Читать книгу: «Der gläserne Fluch»

© 2022 Thomas Thiemeyer, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Autors wiedergegeben werden.
Coverillustration: Thomas Thiemeyer
ISBN: 978-3-948093-35-8
Für Leon
Inhalt
Prolog
Teil 1 – Der Fremde
Kapitel 1 – Klirrende Kälte drang …
Kapitel 2 – Charlotte schaute aus …
Kapitel 3 – Sir Jabez Wilson …
Kapitel 4 – Unruhig auf den …
Kapitel 5 – Im ehrwürdigen Gebäude …
Kapitel 6 – Zwei Stunden später …
Kapitel 7 – Max Pepper warf …
Kapitel 8 – Oskar stand der …
Kapitel 9 – Die Tafel war …
Kapitel 10 – Es war kurz …
Kapitel 11 – Als Oskar den …
Kapitel 12 – Charlotte konnte ihre …
Teil 2 – Inseln über der Zeit
Kapitel 13 – Der Royal …
Kapitel 14 – Es war weit …
Kapitel 15 – Die Sonne war …
Kapitel 16 – Die Pachacútec …
Kapitel 17 – Zögernd betrat Yatimè …
Kapitel 18 – Max Peppers Schuhe …
Kapitel 19 – Wie ein Raubvogel …
Kapitel 20 – Die Motorwinde ächzte …
Kapitel 21 – Charlotte und Eliza …
Kapitel 22 – Charlotte saß mit …
Kapitel 23 – Oskar schlug die …
Kapitel 24 – Charlotte, wirf noch …
Kapitel 25 – Oskar schleppte sich …
Kapitel 26 – Humboldt prüfte die …
Kapitel 27 – Einen Ort wie …
Kapitel 28 – Oskar schlug die …
Kapitel 29 – Das Haus des …
Kapitel 30 – Die Dampflokomotive wirkte …
Kapitel 31 – Es war kurz …
Kapitel 32 – Oskar sah den …
Kapitel 33 – Yatimè schaute hinauf …
Kapitel 34 – Es war spät …
Kapitel 35 – Darf ich fragen, …
Kapitel 36 – Sie waren etwa …
Kapitel 37 – Das Mädchen sagte …
Kapitel 38 – Das ganze Dorf …
Kapitel 39 – Der Alte war …
Teil 3 – Reiter der Apokalypse
Kapitel 40 – Max Pepper hatte …
Kapitel 41 – Oskar sah die …
Kapitel 42 – Sir Wilson reichte …
Kapitel 43 – Charlotte und Oskar …
Kapitel 44 – Sir Wilson gab …
Kapitel 45 – Es war später …
Kapitel 46 – Max Pepper blickte …
Kapitel 47 – Argwöhnisch schaute Oskar …
Kapitel 48 – Das Essen dauerte …
Kapitel 49 – Er lachte, dass …
Kapitel 50 – Yatimè stieß einen …
Kapitel 51 – Charlotte blickte besorgt …
Kapitel 52 – Jonathan Archer ergriff …
Kapitel 53 – Humboldt spähte durch …
Kapitel 54 – Sir Jabez Wilson …
Kapitel 55 – Du kannst hier …
Kapitel 56 – Großer Gott, seht …
Kapitel 57 – Jabez Wilson sah …
Kapitel 58 – Im Tempelbezirk war …
Kapitel 59 – Als Oskar sah, …
Kapitel 60 – Ich muss ihm …
Kapitel 61 – Jabez Wilson wischte …
Kapitel 62 – Charlotte blickte missmutig …
Kapitel 63 – Fünf Töne waren …
Kapitel 64 – Da kommen sie.« …
Kapitel 65 – Die Reparaturen an …
Kapitel 66 – Die Pachacútec …
Kapitel 67 – Das Haus am …
Kapitel 68 – Charlotte!« Frau Riethmüller …
Encyclopedia Humboldica
Danksagung
Über den Autor
Impressum
Prolog
Westafrika, Oktober 1893 …
Richard Bellheim war nicht leicht zu beeindrucken, dafür hatte er schon zu viel gesehen und zu viel erlebt.
Doch in diesem Augenblick fühlte selbst er sich wie verzaubert.
Die Sonne war hinter der verborgenen Stadt aufgegangen und überflutete die Säulen und Dächer des Tempels mit goldenem Licht. Der sanfte Ostwind vertrieb die Wolkenschleier und ließ die Lehmbauten hervortreten wie eine Fata Morgana. Ein Greifvogel zog weite Kreise darüber, während seine lang gezogenen Schreie in den Schluchten rund um den Tafelberg verhallten. Der Völkerkundler schloss die Augen.
Er hatte es geschafft.
Die Tafelberge von Bandiagara waren ein sagenumwobener Ort. Den Überlieferungen zufolge hatte hier oben einst ein Volk gelebt, das ein unerklärliches Wissen über die Sterne und Planeten besessen hatte. Ein Volk, das auf rätselhafte Weise in dieses Land gekommen und dann wieder verschwunden war. Unzählige Legenden rankten sich darum, manche von ihnen so seltsam, dass sie unmöglich wahr sein konnten. Doch Bellheim war kein Mann, der schnell aufgab.
Ihm eilte der Ruf als bedeutendster Völkerkundler Afrikas voraus, und das aus gutem Grund. Er war weiter gereist und tiefer in die Geheimnisse fremder Völker eingedrungen als je ein Mensch vor ihm.
In der Ferne rechts und links von ihm ragten weitere Erhebungen aus der Ebene. Jede von ihnen mehrere Hundert Meter hoch. Reisende hatten stets mit Ehrfurcht und Zurückhaltung von ihnen gesprochen. Düster und Unheil verkündend sahen sie aus, beinahe wie eine Warnung. Doch der Völkerkundler war zu weit gekommen, um jetzt noch umzukehren. Wenn Angst und Furcht seine Ratgeber gewesen wären, hätte er Berlin vermutlich nie verlassen. Abgesehen davon würde er ja bald heimkehren. Dann ging es nach Hause und zurück in die Hörsäle, wo er dem staunenden Publikum berichten würde, welche Wunder der Schwarze Kontinent beherbergte.
Den Hut weit in den Nacken geschoben, sah er sich erst einmal um.
Feigen und Granatapfelbäume spendeten Schatten und machten das Gehen in der verlassenen Stadt angenehm. Zikaden summten, und hin und wieder flatterte ein Falter durch sein Blickfeld.
Einen Moment lang ließ er den Anblick auf sich wirken, dann marschierte er los. Durch die Umfriedungsmauer, an den verwahrlosten Gärten vorbei und die Stufen hinauf, die zum Haupteingang des Tempels führten. Hier musste er für einen Augenblick pausieren. Die schwere Steintür war fest verschlossen. Fenster gab es keine und so konnte er nur erahnen, was im Inneren auf ihn wartete. Es dauerte jedoch nicht lange, bis er den Mechanismus entdeckte, mit dem sich die Tür öffnen ließ. Bellheim nahm seinen ganzen Mut zusammen und zog an dem Riegel. Ein tiefes Rumpeln war zu hören. Jahrhundertealter Staub rieselte aus der Türfüllung, als die schwere Steinplatte zur Seite glitt. Kalte, abgestandene Luft schlug ihm entgegen. Es roch nach Staub und Erde. Ein leichter Blütenduft war zu erkennen, doch das konnte auch Einbildung sein. An solchen Orten spielten einem die Sinne schon mal einen Streich. Der Völkerkundler schlug den Kragen hoch und krempelte seine Ärmel runter.
Das Innere war in ein geheimnisvolles Halbdunkel getaucht. Oben in der Kuppel war ein Loch, das mit einer Scheibe aus durchsichtigem Material verschlossen war. Glas oder Bergkristall vielleicht. Im fahlen Licht, das durch die Öffnung fiel, tanzten Myriaden von Staubteilchen. Seine Augen benötigten eine Weile, um sich an die seltsamen Lichtverhältnisse zu gewöhnen.
Der Tempel war verlassen. Seit Ewigkeiten hatte ihn niemand betreten. Auf dem mit Sand bedeckten Boden wäre jeder Fußabdruck sofort zu sehen gewesen. In der Mitte des Tempels – dort, wo der Lichtstrahl auftraf – erblickte Bellheim eine Aufwölbung. Etwa eins fünfzig breit und einen halben Meter hoch. Sie war größtenteils mit Sand und Staub bedeckt, doch an manchen Stellen war ein feines grünes Schimmern zu erkennen. Es war eine Art Kugel, die im Sand vergraben war, und sie schien von innen heraus zu leuchten. Vorsichtig trat er näher. Das Knirschen seiner Sohlen hallte von den Wänden wider. Wieso nur hatte er das Gefühl, von Dutzenden von Augen beobachtet zu werden? Ein feines Wispern lag in der Luft.
Bellheim ging weiter, bis er die Aufwölbung erreichte. Jetzt war es deutlicher. Unter dem Sand schimmerte etwas Grünes. Er ging in die Hocke und fegte die Kristalle mit der Hand beiseite. Der Untergrund war glatt und glänzend.
Was um alles in der Welt war das?
Eingefasst in schwarzen Onyx mit einem Ring aus Gold in der Erde verankert lag ein grüner Stein, dessen Oberfläche seltsam geschmolzen wirkte. Das Material war transparent, als würde es sich um ein spezielles Glas handeln. Aber Glas war es gewiss nicht. Ein Smaragd vielleicht? Oder ein anderer Edelstein? Vielleicht aus dem Inneren der Erde …
Bellheim hielt den Atem an. Ihm war plötzlich ein verrückter Gedanke gekommen. Was, wenn es sich um den gläsernen Fluch handelte? Der Völkerkundler kannte die Sage aus den Überlieferungen der Dogon, er hatte ihr aber nie viel Bedeutung beigemessen. Doch jetzt stand er hier und dieses Ding lag vor ihm auf dem Tempelboden. Mythos und Wirklichkeit verschmolzen zu einer Einheit. Wenn es tatsächlich stimmte und dies der sagenumwobene Smaragd aus den Tiefen des Weltraums war, von dem in den alten Geschichten die Rede war, dann wäre dies der sensationellste Fund seit dem Schatz des Priamos, den Schliemann Jahre zuvor in Troja gefunden hatte. Ein Objekt, dessen Bedeutung für die Wissenschaft gar nicht zu bemessen war. Es würde ihn weit über die Grenzen von Deutschland hinaus bekannt machen, und nicht nur das: Es wäre ein Schatz, nach dem sich so mancher die Finger lecken würde. Nicht, dass er arm war, aber dieses Ding würde ihn reich machen. Reich, weit über seine kühnsten Vermutungen hinaus.
Bellheim versuchte seine fiebrigen Gedanken zu ordnen. Für einen Transport war der Kristall zu groß, abgesehen davon, dass er fest in der Erde verankert zu sein schien. Aber vielleicht konnte er ja ein Stück davon abbrechen.
Er zog seinen kleinen Geologenhammer aus der Umhängetasche und begann vorsichtig zu klopfen. Ein metallisches Klingeln drang an sein Ohr. Das Material schien unglaublich hart zu sein. Noch einmal schlug er zu, diesmal kräftiger. Wieder nichts.
Er wollte schon aufgeben, als ein fremdartiges Geräusch zu hören war. Es klang wie der Wind in den Bäumen. Wie das Rauschen eines weit entfernten Meeres. Aber hier gab es kein Meer und Wind gab es auch nicht. Die Luft stand still unter der Kuppel.
Bellheim stand auf.
Irgendetwas stimmte nicht.
Es dauerte eine Weile, bis er erkannte, was es war.
Es war der Boden.
Im schummrigen Licht des Tempels sah er, wie der Sand von lauter grünen Kristallen durchdrungen wurde. Sie krochen umeinander, wuselten hierhin und dorthin, als wären sie lebendig. Bellheim hörte ein feines Knistern begleitet von einem Geruch, den er nur unter Mühen identifizieren konnte.
Es roch verbrannt, wie nach einer elektrischen Entladung.
Er nahm ein paar von diesen Kristallen und hielt sie ins Licht. Die kleinen Körnchen sirrten und tanzten auf seiner Hand, dass ihm vom Zusehen ganz schwindelig wurde. Wunderschön sahen sie aus, wie lebendige Smaragde. So schön, dass er sie am liebsten eingesteckt und mitgenommen hätte.
Mit einem Mal bohrte sich eines der Körnchen in seine Hand. Es brannte und stach, dann war es verschwunden. Nur ein roter Fleck blieb auf seiner Haut zurück. Der Forscher stieß einen Schrei aus und schüttelte seine Hand, aber das Ding kam nicht wieder zum Vorschein. Plötzlich spürte er ein Brennen in den Beinen. Er hob die Füße. Mit Entsetzen sah er, wie die Steinchen seine Stiefel durchdrangen. Immer mehr von ihnen kamen zum Vorschein. Das Leder wurde von Tausenden von nadelfeinen Stichen durchdrungen, bis es ganz dunkel und porös war.
Keuchend und vor Panik wild mit den Armen rudernd sprang er zurück. Er taumelte ein paar Schritte, dann geriet seine Flucht ins Stocken. Seine Füße fühlten sich an, als wären sie festgewachsen. Der Sand kochte regelrecht – fast so, als wäre Bellheim in einen gigantischen Ameisenbau geraten. Er wusste nicht, was schlimmer war: das Brennen, das seine Beine emporkroch, oder die Erkenntnis, dass diese Kristalle tatsächlich lebendig waren.
Mit einem verzweifelten Schrei versuchte er die Tür zu erreichen, aber es war zu spät. Der Sand ließ ihn nicht mehr gehen. Er stolperte, strauchelte und fiel vornüber. Dann schlugen die Wogen über ihm zusammen.
Teil 1
Der Fremde
1
Berlin, zwei Monate später …
Klirrende Kälte drang von draußen in die Schreibstube. Die Fensterscheiben waren mit Eisblumen überzogen, die im Licht der Morgensonne wie Diamanten funkelten. Schneeflocken tanzten am Haus vorbei, landeten auf Ästen und Zweigen und überzogen die antiken Statuen in Humboldts Garten mit weißem Zuckerguss.
Oskar fror. Seine Füße fühlten sich an, als würden sie in der Erde stecken, daran konnte auch das Feuer im Kamin nichts ändern, dessen Knacken und Knistern wie eine entfernte Ankündigung von Silvesterfeuerwerk klang. Vor ihm lag ein Stoß Schreibpapier, links ein Bogen Löschpapier, rechts von ihm stand ein Tintenfass nebst Federkielhalter. Die Hände in fingerlosen Handschuhen steckend, saß er da, presste die Zähne zusammen und versuchte, dem Unterricht die nötige Aufmerksamkeit zu schenken.
Heute Morgen stand Latein auf dem Programm. Ein Fach, mit dem Oskar schon an normalen Tagen seine Probleme hatte. Doch heute war kein normaler Tag. Heute war Heiligabend.
Er erinnerte sich, dass sie im Waisenhaus an diesem Tag immer Lieder gesungen und die Weihnachtsgeschichte vorgelesen bekommen hatten. Natürlich waren da auch Fräulein Braunsteins Haferkekse gewesen. Trockene, harte Taler, bei denen man das Gefühl bekam, man hätte Gips zwischen den Zähnen. Doch in den Jahren danach, als er auf der Straße gelebt hatte, gab es nicht mal die. Als Taschendieb hatte er sich weder Tannenbaum noch Kerzen oder Geschenke leisten können. Der einzige Unterschied zu normalen Tagen bestand darin, dass er etwas mehr abgreifen konnte, weil die Leute unaufmerksam und ihre Taschen voller Geld waren.
Wenn man es recht betrachtete, so war das heute sein erster richtiger Heiliger Abend. Und an so einem Tag wurde von ihnen verlangt zu lernen? Dabei gab es noch so viel zu tun: Einkäufe machen, das Haus in Ordnung bringen, den Baum schmücken, Geschenke verpacken. Die Zeit reichte jetzt schon kaum aus. Es gab zwar kaum einen Tag, an dem kein Unterricht stattfand, aber konnte Humboldt nicht mal eine Ausnahme machen? Gewiss, der Forscher hatte ihn vor wenigen Wochen adoptiert, nachdem sich seine Vermutung, Oskar sei sein leiblicher Sohn aus einer Verbindung mit der Schauspielerin Theresa Wegener siebzehn Jahre zuvor, als sehr wahrscheinlich erwiesen hatte. Er war jetzt sein Vater und gesetzlicher Vormund. Und das ließ er ihn jeden Tag spüren. Oskar löste den obersten Knopf seines steifen Hemdkragens. Er war es gewohnt, seinen eigenen Weg zu gehen. Bis er von Humboldt auf der Straße aufgelesen worden war, hatte er sich immer selbst durchgeschlagen. Er hatte ein armes, aber freies Leben geführt, und es fiel ihm schwer, sich den Regeln und Pflichten in diesem Haus unterzuordnen. Warum hatte der Forscher seine Mutter damals alleingelassen und warum hatte er erst so spät die Suche nach ihm aufgenommen? All das waren Fragen, auf die Oskar bisher noch keine zufriedenstellende Antwort erhalten hatte. Und jetzt sollte er auch noch Latein lernen. Als wenn er das jemals benötigen würde.
Die eine Hand auf den Rücken gelegt, die andere mit dem Zeigestab kreisförmige Bewegungen vollführend, schritt Carl Friedrich von Humboldt vor seiner Klasse auf und ab. Er deklinierte die Beugung des Substantivs Dominus und tat dies mit einer Stimme, deren gebetsmühlenartige Langsamkeit einen in Tiefschlaf versetzen konnte.
»Dominus, domini, domino, dominium, domine.«
Humboldt drehte sich um, sodass die Dielen unter seinen Stiefeln knarrten. »Domino, domini, dominorum, dominis …«
Die wasserblauen Augen auf den Boden gerichtet, die buschigen Brauen gesenkt, schwang der Forscher seinen Stab wie einen Taktstock. Seine imposante Erscheinung warf düstere Schatten gegen die Wand.
Oskar spürte eine unwiderstehliche Müdigkeit in sich aufsteigen. Er dachte daran, in was für einen seltsamen Haushalt er hineingeraten war. Am Nachbartisch saß seine Cousine, Charlotte, die Nichte des Forschers. Ihr Federkiel kratzte eifrig über das Papier, während sie jedes einzelne Wort gewissenhaft notierte. Oskar betrachtete ihre gewölbte Stirn, die kleine Nase und die sanften Lippen. Die Wintersonne zauberte einen Schimmer auf ihre blonden Haare und ließ sie wie einen Engel aussehen. Doch der Anblick täuschte.
Charlotte war alles andere als ein Engel. Sie war vorlaut, nachtragend und schnippisch. Eine junge Frau, die genau wusste, was sie wollte und wie sie es bekam. Außerdem musste sie immer das letzte Wort haben. Mochte der Himmel wissen, warum er jedes Mal so blöd grinsen musste, wenn er sie ansah.
Ein paar Tische weiter hockten Bert, Maus, Willi und Lena, seine Freunde, mit denen er auf der Straße gelebt hatte. Der Forscher hatte sie in sein Haus geholt, weil er Oskar beweisen wollte, dass er es gut meinte. Humboldt war gewiss kein Heiliger, aber er hatte ihnen allen eine Chance gegeben, und das war etwas, wofür Oskar ihm dankbar war. Seit seine Freunde hier lebten, war das Haus mit Stimmen und Gelächter erfüllt. Während sie ihren Dienst verrichteten, schlitterten sie lachend und lärmend durch die Flure, ganz so wie die verzauberten Tiere in Hauffs Märchen vom Zwerg Nase. Die Stille und Einsamkeit, die vorher hier geherrscht hatten, waren wie weggefegt. Was hätten sie für einen Spaß haben können, wären da nicht diese strengen Unterrichtsstunden, mit denen Humboldt sie Tag für Tag quälte.
Eliza war die gute Seele des Hauses. Auf Haiti geboren und von dunkler Hautfarbe, war sie des Forschers Gefährtin und Vertraute und stand ihm bei all seinen Abenteuern zur Seite. Eliza verfügte über geheimnisvolle Fähigkeiten, die an Zauberei grenzten. Zum Beispiel konnte sie mit anderen Menschen Verbindung aufnehmen, nur mittels Gedankenkraft. Oskar hatte keine Ahnung, wie sie das anstellte, aber es klappte. Er hatte es mehr als einmal selbst erlebt.
Dann war da noch die Kiwidame Wilma. Auch heute leistete der Vogel den Kindern beim Unterricht Gesellschaft. Er hatte seinen kleinen Sprachtornister umgeschnallt, mit dem sich seine Vogellaute in Worte übersetzen ließen, aber Wilma redete nie viel. Ihr Vokabular war äußerst einsilbig und beschränkte sich meistens auf Befindlichkeiten wie »Hunger«, »Durst«, »müde«, »fröhlich«, »traurig« und so weiter. Nichts, worauf sich eine längere Unterhaltung stützen ließ. Trotzdem: Es war verblüffend, dass ein Vogel überhaupt sprechen konnte. Diese erstaunliche Fähigkeit wurde durch ein besonderes Vitaminpräparat ausgelöst, das Wilma täglich einnahm und das auch ihren natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus veränderte. Statt eines rein nachtaktiven Vogels – so wie ihre Verwandten in Neuseeland – hatte Wilma ihren Schlafzyklus an den der Menschen angepasst. Sie war eine treue Begleiterin und bei allen Abenteuern Humboldts mit dabei.
Das waren alle, die unter diesem Dach wohnten. Ein recht kleiner Haushalt, verglichen mit anderen Häusern Berlins.
Oskar warf seinen Freunden einen verborgenen Blick zu. Sie hatten gerade erst angefangen, Lesen und Schreiben zu lernen, trotzdem durften sie dem Unterricht beiwohnen und versuchen, hinter das Geheimnis dieser schwierigen Sprache zu dringen. Ihr Bildungsstand war noch viel geringer als seiner. Wie schafften sie es nur, trotzdem so interessiert auszusehen? War es Furcht?
