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Viveca Lärn
Mimi und der Millionärsklub
Deutsch von Angelika Kutsch
Saga
Erstes Kapitel
Die Luft war voller April, als wir Arnes kleinen Bruder Eddie von seiner Tagesmama abholten. Wir, das waren Arne, Maria Magnusson und ich.
Und April – das ist ein wunderbares Gefühl! Es war noch ganz hell, obwohl es schon fünf Uhr war, und ich fand, es duftete nach Frühling. Und das sagte ich auch.
«Ich finde, es riecht nach Steak mit Zwiebeln», sagte Maria Magnusson.
Wir guckten in jedes Küchenfenster entlang der Straße, und wir sahen mehrere Leute, die beim Essenmachen waren.
Maria Magnusson schnupperte sich sachkundig von Küche zu Küche. Neben jedem Küchenfenster ist ja so ein kleines Gitter, durch das die Dünste aus der Küche abziehen. Aber Steak mit Zwiebeln fand sie nicht.
«Fischstäbchen», sagte sie, «und beim letzten Abzug ist es Blutpudding, da bin ich ganz sicher. Wartet, hier riecht es – nein, das sind bloß Hamburger.»
«Holst du mich jetzt immer von der Tagesmama ab?», fragte Eddie und hob sein kleines Gesicht zu mir.
Mir wurde ganz warm, denn wenn ich eine Schwäche hab, dann für Arnes kleinen Bruder Eddie.
«Klar», sagte ich, «wenn du willst.»
«Das will ich aber nicht», sagte Eddie. «Du hast so eine blöde Nase.»
Ich seufzte ein bisschen, aber nicht sehr tief. Viele Jungs sind eben so.
«Ich weiß was», sagte Maria Magnusson. «Wir gehen zu Mimi nach Hause und essen Restaurantessen.»
Manchmal bringt meine Mama etwas zu essen aus dem «Goldenen Schwan», wo sie als Kellnerin arbeitet, mit nach Hause. Einmal, als sie chinesisches Allerlei mitgebracht hatte, kam Maria Magnusson vorbei, weil sie glaubte, ich hätte ihr Lineal in der Schule geklaut. Stattdessen kriegte sie etwas vom Allerlei ab, und da sagte sie, das mit dem Lineal mache nichts.
Das war eigentlich gemein, denn ich hatte ihr blödes Lineal ja gar nicht.
«Immer haben wir kein Restaurantessen zu Hause», sagte ich. «Manchmal gibt es auch was Selbstgemachtes.»
«Ach, und was zum Beispiel?», fragte Maria Magnusson interessiert. «Frikadellen mit sauren Gurken?»
«Kenn ich nicht», sagte ich. «Ich meine Fischstäbchen und schwedisches Allerlei.»
«Wir gehen lieber runter zum Fluss!», rief Arne plötzlich. «Da ist hoffentlich was los!» Arne gehört nicht zu denen, die stehen bleiben und abwarten, was die anderen meinen. Er haute einfach ab, und wir hinterher.
«Harne, Harne, warte!», rief Eddie.
Arne blieb stehen und drehte sich wütend um. «Du darfst nicht mit, wenn du nicht ordentlich redest, du Blödmann!», brüllte er Eddie an. «Du darfst im Herbst nicht in die Schule gehen, wenn du Harne statt Arne und heklig statt eklig sagst.»
Eddie fing an zu weinen und setzte sich, platsch, mitten auf den Gehweg mit seiner kaputten grauen Kordhose.
«Ich hab ja überhaupt nicht heklig gesagt», sagte er schluchzend.
«Komm, Eddie», sagte ich und zog ihn hoch. «Wir gucken mal nach, ob Indianer am Fluss sind.»
«Hindianer?» Eddies Gesicht leuchtete auf.
«Hindianer!», sagte Arne und verdrehte die Augen.
«Hist hier hüberhaupt jemand bei Verstand?»
Zweites Kapitel
Der Fluss, der durch unsere Stadt fließt, ist das ganze Jahr aufregend, und am gefährlichsten ist er im Frühling. Deswegen fangen alle Mamas an zu schreien, wenn man sagt, man will mal schnell runter zum Fluss.
Und die Papas schreien noch schlimmer, besonders die, die selbst an Flüssen gespielt haben, als sie klein waren.
Mein Papa hat ein sehr gutes Gedächtnis, wenn es um so was geht. Aber wenn er Schnupftabak genommen hat, dann erinnert er sich eine Minute später schon nicht mehr, wohin er ihn gelegt hat.
Wir taten also das Allereinfachste, Arne, Eddie, Maria Magnusson und ich. Wir gingen runter zum Fluss, ohne zu fragen. «Ich will meiner Mama keine Sorgen machen», sagte Maria Magnusson.
«Ich auch nicht», sagte ich.
Arne tippte sich an die Stirn. Er hat nie jemanden, den er fragen kann. Er ist sozusagen seine eigene Mama.
Am Flussufer war es kälter, und es war zu spüren, dass es bald Abend und dunkel werden würde. Große, eckige Eisschollen schwammen still vorbei. Zwischen ihnen war kaum Wasser, und manchmal klirrte es, wenn sie gegeneinander stießen. «Prost», sagte Eddie,«prost, prost!»
«Er hat leider einen Knall», sagte Arne.
«Prost! Prost! Prost, ihr alten Schnapsnasen!», schrie Eddie jedes Mal, wenn die Eisschollen gegeneinander klirrten. «Wenn man doch eine Keksfabrik hätte», sagte Maria Magnusson sehnsuchtsvoll und atmete den süßen Duft von Henrys Keks- und Brotfabrik ein, die oberhalb unserer Stelle am Flussufer liegt.
«Dann würde ich eine Billion Kekse am Tag essen», sagte Eddie.
«Quatsch, so viel kannst du gar nicht essen», zischte Arne.
«Halles, was ich sage, hist falsch», sagte Eddie und fing wieder an zu weinen.
«Äh», sagte Arne, «warum hältst du dann nicht die Klappe, statt die ganze Zeit dummes Zeug zu reden.»
«Guckt mal!», schrie Maria Magnusson und zeigte.
Die Abendsonne blitzte nicht nur in den Fensterreihen der Keksfabrik, sondern auch auf einem großen glänzenden Rolls-Royce, der vorm Haupttor vorgefahren war.
«Jetzt macht Henry eine kleine Abendspazierfahrt», sagte Arne. «Echt stark, wenn man mal eben bis nach Malmö oder so fahren könnte.»
«Malmö?», sagte Eddie und hörte auf zu weinen. «Was sollen wir in Malmö?»
«Ich hab ja nicht gesagt, dass du mitsollst», sagte Arne.
Eddie stürzte sich auf ihn und fing an, nach ihm zu treten und mit den Fäusten auf ihn einzutrommeln.
