Читать книгу: «Die Rückkehr des Wanderers»
Wolfe Eldritch
Die Rückkehr des Wanderers
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Impressum neobooks
Prolog
Naitan setzte seine Schritte sorgfältig, als er die steinernen Stufen hinaufstieg. Das Ausmaß an Schnee und dem allgegenwärtigen Eis machte ihm auch nach fast einem Monat am Wall noch zu schaffen. Immerhin rutschte er inzwischen weniger oft aus als in den ersten Tagen.
Er wusste nicht mehr, wie oft er in den vergangenen vier Wochen gestürzt war. Die Blutergüsse an Armen, Oberschenkeln und Gesäß verblassten allmählich. Zumindest diejenigen, welche er durch seine Unachtsamkeit selbst verursacht hatte. Von den Malen auf seinem Körper, die von den Treffern der Übungswaffen stammten, konnte man das freilich nicht behaupten. Die wurden mit schöner Regelmäßigkeit erneuert und blühten auf seiner blassen Haut wie unheilvolle Blumen.
Neben der Unbill, sich unausgesetzt wie ein geprügelter Hund zu fühlen, kam die stetige, beißende Kälte. Dank dem ständig herrschenden Seewind, der über die Landzunge wehte, biss sie sich in Kleidung und Fleisch wie ein lebendiges Tier. Was ihn überrascht hatte, war eine gute Portion altmodischen, in seinen Augen kindischen, Heimwehs. Von den Härten dieses Ortes hatte er schon vor dem Beginn seiner Reise hierher gewusst.
Er war der dritte Sohn seiner Eltern und darüber hinaus noch mit einer jüngeren Schwester gesegnet. So war er denn auch vor einigen Wochen leichten Herzens von zu Hause aus aufgebrochen. Im Grunde war er es gewohnt, getriezt und links liegen gelassen zu werden. Das Leben mit zwei älteren Brüdern und einer Schwester als Nesthäkchen brachte diese Erfahrung ganz natürlich mit sich. Der Umgang in der Truppe war allerdings ungleich ruppiger als der zu Hause an den schlimmsten Tagen. Darüber hinaus fehlten hier die Annehmlichkeiten, die im Elternhaus gewisse Nachteile auszugleichen pflegten. Das hervorragende und üppige Essen beispielsweise, das die Mutter stets und reichlich bereitete.
Hier gab es Nahrung zu festen Zeiten, und obgleich die Menge eben noch annehmbar war, schmeckten die Mahlzeiten wie Dreck. Auch war er früher von seinen Brüdern nur ab und an verdroschen worden. Jetzt wurde er als Neuling beim Training jeden Tag windelweich geprügelt. Eine garstige kleine Stimme versuchte ihm hartnäckig einzureden, dass sich daran auch in den kommenden Monaten nichts ändern würde, aber er ignorierte sie, so gut er konnte.
Allen Widrigkeiten zum Trotz, und unabhängig der Tatsache, dass er sich noch immer in vielen Nächten leise in den Schlaf weinte, war er stolz auf sein Hiersein. Er war am Wall, obwohl er erst vor Kurzem fünfzehn Jahre alt geworden war. Als Erster und höchstwahrscheinlich Einziger der Familie befand er sich an einem Ort, an dem man Mut und Mannhaftigkeit beweisen konnte. Und nicht zuletzt Tapferkeit im Kampf, so man denn welche besaß. Es war ein Ort, über den sich die Jungen wilde Geschichten erzählten, wann immer sich dazu die Gelegenheit bot. Oft taten das auch die Alten, aber davon wusste Naitan nichts, denn sein Vater gehörte nicht zu dieser Sorte Mann.
Es war ein Ort, an dem man Familie und Land Ehre machen konnte. Ebenso wie es der einzige Ort war, an dem ein einfacher Junge wie er die Möglichkeit bekam, vielleicht irgendwann in die Reihen der Karls aufgenommen zu werden. Der erste Schritt auf dem Weg in die Gesellschaft der echten Krieger von Norselund. Nur hier erhielten junge Männer voller Träume von Ruhm, Ehre und Kriegerschaft dieser Tage die Chance, Schlachten zu schlagen.
Leider war es gleichermaßen ein Ort, an dem es so kalt war, dass einem die nackte Haut in Sekunden an metallenen Oberflächen festfrieren konnte. An dem während des ganzen Jahres eisige Winde über das bisschen Boden fegten, das die Landzunge im Nordmeer bildete.
Und natürlich war es auch ein Ort, an dem man nach der brutalen Schleiferei, dem beschissenen Essen, der Kälte und dem Heimweh bei der ersten jährlichen Angriffswelle in Stücke gerissen werden konnte. Vermutlich überwogen doch die weniger schönen Aspekte, wenn man es genauer betrachtete.
Dennoch war der Wall oft die einzige Möglichkeit, aus einem alten Leben auszubrechen. Nicht nur für den dritten Sohn eines Bauern und Gelegenheitsschreiners, sondern für jeden jungen Mann von der Insel. Die Anlage wurde, je nach Situation, sowohl Schild wie auch Fluch des Nordens genannt. Obgleich sich der eigentliche Fluch dieses Landes natürlich auf der nördlichen Seite der Mauern befand. Während Naitan die harten und kalten Stufen erklomm, versuchte er sich vorzustellen, wie es vor dem Bau des Walls gewesen sein mochte.
Er hatte, bevor er hierher gekommen war, nie einen Gedanken darauf verschwendet. Bis er einige Tage in der Wehranlage verbracht und sie in vollem Umfang gesehen hatte, war ihre Existenz für ihn immer selbstverständlich gewesen. Hier hatte er gelernt, dass vor über dreihundert Jahren mit dem Bau der Mauern begonnen worden war. Der Gründer des Jarltums, des Ersten von Norselund überhaupt, gab damals den Auftrag für die Arbeiten.
Hathagat Ohngesicht ließ mit dem Bau beginnen, sobald er die örtlichen Clans unter seiner Herrschaft vereinigt hatte. Die Wallanlage befand sich am schmalen, südlichen Ende einer Landzunge, die in das Eisgebirge im Norden führte. Wie eine natürlich gewachsene Straße in der See verlief sie an den äußeren Felswänden der Gebirgszüge entlang und verschwand schließlich in den Bergen. Lange vor dem Grau hatte man aufgegeben, das Ende dieses Weges und damit den mutmaßlichen Ursprung der Klabauter zu erkunden.
Heuer war es bereits fünfzig Landmeilen nördlich des Walls so kalt, dass kein Reittier auch nur einen Tag überlebte. Von den feindseligen Kreaturen selbst hatte Naitan bisher nur Zeichnungen gesehen und Geschichten gehört. Und dann waren da natürlich ihre Pelze. Am lebenden Geschöpf schneeweiß, verfärbte sich das Fell wenige Stunden nach dem Tod ihres Trägers zu einem tiefen, gleichmäßigen Grau.
Diese Felle waren im Laufe der Zeit zu einem festen Bestandteil der norselunder Kleidung geworden. In den alten Tagen lösten sie die Wolfspelze als Privileg des Adels ab, die Hathagat Ohngesicht und seine Gefolgsleute noch getragen hatten. Heute war Klabauterfell auf der Insel weiter verbreitet, galt aber nach wie vor als Statussymbol.
Der Legende zufolge brachten die Wölfe des großen Nordwaldes, eben jenem Ulfrskógr, dem sowohl der Clan als auch das spätere Jarltum den Namen verdankte, ihre toten Gefährten, und damit deren Pelze, regelmäßig den Clanführern dar. Eine Geste des Dankes für Schutz und Freundschaft. Naitan wusste nicht so recht, was er von diesen Geschichten halten sollte. Eine Tatsache hingegen war, dass die Wolfsjagd im Jarltum bis zum heutigen Tage bei Todesstrafe verboten war, also mochte durchaus ein Körnchen Wahrheit in den alten Überlieferungen liegen.
Der Wall war im Laufe der Zeit stetig weiter ausgebaut worden. Das war ebenso wenig grundlos geschehen, wie sich die Tradition gehalten hatte, junge Männer zum Dienst an die Mauern der Wehranlage zu schicken. So wie nichts in der Welt sich zum Guten entwickelte, so vergrößerte sich auch die Zahl der Klabauter eher, als das sie sich verringerte.
Naitan erreichte die oberste Ebene des Wehrganges und atmete innerlich auf. Hier oben krallte sich zwar sofort der eisige Wind in seine Kleidung und schickte Kältewellen in den darunterliegenden Körper, aber alles war besser als diese verdammten Stufen. Er zog sich die Kapuze des dicken Mantels, den er über zwei Schichten Wolle trug, tiefer ins Gesicht. Dann ging er unwillig zu dem Mann hinüber, der einige Schritte von ihm entfernt an der Brustwehr stand. Die Wache wurde nie allein gehalten, ob man nun ein knapp einen Monat alter Grünschnabel war oder nicht. Selbst der Dienst an der dritten Mauer stellte für diese Regel keine Ausnahme dar.
Der Wachdienst war den größten Teil des Jahres über eine sterbenslangweilige und nervtötende Arbeit. Doch obgleich die großen Angriffe immer zum Herbstanfang kamen, war man hier nie völlig sicher. Er stapfte zu dem anderen Mann hinüber, der sich nur kurz umdrehte, grunzte und ihm kaum wahrnehmbar zunickte. Dann drehte er das gegen den kalten Wind vermummte Gesicht zurück in Richtung der trostlosen Fläche der Landzunge, die sich weiß und tot in die dunkelgraue See gen Norden zog. Naitan seufze ob seiner Gesellschaft. Ausgerechnet Kelton, mal wieder. Der Mann war vor zwei Jahren aus Kråkebekk, dem südwestlichen Jarltum Norselunds, hierher gekommen. Warum er blieb, wusste Naitan ebenso wenig wie sonst etwas, das über den Namen des mürrischen Kameraden hinaus ging. Er war ein paar Jahre älter als er selbst und sprach kaum je ein Wort. Jedenfalls nicht mit ihm. Neben einer Schneewehe Wache zu halten wäre genauso unterhaltsam gewesen.
Natürlich hätte er es auch schlechter treffen können. Mit einem von den bösartigen alten Säcken zum Beispiel, die seit mehreren Wintern hier Dienst taten.
Es gab einmal die Freiwilligen, von denen jedes Jahr Dutzende kamen. Dann war da ein Kontingent an Karls und Huskarlar des Jarls, die in regelmäßigen Rotationen am Wall stationiert wurden. Über kurz oder lang verbrachten viele der Krieger des Jarltums auf diese Weise mindestens eine Saison auf den Mauern. Darüber hinaus gab es noch die feste Mannschaft, mehrere Hundert Männer und einige Dutzend Frauen, sowohl Kämpfer als auch Versorgungsvolk.
Naitan hatte den Eindruck, dass es dem Gemüt nicht sonderlich zuträglich war, diese Art Leben zu führen. Das war auch kaum verwunderlich, bestand doch der größte Teil des Jahres aus endloser Eintönigkeit und hartem Training in eisiger, nie endender Kälte. Im späten Sommer oder dem frühen Herbst kämpfte man dann gegen lebendige Alpträume aus Fell und Krallen und begann den Zyklus, wenn man denn überlebte, daraufhin von Neuem.
So betrachtet klang die Sache nicht mehr nach einem Abenteuer, von einer guten Idee ganz zu schweigen. Auch besonders mannhaft oder ehrenvoll schien es von diesem Blickwinkel aus nicht. Aber Naitan wollte schließlich auch nicht den Rest seines Lebens hier verbringen. Ein Jahr oder zwei mussten genügen. Bis dahin hoffte er, in der Schlacht die Aufmerksamkeit seiner Vorgesetzten zu erlangen, und vielleicht in die Reihen der Karls eines Thane oder gar des Jarls selbst aufgenommen zu werden. Ein Soldat zu sein war das Größte, was er sich im Leben vorstellen konnte. Wenn auch nicht unbedingt am Wall.
Es war nicht so, dass ihm die harte Feldarbeit auf dem Land viel ausgemachte. Die Arbeit mit Holz bereitete ihm sogar Freude. Das Problem war nur, dass er eben der dritte und damit letzte Sohn seines Vaters war. Der Älteste erbte den Hof, der zweitälteste übernahm die Holzwerkstatt. Was für Naitan noch blieb, war sich auszusuchen, für welchen Bruder er für den Rest des Lebens arbeiten würde. Eine andere Möglichkeit bestand darin, sich die Tochter eines sohnlosen Nachbarn zu suchen und ihr ein Kind zu machen, aber wer wollte das schon? Naitan jedenfalls erschien keine dieser Perspektiven sonderlich erstrebenswert.
Auch wenn die früheren Träumereien über das Soldatenleben nicht mehr als romantische Jungendfantasien waren, betrachtete er das hier als die einzige Chance, die er im Leben bekommen würde. Er war für sein Alter weder besonders naiv noch war er dumm. Er versuchte nur, wie so viele andere, das Beste aus dem zu machen, was das Leben ihm bot. Naitans Familie kam aus der weiteren Umgebung der Hauptstadt Høyby und er war als Bürger des Jarltums Ulfrskógr harte und lange Winter gewohnt. Dennoch machte ihm die permanente, durch den Wind verstärkte Kälte hier schwer zu schaffen. Auch monatelangen Schnee kannte er. Dass alles um ihn herum praktisch ständig gefroren war, war jedoch ungewohnt. Ob unter dem Schnee oder frei dem Nordwind ausgeliefert, jede Oberfläche war von einer Eisschicht überzogen, der Boden, die Treppen, Türen, Waffen.
Er hatte sich anfangs in Grund und Boden geschämt, weil er mehrfach am Tag ausgerutscht und hingefallen war wie ein Dorftrottel. Die Tatsache, dass viele der anderen Neuen eine noch schlechtere Figur machten, vermochte ihn kaum aufzumuntern. Immerhin war es ihm bislang gelungen, nicht mit der Haut an einer Metallfläche festzufrieren.
Der siebzehnjährige Frejko, ein Bursche aus dem südöstlichen Jarltum Falksten, hatte es er vor wenigen Tagen fertiggebracht, sich die Innenseite des linken Unterarmes zur Hälfte zu häuten. Er stützte sich für einen Augenblick auf seinen Speer und schob dabei den Ärmel ein Stück nach oben. Es war so kalt, dass er das Metall im ersten Moment gar nicht auf der Haut spürte. Als er es dann tat, war es bereits zu spät. Naitan konnte sich nur zu gut vorstellen, wie der Junge mit einem Gesicht, das zunächst mehr Überraschung als Schmerz ausdrückte, auf das rohe Fleisch des Armes starrte.
Alles in allem betrachtete er seine eigenen paar Dutzend Blutergüsse als vergleichsweise geringen Preis für die vergangenen Wochen. Stolz war er auf die Tatsache, dass er zu den wenigen Neuen gehörte, die nicht jammerten. Obwohl er sich des Nachts noch immer ab und an in den Schlaf weinte. Nach den ersten Tagen, in denen man ihn wie Abschaum behandelt, mit Dreck gefüttert und im Training mit Holzschwertern stundenlang zusammengeschlagen hatte, hatte er sich den Tod gewünscht. Oder wenigstens wieder bei seiner Mutter zu sein.
Doch er hatte all das heruntergeschluckt, bis er nachts leise in seine Armbeuge heulen konnte. Er war hier, weil er es so gewollt hatte. Und er wollte es, allen Widrigkeiten zum Trotz, noch immer. Ob es nur für ein Jahr war, oder um sich eine Zukunft zu erarbeiteten, spielte dabei eine untergeordnete Rolle. Er würde tun, was ihn sein Vater gelehrt hatte, was einen Nordmann ausmachte. Dem Schicksal aufrecht und unbeugsam entgegentreten und keinen Schritt weichen. Er mochte sich nach einem Jahr geschlagen geben und auf den elterlichen Hof zurückkehren, doch wenn er jetzt klein beigab, würde er es sein Leben lang bereuen.
Er war alt genug, um zu wissen, dass Scheitern oft das geringere Übel war, wenn die einzige Alternative darin bestand, zu verzagen und vorzeitig aufzugeben.
Vor ihm erstreckte sich an diesem frühen Nachmittag eine scheinbar endlose grauweiße Trostlosigkeit. Der mattgraue Himmel war mit Wolken verhangen, die der Eiswind vor sich herjagte. Die Luft war klirrend kalt und trocken, der Schneefall hatte für den Moment aufgehört, und die Sichtweite war von hier oben aus enorm. Er ließ seinen Blick über den weißen Tod schweifen, der sich vor ihm ausbreitete. Außer verwehendem Schnee und dem dunklen, wogenden Grau des nordischen Meeres gab es hier nur Leere. Nicht einmal Vögel zogen ihre Bahn, es gab kein Wild und selbst die ersten vereinzelten Hasen bekam man mit etwas Glück ein paar Landmeilen weiter südlich zu Gesicht.
Es gab kein Leben außer den Klabautern, wenn sie denn kamen. Das konnte sehr bald passieren, da sich der August bereits dem Ende neigte und es ein kaltes Jahr war. Die meiste Zeit über war die Wache mehr Ritual und Training, obwohl Naitan gehört hatte, dass ab und an kleine Gruppen der Bestien auch unter dem Jahr bis zum Wall vordrangen. Dabei mochte es sich natürlich ebenso gut um Geschichten handeln, um Neulinge zu ängstigen oder die Wachsamkeit zu erhöhen. Von seinem jetzigen Posten aus war die Wache ohnehin nicht so wichtig wie weiter vorne. Deswegen wurden Grünschnäbel wie er ja zuerst hier postiert, um sich an die gemütliche Witterung zu gewöhnen. Er befand sich an der dritten Mauer, die im Grunde eine Notmauer war. Wenn die Klabauter bis hierhin vordrangen, standen sie kurz davor, alles zu überrennen und ins Landesinnere einzufallen.
Während Naitan sich ausmalte, wie die zottigen Monstren über die Zinnen quollen, hörte er entfernte Rufe. Südlich dieser Mauer begannen die zivilen Gebäude. Ein kleines Dorf aus Unterkünften, Werkstätten, Lagerräumen, Stallungen und anderen Versorgungsgebäuden. Das Haupttor der Palisade, welche die Siedlung umgab, lag ein gutes Stück von ihrem Aussichtspunkt entfernt. Doch der Tag war klar und Naitans Augen jung und scharf, und so entging ihm kaum etwas, wenn es erst einmal seine Aufmerksamkeit erregt hatte.
Er konnte die Reiter deutlich erkennen, die in diesem Moment hereinkamen und von denen er mehr als drei Dutzend zählte. Die meisten von ihnen boten einen Anblick, den er in seinem kurzen Leben erst zweimal gesehen hatte. Huskarlar, die Hausgarde der Herren von Norselund, bekam man als einfacher Landmann kaum zu Gesicht. Diese Männer lebten mit ihren Familien in der Nähe der Jarle und Thane und dienten ihnen als Garde und Vertraute. Naitan verdankte die beiden Male, die er einige von ihnen hatte beobachten können, nur der Tatsache, dass er damals in der Nähe der Hauptstadt gelebt hatte. So war er in Kindertagen mit seinem Vater ab und an in Høyby gewesen.
Die Männer dort unten trugen über dem Leder Rüstungen aus dicker Kette. Dazu Schwerter und Schilde vom Besten, was in Norselund zu haben war. Die Pferde waren riesenhafte, massige Kaltblüter, typisch für den hohen Norden der Insel. Die wendigen, schlanken Rassen des Festlandes gediehen in diesem harten Klima ebenso wenig wie ihre Herren. Naitan erkannte den Anführer und das halbe Dutzend Reiter, das ihm am nächsten war. Augenblicklich nahmen diese Männer seine gesamte Aufmerksamkeit gefangen. Er hatte den Jarl bei einem der Ausflüge in die Hauptstadt gesehen. Damals war er mit einem kleinen Gefolge auf dem Weg zu dem alljährlichen Besuch beim König auf dem Festland gewesen. Obgleich Naitan gerade zehn Jahre gezählt hatte, war ihm dieser Anblick unvergessen geblieben.
Jetzt sog er jedes Detail, jede Bewegung der Männer dort unten auf und prägte sie sich ein. Er wusste, dass er aus diesen Erinnerungen später Kraft und Mut ziehen konnte. Die Krieger, die mit dem Jarl ritten, hatten alles erreicht, was er sich für sein Leben erträumte. Und nicht wenige von ihnen hatten genau dort begonnen, wo er sich jetzt befand. Der Jarl und die sechs Reiter an seiner Seite trugen offenbar identische Rüstungen. Dunkles Leder zeichnete sich unter dem Metall ab. Armschienen, gepanzerte Stiefel und Brustpanzer über Kette, jedes Metallstück mit Öl gebrannt, bis es schwarz war wie die Nacht. Auf diese Entfernung waren Details selbst für Naitans Augen nicht auszumachen, aber er war sicher, dass zumindest die Rüstung des Jarls mit den Insignien seiner Familie verziert sein musste. Er konnte sich im Brustpanzer und den Metallflächen der anderen Plattenteile die Abbildungen des Wolfes, des Raben und der Eiche vorstellen. Jede Figur in gehämmertem Silber tauschiert, um sich von dem mattschwarzen Hintergrund abzusetzen.
Er hörte eine Bewegung hinter sich und drehte den Kopf gerade weit genug, um zu sehen, dass Kelton neben ihn getreten war. Der junge Mann sah ebenfalls wie gebannt zu den Reitern hinüber. »Sind Blodskjoldr, die großen da direkt bei ihm«, murmelte er. »Heißt, es wären die gemeinsten Scheißkerle, die man sich vorstellen kann, sogar schlimmer als die Huskarlar.«
Naitan hatte natürlich von der Rabengarde des Jarls gehört, welcher Junge hatte das nicht. Es hieß, dass er mit ihrem Aufbau begonnen hatte, als er selbst noch fast ein Knabe war. Gleich nach seiner Ernennung zum Jarl, die dem Tod des alten Egilhard gefolgt war. Die besagten Männer dort unten waren jedenfalls die größten Kerle, die er je gesehen hatte. Sie schienen nur unwesentlich kleiner zu sein als der Jarl selbst, und der war ein echter Hüne. Im Moment trugen die Blodskjoldr genau wie ihr Herr keine Helme, sondern hatten die dicken, gefütterten Kapuzen ihrer Mäntel über die Köpfe gezogen.
An jenem vergangenen Tag in Høyby waren die Reiter mit ihren schwarzen Rüstungen Naitan erschienen wie Geschöpfe aus einem Alptraum. Mit Helmen in Form von Rabenköpfen und den über einen Schritt langen Mähnen aus Pferdehaar waren sie ihm erschienen wie reitende Dämonen. Heute wusste er natürlich, dass genau das beabsichtigt war. Er bezweifelte aber, dass einem dieses Wissen sonderlich viel von dem Schrecken zu nehmen vermochte, wenn die schwer gepanzerten Schocktruppen im Feld auf einen zusprengten.
Jetzt trugen weder die Gardisten ihre Rabenköpfe, noch der Jarl den Wolfsschädel aus schwarzem Metall, an den Naitan sich erinnerte. Beeindruckend waren sie aber allemal, allein durch ihre Größe und Haltung. Ihre Anwesenheit, besonders die des Jarls, erfüllte ihn mit einem vagen Stolz. Es spielte keine Rolle, wie gering sein Rang und seine Arbeit waren. Es war gleichgültig, dass er nur ein Bursche war, der gerade eben die Stufen zur Mauer hochkam, ohne aufs Maul zu fallen. Er war ein Teil dieses Ortes, so klein und unbedeutend dieser Teil auch sein mochte. Er gehörte dazu.
»Ob er lange genug bleibt, um zu kämpfen?«, wollte er wissen und schielte zu Kelton hinüber, um die Stimmung des Mannes abzuschätzen. Es war selten genug, dass er überhaupt redete und Naitan traute dem Frieden nicht. Aber der sonst so mürrische und wortkarge Junge hatte ebenfalls einen gewissen Glanz in den Augen. »Sie sagen, dass er jedes Jahr zu den Kämpfen da war. Wenigstens für einige Tage. Lange genug jedenfalls, dass er ein paar erledigen konnte. Außer in dem Jahr, als das mit seiner Frau passiert ist. Da soll er die ganze Zeit hier gewesen sein.«
Vier Jahre war es jetzt her, dass die Gemahlin des Jarls bei der Geburt ihres ersten Kindes gestorben war. Die kleine Tochter hatte ebenfalls nicht überlebt, und gerüchteweise war der Jarl danach für Monate in lähmender Trauer versunken.
»Schon irgendwie komisch, dass er jedes Jahr herkommt«, meinte Naitan, »wo sein Bruder hier gefallen ist. Oder meinst du, er kommt gerade deshalb, weil er es ihnen immer wieder heimzahlen will? Dass sie seinen Bruder zerrissen haben?«
»Glaube ich nicht«, meinte Kelton, »wenn der noch leben würde, dann wäre der ja jetzt der Jarl, war ja viel älter. Im Grunde haben die Biester unserem Herrn einen Gefallen getan.«
Der Jarl war ein Nachzügler, zur Welt gekommen, als sein Vater schon in den späten Fünfzigern war. Die Mutter, eine junge Frau, die der alte Jarl nach dem Tod seiner ersten Gemahlin geheiratet hatte, war kurze Zeit nach der Geburt des Kindes gestorben.
Dann war sein ältester Sohn hier am Wall getötet worden, bei dem großen Durchbruch im Jahr 794, von den Klabautern in Stücke gerissen. Bei diesem Gemetzel hatten die Monster die damalige Hauptmauer, die heute die mittlere war, überrannt. Gerade noch rechtzeitig eintreffende Truppen hatten sie zurückdrängen und vernichten können. Viel hatte jedoch nicht zu einem Einfall der Bestien ins Hinterland gefehlt, und mehr als die Hälfte der Besatzung des Walls war an jenem Tag getötet worden. Das war inzwischen dreißig Jahre her, und wenig später hatte man die äußere Mauer errichtet.
Der alte Egilhard war seit über zwei Jahrzehnten tot. Es war Tradition, dass der Jarl und seine Söhne, wenn sie alt genug waren, zu den Angriffe an den Wall kamen. Zur Saison der frischen Felle, wie diese Zeit in der Truppe flapsig genannt wurde. Natürlich gehörten die alten Clantage längst der Vergangenheit an, und mit ihnen die Sitte, dass die Anführer ihre Position nur behaupten konnten, indem sie mit ihren Männern an vorderster Front kämpften. Im Gegenteil galt ein solches Verhalten heute eher als dumm, denn als tapfer.
Die letzten Generationen der Jarle von Ulfrskógr hatten ihr Volk in einem Krieg vor dem Joch der verhassten Südländer bewahrt. Sie hatten es außerdem durch die Schrecken nach dem Grau gebracht, und das Volk von Norselund vergaß nicht, zum Guten wie zum Schlechten. Es mochte seine Herren, und ein tapferer, starker aber toter Anführer war kein Stück besser als ein lebendiger, feiger Narr.
Dennoch war der Jarl jedes Jahr am Wall. Die Festung Snaergarde lag sechzig Landmeilen im Südwesten. Sie war die Heimstatt des Regenten, die er nur zu wenigen Anlässen verließ. Die jährlichen Besuche beim König auf dem Festland stellten einen solchen dar, die Zeit der Angriffe am Wall einen weiteren. Er begab sich natürlich nicht in die erste Linie, war aber auch nie damit zufrieden, sich nur zu den Bogenschützen zu gesellen.
»Kommen sicher bald mehr von seinen Raben, wo er nun da ist. Ist jedes Jahr so gewesen bisher« meinte Kelton. »Kommen immer ein paar Dutzend von denen, die brauchen das wahrscheinlich.«
Es hieß, dass der Jarl seine Garde jedes Jahr bei den ersten Angriffswellen ganz vorne kämpfen ließ. Nicht, dass das Prinzip der Abschreckung durch Schocktruppen bei den Klabautern funktionierte. Diese Bestien kannten weder Taktik noch Moral oder Angst. Vermutlich ging es einfach ums Töten und um die Wirkung auf die anderen Soldaten. Für die Männer spielten Moral und Angst sehr wohl eine Rolle, und Seite an Seite mit der Kriegerelite zu kämpfen, war der Ersteren ebenso zuträglich, wie es half, die Letztere im Zaum zu halten. Kelton schien plötzlich wieder einzufallen, wo er war und mit wem er redete. Er gab Naitan einen gemeinen Schlag auf den Oberarm.
