Читать книгу: «Und wer küßt mich?»
Tone Kjærnli
Und wer küsst mich?
Aus dem Norwegischen
von Christel Hildebrandt
Lindhardt und Ringhof
1
Ich, Nina Ruud, elf Jahre, drei Monate und zwei Wochen alt, wohne in so einem alten Kasten, einem richtigen Geldfresser. So nennt jedenfalls Mutter unser Haus. Vater versucht alle undichten Stellen im Dach, die Risse in den Kellermauern und ich weiß nicht, was sonst noch zu reparieren, so gut er kann. Aber so gut kann er es eben doch nicht. Ausgerechnet heute Nachmittag war er wieder mal dabei, auf dem Dachboden zu hämmern und klopfen, zu stöhnen und fluchen, dass man es bis in den Garten heraus hören konnte. Mutter war nicht besonders glücklich darüber, denn es ist Sonntag, und Frau Bang-Hansen von nebenan mag es gar nicht, wenn sonntags gearbeitet wird.
Wir haben das Haus von meinen Großeltern geerbt. Es ist fast hundert Jahre alt. Synne, die in meine Klasse geht und auch in unserer Straße wohnt, sagt, dass es das hässlichste Haus ist, das sie je gesehen hat, schief, spitz und merkwürdig. Typisch Synne. Sie muss ihr Krötenmaul immer aufreißen. Und außerdem möchte ich mal wissen, wie sie als Hundertjährige wohl aussieht. Sicher genauso schief und merkwürdig. Und genauso undicht wie das Dach.
Mutter und ich rekelten uns in unseren Liegestühlen in der warmen Nachmittagssonne. Ich versuchte mit aller Macht, noch ein bisschen braun zu werden, denn morgen sind die Sommerferien zu Ende und die Schule fängt wieder an, und ich wollte mich ein einziges Mal mit brauner Haut und nicht nur mit Sommersprossen zeigen können. Vom Haus her war eine Reihe schneller Hammerschläge zu hören. Dann kam ein fürchterliches Geheul, das die Krähen im Kirschbaum aufscheuchte und zu panischer Flucht veranlasste.
»Nein, so was, hast du den Vogel gehört?«, fragte Mutter im Halbschlaf. »Wie grässlich er geschrien hat.«
»Das war kein Vogel«, sagte ich. »Das war Papa.«
Mutter sprang auf, rief: »Hast du dir weh getan, Thorvald?«, und lief hinein. Ich hinterher. Ganz oben auf der Dachbodentreppe saß Vater und lutschte an einem geschwollenen Daumen, die spärlichen Haare standen ihm zu Berge. Niemand mit so wenig Haaren kann so zerzaust aussehen wie mein Vater. Darin ist er Meister. Leider kann man über seine Fähigkeiten als Tischler nicht dasselbe sagen.
»Verfluchter Hammer«, sagte Vater, und Mutter warf mir einen raschen Blick zu, als ob ich nicht schon Schlimmeres gehört hätte, vom Rolf aus meiner Klasse beispielsweise.
In diesem Augenblick durchdrang das Geheul einer elektrischen Gitarre das Haus.
»Hilfe«, sagte Mutter, »jetzt wird gleich Frau Bang-Hansen anrufen und sich beschweren. Nina, geh mal runter und bitte Fredrik, ein bisschen leiser zu spielen.«
Ich ging wieder ins Erdgeschoss und öffnete die Tür zu Fredriks kohlrabenschwarzem Zimmer. Ja, ihr habt richtig gelesen: kohlrabenschwarzes Zimmer. Die Schwarze Höllennacht, wie ich es nenne. Es war nämlich vor einiger Zeit, als es am allerheißesten war, da ist Fredrik in seinem Zimmer verschwunden und hat es gestrichen. Total schwarz. Wir anderen ahnten nichts. Wir lagen im Garten, schwitzten und keuchten und duschten uns alle fünf Minuten mit dem Gartenschlauch.
»Wo zum Teufel ist Fredrik?«, fragte Vater. »Er muss bei diesem schönen Wetter doch auch mal rauskommen?«
Ich ging hinein und sah, was Fredrik tat, ging wieder hinaus und sagte, dass er in der rechten Ecke der Schwarzen Höllennacht sei. Am Fenster.
»He?«, fragte Vater, und dann roch er den Farbgeruch und die Stirn fiel ihm über die Augen. Er kam mühsam auf die Beine und schlich sich hinein, Böse Ahnungen mit Schweiß auf den sonnenverbrannten Rücken geschrieben.
Eine halbe Minute.
Dann kam’s.
Ein Schrei.
Vater schrie und taumelte rückwärts wieder heraus. Oh, oh, oh, direkt in die Arme von Mutter. Die auch nicht gerade absolut begeistert war.
»Das ist das Alter«, sagte sie.
»Ja, aber ich war auch mal fünfzehn und ich habe deshalb nicht die Zimmer schwarz angemalt, total schwarz«, schluchzte Vater.
»Nein, du nicht«, sagte Fredrik, und das hörte sich an, als ob Vater bereits als Fünfzehnjähriger Kugelbauch und Halbglatze gehabt hätte und total out gewesen wäre.
Und jetzt stand Fredrik in der Schwarzen Höllennacht und spielte Gitarre, dass ich mir die Ohren zuhalten musste. Er verschwand vollkommen unter seinen Haaren, nur die Nase ragte hervor und mitten auf ihr thronte im Augenblick ein fetter, roter Pickel.
»Für Holzköpfe verboten!«, rief er, als er mich erblickte.
»Dein Pickel ist noch größer geworden, dass du es nur weißt«, sagte ich.
»Verschwinde, du Null!«
»Mutter sagt, dass du nicht so laut spielen darfst.«
»Das muss ich, wenn es was werden soll. Hau ab.«
Das Telefon klingelte. Ich hörte, wie Mutter sich für den Lärm entschuldigte. Aber natürlich musste sie für Fredrik um Nachsicht bitten, typisch, sie sagt immer, dass wir nicht schimpfen sollen, weil er doch in Dem Schwierigen Alter ist. Und wie Fredrik das auszunutzen weiß!
»Sie müssen verstehen, er übt für eine Aufführung im Jugendclub«, sagte Mutter. »In diesem Alter müssen sie sich ja ein wenig austoben dürfen. Ist doch nur gut, wenn sie das wenigstens zu Hause tun. Ja, ja sicher, ja, dann auf Wiederhören.«
Mutter schaute durch die Tür herein. »Frau Bang-Hansen hat sich wieder beschwert. Fredrik, sei doch so gut. Du kriegst hinterher auch eine Cola, wenn du ein bisschen leiser spielst.« Ich ging hinaus. Ich hatte nämlich die letzte Cola genommen und wollte lieber nicht dabei sein, wenn Fredrik das entdeckte. Da sah ich, dass Heidi und ihr Anhang endlich aus den Ferien zurückgekommen waren. Der Caravan stand in der Garageneinfahrt, und Heidi, ihre Mutter und Svein, Heidis Stiefvater, trugen stapelweise Tennisschläger, Campingstühle und sonst was ins Haus.
Ich rannte über den Rasen, nahm die Abkürzung durch das Loch in der Hecke und trat fast auf Frau Bang-Hansens Mistköter, der gerade auf dem Weg in unseren Garten war, um dort zu scheißen. Dieser Köter. Vater meint, Frau Bang-Hansen hätte ihm bestimmt beigebracht, das zu tun, aus Rache. Sie würde sicher sagen: »Willst du raus, Goldi? Raus und Kacka machen? Dann lauf rüber in Ruuds Garten. Ja, gut so. Braver Hund.«
Als Heidi mich sah, ließ sie sofort alles aus den Händen fallen. Sie hob ihr T-Shirt hoch und schob die Jogginghose so weit nach unten, dass ich ihren prachtvollen braunen Bauch bewundern konnte.