«Nee», sagte Maria Magnusson, «das reicht mir mit der Prügelei für heute. Ich geh jetzt nach Hause, essen.»
«Ich will auch nach Hause», sagte Eddie.
«Du bist doch blöd», sagte Arne. «Wir müssen bis sieben in der Stadt bleiben, bis Papa von Stockholm zurückkommt. Dann treffen wir uns bei der Kneipe.»
Wie traurig das klang! Allein die Vorstellung, man hätte keinen Ort, wohin man gehen könnte.
«Wisst ihr nicht, wo ihr hin sollt?», fragte ich seufzend.
«Der ganze Erdball gehört uns», sagte Arne und warf einen Stein durch Henrys Zaun, «falls du das noch nicht wusstest. Wo ich stehe, da gehöre ich hin. Da sind meine Wurzeln.»
«Hast du Wurzeln an den Füßen?», fragte Eddie erschrocken und starrte auf Arnes Gummistiefel.
Jetzt startete Henry, und der Kies knirschte unter seinen neuen Reifen.
«Wenn ich eine Million habe, kauf ich mir ein Wohnmobil mit tausend PS, und darin werde ich wohnen», sagte Arne.
«Die Frage des Tages ist nur, wie wir Millionäre werden sollen!», rief ich eifrig.
Arne stöhnte. «Die Frage des Tages» ist das Schlimmste in der Schule. Man muss sich Fragen ausdenken, nachdem man langweilige Artikel in der Tageszeitung gelesen hat, und dann müssen die anderen antworten. Wie heißt der Präsident? und so was Blödes. Janna sagt, Frau Svensson denkt sich so gemeine Sachen wie «Die Frage des Tages» bloß aus, weil sie schwanger ist. Schwangere, die Mörtel essen, sind nicht so anstrengend, sagt Janna. Mörtel zu essen, das ist ganz normal bei Schwangeren. Janna ist Expertin in solchen Fragen. Sie hat nämlich ungefähr neunzehn Geschwister und einen Kanarienvogel.
Drittes Kapitel
Bevor ich in unser Haus ging, warf ich noch einen Blick in das Schaufenster vom Süßigkeitenladen. Man muss ja immer auf dem Laufenden sein, ob neue Kaugummibilder gekommen sind. Eddie guckte auch interessiert, aber Arne trat nur nach einem vereisten Schneehaufen vor unserer Tür. In dem Augenblick kam Linda aus Elnas Schuhladen, Hand in Hand mit ihrer Mama. Ihr Gesicht leuchtete auf, als sie uns entdeckte, und sie zeigte auf ihre Füße.
«Kommt mal her und riecht an meinen Stiefeln, Arne und Mimi!», schrie sie.
«Nein, pfui Teufel», sagte Arne, «nicht für eine Million.»
Lindas Mama blieb stehen und sah ärgerlich aus.
«Das sind Stiefel mit Geruch, bist du schwer von Begriff?», sagte Linda wütend und streckte einen Fuß vor.
Aber Arne hielt sich die Nase zu, und da taten Eddie und ich das auch.
«Ich riech lieber an meinen eigenen Stiefeln, wenn ich was erleben will», sagte Arne mit erstickter Stimme.
«Was ist das denn für ein Benehmen!», rief Lindas Mama.
«Das sind Stiefel mit Geruch aus Amerika, schnallt ihr das nicht?», fauchte Linda. «Echte Mondstiefel mit Kaugummigeruch. Reib mal an den Zehen, dann riechst du es.»
«Niemals!», sagte ich und guckte Arne an.
Arne stöhnte nur und hielt sich die Nase zu.
«Komm, Linda, wir gehen», sagte ihre Mama streng. «Diese Kinder können das Wort Erziehung wahrscheinlich nicht mal buchstabieren.»
«Doch!», schrien Arne und ich im Chor. «E-R-Z-I-E-H-U-N-G!!» Linda und ihre Mama waren schon ein Stück weg, und ihre Rücken sahen richtig aufgeblasen aus. Plötzlich drehte Linda sich um und rief: «Erziehung schreibt sich aber mit k am Ende, falls ihr das noch nicht wisst!»
Wir gaben keine Antwort.
«Das waren die blödesten Stiefel, die ich jemals gesehen hab», sagte Arne. «Und ich hab schon ziemlich viel blöde Stiefel gesehen. In Stockholm zum Beispiel, der königlichen Hauptstadt.»
«Hast du da denn königliche Stiefel gesehen?», fragte ich. «Mit Kronen drauf?»
Arne nickte.
«Ich will auch Stiefel mit Geruch haben», sagte Eddie schluchzend. «Nie krieg ich Stiefel mit Geruch und nichts.»
«Halt die Klappe», sagte Arne. «Wir können uns keine Stiefel mit Geruch leisten. Du bist ja beknackt.»
Eddie dachte lange nach, während er in seinen Taschen suchte, vermutlich nach Geld. Aber er fand keins, nur einen Haufen anderer mehr oder weniger schrecklicher Sachen, die ich lieber nicht aufzählen will.
Arne setzte sich auf die Straße. Das macht er immer, wenn er nachdenkt. Wir setzten uns neben ihn.
«Ich hab keins gefunden», sagte Eddie, «kein Geld.»
«Still», sagte Arne. «Ich denk über was Wichtiges nach.»
«Wollen wir so lange Ball spielen?», fragte Eddie mich, und seine Augen leuchteten, dass ich ihn am liebsten hochgehoben und umarmt hätte. Das hätte ich leicht gekonnt, obwohl er sechs Jahre alt ist und ich acht, es sind also eigentlich nur zwei Jahre Unterschied zwischen uns. Aber ich heb Eddie nicht einfach hoch, wenn er mich nicht darum bittet. Man will ja schließlich keine runtergehauen kriegen.
Arne dachte lange nach, mindestens vier Minuten. Währenddessen wurde es ganz dunkel, und die Straßenbeleuchtung ging an.
Schließlich war er fertig.
«Wir müssen Millionäre werden», sagte er ernst.
«Warum nicht?», sagte Eddie und zuckte mit den Schultern.
«Klingt gut», sagte ich.
Wir saßen lange auf der Straße und dachten nach. Zum Glück gibt es Thermohosen. Wir grübelten und überlegten, aber weder Arne noch mir fiel auch nur ein einziger Nachteil ein, wenn man Millionär ist.
«Vielleicht», sagte Arne, «kriegt man Ärger, wenn man mitten in der Nacht durch eine dunkle Gasse geht. Da stürzt sich vielleicht eine Alte aus einem Tor auf einen und haut einem mit einem Knüppel auf den Schädel, und dann klaut sie den ganzen Packen Scheine, und da liegt man dann allein auf der Straße, nackt und arm.»
«Ja, das schon», sagte ich, «aber sonst gibt es wohl meistens nur Vorteile.»