»Und jetzt Schluss mit dem Quatschen und Gaffen. Da auf der anderen Seite liegt das, was uns zu interessieren hat, also hopp.«
Da es sinnlos war, zu widersprechen, von potentiell schmerzhaft ganz zu schweigen, wandte Naitan sich mit einem letzten Blick auf den Jarl und seine Männer ab. Vielleicht würde er die Chance bekommen, mit ihnen gemeinsam in einer Schlacht zu kämpfen. Diese Aussicht war alles wert, was ihm hier widerfahren war und noch widerfahren sollte. Er würde diese erste Zeit überstehen, und sich dann in der Schlacht gegen die Klabauter beweisen. Mit etwas Glück würde sogar Kelton getötet werden. Er und ein paar andere von den Scheißkerlen mochten umkommen, was sein Leben hier ungemein erleichtern würde.
Es dauerte nicht lange, bis die Klabauter kamen. Der Jarl war noch am Wall, als die Kämpfe begannen. Bis dahin waren tatsächlich mehrere Dutzend Blodskjoldr der Rabengarde eingetroffen, zumeist jüngere Männer. Der Wall war eine gute Schule, für den einfachen Soldaten genauso wie für den Gardisten. Zum einen war dem Jarl eine gewisse Tötungspraxis seiner Männer wichtig. Zum anderen war der Kampf gegen eine brüllende, kreischende Masse aus Fell und Krallen eine gute alljährliche Abhärtung.
Kelton und Naitan kämpften beide, und tatsächlich erwischte es den mürrischen, schweigsamen jungen Mann aus Kråkebekk gleich bei der ersten Welle. Er verlor ein Auge und zwei Finger der linken Hand. Es dauerte lange, bis er sich davon erholte. Als er einigermaßen wieder hergestellt war, blieb er am Wall. Nicht bei den Kriegern, er sah auch mit dem verbliebenen Auge nicht mehr besonders viel. Aber er lebte im Dorf und arbeitete bei einem Pfeilmacher.
Naitan überstand drei Wellen und schlug sich so tapfer, wie er es sich erhofft hatte. Er verdiente sich nach einigen Schlachttagen das Privileg, in zweiter Reihe an der ersten Mauer zu kämpfen. Am letzten Tag, an dem es in diesem Jahr richtig zur Sache ging, erschlug ein riesiger, alter Klabauter den Mann vor Naitan und riss ihm dann den rechten Arm ab, als wäre es ein dünner Ast an einem Baum. Er war längst verblutet, als man mit der Suche nach Verwundeten begann. Er gehörte schließlich zu knapp drei Dutzend Gefallenen.
Es war ein guter Herbst mit geringen Verlusten. Man bestattete ihn gemeinsam mit den anderen in einem Massengrab auf dem ausgedehnten Friedhof, der etwas abseits der Siedlung lag. Es gab dort viele Gräber. Für jedes Jahr eines. Danach begann ein Schlachten, das nicht weniger brutal, aber sehr viel ungefährlicher war, als das vorangegangene. Die Kämpfe an sich waren nicht blutiger, als das ihnen folgende Sammeln und Häuten der Klabauter.
Naitans Vater bekam eine, für die Verhältnisse eines einfachen Landmannes, großzügige finanzielle Zuwendung. Es war immerhin genug, um zwei weitere Ochsen und eine neue Werkbank für die kleine Schreinerwerkstatt zu kaufen.
In Norselund kümmerte man sich um seine Leute.
Kapitel 1
Snaergarde
Die Wolken hingen so schwer und tief über Snaergarde, dass sie die höchsten Türme der alten Festung beinahe zu berühren schienen. Leichter Schneefall läutete den Beginn des Winters ein, was für den September nicht ungewöhnlich war. Die Schneewacht machte ihrem Namen seit Jahrzehnten fast ganzjährig alle Ehre. Mit dem Bau der Heimstatt derer av Ulfrskógr war lange vor dem des Walls begonnen worden, und sie galt als die älteste Burg Norselunds. Vor dem Grau hatte sie noch ein gutes Stück von der Schneefallgrenze entfernt gelegen. Dieser Tage begann der ewige Winter, welcher den Norden der Insel überzog, kaum zehn Landmeilen weiter nördlich und das Umland der Feste war nur wenige Monate im Jahr frei von Schnee und Frost.
Von den dorfähnlichen Gemeinschaften, die sich im Laufe der Zeit um jede größere Wehranlage formten, war hier nichts mehr zu sehen. In den letzten Jahrzehnten war in der Umgebung von Snaergarde weder Ackerbau noch Viehzucht möglich gewesen. Die Wohnhäuser und Bauernhöfe waren schließlich großflächigen Gebäuden aus dunklem Stein gewichen, die der Jarl hatte errichten lassen. Wie ein Teil der Festung schmiegten sie sich von außen an die dicken Mauern, wo sie sich auf bis zu drei Stockwerke erhoben. Trotz ihrer oberflächlichen Schlichtheit boten diese Unterkünfte den Menschen nicht nur Geborgenheit und Schutz, sondern auch eine gewisse Lebensqualität.
Wer hier lebte, litt keinen Hunger, hatte warme Kleidung und war vor Übergriffen geschützt. Alles lag fest in der Hand des Jarls und es gab weder einen freien Handel noch Störungen von außerhalb. In nördlicher und westlicher Richtung gingen die mehrere Schritte dicken Mauern direkt in den natürlichen Wall über, der dort als Fundament diente. Snaergarde stand zum größten Teil auf einem Sockel aus massivem Felsgestein. Das hatte damals zum einen den Bau der gewaltigen Anlage erleichtert, zum anderen das Anlegen umfangreicher Kellergewölbe ermöglicht. Die hier lebenden Menschen gehörten ohne Ausnahme zum Gefolge des Jarls. Es war ein isoliertes Leben in einer verschworenen Gemeinschaft, in die man für gewöhnlich hineingeboren wurde. Die nächste Ortschaft war das mehr als hundert Landmeilen südlich gelegene Hovelvol. Es war ein relativ kleiner Ort, der von einigen Dutzend Bauernhöfen umgeben an den Ufern des Jernlodda lag. Von dort kamen die wenigen Rohstoffe und Produkte, die man von außerhalb benötigte, wie etwa Leder, Getreide oder Käse.
Etwas abseits der Mauern standen lange, flache Gebäude. Diese Handwerkshallen waren aus dem gleichen dunklen Stein gebaut, der hier überall Verwendung gefunden hatte. Sie beherbergten Ausschmiedeanlagen und Verhüttungsbetriebe. In gleichmäßigem Abstand zogen sich die mit Schiefer gedeckten Bauwerke zwischen Lagern für Roherz und zahlreichen Rennöfen über das karge Land. Der Hauptgrund dafür, dass auf dieser so weit im Norden gelegenen Burg so viele Menschen lebten, war ihre Nähe zum Eisgebirge. Die gewaltigen Berge des nördlichen Randes der Welt stellten die Schatzkammer des Jarltums und der gesamten Insel dar.
Snaergarde war der Dreh- und Angelpunkt des Stoffes, der Norselund seit den Tagen der Vereinigung der alten Clans Stärke, Sicherheit und Wohlstand verlieh. Dem Eisenerz, aus dem die Schmiede der Insel ein Metall formten, dass im Reich als Nordeisen bekannt und begehrt war. Bis zu einem gewissen Maß traf das auch auf die schwere, ölige Steinkohle zu, die man in den westlichen Stollen förderte. In mehreren, im ewigen Winter des Eisgebirges gelegenen, Minenanlagen wurden jedes Jahr Tonnen an Erz abgebaut und zunächst nach Snaergarde gebracht. Zum größten Teil geschah das mit Hilfe des Jernlodda, der im Osten knapp fünfhundert Meter an den äußeren Mauern der Festung vorbeifloss. Der Fluss war seit dem Grau über einen erheblich längeren Zeitraum hinweg zugefroren als in früheren Tagen. Trotzdem stellte er noch immer eine weniger aufwendige Transportmöglichkeit dar, als es Wagenzüge taten. An den Minen selbst war es so kalt, dass kaum ein Tier auf Dauer überlebte. Diese tödliche Kälte war auch der Grund, warum die Weiterverarbeitung des Rohstoffes so weit südlich stattfand, anstatt direkt dort, wo er gefördert wurde. Tag für Tag stieg der Rauch über den Schmelzöfen im Nordosten in den grauen Himmel hinauf. Tonne um Tonne wurde Erz zu Luppe und Luppe zu Eisen einer Qualität ausgeschmiedet, die im Königreich ihresgleichen suchte. Snaergarde war, Festung und Schmiede des Nordens, das kalte Herz, von dem aus das metallene Lebensblut von Norselund durch das Land floss.
Die Insel hielt nicht viele Schätze für sein von Mühsal und harschem Klima geprüftes Volk bereit. Die wenigen, die sie bot, gab sie jedoch reichlich. Allen voran Eisen und Steinkohle, aber auch mannigfaltige Arten von Holz, ebenso wie hochwertigen Stein. Ersteres war dabei ungleichmäßig verteilt. Die Erzvorkommen außerhalb der nördlichen Gebirgszüge zeigten sich spärlich und oft mit Erz von so durchschnittlicher Güte, dass ein Abbau heuer kaum noch lohnte. Es gab etwas Kupfer im Jarltum von Falksten und noch weniger Silber in Kråkebekk. Das Eisgebirge im Norden hingegen verfügte über einen scheinbar endlosen Vorrat an Eisenerz von größter Reinheit.
Dieser kostbare Rohstoff stellte eine der beiden Komponenten dar, die den Inselbewohnern die Herstellung des besten Eisens der bekannten Welt ermöglichten. Die andere war eine Tradition in der Schmiedekunst, die Jahrhunderte zurückreichte. Das Metall war heute der maßgebliche Exportartikel von Norselund. Es war die wertvollste und zugleich einzige bedeutungsvolle Münze, über welche die Jarle verfügten. Mit ihr wurden die Abgaben an den König geleistet, und sie war eine zahlungskräftige Währung für den Handel mit dem Rest der Welt. Das Eisen sorgte somit ebenso für die Versorgung des Volkes, wie dafür, dass die Truppen der Insel zu den am besten gerüsteten des Reiches gehörten. Seit einigen Jahren arbeiteten die Schmiede in Snaergarde mit Hilfe der Steinkohle auch an der Herstellung von Stahl. Dieses Geheimnis hatten die Jarle allerdings bislang vor den Festländern zu hüten gewusst.
Die Lage der Heimstatt des Jarl av Ulfrskógr hätte für eine schwer gesicherte Handwerkstätte nicht besser gewählt sein können. Die Abgeschiedenheit der Festung und die isolierte Lage der Ländereien selbst spielten dabei ebenfalls eine Rolle. Das Eisgebirge, dessen äußere Arme weit im Norden der Insel in mehrere hundert Schritte hohe Steilküsten ausliefen, umschloss das Land wie ein nach Süden offenes Hufeisen.
Die natürliche Grenze zum Landesinneren bildete der Kråkebekk, der größte Fluss von Norselund. Im Südwesten mündend, war er namensgebend für das dortige Jarltum. Drei massive, gut gesicherte Steinbrücken stellten die einzigen sicheren Wege über diese nasse Barriere dar. Schon in früheren Tagen gab es nur wenige schmale Furten über das ebenso breite wie schnell fließende Gewässer. Nach dem Grau war seine Wassermenge durch die vermehrten Niederschläge noch deutlich angewachsen. Heute gab es zu keiner Jahreszeit mehr eine Möglichkeit, den Fluss ohne Hilfsmittel zu überqueren. Viele der alten Brücken hatten sich in der starken Strömung im Laufe der ersten Jahre des Umbruches in wahre Todesfallen verwandelt.
Die Steinbrücken waren vor über zwanzig Jahren zur gleichen Zeit gebaut worden wie die Handelsstraße, welche die drei Jarltümer der Insel verband. Die gut befestigte Straße erstreckte sich auf der vollen Länge von Kråkeborg nach Falkehaven, den beiden südlich gelegenen Hauptstädten. In gleichmäßigem Abstand führten von dem Hauptstrang aus drei Straßenabschnitte auf den Brücken über den Kråkebekk und trafen sich kurz hinter dem Fluss. Von dort aus verlief der Handelsweg weiter, bis er in Høyby, der Hauptstadt des nördlichen Jarltums, endete. Die Straße, wie auch die Brücken, verdankte die Insel der engen Zusammenarbeit der drei Herrscherfamilien.
Von Høyby aus ging der Löwenanteil an Eisen direkt nach Falkehaven, dem Zentrum des Exporthandels des Nordens. Der Grund dafür, dass Snaergarde bei all dem mehr war, als nur eine Stätte des Handwerks und des Warenumschlages, war der Jarl selbst. Varg av Ulfrskógr, seit fast fünfundzwanzig Jahren der uneingeschränkte Herrscher des nördlichen Norselunds, war auf dieser Festung aufgewachsen. Snaergarde war der traditionelle Sitz der Familie, und er hatte das Leben hier dem in der Hauptstadt immer vorgezogen. Nach den ersten zehn Lebensjahren auf der Heimstatt seiner Ahnen war er danach gezwungen gewesen, einige Jahre in Høyby zu verbringen. Der alte Jarl hatte darauf bestanden, dass sein jüngster Sohn ein anderes Umfeld als das in der Abgeschiedenheit der Burg kennenlernte, und sich mit den Gepflogenheiten der Stadt vertraut machte.
Nach dem Tod des Vaters war der junge Jarl in die nördlichste aller Befestigungen von Norselund zurückgekehrt. Seitdem hatte er sie nur verlassen, wenn er es nicht vermeiden konnte. Auf die Zeit in Høyby schaute er im Nachhinein dennoch wohlwollend zurück. Er hatte sich dort nie so wohl gefühlt wie in Snaergarde, diesen Lebensabschnitt aber als lehrreich empfunden.
Darüber hinaus hatte er in besagten Jahren Lady Lifa av Skalenborg kennengelernt. Obgleich nicht die erste Liebe seines Lebens, war es bis zum heutigen Tag die Letzte geblieben. Wenige Wochen nach seiner Ernennung zum Jarl wurden sie vermählt, und er hatte es nie bereut, selbst in den dunkelsten Stunden nicht, als alles verloren war.
Bei besagter Lady verweilten die Gedanken von Varg jetzt, da er den Bierschlauch, aus dem er soeben einen kleinen Schluck genommen hatte, auf einen niedrigen Hocker neben seinem altem Schreibtisch aus Eisenholz legte. Das taten sie dieser Tage nicht mehr so oft wie noch vor zwei oder drei Jahren, was ein Segen war.
Dass die Zeit alle Wunden heilte, war das Gewäsch von Narren. Man gewöhnte sich jedoch an den Schmerz, genau wie bei alten Narben, die man in der Schlacht davontrug. Damit mochte es auch zusammenhängen, dass er nur noch einen Schlauch Bier über den Tag hinweg leerte. In der Zeit nach ihrem Tod war es nicht bei einem geblieben, oft nicht einmal bei zwei oder drei, und damals war es statt Gerstensaft schwerer norselunder Met gewesen. Aus jenen Tagen stammten auch die gut zwanzig Pfund überflüssigen Fettes, die er fünf Jahre zuvor noch nicht mit sich herumgetragen hatte. Aber er zählte fast vierzig Winter und es gab schlimmere Gebrechen, die einem Mann dieses Alters widerfahren konnten. Der Jarl erhob sich von dem gepolsterten Lehnstuhl und ging zu der metallbeschlagenen Eisenholztür des Arbeitszimmers. Dort nahm er den Mantel von einem Haken und zog ihn über. Das dicke Leder war schwarz geölt und mit dunkelgrauem Klabauterfell gefüttert. Ein knöchellanges Bollwerk gegen die eisige Kälte seiner Heimat. Während er sich ankleidete, ließ er die Gedanken für eine Weile bei der verlorenen Liebe verweilen.
Trauer und Schmerz verblassten mit den Jahren. Das war eine der wenigen Gnaden der Götter, die vermutlich nicht existierten. Lifas Bild hingegen tat das nicht, noch nicht jedenfalls. Er dachte seltener an sie, aber wenn er es tat, war ihre Erscheinung so klar, als stünde sie leibhaftig und lebendig vor ihm. Nur einen Kopf kleiner als er, mit sommersprossiger, milchweißer Haut, lohfarbenem gelocktem Haar und ebensolchen stahlgrauen Augen wie den seinen, war sie eine klassische Nordlandschönheit gewesen. Ihre neugeborene Tochter hatte einen winzigen Schopf flaumigen Haares derselben Farbe gehabt. Man hatte es zwischen dem ganzen Blut kurz sehen können, als sie aus dem toten Leib ihrer verbluteten Mutter gezogen worden war. Auch die Kleine hatte wenige Minuten später aufgehört zu atmen. Der Jarl schloss den Mantel und schüttelte die alten Bilder ab. Das fiel ihm heute, vier Jahre nach dem Tod seiner Familie, bereits erschreckend leicht.
Er öffnete die Tür und durchquerte mit langen Schritten den rundum mit getränktem Holz vertäfelten Gang, der zu den verschiedenen Räumlichkeiten seiner Gemächer führte. Von hier aus gelangte man zum Arbeitszimmer, dem Schlafgemach, einem kleinen Waschraum sowie einem Kaminzimmer. Er trug außer dem Mantel und hohen, genagelten Stiefeln nur einfache, aber robuste Wollkleidung. Die einzige Rüstung, die er innerhalb der Festung benötigte, galt dem Schutz vor der Kälte. Die Menschen, die hier lebten, gehörten Familien an, die der seinen seit vielen Generationen dienten. An seiner Hüfte baumelte denn auch nur ein alter, unterarmlanger Dolch.
Der Jarl zog sich im Gehen die Handschuhe an, schlug den hohen, gefütterten Kragen seines Mantels hoch und trat durch die dicke Außentür aus dem Bergfried hinaus. Es war beinahe windstill, der Schnee fiel in winzigen, feinen Flocken und die Luft roch nach dem ersten Frost des Winters. Der Tag war erfüllt von den Geräuschen des morgendlichen Burglebens und dem allgegenwärtigen Klingen der Hämmer in den Schmieden. Er ging ein Stück in Richtung der Schildmauer im Süden, bevor er in eine leicht gewundene steinerne Treppe nach unten abbog. Dabei erwiderte er den einen oder anderen laxen Gruß der Wachen mit einem flüchtigen Nicken. Er war nicht sicher, ob er seinen Gast und Freund, den Jarl Stian av Falksten, der seit dem gestrigen Tage zu Besuch war, schon auf den Beinen vorfinden würde. Als er die Stufen, die in den geräumigen Haupthof führten, zur Hälfte hinter sich gelassen hatte, sah er jedoch, wie der alte Mann gegen einen Pfeiler gelehnt das morgendliche Treiben beobachtete.
Stian war kaum kleiner als der zwanzig Jahre jüngere Jarl, aber nicht ganz so kräftig gebaut. Das Haar, obgleich vollständig ergraut, war noch voll, die Gestalt gerade, mit breiten Schultern, die das Alter bislang nicht zu beugen vermocht hatte. Man sah ihm nur bedingt an, dass er in zwei Wintern sechzig Jahre alt sein würde. Er hatte den Großteil der Regierungsarbeit in Falkehaven vor wenigen Jahren an seinen Sohn Alfr abgegeben und verbrachte die Zeit seitdem zumeist damit, durch Norselund zu reisen. Varg hatte die Stufen zur Hälfte bewältigt, als der andere ihn bemerkte und sich zu ihm umdrehte.
»Endlich wieder Schnee, der Winter hat mir gefehlt«, rief der alte Nordmann lächelnd und kam ein paar Schritte auf den Fuß der Treppe zu.
Varg entging nicht, wie sehr er sich dabei auf den verzierten, eisenbeschlagenen Stock stützte. Er trug ihn seit einigen Jahren, bis zum letzten oder vorletzten Winter hatte er ihm allerdings eher als Schmuck gedient, denn als Werkzeug. Eine Jahrzehnte zurückliegende Verletzung seines Knies machte ihm offenbar mit jedem verstreichenden Jahr mehr zu schaffen.
»Dass ein von der Wärme langer Sommer verwöhnter Südländer unser nordisches Klima zu schätzen weiß, ehrt uns hier oben«, gab Varg in ebenso freundlichem Spott zurück. »Hast du dir unsere merkwürdigen Vorkommnisse schon angesehen? Oder hast du auf mich gewartet?«
»Ich habe auf dich gewartet, wie es sich für einen Gast gehört. Es soll ja niemand sagen können, dass wir Südländer alle nur Bauernlümmel sind. Lass uns gemeinsam sehen, ob wir es mit einem echten Problem zu tun haben, oder nur mit Jägern, die noch mehr trinken als ihr Burgherr.«
Der jüngere Jarl schnaufte nur ob dieses Seitenhiebes. In der ersten Zeit nach dem Tod seiner Frau war der Jarl av Falksten der einzige Mensch gewesen, den er zu ertragen vermocht hatte. Er allein wusste, wie schlecht es für eine Weile um ihn gestanden hatte, wie schmal der Grad zur unkontrollierten Trunksucht und Freitod war, auf dem er fast ein Jahr lang gewandelt war. Sie gingen nebeneinander gemächlichen Schrittes über den Hof, wobei der Jüngere sein Tempo dem des Älteren anpasste. Stian hatte sich bei einem Reitunfall in seiner Jugend das Knie gebrochen, eine Verletzung, die ihn in letzter Zeit ernsthaft zu plagen begann. Der betagte Jarl sah den Blick des Burgherrn und verzog das von den Jahren gezeichnete Gesicht zu einem schiefen Lächeln.
»Tut zum Glück nur weh, wenn es kalt und feucht ist. Sobald die götterverdammte Sonne wieder scheint, wird es sicher besser.«
»Ja, du warst schon einmal schneller unterwegs«, stimmte Varg ihm zu, »wenn auch nicht viel. Um auf Erfreulicheres zu kommen als die Gebrechen eines Greises, wie geht es eigentlich unseren Turteltauben, hast Du in letzter Zeit etwas von ihnen gehört?« Die älteste Tochter des Freundes und Bjorn av Kråkebekk, der dritte und jüngste Jarl im Bunde der drei Herren von Norselund, waren kürzlich vermählt worden.
»Der letzte Vogel brachte nichts Neues. Der verdammte Schlamm frisst immer mehr Ackerland, aber den beiden geht es gut. Das mit der Verschlammung hat hoffentlich ein Ende, wenn sie die ersten Erhebungen der südlichen Highlands erreicht. Sonst reicht das selbst angebaute Korn bald nicht einmal mehr für die dürren Gespenster, die wir Hühner nennen.«
Kråkebekk hatte vor dem Grau die Kornkammer der Insel dargestellt. Seit jeher machte der Fischfang einen guten Teil der Nahrungsmittelversorgung aus. Was man in den drei Jarltümern an Getreide für Mehl und Brot brauchte, kam zumeist aus den Äckern im ehemals fruchtbaren Südwesten. Die Felder im Südosten und vor allem im Norden von Norselund waren selbst vor dem Grau kaum für mehr zu gebrauchen gewesen, als Korn für die Geflügelzucht zu liefern.
Heute stellte der Fisch, der zum größten Teil bei Falkehaven aus dem Meer gezogen wurde, die mit Abstand wichtigste Nahrungsquelle der Insel dar. Die Getreideernte aus Kråkebekk war schon lange nicht mehr ertragreich genug, um die anderen beiden Jarltümer mitzuversorgen. Der kümmerliche Ertrag an Winterweizen, der im Osten und Norden noch angebaut wurde, reichte gerade einmal zur Haltung von anspruchslosem Federvieh wie Hühnern. Dazu kamen einige Schafherden und die Pferdezuchten in Kråkebekk. Für andere Nutztiere, wie Rinder oder gar Schweine, gab es bis auf wenige Ausnahmen einfach nicht mehr genug Futter und Weideland.
Das Überleben nach dem Grau verdankte das Volk in erster Linie dem engen Band, das während der letzten Generationen zwischen den Familien der Jarle entstanden war. In einer gemeinsamen Anstrengung strukturierten sie das Land nach der Katastrophe um, und verteilten die ihnen verbliebenen Ressourcen mit Bedacht und Voraussicht. Es hatte weder Dünkel noch Opportunismus gegeben, weder Neid noch Misstrauen. Anders als vielerorts auf dem Festland. Nur aus diesem Grund hatte das Volk die Auswirkungen des Grau überstanden, obwohl es die Insel ungleich härter getroffen hatte als die Gebiete im Süden der Welt. In Norselund herrschte seit jeher ein kaltes und lebensfeindliches Klima. Das Grau hatte weite Teile des Landes nahezu unbrauchbar gemacht. Vor allem im Norden waren ganze Landstriche inzwischen verwaist.
Diese enge wirtschaftliche Verbundenheit hatte sich bis heute gehalten. Ulfrskógr versorgte den Rest der Insel mit Eisen und Kohle und stellte mit dem Metall die Münze für den Außenhandel zur Verfügung. Kråkebekk konzentrierte sich fast völlig darauf, zum Wohle aller Jarltümer den bestmöglichen Ertrag aus seinen Feldern und Weiden herauszuholen. Falksten sorgte mit dem Fischfang für Nahrung und wickelte über Falkehaven den Export und Import ab.
Im Grunde war Norselund ein eigenes Großherzogtum, das von den drei Jarlen als Triumvirat regiert wurde. Eine Tatsache, die man vor dem Rest des Königreiches tunlichst zu verschleiern bemüht war. Groß genug waren bereits das Misstrauen und die Animositäten zwischen der Insel und dem Festland. »Immerhin ist die Küste im Südwesten durch die Sümpfe bestens geschützt. Da wird niemand eine erfolgreiche Invasion landen. Also keine Gefahr, dass uns in Zukunft irgendwer erschlägt, bevor wir in Ruhe verhungern können«, endete Stian schließlich.
»Solange wir uns alle ein Beispiel an deiner heiteren Sicht der Dinge nehmen, kann uns kein Leid schrecken«, lächelte der jüngere Jarl. »Ich war seit meiner Zeit in Høyby nicht mehr dort. Hast Du dir das in den letzten paar Jahren mal selbst angeschaut?«
»Vor drei Jahren«, bestätigte Stian. »Ich bin die ganze landungsfähige Küste abgefahren. Also das, was früher landungsfähig war. Ist kaum noch etwas übrig von den alten Stränden. Das Land dort ist für die Menschen verloren. Alles verschlammt und die Sümpfe haben sich in alle Richtungen ausgebreitet. In einem Moment kannst Du bis zu den Knien im Schlamm versinken und einen Meter weiter bis du, ohne es zu merken, im Sumpf. Das einzig Gute, was man noch von der Südwestküste sagen kann, ist, dass sie jetzt eine natürliche Verteidigung darstellt. Die dürfte ebenso effektiv sein wie die Steilküsten bei dir. Wer da unten landet, kann seine komplette Armee an den Sumpf verlieren, egal zu welcher Jahreszeit. Das Ackerland ist jedenfalls hin. Die ganzen Fischerdörfer sind auch weg, die letzten paar waren gerade am Verrecken, als ich da war.«
»Dann hoffen wir mal, dass die Fische weiterhin brav bei dir vorbeischwimmen«, meinte Varg, »weißt du schon, wann du wieder weiter willst?«
»Willst mich schon wieder loswerden, damit du in Ruhe saufen kannst, was?«, stichelte der alte Jarl.
»Das klingt natürlich verlockend«, gab Varg unbeeindruckt zurück, »aber ich dachte eher daran, dass hier bald der ungastlichste Ort südlich der Eisberge sein wird. Der Winter macht langsam ernst und so wie du jetzt schon lahmst, hätte ich dich längst von deinem Elend erlöst, wenn du ein Pferd wärst.«
»Vielleicht nächste Woche. Hätte nicht gedacht, dass mir die Kälte so zu schaffen macht hier oben. Götterverdammtes Bein. Schauen wir mal, was du hier für ein Problem hast. Oder ob du überhaupt eines hast und deinen Waldhütern nicht nur die gemütliche Atmosphäre hier zu viel geworden ist, so kurz vor dem Winter.«
»Wird schon so sein«, meinte Varg. »Waren nicht die Waldhüter, die zu mir gekommen sind. Die sind erst zu Leoric gegangen und der hat mir dann Bescheid sagen lassen.«
»Leoric? Lebt dieser alte Geier immer noch?«, brummte Stian, »habe ihn gestern gar nicht gesehen. Nicht, dass seine Anwesenheit meinem Wohlbefinden sonderlich zuträglich wäre. Was auch für die nutzlosen Salben gilt, die mir der alte Scharlatan letztes Jahr für mein Knie angemischt hat. Gab einen netten Ausschlag und hat dann nicht nur weh getan, sondern auch noch gejuckt.«
»Er ist jetzt über neunzig und verbringt die meiste Zeit in seinen Räumen im Turm. Er ist gebrechlich, aber nicht senil. Jedenfalls nicht mehr als in den letzten zwanzig Jahren. Wo wir bei Gebrechen sind, hast du mal daran gedacht, bei unserem nächsten Besuch beim König dein Knie von einem Priester anschauen zu lassen?«
»Aber sicher«, meinte Stian grimmig, »und wenn ich schon dabei bin, kann ich der Kirche auch gleich meine Jüngste für ihr beschissenes Noviziat übergeben. Bevor ich die Weißlichter an meine Knochen lasse, hacke ich mir das Bein lieber ab. Hat bei meinem Großvater auch fast zwanzig Jahre lang wunderbar mit einem Holzbein funktioniert. Hat der alte Geier dir nichts gesagt, außer dass du dir etwas anschauen sollst, was die Waldhüter angeschleppt haben?«
»Nay, kein Wort«, erwiderte Varg und nickte der Wache zu, die eine beschlagene Pforte öffnete.