»Guck mal, wie braun ich bin!«
Ihr Haar war von der Sommersonne fast weiß geworden. Sie warf es mit einer schnellen Kopfbewegung aus ihrem gebräunten Gesicht und sah mich kritisch an.
»Du bist ja überhaupt nicht braun geworden!«
»Ich hab nur Sommersprossen gekriegt«, sagte ich traurig.
»Oh, du Arme«, meinte Heidi.
»Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr zurück«, sagte ich.
»Aber jetzt bin ich da!« Heidi lächelte.
»Ja«, sagte ich. »Zum Glück.«
Dann sagten wir eine Weile gar nichts mehr. Es ist immer irgendwie schwierig, wieder miteinander bekannt zu werden, wenn wir uns mehrere Wochen lang nicht gesehen haben. Obwohl Heidi und ich uns wahnsinnig gut kennen, denn seit unserem siebten Lebensjahr, als Heidi hierher gezogen ist, sind wir die besten Freundinnen. Wir werden nur jedes Mal ein wenig unsicher. Jedenfalls werde ich es.
»Ich muss dir was erzählen«, sagte Heidi mit einem Mal und zog mich mit sich hinters Haus. Wir legten uns ins Gras, das in den Wochen, die sie fort waren, ziemlich gewachsen war. Heidi kugelte herum und sah auf die Erde.
»Ich habe einen Freund gefunden. So ganz richtig.«
»Wirklich!«
»Jaha. Örjan.«
Ich ließ den Namen über meine Zunge rollen. »Örjan?«
»Mmh. Örjan Malmström. Er ist Schwede, weißt du.«
Nun ist es nicht das erste Mal, dass Heidi einen Freund hat. Schon in der ersten Klasse war sie mit Per-Gunnar fest befreundet. Sie saßen im Fahrradschuppen auf dem Schulhof eng zusammen und umarmten sich. Alle Jungen unserer Klasse sind scharf auf Heidi, weil sie so süß ist. Und letztes Jahr schickten Tore und sie sich während des Unterrichts Zettel, auf die sie geschrieben hatten, dass sie einander liebten und so. Ich bin nie die feste Freundin von jemandem gewesen. Ich war scharf auf jemanden. Aber ich glaube nicht, dass jemals jemand scharf auf mich gewesen ist. Es hat jedenfalls nicht den Anschein.
»Was heißt das, er ist so ganz richtig dein Freund?«
»Weil es so ist. Willst du sehen, wie toll er aussieht?«
Heidi fischte ein abgegriffenes Schwarzweißfoto aus ihrer Tasche. Es war ein typisches Automatenbild. Ein hellblonder Junge starrt dich erschrocken an, als wäre er vom Blitzlicht überrascht worden. Örjan Malmström starrt. Aber Örjan Malmström hat einen Ring in dem einen Ohr wie ein Jugendlicher, obwohl er bestimmt nicht älter als zwölf ist. Örjan Malmström ist super.
»Ist er nicht super?«
»Ja«, sagte ich.
»Wir wollen uns Liebesbriefe schreiben«, sagte Heidi zufrieden und schob das Bild wieder an seinen Platz.
DING-DONG-DONG klang es von unserem Haus, das war Vater, der die Glocke läutete. Das heißt, Mittag ist fertig oder Abendessen oder irgendwas anderes. Niemand sonst in unserer Straße benutzt so eine blöde Glocke. Es ist wirklich bescheuert, als wäre ich eine Kuh, die in den Stall soll.
»Ich muss nach Hause«, sagte ich. »Was wirst du morgen anziehen?«
»Vielleicht die rosa Jacke.«
»Dann zieh ich auch meine rosa Jacke an.«
»Spitze«, sagte Heidi.
Das war am Nachmittag. Jetzt ist es Abend, ich stehe im Badezimmer, putze mir die Zähne und sehe dabei in den Spiegel. Ich bin leider nicht brauner geworden. Und die Sommersprossen sind immer noch genauso viele wie gestern und vorgestern und vorvorgestern. Vierunddreißig Sommersprossen allein im Gesicht! Wer bietet mehr? Ich gehe jede Wette ein, dass Synne morgen eine dumme Bemerkung darüber machen wird. »Hast du dich durch ein Teesieb gesonnt, oder . . .« Das sagt sie üblicherweise. Und mir fällt nie eine passende Antwort ein. Vielleicht sollte ich sagen: »Ja, stimmt genau.« Ganz überlegen und gleichgültig. »Das ist nämlich die neueste Mode, sich durch ein Teesieb zu sonnen.« Ja, das werde ich sagen, wenn sie ihr Krötenmaul aufreißt.
Synne bildet sich ein, sie sähe unglaublich gut aus, genauso gut wie Heidi. »Wir könnten fast Schwestern sein«, sagt sie oft. Nur weil beide lange, blonde Pferdeschwänze haben! Ich bin nicht der Meinung, dass sie sich ähneln. Ganz und gar nicht. Aber ich hätte gern einen langen, blonden Pferdeschwanz wie Heidi statt meiner strähnigen roten, halblangen Zotteln.
Ich strecke meinem Spiegelbild die Zunge raus und gehe ins Bett.
2
Heidi und ich. Mit hundert Sachen auf dem Fahrrad den Hügel hinunter auf dem Weg zur Schule. Vater auf der Treppe: »NINA! ZIEH DEINE REGENJACKE AN! ES GIBT REGEN!«
Aber ich höre nicht. Ich höre gar nichts, denn Heidi und ich, wir sind beide rosa, und um nichts in der Welt würde ich stattdessen eine Regenjacke anziehen. Weiter oben auf der Straße ist Synne.
»Wartet!« Aber wir hören nicht. Nein. Wir hören überhaupt nichts. Wir singen mit dem Krötenmaul weit hinter uns, der Wind bläst uns direkt ins Gesicht, dass wir nach Luft schnappen müssen.
»O HÄNGT IHN AUF, O HÄNGT IHN AUF,
O HÄNGT IHN AUF, DEN KRANZ VON LORBEEREN! (japs)
IHN, UNSERN HERRN . . .« (japs)
»Wartet! Seid ihr denn stocktaub, oder was?« (Synne)
»Die Regenjacke!« (Vater)
»IHN, UNSERN HERRN, IHN, UNSERN HERRN,
DEN WOLLEN WIR VEREHREN!« (japs)
Regen? Gar nicht dran zu denken. Nicht heute. Obwohl Vater es eigentlich wissen müsste, schließlich arbeitet er im meteorologischen Institut. Es ist sein Job, herauszufinden, wie das Wetter wird. Mutter ärgert ihn immer und sagt, dass er sicher nur rät, so oft, wie der Wetterbericht nicht stimmt. Heute stimmt seine Prognose jedenfalls nicht und außerdem bin ich stocktaub. Heidi ist auch stocktaub, wie sie vor mir radelt mit ihrem Pferdeschwanz in einem langen, hellen Strich.
»O HÄNGT IHN AUF, IHN, UNSERN HERRN,
IHN, UNSERN HERRN, DEN WOLLEN WIR VEREHREN!« (japs und puh und angekommen)
»Verdammt, ihr hättet wirklich warten können«, schimpfte Synne auf dem Schulhof.
»Aber wir haben dich ja nicht rufen gehört.«
»Ha! Woher wisst ihr dann, dass ich gerufen habe? Wenn ihr es nicht gehört habt!«
»Äntschuldigung«, sagte Heidi. Mit Ä. Sie sagt immer Entschuldigung mit Ä.
»Äntschuldigung, wir hören so schlecht!«
Synne wechselte plötzlich das Thema und sagte mit ihrer einschmeichelndsten Stimme: »Du bist aber braun geworden, Heidi.« Sie hielt ihren Arm neben Heidis. »Wir sind gleich braun, sieh mal!«
»Heidi ist viel brauner als du«, sagte ich.
Synne sah mich an. Ihre Augen wurden zu zwei engen Schlitzen. Jetzt sagt sie das mit dem Teesieb, dachte ich. Und dann werde ich ihr antworten!