Später am Abend, als Mama mir gute Nacht sagte, fragte ich, was sie tun würde, wenn sie Millionärin wäre. Dann würde sie auf der Stelle kündigen, sagte sie, und nicht einen einzigen Handschlag mehr in ihrem ganzen Leben tun.
«Aber wenn du nicht mehr im ‹Goldenen Schwan› arbeitest, kannst du ja nie mehr lachen und mit Roberto und Rodolfo italienische Pastalieder singen», sagte ich.
«Nein, das nicht», sagte Mama seufzend. «Aber ich kann ja ein eigenes Restaurant eröffnen und die beiden anstellen.»
«Doch nicht hier zu Hause bei uns?», fragte ich.
Am nächsten Morgen beim Frühstück fragte ich Papa, was er tun würde, wenn er Millionär werden würde. Er zögerte nicht eine Sekunde. Dann würde er sechzehn Kartons mit exklusiven Zwiebeln aus Holland kaufen, eine Kreuzung von dunklen Tulpen und blassen Orchideen.
«Warum nur sechzehn?», fragten Mama und ich im Chor. «Wenn du Millionär bist, kannst du sechzehntausend kaufen!»
«Aber das macht nicht solchen Spaß», antwortete Papa schniefend.
Viertes Kapitel
Manchmal wache ich morgens früher auf als alle Menschen auf der Welt.
Dann kann ich so gut denken.
Ich kann in meinem Bett liegen und auf die drei Punkte an der Decke gucken und mir wer weiß was für kluge und intelligente Sachen ausdenken.
Wenn ich allerdings fertig gedacht habe, überkommt mich eine große Schläfrigkeit und versetzt mir einen Schlag auf den Kopf, sodass ich innerhalb einer Sekunde tief einschlafe. Dann ist es immer Viertel vor sieben, und das ist in dem Augenblick, wenn mein Papa an meinem Bett steht und mich schüttelt und sagt, dass ich ein Langschläfer bin. Das ist ziemlich ungerecht.
Heute war so ein Morgen. Draußen war es ganz schwarz, als ich aufwachte, obwohl es April und alles und ganz still auf der Straße war.
Ich dachte an Arne und Eddie und ob sie schliefen. Sie wohnen in einem kleinen komischen kaputten Haus draußen auf dem Lande. Manchmal ist ihr Papa zu Hause, manchmal ist er nicht zu Hause, und dann kocht Arne und bringt den Abfall weg. Sein Papa hat einen blauen Laster, der ziemlich geil ist. Damit arbeitet er. Manchmal schlafen Arne und Eddie ganz allein da draußen im Wilden Westen. Das ist ja lebensgefährlich! Aber Arne wird furchtbar wütend, wenn ich ihn frage, ob er Angst hat. Er sagt, er steckt mich in den Basketballkorb in der Turnhalle, wenn ich ihn nochmal so was Blödes frage.
Während ich so toll nachdachte, fiel mir ein, dass Arne und Eddie, wenn wir Millionäre werden, die ganze Nacht die Lampen im Haus anlassen können, obwohl das so teuer ist. Dann schlief ich ein.
Auf dem Weg zur Schule dachte ich darüber nach, wie anders alles wird, wenn ich Millionärin bin und auf derselben Straße gehe.
Wenn ich zum Beispiel einen Zehnkronenscheina in meinem Rucksack als Spende für irgendeinen Verein hätte und wenn der Schein plötzlich aus meinem Rucksack flattert und auf der Straße landet ... Wenn mir das heute passierte, würde ich mich furchtbar aufregen und hinterherjagen und ihn wieder in meinen Rucksack stecken. Aber wenn ich Millionärin wäre, würde ich nur rufen: «Tschüs, du oller Zehner!»
Es ist ein großer Unterschied, ob man Millionär ist oder ob man keiner ist.
Aber in der Schule hatten wir nicht die kleinste Chance, an Geld und wichtige Sachen zu denken, denn unsere Lehrerin wollte, dass wir das Frühlingsfest planen.
«Klassenelternvertreter sind, wie ihr wisst, Eltern, die bestimmen, dass alle ein Frühlingsfest feiern und miteinander Spaß haben sollen», sagte Frau Svensson säuerlich. «Jetzt haben sie entschieden, dass das Fest am Sonntag, dem 10. April stattfinden soll. Das ist zufällig der Geburtstag meiner Mutter. Aber ich kann sie ja Weihnachten besuchen. Ja also», fuhr sie fort und stöhnte, «jetzt sollen wir entscheiden, wer eine Schnitzeljagd will und wer gegrillte Würstchen essen oder wer einen echten Bauernhof besuchen möchte, obwohl, das kann Johan wohl nicht, denn er ist ja allergisch ...»
Frau Svensson ließ sich schwer auf ihren Stuhl fallen, und Janna hob die Hand.
«Müssen wir so was jetzt planen?», fragte sie. «Können wir nicht lieber Mathe haben?»
Da lächelte Frau Svensson. Das war das erste Mal seit zwei Monaten.
«Ja», sagte sie. «Eigentlich sollte das ganz und gar die Sorge der Eltern sein. Ich hasse nämlich Würstchen.»
In der Pause kam Leben in uns.
Arne drückte mich in eine Ecke zwischen den Büschen bei der Turnhalle. «Hast du nachgedacht?», fragte er und starrte mich mit seinen dunklen Augen an.
«Klar», sagte ich. «Ich finde, wir können hundert Kronen für die Armen in Brasilien spenden.»
Er lächelte zufrieden. «Gut», sagte er, «dass du weißt, wovon wir reden. Nur du und ich wissen davon und irgendwie auch Eddie, weil er doch dabei war.»
«Ich mag Eddie», sagte ich.
«Himmel!», stöhnte Arne. «Können wir nicht endlich anfangen zu arbeiten?»
Wir krochen ins Gebüsch. Es war ziemlich feucht und scheußlich, denn die Aprilsonne war warm und holte jeden kleinen Eiszapfen herunter, der sich unterm Schuldach versteckte. Es tropfte in unsere Nacken.
«Wir müssen uns eine Methode einfallen lassen», sagte Arne.
«Was ist das denn? Hat das was mit Computern zu tun?», fragte ich.
«Nein, nein, nein», brüllte Arne. «Eine Methode ist das, was wir anstellen müssen, um Millionäre zu werden. Ob wir klauen, eine Bank überfallen, ein Hochhaus bauen oder beim Pferderennen gewinnen.»
«Und dann müssen wir entscheiden, wie wir damit leben werden», sagte ich. «Wenn wir fertige Millionäre sind.»
Arne guckte mich bewundernd an. Ich fiel fast in Ohnmacht.
«Gut», sagte er. «Wir fangen damit an, dass wir uns Geld leihen, damit wir uns ein Notizbuch kaufen können. Und dann nennen wir uns Millionär Martinsson.»
In dem Augenblick gab es keine Sonne mehr, sondern nur noch Schatten.
