Читать книгу: «Nacktgespräche»

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Inhalt

Impressum 2

Vorgespräch: Geschichten hinter Schweißperlen 3

Proteine auf der Flucht 7

Horden schwuler Hooligans 15

Toleranz ist eine Straßennutte 23

Der Seelenfresser 38

Wenn Darwins pinkeln 55

Sein Leben möchte er nicht haben 71

Online Retoure 1: Erotische Kusslippen 85

Online Retoure 2: Autistische Zombie-Babys 91

Hohlkopf der Woche 107

Sorry, Ahmet 115

Gehacktes halb und halb 120

Zwischen Beziehungsknast und Sauna-Asyl 131

Veganerin erlegt Jäger 140

Würmchen an der Angel 149

Erlogenes Glück auf dem Laufsteg 157

Sonne strahlt durch mehlige Knochen 165

Unterschätze keinen herumlungernden Politikerpenis 174

Telefon-Flat klingt zu Englisch 196

Hot Dogs beißen doch 200

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-930-9

ISBN e-book: 978-3-99107-931-6

Lektorat: Mag. Eva Zahnt

Umschlagfoto: Nina Sitkevich, Evgenii Naumov, Rolly Angga Wijaya | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Vorgespräch: Geschichten hinter Schweißperlen

Der deutsche Sauna-Knigge meint: In öffentlichen Saunen hat es gefälligst still zu sein. Atemlos ruhig, kein Pieps im schummerigen Licht, damit sich der nackte Mensch auf die Rinnsale des Schweißes konzentrieren und gleichzeitig sein Hirn konzentriert durchputzen kann.

Die Sauna meines Sportstudios hat zwar die typisch gleiche Optik, Bänke und Wandverkleidung ganz unspektakulär in durchgeschwitztem Holz, eine ständig von Fingerabdrücken übersäte Glastür, automatischer Aufguss, alternde Fliesen, metallische Wandhaken als einziges Interieur, die aufgesplitterte Lampenverkleidung fällt auf. Aber sie bietet kein Stillleben, keine Verbotsblicke fürs Reden, genau das Gegenteil, da sitzt eine vertraut redende Community drin. Menschen, die sich vielfach trotzdem nur namenlos kennen, aber regelmäßig an den Sportgeräten erleben. Das reicht für eine fast schon mehr gedankliche als körperliche Entblößung. Mit grandiosen Überraschungen, merkwürdigen Bekenntnissen und irritierenden Einblicken in verzwickte Lebenswelten, Inspirationen, gewöhnungsbedürftigen Sichtweisen.

Man erzählt mit souveränem Gesicht, was anderen oder woanders höchstpeinlich wäre. Rot schämende Gesichter passen tatsächlich nicht zu nackten Körpern, aber das kann nicht die wirkliche Erklärung für die unerschrockene Intimität in dieser Sauna sein. Wenn Persönliches preisgeben wird, gegensätzliche Ideen aufeinander prallen, greller Witznonsens hochkocht, traurige Momente das Lachen verätzen. Die Sauna erlebt sich als selbstorganisierte Theaterbühne, auf der im einen Moment ein verqueres Musical gespielt und kurz darauf sinnfreier Karneval inszeniert wird, dazwischen ein Schauspiel mit tiefgründigen Betroffenheitsszenen oder bloß ein verbales Armdrücken. Alles völlig ohne Plan, die Geschichten suchen sich ihren eigenen Weg und entwickeln sich gerade dadurch anders als üblich.

Zumal sich in diesem bunten Kommunikationstreiben jeder wohlfühlen kann. Niemand wirkt auffällig, selbst wenn sehr spezielle Wesensmerkmale pur zur Entfaltung gebracht werden. Etwa die Frau mit der großflächigen Tätowierung über dem Busen. Draußen Briefträgerin, hier drin erlebt man sie gelichtet, ihr Verhalten von den üblichen Alltagskonventionen freigelegt. Die meisten kennen sie, ihr akustisches Markenzeichen ist eine gejohlte, heitere Stimme, oft in einer Endlosschleife, kaum Sätze ohne vereinnahmende Lachsirenen. Bis sich niemand mehr wehrt, Widerstand gegen ihre offensive Art duldet sie nicht. Bevorzugt groovt sie durch die Gespräche anderer Leute und kommentiert ungefragt Äußerungen. Sie hat jederzeit die ganze Palette an möglichen Meinungen parat, von anstößig bis tief reflektiert, irgendeine passende Bemerkung findet sich immer auf dem Wühltisch ihrer Gedanken. Immer in lächelnde Laune verpackt, selbst ihre Schweißperlen machen Dauerparty.

„Patina nennt sich jetzt dein Glanz von irgendwann mal.“

Bevorzugt boshafte Töne, niemand kann ausweichen, und das meist in der ihr eigenen Botox-Sprache, also alles sehr gestrafft.

„Achte du bei deinen Bakterien auch gefälligst auf den Artenschutz!“

Genauso der Mann, dem diese Bemerkung einmal galt, er hat mit seinen nebensächlichen Auffälligkeiten nichts Aufregendes. Sie zählt ihn zu den belanglosen, aber umso enthemmteren Mitlachern, die nur ihre Poren und nicht sich selbst öffnen wollen. Seine Lachereien dürfen sich hier frei entfalten, weil sie mit dem monatlichen Studiobeitrag bezahlt sind, für seine Kommunikation mit Kollegen in der Kantine gilt das nicht.

Als anderes beliebig ausgewähltes Beispiel lässt sich die Mitsaunerin nennen, die manche unter uns als eine Muse der Sauna bezeichnen. Zuständig für seelisches Kuscheln, mit vielen auf den Holzbänken verbandelt, ein großes Gespür für Verletzlichkeiten und abseitige Mentalitäten. Gerne schweißige Freundschaftsumarmungen, sie hilft mit ihrem Geburtstagsgedächtnis aus, streichelt fröhlich oder tröstend durch nasse Gesichter. Eine Frau mit goldenem Mund, ihre Anwesenheit löst sanftere Wortwechsel aus, lautere Stimmen bleiben dann die Ausnahme. Sie richtet immer so lange ihre Aufmerksamkeit auf jemanden, bis sich jemand einmischt, der auf andere Schönheiten des echten Lebens pocht, und dann tritt sie auch entspannt beiseite.

Tatsächlich, es gehört zur unausgesprochenen Regel, dass hier jeder seine ganz persönliche Duftnote abgeben darf. Das gilt auch für den häufig anwesenden Mann in den Fünfzigern, lustige Halbglatzenfrisur mit Spaß an akademischer Sprache. Genetisch hätte es wohl auch bei viel Bemühen in jüngeren Jahren nie zu einem Beachboy gereicht. Zu seinen Lieblingen gehören jene Charaktere, die mit ihren besonders ausgeprägten Eigenarten fast automatisch für Spektakel sorgen. Prallen sie zusammen, zieht er seinen launigen Spaß.

„Wenn selbstverliebte Sixpacks auf fleischgewordene Abrissbirnen treffen.“

Ausgerechnet sowas passierte natürlich nicht, genauso wie die Charakteristik, die von Menschen im Vordergrund steht. Sondern es sind die Geschichten, die aus den Konfrontationen dieser Menschen und ihrer Themen entstehen. Unterhaltsame wie spaßvolle und berührende Momente. Unbedingt erzählenswert, ich habe einige von ihnen protokolliert, damit sie nicht mit unserem Schweiß im Abfluss versiegen.

Herausgekommen ist ein Band mit Nacktgesprächen, Streifzüge durch Lebensüberraschungen von Menschen und ihren in der Sauna freigelegten Auffälligkeiten. Das gilt etwa für den Wildschweinjäger mit ökosexueller Beziehung zu einer Veganerin, das Vergewaltigungsopfer und seine aggressive Offenheit, die versteckten Hilferufe eines Rentners und seine altersverzweifelten Dating-Ambitionen. Ebenso der Migrant, der mir die Augen öffnete, wie viel Vorurteile manche meiner Alltagsmeinungen offenbaren.

Ganz anders bei dem nackten Politikerpenis, der in mir abstruse Gedanken entfachte, oder die Frau, die den großen Trend nach narzisstischer Individualität als moderne Droge geißelt. Sie das Gegenteil eines Diktaturliebäuglers, der in akademischen Theorievokabeln absolutistischen Staatssystemen das Wort spricht, aber letztlich nur sein grundgesetzlich verbrieftes Recht auf Dummheit geltend machen konnte.

Von solchen Gedanken ist ein anderer ergrauter Mann weit entfernt, er ließ uns stattdessen seinen traurigen Kampf gegen die Zeit miterleben. Der Versuch, seiner krebskranken Schwester noch schnell den Wunsch zu erfüllen, sich einmal wenigstens für ein paar Minuten als Model zu fühlen, misslang. Einer meiner Herzhelden in den Nacktgesprächen.

Proteine auf der Flucht

Dicere argentum, silere aurum est. Ohne Latinum, deshalb lieber auf Niederländisch? Spreken is zilver, zwijgen is goud. Es ist das Sprichwort von Silber und Gold, das dazu auffordert, den Mund manchmal besser auf stumm zu stellen, gilt fast überall auf der Welt. Die Finnen, Perser und Türken kennen es, genauso die Japaner und Araber oder Kroaten.

Nur haben ihn seine testosteronschwangeren Hirnzellen schlecht beraten. Sie haben ihn reden lassen statt zum nächsten Kraftgerät weiterzuschicken.

„Ganz viel Eiweiß, das knallt richtig rein, ein Omelette mit zehn Eiern direkt nach dem Training. Glaub mir, brauchst du jeden Tag, weiß jeder.“

Dieser artikulatorische Dummfall ist erst mal der Schlusspunkt eines längeren Statements des muskelstarken Kerls. Eigentlich sehr schicke Proportionen, von den Schultern runter bis zu den Waden. Was trotzdem gegen optische Sympathiepunkte spricht, ist seine eigenwillige Körperbemalung. Entweder die ganz spezielle Kreation eines unverstandenen Künstlers oder durch die Hand eines Tattoo-Legasthenikers entstanden.

Sein Statement richtet sich an seinen Kumpel rechts neben ihm, kantige Figur eines Billy-Regals, Kontrastprogramm zu der Bizeps-Maschine. Dabei wollte er gar nicht so genau wissen, warum manche ständig diese Eiweißmengen benötigen, ganz unabhängig davon, dass ihm das Krafttraining völlig artfremd erscheint. Trotzdem hatte er brav zugehört und dabei immerhin interessante Sachen erfahren. Dass Muskeln zu einem Großteil aus Eiweiß bestehen und dass Protein-Shakes nichts für seinen Bizeps-Kumpel sind, sie könnten immerhin aus schlechtem Eiweiß bestehen.

„Jedes Kilo von deinem Körpergewicht braucht jeden Tag zwei Gramm Protein, echt jeden Tag von Montag bis Freitag und auch am Wochenende“, klärt der auf. Das summiert sich bei ihm nach seiner klugen Rechnung auf ungefähr zweihundert Gramm. Er würde sich meistens noch einen Nachschlag gönnen.

„Viel hilft viel und wenn zu viel, dann strullst du’s wieder aus.“

Der Muckiträger strotzt vor Selbstüberzeugung, und er sonnt sich darin, dass er nach seinem mathematischen Exkurs in einige wissbegierige Blicke schauen darf. Läuft bei ihm.

„Die Proteine killen dein Fett und machen das zu mega Kraftfleisch,“ sagt er und bringt seinen Oberkörper durch eine seitliche Drehung in eine Präsentationsposition.

„Kollege, guck mich an! In ein paar Wochen hab ich über neun Kilo mehr Muskeln gekriegt.“

Wie viele Wochen es tatsächlich waren, lässt er offen und überhaupt: Wurden Muskeln früher nicht in Krafteinheiten statt anhand der Gewichtszunahme gemessen? Habe ich etwas falsch verstanden?

Egal, seine Erfolgsbotschaft geht aus einem breit lächelnden Mund heraus, auf seinen Lippen funkeln Glückshormone.