»Du siehst aus wie ein Fischpudding mit Scheißeflecken drauf«, sagte Synne. Dann drehte sie sich um und ging zu Tonje und Margrete aus der Siebten. Während ich mit offenem Mund stehen blieb. Miststück!
Am ersten Schultag nach den Ferien erscheint immer alles irgendwie neu und anders. Aber es dauert nicht lange, bis man entdeckt, dass alles noch beim Alten ist. Der Schulhof ist wie immer, mit dem Asphalt, auf dem alle mindestens einmal im Jahr hinfallen und sich ein Loch ins Knie schlagen, das Klettergerüst, das ganz ungefährlich ist, aber eigentlich doch nicht ganz ungefährlich, nachdem Truls aus der zweiten Klasse im letzten Jahr runtergefallen ist, direkt auf seine Rotznase, und sich einen Zahn ausgeschlagen hat. Unsere Lehrerin ist wie immer, wie immer zu Beginn eines Schuljahres, dann strahlt sie wie eine Sonne. Im Laufe des Herbstes strahlt sie immer weniger und ungefähr um Weihnachten herum ist sie bereits ziemlich erloschen, wie eine ausgebrannte Glühbirne.
Der Rolf in unserer Klasse ist jedenfalls ganz der Alte! Sobald er durch das Schultor kam, fing er an, den Fahrradschuppen zu beschmieren, und was er da normalerweise schreibt, das sind nicht gerade Bibelverse. Also muss der Hausmeister auch dieses Jahr wieder den Fahrradschuppen streichen, und dabei wird er reichlich sauer. Morten kam an, die Taschen voll mit süßen Schnullern, sauren rostigen Nägeln, und in der ersten großen Pause nahm er die Gelegenheit wahr und rannte zu Frau Nilsens Bonbonladen, um sich mit weiterem Vorrat zu versorgen. Wie gehabt! Und die Jungen aus der Siebten begannen das Schuljahr damit, dass sie Plastiktüten voller Wasser auf uns andere warfen, nur um zu zeigen, dass sie jetzt die Größten in der Schule sind1. So ist es jedes Jahr.
Eigentlich ist nur Mona nicht wie immer. Sie hat eine Zahnspange bekommen. »Zähne im Gefängnis«, meinte sie, bevor irgendjemand den Mund aufkriegte, um zu sagen: »Iiiih! Eisendraht auf den Zähnen.«
Und einige sind ein bisschen gewachsen.
Aber ich bin am meisten gewachsen.
Jedes Jahr bin ich es, die am meisten gewachsen ist, aber Jon, Siv-Margrete und Turid waren fast genauso groß wie ich. Vorher. Jetzt nicht mehr. Jetzt kann ich weit über alle Köpfe gucken. Das merkte ich, als wir vor der ersten Stunde auf dem Flur vor dem Klassenzimmer standen.
»Oh, Scheiße, wie lang du wirst«, sagte Synne. »Kannst bald als Fahnenstange anfangen.«
O ja, Synne hat sich auch nicht verändert.
Ich brauchte einen neuen Schultisch, ganz klar. Meine Beine sind so lang geworden, dass der alte mir auf dem Schoß lag und schaukelte. Jon bekam Kjerstis Platz, die im Frühling abgegangen war, genau vor mir, in der Fensterreihe. Und die ganze Zeit drehte er sich um, um mir den Radiergummi zu klauen, einen Bleistift zu leihen, zu gucken, was ich gemalt hatte, oder einfach, um sich umzudrehen. Ich schlug ihm auf die Finger und stieß ihn in den Rücken.
Wir sprachen über die Ferien. Das machen wir immer am ersten Schultag. Dann erzählte unsere Lehrerin uns, dass Frau Vage, die wir bisher im Turnen hatten, in den Ferien ein Baby bekommen hat, ein Mädchen.
»Toll!«, riefen wir Mädchen und schwenkten zwei Finger in der Luft.
»Uuuuuu!«, riefen alle Jungen, ausgenommen Morten, der wie üblich mindestens vier rostige Nägel im Mund hatte und gar nichts sagen konnte.
»Haben wir dann dieses Jahr gar kein Turnen?«, fragte Inger-Karin voller Hoffnung. Denn zu den Turnstunden hat Inger-Karin fast immer ihr Turnzeug vergessen oder sie hat Kopfschmerzen, sodass sie ruhig auf der Bank sitzen muss.
»O doch«, sagte unsere Lehrerin. »Ihr bekommt einen anderen Lehrer, wie ihr euch denken könnt. Geir Böler heißt er.«
»Oh«, flüsterte Inger-Karin. »Ach so.«
»Toll«, sagte der Rolf. »Es ist viel toller mit einem Sportlehrer als mit einer Sportlehrerin.«
»Ist es nicht«, sagten Turid und Siv-Margrete.
Anschließend, als die Lehrerin unseren Stundenplan an die Tafel schrieb, ließ der Rolf einen Zettel durch die Klasse kreisen, auf dem stand: FRAU VAGE HAT ES DREIMAL GEMACHT! Typisch Rolf, der muss immer gleich schweinisch denken, aber alle wussten jedenfalls, was er meinte, denn Frau Vage hatte bereits zwei Kinder. Alle wussten es, ausgenommen Inger-Karin.
»Was gemacht?«, fragte sie und dadurch entdeckte unsere Lehrerin den Zettel, wurde ganz dunkel im Gesicht und rot am Hals und sagte, wir sollten aufhören, uns so kindisch zu benehmen, wo wir jetzt in die fünfte Klasse gingen. Darin war ich ihrer Meinung.
Oft fahren Heidi und ich zusammen mit Jon und Jörn von der Schule nach Hause. Und mit dem Rolf, wenn er zusammen mit Jon und Jörn ist. Zuerst fahren wir dann an dem Bonbongeschäft von Frau Nilsen vorbei. Vater meint, es sollte gesetzlich verboten werden, Bonbongeschäfte neben Schulen zu eröffnen. Da bin ich anderer Meinung. Aber ich könnte mir gut vorstellen, dass jemand wie Frau Nilsen gesetzlich verboten werden sollte. Das Marzipanwürstchen, wie wir sie auch nennen. Frau Nilsen kann nämlich keine Kinder leiden. Sie ist der Meinung, alle Kinder seien Diebe, die blitzschnell Süßigkeiten klauen, sobald sie ihnen nur den Rücken zudreht, also tut sie das nie. Sie wacht über uns wie ein Habicht, und wenn sie mal lächelt, was selten genug vorkommt, dann mit zusammengekniffenen Lippen, das Gesicht in vier Doppelkinne zusammengepresst. Als hätte sie Angst, dass wir ihre Visage auch noch klauen würden, wenn sie sie zu weit vorstreckte. Die einzigen Kinder, die Frau Nilsen gefallen, sind süße kleine Mädchen. So ein süßes kleines Mädchen bin ich ganz sicher nie gewesen. Mit Heidi war das etwas anderes. Als Heidi und ich in die zweite Klasse gingen und leere Flaschen sammelten, um danach bei ihr hineinzulatschen und alles zu vernaschen, da pflegte Frau Nilsen zu schnaufen: »Ach ja!« und »Ach, wie süß!« Womit sie ganz sicher nicht mich meinte. O nein, das war allein Heidi, die gemeint war.
»Haben Sie schon mal solche Grübchen gesehen! Und so feines Engelshaar!« Frau Nilsen setzte Heidi auf den Tresen, tätschelte sie und tändelte mit ihr, wobei sie sie mit Schokoladenstückchen fütterte. Und wenn andere Damen anwesend waren, jedenfalls solche mit massenhaft Lippenstift und Parfüm, dann nickten und lächelten die auch und schrien: »Mein Gott, was für ein hübsches Kind!«
Alle waren mit Heidi beschäftigt.
Mich bemerkte keine.
Nicht gerade sehr spaßig, wie ihr euch denken könnt.