Mit Humboldt einen Streit vom Zaun zu brechen, war in etwa so sinnlos wie Feuer mit Öl löschen zu wollen. Der Forscher konnte bei Arbeitsverweigerung ausgesprochen hitzig reagieren. Der Gedanke ließ Oskar lächeln. Vielleicht würde ein ordentliches Feuerchen ja die Kälte aus seinen Gliedern vertreiben. Er wollte gerade seinen Aufschrieb fortsetzen, als er bemerkte, dass ein Tropfen Tinte von seinem Federkiel gefallen und auf dem Notizzettel gelandet war. Die Flüssigkeit zog eine hässliche Spur quer über das geneigte Pult. Ehe sie auf seine Hose tropfen konnte, brachte er blitzschnell seine Beine in Sicherheit. Dabei stieß er mit dem Knie gegen Charlottes Tisch. Es gab ein Rumpeln und ein Poltern, dann fiel das Tintenfass hinab. Die schwarze Flüssigkeit spritzte einen Meter weit über das Eichenparkett.
»Himmel, pass doch auf!« Charlotte sprang auf und blickte entsetzt auf ihr Kleid. »Schau dir das an. Das wollte ich heute Abend tragen.«
Humboldt trat zwischen die beiden und funkelte Oskar streng an. »Was ist denn hier los?«
»Es tut mir leid«, stammelte Oskar. »Ich war in Gedanken. Mir war kalt und ich habe nicht auf meine Schreibfeder geachtet.«
Humboldt musterte die Pfütze am Boden und kräuselte die Lippen. »Hol einen Lappen und wisch das weg. Charlotte, du gehst zu Eliza. Sie weiß am besten, was zu tun ist. Ihr anderen: Es gibt keinen Grund zu lachen. Ich möchte, dass jeder die Deklination des Wortes Domina – Herrin – niederschreibt, und zwar Singular und Plural. Und ein bisschen plötzlich, wenn ich bitten darf.«
Oskar holte Eimer und Lappen und begann, die Tinte aufzuwischen. »Müssen wir denn wirklich Deklinationen machen?«, maulte er. »Ich meine, heute ist Heiligabend. Alle bereiten sich auf das Fest vor. Überall herrscht Festtagsstimmung, nur bei uns nicht. Es gibt noch eine Menge Dinge zu erledigen«, ergänzte er schnell, als er die steile Falte zwischen den Brauen des Forschers bemerkte.
»Heiligabend ist keine Ausrede«, erwiderte Humboldt. »Zumindest der Vormittag ist ein Werktag wie jeder andere. Ihr seid nicht die Einzigen, die heute arbeiten müssen. An den Feiertagen erlasse ich euch den Unterricht, aber heute wird bis Punkt zwölf gearbeitet. Und damit Ende der Diskussion.«
Aber Oskar ließ nicht locker. »Können wir denn nicht wenigstens etwas Spannendes machen? Etwas aus dem Bereich Geografie, Biologie oder Chemie? Selbst an der Universität gibt es spezielle Weihnachtsvorlesungen. Hab ich jedenfalls gehört«, fügte er kleinlaut hinzu.
»Was passt dir denn nicht an Latein?«
Oskar tauchte den Lappen in den Eimer und wrang ihn aus. »Es ist so langweilig. Eine tote Sprache, die kein Mensch mehr spricht.«
»Wenn du dich da mal nicht irrst«, erwiderte der Forscher. »Latein ist die Sprache der Naturwissenschaften. Ohne vernünftige Sprachkenntnisse wirst du nie in der Lage sein, die Nomenklatur der Arten korrekt zu lesen oder neue Spezies einzuordnen. Abgesehen davon lassen sich mit Latein alle anderen Sprachen, insbesondere die romanischen, viel leichter erlernen. So, und jetzt weiter im Text.« Er wollte sich wieder der Tafel zuwenden, doch Oskar hatte noch nicht aufgegeben.
»Ich frage mich, wozu wir dann das Linguaphon haben«, sagte er. »Wenn wir die Sprachen dann doch lernen müssen.«
»Wie soll ich das verstehen?«
»Ich rede von unserem Übersetzungsapparat. Warum sollen wir Sprachen erlernen, wenn wir ein solch fantastisches Gerät besitzen? Es kann jede Sprache übersetzen, sogar solche, die uns bisher noch völlig unbekannt sind. Selbst Wilma hat mit seiner Hilfe das Sprechen erlernt. Warum nicht das Linguaphon benutzen und die gesparte Zeit für andere Dinge einsetzen?«
Humboldt stemmte die Hände in die Hüften. »Das Erlernen einer Sprache kann niemals durch ein technisches Gerät ersetzt werden. Es ist in erster Linie eine Schulung für logisches Denken und strukturiertes Handeln«, erwiderte Humboldt. »Es hilft euch, Klarheit in eure Köpfe zu bringen. Abgesehen davon – was, wenn der Strom ausgeht oder eine Panne eintritt? Technik ist anfällig, besonders in solch entlegenen Gegenden, wie wir sie bereisen. Ihr wollt doch nicht etwa in irgendwelchen Kochtöpfen enden, nur weil ihr versäumt habt, euer Sprachzentrum zu trainieren?« Er reichte Oskar die Hand und zog ihn auf die Füße. »Komm«, sagte er. »Setz dich, damit wir fortfahren können.«
Oskar kam sich vor wie ein Idiot. Wie hatte er nur annehmen können, einen Schlagabtausch mit seinem Vater zu gewinnen? Humboldt war ein Mann, der gewohnt war zu bekommen, was er wollte, ein geborener Sieger. Es lag in seiner Natur zu gewinnen. Genau wie in der seines Vaters, des berühmten Naturforschers Alexander von Humboldt. Vorausgesetzt, man nahm die Behauptungen des Forschers über seine Herkunft für bare Münze.
Oskar räumte Eimer und Lappen weg, ging zum Tisch zurück und rutschte wieder auf seinen Platz. Er hatte gerade entschieden, diesen Heiligen Abend zu einem der schlechtesten seines Lebens zu erklären, als ein heftiges Pochen an der Haustür zu hören war.
Humboldt zögerte, blickte hinaus, dann verließ er den Raum. »Hat man denn nicht für eine Minute Ruhe in diesem Haus?«
2
Charlotte schaute aus dem Küchenfenster und entdeckte einen Reiter der Preußischen Post. Blauer Uniformrock mit rotem Besatz, eine eng anliegende Hose mit Seitenstreifen, auf dem Kopf eine Mütze mit rotem Rand. Sein Pferd keuchte und schäumte, dass man glauben konnte, er wäre den ganzen Weg bis raus zum Plötzensee in scharfem Galopp geritten.
Charlotte schob den Vorhang zur Seite. »Sieht nach einer Eilzustellung aus.«
Eliza, die gerade versuchte, Charlottes Kleid mit Gallseife von den Tintenspritzern zu befreien, hob den Kopf.
»Wie kommst du darauf?«
»Schau dir den Brief an. Solche Umschläge werden nur für dringende Angelegenheiten verwendet.«
Das Kuvert war länglich, von hellgelber Farbe und mit rotem Siegellack verschlossen.
»Bin gleich wieder da.« Charlotte eilte zur Tür, wo Humboldt den Mann bereits begrüßte. Der Postbote hatte seine Mütze abgenommen und verbeugte sich. »Herr Donhauser?«
»Ganz recht.«
Charlotte bemerkte, wie ihr Onkel bei der Erwähnung seines bürgerlichen Namens die Lippen zusammenpresste. Sie wusste von den Hinweisen, dass er tatsächlich von Alexander von Humboldt abstammte, doch bis jetzt war der Anspruch keinesfalls bewiesen. Ein Thema, über das man besser schwieg.
»Ich habe eine Einladung für Sie.« Die Messingknöpfe mit dem kaiserlichen Reichsadler blinkten in der Morgensonne. »Wenn Sie den Erhalt bitte hier bestätigen würden.« Er reichte dem Forscher ein amtlich aussehendes Dokument nebst Stift. Humboldt setzte sein Zeichen unter das Papier und nahm den Brief in Empfang.
»Und hier noch ein Brief an Fräulein Charlotte Riethmüller. Sind Sie das?«
»Ja.« Charlotte nahm das Kuvert entgegen. »Muss ich auch irgendetwas unterschreiben?«
»Nein danke, nicht nötig.«
Humboldt griff in die Tasche und drückte dem Eilboten ein paar Pfennige in die Hand.
»Oh, vielen Dank.« Der Mann verbeugte sich. »Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag. Besinnliche Weihnachtstage.« Mit diesen Worten schwang er sich auf sein Pferd und galoppierte zurück.
Humboldt machte kehrt und ging zurück ins Haus. Durch die offene Tür der Schreibstube konnte Charlotte die neugierigen Gesichter der Straßenkinder erkennen.
»Was ist es?«, drängte Charlotte. »Wer schreibt uns?«
»Uns?« Der Forscher warf ihr einen ironischen Blick zu. »Soweit ich lesen kann, steht nur mein Name auf dem Brief.«
Charlotte ließ nicht locker. »Aber er stammt von der Universität, das erkenne ich an dem Siegel. Also gilt er höchstwahrscheinlich uns allen.«
»Meinst du?« Er zog humorvoll eine Braue in die Höhe.
Seit er dem Universitätsbetrieb aus Protest den Rücken gekehrt hatte, war hier in seinem Haus eine Art private Forschungsgemeinschaft entstanden. Ein Institut zur Aufklärung und Lösung ungewöhnlicher, um nicht zu sagen unmöglicher Fälle. Den ersten Fall hatten sie gelöst, als sie in Peru ein bisher unbekanntes Volk mit mechanischen Fluggeräten entdeckt hatten, einen zweiten, als sie das Mittelmeer von einer Gefahr in Form riesenhafter Maschinenwesen befreit hatten. Beide Fälle hatten in der Presse hohe Wellen geschlagen. Wenn ihnen die Universität also eine Einladung schickte, dann vermutlich nur deshalb, weil die Kunde von ihren Taten den Weg bis in die oberste Etage gefunden hatte und die Herren Dekane es sich nicht länger leisten konnten, sie zu ignorieren.
»Jetzt komm schon«, drängelte Charlotte. »Mach ihn auf.«
Humboldt marschierte in sein Arbeitszimmer, nahm einen Brieföffner zur Hand und schlitzte den Umschlag auf. Er zog den Brief aus wertvollem Büttenpapier heraus und faltete ihn auf. Die Stirn tief in Falten gelegt, überflog er den Inhalt. Plötzlich hellte sich seine Miene auf. »Bellheim!«, rief er aus. »Das darf doch nicht wahr sein.«
»Wer?«
»Richard Bellheim. Einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Völkerkunde. Wir haben eine Zeit lang zusammen studiert. Ein fabelhafter Kerl. Ich habe ihn seit einer Ewigkeit nicht gesehen.«
»Was ist geschehen?«
»Ich war viel unterwegs, wie du weißt, und er ebenso. Als Afrikaspezialist war er vermutlich längere Zeit auf Expedition. Das ist aber nicht seine Handschrift. Vermutlich handelt es sich um eine offizielle Einladung.« Er drehte den Brief um. »Ah, hier haben wir es ja. Zwei Jahre Sahara und Sahelzone.« Er pfiff durch die Zähne. »Ganz schön lange Zeit.«
»Und was steht in der Einladung?«
»Wie es aussieht, hält er einen Sondervortrag in drei Tagen. Man hat uns zwei Eintrittskarten beigelegt.«
Charlotte schaute in den Umschlag und, tatsächlich, da waren sie. Wunderschön gedruckt und mit goldenem Rand. »Ich habe sie. Was steht noch in dem Brief?«
Humboldt rückte seine Brille zurecht. Sein fröhlicher Ausdruck wurde zusehends ernster.
»Was denn? Spann mich nicht so auf die Folter.«
»Wie es aussieht, wird auch der Kaiser da sein. Hier steht, es wird ein Empfang mit allerhöchsten militärischen Ehren. Nur der Hofstaat und besondere Würdenträger werden geladen sein.« Mit Bedauern in seinem Gesicht ließ er den Brief sinken. »Schade. Ich wäre gern hingegangen.«
»Wie meinst du das?«
Humboldt schenkte ihr ein trauriges Lächeln. »Weißt du das wirklich nicht? Deutschland liefert sich seit einigen Jahren einen Wettlauf um die besten Kolonien. Der afrikanische Kontinent wird dabei zwischen den Imperialmächten aufgeteilt, als wäre er eine Geburtstagstorte. Es geht zu wie auf einem Basar. Jeder nimmt sich einfach, was er kriegen kann, ohne die Einheimischen um Erlaubnis zu fragen. Ein trauriges Kapitel der deutschen Geschichte, aber natürlich von hohem nationalen Interesse.« Er stieß die Worte aus, als hätten sie einen unangenehmen Beigeschmack. »Wenn Bellheim in Anwesenheit des Kaisers über Nordafrika redet, dann wird es vermutlich um die Möglichkeit neuer Kolonien gehen.« Er faltete das Papier und steckte es weg. »Tut mir leid, kein Interesse. Ich werde zusehen, dass ich mich im neuen Jahr mit ihm treffe. Unter vier Augen und in ungezwungener Atmosphäre.«
»Aber der Kaiser …« Charlotte blickte ihren Onkel mit großen Augen an. »Ich habe Wilhelm noch nie aus der Nähe gesehen.«
»Das wird dir auch an diesem Abend kaum gelingen«, erwiderte der Forscher. »Vermutlich wird er von einer ganzen Armee von Sicherheitsbeamten abgeschirmt. Abgesehen davon: So imposant ist er auch wieder nicht.«
»Das ist doch egal. Stell dir all die interessanten Leute vor. Die schmucken Anzüge und Uniformen und die rauschenden Kostüme. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Bitte, lass uns hingehen. Bitte, bitte.«
Humboldt verdrehte die Augen. »Tu mir das nicht an. Ich verabscheue solche Veranstaltungen. Nichts gegen einen guten Vortrag, aber diese Veranstaltung riecht nach Staatsempfang. Da wird gedienert, gebuckelt, gekrochen und geschleimt. Jeder wird zusehen, dass er möglichst nah an Wilhelm und seine Gattin herankommt. Das hat nichts mit Forschung zu tun. Eher mit Politik, und Politik ist ein schmutziges Geschäft.«
»Komm schon, bitte.« Charlotte ließ nicht locker. »Immerhin hat er an dich gedacht. Steht sonst noch etwas in der Einladung?«
»Warte mal …« Humboldt drehte den Brief um. »Hier ist eine Notiz, aber wie es aussieht in einer anderen Schrift. Sie stammt von … ach, verdammt.« Er hielt die Karte ins Licht und schob seine Brille hoch. »Ich muss dringend mal zum Optiker. Kannst du das lesen?«
Charlotte nahm den Brief. »Hier steht ein Name. Gertrud Bellheim. Seine Frau?«
»Möglich, aber ich kenne sie nicht. Er muss geheiratet haben, als ich fort war. Was schreibt sie?«
»Sehr geehrter Herr von Humboldt, im Namen meines Mannes möchte ich Sie und Ihre Begleitung ganz herzlich zum Vortrag am 27. 12. um 20 : 00 Uhr in den Großen Hörsaal der Friedrich-Wilhelm-Universität einladen. Ich weiß, dass Sie sich nahegestanden haben und dass es ihm viel bedeuten würde, Sie an diesem Abend persönlich zu sehen. Bitte tun Sie mir den Gefallen und reden Sie ein paar Worte mit ihm. Dafür wäre ich Ihnen überaus dankbar. Hochachtungsvoll, Gertrud Bellheim«
Humboldt nahm ihr den Brief aus der Hand und überflog die Zeilen noch einmal. »Seltsam«, murmelte er.
»Was meinst du?«
»Warum schreibt er nicht selbst? Und warum tue ich ihr einen Gefallen, wenn ich ein paar Worte mit ihm rede? Das klingt, als würde sie sich Sorgen machen.«
Charlotte nickte. »Du hast vollkommen recht. Es klingt tatsächlich sehr seltsam. Ich finde, du solltest der Sache auf den Grund gehen. Das wird dir allerdings nur gelingen, wenn du dort erscheinst. Und ich mit dir.« Sie schenkte ihrem Onkel ein verführerisches Lächeln.
Der Forscher zog eine Braue in die Höhe. »Sagst du das, weil es dich wirklich interessiert oder weil du zu dem Empfang willst?«
Er hielt den Brief näher ans Gesicht, in dem vergeblichen Bemühen, ihm weitere Geheimnisse zu entlocken, doch irgendwann gab er auf. »Also gut«, seufzte er. »Du hast gewonnen.«
»Danke!« Charlotte umarmte ihren Onkel und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. »Du bist der Beste.«
Die Tür zur Schreibstube ging einen Spalt weit auf. Ein sommersprossiges Gesicht mit roten Zöpfen lugte hervor. Es war Lena. »Was ist denn jetzt mit dem Unterricht, Herr von Humboldt? Kommen Sie noch mal zurück, oder sollen wir unsere Sachen zusammenräumen?«
»Ihr könnt zusammenräumen«, sagte der Forscher. »An Unterricht ist sowieso nicht mehr zu denken. Helft Eliza in der Küche, füttert die Pferde, danach könnt ihr den Baum schmücken. Und vergesst nicht, vorher das Klassenzimmer aufzuräumen und die Tafel zu wischen. Ich will, dass alles blitzblank ist, ehe wir Bescherung machen.«
»Juhuu!« Ein stürmisches Gerenne und Getrampel war zu hören. Kichern und Lachen schallte zu ihnen herüber.
Humboldt strich sich über die Stirn. »Wenn ich gewusst hätte, was ich mir da für einen Sack Flöhe einhandle, hätte ich mir die Sache mit Oskars Freunden vielleicht noch mal überlegt.«
»Ich bin sicher, du wirst das verkraften«, sagte Charlotte. »Es tut dir gut, wieder zu unterrichten. Seit die Kinder bei uns sind, höre ich dich viel öfter lachen.«
»Ist das so?« Er seufzte. »Na, Hauptsache, die Arbeit leidet nicht darunter. Was ist denn mit deinem Brief? Du hast ihn noch gar nicht geöffnet.«
»Ja richtig.« Charlotte blickte auf das Kuvert in ihrer Hand. In der Aufregung hatte sie ganz vergessen nachzuschauen, von wem er stammte. Auf der Rückseite fand sie einen Absender. Maria Riethmüller, Kurhotel Heiligendamm.
»Er ist von Mutter«, sagte sie.
Ihre gute Laune war mit einem Mal wie weggeblasen.
3
Sir Jabez Wilson war bereits zu Lebzeiten eine Legende. Von Königin Victoria für seine Verdienste um die Erforschung des Nachthimmels geadelt und von seinen Kollegen ebenso geschätzt wie gefürchtet, galt er als Großbritanniens bedeutendster Sammler extraterrestrischer Funde. Er war das, was man in Fachkreisen als Meteoritenjäger bezeichnete, und sein Hunger nach seltenen Steinen war grenzenlos. So groß, dass er gelegentlich seine Manieren vergaß.
»Was hat er gesagt? Wiederhol das noch mal.«
Sein Assistent, Patrick O’Neill, erbleichte. »Monsieur Lacombe von der astronomischen Fakultät Paris lässt ausrichten, er werde Ihnen auf keinen Fall eine Abschrift des Dokuments zukommen lassen. Er sagte, da könne er Ihnen ja gleich seine ganze Sammlung zum Geschenk machen. Er hoffe jedoch inständig, Sie mögen seinem Gastvortrag am Observatorium diesen Freitag beiwohnen. Er werde bei dieser Gelegenheit auch auf das Dokument zu sprechen kommen.«
»Dieser unverschämte Patron!« Wilson sprang auf. Seine Kehle war vor Wut wie zugeschnürt. »Er glaubt wohl, er kann mich auf den Arm nehmen. Ich bin doch keiner seiner Lakaien, die er herumscheuchen kann, wie er will. Er ist hier auf meinem Grund und Boden. Na warte, dem wird das Lachen schon noch vergehen.«
O’Neill wich zurück. Wilson war ein Stier von einem Mann. Kompakt, gedrungen, mit breiten Wangenknochen, niedriger Stirn und einem grauen Haarschopf, der zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden war. Ein Mann, der schon durch seine reine physische Präsenz jeden einschüchtern konnte. Sein auffälligstes Merkmal war, dass er nur ein Auge besaß. Das linke hatte er bei einer Auseinandersetzung mit Eingeborenen in Patagonien verloren, als diese ihm den Zugang zu einer Fundstelle verweigerten und ihn und seine Männer stattdessen mit Steinschleudern angegriffen hatten. Aus Rache hatte er ihr Dorf dem Erdboden gleichgemacht.
Um sein fehlendes Auge zu ersetzen, hatte Wilson einen Meteoriten zurechtschleifen lassen und diesen in den Hohlraum in seinem Schädel eingesetzt. Die silbrig glänzende Kugel schien in alle Richtungen gleichzeitig blicken zu können.
Wilsons geheime Vorliebe galt dem Iridium, einer äußerst seltenen Spielart des Platin, wie man sie des Öfteren in Meteoriten fand. Seine Härte machte es zu einer idealen Komponente besonders widerstandfähiger Legierungen. Legierungen, wie sie in Präzisionsmessgeräten wie Uhren oder Sextanten Verwendung fanden. Kein Wunder, dass es als ungemein wertvoller Rohstoff galt, wertvoller noch als Diamanten. Allein die Kugel in Wilsons Schädel besaß den Wert eines kleinen Fürstentums.