Der Mann trat mit einer halben Verbeugung zur Seite und ließ die beiden Jarle den Durchgang passieren, der zu einem kleinen Nebenhof führte. Der alte Haushofmeister der Festung hatte ihm nur mitgeteilt, dass er sich ein Problem mit dem Wild anschauen solle. Es gab jedoch seit Monaten Gerüchte über verwachsene, missgebildete Tiere, die angeblich ab und an in den Wäldern auftauchten. Nicht nur in der Nähe von Snaergarde, obgleich solche Geschichten in Ulfrskógr, das von dunklen und düsteren Landstrichen beherrscht wurde, immer besser gediehen als anderswo.
Die beiden Jarle schritten hinter dem Tor zum Zentrum des Nebenhofes. Er war von dunkelgrauen Steinmauern eingefasst, die sich mehrere Mannslängen erhoben. Gegenüber der Pforte befand sich der Eingang zum Nordostturm, in dem Leoric seine Gemächer hatte. Eine kleine Gruppe Männer hatte sich in der Mitte des Hofes versammelt. In einer Ecke hinter ihnen sah man die Umrisse einiger großer Körper, die unter Tüchern verborgen waren. Eine Wache und zwei in grobes, ausgeblichenes Leder gekleidete Gestalten blieben zurück. Der Vierte im Bunde kam mit einer Verbeugung auf die Neuankömmlinge zu. »Seid gegrüßt, Mylords«, sagte der hagere Mann, der etwa so alt sein mochte wie der jüngere der beiden Jarle, und schlug sich mit der rechten Faust leicht gegen die linke Brustseite. Varg erwiderte den Gruß mit einem Nicken.
»Lass uns sehen, was deine Leute und meinen Majordomus so sehr beunruhigt, Jorge.« Das Unbehagen der Anwesenden war beinahe greifbar.
Die anderen beiden Waldhüter, welche die gleiche Kluft wie der Forstmeister trugen, kannte der Jarl nicht. Für gewöhnlich ließen sich Burschen, die den Großteil ihres Lebens in den Wäldern verbrachten, nur schwerlich ängstigen. Dafür neigten sie allerdings, ähnlich wie Seeleute, oft zum Aberglauben. Die kleine Gruppe ging zu den am Boden liegenden Körpern hinüber. Dann zog Jorge das Segeltuch vorsichtig zur Seite und bot den Neuankömmlingen einen auf Anhieb unspektakulären Anblick.
Auf dem kalten Pflaster lagen drei Kadaver, zwei Hirschkühe und ein Bock. Letzterer hatte eine Pfeilwunde und sah ansonsten aus wie jedes erlegte Tier. Von den beiden Kühen glich die eine auf den ersten Blick dem Bock. Der Körper der anderen jedoch war mit unzähligen kleinen Wunden überzogen, die aussahen, als habe jemand oder etwas Stücke aus ihrem Fleisch herausgerissen oder gebissen.
Varg ließ sich vor den Kadavern auf ein Knie nieder und schloss kurz die Augen, als ein reißender Schmerz durch seine linke Seite lief. Ein Andenken an den letzten Besuch am Wall, von dem er erst wenige Tage vor dem Eintreffen des Freundes zurückgekehrt war. Keine von den Klabautern zugefügte Wunde, aber eine schmerzhafte Zerrung, die von der Hüfte bis zur Schulter lief. Ein kleiner Preis für das berauschende Gefühl von Vitalität und Kraft, für den so selten erlebten Kampfrausch. In der Schlacht fühlte er sich noch wahrhaft lebendig. Wieder jung im Angesicht des Todes und im Rausch des bevorstehenden Blutvergießens. Die darauf meist folgende Depression war ein höherer Preis, aber auch der musste gezahlt werden. Schmerzen der Art, wie er sie nun empfand, zeigten ihm außerdem, dass dieses zeitweilige Gefühl der Jugend mittlerweile nicht mehr als eine Illusion war.
Der ältere Jarl trat von hinten heran und legte eine Hand auf die Schulter seines Freundes, als er die am Boden liegenden Körper über ihn hinweg betrachtete.
»Ich habe nie besonders gerne Tiere gejagt, und es mag daher nicht viel heißen, aber diese Verletzungen sind von keinem Raubtier, dass ich kenne«, sagte Varg.
Die Löcher im Fleisch des Kadavers verliefen unregelmäßig über seinen gesamten Leib. Es war unmöglich zu erkennen, ob es einem oder mehreren Angreifern zum Opfer gefallen war. Stian murmelte zustimmend und humpelte zu der anderen Hirschkuh. »Schau dir das Vieh hier mal an«, sagte er, »da kann einem schlecht werden. Ich fange an zu verstehen, warum die beiden dort aussehen, als wären ihnen im Wald Klabauter begegnet.« Er deutete zu den Waldhütern hinüber, die mit blassen Gesichtern in einigen Schritten Entfernung standen.
Varg erhob sich langsam um daraufhin, sehr viel vorsichtiger als zuvor, neben dem zweiten Tier erneut auf ein Knie zu sinken. Es war ebenfalls eine Hirschkuh, und doch glich sie der anderen nur auf den ersten Blick. Je länger er den Körper anschaute, um so unbehaglicher fühlte er sich. Er verspürte deutlich den instinktiven Impuls, vor dem Kadaver zurückzuweichen.
Die Hinterbeine der Kuh waren an den Gelenken deformiert und offenbar gut zwei Handbreit länger, als bei ihrer Art üblich. Im ersten Moment hatte es ausgesehen, als wären die Gelenke beim Transport verdreht worden, doch dem war nicht so. Auf der Stirn, genau in der Mitte, hatte die Hirschkuh eine kleine Ausbuchtung. Es sah aus, als würde unter dem an dieser Stelle lichten Fell ein weiteres Horn herauswachsen wollen. Oder, wie dem Jarl fast augenblicklich in den Sinn kam, eine Geschwulst. Am schlimmsten aber waren die Augen. Zunächst hatte er gedacht, sie wären entzündet, wie das bei Wild eben manchmal vorkam. Wenn so eine Entzündung schwer genug war, konnten die Augen der Tiere regelrecht aus den Höhlen herausquellen. Das war jedoch nicht der Fall, auch wenn die Augen ganz offensichtlich nicht dort waren, wo sie hingehörten. Die Augäpfel selbst sahen normal aus, nur saßen sie gut zwei Finger breit weiter unten im Schädel, als sie es sollten. Es sah aus, als wären die Augenhöhlen ein Stück seitlich am Kopf heruntergerutscht. »Ich habe schon das eine oder andere missgestaltete Tier gesehen«, hörte Varg die Stimme des alten Jarls leise hinter sich, »aber von dem da würde ich nichts essen, und wenn ich am Verhungern wäre. Es ist ja nicht so, dass ihm ein zweites Geweih aus dem Arsch wächst, aber verdammt, diese Augen.«
Varg betrachtete das Tier noch einen Moment mit stetig wachsendem Unbehagen. Dann hob der den Kopf und suchte den Blick von Jorge. Im blassen, hageren Gesicht des Forstmeisters spiegelte sich tiefe Besorgnis. »Haben du oder deine Männer eine Ahnung, welches Tier die andere Hirschkuh angefallen haben könnte? Ist das hier das erste Mal, dass ihr so etwas gefunden habt? Und schließlich, wer beziehungsweise wie viele Leute wissen davon?«
Der Forstmeister schluckte hörbar und räusperte sich, bevor er antwortete. »Mein Lord, die Waldhüter haben seit letztem Herbst immer wieder mal ein Tier gemeldet, das etwas seltsam aussah. In diesen Fällen haben sie es geschossen und im Wald vergraben oder verbrannt.
Ich wollte Euch nicht wegen ein paar Missbildungen belästigen und die Leute auch nicht grundlos beunruhigen. So etwas kommt in manchen Jahren hier oben eben vor. Aber solche Wunden wie bei der zerbissenen Kuh haben wir vorgestern zum ersten Mal gesehen. Deswegen haben wie die Tiere mitgebracht. Meister Leoric war ebenso ratlos wie wir. Er wies uns an, euch zu rufen. Wir haben noch mit niemandem weiter darüber gesprochen.«
Der Mann schluckte erneut, verzog das Gesicht zu einer angewiderten Grimasse und ließ sich dann ebenfalls neben dem verwachsenen Tier in die Knie sinken. »Wenn ihr erlaubt, mein Lord.« Er legte der Hirschkuh den linken Arm um den Kopf und drehte ihn so, dass beide Jarle die Schnauze sehen konnten. Dann griff er dem Tier mit seiner behandschuhten Rechten in das Maul und drückte es auf.
»Blødy Føke, wie mein Großvater gesagt hätte«, hauchte der alte Jarl av Falksten in nachdenklichem Tonfall, »was ist das für eine widernatürliche Scheiße, die sich da in deinen Wäldern herumtreibt?«
»Ich nehme an«, sagte Varg mit belegter Stimme, »die Größe vom Gebiss passt mit den Wunden bei dem anderen Tier?«
Der Forstmeister nickte. »Die Männer haben die eine Kuh geschossen, als sie über der anderen gestanden hat und an ihr fraß. Oder es versucht hat.«
Im ersten Moment hatte der Jarl geglaubt, ein blutverschmiertes Raubtiergebiss im Maul der Kuh zu sehen. Die Zähne waren allerdings so flach und stumpf, wie es bei einem Pflanzenfresser zu erwarten war. Dennoch war das Gebiss mit getrocknetem Blut verschmiert. Zwischen den breiten, plumpen Mahlzähnen hingen vereinzelte Fetzen Gewebe, bei denen es sich um Fleischreste aus dem Körper des zweiten Tieres handeln musste.
»Dann hat die Hirschkuh mit den verrutschten Augen sich wohl gedacht, dass immer nur Grünzeug auf Dauer langweilig ist«, meinte der ältere Jarl, »Die Artgenossen sehen doch auch ganz lecker aus. Was genau machst du noch mal in deinen Wäldern, Varg? Irgendetwas, dass du mir erzählen möchtest?«
Der besorgte Klang seiner Stimme strafte die Unbefangenheit der Worte Lügen. Was auch immer mit diesen Tieren geschah, mochte eine Gefahr für eine der wenigen Nahrungsquellen bedeuten, die Norselund nach dem Grau verblieben waren. Wild spielte kaum mehr eine Rolle bei der Ernährung. Aber Krankheiten konnten ansteckend sein und auf die wertvollen Nutztiere übergreifen.
»Lass uns das später bei einem Stück Hirschbraten besprechen«, gab Varg trocken zurück. Er wandte sich erneut dem Forstmeister zu. »Bringt den Kadaver von der Kuh mit den Missbildungen zum Eingang vom Turm und packt ihn wieder ein. Damit wird sich Meister Leoric noch eingehender beschäftigen. Verbrennt der Rest und vergrabt die Asche.«
Er stand auf und ging einige Schritte zu den beiden Waldhütern und dem Wachmann hinüber.
»Ihr drei, und das gilt auch für dich und jeden anderen, der bislang damit zu tun hatte, Jorge. Ihr werdet über diese Sache Stillschweigen bewahren. Es mag Gerüchte über merkwürdige Tiere im Wald geben, die gibt es vermutlich ohnehin schon länger. Wenn mir aber in den nächsten Wochen zu Ohren kommt, dass sich Raubhirsche in unseren Wäldern herumtreiben, werde ich wissen, wer nicht das Maul halten konnte. Haben das alle verstanden?«
Die Männer murmelten zustimmend, und es hörte sich durchaus aufrichtig an. Die Stimme des Jarls hatte einen metallischen Klang angenommen, der ihnen nur zu vertraut war. »Wenn ihr wieder auf solche Tiere stoßt, seien es missgebildete oder welche mit derartigen Wunden, dann lasst sie im Wald. Verbrennt sie wenn möglich und vergrabt die Asche. Wenn Feuer keine Option ist, dann vergrabt die Kadaver, aber macht es tief und ordentlich. Ich will von diesem Zeug nichts mehr hier haben, aber meldet sie Jorge, und nur ihm. Jeden einzelnen Fall. Es ist wichtig, dass ich mir ein Bild davon machen kann, wie oft das passiert. Und nach Möglichkeit auch wo. Jorge, du sammelst diese Meldungen und erstattest mir einmal die Woche Bericht, verstanden?«
Der Forstmeister nickte stumm.
»Gut, dann räumt hier auf. Stian kommst du mit zu Leoric? Die Treppe ist ein wenig steil, du weißt schon«, er deutete vage in Richtung des Beines seines Freundes.
Der nickte nur und machte eine wegwerfende Geste. Sie gingen gemeinsam zum Eingang des Turmes, in dem der alte Haushofmeister lebte. Die Männer begannen stumm damit, die Kadaver der Tiere wegzuschaffen.
»Bald kannst du dir statt Hunden Wachhirsche halten, das hat sicher kein anderes Haus im Königreich zu bieten. Wird vielleicht endlich mal ein neuer Exportartikel. Eine Alternative zu den langweiligen Eisenbarren«, bemerkte Stian, während er auf den Stock gestützt neben dem Burgherrn zum Eingang des Turmes ging. Dieser warf einen kurzen Seitenblick auf den Freund und sah, dass er trotz seiner Worte blasser war als sonst. Die zahllosen Falten in dem alten, harten Gesicht schienen noch einen Millimeter tiefer geworden zu sein.
»Wenn uns das Wild verreckt«, meinte Varg leise, »oder sich gegenseitig auffrisst, wird die Nahrungsversorgung mancherorts vielleicht ein bisschen dünner. Das würde kein großes Problem darstellen. Darüber, dass dieses Zeug für die Nutztiere ansteckend sein könnte, möchte ich allerdings lieber nicht weiter nachdenken.«
»In der Tat«, stimmte Stian abwesendem Ton zu, »ich weiß noch, wie es sich anfühlt, wenn der Hungertod mehr ist, als nur ein Schreckgespenst. In meiner Kindheit war der Hunger der Schnitter, der fleißig sein Tageswerk um uns herum verrichtet hat. Ich war natürlich als Familienmitglied des Jarls besser versorgt als die armen Schweine da draußen, aber auch ich weiß noch recht gut, wie lecker wässriger Getreidebrei im Gegensatz zu Luft sein kann. Ich war heilfroh, als sich die Lage damals langsam normalisiert hat. In meinen späten Jugendjahren hatte ich jedenfalls wieder jeden Tag etwas zu essen und es ist nicht jede Woche jemand verreckt, den ich kannte.«
Als sie die schwere Eisenholztür des Turmes erreichten, ergriff Varg mit der behandschuhten Rechten den mit Holz verkleideten eisernen Bügel und drückte dagegen. Fast geräuschlos schwang der beschlagene Türflügel auf und gab den Blick in einen kleinen, dunklen Vorraum frei. Eine schmal gewundene Treppe führte steil nach oben.
Stian seufzte beim Anblick der zahlreichen, flachen Stufen.
»Ein alter Krüppel hinauf oder ein steinalter Tattergreis hinab, einen muss es treffen. Diesmal ist die Reihe wohl an dem alten Krüppel.«
»Wenn du das nächste Mal da bist, habe ich sicher schon ein paar von den Wachhirschen darauf abgerichtet, meine ältlichen Freunde durch die Gegend zu tragen«, meinte Varg. »Komm schon, jeder Heiler hat dir bis jetzt gesagt, dass Bewegung deine Beschwerden lindern wird. Wir gehen ja langsam.«
Der andere seufzte erneut und sie begannen den Aufstieg.
Leoric Holstodden war einer der letzten noch lebenden Magier, die den Krieg zwischen Norselund und dem Königreich vor achtzig Jahren miterlebt hatten. Die Hochzeit der Magie war schon seit Jahrhunderten vorbei. In den alten Tagen hatte jede Mark des Reiches über ihre eigene Magiergilde verfügt.
Schon bei der Reichsgründung vor über achthundert Jahren hatten die Verheerungen, welche die Kampfmagier anrichteten, die Saat der Angst und des Misstrauens in den Herzen der Menschen gesät. Nach der Zerschlagung der Gilden und der Verfolgung durch Kirche und Inquisition unter der Herrschaft von Gregor dem Erleuchteten war die Insel schließlich zur letzten Zuflucht für magisch Begabte geworden. Bei dem Krieg vor achtzig Jahren standen sie dann auch fast ausnahmslos hinter den Jarlen. Als die norselunder Armee die Invasionsstreitkräfte des Königs an der Küste aufzuhalten versuchte, fanden sie bis auf wenige Ausnahmen den Tod.
Leoric war bei dieser mehrere Tage dauernden Schlacht dabei gewesen. Ein junger Bursche noch, doch nach nur wenigen Jahren der Ausbildung wusste er schon damals, dass es um sein magisches Talent nicht sonderlich gut bestellt war. Als sich der Schlachtenlärm gelegt hatte, hatte er zu einer Handvoll überlebender Magier gehört. Ein Stümper wie er war in schweren Kampfhandlungen nutzlos. So war er im Chaos der Schlacht am Leben geblieben, ohne wirklich zu wissen, wie ihm geschah. Jeder Nachteil vermochte einem unter den richtigen Umständen zum Vorteil gereichen. Er stand seit fast sechzig Jahren im Dienste derer av Ulfrskógr und hatte das letzte halbe Jahrhundert zurückgezogen auf Snaergarde verbracht.
Er hatte immer Freude an der Alchemie gefunden, und hierauf beschränkte sich auch seine magische Tätigkeit. Jetzt siebenundneunzig Jahre alt, kümmerte er sich schon eine ganze Weile kaum noch um die Belange, die einem Haushofmeister eigentlich zukamen. Er pflegte die nach all der Zeit gar nicht mehr so kleine Bibliothek, braute die eine oder andere magisch verstärkte Medizin, und erfreute sich ansonsten, so gut es eben ging, seines hohen Alters.
Der Greis saß an dem Esstisch der Wohnstube, die zugleich den Flur zu den anderen Gemächern bildete. Von hier aus führten Türen zum Schlafgemach, dem Labor und zu einem Raum ein Stockwerk höher, seiner Bibliothek. Er hörte die Schritte auf der Treppe vor der Eingangstür und erhob sich langsam. Sein Gehör war der Sinn, der ihm am besten erhalten geblieben war.
Es war ihm weniger gut gelungen das Alter aufzuhalten, als es ein fähigerer Magier vermocht hätte, aber er war recht zufrieden. Ein paar Jahre würden ihm noch in einem lebenswerten Zustand bleiben, und er hatte die Schmerzen der alten Gelenke mit Hilfe der Tränke gut im Griff. Er erreichte die Eingangstür beinahe in dem Moment, als sie sich nach einem kurzen Klopfen langsam öffnete.
»Ah, mein Lord, ihr habt euch die Tiere angesehen, nehme ich an. Kommt doch herein, wenn ich auch fürchte, wenig Wissenswertes beisteuern zu können«, sagte er, wahrend die beiden Besucher eintraten, und fügte mit einem respektvollen Kopfnicken in Richtung des älteren Jarls hinzu: »Lord av Falksten.«
Sie gingen hinüber zu dem Esstisch, wo sich der Greis erst an den Tisch lehnte, dann aber auf einen Wink von Varg behutsam wieder setzte. Stian, der nach dem Aufstieg der vielen Stufen kaum schneller ging als der Haushofmeister, ließ sich ebenfalls auf einen Stuhl sinken. Varg blieb vor den beiden älteren Männern stehen und verschränkte die Hände hinter dem Rücken.
»Was kannst du mir dazu sagen?«, wollte er von Leoric wissen, »wie weit hast du die Tiere bislang untersucht? Ich habe dir die missgebildete Kuh aufgehoben, die anderen werden entsorgt.«
»Ich habe sie mir nur oberflächlich angeschaut«, gab der Greis zurück, »als ich sah, was offenbar passiert ist, habe ich angewiesen, dass ihr die Sache persönlich in Augenschein nehmt, bevor ich etwas daran verändere. Es ist, wie ich finde, ein wenig schwer zu glauben, wenn es man es nicht selbst gesehen hat. Ganz gleich, von wem es einem berichtet wird.
Leider kann ich dazu nur sagen, dass ich so etwas noch nie beobachtet oder davon gehört habe. Die Natur hat sich nach dem Grau verändert, und sie tut es noch, aber das dort draußen macht einfach keinen Sinn. Dass ein Tier vom Pflanzenfresser zum Fleischfresser wird, dazu noch zum Kannibalen, ist einfach widernatürlich.«
»Zumal dafür keine Notwendigkeit besteht«, stimmte der Jarl zu, »die Tiere haben in den Wäldern so viel Platz und Futter, das es keinen Bedarf für eine neue Nahrungsquelle gibt. Geschweige denn dafür, die eigene Art anzugreifen. Aber wie dem auch sei, dein Tier liegt vor der Tür, Leoric. Ich will, dass du es auseinandernimmst und alles in Erfahrung bringst, was du kannst. Schneid es auseinander, koch es aus, löse es in deiner Giftküche auf und verfüttere es an Ratten und schau, was passiert. Aber finde heraus, was mit dem Wild nicht stimmt. Wie die Missbildungen zustande kommen, und wie einige von ihnen so aggressiv werden konnten. Ich muss dir wohl nicht sagen, wie sehr wir auf jede unserer bescheidenen Nahrungsquellen angewiesen sind.«
»Ich bin mir des Ernstes dieser Angelegenheit durchaus bewusst, mein Lord. Ich werde natürlich mein Möglichstes tun. Was habt ihr den Männern gesagt? Es wäre vielleicht besser, wenn sie die Sache vorerst nicht hinausposaunen würden. Der Winter wird bald über uns kommen«, er verstummte, als der Jarl die Hand hob.
»So lange wie irgend möglich wird niemand etwas davon erfahren. Wenn dich jemand fragt, was du mit dem Kadaver machst, sag ihm einen Gruß von seinem Jarl und er möge sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern. Tu, was in deiner Macht steht und fang heute damit an. Jede Kleinigkeit an Information ist willkommen, im Moment habe ich nichts und kann dementsprechend auch nichts unternehmen. Wenn die Waldhüter weitere Fälle wie diesen zu Gesicht bekommen, werde ich davon erfahren.«
Leoric senkte den Kopf, »natürlich, mein Lord. Ich werde dafür sorgen, dass ihr umgehend benachrichtigt werdet, wenn ich etwas finde, das von Interesse sein könnte.«
»Das heißt dann wohl«, brummte Stian, »das ich nach den paar Minuten diese beschissene Treppe wieder herunter humpeln kann.«
»Dein Scharfsinn wird nur von deiner Leidensfähigkeit übertroffen«, gab Varg zurück. »Wenn wir unten sind, bekommst du einen Bierschlauch ganz für dich allein. Und ein warmes Feuer wartet auf deine alten verdrehten Knochen.«
»Na, wenn das keine lohnende Aussicht ist. Eine Einladung zum Bier ist ja bei dir gleichbedeutend mit Speise und Trank in einem. Aber immer noch besser als dein Wildbret dieser Tage.«
Auf dem Weg nach unten fluchte Stian vor Schmerzen leise in sich hinein. Sein Knie fühlte sich an, als hätte man ihm zerstoßenes Glas zwischen das Gelenk geschüttet. »In drei Tagen reise ich ab«, sagte er keuchend, als sie das Ende der Treppe erreicht hatten und den Turm verließen. »Wenn ich dein schönes Jarltum vor dem Wintereinbruch hinter mich bringe, kann ich im Oktober mal schauen, was mein Schwiegersohn und meine Tochter für die kalten Monate vorhaben. Außerdem werde ich mir ein Bild machen, wie Tiere im Süden so aussehen, besonders das Wild.«
Der jüngere Jarl nickte.
»Ich glaube ja, dass du nur Angst vor meinen Wachhirschen bekommen hast. Aber es kann sicher nicht schaden, wenn wir in allen Jarltümern die Augen offen halten. Was immer hier passiert, mag ebenso gut anderswo im Gange sein. Dann lass uns Essen und Trinken und die nächsten Tage genießen. Wer weiß, wann wir wieder zusammenkommen.«
»Aye. Hoffen wir, dass dich dein Wild nicht gefressen hat, wenn ich im Frühjahr wiederkomme. Wie ich dich kenne, wirst du dich ja wie üblich nicht dazu bewegen lassen, deine Höhle hier mal für eine Weile zu verlassen und die Südländer besuchen zu kommen.«
»Du weißt doch, wie das ist«, meinte Varg, »Die Minen, die Schmieden, das Eisen. Jemand muss alles am Laufen halten. Außerdem muss ich mich um die Ausbildung meiner Rabengarde kümmern.«
Er lächelte, als der andere grunzend abwinkte. Was er gesagt hatte, entsprach den Tatsachen, aber beide wussten, dass er einfach gerne hier war und kein Verlangen verspürte, seine Heimstatt zu verlassen. Er hätte sicher für eine gewisse Zeit weg gekonnt, gerade im Winter. Für eine Weile war Sigvar Rothborg, einer seiner engsten Vertrauten, durchaus in der Lage, ihn zu vertreten. Der zweitälteste Sohn eines Thane aus dem Westen des Jarltums war vor fünfzehn Jahren als Anwärter für die Rabengarde nach Snaergarde gekommen. Inzwischen war er deren Hauptmann. Darüber hinaus hatte der Jarl den ebenso stillen wie intelligenten und kompromisslosen Mann zu einer Art Stellvertreter aufgebaut. Heute war der Dreißigjährige einer seiner wertvollsten Gefolgsmänner. Er kannte jeden Winkel des Jarltums und wusste über alle Abläufe Bescheid, die für die Minen, die Eisenverarbeitung und die Festung selbst von Bedeutung waren.
Doch der Jarl hatte den Winter in der Heimat immer geliebt. Diese langen, eisigen und dunklen Tage, die vielen anderen so sehr auf das Gemüt schlugen. Er war ein Sohn Norselunds durch und durch, ein Angehöriger einer Generation, die in das ewige Grau hineingeboren worden war. Darüber hinaus floss in seinen Adern das Blut von Hathagat Ohngesicht, dem Gründer der Dynastie aus den kalten, dunklen Wäldern des höchsten Nordens. Die beiden Jarle gingen einträchtig und so langsam, wie das Bein des älteren Mannes es nötig machte, zu dem Aufgang des Bergfriedes zurück.
Während sie wenig später gemeinsam vor dem Feuer eines großen, gemauerten Kamins saßen und tranken, schleppte Leoric sich die Stufen seines Turmes hinab. Als er schließlich aus der Tür in den feinen Schnee hinaus trat, hatte man das Tier bereits gebracht und lose wieder zugedeckt. Jemand war so vorausschauend gewesen, und hatte einen hölzernen Schemel neben den Eingang des Turmes gestellt. Daneben stand ein kleines Tischchen, kaum mehr als ein niedriger Hocker.
Der Greis ließ sich ächzend auf der Sitzgelegenheit nieder und legte die Umhängetasche, die er mitgebracht hatte, auf den Tisch. Er kramte eine Weile darin herum und lauschte dabei der allgegenwärtigen, leisen Musik der Hämmer der Ausschmieder, die rund um die Uhr arbeiteten. Es waren durch die dicken Mauern der Burg gedämpfte, vertraute und beruhigende Geräusche. Ein angenehmer Gegensatz zu dem missgebildeten Etwas, das so beunruhigend real vor ihm lag. Mit den Resten seines toten Artgenossen zwischen den Zähnen.
Seufzend beugte sich der Greis über den Kadaver und zog das Tuch beiseite. Dann nahm er ein gebogenes Messer mit einer kurzen aber scharfen Klinge in seine skelettartige Rechte. Langsam begann er, Teile von Horn, Fell und Fleisch herauszuschneiden. Irgendwo weiter im Norden schrie ein Tier im Wald.
Vielleicht, dachte Leoric, als er die ersten Gewebestücke in einem kleinen Tonschälchen verstaute, war es auch ein Waldhüter.
Kapitel 2
Dedra
In den Tagen des frühen Septembers des Jahres 826 wurde der Greisin bewusst, dass sie in wenigen Jahren zu alt sein würde, um so weiterzuleben, wie sie es bisher getan hatte.
