Читать книгу: «Mehr als ein Wunder»

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Warnung: Dieses Buch provoziert neue Denkansätze;

denn nach seiner Lektüre wird es einem schwerfallen,

weiterhin zu der gewohnten Auffassung von Sprache,

lösungsfokussierter Kurztherapie oder Psychotherapie zu stehen.

Steve de Shazer/Yvonne Dolan

Mehr als ein Wunder

Lösungsfokussierte Kurztherapie heute

Unter Mitarbeit von Harry Korman, Terry Trepper, Eric McCollum und Insoo Kim Berg

Aus dem Amerikanischen von Astrid Hildenbrand

Achte Auflage, 2022


Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:

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Umschlaggestaltung: Uwe Göbel

Satz: Verlagsservice Hegele, Heiligkreuzsteinach

Printed in Germany

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

Achte Auflage, 2022

ISBN 978-3-8497-0260-1 (Printausgabe)

ISBN 978-3-8497-8253-5 (ePUB)

© 2008, 2022 der deutschen Ausgabe: Carl-Auer-Systeme Verlag

und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg

Alle Rechte vorbehalten

Das Original erschien unter dem Titel:

›More than Miracles‹

Published by Hayworth Press, Inc., 2007

© 2007, Hayworth Press, Inc. All Rights reserved.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Inhalt

Vorwort

Vorbemerkungen

1.Ein kurzer Überblick

1.1Die wesentlichen Lehrsätze der lösungsfokussierten Kurztherapie

1.2Die Aufgabe des Therapeuten

1.3Therapeutische Prinzipien und Techniken

Allgemeine Interventionen

Spezifische Interventionen

1.4Anwendungsbereiche der lösungsfokussierten Kurztherapie

1.5Studien zur Wirksamkeit lösungsfokussierter Kurztherapien

1.6Zusammenfassung

2.»Ich fühle mich richtig verunsichert«

3.Die Wunderfrage

3.1Wie die Wunderfrage entstanden ist

Nur scheinbar einfach

Da steckt mehr dahinter

3.2Die Geisteshaltung des Therapeuten

3.3Vier Gründe, die Wunderfrage zu stellen

Eine Möglichkeit, Therapieziele zu entwickeln

Die Wunderfrage als virtuelles Wunder oder: Die Wunderfrage als emotionale Erfahrung

Der Blick auf die Ausnahmen des Problems

Anstoß zu einer Fortschrittsgeschichte

3.4Wie man die Wunderfrage stellt

3.5Antworten aufmerksam anhören

Was fällt dem Klienten auf?

Die Antwort: »Ich weiß nicht« oder: Schweigen als Antwort

Die negierende Antwort

Die Antwort »Ich denke …«, »Ich fühle …«

Die Antwort, die eine Verhaltensweise beschreibt

Was fällt anderen Personen auf?

Was geschieht zwischen Ihnen und der anderen Person?

Die Antwort: »Die Situation und die anderen werden sich ändern«

Die Antwort: »Sozialarbeiter mischen sich nicht mehr in mein Leben ein«

Die Antwort: »Die Angehörigen verändern sich«

3.6Mehrere Personen im Therapieraum

4.Die Wunderskala

Wann kann man das Wunderbild skalieren?

Worin besteht der Unterschied?

Was würden die anderen sagen?

Wie haben Sie das gemacht?

Ressourcen und Kompetenzen

Wie macht es sich bemerkbar, wenn Sie die nächsthöhere Stufe erreicht haben?

Der Klient antwortet: »Ich weiß nicht«

Der Klient antwortet mit einer 10

Der Klient antwortet mit einer 0

Und noch einmal: Man weiß nie, was man eigentlich gefragt hat

Die Wunderfrage und die darauf folgenden Sitzungen

Was sonst noch?

5.Das magenfreundliche Gespräch

6.Hinschauen statt deuten

6.1Wo bleibt die Theorie?

»Tatsachen«

»Familienähnlichkeiten«

»Sprachspiele«

7.»Mein wahres Ich«

8.»Private Erlebnisse« und das Verb »sein«

8.1Das Verb »sein«

9.Die SFBT und Emotionen

9.1Emotionen in ihrem Kontext

10.Fragen und mögliche Missverständnisse

10.1Allgemeine Einwände

Weshalb ignoriert die SFBT die Probleme der Klienten? Wie können Sie jemandem helfen, wenn Sie mit ihm nicht über seine Schwierigkeiten sprechen?

Wie können Sie ein therapeutisches Konzept anwenden, das sich nicht mit Gefühlen befasst?

10.2Einwände von Nichtexperten

Sie gehen davon aus, dass Menschen immer wissen, was zu tun ist. Viele meiner Klienten wissen das keineswegs. Manchmal muss man Menschen sagen, was sie tun müssen. Werden Therapeuten nicht genau dafür bezahlt?

Klienten leugnen manchmal ihre Schwierigkeiten und müssen deshalb mit diesen konfrontiert werden. Werden in der SFBT ernsthafte Probleme nicht ignoriert, wenn man den Klienten nicht mit seinen Problemen konfrontiert?

Wie geht man in der SFBT mit Dingen um, die auf Gefahren hinweisen oder die Sicherheit von Menschen bedrohen? Ignoriert der lösungsfokussiert arbeitende Therapeut Sicherheitsprobleme, wenn der Klient sie nicht thematisiert oder für unwichtig hält?

Wie geht der lösungsfokussiert arbeitende Therapeut z. B. im Fall von Kindesmissbrauch mit der Kontrolle durch Sozialbehörden oder -einrichtungen um?

10.3Die SFBT und andere Therapieansätze

Ist die SFBT nicht einfach eine Spielart von …?

Kann ich die SFBT integrieren in …?

10.4Eine Frage des Stils

Sie stellen anscheinend nur Fragen. Sind Klienten durch alle diese Fragen nicht irritiert?

Die SFBT scheint ein Ansatz der langsamen Schritte zu sein. Klienten müssen über die an sie gestellten Fragen nachdenken. Meine Behörde verlangt von mir, dass ich innerhalb kurzer Zeit sehr viele therapeutische Beurteilungen abgebe. Ich habe keine Zeit zum lösungsfokussierten Arbeiten

Ich glaube, die SFBT ist nur ein Trostpflaster. Was macht man bei diesem Vorgehen mit tief sitzenden Gefühlen und Problemen?

10.5Gibt es Belege für die Wirksamkeit der SFBT?

10.6Was macht das Arbeiten nach dem SFBT-Konzept lohnenswert? Könnte nicht auch ein Computer lösungsfokussiert arbeiten?

Das Vorgehen der SFBT klingt irgendwie langweilig. Was ist der Kick daran, immer wieder die Wunderfrage zu stellen?

Welche Erfahrungen machen Therapeuten und Therapeutinnen, die im Stil der SFBT arbeiten?

11.Fazit

Literatur

Über die Autoren

Vorwort

Steve de Shazer und Insoo Kim Berg haben das Leben unzähliger Menschen berührt. In Ihrer bescheidenen und oft unauffälligen Weise haben beide uns, die wir bei Ihnen lernen durften, reich beschenkt. Was Steve und Insoo gaben, war nicht das Brot, sondern die Saat, um eigene Getreidefelder anlegen zu können. Das erforderte manchmal etwas mehr Geduld, gab dem Empfänger dann aber Jahr für Jahr neue Ernte. Mit wenig mehr als einem Jahr Abstand sind nun beide von uns gegangen; mir scheint, wir können Ihre Güte und Ihren Humor, ihren kristallklaren Blick und ihre erstaunliche Geduld, Ihren Scharfsinn und die in langen Jahren der Arbeit mit menschlichen Problemen gewachsene Weisheit am wirksamsten würdigen, wenn wir so viel wie möglich von alledem, was wir dem lösungsfokussierten Ansatz und seinen beiden Gründern verdanken, weitergeben und es dabei als Saatgut behandeln, das in neuen Umgebungen auch auf unterschiedliche Weise aufgehen kann.

Dieses Buch, an dem Steve und Insoo noch selber mitgewirkt haben, wirkt auf mich daher wie eine Art würdiger Stabübergabe im Staffellauf; und Steve und Insoo hatten in ihrem wundervoll fruchtbaren Leben und Lehren gut dafür gesorgt, dass die Botschaft an vielen Orten weitergegeben und weiterentwickelt wurde und werden wird.

Sokratischer vs. lösungsfokussierter Dialog

Das klare Licht, das Steve de Shazer in seinem Zusammenwirken mit Insoo Kim Berg auf grundlegende Fragen der Therapie und des Menschen im Allgemeinen geworfen hat, lässt sich wie mit einem Prisma in viele Facetten aufspalten. Eine dieser Facetten zeigt sich in seiner Abwendung von der Grundidee des sokratischen Dialogs als einer Form, in der der Angesprochene (zu) wenig Freiraum erhält für die Nutzung und Entwicklung seiner eigenen kreativen Ideen.

In diesem Buch entwickelt Steve gemeinsam mit Yvonne Dolan und dem Team ihrer Koautorinnen (Insoo Kim Berg, Harry Korman, Terry Trepper und Eric McCollum, im Folgenden kurz ›das Team‹) die Idee eines lösungsfokussierten Dialogs als Kontrast und Alternative zum sokratischen Dialog, eine Alternative, die den in unserer Kultur in Erziehung und Bildung, in Schulen und Universitäten, in Therapie, Beratung und Training oft immer noch vorherrschenden Ansatz von Abrichtung (wie es Wittgenstein nannte) oder (bestenfalls) Pacing und Leading nicht nur durch einen viel weicheren, unauffälligeren und zurückhaltenderen ersetzt, sondern eine radikal und grundlegend andere Haltung zum Dialogpartner einführt.

Wer Steve de Shazer kannte, weiß, auf welche Weisen er unauffällig zu sein verstand. Mir kam er manchmal vor wie einer der großen (und oft etwas ruppigen) taoistischen Weisen, von denen gesagt wurde, dass sie keine Spuren im Sand hinterließen.

Doch darin erschöpft sich der Unterschied zum sokratischen Dialog nicht: Sokratischer Dialog ist erzieherisch, Steve war das nie. Im sokratischen Dialog wird der Gesprächspartner zu einem vorher bekannten Ziel hingelotst, im lösungsfokussierten Dialog erkundet der Gesprächspartner in dem weit offenen Raum Möglichkeiten, die ihm schon einmal zuvor, wenigstens in Fragmenten, zur Verfügung standen. (Daher ist eben auch die Wunderfrage bei jedem neuen Klienten eine neue Frage – und sogar bei jeder einzelnen Erwähnung des Wunders!)

Wittgenstein als nachträgliches Fundament für Steve de Shazer

Dieses Buch zeigt vielleicht klarer als irgendeines seiner früheren Werke die wirklich grundlegende Rolle der Philosophie Wittgensteins für Steve de Shazers Ideen zum Ansatz der lösungsfokussierten Kurztherapie.1 Wittgenstein wird hier nicht etwa als Steinbruch ge- oder missbraucht, aus dem sich jeder bei Bedarf ein passendes Fragment oder kleines Zitat herausbrechen kann, wie das heute in so vielen Texten der Fall ist.

Die Haltung und die Grundidee seiner Philosophie kommen vielmehr im Denken und Handeln von Steve de Shazer und in der Praxis exzellenter lösungsfokussierter TherapeutInnen wie Insoo Kim Berg und dem Team so deutlich zum Vorschein, dass dies für einen interessierten und geschulten Beobachter wie Gale Miller (Becoming Miracle Workers) und für jemanden, der seit Jahrzehnten über Logik und Wittgenstein forscht (wie der Autor dieser Zeilen), zu einer wichtigen Quelle neuer Einsichten zu Wittgensteins Werk wurde; eine in der (modernen) Philosophie unübliche und wundersame Vertauschung der Rollen von Theorie und Praxis. Das Verhältnis wird hier ein wechselseitiges: Wittgenstein liefert nicht nur ein Fundament für die SFBT, sondern diese auch ein tieferes Wittgensteinverständnis.

Dabei ist Wittgenstein nicht einfach die Grundlage von Steve de Shazers Ideen, da der lösungsfokussierte Ansatz zunächst weitgehend ohne Bezug zu Wittgenstein entstanden war (ähnlich ist de Shazers Verhältnis zu Derrida zu sehen), es sei denn, man greift die seltsame Idee eines nachträglichen Fundaments auf. Vielmehr war Steve wirklich glücklich, in Wittgenstein – endlich – jemanden gefunden zu haben, dessen Denken dem eigenen wirklich ähnelte.

Für mich und meine Frau Insa Sparrer bildeten Abende mit nicht endenden Gesprächen seit den frühen Achtziger Jahren über den Ansatz der Schule von Milwaukee, der sich zu den Grundlagen der Lösungsfokussierung über Steves Kritik an dem von uns hochgeachteten Gregory Bateson, in dem er »just a muddled thinker« sah, sehr im Gegensatz zu seiner außerordentlichen Hochachtung für John Weakland, schließlich seit 1989 mehr und mehr auf Wittgenstein richtete. Es war ein großes Geschenk, im Dialog mit Steve zu erleben, wie bei ihm Philosophie und (lösungsfokussierte) Praxis nicht etwa nur allmählich verschmolzen, sondern sich in gewissem Sinne als ›immer schon eines‹ herausstellten.

Wittgensteins philosophische Therapie

Ein wesentlicher Zug der Philosophie Wittgensteins besteht in der Idee, viele menschliche Probleme als durch eine Art schlechte Philosophie entstanden anzusehen, entstanden über die »Verhexung durch die Sprache«. Auf dieser Sicht beruht dann auch die Umwendung, die Aufgabe einer guten Philosophie, einer »philosophischen Therapie«, darin zu sehen, den Menschen aus dieser Verhexung zu befreien, indem die Irrtümer durch Fragen aufgehoben werden.

Doch anders als im sokratischen Dialog gebärdet sich Wittgenstein nicht als der Wissende, der einen anderen über etwas, das er im Vorhinein weiß, zu belehren vorhat, sondern lässt uns über ein Netz von Fragen selber ins dialogische Denken kommen. Wittgenstein ist hier ständig bereit, seine eigenen Fragen und Erwägungen durch andere in Frage zu stellen, und diese durch wieder andere. Seltsamerweise entstehen dabei Einsichten – aber eben kein fixes Theoriegebäude. Und könnte das gerade gesagte nicht schon eine Schilderung von Steve im lösungsfokussierten Dialog gewesen sein?

Wittgenstein sieht seine Philosophie als eine Art philosophischer Therapie zur Aufhebung oft leidvoller und auf jeden Fall hinderlicher sprachlicher Verstrickungen und Denkirrtümer an – und so ähnlich lässt sich auch Steves Verständnis vom Wesen des lösungsfokussierten Interviews sehen. Hier kann die Rolle der Logik als kunstfertiges Mittel zur Aufhebung menschlichen Leidens erkannt werden, ganz wie das in der buddhistischen Tradition gesehen wurde. Die Rolle der Unterschiede verknüpfte zugleich Steves Denken mit Spencer-Browns Unterscheidungsbegriff, doch war Wittgenstein für ihn viel tiefer und umfassender.