Aber als eines Tages Frau Nilsen wieder mal herumtätschelte, hackte plötzlich das schöne Kind seine Zähne in einen ihrer dicken Finger, dass Frau Nilsen aufschrie: »Das Kind hat mich gebissen! Das Kind hat mich in den Finger gebissen!«
»Äntschuldigung«, sagte Heidi. »Aber ich dachte, der Finger wäre ein Marzipanwürstchen.«
Die Lippenstift- und Parfümdamen lachten und Frau Nilsen lächelte mit zusammengekniffenen Lippen und bösen Augen. Zwei Jungen aus der siebten Klasse hatten alles mitbekommen und erzählten es den anderen. Am nächsten Tag wusste es die ganze Schule. Alle steckten den Kopf zur Ladentür rein und riefen: »Marzipanwürstchen!«
Der Rolf meint, wenn das Marzipanwürstchen schon erwartet, dass wir frech sind, dann könnten wir es genauso gut sein. Seine Bonboneinkäufe enden immer damit, dass er aus der Glastür stürmt, während Frau Nilsen hinter ihm herschimpft: »Lümmel! Welch bodenlose Frechheit! Aber ich weiß, wer du bist! Ich werde es deinem Vater sagen . . .!«
Aber das tut sie nie. Der arme Rolf, wenn sie es wirklich täte. Denn sein Vater wird ohne jeden Grund sauer, erzählt der Rolf, und dann verprügelt er ihn. Obwohl es verboten ist, Kinder zu prügeln. Der Rolf sagt, dass ihm das egal ist.
Der Rolf sagt viele merkwürdige Sachen. Er sagt, dass die Betrunkenen im Einkaufszentrum eigentlich Spione seien, die den Geschäftsführer von Olufsens Supermarkt beobachten, und dass der Geschäftsführer ein gesuchter Terrorist sei, der zehn Menschen auf dem Gewissen habe. Mutter sagt, die Preise bei Olufsen seien kriminell. Aber ich glaube nicht, dass deshalb jemand gestorben ist.
Wir radeln gewöhnlich über den Platz vor dem Einkaufszentrum. Dann fahren wir auf die Brücke, die über die Autobahn führt. Dort halten wir an und spucken auf die Autos unter uns. Der Rolf schafft immer die dicksten Klumpen. »Yeah!«, schreit er, reißt beide Arme über den Kopf und spreizt zwei Finger. »Das Spuckphantom hat wieder zugeschlagen!«
Dann fahren wir einen Hügel hoch und auf halber Höhe teilt sich der Weg. Jörn und Jon verschwinden nach rechts. Der Rolf verschwindet auch, weil er nicht mit uns Mädchen allein sein will. Er hat nicht einmal genug Mut, mit ein paar Pipimädchen zusammen zu sein, wie Jörn sagt. Er tritt wie wahnsinnig in die Pedalen, den restlichen Hügel hoch und um die Kurve, wo er wohnt.
Heidi und ich schieben unsere Räder das letzte Stück.
Manchmal gehe ich mit Heidi nach Hause. Andere Male kommt Heidi mit zu mir. Aber einen Tag in der Woche soll Heidi zu ihrem Vater, und dann steht ihre Mutter schon da, tritt von einem Bein aufs andere und drängelt, dass Heidi sich beeilen muss. Dann gehe ich schräg über die Straße zu mir nach Hause. Mit dem Fahrrad brauchen wir nur ein paar Minuten bis in die Schule. Wieder nach Hause zu fahren dauert viel länger. Der Rekord waren vier Stunden, aber das kam nur, weil der Rolf behauptete, er wüsste, wer das Postamt ausgeraubt hatte, da mussten wir spionieren, und natürlich hatte der Rolf Unrecht, aber das konnten wir ja nicht wissen. Deshalb war es eigentlich nicht in Ordnung, dass die Eltern sauer waren, als ich heimkam, weil sie Angst gehabt hatten.
Aber heute fuhren wir schnell nach Hause, denn es goss in Strömen. Also hatte Vater Recht behalten.
3
Unser Haus ist voller Geräusche. Besonders bei Wind. Oder bei Regen. Es heult und seufzt, als ob jemand in den Wänden säße und weinte. Das Gespenst der Großmutter, denke ich. Es ist das Großmuttergespenst, das weint. Denn sie war bestimmt sehr unglücklich. Ich höre gern zu, wenn Mutter erzählt, wie unglücklich Großmutter war, auch wenn es sehr traurig ist.
»Ach ja, mein Vater, dein Großvater, der hat sich einfach aus dem Staub gemacht. Auf seine Entdeckungsreisen! Ließ Mutter mit drei Kindern und einem wackligen Krähenschloss zurück, in dem der Regen durch das Dach tropfte. Und dann kam er Monate später mit Schildkrötenpanzern, Speeren, Masken und merkwürdigem Schmuck zurück, den Mutter nicht brauchen konnte.«
»Die Arme.«
»Sie hatte es nicht leicht, deine Großmutter. Doch sie machte ihm niemals Vorwürfe. Sie beklagte sich nie. Und war er zu Hause, dann war alles voller Farben, Feste, Musik und Lachen. Aber immer fuhr er wieder fort. Und ihr Lachen ging in Weinen über, wenn Mutter dachte, wir Kinder würden schlafen.«
»Denkst du, das ist ihr Gespenst, dieses Weinen im Haus?«
»Es gibt keine Gespenster, das weißt du doch.«
»Du hast selbst gesagt, es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als wir ahnen und glauben!«
»Nun ja, jedenfalls war Mutter sehr unglücklich. Denn sie vermisste Vater. Sie musste mit allem allein zurechtkommen, tagein, tagaus. Und du darfst nicht glauben, dass es für uns Kinder so einfach gewesen wäre. Mit einem Vater, der immer fort, und einer Mutter, die immer traurig war. Und wie die Leute redeten!«
»Ihr Armen. Warst du wütend auf ihn?«
»Ach ja, ganz tief drinnen war ich es wohl. Aber ich mochte ihn auch furchtbar gern. Denn er war ja so lieb. Nur dass er eben nicht erwachsen werden wollte, dein Großvater. Hatte nicht für fünf Pfennig Verantwortungsgefühl. Mutter hätte ihn verlassen und sich einen anderen suchen sollen.«
»Warum hat sie es nicht getan?«
»Ach, weißt du, das war die große Liebe zwischen deiner Großmutter und deinem Großvater. Und die große, große Liebe hört nicht auf die Vernunft.«
»Warum hört die große, große Liebe nicht auf die Vernunft?«
»Weil . . . das verstehst du erst, wenn du größer bist.«
Das ist typisch. Wenn die Erwachsenen nicht wissen, was sie antworten sollen, sagen sie: »Das verstehst du, wenn du größer bist.« Ich bezweifle ja, dass sie selbst verstehen, was sie nicht erklären können.
Ich kann mich an meine Großmutter nicht mehr erinnern. Aber an meinen Großvater. Er brachte Fredrik und mir immer spannende Geschenke mit. Als ich vier Jahre alt war, bekam ich eine Maske von ihm. Eine Teufelsmaske, die einem Zauberer auf Java gehört hatte, die war ganz fürchterlich unheimlich. Ich schrie wie am Spieß, als er damit ankam.
»Das ist wohl kein passendes Spielzeug für ein Kind, Schwiegervater«, sagte Vater und wollte sie mir wegnehmen. Aber da schrie ich noch lauter. Seitdem hängt sie in meinem Zimmer an der Wand. Fredrik bekam eine Sammlung mit Schmetterlingen aus der ganzen Welt. Aber er lässt sie hinter einem Haufen Comics in einer Schublade in der Schwarzen Nacht verstauben. Wären das meine Schmetterlinge, dann hätte ich sie jeden Tag rausgeholt und angeschaut. Fredrik ist dumm. Großmutter sieht auf dem alten Hochzeitsbild, das bei uns in der Stube steht, richtig süß aus.