Die alte Dedra lebte seit Jahrzehnten in diesem abgelegenen Landstrich der Ostmark. Ihre rustikale Hütte war inzwischen fast ein halbes Jahrhundert alt. Sie stand versteckt am Rande der Wälder, welche die östlichen Grenzlande markierten. Es war damals eine gute Entscheidung gewesen, sich hier niederzulassen. Eine, die ihr mit großer Wahrscheinlichkeit das Leben gerettet und die sie nie bereut hatte.
Seit einigen Jahren schon mied sie die unzugänglicheren Gebiete der Wälder, die sie im Stillen als die ihren betrachtete. Das dichte, wurzelige Unterholz war ihr im gleichen Maße zur Qual geworden, in dem die Arthritis in ihren Fußgelenken und Knien voranschritt. Sie bestritt ihren Lebensunterhalt als Kräuterfrau, und ihre Künste dienten in erster Linie den Bewohnern des nahegelegenen Dorfes Flusswalde. Doch auch aus weiter entfernt gelegenen Ortschaften wie Grenzfelde oder Waldesrast kamen ab und an Menschen zu ihr. Es gab nicht mehr viele Frauen wie sie, und sie verstand ihr Handwerk trefflich. Die Knappheit an fähigen Heilerinnen lag in dem Erstarken der Kirche in den letzten zweihundert Jahren begründet.
In der heutigen Zeit führte man als weise Frau, wie man ihresgleichen in den alten Tagen genannt hatte, mit Glück und Geschick ein Dasein am Rande der Gesellschaft. Und selbst das nur, wenn man so vorausschauend war, sich einen Platz zum Leben in ausreichender Entfernung zu größeren Ortschaften oder gar Städten zu suchen. Achtete man nicht auf diese Dinge, war es oft ein kurzes Leben. Eines mit einem frühen und höchst unerfreulichen Ende dazu.
In den ländlichen Gebieten waren die alten Traditionen oft noch ebenso gegenwärtig wie der Aberglaube. Die Lichtbringer waren weit genug weg, um keine unmittelbare Bedrohung darzustellen. Auch die Erinnerungen an den Segen, den eine Kräuterfrau für ein kleines Dorf darstellen konnte, war vielerorts bewahrt geblieben. Und doch bewegte man sich immer im trügerischen Schutz einer Grauzone zwischen dem Gesetz der Religion und dem Nutzen, den man für die Menschen darstellte. In den Ortschaften und Städten hatte die Kirche sich ebenso schnell und nachhaltig etabliert, wie sie den alten Glauben vernichtet hatte. Dort, wo Macht und Reichtum erwuchsen, waren Priester und andere Schmarotzer naturgemäß nicht weit.
Unter George II, dem Erleuchteten, hatte sich die Welt geändert. Den von der Kirche verliehenen Beinamen hatte er sich ebenso blutig wie eifrig verdient. Bis zu seinem Amtsantritt war der Glaube an den Lichtbringer vielerorts nur die Religion der Herren gewesen, kaum mehr als eine elitäre Sekte. Während seiner Regentschaft und mit seinem Segen aber begann eine Missionierung von nie dagewesener Kompromisslosigkeit. George ließ die von ihm auserkorene Glaubenslehre zur einzig wahren erklären, und er beließ es nicht bei einem Lippenbekenntnis. Er trieb die Verbreitung der kirchlichen Lehre mindestens ebenso eifrig voran, wie die Priester selbst. Dabei stand er ihnen weder in Ungeduld noch in Rücksichtslosigkeit nach. Die Lehren der alten Glaubensrichtungen erklärte man kurzerhand zur Ketzerei. Gleiches galt für die Anwendung von Magie, deren Ausübung in allen Reichsstädten verboten wurde. Der erste Schritt zu Ausrottung jeder Form von Magie im Königreich, die sich nicht der Kirche unterwarf.
Die Vernichtung der Magiergilden war nur eine von vielen berüchtigten Taten des Königs, der als der Erleuchtete in die Geschichte eingehen sollte. In den blutigsten Kämpfen seit den Gründerkriegen des Reiches zerschlugen die Truppen von König und Kirche schließlich die Gilden und schliffen ihre Türme. Alsbald galt jede Form nichtkirchlichen Wunderwirkens als Blasphemie. War der vor den Magierkriegen gegründete Templerorden Schwert und Schild der Kirche, so war die später ins Leben gerufene Inquisition ihr Dolch.
Diese Entwicklung, die mit einem enormen Machtgewinn für die Kirche einherging, sollte sich als unumkehrbar erweisen. Derartig tiefgreifende Veränderungen mussten über viele Jahre hinweg in einer Gesellschaft Wurzeln schlagen, um von Dauer zu sein. Ein baldiger Machtwechsel, ein neuer und weniger frommer König, hätte die Lage im Reich unter Umständen wieder verändern können. Die Zeit war jedoch auf der Seite der Kirche. George bekleidete mit knapp einem halben Jahrhundert die längste Regierungszeit in der Reichsgeschichte. Als er schließlich hochbetagt starb, war die Macht der Geistlichen unumkehrbar konsolidiert gewesen.
Heute, etliche Generationen später, gab es in jeder größeren Ortschaft zumindest eine Kapelle. Dort konnte man für die Gesundung von Krankheit und Verletzungen beten und spenden. Immerhin den Jüngern des Lichtbringers war damit geholfen, und mit ein wenig Glück fand man sogar einen Priester, der ein wenig von Heilkunde verstand oder gar dazu fähig war, echte Heilmagie anzuwenden. Es gab durchaus noch Geistliche, die über die Gabe der alten Magie verfügten. Diese gesegneten Brüder fand man allerdings eher in den Städten und Burgen der Reichen und Mächtigen.
In den ländlichen Gebieten war eine Präsenz der Kirche weniger gewinnbringend. Hier war das Leben als Kräuterfrau dieser Tage relativ sicher. Ohne Frage musste man trotzdem eine gewisse Vorsicht walten lassen. Sonst konnte es einem auch in dünn besiedelten Landstrichen passieren, dass man als Hexe auf dem Scheiterhaufen oder an einen Baum genagelt endete. Die Gefahr hierfür war natürlich viel geringer geworden, nachdem vor einigen Jahrzehnten das Grau über die Welt gekommen war.
Wenn man damit beschäftigt war, um das nackte Überleben zu kämpfen, gab es für gewöhnlich wichtigere Dinge zu tun, als alte Frauen an Bäume zu nageln.
Dedra war nicht alt genug, um sich an die Zeiten des religiösen Umbruchs vor zwei Jahrhunderten zu erinnern. Sie gehörte jedoch zu den wenigen Menschen, die noch wussten, wie direkter Sonnenschein aussah und sich anfühlte. Sie hatte eine ganze Weile vor dem Grau gelebt, das vor sechzig Jahren über die Welt gekommen war. Auch wenn diese Erinnerungen zunehmend verschwommen und unzuverlässig wurden. Das Phänomen, das alten Menschen ihre Jugenderinnerungen lebhaft erhalten blieben, während ihr Kurzzeitgedächtnis immer schlechter wurde, traf auf sie nicht zu. Die Vergangenheit schien für sie mit jedem weiteren Winter tiefer in einem Nebel zu verschwinden. Im Gegenzug wurde sie von der Vergesslichkeit verschont, die so viele Alte in den letzten Jahren befiel. Ihr Geist war klar und ihr Gedächtnis so gut wie eh und je. Eine kleine Entschädigung der Götter, die es nicht gab, dafür, dass die Arthritis langsam aber sicher ihre Gelenke auffraß, vermutete Dedra. Sie hatte vor dem Grau lange Zeit als Kräuterfrau gearbeitet, ohne als Hexe behelligt zu werden. Durchaus auch in größeren Städten. Das gelang, damals wie heute, vielen echten Hexen. Verbrannt wurden für gewöhnlich Frauen, die einfach zur falschen Zeit am falschen Ort waren.
Bevor sich der Himmel und damit die Welt verändert hatte, war Dedra bereits recht alt gewesen. Selbst in ihrer Jugend hätte sie wohl kaum ein Mann als hübsch bezeichnet. Aber sie war eine Hexe, und als solche hatte man Möglichkeiten. Als offensichtlich wurde, dass das Grau nicht auf ebenso plötzliche und mysteriöse Weise verschwinden würde, wie es gekommen war, begannen die Unruhen. Dedra beschloss damals, dass es an der Zeit war, sich einen ruhigen Platz zu suchen, um dort den Rest ihres Lebens zu verbringen. Sie reiste eine Weile durch die dunkel gewordene Welt, wobei sie mit Glück, Erfahrung und Glamour die Wirren der ersten Jahre des Hungers und Blutvergießens überlebte.
Schließlich führte sie ihr Weg nach Flusswalde. Die vorherige Kräuterfrau, im Gegensatz zu ihr in der Tat nur eine einfache Kräuterkundige, war kurz zuvor gestorben. Sie war eine gute Heilerin gewesen, was es Dedra erleichtert hatte, das Vertrauen der Dorfbewohner zu gewinnen. Der meisten jedenfalls. Es waren einfache, aber für ihren Stand beinahe wohlhabende Leute, die hier lebten. Das Land war trotz des Grau noch fruchtbar, wenn auch der Überfluss alter Tage der Vergangenheit angehörte. Die Nähe zum Grenzland sowie der Fluss, an dessen Ufern das Dorf lag und dem es seinen Namen verdankte, trugen ihr Übriges zu dem hier herrschenden Wohlstand bei. Der Handel, der früher mit einigen Siedlungen aus dem Umland betrieben wurde, war freilich längst versiegt. Inzwischen wurde entweder nicht mehr genug Überschuss produziert um ihn als Handelsware anzubieten, oder es gab anderswo keine lohnende Bezahlung.
Dedra lies ihre Gedanken in die hinter ihr liegenden Jahrzehnte schweifen, während sie sich durch den Wald arbeitete. Ihr Stock, seit vielen Jahren ihr ständiger Begleiter, war hier kaum eine Hilfe. Sie merkte, dass sie sich dieser Tage immer öfter mit der stetig nebulöser werdenden Vergangenheit beschäftige. Aber was, zum Teufel, sollte es schon. Das war schließlich ein Anrecht der Alten.
Nach ihrer Ankunft in Flusswalde hatte Dedra geholfen, wo immer sie es vermocht hatte. Außerdem hatte sie nur das Nötigste für ihre Dienste verlangt und stets ein freundliches Wort für die gehabt, die zu ihr kamen. Natürlich gab es auch Menschen, die der alten Frau skeptisch gegenübergestanden. Sie hatte etwas Merkwürdiges, nicht Greifbares in Benehmen und Aussehen, das auf einige Leute abstoßend wirkte. Was die einen als die exzentrische Schrulligkeit einer ansonsten umgänglichen Greisin betrachteten, erschien anderen als unheimlich und befremdlich.
Diese misstrauischen Menschen gab es allerorts und sie stellten stets ein Problem dar, dessen man sich sorgfältig annehmen musste. Kirche und Inquisition mochten auf dem Land weit weg sein, doch eine Hexe war auch in den traditionellen Mythen durchweg als gefährliche und düstere Kreatur dargestellt worden. Im Grunde lief es immer wieder darauf hinaus, dass ein Verdacht gegen eine Frau schnell ausgesprochen war. Dass letztendlich niemand einen Furz um eine tote alte Vettel mehr oder weniger gab, war ebenfalls eine Tatsache.
Dedra war beständig in ihrer Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit, und da außer ihr kein Heiler verfügbar war, kamen auch die Misstrauischen und Feindseeligen schließlich zu ihr. Früher oder später wurde jeder krank, und wenn nicht, hatte man als Hexe Möglichkeiten, dafür zu sorgen. Auf diese Weise konnte sie das Problem langsam aber nachhaltig lösen.
Dedra wusste genau, welche der Dorfbewohner ihr misstrauten. Sie kannte bald jeden Mann, jede Frau und jedes Kind. Sie wusste, wer sich vor ihr ängstige, ebenso wie sie einzuschätzen vermochte, wer ihr regelrecht feindselig gegenüberstand. Die Ängstlichen ließen sich meist mit behutsamer Freundlichkeit, Können oder Glamour überzeugen. Bei einigen aber war jede Liebesmüh vergebens. Es gab immer ein paar dieser Sorte, wohin man auch kam. Deshalb wurden manche Menschen nach ihrer Behandlung gesund und andere starben kurz darauf. So war das nun einmal in der Welt. Krankheiten waren tückisch und oft unberechenbar, Kinder ertranken beim Spielen am Fluss oder brachen sich die Knochen, wenn sie von einem erkletterten Baum fielen. Es gab so vieles, was im dörflichen Alltag passieren mochte, und auch die beste Kräuterfrau konnte nicht überall sein und jedes Leben retten. Auf einen der starb kamen neun oder mehr, die durch Dedras Hilfe wieder gesund wurden. Die Dörfler schätzten sich glücklich, eine so fähige Heilerin zur Verfügung zu haben.
Etwa zwanzig Jahre nach ihrer Ankunft, sie lebte längst in der Hütte am Waldrand, gab es keine Menschen mehr in Flusswalde, die ihr feindselig gegenüberstanden. Diese Sorte war meist jung, zumindest aber am Ende kinderlos, verstorben. Ein Lächeln, das die uralte Ruine ihres Gesichtes in tausend Falten legte, zog sich über die Züge der Greisin. Es hielt sich jedoch nur kurz, bis eine frische, siedende Welle Schmerz von ihrem linken Knöchel aus ihr Bein hinauf floss, nachdem sie auf eine Wurzel getreten war.
Inzwischen behandelte sie die dritte Generation von Dorfbewohnern und war längst ein fester Bestandteil des Lebens in Flusswalde geworden. Schon die Großeltern waren zu ihr gegangen. Dass bereits diese die weise Frau vor fünfzig Jahren als die alte Dedra bezeichnet hatten, mochte vielleicht manch einem befremdlich erscheinen. Aber so war eben der Lauf der Dinge, einige Menschen starben jung, andere hielten sich länger. Davon abgesehen wollte sich niemand ausmalen, wie es sein würde, wenn die erfahrene Kräuterfrau nicht mehr da war. Schließlich kannte sie Medizin gegen unzählige Leiden und Gebrechen. Ob Magenverstimmung, gebrochene Knochen oder Fieber. Ob eine schwere Geburt anstand, oder Kinderkrankheiten umgingen, die alte Dedra wusste Rat. Und sie nahm noch immer kaum mehr als das Nötigste für ihre Dienste. Nicht wenige Menschen sahen in ihr den guten Geist des Dorfes. Sie mochte mit den Jahren etwas wunderlich werden, aber so waren alte Leute nun einmal.
Dedra sah an diesem frühen Herbstnachmittag tatsächlich ein wenig wie ein Geist aus, und wie ein erschöpfter dazu. Sie schleppte sich gerade schnaufend über den Boden des Waldrandes vor ihrer Hütte. Mit einem erleichterten Grunzen nahm sie die letzten paar Schritte zur hinteren Veranda in Angriff. Sie war eine Hexe, eine der wenigen echten, die es noch gab, aber sie war ebenso eine leidenschaftliche Kräuterfrau, und zwar eine hervorragende.
Alchemie und Kräuterkunde hatten ihr immer Freude bereitet, obgleich Menschen für sie nicht viel mehr waren als Nutztiere. Es war erheiternd, einem von ihnen einen Trank zu verabreichen, der ihn in Krämpfen verenden ließ. Es konnte jedoch auch durchaus befriedigend sein, sich um ihr Wohlergehen zu kümmern. Bei all dem war es für eine Hexe unabdingbar, über ein fundiertes Wissen in der Naturheilkunde zu verfügen, wenn sie längere Zeit an einem Ort leben und arbeiten wollte.
Wer das, was die Ignoranten die dunkle Kunst nannten, öfter als unbedingt nötig gebrauchte, blieb nicht lange unentdeckt. Und dann waren immer rasch Leute mit Fackeln und Mistgabeln oder Hammer und Nägeln zur Stelle. Eben diese Kräuterheilkunde aber war in den Jahren seit dem Grau ständig schwieriger geworden. Durch die anhaltend kälteren Temperaturen und das Fehlen von direktem Sonnenlicht hatten sich Fauna und Flora verändert. Dabei schienen ihr die Veränderungen der Pflanzenwelt bis vor kurzem am gravierendsten zu sein. Vor den vielen Eichhörnchen und den Hirschen. In jedem Fall aber waren sie für ihre Arbeit problematischer. Sie hatte die neuen Umstände das eine um das andere Mal verflucht. Zum Glück war sie dank ihrer Kunst nicht ausschließlich auf die Natur angewiesen.
Einige Kräuter waren während der kühlen Jahrzehnte einfach nur selten geworden oder ausgestorben. Andere Pflanzen wiederum gab es zwar noch, doch verloren sie im Laufe der Zeit teilweise oder vollständig ihre Wirkung. So heilte Dedra seit fast dreißig Jahren eine Blasenentzündung nicht mehr mit Grelenwurz, wie es in diesem Teil der Welt üblich war. Sie verwendete die Pflanze nicht mehr, weil sie früher in den warmen Monaten von Mitte Juni bis Mitte August geblüht hatte. Nur wenn es in seiner Blüte geerntet wurde, entfaltete das Kraut seine Heilkraft. Nun gab es aber seit sechzig Jahren keine warmen Sommermonate mehr. Und damit natürlich auch kein wirksames Grelenwurz. Sie heilte die Blasenentzündungen trotzdem, obgleich ihre übernatürlichen heilerischen Fähigkeiten vergleichsweise bescheiden waren. Sie war jedoch eine Hexe, und als solche hatte man Möglichkeiten. Es gab schließlich genug Kraut, das so ähnlich aussah. Die Dorfbewohner kannten sich mit diesen Dingen ohnehin nicht aus. Den meisten war es auch egal, was sie nahmen, solange es nur half. In jedem Fall wäre es für eine halb so alte Frau wie Dedra heuer mühsam gewesen, dieser Arbeit nachzugehen. Ob Hexe oder nicht.
Sie erklomm die schmale Treppe zur Veranda mit kurzen, leisen Stoßseufzern, die sie im Takt ihrer Schritte ausstieß. Jede der drei Stufen war wie ein Messer in den Kniegelenken. Erleichtert schnaufend erreichte sie schließlich den verblassten Holzboden. Sie ließ den Korb mit den gesammelten Kräutern, den sie an einer Lederschlaufe über der Schulter getragen hatte, auf ein Tischchen aus grob gezimmertem Holz gleiten. Dann machte sie zwei weitere Schritte und plumpste mehr in ihren alten Schaukelstuhl, als sie sich hineinsetzte. Dedra war eine kleine Frau, knochig gebaut und vom Alter ausgemergelt. In jungen Jahren hatte sie durch ihre geringe Körpergröße und den grobschlächtigen Körperbau korpulent gewirkt, ohne es zu sein. Jetzt schien es, als zöge sich nur noch lederartige, faltige Haut über ihre Knochen und die meist geschwollenen Gelenke. Sie war spindeldürr, krumm wie ein alter Dornenbusch und runzlig wie eine blasse Rosine.
Den knorrigen Stock in der Linken, die von der Arthritis gekrümmte Rechte auf der Stuhllehne, saß sie da und wartete darauf, dass sie wieder zu Atem kam. Sie war tiefer in den Wald hineingegangen, als sie es vorgehabt hatte. Weiter durch die nasskalte Luft, als sie es vor einigen Jahrzehnten für die spärliche Kräuterausbeute hätte tun müssen, die nun in dem Korb neben ihr lag. Das Leben wurde stetig härter und sie wurde immer älter und schwächer. Sie saß mit rasselndem Atem leise keuchend da und versuchte so viel der schweren, feuchten Waldluft in die Lunge zu ziehen, wie sie konnte. Die krampfartigen Schmerzen in jedem Gelenk und Muskel unterhalb der Körpermitte ließen langsam etwas nach. Sie rieb sich vor und nach ihren Ausflügen den Körper mit einer dicken Salbe ein, was zumindest ein wenig Abhilfe schaffte. Dass die Wirkung gleichermaßen immer länger auf sich warten ließ, wie sie kürzer anhielt, war eine andere Geschichte. Mit jedem mühsamen Atemzug entspannten sich ihre verdorrten Muskeln ein wenig mehr. Die Bronchen fühlten sich freilich nach wie vor so an, als wollten sie ausgekotzt werden. Aber das taten sie inzwischen jeden Morgen, obwohl Dedra seit Jahren fast völlig auf die Kräuterpfeife verzichtete, die sie so liebgewonnen hatte.
Ihre alten, zu einer verwaschenen Farblosigkeit verblassten Augen streiften über den Wald, der einige Schritte vor der Veranda begann. Dieser Wald, die Hütte und das kleine Stück Land, auf dem sie stand, waren der einzige Ort, an dem sie sich je zu Hause gefühlt hatte.
Obgleich sie auch im letzten Lebensabschnitt nicht zur Rührseligkeit neigte, schlich sich eine schmerzhafte Traurigkeit in ihr altes Herz, wenn sie daran dachte, dass sie ihr bescheidenes Glück bald verlieren würde. Denn das war das Leben hier gewesen, eine Zeit der Zufriedenheit, ihrem Verständnis von Glück so nahe, wie sie es sich vorzustellen vermochte.
Sie lebte einfach und einsam, aber sie lebte gern. Das hatte sie schon immer getan, ganz gleich wie widrig ihre Lebensumstände gewesen waren. Sie hatte sich daran gewöhnt, für ihre Dörfler zu sorgen und wenn sie auch im Grunde wertlos waren, genoss Dedra doch den Respekt, den sie ihr entgegenbrachten. Sie mochte ihr einfaches Essen, das in den letzten Jahren zumeist aus Suppen bestand. Gemüse, teils wild gewachsen, teils von den Dörflern angebaut, selbst gesammelte Kräuter und Pilze und das eine oder andere Eichhörnchen oder Stück Fleisch aus dem Dorf. Schlicht und doch reichhaltig genug für eine alte Frau. Die nachmittäglichen und abendlichen Kräutertees, die immer öfter auch dazu dienten, die Schmerzen zu dämpfen und ihren Geist ein wenig zu entspannen. Und natürlich ihre Katze, ihren kleinen, pelzigen Schatz.
Besagtes Tier kam, nachdem Dedra leise seinen Namen gerufen hatte, aus einer nur ihm zugänglichen Ecke der Veranda geschlichen. Eigentlich mehr gehumpelt, wenn sie ehrlich war. Die Katze schnurrte laut und strich für einen Moment um ihre krummen alten Beine. Schließlich sprang sie mit einem leisen Miauen, das dem Keuchen seiner Besitzerin beim Erklimmen der Verandastufen nicht unähnlich war, auf Dedras Schoß. »Ach Grumpel, mein zerlumpter kleiner Liebling«, seufzte sie mit einer Stimme, so brüchig wie altes Laub, und begann den mageren Körper des Tieres behutsam zu streicheln. Das Fell war einmal pechschwarz und von seidigem Glanz gewesen. Aber Grumpel war für eine Katze so alt, wie es ihre Herrin für einen Menschen war und nun war ihr Pelz von einem verwaschenen, schmutzig wirkenden Eisgrau. Schuppig und mit der einen oder anderen kahlen Stelle verunziert war es ebenfalls. Grumpel war Dedra als junges, wildes Kätzchen zugelaufen, halb verhungert, zerkratzt und zerschunden. Keine zwei Monate war sie damals alt gewesen. Das war nur kurze Zeit nach dem Bau der Hütte, erinnerte sich die alte Frau. Wie schnell ein halbes Jahrhundert dahinflog.
Sie hörte auf das Tier zu streicheln, als es sich schnurrend in ihrem Schoß zusammenrollte und mit einem Schnaufen die Augen schloss. Ja, Grumpel und sie hatten beide lange über ihre Zeit gelebt, und sie würde bald nichts mehr für die Katze tun können.
Als Hexe hatte man Möglichkeiten, aber die Zeit war gnadenlos und unerbittlich. Sie war ein geduldiges, gemeines altes Miststück. Möglichkeiten und greise Frauen waren ihr ebenso gleichgültig wie Katzen, Hexen und alles andere. Irgendwann kam sie einen holen, und dann brachte sie einen zu ihrem alten Liebhaber, dem Gevatter Tod. Das war so unabwendbar, wie die Nacht dem Tag folgte.
Ihr Atem hatte sich inzwischen wieder beruhigt. Der saure, beißend riechende Schweiß klebte an ihrer pergamentartigen Haut und trocknete langsam. Grumpel schien bereits eingeschlafen zu sein, und sie fühlte die Wärme des Tieres im Schoß und die nasse Kälte am Rücken. Ihr Blick wanderte von dem dunklen, unwirtlichen Wald zu dem Inhalt des alten Weidenkorbes. Sie beugte sich zu dem Tischchen, auf dem er stand, und untersuchte die Ausbeute. Ein wenig Malorikraut gegen Sodbrennen und diverse andere Magenbeschwerden. Ein kleines Bund Bleichminze und wilder, immer seltener werdender Knoblauch. Er half gegen Fieber und Entzündungen, vor allem aber schmeckte er ganz vorzüglich und wärmte von innen. Daneben etwas Heckenwurz für die Behandlung mannigfaltiger Frauenleiden. Das Zeug verlor mit jeder Saison mehr von seiner Wirkung.
Sie hielt bei der Handvoll Eisschlehen inne, die fast am Boden des Korbes lagen. Die Pflanze wuchs erst seit wenigen Jahren in diesen Wäldern. Eigentlich gehörte sie in nördlichere Gefilde. Ein weiteres Zeichen dafür, dass die Veränderungen durch das kältere Klima auch mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Grau noch nicht beendet waren. Wie es wohl heutzutage dort sein mochte, wo das Wetter früher bereits kalt und lebensfeindlich war, fragte sie sich beiläufig. Aber es waren inzwischen nicht mehr nur die Pflanzen, die ihre Aufmerksamkeit erregten.
Sie sah in letzter Zeit Tiere, die ihr ganz und gar nicht gefielen. Einige Nagetiere waren so selten, dass manche Arten völlig verschwunden zu sein schienen. Seit dem Herbst vorletzten Jahres hatte sie mehr Eichhörnchenkadaver gefunden als in den zehn Jahren davor zusammen. Besonders aber das Aussehen der Tiere beunruhigte sie zunehmend. Eichhörnchen waren eine feine Fleischbeigabe für ihre Suppen, außerdem liebte Grumpel sie. Daher genossen diese kleinen Tiere seit jeher ihre Aufmerksamkeit. Grumpel und sie hatten beide eine Vorliebe für einfaches Essen und waren nicht wählerisch. Wobei das heutzutage kaum noch jemand war, dafür hatte das Grau gesorgt. Nun war es aber eine Sache, ein schon etwas mürbes Eichhörnchen zu verspeisen. Wenn die vermeintliche Nahrungsergänzung Ohren und Finger hatte, die deutlich zu lang für seine Art waren und die Augen wirkten, als wären sie seitlich am Kopf nach unten gerutscht, sah das völlig anders aus. Sie wusste nicht, ob diese Missbildungen mit den vielen Kadavern zusammenhingen, die sie fand. Die meisten von ihnen schienen von anderen kleinen Tieren totgebissen worden zu sein. Aber natürlich konnte man eine Krankheit nie ausschließen. Seit einigen Monaten gab es jedenfalls nur noch sehr selten Eichhörnchen bei Dedra und Grumpel, und sie bevorzugte die mageren jungen Hühner aus dem Dorf.
Die Beeren der Eisschlehe hingegen stellten eine der erfreulichen Veränderungen dar. Leicht bitter und nussig im Geschmack, konnten sie im getrockneten Zustand rasch zu einem feinen Pulver gemahlen werden. Roh oder frisch zubereitet waren sie in einer Speise schmackhaft. Als dünner Tee aufgebrüht wirkten sie beruhigend auf die Nerven. Getrocknet und in Pulverform verstärkte sich diese Wirkung um ein Hundertfaches. Das führte dazu, dass aus einer Medizin ein tödliches Gift wurde. Wie so oft machte nur die Dosis den Unterschied aus. In einem Getränk oder einer Speise war das Pulver nahezu geschmacklos und hervorragend geeignet, Mensch oder Tier binnen weniger Minuten zu töten. Sekunden nach der Einnahme setzte eine tiefe Müdigkeit ein, der die Bewusstlosigkeit folgte. Kurz darauf erstarb die gelähmte Atmung und alles war vorbei.
Dedra seufze erneut und schaute auf das gleichmäßig atmende, zottige Bündel Fell in ihrem Schoß hinunter. Es war ein bitterer Gedanke, unter Umständen einen solchen Trunk für das Tier oder sich selbst bereiten zu müssen. Die Katze war ebenso ein alter Sack voll Knochen, wie sie einer war. Der Pelz eine stumpfe, struppige Entsprechung ihres eigenen eisgrauen, spinnwebenfeinen Haares. Vielleicht blieben ihnen ja noch der eine oder andere Sommer, dachte sie wehmütig. Zunächst einmal stand der Winter bevor.