Das lag daran, dass sich Roberta Karlssons Kopf zwischen uns und der Sonne befand. Sie geht in die Fünfte und ist ziemlich groß.
«Was ist das denn?», fragte sie und zeigte auf Arne.
«Nichts», sagte ich.
Da haute Arne ab.
Fünftes Kapitel
«Wo findet man Millionäre?», fragte ich meine Mama. Sie lag zusammengerollt auf unserem Sofa und las in einem dicken Buch über den Mississippi. Das ist kein Kaugummi, falls das jemand glauben sollte, sondern ein Fluss in Amerika.
«Millionäre», sagte sie abwesend. «Überall ein bisschen, glaub ich. In Kneipen zum Beispiel. Aber selten im ‹Goldenen Schwan›. Doch, Henry, der, dem die Keksfabrik gehört, der ist Millionär. Ihn triffst du fast jeden Tag im ‹Goldenen Schwan›. Ich glaub, seine Frau kann nicht kochen. Jedenfalls kann sie keinen Punsch machen.»
Mama grunzte und las weiter. So ein Grunzen ist das Zeichen, dass man verduften soll.
«Aber wenn du einen Millionär haben möchtest?», fragte ich eigensinnig. «Wo würdest du dann suchen?»
«Nun hör endlich auf», sagte Mama. «Ich bin doch schon verheiratet.»
Hahaha, sehr witzig. Erwachsene denken nur an sich selbst. Ich zog meine Jacke an und knallte die Tür zu.
«Wo gehst du hin, Mimi?», hörte ich sie schreien.
Aber jetzt hatte sie ihre Chance verpasst, mit mir zu reden.
Ich ging zum Fluss runter und dachte nach. Dort kann man ziemlich gut nachdenken. Da es Sonntagnachmittag war, wimmelte es von Familien, Hunden Rucksäcken und fröhlichen kleinen Rufen. In meiner Stadt machen das alle Familien am Sonntag, nur meine Mama und mein Papa wissen das nicht. Meine Mama liegt lieber auf dem Sofa und liest dicke Bücher und isst dicke grüne Äpfel, dass es im ganzen Haus kracht. Und mein Papa gräbt in seinem Schrebergarten und träumt. Wenn er nach Hause kommt, ist er hungrig und müde und sitzt da und bewundert die Schwielen, die er von seinem kleinen Spaten an den Händen bekommen hat. Meine Eltern sind ego, wahnsinnig ego.
Ich dachte ein bisschen daran, dass, wenn Arne und ich Millionäre wurden, wir kleine Sonntagsausflüge an den Fluss machen könnten. Aber dann brauchten wir nicht zu laufen. Wir konnten uns einfach jeder einen roten Porsche mit eigenem Chauffeur anschaffen, und dann würden wir langsam eine Runde mit runtergedrehten Scheiben fahren und den Enten Kekse zuwerfen.
So ein Sonntagsausflug wäre wunderbar.
Ich bummelte am Fluss entlang und um die Festung herum, ohne jemanden zu treffen, den ich kannte, oder jemanden, der wie ein Millionär aussah. Es wäre gut, wenn man mit einem Millionär bekannt wäre, dann bekäme man sicher ein paar gute Tipps.
Vor dem Hotel sah ich einen alten Mann, dessen Jackett ziemlich reich aussah, aber als ich mich gerade auf ihn stürzen wollte, zog er einen Busfahrplan hervor und begann, darin zu lesen. Dann war er wohl doch kein richtiger Millionär. Oder er ist ein Millionär, der gegen Abgase und für die Umwelt ist.
Als ich ihn das gerade fragen wollte, kam seine Frau aus dem Hotel, und ihr Pelz sah auch reich aus.
«Was für unverschämte Preise, Herbert!», jaulte sie in den höchsten Tönen. «Siebenundachtzig Kronen für ein gewöhnliches Beefsteak. Lass uns lieber zu Hause essen. Meine Schwester kann gut kochen.»
Herbert seufzte und steckte den Busfahrplan in die Hosentasche. «Aber nur, wenn ihr beim ‹Sportspiegel› die Klappe haltet», sagte er mürrisch.
Ich konnte mich nicht entscheiden, ob das nun Millionäre waren oder nicht. Still und elegant verfolgte ich sie die ganze Hauptstraße entlang, bis sie hinter einer schmutzig grauen verrotteten Holztür verschwanden. An der Tür hing ein Schild, auf dem stand, dass betteln verboten war. Da begriff ich endlich, dass sie keine Millionäre sein konnten trotz ihrer reichen Kleidung.
Richtige Millionäre müssen sich doch freuen, wenn jemand um Geld bettelt. Dann kriegen sie ja Gelegenheit, ein bisschen großzügig zu sein.
Richtige Millionäre heißen außerdem Martinsson. Das hat Arne gesagt.
Ich guckte in einige Schaufenster und schrieb mir Sachen auf, die ich nicht vergessen darf zu kaufen, wenn wir Millionäre geworden sind. Eine Popcorn-Maschine zum Beispiel und einen Overall, der von allein leuchtet, Sandalen aus Gold und ein Radiergummi, das wie eine Brombeere ist. Geschenke würde ich auch kaufen, zum Beispiel ein Gebiss für meinen Papa. Seine eigenen Zähne sind so grau.
Plötzlich kam Roberta Karlsson mitten auf der Straße angeschlendert, zusammen mit einem wildfremden Jungen, der genauso groß war wie sie, mindestens zehn.
«Hallo Mimi», sagte Roberta. «Mit dem hier geh ich, falls du weißt, was das bedeutet.»
Der Typ trug keine Mütze, aber eine Brille mit rotem Gestell, und er hatte den Kragen seiner karierten Jacke aufgestellt. Er sah enorm lässig aus.
«Das seh ich doch», sagte ich. «Wie heißt er denn?»
Roberta trat ihn leicht gegen das Schienbein. «Sag, wie du heißt.»
Aber der Typ kaute nur an einem riesigen Kaugummi und starrte in die Luft.
«Glenn heißt er», sagte Roberta. «Das hättest du nicht gedacht, was?»
«Tschüs, ich muss nach Hause», sagte ich.
«Ach», sagte Roberta freundlich, «musst du nach Hause und mit deinen kleinen Puppen spielen?»
Sie weiß nicht viel von meinen Plänen.
«Klar», sagte ich keck. «Tschüs. Und du, Glenn, schwimm schön langsam, ja?»
Dann lief ich hinein. Aber ich guckte durch ein Fenster im Treppenhaus. Die beiden sahen wie am Boden zerstört aus.
Man ist schon überlegen, wenn man fast Millionär ist.
Sechstes Kapitel
Arne, Eddie und ich hatten die ganze Woche nicht für ein einziges Millionärstreffen Zeit. In der Zweiten hat man so viel zu tun, dass die Schultern richtig runterhängen, wenn man schlafen geht. Wenn ich an einem sonnigen Tag im April nur das Mathebuch vornehmen soll, muss ich achtmal gähnen.