»Sagen Sie alle Termine für heute Mittag ab, ich bin bei Lacombe.«
»Aber Sir, Ihr Essen mit dem Innenminister …«
»Absagen, habe ich gesagt.«
Wilson schnappte seinen Mantel, band seinen Waffengurt um und stürmte aus dem Zimmer. Was glaubte dieser unverschämte Franzose eigentlich, mit wem er es zu tun hatte? Ihn, Jabez Wilson, abzuwimmeln wie einen lästigen Vertreter? Eher würde die Hölle zufrieren, als dass so etwas geschah.
Mit eiligen Schritten stürmte er die Treppen hinunter. Seine Arbeitsräume lagen im obersten Stock der Königlichen Akademie in Burlington Gardens. Eines der prächtigsten Gebäude von ganz London mit Blick auf die herrlichen Anlagen des Green Parks.
Auf dem Weg nach unten begegnete er etlichen Kollegen und Angestellten, die ihm Respekt zollten.
»Guten Morgen, Sir Wilson.«
»Frohe Weihnachten, Euer Lordschaft!«
»Werden Sie uns heute Abend noch im Athenäum Club beehren?«
Er ignorierte die Zurufe und lief weiter. Seine blank polierten Stiefel klackerten über die Marmorstufen. Er verließ das Gebäude, eilte im strömenden Regen über den Vorplatz und bestieg eine der Kutschen, die draußen warteten.
»Hyde Park Corner 48, aber schnell!«, rief er dem Fahrer zu, dann lehnte er sich zurück.
* * *
Oskar war gerade auf dem Weg in sein Zimmer, als ihm Charlotte über den Weg lief. Sie war vollgepackt mit Mappen, Rollen und Bündeln voller Briefe und wirkte ziemlich aufgebracht. Eigentlich hatte er ja vorgehabt, es sich mit einer brandneu erschienenen Ausgabe von Karl Mays gesammelten Reiseromanen in seinem Lesesessel gemütlich zu machen. Er war schon sehr gespannt auf den zweiten Teil von Winnetou, der rote Gentleman, aber jetzt ließ ihn der Ausdruck auf Charlottes Gesicht innehalten. »Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?«
Charlotte sah ihn entgeistert an. Sie hatte ihn wohl gar nicht bemerkt. Blitzschnell fing sie sich jedoch wieder und sagte: »Ach nichts. War nur eben auf dem Dachboden und habe ein paar Sachen zusammengetragen.«
»Was für Sachen?« Oskar reckte den Hals. Der Dachboden in Humboldts Haus war eine wahre Fundgrube, Kultobjekte aus aller Welt sowie seltene Sammlerstücke. Dinge, mit denen sich ohne Probleme ein kleines Museum füllen ließ. Es stand aber auch eine Truhe dort oben, in der der Forscher Dokumente und Zeugnisse aus seiner Vergangenheit aufbewahrte. Plakate, Tagebücher, Briefe und jede Menge Korrespondenz. Während Oskar mit großer Leidenschaft die Masken und Trommeln betrachtete, hatte Charlotte einen Narren daran gefressen, in der Vergangenheit des Forschers herumzustöbern. Humboldt hatte nichts dagegen und ließ sie gewähren. Ob er allerdings damit einverstanden sein würde, dass sie die Sachen jetzt in ihr Zimmer brachte?
»Was sind das für Dokumente?«, wiederholte Oskar seine Frage. »Soll ich dir tragen helfen?«
»Nein, nicht nötig.« Charlotte drehte sich zur Seite, damit Oskar nicht sah, was sie da durch das Haus schleppte. Trotzdem konnte er einen Blick auf eine Ahnentafel und ein dickes, in Leder gebundenes Buch erhaschen.
»Stammbäume und Fotoalben?«, fragte er. »Was willst du denn damit?«
Er versuchte, an eines der Dokumente ranzukommen, aber sie drehte sich von ihm weg.
»Das geht dich rein gar nichts an!«, zischte sie. »Untersteh dich, dich in meine Privatangelegenheiten einzumischen.«
»Ist ja gut, ist ja gut.« Er hob entwaffnend die Hände. »Ich wollte nur einen kleinen Spaß machen.«
»Mir ist es bitterernst«, sagte sie mit wütender Stimme. »Würdest du mich jetzt bitte durchlassen?«
»Aber klar.« Er trat einen Schritt zur Seite und Charlotte stürmte an ihm vorbei. Dabei fiel ihr ein kleines Buch hinunter. Familienchronik stand auf das Leder geprägt. Oskar beugte sich vor und hob es auf. Es war das Buch, in dem Humboldt sämtliche Geburts- und Abstammungsurkunden aufbewahrte. Mit einem ratlosen Blick reichte Oskar Charlotte die wertvollen Dokumente. Sie schnappte danach und steckte sie zu den anderen Sachen. Einen kurzen Moment leuchtete immer noch die Wut in ihren Augen, dann wurde ihr Blick wieder sanfter. »Danke«, sagte sie. »Bitte verrate mich nicht. Ich bin da einer merkwürdigen Geschichte auf der Spur und ich möchte nicht, dass alle davon erfahren. Versprichst du mir, dass du niemandem davon erzählst?«
Er nickte. »Erfahre ich irgendwann davon?«
»Sobald ich herausgefunden habe, was dahintersteckt. Versprochen.« Mit diesen Worten drehte sie sich um und verschwand in ihrem Zimmer.
4
Unruhig auf den Griff seines Degens trommelnd, blickte Sir Jabez Wilson aus dem Fenster. Das regennasse London zog wie eine Tapete an ihm vorüber. Menschen liefen im Schatten der Gebäude, hielten Aktentaschen oder Regenschirme über ihre Köpfe und sahen zu, dass sie rasch ins Trockene kamen. Überall herrschte geschäftige Weihnachtsstimmung. Die Läden waren geschmückt und allseits standen Straßenmusikanten, die sich mit Oh, come all ye faithful oder Go tell it on the mountain gegenseitig zu überstimmen versuchten.
Wilson konnte diesem Fest nichts abgewinnen. Der Geruch von Bratäpfeln, Candys und Lebkuchen lag wie eine betäubende Decke über der Stadt. Diese ewige Singerei und diese kuhäugigen Kinder mit ihrem Dauergrinsen. Wenn es nach ihm ging, gehörte dieses Fest abgeschafft.
Die Kutsche erreichte den Park, schwenkte auf Südkurs und steuerte dem Wellington Triumphbogen entgegen. Nur wenige Minuten später hatten sie die Hausnummer 48 erreicht. Wilson sprang aus dem Wagen, drückte dem Fahrer zwanzig Shilling in die Hand und eilte mit gesenktem Kopf über die Straße.
Der zweistöckige Bau in klassizistischem Stil diente der Universität als Quartier für ausländische Besucher und Gäste der Fakultäten. Im Allgemeinen waren die Zimmer immer ausgebucht, doch so kurz vor Weihnachten standen die meisten von ihnen leer. François Lacombe war der einzige Gast. Er bewohnte zwei Räume im Ostflügel, wo er einen Arbeitsbereich eingerichtet hatte. Der französische Astronom hockte auf seinen Informationen wie die Henne auf dem Ei und war nicht bereit, nur ein Jota seines Wissens mit ihm zu teilen. Zwei Anläufe hatte Wilson bisher unternommen, um an die heiß ersehnten Papiere zu kommen. Den ersten freundlich, in dem er persönlich vorstellig geworden war und Geschenke gebracht hatte, einen zweiten schon etwas kühler und in Begleitung seines Assistenten Patrick O’Neill. Dies war der dritte und er würde sich nicht noch einmal abwimmeln lassen.
Der Empfang war gerade nicht besetzt, und Wilson konnte ungesehen das Erdgeschoss durchqueren. Die Treppenstufen waren mit Teppich bespannt, sodass er praktisch lautlos nach oben gelangte. Auf der obersten Treppenstufe angekommen, spitzte er die Ohren. Von irgendwoher erklang Musik. Vorsichtig schlich er den Gang entlang, bis er vor Lacombes Räumen stand. Die Musik kam aus dem Arbeitszimmer und stammte von einem Grammofon. Über die Takte von Johann Strauss’ An der schönen blauen Donau erklangen geschäftiges Klappern und fröhliches Mitsummen. Merkwürdigerweise erfreute sich gerade dieser Walzer bei Astronomen und Sternenkundlern großer Beliebtheit. Lacombe schien ganz in seine Arbeit versunken zu sein.
In diesem Moment fasste Wilson einen Entschluss. Vielleicht ließ sich das Problem mit einem simplen kleinen Diebstahl aus der Welt schaffen.
Vorsichtig ging er eine Tür weiter, legte seine Hand auf die Klinke und drückte sie ganz sacht nach unten. Die Tür war unverschlossen. Er öffnete sie einen Spalt und blickte hindurch. Lacombes Schlaf- und Ankleidezimmer lag im Dunkeln, nur beleuchtet von einem schmalen Lichtstreifen, der aus dem Arbeitszimmer kam. Rasch schlüpfte er hinein und schloss sie hinter sich. So weit, so gut. Durch den Spalt konnte er sehen, dass Lacombe an einer optischen Bank arbeitete. Offenbar war er damit beschäftigt, sein Teleskop auseinanderzubauen und zu reinigen. Fröhlich pfeifend nahm der Franzose eine Linse aus der Halterung und polierte sie mit einem weichen Stofftuch.
Wilson warf einen Blick in die Runde. Er wusste, dass der Astronom seine Dokumente in einer länglichen Holzschatulle aufbewahrte. In den Regalen waren nur Karten und Bücher. Vielleicht im Kleiderschrank? Er schlich durch den Raum und öffnete den schweren Kirschholzschrank. Die Türen gaben ein erbärmliches Quietschen von sich. Wilson hielt die Luft an. Hoffentlich hatte Lacombe nichts gehört. Doch die Musik lief weiter und auch das Pfeifen hielt an. Rasch durchforstete er das Innere. Nur Hemden, Hosen und Jacketts. Schrecklich unmoderne Sachen, wie sie heute kaum noch ein Mensch trug.
Angewidert fuhr Wilson herum. Wo war nur diese Schatulle? Doch wohl nicht im Arbeitszimmer? Sollte das der Fall sein, hätte er ein mächtiges Problem.
Wieder schlich er an den Türspalt. Als er am Bett des Forschers vorbeikam, sah er unter der Matratze etwas schimmern. Blank poliertes Nussholz mit Stoßkanten aus reinem Messing. Er ging in die Hocke und untersuchte den Fund. Dieser verdammte Franzose. Bewahrte seine Schatulle einfach unter der Matratze auf. Ganz so, als befürchte er, man könne ihn bestehlen. Wilson grinste. Diese Franzosen hatten schon immer einen Hang zur Dramatik gehabt.
Er zog die Schatulle hervor und öffnete sie. Da waren sie. Drei fleckige und eng beschriebene Blatt Papier. Der einzige Beweis für die Existenz des sagenumwobenen Meteoriten, der als der gläserne Fluch in die Geschichtsbücher eingegangen war. Wilson nickte zufrieden und steckte die Papiere ein. Er wollte gerade die Schatulle wieder schließen, als das Licht anging.
»Dachte ich mir doch, dass ich ein Geräusch gehört habe.«
François Lacombe stand in der Eingangstür, die Hände in die Hüften gestemmt. »Darf ich fragen, was Sie da tun, Sir Wilsön?« Er sprach den Namen mit einem näselnden »ö«, ganz so, als wolle er ihn absichtlich falsch aussprechen.
»Wonach sieht es denn aus?«
»Ich weiß, wonach es aussieht«, erwiderte der Franzose. »Ich wollte mich nur vergewissern, dass ich keinen Irrtum begehe, wenn ich jetzt das Sicherheitspersonal rufe.«
»Da werden Sie nicht viel Glück haben.« Wilson stand auf und klopfte den Staub von den Hosenbeinen. »An Weihnachten ist nur die Notbesetzung anwesend. Und Philby ist zu alt, um Ihnen beistehen zu können.«
Lacombes Gesichtsausdruck verfinsterte sich. »Geben Sie mir die Papiere, auf der Stelle. Und dann gehen Sie.«
»Ich glaube, Sie verkennen die Situation. Ich brauche diese Notizen und ich werde sie an mich nehmen, ob Ihnen das nun passt oder nicht. Sie haben einen großen Fehler gemacht, sie mir vorzuenthalten. Damit haben Sie sich einen Feind geschaffen anstelle eines Verbündeten, und das in einem Land, das mit dem Ihren nicht gerade gute diplomatische Kontakte pflegt.«
»Wollen Sie mir drohen?« Lacombes Gesicht war puterrot angelaufen. »Hier, in meinen eigenen vier Wänden? Sie sollten sich lieber vorsehen.« Er machte einen schnellen Schritt zur Seite und packte seinen Degen, der griffbereit in der Ecke neben dem Schrank stand. Es war eine Pallasch, eine breitere Variante des klassischen Degens, die hervorragend als Schlagwaffe eingesetzt werden konnte. Mit einer geschmeidigen Bewegung zog Lacombe die Klinge heraus und richtete sie auf den Engländer. »Und jetzt geben Sie mir mein Eigentum zurück.«
Wilson ließ ein Haifischlächeln aufblitzen und schlug seinen Mantel zur Seite. Dort hing sein Degen.
Die Augen des Franzosen wurden größer. Allmählich schien er zu begreifen, dass es nicht so einfach werden würde.
»Bitte, Monsieur, tun Sie das nicht.«
Wilsons Lächeln war wie eingemeißelt. Er zog seinen Degen und richtete ihn auf den Franzosen. Die Klingen trafen mit einem hellen Klang aufeinander.
»Ich muss Sie warnen, Monsieur!«, zischte Lacombe. »Ich habe unter Napoleon ein Offizierspatent erworben und war 1870 an der Schlacht von Sedan beteiligt.«
»Die die Franzosen mit Pauken und Trompeten verloren haben, wenn ich mich recht erinnere«, sagte Wilson. »Außerdem ist das Ganze über zwanzig Jahre her. Ich frage mich, ob Ihr Degen in dieser Zeit nicht ein wenig eingerostet ist.«
Er führte einen kleinen Scheinangriff durch und ging dann wieder in Ausgangshaltung. »Zumindest Ihre Reflexe sind noch gut«, konstatierte er. »Wollen sehen, wie es mit dem Rest bestellt ist. En Garde.« Er nahm Kampfposition ein.
Wilson kannte sich in der Geschichte dieses Kampfsports gut genug aus, um zu wissen, worauf in den Fechtschulen der französischen Armee Wert gelegt wurde. Lacombe versuchte, ihn auf Abstand zu halten. Ausfall, Schritt zurück. Ausfall, Schritt zurück. Sehr elegant zwar und auf offenem Feld gewiss recht wirkungsvoll, aber in einem beengten Raum wie diesem geradezu fahrlässig. Wilson hingegen ließ seinen Gegner so dicht wie möglich herankommen, während er aufpasste, dass er nach hinten immer genug Ausweichmöglichkeit hatte. Er konterte den letzten Ausfallschritt mit einer Ligade, bei der sein Degen in der Vorwärtsbewegung einen Kreis beschrieb und an der Klinge des Gegners entlangstrich. Lacombe, der viel zu weit hinten stand, rempelte mit dem Fuß gegen einen Stuhl und kam ins Straucheln. Um seinen Fehler auszugleichen, sprang er schnell zur Seite und entwischte ins angrenzende Arbeitszimmer. Für seine fünfundvierzig Jahre war er immer noch recht behände, doch es mangelte ihm an Kraft. Ein Vorteil, über den Wilson im Übermaß verfügte. Er holte zu einer Sforza aus, um Lacombe seine Klinge aus der Hand zu schlagen. Dabei verfehlte er sie knapp und fegte stattdessen das Teleskop vom Tisch. Splitternd und berstend ging es zu Bruch. Lacombe stieß einen Wutschrei aus und drang erneut auf Wilson ein. Mit wilden, unkontrollierten Schlägen versuchte er sich für die Zerstörung seines wertvollen Instruments zu rächen, doch seine Angriffe waren ebenso vorhersehbar wie sinnlos. Mit einer blitzschnellen Cavation umging Wilson den Prügelhagel, lenkte die Schläge zur Seite und zwang seinen Gegner dazu, sich vollkommen zu verausgaben.
Dann ging alles sehr schnell.
François Lacombe versuchte eine Flèche, geriet beim Abrollen ins Straucheln und stürzte Wilson in die offene Klinge. Er gab einen überraschten Laut von sich, dann kippte er zur Seite. Der Degen steckte bis zum Heft in der Brust des Franzosen.
Wilson zog seine Waffe heraus, wischte die Klinge an Lacombes Rock ab und steckte sie zurück in ihr Futteral. Ohne seinen Gegner eines weiteren Blickes zu würdigen, öffnete er die Tür.
Draußen stand Philby, die Augen vor Angst weit aufgerissen.
»Sir Wilson?« Er blickte auf den am Boden liegenden Franzosen. »Ich hörte Lärm. Mein Gott, was ist denn geschehen?«
»Eine Ehrensache«, erwiderte der Forscher. »Wir unterhielten uns, als Monsieur Lacombe ausfällig wurde. Er erdreistete sich, den Namen der Königin zu beschmutzen. Ich forderte ihn auf, sein Wort zurückzunehmen, aber er weigerte sich. So ergab ein Wort das andere.«
Philby wirkte erschrocken. »Aber das ist ja entsetzlich. Wir müssen die Polizei verständigen.«
»Natürlich müssen wir das. Meine Zeit ist allerdings knapp bemessen. Wenn Sie sich also bitte beeilen würden?«
»Ich … natürlich, Sir.« Der alte Mann eilte davon. Wilson lächelte zufrieden. Kein Mensch würde ihm einen Strick daraus drehen, dass er die Ehre der Königin verteidigt hatte. Im Gegenteil. Respektlosen Franzosen die Leviten zu lesen, gehörte in London schon fast zum guten Ton. Außerdem war er mit dem Polizeichef befreundet. Der würde die Sache zu seinen Gunsten drehen.
Das Wichtigste aber war: Er hatte die Dokumente. Endlich konnte er mit seinem bisher ehrgeizigsten Projekt beginnen.
5
Drei Tage später …
Im ehrwürdigen Gebäude der Universität zu Berlin liefen die Vorbereitungen für den Vortrag auf Hochtouren. Der weitläufige Campus war in einem Abstand von etwa hundert Metern abgesperrt worden und wurde von Dutzenden berittener Polizisten bewacht. Der Vorplatz wurde von Fackeln erhellt, deren Flammen ihr weiches Licht gleichermaßen auf Zuschauer wie auf Besucher verteilten. Tausende von Schaulustigen hatten sich außerhalb der Umzäunung versammelt und warteten ungeduldig auf das Eintreffen des Regenten und seiner Gattin. Als der Kaiser und die Kaiserin dann endlich in ihrem prächtigen Landauer und in Begleitung ihrer fünfzehnköpfigen Leibgarde eintrafen, brach das Volk in laute Jubelrufe aus. Kaiser Wilhelm der Zweite und seine Gattin, Auguste Viktoria, winkten den Leuten fröhlich zu, beeilten sich aber, rasch ins Innere zu gelangen. Es hatte zwar aufgehört zu schneien, aber die Temperaturen an diesem Abend waren immer noch recht frostig.
Dann durften die Gäste eintreten. Stilvoll gekleidetes Personal prüfte gewissenhaft jede einzelne Einladung, ehe sie den Weg freigaben. Vor dem Gebäude entstand eine Schlange und es dauerte eine Weile, bis auch der letzte Gast die Türen passieren durfte.
Im Inneren ging es nicht minder prächtig zu. Die Kronleuchter und Wandhalter des mehrstöckigen Hauptgebäudes waren mit unzähligen Kerzen bestückt worden, die das Innere der Universität in ein Meer aus Flammen tauchten. Zwar hatten hier, wie in den meisten großen Gebäuden der Stadt, Gaslampen Einzug gehalten, aber zu Ehren des Kaisers und aus diesem besonderen Anlass hatte man bewusst darauf verzichtet. Kerzenlicht wirkte auf den Gesichtern der Damen doch um ein Vielfaches vorteilhafter als der kalte Schein einer Gaslaterne.
Charlotte hatte so einen Prunk noch nicht erlebt. Sie stand ganz nahe bei ihrem Onkel und blickte mit großen Augen auf die vornehm gekleideten Besucher. Die Damen waren zumeist in prächtige Kleider gehüllt und trugen sorgfältig toupierte Frisuren. Die Herren hingegen steckten in maßgefertigten Anzügen, trugen ihre Bärte gezwirbelt und ihre Haare pomadisiert, ganz nach dem Vorbild des Kaisers. Die Säle waren erfüllt von dem Geruch kostbaren Parfüms und edler Zigarren und allenthalben wurde Champagner ausgeschenkt. Charlotte wagte kaum zu atmen und lauschte mit geröteten Wangen den Unterhaltungen der Gäste. Bei genauerer Betrachtung waren diese meist ziemlich öde und oberflächlich, aber in dieser Umgebung und zu diesem Anlass wirkte jedes Wort, als bestünde es aus Gold. Die Aufregung half ihr sogar, für einen Moment den Brief zu vergessen, den sie vor drei Tagen erhalten hatte. Ein Brief, der schwerwiegende Konsequenzen haben würde.
»Onkel, ich hätte gern ein Glas Champagner.«
Humboldt war der Einzige, der sich an diesem Abend nicht zu amüsieren schien. Sein Blick wanderte über die Köpfe der Anwesenden zurück zu seiner Nichte. »Was hast du gesagt?«
»Champagner«, erwiderte Charlotte. »Ich hätte gern ein Glas davon.«
»Aber du bist erst sechzehn.«
»Onkel, bitte.«
Der Forscher stieß ein unverständliches Grunzen aus, dann wählte er einen Diener aus und nahm zwei Gläser von dessen Tablett. »Hier«, sagte er, als er zurückgekehrt war. »Aber nur dieses eine.« Sie stießen an. »Übrigens, du siehst heute Abend bezaubernd aus.«
Charlotte spürte, dass sie rot wurde. Schnell trank sie einen Schluck. Sie hatte noch nie in ihrem Leben Champagner getrunken, fand aber, dass heute eine passende Gelegenheit war. Das prickelnde Getränk strömte ihre Kehle hinab und hinterließ einen seltsamen Geschmack im Mund.