Wenn sich auch Vieles geändert hatte, seit das Grau über die Welt gekommen war, der Winter machte seinem Namen nach wie vor alle Ehre. Er kam jetzt statt im frühen Dezember bereits im späten Oktober und blieb für gewöhnlich bis Mitte oder Ende April. Außerdem war er, wie jede andere Jahreszeit, ungleich kühler als zuvor. Aus dem Frühling war der Herbst geworden, aus dem Sommer der Frühling und aus dem Herbst der Winter. Der Winter selbst hatte sich in etwas Dunkleres und Kälteres verwandelt, als man bis dahin gekannt hatte.
Dedra schauderte, wenn sie an die Beschwerlichkeit des Weges von ihrer Hütte bis zum Dorf dachte, die ihr in den kommenden Monaten bevorstand. Ihre Knochen fühlten sich langsam aber sicher so alt und spröde an, wie sie waren. Die Schmerzen in den Morgenstunden und nach ihren Ausflügen wurden immer hartnäckiger und unerträglicher. Über das Blut, das sie inzwischen ständig im Abort fand, dachte sie nicht weiter nach. So etwas musste man verdrängen, oder man wurde verrückt. Ab und an überlegt sie, eine Hütte im Dorf zu beziehen. Willkommen war sie dort, das wusste sie wohl, aber stets verwarf sie den Gedanken wieder. Die Dorfbewohner waren nicht ihresgleichen. Die Bequemlichkeit und vermeintliche Sicherheit der Nähe zu den Menschen barg mehr Gefahren, als sie wert war. Außerdem konnte sie nach über einem halben Jahrhundert der Einsiedelei eine Gesellschaft, die nicht aus Grumpel bestand, kaum ertragen.
Es war besser hier zu bleiben, und das Beste aus der verbleibenden Zeit zu machen. Wenn es denn nicht mehr ging, wenn alles zu unerträglich wurde, hatte sie Möglichkeiten. Die hatte jede Kräuterkundige. Und erst recht jede Hexe. Sie schloss die Augen, sog den Waldgeruch tief in ihre alten Lungen, und lies eine klauenartige Hand sanft auf dem dürren aber warmen Körper von Grumpel ruhen.
Kapitel 3
Baldric
Für Baldric von Dunstan brachte dieser relativ milde September seinen ersten Herbst als Marschall des Templerordens. Der Orden des Lichtbringers war der eiserne, halbweltliche Arm der Kirche. Er diente als Verteidigung des Glaubens gegen Feinde sowohl von außerhalb, als auch von innerhalb des Reiches.
Baldrics Laufbahn hätte als beispielhaft bezeichnet werden können, wäre da nicht der eine dunkle Fleck gewesen, der seine Vergangenheit unauslöschlich beschmutzte. Besagter Makel war außerdem der Grund dafür, dass er seinen Titel in der Ostmark trug und nicht in Stennward, der Liegenschaft des Regenten selbst. Dieser ferne Teil des Reiches, die Königsmark, war sowohl der Sitz des großen Tempels des Lichtbringers als auch der des Ordenshauptquartieres. Gleichzeitig sorgte die weit zurückliegende Verfehlung dafür, dass sein kürzlich erworbener Rang der höchste war, den er je erreichen würde. Seine nicht unproblematische Herkunft hingegen spielte hier keine Rolle.
Er war ein Bastard aus dem mittleren Adel, was an sich keine allzu bedeutende Schande darstellte. Besonders förderlich war es in der aristokratischen Welt freilich auch nicht unbedingt. Hier, in der Gesellschaft des eisernen Armes der Kirche, verloren weltliche Wertigkeiten jedoch fast völlig ihre Bedeutung. Mit dem Ordensschwur ließ der Anwärter sein bisheriges Leben zurück. Zum Guten, wie zum Schlechten. Baldric, der mit zweiunddreißig Jahren einer der jüngsten Marschälle des Ordens war, ließ die Vergangenheit vor seinem inneren Auge Revue passieren, während er durch die Gänge von Moorwacht schritt. Er kam gerade vom Gebet und fühlte sich so entspannt, wie es nur selten der Fall war.
Er ging nicht direkt zu seiner Kammer, sondern schlug einen Weg ein, der ihn quer durch die kleine Ordensburg führte. Er bewegte sich gerne durch die Wehranlage, die er seit einigen Jahren seine Heimat nannte. Die Ernennung zum Marschall lag wenige Tage zurück, und er würde bald zu einer längeren Mission aufbrechen. Es war eines seiner größten Kommandos und das Erste in dem kürzlich erworbenen Amt. Es gab Zeiten, in denen es gut war, einen ruhigen Blick auf die Vergangenheit zu werfen, um sich für die Zukunft zu wappnen. Er ging bewusst langsam, nickte dem einen oder anderen Bruder im Vorbeigehen zum Gruß und dachte an seine Jugend.
Die wilden, unsicheren Jahre. Den frühen, nicht ganz freiwilligen Eintritt in den Dienst für den Lichtbringer, der nicht im Orden selbst, sondern im Schoß der Kirche begonnen hatte. Fast fünfundzwanzig Jahre war das inzwischen her. Bereits nach kurzer Zeit war deutlich geworden, dass der geistliche Teil der Kirche nicht der Ort war, an dem der junge Baldric sein Leben würde verbringen können. Zwar war er, am Hofe seines Vaters im wahren Glauben erzogen, willfährig den Lehren des Herrn gefolgt. Auch mit der Disziplin kam er für einen sonst so unsteten Jungen gut zurecht, nachdem einige ebenso empfindliche wie lehrreiche Bestrafungen erfolgt waren. Er begehrte nie gegen Vorgesetzte auf und nahm die Strafen für Vergehen, die fast immer aus seinem Jähzorn heraus entstanden, nie aus Aufsässigkeit, ohne zu murren hin.
Doch eben dieser Zorn war es, gegen den weder Disziplin noch Gebet half, und der letztendlich zu seinem Ausscheiden aus der Kirche führte. Er war aggressiv und streitlustig, wie so viele Jungen, aber er war größer und stärker als die meisten anderen Initianten. Außergewöhnlich kräftig, brutal und leicht zu einer Wut entflammbar, die ihresgleichen suchte. Die Raufereien, an denen er beteiligt war, pflegten nur selten so zu enden, wie es unter Kindern für gewöhnlich der Fall war.
Allzu oft hatte einer der kleinen Kombattanten mehr als nur ein paar Schrammen, Prellungen und blaue Flecke zu beklagen. Mehr als einmal war ein gebrochener Knochen im Spiel. Einmal, das letzte Mal, hatte es einen anderen Novizen sogar ein Auge gekostet.
Bei der Sache mit dem schwer verletzten Jungen war Baldric erst elf Jahre alt gewesen. Die Kirche hatte ihn nach diesem Zwischenfall als nicht mehr tragbar angesehen, was ihr kaum jemand verübeln konnte. So war er der jüngste Anwärter, den der Templerorden je aufgenommen hatte.
Lag das Mindestalter für die Aufnahme im Orden bei dreizehn Jahren, fiel Baldric trotz der zwei Lenzen zu wenig nicht weiter auf. Sowohl sein Körperbau als auch sein Gebaren entsprachen dem eines älteren Kindes. Und wenn es ihm an einem nicht mangelte, dann an Durchsetzungsvermögen unter Gleichaltrigen. Der Eintritt in den Orden war nicht nur der Beginn einer nahezu beispielhaften Karriere, er rettete ihm auch das Leben.
Das erfuhr er freilich erst viele Jahre später. Zu diesem Zeitpunkt waren ihm die Hintergründe, wie alle anderen weltlichen Belange, längst gleichgültig geworden. Baldric von Dunstan, der einfaches weißes Leinen und geschnürte Lederstiefel trug, während durch eine unbedeutende Grenzburg des Ordens schritt, war der Sohn des Barons Eadred III von Dunstan. Land und Titel der in der Nordmark gelegenen Baronie gehörten heute seinem acht Jahre jüngeren Halbbruder. Die fehlenden Jahre in der Erbfolge glich dieser dadurch aus, dass er reinen Blutes war und keinem außerehelichen Fehltritt entstammte.
Der alte Baron war etwa zu der Zeit von Baldrics Eintritt in den Orden gestorben. Mit der ungewöhnlichen Regelung, den ältesten Sohn der Kirche zu überantworten, waren Baldric zwei Dinge erspart geblieben. Zum einen der in gewisser Weise klangvolle, aber wenig schmeichelhafte Titel Baldric der Bastard, zum anderen ein früher Tod. Legitimierte uneheliche Sprosse kamen in den Kreisen des Adels immer wieder vor. Eadred hatte denn auch keine Sekunde gezögert, Baldric als seinen Sohn anzuerkennen. Zu dringend war die Notwendigkeit für einen Erben. Im mittleren Adel gehörte derlei auch im Grunde zum Tagesgeschäft und war kaum mit einem Skandal behaftet. Erklomm man erst den Rang eines Grafen oder gar den eines Herzogs, waren solche Dinge schon heikler. Ein Bastard als ältester Sohn war auf der anderen Seite nie besonders gern gesehen, war er doch nach der Legitimation dem Kronrecht zufolge uneingeschränkt erbberechtigt. Natürlich widerrief der Tod jedes Recht. Manche Gerichtsbarkeiten waren unantastbar, ob unter einfachen Bauern oder hohen Herren.
Den Baron kümmerte all das wenig. Für ihn zählte nur, dass die Geburt Baldrics ihn aus der peinlichen Situation erlöste, im Alter von vierzig Jahren noch immer kinderlos zu sein. Das war ungewöhnlich für einen verheirateten Mann, dem überdies zahllose Liebschaften nachgesagt wurden. Kenner des Hofes von Eadred verwunderte diese Tatsache freilich nicht.
Zum einen war seine attraktive Gattin in den Jahren ihrer Ehe so gut wie unberührt geblieben. Jedenfalls von ihrem Gatten. Zum anderen fanden seine Affären ausnahmslos mit Personen männlichen Geschlechtes statt. Ebenso blutjungen Alters, wie die Gemahlin es bei der Hochzeit gewesen war, verstand sich. Durchaus auch zumeist ansehnlich, aber eben dem Gesetz der Natur nach unfähig, auch nur einen Bastard als Nachfolger zustande zu bringen.
Und doch, in einer durchzechten Nacht, an die der Baron sich später nach eigener Aussage nicht einmal erinnerte, musste es passiert sein. Irgendwie hatte sich sein alter, treuloser Schwanz im Laufe einer der Orgien, die er regelmäßig abzuhalten pflegte, verirrt. Es gab amüsierte und mehr oder weniger diskrete Zeugen, und spätestens nach der Geburt des Kindes war jeder Zweifel dahin. Die Mutter Baldrics war nicht etwa die obligatorische Schankmaid, sondern die Cousine von einem Ritter Eadreds. Besagter Recke war denn auch schlau genug, der betreffenden Dame in seinem Haushalt Unterkunft und Schutz zu gewähren, bis die Niederkunft stattgefunden hatte. Im regen Treiben auf der Burg passierten einfach zu leicht Unfälle. Während die Mutter schwarzes Haar und dunkle Augen hatte, war Baldric mit weißblondem Flaum auf dem Kopf zur Welt gekommen. Die Augen so blau, wie der Sommerhimmel vor dem Grau gewesen sein mochte. Mit anderen Worten, er hatte das typische Aussehen eines männlichen Dunstan.
Eadred III legitimierte den kleinen Bastard ohne viel Federlesen. Von dem erbosten Gezeter seiner Gemahlin zeigte er sich gänzlich unbeeindruckt. Der Junge war nun einmal offensichtlich sein Sohn. Es wurde dringend ein Erbe gebraucht und wer die Mutter war, spielte im Grunde keine Rolle. Jedenfalls nicht für Eadred. Frauen waren ohnehin ein Gräuel, die eine wie die andere. Wie es der Lady von Dunstan im Laufe der folgenden Jahre gelungen sein mochte, den Geschlechtsakt mit ihrem Gatten doch noch einige Male zu vollziehen, war nicht bekannt. Eadred war ein ausschweifender, zügelloser und versoffener Mann. Vielleicht hatte das, was einmal unbeabsichtigterweise funktioniert hatte, es auch ein zweites Mal getan. Eine Menge Alkohol und ein dieses Mal absichtlich in die Irre geführter Schwanz waren das naheliegendste Szenario.
In jedem Fall kam acht Jahre nach der Geburt Baldrics der zweite Sohn des Barons zur Welt. Zum Glück für seine Mutter ebenso blond und blauäugig wie der alte Eadred. Kein Bastard zwar, aber eben acht Jahre zu spät. Da der Junge als einziger Abkömmling reinen Blutes nun schon nicht den Titel erben konnte, bekam er wenigstens Eadreds Namen und wurde damit der vierte Träger desselben. Als solcher erblickte er das Licht der Welt und läutete damit einen ehelichen Krieg ein.
Nach Monaten des Zankes, der Drohungen und Intrigen, kam Eadred zu der Einsicht, dass ihm zwei Möglichkeiten blieben. Entweder, etwas in dieser Sache zu unternehmen oder ein frühes Ende zu riskieren. Ein bitterer Geschmack im Wein, ein Dolch unter dem Hemd eines Liebhabers, es gab der Gelegenheiten viele. Er zweifelte am Ende nicht daran, dass seine Gemahlin zu derartigen Mitteln bereit war. Ebenso war ihm bewusst, wie gut ihre Chancen standen, unbeschadet damit durchzukommen. Er war sich darüber im Klaren, dass außer einigen Bettgespielen niemand eine Träne über sein Ableben vergießen würde. Mit anderen Worten, die Lady von Dunstan hatte ihm glaubhaft gemacht, dass nach den Jahrzehnten der Erniedrigung das Maß voll war. Faul und kraftlos, wie er war, kümmerte es ihn im Grunde auch nicht, welcher Sohn ihm später auf den Thron folgte. Er wählte also, getreu seinem Naturell, den einfachsten und am bequemsten gangbaren Weg.
Baldric wurde ins Noviziat der Kirche geschickt, für einen ältesten Nachkommen eine ungewöhnliche Vorgehensweise, aber eine im Rahmen des königlichen Rechtes. Es war, obschon meist im Falle jüngerer Söhne, eine gängige Praxis, das eine oder andere Kind der Kirche oder dem Orden zu überantworten. In Baldrics Alter, er war damals keine neun Jahre alt, war dieser Eintritt allerdings nur bedingt bindend, wie sein Vater sehr wohl bedacht hatte. Faul und feige mochte der alte Eadred gewesen sein, bequem und schwach ebenso, dumm jedoch ganz gewiss nicht. Ein Novize wurde im Alter von zwölf Jahren vor die Wahl gestellt, Profess abzulegen und in den Stand eines Diakons erhoben zu werden, oder aber die Kirche zu verlassen. Und selbst danach war es noch möglich, dem Dienst im Namen des Herrn den Rücken zu kehren. Somit war Baldric aus dem Blickfeld und Einflussbereich der Baronin verschwunden, blieb Eadred jedoch als möglicher Erbe erhalten. Nur für den Fall, dass dem kleinen Eadred IV etwas zustoßen mochte.
Dann aber war der Baron plötzlich gestorben. Gelbfieber sagten die Quacksalber. Unter den Menschen bei Hofe gab es unterschiedliche Meinungen. Er habe sich die Leber schließlich doch zu Brei gesoffen, meinten die einen. Die Gedärme des Alten seien nach den vielen Lustknaben ganz einfach kaputtgevögelt gewesen, mutmaßten die anderen.
Wie sich der Tod des Barons auch zugetragen haben mochte, brachte sein Ableben der Baronin sowohl Freude wie Sorge. Zum einen war ihr leibliches Kind nun der rechtmäßige Titelträger des Baronates von Dunstan. Auf der anderen Seite hatte sie unter diesen Umständen erneut Grund, Baldrics Anspruch zu fürchten. Der Junge entging jedoch möglicher Intrige und Verfolgung durch seine Eskapaden und dem daraus folgenden, nicht ganz freiwilligen, Eintritt in die Reihen der Templer.
Im Gegensatz zu den großzügigen Regelungen des Kirchendienstes war der Ordenseid bindend bis zum Tode. Im Orden spielte es keine Rolle, wer man war oder woher man kam, ob ehelich geboren oder als Bastard. Man war Anwärter, Halbbruder, Ritterbruder, und wenn man aufrecht und tapfer diente, vielleicht eines Tages Marschall, oder gar Landmeister einer der Marken.
Baldric erfuhr erst Jahre später von der Entwicklung in Dunstan, als für ihn längst nur noch die Belange innerhalb des Ordens zählten. Er legte weder Wert auf Kontakt zu seiner leiblichen Mutter noch zum Rest der Blutsverwandtschaft oder irgendwelche Adelstitel. Seine Familie war die Bruderschaft.
Auch hier war er zu Beginn ob seines bösartigen Temperamentes hin und wieder angeeckt. Trotzdem hatte er von Anfang an gespürt, dass der Orden der Ort war, an den er gehörte. Zwar hatte seine Gelehrsamkeit hier nicht mehr so viel Gewicht, dafür aber war sein Jähzorn nicht so fatal wie in der gewaltfreien Gesellschaft der Kirche. Natürlich wurde auch hier die Fortbildung des Geistes weitergeführt. Das Hauptaugenmerk lag jedoch auf dem physischen Training. Wie sich zeigte, war das erbarmungslose und oft brutale Kampftraining genau das, was der junge Baldric brauchte. Durch die völlige Verausgabung, die eiserne Disziplin innerhalb des Ordens und die kompromisslose Härte der Ausbilder lernte er zum ersten Mal im Leben, seinen Jähzorn zu beherrschen. Schmerz und Erniedrigung stachelten ihn an und schliffen ihn. Das Training gab ihm die Möglichkeit, seinen inneren Dämon zu zähmen. Diesen unbändigen Zorn kontrollieren zu lernen, um ihn dann im Kampf gezielt gegen den Gegner zu lenken, war eine wunderbare Erfahrung.
Baldric entwickelte sich mit der Zeit zu einem Beispiel an Hingabe und Tapferkeit für seine Brüder. Er trainierte härter als jeder andere und nahm an mehr Messen und Gebeten teil, als von ihm erwartet wurde. Er unterwarf sich bedingungslos, ja beinahe begeistert, dem Reglement des Ordens. Instinktiv spürte er, dass er diese Dogmen brauchte, um seinem Leben Struktur zu geben. Nur so kam er mit sich selbst zurecht. Im Laufe der Jahre verschwand das jähzornige und gewalttätige Kind. Aus ihm wurde ein disziplinierter junger Mann von gewaltiger Kraft und mit einem hellen Kopf. Ein Ordensbruder von der Sorte, der im Kampf einen heiligen Zorn entwickelte konnte. Aber auch einer, der ein respektables Mitglied der verschworenen Gemeinschaft von Kameraden war.
Mit sechzehn Jahren wurde er zum Halbbruder ernannt und in das Ordenshauptquartier Wachtstein nahe der Hauptstadt des Reiches versetzt. Dort wurden unter anderem die vielversprechendsten jungen Männer ausgebildet, über die der Orden verfügte. Es war die Schmiede für die Elite der Templer und der Sitz des Hochmeisters selbst. Die mächtige Ordensburg bildete, mit dem Schloss des Königs an der Grenze der Stadt und dem großen Tempel des Lichtbringers im Stadtinneren, das Dreigestirn der Macht des Reiches. Diese Zeit war eine zwiespältige für Baldric, eine Epoche seines Lebens, die er heute zumeist zu verdrängen suchte. Sie lehrte ihn etwas über sich selbst, das er wissen musste, um weiterleben zu können, und sie kostete ihn fast alles.
Wie zuvor erregten seine Tugenden die Aufmerksamkeit der Vorgesetzten. Er arbeitete nach wie vor hart, gleichermaßen an Körper und Geist. Das physische Training war wichtig, weil es ihn erschöpfte und ihm überschüssige Kraft nahm. Aber auch die geistige Lehre war hilfreich, denn sie trainierte Selbstbeherrschung und Geduld. Dass die glühende Hingabe des jungen Mannes nur persönlichen Notwendigkeiten entsprach, ahnte außer ihm selbst niemand. Ebenso verstand er es, seine Gleichgültigkeit gegenüber dem spirituellen Teil der Ordensideologie zu verbergen. Religion an sich bedeute ihm schon damals nichts. Er fügte sich der Obrigkeit einzig aus dem Grund, dass diese Fügsamkeit der Preis für die Ordnung in seinem Leben war. Baldric hatte schon früh erkannt, dass er, auf sich allein gestellt, nicht in der Welt zurechtkommen würde.
Die neue Umgebung barg jedoch auch Gefahren. Für ihn negative Einflüsse, vor denen ihn der Schutz von Kirche und Orden bis dahin bewahrt hatte. Wachtstein lag nur wenig außerhalb der Stadt und die Ordensbrüder verfügten über ein bescheidenes Maß an Freizeit. Für den jungen Baldric bedeutete das zum ersten Mal in seinem Leben ein anderes soziales Umfeld, als das klosterartige Dasein in Kirche und Orden. Es bedeute auch zum ersten Mal seit seiner frühen Kindheit den Umgang mit Frauen und Kindern. Hier offenbarte sich ihm bald, dass neben seinem Jähzorn offenbar noch ein weiterer Dämon in ihm wohnte. Es mochte auch eine Spielart desselben sein, die hier erstmals zutage trat, weil sich die Gelegenheit dazu bot.
Für Mitglieder des Ordens bis zum Range des Halbbruders war es nicht ungewöhnlich oder gar verboten, gelegentliche sexuelle Kontakte zu pflegen. Die Unterdrückung des geschlechtlichen Triebes hatte in der militärischen Ausbildung junger Männer eine lange Tradition. Daher wusste man aber auch, dass eine völlige Enthaltsamkeit langfristig doch zu Problemen führte. So war es geduldet, wenn die jüngeren Brüder sich ab und an ein wenig austobten. Eine Möglichkeit, von der natürlich gerne und reichlich gebraucht gemacht wurde.
Einige Kameraden hatten Baldric zu seinem siebzehnten Geburtstag mit einem Besuch in einem der Freudenhäuser der Stadt überrascht. In seiner Jugend im Orden hatte er noch kumpelhafte Freunde. Später lernte er, zu allen Menschen eine gewisse Distanz aufzubauen. In den Jahren nach der Sache in Wachtstein brachte er sich selbst bei, eine Maske über sein wahres Wesen zu ziehen. Dieses Ding zu verbergen, das ihn auf so mannigfaltige Art und Weise in Schwierigkeiten zu bringen vermochte.
Baldric war im Umgang mit Frauen unerfahren, aber nicht sonderlich ängstlich. Er merkte früh, dass die Weiblichkeit ihn anziehend fand, ohne dieser Tatsache viel Aufmerksamkeit zu schenken. Auch war sich bewusst, dass er größer, stärker und damit wohl attraktiver war als die meisten der Mitbrüder. An diesem Tag erfuhr er zum ersten Mal im Leben echte Lust und erkannte zugleich, was Lust für seinen Dämon bedeutete.
Das Freudenmädchen, das er sich hatte aussuchen dürfen, war dreizehn Jahre alt gewesen. Ein kleines, mageres Ding mit großen braunen Augen, halblangem dunkelblondem Haar und einem beinahe knabenhaften Körper. Sie hatte jünger gewirkt, als sie war, kindlich und sehr verletzlich. Das alles hatte ihn tief in seinem Inneren berührt und zu ihr hingezogen.
Der Baldric der Gegenwart, über einsneunzig groß und fast zweihundert Pfund schwer, durchschritt eine mit Eisen beschlagene Tür aus dunklem, grob gemasertem Holz. Er trat auf einen der Wehrgänge hinaus in die kühle, graue Luft und legte die Handflächen auf den Stein der Außenmauer. Er fühlte, wie die raue Oberfläche hart und kalt unter seinen Händen lag. Ganz so, wie es das Mädchen damals glatt und warm getan hatte. Am Anfang jedenfalls. Diese viele Jahre zurückliegende Nacht war sowohl eine Katastrophe wie eine Befreiung gewesen. Beinahe sein Ende und doch in gewisser Weise ein Neuanfang.
Als es vorbei war und man sie wegschaffte, hätte vermutlich nicht einmal ihre Mutter sie noch erkannt. Baldric hatte es nur seinem Potential und dem bis zu diesem Tage hohen Ansehen bei den Oberen zu verdanken, dass er nicht nur im Leben, sondern auch im Orden verblieb. Seine kurze aber prägnante Zeit in Wachtstein, im Machtzentrum von Orden und Reich, war allerdings vorbei gewesen. Er war, nur wenige Tage, nachdem man die von ihm verursachte Schweinerei beseitigt und die Mäuler der Zeugen gestopft hatte, hierher in die Ostmark versetzt worden.
Diese galt damals wie heute als der unruhigste und gefährlichste Teil des Reiches. Besonders die östlichen Grenzlande, in denen Baldric sich nun seit über zehn Jahren befand, wurden ihrem Ruf vollauf gerecht. Das Königreich war in den Wirren der Zeit nach dem Grau nicht auseinandergebrochen, doch hatten sich einige Teile des Landes nur langsam und schwerlich von den Veränderungen erholt. In der Ostmark war das am weitläufigsten der Fall gewesen.
Das Grenzland war nach den ersten Unruhen im Grunde genommen Niemandsland. Dann hatte sich der Orden der Landstriche angenommen, um für Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Die Steppenkriege gegen die Goyaren, einem wilden, halbmenschlichen Volk aus den Weiten des Ostens jenseits des Reiches, waren Jahrhunderte her. Ganz vergessen war die Angst vor einer fremden Horde hierzulande jedoch nie. Dabei spielte es keine Rolle, dass seit Generationen kein Zeichen von Leben mehr aus östlicher Richtung gekommen war. Noch immer hielt der Orden diese Grenze, obgleich der jetzige Herzog die Ordnung im westlichen Teil der Mark längst wiederhergestellt hatte. Boden, in den das Blut ihrer Brüder geflossen war, gaben die Templer so leicht nicht wieder auf.
Baldric ließ seinen Blick über die Zinnen von Moorwacht und den von kleinen Waldstücken unterbrochenen Horizont schweifen. Die Umrisse der Bäume zeichneten sich in dem feinen Nebel ab, der die Welt in einiger Entfernung in einen geisterhaften Schleier hüllte. Er hatte im Laufe der Jahre in vielen Ordensburgen der Ostgrenze gedient. Hatte bei Niederschlagungen von unbedeutenden Bauernaufständen im Süden ebenso gekämpft, wie bei den Jagden gegen die Banden von Gesetzlosen in den bewaldeten Gebieten im Norden. An zwei Expeditionen hinter die Grenze in die östlich liegende Tundra, denn dazu war die Steppe nach dem Grau geworden, hatte er teilgenommen. Eine trostlose, leere Landschaft war das, ohne eine Spur von Leben außer ein paar Vögeln und kleinem Pelzgetier. Die Tage der großen Unruhen gehörten der Vergangenheit an.
Das schlimmste Chaos und Elend an Krieg, Hungersnot und Krankheiten war vor seiner Zeit vorbei gewesen. Aber es war immer noch die Ostmark, in der man sich einen Namen machen konnte, wenn man überlebte. Und das hatte er getan. Darin war er gut. Er war am Leben geblieben und seinen verbotenen, in den Augen der Welt abartigen Bedürfnissen selten und diskret nachgegangen. Meistens jedenfalls, nachdem er einige weitere Dinge gelernt hatte.
Diese magere, dreizehn Jahre alte Hure hatte er nie vergessen. Der Abend war heute nicht mehr, als eine verschwommene Erinnerung an einen Rausch aus Bildern und Gefühlen. Und doch hatten sich die Details ihres Zusammenseins unauslöschlich in sein Gedächtnis gebrannt. Ihre großen, dunklen Augen, die ihn ansahen, als er sich entkleidete. Sie hatte gelächelt, zum einen wohl, weil sie wusste, dass es sein erstes Mal sein würde. Aber auch, weil sie ihren Körper erst seit kurzem verkaufte, und daher an einem so stattlichen Burschen noch selbst Freude haben konnte. Die Beschaffenheit ihres Haares, der Geschmack ihrer Haut und ihres Schweißes. Dann das Geräusch des Stöhnens, das irgendwann in erstickte Schreie übergegangen war. Erst voll von ihrer Lust, dann voll von Schmerz und Grauen, als er die Seine befriedigte. Oder die seines Dämons, falls es diesen Unterschied gab. Das Gefühl, wie sie unter ihm brach, unter ihm zuckte, unter ihm verging. Die, wenn auch nur kurze, Geborgenheit durch die Wärme und den Geschmack ihres Blutes. Sie war bis zum heutigen Tage die älteste Frau geblieben, die ihn je wirklich erregt hatte. In der Nacht, in der er sie tötete, setzte sich etwas Essentielles in ihm frei.