»Das war der größte Tag in ihrem Leben«, sagt Mutter und schüttelt den Kopf. »Und ihr Brautkleid hat sie immer aufbewahrt, als eine schöne Erinnerung. Damit darfst du nicht spielen, Nina, merk dir das.«
»Vielleicht kann Nina es bei ihrer Hochzeit tragen«, sagt Vater.
»Ich werde nicht heiraten«, erwiderte ich schnell.
Die Erinnerung an den größten Tag in Großmutters Leben hängt zwischen alten Kleidern, Mänteln und Hüten oben auf dem Boden. Es hängt unter unzähligen Plastikhüllen. Und ich spiele auch nicht damit. Ich schaue es nur an.
Weil es heute ununterbrochen goss, gingen Heidi und ich auf den Boden. Der Regen donnerte direkt über uns aufs Dach. Das Gespenst der Großmutter weinte und stöhnte. Entschuldigung, Großmutter, flüsterte ich zur Sicherheit tonlos, als wir uns daranmachten, das ganze Plastik abzuziehen. Bei Gespenstern kann man nie wissen. Es knisterte und knackte um unsere Finger, bis wir endlich die kalte Seide, die Spitzen und Perlenstickereien fühlen konnten.
»Darf ich das Brautkleid mal anziehen?«, fragte Heidi.
»Nein«, sagte ich.
»Wie doof.«
»Aber wir dürfen nicht. Es kann kaputtgehen.«
Es ist immer etwas komisch, nein zu Heidi zu sagen, weil sie sehr schnell sauer wird, und dann macht alles keinen Spaß mehr. Aber glücklicherweise fand sie ein schwarzes Großmutterkleid, einen Hut und ein Pelzding, das eigentlich ein toter Fuchs war mit Schnauze, Pfoten, Schwanz und allem. Er sah fast lebendig aus, wie er von ihren Schultern herunterschaukelte, der arme Fuchs. Ich zog mir einen riesigen Anzug an, einen Großvaterhut und einen alten Wintermantel.
»Genau wie Mann und Frau«, sagte Heidi und ging mit wackelndem Po hin und her. »Komm her, mein Gatte.«
»Ja doch, mein Schätzchen«, brummte ich und schlurfte hinterher.
Heidi kicherte. »Du kannst gut den Mann spielen. Weil du so lang bist. Willst du irgendwann heiraten?«
»Ich weiß nicht«, sagte ich. »Ich denke schon.«
»Aber die Frau darf nicht größer als der Mann sein! Wenn du nun keinen Mann triffst, der größer ist als du? Dann kannst du doch nicht heiraten.«
Ich fühlte mich mit einem Mal hässlich und merkwürdig in dem Großvateranzug. Ich drehte mich um und zog mich wieder aus. Aber Heidi redete einfach weiter.
»Ich werde auf jeden Fall heiraten. Ich bin ja schon mit einem zusammen.«
»Örjan?«
»Mm. Und soll ich dir eine Riesenheimlichkeit verraten?«
»Sag schon.«
»Du musst aber schwören, es niemandem zu verraten!«
»Ich schwöre beim Tod meiner Eltern. Unser Haus wird um Mitternacht abbrennen.«
»Wir haben uns geküsst. So richtig.«
Ich starrte Heidi an, um herauszufinden, ob sie log. Aber das ist bei Heidi immer schwierig festzustellen.
»Wie denn richtig?«
»Auf den Mund natürlich. Lange. Und oft.«
»Ihh«, sagte ich. Aber ich meinte nicht ihh. Ich sagte das nur, weil ich mir nicht so sicher war, ob es mir gefiel, dass Heidi geküsst hatte, irgendwie war das ein wenig gruselig. Sie wurde dadurch ein bisschen . . . anders.
»Bist du neidisch, oder was? Du scheinst sauer zu sein.«
»Nein«, erwiderte ich schnell. »Wie war das denn?«
Heidi versteckte ihr Gesicht in der Fuchsleiche und biss in den Schwanz.
»Wahnsi . . . oll.«
»Was?«
»Es war wahnsinnig toll. Es war so toll, dass wir vergaßen, dass wir froren.«
»Ihr habt gefroren?«
»Ja. Wir hatten nämlich kurz vorher gebadet, weißt du, und saßen nur in Badesachen da, und das war ziemlich kalt.«
»Es war bestimmt nicht sehr vernünftig, so dazusitzen und zu frieren«, sagte ich.
»Vernünftig? Was redest du denn da?«
»Vielleicht ist es ja die große Liebe.«
»Was?«
»Die große, große Liebe. Zwischen dir und Örjan.«
»Vielleicht. Nein, jetzt habe ich keine Lust mehr, mich zu verkleiden.«
Anschließend saßen wir in meinem Zimmer und sahen auf den Regen hinaus, der herunterrann.
»Hast du nichts Spannendes aus den Ferien zu erzählen?« Heidi knabberte auf ihrem Daumennagel herum. »So etwas mit Liebe oder so?«
Aber ich hatte nichts zu erzählen. Nichts mit Liebe oder so. Ich biss mir auf die Unterlippe und überlegte, ob mir nicht irgendetwas einfiel, doch das war etwas schwierig, denn der einzige Junge, der aus diesem Sommer in Frage kam, war mein Cousin, und Cousins zählen nicht. Außerdem ist er zwei Jahre jünger als ich. Aber zumindest konnte ich Fotos aus dem Urlaub zeigen. Wir blätterten im Album, schauten uns die Bilder von Tante Randis und Onkel Finns Hof an, von mir in den Erdbeerbeeten und von meinem Cousin, wie er im Fluss badete, und alle Fotos von den jungen Katzen, die schauten wir uns besonders lange an. Als wir zu den Bildern von Mutter und Vater kamen, die sich nackt am Meer sonnten, machte Heidi große Augen.
»Die sind ja splitternackt!«
Ich wollte weiterblättern, es war so eklig, wie Heidi glotzte, aber sie ließ es nicht zu.
»Splitternackt!«
»Na und, macht das was?«, fragte ich, riss das Album an mich und blätterte weiter zu Großvater und mir, wie wir auf dem Rasen Kricket spielten.
»Meine Mutter stellt sich jedenfalls nicht splitternackt zur Schau. Und mein Vater auch nicht. Und Svein auch nicht.«
»Die haben sich nicht zur Schau gestellt. Die haben sich gesonnt.«
»Meine Mutter sonnt sich nie splitternackt. Und Svein auch nicht. Meine Mutter sagt, so was tun normale Leute nicht.«
Ich war es so gewohnt, meine Eltern nackt zu sehen, warum sollten sie deshalb nicht normal sein? Aber ich wollte nicht weiter darüber reden. Es war peinlich, peinlich, dass Heidi die Fotos überhaupt gesehen hatte. Ich klappte das Album wieder zu, musste etwas Neues finden.
Ich setzte mir die Zaubermaske aus Java auf, damit Heidi nicht sehen konnte, wie verlegen ich war.
»Bakap ibu bau bau«, sagte ich und kratzte mit den Fingern in der Luft.
»Weißt du noch, als wir klein waren?«, fragte Heidi.
»Ja. Bakap ibu bau bau.«
»Und wir die Betrunkenen vorm Einkaufszentrum durch diese Maske anguckten?«
»Ja. Raku aku.«
»Und wir wurden wirklich mutiger, nur weil sie unser Gesicht nicht sehen konnten.«
»Ja. Uku tuku.«
»Und wie wir herumrannten und Leute erschreckt haben?«
»Ranga banga.«
»Oh, waren wir da kindisch. Bist du immer noch so kindisch?« Ich nahm die Maske ab. Es hatte aufgehört zu regnen. Ich überlegte, ob Heidi es kindisch finden würde, wenn ich vorschlüge, mit dem Ball zu spielen.
»Wollen wir raus und Ball spielen?«, fragte Heidi.
Also machten wir es.