»Und?« Humboldt blickte sie aufmerksam an.
Charlotte erforschte den Geschmack. »Irgendwie sauer«, bemerkte sie und griff nach einem Appetithäppchen, um den Geschmack zu neutralisieren. Nachdem sie das Käsegebäck gegessen hatte, versuchte sie es erneut. Doch auch diesmal war das Ergebnis eher unbefriedigend. »Ich weiß nicht«, murmelte sie und schaute auf das Glas. »Ich kann dem irgendwie nichts abgewinnen.«
»Geht mir auch so.« Der Forscher kippte sein Glas in einem Zug runter. »Ziemlich saure Plörre. Aber vielleicht fällt es uns damit leichter, die unsäglich dummen Gespräche auszublenden. Komm, lass uns in den Hörsaal gehen.«
Charlotte stellte das Glas zurück und folgte ihrem Onkel.
Der Hörsaal war bereits gut besetzt. Sie fanden einige Plätze in der vierten Reihe, unweit des Bühnenaufgangs, und ließen sich dort nieder. Charlotte warf einen Blick nach hinten. Wilhelm und seine Gattin saßen, umrahmt von der Leibgarde sowie einigen Mitgliedern des Hofstaats, in der Loge und blickten auf sie herab. Im Licht der Kerzen konnte Charlotte unzählige blank polierte Manschetten, Knöpfe und Ehrenabzeichen schimmern sehen. Federbüsche und Pickelhauben ragten in die Höhe.
Ihr Onkel hatte ganz recht. Es war eine schrecklich aufgeblasene Veranstaltung. Ein Schaulaufen der Schönen und Mächtigen, bei dem es nur darum ging, beim Kaiser einen möglichst guten Eindruck zu hinterlassen. Mit Forschung und Wissen hatte das alles nur sehr wenig zu tun. Blieb zu hoffen, dass wenigstens der Vortragende an diesem Missstand etwas ändern konnte.
In eben diesem Moment betrat Richard Bellheim in Begleitung des Direktors und einiger hochrangiger Würdenträger der Universität die Bühne. Er war ein schlanker, ausgezehrt wirkender Mann von vierzig Jahren, dessen Haar bereits schütter und an manchen Stellen leicht ergraut war. Er trug Vollbart und Nickelbrille und unter seinem Arm einen Aktenordner. In einen einfachen braunen Anzug gekleidet, die Ellenbogen mit Lederflicken besetzt und die Schuhe leicht angestoßen, bot er einen wohltuenden Gegensatz zu all den feinen und herausgeputzten Herrschaften im Publikum. Als er zu sprechen begann, war seine Stimme tief und wohlklingend.
Charlotte lehnte sich zurück. Sie faltete die Hände und lauschte mit wachsender Begeisterung den Erzählungen vom Schwarzen Kontinent.
6
Zwei Stunden später war der Vortrag zu Ende. Der Völkerkundler bedankte sich, signierte Bücher und Reiseberichte und verschwand dann mit den Kuratoren der neu eröffneten Afrikaausstellung hinter dem Podium. Bellheim hatte seinen Schwerpunkt auf Völker und Kulturen anstatt auf Kolonialpolitik gelegt. Humboldts Sorgen waren also unbegründet gewesen. Im Publikum herrschte Aufbruchsstimmung. Der Kaiser und die Kaiserin waren bereits in Richtung Kutsche aufgebrochen und so bestand für die meisten Anwesenden kein Grund, noch länger zu verweilen. Charlotte und Humboldt warteten, bis die Zahl der Besucher auf ein erträgliches Maß gesunken war, dann standen sie auf und gingen dorthin, wohin Bellheim verschwunden war.
Ein Saaldiener versperrte ihnen den Weg.
»Sie wünschen?«
Humboldt überragte den Mann um etwa eine Handbreit.
»Ich möchte mit Professor Bellheim sprechen«, erwiderte er. »Ich würde ihm gerne meine Glückwünsche und Komplimente zu dem gelungenen Vortrag übermitteln.«
Der Diener schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, mein Herr, aber ich habe strikte Anweisungen, niemanden durchzulassen.«
»Bei Herrn Humboldt dürfen Sie eine Ausnahme machen«, ertönte eine Stimme von links. Eine blasse Dame in einem rosafarbenen Kleid und weißen Schuhen trat auf sie zu und reichte dem Forscher die Hand. »Mein Name ist Gertrud Bellheim.«
»Dann haben wir Ihnen also die Einladung zu verdanken, gnädige Frau?«
»Ganz recht. Ich hoffe, Sie fanden den Vortrag interessant.«
»Außergewöhnlich interessant.« Humboldt deutete einen Handkuss an. »Dies ist meine Nichte Charlotte.«
»Wie reizend. Interessieren Sie sich für Afrika, meine Liebe?«
»Nicht nur für Afrika«, erwiderte Charlotte. »Ich interessiere mich für alle Naturwissenschaften. Physik, Chemie, Biologie, Geografie. Es ist eine so aufregende Welt.«
»Ich sehe schon, Herr von Humboldt, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.« Sie schenkte Charlotte ein warmherziges Lächeln.
»Haben Sie Lust, meinem Mann einen Besuch abzustatten? Ich könnte mir vorstellen, dass Sie ihn gern wiedersehen würden, nach so vielen Jahren …«
»In der Tat«, sagte Humboldt. »Wir waren einmal sehr eng befreundet. Ich möchte ihm zu seinem gelungenen Vortrag gratulieren.«
»Dann folgen Sie mir bitte.« Die Gattin des Völkerkundlers ging voran und winkte sie an dem Diener vorbei hinter die Bühne.
Während sie einem Gang folgten, der bei einer Treppe ins Untergeschoss mündete, unterhielt sich Frau Bellheim angeregt mit Charlotte. Sie vertrat dabei einige sehr moderne Ansichten. Zum Beispiel war sie der Meinung, es sei eine Schande, dass Frauen immer noch nicht studieren dürften. Charlotte, die bei diesem Thema regelmäßig rote Wangen bekam, konnte ihr nur aus tiefstem Herzen beipflichten. Erst letztes Jahr war wieder ein Antrag auf Zulassung von Frauen zum Studium abgelehnt worden. Dabei bestand das Recht in der Schweiz bereits seit 1840, in Großbritannien seit 1849 und in fast ganz Europa seit 1870. Nur in Preußen und Österreich-Ungarn hatte man sich nicht dazu durchringen können. Ein Skandal, wie Frau Bellheim betonte, während sie ihre Gäste in den unteren Stock begleitete.
Vor einer der Türen hielt sie an.
»Da wären wir. Bitte verzeihen Sie, wenn ich Sie mit meinem Geschwätz gelangweilt habe. Ich bin in letzter Zeit etwas nervös und neige zum Plappern.«
»Aber nein«, sagte Charlotte entschieden. »Ich habe es sehr genossen, Ihre Ansichten zu hören. Vielleicht können wir uns ja irgendwann mal weiter über das Thema unterhalten.«
»Sehr gern, meine Liebe. Aber jetzt lassen wir den Herren den Vortritt.« Sie klopfte an.
»Herein!«, schallte es von drinnen.
Die Frau des Völkerkundlers öffnete die Tür und ließ die Gäste eintreten. Richard Bellheim war gerade damit beschäftigt, die Karten und Unterlagen, die er während des Vortrags benutzt hatte, in Koffer zu packen und diese zu schließen. Sein Vorbereitungszimmer glich einer Rumpelkammer, durch die der Wind gefegt war.
»Richard, dies sind Carl Friedrich von Humboldt und seine Nichte Charlotte. Sie waren heute Abend Gäste deines Vortrags.«
Der Völkerkundler blinzelte zweimal, dann neigte er den Kopf. »Humboldt? Der Name klingt vertraut. Sie sind doch nicht etwa mit Alexander von Humboldt verwandt?«
Der Forscher runzelte verwundert die Stirn, dann sagte er: »Alexander war mein Vater.«
»Da haben Sie aber großes Glück. Sehr großes Glück, aber auch eine große Verantwortung. In welchem Beruf sind Sie tätig?«
»Ich bin Naturwissenschaftler.«
»Soso.«
Charlotte blickte zwischen ihrem Onkel und dem Völkerkundler hin und her. Das Gespräch nahm eine andere Wendung, als sie vermutet hatte. Ihr Onkel schien das genauso zu sehen.
»Richard«, sagte er. »Ich bin es, dein Freund Carl Friedrich.«
Bellheims Blick drückte Unverständnis aus. Er legte die Dokumentenrolle zur Seite und trat auf den hochgewachsenen Forscher zu.
»Wie sagten Sie, war Ihr Name?«
»Humboldt. Carl Friedrich von Humboldt. Aber vielleicht sagt dir der Name Donhauser ja etwas.«
»Carl Friedrich Donhauser?« Bellheim musterte das Gesicht seines Gegenübers im Schein der Kerzen. »Woher sollten wir uns kennen?«
»Wie kannst du das vergessen haben?« Humboldt war sichtlich erschüttert. »Wir haben vier lange Jahre zusammen studiert. Weißt du nicht mehr, die Semester bei Alois Krummnagel? Artenkunde und Präparation I–IV. Irgendwann haben wir uns mal in die Ausstellungsräume geschlichen und Tierfelle übergezogen, erinnerst du dich? Was hatten wir für einen Spaß!«
Bellheim zwinkerte verständnislos mit den Augen. Nach einer Weile sagte er: »Ich glaube, Sie verwechseln mich mit jemandem. Bedaure, dass ich Ihnen nicht weiterhelfen kann.«
»Richard …«
»Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mich nicht dauernd duzen würden«, sagte Bellheim, nun schon merklich ungehaltener. »Es tut mir leid, dass ich Ihnen nicht weiterhelfen kann, aber Sie sehen ja, ich habe viel zu tun. Vielleicht besuchen Sie ja noch einen meiner anderen Vorträge. Haben Sie vielen Dank für Ihren Besuch. Gertrud, wenn du die Herrschaften bitte hinausbegleiten würdest …«
Humboldt stand seinem Freund fassungslos gegenüber. Er schien mit sich zu ringen, entschied dann aber, dass es nichts bringen würde. »Na dann … haben Sie vielen Dank, Herr Bellheim.« Er verließ den Raum. Charlotte ging ihm hinterher, dicht gefolgt von Bellheims Frau. Kaum hatte sie die Tür zugezogen, als der Forscher sich umdrehte. »Was sollte dieser Auftritt da eben? Ich verlange eine Erklärung.«
Gertrud Bellheim lächelte entschuldigend. »Es tut mir leid. Ich hatte so gehofft, dass er Sie erkennen würde. Wenn Sie möchten, erkläre ich Ihnen alles. Aber nicht hier. Lassen Sie uns hoch in den Salon gehen. Dort werden wir sicher eine Tasse Tee bekommen.«
Der Salon war gut besucht. Etliche Besucher des Vortrags saßen bei einem Wein, einem Bier oder einer Tasse Kaffee beisammen und sprachen über das Gehörte. Gelächter erklang und im Hintergrund klapperte Geschirr. Ein leichter Geruch von Tabak durchströmte den Raum.
Gertrud Bellheim deutete auf eine rot gepolsterte Sitzgruppe und winkte einen Diener herbei. »Möchten Sie etwas bestellen?«
Charlotte nahm eine heiße Zitrone und Humboldt einen Tee. Sie selbst bestellte einen Wein und ein Glas Wasser. Nachdem der Diener davongeeilt war, begann sie zu erzählen.
»Mein Verdacht, dass etwas nicht stimmte, fing etwa zwei Wochen nach seiner Rückkehr an. Richard war früher nie vergesslich, aber jetzt neigte er dazu, Dinge herumliegen zu lassen und morgens bis zehn oder elf zu schlafen. Anfangs dachte ich mir nichts dabei und schob es auf die Strapazen der Reise, doch nach einer Weile wurde ich misstrauisch. Er war schon oft auf Reisen gewesen und immer hatte er schnell wieder ins Alltagsleben zurückgefunden. Doch diesmal war es anders. Er schien die einfachsten Dinge vergessen zu haben: wie man sich einen Schnürsenkel zubindet, wie man Messer und Gabel hält, wie man sich eine Pfeife anzündet. Und er vergaß Erlebnisse, die uns einmal viel bedeutetet haben. Wie wir uns kennengelernt hatten, unser erstes Rendezvous, unseren ersten Kuss …« Tränen schimmerten in ihren Augenwinkeln. Sie öffnete ihre Handtasche, holte ein Stofftuch heraus und tupfte sie ab.
»Ich kann gut verstehen, wie schlimm ein solcher Gedächtnisverlust für den Ehepartner sein muss«, sagte Humboldt mitfühlend. »Haben Sie Rücksprache mit einem Arzt gehalten?«
»Natürlich«, schniefte sie. »Wir waren sogar an der Charité. Ich nahm Richard unter dem Vorwand einer allgemeinen Gesundheitsüberprüfung mit und ließ ihn von Kopf bis Fuß untersuchen. Er wehrte sich nicht mal dagegen.«
»Und was kam dabei heraus?«
»Nichts. Die Ärzte attestierten ihm die Gesundheit eines jungen Mannes. Nur sein Gedächtnis sei etwas schwach, aber das könne bei Männern um die vierzig schon mal vorkommen, sagten sie. Ich aber wusste es besser.« Sie schüttelte den Kopf. »Die Art seiner Vergesslichkeit, das war es, was mir Sorgen bereitete. Es waren ja nicht irgendwelche Kleinigkeiten, an die er sich nicht mehr erinnerte. Es waren Dinge, die eine große Bedeutung für ihn hatten. Weg, fort, verschwunden.« Sie schnippte mit dem Finger. »So, als hätte es sie nie gegeben. An andere Dinge erinnerte er sich dafür mit unglaublicher Klarheit. Zum Beispiel wusste er, wie viele Steinplatten auf dem Weg zu unserem Haus liegen und wie viele Seiten unsere Bibliothek umfasst. Überhaupt, Bücher …« Sie steckte das Taschentuch zurück. »Ganze Passagen konnte er mir aufsagen. Wörtlich zitiert und ohne den geringsten Fehler. Dafür wusste er nicht mehr, an welchem Tag sein Geburtstag ist.«
»Vielleicht ist es eine bestimmte Form der Demenz«, warf Charlotte ein. »Eine krankhafte Form der Vergesslichkeit.«
»Das war auch mein erster Gedanke, aber die Ärzte schlossen das kategorisch aus. Sie sagten, dafür sei sein Kurzzeitgedächtnis zu ausgeprägt.« Mit einem entschuldigenden Lächeln nippte sie an ihrem Wein. »Vielleicht verstehen Sie jetzt, warum ich mich an Sie gewendet habe.«
Charlotte konnte sehen, wie schwer es ihr fiel, darüber zu reden. Es war bewundernswert, wie sehr sie ihre Gefühle unter Kontrolle hielt.
»Wie können wir Ihnen helfen?«, fragte Humboldt.
Gertrud Bellheim stellte das Glas zurück und sah dem Forscher fest in die Augen. »Ich möchte Sie einladen, mich und meinen Mann am Silvesterabend zu besuchen. Ich habe einige Gäste eingeladen, hauptsächlich Bekannte aus Richards Jugend. Ich möchte ihm das Gefühl vermitteln, umgeben von alten Freunden zu sein. Vielleicht hilft das ja seinem Gedächtnis auf die Sprünge. Es würde mir viel bedeuten, wenn Sie und Ihre Begleiter kommen könnten. Nicht nur, weil Sie einer seiner ältesten Freunde sind, sondern vor allem, weil Sie den Ruf haben, unerklärlichen Phänomenen auf die Spur zu kommen.« Sie warf dem Forscher einen bedeutungsvollen Blick zu. »Ganz recht, ich habe Erkundigungen über Sie eingezogen. Sie scheinen genau der richtige Mann für eine solche Aufgabe zu sein. Selbstverständlich würde ich Ihnen dafür ein angemessenes Honorar zahlen. Was sagen Sie?«
Humboldt lehnte sich zurück, tief in Gedanken versunken. Als er wieder sprach, klang seine Stimme gedämpft. »Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Um ehrlich zu sein, mir ist nicht ganz wohl bei der Sache, immerhin ist Richard einer meiner ältesten Freunde. Ich habe das Gefühl, ich würde ihn hintergehen. Trotzdem nehme ich Ihre Einladung an. Was ich heute Abend erlebt habe, gibt mir Anlass zur Sorge. Vielleicht gelingt es mir ja tatsächlich, etwas herauszufinden.«
»Danke. Vielen Dank. Sie ahnen nicht, was mir das bedeutet.«
»Danken Sie mir nicht zu früh. Noch wissen wir nicht, womit wir es zu tun haben. Das Ergebnis ist vielleicht erschreckender, als wir beide uns das zu diesem Zeitpunkt vorstellen können. Darf ich Ihnen noch eine letzte Frage stellen?«
»Aber gewiss. Was wollen Sie wissen?«
»Welche Augenfarbe hat Ihr Mann?«
Frau Bellheim war einen Moment sprachlos, dann erschien ein amüsierter Zug um ihren Mund. »Braun. Ein warmes, leuchtendes Haselnussbraun.«
»Genau das hätte ich auch geantwortet. Ich erinnere mich sehr genau an seine Augenfarbe, ich habe lange genug ein Zimmer mit ihm geteilt.«
»Und?«
»Die Augen des Mannes da drin sind grün. Strahlend grün.«
7
Zur selben Zeit in New York …
Max Pepper warf einen besorgten Blick nach Norden. Die 5th Avenue in Richtung Central Park war ein einziges Chaos. Etwa hundert Meter vor ihnen war ein Brauereigespann gegen eine Schneeverwehung gefahren und umgekippt. Hunderte von Litern Bier hatten sich über den Schnee verteilt und die Straße in eine glatte und stinkende Eisbahn verwandelt. Kutschen, Fuhrwerke und Omnibusse standen kreuz und quer, während Fahrer, Passanten und Polizisten um die Wette stritten, wer schuld sei und wen man dafür zur Verantwortung ziehen könne. Als ob sich dadurch irgendetwas ändern würde. Nicht mal die dicke Schneedecke konnte den Lärm mindern, der von vorn zu ihnen herüberschallte.
Es ging weder vor noch zurück und Max hatte einen wichtigen Termin. Das Gebäude des Global Explorer an der Kreuzung zur 58th East war bereits in Sichtweite. Das Firmenlogo, ein gigantisches X mit dem Slogan »X-plore the world in one day« schimmerte im fahlen Licht der neu installierten elektrischen Glühlampen. Die zehn Flaggen, die eine Weltkugel umrahmten, hingen schlaff herunter.
Max blickte durch die beschlagenen Scheiben, dann traf er eine Entscheidung. Er verließ den Bus, sprang hinaus in die Kälte und machte sich zu Fuß auf den Weg. Die Straße war rutschig und seine glatten Ledersohlen nicht eben geeignet für einen solchen Untergrund. Trotzdem schaffte er es, die anderthalb Kilometer zum Verlagsgebäude zurückzulegen, ohne einmal hinzufallen. Nur auf der breiten Treppe, die zum Haupteingang emporführte, geriet er einmal ins Straucheln. Er konnte sich jedoch gerade noch rechtzeitig am Geländer festhalten und gelangte so unbeschadet ins Innere.
Die Redaktionsräume lagen im ersten Stock und Max war ganz schön aus der Puste, als er oben ankam. Wie durch ein Wunder standen die Türen zum Sitzungssaal offen. Sein Chef, Alfons T. Vanderbilt, hatte die Eigenart, sie nach einer festgesetzten Frist zu schließen, mochten die Redakteure nun anwesend sein oder nicht. Wer zu spät kam, musste draußen bleiben und durfte ein paar Tage später mit einer Abmahnung rechnen. Dreimaliges Zuspätkommen führte zur sofortigen Kündigung, mochte man auch noch so gute Gründe für die Verspätung haben.
Heute jedoch war das anders. Max bemerkte die gebeugte Gestalt von Vanderbilts Leibdiener Aloisius Winkelman, doch dieser machte keine Anstalten, die Tür zu schließen.
Das war seltsam.
Bekümmert dreinblickend stand der Kalfaktor neben dem Eingang und polierte die Klinken. Als Max an ihm vorbei in den Konferenzsaal ging, gab er ein enttäuschtes Hüsteln von sich, dann schloss er die Türen.
Es war siebzehn Minuten nach fünf.
Vanderbilt stand am Fenster und blickte hinaus auf das verschneite New York. Sein massiger Körper und sein kugelrunder, kahler Kopf erinnerten Max jedes Mal an ein riesiges Baby, das man in einen Anzug gestopft hatte, doch das war nur ein flüchtiger Eindruck. Man tat gut daran, den Firmengründer nicht zu unterschätzen. Er war bekannt für sein cholerisches Temperament. In dem Moment, als Max den Saal betrat, fuhr er herum und blickte ihn über den Rand seiner goldenen Nickelbrille hinweg an. »Da sind Sie ja endlich, Pepper«, sagte er und sein Doppelkinn schwabbelte vorwurfsvoll. »Sie sind spät dran.«
Max schlich an seinen Platz und stellte die Aktentasche ab. Die Schweinsäuglein verfolgten jede seiner Bewegungen.