Freitag jedenfalls hab ich zusammen mit Arne Eddie bei seiner Tagesmama abgeholt. Er war draußen beim Spielen. Von unten bis oben sah er wie ein einziger Matschhaufen aus, aber er war trotzdem süß, denn er lächelte, als er mich entdeckte, und das tun nicht alle.
«Werden wir heute Millionäre?», fragte er Arne und mich, als wir zum Fluss runtergingen, um nachzusehen, wie es mit dem Eis war. «Heute will ich Martinsson heißen. Andersson von Schmidt kann ja jeder heißen.»
Ich erzählte Arne, dass ich letzten Sonntag angefangen hatte, auf der Straße nach Millionären zu suchen, und das hielt er für eine prima Idee.
«Aber es ist der falsche Ort. Er ist zu klein, viel zu klein», sagte er düster.
«Und was sollen wir dann machen?»
«Wir müssen in die Stadt. Morgen um elf geht ein Bus nach Göteborg», sagte er. Im selben Augenblick hauten er und Eddie ab, ohne tschüs oder sonst was zu sagen.
Aber ich stand da mit meinem Problem. Ich wusste genau, was Mama sagen würde, wenn ich sagte, dass ich allein nach Göteborg hineinfahren wollte.
Jedenfalls würde sie nicht «Hurra» sagen.
Und Papa erst. Ihn brauchte ich gar nicht erst zu fragen.
Abends spielten Papa und ich Schach oder wie man das nun nennen soll, und Mama las in ihrem dicken Buch über den Mississippi.
«Viele aus meiner Klasse fahren samstags allein nach Göteborg», sagte ich.
«Vergiss es», sagte Papa. «Hast du meinen Bauern geklaut?»
«Ihre Eltern finden es gut, wenn sie sich ans Busfahren und an den Verkehr gewöhnen und so was.»
«Klar», sagte Papa. «Das glaub, wer will. Willst du nicht endlich deine Dame versetzen?»
«Nicht, dass ich es unbedingt möchte», sagte ich. «Aber der Bus braucht nur zwanzig Minuten, und dann kann man im Einkaufszentrum spazieren gehen.»
«Einkaufszentrum!», schrie Mama. «Das ist ja lebensgefährlich. Nenn mir jemanden, der am Samstag ins Einkaufszentrum fährt, dann erzähl ich ihm, was da los ist.»
«Woher weißt du das denn?», fragte Papa.
«Du hast gewonnen», sagte ich zu Papa und kippte das Schachbrett um, sodass die Figuren auf den Fußboden fielen.
«Ich?», sagte Papa erstaunt. «Ich hab nicht mal gehört, dass du ‹Schach› gesagt hast.»
Ich ging in mein Zimmer, um nachzudenken. Ich lag auf dem Rücken und beguckte die drei besonderen Flecken an der Decke, und es war ein Gefühl, als ob das ganze Dach über mir zusammenbrechen würde. So hoffnungslos war es. So entsetzlich hoffnungslos.
Ich sah mich schon, wie ich zu Eddie und Arne zum Busbahnhof lief und sagte, dass ich nicht mitfahren Durfte! Ich durfte nicht. Dann würde Arne ein bisschen grinsen, und schließlich würde er lauthals lachen, dass er fast umkippte. Und Eddie würde anfangen zu kichern und schließlich vor Lachen brüllen, bis er auch umfiel, auf Arne drauf.
Dann würde Arne sich vielleicht jemand anders suchen, mit dem zusammen er Millionär sein wollte. Jemand, der normale Eltern hatte und jeden Samstag im April ins Einkaufszentrum fahren durfte.
Jetzt merkte ich, wie mir die Tränen kamen, und als ich daran dachte, dass es sicher noch zehn Jahre dauern würde, ehe ich allein ins Einkaufszentrum fahren durfte, da fand ich, dass es genauso gut hundert sein könnten. Wenn man auf dem Rücken im Bett liegt und heult und zur Decke raufguckt, dann laufen die Tränen in zwei Richtungen und landen oberhalb der Ohren auf dem Kopfkissen. Das ist ein komisches Gefühl.
Ich entschloss mich, liegen zu bleiben und für immer zu weinen und gar nicht erst zum Busbahnhof runterzugehen. Besser, sie standen da und wunderten sich und erfuhren gar nichts. Sie konnten ja glauben, ich sei tot.
In dem Augenblick kam Mama in mein Zimmer, ohne anzuklopfen.
Sie fing an, listige Fragen zu stellen, warum ich in die Stadt wollte, und schließlich hatte sie alles aus mir rausgeholt (aber nicht das mit dem Millionärsclub). Ich weinte auf ihrem Schoß. Lange war es ganz still. Nur mein Schluchzen war zu hören und das Ticken von meiner neuen Krokodillederuhr.
Mama starrte auf das Rollo. Plötzlich hüpfte sie richtig hoch im Bett.
«Weißt du was, Mimi», sagte sie, «wie verlottert es in deinem Zimmer aussieht mit der kaputten Rolloschnur?»
Ich folgte ihrem Blick. Das sah ihr ähnlich, dass sie ausgerechnet jetzt jammerte. Ich hab schon seit ungefähr drei Jahren eine kaputte Rolloschnur ohne Puschel dran, und deswegen hat sich niemand besondere Sorgen gemacht. Gerade heute Abend gab es übrigens anderes, was viel verlotterter aussah in meinem Zimmer. Der Kleiderhaufen auf dem Stuhl und der umgekippte Papierkorb und die Chipstüte im Bücherregal, um nur einige Sachen zu nennen.
«Ich wollte sowieso morgen ins Gardinengeschäft fahren», sagte Mama. «Dann kaufe ich dir eine neue schöne Schnur.»
«Aha», sagte ich, «sehr interessant.»
Mama guckte auf die Uhr. «Ich glaub, ich nehm den Elf-Uhr-Bus. Dann können wir um zwei nach Hause fahren.»
«Oder um drei», sagte ich und umarmte sie.
Siebentes Kapitel
Der Kies knirschte unter unseren Füßen, als wir zum Bus gingen, Mama und ich. Das war wirklich ein Gefühl wie Frühling. Ich dachte, dass sie eine richtig gute Mama ist, weil ihr eingefallen war, dass sie gerade heute eine neue Rolloschnur im Einkaufszentrum kaufen wollte.
«Wir müssen links im Bus sitzen», sagte Mama in dem Augenblick in einem sehr munteren Ton. «Dann kann ich Arne und Eddie das Lokal zeigen, wo ich mal die ganzen Sommerferien gearbeitet hab, als ich jung war.»
Ich blieb auf der Stelle stehen. «Bist du verrückt? Wir können natürlich nicht zusammensitzen, kapierst du das nicht?»