„Richtig Tonnen stemmen und danach einen geilen Eierkuchen. Du darfst nur nicht lange warten, weil beim Powern die Muskeln geil auf Proteine werden. Du musst dir die Eierkuchen ganz direkt nach dem Training machen, innerhalb einer Stunde reinstopfen.“ Willkommen im Bizeps-Seminar.

Einigen Gesichtern sehe ich ihre ungläubigen Gedanken an, selbst seinem Kumpel erscheinen diese Mengen Proteine suspekt.

„Kriegt dein Magen dann keinen Koller bei so viel Eiweiß?“ Gutes Hochdeutsch aus einem mitteleuropäischen Wohlstandsgesicht, fetter Basston im Wortklang.

„Nix, null Nebenwirkungen, wirklich. Ist gesund. Du musst nur viel trinken, die Nieren brauchen das.“ Sicher, und Petersilie verzwergt durch Helene Fischer-Beschallung auf eine kaum sichtbare Höhe?

Sein anschmeichelnder Blick tastet sich nach rechts und links durch die Gesichter der anderen. Er wünscht Beifall dafür, dass er uns diese Erkenntnis mitgeteilt hat. Sie bleiben aber still.

Bis auf Rüdiger. Er bekommt von mir diesen Namen, weil nach meinen Gedankenbildern Männer in seiner Erscheinung typischerweise Rüdiger heißen. Untersetzt, quadratisch, den Kalorien sehr zugetan, Glatze bis zu den Knöcheln herunter. Ein Geschenk für lästerhafte Augen.

„Täusche dich mal nicht! Sehr wohl rebelliert dein Körper, wenn du ihn ständig mit zu großen Mengen Eiweiß versorgst.“

Warum mischt er sich jetzt ein? Ist es überhaupt angebracht, mit einer derart unterlegenen Muskelperformance den Besserwisser spielen zu wollen? Natürlich, warum nicht? Wo es FKK gibt, sieht je nach ästhetischem Anspruch auch mindestens die Hälfte der Nackten genetisch zweifelhaft aus, meinungslos müssen sie trotzdem nicht sein. Erst recht wie in Rüdigers Fall, wenn optische Schlechtnoten durch etwas intellektuellen Habitus verbessert werden können. Was nicht jeder anerkennt.

„Vergiss es Kollege, lass es. Ich merke nichts, absolut nichts.“

Die Gegenwehr des Kraftstrotzers wirkt vor allem trotzig. Seine Tonlage ringt um Selbstbewusstsein, seine Stimme verliert an Kontrolle, auch die Gesichtszüge beginnen einen unruhigen Tanz. Er spürt, dass seine Selbstverteidigung nicht ausreichend funktioniert, er kramt deshalb schnell nach einem hoffentlich offensiven Argument. Es kommt nur ein allgemeiner Widerspruch dabei heraus.

„Was überall normal ist bei Muskelsportlern, soll bei mir auf einmal scheiße sein?“ Er merkt selbst, wie blass er gerade daher kommt, deshalb wiederholt er trotzig:

„Vergiss es, Kollege!“

Rüdiger bleibt unbeirrt. Er weiß es besser und er will deutlich machen, dass er es besser weiß. Mir erschließt sich nicht, warum er bei so einem für uns alle trivialen Thema auf Konfrontation macht.

„Warte ab, auf einmal kriegst du fürchterlichen Mundgeruch und dein ganzer Körper beginnt gewaltig nach Nagellackentferner zu duften. Klasse Perspektive, oder?“ Es folgt ein Nachschlag mit arrogant erscheinender Gewinnermiene:

„Lass im Kopf mal einen Film ablaufen, wie dann dein nächstes Date abgeht.“

Es entsteht eine Mischung aus spontanem Lachen, amüsiertem Stirnrunzeln und feixendem Augenspiel um die beiden herum.

„Woher willst du das wissen? Vielleicht hast du Ahnung von Fettzellen, aber wir reden hier ja über Muskeln.“

Attacke, endlich versucht er, Rüdigers körperliche Nachteilserscheinung zu einem Treffer für sich zu machen. Doch der lässt die Anspielung regungslos an sich abgleiten, sie rinnt wie der Schweiß an seinem Körper herunter. Dafür zündet er eine nächste Salve.

„So ganz nebenbei kriegst du auch noch ziemliche Verdauungsprobleme und obendrein öfter schlechte Laune. Ewig auf dem Klo hocken und ständig Stress mit allen um dich herum, beste Grüße von deinen Proteinen.“

Rüdigers emotionsblasse Mimik lässt immer noch nicht erkennen, was es ihm bringt, sein Gegenüber als aufgepumpten Schönling zurechtlegen zu wollen. Dass er irgendetwas in dieser Hinsicht verfolgt, lässt sich kaum noch übersehen. Positiv interpretiert stecken edle Motive dahinter: Ihn aufklären und Bewusstsein für die möglichen Konsequenzen eines starken Eiweißkonsums zu schärfen. Also ein bisschen den sozial verpflichteten Gutmenschen geben.

So sieht’s für mich aber nicht aus. Eher glaube ich langsam aus seinem aufleuchtenden Mienenspiel herauslesen zu können, dass er die seltene Chance nutzen möchte, einem an Körperschönheit völlig überlegenen Kerl endlich mal so richtig eine in die Fresse geben zu können. Einfach nur aus neidischer Lust.

Jedenfalls lässt er nicht locker und wird immer gezielter.

„Ist dir beim Blick in den Spiegel schon mal aufgefallen, dass sich einige deiner Proteine scheinbar nicht wohl fühlen und deshalb wieder die Flucht nach draußen angetreten haben?“

Mir erschließt sich dieser Satz nicht direkt, der Muskulöse versteht diese Beschreibung ebenfalls nicht, jedenfalls reagiert er mit einem Unverständnisblick. Er fühlt sich provoziert.

„Willst mich ankotzen?“

Was sich bei seinen anfänglichen Erzählungen zu der Proteinzufuhr so vergnügt anhörte, hat sich nun in eine defensive, fast kleinlaut-piepsige Stimme verwandelt. Selbstzweifelnde Grinsefalten überlagern nun sein Gesicht. Hat er doch eine Vermutung, was Rüdiger mit den flüchtenden Proteinen gemeint haben könnte? Und fühlt er sich deshalb im Klammergriff?

Ja, er ahnt es nicht nur, sondern er weiß es sogar genau. Rüdiger hat ihn in der Ecke, und überhaupt, er sei Doc, offenbart er. Sein Blick fixiert die Akne-Pusteln auf den Schultern.

„Schau dich mal im Spiegel an, viel Ausschlag. Der kommt garantiert von einem Übermaß Whey-Protein. Hab ich recht, zu den Eiern schluckst du noch Whey-Shakes?“

„Was für Dinger?“, fragt jemand.

„Hochkonzentrierte Präparate für die Muskelzucht“, schlaut ihn Rüdiger auf und nagelt seinen zunehmend dominanten Blick starr in die Augen des Muskelmodels.

„Sag einfach, mischst du dir das?“, penetriert er.

Der wendet erst sein Gesicht ab, seine Pupillen wandern unruhig über den Boden, nach längeren Sekunden antwortet er mit dem zerrissenen Selbstbewusstsein eines Ertappten.

„Ja schon, manchmal, aber nicht oft.“ Leichte Vibrationen in der Stimme, Muskeln machen doch nicht selbstbewusster, während sich Rüdiger auf der Zielgeraden fühlt. Er kann seine Häme endgültig nicht mehr verbergen. Oder will es nicht.

„Lass es, du tust dir nichts Gutes! Das Zeug kommt als Proteine bei dir durch die Tür und flüchtet als Eiter irgendwo wieder raus.“ So verpackt man vorgegebene Fürsorglichkeit in einer Splitterbombe. Aber er wird je nach Sicht noch deutlicher oder noch gemeiner.

„Die Hässlichkeit von Akne übertrumpft die Schönheit von Muskeln, sie lassen einen unappetitlich aussehen.“

War das jetzt ein böses Foul oder ein faires Tackling? Die meisten um die beiden herum, ich auch, schauen uns betreten an. Von niemandem kommt eine Rote Karte, mir tut der Gefoulte sogar ein bisschen leid. In meiner ersten Reaktion. Und in der zweiten Reaktion finde ich ihn nun einfach waschlappig, ihm ist mental völlig die Puste ausgegangen. Keine wilde Empörung, wenigstens einen böslaunigen Protest loswerden. Doch nichts, gar nichts geschieht.

Stattdessen nur der Versuch, mit künstlich-souveränem Lächeln irgendwie Haltung zu wahren. Diese selbstbetrügerische Gesichtsmaske von Menschen, denen das Wasser bis zur Unterlippe steht, die aber wenigstens in Würde untergehen wollen. Noch ein kurzer Blickwechsel mit seinem möbelformigen Buddy, seine Gedanken durchlaufen einige Kontrollschleifen seines Hirns, dann kommt endlich eine Reaktion von ihm und sie überrascht auch noch.

„Gib zu, du bist nicht wirklich Arzt?“ Blickpause, fast bettelnd: „Stimmt’s?“

Rüdiger zieht lässig die Augenbrauen hoch, bringt seine Gesichtszüge in einen selbstzufriedenen Spaßmodus und rückt seinen Oberkörper zurecht. Alles zusammen macht sein Doppelkinn erkennbarer als vorher.

„Nichts von dem, was ich gesagt habe, war falsch. Und ja, Doc bin ich auch.“

Warum verklausuliert er seine Antwort?

Rüdiger bekommt seine Sonnengrimasse nicht mehr weg, ein rundes Standbild.

„Natürlich bin ich Arzt.“ Kunstpause, keine Bewegung in seinem Gesicht.

„Tierarzt.“

Mittellautes Schmunzeln um ihn herum, nur kurz von einem empörten Zischen einer zierlichen, spätreifen Frau weiter links von ihm unterbrochen. Und ja, auf einmal wird das Muster seiner Story erkennbar. Fehlt jetzt nur noch das Leckerchen für unsere Muskelschönheit.

Horden schwuler Hooligans

Neumitglied im Sportstudio, es könnte schlimmer kommen, trotzdem.

„Was geht? Kann ich dir helfen, dich hier zurecht zu finden?“ Eine gnadenlose Frage, so gut gemeint wie entblößend.

„Oh nein, lieben Dank, wirklich nett von dir, aber das ist wirklich nicht nötig.“ Freundliche Atmosphäre zum Einstieg, aber als hilfsbedürftig identifiziert werden? Never, Sport geht leicht.

Selbstsicher von sich gegeben, nur anders gedacht. Niemand soll aus den schüchtern herumirrenden Gesichtsbewegungen der Novizen herauslesen, wie gerne man in dem Dschungel an monströsen Geräten eine erste grundsätzliche Orientierung bekommen würde. Der Stolz spricht dagegen, das Ego stößt kräftig in die Rippen, egal ob Frau oder Mann: Nicht die kleine Maus geben, geht’s noch peinlicher?

Solch ein Zwiespalt wiederholt sich täglich, sobald Neulinge die Klippe der Anmeldung überwunden haben und sich möglichst unerkannt unter die Horde der offensichtlichen Besserkönner mischen wollen.

Dabei war irgendeinmal jeder einmal gymgrün hinter den Ohren. Geschlüpft als muskelbedürftiges Geschöpf, das unsicher durch die komische Gerätewelt tappert. Inmitten mystischer Metallmaschinen mit irgendwas dran, das man drücken, ziehen oder sonst wie bewegen muss. Unverständlicherweise geben andere bei dem persönlichen Konflikt mit den so anstrengend bedienbaren Hebeln und Griffen eine weitgehend souveräne Figur ab.

Der Gegenentwurf sind solche, die zwischen Hanteln sozialisiert worden sind. Rechts neben mir beobachte ich zwei solcher Exemplare. Der eine als Poolboy gut vermittelbar, bräunlicher Teint, der Körper ein einziger Bizeps. Den anderen, optisch mit südfranzösischem Akzent, würde man auch gut untergebracht kriegen. Sie verschlingen die Muskelpowergeräte mit einer imposanten Leichtigkeit der Reihe nach durch.