»Was soll ich bloß mit Ihnen machen?«
Max überlegte kurz, ob er von dem Unfall erzählen sollte, schwieg dann aber. Ausreden zählten nicht. Um Vanderbilts wulstige Lippen spielte ein Lächeln. »Vielleicht haben Sie ja eine Idee, Mr Boswell.«
Max blickte überrascht nach links. Für einen Moment hatte er gedacht, er wäre der Einzige, doch jetzt erkannte er, dass das nicht stimmte. Ein Mann stand im Schatten eines langen Regals und war, wie es schien, in ein Buch vertieft. Auf Vanderbilts Ruf hin stellte er es zurück und kam auf sie zu.
Graues Haar, grauer Bart, eine abgewetzte Cordjacke und blaue Nietenhosen. In dem von vielen Lachfältchen zerfurchten Gesicht leuchteten ein Paar strahlend blaue Augen.
»Hallo, Max.«
Max hob überrascht die Brauen. »Harry?«
»Worauf du einen lassen kannst.« Der Mann trat auf ihn zu und umarmte ihn herzlich. Max fiel ein Stein vom Herzen. Harry Boswell war Fotograf und außerdem sein Freund. Einer der besten in seinem Job. Max war mit ihm bereits in Südamerika gewesen, hatte ihn aber seit einiger Zeit nicht gesehen. Ein Auftrag in Neufundland, wenn er richtig informiert war.
Boswell klopfte Max auf die Schulter. »Na, du altes Haus? Wie geht es dir? Immer noch treu sorgendes Familienoberhaupt?«
»Das wird immer so bleiben«, lachte Max. »Familienvater ist kein Job, den man so einfach an den Nagel hängen kann.«
»Deshalb habe ich mir nie Frau und Kinder angeschafft.«
»Du weißt nicht, was du verpasst. Ich dachte, du wärst noch im Norden. Wann bist du zurückgekommen?«
»Gestern Abend«, erwiderte Boswell. »Mit dem Postschiff. Eine ziemlich holprige Fahrt. Aber wenn unser Chef mich ruft, bin ich natürlich zur Stelle.«
Vanderbilt lächelte und streckte die Hand aus. »Nehmen Sie Platz.«
»Darf ich rauchen?«, fragte Boswell.
»Aber ja. Stecken Sie sich ruhig eine an.«
Max strich über seinen Schnurrbart. Er konnte sich nicht erinnern, seinen Chef jemals so aufgeräumt und umgänglich erlebt zu haben. Vanderbilt war sehr freundlich. Zu freundlich, um genau zu sein.
Argwöhnisch beobachtete Max, wie der Firmengründer ans Fenster trat und damit begann, die Vorhänge zuzuziehen. Als er fertig war, schritt er zum Kopfende des Tisches, wo ein großer Holzkasten stand. Er thronte auf einem dreibeinigen Stativ und hatte vorn einen Tubus, der wie ein Kanonenrohr aus dem Holzkasten lugte. In der Öffnung schimmerte eine gläserne Linse. Mit einem Mal schoss ein blendend helles Licht daraus hervor. An der Wand erschien das Abbild eines Mannes, das riesig und leuchtend über die Wand waberte. Boswell stieß einen überraschten Laut aus. Max rutschte unwillkürlich einen Meter zurück.
»Seien Sie nicht alarmiert, meine Herren.« Vanderbilt lächelte. Er schien mit dem Ergebnis seiner Demonstration durchaus zufrieden. »Das ist nur eine fotografische Projektion. Etwas ganz Neues auf dem Gebiet der Fotografie.«
Max hatte trotz Vanderbilts Erklärung den Eindruck, das Bild würde sich bewegen. Vielleicht lag es am Rauch, der von Boswells Zigarre aufstieg. Zu sehen war ein korpulenter Mann mit markanten breiten Wangenknochen und zusammengebundenen Haaren. Er trug eine Art Uniform, zu der lackierte Stiefel und ein wertvoll aussehender Degen gehörten.
»Das, meine Herren, ist Sir Jabez Wilson, ein guter Freund von mir. Das Bild wurde vor zwei Jahren gemacht, anlässlich seiner Erhebung in den Adelsstand. Vielleicht haben Sie schon von ihm gehört.«
Boswell zog an seiner Zigarre und stieß eine Qualmwolke in die Luft. »Wilson? Der Meteoritenjäger?«
»Ganz recht.« Vanderbilt ging nach vorn, wobei sein Körper einen riesigen Schatten an die Wand warf.
»Jabez ist eine bekannte Persönlichkeit drüben in England. Ein fabelhafter Kerl, der weiß, wie man die Presse zu behandeln hat. Ich helfe ihm gelegentlich, indem ich dafür sorge, dass sein Name regelmäßig in den Zeitungen auftaucht, er beliefert mich dafür mit guten Storys. Jabez ist ein Teufelskerl, er weiß, wie das Geschäft läuft.« Vanderbilt schnäuzte sich ausgiebig, dann steckte er das Taschentuch wieder ein.
»Vor zwei Tagen erhielt ich ein Telegramm von ihm. Er plant eine neue Expedition. Eine abenteuerliche und sehr gefährliche Unternehmung, wie er sagte. Er erzählte mir alles darüber und ich war sofort Feuer und Flamme. Und als er fragte, ob ich ihm dafür zwei gute Reporter empfehlen könne, dachte ich sofort an Sie beide.« Er lächelte verschwörerisch.
Max schluckte. Nicht schon wieder.
Was war nur an ihm, dass Vanderbilt ihn immer zu solchen Himmelfahrtsunternehmen abkommandierte? Sah er etwa aus wie ein Draufgänger? Er hatte einen guten Job, bezog ein regelmäßiges Einkommen und war sozial abgesichert. Nichts Aufregendes, aber manch einer beneidete ihn darum.
»Und wohin soll die Reise gehen?«, fragte er vorsichtig.
Vanderbilt lachte. »Pepper, Sie überraschen mich. Ich erinnere mich noch gut, was für eine Szene Sie mir letztes Mal gemacht haben, als ich Sie nach Südamerika geschickt habe. Heute schreien Sie nicht gleich Nein, sondern holen wenigstens vorher ein paar Erkundigungen ein. Aus Ihnen wird noch ein richtiger Abenteurer.« Er ging zurück zum Projektionsgerät und legte eine weitere Aufnahme ein. Diesmal erschien eine Landkarte. Eine Region irgendwo in Nordafrika. Vanderbilt schnappte seinen Zeigestock und umkreiste eine Region von mehreren Tausend Quadratkilometern. »Das ist die Sahel, eine der dürrsten Regionen der Erde«, sagte er. »Sie grenzt im Süden an die Sahara und erstreckt sich vom Atlantik bis zum Roten Meer. Nichts als Wüsten, Halbwüsten und Savannen. Hier im Westen liegt Französisch-Sudan. Jabez berichtete mir, dass er dort einem besonders spektakulären Fund nachgehen will. Ich möchte, dass Sie ihn begleiten und alles dokumentieren. Je spannender und dramatischer, umso besser.« Er deutete auf die beiden Reporter. »Sie, Harry, sind für die Fotos zuständig, und Sie, Max, sorgen für das Schriftliche. Ich wünsche Fotos, Zeichnungen, Erlebnisberichte, das komplette Programm.«
Boswell hob den Kopf. »Soll es ein Einzelartikel werden oder eine Reihe?«
»Viel besser: Es wird ein Buch.« Vanderbilt schaltete den Projektor ab und zog die Vorhänge zurück. »Jabez und ich haben schon vor langer Zeit davon gesprochen, ein solches Werk herauszugeben, uns hat nur das geeignete Sujet gefehlt. Diese Reise dürfte sehr aufregend werden und ist daher bestens dafür geeignet. Abgesehen davon, werden Sie alle an den Einkünften beteiligt.« Er warf den beiden einen vielsagenden Blick zu. »Was Ihre Sicherheit betrifft, so können Sie ganz unbesorgt sein. Sie sind in den besten Händen. Jabez reist immer mit einer bewaffneten Eskorte.«
Max schluckte. »Wann soll es losgehen?«
»Ich habe auf der Campania zwei Kabinen für Sie reservieren lassen. Die Überfahrt nach London startet morgen früh und dauert sechs Tage. Melden Sie sich bei Sir Wilsons Assistent in der Königlich Astronomischen Gesellschaft, alles Weitere erfahren Sie vor Ort.« Er schob ihnen zwei prall gefüllte Kuverts über den Tisch. »Tickets, Geld, Visa und Empfehlungsschreiben. Alles, was Sie brauchen. Verlieren Sie sie nicht.« Er stand auf und verabschiedete die beiden Männer mit einem warmen Händedruck. »Viel Glück, meine Herren, und kommen Sie mit einer guten Story zurück.«
8
Silvesterabend 1893 …
Oskar stand der Schweiß auf der Stirn. Wo waren die verdammten Schuhe? Auf Socken quer durchs Zimmer rutschend, spähte er unters Bett, in jede Ecke und jeden Winkel. Es war wie verhext. Heute Morgen waren sie doch noch da gewesen. Bestimmt hatte Lena sie irgendwohin verbummelt. Der Rotschopf liebte es, seine Sachen neu zu sortieren und sein Zimmer umzugestalten. Wie oft schon hatte er etwas gesucht und es dann an irgendeinem anderen Platz wiedergefunden. Normalerweise hatte sie einen guten Grund, aber heute konnte er darauf verzichten.
Noch einmal suchte er alles ab, dann hatte er die Nase voll. Er stürmte zur Tür und riss sie auf. »Lena?«
Als nichts geschah, brüllte er noch lauter: »Lena!«
Endlich hörte er Fußgetrappel auf den Stiegen. Lenas rote Zöpfe flatterten, als sie die Treppen emporeilte.
»Was tust du denn noch hier? Alle warten auf dich und die Pferde werden langsam unruhig.«
»Ich kann meine Schuhe nicht finden. Wo hast du sie wieder hingebummelt?«
»Von wegen hingebummelt. Ich habe sie dahin gestellt, wo sie hingehören. Zu deinen anderen Sachen.« Sie schnürte ins Zimmer und riss die Schranktüren auf.
Tatsächlich. Dort, im untersten Fach, standen sie.
»Bitte schön. Sauber und aufgeräumt, wie sich das gehört.«
Oskar wollte etwas sagen, doch ihm fiel nichts Passendes ein. Dass die Schuhe im Schrank standen, darauf hätte er nun wirklich selbst kommen können. Mürrisch schlüpfte er hinein und zog die Schnürsenkel fest.
»Oskar, wir wollen los!« Humboldts Stimme schallte vom Hof herauf.
»Lass dich mal ansehen.« Lena fing an, an ihm herumzuzupfen. Sie fegte Staubflusen von seiner Jacke, stellte den Hemdkragen ordentlich auf und zog seine Krawatte fest. »Bist du aufgeregt?«
»Bin ich nicht.« Oskar presste die Lippen aufeinander. Natürlich war er aufgeregt. Wer wäre das nicht?
»Macht nichts«, sagte Lena und gab ihm einen Klaps. »Wäre ich auch an deiner Stelle. Und jetzt ab mit dir.«
»Danke«, grummelte er, dann eilte er die Treppen runter.
»Da bist du ja endlich!«, rief Humboldt, als er unten eintraf. »Wir haben schon gedacht, wir müssten ohne dich losfahren.« Sein Vater trug einen langen schwarzen Mantel, eisenbeschlagene Stiefel und einen hohen Zylinder. In seiner Hand hielt er seinen schwarzen Gehstock mit dem goldenen Knauf. »Möchtest du zu den Damen oder kommst du zu mir auf den Kutschbock?«
Oskar warf einen sehnsüchtigen Blick ins warme Innere, dann schüttelte er den Kopf. »Vier Augen sehen mehr als zwei. Ich komme mit rauf.«
»Sehr schön.« Humboldt entzündete die Petroleumleuchten, stieg auf den Kutschbock und machte Platz für Oskar. Dann ließ er die Zügel schnalzen und lenkte die Kutsche in einem weiten Kreis in Richtung Ausfahrt. Als sie am Haus vorbeifuhren, sah Oskar seine Freunde, die ihre Nasen an die Scheiben pressten. »Stellt keinen Unsinn an und lasst niemanden hinein!«, rief Humboldt. »Ich verlasse mich auf euch. Wir sehen uns im neuen Jahr.« Die Pferde gingen in einen lockeren Trab über und klapperten fröhlich in Richtung Innenstadt.
Es war Viertel nach acht, als sie bei den Bellheims eintrafen.
Das dreistöckige Stadthaus an der Dorotheenstraße, unweit des Brandenburger Tors, war festlich beleuchtet. Das Tor zum Innenhof stand offen und Humboldt lenkte die Kutsche auf einen der freien Plätze. Der Großteil der Gäste schien bereits anwesend zu sein. Er sprang vom Fahrersitz und übergab die Zügel dem Stallburschen, dann half er den Damen beim Aussteigen. Oskar warf einen bewundernden Blick auf seine Cousine. Charlotte sah heute einfach hinreißend aus. In ihrem langen Mantel, der weißen Pelzmütze und den weichen Handschuhen wirkte sie wie eine Zarentochter. Wie eine Prinzessin aus einem russischen Märchen. Es fiel ihm schwer, sich vorzustellen, das dies dasselbe Mädchen sein sollte, das ihn in Stiefeln, Männerhosen und Trapperweste in die höchsten Berge und die tiefsten Meerestiefen begleitet hatte.
»Das ist aber wirklich ein schönes Haus«, sagte sie. »Ich wusste gar nicht, dass man als Geograf so viel Geld verdienen kann.«
Humboldt lachte. »Richard ist Mitglied der Deutschen Geografischen Gesellschaft, einer der angesehensten Vereinigungen weltweit. Um von ihr aufgenommen zu werden, muss man schon einiges geleistet haben. Er hat lange Zeit in Algerien, Tunesien und Libyen geforscht und mitgeholfen, antike Städte aus dem Wüstensand zu graben. Naturwissenschaften müssen nicht zwangsläufig eine brotlose Kunst sein.« Er stapfte durch den Schnee in Richtung Haupteingang und klopfte an. Oskar folgte ihm mit bangem Gefühl. Er war noch nie zu Gast bei irgendeiner größeren Gesellschaft gewesen. Charlotte hatte ihm gesagt, er solle sich eng an sie, Humboldt und Eliza halten, doch das war keine Garantie. Was, wenn ihn jemand nach seiner Herkunft fragte oder nach seiner Vergangenheit?
In diesem Moment ging die Tür auf. Ein älterer, steif wirkender Diener erschien und musterte die Neuankömmlinge mit unterkühltem Blick. Er trug einen eng anliegenden Frack mit langen Rockschößen, eine Hose mit Nadelstreifen sowie blank polierte Schuhe. Sein Kopf wurde von einem Kranz kurz geschnittener weißer Haare umrahmt. Auf seiner Oberlippe thronte ein schmales, wohlgetrimmtes Bärtchen.
»Wen darf ich melden?«, fragte er.
»Carl Friedrich von Humboldt, Eliza Molina, Charlotte Riethmüller und Oskar Wegener.«
Der Diener deutete eine Verbeugung an und trat einen Schritt zur Seite. »Bitte folgen Sie mir. Sie werden bereits erwartet.«
Der Geruch nach Tabak und alkoholischen Getränken durchwehte den Eingangsbereich. Von jenseits der Tür drangen vereinzelte Lacher zu ihnen herüber. Das Fest schien bereits in vollem Gange zu sein.
Oskar blickte sich um.
Der Raum war mit Sammlerstücken ferner Länder dekoriert. Masken, Totems, Schilde und Waffen, alles wunderschön gearbeitet. Die meisten von ihnen bestanden aus Holz und waren mit kleinen Muscheln oder Steinen verziert. In einer Ecke des Raumes stand eine Skulptur, die aus einem einzigen Baumstamm geschnitzt war. Hunderte ineinander verwobener Menschenkörper krabbelten über- und untereinander und hielten Schalen und Körbe in ihren winzigen Händen. Oskar verschlug es die Sprache. So etwas hatte er noch nie gesehen.
Der Diener bat sie, ihre Jacken und Mäntel abzulegen, dann führte er sie in den Salon.
»Meine sehr verehrten Damen und Herren, Carl Friedrich von Humboldt nebst Begleitung.«
Etwa dreißig Personen waren anwesend, Männer und Frauen unterschiedlichsten Alters. Oskar sah Rüschenkleider, Westen, hochgestellte Krägen, Nickelbrillen, Fächer und Manschetten. Eine Gruppe von Männern hatte sich in einem Nebenzimmer versammelt, wo Branntwein und Zigarren gereicht wurden.
Nach und nach erstarben die Gespräche. Alle Augen waren auf die Neuankömmlinge gerichtet. Eine peinliche Stille trat ein. Oskar konnte das Gas der Lampen zischen hören.
In diesem Moment ging rechts von ihnen eine Tür auf. Eine schöne und wohlgekleidete Dame betrat den Raum. »Was herrscht denn hier für eine Grabesstille?« Als sie die Neuankömmlinge bemerkte, ging ein Strahlen über ihr Gesicht.
»Herr Humboldt! Ich habe Sie gar nicht kommen hören.«
Der Forscher deutete eine Verbeugung an. Frau Bellheim eilte herbei und schüttelte ihnen die Hand. »Wie schön, Sie wiederzusehen. Und Sie natürlich auch, Fräulein Charlotte. Ich habe mich so darauf gefreut, unsere kleine Unterhaltung von neulich fortzusetzen.« Dann ging sie zu Eliza. »Sie müssen Frau Molina sein. Herr Humboldt hat mir schon von Ihnen erzählt. Welch außergewöhnliches Vergnügen, Sie kennenzulernen. Treten Sie doch näher.«
»Bitte nennen Sie mich Eliza. Ich bin es nicht gewohnt, dass man mich mit Nachnahmen anspricht. Ich komme mir dabei immer so alt vor.«
»Ganz reizend. Aber nur, wenn Sie mich Gertrud nennen.«
»Einverstanden.« Die beiden Frauen lachten.
Das Eintreffen der Hausherrin wirkte wie eine frische Brise.
Dann richtete Frau Bellheim ihre Augen auf ihn. »Herzlich willkommen, junger Mann. Sie müssen Herr Wegener sein.«
Oskar, der nicht genau wusste, wie er sich zu verhalten hatte, ergriff ihre Hand, verbeugte sich und deutete einen Kuss an.
»Oh, wie galant«, sagte Frau Bellheim lachend. »Was für einen gut aussehenden Sohn Sie haben, Herr Humboldt. Meinen Glückwunsch.« Sie zwinkerte dem Forscher zu. »So, nun müssen Sie aber unbedingt mit mir anstoßen. Jetzt, wo die Gesellschaft vollständig ist, gibt es keinen Grund, noch länger auf dem Trockenen zu sitzen. Berthold, haben alle Gäste etwas zu trinken? Schön. Dann wollen wir unser Glas erheben. Ich möchte Sie bitten, auf meinen Mann anzustoßen, der nach langer und beschwerlicher Reise endlich wieder zu mir zurückgekehrt ist.« Sie deutete auf einen Mann, der in einem Lehnstuhl ganz nah am flackernden Kaminfeuer saß. Er war groß, mager und ernst. Ein paar Leute standen um ihn herum und versuchten, eine Unterhaltung mit ihm zu führen. Doch der Mann schien irgendwie nicht bei der Sache zu sein. Fahrig wanderten seine Augen umher, als wären sie auf der Suche nach irgendetwas. Außerdem schien es, dass er trotz der enormen Temperaturen, die dort herrschten, fror. Er war blass und zitterte leicht. Oskar ließ sich von dem Diener zwei Gläser einschenken und ging damit zu Charlotte hinüber. »Ich habe einen Fruchtsaft für dich. Möchtest du?«
Seine Cousine schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln. »Oh, wie galant«, sagte sie, den Tonfall von Frau Bellheim imitierend. Sie nahm das Glas. »Und so gut aussehend.«
»Lass doch den Unsinn.« Oskar spürte, dass ihm das Blut ins Gesicht schoss. »Du weißt genau, dass das nicht stimmt.«
»Sei doch nicht so empfindlich.« Sie lächelte. »Ich habe das durchaus ernst gemeint. Ich finde, du machst wirklich eine gute Figur.«
Oskar nippte an seinem Saft und ließ seinen Blick schweifen. Als er bei Bellheim ankam, hielt er inne. Irgendetwas war seltsam an dem Mann. Ehe er noch dahinterkam, was es war, trat Charlotte an ihn heran und flüsterte: »Eigenartig, nicht wahr? Sieh nur, wie alle Gäste sich um ihn bemühen. Dabei macht er nicht den Eindruck, als würde er einen von ihnen kennen.«
»Hat Humboldt nicht gesagt, heute seien nur die engsten Freunde geladen?«
»Doch, und das macht die Sache noch merkwürdiger. Du hättest es erleben sollen. Er hat Humboldt behandelt wie einen Fremden.«
»Vielleicht ist er nur erschöpft von seiner langen Reise. Ich erinnere mich, dass es mir genauso ging, als wir von unserer letzten Reise zurückkamen.«
Charlotte schüttelte den Kopf. »Glaube ich nicht. Er ist schließlich schon wieder eine ganze Weile hier. Ich tippe auf ein seelisches Problem.«
»Und was genau?«
Sie zuckte die Schultern. »Keine Ahnung. Aber was es auch ist, an Frau Bellheims Stelle würde ich mir ziemliche Sorgen machen. Apropos: Hast du eine Ahnung, ob sich bei Menschen manchmal die Augenfarbe ändert? Also ich meine bei erwachsenen Menschen. Bei Säuglingen ist ja bekannt, dass ihre Augen anfangs alle hellblau sind.«
Oskar runzelte die Stirn. »Was für eine seltsame Frage. Und wie kommst du darauf, dass gerade ich so etwas weiß?«
Charlotte nahm einen Schluck aus ihrem Glas, dann schüttelte sie den Kopf. »Du bist doch viel rumgekommen und hast sicher einige seltsame Dinge erlebt«
»Aber so etwas noch nie. Klingt irgendwie gruselig.«
Charlotte nickte. Sie schien noch etwas sagen zu wollen, aber in diesem Augenblick erschien die Köchin, in ihrer Hand ein Glöckchen. Ein zartes Klingeln ertönte.