Wenn er heute darüber nachdachte, konnte er sich glücklich schätzen, die Lektion mit einer kleinen Hure gelernt zu haben. Die konnte man zumindest ohne großen Aufwand verschwinden lassen und die Spuren mit ein wenig Geld verwischen. Unter anderen Umständen wäre diese Erfahrung eine seiner Letzten gewesen, Ordensbruder oder nicht.
Zunächst hatte er in den darauffolgenden Jahren versucht, sich mit älteren Frauen zu treffen. Die Grenzterritorien der Ostmark waren nur spärlich besiedelt, und die Stützpunkte des Ordens lagen meist weitab der größeren Ortschaften. Es gab allerdings hier und da Dirnen, und auch die eine oder andere Bauersfrau war in diesen schweren Zeiten bereit, einem für ein wenig Nahrung zu Willen zu sein. Zwar mochte der Hungertod für viele Menschen nur noch ein Schreckgespenst sein, doch hatte es in den östlichen Grenzlanden nach wie vor ungleich schärfere Klauen und Zähne als im Inneren des Reiches.
So hatte Baldric damals versucht, seine Bedürfnisse mit der herkömmlichen Form der geschlechtlichen Zerstreuung zu befriedigen. Umsonst, wie er bald hatte feststellen müssen. Sein Trieb war gleichbedeutend mit seinem Dämon, und dieser wollte Blut. Junges Blut, Angst und Schmerz und Verzweiflung. Vielleicht war es das gleiche Ding, das ihn als Kind dazu gebracht hatte, diesem Novizen so lange ins Gesicht zu treten, bis man ihn von ihm wegzerrte. Der Junge verlor sein linkes Auge und blieb auf dem Rechten fast blind. Baldric erinnerte sich mit einer Art klaren Distanziertheit an den Vorfall. Er konnte beinahe das Wimmern hören, den dumpfen Schmerz in seinem Fuß spüren, durch den Stiefel hindurch, wie er immer wieder zutrat. Er trat nicht mit aller Kraft zu, das hätte sein Opfer nach wenigen Tritten getötet. Er traf den Kopf nur hart genug, dass der andere Junge blutete und schrie, bis sein Gesicht nur noch ein blutiger Brei war. Hatte ihn das erregt? Vermutlich nicht, schließlich war er kaum mehr als zehn Jahre alt gewesen.
Aber auch diese spezielle Lust ließ sich befriedigen. Der immer drängender werdende, schreckliche Druck, ließ sich von ihm nehmen. Hier draußen war vieles leichter als anderswo. Das eine oder andere vermisste Mädchen fiel in Tagen wie diesen kaum auf. Die Kleinen verschwanden, starben, hatten Unfälle. Letztendlich war ein verschwundenes Kind für manche arme Seele nur ein hungriges Maul weniger, das es zu stopfen galt. Darüber hinaus war er, nachdem er einige Erfahrungen gesammelt hatte, überaus vorsichtig. Mit älteren Frauen traf er sich nicht mehr, was angesichts seiner Stellung im Orden kein Aufsehen erregte. Es war zwar kein Zölibat vorgeschrieben, aber von einem vollwertigen Ritterbruder erwartete man einen gewissen Anstand. Wurde schon keine Enthaltsamkeit geübt, so war doch ein hohes Maß an Diskretion angebracht. Baldric hatte es freilich zu einem Meister dieses Faches gebracht, wenn auch auf andere Art und Weise, als viele glauben mochten. Waren seine Gründe doch schwerwiegender, als bei einem normalen Mann mit gewöhnlichen Gelüsten.
Baldrics sonstiges Verhalten war tadellos und beispielhaft. Er war diszipliniert, fleißig und unermüdlich im Training wie in den Besuchen der Messe. Darin war er all die Jahre über beständig gewesen, weil er es sein musste. Dabei war er trotz der freundlichen Distanz, die er zu jedermann hielt, nicht unbeliebt, ganz im Gegenteil. Er galt als introvertiert und über die Maßen pflichtbewusst, aber auch als zuverlässig und hilfsbereit. Der Humor, dessen er sich befleißigte, war oft zynisch und kaltschnäuzig, passte aber durchaus zu seinem Wesen und kam daher bei vielen Brüdern an. Er schien stets unnahbar, ohne dabei arrogant zu wirken.
In den Kämpfen, die er geschlagen hatte, hatte er einen Mut unter Beweis gestellt, der an Kühnheit grenzte. Diese Tapferkeit brachte ihm auch bei denen Respekt ein, die von seinem Auftreten und Zynismus irritiert waren. Selbst die Kameraden, die keinerlei Sympathien für ihn hegten, achteten ihn.
Das war letztendlich der Grund, warum Baldric von Dunstan nun der dritte Marschall der Ostmark war. Die Ranggenossen Gregor Stoinok und Ladislaus Koranov stammten beide aus der Ostmark, wie die meisten Männer, die hier ihren Dienst versahen. Ersterer hatte ihn für den Titel vorgeschlagen, nachdem sein Vorgänger vor Kurzem betagt gestorben war. Die große Mehrheit, mit der er daraufhin von seinen Brüdern gewählt worden war, hatte niemanden überrascht. Ihn trennten zehn Jahre zu den anderen beiden Marschällen und fünfundzwanzig zum Landmeister Jarek Zdravko. Dennoch genoss er den Respekt der Älteren.
Seine Position war in gleichem Maße gefestigt, wie hart erarbeitet. Alles verlief in wohl strukturierten Bahnen, so wie er es mochte, so wie er es brauchte. Seine Augen ruhten auf einem Wäldchen, das in der Richtung lag, in die er morgen früh aufbrechen würde. Hinter den Bäumen, im Nebel verborgen, folgten ein paar Landmeilen Grasland. Später wandelte sich die Landschaft im Norden zum Moorland und im Süden zu einem weitläufigen, spärlich bewachsenen Landstrich. Gen Osten begann nach einem weiteren Streifen Waldland die Tundra, wo bald die Reichsgrenze verlief.
An und in dem dünn bewaldeten Gebiet lagen einige Grenzdörfer, die letzten Siedlungen in diesem Teil des Reiches. Zwei von ihnen hatten bereits vor Wochen ihre jährlichen Abgaben liefern sollen.
Der Orden war als Gegenleistung für die Grenzsicherung dazu berechtigt, die örtliche Bevölkerung zu besteuern. Dabei war er konsequent, aber nicht sonderlich gierig. Man verlangte den ärmlichen Dörfern lediglich ein zehnt der Nahrungsproduktion ab. Das war auch in harten Jahren zu bewältigen und sorgte für wenig Unmut bei den Bauern. Nur ab und an, vielleicht einmal in einer Dekade und nach einer besonders schlechten Ernte, musste man das eine oder andere Dorf daran erinnern, dass Hunger im Vergleich zum Zorn Gottes, oder dem seiner Diener, das kleinere Übel war.
In der Regel liefen diese Dinge jedoch reibungslos ab und die Dörfler lieferten brav ihre Abgaben, wenn es an der Zeit war. Für gewöhnlich kam allerdings auch Landvolk, das man zum Auskundschaften ins Hinterland schickte, zur Burg zurück. Nicht so in diesem Fall. Zwei Dörfer hatten die Woche, in der sie ihre Steuern abzuliefern waren, um fast einen Monat verstreichen lassen. Eine weitere Woche später hatte man einige zivile Kundschafter geschickt, wie üblich junge Burschen aus dem Umfeld der Ordensburg. Ab und an irrten sich die Dörfler schlichtweg in der Abgabezeit, oder erlitten auf dem Weg einen Unfall. Auch eine Plünderung durch gesetzlose Banden lag zumindest im Bereich des Möglichen. Seitdem man die beiden kleinen Gruppen von Spähern ausgesandt hatte, gab es weder von ihnen noch jemand anderem aus dem Osten ein Lebenszeichen. Damit war es an der Zeit zu handeln. Es würde nicht bei den paar Brüdern bleiben, die man für gewöhnlich zunächst losschickte, um solche Dinge zu untersuchen. Die Tatsache, dass sowohl zwei Dörfer zur gleichen Zeit abgeschnitten zu sein schienen, gab ebenso Anlass zur Besorgnis, wie das offensichtliche Verschwinden der ausgesandten Späher.
Baldrics erste Amtshandlung als Marschall würde die Klärung dieser Situation sein. Dafür standen ihm ab dem morgigen Tage zwei Lanzen Reiterei, eine Lanze Kundschafter sowie vier Trupps Infanterie zur Verfügung. Dazu ein Tross bestehend aus sechs großen Wagen nebst Proviant und Ausrüstung. Alles in allem mehr als achtzig Brüder und zwei Dutzend Gefolgsleute, die bis zum Ende der Mission unter seinem Befehl stehen würden.
Er sog die kühle, nachmittägliche Herbstluft ein und schaute himmelwärts. Das diesige Grau war eine makellose Fläche. Ein klarer Tag, vermutlich einer der wenigen dieses Herbstes. Es war bereits sehr kalt, roch aber noch nicht nach Frost, was mit etwas Glück eine recht ertragreiche Ernte bedeutete. Trotz des verhältnismäßig kühlen Sommers versprach das Wetter außerdem einen späten Wintereinbruch. Was das anging, war die Natur seit dem Grau allerdings tückisch.
Er freute sich auf die bevorstehenden Tage. Überhaupt verspürte er zurzeit eine tiefe Zufriedenheit, was nicht zuletzt mit dem Erreichen des neuen Ranges zu tun hatte. Weiter als bis zum Marschall würde er es als Ausländer in der Ostmark und mit dem dunklen Fleck auf seiner Vergangenheit nicht bringen können. Aber das war so in Ordnung. Man hatte ihm damals deutlich zu verstehen gegeben, dass er außerhalb der Ostmark nie wieder einen Ordensrang bekleiden würde. Vielleicht war das auch das Beste für ihn. Der betagte, fettleibige Landmeister, dem er nun direkt unterstand, war natürlich eine Sache für sich. Aber selbst wenn der Alte ihm nie Sympathie entgegengebracht hatte, achtete er seine Tapferkeit und Zuverlässigkeit.
Im Stillen war Baldric sicher, dass die Abneigung Zdravkos nur daher rührte, dass er über die Vorgänge vor all den Jahren in Stennward informiert war. Falls der Mann detaillierte Berichte darüber hatte, was damals vorgefallen war, konnte man ihm ein gewisses Misstrauen kaum verdenken.
Das Einzige, was den jungen Marschall an seinem Leben in der Ostmark betrübte, waren die langen Phasen der Untätigkeit. Das Training half, aber es reichte nicht, egal wie erbarmungslos er seinen Körper verausgabte. Er absolvierte nicht grundlos nach wie vor ein Trainingspensum, das einem ehrgeizigen Anwärter zur Ehre gereicht hätte, der halb so alt war wie er. Er musste sich physisch erschöpfen, um ein Mindestmaß an Ausgeglichenheit aufrecht zu halten. Nervosität und Unruhe fütterten seinen Dämon.
Der letzte richtige Kampf lag noch länger zurück als das letzte Mädchen, und so war er dankbar für die vor ihm liegende Aufgabe. Mit einer Truppe zu reisen war gut. Sich Gefahren und Unannehmlichkeiten auszusetzen, war sogar noch besser. Das höchstwahrscheinlich folgende Blutvergießen würde Balsam für seine Nerven sein. Was auch immer in den Dörfern geschehen war, irgendjemand würde bluten müssen. Dafür würde er notfalls sorgen. Der Orden hatte in diesem Teil des Reiches die Rechtsprechung inne, und nach dem Ordensrecht war jeder, der Kirche oder Orden schadete, als Ketzer zu behandeln. Ob es sich dabei um einen Gesetzlosen handelte, der eine Kapelle überfiel, oder um einen Bauern, der die Abgaben verweigerte, spielte keine Rolle.
Eine Schlacht oder ein Mädchen, für Baldric machte das vom Prinzip her kaum einen Unterschied. Beides bedeutete das ab und an so dringend benötigte Blutvergießen. Die Sonne war hinter dem allgegenwärtigen Grau des Himmels verborgen. Für die meisten Menschen nur noch ein halb vergessener Traum, so wanderte sie langsam dem Horizont entgegen. Es wurde bereits allmählich wieder dunkler. Der hünenhafte Ordensmarschall legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen.
Der Wind spielte in seinen langen, goldenen Haaren, die zu einem losen Zopf geflochten waren und bisher keine Spur von Grau zeigten. Er stand noch eine gute halbe Stunde so im schwindenden Tageslicht da und lächelte.
Kapitel 4
Dedra
»Das sieht genauso aus wie der Baumstumpf, an dem wir schon vorhin vorbeigekommen sind. Ich will endlich nach Hause.«
Die Stimme war leise und schien aus einiger Entfernung zu kommen. Sie war jedoch deutlich genug zu hören, dass sie den zugleich quengeligen und besorgten Unterton darin erkennen konnte.
Dedra, die sich soeben langsam und ächzend aufgerichtet hatte, stützte sich mit der Linken an einen Baum und drehte den Kopf. Ihr alter Körper ließ sie heute wieder für jedes Stück Kraut und jeden Pilz, den sie vom Waldboden klaubte, teuer bezahlen. Sie streckte vorsichtig den leise knackenden Rücken und lauschte dabei in den Wald hinein, der sie zu allen Seiten hin umgab. Ihre Kniegelenke und Hüften fühlten sich nach einigen Stunden der Kräutersuche an, als hätte jemand Nägel hineingeschlagen. Sorgfältig zog sie den Riemen der Kräutertasche fester um die Schulter. Es war bereits Nachmittag und sie war schon seit einer Weile wieder auf dem Heimweg zu ihrer Hütte. Noch aber befand sie sich in einem dichtbewachsenen Teil des Waldes, in dem sie seit Jahrzehnten keine Fremden mehr getroffen hatte.
Hier gab es nichts, das irgendjemanden interessieren mochte und es war leicht, sich zwischen den alten Bäumen zu verirren. Sie vermutete, dass der oder die Besitzer der Stimmen, die nun leise an ihre Ohren drangen, genau das getan hatten. Sie ging behutsam in die Richtung, in der sie die ungebetenen Gäste zur hören glaubte. Hohe, verwitterte Birken zogen sich hier in einem etwa hundert Metern breiten Streifen auf fast zwei Landmeilen entlang. Ansonsten bestand dieser Teil des Waldes aus Pinien, Buchen und einigen Ahornbäumen. Es dauerte nicht lange, bis sie die Stimmen erneut hörte. Diesmal etwas lauter und eindeutig die von Kindern.
»Ich weiß genau, dass wir da schon waren, der Baumstumpf hatte zwei Äste«, beharrte Clara quengelnd. Ihr Bruder merkte, dass sie schon wieder den Tränen nahe war. Thomas hatte selbst Angst, große Angst sogar, vor allem seit er die verendeten Tiere gesehen hatte. Es gab viel zu viele tote Eichhörnchen in diesem Wald. Am meisten aber hatten ihn die beiden Rehe beunruhigt, an denen sie vor einiger Zeit vorbeigekommen waren. Er wusste, wie das in der Natur war, dass manche Tiere andere töteten, um zu essen. Aber die aßen dann eben auch. Dass die Tiere totgebissen herumlagen und verwesten, weil sie niemand fressen wollte, war ganz sicher nicht in Ordnung. Thomas war aber auch zwei älter als die kleine Schwester und damit fast erwachsen. Das hieß, dass er auf sie aufpassen musste. Schließlich war sie gerade erst sechs Jahre alt geworden.
»Ich glaube dir ja«, erwiderte er und versuchte seine Stimme so ruhig wie möglich klingen zu lassen. »Wir gehen jetzt weiter in diese Richtung, bis die Birken aufhören. Dann bleiben wir am Rand, bevor der Wald wieder dichter wird. Das hätten wir von Anfang an machen sollen, aber ich wusste doch auch nicht mehr, wo wir waren.«
»Du hast schon zweimal gesagt, dass wir bald wieder nach Hause finden. Ich habe Hunger und bin müde.«
»Ich habe auch Hunger, Clara, und ich möchte auch nach Hause. Komm jetzt, wenn wir uns streiten, machen wir alles nur noch schlimmer.«
Der Junge nahm die Hand seiner Schwester und nach einem kurzen Zögern folgte sie ihm und drückte seine Hand ganz fest.
»Das ist alles nur die Schuld vom dummen Boschi. Ich spiele nie wieder mit Boschi«, erklärte sie mit der inbrünstigen Entrüstung, zu der nur Kinder und religiöse Narren fähig waren.
Boschi war die Katze eines Nachbarn, die sie heute Morgen getroffen hatten. Nach dem Frühstück waren sie hinter dem am Rand des Dorfes stehenden Haus ihrer Familie zum Spielen gegangen. Ganz so, wie sie es an fast jedem Tag taten. Boschi war nicht jeden Tag da, sie war eine kleine Streunerseele, die dort herumlief, wo es ihr gefiel. Manchmal gefiel es ihr auch, wenn die Kinder mit ihr spielten. Wenn Käsestücke im Spiel waren, so wie heute Morgen, tat es das fast immer.
Thomas und Clara hatten mit Bändern und dem Käse, den der Junge beim Frühstück in seiner Tasche hatte verschwinden lassen, mit dem Tier herumgetollt. Dabei waren sie immer weiter vom Haus weggelaufen. Sie spielten öfter am Waldrand, meist mit den anderen Kindern des Dorfes. In der Gegend um Flusswalde herum hatte man schon seit Jahrzehnten weder Wildschweine noch andere gefährliche Tiere gesehen. Der Wald galt weiter draußen als tückisch, war in Dorfnähe aber licht und harmlos.
Die Kinder bekamen eingeschärft, nie weiter wegzulaufen als bis dorthin, wo sie die letzten Häuser noch sehen konnten. Viele von ihnen hielten sich sogar meistens daran. Dieses Mal reichte das nicht.
Boschi hatte ziemlich genau zu der Zeit, als die letzten Käsekrumen gefressen waren, plötzlich keine Lust mehr zum Spielen gehabt. Da hatten die Kinder sich bereits zwischen den ersten Bäumen des Waldrandes am südlichen Ende von Flusswalde befunden. Die Katze, die sich selbstverständlich überall auskannte, war fortgesprungen und tiefer in den Wald gerannt. Beide waren ihr nachgelaufen, bis Thomas schließlich irgendwann stehengeblieben war und nach seiner Schwester gerufen hatte. Sie hatten eine Weile verschnauft, Boschi war natürlich längst weg gewesen, und sich dann auf den Heimweg gemacht. Zumindest hatten sie das versucht. Und sich wenig später verirrt.
Thomas hatte sein bestes getan, wieder aus dem immer dichter werdenden Wald herauszufinden. Aber auch wenn er ein aufgeweckter Junge war, blieb er nur ein Achtjähriger, der noch nie so weit von zu Hause entfernt gewesen war. Jedenfalls nicht ohne Begleitung und abseits der Straßen und Wege. In den Tagen des Grau konnte man sich nie sicher sein, wo genau sich die Sonne gerade befand. Das Tageslicht war eine tückische Angelegenheit geworden. Es war bei dem schummrigen Licht schon für Erwachsene schwer genug, sich in der Wildnis zu orientieren.
Die beiden Kinder waren Stunde und Stunde herumgeirrt und hatten sich dabei immer tiefer in den Wald hineinbewegt. Ohne es zu bemerkten, waren sie dabei weit nach Süden abgekommen. Das war einerseits schlecht gewesen, weil sich ihr Dorf im Norden befunden hatte. Es war aber auch ihr Glück gewesen, weil sie ebenso gut nach Westen oder Osten hätten laufen können. Und in diesen Himmelsrichtungen gab es auf Tage hin nur dichten und dunklen Wald.
Thomas warf seiner Schwester beim Gehen einen verstohlenen Blick zu. Sie hatte etwas Rotze unter der Nase, aber das sagte er ihr nicht. Wenn man seiner kleinen Schwester sagte, dass sie Rotze im Gesicht hatte, schämte sie sich oder wurde wütend. Oder beides. Dann würde sie wieder anfangen zu weinen, und das konnte er absolut nicht gebrauchen. Am liebsten hätte er sich selbst unter einen Baum gesetzt und geweint.
Es war kalt, ihre Stoffkleider waren inzwischen klamm und klebten an ihren Körpern. Er hatte schrecklichen Hunger und seine Beine schmerzten. Sie hatten aus ein paar Pfützen im Wald getrunken, aber irgendwelche Wurzeln, Beeren oder Blätter zu essen, hatte er sich nicht getraut. Er hatte auch darauf geachtet, dass Clara es nicht tat. Er war ein Kind, aber weder er noch seine Eltern waren dumm. So wusste er, dass man heutzutage nicht mehr sicher sein konnte, was man aus dem Wald essen konnte und was giftig war. Seine Eltern erklärten solche Sachen beiden Kindern, aber Thomas immer einmal mehr als seiner Schwester. Er war schließlich der Ältere. Sie wussten, dass er auf seine Schwester aufpasste. Sie wussten aber auch nur zu gut, was passierte, wenn man nachlässig wurde. Sie hatten es auf bittere Art und Weise lernen müssen.
Thomas und Clara stritten sich nicht oft für Kinder ihres Alters. Clara hörte öfter und besser auf ihren Bruder, als es kleine Mädchen für gewöhnlich taten. Das war ebenso ungewöhnlich wie die Sorgfalt des Jungen, mit der er auf die Kleine achtgab. Vor knapp zwei Jahren hatten sie noch eine Schwester gehabt. Sie hatte allein gespielt, hatte versucht auf einen Baum zu klettern und war gestürzt. Das passierte natürlich immer mal wieder und meist ging es glimpflich aus. Mit einem verstauchten Knöchel oder einem aufgeschürften Knie. An jenem vergangenen Tage hatte es das nicht getan.
Die Dörfler wurden von den gellenden Schreien des Mädchens alarmiert und erreichten sie kurze Zeit später. Sie hatte es im Fallen geschafft sich so zu drehen, dass sie auf den Füßen aufgekommen war. Aber sie war schon viel zu hoch in den Ästen gewesen, um sich dadurch retten zu können. Sie hatte vor dem Baum gelegen und geschrien wie eine Banshee, als die ersten Dorfbewohner sie fanden. Ihre Beinchen waren an den Knien abgeknickt und die Unterschenkel zertrümmert, Knochen staken aus blutigen Wunden. Als sie das Mädchen bewegten, war es zu Erleichterung aller bewusstlos geworden. Es ging danach sehr schnell. Als die alte Dedra einige Stunden später im Dorf eintraf, war die kleine bereits tot.
Von diesem schrecklichen Tag an ging man in der Familie sehr sorgsam miteinander um. Deswegen kämpfte Thomas seine eigene Angst nieder, so gut er konnte. Die Erwachsenen würden sicher versuchen sie zu finden, aber der Wald war groß und umgab das Dorf in drei Himmelsrichtungen.
»Na na, wohin seid ihr denn unterwegs«, ertönte plötzlich eine krächzende Stimme, nur wenige Meter von ihnen entfernt. Clara und Thomas schrien vor Schreck zugleich auf und das kleine Mädchen umklammerte krampfhaft die Hüften ihres Bruders. Thomas sah die Greisin als Erster und ein Zittern lief durch seinen kleinen, erschöpften Körper.
»Dedra«, sagte er leise, »sie ist es wirklich. Alles ist gut, Clara, wir sind in Sicherheit, es ist die alte Dedra.«
Beide Kinder weinten jetzt ein bisschen. Thomas lautlos und Clara leise schluchzend, während die alte Frau auf sie zugehumpelt kam. Die krummgewachsene, magere Gestalt war an sich kein sonderlich vertrauenerweckender Anblick. Mit den graubraunen, geflickten Kleidern und dem zottigen eisgrauen Haar hätte sie ebenso gut eine Landstreicherin sein können. Aber wie alle Kinder im Dorf kannten die Geschwister sie natürlich von ihren zahllosen Besuchen. »Nun beruhigt euch erst einmal, ihr Lausekinder. Was macht ihr denn im Wald der alten Dedra? Seid beim Spielen zu weit rausgelaufen und habt euch verirrt, was?«
»Boschi war schuld«, rief das kleine Mädchen spontan und wieder klang dabei ihre Empörung ob der Gemeinheit des Tieres heraus.
»Ah, die Katze vom alten Cushing hat euch also in den Wald gelockt, ich verstehe«, meinte Dedra amüsiert und sah dem Jungen in die Augen.
»Ihr seid hier zu weit draußen, um es vor Einbruch der Nacht nach Hause zu schaffen. Das heißt, ihr würdet es schaffen, aber ich bin zu langsam und allein findet ihr den Weg nicht. Ihr werdet mit mir kommen und diese Nacht bei mir schlafen müssen. Morgen könnt ihr dann auf der Straße zurück ins Dorf gehen.«
Sie legte den Kopf schief, als sie die Reaktion in den Gesichtern der Kinder sah. »Schaut mich nicht so an, ich habe genauso wenig Lust auf die Gesellschaft von zwei kleinen Blagen, wie ihr darauf habt, bei einer verschrumpelten alten Frau zu übernachten. Aber ich schaffe den Weg zum Dorf im Dunkel nicht mehr. Außerdem bin ich müde und erschöpft, wenn ich den ganzen Tag im Wald war. Ich bin alt, falls es euch entgangen sein sollte. Also, was sagt ihr? Eine Nacht in der Hütte der alten Dedra, mit einem Teller Wurzelsuppe und einem warmen Feuer zum Schlafen oder im Wald verhungern. Ich bin nicht eure Eltern und hab euch nichts zu sagen, ist eure Entscheidung«, meinte sie lächelnd.
Clara nahm wieder die Hand ihres Bruders. Der Mund der Alten sah von so weit unten schrecklich aus, ein schiefes, dunkles Loch mit einigen wenigen Ruinen von Zähnen darin. Aber jedes Kind kannte die alte Dedra und wusste, dass sie den Leuten half. Andererseits war es eine Sache, sie zu Hause im Dorf zu sehen und eine ganz andere, stundenlang mir ihr durch den dunklen Wald zu laufen. Davon, in ihrer alten, unheimlichen Hütte zu schlafen ganz zu schweigen. Sie hatten noch nie wo anders geschlafen als bei ihren Eltern oder dem einen oder anderen Nachbarskind im Dorf. Im Wald zu bleiben und zu verhungern oder gefressen zu werden war allerdings eine noch schlimmere Vorstellung. »In Ordnung, wenn es nicht anders geht. Danke, dass du uns hilfst, Mama und Papa werden sie Suppe auch bestimmt bezahlen«, sagte das kleine Mädchen schließlich und machte einen Schritt auf die alte Frau zu. Die Greisin lachte, ein Geräusch, als zerfalle altes Laub.
»Mach dir darüber keine Gedanken, Clara. Und dein Bruder ist Tom? Thomas, ah ich erinnere mich. Die Kinder von Bertha und Greg seid ihr beiden. Na los schon, lasst uns gehen, ich werde zu langsam für euch sein, aber reißt euch zusammen und bleibt hinter mir. Ich kann es auf den Tod nicht ausstehen, wenn mir jemand vor den Füßen herumläuft.«
Thomas folgte der alten Frau, die sich humpelnd in Bewegung setzte, Claras Hand fest in der seinen. Er hoffte inständig, dass er nach dieser Sache nie wieder im Wald herumlaufen musste. Jetzt stand ihnen ein langer und trostloser Weg bevor. Aber alles war besser als die nagende, ständig wachsende Angst der letzten Stunden. Es wurde zunehmend dunkler, während sie hinter der alten Frau hergingen. Sie kam wirklich nur sehr langsam voran, viel langsamer, als die Kinder hätten laufen können. Angst und Erschöpfung nach einem ganzen Tag im Wald hielten die beiden jedoch im Zaum und sie überholten sie nie.
In der langen Abenddämmerung wurden die Schatten des Waldes allmählich lebendig, nicht nur für Kinderaugen. Die beiden konnten kaum noch etwas sehen, als sie die Hütte erreichten. Es war ein klobiger, verwinkelter Holzbau, im Laufe der Jahre verwittert und immer wieder geflickt und übergestrichen. Im düsteren Licht des sterbenden Tages schien das Holz durch die vielen Schichten Teerfarbe völlig schwarz zu sein.