Mama sah erstaunt und beleidigt aus. Sie steckte die Hände in die Taschen und ging ein bisschen schneller.
Ich musste rennen, um mit ihr Schritt zu halten, und erklärte ihr genau, wie sie sich im Bus verhalten sollte.
Arne und Eddie waren schon da, und Eddie hatte seine grüne Wintermütze auf. Seine Mama wohnt ja weit weg in Södertälje. Sie konnte ihm wohl nicht sagen, dass Frühling ist. Mama studierte sehr gründlich den Fahrplan, der an einem Pfahl hing.
«Hast du Geld?», fragte Arne. «Oder wollen wir schwarz fahren?»
«Ich fahr natürlich schwarz», sagte ich kernig.
«Ich nicht», sagte Arne. «Nur Doofe fahren schwarz. Das hat keinen Stil.»
«Ich will schwarz fahren», sagte Eddie.
«Du fährst ja sowieso umsonst, Blödmann», sagte Arne.
«Das tun doch alle Winzlinge.»
Viele Leute wollten in die Stadt, und Mama benahm sich einigermaßen. Sie hangelte sich im letzten Augenblick in den Bus und ließ sich auf den Platz für Behinderte fallen. Nach einer Weile merkte sie das und wurde rot und sprang wieder auf, und dann stand sie den ganzen Weg in die Stadt und hielt sich an einer Stange fest.
Als wir am Nils-Eriksson-Platz hielten, kämpfte sie sich den Mittelgang entlang und entdeckte Arne, Eddie und mich. Wir hatten ganz still ganz hinten gesessen.
«Nein, so was! Seid Ihr Mit Dem Bus Unterwegs?», schrie sie.
«Übertreib nicht so», sagte ich mit meiner gequälten besonderen Stimme.
Aber Arne begriff gar nichts.
«Das ist doch deine Mutter», sagte er anklagend zu mir.
«Oh, was für einen Appetit wir auf Hamburger haben!»
«Genau», sagte Eddie und strahlte über das ganze Gesicht. «BigMäc schmeckt prima.»
Es war sehr gemütlich bei McDonald’s, die roten blanken Tische und Stühle glänzten so heimelig, und der Boden war so nackt und fein. Mama aß Salat und trank Eiswasser aus einem großen Pappbecher, aber wir nicht.
Wir wurden ganz viereckig von all den BigMäcs und Fantas, und vor Gumperts Buchladen rülpste Eddie viermal.
Arne reichte Mama die Hand. «Vielen Dank, aber jetzt haben wir was Wichtiges zu erledigen.»
Mama kriegte vor Glück ganz rote Backen, und dann verabredeten wir, dass wir uns um zwei beim Kebab-Kiosk treffen wollten.
Mama versuchte, mit den Fersen ein Kreuz in den Asphalt an genau der Stelle zu zeichnen, wo wir uns treffen wollten, aber wir erklärten ihr, dass wir es schon kapiert hatten.
«Und wenn ihr eine Straße überquert, fasst ihr euch bei der Hand, und ihr geht nur, wenn das grüne Männchen leuchtet», sagte sie.
«Klar», sagten wir und guckten ihr nach, wie sie mitten hinein in den Verkehr bei Rot über die Straße ging.
Eddie war nicht so an die Großstadt gewöhnt. Er hielt Arnes Hand fest, während er mit seinen dunklen Augen zu den Leuten hochguckte. Sein Gesicht war so blass unter der Wintermütze. Es kam mir fast durchsichtig vor.
«Was glotzt du so?», fragte Arne mich.
«Och», sagte ich.
Als wir ins Einkaufszentrum kamen, hörten wir herrliche Ziehharmonikamusik.
Jemand spielte «Rolling home», ein schönes Lied, das jeder gebildete Mensch erkennt.
Mein Papa, der im Gesangverein von der Post ist, singt das immer beim Abwaschen. Zum Glück wäscht er nicht oft ab.
Da spielte ein uralter Mann Ziehharmonika, aber er sang nicht. Er hatte seine offene Mütze auf den Boden vor sich gelegt, sodass man Geld hineinwerfen konnte, wenn man wollte. Aber das wollten wir nicht. Wir klatschten jedoch Beifall, das taten wir, sehr lange.
«Wollen wir nicht endlich nach Millionären suchen?», fragte ich.
«Ich hab schon einen entdeckt», zischte Arne mir ins Ohr.
Er zeigte auf einen Typ, der mitten in einer Menschenansammlung stand und schrie. Vor sich hatte er einen kleinen Tisch mit lauter Sachen aus Plastik.
«Der?», sagte ich und zeigte ungläubig auf den Typ. Arne nickte.
«Das ist unser Mann», sagte er feierlich. «Unser Mann Martinsson.»
Achtes Kapitel
Viele Menschen standen um den Mann mit dem Tisch herum. Wir mussten all unsere listigen Kniffe und Ellenbogen benutzen, um uns durch die Menschenmasse ganz nach vorn durchzudrängeln. Eddie verlor seine Mütze in dem Gedränge, aber mit ein bisschen Verlust muss man rechnen, wenn man Millionär werden will. Das sagten Arne und ich jedenfalls zu Eddie, als er anfing zu weinen.
«Haber hes war meine Lieblingsmütze», sagte er und steckte den Daumen in den Mund.
«Hör auf damit!», fauchte Arne. «Und hör vor allen Dingen auf, am Daumen zu lutschen! Wenn wir Millionäre sind, kannst du dir tausend Lieblingsmützen kaufen.»
Der Mann, von dem Arne glaubte, er sei Millionär, hatte lange goldene Locken und große braune Augen. Er sah fast aus wie ein Tennisspieler, obwohl er einen dicken roten Pullover mit einem gepunkteten Hund darauf anhatte. Am Pullover hatte er ein kleines Mikrophon befestigt, sodass man sehr gut hören konnte, was er sagte:
«Darf ich Sie einmal etwas Intimes fragen?», sagte er und sah sich um. «Wie machen Sie Paniermehl? Das möchte ich mal wissen. Vielleicht machen Sie es wie meine Frau Mama, ziehen Ihre Stiefel an, legen hart gewordenes Brot auf den Fußboden und hüpfen auf der Stelle darauf herum. So kann man es machen, wenn man meint, man lebe im neunzehnten Jahrhundert. Aber vielleicht sind Sie auch moderner und machen es wie mein Nachbar zu Hause. Er steckt alles alte Brot in eine Tüte und fährt rückwärts aus der Garage über die Brottüte. So kann man den lieben langen Tag Paniermehl machen, wenn man nichts Vernünftigeres zu tun hat. Aber ich sehe, Sie haben was Besseres zu tun, so intelligent, wie Sie aussehen.»
Dann hielt er eine kleine runde Maschine aus Plastik hoch. Auf dem Tisch standen mindestens hundert solcher Maschinen. Dann steckte er einen Zwieback hinein und fing an zu mahlen, dass die Zwiebackkrümel nur so durch die Luft wirbelten. Man sah fast nichts anderes als Krümel.