»Meine Damen und Herren, wenn ich Sie ins Esszimmer bitten dürfte. Es ist angerichtet.«
9
Die Tafel war festlich eingedeckt. Wertvolles Porzellan, Silberbesteck und kristallene Gläser schimmerten im Licht unzähliger Kerzenständer. Die Stoffservietten waren zu kleinen Tieren gefaltet. Jeder Platz war mit einer Tischkarte dekoriert worden, auf der ein Name stand.
Mit besorgtem Blick stellte Oskar fest, dass er zwischen zwei Leute saß, die er nicht kannte. Den anderen erging es nicht besser. Sie alle waren zwischen den anderen Gästen verteilt worden und saßen obendrein ein ganzes Stück von ihm entfernt. Vermutlich, damit man sich schneller kennenlernte. Ehe er protestieren konnte, erhob Frau Bellheim ihr Glas.
»Meine lieben Freunde, verehrte Gäste. Ich möchte Sie ganz herzlich zu unserem Silvesterempfang begrüßen. Danke, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind und den Jahreswechsel mit mir und meinem Mann verbringen. Bitte wundern Sie sich nicht, dass ich alle ein wenig auseinandergesetzt habe, das geschah mit voller Absicht. Ich würde mir wünschen, dass wir alle miteinander bekannt werden und als gute Freunde ins neue Jahr gehen. Herzlich willkommen in unserem Hause!«
Alle hoben ihre Gläser und prosteten einander zu.
Richard Bellheim saß am Kopfende des Tisches, direkt neben seiner Frau. Er machte den Eindruck, als wisse er überhaupt nicht, wo er war. Als seine Frau ihm etwas ins Ohr flüsterte, stand er steif und langsam auf und blickte in die Runde.
»Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Gertrud.« Seine Stimme klang dünn und kraftlos. »Ich bin gerührt über die Ehre, bei diesem Tisch den Vorsitz führen zu dürfen, auch wenn ich diese Aufgabe nur eingeschränkt erfüllen kann.« Er zögerte. »Manch einem mag aufgefallen sein, dass ich mich in letzter Zeit etwas verändert habe. Nicht zum Guten, wie ich leider zugeben muss. Meine Ärzte meinen, es wäre nur ein vorübergehender Erschöpfungszustand und dass ich mir keine Sorgen machen solle. Ich hoffe, sie haben recht. Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass mir die Situation sehr unangenehm ist. Ich bitte um Nachsicht, wenn ich bei dem einen oder anderen der hier Anwesenden Erinnerungsprobleme habe. Ich möchte mich aber jetzt schon ganz herzlich bedanken, dass Sie einem zerstreuten Professor Gesellschaft leisten wollen.«
Die Gäste hoben die Gläser und prosteten dem Völkerkundler zu. »Hört, hört!«
Oskar blickte in Humboldts Richtung. Der Forscher beobachtete Bellheim mit kritischem Blick. Mochte der Himmel wissen, was gerade in seinem Kopf vorging. Dann folgte das Festmahl, das Oskars volle Aufmerksamkeit beanspruchte. Als Vorspeise gab es Wachtelbrüstchen in Portsoße, anschließend folgte der traditionelle Silvesterkarpfen und zum Nachtisch gab es Burgunderpflaumen mit Vanilleeis. Dazwischen wurden verschiedene Weine gereicht und wer wollte, bekam ein Bier. Die Unterhaltung verlief angenehm und entspannt. Es wurde gegessen, geplaudert und angestoßen, und eine Weile ging alles gut. Doch es kam der Moment, vor dem Humboldt sie vor ihrer Abfahrt gewarnt hatte. Er trat in Form eines dicklichen Mannes mit Backenbart in Erscheinung, dessen Glatze im Schein der Kerzen rosa glänzte. Er hatte schon eine ganze Weile dem Wein zugesprochen und befand sich in einem Zustand, den man nur als schwer alkoholisiert bezeichnen konnte. Oskar kannte die Symptome: glänzende Augen, gerötete Wangen, großporige Nase, feuchte Unterlippe. Der Mann war gerade bei seinem sechsten oder siebten Glas angelangt, als er sich über den Tisch beugte und weithin hörbar sagte: »Ich hörte, Sie sind jetzt in der Dienstleistungsbranche, Herr Donhauser?« Schon wie er den Namen aussprach, zeugte von tiefer Geringschätzung.
An den Plätzen wurde es schlagartig ruhig. Wie es schien, hatten alle auf diesen Augenblick gewartet.
Humboldt unterbrach das Gespräch mit seiner Tischnachbarin und drehte den Kopf. Um seinen Mund spielte ein dünnes Haifischlächeln. »Ich fürchte, da sind Sie falsch informiert, Dekan Wallenberg.«
»So?«
»Ganz recht. Mein Name ist von Humboldt. Schon seit einer ganzen Weile. Alexander war mein Vater, aber vielleicht haben Sie das nicht mitbekommen. Die mathematische Fakultät war schon immer ein wenig langsam.«
Vereinzelt erklang Gelächter.
Wallenbergs gerötete Wangen wurden eine Spur dunkler.
»Ich habe so etwas läuten hören«, erwiderte er mit Blick auf seine perfekt manikürten Hände. »Ich konnte nur nicht glauben, dass der alte Knabe mit achtzig noch ein gesundes Kind gezeugt haben soll.« Er kippte den letzten Rest Wein in seinen Schlund und ließ sich nachschenken. »Aber Alexander von Humboldt war eben ein großer Mann.«
Oskar hielt den Atem an. Wallenberg schien nicht zu wissen, in welcher Gefahr er sich befand.
Doch Humboldt blieb erstaunlich ruhig. Immer noch lächelnd sagte er: »Das war er in der Tat. Gegen ihn sind wir nur Eintagsfliegen. Und was Ihre Frage betrifft: Ja, ich biete meine Dienstleistungen Firmen oder Privatpersonen an, wenn diese ein ungewöhnliches Problem haben. Zwei Fälle konnten wir schon zur vollen Zufriedenheit aller Beteiligten lösen. Jetzt arbeiten wir wieder an einem neuen Fall. Wenn Sie ein Problem haben, ich stehe Ihnen gern zu Diensten.«
»Nein, nein. Vielen Dank.« Wallenberg winkte ab. Sein Backenbart war gesträubt und beim Sprechen flogen kleine Speicheltropfen durch die Luft. »So weit kommt’s noch, dass ich meine Aufgaben von einer Gruppe Schausteller erledigen lasse. Ich finde es schon unerhört, dass uns zugemutet wird, am selben Tisch mit einer dunkelhäutigen …«
Weiter kam er nicht. Er hatte sich halb aus seinem Sitz erhoben, als er unvermutet abbrach und mit großen Augen in die Runde starrte. Er sah aus, als hätte er eine Gräte verschluckt.
»Herr Dekan?« Gertrud Bellheim blickte besorgt auf ihren Gast. »Geht es Ihnen nicht gut?«
»Ich …« Wallenberg sank zurück. Er schien mitten im Satz vergessen zu haben, was er eigentlich sagen wollte.
Oskar warf einen verborgenen Blick zu Eliza hinüber. Die Haitianerin hielt Wallenberg mit ihren geheimnisvollen dunklen Augen gefangen. Oskar sah, dass sie stumme Worte murmelte und dabei ganz unauffällig mit der Hand über ihr Amulett strich.
Wallenberg setzte noch einmal an, doch dann schüttelte er verwirrt den Kopf. »Tja, es scheint, ich habe vergessen, was ich eigentlich sagen wollte.«
»Sicher zu viel Wein«, sagte Humboldt. »Das ist gar nicht gut bei Ihrem hohen Blutdruck.«
»Ja, vermutlich haben Sie recht.« Wallenberg ließ sich ein Glas Wasser einschenken und trank es gierig aus. »Schon viel besser«, sagte er. »Vielen Dank. Und falls ich eben irgendwie ausfallend geworden bin, so bitte ich das zu entschuldigen. Was ich eigentlich sagen wollte, war, dass ich Ihnen viel Glück bei Ihren Unternehmungen wünsche und dass Sie bald wieder in die Dienste unserer Universität treten mögen.«
»Diesem Wunsch schließe ich mich von Herzen an«, sagte Frau Bellheim, sichtlich überrascht, dass das Gespräch eine so unerwartete Wendung genommen hatte. Wie alle am Tisch schien sie damit gerechnet zu haben, dass es gleich zu einer unangenehmen Auseinandersetzung kommen würde. »Mit Ihrer Erlaubnis würde ich die Tafel gern auflösen und Sie zu einem kleinen Punsch in den Salon bitten. Dort erwarten Sie Musik und Tanz.« Sie stand auf und klatschte in die Hände. Im Nu eilte das Dienstpersonal herbei, half den Gästen beim Aufstehen. Nicht wenige hatten schon sichtbare Schlagseite.
Als alle drüben waren, fragte Oskar: »War das eben dein Werk, Eliza?«
»Was meinst du?«
Er deutete auf den dicken Mann mit dem Backenbart, der sich bereits wieder eifrig Punsch einschenken ließ.
»Ach das.« Sie lächelte bescheiden. »Ein klein wenig Magie aus meiner Heimat.«
»Das hast du sehr gut gemacht«, flüsterte Humboldt. »Wer weiß, was geschehen wäre, wenn dieser Idiot weitergeredet hätte. Danke.« Er drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf das pechschwarze Haar. »Wie sieht’s aus? Möchtest du tanzen?«
»Ich dachte, du fragst nie.« Sie streckte ihm ihre Hand hin und gemeinsam gingen sie zu den Klängen eines Walzers in das angrenzende Zimmer hinüber.
10
Es war kurz vor halb zwölf, als Oskar völlig erschöpft nach einer kleinen Pause verlangte. Er hätte es nie für möglich gehalten, dass Tanzen ihm so viel Spaß machen würde. Er war wahrhaftig kein geübter Tänzer, aber Charlotte war nachsichtig und beklagte sich nicht, wenn er ihr mal auf den Fuß trat oder aus dem Takt kam. Außerdem war er glücklich, dass sie ihm den kleinen Zwischenfall neulich im Treppenhaus nicht übel nahm. Zwischen ihnen war alles wie zuvor, außer dass er immer noch nicht erfahren hatte, was Charlotte mit all den Dokumenten vorhatte. Doch darüber wollte er sich heute Abend nicht den Kopf zerbrechen. Er war außer Atem und sein Herz schlug wild.
»Na, ihr beide scheint euch ja prächtig zu amüsieren.« Eliza lächelte. »Passt nur auf, dass euch nicht schwindelig wird.« »Charlotte scheint überhaupt nicht müde zu werden«, keuchte Oskar. »Ich habe mich eigentlich immer für gut trainiert gehalten, aber mit ihr kann ich nicht mithalten.« Er blickte zu seiner Cousine hinüber, die gerade mit einem älteren Herrn eine Mazurka tanzte.
»Ja, sie ist tatsächlich sehr sportlich.« Der Forscher gab ein verlegenes Räuspern von sich. »Darf ich trotzdem deine Gedanken auf unseren Auftrag lenken?«
»Mmh?« Oskar fiel es schwer, sich von dem Anblick loszureißen.
»Es geht um etwas, das Frau Bellheim mir während des Vortrags ihres Mannes erzählt hat.«
Oskar hörte nur mit halbem Ohr hin, aber er sah ein, dass er den Forscher nicht länger ignorieren konnte.
»Und um was ging es?«
»Sie erwähnte ein Tagebuch, das ihr Mann angeblich in Afrika dabeihatte. Sie erwähnte zwei Begriffe. Der eine lautete Dogon und der andere Meteorit.«
Oskars Interesse war plötzlich erwacht. »Ein Meteorit? Ein Gesteinsbrocken aus dem Weltall?«
»Ganz recht.« Humboldt blickte zu allen Seiten, um sicherzugehen, dass sie nicht belauscht wurden. »Es gibt da etwas, das ich dir zeigen möchte. Komm mit.«
Oskar folgte Humboldt und Eliza ins Nebenzimmer.
»Hier herüber.« Humboldt winkte ihn zu einer großen Vitrine mit aufwendigen Bleiglaselementen. Das Stück sah ungeheuer alt und wertvoll aus.
»Was ist damit?«, wollte Oskar wissen.
»Schau dir das mal genau an. Fällt dir irgendetwas daran auf?«
Oskar trat näher. Auf den ersten Blick wirkte die Vitrine makellos und erlesen, doch beim genaueren Hinsehen stellte sich heraus, dass etliche der Scheiben gesprungen oder zersplittert waren. Viele der gläsernen Einlegearbeiten fehlten oder waren zerstört. Eine Stelle war besonders seltsam. In einer der Scheiben klaffte mittendrin ein rundes Loch. Die Ränder sahen irgendwie geschmolzen aus. Als er den Forscher fragend ansah, nickte dieser.
»Seltsam, nicht wahr? Wie reingeätzt.«
»Was kann das sein?«
»Keine Ahnung. Alles, was ich weiß, ist, dass diese Löcher in Glasscheiben überall im Haus zu finden sind. Sie befinden sich an Stellen, die schlecht zugänglich und wo sie nicht gleich zu erkennen sind. Frau Bellheim wies mich darauf hin, konnte aber selbst keine Erklärung dafür finden.«
»Und was denken Sie?«
»Ich weiß es nicht. Ich bin noch in der Phase, in der ich Informationen sammle. Tatsache ist, dass diese Schäden erst entstanden sind, nachdem Richard Bellheim von seiner Reise zurückkehrte.« Der Forscher verschränkte seine Arme vor der Brust. »Wie du weißt, habe ich von Frau Bellheim den Auftrag erhalten, Nachforschungen über ihren Mann anzustellen.«
»Charlotte hat es mir erzählt.«
»Gut. Dann kannst du dir vorstellen, wie wichtig es für mich wäre, dieses Tagebuch in die Finger zu bekommen. Ich bin sicher, es stehen Sachen darin, die für unseren Fall von großem Interesse sind. Ich habe Frau Bellheim bereits gebeten, mich einen Blick hineinwerfen zu lassen, doch sie hat strikt abgelehnt. Sie möchte nicht, dass irgendwelche privaten Details ans Tageslicht kommen. Wenn ihr mich fragt, ich glaube, sie fürchtet sich vor der Wahrheit.«
»Und wie kann ich dabei helfen?« Oskar sah in die eisblauen Augen des Forschers. »Moment mal … Sie wollen, dass ich es stehle?«
»Ich möchte, dass du es ausleihst.« Humboldt lächelte verlegen. »Ich kann es dir nur schwer erklären, aber ich habe ein ganz merkwürdiges Gefühl bei dem Mann. Mein Instinkt sagt mir, dass etwas in Afrika vorgefallen ist. Etwas, von dem wir nicht wissen sollen, was es ist. Bellheim gibt sich größte Mühe, jeden Verdacht bezüglich seiner Person zu zerstreuen. Je mehr er das tut, desto misstrauischer werde ich. Du hättest ihn früher erleben sollen. Er war ein waghalsiger junger Mann, voller unbändiger Energie und Ehrgeiz. Er wusste immer genau, was er wollte und wie er es bekam. Und er hatte Charme. Die Frauen lagen ihm zu Füßen. Dieser Mann dort drüben ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Jemand, der so tut, als wäre er jemand anders.«
Oskar war weit davon entfernt zu verstehen, auf was sein Vater da anspielte, aber er wusste, was von ihm erwartet wurde.
»Na gut«, seufzte er. »Das Tagebuch. Wo soll ich suchen und vor allem wann?«
Humboldt blickte zur Standuhr auf der anderen Seite des Raums. »Es ist jetzt halb zwölf. In einer guten Viertelstunde wird die Kapelle aufhören zu spielen und alle werden nach draußen auf die Straße gehen. Selbst das Dienstpersonal wird das Haus verlassen, um das Feuerwerk zu betrachten. Eine halbe Stunde lang wirst du völlig ungestört sein. Am besten, du durchstöberst zuerst das Schlafzimmer. Dort werden normalerweise die persönlichsten Gegenstände aufbewahrt. Versuch es mit den Nachttischchen und arbeite dich dann durch Vitrinen und Sekretäre. Halte nach einem Buch Ausschau, das alt und abgewetzt wirkt. Wenn es zwei Jahre in Afrika war, dürfte es ziemlich ramponiert sein.«
»Und wenn ich es habe?«
»Mich interessieren nur die letzten Einträge. Sieh nach, ob du irgendetwas zum Thema Meteoriten findest. Nimm dir am besten etwas zu schreiben mit und mach dir Notizen. Hier sind ein Stift und ein Blatt Papier.« Er zog beides aus seiner Weste.
»Was, wenn ich es nicht finde oder erwischt werde?«
»Lass dir etwas einfallen. Du bist doch ein geschickter Dieb. Und jetzt los. Ich werde mir eine passende Entschuldigung für dich einfallen lassen.«
11
Als Oskar den Treppenaufgang betrat, waren draußen bereits die ersten Knallfrösche zu hören. Genau wie von Humboldt vorausgesagt, hatte die Gesellschaft das Haus verlassen und bereitete sich auf den Jahreswechsel vor. Selbst die Mädchen und Hausangestellten waren ins Freie geeilt, um das neue Jahr zusammen mit den Gästen zu begrüßen.
Oskar hatte sich unauffällig hinter einer Standuhr verborgen und eilte nun die Treppe hinauf. Leise wie eine Katze schlich er nach oben. Nicht das geringste Knarren war zu hören.
Oben angekommen sondierte er erst mal die Lage. Vor ihm lag ein Flur, von dem sechs Zimmer abgingen. Er war von gedämpftem Gaslicht erleuchtet und wirkte verlassen. Oskar blieb einen Moment stehen und lauschte angestrengt.
Nein, niemand hier.
Kurz entschlossen wählte er die erste Tür auf der linken Seite und drückte die Klinke. Das Zimmer dahinter lag im Dunkeln. Durch die Fensterscheiben waren bereits die ersten Raketen zu sehen. Die Dächer der gegenüberliegenden Häuser hoben sich scherenschnittartig gegen den Nachthimmel ab. In den Fenstern brannte Licht. Menschen bewegten sich dahinter oder standen an den Balkonen. Oskar ließ seinen Blick durchs Zimmer schweifen. Ein Ankleidezimmer. Ein riesiger Wandschrank, ein Spiegel sowie zwei gepolsterte Stühle nebst Schminktischchen. Nichts, worin man persönliche Unterlagen aufbewahren konnte. Falsches Zimmer. Er wandte sich der nächsten Tür zu. Hier war das Bad. Groß, luxuriös und sauber. Das nächste Zimmer sah interessanter aus. Offensichtlich das Schlafzimmer der Bellheims. Hier gab es definitiv ein paar Möbelstücke, in denen man persönliche Dinge aufbewahren konnte. Oskar schlüpfte hinein und zog die Tür hinter sich zu. Er musste jetzt sehr vorsichtig sein. Wenn er die Leute auf der anderen Seite sehen konnte, so konnten sie ihn auch sehen. Nichts wäre schlimmer, als an einem solchen Abend erwischt zu werden. Mit einem kurzen Blick auf die Häuser der anderen Straßenseite vergewisserte er sich, dass niemand Verdacht geschöpft hatte. Dann begann er, systematisch die Schränke und Nachttische zu durchsuchen.
* * *
»Wo steckt eigentlich Oskar? Es ist gleich Mitternacht.« Charlotte hielt ihre Tasse mit heißem Punsch umklammert und blickte ungeduldig in Richtung Haus. »Wenn er sich nicht beeilt, verpasst er das ganze Spektakel.«
»Ich glaube, dem Jungen war etwas schwindelig nach den vielen Runden, die du auf dem Parkett mit ihm gedreht hast«, sagte Humboldt. »Lass ihm ein paar Minuten Zeit.«
»Soll ich mal nach ihm sehen?«
»Er kommt schon klar.«
Charlotte warf einen Blick in Richtung Kirchturmuhr. Noch etwa zwei Minuten. Wenn er nicht bald kam, würde der große Moment ohne ihn verstreichen. Und dabei hatte sie sich so darauf gefreut, mit ihm anzustoßen. Ob er es wohl wagen würde, ihr einen Kuss zu geben …?
Sie bemerkte, dass der Forscher sie aufmerksam beobachtete. In seinen Augen lag etwas, das sie innehalten ließ. »Ist irgendwas?«, fragte sie mit klopfendem Herzen.
»Du magst Oskar sehr, habe ich recht?«
Charlotte spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. »Natürlich«, entgegnete sie. »Er ist mein Cousin.«
»Ganz genau.« Mehr sagte er nicht. Nur diese zwei Worte.
Charlotte wich seinem Blick aus. Worauf wollte er hinaus? Glaubte er etwa, dass sie etwas für Oskar empfand? Unmöglich, sie wusste es doch selbst nicht genau.
Sie wollte noch etwas erwidern, doch in diesem Augenblick fingen alle an zu zählen.
»Fünf … vier … drei … zwei … eins …«
* * *
Bunte Raketen brachten den Himmel über Berlin zum Leuchten. Funkenkaskaden überzogen den Himmel, gefolgt von ohrenbetäubenden Kanonenschlägen. Es prasselte und knatterte, dann stiegen weitere Raketen in den Himmel. Über das Knallen hinweg setzten das Läuten der Glocken ein. Hochrufe und Gelächter vermischten sich mit dem Knistern und Dröhnen von Schwärmern und Böllern.
Es war Neujahr.
Oskar presste die Lippen aufeinander. Er hatte das ganze Zimmer abgesucht. Jeden Winkel, jedes Fach, jede Schublade. Wieder kein Glück gehabt. Dabei war Humboldt so sicher gewesen, dass das Tagebuch im Schlafzimmer sei. Doch hier war nichts. Eine ganze Viertelstunde hatte er verplempert und war immer noch keinen Schritt weiter.