So etwas wahrzunehmen, kann für den durchschnittlichen Frischling nur Frust erzeugen. Sie scheitern bereits daran, eine halbwegs nutzbare Gebrauchsanweisung für die einschüchternden Studio-Accessoires zu finden. Irgendetwas, das ihnen sagt, wie sich die unsympathischen Apparaturen vielleicht zu Best Buddies umfunktionieren lassen. Wenigstens eine Prognose bekommen, wie den Geräten in absehbarer Zeit eine gewisse Kooperationsbereitschaft abgewonnen werden kann. Die Geräte können ruhig ihren Spaß an den mutig gestarteten und grandios gescheiterten Versuchen haben, irgendwann beim Kampf gegen die überflüssige weiche Körperphysiologie ein Einsehen bekommen.

Viel Wunsch, wenig Realität. Die Apparate bleiben in den ersten Sessions ziemlich unergründlich und stur. Da bleibt den Debütanten wenig anderes übrig, als das Gesicht zu wahren. Mit gekünsteltem Selbstbewusstseinslächeln in betont modischem Trainingsoutfit, Frauen auch gerne mal mit aufgetakelten Haaren und grellroten Lippen, um die klobigen Geräte herum tänzeln und sie um kleine Freundschaftsdienste bitten. Viel Wunsch hilft wie gesagt wenig, Geräte kennen keine Freundschaften und auch bei netter Zuwendung keine Gnade. Auf den Gedanken, es mit verführerischen Kosenamen oder Küsschen an irgendeine Stange zu versuchen, sollte man gar nicht erst kommen. Dann bockt die Muskelmaschine noch mehr, sie will Gewichte spüren und keine Romantik.

Deshalb wenigstens mal so tun als ob. Hier mal etwas drücken, dort ein bisschen drehen, ein bisschen angestrengt atmen. Abguckende Blicke, hoffentlich bemerkt niemand die Ungeschicklichkeit. Was nicht schlimm wäre, denn viele kluge Menschen sind schon grandios an Ikeas Inbusschlüssel gescheitert. Nur finden diese Niederlagen nie unter öffentlicher Beobachtung statt.

Natürlich gibt es auch welche, die ohne Grund gewaltige Naturtalente in sich spüren und den Kraftmaschinen direkt ungestüm ihren Willen aufzwingen wollen. Viele Gewichte auflegen, Gedanken an Selbstüberschätzung aus dem Kopf verbannen, typische Attitüde von Männern zwischen Anfang zwanzig und Ende dreißig. Doch Metall ist härter, sehr viel härter, also keine gute Idee, sekundenschnell verwandelt sich Euphorie in Versagergefühle. Was es nicht hinzunehmen gilt, also schnell wieder das Selbstbewusstseinslächeln zeigen, an dem Gerät muss irgendetwas nicht stimmen. Neuer Versuch beim nächsten Maschinentyrann.

Oder die Niederlage eingestehen und den Hilfsbedürftigen geben? Das bevorzugte Verhaltensmuster der Altersgruppe ab Anfang vierzig. Solche Neumitglieder zeigen sich häufig optisch auffällig, Menschen nach der Bauhausidee: „Form follows function“. Hauptsache man funktioniert, die Form darf ruhig etwas eigenwillig bis diskussionswürdig erscheinen.

Passend dazu ihr Klamottenstyle. Schon länger ausgesonderte Höschen und Shirts, zum Auftragen beim Sport eignen sie sich aber immer noch. Für sie spricht, dass sie sich wissbegierig und hellhörig zeigen, sobald jemand von Fitnessplänen spricht.

Zwei Männer mit unterschiedlich vielen verzichtbaren Kilos haben dieses Thema heute in der Sauna angezettelt. Beide könnten Bankangestellte sein, vielleicht auch Beamte, mittlerer Dienst beim Finanzamt. Einer mit ständig verwegen zuckenden Pupillen, ich tippe auf Sternzeichen Skorpion, bekanntermaßen leidenschaftliche und aufmerksame Menschen, sie können auf manchen Gebieten allerdings auch sehr verbissen sein.

Sein Nebenmann ein Pi-Mal-Daumen-Mensch. Unscheinbares Gesicht, eine Erscheinung ohne nette Auffälligkeiten, auffälligstes Merkmal sein gewölbter Bauch. Beide in den Fünfzigern, frische Zufallsbekannte im Sportstudio, beide vor einigen Tagen Mitglied geworden. Gleiche Situationen verbinden.

„Wie trainierst du, hast du Erfahrung und ein paar Tipps?“ Der Skorpion-Mann möchte das wissen. Unentschlossenes Achselzucken seines Kumpels, etwas Spitzbübisches sticht aus seinen Augen hervor.

„Mich erst mal jedem Gerät persönlich vorstellen, sagen wie ich heiße, ihre Namen erfragen und was sie so können, ein bisschen streicheln, etwas Schönes ins Ohr flüstern und weiterschauen. So wie das bei Parship funktioniert.“

Lachen, warten auf seine Fortsetzung.

„Irgendwann dann fragen, ob sie eine Idee haben, wie wir es gemeinsam hinkriegen können, dass sich meine Kilos verflüchtigen. Wegen Parship und so.“

Er röhrt sein Lachen heraus, zeigt einen ziemlich entspannten Umgang mit seinem wuchernden Speck, aber auch kein sonderlich großes sportliches Draufgängertum.

„Mal sehen, wer die Challenge gewinnt, diese Kraftteile hier oder meine Kalorienlieblinge?“ Schokolade, Chipstüten und die Tiefkühlpizzen sind gemeint.

Er will uns amüsieren, allerdings macht er mit dem bewusst offen gehaltenen Ergebnis ein völlig falsches Angebot. Weil Unwissende potenziell willfährige Opfer für solche Helferleins sind, die ihre größte persönliche Erfüllung darin finden, andere Menschen mit selbstüberzeugten Ratschlägen ungefragt für sich zu gewinnen.

Dieser Methode bedienen sich auch die TV-Shops in den Nachtstunden, wenn zahlungswillige Schlaflose nach Euphorisierendem gieren. Sie nutzen die Notlage der Menschen aus, indem sie sich als beglückende Konsumbefriediger geben und den Zuschauern Botenstoffe ausschütten helfen. So entstehen gute Kopfkissen für den Schlaf, bis die Rechnung kommt.

Hier und jetzt sind es natürlich keine Glückssuggestionen aus dem TV, sondern ein Ewigschlanker mit Selbstbewusstseinsshow, schon auf den ersten Blick und nachher noch mehr äußerst unsympathisch. Er mischt sich ein, sofort eine Spur zu überdosiert, die beiden Fitness-Rookies scheint es nicht zu stören. Im Gegenteil, sie reagieren freundlich zugewandt und neugierig, persönlich angesprochen zu werden hat etwas Gerngesehenes in der Fitness-Family.

„Ein Freund, wirklich guter professioneller Trainer, war Leistungssportler. Der hat mich mal in echt gute Übungen eingeweiht. Die wirken garantiert gegen Übergewicht, wirklich bei jedem. Das ist die exenderische Methode.“

Seine Äußerung selbst benickend, mit Gesichtsausdruck eines Geheimnisträgers redet er weiter. Er würde demnächst selbst Kurse anbieten, gegen Gebühr, eine neue Existenz aufbauen. Vorher müssten noch ein paar alte Probleme gelöst werden, zwei ursprünglich gute Freunde hätten ihn in eine Privatinsolvenz geritten.

Möchte da jemand den Sperrmüll seines Lebens vor uns auskippen? Und musste er ungefragt die Körperfülle der beiden zur Sprache bringen? Auch wenn kilobehaftete Körper längst keine Diskriminierungsfläche mehr bieten, wäre vorsichtiges Feingefühl angebrachter gewesen.

Der mögliche Finanzbeamte möchte mehr wissen.

„Exenderisch?“ Das Wort habe er noch nie gehört. Überdurchschnittlich schlau, schließlich gehört die gehobene Sprache nicht zu den herausragenden Kompetenzen in den Finanzamtsbüros.

„Du meintest sicher exzentrisch?“

„Nein, exenderisches Training ist das“, beharrt er. Im Amateursport würde kaum jemand diese Methode kennen.

„Immer nur kurz trainieren, dabei aber immer die ganze Power rausgefahren. Skifahrer machen das auch so, guck dir mal ihre fetten Beinmuskeln an.“

Eine Stimme hinter mir aus der Kategorie Klassenbester beim Pisa-Test mischt sich ein.

„Du redest Unsinn, es gibt nur das Wort exzentrisch, nichts anderes.“ Frontaler Angriff aus dem Nichts, er belässt es nicht dabei, sondern erklärt: Das wäre tatsächlich eine spezielle Form von Krafttraining, mit der man Bizeps und andere Muskeln schneller aufbauen könnte.

„Das hab ich doch auch gesagt“, piepst der Worterfinder rein, mit der Konsequenz, dass ihm unser Aufschlauer unverzüglich einen bösen Blick zuwirft und seine Worte eine Stimmfarbe bekommen, die keinen Widerspruch zulässt.

„Hilft dir ein Trainingspartner zum Beispiel, die Hanteln hochzudrücken, dann ist das Anheben mit fremder Kraftunterstützung die konzentrische Phase. Das anschließende Runterlassen mit der eigenen Muskelkraft, was dann wesentlich anstrengender ist und die Muskeln schmerzen lässt, nennt sich die exzentrische Phase. So einfach ist die Methode, kein Hokuspokus, lässt sich überall in Trainingsanleitungen finden.“

Schlau, schlau, auch für mich neu. Vor allem verständlich erklärt.

Nur, macht so eine Trainingsmethode Sinn für die beiden Fitness-Novizen? Wohl nein. Macht sie schlanker? Wohl auch nicht. Zumal der Aufschlauer hinter mir noch anfügt, diese Methode würde hauptsächlich auf einen krassen Muskelzuwachs abzielen, allerdings kein Fett verbrennen. Hat der Exenderisch-Schlaue überhaupt kapiert, was er anderen mit freundlicher Empfehlung für einen Unsinn unterjubeln will? Drittes Nein.

Das Problem für ihn: Er kriegt jetzt nicht mehr die Kurve, weil spätestens nach diesen Aufhellungen dem Pi-Mal-Daumen-Mann Zweifel gekommen sind. Er hatte die kurze Diskussion mit einem ultrabreiten Dauergrinsen begleitet und kommt jetzt mit einem eigenen Beitrag.

„Ihr irrt, ihr seid Torfköpfe, beide. Exenderisch ist die neue Sportart, in Skandinavien entstanden. Da dreschen Horden schwuler Hooligans mit Prada-Taschen aufeinander ein.“

Gröhlende Sauna, lustige Bilder entstehen im Kopfkino, auch der Trainingsmethodenspezi hinter mir wird karnevalistisch mitgerissen.

„The winner is, wer mit seinen High Heels den perfektesten Vierfach-Toeloop hinkriegt.“

Körperintensives Lachen der Leute, die Holzbänke vibrieren etwas. Dem Pi-Mal-Daumen-Mann gehört das Finale.

„Nächstes Jahr gibt es die erste Exenderisch-Weltmeisterschaft, findet bei den Italienern statt.“

Sein halsbrecherisches Lachen überschlägt sich. Mühevoll zwingt er den nächsten Satz heraus, seine Augen haben den Worterfinder im Visier.

„Mach sie fit dafür, die brauchen dich.“ Die nächsten heraus geprusteten Worte lassen sich nur noch erahnen.

„Exenderisches High Heel-Training ist die Zukunft, da tut sich eine ganz neue Marktlücke auf.“

Toleranz ist eine Straßennutte

Viel Herbst auf der Straße, zwei kurz aufeinander folgende Schauer haben mich bis auf die Haut durchnässt. Nicht nur deshalb schlechte Laune. Im Eingang wartet ein Mädel, beidhändig auf Krücken gestützt. „Better limp than crawl“, sagen große Buchstaben auf ihrem Shirt, sie macht’s mit Selbstironie.