4
Wenn Heidi ihren Vater besucht, bin ich ganz allein, bis Fredrik oder Mutter nach Hause kommen. Es kann ganz schön sein, das Haus für sich zu haben. Es kann aber auch reichlich unheimlich sein. Wenn es schön ist, schließe ich auf, schmeiße meine Schultasche in die Ecke, schmiere mir eine Scheibe Brot und lese oder mache Hausaufgaben oder setze mich nur gemütlich hin und denke. Oder ich gehe in allen Zimmern des Hauses auf Entdeckungsreise. Zum Beispiel in Fredriks Zimmer. Nachdem Fredrik seinen Schlüssel für die Schwarze Höllennacht verloren hat, kann ich dort schnurstracks auf Entdeckungsreise gehen.
Einmal entdeckte ich in einer seiner Schubladen eine Zigarette. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, sie anzuzünden, nur um festzustellen, wie das wohl ist, aber es schmeckte affenscheußlich, sodass ich sie wieder ausmachte und zurücklegte. Ein paar Tage später steckte Fredrik eines Abends seinen Kopf aus der Schwarzen Nacht und rief: »Nina! Komm her, dann kriegst du was von mir . . .«
Aber er sagte das in einem so unfreundlichen Ton, seine Stimme troff gleichzeitig vor Zucker und knurrte tief in der Kehle, dass ich dachte, hier gibt es weder Bonbons noch Sticker, und wenn ich nicht aufpasse, werde ich selbst platt wie ein Stickerbild. Deshalb suchte ich hinter Mutter Deckung. Im letzten Augenblick, denn da kam Fredrik schon heran, dunkellila im Gesicht, und als er mich erblickte, brüllte er los:
»RED MIT DIESEM SCHWARZBROT VON EINEM AFFENHIRN!«
»Und was soll ich sagen?«, fragte Mutter.
»DASS SIE AUFHÖREN SOLL, IN MEINEN SACHEN ZU WÜHLEN!«
»Was höre ich, Nina? Du wühlst in Fredriks Sachen?«
»DAS STIMMT GAR NICHT, IN WELCHEN SACHEN DENN ZUM BEISPIEL?«, kläffte ich zurück.
»Zzz. . .«, begann Fredrik der Fauchende, klappte aber schnell die Brotdose wieder zu, weil ihm klar war, dass er schlecht ZIGARETTEN sagen konnte. Er ist zwar ziemlich dumm, aber so dumm ist er nun auch wieder nicht. »Zzzeug eben«, sagte Fredrik, jetzt Fredrik der Vorsichtige.
»Was, schnüffelst du in Fredriks Zeug, Nina?«, fragte Mutter.
»In welchem Zeug? BEWEISE, BEWEISE!«, entgegnete ich.
Aber Mutter glaubte Fredrik anscheinend mehr als mir. Sie warf mir einen strengen Blick zu und brachte das passende Sprichwort zur passenden Gelegenheit: »Kein Rauch ohne Feuer . . .« Womit sie meinte, dass Fredrik wahrscheinlich Recht hatte. Aber als Fredrik das Wort RAUCH hörte, zuckten seine Schultern hoch bis zu den Ohren, der Blick begann zu flackern und quer über sein Gesicht stand geschrieben: SCHLECHTES GEWISSEN. Er kroch in sein Zimmer zurück und das war’s.
Eins zu null für mich.
Danach hörte ich, wie Mutter sagte: »Jaja, du kriegst einen neuen Schlüssel, glaub mir.« Aber es ist immer noch kein neuer Schlüssel da, denn alles, was mit Schlüsseln zu tun hat, vergisst Mutter immer. Zweimal hat sie die Schlüssel im Auto liegen gelassen, sodass die Verkehrswacht kommen musste, um die Autotür aufzubrechen. Wie soll sie in der Lage sein, an neue Schlüssel für Fredrik zu denken, wenn sie es nicht einmal schafft, an ihre eigenen alten zu denken?
Stattdessen fing Fredrik an, eins seiner fettigen Haare in die Tür zu klemmen, aber diese Folge von Derrick hatten wir beide gesehen, sodass ich es sofort merkte. Man muss es hinterher nur wieder an seinen Platz legen, so einfach ist das.
Auf den Dachboden gehe ich am liebsten mit Heidi zusammen. Und es gibt auf jeden Fall eine Stelle, an die mich meine Entdeckungsreise niemals führt. Den Keller. Wenn ich allein zu Hause bin, versuche ich, gar nicht erst an den Keller zu denken. Als gäbe es ihn überhaupt nicht.
Aber an manchen Tagen geschieht genau in dem Augenblick etwas, wenn ich den Schlüssel ins Schloss stecke und umdrehe: Das ganze Haus hält den Atem an. Als wäre ich dabei, jemanden bei etwas Heimlichem zu überraschen. Dann halte auch ich die Luft an. Und lausche. Das Haus und ich halten den Atem an und lauschen.
Genauso war es heute. Vorsichtig, ganz vorsichtig öffnete ich die Tür. Ich hielt die Luft an. Und lauschte.
»Knirk«, sagte es. Irgendwo im Haus.
»Hallo?«, flüsterte ich. Ganz leise. Dann hielt ich wieder den Atem an. Lauschte. Irgendwo im Haus tat etwas oder jemand das Gleiche.
Ich ging in den Flur. Ich bin nicht besonders mutig, deshalb ließ ich die Haustür hinter mir offen. Der stumme Diener, der ohne Mäntel dastand, erzählte mir, dass niemand zu Hause war. Ansonsten war er stumm.
»Hallo?«
Die Wände starrten mich an, während ich mich vorsichtig voranschlich, ein kleines Stück weiter und halt. Ich hielt den Atem an. Lauschte.
»Knirk«, sagte es.
Etwas im Haus knirschte.
Vielleicht in der Stube.
In der Stube, das heißt im Flur um die Ecke, und um die Ecke klingt ziemlich gefährlich. Ich nahm einen Regenschirm und hielt ihn zum Schlag bereit. Zwei Schritte. Halt. Lauschen. Irgendwo im Haus hielt jemand die Luft an. Zwei Schritte.
Ganz, ganz vorsichtig ging ich in die Stube.
Das Haus zitterte.
Schnell zog ich mich auf den Flur zurück.
Da sah ich es.
Die Tür zu meinem Zimmer.
Sie war zu.
Ich schließe fast nie meine Zimmertür, wenn ich morgens zur Schule gehe. Ich war mir sicher, dass ich es auch heute nicht gemacht hatte. JEMAND musste das getan haben. JEMAND versteckte sich dort drinnen . . . Ich legte mein Ohr an die Tür. Auf der anderen Seite tat JEMAND das Gleiche. Ich hielt die Luft an. Lauschte.
»HALLO, PAPA. KOMMST DU SCHON VON DEINER ARBEIT BEI DER POLIZEI NACH HAUSE!!!«, schrie ich plötzlich los. Dann trat ich die Tür auf, drehte mich blitzschnell um, lief auf die Treppe hinaus und wartete dort, damit JEMAND genug Zeit hätte abzuhauen, beispielsweise durch mein Fenster.
Ich saß sehr, sehr lange dort. Dann ging ich wieder hinein. »Knirk«, sagte es. Aus der Schwarzen Nacht? Aus der Küche? Oder aus dem Badezimmer? Aus Vaters und Mutters Schlafzimmer? Oder vom Dachboden?
Denk nicht an den Keller, denk nicht an den Keller, dachte ich. Und konnte an nichts anderes als an den Keller denken. Die Kellertür war doch wohl verschlossen? Der Schlüssel steckte. Sollte ich es nachprüfen? Aber wenn nun nicht abgeschlossen war? Weil JEMAND aufgeschlossen hatte, weil JEMAND sich im Keller versteckte, und gleich würde die Kellertür aufspringen und JEMAND stürmte heraus und . . .
Ich lief wieder auf die Treppe hinaus. Beschloss, dort zu warten, bis jemand, der nicht JEMAND war, nach Hause kam.