»Ah«, seufzte Dedra auf, »endlich zu Hause. Ich muss besser aufpassen mit meinen Ausflügen, sonst schaffe ich es irgendwann nicht mehr, vor Einbruch der Dunkelheit zurückzukommen. Kommt Kinder, und erschreckt meine Grumpel nicht, falls sie euch über den Weg läuft. Sie hat nichts gegen Leute, aber sie ist hier in ihrem Zuhause nicht an Fremde gewöhnt. Wenn sie kommt, macht keinen Krach, sie will nur ihre Ruhe. Sie ist alt und verbraucht, genau wie ich.«
Die Katze blieb tatsächlich verschwunden, was den Kindern nur recht war. Sie hatten das Tier nie gesehen, aber im Dorf erzählte man sich unter den Kindern, dass eine uralte Gespensterkatze bei der Kräuterfrau im Wald hauste. Angeblich war das Tier vor über fünfzig Jahren schon mit ihr hierhergekommen. Als sie die Hütte betreten hatten, standen sie in einem schmalen Gang, der das Gebäude in voller Länge teilte. An beiden Enden befanden sich Türen, ebenso wie in der Mitte des Ganges. Auf eine dieser beiden gegenüberliegenden Türen, dünnen Dingern aus dunkel getränktem Pinienholz, ging Dedra nun zu. Es schien so, als könne sie sich kaum noch auf den Beinen halten und ihr Stock schlug schwer auf den alten Holzboden, während sie vorwärtshumpelte.
»Kommt schon«, murrte sie, »das Feuer sollte zumindest noch Glut haben und die Suppe warm sein. Ich lasse immer irgendwas im Kessel köcheln, wenn ich mich morgens auf den Weg mache.«
Die Kinder folgten ihr in einen Raum, der so groß war wie das Schlafzimmer und die Wohnstube des kleinen Hauses ihrer Eltern zusammen. Die Zimmer dort waren allerdings nur spärlich möbliert, wovon hier keine Rede sein konnte. Die Wände wurden bis zur Decke hinauf mit völlig überladenen Regalen bedeckt. Bücher, Töpfe, Bündel, Stofflappen, Krüge und Kleidungsstücke. Eimer und Taschen, Figuren, Kästchen und Kisten stapelten sich auf durchhängenden Böden. Aller mögliche und unmögliche Krimskrams, hundert Dinge mit einem Dutzend oder gar keiner Funktion. Einige kleine Schätze und ungezählter Plunder, zusammengetragen in vielen Jahrzehnten, um dann größtenteils in Vergessenheit zu geraten.
An der von der Tür aus rechten Wand befand sich ein freistehender, in den Raum hineingemauerter Kamin. Er war fast groß genug, dass sich die alte Frau hätte hineinstellen können. Über der Feuerstelle in diesem Ungetüm aus dunklem Stein hing ein kleiner Kessel, in dem eine dunkle Flüssigkeit brodelte.
Die Alte nahm ein Holzscheit von dem Stapel, der lose neben dem Kamin lag, und legte ihn auf die dunkelrote Glut. Dann richtete sie sich schnaufend auf und deutete auf einen kleinen Tisch, an dem zwei Hocker standen.
»Setzt euch, setzt euch. Fasst nichts an und macht keine Dummheiten. Ich hoffe doch, ihr seid Müde genug, um nach dem Essen zu schlafen. Morgen früh werden wir, sobald es hell genug ist, zum Dorf aufbrechen. Eure Eltern werden ja schon außer sich sein vor Sorge.«
Bei der Erwähnung ihrer Eltern zuckten die Kinder zusammen, senkten die Köpfe und setzten sich wortlos an den Tisch. Es dauerte eine Weile, bis Dedra zwei hölzerne Schalen mit Suppe gefüllt und den Kindern hingestellt hatte.
»So«, seufzte sie, als sie neben jede Schale einen Holzlöffel gelegt hatte, »nun esst, ihr müsst hungrig sein. Und schaut es nicht so misstrauisch an, es ist einfach nur Wurzelsuppe. Ein paar Zwiebeln sind drin und ein halbes Huhn aus den Ställen eures Dorfes, keine unheimlichen Dinge aus dem Wald.«
Die Kinder probierten vorsichtig, aßen dann aber mit Heißhunger. Die Suppe war etwas dünn und mit Kräutern gewürzt, die sie nie zuvor gegessen hatten. Nach einem ganzen Tag ohne Essen waren sie jedoch hungrig genug, um jeder noch eine zweite Schale zu leeren.
»Im Gang liegen ein paar Decken, nehmt euch jeder eine und legt euch hier vors Feuer. Ich werde nebenan in dem anderen Raum schlafen und rate euch, mich bis morgen früh in Ruhe zu lassen. Wenn ihr irgendwas müsst, geht durch die hintere Tür. Ein paar Meter vom Haus weg ist ein Donnerbalken, einfach immer dem Geruch nach gehen. Das Häuschen drumrum ist schon lange auseinandergefallen, aber außer den Eichhörnchen guckt euch hier draußen keiner zu, also keine falsche Scheu.«
Als sich die Kinder wenig später vor dem Feuer in die alten, stinkenden Decken gewickelt hatten, glaube keines von ihnen hier schlafen zu können. Wenige Augenblicke später taten sie es, tief und traumlos. Im Gegensatz zu den beiden streifte Dedra noch lange um die Hütte herum. Sie fand keinen Schlaf, weil sie Grumpel nicht finden konnte. Die Katze kam spätestens zur Nacht immer nach Hause, das hatte sie selbst dann getan, als sie noch jung gewesen war. Sie schlief seit ihren frühen Tagen als Kätzchen bei ihr im Bett und nirgendwo sonst.
Dedra sank schließlich für wenige, unruhige Stunden in einen Dämmerzustand, der nur wenig mit dem erholsamen Kinderschlaf ihrer Gäste gemeinsam hatte.
Als Clara und Thomas erwachten, war der graue, kühle Tag bereits angebrochen. Die beiden waren gleichzeitig wach geworden, wussten aber im ersten Moment nicht genau wovon. Dann drang die Stimme wieder an ihre Ohren. Es war die alte Frau, ohne Zweifel, aber etwas am Klang ihrer Stimme ließ die Kinder erschaudern.
»Oh meine liebe, meine arme Kleine.«
Eine einzelne Träne rann wie eine dunkle Perle über Dedras weiße, zerfurchte Wange. Grumpel lag vor ihr in einer Ecke der Veranda. Sie lag ausgestreckt auf dem Boden, wimmerte leise und atmete in flachen, schnellen Stößen. Die Katze sah aus wie ein Kadaver, klapperdürr, mit tief eingefallenen Flanken und einem Fell, das wie von Motten zerfressen wirkte. Außerdem war das Eisgrau verdreckt und mit Blut verschmiert. Das Tier bewegte sich kaum, nur seine Augen waren lebendig. Sie sahen direkt in die von Dedra und die Greisin sah den Schmerz und das Entsetzen in dem Blick der uralten Katze.
»Was ist bloß mit dir passiert, mein kleiner Schatz? Was haben sie nur mit dir gemacht?«
Dedra hatte sich unruhig hin und her gewälzt und schließlich in ihrem Schaukelstuhl auf den Morgen gewartet. Als sie, mit unsicheren Schritten und tauben Beinen vom Abort gekommen war, wieder einmal Blut, vielen Dank auch, hatte sie Grumpel gesehen. Die Katze hatte sich mit den Vorderpfoten die letzte Stufe zur Veranda hochgezogen. Dann hatte das Tier seine Herrin bemerkt und war mit einem kläglichen Miauen liegengeblieben.
Dedra ignorierte den Schmerz, der wie ein Blitzschlag in ihren Knien aufloderte, und kniete sich neben Grumpel. Die Katze war mehr als nur alt und Dedra hatte gewusst, dass das Ende nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Aber in den letzten Tagen war es ihr besser gegangen. Sie war sogar wieder ein wenig in der Gegend um die Hütte herumgestreift. Nun schaute Dedra in die blassgoldenen, vom Alter verwaschenen Augen des Tieres, dass über die Jahre ihr Freund und Familiar geworden war. Sie versenkte sich in den Geist des Geschöpfes und kommunizierte mit ihm auf eine Art und Weise, die normalen Menschen abging. Dabei ließ sie Liebe und Ruhe in das Tier strömen und linderte dessen Schmerz und Angst, so gut sie konnte.
»Es ist gut, meine Kleine«, sagte die alte Frau mit einer Stimme, die jetzt dunkel und ruhig war, frei von Schluchzen und Zittern. Nichts an dieser Stimme erinnerte mehr an die brüchige Altweiberstimme. Dedra konnte sich nicht mehr daran erinnern jung gewesen zu sein, aber diese Stimme hatte etwas Vitales, fast Sinnliches.
»Alles ist gut, ich werde mich um mein Katzenkind kümmern, wie ich es immer getan habe. Wie wir es füreinander getan haben, als wir es beide noch konnten. Als du noch für mich da sein konntest, mein Schatz.«
Sie legte Grumpel ihre von der Arthritis zur Klaue gekrümmte Rechte auf die bebende Flanke, so sanft sie es vermochte. Das Zittern des Tieres hörte fast augenblicklich auf, der Atem wurde ruhig und gleichmäßig. Die alte Hand strich über das stumpfe, besudelte Fell und die Todesqual floss von dem Tier wie Wasser von einer glatten Oberfläche. Sie ergoss sich in die Haut und das Fleisch der alten Frau, floss in ihr Blut und in ihren Arm.
Der Schmerz war wie flüssiges Feuer und wogte in Wellen durch sie hindurch, aber der Blick des Tieres wurde weich und ruhig. Sie nahm den Kopf der sterbenden alten Katze vorsichtig in die linke Hand und kraulte mit der rechten zärtlich ihr Fell. Ein leises Schnurren erklang und für ein letztes Mal trafen sich die Blicke von Dedra und Grumpel. Dann brach die alte Frau das Genick der Katze mit einer Bewegung, die in Präzision und Schnelligkeit das Alter ihrer Hände und Arme Lügen strafte. Die Pfoten des Tieres zuckten eine Sekunde, dann lag der verhärmte Körper still und friedlich. Als Dedra sich zitternd erhob, rannen Tränen ungehemmt ihre alten, zerfurchten Wangen hinab. Ihr Blick ruhte auf dem nun erkaltenden, zerschundenen Leib ihrer einzigen Gefährtin.
Sie spürte Nässe an ihrer rechten Hand, hob sie an und sah das Blut. Sie nahm die Katze auf die Arme und legte sie auf ihren alten Schaukelstuhl. Vorsichtig und sanft, so als wäre das Tier noch am Leben, untersuchte sie den toten Körper. Noch immer liefen ihr Tränen über das Gesicht, doch sie bemerkte sie nicht, konzentrierte sich ganz auf das, was sie tat. Auf der rechten Seite des mageren, knochigen Körpers war eine kleine aber tiefe Wunde zu sehen. Dedra spreizte sie etwas und sah dann einen kleinen Bolzen. Er war bis tief in die Gedärme des Tieres eingedrungen. Es war der Bolzen einer Handarmbrust. Dedra kannte sich mit Waffen nicht sonderlich gut aus, aber das hier erkannte sie, weil sie diese Bolzen in den letzten Jahren schon einige Male gesehen hatte. Der alte Brent, der in seinen jungen Tagen eine Weile als Söldner durch die südlichen Lande gestreift war, besaß eine solche Waffe. Er ging damit ab und an auf Entenjagd. Außerdem war er ein Dreckstück, im Dorf bekannt für seine Grausamkeit.
Ja, und Grumpel war es in der letzten Zeit besser gegangen, sie war wieder herumgestreunt. Früher hatte Dedra die Katze oft mit ins Dorf genommen. Vielleicht hatte das alte Tier noch einmal dorthin zurückkehren wollen. Vielleicht war es auch nur in der Nähe herumgelaufen. Das der alte Brent Hunde und Katzen hasste, war kein Geheimnis. Erst vorletztes Jahr hatte es Streit gegeben, weil er den kleinen Hund eines Nachbarn getötet hatte. Mit eben jener alten Einhandarmbrust, weil das Tier ihn angeblich angegriffen hatte.
»Was hat denn die alte Katze?«, ertönte von der Tür her eine dünne Stimme.
Dedra drehte langsam den Kopf und sah dem Mädchen direkt in die Augen. Clara stieß einen hohen, dünnen Schrei aus, drehte sich wieder ins Innere des Hauses um und war verschwunden.
Dedras Blick fiel wieder auf ihre tote Freundin. Die alte Katze hatte keine Angst vor Menschen gehabt. Vor allem, weil ihr die Dorfbewohner oft Leckereien zugesteckt hatten. Man war eben nett zu der Katze der alten Kräuterfrau, die allen so bereitwillig und freundlich half. Zutraulich war Grumpel gegenüber den Leuten von Flusswalde geworden.
Wenn Brent sie gerufen hatte, oder gar mit etwas Essbarem gelockt, war sie sicher arglos zu ihm gegangen. Und dann hatte dieses alte Schwein nichts Besseres zu tun gehabt, als ihr einen Armbrustbolzen in die Seite zu schießen. Danach musste Grumpel sich den ganzen Weg, stundenlang hierher zurückgeschleppt haben. Ein normales Tier wäre unterwegs verreckt, aber Grumpel war eben kein normales Tier gewesen. Dedras Freundin hatte durch ihre Hexenkunst nicht nur dreimal so lange gelebt wie eine normale Katze, sie war auch zäher und kräftiger gewesen. So hatte sie es geschafft, zum Sterben nach Hause zu kommen. Dedra noch ein letztes Mal zu sehen. Und ihr die Identität ihres Mörders mitzuteilen, oh ja.
»Es tut uns leid wegen der Katze. Dürfen wir jetzt bitte nach Hause«, erklang die zaghafte Stimme von Thomas hinter ihrem Rücken.
»Ihr«, fauchte Dedra, indem sie zu ihnen herumfuhr. »Ihr widerlicher, undankbarer Abschaum aus diesem dreckigen, dreimal verfluchten Dorf.«
Die Worte selbst drangen gar nicht zu Thomas durch. Er sah nur das Gesicht der Alten und den Ausdruck in ihren Augen. Der Junge ergriff die Hand seiner Schwester und zog sie hinter sich durch den Mittelgang der Hütte entlang. Sie rannten zur vorderen Tür, er stieß sie auf und wenige Augenblicke später liefen sie den Waldweg entlang. Wie von Dämonen gejagt rannten sie in Richtung der Straße, die zum Dorf führte. Hinter ihnen befand sich freilich nichts als die kühle, feuchte Luft dieses grauen Morgens.
Die alte Frau, die bis zum heutigen Tage über ein halbes Jahrhundert lang die Kräuterfrau von Flusswalde gewesen war, stand nach wie vor auf ihrer Veranda. Die Trauer und das Gefühl kalter Leere in ihrem Inneren verblassten und machten dem Zorn platz. Aber in ihr brodelte mehr als nur die Wut auf einen alten, bösartigen Mann, der ihr das Einzige genommen hatte, das ihr lieb und teuer gewesen war. Ein Teil von ihr wusste sehr gut, dass nicht das ganze Dorf dafür verantwortlich war, was dieser eine Mann getan hatte. Und doch breitete sich der Zorn auf den Ort und jeden seiner Bewohner aus wie ein dunkles Feuer in ihrem Herzen.
Der vernünftige Teil wusste, das Dedra den Menschen hier nicht nur geholfen, sondern auch jeden in Unglück gestürzt hatte, der ihr in die Quere gekommen war. Diese Stimme der Vernunft wusste ebenfalls, wer und was sie war. Aber diese Stimme verstummte nicht einfach nur, sie lag ebenso im Sterben, wie die arme Grumpel es noch vor wenigen Momenten getan hatte.
Ein uralter, schwarzer Hass brach sich aus ihrem tiefsten Inneren Bahn, fraß sich durch ihre Eingeweide und verdrängte alles andere. Die alte Frau gab einen Ton von sich, der dem Fauchen einer großen Katze nicht unähnlich war, und ballte die Hände zu Fäusten. Diese Bewegung hatte sie mit ihren arthritischen Gelenken seit über zwanzig Jahren nicht mehr bewerkstelligen können. Ihre langen, schmutzigen Fingernägel brachen in ihren Fäusten und die schartigen Kanten schnitten ihr in die Handflächen. Dünne Fäden dunklen Blutes rannen aus ihren Fäusten, als sie diese langsam hob. In ihrer Rechten mischte sich ihr Blut mit dem ihrer toten Katze.
Bilder flammten vor ihrem inneren Auge auf und flogen daran vorbei. Wie sie die kleine, zerschundene Katze halbtot im Wald gefunden hatte. Ein zerkratzter, zitternder, winziger Körper. Flauschiges, dunkles Haar und rehbraune Augen, kleine Hände, die nach ihr griffen. Aber mussten es nicht Pfoten sein, statt Hände? Hungrige Schreie nach Futter. Oder nach Milch? Ein Ausdruck tiefster Verwirrung und Erstaunens legte sich auf das Gesicht der alten Frau, der sie für einen Moment wie eine völlig Schwachsinnige aussehen ließ.
Dann brach ein Schrei aus ihrer Kehle, so voll von Verzweiflung, dass er fast ein Schluchzen war. Erinnerungen an schreiende und sterbende kleine Kinder und Katzen verschwammen, als sie kreischend gegen den alten Schaukelstuhl trat. Die tote Grumpel, die noch darauf gelegen hatte, rutschte herunter und blieb auf den kalten Planken der Veranda liegen. Dedra, die ebenso wenig gespürt hatte, wie sich ihr Knöchel bei dem Tritt stauchte, wie sie den brechenden kleinen Zeh bemerkt hatte, schaute auf den Kadaver hinab. Sie packte den Körper mit einer blutenden Hand und warf ihn achtlos durch die offene Tür in die Hütte. »Kein Kind, du bist nicht meines«, fauchte sie leise.
»Nicht mein Kind, du nicht, niemand. Ich bin keine Mutter, ich hatte keine Mutter, nie.« Ihr Gesicht war zu einer Fratze aus urtümlichem Zorn und Hass verzogen, die Augen weit aufgerissen und glasig. Vor ihrem inneren Auge erschienen die Gesichter der Menschen, die sie seit ihrer Ankunft in Flusswalde getroffen hatte. Sie sah Hunderte von Männern, Frauen und Kindern, ein Kommen und Gehen, ein Geborenwerden und Sterben über fünf Jahrzehnte hinweg. Ein Bilderwirbel in die Vergangenheit vor fünfzig Jahren, dann noch weiter, vor sechzig, siebzig, vor hundert Jahren. Nicht mehr Flusswalde, fernere Orte und andere Menschen, andere Kinder und Mütter. Sie humpelte in ihre Hütte und murmelte leise vor sich hin, mal in dieser Sprache, mal in jener.
Mit fahrigen Händen öffnete sie die Tür, neben der noch die Decken lagen, unter denen die Kinder geschlafen hatten. Ihre zerschundenen, blutenden Hände fanden ohne ihr Zutun die richtigen Tiegel, Gläser und Töpfe in ihrer alten Hexenküche. Diese kleinere Feuerstelle war noch nie dazu benutzt worden, um eine Mahlzeit zuzubereiten. Hier stellte sie nur Tränke und Medizin her.
Sie mischte die Flüssigkeiten mit schlafwandlerischer Sicherheit. Am Ende hatte sie etwas Dünnflüssiges in einem blassblauen, unnatürlichen Farbton. Winzige Teilchen schwammen in der Flüssigkeit, so als hätte jemand Sand hineingestreut. Nur das es keinen Sand gab, der in rötlichem Gelb matt schimmerte.
Sie verstaute ihre Mixtur in einem Flakon und steckte ihn in eine Tasche ihres Gewandes. Dann kippte sie die Regale um, eines nach dem anderen. Bald erfüllte ein beißender, widernatürlicher Geruch die Luft. Regal um Regal fiel, zahllose Flaschen, Tiegel und Töpfe zersprangen am Boden. Nachdem sie damit fertig war, tat sie das Gleiche in dem Raum mit dem großen Kamin. Schließlich übergoss sie alles mit Öl, das sie in einer alten Weinamphore aufbewahrt hatte.
An der Eingangstür warf sie das glühende Holzscheit, das sie mitgenommen hatte. Es landete mit einem dumpfen Laut in dem Chaos, das einmal ihr Zuhause gewesen war.
Sofort schlugen Flammen hoch und sie fühlte, wie ein brennender Schmerz ihre Schulter erfasste. Fluchend warf sie sich hin und wälzte sich am Boden. Sie hatte Glück, dass es nur ein paar Tropfen des Öles gewesen waren, die den Weg auf ihre Schultern und in ihr Haar gefunden hatten.
Mühsam erhob sich die Greisin und schüttelte sich verkohlte Haarreste aus dem Gesicht. Sie blieb einen Moment stehen und schaute stumm in die Flammen. Vor ihr verbrannte der Ort, an dem sie das letzte halbe Jahrhundert in Zufriedenheit und so etwas wie stillem Glück verbracht hatte. In ihrem einzigen echten Zuhause, an das sie sich erinnern konnte, brannte auch die alte Katze. Das Einzige, was sie in diesen Jahren liebgewonnen hatte.
Dedras Augen begannen zu zucken, als wieder Bildfetzen in ihrer Erinnerung auftauchten. Wunden, die sie verbunden hatte, Menschen, die sie heilte und andere, die sie verfluchte. Immer wieder diese Frau mit den dunklen Haaren und den rehbraunen Augen. Diese kleine Frau. Mutter? Meine Mutter? Oder mein Kind? Oder ich selbst? Oh Grumpel, meine liebe, arme Grumpel, warum hast du mich allein gelassen? Ich hatte doch nur dich auf der Welt. Noch einmal rannen Tränen über das zerfurchte, schmutzige Gesicht der alten Frau. Sie weinte einen Moment lang leise aber aus tiefstem Herzen, während vor ihr die Flammen tanzen.
Der kleine, sterbende Teil der Vernunft bettelte darum, das Fläschchen mit der unheiligen Flüssigkeit ins Feuer zu werfen und ins Dorf zu gehen, um mit den Menschen zu reden. Um Hilfe zu bitten. Der alte Brent würde bestraft werden, das stand außer Frage. Zu oft schon hatte er solche schändlichen Dinge getan. Die Dörfler würden ihr eine neue Hütte bauen und vielleicht konnte sie noch für ein paar Jahre ein anderes Kätzchen bei sich aufnehmen. Dann brach sich der alte, schwarze Hass erneut Bahn und die dünne Stimme verstummte für immer. Mit ihr versiegten auch die Tränen und das Schluchzen hörte abrupt auf. Das kummervoll verzogene Gesicht der Greisin entspannte sich und wurde völlig ausdruckslos. Was die Kräuterfrau an Liebenswürdigkeit und Güte übriggehabt haben mochte, verbrannte mit der Leiche ihrer Katze in der Ruine ihres gemeinsamen Heims zu Asche.
Die alte Dedra von Flusswalde war tot. Die gebeugte Greisin, die sich nun schmutzig, mit versengtem Haar und blutigen Händen in einem zerlumpten, halb verbrannten Gewand auf dem Weg zum Dorf machte, kannte niemand der dort lebenden Menschen.
Sie war Dedra Dubatikova. Dedra die Krumme. Dedra die Kinderdiebin. Die Menschen von Flusswalde würden sich bald wünschen, Brent wäre vor Jahren an der Jagdwunde verreckt, an der er zwei Wochen krank gelegen hatte. Die Narren würde es bereuen, dass sie damals die alte Kräuterfrau geholt hatten, anstatt ihn sterben zu lassen. Wenn Dedra diese alte Schlampe von einer Kräuterfrau, deren Namen sie vergessen hatte, auf dem Weg begegnen würde, würde die es auch bereuen. Sie würde sie alle büßen lassen. Eine halbe Stunde später, humpelnd, fluchend und von den Schmerzen in ihrem alten Körper geschüttelt, wusste sie nicht mehr, was genau Brent getan hatte.
Sie war auch nicht mehr sicher, wer oder was ein Grumpel war. Es spielte auch keine Rolle. Wichtig war nur das vor ihr liegende Dorf. Diese Schweine würden bezahlen, für was auch immer.
Dedra die Krumme hatte zu tun.
Kapitel 5
Baldric
Nach den ersten Tagen der Reise fühlte Baldric sich besser als in den letzten paar Wochen davor. Mit einem klar definierten Ziel vor Augen auf dem Marsch zu sein, gab ihm ein Gefühl von Sicherheit, die Tatsache, dass er das uneingeschränkte Kommando hatte, beruhigte seine Nerven. Es war kühl und am zweiten Abend hatte es zu nieseln begonnen, aber Kälte und Feuchtigkeit war er gewohnt.
Er war ein Kind der Zeit des Grau und hatte nie zu denen gehört, die damit haderten. Er konnte sich vorstellen, wie es früher gewesen war. Mit einer Sonne, die auf die Erde schien und einem wärmeren und angenehmeren Klima. Sonderlich interessieren taten ihn solche Dinge nicht. Er hatte immer gerne in der Welt gelebt, in der er sich befand. Ein Problem hatte es für Baldric nur stets dargestellt, mit der Welt in seinem Inneren zurechtzukommen.
Der Ordensmarschall ritt an der Spitze der von ihm befehligten, kleinen Expedition. Zu Rechten und Linken, jeweils an den Rändern der schlecht befestigten Straße, folgten die Führer der Reiterlanzen. Die Ritterbrüder Stanislav und Petre waren beide in Baldrics Alter. Sie waren allerdings auch weitaus weniger gebildet und ambitioniert als er. Einfache Männer, die als junge Soldaten ihren Weg in den Orden gefunden hatten. Stanislav hatte seine ersten Jahre im Dienst des Lichtes an der Grenze zwischen der Ostmark und dem im Westen liegenden Stennward gedient. Er war ein harter, beherrschter Mann, ebenso loyal, befehlsbeflissen und fest im Glauben, wie humorlos und überkorrekt.
Petre war ein typisches Kind der Ostmark. Er war in einem Dorf in der weiteren Umgebung von Moorwacht zur Welt gekommen und hatte sein ganzes Leben nahe der Ordensburg verbracht. Er war hier aufgewachsen, den Truppen des Herzogs beigetreten und hatte sich im Alter von neunzehn Jahren dem Orden angeschlossen. Petre war ein grobschlächtiger, harscher Mann und ein Sadist. Er hatte Spaß daran zu kämpfen, zu Töten und Schmerzen zuzufügen. Er war aber auch zäh und wenig zimperlich, wenn es um die eigene Haut ging, was ihm zu einem wilden und furchtlosen Kämpfer machte. Er war kein angenehmer Zeitgenosse, respektierte aber jeden Bruder, der stärker war als er. Sonderlich viele waren das freilich nicht.
Das Baldric einer der wenigen war, die Petre im Training ohne größere Mühe schlugen, war einer der beiden Gründe, die ihm die treue Gefolgschaft dieses Mannes einbrachten. Der andere rührte von einer Begebenheit vor einigen Jahren her. Baldric hatte den Bruder in einer alten, verlassenen Scheune auf frischer Tat erwischt. Es war in der Nähe eines der umliegenden Dörfer gewesen, eine knappe Tagesreise von Moorwacht entfernt. Er war gerade damit beschäftigt, einen Bauernjungen von zehn oder elf Jahren zu vergewaltigen.
Petre war nie auf die Idee gekommen sich zu fragen, was er dort draußen gesucht hatte. Er wusste natürlich nicht, dass Baldric immer auf der Suche nach solchen Orten war, um sie sich als mögliche Verstecke für seine eigenen kleinen Eskapaden zu merken. Baldric hatte den Mann übel zusammengeschlagen. Danach hatte er den schwer verletzten Bauernjungen mit einem Schwertstreich getötet, bevor er davonkriechen konnte. Der Orden brauchte keine lamentierenden Bauern. Derartige Dinge regelte man am Besten unter den Brüdern. Er hatte damit Erfahrungen am eigenen Leib gesammelt.
Petre hatte um Schonung vor dem Urteil der Ordensmeister und um ein schnelles Ende durch Baldrics Schwert gebeten. Baldric hatte ihn wissen lassen, dass er ihn beim nächsten Mal als Kastraten vor die Obrigkeit schleifen würde. Danach hatte er ihm zu verstehen gegeben, dass die Sache als einmaliges Missgeschick aus der Welt und für ihn erledigt sei. Ein amüsiertes Lächeln umspielte den Mund des Ordensmarschalls, als er an diese Begebenheit zurückdachte. Vielleicht war es die ihm erwiesene Gnade, vielleicht hatte Petre in Baldrics Augen auch etwas Vertrautes erkannt. Auf jeden Fall war der ruppige Bruder von diesem Tag an sein Mann gewesen. Weitere Zwischenfälle wie den in der Scheune hatte es ebenfalls nicht gegeben.
Er strahlte seitdem eine stille Unterwürfigkeit aus, war aber unaufdringlich und biederte sich nicht an. Baldric hatte ihn gerne um sich, weil er berechenbar war. Das war auf seine Weise auch der aufrechte Stanislav. Deswegen war er der zweite Unterführer, der Baldric auf dieser Reise begleitete. Er mochte Männer, bei denen er wusste, woran er war. Die Unberechenbarkeit seines eigenen emotionalen Innenlebens war mehr als genug.