Später, nach der diesmal schwerfälligen Trainingssession, überwiegend an Cardio-Geräten, dringt mal wieder ein lauter Wortwechsel durch die gläserne Saunatür. Nicht wirklich borstig, sogar mit einigen höheren Tönen, und doch kontrovers. Ich bekomme nur Diskussionsfetzen mit, weil der Duschstrahl zu stark auf den Kopf prasselt und meine Ohren füllt. Doch die reichen mir, ich identifiziere einen sattsam bekannten Nervgrund: Jemand sitzt im Saunalaken eingehüllt auf der Bank, die intimen Körperstellen völlig bedeckt, während andere nach Vorschrift nackt schwitzen. Textilumhüllt saunen geht nicht, ein silberfarbenes Schild, vielleicht fünfzehn mal zwanzig Zentimeter groß, verweist extra darauf. Jeder muss sich entblößen, gültig für alle. Doch da sich nicht jeder daran hält, zetteln Vorschriftsmeckerer immer wieder Streit an.

Warum pochen sie unbedingt auf völliges Nacktsein? Ihre Augen könnten sich doch ungehemmt voyeuristisch betätigen, sich genüsslich an den Schamlippen oder Gemächten der anderen Saunahocker bedienen, in abendlichen Stoßzeiten ist noch mehr für die Augen drin. Sogar fetischistische Blicke könnten sie ungeschoren umher tanzen lassen.

Ein Perser und ein Norddeutscher liegen diesmal im Clinch. Der Ausländer, Ende dreißig, etwas athletisch, allein durch sein Lächelgesicht eine Bereicherung. Sehr abweichend die Anmutung des anderen, ein checkheftgepflegter Grauhaariger in den Fünfzigern, seine dröhnige Stimme klingt deutlich lauter. Ich vermute in ihm einen Pauschalurlauber mit Frühbucherrabatt-Fetisch, immer eine Reiserücktrittsversicherung dabei. Ein Beziehungswaise, dessen mal mehr und mal weniger hektisches Augenzucken nichts Gutes ahnen lässt. Er gehört zum Typ Mensch, von dem in den ersten Sekunden spürbar negative Energie ausgeht und für den das Sympathie-Ranking nur hintere Plätze übrig hat. Vorsorglich unterstelle ich ihm noch, er würde frühmorgens Hotelliegen am Pool mit Handtüchern reservieren. Für sich allein, sein täglich kleiner Sieg.

Natürlich denke ich das klischeehaft, aber erstens klebt an jedem Vorurteil auch ein klein bisschen Wahres und zweitens braucht mein misslauniges Gemüt gerade einen Gegner.

Als ich die Tür öffne und ihn das offenbar stört, stockt er in seinem Redefluss. Nur kurze Sekunden, bis er sich den nächsten Satz im Kopf zurechtgelegt hat.

Sie trennt offenbar deutlich mehr als der Meinungsstreit darüber, wie ernst die Enthüllungspflicht zu nehmen sei. Sie fixieren sich, Stirn zu Stirn, kampfeswillig. Noch ein tierisches Röhren dazu, dann wäre es ein Hirschkampf. Vielleicht hat sich der Perser in den Brunftplatz des Grauhaarigen gewagt.

„Denk, was du willst, freier als hier kriegst du’s nirgendwo“, sagt der Hellhäutige, die Finger beider Hände miteinander verschränkt, reibende Handflächen. „Rückgrat zeigen heißt auch, sich zu Regeln zu bekennen.“

„Wenn Regeln zu den Menschen passen, dann ja und nur dann“, klingt es ihm entgegen, trocken ausgesprochen. Kopfschütteln des Persers, es kommt von ganz tief, seine Augen verlieren sich dabei, Falten auf der Stirn. Er gibt ein Friedensangebot von sich, mit nun zugewandter Stimme, das Kampfgeweih zurückgezogen. Schneller als ich mich überhaupt in die Situation hineindenken konnte, hat er wieder abgerüstet.

„Wir haben hier ganz einfach nur die Kontroverse, ob ich mir beim Saunen ein Handtuch umschlagen kann oder, wie das Schild sagt, komplett entblößt sein muss. Belassen wir es einfach dabei, dass wir da unterschiedlich denken? Und genießen die Saunahitze, ok?“

Doch falsch kalkuliert, der Grauhaarige besteht auf seiner Position, er bleibt in seiner starren Besserwisserstimmung.

„Wenn du bei mir rumfragen könntest, jeder kennt mich als überaus tolerant und genauso als sehr gutmütig, das würdest du überall hören. Aber das Schild hängt nun mal nicht umsonst da. Was ihr bei euch macht, ist eure Sache, bei uns gibt es diese Regel.“

Warum auch immer will er den verbalen Handtuchstreit stur weiterführen und tritt bei dem Perser, vermutlich ungewollt, sogar aufs Eskalationspedal. Ein Wort mit hoher Reizkraft zündelt.

„Du sprichst von Toleranz, dann zeige hier doch deine Toleranz! Sag einfach: Ist ok, wie du hier sitzt! Aber nein, deine Toleranz scheitert bei dir doch schon an diesem kleinen Problemchen“, sein Ton bekommt wieder das Röhrige eines brünstigen Hirschs.

„Ich sag dir eines: Toleranz ist oft eine Straßennutte, ganz billig käuflich. Der Mensch gönnt sie sich besonders dann, wenn sich dafür ein persönlicher Vorteil einstecken lässt. Lauf mal zwei Tage mit fremdländischem Gesicht herum oder gib dir mal einen arabischen Namen, dann begreifst du, dass dir das Gegenteil von Toleranz jeden Tag zig Mal in die Eier tritt!“

Er stockt mit nachdenklichen Gesichtszügen und hochgezogenen Augenbrauen, Meinung und Diktion verschmelzen. Wie weit ist die Empörung von der gedanklichen Vision eines Fausthiebs entfernt?

Seine Muskeln an Oberkörper und Beinen scharren sichtbar mit den Hufen, sie wollen anders als sein Kopf, aber er bleibt kontrolliert. Ein Haufen aggressiver Traurigkeit.

„Sobald an eurem liberalen Verständnis ein Preisschild hängt, also sobald man merkt, dass es irgendetwas kostet, machen die Menschen ganz schnell einen ganz großen Schritt zurück. Ein dunkelhäutiger Kita-Erzieher, außerdem noch männlich und keine Frau, muss das bei den eigenen Kindern unbedingt sein? Besser nicht, der würde meinem Kind nur was Falsches von der Welt erzählen.“

„Ich versteh nix mehr“, meldet sich der eben noch dröhnig laute Grauhaarige ein bisschen gelangweilt. „In welcher Welt bist du gerade, was ist dein Thema? Ich will nur, dass bitteschön die Saunaordnung eingehalten wird, für alles andere such dir andere Opfer.“

„Dein Preis wäre es, hinzunehmen, dass dich andere völlig nackt sehen, umgekehrt jedoch nicht. Bereits daran scheitert deine Toleranz, das ist mein Thema.“ Es ist der Versuch des Persers zu sehen, seinen Atmen wieder gleichmäßiger herunter zu regeln.

„Mein Thema ist vor allem, dass ich nicht weiß, ob du das Handtuch meinst oder mich als Mensch mit fremdländischem Aussehen. Denn ich weiß, dass sich alle gerne ein Toleranzetikett auf die Stirn klatschen, aber viele von tolerant so weit entfernt sind wie das Hühnerküken vom Einser-Abi.“

Grinsen bei einigen der Umhersitzenden, gute Auflockerung, Punkt für ihn, sein Gesicht spricht jedoch eine völlig andere als spaßige Sprache. Zusammengepresste Lippen, tiefe Mundwinkel, er hält nur kurz inne. Weiter Gas geben oder den Fuß vom Pedal nehmen? Er entscheidet sich für die direkte Variante.

„Ich meine nicht die mit innerlich festgetackerter Aversion gegen Ausländer, die geben sich keine Mühe, unerkannt zu bleiben, die erkennt man sofort. Ich meine die, die sich hinter ihrem freundschaftlichen Grinsen verbergen. Bei denen Fremdengenuss und Fremdenbedenken Tür an Tür in einem Kopf wohnen und die je nach Bedarf mal die eine und mal die andere Karte ziehen. Für beide Alternativen immer Argumente parat, so wie es gerade passt.“

Seine klare und korrekte Sprache zu den differenzierten Aussagen beeindruckt mich.

„Ein klasse Deutsch sprichst du“, meine ich ihn loben zu müssen und ernte eine Ohrfeige.

„Versuche gar nicht erst zu erraten, wie oft ich solche dummen Sätze schon gehört habe, meist aus zutraulich geformten Lippen. Finde ich alles andere als amüsant.“

Sein Blick fixiert mich sekundenlang, er transportiert für lang anhaltende Sekunden eine ungeheure Schärfe.

„Gutes Persisch können nur die Perser und deine Sprache in Gut können wirklich nur Deutsche? Wie dumm ist das gedacht?“

„Bitte?“ Es sollte ein ehrliches Kompliment mit direktem Bezug zu mir sein, sage ich ihm, da mein eigenes Fremdsprachentalent eher kärglich ausgeprägt ist und mich seine Satzkonstruktionen sprachästhetisch umso mehr begeistern. Dass es spürbar sei, wie er die deutsche Semantik innerlich lebe.

„Akzeptiert, aber dann akzeptiere auch meine Verärgerung“, äußert er mit einem selbstbejahenden Nicken und will schnell wieder zu seinem eigentlichen Diskussionspunkt zurück, zur fremdenfreundlichen Liberalität als Lippenbekenntnis. Mich lässt er wieder beiseite und bezieht mich nicht mal mehr im Augenwinkel ein, der Grauhaarige ist ihm wichtiger.

„Scharenweise Menschen laufen mit falschen Ideen und Motiven hinter ihren freundlich gesonnenen Gesichtern herum.“

Sein Satz wird von den plötzlichen Geräuschen in der Sauna fast geschluckt, einige Leute geben sich gerade die Klinke in die Hand, ein unruhiges Hinein und Heraus. Der Perser wartet geduldig, bis wieder mehr Ruhe herrscht.

„Mit den falschen Gesichtern meine ich Menschen, die ihre eigene Kultur grundsätzlich als am wertvollsten darstellen und dies Menschen anderer Herkunft deutlich spüren lassen, statt die Verbindung zueinander zu suchen.“

Es klingt nach tiefen Verletzungen, dass seine Aussagen sich in neu formulierten Sätzen zunehmend wiederholen. Der grauhaarige Mitfünfziger, der gerade noch eine entspannte Körperhaltung eingenommen hatte, aus der ich ableitete, er wolle keinen weiteren Clinch führen, findet darin ein Stichwort, das nun seine Energie neu entfacht.

„Das ist Heimatstolz, was gibt es gegen Heimatstolz einzuwenden? Hast du den nicht auch? Dann wärst du zu bedauern.“

Meine Klischee-Schubladen in mir machen sich wieder bemerkbar. Das Wort Heimatstolz höre ich nicht gerne in diesem Kontext von Toleranz, es klingt sehr abgrenzend, umso mehr, wenn das Wort extra wiederholt wird. Entweder sieht der Perser die kleine Zündschnur nicht oder er will sich davon nicht irritieren lassen.

„Heimatstolz kritisiere ich gar nicht, ja natürlich gibt es ihn auch bei mir. Er ist sogar ganz groß, aber nicht überbetont. Dadurch führen die verschiedenen Kulturen zu sehr ein Parallelleben und versuchen zu wenig wie Zahnräder ineinanderzugreifen. Das macht das Miteinander so fürchterlich schwierig und verführt Menschen zu unnötigen Konfrontationen, sehen wir doch jeden Tag.“

Sinnierend fixiert er den Mitfünfziger. Für mich wird nicht erkennbar, ob er ihn mit seinem Blick missionieren oder auf die Anklagebank setzen will, eben schon und jetzt immer noch nicht.

„Es entstehen Missverständnisse und daraus wird Kapital geschlagen. Und weil das so einfach geht, werden gerne klar beabsichtigt Missverständnisse gesät, das funktioniert als Methode immer.“

Sein Gegenpart wuschelt mit der rechten Hand durch die Haare und präsentiert auf seiner hochgezogenen Stirn eine überpointierte Verwunderung.

