem Niveau, auf dem Magnus Schach spielt, ist nicht viel Platz für Frauen. Eine Freundin würde den Alltag erheblich stören. Die extreme Konzentration wäre unmöglich. Aber vielleicht hätte eine Freundin auch etwas Gutes, wenn sie ihm mehr Energie geben als entziehen würde. Noch gibt es keine Untersuchungen darüber, ob es für einen Schachspieler von Vorteil ist, Single zu sein oder nicht. Magnus Carlsen hat vorläufig keine Freundin. Für kurze Zeit war er mit einem Mädchen liiert. Bis er ihr erklärte, dass er sich im November konzentrieren müsse. Sie könnten sich dann im Dezember wiedersehen. Es blieb bei einer kurzen Beziehung.

Der ehemalige Weltmeister José Raúl Capablanca war ein Frauenheld. Bobby Fischer fand den Zugang zum Herzen einer Frau erst, als er Weltmeister wurde. Die meisten aktuellen Weltklassespieler sind keine Singles. Für die allerbesten war es jedoch nicht entscheidend, als Teenager eine Freundin zu haben. Unter ambitionierten Schachspielerinnen gibt es einen Wettbewerb, einen Spieler mit einem möglichst hohen Rating zum Freund zu haben. Es ist eine Art Statussymbol. Man spricht vom sogenannten 5000er-Klub – das sind Liebes- oder Ehepaare, die zusammen eine Elo-Zahl von mindestens 5000 aufweisen.

Die Fokussierung von Magnus mag übertrieben erscheinen. Wahrscheinlich ist eine derartige Konzentrationsfähigkeit aber durchaus von Vorteil, wenn man auf Weltklasseniveau Schach spielen will. Nicht ohne Grund lassen die besten Schachspieler ihre praktischen Angelegenheiten von anderen Menschen erledigen. Müssten sie die Zeit aufbringen, Auto zu fahren, Rechnungen zu bezahlen, auf Kinder aufzupassen oder einer Arbeit nachzugehen, würde ihr Schachspiel darunter leiden.

Dennoch gibt es Beispiele von Spielern, die an der Weltspitze standen und gleichzeitig einem normalen Beruf nachgingen, unter anderem die Weltmeister Botwinnik, Max Euwe und Robert Hübner.

Schüler verliert gegen Lehrer

Die norwegische Landesmeisterschaft fand 2005 einige Tage nach der Europameisterschaft in Sandnes statt. Dabei kam es zu einer besonderen Situation. Der Schachtrainer Simen Agdestein gehörte zu den schärfsten Konkurrenten von Magnus Carlsen. Der achtunddreißigjährige Meister traf auf seinen vierzehnjährigen Schüler. Doch damit nicht genug. Am Ende des Turniers teilten sie sich den ersten Platz in der Eliteklasse, womit es zu einem Stichkampf kam. Das Duell erinnerte ein wenig an Karate Kid. Der junge Magnus Carlsen bewunderte Simen Agdestein nicht nur als Schachspieler, sondern auch als Fußballer.

Simen Agdestein ist ein Siegertyp. Die Art, wie er Schach spielt, ist sehenswert. Gern sitzt er in einem dicken Rollkragenpullover mit weit gespreizten Beinen am Brett. Seine Verpflegung, die aus Obst und einem Getränk besteht, hat er immer griffbereit. Kommt er in Zeitnot, ist der ganze Simen Agdestein in Bewegung. Vor allem der Kopf und die Augen. Sie schweifen über das gesamte Brett. Sie sind überall. Und wenn er am Zug ist, zieht er blitzschnell. Seine Gegner glauben oft, sie könnten Partien gegen Simen gewinnen, weil er so häufig in Zeitnot gerät. Aber aus irgendeinem Grund ist Simen besonders gut, wenn er kaum noch Zeit hat – deshalb ist er auch ein unglaublich guter Blitzschachspieler.

Im Alter von fünfzehn Jahren gewann Simen Agdestein zum ersten Mal den Titel eines Norwegischen Meisters. In Sandnes glaubten viele zu Recht, dass sich ein Generationswechsel vollziehen würde. Simen Agdestein und Magnus Carlsen sollten zunächst zwei klassische Partien spielen, und wenn es dann immer noch unentschieden stand, sollte direkt danach im Schnellschach die Entscheidung fallen. Nach den normalen Partien stand es 1:1. Beim Schnellschach gewann zunächst jeder eine Partie, dann folgten fünf Remis, aber am Ende verlor Magnus. Simen Agdestein gewann seinen siebten Königspokal. Der Lehrer hatte den Schüler geschlagen. Damit blieb Simen Agdestein weiterhin der jüngste norwegische Meister aller Zeiten.