Solche wittgensteinschen Wendungen, aufgefasst als kunstfertige Mittel im Rahmen des Therapiegesprächs, zeigen sich unter anderem in der Auflösung von verdichteten Vorstellungen über innere Zustände und Gefühle und in der Entwicklung neuer hilfreicher Handlungsgewohnheiten bei den Klienten. Gefühle sind für Wittgenstein wie für Steve keine inneren Dinge; es sind problematische und irrige Denkgewohnheiten, die uns zu dieser Sicht immer wieder verleitet haben.

Irreduzibilität des Regelfolgens bei Wittgenstein

Der antitheoretische Zug Wittgensteins zeigt sich auch in seiner Ablehnung der Idee, dass das »einer Regel folgen« zerlegt werden könne in die Regel2 und das »ihr folgen«. Aus der Sicht der Philosophischen Untersuchungen, Wittgensteins berühmtestem Spätwerk, bildet ein Regelfolgen eine Einheit, aus der im Allgemeinen keine Regel als eigenständiges »Objekt« der Betrachtung herausgelöst werden kann. Was das mit Therapie und Methodik zu tun hat? Nun, versuchen Sie einmal eine gängige therapeutische Theorie ohne Bezugnahme auf Regeln zu formulieren!

Problematisches Verhalten von Menschen ist nun natürlich ebenso wie das, was sie nach einem Wunder täten, jeweils eine Form des Regelfolgens. Wenn in modernen Psychotherapieformen von so genannten Verhaltensmustern und Glaubenssätzen die Rede ist, sind dies aus Wittgenstein’scher ebenso wie aus lösungsfokussierter Sicht irreführende Redeweisen, da ja »die« Regel im Regelfolgen letztlich nicht anzutreffen ist. Lösungsfokussierung ist also auch in dem Verzicht auf die Generalisierung durch Regeln zu sehen, und damit im Verzicht auf innere Dynamiken, Verhaltensmuster, Dispositionen, …

Aus einer Lösung, die sich in einem Fall als wirksam erweist, wird im lösungsfokussierten Ansatz keine neue Regel abgeleitet3. Jede Beschreibung von Gefühlsqualitäten und Eigenschaften innerer Zustände der KlientInnen entfällt hier.

Die Systematik des lösungsfokussierten Ansatzes ist eine Systematik der Methode, nicht der Inhalte. Sie lässt sich auf der Ebene der Syntax, nicht aber auf der Ebene der Semantik verstehen.

Theorie, Praxis und Lernbarkeit

Einerseits ist der lösungsfokussierte Ansatz zweifellos eher eine in Jahrzehnten der Praxis entwickelte pragmatische Methodologie als ein Theoriegebäude im klassischen Sinne; doch andererseits sind grammatische Einsichten, Einsichten über die Art, in der die Struktur unserer Sprache Einfluss auf die in der Sprache ausgedrückten Fragen und Probleme nimmt, ein Zug, der über pure Pragmatik weit hinausreicht.

Steve de Shazer bot denen, die ihn kennen lernen und bei ihm lernen durften, ganz nebenbei eine Lösung zum Umgang mit der alten Frage über das Verhältnis von Theorie und Praxis an; eine Lösung, die wieder sehr nahe bei Wittgensteins Haltung zu dieser Frage liegt. Für Steve zeigte sich das Muster der Methode gerade in der brillanten Praxis seiner Frau Insoo Kim Berg, die auf so vielfältige Art hier in diesem Buch vertreten ist, sowohl als Therapeutin im Falltranskript als auch als Gesprächspartnerin bei den Reflexionen des Teams über die Fälle.

Steve de Shazer hatte die außergewöhnliche Fähigkeit, grundlegende Einsichten aus der Beobachtung von Praxis zu gewinnen, und sich zugleich bei dem Klienten auf das ganz Konkrete eines Falles zu beschränken, ohne die KlientInnen oder die von ihm Lernenden mit inhaltlichen Thesen über die Regeln des ursprünglich gestörten Verhaltens zu belasten. Zugleich aber hatte er eine reflexive Aufmerksamkeit, eine Art methodisch-theoretischen Witness State, durch den er das, was andere in der Praxis unbewusst verkörperten, zum Vorschein brachte, beschreibbar machte und damit lernbar.

Denn ohne Bewusstsein für solche nicht mehr inhaltlich gebundenen Invarianzen höherer Ordnung ist es schwer, etwas zu vermitteln und lernbar zu machen. Der Beitrag von Steve de Shazer dazu kann aus meiner Sicht gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. So wird z. B. klar, dass Vorsicht bei jeder Verdinglichung von Gefühlen geboten ist, wo Gefühle als eine Art innere Ursache von Leiden gesehen werden: Dies kann schon die Form der Konstruktion eines Problems haben.

Nichtwissen

Steve de Shazers vielleicht am weitesten berühmt gewordene Form des Lobs auf das Nichtwissen bestand wohl in seiner Empfehlung, wenn einem eine Interpretation einfalle, möge man doch ein Aspirin nehmen, sich in die nächste Ecke hocken und warten, bis der Anfall vorbei ist. Hier wird Nichtwissen von Seiten der TherapeutInnen sogar als ein wichtiger Teil ihrer Professionalität angesehen, wären doch Interpretationen so etwas wie Einschränkungen der Freiheit der Klientinnen, unseren Erwartungen zuwiderlaufend zu antworten.

Wie Steve und Insoo uns immer wieder zeigten, stand für sie beide vor der Antwort nie fest, was die Bedeutung dessen gewesen sei, das sie gefragt hatten. Und auch aus diesem Grunde war ja aus Steves und Insoos Sicht die Wunderfrage immer wieder eine neue Frage.

Einen weiteren überraschenden Zug des lösungsfokussierten Ansatzes, der auch von erfahrenen Praktikern manchmal unterschätzt wird, ist, wie sehr lösungsfokussierte Frage eigentlich ausschließlich der Generierung relevanter Unterschiede bei den KlientInnen dienen, nicht aber der inhaltlichen Information der TherapeutInnen.4

Wer spricht?

Ein ungewöhnlicher Zug, aus meiner Sicht eine geradezu geniale didaktische Idee der AutorInnen dieses Buches ist die Idee, Gespräche im Team ohne klare Angaben, wer spricht und wer antwortet, darzustellen. Das Vorgehen kam mir erst irgendwie bekannt, aber auch irritierend vor, aber nach etwas genauerer Lektüre war ich gerade von diesem Vorgehen begeistert: Die Autoren verwenden so ein literarisches Stilmittel, das von Wittgenstein in die Philosophie eingeführt wurde: Dialoge mit mehrdeutigen Sprecherzuordnungen, die den Leser zu immer wieder neuen inneren Dialogen mit neuen Rollenverteilungen führen.5 Hier spiegeln die AutorInnen den Aufbau der Texte in den Philosophischen Untersuchungen Wittgensteins und lassen zugleich die LeserInnen eine typische konstruktivistische Lernerfahrung machen.

Auch bei dieser ungewöhnlichen partiellen Verschleierung der Herkunft mancher Argumente werden doch durch Frageformen und Themen manchmal die Sprecher transparent … das Schöne ist dann, dass dieses Vorgehen erlaubt, zwischendurch derartige Zuordnungen auch wieder zu vergessen. Die AutorInnen zeigen dabei durchaus viele relevante Unterschiede z. B. bezüglich der bevorzugten Fragereihenfolgen, ihrer Haltung zu den Skalen und zum Stellen der Wunderfrage. Wieder ist zu sehen, wie wenig normiert viele Abläufe in dem scheinbar so fast mechanisch wirkenden Procedere der SFBT liegt.

Ausblick und Vorschau

Mehr als ein Wunder: Kann es ein schöneres Motto für diesen Neuaufbruch in der Zeit nach Steve und Insoo geben? Über zwei Jahrzehnte begleitet Steve den Weg von Insa und mir, über fast eines hin durften wir auch Insoo kennen lernen. Und diese Zeit war als ganzes ein Wunder für uns. Es gab viele kleine Schritte – und letztlich blieb kaum ein Stein auf dem anderen. Wie sich die Klientinnen oft buchstäblich körperlich schon während der ersten Erwähnungen des Wunders zu verändern begannen – und wie viel Erfahrung es dann brauchte, damit es bei anderen Klienten gelang; wie dieser Ansatz von Anfang an so einfach war – und welch ungeheuere Sorgfalt und Mühe es erforderte, diese Einfachheit immer wieder zu erneuern. Doch während dieser Bemühungen wuchsen die Früchte des Bemühens wie von selbst heran. Klientinnen stellten plötzlich immer geeignetere Fragen für ihren eigenen Prozess der Lösung – und wir staunten, da wir nicht wirklich wussten, was wir denn nun richtiger gemacht hatten. Manchmal fanden wir es heraus – kaum dass ein paar Jahre vergangen waren … Und dann merkten wir, dass Steve oder Insoo auf der neuen Insel, die wir so erreicht hatten, schon lange ansässig waren.

Steve und Insoo haben das Wunder in den Alltag geholt, und, vielleicht sogar noch über die Wunder hinausgehend, die Fähigkeit zur wertschätzenden Beobachtung.

Lassen sie uns Steve und Insoo zu Ehren in unser und in andrer Menschen Leben mit so viel Wertschätzung blicken, dass die Kostbarkeit der Ressourcen wieder deutlicher wird, »einen kleinen Schritt« wie es in einem der Buchtitel von Yvonne Dolan heißt und wie es viele unsrer KlientInnen sich zur guten Angewohnheit machten: erinnern wir uns daran, dass wir dem Wunder schon begegnet sind. So lädt man Wunder ein – am besten noch heute! More than Miracles!

München, den 9. Februar 2008Matthias Varga von Kibéd

1 im Folgenden: SFBT für »Solution Focused Brief Therapy«.

2 Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen 217: »›Wie kann ich einer Regel folgen?‹ – wenn das nicht eine Frage nach den Ursachen ist, so ist es eine nach der Rechtfertigung dafür, daß ich so nach ihr handle.

Habe ich die Begründungen erschöpft, so bin ich nun auf dem harten Felsen angelangt, und mein Spaten biegt sich zurück …«

3 In dieser Hinsicht ist der Ansatz wirklich den analytischen und tiefenpsychologischen Auffassungen diametral entgegengesetzt. Aus Wittgensteins Sicht verwechselt Freud in seiner Theoriebildung Ursachen und Gründe.

4 Durch nichts wurde mir das so klar, wie wenn Insa Sparrer lösungsfokussierte Interviews führt, bei dem bis auf ein »Ja« oder »Nein« oder eine Skalenzahl die KlientInnen keine hörbaren Antworten geben müssen, ohne dass das einen relevanten Unterschied für den Gesamtablauf der lösungsfokussierten Arbeit macht.

5 und nebenbei Generationen von Doktoranden mit Fragen nach »der« richtigen Rollenverteilung beschäftigen werden.

Vorbemerkungen

Es ist mir eine besondere Freude, ein neues Vorwort für die deutsche Ausgabe von More Than Miracles schreiben zu dürfen. Steve de Shazer, dem dieses Buch gewidmet ist, fühlte sich mit seinen deutschsprachigen Kollegen und Kolleginnen auf besondere Weise verbunden und hatte große Achtung vor ihnen, und er identifizierte sich stark mit seinem deutschen Erbe. Leider verstarb Steve ein paar Wochen nach der Fertigstellung der Endfassung dieses Buches, und Insoo Kim Berg, seine Ehefrau und enge Arbeitspartnerin, verschied ein knappes Jahr nach der Veröffentlichung des Werkes in den USA.

Seit den späten 1970er Jahren widmeten sich Steve de Shazer und Insoo Kim Berg fast 30 Jahre lang der Aufgabe, den therapeutischen Ansatz zu entwickeln und konsequent zu verfeinern, der schließlich zu der international anerkannten Solution Focused Brief Therapy (SFBT/SFT)1 wurde. So wie sich durch die Begegnung mit Steve und Insoo das Leben vieler Menschen veränderte, veränderte sich auch mein Leben. Unsere Freundschaft umspannte 20 Jahre und mehrere Kontinente.

Wir begegneten uns zum ersten Mal Mitte der 1980er Jahre, als ich ihr Brief Family Therapy Center (BFTC) in Milwaukee, Wisconsin, besuchte. Von der Ambulanz des BFTC aus wurde ich in einen höhlenartigen Beobachtungsraum geführt, in dem eine große Menschengruppe saß und in gebannter Faszination zuschaute, wie eine zierliche Koreanerin mit kurzem, dunklem Haar und funkelnden Augen auf sanfte, fürsorgliche Weise hinter dem Einwegspiegel ein Therapiegespräch mit einer ungepflegten Multiproblem-Familie führte. Die Frau war Insoo Kim Berg, und sie strahlte eine unerschütterliche Achtung vor der Kompetenz, den Ressourcen und der Fähigkeit zur Selbsterkenntnis bei jedem einzelnen Familienmitglied und einen unerschütterlichen Glauben daran aus.

Ich erinnere mich, dass ich damals dachte: »Auch wenn ich mein ganzes Leben lang dafür brauche – ich möchte so therapieren lernen, wie sie das tut.« Rückblickend zeigt sich, dass ich mit diesem Zeitrahmen vielleicht gar nicht so sehr danebenlag. Als ich zwei Jahrzehnte später mit Steve in seinem letzten Lebensjahr an diesem Buch arbeitete, vertraute er mir gut gelaunt an, dass er einen großen Teil seiner Laufbahn darauf verwendet habe, alles präzise zu benennen und schriftlich festzuhalten, was Insoo tat, wenn sie lösungsfokussierte Therapien durchführte!

Steve de Shazer veröffentlichte neben zahlreichen Buchkapiteln und Artikeln fünf bahnbrechende Bücher, die bislang in 14 Sprachen übersetzt worden sind. Er war Mitbegründer des Milwaukee Brief Family Therapy Center, dessen Leitung er 1978 bis 1989 innehatte und an dem er die letzten 16 Jahre seines Lebens als Senior Research Associate wirkte.

Obwohl ich Steve de Shazer und Insoo Kim Berg über 20 Jahre lang bei ihrer Arbeit beobachtet habe, war es immer wieder eine aufschlussreiche Erfahrung, sie im Gespräch mit Klienten zu erleben. Beide gingen sehr ungezwungen mit Phasen des Schweigens um und konnten diese therapeutisch äußerst geschickt nutzen; sie betrachteten Veränderungsprozesse als einen unvermeidlichen und dynamischen Teil des Alltagslebens und wussten, dass Lösungen nicht zwangsläufig mit den Problemen zusammenhängen, die sie beseitigen.