«So einfach und gut kann man es haben für nur fünfzig Kronen», sagte der Mann, «und außerdem müssen Sie wissen, dass Sie diese entzückende kleine Maschine auch für hundertfünfundzwanzig Kronen im Geschäft hinter mir erwerben können, keine Namen bitte.»
Die Leute kicherten.
«Nun fragen Sie natürlich, warum ich diese Paniermehlmaschine so billig verkaufe», sagte der Mann, «und das will ich Ihnen sagen. Deshalb, weil Sie umso mehr kaufen, je billiger ich sie verkaufe. Und je mehr Maschinen Sie kaufen, umso mehr darf ich verkaufen. Und je mehr ich verkaufe, umso reicher werde ich, und wenn ich reich bin, bin ich froh. Wer will schon gern traurig sein?»
Die Leute kicherten noch mehr und stießen sich gegenseitig an.
Eine Frau holte einen Fünfziger aus ihrem Portemonnaie.
«Danke, meine Schöne», sagte der Mann und gab ihr eine Plastikmaschine. «Sind Sie Göteborgerin? Ach, nicht? Na, man kann ja trotzdem intelligent sein ...»
Jetzt wollten noch mehr kaufen.
Arne, Eddie und ich zogen uns ein bisschen zurück, damit er sich nicht einbildete, dass wir seine teure Paniermehlmaschine kaufen wollten.
«Vielleicht kann man die auch aus Pappe machen?», schlug ich vor. «Mein Papa kann Pappe umsonst von der Post mit nach Hause bringen.»
«Aber dann müssen wir sie rot anmalen», sagte Eddie.
«Dann können wir Papas Laster damit beladen», sagte Arne, «und zu den verschiedenen Märkten fahren.»
Jetzt hatte sich das Publikum langsam gelichtet, und der Mann sah sich suchend um. Als er uns entdeckte, leuchtete sein Gesicht auf.
«Du, Junge», sagte er zu Arne (als ob Eddie und ich gar nicht da wären), «kannst du mal eine Weile auf meine Sachen aufpassen? Ich will nur mal schnell zum ‹Piccolo› und ein bisschen essen.»
Arne nickte. «Kann ich ja machen, wenn du was springen lässt.»
«Okay», sagte der Mann. «Du kriegst fünf Kronen, wenn du eine Viertelstunde auf die Sachen aufpasst.»
«Zehn», sagte Arne.
«Sieben», sagte der Mann.
«Acht», sagte Arne.
«Okay», sagte der Mann, «du bist mir ja ein harter Geschäftsmann.»
Arne streckte die Hand aus.
«Hinterher», sagte der Mann. «Denkst du, ich bin ein Anfänger?» Er warf Arne einen Blick über die Schulter zu, als er ging. Eddie und mich guckte er nicht an.
«Jetzt machen wir die Geschäfte», sagte Arne zufrieden und zog sich die Jacke aus.
Neuntes Kapitel
Eddie wurde ganz nervös und hüpfte auf der Stelle.
«Arne, was machst du? Der Typ wird bestimmt wütend.»
Aber Arne hatte schon einen grünen Papierkorb herangezogen, ihn auf den Kopf gestellt, sodass alle Apfelgehäuse, angebissene Hamburger und eingedellte Coca-Dosen auf dem Steinboden herumkugelten. Dann stieg er auf den umgedrehten Papierkorb, damit er ordentlich groß und stattlich wurde. Dann schrie er:
«Kommt her, Männer und Frauen, dann kriegt ihr die beste Erfindung der Welt zu sehen. Alle coolen Typen benutzen dieses Maschinchen. Fünfzig Kronen kostet es. Jeder in ganz Amerika hat so eins, und ihr wisst ja, wie groß und dick die in Amerika sind ...»
Von allen Seiten kamen Leute angeschlendert und guckten neugierig.
«Fünfzig Kronen also», sagte Arne. «Das ist wenig für die Erfindung, ich lach mich fast kaputt. Aber ihr wollt bestimmt nicht, dass ich das tue. Sonst könnt ihr die Maschine ja nicht mehr kaufen.»
Die Leute sahen amüsiert aus, und eine Frau schüttelte munter den Kopf, kniff die Augen zusammen und öffnete ihre Handtasche.
Arne hatte ein bisschen den Faden verloren, aber jetzt kam er wieder in Fahrt. «Wie gesagt, dieses Ding wird in Amerika benutzt», sagte er. «Amerikanische Fußballspieler zum Beispiel, die kriegen sie von ihren Trainern, damit sie sich damit die Schultern ausstopfen.»
«Wie, was?», sagte die Frau mit der Handtasche nervös. «Das versteh ich nicht.»
«Ja, und Japaner», sagte Arne. «Jeder Japaner hat so ein Ding zu Hause. Bei den Japanern steht es auf dem Fernsehapparat. Aber dort kostet es eine Million. Hier kostet es nur fünfzig Kronen.»
Ein Herr im vornehmen Anzug lachte, dass es im ganzen Einkaufszentrum widerhallte.
«Der Junge hat Köpfchen», rief er, «der Junge hat Köpfchen!» Und angelte einen Fünfziger aus der Tasche. «Hier, für dich, mein Junge.»
Arne bückte sich, um eine Maschine für den Herrn zu nehmen. Aber der schüttelte nur lachend den Kopf.
«Nein, die kannst du behalten. Solche Maschinen hab ich im Kaufhaus für vierzehn neunzig gesehen.»
Als der Herr im feinen Anzug weiterlachte, fingen auch ein paar andere an zu lachen.
«Ich hab selbst einmal mit zwei leeren Händen angefangen», sagte der Herr, «und jetzt gehört mir halb Uddevalla.»
«Will niemand mehr kaufen?», fragte Arne. «Seid ihr alle blank, oder wie?»
Die Frau mit der Handtasche kam näher und nahm eine Plastikmaschine in die Hand. Sie musterte sie genau.
«Aber wozu soll man die benutzen?»
«Benutzen?», fragte Arne, ganz aus der Fassung gebracht.
Mehrere Jugendliche mit grünen Haaren lachten höhnisch.
«Der verkauft was und weiß selbst nicht, was es ist», sagte ein Mädchen und spuckte Arne den Kautabak vor die Füße.
«Vielleicht kann man damit Schuhe putzen?», schlug eine nette alte Dame vor.
Plötzlich leuchtete Arnes Gesicht auf, und Eddie schlang die Arme um meinen Hals und flüsterte mir ganz warm ins Ohr: «Man merkt, dass ihm was eingefallen ist.»
Arne räusperte sich: «Männer und Frauen, ihr habt jawohl gerafft, dass ich selbst nicht mehr ganz mitkomme. Hier ist meine Assistentin. Die wird euch Einzelheiten erklären. Darf ich um Applaus bitten für Fräulein Mimi Ljung!»