„Gehört es nicht auch zur Neigung des Menschen, sich gegenseitig Noten zu geben? Überall wird gewertet, also darf ich doch auch zu der Meinung kommen, dass ich meine Lebensgrundsätze besser finde als die von anderen. Steht mir dieses Recht nicht zu?“

Einige auf den Holzbänken beobachten den Dialog, niemand zeigt sonderliches Interesse, sich einzubringen. Schade, etwas Gegenwind würde die Atmosphäre farbiger machen, vielleicht liegt’s am Iraner, an seiner dozierenden Kritik.

Und dem stellt sich die Frage nach besseren oder schlechteren Kulturen gar nicht. Die Verschiedenartigkeiten gegenseitig als positive Ergänzung zu verstehen und Brücken zueinander zu bauen, das wäre eine hervorragende Aufgabe, argumentiert er nun.

„Die Vielfalt dieses Planeten von ihren Grenzen befreien, das ist ein spannenderer Gedanke als sich gegenseitig Noten zu geben. Dann verfeinden wir uns auch nicht mehr wegen völliger Nebensächlichkeiten, ob hier jemand mit oder ohne Handtuch am Leib sitzt.“

Mir fallen direkt Menschen ein, die solche Sätze als feuergewaltigen migrantischen Angriff bezeichnen würden. Auch ein Onkel väterlicherseits. Muslime sind für ihn VW-Käfer mit lahmen 34 PS, ganz ohne Elektronik. Für Europäer und Amerikaner hat er das Bild der BMWs und Porsches, vielfach mehr PS, da quietschen die Reifen beim Anfahren und intelligente Assistenzsysteme sowieso. Das hatte er als witzigen Vergleich auf der Hochzeit seiner Tochter Melani von sich gegeben. „Wer so spricht, hat ein Alkoholproblem“, flüsterte mir damals sein Sohn zu und schob mich vorsichtshalber beiseite, um mich vor weiterem zu schonen. Und ja, es war Alkohol im Spiel.

Der Perser atmet jetzt deutlich hörbarer. Seine Gedanken scheinen seinen ganzen Körper erfasst zu haben, manche Sätze klingen nun herausgepresst. Er denkt beim Sprechen in sich hinein, es könnte böser herauskommen, wenn er äußern würde, was er empfindet.

„Was hilft es uns, wenn jeder dem Nachbarn am Gartenzaun seiner eigenen Kultur abschätzig zuruft, seine Äste würden herüber ragen? Wir müssen die Gartenzäune gegenseitig öffnen, allein das kann der Weg sein.“

Er nickt selbstbestätigend vor sich hin. Mehrmals, auch wir sollen damit gemeint sein.

Schnelle Reaktion des Liegestuhlreservierers. Er fühlt sich, war zu erwarten, an die Wand gestellt und kontert mit einer Liste Wohltaten der Kultur seiner Gesellschaft. Der persönliche Einsatz vieler Menschen während der Flüchtlingskrise zum Beispiel, große Integrationsbemühungen in der Politik, mutige Bürger würden für ihre Selbstlosigkeit öffentlich ausgezeichnet, die Meinungsfreiheit nennt er auch.

„Ist alles in den Verfassungen verbrieft, darauf werden Eide geleistet.“ Und mit dem Mienenspiel eines Menschen, der kein Interesse an langen Diskussionen hat, sondern seine Meinung widerspruchslos respektiert sehen will: „Aber wie sieht es in Wirklichkeit woanders aus?“

Auf der obersten Sitzbank erzeugt jemand Unruhe. Ein älterer Herr verliert beim Heruntersteigen etwas seine Koordination, muss sich an fremden Schultern auffangen, ihm sind die ungewollten Körperberührungen peinlich. Der Perser beobachtet ihn unbeteiligt, er sucht Argumente für seinen Widerspruch zusammen, er nennt sie in ruhiger und mindestens ebenso selbstsicherer Stimme wie sein Meinungskontrahent.

„Du siehst nur, was du sehen möchtest, öffne mal ein bisschen deine Augen. Nimm die Zerrissenheit zwischen den Völkerstämmen in den arabischen Ländern, nimm die Reibereien der verschiedenen Ethnien. In den USA werden Schwarze schneller abgeurteilt als Weiße, und das, obwohl Amerika der moralische Sheriff auf diesem Planeten sein will. Bei uns knöpft man sich die Juden wieder vor. Sowas ist für dich eine tolerante Welt?“

Wieder unterbricht er sich selbst, zeigt sich nachdenklich und setzt dann mit einem fragenden Gesichtsausdruck fort.

„Wir müssen, glaube ich, mal einen ganz anderen Blick entwickeln, uns wohl zu dem Mut aufraffen, anzuerkennen, dass Selbstlosigkeit und die Freude an sozialer Harmonie nicht zu den zentralen Wesenszügen der Menschen gehören, sie sind nicht automatisch da, wir müssen sie mit großer Anstrengung entwickeln. Und dafür müssen wir erkennen lernen, dass in jedem von uns auch eine egoistische Gestalt steckt, die uns zu ihrer Marionette machen will.“

In dem Migrantengesicht würde ich jetzt gerne sehen, dass seine Skepsis nur stimmungsgeleitet und weniger seine Überzeugung ist. Denn so einfach im Vorbeigehen möchte ich mir meinen Glauben an die Toleranz nicht zerfleddern lassen. Ich werde enttäuscht, er denkt genauso, wie ich es lieber nicht hören möchte.

Sein Oberkörper senkt sich etwas nach hinten, er legt den Hinterkopf auf der höher gelegenen Sitzbank auf. Wirkt unbequem. Er sinniert, streckt dann den Kopf wieder empor, will nochmal für seine Meinung werben, lässt es aber erst mal doch.

Auch der Vorschriftsmeckerer beschränkt sich auf ein distanziertes Schmunzeln, seine Blicke geistern ziellos in dem Saunaraum herum. Ich würde mich gerne entziehen, zu grundsätzlich und zu abstrakt wirkt die Diskussion auf mich.

So schwitzen wir eine Zeitlang unbeteiligt vor uns hin.

Doch dann: Attacke, unerwartet, mit einer Stimme wie die einer verstimmten Gitarre. Der Perser bekommt seine zweite Luft, der Ausgangspunkt scheint ihn nicht loszulassen.

„Deine Toleranz hört genau ein paar Zentimeter vor dem silbernen Schild mit der Entblößungspflicht auf. Du wolltest dir gar nicht erst Gedanken machen, warum sich Menschen wie ich nicht nackt in der Öffentlichkeit zeigen, du hast sofort mit deutschen Vorschriften argumentiert. Kein Widerrede, keine Toleranz, hier herrscht Ordnung, schau gefälligst auf das Schild, das ist deine Wahrheit und deine Toleranz!“

Was ist passiert? Wieso jetzt die neue Spannung, warum zum Geweihkampf zurück? Für mich so schnell nicht zu ergründen.

„Du verwechselst Toleranz und Ordnung, mein Lieber.“ So will der Perser zwar gerade nicht angesprochen werden, zumal ihm jetzt eine Stimme in gleicher Schärfe wie die eigene entgegen schlägt. Aber er mag noch zuhören.

„Mit klaren Ordnungsvorschriften funktioniert es zwischen Menschen, Toleranz steht hinter den Regeln. Nimm das Kinderkarussell, da läuft alles geordnet, genau das ist meine Erwartung. Dagegen bewegst du dich auf dem Autoscooter, wo sich alle ohne Regeln gegenseitig ins Visier nehmen. Dort ersetzen dicke Stoßfänger die Regeln, willst du mir sagen, dass Leben mit dicken Stoßfängern schöner wird?“

Der Vergleich amüsiert, passt so auch nicht ganz, aber der Perser wird müde. Soll er trotzdem gegenhalten?

Nein, erst mal nicht, alles sieht nach einem Patt aus. Beide im Rückzug, die Augen auf sich selbst konzentriert, Frieden. Bis der Grauhaarige nach zwei, drei Minuten die Frage stellt, wo der Perser geboren sei.

„In Karadsch, eine größere Stadt, nicht weit von Teheran entfernt.“

„Schon länger in Deutschland?“

„Seit 13 Jahren.“

„Verheiratet?“

„Ja, und sogar mit einer deutschen Frau.“ Er lässt die Antwort von einem ernst wirkenden Zufriedenheitsgrinsen begleiten, neues Lebenszeichen.

„Glückwunsch, dann scheinst du gut integriert zu sein. Vermute ich mal, gilt das auch beruflich?“

„Auch da. Maschinenbauingenieur, promoviert, fester Job, perfekt zertifiziert nach deutscher DIN-Norm.“

Er betet die Antworten herunter, auswendig gelernt, die Fragen belustigen ihn. Nach winzigen Pause ein offensives Grinsen, es erzählt eine fast schon durchtrieben erscheinende Selbstsicherheit:

„Brauchst du einen Vorzeigemigranten, willst du mich buchen? Bezahlt wird mit ein paar Exemplaren der deutschen Verfassung, Spesen in bar.“

Sein Fröhlichkeitsreservoir ist inzwischen wieder gut aufgefüllt, er lacht und weiß, dass er ein gutes Blatt in den Händen hält. Während ich erst in mich hinein horche und dann frage.

„Macht ihr hier ein Verhör?“ Ich schaue beiden abwechselnd in die Augen, nur von einem kommt eine Reaktion.

Die Duschen klingen gerade wie die Regenschauer vorhin draußen.

„Präzise erkannt.“ Der Iraner nickt vergnügt, ihm ist die Routine anzumerken, mit derartigen Fragen hinterlistig provoziert zu werden und die Konfrontation dann doch immer souveräner als Sieger zu beenden.

Ob das bei seinem jetzigen Gegenüber genauso läuft? Der zeigt zunächst keine Gefühlsreaktion auf den ironischen Unterton des promovierten Maschinenbauingenieurs, nach etwas Überlegung dringt jedoch aus biederen Mundwinkeln eine böse Reaktion nach draußen.

„Um ein gutes Mitglied einer Schafherde zu sein, muss man vor allem erst einmal ein Schaf sein, hat Einstein gesagt.“ Gesprochen fast im Stechschrittrhythmus.

Er schaut in die Runde und will sich selbst bestätigen. „In dem Satz steckt viel Substanz drin, oder?“

Er zwingt mich zum Überlegen. Einstein war der Mann mit der Relativitätstheorie, aber was hat sie mit der Diskussion hier zu tun? Mir erschließt sich kein Zusammenhang. Dass sich in der Buchung eines reiserücktrittsversicherten Pauschalurlaubs relativ viel Schaf verbirgt? Bestimmt nicht, Schafe sind gutmütige Wesen und intelligent. Sie können sich beispielsweise zwei Jahre lang über fünfzig Gesichter ihrer Artgenossen merken.

Eine andere Alternative, seine Äußerung zu entschlüsseln: Er ist das schwarze Schaf und wir tolerieren ihn relativ gutmütig? Oder hat er einfach nur Viertelwissen aufgeschnappt? Sinfonien an Denknuancen traue ich ihm jedenfalls nicht zu.

Letztlich egal, ich muss jetzt eingreifen, mich beschleicht die Idee einer ganz anderen Interpretation!

„Wenn wir den Einstein mal weglassen: Du willst wissen, wie viel Gramm Deutsches in ihm steckt?“

Ich glaube jetzt sogar, dass er das so meint. Die Empörung klopft in den Adern meines Kopfes und drückt sich auch in meiner Stimme aus. Gerne hätte ich noch angefügt, wie armselig er für mich rüberkommt. Ich halte diese Bemerkung nur deshalb zurück, weil ich letztlich nur Außenstehender ihres Gesprächs bin. Was an meiner Verärgerung jedoch nichts ändert. Soll er doch im nächsten Leben eine Sandschaufel werden.

Hatte ich erwartet, dass er mir eine scharfe Antwort entgegen wirft, so entwickelt sich die Situation erst mal anders. Seine Reaktion wirkt mimisch und klingt stimmlich besonnen, fast sogar liberal, typische Gesichtszüge eines verständnisvollen Freundes.