Die lösungsfokussierte Kurztherapie ist bekanntlich zwar auf die Zukunft gerichtet und bewegt sich absichtlich an der Oberfläche des Problems, aber die Antworten der Klienten auf Kim Bergs oder de Shazers lösungsfokussierte Fragen konnten zu einer äußerst detaillierten, sehr spezifisch fokussierten Art von Lebensrückblick führen, in dem Klient und Therapeut peinlich genau die gesamte Bandbreite der Erfahrungen des Klienten durchkämmten, um zentrale Ausnahmen (d. h. Zeiten, in denen das Problem nicht vorhanden oder weniger ausgeprägt war) sowie für die Lösungsentwicklung relevante Ressourcen aufzustöbern bzw. zu benennen.

Das vielleicht bedeutsamste Moment ist das, dass Kim Berg und de Shazer Sitzung für Sitzung konsequent etwas vollbrachten, das leicht gesagt, aber oft sehr schwer umzusetzen ist: Sie zeigten großen Respekt vor den Klienten und motivierten sie leidenschaftlich zum Hoffen, und dabei gingen sie präzise, wirksam und kraftvoll mit der Sprache um. Und sie schafften es, der therapeutischen Arbeit den Anschein von Leichtigkeit zu geben.

Steve de Shazers Kommunikationsstil kann man wegen seiner präzis-knappen und sorgfältigen Wortwahl durchaus minimalistisch nennen. Doch ich würde die Aufmerksamkeit, Andacht und Fokussiertheit, mit der er seinen Klienten zuhörte, anders bezeichnen: als wertschätzende Beobachtung. Er ging nicht nur davon aus, dass Klienten ihr Bestes geben, sondern er tat etwas viel Schwierigeres und weitaus Respektvolleres: Er unterließ es ganz bewusst, auf der Basis von Annahmen menschliches Verhalten willkürlich zu interpretieren bzw. auf der Basis von Interpretationen Annahmen zu formulieren.

Über dieses Buch

Sowohl Steve als auch Insoo hatten erkannt, dass der Ansatz der lösungsfokussierten Kurztherapie, den sie mit ihren Kollegen und Kolleginnen am Brief Family Therapy Center ins Leben gerufen und entwickelt haben, einer Aktualisierung und weiteren Klarstellung bedurfte. Von der Tatsache, dass Steve an einer unheilbaren Krankheit litt, als wir die Arbeit an diesem Buch aufnahmen, ging für alle Beteiligten ein Hauch von Dringlichkeit und bittersüßer Schärfe aus. Obwohl Insoo (mit der für sie typischen Bescheidenheit) darauf bestand, auf dem Titelblatt des Buches als Letzte genannt zu werden, spiegelt sich in dem wunderbaren Falltranskript und ihren wertvollen Kommentaren der starke Einfluss, den sie auf den Inhalt des Buches hatte.

Während Steve und ich die gemeinsame Arbeit an diesem Projekt schon im Juli 2003 aufgenommen hatten, bekam das Buch seine jetzige Form erst ein paar Monate später, als einige von uns (Terry Trepper, Eric McCollum, Harry Korman und ich) ihn um ein detailliertes »Update« des lösungsfokussierten Therapieansatzes baten. Als erfahrene lösungsfokussiert arbeitende Therapeuten wollten wir wissen, wie die bahnbrechenden Gedanken von Steves Lieblingsphilosophen, Ludwig Wittgenstein, mit dem SFBT-Konzept zusammengehen und wie wir in der therapeutischen Praxis diese Ideen bei Klienten, Supervisanden und Studenten produktiv anwenden können. Ganz im Sinne des Modells verfolgten wir ein pragmatisches Ziel: Wir wollten als lösungsfokussiert arbeitende Therapeuten besser werden.

So verbrachte das Autorenteam Stunden damit, aufgezeichnete Therapiesitzungen anzuschauen und ausgiebig zu besprechen. Da bei solchen Gelegenheiten das Aufzeichnungsgerät lief, konnte ich später einen großen Teil dieser langen Gespräche transkribieren – die als Kommentare zu den Transkripten der einzelnen Therapiesitzungen und in den einzelnen Kapiteln dieses Buches ihren Niederschlag gefunden haben.

Bei der Lektüre des Buches werden Sie vielleicht feststellen, dass sich unsere Äußerungen (d. h. die der Autoren und Autorinnen) gelegentlich überschneiden, wie das in echten Gesprächen der Fall ist. Statt stilistische Unterschiede zu nivellieren, haben wir es absichtlich bei den originalen »Stimmen« belassen, damit unsere vielfältigen persönlichen Kommunikationsstile so deutlich werden wie in einem echten Seminar – was sich in der Kürze einiger und der relativen Länge anderer Kapitel, im Ton einzelner Abschnitte und natürlich in der Wortwahl widerspiegelt.

Wer schon einmal an einem unserer Workshops teilgenommen hat, wird in diesem Buch Steve de Shazers weithin bekannte knapp und elegant formulierte Sätze und seinen kernigen Humor wieder erkennen. Man »hört« auch Insoo Kim Bergs Warmherzigkeit, ihre besondere Beobachtungsgabe und ihren respektvollen Optimismus, Harry Kormans intellektuelle Neugier, Yvonne Dolans Sachlichkeit, Terry Treppers visionäre Kraft und Eric McCollums kritisches Denken.

Und nun dürfen wir Sie einladen, sich zu setzen und uns durch dieses ungewöhnliche und spannende »Seminar« über den neuesten Stand der lösungsfokussierten Kurztherapie und ihr besonderes Verhältnis zu Wittgensteins Philosophie zu begleiten. Auf den folgenden Seiten werden Sie an erstaunlichen psychotherapeutischen Sitzungen teilnehmen, den Kommentaren der Autoren und Autorinnen lauschen und gelegentlich auch ein paar Worte des Philosophen selbst vernehmen.

Bleibt noch, Ihnen unsere »Clique« vorzustellen, deren Mitglieder seit langen Jahren befreundet sind und kollegial zusammenarbeiten. Der bärtige Mann, der einen irischen Fischerpullover trägt und ein bisschen wie Sean Connery aussieht, ist Steve de Shazer. Die anmutige, kleine Frau, die eine rote Jacke trägt und ruhig und gelassen in dem großen Ledersessel sitzt, ist Insoo Kim Berg, international gefeierte Ausbilderin, Dozentin und Autorin zahlreicher Bücher und Zeitschriftenartikel zum Thema lösungsorientierte Kurztherapie. Neben ihr sitzen Eric McCollum, der an der Virginia Tech in Falls Church im US-amerikanischen Bundesstaat Virginia lehrt, und Terry Trepper, Leiter des Family Studies Program an der Purdue University im Bundesstaat Indiana. Die Person, mit der wir über den Computer in der Ecke verbunden sind und per Internet »sprechen« können, ist Harry Korman, der als Arzt, Kinderpsychiater, Ausbilder und Supervisor nach dem Modell der lösungsfokussierten Kurztherapie arbeitet und besonders daran interessiert ist, mit welcher Art von Publikationen die SFTB leichter erlernbar gemacht werden kann.

Und nun, wie Steve de Shazer zum Auftakt eines neuen Projekts immer zu sagen pflegte: »Viel Spaß!«

Yvonne DolanChicago, Januar 2008

1 Im deutschsprachigen Raum wird die SFBT als lösungsfokussierte bzw. lösungsorientierte Kurztherapie bezeichnet, wobei Steve de Shazer die erste Bezeichnung präferierte und Insoo Kim Berg die zweite. In der Schweiz hat sich der Begriff lösungsorientierter Ansatz durchgesetzt. Um den Anschluss an die internationale Entwicklung zu gewährleisten, wird in diesem Buch die gängige Abkürzung SFBT verwendet.

1. Ein kurzer Überblick

Die lösungsfokussierte Kurztherapie ist ein auf die Zukunft gerichtetes und von Zielen geleitetes Herangehen an die Kurztherapie und wurde Anfang der 1980er Jahre von Insoo Kim Berg, Steve de Shazer und ihren Kollegen gemeinsam mit Klienten am Milwaukee Brief Family Therapy Center entwickelt. Da die SFBT eher durch Induktion als durch Deduktion entstanden ist, folgt sie einem höchst disziplinierten, pragmatischen und weniger einem theoretischen Ansatz (Berg u. Miller 2007; Berg u. Reuss 1999; de Shazer 1995, 1996, 2006a, 2006b). Die Entwickler dieser Therapiemethode haben im Laufe der Jahre hunderte von Therapiestunden beobachtet und dabei sorgfältig die Fragen, Verhaltensweisen und Emotionen festgehalten, die Klienten dazu bewegten, machbare und dem realen Leben angemessene Lösungen zu entwerfen und zu realisieren.

Die Fragen, die sich am durchgängigsten mit den von den Klienten angegebenen Fortschritten und Lösungen in einen Zusammenhang bringen ließen, wurden sorgfältig notiert und gewissenhaft in das lösungsfokussierte Konzept integriert, wohingegen solche Fragen, die dieses Kriterium nicht erfüllten, bewusst verworfen wurden. Der Ansatz der lösungsfokussierten Kurztherapie hat sich seit dieser Zeit zu einer der weltweit führenden Methoden der Kurztherapie entwickelt und ist in den unterschiedlichsten wirtschaftlichen, sozial- und bildungspolitischen Bereichen zu einem enormen Einflussfaktor geworden.

1.1 Die wesentlichen Lehrsätze der lösungsfokussierten Kurztherapie

Das Konzept der SFBT basiert nicht auf einer bestimmten Theorie, sondern hat sich auf einer ganz pragmatischen Ebene entwickelt. Es hat seine Wurzeln deutlich erkennbar in den frühen Forschungen des Mental Research Institute (MRI) in Palo Alto in Kalifornien und in der Arbeit von Milton H. Erickson, in der Philosophie von Ludwig Wittgenstein und im buddhistischen Denken. Mehrere Lehrsätze dienen als Leitlinien für die Praxis der SFBT und geben diesem Ansatz sowohl Inhalt als auch Gepräge.

Was nicht kaputt ist, muss man auch nicht reparieren. Das ist der allumfassende Lehrsatz der lösungsfokussierten Kurztherapie. Auf Interventionen zielende Hypothesen, Modelle und Philosophien sind irrelevant, wenn der Klient sein Problem bereits gelöst hat. Nichts würde absurder wirken, als in einer Situation zu intervenieren, die schon bereinigt ist. Dies scheint zwar eine fast banale Erkenntnis zu sein – dennoch gibt es einige psychotherapeutische Schulen, die eine Therapie empfehlen, obwohl sich die Lage des Klienten gebessert hat, um z. B. »Wachstum« zu fördern, um »Erreichtes zu konsolidieren« oder um »tiefer liegende Bedeutungen und Strukturen« erkennen zu können. Solchen Begründungen steht das SFBT-Konzept antithetisch gegenüber. Wenn kein Problem vorliegt, sollte auch keine Therapie durchgeführt werden.

Das, was funktioniert, sollte man häufiger tun. Ähnlich dem ersten Lehrsatz folgt auch dieser dem Motto: »Finger weg!« Wenn der Klient im Begriff ist, ein Problem zu lösen, dann sollte es die primäre Aufgabe des Therapeuten sein, den Klienten zur Fortsetzung dessen zu motivieren, was bereits funktioniert. Lösungsfokussiert arbeitende Therapeuten beurteilen nicht die Qualität der Lösungen eines Klienten, sondern fragen nur, ob eine Lösung effektiv ist. Daraus ergibt sich eine weitere Aufgabe des Therapeuten: dass er nämlich dem Klienten hilft, gewünschte Veränderungen zu festigen. Dies gelingt dadurch, dass der Therapeut genau eruiert, wie Klienten sich verhalten oder reagieren, wenn es ihnen gerade besser geht. Nachdem deutlich geworden ist, was funktioniert, kann der Klient seinen Erfolg reproduzieren, und die Lösung kann sich weiter entfalten.

Wenn etwas nicht funktioniert, sollte man etwas anderes probieren. Der dritte Lehrsatz dieser Art lautet: Auch wenn eine Lösung einem noch so gut erscheinen mag – wenn sie nicht funktioniert, ist sie keine Lösung. Der Mensch hat von Natur aus die eigenartige Tendenz, Probleme immer wieder so anzupacken, dass er die gleichen Dinge wiederholt, die in der Vergangenheit schon nicht funktioniert haben. Dies trifft insbesondere im psychotherapeutischen Umfeld zu, wo viele Theorien nahe legen, dass es am Klienten liegt und nicht an der Therapie oder Theorie, wenn es ihm nicht besser geht (er also das Problem nicht löst). Nach dem Konzept der lösungsfokussierten Kurztherapie ist es dagegen so: Wenn der Klient einen Hausaufgabenvorschlag oder ein Experiment nicht umsetzt, lässt man die Aufgabe fallen und schlägt stattdessen etwas anderes vor.

Kleine Schritte können zu großen Veränderungen führen. Die lösungsfokussierte Kurztherapie kann als minimalistisches Vorgehen verstanden werden, bei dem die Konstruktion der Lösung meistens in mehreren kleinen, machbaren Schritten erfolgt. Die Annahme ist hier folgende: Sobald eine kleine Veränderung vorgenommen worden ist, führt dies zu einer Reihe weiterer Veränderungen, was dann wiederum andere Veränderungen nach sich zieht, und dies mündet allmählich ohne großen Bruch in eine viel umfassendere Veränderung des Systems. Folglich tragen kleine Schritte in der Verbesserung der Situation dazu bei, dass sich der Klient langsam und elegant dem Ziel, also den gewünschten Veränderungen im Alltagsleben, annähert und anschließend in der Lage ist, seine Situation als »besser genug« zu beschreiben, sodass die Therapie beendet werden kann.

Die Lösung hängt nicht zwangsläufig mit dem Problem direkt zusammen. Während man bei fast allen anderen auf Veränderung abzielenden Therapieansätzen nach der Abfolge »Problem führt zur Lösung« vorgeht, werden in der SFBT dadurch Lösungen entwickelt, dass der Klient zuerst beschreibt, was anders sein wird, wenn das Problem gelöst ist. Danach arbeiten Therapeut und Klient mit rückwärts gewandtem Blick, um das beschriebene Ziel zu erreichen. Das heißt, sie durchsuchen die Erfahrungen des Klienten im wirklichen Leben sorgfältig und gründlich, um solche Zeiten zu identifizieren, in denen Teile der von ihm gewünschten Lösung bereits existiert haben oder in der Zukunft möglicherweise existieren werden. Dieses Vorgehen entspricht einem Therapiemodell, in dem sehr wenig oder überhaupt keine Zeit darauf verwendet wird, den Ursprung oder das Wesen des Problems zu ergründen, die Pathologie des Klienten zu eruieren oder dysfunktionale Interaktionen zu analysieren. Zwar können solche Faktoren interessant sein und sich vielleicht auch auf das Verhalten des Klienten auswirken, doch in der SFBT fokussiert man fast ausschließlich auf die Gegenwart und Zukunft. Vor diesem Hintergrund stellt das SFBT-Konzept im Vergleich zu anderen psychotherapeutischen Modellen einen wahren Paradigmenwechsel dar.