Die Zeit wurde knapp.
Er verließ das Schlafzimmer und eilte nach links. Das nächste Zimmer schien eine Art Studierstube zu sein. Bücherregale, ein Schreibtisch, einige Stühle und ein Sekretär. Darauf Tintenfässer, Schreibwerkzeuge sowie ein Stapel unbeschriebenes Papier.
Mit aufkeimender Hoffnung näherte sich Oskar dem Sekretär.
Die Schublade war abgeschlossen.
Oskar wühlte in seiner Hosentasche. Seine Finger ertasteten ein gebogenes Metallstück. Er zog es heraus und hielt es in die Höhe. Ein schmales Grinsen umspielte seinen Mund. Alte Gewohnheiten legte man nicht so einfach ab. In den Zeiten, als er sein Brot mit Taschendiebstählen und kleinen Raubzügen bestritten hatte, war ihm dieses Metallstück stets ein treuer Begleiter gewesen.
Er steckte den Dietrich ins Schloss und drehte ihn sanft nach rechts. Er spürte einen Widerstand. Jetzt war Vorsicht geboten. Eine unachtsame Bewegung und der dünne Stift würde abbrechen. Zum Glück waren die Metallteile gut geölt. Er ertastete den Widerstandspunkt, winkelte den Dietrich leicht an, sodass er ihn als Hebel verwenden konnte, und drückte den Stift nach unten. Ein befriedigendes Klicken war zu hören. Rasch zog er ihn wieder heraus, steckte ihn ein und öffnete die Schublade. Im Licht der Feuerwerkskaskaden sah er den Inhalt. Briefpapier, Siegelwachs, allerlei Stifte und – ihm stockte der Atem – ein fleckiges, abgewetzt wirkendes Notizbuch. Auf dem dunklen Holzboden der Schublade glitzerten Sandkörner.
Er wollte schon zugreifen, als er in der Fensterscheibe eine Bewegung bemerkte. Irgendjemand kam hinter ihm den hell erleuchteten Flur entlang. Rasch löste er die Finger vom Tagebuch und stieß die Schublade zu. Oskar hielt den Atem an und tat so, als würde er aus dem Fenster blicken. In der gläsernen Reflektion sah er, dass der Fremde im Türrahmen hinter ihm stehen geblieben war.
»Hallo, mein Junge.«
Es war der Hausherr.
Himmel!
Oskar drehte sich um. »Oh, hallo, Herr Bellheim.« Seine Stimme zitterte. Er konnte es nicht verhindern.
»Was machst du hier?«
»Ich hab mich verlaufen«, log Oskar. »Die untere Toilette war besetzt, da hab ich gedacht, ich schau mal im ersten Stock nach. Na ja, und dann fing das Feuerwerk an. Ist das nicht eine herrliche Aussicht?« Er wusste selbst, wie unglaubwürdig das klang, aber das war das Einzige, was ihm in so kurzer Zeit einfiel.
Der Völkerkundler schloss die Tür hinter ihnen, dann kam er langsam näher. Oskar hörte sein Blut in den Ohren pochen.
Bellheims Blick wanderte von Oskar zum Sekretär. Als er seine Hand ausstreckte und mit den Fingern über das Schloss tastete, verließ Oskar der Mut. Er hatte etwas bemerkt. Er musste etwas bemerkt haben.
»Hat dir der Abend gefallen?«
»Was …? Oh ja. Sehr.«
»Deine Cousine ist ein zauberhaftes Mädchen. Ich bin sicher, sie vermisst dich. Du solltest zu ihr gehen.«
»Ja, Sie haben sicher recht.« Oskar schluckte. Dieses Gespräch war irgendwie eigenartig.
»Dann beeil dich. Und gutes neues Jahr, mein Junge.«
»Das wünsche ich Ihnen auch. Von ganzem Herzen. Ihnen und Ihrer Frau.«
Bellheim nickte und wandte sich dann wieder dem Fenster zu.
Das war’s. Keine Beschuldigung, kein Vorwurf. Oskar trat einen Schritt zurück. »Und bitte entschuldigen Sie, dass ich einfach unerlaubt Ihr Arbeitszimmer betreten habe.«
»Macht doch nichts, mein Junge. Jetzt geh und richte den anderen einen schönen Gruß aus. Ich werde oben bleiben und mir von hier aus alles ansehen. Ist gemütlicher.« Er lächelte.
Oskar spürte, wie die Last von seinen Schultern fiel. Sein Einbruchsversuch war offenbar unbemerkt geblieben.
»Gern«, sagte er in leichtem Plauderton. »Oh, und alles Gute für Ihre Vortragsreise. Ich bin schon gespannt zu erfahren, was es mit dem Meteoriten auf sich hat.«
Er biss sich auf die Lippen. Eigentlich durfte er das gar nicht wissen. Die Worte waren aus seinem Mund geschlüpft. Einfach so.
Der Völkerkundler drehte sich um. Langsam. Als befände er sich in einem Glas mit Honig. In seinen Augen lag ein grünlicher Schimmer.
»Sagtest du gerade Meteorit, mein Junge?«
12
Charlotte konnte ihre Enttäuschung nicht länger verbergen. Oskar war nicht gekommen. Der magische Moment war vergangen und er hatte sie einfach allein stehen lassen. Und dann noch dieser Kommentar ihres Onkels. Hegte er allen Ernstes den Verdacht, sie habe sich in Oskar verliebt?
Lächerlich.
In ihr tobte eine Mischung aus Enttäuschung und Sorge. Was war nur mit dem Kerl los? Manchmal verstand sie ihn einfach nicht. War es wirklich zu viel verlangt, dass er wenigstens an diesem besonderen Moment pünktlich erschien? Oskar war notorisch unzuverlässig, aber jetzt hatte er das Maß überschritten.
Andererseits: Was, wenn es ihm nicht gut ging? Vielleicht sollte sie mal nach ihm sehen.
Sie wollte gerade zurückgehen, als sie eine feste Hand auf ihrer Schulter spürte. »Nein, nicht.«
Es war Humboldt. Sein Gesicht wirkte ernst. »Lass es bleiben.«
Er schien genau zu wissen, was mit Oskar los war.
»Und wenn es ihm schlecht geht? Vielleicht ist ihm übel geworden oder er …«
»Es geht ihm gut.«
»Woher weißt du das?«
»Weil ich es weiß.«
Sie hob die Brauen. »Willst du es mir verraten?«
»Er ist in meinem Auftrag unterwegs.«
Charlotte brauchte einige Sekunden, um sich über die Bedeutung der Worte klar zu werden. »In deinem Auftrag?« Sie zögerte. »Heißt das … Oh nein. Du hast ihn doch nicht zu irgendwelchen krummen Sachen angestiftet?«
»Es dient einem guten Zweck«, sagte der Forscher. »Er soll für mich etwas suchen. Etwas Privates. Etwas, das nur er in dieser kurzen Zeit finden kann.«
»Und wenn er erwischt wird?«
Humboldt blieb die Antwort schuldig.
Charlotte spürte, wie frostige Finger ihr Herz umklammerten.
* * *
»Woher weißt du von dem Meteoriten?« Bellheims Stimme hatte die Härte einer Diamantklinge. Oskar wollte etwas antworten, doch er konnte nicht. Seine Stimme war wie zugeschnürt. Bellheim kam näher. Plötzlich hielt er inne. Ein Ausdruck der Verblüffung huschte über sein Gesicht. Er drehte sich zum Sekretär, starrte einige Sekunden darauf, dann richtete er seine Augen wieder auf Oskar. »Verstehe«, sagte er. »Mein Tagebuch.«
Oskar wich langsam zurück. »Es … es ist nicht so, wie Sie denken.«
»Oh doch. Ich fürchte, es ist genau so. Pech für dich, mein Junge …« Der Satz brach ab.
Ganz unvermutet.
Bellheim stand in der Mitte des Raums. Stocksteif wie ein Holzpfahl hielt er sein Gesicht zur Decke gerichtet, die Hände zu Fäusten geballt. Die Knöchel traten weiß hervor. Zwischen den zusammengepressten Zähnen kam ein unartikuliertes Zischen hervor. Oskar bekam es mit der Angst zu tun. Hier stimmte etwas nicht. Hatte er einen Krampf oder Anfall?
Er wollte gerade zur Tür rennen, als eine Veränderung mit Bellheim vonstatten ging. Sein Oberkörper zuckte nach vorn, krümmte sich und schnellte dann wieder zurück. Das Gesicht des Völkerkundlers war aufs Äußerste angespannt. Er öffnete seinen Mund zu einem Schrei, aber es kam kein Laut heraus.
Mit Entsetzen sah Oskar, wie der Forscher nach Luft rang. Ein merkwürdiges Rascheln und Knacken war zu hören, als würde irgendwo etwas verbrennen. Die Luft war erfüllt vom Geruch elektrischer Entladungen. Dann riss der Forscher seinen Mund noch weiter auf. Seine Hände umklammerten seinen Unterkiefer und zogen ihn nach unten. So weit, wie kein normaler Mensch es jemals vermocht hätte.
Oskar war wie gelähmt. Dann schrie er.
* * *
Charlotte hörte den Schrei. Alle hörten ihn.
Es war ein Laut, wie ihn nur jemand ausstoßen konnte, der in größter Panik war.
Die Gespräche erstarben. Irgendwo fiel klirrend ein Glas zu Boden. Alle Blicke zuckten in Richtung Haus.
Hinter der Scheibe im ersten Stock waren tanzende Bewegungen zu sehen. Zwei Personen, die miteinander kämpften.
Humboldt war der Erste, der reagierte.
»Oskar!«
Er packte seinen Gehstock und stürmte durch den Garten zurück in Richtung Haus. Charlotte und Eliza folgten ihm auf dem Fuß. Zu dritt rannten sie die Treppen zum ersten Stock empor. Noch einmal rief er den Namen des Jungen. Keine Antwort. Alles, was sie hörten, war ein Poltern, das aus dem letzten Zimmer am Ende des Flurs drang. Sie eilten in die betreffende Richtung, doch die Tür war verschlossen. Humboldt erhob seine Stimme. »Mach die Tür auf!«
»Ich … kann … nicht.«
Oskars Stimme.
Humboldt fackelte nicht lange. Mit einem vehementen Fußtritt trat er die Tür ein und stürmte in den Raum.
Charlotte folgte ihm.
Der Völkerkundler hatte seine Hände um den Hals des Jungen gelegt. Dessen Füße berührten kaum noch den Boden. Oskar wand sich und zappelte, aber er konnte dem mörderischen Griff nicht entfliehen. Welche Kraft war wohl dazu nötig, einen sechzehn Jahre alten Jungen mit gestreckten Armen vom Boden zu heben?
Eliza hielt ein Feuerzeug an die Lampe. Es gab einen Funken, dann entzündete sich das Gas.
»Beim Jupiter!«
Humboldt wich einen Schritt zurück.
Charlotte schlug die Hände vor den Mund. Eliza stieß einen kleinen Schrei aus.
Was sich im fahlen Schein der Gaslaterne abspielte, war mit Worten kaum zu beschreiben. Bellheims Unterkiefer war heruntergeklappt und hatte etwas freigelegt, das nur mit viel Wohlwollen als Zunge beschrieben werden konnte. Dick wie ein Unterarm und lang wie eine Schlange züngelte das Ding genau auf Oskars Gesicht zu. Es glänzte und glitzerte, als bestünde es aus Glas. An seiner Spitze befanden sich zwei dünne, tastende Borsten, die genau auf Oskars Nasenlöcher zielten. Zu welchem Zweck war völlig unklar. Klar war jedoch, dass eine fremde Kreatur Besitz von Bellheim ergriffen hatte. Und jetzt stand sie im Begriff, Oskar zu übernehmen.
»Macht, dass ihr hinter mich kommt!« Humboldt zog sein verborgenes Rapier aus dem Spazierstock. Mit einem mächtigen Hieb drang er auf den Gegner ein. Die Klinge sauste nieder und hieb die gläserne Schlange in zwei Teile. Mit einem Geräusch, als würde man Wasser auf eine glühende Herdplatte spritzen, fiel das zappelnde Ding zu Boden. Ein unerträglicher Gestank breitete sich aus.
Ein wenig krümmte und zuckte das Ding am Boden herum, dann löste es sich in einer Rauchwolke auf. Nur eine Handvoll Sand blieb übrig.
Bellheim taumelte zurück. Die Hände lockerten ihren Griff, und der Junge plumpste hustend und keuchend zu Boden. Eine Weile rang er nach Atem, dann kroch er aus der Gefahrenzone. Bellheim stand wie angewurzelt auf dem Fleck, dann ging er auf Humboldt los. Sein Gesicht war zu einer furchterregenden Maske verzerrt. Der Mund stand offen, seine Hände waren vorgereckt.
»Lass den Unsinn, Richard«, sagte Humboldt. »Es ist vorbei. Ich habe den Parasiten getötet.«
Doch der Völkerkundler hörte ihn nicht. In seinen Augen leuchtete ein irrsinniges Feuer, während er unbarmherzig auf den Forscher eindrang.
»Bleib stehen. Keinen Schritt weiter.« Humboldt hielt sein Rapier ausgestreckt auf Bellheim gerichtet. Die Spitze berührte dessen Brust. »Richard, bitte.«
Mit Entsetzen sah Charlotte, dass Bellheims Haut sich zu verändern begann. Erst wurde sie blass, dann weiß, schließlich durchscheinend. Nur wenige Sekunden waren verstrichen und der ganze Mann sah aus, als bestünde er aus Glas.
Ein schreckliches Lachen drang aus seiner Kehle. Ein Lachen, das eindeutig nicht menschlich war.
Dann trat er einen Schritt nach vorn.
Die Spitze des Rapiers drang in seine Brust.
Charlotte wollte den Blick abwenden, doch sie konnte nicht. Ihr Entsetzen war so groß, dass sie einfach hinsehen musste. Die Klinge kam mit einem quietschenden Geräusch aus dem Rücken des Mannes wieder heraus.
Und noch immer lachte er.
»Wer bist du?«, stammelte Humboldt. »Was bist du?«
»Ich werde euch anpassen«, stieß das Wesen glucksend hervor, während es sich zentimeterweise durch die stählerne Klinge vorwärtsarbeitete. »Es wird euch gefallen. Schon bald werden wir alle zusammen singen. Versteht ihr? SIIIN…GEN!« Seine Stimme steigerte sich zu einem hellen, gläsernen Kreischen.
Humboldt stieß einen Fluch aus. In einer Mischung aus Wut und Verzweiflung stemmte er sich nach vorn und drängte den Gegner in Richtung der Fenster. Bellheim, immer noch kichernd und glucksend, hob seine Hände zum Angriff. Charlotte konnte sehen, dass an den Fingerspitzen neue Fühler entstanden, die auf Nase und Ohren des Forschers zu zielen schienen. Humboldt reagierte nicht darauf. Stattdessen schob er mit unverminderter Härte weiter. Mittlerweile waren sie auf der anderen Seite des Raums angekommen. Es gab ein Bersten und Klirren, dann zersprang die Scheibe. Der Forscher legte seine ganze Kraft in den Stoß. Einen wütenden Schrei ausstoßend, drängte er seinen Gegner nach draußen. Doch noch war es nicht vorbei. Bellheim hielt ihn so fest umklammert, dass er mitgerissen wurde. Ineinandergeklammert und verzweifelt miteinander ringend, stürzten die beiden Kontrahenten in den verschneiten Garten. Es gab einen schweren Schlag, dann eilten alle ans Fenster.
Charlotte beugte sich vor und blickte nach unten. Humboldt und Bellheim lagen im Schnee. Der Forscher war angeschlagen. Seine Bewegungen waren müde und langsam. Bellheim hingegen zappelte und kreischte, als stünde er unter Strom. »Kalt!«, schrie er und versuchte aufzustehen, doch Humboldt hielt ihn zurück. Einige der Gäste, die gerade zurück ins Haus drängten, schrien erschrocken auf, als Humboldt und Bellheim zwischen sie stürzten. Erst jetzt bemerkten sie, dass dort ein tödlicher Kampf im Gang war und dass dieser immer noch andauerte.
Atemlos verfolgten die Gäste das zähe Ringen der beiden Gegner. Gertrud Bellheim war die Einzige, die in dem Durcheinander die Nerven behielt. Entschlossen stürmte sie herbei und drang auf die Kontrahenten ein. »Humboldt, Richard, auseinander! Sofort! Was ist nur in euch gefahren? Auseinander mit euch!«
Als Worte nichts halfen, schrie sie: »Ungeheuerlich! Und das am Silvesterabend! Bertram, trennen Sie die Streithähne, aber schnell!«
Der Diener beeilte sich, dem Befehl seiner Herrin nachzukommen, als plötzlich und unerwartet die Kirchenglocken zu läuten anfingen.
In Deutschland war erst seit Kurzem eine einheitliche Zeitrechnung eingeführt worden, daher hatten an diesem Silvesterabend zum ersten Mal alle Kirchenglocken gleichzeitig um Punkt 24 Uhr geläutet. Nur die Schwestern vom Heiligen Blute Jesu in ihrer nahe gelegenen Klosterkirche hatten zunächst im Gebet verharrt und ließen ihre Kirchenglocke erst jetzt das neue Jahr begrüßen. Das Läuten klang, als würde es direkt aus der Nachbarschaft kommen. Laut und dröhnend hallte es zwischen den Hauswänden wider. Die Reaktion war überraschend. Wie von einer ungeheuren Kraft bewegt, flog Humboldt mehrere Meter durch die Luft und landete in einer Schneewehe. Atemlos und am Ende seiner Kräfte blieb er liegen. Bellheim hingegen gebärdete sich, als wäre der Teufel in ihn gefahren. Er presste die Hände auf die Ohren und zappelte und schrie, dass die Anwesenden vorsichtshalber einige Meter zurückwichen. Und dann veränderte er sich. Er schrumpfte, wurde kleiner und löste sich schließlich auf. Immer kleiner wurde er, bis schließlich nichts mehr von ihm übrig war.
Ungläubiges Schweigen breitete sich aus. Niemand hatte eine Erklärung für das, was soeben geschehen war. Humboldt stand auf, klopfte den Schnee von seinem Mantel und trat zu den anderen. Die Anwesenden bildeten einen Kreis um die Kampfzone. Alle schienen zu warteten, dass Bellheim wieder auftauchen möge. Doch nichts geschah. Von dem Völkerkundler fehlte jede Spur. Weder das verzweifelte Schluchzen seiner Frau noch die erregten Rufe der Gäste konnten daran etwas ändern. Irgendwann erschien die Gendarmerie und dehnte die Suche auf die umliegende Nachbarschaft aus. Doch was immer sie taten, es blieb ohne Ergebnis.
Richard Bellheim blieb verschwunden. Allen, die ihn an diesem Neujahrsmorgen des Jahres 1894 zum letzten Mal sahen, war klar, dass er nie zurückkehren würde.
Teil 2
Inseln über der Zeit
13
London, eine Woche später …
Der Royal Musketeers Fencing Club war einer der ältesten Fechtclubs Londons. Ein Traditionsverein, der zu Zeiten von Lord Nelson und seinem legendären Sieg bei Trafalgar gegründet worden war und der den Ruf genoss, in seinen Kampfregeln genauso streng zu sein wie in der Auswahl seiner Mitglieder. Hier aufgenommen zu werden, setzte voraus, dass man über Verbindungen zu den höchsten Ebenen verfügte und im näheren Umfeld zur Queen stand. Ein Club für Mitglieder der Upperclass und solche, die es werden wollten.
Das runde Ziegelgebäude mit seiner goldenen Kuppel und seinem Umgang aus weißen Säulen grenzte direkt an die Themse unweit der Westminster-Kathedrale. Efeu umrankte die Säulen und die angrenzenden Platanen warfen lange Schatten. Das Rasseln von Klingen drang aus dem Inneren.
Max Pepper hatte Degen und Säbeln noch nie etwas abgewinnen können. Nicht, dass er den Umgang damit nicht beherrschte, er konnte Waffen nur generell nicht leiden. Er hielt sie für Standesmerkmale spätpubertierender Muttersöhnchen. Wer es für nötig hielt, anderen mit der Länge oder Größe seiner Waffe zu imponieren, dem hatte der liebe Gott entweder zu wenig Selbstvertrauen oder zu wenig Grips geschenkt. In den meisten Fällen eine Kombination aus beidem.
Er selbst sah sich als Mann des Geistes, der in der Lage sein sollte, jede Situation Kraft seines Verstandes zu meistern. Was nicht hieß, dass er ein wehrloses Opfer war. In der Stadt der Regenfresser hatte er seine Fähigkeiten unter Beweis gestellt. Aber er empfand keine Liebe zum Töten.
»Lord Wilson macht um diese Uhrzeit immer seine Waffenrunden.«
Patrick O’Neill war ein sympathischer Rotschopf von der Grünen Insel, der viel redete und eine Menge Lachfältchen um die Augen hatte. So schlimm konnte Sir Wilson eigentlich nicht sein, wenn er einen solchen Mann an seiner Seite duldete. Andererseits … man sollte nie den Tag vor dem Abend loben.
Wie recht er mit seiner Skepsis hatte, zeigte sich, als O’Neill die beiden in die Umkleidekabinen führte und sie bat, ihre Sachen auszuziehen.
»Wir sollen was?« Pepper schaute auf O’Neill, der bereits in Unterhosen vor ihm stand.