„Mag sein, dass nicht alle meine Standpunkte teilen, ich ihre genauso wenig.“ Seine Augenbrauen gehen nach oben.

Aber Vorsicht, meine Intuition hebt den warnenden Finger. Solche rund gelutschten Äußerungen sprechen Politiker oder Menschen mit dunklen Motiven. Sie sollen einschläfern und entpuppen sich dann als Startrampe für ein böses Geschoss. Und genauso kommt es auch, er wird beleidigend. Unterschwellig zwar, doch genau drin steckt die fiese Methode.

„Dir fehlt noch ein wenig das Talent, Kulturunterschiede in ihrer soziologischen Bedeutung betrachten zu können.“ Seine Kritik formuliert er stilistisch erhaben wie populistisch, doch genau darin steckt ihre kalkulierte Wirkung.

„Klär mich auf, was du angeblich besser weißt“, fordere ich angesäuert ein. Wie angenehm waren im Vergleich zu ihm heute die Regenschauer.

„Frag mal deine Frau Google, vielleicht oder bestimmt kann sie dir Nachhilfe geben.“

Der Iraner bekommt Spaß an unserer Konfrontation. Schelmisches Augenzucken, da ich den Vorschriftsmenschen nun an der Backe habe und er sich aufs Zuschauen beschränken kann.

Ich möchte mir mit ihm weder ein Beleidigungsduell liefern noch in einen rhetorischen Schaukampf ziehen oder gar von ihm gezogen und am wenigsten durch lehrerhafte Attitüden belästigt werden. Einerseits, die andere Seite gewinnt jedoch die Oberhand.

„Wie armselig, dass du dich mit einem willkürlich herbei gekramten Zitat erhöhen willst und anderen damit die Laune stiehlst.“ Energische Stimmen in mir drängen mich dazu, ihm einen Tritt in seine empfindlichste Stelle, in seine Überheblichkeit, zu verpassen. Und so passiert es auch.

„Arroganz ist die Kunst, auf die eigene Dummheit stolz zu sein.“

Kaum habe ich den Satz ausgesprochen, plappert er sofort los. Etwas, was er vermutlich bereits im Kopf vorformuliert hatte, denn es kommt gänzlich ohne Bezug auf meine bewusst angelegte Attacke.

„Einsteins Zitat besagt, dass nur gut zusammen passt, was sich sehr ähnelt. Schafe passen nur zu Schafen und nicht zu Wölfen oder Eichhörnchen. Unterschiedliche Wesensarten können nie dauerhaft eine harmonische Einheit bilden, so einfach und so richtig.“

Das ist der Hammer! Entsetzt blicke ich zum Perser hinüber, er sucht mit seinen Augen Halt in meinem Gesicht, wir starren uns an. Hatte er das jetzt wirklich so gesagt? Das macht ja alles noch schlimmer! Wirkte er anfangs nur unsympathisch und charakterlich etwas spärlich, aber jetzt?

Noch während ich überlege, ob und wie ich seine Äußerung kommentieren soll, da übernimmt der Perser schon das Wort. Seine beiden Hände greifen zum Kopf, der bewegt sich automatisiert nach rechts und links, in seinem Gesicht zeichnet sich die Angst vor Geröllmassen ab. Die immer dicker werdenden Blutadern am Hals zeigen mir, dass er sich bemühen muss, einen Kontrollverlust zu vermeiden.

„Ersetze Schaf durch Mensch, dann hast du den richtigen Link zur Wahrheit.“ Ein unruhiges und stechendes, aber auch trauriges Augenspiel, beide Hände wandern nervös über seine Oberschenkel, seine Stimme wird langsam.

„Um ein gutes Mitglied der Menschen zu sein, musst du vor allem erst einmal ein Mensch sein.“ Pause. Blicke können gnadenlos sein, und sein Blick in die Pupillen des dicklichen Beziehungswaisen übertrifft diese Wirkung noch. „Und wieso bist du noch hier?“

Es sind für heute seine letzten Worte. Er bringt seinen schlanken Körper in eine horizontale Schwitzlage, legt beide Handflächen auf sein Gesicht und beendet das Migrantenverhör. So angefressen und trotzdem so souverän wie alle vorherigen Verhöre in den letzten dreizehn Jahren, er hat sie nicht gezählt.

Und ich blicke den Frühbucher an, denke an sein Leben. Das T-Shirt des Mädels von eben kommt wir wieder in den Sinn: „Lieber humpeln als kriechen.“

Der Seelenfresser

So richtig polternde Orkane haben nichts Herzerfrischendes, auch nicht in der weiblichen Namensversion. Doch wenn sie sich zusätzlich noch voyeuristisch offenbaren, sind sie nicht einmal jugendfrei. Der Wirbelstürmin Friederike ist das zuzuschreiben. Sie zeigt sich auf ihrem Rückzug zwar deutlich milder gestimmt, hatte jedoch seit gestern Nachmittag bis tief in die Nacht hinein wie eine unterbezahlte, frustrierte und auch noch voyeuristische Domina gewütet. Dabei muss man sie deshalb nicht mal schief angucken. Denn nach üblicher psychischer Diagnose liegt eine tiefgreifende Störung weder beim zeitweiligen Voyeurismus zur sexuellen Ersatzbefriedigung noch bei einer Dominanzlust mit Peitschenecho zugrunde. Alles ein ganzes Stück normal bei der Orkanin.

Tina, sie führt öfter mal unseren Hund aus, erlebte die Bestie hautnah. Das erzählt mir heute Vormittag die Nachbarstochter Hanna, beide in der gleichen Mädelsclique. Obwohl vertraulich mitgeteilt, das Versprechen sogar mit großem Ehrenwort besiegelt, rotierte die Story schnell quer durch Hannas gesamte Adressliste, reichlich Likes und Emojis als Antworten. Die Orkanin soll gewaltsam in das bettmäßige Rumgemache von Tina und ihrem Freund Max eingebrochen sein.

„Wie das?“

Hanna ließ mich mit ihrer Schilderung im Stil einer Trash-Reporterin die Geschichte ziemlich detailliert nacherleben. Demnach hatte eine angriffslustige Böe ein beträchtliches Loch in das Dach der Mansardenwohnung des Pärchens gerissen und sich mit brünstiger Fratze in Tinas Bett breit gemacht. Es schickte peitschenden Regen hinterher, scheuchte Mobiliar, Flatscreen und Klamotten durch den Raum. Alles in Bruchteilen von Sekunden, ganz knapp vor dem orgastischen Lustfinale. Präzise in dem Moment, in dem Menschen üblicherweise einen ekstatischen Sturm mit 10.000 Volt quer durch ihren Körper spüren wollen: Panische Katastrophenängste statt ein Herzliches Willkommen in der G-Zone.

Wobei ich zugeben muss: Mein Kopfkino tanzte sich schnell in eine gemeine Schadenfreude hinein, ohne sich mit schlechtem Gewissen aufzuhalten. Mal ehrlich, wer grinst nicht auch gerne mal in dem Moment mitleidslos in sich hinein, wenn jemand auf obskure Weise Pech hat? Mitleid stammeln und sich die Fingernägel in die geballte Hand pressen, um zu passenden Gesichtszügen zu kommen. Musste ich aber gar nicht, weil Hanna nicht die bedauernswerte Betroffene war und sich mein inneres Grinsen zu einem lauten Brüller entfalten konnte.

„Dabei war das Vorspiel noch ganz harmlos“, witzelte sie. „Pass auf, jetzt wird es erst richtig krass, pass auf.“

Und ja, was sie dann erzählte, deckte sich mit unser aller Lebenserfahrung. Nämlich, dass eine noch so beschissene Situation immer noch viel Luft nach oben hat, um noch beschissener werden.

Arme Tina, armer Max. Denn der erzwungene Verzicht auf den finalen Orgasmus wäre in dem Augenblick nicht ihr vordringlichstes Problem gewesen. Sondern es war die Shades of Grey-Spielerei, in der sie sich gerade befanden. Das allererste Mal probiert, grandios lusterweiternd empfunden, doch genau dadurch schnappte die Falle zu: Einer von beiden war mit Handschellen festgebunden. Fluchtunfähig und die schnaubende Domina Friederike vor Augen. Inmitten ihres windigen Getöses und weiter unten berstender Dachbretter musste ganz schnell der kleine rettende Schlüssel gefunden werden. Der war sicherheitshalber mit einem Metallring am Griff einer Lederpeitsche befestigt, doch wo in dem plötzlichen Durcheinander dieses Spielzeug jetzt schnell finden?

„Wer von beiden zappelte denn hilflos am Bettgestell?“

Hätte auch Hanna allzu gerne gewusst, diese Frage ist jedoch trotz der ansonsten sehr freimütig preisgegebenen Details zumindest bis zum Zeitpunkt unseres Telefonats offen geblieben. Dafür erzählte sie von einem zusätzlichen Schwierigkeitsgrad bei der Suche, zwei Hausbewohner von der Etage darunter hämmerten wild an der Wohnungstür. Aufgeschreckt durch den Krach des berstenden Dachs und hineinbrechender Dachziegel waren sie in Aufruhr und wollten wissen, was passiert sei. Lautes Rufen, immer kräftigere Faustschläge gegen die Tür, jammerndes Kreischen auf der anderen Seite als Antwort.

Endlich, das SM-Spielzeug mit dem Schlüsselchen wäre schließlich doch gefunden worden. Tina soll dann ebenso splitternackt wie ihr Freund zur Tür gerannt sein, hätte sie aufgerissen und wäre dann von wilden Angstlauten begleitet ins Treppenhaus und dann nach unten geflüchtet. Eine Mitbewohnerin soll sie anschließend versorgt haben, die Feuerwehr wäre gekommen, das Pärchen ausquartiert, Inventar in Sicherheit gebracht.

Wer sich die Sexutensilien unter den Nagel gerissen habe, sofern sie überhaupt noch auffindbar waren? Darauf wusste Hanna keine Antwort, aus irgendwelchen Gründen betrete ich mit dieser Frage im Kopf die Sauna. Und dort ist Friederike sofort wieder präsent.

Vielleicht liegt es an den Resten an Angstgefühlen, die das noch nicht ganz abgezogene Sturmtief ausgelöst haben, dass sich heute so unzählig viele höheren Alters in die Sauna gezwängt haben. Nackt eng aneinander gekuschelt, nur wenige Zentimeter Schamdistanz zwischen einander. Solche Stoßzeiten gibt es immer wieder nachmittags an Sonntagen, doch heute ist Mittwoch.

Beim Eintreten schwallen mir Gesprächsfetzen entgegen. Dass wegen des Sturms Züge unterwegs stoppen und stundenlang auf freier Strecke stehen bleiben mussten, Autos auf überfluteten Straßen wegschwammen, Häuser abgedeckt wurden, Friederike erzählt sich in vielen Variationen. Windgeschwindigkeiten von über zweihundert Stundenkilometern sollen es gewesen sein. Klingt nach Ausnahmezustand, einige dichten noch ein bisschen an persönlicher Besorgnis oben drauf, so dramatisch hätten sie es noch nie erlebt. Viele nicken.

Dabei hat die Natur selbstverständlich nicht erst durch Friederike so gewütet, doch die meisten Menschen sind gerade in einer erregten Gefühlsverfassung. Gegenseitiges Bestätigen von Meinungssätzen und zustimmendes Kopfnicken schafft Verbundenheit, solange keiner auffällig aus der Reihe tanzt. Ich ahne in dem Moment nicht, dass heute noch kräftig getanzt werden wird.

„Gut, wer einen SUV hat“, greift einer von den oberen Sitzbänken das vorher wohl schon intensiver diskutierte Thema der weggeschwemmten Autos noch einmal auf. Klobiges, schweres Material könne sich eher gegen flutenden Wasserdruck wehren.

Niemand geht darauf ein, er nimmt einen neuen Anlauf, betont effekthaschend für Unterhaltungsbedürftige.