Jedes Mal, wenn Mutter mich auf der Treppe findet, fragt sie traurig, ob es denn niemanden gibt, mit dem ich zusammen sein könnte, wenn Heidi nicht da ist? Aber den gibt es ja nicht. Einmal, als Heidi nicht zu Hause war, ging ich zu Turid aus meiner Klasse, aber als Heidi das erfuhr, wurde sie sauer. Sie behauptete, ich sei nicht länger ihre beste Freundin, weil ich versuchte, ohne sie neue Freundinnen zu finden. Das Gleiche passierte, als Mona einmal zu mir zu Besuch kam und Mona und ich Gummitwist spielen wollten, Heidi aber nicht. Heidi wurde stinksauer und sagte, das täten wir extra, damit sie außen vor wäre. Heidi meint, mit dreien geht es nicht. Das Dumme dabei ist nur, dass ich niemanden habe, wenn sie weg ist.
»Meine Liebe, es muss doch noch andere als Heidi geben, mit denen du zusammen sein kannst?«, fragt Mutter. »Synne wohnt gleich hier den Weg hinauf . . .«
»Synne! Niemals im Leben!«
»Schon gut. Aber ich finde trotzdem, dass du auch andere Freundinnen haben könntest.«
Darauf gebe ich keine Antwort. Ich kann ja schlecht sagen, dass das wegen Heidi nicht geht. Dann erwidert sie nur, dass ich nicht Heidi über mich bestimmen lassen soll. Und dann werde ich sauer auf Mutter, weil es mir peinlich ist, denn schließlich hat sie Recht.
Heute seufzte sie und strich mir durch die Haare. »Vielleicht wäre es gut, wenn du einen Hund hättest, dann hättest du ein wenig Gesellschaft.«
»Und warum kriege ich keinen?«
»Aber du weißt doch, dass Vater allergisch ist.«
»Warum sagst du dann so was? Wenn ich doch keinen kriegen kann?«
Mutter seufzte wieder. »Du kannst ja Frau Bang-Hansen fragen, ob du mit ihrem Hund spazieren gehen darfst. Das wäre doch was. Dann könntest du aufpassen, dass er irgendwo anders hinmacht und nicht in unseren Garten.«
Darüber mussten wir lachen. Aber Goldi ist ein ziemlich schlechter Ersatz für Heidi. Mal ehrlich.
5
Wenn ich in die Zukunft sehen könnte! Dann würde ich alles schon im Voraus wissen. Das wäre prima. Zum Beispiel: Wenn ich vorher wüsste, wann dieser neue Turnlehrer, Böler, sich einfallen lässt, dass wir an den Geräten turnen sollen. Dann könnte ich einfach sagen, dass ich mein Turnzeug vergessen habe oder mich nicht wohl fühle, wie Inger-Karin es tut. Aber ich kann nicht in die Zukunft gucken, deshalb weiß ich es nicht vorher, und wenn er »Geräte« gesagt hat, ist es zu spät, um so zu tun, als ob ich krank wäre. Inger-Karin sagt es immer schon, bevor wir in den Umkleideraum gehen. Aber dann würde ich ja alles, was Spaß macht, auch verpassen!
Die Sportstunden haben sich reichlich verändert, seit wir den neuen Lehrer haben. Vorher lief es so: Wir stürmten in die Turnhalle, machten die Taue los, kletterten die Sprossenwände hoch und schaukelten quer durch den Raum, wobei wir AOAOAOAAAA schrien, oder wir öffneten die Schränke mit den Bällen, sodass sie von einer Wand zur anderen hüpften, oder aber wir enterten mit lautem Gebrüll den großen Kasten, sodass Frau Vage eine halbe Stunde brauchte, bis sie uns wieder zur Ruhe gebracht hatte, und dann schafften wir es gerade noch, zehn Minuten Völkerball zu spielen, bevor wir uns duschen gehen mussten.
Aber Böler. Der Brüller. Es hat gar keinen Zweck, ihm auf der Nase herumtanzen zu wollen. Bereits in der ersten Stunde gab er uns zu verstehen, dass er sich nicht auf der Nase herumtanzen lässt. In Bölers Nasenlöchern wachsen lange schwarze Haare. Die beginnen zu zittern, wenn er wütend wird. Und wütend wurde er sofort, weil wir wie üblich hereinstürmten. Da brüllte der Brüller, dass die ganze Horde einen Mittelscheitel bekam: »RUHE!«
Und es wurde ruhig.
Der Rolf hatte bereits ein Seil gelöst und war bis nach oben hinaufgeklettert. Jetzt hing er schaukelnd dort und wagte nicht, sich zu rühren.
»KOMM SOFORT DA RUNTER!«, brüllte der Brüller.
Der Rolf kam so schnell herunter, dass er sich die Hände verbrannte, doch obwohl das bestimmt fürchterlich weh tat, traute er sich nicht, auch nur einen Piep von sich zu geben.
Der Brüller sagte, wir sollten uns in zwei Reihen aufstellen. In dem Durcheinander stieß ich Synne aus Versehen einen Ellbogen ins Auge, worauf sie mich in den Rücken boxte, ich boxte zurück und Synne schrie: »Au!«
Das war der Moment, als ich die langen schwarzen Haare in der Nase des Brüllers entdeckte: als er über mir stand und mich in Grund und Boden starrte.
»Wenn ihr denkt, ihr seid ein Kindergarten, dann habt ihr euch geirrt! Ich will RUHE und ORDNUNG! Ist das klar?«
»Ja«, flüsterte Inger-Karin von der Bank.
»Ich habe nichts gehört!!!«
»Ja«, murmelten wir anderen und guckten einander verstohlen an.
Es könnte ganz schön sein mit Ruhe und Ordnung in den Sportstunden, wenn ich nicht solche Panik hätte, dass der Brüller mich anbrüllen könnte. Ich versuche mich so unsichtbar wie möglich zu machen. Sehr einfach, wenn man die Längste in der Klasse ist, wie ihr euch denken könnt! Manchmal machen wir etwas Lustiges, aber unglaublich oft holt der Brüller die Geräte heraus und dann stellt er den Bock himmelhoch. Doch das finde bestimmt nur ich. Und Morten. Aber irgendwie erwartet niemand, dass Morten dort rüberkommt, er ist von all den Süßigkeiten, die er isst, ja so dick. Der Brüller sagt, dass ich den Bock wie nichts schaffen müsste, wo ich doch so lange Beine habe. Und dann glotzen alle. Dann geht es schon überhaupt nicht.
Aber wenn ich in die Zukunft sehen könnte!
Ich würde wissen, ob ich immer weiter wachse, bis ich über zwei Meter lang bin. Ich las in einer Zeitschrift über ein Mädchen, das erst dreizehn Jahre alt war. Und zwei Meter lang! Es war auch ein Foto von ihr dabei, auf dem sah sie fürchterlich traurig aus. Wenn ich nicht aufhöre zu wachsen, bevor ich zwei Meter lang bin, dann möchte ich lieber sterben! Vielleicht ist es auch ganz gut, das nicht zu wissen.
Aber es wäre schön, wenigstens ein bisschen hellseherisch zu sein. Gerade so viel, dass ich im Voraus wüsste, welche blöden Sprüche Synne wieder machen wird. Dann könnte ich mir rechtzeitig eine passende Antwort ausdenken.
Wie heute, als wir die Klassenfotos bekamen, die vor vierzehn Tagen gemacht worden waren. Synne sagte zu mir so leise, dass die Lehrerin es nicht hörte, ich sähe aus wie ein Wolkenkratzer, ein hässlicher Wolkenkratzer mit einem Feuer im obersten Stockwerk noch dazu. Vielleicht sagte sie es nur, weil ich laut gelacht hatte, als ich sah, dass Jörn über ihrem Kopf Kaninchenohren gemacht hatte, ohne dass sie es wusste. Aber vielleicht sagte sie es auch, weil es stimmt. Ihre Worte brannten jedenfalls. Ich spürte, wie ich sozusagen zusammenschrumpfte. Alles in mir verkrampfte sich, sodass es unmöglich wurde, eine passende Antwort zu finden.