»Sie müssen sich ausziehen und Trainingskleidung anlegen. Die Statuten des Clubs sind sehr streng«, erläuterte Sir Wilsons Assistent. »Keine Waffenkleidung, kein Eintritt.«
»Dann warte ich draußen.«
»Aber Sir Wilson hat ausdrücklich befohlen, Sie sollen ihn drinnen treffen. Ich glaube nicht, dass es ratsam wäre …«
»Ich habe nicht vor zu kämpfen«, sagte Pepper. »Ich werde ganz ruhig in der Ecke sitzen und zusehen.«
»Das macht keinen Unterschied. Es kann durchaus passieren, dass Sie gefordert werden. Glauben Sie mir, wenn das passiert, sind Sie glücklich, wenn Sie einen Anzug haben.« O’Neill schlüpfte in die Hose, zog die weiche wattierte Weste über seinen Kopf und tauchte grinsend daraus wieder hervor.
»Außerdem sieht es doch sehr kleidsam aus, oder?« Er breitete die Arme aus.
»Na, komm schon, Max.« Boswell klopfte ihm auf den Rücken. »Wir wollen doch nicht wie Weicheier dastehen. Wenn uns einer zu einem Waffengang fordert, wird er sein blaues Wunder erleben.«
»Das ist die richtige Einstellung«, sagte O’Neill. »Sir Wilson empfängt seine Mitarbeiter gern in ungewohnter Umgebung. Er ist der Auffassung, dass man Menschen besser einschätzen kann, wenn man sie neuen Situationen aussetzt. Nur wer sein gewohntes Terrain verlässt, zeigt sein wahres Gesicht.«
»Gilt das auch für ihn selbst?«
O’Neill blieb die Antwort schuldig. Das Lächeln, das um seinen Mund spielte, sprach allerdings Bände.
Pepper schlüpfte in seinen Kampfanzug. »Was ist eigentlich an den Gerüchten, dass Sir Wilson einer einfachen Arbeiterfamilie entstammt? Soll sein Vater nicht im Kohlebergbau tätig gewesen sein?«
O’Neill blickte ihn erschrocken an. »Woher wissen Sie das?«
Max zuckte mit den Schultern. »Ich hatte während der Überfahrt eine Menge Zeit und habe diverse Erkundigungen eingezogen. Recherche gehört zu meinen besonderen Talenten.«
»Wenn Ihnen Ihre Gesundheit am Herzen liegt, sollten Sie kein Wort darüber verlieren. Sir Wilson kann ausgesprochen unangenehm reagieren, wenn ihn jemand auf seine Vergangenheit anspricht. Besser, Sie vergessen alles, was Sie darüber gehört haben.« Er betrachtete sie prüfend. »Sitzen die Anzüge? Gut, dann können wir gehen.«
Die Trainingshalle des Royal Musketeers Fencing Club war ein vollendetes Rund von beeindruckenden Ausmaßen. Etwa dreißig Meter von Wand zu Wand und mit einer Höhe von über zwanzig Metern wirkte sie wie eine verkleinerte Ausgabe der Royal Albert Hall. Tatsächlich war sie von demselben Architekten erbaut worden, der so stolz auf seinen Entwurf war, dass er ihn gleich noch ein zweites Mal zur Ausführung brachte.
Warmes Nachmittagslicht strömte durch die schießschartenähnlichen Fenster und zauberte weiche Strahlen in den Raum. Die Luft war erfüllt von Atemgeräuschen und dem Klirren der Waffen.
Etwa fünfzehn Kämpfer waren anwesend. Kräftige, konzentriert aussehende Männer, die ihren Sport anscheinend sehr ernst nahmen. In ihrer Mitte, unschwer zu erkennen an seinen ungewöhnlichen Proportionen, Jabez Wilson. Seine Haare waren zu einem Pferdeschwanz nach hinten gebunden und auf seiner geröteten Haut glänzte der Schweiß. Seine Bewegungen zeugten von ungeheurer Kraft und Ausdauer. Vorstoß, Parade, Finte, Ausfallschritt. Präzises Timing, blitzschnelle Angriffe.
Sein Gegner war ein Mann, der beinahe einen Kopf größer und deutlich schlanker war. Das Haar war kurz geschoren und unter seinen buschigen Brauen leuchteten stählerne Augen. Eine lange bleiche Narbe zog sich quer über seine Schläfe bis runter zum Kinn. Beide Männer trugen keinen Gesichtsschutz.
Kaum hatten Pepper und Boswell den Saal betreten, als Wilson sie auch schon bemerkte. Er hob seinen Degen, grüßte seinen Fechtpartner und kam dann auf sie zu.
»Ah, die Herren aus New York«, keuchte er. »Kommen Sie, treten Sie näher. Ich freue mich, dass wir uns endlich persönlich kennenlernen.« Max, dem es schwerfiel, seinen Blick von dem silbernen Auge abzuwenden, ergriff die Hand des Meteoritenjägers. »Ist mir eine Ehre, Sir Wilson.«
»Mir ebenfalls«, sagte Boswell. »Wir freuen uns sehr, mit Ihnen zusammen auf Expedition gehen zu dürfen.«
»Freuen Sie sich nicht zu früh«, sagte Wilson. »Das wird kein Spaziergang. Haben Sie Auslandserfahrung?« Er nahm von O’Neill ein Handtuch entgegen und wischte den Schweiß von seiner Stirn.
»Boswell ist der Erfahrenere von uns beiden«, sagte Max. »Er ist längere Zeit in Europa und Asien gewesen. Ich selbst war bislang nur in Peru.«
»Schon mal in Afrika gewesen?«
Max schüttelte den Kopf. »Nein.«
»Und Sie, Boswell?«
Harry zuckte mit den Schultern. »Nur auf einen Zwischenstopp. Südafrika und Namibia. Nichts Weltbewegendes.«
Wilson lächelte. »Nun, das macht nichts, wir werden Sie schon zurechttrimmen. Ehe die Jagd zu Ende ist, haben wir aus Ihnen zwei richtige Beduinen gemacht. Sind Sie Rechts- oder Linkshänder?«
»Beide Rechtshänder, wieso?«
Wilson drehte sich um. »Jonathan, bringen Sie uns zwei Degen, Größe 3, rechtshändig.«
Der Mann mit der Narbe ging rüber an einen Waffenschrank und kam mit zwei schön gearbeiteten Waffen zurück. Aus der Nähe betrachtet wirkte der Mann älter, als es vorhin den Anschein gehabt hatte. Mindestens fünfundvierzig, eher fünfzig. Trotzdem sah er ungemein zäh und drahtig aus. Ein Mann, den man besser nicht zum Feind hatte.
»Darf ich Ihnen meinen Adjutanten, Mr Jonathan Archer, vorstellen? Hochdekorierter Infanterieoffizier der British Indian Army und für seinen Einsatz in der Schlacht von Kandahar mit den höchsten Ehren ausgezeichnet. Ihm obliegt die Führung meiner Einsatzgruppe.«
Der Mann deutete eine knappe Verbeugung an und händigte ihnen die Klingen aus. Max blickte darauf, als hätten sie eine ansteckende Krankheit. »Und was sollen wir damit?«
»Sich verteidigen natürlich«, sagte Sir Wilson. »Schauen wir mal, wie es mit ihren Kampfkünsten bestellt ist. Wie ich Sie einschätze, können Sie noch ein paar Trainingsstunden brauchen, ehe wir uns in den Senegal einschiffen.«
Pepper ließ die Klinge prüfend durch die Luft sausen. Die Waffe war erstklassig gefertigt und gut ausbalanciert.
»Nun gut«, sagte er. »Mit wem wollen Sie anfangen?«
Wilsons Zähne blitzten auf. »Wie wär’s mit Ihnen beiden?«
14
Es war weit nach dreiundzwanzig Uhr, als die Schlitten in Spandau eintrafen. Alles war in dichten Nebel gehüllt. Oskar war froh, dass sie endlich ankamen. Von den vielen Untiefen und Schneeverwehungen, durch die sie seit ihrer Abfahrt vom Plötzensee gekommen waren, tat ihm der Hintern weh. In den letzten Tagen hatte es noch einmal kräftig geschneit. Ganz Berlin lag unter einer dicken weißen Decke.
Dem Rumpeln und Knarren nach zu urteilen, waren die beiden Lastschlitten immer noch hinter ihnen. Gut so. Nicht auszudenken, wenn sie in der Kälte und Dunkelheit eine gebrochene Kufe hätten reparieren müssen.
Eliza und Charlotte saßen dick eingemummelt in ihre Decken und Jacken und schliefen gegeneinandergelehnt auf der Rückbank. Oskar konnte sich bei ihrem Anblick ein Lächeln nicht verkneifen. Glücklich, wer so einen gesegneten Schlaf hatte. Er selbst war immer noch ziemlich aufgewühlt von den Ereignissen am Silvesterabend. Bellheims seltsame Verwandlung und die anschließende Befragung durch die Polizei ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Kriminalkommissar Obendorfer war ein kleiner drahtiger Mann mit hellen, aufmerksamen Augen und einem perfekt gestutzten Bärtchen. Ein Mann, dem man anmerkte, dass er etwas von seinem Fach verstand. Ruhig und aufmerksam hatte er sie befragt und jedes Detail gewissenhaft notiert. Mit stoischer Ruhe sammelte er die Fakten, verglich und bewertete sie und kam zu dem abschließenden Urteil, dass Bellheims Fall ungeklärt blieb. In der Zeitung stand zu lesen, er sei geschmolzen, doch das war nur ein Notbehelf. Tatsache war, selbst die Kriminologen waren nicht in der Lage festzustellen, was wirklich passiert war. Eine Tötung oder gar ein Mord wurden jedoch ausgeschlossen. Humboldt und seine Begleiter wurden von jeglichem Verdacht freigesprochen und durften sich wieder frei bewegen.
Humboldt verbrachte zwei Abende mit Gertrud Bellheim und überzeugte sie davon, wie wichtig es war, schnell zu handeln und dem mysteriösen Schicksal ihres Mannes auf den Grund zu gehen. Die arme Frau stand immer noch unter Schock. Nur unter Schluchzen und Weinen ließ sie sich überreden, das Tagebuch ihres Mannes herauszurücken, doch sie sah ein, dass es für die Aufklärung des Falles von großer Bedeutung war. Sie erklärte sich sogar bereit, eine Expedition zu Ehren ihres Mannes ins Leben zu rufen und für den Großteil der entstehenden Kosten aufzukommen. Danach ging alles sehr schnell. Humboldt übernahm die Führung, koordinierte die Zusammenstellung der Instrumente und wissenschaftlichen Gerätschaften und ließ die Pachacútec flottmachen. Eliza erklärte Willi, Bert, Lena und Maus ihre Aufgaben im Haus und machte sich dann an die Zusammenstellung des Proviants. Und so kam es, dass sie heute, am neunten Januar, auf dem Weg nach Spandau waren. Auf dem Sprung in ein neues großes Abenteuer.
Oskar kniff die Augen zusammen. Vor ihnen waren Lichter in der Dunkelheit aufgetaucht. Fackeln warfen ihr gelbes Licht über den Schnee und wiesen ihnen den Weg. Ein Stück abseits, am Rand des Waldes gelegen, stand ein gewaltiger Heuschober. Kastenförmig und mit einer Höhe von gut fünfzehn Metern ragte er in die Nacht. Einige Männer hatten sich versammelt. Wie es schien, warteten sie auf sie. Oskar beugte sich nach hinten und stupste Charlotte und Eliza an.
»Aufwachen. Wir sind da.«
Wilma, die ebenfalls ein wenig gedöst hatte, steckte ihren Schnabel aus ihrem Federkleid. »Großer Vogel?«
Die Stimme kam aus dem Übersetzungsgerät, das wie ein Tornister auf ihrem Rücken befestigt war. Oskar streichelte Wilma über den Kopf. »Ja, meine Kleine, der große Vogel wartet bereits auf dich. Hüpf in dein Körbchen, dann trage ich dich rüber.« Das ließ sich der Kiwi natürlich nicht zweimal sagen. Blitzschnell krabbelte er von Charlottes Schoß und rein in sein Tragegestell. Charlotte blinzelte mit müden Augen hinaus in die Nacht. »Oh, es sind ja schon alle versammelt«, gähnte sie mit Blick auf die Fackeln. »Wie spät ist es denn?«
Oskar hielt seine Taschenuhr vors Auge. »Gleich halb zwölf.«
»Eine halbe Stunde über der Zeit«, gähnte sie. »Aber bei dem Wetter ist es ein Wunder, dass wir überhaupt so weit gekommen sind. Ich freue mich schon, wenn wir endlich in unsere warme, kuschelige Kajüte dürfen.«
Willi, der oben auf dem Kutschbock saß, fuhr seitlich neben die Scheune, hielt an und half den Insassen beim Aussteigen. Oskar hielt den Damen die Tür auf und nahm dann Wilmas Körbchen heraus. Jetzt kamen auch Bert und Maus mit den Lastschlitten. Lena saß bei Maus auf dem Kutschbock und sah aus, als würde sie nur aus Mütze und Handschuhen bestehen. Humboldt war bereits drüben bei der Scheune und wies die Lastschlitten ein. Dann redete er mit den Männern.
Das große Tor wurde geöffnet und das Luftschiff ins Freie gezogen. Das Licht der Fackeln schimmerte auf den bunt bemalten Flanken. Immer wenn Oskar die Pachacútec sah, staunte er über die mächtige Auftriebshülle. Die geschwungene Personengondel mit den großen Steuersegeln, die metallenen Motoren und die schnittigen Propeller waren jedes Mal faszinierend. Das Schiff, ein Geschenk der Regenfresser, war über und über mit indianischen Symbolen wie Schlangen oder Drachen bemalt. Wer sie zum ersten Mal sah, konnte es schon mit der Angst zu tun bekommen, doch die Männer, die Humboldt mit der Wartung und dem Schutz des Schiffes beauftragt hatte, waren den Anblick gewohnt. Wie es hieß, war Ferdinand Graf von Zeppelin gerade dabei, eine eigene Staffel von Luftfahrzeugen zu bauen, doch bis es so weit war, vergingen sicher noch Jahre.
Im Nu war alles verladen und in die Gepäckräume gepackt. Humboldt kletterte an Bord und aktivierte die Brennstoffzellen. Ein Teil des Wasserstoffes, der in Tanks auf dem Schiff lagerte, war bereits in die Auftriebshülle geströmt, während ein anderer Teil die Außenbordmotoren antrieb. Das Schiff rumpelte und bockte wie ein junges Pferd und die Männer hatten alle Mühe, es im Griff zu halten.
Als alles bereit war, kam das Signal. Humboldt schwenkte die Arme und rief: »Alles in Ordnung! Ihr könnt jetzt an Bord kommen!«
Oskar blies warme Luft in seine Hände. Das Rumstehen hatte ihn völlig ausgekühlt. Er freute sich, endlich in das geheizte Innere des Luftschiffes zu gelangen.
Er sagte seinen Freunden Lebewohl, dann kletterte er über eine Strickleiter an Bord und half die Leiter hochzuziehen. Jetzt gab Humboldt das Signal zum Aufbruch. Die Männer ließen die Seile los und mit schnurrenden Motoren stieg die Pachacútec in den Himmel. Oskar, Charlotte und Eliza beeilten sich, die Seile einzuholen und aufzuwickeln, dann war es endlich Zeit, ins wärmende Innere des Schiffes zu gehen. Humboldt startete den automatischen Kreiselkompass, dann folgte er ihnen.
Oskar winkte seinen Freunden ein letztes Mal zu, dann beeilte auch er sich, ins Innere zu gelangen. Ein eisiger Wind blies dem Schiff entgegen, als es eine Drehung um neunzig Grad vollführte und dann Kurs Südsüdwest einschlug. Mit sanft schnurrenden Motoren schwebte es in die sternklare Nacht hinaus.
15
Am nächsten Morgen in den Tafelbergen von Bandiagara …
Die Sonne war bereits über den Horizont gestiegen, als Yatimè den Rand der Klippe erreichte und zu dem gegenüberliegenden Tafelberg hinüberblickte. Zwischen ihrem und dem anderen Plateau lagen nur etwa fünfzig Meter, doch man musste ein Vogel sein, um hinüberzugelangen. Es sei denn, man betrat den schmalen Felsenbogen, der zur verbotenen Stadt führte. Eine natürliche Brücke in schwindelerregender Höhe, die die beiden Berge miteinander verband.
Das Dogonmädchen wusste, dass sie gegen den Willen ihres Vaters handelte, wenn sie den Bogen überquerte, aber sie hatte ihre Gründe. Ihr Vater – der Schmied des Dorfes – wollte heute die Esse anfachen und er konnte ausgesprochen unangenehm reagieren, wenn kein Feuerholz da war. Die Suche danach war nach der letzten Dürre schwieriger geworden. Bei den Bäumen rund um den Tafelberg war kaum noch etwas zu finden. Zweige durfte man nicht abbrechen, denn die Bäume gehörten einzelnen Dorfbewohnern, die sofort zum Ältesten rannten, wenn sie jemanden beim Holzstehlen beobachteten. Man hatte also die Wahl, entweder viele Kilometer ins Saû – das unbebaute Buschland – zu laufen oder den gegenüberliegenden Tafelberg zu betreten und das Risiko einzugehen, erwischt zu werden. Das Betreten des Plateaus war unter Strafe verboten. Seit in einer Nacht vor vielen Hundert Jahren das rätselhafte Volk der Tellem diesen Stein in die Stadt gebracht hatte, lag ein Fluch darüber. Die Bewohner hatten sich verändert und waren zu Ungeheuern geworden, hieß es. Die Dogon hatten damals blutige Kämpfe ausgefochten und dem Unheil, das auf dem Tafelberg schlummerte, ein Ende bereitet. Seitdem waren sie zu den erklärten Hütern des Geheimnisses geworden. Sie hatten darauf geachtet, dass niemand den Berg betrat, selbst dann nicht, wenn er friedfertig war und Geschenke brachte. Wer den Gesetzen zuwiderhandelte und dennoch die Stadt betrat, konnte aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen werden. Doch das war noch nie geschehen. Niemand war so verrückt, freiwillig den Berg der Tellem zu betreten. Es hieß, dort lebten die Geister der Ahnen, die jeden, der sich zu weit vorwagte, zu Stein verwandelten.
Yatimè hielt das für Unsinn.
Die Leute hatten einfach Angst und suchten nur nach einem Vorwand, der ihre Furcht rechtfertigte. Die Geschichte von dem mysteriösen Stein kam ihnen da gerade recht.
Yatimè war zwölf Jahre alt und die zweite Tochter des Schmieds. Sie stand, was Ansehen und Respekt betraf, auf einer niedrigen Stufe, niedriger sogar noch als ihre ältere Schwester, und das wollte etwas heißen. Ihre Schwester war eine hohle Nuss, die sich nur für ihr Aussehen interessierte. Sie prahlte alle naselang, dass sie eines Tages den Sohn des Metzgers heiraten und ihm eine Menge Kinder schenken würde.
Yatimè fand dieses System ungerecht.
Seit sie denken konnte, fühlte sie, dass sie anders war. Im Dorf genoss sie den Ruf eines Sonderlings. Nicht nur, weil sie nachts zu den Sternen sang oder mit Tieren sprach, nein, sie konnte in ihren Träumen Dinge sehen, die noch nicht geschehen waren. Erst kürzlich hatte sie wieder einen solchen Traum gehabt. Sie hatte Menschen mit heller Haut gesehen, die auf einem riesigen Tier über den Himmel geritten kamen, genau, wie es in der Prophezeiung hieß. Doch ihre Mutter hatte wie immer den Kopf geschüttelt und gesagt, in ihr wohne der Geist der Tellem. Die anderen Kinder hänselten sie deswegen, doch Yatimè war das egal. Sie mied ihre Gesellschaft und trieb sich lieber allein draußen im Buschland herum. Die Stille und die Einsamkeit machten ihr nichts aus. Außerdem – ganz allein war sie ja nicht. Ihr Freund Jabo war stets in ihrer Nähe. Jabo war ein Mischlingsrüde, den Yatimè als Welpen gefunden und aufgezogen hatte. Eine Hyäne oder ein Schakal hatte das Jungtier gepackt und übel zugerichtet. Es hatte Wochen gedauert, ihn wieder aufzupäppeln. Jabo hatte nur ein Auge. Eines seiner Ohren war ausgefleddert und außerdem hinkte er ein wenig. Aber das machte nichts. Er war der beste Beschützer, den man sich nur wünschen konnte. Aufmerksam, hellhörig und mit dem Mut eines Löwen gewappnet. Die anderen Kinder mochten ihn nicht. Er war hässlich, angriffslustig und schnell beleidigt, aber Yatimè war nett zu ihm und deshalb vertraute er ihr. Vielleicht spürte er aber auch, dass sie genau so ein Außenseiter war wie er.
Yatimè folgte der Abbruchkante des Berges in Richtung des schmalen Felsbogens. Sie hätte gern größere Schritte gemacht, doch der Wickelrock behinderte sie. Sie blieb stehen und band den Saum ihres Rocks bis zu den Oberschenkeln hoch. Dann steckte sie zwei Finger in den Mund und stieß einen Pfiff aus.
Jabo kam aus dem Unterholz. Die Zunge heraushängend und mit seinem einen Auge mürrisch in die Gegend spähend, kam er herbeigehumpelt.
»Wo warst du nur so lange?« Yatimè streichelte ihrem Freund über den Kopf. »Hast du wieder Kaninchen gejagt? Du weißt doch, dass die kleinen Biester zu schnell für dich sind. Nimm’s nicht so schwer. Für alle Fälle habe ich ja immer einen Streifen Trockenfleisch mit dabei.« Sie klopfte auf ihren Schulterbeutel. »Du musst ihn dir natürlich verdienen. Ich habe vor, in die verbotene Stadt zu gehen. Kommst du mit?«
Jabo hielt den Kopf schief.
»Ist nicht weit. Dort drüben, bei den grünen Büschen fängt sie an. Dort gibt es Schatten, Holz und etwas zu essen, also komm.«
Jabo kläffte kurz, dann rannte er auf den Felsbogen zu. Yatimè klemmte den Beutel unter den Arm und eilte hinter ihm her.
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