„Seniorenunterstützungsvehikel.“

Das plakative Wort fällt auf, tatsächlich recken sich mehrere in seine Richtung. Mit seinem langweilig zu einem Strich geformten Mund mit sich kaum bewegenden Lippen gelingt es ihm trotzdem nicht, Witzigkeit zu erzeugen. Wenigstens die gerade erlangte Aufmerksamkeitschance ein bisschen nutzen.

„SUV-Fahrer sind stählerne Ichs.“

Nicht besser, ihm egal. Ihm geht es nicht um kreative Bemerkungen, sondern nur darum, einfach ein bisschen den Ton anzugeben. Zu dumm, dass diese platte Typisierung schon vor Jahren ihre beste Zeit hinter sich hatte, sich aber offenbar nicht beerdigen lässt und sich noch bis in die letzten Ecken der bildungskritischen Spezies vorgräbt. Er meint die Fahrer und ebenso die Mamataxi-Fahrerinnen, die sich in erhöhter Sitzposition durch viel Blech um den Körper herum sicherer fühlen und mutiger das Gaspedal durchtreten. Sagt man, nimmt man je nach Standpunkt genauso wahr, ist vielleicht so, trotzdem so intelligenzfrei wie der nächste Witzversuch von ihm.

„Weicheier in Ritterrüstung.“

Klingt nach Freigeist, riecht nach Dorf.

Nicht nur deshalb entsteht ein Bruch, die eben noch angeheiterte Stimmung hat ihren Gegner gefunden. Von jemandem, dem äußerlich betrachtet niemand Casting-Ambitionen für den neuen James Bond unterstellen würde, der stattdessen jedoch vor grünem Selbstbewusstsein strotzt.

„So viel Auto hat Gott nicht gewollt und braucht kein Mensch, das lässt sich nachweisen“, quäkt er in einem Sound, der nie in den Genuss einer Stimmgabel gekommen ist. Dazu ein Blick wie seicht wellendes Wasser, entspannt und beruhigend. Ihm wäre zuzutrauen, beim Schlafwandeln die grünen Zahlen aus der letzten Umweltschutzschulung herunterzubeten. Notfalls so ausführlich, bis jemand die weiße Flagge hisst oder ihn böse Tweets aus seinem Weltverbesserungstraum aufwecken.

Seine Art erinnert mich an Ulf, einen Sitznachbarn während einer Zugfahrt nach München, der mich mit seiner Begeisterung für das Meditieren bis knapp vor meinen Verlust letzter Reste an Freundlichkeit missionieren wollte.

In jedem Fall wirft Ulf-zwo berechtigterweise die Frage auf, warum wir uns nicht darüber unterhalten, wie viel Kilogramm Auto pro Mensch wirtschaftlich und ökologisch und sozial oder auch noch ethisch angemessen seien. Sofern seine Äußerung überhaupt auf Interesse stoßen sollte.

Noch nie darüber nachgedacht, die sich dahinter verbergende Idee klingt jedoch sympathisch. Plötzlich drängelt sich auch der SUV-Bemeckerer mit einer ersten sinnvollen Bemerkung auf, vielleicht auch nur, um noch ein bisschen mehr zu zündeln.

„Jeder erwachsene Mensch sollte nur eine bestimmte Literzahl Kraftstoff im Jahr nutzen dürfen“, schlägt er sich auf die Seite des Öko-Vertreters, direkt mit einer persönlichen Begründung versehen.

„Zu viele Kalorien machen dick, zu viel Sprit in der Luft tötet das Hirn, macht Krebs und andere schlimme Sachen.“

„Richtig, richtig“, jubelt Ulf-zwo in der ihm eigenen Tonlage.

Doch sofort schallt es zurück, Gegner formieren sich.

„Das ahne ich doch schon länger, wir sollen eine Öko-Diktatur kriegen. Das Wort höre ich jetzt immer öfter und alle verschränken dazu die Arme.“ Diesen Widerspruch geifert jemand in die Runde, dessen Empörung maximal authentisch klingt und seinem Blick auf die Welt und seiner persönlichen Geschichte entspringt.

„Mein Vater hatte den Adolf, im Osten diktierte uns die SED und jetzt gibt’s bald von der Öko-Stasi eins auf die Fresse, wenn wer mal seine Milchtüten in einem Plastikbeutel nach Hause trägt.“ Pause, seine Gesichtsfarbe nimmt zu. „Wann hört’s mal endlich auf mit dem Schreien nach Sachen, die dann doch wieder in schlimmen Verhältnissen enden?“

Eine Hitzewelle ergreift ihn, die Gesichtshaut verfärbt sich rötlich, röchelnde Stimme, sein Blick tanzt einen ungelenken Beat. Unversehens wird er mit seinen Worten selbst zur Zielscheibe.

Zuerst von Ulf-zwo. Jetzt spürt er endlich den richtigen Moment für ein richtig fetziges Plädoyer. Ob auf eigenem Mist gewachsen oder die Resteverwertung von Indoktrinationen eines Öko-Workshops, das lässt sich nicht klar erkennen. Noch vor der ersten Silbe streckt er zur Vorbereitung seinen Oberkörper kerzengerade hoch, die Schultern nach hinten gedrückt, Kinn hoch, Besserwisserfalten auf der Stirn.

„Wir haben Gesetze für den Tierschutz, Datenschutz, Arbeitsschutz, auch den Kleinanlegerschutz und was weiß ich sonst noch alles, DIN-Normen für fast alles in unserem Leben. Ohne ausdrückliche Zustimmung eines Amtes darf man noch nicht mal in einem Abwasserkanal schwimmen, wir haben ein gesetzlich total geregeltes Leben. Nur ein richtiges Sonst-gehen-wir-alle-am-Arsch-Schutzgesetz mit klaren Regelungen für unseren tollen Erdball kriegen wir nicht zusammen hin. Es gibt immer nur ein paar symbolische Häppchen.“

Sein Atem vibriert gefährlich, überschlägt sich zeitweise, der Kopf schwingt wild mit. Er hat sich in Rage gesprochen, ähnlich dem gegen eine mögliche Öko-Diktatur rebellierenden Mann, und schreit nach neuen Paragraphen.

„In unserer Verkehrsordnung ist geregelt, wie millimetergenau die Größe der Parkscheiben sein darf, welche Farbe sie haben muss, für jedes denkbare Falschverhalten gibt es ein Strafe. Mindestens genauso detailliert und genauso scharf geahndet stelle ich mir eine Planetenschutzordnung vor. Was der Verkehr braucht, das braucht unser Planet umso mehr. Es muss alle Bereiche klimagerecht regeln, die für unsere Naturwelt wichtig sind.“

Er hat einen Lauf. Beifall, von mir und auch einer Dame und zwei Herren um mich herum. Der Diktaturbefürchter opponiert dagegen, wenig verwunderlich.

„Und man sammelt Punkte in Flensburg und kriegt so richtig einen drauf, wenn zu viele Punkte entstanden sind? Überall Kameras, damit Öko-Politessen ständig beobachten, was man in die Mülltonne stopft?“ Er stemmt beide Hände in die schwitznassen Hüften. „Vergiss es! So fängt es an und dann nehmen sie dir wieder jedes Stückchen Freiheit.“

Aber jemand, der sich in letzter Zeit hier häufiger sehen lässt, stellt sich sofort als weißer Ritter an die Seite von Ulf-zwo. Kaliber bärtiger Unterschrank, der allein durch seine überschaubare Körperstatur Gefahr läuft, als Veganer abgestempelt zu werden.

„Du redest krassen Angstquatsch! Unseren Kindern rennt die Zeit weg, da hilft alles, was weniger Dreck in der Luft produziert und die Kartoffeln im Acker nicht vergiftet. Natürlich geht Veränderung nicht ohne Schmerzen, natürlich können gesetzliche Verbrauchslimitierungen dazu gehören, über so einen Gedanken lässt sich zumindest diskutieren. Da kann total viel dazu gehören, was uns, ob wir wollen oder nicht, zu total CO2-schlanken Menschen machen wird und machen muss.“

Klare Kante! Doch auf welcher Seite steht er tatsächlich? „Auf vollen Straßen sind martialische PS-Kisten genauso langsam wie mein qualmender alter Ford“, outet er sich im nächsten Atemzug als inkonsequenter Benutzer einer Dreckschleuder.

Bevor überhaupt jemandem sein Widerspruch auffällt oder jemand willens ist, ihn zu hinterfragen, sehen wir uns mit einem nächsten Witzbeitrag konfrontiert. Der bisher spaßfreie Ulf-zwo platziert in der Hoffnung auf Erheiterung etwas in die Hitze hinein, angeblich irgendwo im Netz gelesen.

„SUVs sind so überflüssig wie die Nüsse des Papstes.“

Und ich sage mir: Auch Soßenbinder sind geschmacklos.

Ganz offensichtlich hat ihn plötzlich die Lust am Mitwitzeln erfasst. Sein Problem scheint nur zu sein, dass ihm niemand das Witzeln richtig beigebracht hat. Jemand anders kann es nicht besser, aber wenigstens gehässiger.

„Wurden bei dir die Grenzwerte für feinstaubbelastete Gedanken überschritten?“

Der Gegenwind verunsichert, es ist dem Gesicht von Ulf-zwo anzusehen. Ein anderer Nackter springt für ihn in die Bresche, er möchte das sinnfreie Geplaudere unbedingt noch ein bisschen aufrechterhalten. Seine haarfreie Haut erscheint glatt wie ein Gletscher, beträchtlich mit körpereigenen Fettreserven ausgestattet, seine Gene hatten einen schlechten Tag, viel Greta Thunberg steckt in ihm auch nicht drin.

„Grün setzt sich aus Gelb und Blau zusammen.“ Sein angeheiterter Blick wandert von rechts nach links.

„Was sagt uns das?“

Vereinzeltes Mienen- und Schulterzucken, keine Antwort.

„Kommt, wer mal ein bisschen mit Farben herumgespielt hat, der weiß das.“

Erwartungsvoll hoppelnder Oberkörper und seine Augen grinsen umarmend, wie man es häufig bei vollleibigeren Menschen sieht. Er löst sein Farbenrätsel selbst auf.

„Die FDP läuft gelb herum, die AfD blau. Was kommt heraus, wenn man beide Farben mischt? Genau, grün ist’s! Folglich sind die Grünen nach der Farbenlehre eine heimliche Kreuzung aus FDP und AfD.“

Das motiviert zum Lachen, genauso zum Nachahmen.

„Sogar unser Furzen tut angeblich dem Klima weh, müssen wir bald Korken verteilen“, sagt ein Mann, der eigentlich einen viel zu schüchternen Eindruck für Äußerungen in fremden Gruppen macht.

So langsam formiert sich in den Feuchtgebieten meines Sportstudios der Klimaschutzverweigererpöbel, Gesichter können sehr viel erzählen. Entlarvend offen, alles weist auf das Krankheitsbild der Intelligenz-Gezeiten hin: Ständiger Wechsel zwischen Ebbe und Landunter im Hirn. Nur, warum dürfen solche Menschen sogar einen Führerschein haben?

„Wenn wirklich was Schlimmes passiert, kriegen unsere Ingenieure das schon wieder hin. Dann liegen uns alle zu Füßen, überall kaufen sie Technik von uns, deutsche Ingenieure sind Granaten.“ Die Welt des Farblehrenspezialisten braucht keine Bezüge zur Realität.

Mein Nachbar stupst mich mit seinem schweißtriefenden Arm an, schüttelt in kurzen, schnellen Bewegungen den Kopf. Wir sollten uns laut empören, unterlassen es jedoch, wie man es so oft macht, wenn es notwendig wäre, Position zu beziehen.

„Für neue Hamstersorten mit gekreuztem Vogelschnabel und lassoförmigen Schwanzpirouetten, die angeblich einer gesichtet haben will, bleiben Straßenprojekte jahrelang liegen. Haben die noch alle Wellensittiche im Käfig?“

Der Mann mit der gletscherglatten Haut gibt weiter Gas. Jetzt muss auch alles raus, wie beim Schlussverkauf.