Die Sprache der Lösungsentwicklung ist eine andere als die, die zur Problembeschreibung notwendig ist. Die Sprache, in der Probleme formuliert werden, ist tendenziell eine völlig andere als die, in der Lösungen formuliert werden. Ludwig Wittgenstein wendet das so: »Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen« (T, 6.43). Das Sprechen über Probleme ist im Allgemeinen negativ gefärbt und auf die Vergangenheit gerichtet (um den Ursprung des Problems zu beschreiben), und häufig suggeriert es das Fortbestehen eines Problems. Dagegen ist die Sprache, in der Lösungen formuliert werden, im Allgemeinen eher positiv gefärbt, erwartungsvoll und auf die Zukunft gerichtet, und sie deutet auf die Vergänglichkeit von Problemen hin.

Kein Problem besteht ohne Unterlass; es gibt immer Ausnahmen, die genutzt werden können. Dieser Lehrsatz ergibt sich aus der Vorstellung, dass Probleme vergänglich sind, und liegt der wichtigsten Interventionsart zugrunde, die in der lösungsfokussierten Kurztherapie durchgängig Anwendung findet. Gemeint ist, dass Menschen bei ihren Problemen immer Ausnahmen erleben, auch wenn es nur kleine sind, und dass diese Ausnahmen genutzt werden können, um kleine Veränderungen vorzunehmen.

Die Zukunft ist sowohl etwas Geschaffenes als auch etwas Verhandelbares. Dieser Lehrsatz bietet für die Praxis der lösungsfokussierten Kurztherapie ein solides Fundament. Der Mensch wird nicht als Gefangener seiner Verhaltensweisen betrachtet, die mit seiner Lebensgeschichte, Schichtzugehörigkeit oder einer psychologischen Diagnose zusammenhängen. Dieser Grundsatz stützt sich auf den sozialen Konstruktionismus und verweist darauf, dass die Zukunft ein Ort der Hoffnung ist, an dem die Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Das Konzept der SFBT hat seine Wurzeln in den systemtheoretisch basierten Familientherapien der 1950er und 1960er Jahre und in der Arbeit von Milton H. Erickson (Haley 1999). Sowohl Insoo Kim Berg als auch Steve de Shazer waren eng mit dem Mental Research Institute (MRI) im kalifornischen Palo Alto verbunden. Während sich die Forschungsgruppe am MRI in erster Linie auf die Problementwicklung und Problemauflösung konzentrierte (Watzlawick, Weakland u. Fisch 2001), begann man am Brief Family Therapy Center in Milwaukee, Lösungen zu explorieren. Aus mehreren Gründen kann das derzeitige Konzept der SFBT als systemische Therapie klassifiziert werden.

Erstens befassen sich nach der SFBT arbeitende Therapeuten üblicherweise mit Systemen, weil nämlich neben Einzelpersonen ebenso Paare und Familien zur Behandlung kommen. Sie treffen ihre Entscheidung darüber, wen sie in das Behandlungszimmer bitten, nach dem Kriterium, wer zur Therapiesitzung auftaucht; denn wer immer mit dem Klienten in die Praxis kommt, wird zur Therapiesitzung eingeladen.

Zweitens werden in der SFBT Lösungen exploriert, die interaktionaler Art sind, d. h., dass die Probleme der Klienten und die Ausnahmen ihrer Probleme auch andere Menschen betreffen, und dazu zählen sehr oft die Angehörigen, Arbeitskollegen oder Lebenspartner und Freunde der Klienten.

Drittens ist es in der SFBT so, dass dem Eintritt kleiner Veränderungen häufig größere Veränderungen folgen, und diese weiter reichenden Veränderungen sind meistens interaktionaler und systembezogener Natur.

1.2 Die Aufgabe des Therapeuten

Die Aufgabe, die der Therapeut in der SFBT hat, unterscheidet sich von der Rolle, die er in vielen anderen psychotherapeutischen Ansätzen einnimmt. Lösungsfokussiert arbeitende Therapeuten akzeptieren, dass es in der therapeutischen Organisation zwar eine Hierarchie gibt, diese Hierarchie aber tendenziell eher egalitär und demokratischer Natur ist als autoritär. Sie geben fast nie Urteile über den Klienten ab und vermeiden es, über die hinter seinen Wünschen, Bedürfnissen oder Verhaltensweisen stehenden Bedeutungen Interpretationen anzustellen. Die Aufgabe des nach der SFBT arbeitenden Therapeuten soll die sein, dass er Optionen auszuweiten und nicht einzuschränken versucht (Berg a. Dolan 2001). Er leitet das Therapiegespräch, tut dies aber auf behutsame Weise, und tritt dabei gewissermaßen »einen Schritt zurück« (leading from one step behind; Cantwell a. Holmes 1994, p. 17 ff.). Statt dass der Therapeut die Präsentationen des Klienten interpretiert, ihn beschwatzt, ermahnt oder zu etwas drängt, »klopft er ihm auf die Schulter« (Berg a. Dolan 2001, p. 3) und weist ihn darauf hin, dass auch eine andere Richtung überlegenswert sei.

1.3 Therapeutische Prinzipien und Techniken
Allgemeine Interventionen

Positive, kollegiale, auf eine Lösung gerichtete Einstellung. Zu den wichtigsten Aspekten, die in der lösungsfokussierten Kurztherapie zum Tragen kommen, zählen die Grundstimmung und die grundsätzliche Einstellung des Therapeuten. Seine Haltung ist insgesamt positiv, respektvoll und optimistisch, und er geht generell von der Annahme aus, dass Menschen starke Resilienzen besitzen und diese für Veränderungen nutzen können. Von zentraler Bedeutung ist außerdem die Überzeugung, dass die meisten Menschen die Stärke, Klugheit und Erfahrung haben, um eine Veränderung zustande zu bringen. Was andere Modelle als »Widerstand« definieren, gilt in der SFBT als (a) natürlicher Schutzmechanismus oder realistischer Wunsch des Klienten, vorsichtig zu sein und langsam vorzugehen, oder (b) als Fehler des Therapeuten z. B. aufgrund einer Intervention, die der Situation des Klienten nicht angemessen ist. Alle diese Annahmen sind die Voraussetzung dafür, dass Therapiesitzungen der Tendenz nach eher kollegial als hierarchiebetont angelegt sind (auch wenn, wie gesagt, lösungsfokussiert arbeitende Therapeuten den Klienten sehr wohl »mit einem Schritt Abstand« leiten) und eher auf der Kooperation als auf der Konfrontation beruhen.

Suche nach früheren Lösungen. Nach der SFBT arbeitende Therapeuten wissen, dass die meisten Klienten zuvor schon sehr viele Probleme gelöst haben. Dies war vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt, an einem anderen Ort oder in einer anderen Situation. Das Problem ist vielleicht auch wieder aufgetaucht. Die entscheidende Erkenntnis ist aber die, dass der Klient sein Problem – wenn auch nur für kurze Zeit – schon mal gelöst hat.

Suche nach Ausnahmen. Selbst wenn Klienten zuvor keine Lösung gefunden haben, die sie anstreben können, fallen den meisten von ihnen doch Beispiele für Situationen aus der Vergangenheit ein, in denen es eine Ausnahme in Bezug auf ihr Problem gab. Eine solche Ausnahme liegt dann vor, wenn es Zeiten gibt, in denen das Problem grundsätzlich da sein könnte, de facto aber nicht vorhanden ist. Der Unterschied zwischen einer früheren Lösung und dem Zustand, in dem das Problem eine Ausnahme macht, ist klein, aber signifikant. Eine frühere Lösung bezieht sich auf etwas, das jemand aus eigener Kraft probiert und das auch funktioniert hat; aber aus irgendeinem Grund ist diese erfolgreiche Lösung nicht fortgeführt und vermutlich vergessen worden. Eine Ausnahme bezieht sich auf etwas, was anstelle des Problems geschieht – und meistens nicht einmal absichtlich herbeigeführt oder vielleicht auch gar nicht verstanden wird.

Fragen statt Direktiven oder Deutungen. Natürlich sind Fragen in allen Therapiemodellen ein wichtiges Kommunikationsmittel. So arbeiten Therapeuten aller Ausrichtungen häufig mit Fragen, besonders wenn sie die Vorgeschichte des Klienten explorieren, am Anfang einer Therapiesitzung wichtige Informationen zusammentragen oder herausfinden wollen, wie der Klient die ihm aufgetragene Hausaufgabe bewältigt hat. Fragen sind für lösungsfokussiert arbeitende Therapeuten jedoch das primäre Kommunikationswerkzeug und als solche eine allumfassende Art der Intervention. Nach dem SFBT-Konzept arbeitende Therapeuten vermeiden es in der Regel, Interpretationen vorzunehmen, und bedrängen den Klienten nur selten mit direkten Herausforderungen oder Konfrontationen.

Auf die Gegenwart und Zukunft gerichtete Fragen anstelle von Fragen, die auf die Vergangenheit fokussieren. Die Fragen, die nach der SFBT arbeitende Therapeuten stellen, sind fast immer auf die Gegenwart oder Zukunft gerichtet, worin sich folgende Grundüberzeugung spiegelt: Probleme werden am besten dadurch gelöst, dass man sich auf das konzentriert, was bereits funktioniert, und darauf, wie der Klient sich sein Leben vorstellt, und sie werden nicht dadurch gelöst, dass man sich auf die Vergangenheit und den Ursprung der Probleme konzentriert.

Komplimente und Anerkennung. Dem Klienten Komplimente und Anerkennung entgegenzubringen ist ebenfalls ein wesentlicher Aspekt der SFBT. Wenn Therapeuten anerkennend bestätigen, was der Klient bereits erfolgreich unternommen hat, und würdigen, wie schwierig seine Probleme sind, ermutigen sie ihn zur Veränderung und überbringen ihm zugleich die Botschaft, dass sie ihm zugehört (d. h. ihn verstanden) haben und an ihm interessiert sind (Berg a. Dolan 2001). Komplimente im Therapiegespräch können helfen, auf den Punkt zu bringen, was der Klient bis dahin erfolgreich ausgeführt hat.

Sanfte Anstöße zu Handlungen, die schon funktioniert haben. Wenn der Therapeut mithilfe von Komplimenten und Anerkennung einen sicheren Rahmen für den Klienten geschaffen hat und frühere Lösungen und Ausnahmen des Problems entdeckt worden sind, regt er ihn behutsam dazu an, seine zuvor erfolgreichen Handlungen fortzusetzen oder Veränderungen, auf die er, der Klient, selbst gekommen ist, auszuprobieren – was häufig als »Experiment« bezeichnet wird. Es kommt nur selten vor, dass lösungsfokussiert arbeitende Therapeuten dem Klienten Vorschläge machen oder ihm Aufgaben stellen, die nicht auf seinen früheren Lösungen oder auf Ausnahmen des Problems beruhen. Am besten ist es immer, wenn Veränderungsideen und Aufgaben – zumindest indirekt während des Therapiegesprächs – vom Klienten ausgehen und nicht vom Therapeuten gestellt werden; denn der Klient ist mit diesen angestrebten Verhaltensweisen vertraut.

Spezifische Interventionen

Bereits vor der Sitzung eingetretene Veränderung. Gleich zu Beginn oder in den frühen Phasen des ersten Therapiegesprächs stellen lösungsfokussiert arbeitende Therapeuten den Klienten meistens folgende Frage: »Sind Ihnen, seit Sie den Termin für diese Sitzung gemacht haben, irgendwelche Veränderungen aufgefallen, die bereits eingetreten sind oder die sich im Moment abzeichnen?« Auf diese Frage gibt es drei mögliche Reaktionen.

Erstens: Der Klient sagt, dass überhaupt nichts geschehen sei. In diesem Fall macht der Therapeut einfach weiter und beginnt die Sitzung mit einer Frage, z. B.: »Wie kann ich Ihnen heute helfen?« oder »Was müsste heute geschehen, damit diese Sitzung wirklich hilfreich für Sie ist?«.

Zweitens: Der Klient antwortet, dass die Situation sich zu bessern beginne oder besser geworden sei. In diesem Fall stellt der Therapeut viele Fragen zu den Veränderungen, die sich abzuzeichnen beginnen, was die Erhebung vieler Einzelheiten erfordert. Damit beginnt der Prozess des »Sprechens über Lösungen«, in dem von Anfang an die Stärken und Resilienzen des Klienten betont werden und der es dem Therapeuten erlaubt, die Frage zu stellen: »Angenommen, diese Veränderungen würden weiterhin in diese Richtung gehen; wäre es dann das, was Sie gerne hätten?« Diese Frage bietet die Möglichkeit, ein konkretes, bejahendes und an Veränderung orientiertes Ziel ins Auge zu fassen.

Drittens: Der Klient teilt mit, dass die Situation gleich geblieben sei. In diesem Fall kann der Therapeut z. B. fragen: »Ist es ungewöhnlich, dass die Situation nicht schlimmer geworden ist?« oder »Wie haben Sie überhaupt verhindern können, dass die Situation nicht schlimmer geworden ist?«. Solche Fragen können Informationen über frühere Lösungen und Ausnahmen aufdecken und diese zum Thema eines lösungsfokussierten Gesprächs werden lassen.

Auf Lösungen gerichtete Ziele. Wie in vielen psychotherapeutischen Modellen sind klare, konkrete und spezifische Ziele auch im Konzept der lösungsfokussierten Kurztherapie ein wichtiges Element. Der lösungsfokussiert arbeitende Therapeut strebt an, dass sich möglichst eher kleinere als größere Ziele herauskristallisieren. Noch wichtiger ist es, Klienten dazu zu ermuntern, ihre Ziele als Lösung zu definieren und nicht als die Abwesenheit eines Problems. Es ist z. B. vorteilhafter, wenn ein Ziel so formuliert wird: »Wir wollen, dass unser Sohn netter zu uns ist« – was ausführlicher beschrieben werden müsste – und nicht so: »Wir hätten es gerne, dass unser Kind uns nicht zum Teufel wünscht«. Außerdem: Wenn ein Ziel als Lösung formuliert wird, lässt es sich leichter skalieren (siehe unten).

Die Wunderfrage. Manchen Klienten fällt es schwer, überhaupt ein Ziel zu formulieren – von einem lösungsfokussierten Ziel ganz zu schweigen. Das gilt vor allem für Multiproblem-Familien oder solche Menschen, denen das Problem so massiv vorkommt, dass sie allein schon aufgrund der Beschreibung eines Ziels den Eindruck bekommen, dadurch würde das Ausmaß des Problems und seine erdrückende Wirkung auf die Betroffenen abnehmen. Wenn man die Wunderfrage einsetzt, um nach einem Ziel des Klienten zu fragen, vermittelt dies einerseits einen gewissen Respekt vor der Größe des Problems, führt aber gleichzeitig auch dazu, dass der Klient sich kleinere und besser zu bewältigende Ziele ausdenkt.

Der genaue Wortlaut dieser Intervention kann zwar schwanken, aber die Grundformulierung ist folgende:

Ich stelle Ihnen jetzt eine ziemlich seltsame Frage. [Pause] Die seltsame Frage lautet: [Pause] Nach unserem Gespräch werden Sie zurück zu Ihrer Arbeit (nach Hause, in die Schule) gehen, und Sie werden den restlichen Tag damit verbringen, ihren Alltagsgeschäften nachzugehen, z. B. die Kinder versorgen, Abendessen zubereiten, fernsehen, die Kinder baden usw. Schließlich wird es Zeit sein, schlafen zu gehen. Um Sie herum ist es ganz still, und Sie schlafen friedlich ein. Mitten in der Nacht geschieht ein Wunder, und das Problem, über das Sie heute mit mir sprechen, ist gelöst! Doch dies geschieht, während Sie schlafen, und deshalb können Sie gar nicht wissen, dass in der Nacht ein Wunder geschehen ist, das Ihr Problem gelöst hat. [Pause] Worin könnte, wenn Sie dann morgen früh aufwachen, die kleine Veränderung bestehen, sodass Sie sagen werden: »Toll, es muss etwas passiert sein – das Problem ist weg!« (Berg a. Dolan 2001, p. 7)?

Auf die Wunderfrage reagieren Klienten ganz unterschiedlich. Manche sind verwundert und sagen vielleicht, dass sie die Frage nicht verständen. Manche lächeln auch. Wenn Klienten genügend Zeit zum Nachdenken haben, fallen Ihnen jedoch meistens einige sehr spezifische Dinge ein, die anders wären, wenn ihr Problem gelöst wäre. Diese Antworten kann man dann üblicherweise als Therapieziele annehmen. Insofern führen die Reaktionen des Klienten zu einer mehr ins Detail gehenden Beschreibung davon, wie er sich sein Leben vorstellt, was dann wieder dazu beitragen kann, dass er seine früheren Lösungen und Ausnahmen beleuchtet.

In Paar-, Familien- oder Gruppentherapien kann man die Wunderfrage den einzelnen Personen stellen oder sie an die gesamte Gruppe richten. Wenn man individuell fragt, antwortet jede einzelne Person auf die Frage, und möglicherweise reagieren die anderen Anwesenden auf die Antworten der Einzelnen. Der Therapeut könnte die anderen ermutigen, die individuell vorgetragenen Wunderbeschreibungen zu unterstützen. Wenn die Wunderfrage an das Paar, die Familie oder eine Gruppe gerichtet wird, können die Anwesenden gemeinsam ihr Wunder »erarbeiten«. Dadurch, dass der lösungsfokussiert arbeitende Therapeut versucht, unter den Teilnehmern eine kooperative Haltung zu bewahren, betont er die Ähnlichkeit ihrer Ziele und das unterstützende Moment ihrer Aussagen (weitere Einzelheiten zur »Wunderfrage« und ihrer Verwendung siehe nachfolgende Kapitel).

Skalierungsfragen. Unabhängig davon, ob der Klient ohne Umwege oder aber über die Wunderfrage auf spezifische Ziele kommt, ist die nächste Intervention wichtig: dass nämlich die einzelnen Ziele skaliert werden. Der Therapeut fragt den Klienten nach der Skala zur Wunderfrage: »Auf einer Skala von 0 bis 10 (bzw. von 1 bis 10), wo standen die Dinge, als die Stunde vereinbart wurde, wo stehen sie jetzt, und wo werden sie am Tag nach dem Wunder sein?« Dazu das Fallbeispiel eines Paares, dessen Ziel bessere Kommunikation ist:

THERAPEUT: Als Nächstes möchte ich das Problem und das Ziel auf einer Skala einstufen. Nehmen wir an, eine 1 bedeutet, dass das Problem so schlimm ist, wie es nur sein kann, dass Sie überhaupt nicht miteinander reden, sich nur streiten oder sich die ganze Zeit über aus dem Weg gehen. Und nehmen wir an, eine 10 bedeutet, dass Sie die ganze Zeit über miteinander reden, sich perfekt verständigen können und sich überhaupt nicht streiten.

EHEMANN: Das ist ziemlich unrealistisch.

THERAPEUT: Das wäre der Idealzustand. Also, wo würden Sie beide die Situation einordnen, als sie am schlimmsten war, also vielleicht zu der Zeit, kurz bevor Sie zu mir kamen?

EHEFRAU: Es war ziemlich schlimm … ich weiß nicht, … ich würde sagen, bei der 2 oder 3.

EHEMANN: Ja, ich würde sagen, bei der 2.

THERAPEUT: Okay [schreibt] … eine 2 bis 3 für Sie – und eine 2 für Sie. Nun wüsste ich noch gerne, womit Sie zufrieden wären, wenn die Therapie vorbei und erfolgreich ist.

EHEFRAU: Ich wäre mit einer 8 zufrieden.

EHEMANN: Also, ich hätte natürlich gerne eine 10, aber das ist unrealistisch. Ja, ich gebe zu, eine 8 wäre gut.

THERAPEUT: Wo würden Sie die Situation jetzt im Moment einordnen?

EHEFRAU: Ich würde sagen, sie ist ein bisschen besser, weil er mit mir hierher gekommen ist, und ich sehe, dass er versucht … ich würde sagen, vielleicht bei der 4?

EHEMANN: Also, das höre ich gern. Ich hätte nicht gedacht, dass sie die Situation so weit oben einordnet. Ich würde sie bei der 5 einordnen.

THERAPEUT: Okay, eine 4 für Sie – und eine 5 für Sie. Und Sie beide wollen, dass Sie die Situation bei der 8 haben, damit Sie sagen können, die Therapie war erfolgreich, richtig?

Diese Intervention hat zwei wesentliche Komponenten. Zum einen ist sie ein Instrument zur Beurteilung von Lösungen, d. h., wenn sie in jeder Therapiesitzung durchgeführt wird, können Therapeut und Klienten damit kontinuierlich ihren Fortschritt messen. Zum anderen ist sie per se ein wirkungsvoller Eingriff, weil sie dem Therapeuten erlaubt, auf frühere Lösungen und auf Ausnahmen zu fokussieren und auf Veränderungen während ihres Entstehens aufmerksam zu machen. Genauso, wie sich Dinge vielleicht schon vor dem ersten Therapiegespräch verändert haben, kann sich die Situation des Klienten auch zwischen den einzelnen Sitzungen in drei Richtungen entwickeln: (1) Die Situation kann besser werden; (2) die Situation kann unverändert bleiben; (3) die Situation kann sich verschlechtern.

Wenn die Klienten ihr Problem zunehmend höher skalieren und ihre Situation sich von Sitzung zu Sitzung bessert, gibt der Therapeut ihnen dafür Komplimente und Anerkennung und fordert sie zu einer ausführlichen Beschreibung auf, wie sie solche Veränderungen haben zustande bringen können. Dadurch werden nicht nur die Veränderungen bestärkt und konsolidiert, sondern auch deutliche Impulse an die Klienten gegeben, »das Begonnene fortzusetzen«. Wenn »die Situation unverändert geblieben ist«, kann der Therapeut den Klienten ebenfalls Komplimente und Anerkennung geben: entweder dafür, dass sie ihre vorgenommenen Veränderungen beibehalten haben, oder aber dafür, dass sie eine Verschlimmerung der Situation verhindert haben. Er könnte z. B. fragen: »Wie haben Sie es geschafft, dass die Situation nicht noch schlechter wurde?« Diese Frage motiviert den Klienten interessanterweise häufig zu einer Beschreibung von Veränderungen, die er herbeigeführt hat, und auch in solchen Fällen kann der Therapeut den Klienten gegenüber Komplimente und Anerkennung ausdrücken und sie darin unterstützen und ermutigen, weitere Veränderungen vorzunehmen.

THERAPEUT: Frau K., letzte Woche haben Sie sich auf der Skala für gute Kommunikation bei der 4 eingestuft. Darf ich fragen, wo Sie sich diese Woche einordnen?

EHEFRAU: [Pause] Ich würde sagen, bei der 5.

THERAPEUT: Eine 5! Klasse! Tatsächlich, in nur einer Woche.

EHEFRAU: Ja, ich glaube, unsere Verständigung hat in der vergangenen Woche besser geklappt.

THERAPEUT: Inwiefern war Ihre Verständigung in der vergangenen Woche besser?

EHEFRAU: Also, ich glaube, es liegt an Richard. Es kam mir so vor, als ob er mir in der vergangenen Woche besser zugehört hätte.

THERAPEUT: Das ist ja prima. Können Sie mir ein Beispiel nennen, wann er ihnen besser zugehört hat?

EHEFRAU: Na ja, gestern zum Beispiel. Meistens ruft er mich einmal am Tag im Geschäft an, und …

THERAPEUT: Entschuldigung, dass ich Sie unterbreche, aber haben Sie gesagt, dass er Sie einmal am Tag anruft? Im Geschäft?

EHEFRAU: Ja.

THERAPEUT: Ich bin nur etwas überrascht, denn nicht alle Männer rufen ihre Frauen jeden Tag an.

EHEFRAU: Das hat er schon immer so gemacht.

THERAPEUT: Finden Sie das gut? Ist das etwas, von dem Sie sagen würden, er soll es nicht ändern?

EHEFRAU: Ja, natürlich.

THERAPEUT: Entschuldigung, fahren Sie bitte fort. Sie haben mir gerade von gestern erzählt, als er Sie anrief.

EHEFRAU: Nun ja, meistens ist es ein kurzer Anruf. Aber ich habe ihm gegenüber ein paar Probleme erwähnt, die ich gerade hatte, und er hat mir ganz lange zugehört, er schien sich Gedanken zu machen und gab mir ein paar gute Tipps. Das war schön.

THERAPEUT: Das war also ein Beispiel dafür, wie Sie es gerne hätten, wo Sie über etwas reden können, ein Problem, und er zuhört und gute Tipps gibt? Unterstützung?

EHEFRAU: Ja.

THERAPEUT: Herr K., wussten Sie, dass Ihre Frau es gern hat, wenn Sie sie anrufen und ihr zuhören? Dass es das war, was Sie beide in den Augen Ihrer Frau auf der Skala nach oben gebracht hat?

EHEMANN: Ja, ich denke schon. Ich habe mich diese Woche echt angestrengt.

THERAPEUT: Das ist ja prima. Was haben Sie sonst noch unternommen, damit die Verständigung in dieser Woche besser geklappt hat?

Dieses Beispiel zeigt, wie das Gespräch mit dem Paar über die Skalierung seiner Situation zu einem Instrument wird, mit dem der Fortschritt der Klienten festgestellt werden kann. Der Therapeut bzw. die Therapeutin sammelt immer mehr Informationen über die kleinen Veränderungen, die die Klienten aus eigener Kraft erreicht haben und auf der Skala höher bewerten. Der lösungsfokussiert arbeitende Therapeut würde dem Paar an dieser Stelle selbstverständlich vorschlagen, seine erfolgreichen Handlungen fortzusetzen, was in diesem Fall heißt: dass der Mann seine Frau weiterhin anruft und er ihr weiterhin aktiv zuhört, was sie als so hilfreich empfunden hat (weitere Details über »Skalierungsfragen« siehe nachfolgende Kapitel).

Lösungen und Ausnahmen konstruieren. Der nach dem SFBT-Konzept arbeitende Therapeut ist die meiste Zeit der Sitzung damit beschäftigt, darauf zu achten, ob es Indizien für frühere Lösungen, für Ausnahmen und Ziele gibt. Wenn solche Hinweise auftauchen, interpunktiert er sie durch bejahende und unterstützende Äußerungen. Danach bemüht er sich, dem Gespräch über Lösungen den Vorrang zu geben. Das verlangt natürlich eine ziemliche Bandbreite anderer Fertigkeiten als die, wie sie in herkömmlichen problemorientierten Therapien eingesetzt werden. Während der problemorientiert arbeitende Therapeut darum bemüht ist, keine Hinweise darauf zu übersehen, wodurch das Problem entstanden ist oder erhalten wird, bemüht sich der lösungsfokussiert arbeitende Therapeut darum, keine Hinweise auf Fortschritte und Lösungen zu übersehen.

MUTTER: Sie lässt mich einfach immer links liegen, tut, als ob ich nicht da wäre, kommt aus der Schule nach Hause und rennt direkt in ihr Zimmer; wer weiß, was sie dort macht.

TOCHTER: Du sagst, dass wir uns die ganze Zeit über streiten, also gehe ich eben in mein Zimmer, damit wir nicht streiten.

MUTTER: Sehen Sie? Sie gibt sogar zu, dass sie versucht, mir aus dem Weg zu gehen. Ich weiß nicht, wieso sie nicht einfach nach Hause kommen und mir ein bisschen von der Schule oder sonst etwas erzählen kann, wie sie das früher gemacht hat.

THERAPEUTIN: Eine Sekunde, wann war »früher«? Anita, wann war das, als du immer nach Hause kamst und deiner Mutter von der Schule erzählt hast?

TOCHTER: Ich habe das sehr oft getan; im letzten Schulhalbjahr war das.

THERAPEUTIN: Kannst du mir ein Beispiel nennen, wann du das zum letzten Mal gemacht hast?

MUTTER: Das kann ich Ihnen sagen – es war letzte Woche. Sie war total aufgeregt, weil ihr naturwissenschaftliches Projekt ausgewählt worden ist.

THERAPEUTIN: Können Sie mir sagen, welcher Tag das war, als …?

MUTTER: Ich glaube, letzten Mittwoch.

THERAPEUTIN: Und sie kam nach Hause …

MUTTER: Sie kam ganz begeistert nach Hause.

THERAPEUTIN: Was haben Sie da gerade gemacht?

MUTTER: Ich glaube, das Übliche, ich habe das Abendessen gerichtet. Und sie kam total aufgeregt ins Zimmer, und ich fragte sie, was los sei, und sie erzählte mir, dass ihr naturwissenschaftliches Projekt für die Ausstellung in der Schule ausgewählt worden sei.

THERAPEUTIN: Toll, das ist ja eine richtige Ehre.

MUTTER: Das ist es.

THERAPEUTIN: Und was geschah dann?

MUTTER: Na ja, wir haben darüber gesprochen, und sie hat mir alles erzählt.

THERAPEUTIN: Anita, erinnerst du dich daran?

TOCHTER: Ja, klar, es war ja erst letzte Woche. Ich war ganz glücklich.

THERAPEUTIN: Und meinst du, dass es ein nettes Gespräch war, ein nettes Gespräch zwischen euch beiden?

TOCHTER: Sicher. Das ist doch das, was ich meine; ich gehe nicht immer in mein Zimmer.

THERAPEUTIN: War zu dem Zeitpunkt, also letzte Woche, vielleicht etwas anders, das es leichter machte, miteinander zu reden?

MUTTER: Eben, dass sie aufgeregt war.

TOCHTER: Meine Mutter hat einfach nur zugehört, hat sonst gar nichts gemacht.

THERAPEUTIN: Oh, das ist ja ein tolles Beispiel, danke sehr! Jetzt stelle ich mal folgende Frage: Wenn es häufiger genau so wäre, dass Anita mit Ihnen über Dinge reden würde, die für sie interessant und wichtig sind, und dass Sie, die Mutter, ihr ganz und gar zuhören würden, ohne nebenher andere Dinge zu erledigen – ist es das, wie Sie sich beide eine bessere Verständigung vorstellen würden?

TOCHTER: Ja, genau.

MUTTER: Ja.

In diesem Beispiel macht die Therapeutin Folgendes. Erstens horcht sie aufmerksam auf Signale, die auf eine Ausnahme des Problems hindeuten, d. h. auf eine Zeit hinweisen, in der das Problem hätte auftauchen können, aber nicht aufgetaucht ist. Zweitens interpunktiert sie die Ausnahme, indem sie diese noch einmal formuliert, betont, weitere Details darüber erfragt und Mutter und Tochter dafür Komplimente macht. Drittens verbindet sie die Ausnahme mit dem Ziel der Klientinnen (bzw. mit der Situation am Tag nach dem Wunder), indem sie fragt, ob das Ziel der beiden erreicht wäre, wenn diese Ausnahme öfter stattfinden würde.

Bewältigungsfragen. Wenn Klienten berichten, dass ihre Situation nicht besser geworden sei, kann der Therapeut u. U. Bewältigungsfragen stellen, z. B. die: »Wie haben Sie es geschafft zu verhindern, dass die Situation schlimmer wird?« oder »Das mag schlimm klingen, aber wie haben Sie es geschafft, damit – in dem Maß, wie Sie es tun – fertig zu werden?«.

Gibt es etwas, das ich vergessen habe zu fragen? Bevor man eine Sitzungspause macht – oder manchmal auch während des Therapiegesprächs –, kann der Therapeut den Klienten fragen: »Gibt es etwas, das ich vergessen habe zu fragen?« oder »Gibt es noch etwas, das ich wissen müsste?«.

Eine Sitzungspause einlegen und anschließend wieder zusammenkommen. In vielen familientherapeutischen Modellen wird empfohlen, dass der Therapeut gegen Ende der Sitzung eine Pause einlegt. In dieser Pause findet dann meistens ein Gespräch zwischen dem Therapeuten und einem Team von Kollegen oder Supervisoren statt, das die Sitzung beobachtet hat, dem Therapeuten Rückmeldung gibt und ihm Vorschläge macht. In der SFBT wird dem Therapeuten ebenfalls empfohlen, gegen Ende der Sitzung eine Pause einzulegen. Wenn Kollegen oder Supervisoren das Therapiegespräch beobachtet haben, geben sie dem Therapeuten ein Feedback, eine Reihe von Komplimenten für seine Klienten und Anregungen für Interventionen, die auf den Stärken der Klienten, ihren früheren Lösungen oder auf Ausnahmen des Problems beruhen. Wenn kein Beobachterteam zur Verfügung steht, macht der Therapeut dennoch eine Pause, in der er seine Gedanken ordnet, sich Komplimente für die Klienten ausdenkt und Ideen für potenzielle Experimente entwickelt. Danach kehrt er in die Sitzung zurück und kann als Auftakt Komplimente und anerkennende Worte an die Klienten richten – wie es die Therapeutin im folgenden Beispiel tut.

THERAPEUTIN: Ich wollte Ihnen einfach sagen, dass die Teamkollegen diese Woche wirklich von Ihnen beiden beeindruckt waren. Ich soll Ihnen ausrichten, dass sie von Ihnen, der Mutter, den Eindruck haben, dass Sie sich wirklich sehr um Ihre Tochter kümmern. Mutter zu sein ist echt schwer, und Sie wirken so engagiert, und es wird deutlich, wie sehr Sie Ihre Tochter lieben und wie gerne Sie ihr helfen möchten. Es hat den Kollegen sehr imponiert, dass Sie heute zur Sitzung gekommen sind, obwohl Sie arbeiten müssen und ein krankes Kind zu Hause haben. – Anita, die Kollegen möchten auch dir ein Kompliment machen für dein Engagement, das Familienleben angenehmer zu machen. Von ihnen soll ich dir sagen, für wie klug und wortgewandt sie dich halten und was du für eine gute »Naturwissenschaftlerin« bist! Ja, dass du dir anscheinend echt bewusst bist, was kleine, unbedeutende Dinge, die in deiner Familie geschehen, doch alles verändern können … Das ist es, was Naturwissenschaftler tun; sie beobachten Dinge, die Dinge zu verändern scheinen, gleichgültig, wie klein sie auch sind. Wie dem auch sei, die Teamkollegen waren von Ihnen beiden sehr angetan!

TOCHTER: [Wirkt erfreut] Klasse, danke!

Experimente und Hausaufgaben. In vielen psychotherapeutischen Modellen ist vorgesehen, dass die Klienten zwischen den einzelnen Sitzungen – meistens vom Therapeuten vorgegebene – Hausaufgaben durchführen, damit die im Therapieraum eingeleiteten Veränderungen konsolidiert werden. In der SFBT schlägt der Therapeut den Klienten am Ende der Sitzung häufig ein mögliches Experiment vor, das sie bis zum nächsten Therapiegespräch ausprobieren können – wenn sie möchten. Solche Experimente basieren auf etwas, was der Klient bereits praktiziert (d. h. auf Ausnahmen des Problems), denkt, fühlt usw. und was ihn seinem Ziel näher bringt. Manchmal denkt sich der Klient auch selbst eine Hausaufgabe aus. Beide Vorgehensweisen folgen dem Grundsatz, dass es immer besser ist, wenn die Ideen vom Klienten ausgehen, als wenn der Therapeut Vorschläge machen muss. Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens ist der Klient mit dem, was er – direkt oder indirekt – vorschlägt, persönlich vertraut. Der Grund, weshalb Klienten, die nach anderen Therapiemodellen behandelt werden, ihre Hausaufgabe nicht machen, besteht im Wesentlichen darin, dass sie dem Klienten fremd ist und zu ihrer Durchführung folglich mehr Überlegung und Anstrengung notwendig sind (was im Allgemeinen als »Widerstand« bezeichnet wird). Zweitens geben Klienten sich selbst meistens solche Hausaufgaben, die sich entweder auf bereits erfolgreich durchgeführte Handlungen beziehen (auf eine frühere Lösung) oder auf Dinge, die der Klient auch wirklich umsetzen will. In beiden Fällen verbindet der Klient die Hausaufgabe enger mit seinen Zielen und Lösungen. Drittens ist die natürliche Neigung des Klienten, gegen von außen kommende Interventionen – auch wenn dahinter noch so gute Absichten stehen – »Widerstand« zu leisten, schwächer ausgeprägt, wenn er seine Hausaufgabe selbst entwerfen kann. In der SFBT fokussiert man nicht auf den Widerstand des Klienten. Man sieht dieses Phänomen vielmehr als einen natürlichen, schützenden Prozess, den Menschen sich zunutze machen, damit sie sich langsam und vorsichtig der Veränderung nähern können – und nicht als Zeichen einer Psychopathologie. Wenn der Klient den Anstoß für eine Hausaufgabe selbst gibt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sie erfolgreich durchführt, mit Sicherheit höher.

THERAPEUTIN: Bevor wir die heutige Sitzung beenden, möchte ich Sie beide noch bitten, dass Sie sich über eine Hausaufgabe Gedanken machen. Wenn Sie sich für die kommende Woche eine Hausaufgabe geben müssten, wie würde die aussehen?

TOCHTER: Vielleicht so, dass wir mehr miteinander reden?

THERAPEUTIN: Kannst du mir das genauer erläutern?

TOCHTER: Also, dass ich versuche, mehr mit ihr zu reden, wenn ich von der Schule nach Hause komme. Und dass sie dann mit dem, was sie gerade macht, aufhört und mir zuhört.

THERAPEUTIN: Das finde ich gut. Weißt du warum? Weil es genau das ist, womit Ihr beide schon letzte Woche angefangen habt. Was halten Sie als Mutter von der Idee? Ist das eine gute Hausaufgabe?

MUTTER: Ja, die ist gut.

THERAPEUTIN: Das heißt also, um es noch einmal klar zu formulieren: Anita wird versuchen, mehr mit Ihnen zu reden, wenn sie von der Schule nach Hause kommt. Und Sie werden das, was Sie gerade machen, unterbrechen, wenn es geht, und ihr zuhören und mit ihr über das sprechen, wovon sie Ihnen gerade erzählt. Sonst noch etwas? Wollen Sie dem noch etwas hinzufügen?

MUTTER: Nein, das ist gut so. Ich muss eben mit dem, was ich gerade mache, aufhören; ich glaube, es ist wichtig, dass ich ihr zuhöre.

THERAPEUTIN: Ja, und ich hatte den Eindruck, dass das bei Ihnen beiden letzte Woche wirklich gut geklappt hat. Okay, das ist also die Aufgabe. Wir werden das nächste Mal sehen, wie es gelaufen ist.

Hier sind ein paar Aspekte hervorzuheben. Erstens werden Mutter und Tochter aufgefordert, sich selbst eine Aufgabe zu stellen – statt dass die Therapeutin ihnen einen Auftrag gibt. Zweitens ergibt sich die Aufgabe, die Mutter und Tochter formulieren, ganz natürlich aus einer früheren Lösung und aus den Ausnahmen, die sie in der Woche zuvor beobachtet haben. So etwas kommt sehr häufig vor und wird von lösungsfokussiert arbeitenden Therapeuten unterstützt. Doch selbst, wenn sich die Klientinnen eine Aufgabe gestellt hätten, die nicht auf einer früheren Lösung und auf Ausnahmen des Problems beruht hätte, hätte die Therapeutin den Vorschlag der beiden höchstwahrscheinlich gutgeheißen – denn entscheidend ist, dass die Aufgabenstellung vom Klienten kommt.

»Was ist seit unserem letzten Gespräch besser geworden, auch wenn es nur ein kleines bisschen besser ist?« Ab der zweiten Sitzung und zu Beginn eines jeden Therapiegesprächs erkundigt sich der Therapeut üblicherweise nach dem Fortschritt des Klienten, d. h. danach, was zwischen der letzten und der jetzigen Sitzung besser gewesen ist. Viele Klienten berichten, dass spürbare Besserungen zu beobachten gewesen seien. In solchen Fällen motiviert der Therapeut die Klienten dazu, diese Veränderungen so detailliert wie möglich zu beschreiben. Natürlich berichten manche Klienten auch, dass die Situation unverändert geblieben sei oder sich sogar verschlimmert habe. In solchen Fällen exploriert der Therapeut, wie die Klienten es haben verhindern können, dass die Situation nicht noch schlimmer geworden ist – bzw., wenn eine Verschlimmerung eingetreten ist, erkundigt sich der Therapeut bei den Klienten, wie sie es geschafft haben, dass die Situation nicht noch viel schlimmer geworden sei. Alles, was der Klient unternommen hat, um eine Verschlechterung abzuwenden, wird dann zum zentralen Thema und ist Anlass für Komplimente und Anerkennung und vielleicht auch für ein Experiment: alles so weiterzumachen, wie man es bisher gemacht hat. Meistens wird ausführlich darüber gesprochen, was besser geworden ist, und anschließend bittet der Therapeut die Klienten, ihre Fortschritte auf einer Skala einzustufen (wobei die Skalierung auf eine Lösung zustrebt). Wenn die Klienten sich höher einstufen als in der letzten Sitzung, macht der Therapeut ihnen Komplimente für ihre Fortschritte und hilft ihnen herauszufinden, wie sie die positive Entwicklung aufrechterhalten können.

An einem Punkt der Sitzung – möglicherweise am Anfang, vielleicht auch in einer späteren Phase – überprüft der Therapeut (häufig auf indirekte Weise), wie es mit der Hausaufgabe geklappt hat. Wenn der Klient die Aufgabe ausgeführt und sie »funktioniert«, d. h. ihm geholfen hat, seinem Ziel ein Stück näher zu kommen, macht ihm der Therapeut dafür Komplimente. Hat der Klient die Aufgabe nicht ausgeführt, erwähnt der Therapeut diese im Allgemeinen nicht mehr, sondern fragt ihn, was er anstelle der Hausaufgabe gemacht habe, das vielleicht besser gewesen sei.

Das Konzept der SFBT unterscheidet sich von anderen Therapiemodellen, z. B. kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansätzen, bei denen Hausaufgaben ein häufig eingesetztes Element sind, dadurch, dass die Aufgabe an sich nicht als Voraussetzung für Veränderung gesehen und folglich die Nichterfüllung einer Aufgabe nicht thematisiert wird. Wenn der Klient eine Hausaufgabe nicht durchgeführt hat, geht man davon aus, dass (a) der Erfüllung konkrete Hindernisse im Weg standen, z. B. Arbeit oder Krankheit; (b) der Klient die Aufgabe nicht als hilfreich empfand; (c) die Aufgabe zwischen der letzten und der jetzigen Sitzungen nicht relevant war. In keinem Fall wird Ursachenforschung betrieben. Wenn der Klient die Aufgabe erfüllt hat, die Situation aber nicht besser worden ist oder sich gar verschlechtert hat, geht der Therapeut mit dieser Tatsache genauso um, wie wenn die Probleme des Klienten unverändert geblieben wären oder sich generell verschlimmert hätten.

1.4 Anwendungsbereiche der lösungsfokussierten Kurztherapie

Die lösungsfokussierte Therapie gehört weltweit zu den beliebtesten und am häufigsten verwendeten Therapiemodellen. Weil dieser Ansatz auf dem Resilienzkonzept beruht und frühere Lösungen der Klienten und die Ausnahmen ihrer Probleme nutzbringend einsetzt, kann er bei allen Arten von Problemen angewendet werden und wird in der Tat von Klinikern bei unterschiedlichsten Problemsituationen genutzt. Zu den Anwendungsbereichen zählen u. a. die Familientherapie (McCollum a. Trepper 2001), die Paartherapie (Weiner-Davis 2004), die Behandlung von Opfern sexuellen Missbrauchs (Dolan 1991), die Suchtbehandlung (Berg u. Miller 2007; de Shazer a. Isebaert 2003) und die Behandlung von Schizophrenie (Eakes et al. 1997). Es gibt auch Selbsthilfebücher aus der lösungsfokussierten Perspektive (Dolan 1998), und der lösungsfokussierte Ansatz findet nun neben der herkömmlichen psychotherapeutischen Praxis auch Anwendung bei Interventionen in sozialdienstlichen Einrichtungen (Pichot a. Dolan 2003), im Bildungs- und Erziehungsbereich und in Modellschulen (Rhodes a. Ajmal 2001) sowie in wirtschaftlichen Organisationen (Caufmann 2001).

1.5 Studien zur Wirksamkeit lösungsfokussierter Kurztherapien

Angesichts der weit gefächerten Anwendung der SFBT sowohl im klinischen Kontext als auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen ist es bedauerlich, dass bis jetzt nicht mehr empirische Studien zur Wirksamkeit dieser Therapieart vorliegen. In der bis jetzt gründlichsten Analyse untersuchten Gingerich und Eisengart (2000) 15 empirische Studien zur Wirksamkeit lösungsfokussierter Kurztherapien. Von den fünf Untersuchungen, die als gut kontrollierte Studien beurteilt werden, weisen vier nach, dass eine lösungsfokussierte Therapie besser ist als gar keine Behandlung bzw. als die übliche Behandlung. Die fünfte Studie kommt zu dem Schluss, dass die SFBT die gleiche Wirkung hat wie die interpersonale Psychotherapie bei Depression. Die Ergebnisse der restlichen zehn Untersuchungen, die als weniger gut kontrollierte Studien beurteilt werden bzw. methodische Mängel aufweisen, bestätigen durchweg die Wirksamkeit lösungsfokussierter Kurztherapien. Gingerich und Eisengart schließen aus ihrer Analyse, dass die vorliegenden Untersuchungen zwar erst einmal für die Wirksamkeit der SFBT sprechen, aber weitere und besser kontrollierte Studien notwendig sind.

1.6 Zusammenfassung

Die SFBT stellt gegenüber der herkömmlichen Psychotherapie mit ihrer Fokussierung auf die Problementwicklung und Problemauflösung, auf die sich fast alle psychotherapeutischen Ansätze seit Freud konzentrieren, einen Paradigmenwechsel dar. Sie baut indes auf die Stärken und Resilienzen der Klienten, indem sie deren frühere Lösungen oder Lösungsentwürfe sowie Ausnahmen ihrer Probleme identifiziert und den Klienten dann mithilfe einer Reihe von Interventionen dazu ermuntert, seine bis dahin erfolgreichen Verhaltensweisen fortzusetzen. Man kann bei den unterschiedlichsten familienbezogenen Problemen lösungsfokussiert arbeiten. Während sich das Verfahren der SFBT verblüffend einfach erlernen lässt, erfordert es – wie das bei allen Therapiearten der Fall ist – großes Geschick, bis man eine professionelle Ebene erreicht hat. Die bis jetzt vorliegenden Studien zur Wirksamkeit der SFBT zeigen zwar ein positives Ergebnis, aber weitergehende Untersuchungen, vor allem klinische Versuchsstudien, sind dringend erforderlich.

2. »Ich fühle mich richtig verunsichert«

Die Klientin, Margaret, ist eine attraktive junge Frau Anfang zwanzig. Die Person, auf die Margaret unter dem Namen »Harry« Bezug nimmt, ist der Arzt Harry Korman, Margarets Primärtherapeut. Yvonne Dolan ist in dieser Sitzung die beratende Therapeutin.

YVONNE: Ich weiß es zu schätzen, dass Sie heute zu mir gekommen sind. Sie kennen mich ja noch nicht einmal.

MARGARET: [Lacht]

YVONNE: Was müsste sich hier ereignen, damit Sie, wenn Sie nach der Sitzung weggehen, sagen könnten, Ihre Zeit war gut genutzt, die Zeit, die Sie hier verbracht haben … damit es sich für Sie gelohnt hat?

MARGARET: Ich schätze Harry sehr, denn er motiviert mich zum eigenständigen Denken, wissen Sie. Verstehen Sie, was ich meine?1

YVONNE: Ich glaube schon.

MARGARET: Ja. Und, ich glaube, dass ich jedes Mal, wenn ich mit ihm spreche, ein kleines bisschen weiterkomme, es ist so wie: »Ah, okay, vielleicht muss ich über dieses und jenes nachdenken.«

YVONNE: Also das Gespräch mit Harry bewirkt etwas?

MARGARET: Ja, ich glaube schon.

YVONNE: Wäre es hilfreich, wenn wir in dieser Sitzung darüber sprechen würden, inwieweit das Gespräch mit Harry etwas bewirkt?

MARGARET: Nun ja, ach, vielleicht … ich weiß nicht, ob das notwendig ist.

YVONNE: Hm-hm. Hm-hm. Mal schauen, ob ich Sie richtig verstehe. Ähm, als ich Sie vorhin fragte, was nützlich wäre, da sagten Sie, dass es für Sie hilfreich sei, wenn Sie selbstständig denken. Das sei eine gute Sache.

MARGARET: Ja, genau.

YVONNE: Also, am Ende unserer Sitzung werden Sie zu dieser Tür hinausgehen. Womit hätten wir uns in dieser Zeit beschäftigen müssen, damit Sie sagen könnten: »Nun, ich habe etwas davon gehabt«?

MARGARET: [Lacht] Ja. Im Moment glaube ich, ich brauche Hilfe, wie ich mit der Situation umgehen sollte, in der ich mich gerade befinde.

YVONNE: Hm-hm.

MARGARET: Und, ich fühle mich richtig verunsichert. Ich weiß nicht, was ich tun soll.

Wittgenstein wendet das so: »Ein (…) Problem hat die Form: ›Ich kenne mich nicht aus‹« (PU, § 123). Das Gespräch »stellt eben alles bloß hin, und erklärt und folgert nichts. – Da alles offen daliegt, ist auch nichts zu erklären« (PU, § 126).

YVONNE: Hm-hm. Haben Sie denn irgendeine Vorstellung, wie Sie damit umgehen könnten?

Gleich zu Beginn dieser Sitzung reagiert die Therapeutin primär mit Fragen. Ist der Verlass auf Fragen ein Grundprinzip des Konzepts der SFBT oder eine Sache des persönlichen Stils? Wäre es möglich, eine gute SFBT durchzuführen, ohne sich auf Fragen zu stützen? 2

Was hier wirklich wichtig ist, das sind die Antworten der Klientin auf die Fragen der Therapeutin. Wenn man Insoo Kim Berg, Steve de Shazer, Luc Isebaert, Yvonne Dolan und anderen zuschaut, kommt man zu dem Schluss, dass Fragen ein integraler Bestandteil des Ansatzes sind. Wenn derlei Antworten der Klientin ohne Fragen entwickelt werden könnten, wäre das natürlich großartig.

MARGARET: Oh, hm. Ich weiß echt nicht. Ich weiß nicht, ob Harry Ihnen schon erzählt hat …

Damit eine Technik nützlich sein kann, muss sie durch den Filter des unmittelbaren Erlebens dieser Therapeutin in diesem Raum und natürlich durch den ihrer Persönlichkeit und ihres Hintergrunds gehen, sodass sie zu einer höchst personalisierten, sinnhaften Reaktion auf die Person in genau diesem Moment der Sitzung wird, nicht einfach in der Sitzung generell, sondern genau in diesem Augenblick. Wie macht man das?

Man muss so genau wie möglich die Worte der Klienten benutzen und darf nur darauf fokussieren, was sie einem schon gesagt haben.

YVONNE: Nein, nein.

MARGARET: … irgendetwas über mich oder …

YVONNE: Nun ja, ich habe es vorgezogen …

MARGARET: Okay.

YVONNE: … Sie einfach direkt zu fragen.

MARGARET: Okay.

YVONNE: Also, ich nehme an, er wäre dazu bereit gewesen, …

MARGARET: [Lacht]

YVONNE: … wenn er Ihr Einverständnis gehabt hätte, aber ich dachte, ich frage Sie …

MARGARET: Okay, okay.

YVONNE: … was müsste sich ereignen? Also, wenn Sie und ich die Sache heute gut gemacht hätten … wenn Sie weggehen, hätten Sie vielleicht eine hilfreiche Idee, wie Sie mit der Situation umgehen könnten?

MARGARET: Ja, schon.

YVONNE: Nun … bitte sagen Sie mir, was ich wissen muss, damit ich Ihnen so weit helfen kann, dass es Ihnen gut geht, wenn Sie an der Situation etwas ändern.

MARGARET: [Lacht]

YVONNE: So weit, dass Sie sich wohl fühlen, wenn Sie es tun.

MARGARET: Ja. Okay. Ähm. Ich kann nicht so gut Englisch, aber vielleicht –

YVONNE: Ah, Margaret, ich glaube, Sie können sogar sehr gut Englisch. Bei Schwedisch und Dänisch würde ich nur Bahnhof verstehen! Also die Tatsache, dass Sie Englisch sprechen, das beeindruckt mich schon sehr.

MARGARET: Okay.

YVONNE: Apropos, wo haben Sie eigentlich Englisch gelernt?

MARGARET: Oh, zuerst in der Schule, aber dann bin ich ein bisschen gereist, also …

YVONNE: Wohin?

MARGARET: Ich war in Australien.

Wenn die Vorgeschichte des Klienten exploriert wird, realisieren Anfänger in der SFBT häufig nicht, dass das, worüber Klienten nicht sprechen, eine genauso wichtige Informationsquelle ist wie das, worüber sie sprechen. Wie bringt man einem Anfänger bei, auf das zu hören, was fehlt?

Dies lässt sich lernen, wenn man eine Haltung des Nichtwissens annimmt. Diese Haltung ist auch hilfreich, wenn man etwas über kindliche Entwicklung, Lebenserfahrung erkunden möchte. Beispielsweise sagt die Art und Weise, wie eine Mutter von ihrem Kind erzählt, viel über die Bindung zwischen den beiden aus.

YVONNE: Meine Güte!

MARGARET: Asien, USA, Neuseeland.

YVONNE: Ui. Kein Wunder. Reisen Sie gerne?

MARGARET: Ich kann mich ganz gut [in Englisch] verständigen. Ja, das stimmt.

YVONNE: Toll!

MARGARET: Okay, also, ich will’s versuchen. Ich hatte drei Jahre lang diese Beziehung mit einem Typ, wir waren beide drogenabhängig.

YVONNE: Hm.

MARGARET: Ja. Und wir hatten ständig Streit, und es war echt nicht leicht, mit ihm zusammen zu sein. Im April dann ging ich zu dieser Familie, die mit Drogenabhängigen arbeitet und …

YVONNE: Ah.

MARGARET: … Menschen mit Problemen.

YVONNE: Hm-hm. Wie sind Sie zu dieser Entscheidung gekommen?

MARGARET: Na ja, zunächst mal … alle meine Tage waren eben einfach … ich hatte solche Angst vor allem Möglichen, und ich nahm jede Menge Drogen.

YVONNE: Also haben Sie den Entschluss gefasst, etwas zu unternehmen, zu dieser Familie zu gehen?

MARGARET: Ja.

YVONNE: Gut. Und das war im April?

MARGARET: Ja.

YVONNE: Hm. Also haben Sie einen Schritt getan?

MARGARET: Ja, ja.

YVONNE: Hm.

MARGARET: Und ich habe auch diesen Mann verlassen.

YVONNE: Auch im April?

MARGARET: Ja, genau. Aber jetzt habe ich das Problem, dass ich ihn nicht vergessen kann, und [seufzt], und ich hatte wieder Kontakt mit ihm übers Telefon.

YVONNE: Hm-hm.

MARGARET: Und die Familie, bei der ich lebe, weiß nichts davon.

Die Klientin lebt bei dieser Familie und lügt sie an und ist in Gefahr, zu dem Jungen zurückzugehen, mit dem zusammen sie Drogen genommen und der sie misshandelt hat, und doch sprechen Sie das nicht konfrontativ an?

In der Tat hatte ich angesichts der Gefahr, sie könnte zurückgehen, große Angst; aber weil ich schon mit Drogenabhängigen gearbeitet habe, weiß ich, dass man mit moralischer Überheblichkeit und Konfrontation, z. B.: »Wie, glauben Sie, würde Ihre Familie sich vorkommen, wenn sie wüsste, dass Sie sie anlügen?«, die Klientin nicht dazu motivieren kann, der Versuchung zu widerstehen, Drogen zu nehmen und zu dem gewalttätigen Mann zurückzukehren. Stattdessen stelle ich ihr weiterhin eine Reihe von Fragen, und in ihren Antworten kommt sie später dann dahin, dass sie ihren eigenen selbstmotivierenden Vortrag über die Gründe hält, weshalb es für sie nicht gut wäre, zu dem Freund, der sie misshandelt, zurückzugehen oder Drogen zu nehmen. Wenn man Klienten in Situationen wie dieser fragt, was ein anderer Mensch, der sich um sie Sorgen macht, dazu sagen würde, können sie in ihrer Antwort die Anliegen in eigene Worte fassen, und diese Worte sind viel angemessener und wirksamer als eine Lektion von außen.

YVONNE: Hm.

MARGARET: Und es ist für mich ein wirklich großes Problem, weil ich Angst habe, dass ich zu ihm zurückgehen werde und ich dann … dann weiß ich nicht, ob es funktionieren wird.

YVONNE: Also, ähm, helfen Sie mir, das zu verstehen. Sie haben also Angst, dass Sie zu ihm zurückgehen werden, und Sie wissen nicht, ob es funktionieren wird mit ihm oder mit der Familie oder für Sie oder …?

MARGARET: Ähm. [Lacht] Ich denke mal, für mich. Aber ich würde auch meine Familie sehr verletzen. Ich weiß, dass alle Angst haben, dass ich zu ihm zurückgehen werde.

YVONNE: Also, diese Familie kümmert sich so richtig um Sie?

MARGARET: Ja. Ja.

YVONNE: Ah. Und, ich denke mal, wenn diese Leute Angst um Sie haben, würde das bedeuten, dass sie nicht wollen, dass Ihnen etwas Schlimmes passiert?

Statt zu unterstellen, dass die Klientin ein schlechter Mensch ist, weil sie versucht ist, zu ihrem Freund zurückzugehen, hebt die Therapeutin die Tatsache hervor, dass die Klientin in der Vergangenheit zu guten Entscheidungen fähig war und somit vermutlich das Potenzial hat, dies wieder zu tun.

MARGARET: Ja, das stimmt.

YVONNE: Ui. Wie lange kennen Sie diese Familie schon? Erst seit April oder schon länger?

MARGARET: Nein, ähm, ich kenne die Familie Rowson seit meiner Geburt, weil sie mit meinem Vater befreundet sind. Aber wir hatten all die Jahre keinen Kontakt.

YVONNE: Hm-hm.

MARGARET: Ja.

YVONNE: Das sind also Menschen, denen Sie am Herzen liegen.

MARGARET: Ja, und ich habe meinen Vater und meine Mutter. Und ich glaube, sie werden richtig, richtig traurig sein, wenn ich zurückgehe.

YVONNE: Weswegen würden sie traurig sein, was glauben Sie?

MARGARET: Nun, ähm, zuallererst, ich glaube, sie sind halt wirklich der Ansicht, dass er nicht gut genug ist für mich.

YVONNE: Hm-hm.

MARGARET: Und er hat mich geschlagen.

YVONNE: Oh, mein Gott.

MARGARET: Ja. Und mein Vater lebt auch in [Name der Stadt] und hat echt versucht, sich mit Paul zu unterhalten.

YVONNE: Ich verstehe.

MARGARET: Ja. Und er hat versucht, uns zu helfen, das hat aber nicht geklappt.

YVONNE: Hm-hm.

MARGARET: Und ich glaube, in gewisser Weise ist er wie eine Droge für mich. Ich kann nicht … ich kann nicht aufhören, an ihn zu denken.

Wittgenstein erinnert uns daran, dass eine Empfindung, die sich in den Worten »wie eine Droge für mich« ausdrückt, oder die Tätigkeit »denken« jeweils für sich ein »›innerer‹ Vorgang« ist, der »äußerer Kriterien [bedarf]« (PU, § 580). Was Empfindungen und Gedanken anbelangt, ist nun die Frage: »Wie äußert es sich im Benehmen?« (PU, § 579). »›Das Innere ist mir verborgen‹ – ist das nicht ebenso vag, wie der Begriff des ›Inneren‹? [Absatz] (Denn bedenk nur: das Innere ist ja Empfindungen + Gedanken + Vorstellungen + Stimmung + Absicht u. s. f.)« (LSPP, § 959).

YVONNE: Hm-hm.

MARGARET: Auch wenn ich weiß, dass das nicht gut ist.

YVONNE: Hm-hm. Also, Sie … Sie sagen, dass Sie wissen, dass das nicht gut ist. Sie haben beschlossen, dass es nicht gut ist, bei ihm zu sein, und doch wollen Sie bei ihm sein?

MARGARET: Ja. Ich glaube, ich hoffe immer noch, dass es funktionieren wird, dass er sich ändern wird und …

YVONNE: Mal schauen, ob ich das richtig verstehe: Also, ich habe den Eindruck, dass Sie im April zwei wirklich große Aktionen gestartet haben. Sie zogen …

MARGARET: Hm-hm.

YVONNE: … zu dieser Familie. Sie verließen den Mann, der Sie geschlagen hat.

MARGARET: Ja.

YVONNE: Was ist mit Drogen? Haben Sie das auch geändert?

MARGARET: Ja.

YVONNE: Wie haben Sie das gemacht?

MARGARET: Nun ja, ich denke mal, ich habe einfach beschlossen … dass das ein Ende haben muss. Es war, wie wenn ich mich dafür entschieden hätte, überhaupt keine Drogen zu nehmen oder eben … Ich wusste, dass ich sterben würde …

YVONNE: Mein Gott!

MARGARET: … wenn ich so weitermache. Also …

YVONNE: Also haben Sie wirklich … Sie dachten, Sie könnten sterben?

MARGARET: Ja.

YVONNE: Hat das etwas bewirkt?

MARGARET: Ja.

YVONNE: Ah ja.

MARGARET: Vorher war ich echt, echt krank gewesen und … und sehr dünn.

YVONNE: Hm-hm.

MARGARET: Ja. Aber damals hat mir das nichts ausgemacht … einfach so: »Ist mir egal!«.

YVONNE: Hm-hm. Hm-hm. Wie kamen Sie von dort dann sozusagen zu der Einsicht, dass Sie nicht sterben wollten?

MARGARET: Na ja, ich hatte meine Eltern, und ich hatte eine Menge Freunde (um mich), die ich immer so einschätzte: »Das kümmert die gar nicht, denn ich bin ja nur ein einziges, großes Problem.« Aber ich habe eingesehen, dass es ihnen überhaupt nicht egal war. Sie hatten mich echt gern.

YVONNE: Und das haben Sie tatsächlich eingesehen?

MARGARET: Ja.

YVONNE: Wie kam es, dass Sie dieses Gefühl entwickeln konnten und dies erkennen konnten?

MARGARET: Ähm. Weil sie nie aufgaben.

YVONNE: Toll.

MARGARET: Ja. Sie waren immer bei mir.

YVONNE: Also konnten Sie einfach … weil sie bei Ihnen waren, das wussten Sie irgendwie?

MARGARET: Ja, sie kümmerten sich sehr.

YVONNE: Ich bin sehr neugierig, weil Sie sagen, er ist wie eine Art Droge.

MARGARET: Hm-hm.

YVONNE: Inwieweit ist er wie eine Droge für Sie?

Wieso haben Sie der Klientin diese Frage gestellt? Es kommt einem so vor, als ob Sie die Klientin nach dem Problem fragten.

Sie hat mir erzählt, dass sie ihre Situation verstehen will, um eine Entscheidung treffen zu können, und ich versuche, mich an dieses von ihr gesetzte Ziel zu halten, indem ich ihr klären helfe, wie sie die Situation einschätzt. Apropos Wittgenstein: Ich möchte daran festhalten, dass sie versteht, was sie weiß – ich selbst möchte verstehen, und ich möchte, dass sie versteht, was sie über diese Situation schon weiß, indem ich nach Einzelheiten frage. Wenn jemand sagt: »Er ist wie eine Droge für mich«, kann das z. B. für unterschiedliche Klienten ganz unterschiedliche Bedeutungen haben. Ein Wort bringt eine Bedeutungsaura mit sich, wie Wittgenstein sagt, und es besteht die Gefahr, dass wir von dem aus, was wir glauben, dass die andere Person es meint, auf die falschen Annahmen setzen. Es ist gefährlich, wenn wir davon ausgehen zu wissen, was der Klient meint, wenn wir es sehr wahrscheinlich eben nicht wissen. »Wie eine Droge« könnte z. B. die Bedeutung »high« nahe legen. Aber im Fall der Klientin ist er wie eine Droge, die sie unzurechnungsfähig macht. So ein simpler Satz.

Die Frage, inwieweit er eine Droge für sie ist, ermöglicht es ihr außerdem, Gründe dafür zu finden, weshalb sie nicht zu ihm zurückgehen sollte.

MARGARET: Ähm. Nun ja, als wir zusammen waren, war ich – ich hatte das Gefühl, ich könnte überhaupt nichts alleine zustande bringen.

YVONNE: Das klingt nachvollziehbar.

MARGARET: Ja.

YVONNE: Wie haben Sie einen Weg gefunden, aus der Situation auszubrechen? Das ist ziemlich unfassbar. Sie haben zwei Dinge gleichzeitig aufgegeben, so kommt es einem vor. Beide im April?

MARGARET: Ja.

YVONNE: Die Drogen und Ihre Beziehung.

MARGARET: Und ich bin letztes Jahr auch noch zu dieser Familie gezogen.

YVONNE: Hm-hm.

MARGARET: Und ich habe damals beschlossen, mit den Drogen aufzuhören, weil ich im Krankenhaus war. Mein Herz schlug nicht mehr.

YVONNE: Oh, mein Gott.

MARGARET: Das war schon das fünfte Mal.

YVONNE: Oh!

MARGARET: Und ich beschloss …

YVONNE: Ja?

MARGARET: »… okay, ich muss aufhören.« Aber ich war noch mit Paul zusammen. Also beschloss ich, zu ihm zurückzugehen, und dann, nach ein paar Wochen, fing ich wieder mit den Drogen an.

YVONNE: Hm.

MARGARET: Also …

YVONNE: Ist das der Grund, weshalb Sie Angst hatten, zu ihm zurückzugehen?

MARGARET: Ich weiß es wirklich nicht. Auf jeden Fall hatte ich die Hoffnung, dass ich erfahre, dass er jetzt nicht mehr auf Drogen ist.

YVONNE: Hm-hm.

MARGARET: Und, ich glaube, vielleicht hätten wir eine Beziehung ohne Drogen haben können.

YVONNE: Hm-hm.

MARGARET: Aber ich fürchte, dass ich meinen eigenen Kopf nicht mehr benutzen werde, und …

YVONNE: Hm-hm. Hm-hm.

MARGARET: Ich fürchte, ich kann nicht … wenn alles wieder von vorn losginge …

YVONNE: Hm. Ja.

MARGARET: Was soll ich machen?

YVONNE: Ja.

MARGARET: Bin ich stark genug wegzugehen? Ich glaube nicht, dass ich das kann. Also genau deshalb habe ich Angst.

YVONNE: Hm-hm … [Macht eine Pause] Wie schnell müssen Sie eine Entscheidung treffen?

MARGARET: Ich glaube, ziemlich bald, weil ich nicht alles hier zurücklassen und einfach weggehen will. Und, ich habe Angst, wenn ich nichts unternehme, dann werde ich eben genau das tun. Und dann lande ich halt in [Name der Stadt], wo ich früher gelebt habe.

YVONNE: Hm-hm.

MARGARET: Und ich habe auch Drogen verkauft. Also, jetzt wäre ich dann bei den Leuten, die für mich überhaupt nicht gut sind.

YVONNE: Hm-hm. Hm-hm.

MARGARET: Ja.

YVONNE: Also, jetzt kommt so eine Art Spaßfrage.

MARGARET: Hm-hm.

YVONNE: Wenn Sie eine Skala hätten und 0 bedeuten würde, dass Sie nicht im Traum an eine Entscheidung denken …

MARGARET: Hm-hm.

YVONNE: … und 10 würde bedeuten, dass Sie total zuversichtlich wären, dass Sie die richtige Entscheidung treffen, wo würden Sie sich jetzt im Moment einstufen?

Weshalb fragen Sie die Klientin hier nach Zuversicht, statt sie direkt darauf anzusprechen, dass eine Entscheidung fällig ist?

Weil sie schon im Hinblick auf ihren Freund, der angeblich wie eine Droge für sie ist, gesagt hat, dass ihr in dieser Situation nicht danach ist, überhaupt etwas tun zu können, dass sie nicht in sich hineinhört oder an sich glaubt und dass sie schlussendlich kein Vertrauen in sich hat. Selbstvertrauen ist ganz entscheidend für die Lösung; denn in der Beschreibung der Schwierigkeiten, in denen sie steckt, stellt sie die Dinge so hin, als ob sie nicht an sich glaube und kein Vertrauen in sich habe, sich aus der Situation, sollte sie in diese geraten, auch wieder befreien zu können.

MARGARET: Ich glaube, ich bin auf dem Weg, die falschen Entscheidungen zu treffen, also deshalb vielleicht 4 oder so.

YVONNE: Welchen Wert würden Sie für Zuversicht brauchen, um darauf vertrauen zu können, dass Sie für sich die richtige Entscheidung treffen?

MARGARET: Ich glaube, vielleicht 7 oder 8.

YVONNE: Vielleicht eine 7 oder 8. Und jetzt sind Sie bei der 4. Hat Harry Ihnen schon einmal die Wunderfrage gestellt?

MARGARET: Ja. [Lacht]

YVONNE: Nun gut, macht es Ihnen etwas aus, wenn ich sie Ihnen noch einmal stelle?

Manche Therapeuten würden an diesem Punkt zu der Klientin sagen: »Treffen wir eine Entscheidung.« Weshalb tun Sie das nicht?

Wenn eine produktive Entscheidung so einfach wäre, hätte die Klientin sie schon getroffen. Da sie das aber nicht getan hat, fokussiere ich zuerst darauf, wie sie das Vertrauen erlangen kann, dass sie jetzt imstande ist, eine gute Entscheidung zu treffen. Sie hat uns wissen lassen, dass sie bald eine Entscheidung treffen muss, aber Angst hat, die falsche Entscheidung zu fällen.

MARGARET: Nein.

Dadurch, dass die Klientin diese Skalierungsfragen beantwortet, liefert sie sich allmählich Gründe gegen die Entscheidung, zu ihrem Freund und den Drogen zurückzukehren. Meine eigenen Klienten sind noch lange nicht bei der Erkenntnis angelangt, dass Drogen schlecht für sie sind. Wie reagieren Sie auf Menschen, die nicht so klug sind wie diese Klientin?

Fragen an den Klienten, wie aus seiner Sicht andere Menschen über ihn denken, können hier hilfreich sein. Da Klienten in solchen Situationen wegen ihres Drogenkonsums häufig kritisiert werden, könnte man den Klienten z. B. fragen, wie er die kritisierende Person davon überzeugen könne, ihr Tun einzustellen. Wenn der Klient natürlich unwillig ist und seinen Drogenkonsum nicht beenden will, dann ist das »Nichtwissen, dass Drogen schlecht sind«, eine vernünftige Verzögerungstaktik. Nur wenn Klienten etwas anderes erreichen wollen und dieses Ziel durch Drogenentwöhnung wahrscheinlicher erreicht werden kann, werden sie feststellen, dass die Beendigung des Drogenkonsums vernünftig und richtig ist.

YVONNE: Manchmal hilft sie mir, bestimmte Dinge zu verstehen.

MARGARET: Okay.

YVONNE: Haben Sie in dieser Familie Ihr eigenes Zimmer?

MARGARET: Ja. [Lacht]

YVONNE: Mögen Sie es?

MARGARET: Ja.

YVONNE: Manchmal kann es wirklich wichtig sein, sein eigenes Zimmer zu haben.

MARGARET: Ja. Ja.

YVONNE: Angenommen, Sie gehen heute Abend dorthin zurück und tun das, was Sie normalerweise tun, um sich bettfertig zu machen.

MARGARET: Ja.

YVONNE: Und Sie sind … Sie sind gut zu sich, verstehen Sie: Sie tun alles, damit Sie sich wohl fühlen, und Sie legen sich schlafen. Haben Sie normalerweise einen guten Schlaf?

MARGARET: Nein, im Moment gerade nicht, aber – [Lacht]

YVONNE: Okay. Stellen wir uns also vor, dass Sie erst einmal Schwierigkeiten beim Einschlafen haben.

MARGARET: Ja.

YVONNE: Weil das im Moment gerade eine Art Normalzustand ist. Aber so oder so gleiten Sie allmählich in den Schlaf.

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314 стр. 7 иллюстраций
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9783849782535
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