Hinter den drei Reitern an der Spitze folgten links und rechts die beide Reihen der Reiterlanzen, welche die sechs Wagen in der Mitte flankierten. Der Erste und Letzte enthielt Vorräte, in den mittleren befanden sich je eine Lanze Fußsoldaten. Auf diese Weise konnten die Infanteristen schwere Rüstung und Bewaffnung tragen. Diese Art des Transportes war in den äußeren Regionen des Reiches oft beschwerlich, erfreute sich im Orden aber einer gewissen Beliebtheit.
Die Straßen der Ostmark zählten zu den schlechtesten, was besonders für die östlichen, nach wie vor in weiten Teilen verwahrlosten Gebiete galt. Dennoch hatte sich Baldric für diese Art der Fortbewegung entschieden. Die beiden Dörfer waren über relativ feste Wege mit der Straße verbunden. Falls es zu Auseinandersetzungen kam, konnten sie es so mit einer großen Überzahl an Wegelagerern, rebellischen Bauern oder anderem Lumpenpack aufnehmen. Einigen Dutzend voll gerüsteten Ritterbrüdern hatte in diesem Landstrich niemand etwas entgegenzusetzen. Dass die Reise dadurch ein wenig länger dauerte, nahm er gerne in Kauf. Ihre Aufgabe war wichtig, aber die Zeit spielte kaum eine Rolle. Was hier passiert war, war vermutlich bereits vor Wochen geschehen. Auf einen Tag kam es nicht an.
Die Straße, auf der sie sich nun befanden, war breit und weniger verfallen als die meisten in diesem Landstrich. Vor Jahrzehnten war es eine sorgfältig ausgebaute Handelsstraße gewesen. Die Zeit, in der sich der Handel mit den Grenzsiedlungen gelohnt hatte, war freilich lange vorbei. Auch die Karawanen zu den Handelsposten der Goyaren fuhren seit Dekaden nicht mehr. Damals waren mit einigen Stämmen der ehemals feindseligen Bewohnern der östlichen Weite zumeist Edelsteine, Felle und Farbstoffe gegen Wolle und Werkzeuge aus Eisen gehandelt worden. Heute lag der letzte Kontakt zu diesem halbwilden Tundravolk fast zwei Generationen zurück. Das Grau schien sie vertrieben oder ausgelöscht zu haben. Ein älterer Mitbruder hatte gemeint, dass dieses vergessen geglaubte Volk etwas mit dem gleichzeitigen Verstummen der beiden Dörfer zu tun haben mochte.
Baldric hielt das für Unsinn. Er war nicht einmal sicher, ob die Annahme, dass beiden Dörfern zur gleichen Zeit etwas zugestoßen war, überhaupt den Tatsachen entsprach. Es konnte ebenso gut sein, das eines der Dörfer bereits Wochen vor dem anderen einem unbekannten Schicksal zum Opfer gefallen war. Die Siedlungen lagen weit draußen und waren für den Orden im Grunde völlig bedeutungslos.
Auf dem bisherigen Weg waren sie keiner Menschenseele begegnet. Das war in diesem Landstrich im Spätherbst auch durchaus nicht ungewöhnlich. Die wenigen Dörfer an der Grenze zeugten noch von der Zeit, als mit den Goyaren Handel getrieben worden war.
Heutzutage lebten die Menschen dort ein entbehrungsreiches Leben am Rande völliger Armut. Sie verdienten ihren Lebensunterhalt mit spärlicher Landwirtschaft und ein wenig Geflügelzucht. Für gewöhnlich waren solche Leute mit Überleben beschäftigt und pflegten nicht zu reisen. Selbst der Kontakt zwischen den einzelnen Dörfern war nur marginal. Es gab nirgendwo genug, um damit Handel zu betreiben oder zu tauschen. In diesem Teil des Landes verwandelte sich die leicht bewaldete Steppe langsam aber stetig zur Tundra und wurde immer karger und nährstoffärmer. In dem nun bevorstehenden Winter begann für die Menschen hier draußen die härteste Zeit des Jahres. Und die war heute fast doppelt so lang wie noch vor drei oder vier Generationen.
Baldric störten weder Kälte noch Wind. Er lebte bereits so lange in diesem Teil des Reiches, dass er die harsche Witterung um sich herum kaum noch wahrnahm. Mit etwas Glück würde sich der Nieselregen verzogen oder in Schnee verwandelt haben, bis ihr kleiner Wagenzug das erste Dorf erreichte.
»Seid ihr mit dem Reisewetter bislang zufrieden?«, rief er und schaute dabei erst zu einem, dann zum anderen seiner Unterführer.
»Wenn der Regen bald zu Schnee wird, hätten wir uns kaum etwas Besseres wünschen können. Jedenfalls in dieser Zeit des Jahres«, gab Stanislav zurück.
»Solange der Regen nicht stärker wird, wird die Straße gut genug für unsere Wagen sein«, stimmte Petre zu. »Also alles so, wie es sein soll. Wenn nichts dazwischenkommt, sollten wir das Dorf bald erreichen.«
Er legte den fast kahlen Kopf in den Nacken, der von der Haube des Kettenhemdes und der darunterliegenden Lederkapuze geschützt war. »Was hast du vor Baldric, rasten wir noch einmal oder versuchen wir vor Einbruch der Dunkelheit dort zu sein?«
»Darüber habe ich auch schon nachgedacht«, gab der Marschall zurück. »Sag du es mir. So weit östlich bin ich selten gewesen.«
Ein Lächeln glitt über das grobschlächtige, vernarbte Gesicht des Unterführers. Das war ein Grund dafür, warum er nichts gegen Baldric unternommen hatte, nachdem er ihn damals bei der Sache mit dem Bauerntölpel erwischt hatte. Die Art und Weise, in welcher der Mann ihn seitdem behandelt hatte, nötigte ihm Respekt ab. Der Vorfall war nie wieder mit einem Wort erwähnt worden. Der Marschall war ihm gegenüber auch in keiner Weise herablassend. Er begegnete ihm mit der gleichen distanzierten Freundlichkeit, die er all jenen entgegenbrachte, mit denen er regelmäßig Umgang pflegte.
Im Laufe der Jahre hatte Petre begriffen, dass Baldric sich sogar lieber mit ihm umgab und auf ihn verließ, als auf andere Brüder. Warum hatte er nie verstanden und es war ihm auch egal. Es mochte damit zu tun haben, dass sie beide, jeder auf seine Art, Außenseiter waren. Aber was spielte das letztendlich schon für eine Rolle.
»Ob wir es schaffen, bis es völlig dunkel ist, kann ich nicht sagen«, meinte er nun. »Aber bis zur Dämmerung würden wir es wohl hinbekommen, wenn es denn sein müsste. Ich würde trotzdem irgendwann vorher rasten. Wir wissen nicht, was auf uns wartet, und in der Dämmerung in einen Hinterhalt zu laufen, sollten wir vermeiden.«
»Stanislav?«, rief Baldric fragend. Seine Entscheidung hatte längst festgestanden, aber es hatte durchaus Gründe, warum er trotz seiner eigenwilligen Art bei den Männern nicht unbeliebt war. Einer davon war der, dass er direkten Untergebenen immer das Gefühl von Wertschätzung gab. Ein anderer, dass er den gleichen Dreck fraß und genauso unbequem reiste und schlief wie der einfachste Anwärter.
»Stimme Petre zu«, meinte sein zweiter Unterführer knapp, »würde auch lieber bei vollem Tageslicht ankommen.«
»Halten und rasten«, brüllte Baldric nun mit bester Befehlsstimme. Die Worte trugen so weit, dass sie auch beim letzten Mann hinter ihm ankamen. Dieser Ort war so gut für eine Rast wie jeder andere.
Die Landschaft, durch die sich die Straße zog, würde noch für viele Landmeilen unverändert bleiben. Baldric wusste so wenig wie die anderen, was sie am ersten Ziel ihrer Expedition erwartete. Sie würden hier bis zum Beginn der nächsten Morgendämmerung ausruhen und dann noch im Dunklen wieder aufbrechen. Auf diese Weise hatten sie die volle Stundenzahl an Tageslicht zur Verfügung und würden auf jeden Fall im Hellen im Dorf ankommen. Er beabsichtigte, die erste Mission als Marschall mit einem makellosen Erfolg abzuschließen. Es war ohnehin nicht seine Art, etwas dem Zufall zu überlassen.
Die Lagerstatt war schnell errichtet und denkbar schlicht. Einige kleine, tragbare Kohleöfen sorgten für das Nötigste an Wärme. Das Essen war kalt, Salzfleisch und Brot, die Pferde hatten alsbald Hafersäcke um die Köpfe gebunden bekommen. Als sich die Dunkelheit über das Land senkte, wurde es still im Lager. In kleineren Grüppchen wurde noch leise gesprochen, aber die meisten Männer legten sich unter ihren Reisedecken nahe den Öfen zur Ruhe. In einem Lager des Ordens ging es sehr viel disziplinierter zu als in einem gewöhnlichen Heerlager. Einige Schritte abseits der anderen saß Baldric mit seinen beiden Unterführern an einem der Wagen zusammen.
»Wenn wir morgen das Dorf erreichen«, sagte Baldric, »lassen wir, sobald wir Blickkontakt haben, die Wagen zurück. Ich führe die Brüder zu Fuß an und marschiere mit ihnen in Blockformation in den Ort. Ihr bleibt an den Flanken weit außen, gerade noch auf Sichtkontakt. Falls jemand zu fliehen versucht, schickt ihr zwei oder drei Mann los um das zu erledigen, aber brecht die Formation nicht auf. Wenn wir angegriffen werden sollten, entscheidet nach Situation. Ich will unter allen Umständen verhindern, dass irgendwer von da abhaut, bevor wir fertig sind.«
Beide Unterführer nickten zustimmend.
»Ich war lange nicht mehr vor einem Einsatz zu gespannt wie vor dem hier«, meinte Stanislav, »so viele Ungereimtheiten. Ich hätte ja darauf getippt, dass das Dorf durch Krankheit oder Hunger in den letzten Monaten einfach verreckt ist, aber zwei im gleichen Jahr?«
»Dann wären auch die Kundschafter wiedergekommen«, brummte Petre zustimmend. »Was immer passiert sein mag, es stinkt gewaltig. Aus der Tundra kann eigentlich nichts gekommen sein. Davon ab, dass ich nicht an die Schauergeschichten über marodierende Wilde aus dem Osten glaube. Da draußen ist es jetzt schon so kalt, das niemand lange überlebt, der sich keinen verdammt guten Platz zum Überwintern sucht.«
»Kann sein, dass die Dörfer schon lange ausgelöscht sind, Petre«, warf Baldric ein. »Wäre also durchaus möglich, dass jemand im Frühjahr losgezogen ist, im Sommer zugeschlagen hat und wir es erst jetzt gemerkt haben. Ich sehe das aber wie du, ich glaube auch nicht an irgendwelche wilden Reitervölker, die nach all den Jahren aus dem Nichts wieder aufgetaucht sein sollen.«
»Die Sache ist mir nicht geheuer«, meinte Stanislav. »Ich war ohnehin immer der Meinung, dass man diese ganzen kleinen Dörfer an der Grenze hätte auflösen sollen. Die Leute umsiedeln und fertig. Die paar armseligen Felder, die sie da bestellen, hätten sie auch in der Nähe unserer Befestigungen anlegen können.«
»Nun«, sagte Baldric langsam, »die Siedlungen sind nicht ohne Hintergedanken dort belassen worden. Wenn es zu Übergriffen oder irgendeiner Form von Bedrohung aus dem Osten kommt, dienen sie als Puffer. Wenn ein Angriff erfolgt, sind zunächst einmal diese wertlosen Dörfer betroffen. Sie sollen uns Zeit zum Handeln geben, wenn etwas passiert.
Man könnte sagen, dass im Moment alles genau so verläuft, wie es gedacht ist. Irgendetwas hat unsere mit Zivilisten bemannten Spähposten, denn nichts weiter sind die Dörfer, lahmgelegt. Wir haben es bemerkt und handeln nun.«
Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf und streckte sich.
»Aber alles Grübeln und Spekulieren ist heute Nacht müßig. Begeben wir uns zur Ruhe, morgen haben wir eine Menge vor.«
Die anderen beiden Männer murmelten zustimmend und zogen sich zurück. Wenig später senkte sich völlige Stille über das kleine Lager.
Im Laufe der Nachtstunden war der Nieselregen in leichten Schnee übergegangen. Feine Flocken rieselten vom Himmel, schmolzen jedoch, sobald sie auf dem Boden auftrafen. Dennoch hatte sich der Winter zurückgemeldet und lange würde es nicht mehr dauern, bis sich wieder eine Decke aus kaltem Weiß über das Land legte. Ein leichter aber eisiger Wind wehte den Männern entgegen, als sie ihren Weg fortsetzten. »Ich bin bloß froh«, meinte Petre, der gerade seinen Platz an Baldrics rechter Seite einnahm, »dass wir jetzt unterwegs sind, und nicht in zwei oder drei Wochen. Der Winter kommt früh und schnell dieses Jahr. Wenn der Wind noch stärker weht, wird es jetzt schon verdammt ungemütlich.«
»In ein bis zwei Wochen«, gab Baldric zurück, »sind wir hier fertig, so oder so. Dann sind wir wieder in Moorwacht.«
Er wandte sich Stanislav zu, der ebenfalls dichter an ihn herangeritten war.
»Wenn wir dem Dorf nahe genug sind, schickt jeder einen Späher vor. Sobald sie Sichtkontakt mit irgendeinem Menschen bekommen, sollen sie sofort umkehren. Ich will nur sicher sein, dass der Weg frei ist, alles Weitere bringen wir in Erfahrung, wenn wir da sind.«
Der Weg war frei. Die Späher kehrten zurück, nachdem sie den Rand des Dorfes hatten erkennen können, ohne eine lebende Seele gesehen zu haben. Wagen und Gespanne blieben mit dem Landvolk zurück, während die Ordensbrüder sich am späten Vormittag formierten. Der Schnee rieselte leise vor sich hin, aber die Sicht war davon abgesehen klar. Die mittelschwer gerüsteten Reiter trugen Kettenhemden mit Topfhelmen und Reiterschilden, dazu leichte Stoßlanzen und Schwerter. Jeder Zweite trug außerdem eine Einhandarmbrust. Die kleinen Waffen verfügten nur über wenig Durchschlagskraft und Reichweite. Gegen ungepanzerte Ziele auf kurze Distanz waren sie aber durchaus effektiv, und mehr würde hier kaum nötig sein.
Die Rüstung der Brüder zu Fuß bestand ebenfalls aus Kettenhemden. Darüber trugen die Männer eiserne Brustharnische. Dazu gepanzerte Stiefel und Handschuhe sowie massive Eisenhelme mit Visieren. Ihre Bewaffnung schloss große Schilde und Schwerter ebenso ein, wie Streitkolben und die eine oder andere Streitaxt. Die erste Lanze, welche die vorderste Linie der engen Formation bildete, wurde von Baldric angeführt. Der Ordensmarschall selbst trug zur Kette Harnisch und Helm, genau wie seine Brüder. Darüber hinaus verzichtete er aber auf schwere Rüstungsteile, um seine Beweglichkeit nicht zu sehr einzuschränken. Am linken Unterarm hielt er einen mit Eisen beschlagenen Rundschild. Ein geflügelter Streitkolben in der Rechten komplettierte seine Ausrüstung.
Die ersten Häuser des Dorfes lagen in Sichtweite dunkel und still vor ihnen. Von der kleinen Siedlung her drang kein Laut zu den Männern hinüber und keine Bewegung war zu erkennen. Entweder war dieser Ort verwaist oder man hatte sie kommen gesehen und er war eine Falle. Stanislav und Petre standen mit ihren Reitern an den Flanken bereit, die Brüder zu Fuß bildeten einen kompakten Block aus Metall und Tod.
»Wenn wir angegriffen werden sollten, machen wir alles nieder was sich bewegt«, schnarrte Baldrics Stimme durch die kalte Luft.
»Ein paar Gefangene wären hilfreich, Priorität hat aber allein die Vermeidung eigener Verluste. Ich will zwischen diesen paar erbärmlichen Hütten nicht einen Mann verlieren. Wir marschieren zum Dorfzentrum und sichern dann von innen nach außen. Auf Brüder, der Tag ist jung, lasst uns sehen, was er uns zu bieten hat. Für den Lichtbringer.«
Die letzten drei Worte schallten aus dutzenden von Kehlen zurück, während sich die Gruppe wie ein Mann in Bewegung setzte. Der Trupp marschierte langsam und zielstrebig über das kümmerliche, nasse Gras, das am Dorfrand wuchs. Noch immer war das Klirren und Klappern ihrer Rüstungen und Waffen das einzige Geräusch, das außer dem Wind und dem Krähen einiger Raben zu hören war. Kein Hund bellte und die Luft trug keinen Rauch, weder von Kaminen noch von brennenden Gebäuden. Einen Wall oder eine sonstige Befestigung gab es nicht.
Die Siedlung bestand aus vierzig bis fünfzig lose formierten, einfachen Häusern, kaum mehr als stabilere Hütten. Sie lagen in Grüppchen in einem unregelmäßigen Halbkreis um den kleinen Dorfplatz herum. In der Mitte des Platzes, der nur aus festgestampfter Erde bestand, befand sich ein mehr schlecht als recht gemauerter Brunnen. Auf dem verschlammten Weg, der zur Straße hin führte, rückten die Templer langsam vor. Aus keinem der vereinzelten Schornsteine drang Rauch. Noch immer war es völlig still. Zwischen den Häusern regte sich nichts, weder ein Mensch noch ein Hund oder eine Katze. Die Brüder erreichten den Dorfplatz, und nachdem sie sich wortlos verteilt hatten, kamen bereits die Reiter zwischen den Häusern zurückgeritten. Auch sie hatten keine Spur von Leben finden können, geschweige denn einen Feind.
Stanislav und Petre wiesen sie Männer an abzusitzen und den anderen zu helfen, dann stiegen sie selbst von den Pferden und gingen zu ihrem Marschall hinüber. Baldric hatte seinen Schild inzwischen an den Brunnen gelehnt und den Streitkolben an einer Halterung an der Hüfte gehängt. Es war eine Sache, einen Schild unachtsam zu behandeln. Seine Waffe ließ kein Bruder unbeaufsichtigt.
»Jedes Haus, jeden Keller und jeden Dachboden«, rief er den Männern hinterher, »stellt alles auf den Kopf, ich will jeden Winkel untersucht haben.« In seiner Stimme schwang eine Schärfe mit, die von Enttäuschung zeugte. Das hier war mehr als unbefriedigend.
»Das ist so ziemlich das Letzte, was ich erwartet hatte«, sagte Stanislav, nachdem er sich zu ihm gesellt hatte. »Sieht aus wie jedes andere primitive Grenzdorf, nur ohne die Bewohner.«
»Und ohne Tiere«, knurrte Petre, »kein Hund, keine Katze, nicht einmal ein Huhn. Weder tot noch lebendig. Wenn hier nicht die paar Krähen von den Feldern wären, wäre es still wie in einem Grab.«
»Sind die Felder überprüft worden, oder sind die zu weit weg, um das auf die Schnelle zu erledigen?«, wollte Baldric wissen.
»Bin selbst kurz auf die südlichen Hügel da drüben geritten«, erwiderte Petre und deutete mit einer wegwerfenden Handbewegung in besagte Richtung. »Von da aus kann man zumindest einen Teil überblicken. Sieht aus, als wäre die Ernte voll eingefahren worden, würde ich sagen, aber keine Ahnung, wie lange das her ist. War jedenfalls bevor alle Menschen und Tiere beschlossen haben, woanders hinzugehen.«
»Nur, dass es hier im Umkreis von vielen Landmeilen nichts gibt, wo man hingehen könnte«, warf Stanislav ein. »Unser anderes verlorenes Dorf ist die nächstgelegene Siedlung. Danach kommen etwa eine Reisewoche nach Süden und zwei nach Norden die nächsten Ortschaften. Im Westen sind wir, im Osten ist nichts.«
»Wir werden sehen, was die Brüder finden.« Baldrics Stimme war nun wieder ruhig und beherrscht. »Ich nehme an, die Suche nach Spuren im Umfeld ist wenig aussichtsreich bei diesem Wetter?«
»Leider richtig«, stimmte Petre mürrisch zu, »bis gestern hat es genieselt oder geregnet. Der Boden hier ist eine undefinierbare Matsche, die jetzt langsam gefriert. Hier hätte vor zwei Tagen ein Dutzend Wagen vorbeifahren können, ohne das wir heute etwas davon sehen würden.«
»Warten wir also, mehr bleibt uns ja nicht übrig«, nickte Baldric resigniert. Das taten sie, und so war ihre einzige Handlung in den nächsten Stunden, das Wasser des Brunnens zu untersuchen. Es sah aus, roch und schmeckte wie klares, sauberes Wasser. Es war ebenso gewöhnlich, wie der Rest des Dorfes es gewesen wäre, wenn nicht jede Spur von Leben darin gefehlt hätte. Es war bereits früher Nachmittag, als Baldric, Stanislav und Petre mit den Hauptleuten der einzelnen Lanzen auf dem Platz am Brunnen standen. Die Berichte gaben ein einheitliches Bild. Obgleich es nirgendwo Anzeichen für einen Kampf oder sonstige Gewalt gab, war dieser Ort vollkommen verlassen.
»In einigen Häusern haben wir in den Kesseln angebrannten Haferbrei gefunden«, berichtete Bruder Jornholm, ein bulliger Mann aus der Nordmark gerade. »Hat nur noch gefehlt, dass der Tisch gedeckt und das Essen noch warm war. Wie in diesen Spukgeschichten für kleine Kinder.«
»Meine Männer haben eine Bäckerei und ein angrenzendes Haus, das offenbar als Kornspeicher genutzt wurde, durchsucht«, fügte ein kleiner, vernarbter Mann namens Geowin hinzu. »Wie es aussieht, haben sie die Ernte kürzlich eingefahren. Ist nicht viel, was sie an Vorräten haben, hätte aber gereicht, um sie einigermaßen über den Winter zu bekommen.«
Die anderen murmelten zustimmend. Es war in jedem Haus das Gleiche gewesen. Keine Spur von Gewalt, keine Spur von Leben. Die Wörter Spuk und Kindergeschichten fielen noch ein oder zweimal. Baldric wartete, bis alle fertig waren. Der Marschall glaubte weder an das eine noch an das andere. Er bedauerte nur, keine Priester mitgenommen zu haben. Ein Priester mit der Gabe Gottes würde sicher mehr sehen, als sie es vermochten. Irgendetwas Übernatürliches musste am Werk sein, dessen war er sich sicher. Mit Logik ließ sich das, was sie hier vorfanden, nicht erklären. Es gab nichts, wohin die Menschen hätten gehen können. Es war unmöglich, ein Dorf ohne Spuren von Gewalt auszulöschen. So einfach war das. Alles, was darüber hinaus ging, war im Grunde Sache der Geistlichen.
Er spürte die Blicke der um ihn stehenden Männer ebenso ratlos wie erwartungsvoll auf sich ruhen.
»Wir haben hier getan, was wir konnten«, sagte er schließlich. »Ich kann mir den Zustand des Dorfes ebenso wenig erklären wie ihr. Mehr werden wir nicht herausfinden, und wenn wir noch ein paar Tage lang jeden Stein umdrehen. Ich würde diesen Ort sichern und Priester heranschaffen lassen. Dafür fehlt uns aber durch den Wintereinbruch die Zeit. Bis die hier wären«, er machte eine wegwerfende Bewegung mit seiner kettenbehandschuhten Linken und ließ den Satz unvollendet.
»Wir werden also zusehen, dass wir weiterkommen, und zwar schnell genug, dass wir zum Einbruch der Dunkelheit ein gutes Stück von hier weg sind. Nehmt die Hälfte von dem Öl aus dem Wagen und lasst die Flammen ihren Dienst tun. Achtet jeder auf den anderen, dass kein einziger Gegenstand von hier mitgenommen wird. Das Feuer wird diesen Ort reinigen. Beeilt euch, damit wir noch ein gutes Stück Straße schaffen, aber arbeitet sorgfältig. Noch jemand etwas zu sagen?«
Es folgte ein synchrones Kopfschütteln der angesprochenen Männer. Ein Ausdruck von Erleichterung zeigte sich auf jedem Gesicht. Sie alle wollten diesen Ort so schnell wie möglich hinter sich lassen.
»Dann auf, Brüder«, sagte Baldric, nickte ihnen noch einmal zu und setzte sich in Richtung der Wagen in Bewegung. Sie hätten noch einen Tag lang das Umland absuchen können, um vielleicht auf den umliegenden Feldern oder den darauf befindlichen Scheunen etwas zu finden. Nach dem, was sie im Dorf vorgefunden hatten, sah Baldric ein solches Vorgehen allerdings als Zeitverschwendung an. Das Feuer würde der letzte Dienst sein, den sie an diesem Ort leisteten. Es war seit jeher das heilige Werkzeug des Lichtbringers. Symbolisch wie praktisch war es die beste Möglichkeit, um unsaubere Dinge zu säubern oder Licht in die Dunkelheit zu bringen. Es verrichtete seine Arbeit stets zuverlässig, ob an Seele und Fleisch eines Ketzers, einem durch Übernatürliches besudelten Dorf oder andern unreinen Orten und Dingen. Eben solchen, wie dieser hier einer zu sein schien.
Als die Ordensbrüder am späten Nachmittag abzogen, brannten die Häuser hinter ihnen lichterloh.
Keine Woche später stand Baldric erneut auf einem verlassenen Dorfplatz. Der Boden war steinhart gefroren und eine halbe Hand breit mit Schnee bedeckt. In den frühen Morgenstunden des gestrigen Tages hatte es stärker zu schneien begonnen. Die Flocken waren dicker geworden und in einem immer dichter werdenden Vorhang vom Himmel gefallen. Der Winter war da und würde das Land auf Monate in seinen eisigen Klauen halten.
Um Baldric herum durchsuchten die Brüder ein Haus nach dem anderen. Sie kehrten das Unterste zu oberst und vergaßen keinen Keller oder Speicher. Harnische oder andere schwere Panzerung trug niemand mehr. Das zweite Dorf, das den bezeichnenden Namen Ödbruch trug, bestand aus knapp siebzig Gebäuden. Diese reihten sich zur Linken und Rechten der Straße, die Äcker lagen hier direkt hinter den Wohnstätten der Menschen. Auf einigen war noch gut die Hälfte der spärlichen Ernte verblieben, andere waren größtenteils abgeerntet, alle waren verlassen. Ebenso verlassen und bar jeder Spur menschlichen oder tierischen Lebens wie der ganze Ort. Baldric lehnte sich an den Dorfbrunnen, der höher und besser gearbeitet war als der im vorherigen Ort.
Er ließ seinen kalten, eisblauen Blick über sie Szenerie schweifen. Sein Gesicht war beherrscht und verschlossen. Die tiefe Frustration, die in ihm fraß, sahen ihm nicht einmal Petre und Stanislav an. Für den Marschall war der Verlauf dieser Expedition in mehrfacher Hinsicht unbefriedigend. Zwar würde er die Sache ohne auch nur einen einzigen Verletzten melden zu müssen abschließen, doch war das Ergebnis mehr als enttäuschend. Natürlich war das nicht sein Verschulden oder das seiner Männer, aber es ärgerte ihn dennoch. Es gab jedoch etwas, dass schwerer wog, langsam gefährlich werden konnte und nur ihn allein betraf. Es war dieser innere, ständig wachsende Druck, der ihm Sorgen bereitete. Der Dämon in seiner Seele wollte gefüttert werden und das erhoffte Blutvergießen war ausgeblieben.
Baldric spürte, wie Leere und Unruhe in seinem Inneren immer stärker wurden, und wusste, dass er bald etwas dagegen würde unternehmen müssen. Es würde zehn bis vierzehn Tage dauern, bis sie wieder in Moorwacht waren. Aufgrund des heftigen Wintereinbruches war die Strecke unmöglich schneller zurückzulegen. Dann würde er sich irgendwo in den umliegenden Orten ein Mädchen besorgen müssen. Ein derartiges Unterfangen war um diese Jahreszeit ungleich gefährlicher als im Frühling oder Sommer. Außerdem schmeckte es nach persönlichem Versagen, hatte er doch fest damit gerechnet, dass diese kleine Exkursion hier ihm bis zum nächsten Jahr Ruhe bringen würde.
Er konnte nur auf einen baldigen Erfolg bei der unfreiwilligen Jagd hoffen. Und darauf, dass es dann bis zum Frühling vorhielt. Die Hoffnung, sich auf der Expedition durch ein kleines Blutbad Erleichterung verschaffen zu können, hatte sich nicht erfüllt. Manchmal genügte es schon, ein paar Gegner zu töten, um den Dämon für eine Weile zum Schweigen zu bringen. Es war nicht in erster Linie der sexuelle Aspekt, den er zu befriedigen versuchte, wenn er ein Mädchen fing.
Бесплатный фрагмент закончился.