„Die mit dem tollen Gutmenschgetue kaufen doch nur Bio-Sachen, damit sie das auf Instagram toll posten können.“

Gut abgelenkt, so lässt sich jedes wabbelige Rückgrat begründen. Ob seine Frau häufig wunderbaren Sex hat, nur halt nicht mit ihm? Darüber sollte er mal nachdenken.

„Wer keine Socken selbst strickt, gilt als Verächter unseres Planeten. Leute, so platt wird gedacht. Achtet mal auf ihre selbstlose Verzweiflungsmiene.“ Er schaut dabei dem Klimamoralisten frontal ins Gesicht. Und recht hat er in diesem einen Fall, solche Ökogesten werden gerne als moralisch verkleidete Waffen eingesetzt.

Dann eine kleine Kehrtwende.

„Vielleicht möchte uns Friederike mit ihrem Sturm etwas mitteilen?“

Eine Frau, unterste Bank, sagt das. Nach meiner Alterseinschätzung stammt sie aus einer Zeit, als Facebook noch Poesie-Album genannt wurde. Ein hübsches reifes Gesicht, viel Natürlichkeit, ihr Körper drückt viel Erleben aus, ohne dass er zu künstlichen Umbauten greifen musste.

Sie hat sich kurz aufrecht gestellt, um ihren Satz in die Gesichter aller anderen sprechen zu können. Jedoch zu zaghaft, ihrer Äußerung fehlt die Temperatur, beim Niedersetzen macht ihr üppiger Busen einen kurzen Kniefall. Und ihr Aufstehen hat etwas von einer Streberin in der Schule, doch Strebermenschen gewinnen schwer Freunde, nicht verwunderlich, dass sie auch in der Sauna keine Rose bekommt.

Stattdessen zieht der Mann mit dem Hinweis auf die klimaschädlichen Blähungen wieder die Konzentration auf sich. Ihn hat aus einem für mich unerklärbaren Grund ein Kicher-Flash erfasst, den er nicht stoppen kann oder nicht will.

„Furzen im Wald ist klimaneutral“, prustet er heraus, ohne dass mir gerade der Zusammenhang schlüssig wird. „In einem Pups stecken ungefähr zehn Prozent Kohlendioxid, da wünsche ich euch guten Appetit, ihr Pflanzen.“

Solch ein Verhalten lässt sich bei schamhaften Menschen beobachten, die bei offensichtlichen Verstößen gegen Konventionsregeln ein vorpubertäres Dauerlachen mit integrierter Selbstbejubelung erzeugen. Dreimal lauter als erforderlich, die Stimmlippen tanzen dann eine Zeitlang Samba, während die Leute drum herum zwischen ehrlichem Mitleid und noch ehrlicherem Fremdschämen schwanken. Hier nicht anders.

Wie in der Logik unsinniger Träume beschleicht mich der Gedanke, hinter dem Lautlacher könnte sich ein Skandinavisch-Professor verbergen, eventuell ein Sprachmensch fürs Finnische. Jemand, bei dem sich schon in der Kindheit wegen seiner verkopften Art auffälliges Verhalten zeigte und der nie auf den Gedanken gekommen wäre, als Traumberuf Lokführer oder Promoter für Männerdessous auszusuchen. Zu ihm könnte die verschrobene finnische Kasus-Grammatik mit ihren fünfzehn Fällen passen. Das Deutsche gibt sich mit gerade einem Viertel zufrieden. Wie selbstbefriedigend fühlt es sich für ihn wohl an, laut und wiederholend vor dem Spiegel zu deklinieren?

Dass ich mit meinen Vermutungen tendenziell auf dem richtigen Weg bin, welchen Ursprungs meine Ahnung auch immer sein mag, zeigt seine nächste Bemerkung. Ein interessanter, wenngleich unaufgeforderter Lernbeitrag von ihm für uns, direkt nach seiner wortfreien Lacheinlage.

„Die finnische Übersetzung für Sturmtief ist kaum aussprechbar, Myrsky lautet es“, sagt er und blickt beifallerwartend in die Runde.

Ich bin überrascht und freue mich über mein richtiges Raten, er kann tatsächlich Finnisch. Und recht hat er, das Wort klingt tatsächlich sehr ungelenk, etwas nach zu viel Restalkohol in der Stimme. Für ihn genau der richtige Impuls, die nächste Selbstbelachung zu initiieren, dabei produzieren seine Stimmbänder in der letzten Silbe noch mal Klänge eines übertönenden Feuerwerks. Doch Entwarnung, keine Funktionsstörung seiner Stimmbänder, es ist lediglich der Sprachklang seiner Fröhlichkeit.

Sie mag auch schuld daran sein, dass niemand auf seinen Lachzug aufspringen will. Dafür schwingt sich ein tiefer sitzender Mann mit haarlosem Schädel durch ein paar lustig gemeinte Bemerkungen zum karnevalistischen Lokführer auf. Schweiß rinnt in kräftigen Bahnen an seinem Körper herunter, viele braune Sprösslinge zieren seine Schultern.

„Irgendwie macht es die Natur doch auch gut für uns, oder?“

Fröhlich herausgestampfte Worte, begleitet von krümeligen Körperbewegungen. Genetisch offenbar mit dem Finnisch-Professor verwandt, lacht er trotz des allgemeinen Unverständnisses noch vor seinen ersten Witzsilben los. Ein Wiehern mit Atemnotsymptomen, seine Achseln wippen dabei hoch und runter. Körperschweiß spritzt unkontrollierter herum, trifft die Dame links von ihm. Mit demonstrativem Ausdruck wischt sie sich übers Gesicht, kein Laut einer Entschuldigung von ihm. Seine fragmentarische und deshalb rätselhafte Aussage bleibt ohne Reaktion, er antwortet sich selbst.

„Als Jüngerer kaufst du dir ein Haus auf einem Hügel, und wenn du in Frührente gehst, hat dir der Klimawandel einen Strand vor die Tür beschert. Mal ehrlich, ist das keine perfekte Lebensplanung?“

Ein kurzer Lachnachzünder, dann breit gezogene Mundwinkel, er amüsiert sich über den Klimawandel. Ich spüre einen feuchten Stupser meines Sitznachbarn und sehe sein Kopfschütteln mit streng hochgezogenen Augenbrauen. Er meint Menschen, deren Eltern sie auf einem Wühltisch in die Hand bekommen haben und gegen ihren Willen mitnehmen mussten. Mir gefällt meine in diesem Moment sehr angenehm warm empfundene Arroganz, sie findet auch noch eine andere bösartige Erklärung für ihn: In der Gutenachtgeschichte verwechselte er Rotkäppchen mit dem Terminator, seine frühkindliche Prägungsphase war deshalb zu einem Schotterweg geworden.

Das fröhliche Reihum der dosierten Spaßintelligenz durchbricht ein weiterer Ü50-Herr, vor ein paar Minuten erst in die Runde gestoßen.

Vor längerer Zeit habe er einen uralten Handkarren zu einem Fahrradanhänger umfunktioniert. Er stamme von seinem schon länger verstorbenen Opa, der ihn wiederum von dessen Vater geerbt habe. Also ein geschichtsstarkes Stück vom Urgroßopa, aufgemöbelt und für eine neue Verwendung klar gemacht. Da würden problemlos zwei Kästen Bier und drum herum noch ein paar andere Sachen hineinpassen. Das Gefährt wäre früher, als er noch zwanzig Jahre jünger war, auch bei Vatertagstouren im Einsatz gewesen.

Hat etwas von einer sentimentalen und für uns Zuhörer belanglosen Geschichte.

„Blöd nur, dass ich auf einem kleinen Berg wohne, der nächste Supermarkt liegt im Tal, rund zweihundert Höhenmeter tiefer. Deshalb kriege ich nie viele Sachen hochgestrampelt und darf immer nur so viel einkaufen wie meine Muskeln vertragen.“

Seine Worte spricht er so schnell, als wären Kommas und Satzpausen umweltschädlich. Eine andere Deutung: Sein Film im Kopf von der kräftezehrenden Beinarbeit beim Anstieg frisst ihm den Atem. Luft für ein bisschen eigenes Lachen bleibt ihm wenigstens noch.

Es ist das einzige lautere Geräusch gerade, umgeben von gelangweiltem Schweigen. Niemand versteht sein Motiv, uns diese Geschichte zu erzählen. Einer drückt wenigstens einen lachähnlichen Kunstlaut heraus. Freundlich gemeint, aber billig.

Die neue Ruhe hält eine ganze Weile, ich denke an den Orkan, was er draußen zum Schluss noch anstellen mag.

Einzig die Streberin wird aktiv, sie meldet sich mit einem Gong auf unser Hirn.

„Nochmal, was ich eben sagte“, erinnert sie uns mit energischer Stimme, lauter und penetrierender in der Tonlage als eben. Meine frühere Lateinlehrerin klang auch so und hatte wie die Frau hier etwas von einer überengagierten Sympathiebremse.

„Vielleicht möchte uns Friederike mit ihrem Sturm etwas mitteilen?“

Ihr kreisender Kopf versucht sich an den Blicken der anderen festzumachen, findet aber niemanden, der sich ihrer erbarmt. Trotzdem buhlt sie weiter um Aufmerksamkeit. Ihr brennt auf der Seele uns erzählen zu müssen, dass in dem Sturm Menschen zu Tode gekommen wären und zukünftig noch mehr ihr Leben lassen müssten. Allein bis jetzt hätte dieser Orkan schon eine Milliarde Euro Schaden angerichtet, die Natur würde sich die Menschen zu ihrer Geisel machen.

Ja stimmt, aber wissen wir. Von einigen erntet sie wenigstens ein Achselzucken, ansonsten Stille. Bis der Mann mit dem umgebauten Handwagen an ihre Bemerkung anknüpft.

„Außerdem hat ein Orkan das Erinnerungsstück an meinen Opa und Urgroßopa zerstört.“

Ach, jetzt klärt sich der Sinn seiner Geschichte auf.

„Eine kräftige Böe, der Anhänger hat noch versucht, sich an einen Zaunpfahl zu krallen. Keine Chance, der Wind war stärker und drückte ihn tief den Hang hinunter.“

Kurze Atempause, er versucht, bereits nach außen getretene Tränen zurückzudrücken. Gelingt ihm nicht, der Lidschlag verteilt die Flüssigkeit wie ein Scheibenwischer über die gesamte Augenfläche, sie bekommen einen spiegelnden Glanz.

„Seine Reste lagen weit verstreut, die meisten Teile habe ich wiedergefunden, nur leider alles beschädigt, an Reparieren war nicht mehr zu denken.“ Er richtet seinen Blick zur Saunadecke hoch.

„Bestimmt hatte mein Opa oben im Himmel versucht, den Sturm davon abzuhalten, mir den Anhänger zu stehlen. Bestimmt hatte er das gemacht!“

Das mit viel Leben gefüllte Erinnerungsstück ist zu seinem Seelenfresser geworden. Eine Wolke voller Traurigkeit erfüllt unseren Schwitzraum. Sinnierend schüttelt er seinen Kopf, es sind nur leichte Bewegungen, die Augenfalten zeigen sich als tiefe Krater.

In dieser gemütsschwangeren Atmosphäre erhebt sich die natürlich hübsche Streberin, ein charismatisches Lächeln in ihren Augen tastet sich durch unsere Gesichter.

„Ich heiße übrigens Friederike.“

Mit zwei geheimnisvoll schwebenden Schritten wendet sie sich der Tür zu, drückt sie auf, verharrt kurz im Türrahmen und schickt ein Betroffenheitslächeln nach.

Ein leichter Windstoß durch die schnell zugezogene Tür, tragende Stille, für Sekunden bekommt die Sauna einen andächtigen Gottesdienstcharme. Bis der Finnisch-Professor mit feixenden Körperbewegungen reagiert, wie ein alternder Pampersrocker.

„Wow, Myrsky, echt? Ganz allein hast du den ganzen Wetterterror organisiert?“

Ohja, Alcatraz wurde bestimmt für Menschen wie ihn gebaut. Hoffnungslos viel Natur drum herum.

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9783991079316
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