Eins ist sicher: Arne Andersson von Schmidt hat sie nicht mehr alle. Das schrie ich ihm auch zu:
«Du hast sie ja nicht mehr alle, Arne Andersson von Schmidt!»
Aber die Leute lachten nur. Mindestens fünfundzwanzig standen da und lachten sich halb tot über meinen Untergang.
Und wenn ihr nicht wisst, was Untergang ist, dann versucht gar nicht, es herauszukriegen, denn es ist wirklich nicht angenehm.
«Komm, Fräulein Mimi», sagte Arne.
Gleichzeitig sprang er vom Papierkorb und schubste mich hinauf. Zuerst wollte ich gleich wieder runterspringen und abhauen, so schnell ich konnte, aber nachdem ich mich eine Weile umgeschaut hatte, gefiel es mir tatsächlich ganz gut.
Die Leute um mich herum warteten, und in Eddies schmalem Gesicht glitzerten die Augen.
«Meine Damen und Herren», sagte ich, «heute haben Sie die Chance, die beste Plastikmaschine für fünfzig Kronen zu kaufen. Schon morgen wird sie hundert kosten. Und gestern betrug der Preis tausend.»
«Du lieber Himmel», sagte eine Frau.
Aber ein kleiner alter Mann mit karierter Mütze sah irritiert aus und fuchtelte mit dem Schirm.
«Das wissen wir schon alles», sagte er. «Aber wozu braucht man sie denn nun?»
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich hatte es ganz einfach vergessen.
«Man kann eine ganze Menge damit machen», sagte ich. «Schuhe putzen oder Bleistifte anspitzen.»
«Paniermehl, Mimi», rief Eddie, «Paniermehl!»
«Ja, genau», sagte ich. «Wenn man Paniermehl machen will, legt man altes trockenes Brot auf den Fußboden und ein Handtuch darüber. Dann nimmt man ein Auto und fährt damit über das Brot ...»
Die Leute guckten sich an. Einige sahen interessiert aus. Aber in dem Augenblick kamen zwei Polizisten.
Zehntes Kapitel
Es waren eine Polizistin mit Sommersprossen und ein Polizist ohne Sommersprossen. Die Polizistin hielt die Hände auf dem Rücken, wie es sich für Polizisten gehört. Das finde ich jedenfalls.
«Was ist hier eigentlich los?», fragte der Polizist und zeigte auf mich und all die Plastikmaschinen.
«Ich bin’s nicht», sagte ich. Solche Angst kriegte ich. Eddie stürzte vor und nahm mich bei der Hand.
«Hich hauch nicht.»
Das Publikum wurde etwas weniger. Die mit den grünen Haaren zogen einfach ab, genau wie der im feinen Anzug aus Uddevalla. Aber viele blieben stehen und hörten interessiert zu.
«Dieses Kroppzeug hat sich irgendeinen Unfug ausgedacht», sagte die Frau mit der Handtasche. «Das hab ich auch schon zu meiner Schwester gesagt.»
Aber jetzt wurde Arne wütend.
«Mach die Futterluke zu», sagte er, «hier bin ich der Chef!»
«Ja, was du nicht sagst», sagte die Polizistin. «Du bist der Chef, du.»
«Genau», sagte Arne. «Jedenfalls im Augenblick bin ich das.»
Der Polizist holte ein kleines Notizbuch und einen Stift vor.
«Wie heißt du denn?», fragte er.
«Also ich bin nur für eine Weile Chef», sagte Arne. «Der richtige Chef ist einer mit langen Haaren. Er hat uns gebeten, auf die Sachen aufzupassen, während er essen geht.»
«Auf seinem Pullover ist ein gepunkteter Hund», sagte ich hilfsbereit. «Falls ihr nach ihm fahnden wollt.»
«Er ist groß wie ein Tannenbaum», sagte Arne. «Und er schuldet mir acht Kronen.»
«Dahinten geht er», sagte Eddie.
Sehr richtig, der Apparateverkäufer kam mit ruhigen Schritten und mit einer Zigarettenkippe im Mundwinkel heran. Aber als er uns und die Polizisten bemerkte, blieb er stehen.
Die Polizistin seufzte. «Bist du wieder unterwegs, Swanson», sagte sie. «Ich hab’s langsam satt. Hast du noch nie was von einer Genehmigung gehört?»
«Meine Genehmigung ist in Ordnung», sagte Swanson und grinste. Zu ihm passte wirklich der Name Swanson.
«Was hast du dir nun wieder einfallen lassen?», fragte der Polizist und hielt eine Plastikmaschine hoch.
«Das sind nicht meine», sagte Swanson. «Die gehören den Kindern. Ich bin nur auf einer kleinen Shoppingtour unterwegs. Es soll Pelzmützen zum Sonderpreis im Einkaufszentrum geben, hab ich gehört.»
Swanson begann, in eine bestimmte Richtung zu gehen, aber plötzlich waren die beiden Polizisten an seiner Seite.
«Aber Herr Swanson», schrie ich, «was sollen wir denn mit den ganzen Maschinen machen?»
Swanson drehte sich um und lachte mich an. Er hatte große weiße Zähne. «Behaltet sie», rief er. «Die sind sowieso zu nichts zu gebrauchen!»
Da standen Arne, Eddie und ich und starrten einander und den kleinen Tisch mit all den Plastikapparaten an.
Arne gab mir einen Stoß in die Seite. «Geh mal schnell in den Laden und hol ein paar Plastiktaschen.»
«Das kannst du selber machen», sagte ich.
Nachdem wir uns eine Weile gezankt hatten, beschlossen wir, dass Eddie die Maschinen bewachen sollte, während wir uns ein paar Plastiktaschen erbettelten.
Eddie musste dreimal versprechen, sich nicht von der Stelle zu rühren. Im Laden trafen wir eine nette Dame in rotem Pullover. Sie fand wohl, wir sähen so traurig aus, dass wir drei große Plastiktaschen bekamen, ohne etwas dafür zu bezahlen.
Wir beschlossen, die Maschinen mit nach Hause zu nehmen und sie dort irgendwo zu verstecken.
«Wahrscheinlich werden wir sehr bald Millionäre», sagte Arne. «Er hatte Schwielen an den Händen.»
«Das hat mein Papa auch», sagte ich. «Schwielen aus dem Schrebergarten. Aber ist er vielleicht ein Millionär?»
«Natürlich ist er das nicht.»
«Da kannst du mal sehen!»
Wir drängelten uns an den Menschen an der Kasse vorbei hinaus und kehrten zurück zu dem Platz, wo alles passiert war.
Die Apparate auf dem Tisch waren noch da. Mindestens achtzig kleine rote schimmernd-blanke Plastikmaschinen.
Nur Eddie war weg.
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