Und wie missglückt die Klassenfotos sind! Auf einem hat Morten seinen Hosenschlitz offen, auf einem anderen hat Tore den Finger in der Nase, auf dem dritten haben viele die Augen geschlossen, als ob sie schliefen, während die anderen erschrocken in die Kamera starren, als sähen sie hinter dem Fotografen ein Ungeheuer. Und auf allen Fotos hat Jörn Synne Kaninchenohren verpasst, dass sie ganz bescheuert aussieht. Ihr könnt euch denken, wie sauer sie war! Nur Heidi sieht normal aus, sie ist wahnsinnig süß, wie sie auf der untersten Treppenstufe sitzt, ganz in Rosa.
»Uff«, sagte Heidi.
»O nein, du bist doch prima«, sagten alle.
Der Rolf ist auf den Fotos ganz blass. Er sieht aus, als hätte er mehrere Tage im Grab gelegen. Und das kam so:
In der Stunde, bevor die Fotos gemacht wurden, hatten wir Religion bei Fräulein Ruge oder der Henne, wie wir sie nennen.
»Jesus erweckte Lazarus von den Toten. Lies laut vor, Morten«, sagte die Henne.
»Da schagte Scheschusch schu Laschajusch, schtä auf und nimm dein Bett und geh. Und Laschajusch . . .«
»Morten! Wie oft habe ich dir gesagt, dass du während des Unterrichts keine Schokolade essen sollst!«
»Schaure Schnuller«, sagte Morten, »keine Schokolade.«
Turid meldete sich. »Fräulein, ich glaube das nicht. Ich glaube das mit Lazarus nicht . . .«
»Ich auch nicht, ich auch nicht«, stimmten mehrere zu.
Jörn sagte: »Da lag er nun und hat mehrere Tage vor sich hin gemodert. Und dann soll er so einfach aufstehen und hinausmarschieren? Und auch noch sein Bett mitnehmen? Und das ganz allein? So ’n Quatsch.«
Die meisten waren Jörns Meinung, ich auch.
»Aber für Jesus war nichts unmöglich«, sagte die Henne. Sie klimperte mit den Augenlidern und nickte mit dem Kopf. Sie hat ihren Namen nicht ohne Grund bekommen, das Fräulein Ruge. »Jesus konnte Wunder vollbringen, wisst ihr? So gut war er. Holt eure Arbeitshefte raus und schreibt auf, wie er Lazarus erweckt.«
»Fräulein Ruge, ich brauche einen neuen Stift!« Das war der Rolf.
»Aber hier steht, dass du erst vorige Woche einen bekommen hast«, sagte die Henne.
»Fräulein Ruge, ich brauche ein Blatt, weil ich mein Arbeitsheft vergessen habe!« Das war Mona.
Die Henne seufzte und sagte, wir sollten leise sein, solange sie fort sei, um Schreibpapier zu holen. Kaum war sie aus der Tür, da lief der Rolf schon zum Schrank. Aber Fräulein Ruge hatte die Schreibstifte aufs oberste Bord gelegt (Ich kenne ja meine Pappenheimer), und das oberste Bord ist für uns alle zu hoch, selbst für mich. Der Rolf stellte einen Fuß auf das Regal daneben und stieß sich ab und streckte sich nach den Stiften . . .
Da kippte der Schrank um! Mit einem Knall kippte er über den Rolf, der darunter verschwand!
Es wurde mucksmäuschenstill. Die ganze Klasse saß da wie vom Schlag gerührt. In dem Moment kam die Henne zurück. »Na, hier ist es ja friedlich«, sagte sie freundlich. »Und ich dachte, ich hätte etwas gehört . . .«
Da sah sie, was sie gehört zu haben glaubte. Und ihre Augen begannen in ihrem Kopf herumzukreisen.
»Ddder Rolf«, stotterte Jörn. »Er ist unterm Schrank.«
Die Henne stieß einen schrillen Schrei aus. Mir schien, es klang wie MEIN GOTT, obwohl die Henne selbst gesagt hat, dass wir Gottes Namen nicht missbrauchen dürften. Dann stürzte sie hin und fing an, am Schrank zu ziehen und zu zerren. Die Klasse eilte dazu. Jemand half der Henne ihn hochzuziehen.
»Rolf?«, piepste die Henne.
Unter einem Haufen von Kladden, Buntpapier, Schreibstiften, Atlanten, Stoffresten und Leimtuben konnten wir Rolfs Gesicht entdecken. Es sah weiß und still aus. Unangenehm still. Wie bei einer Leiche.
Die Henne schwankte und griff sich an den Hals. Einige hielten den Atem an. Synne heulte. Tore fragte: »Ist er . . . ist er . . .«
»AUFERSTANDEN VON DEN TOTEN!«, rief die Leiche, sprang plötzlich auf, sodass die Buntpapierblätter wehten, und schüttelte den Kopf, dass das Gipspulver wie eine weiße Wolke um ihn schwebte.
»Rolf, der Lazarus!«, rief Jon. »Ein Wunder!
Ein Wunder!« »Ein Wunder!«, schrie die ganze Klasse. »Ein Wunder! Yeah!« Da wurde die Henne wütend. Das ist sicher typisch für Erwachsene. Zuerst sind sie zu Tode erschrocken, weil sie das Schlimmste annehmen. Und wenn sich zeigt, dass sie sich glücklicherweise geirrt haben, rasten sie total aus, weil sie im Unrecht sind. Als wenn es besser gewesen wäre, wenn Rolf gestorben wäre!
Als der Fotograf in der darauf folgenden Stunde kam, um das Klassenfoto zu machen, hatte der Rolf sich nach ernsthaften Ermahnungen durch unsere Lehrerin das meiste Gipspulver abgebürstet. Es muss aber immer noch eine feine Schicht zurückgeblieben sein, denn auf den Fotos sieht er wie gesagt ziemlich bleich aus.
»Kennt ihr den mit den zwei Tomaten . . .«, fragte der Fotograf.
»Ja«, sagten wir.
»Sagt mal cheese«, sagte der Fotograf.
Das taten wir. Cheese, dass es in den Wangen weh tat.
»Ich bin am hässlichsten«, sagte ich zu Mutter, als ich ihr das Klassenfoto zeigte.
»Aber wie kannst du so etwas sagen, mein Schatz?«, rief Mutter erschrocken.
»Weil es stimmt!«
»Jetzt hör aber auf, Mädchen, du siehst doch wirklich hübsch aus. Das musst du doch selbst sehen.«
Das Einzige, was ich sehe, ist, dass ich auf dem Foto merkwürdig aussehe.
Aber im Grunde genommen tun das alle anderen auch. Außer Heidi.
»Aber Heidi ist hübscher. Sei ehrlich.«
»Hat man jemals so einen Blödsinn gehört?«, meinte Mutter.
»Ihr seid beide gleich hübsch.«
»Ich bin die Hässlichste«, sagte ich, als ich Vater das Foto zeigte.
»Du hässlich? O nein! Du bist doch das hübscheste Mädchen, Ninalein.«
»Ich bin hässlich. Heidi ist hübsch. Sei ehrlich.«
»Das stimmt, Heidi ist sicher hübsch. Aber sie ist bei weitem nicht so hübsch wie du, mein Mädchen.«
Fredrik kam herein. Sein Haar war fettig, wie üblich. Außerdem hatte er momentan vier Pickel auf dem Kinn und einen auf der Nase. Sein Kopf hing nach vorn, er sah aus wie ein muffeliger Geier.
Als er merkte, dass ich ihn anstarrte, riss er seine Augen auf und streckte die längste Zunge auf der Erdkugel heraus, wie ein Ameisenbär.
»Und Fredrik, ist Fredrik auch hübsch?«
»Ja, natürlich!«, sagten Mutter und Vater. »Fredrik ist auch hübsch. Unsere Kinder sind beide hübsch!«
Also ist es ganz offensichtlich.
Dass Erwachsene lügen.
Um das zu erkennen, brauche ich keine Hellseherin zu sein.
Бесплатный фрагмент закончился.