Nummer 10 von hundertachtundzwanzig Großmeistern

Nach der Niederlage gegen Simen Agdestein im Stichkampf um die norwegische Meisterschaft reiste Magnus Carlsen im November 2005 nach Chanty-Mansijsk in Sibirien. Einhundertachtundzwanzig der stärksten Spieler der Welt kämpften darum, sich einen von zehn Plätzen für das nächste Kandidatenturnier der FIDE zu sichern. Das neue System sah einen Pokalwettbewerb vor, in dem man zunächst zwei Partien mit reduzierter Bedenkzeit spielen musste. Bei einem Unentschieden schlossen sich zwei Schnellschachpartien an, und war dann noch immer keine Entscheidung gefallen, sollte das Match durch drei Blitzschachpartien entschieden werden. Magnus Carlsen war der jüngste Teilnehmer des Turniers.

Er traf zunächst auf den fünfundvierzigjährigen Surab Asmaiparaschwili, der 2658 Elo aufwies. Der Georgier probierte einen altbekannten Trick, um Magnus aus dem Gleichgewicht zu bringen – er knallte die Figuren hart aufs Brett. Es half nichts. Magnus Carlsen gewann überraschend 3:1. Aus einhundertachtundzwanzig Spielern waren vierundsechzig geworden. Unter den Verlierern befanden sich so gute Spieler wie Hikaru Nakamura und Sergei Karjakin.

An seinem fünfzehnten Geburtstag schlug Magnus den siebenundzwanzigjährigen Farruch Amonatow aus Tadschikistan mit einer Elo-Zahl von 2572. Nach einem Remis in der zweiten Partie zog Magnus in die nächste Runde ein, das Feld war von vierundsechzig Spielern auf zweiunddreißig dezimiert. Für die Spieler, die aus ärmeren Ländern kamen, lohnte es sich jedes Mal finanziell, wenn sie eine Runde weiterkamen. In der dritten Runde musste Magnus Carlsen gegen den Bulgaren Iwan Tscheparinow17 antreten, einen der Sekundanten des bulgarischen Großmeisters Wesselin Topalow. Er hatte Wassili Iwantschuk geschlagen, der damals auf dem fünften Platz der Weltrangliste stand. Mit anderen Worten: Von nun an traf Magnus Carlsen auf Gegner, die selbst an der Weltspitze standen oder gegen Weltklassespieler gewonnen hatten.

Tscheparinow war bester Laune, nachdem er gegen das Nervenbündel Iwantschuk gewonnen hatte. Aber beim Schach ist es wie beim Fußball sehr schwer, das nächste Spiel zu gewinnen, nachdem man gegen einen vermeintlich besseren Gegner gewonnen hat. Wie in allen anderen Sportarten ist es wichtig, wieder bei null zu beginnen. Tscheparinow gelang es nicht. Magnus lehnte einige Remis-Angebote ab und gewann schließlich 3:1. Nun waren nur noch sechzehn Spieler im Rennen. Aus ihnen mussten die zehn Spieler ermittelt werden, die anschließend am Kandidatenturnier teilnehmen durften. Magnus Carlsen verlor gegen den neununddreißigjährigen Jewgeni Barejew, der zwei Jahre zuvor direkt hinter Kasparow und Kramnik auf Platz 3 der Weltrangliste notiert worden war. In der nächsten Runde gewann Magnus gegen den Franzosen Joël Lautier, der 2679 Elo vorweisen konnte.18 Die erste Partie endete remis, aber dann gewann Magnus mit den schwarzen Figuren.

Damit musste Magnus im entscheidenden Duell gegen die russische Hoffnung Wladimir Malachow (2670 Elo) antreten, Zunächst spielte er remis im Normalschach und Schnellschach, doch dann gewann er beim Blitzschach mit 1,5 zu 0,5. Magnus Carlsen hatte sich damit für das Kandidatenturnier zur Weltmeisterschaft qualifiziert.

In der letzten Partie gegen das russisch-amerikanische Schachphänomen Gata Kamsky, dessen Rating bei 2697 Elo lag, ging es lediglich darum, ob Magnus Carlsen auf dem neunten oder dem zehnten Platz landete, insofern war das Match beinahe bedeutungslos. Kamsky wurde einst als Nachfolger Garri Kasparows angesehen, hatte aber mit zweiundzwanzig Jahren aufgehört, Schach zu spielen, nachdem er 1996 den Weltmeisterschaftskampf gegen Karpow verloren hatte. Neun Jahre später kam es zu einem Comeback. Gata Kamskys ehrgeiziger Vater war der Gegenpol zu dem freundlichen Henrik Carlsen. Der Vater dominierte und steuerte den Sohn in jeder Beziehung.

Magnus Carlsen verlor in der letzten Runde 3:1 gegen Kamsky, war aber dennoch für das Kandidatenturnier qualifiziert. Dies sollte im Oktober ausgetragen werden, und sein Gegner war wie zwei Jahre später bei der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2007 Lewon Aronjan.

Бесплатный фрагмент закончился.

1 346,35 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
313 стр. 23 иллюстрации
ISBN:
9783955101381
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги