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Sinclair Lewis

Der Mann der den Präsidenten kannte

Translator: Franz Fein

e-artnow, 2022

Kontakt: info@e-artnow.org

EAN: 4066338121127

Inhaltsverzeichnis

Erster Teil. Der Mann, der Coolidge kannte

Zweiter Teil. Die Geschichte von Mack McMack

Dritter Teil. Du weißt ja, wie die Frauen sind

Vierter Teil. Du weißt ja, wie Verwandte sind

Fünfter Teil. Reisen ist so bildend

Sechster Teil. Die grundlegenden und fundamentalen Ideale des christlich-amerikanischen Bürgertums

Für

L. M. und Agnes Birkhead und Earl und

Eva Blackman, die ebenso wie der Verfasser

die Weltanschauung des Herrn Lowell

Schmaltz und seines Seelsorgers bewundern

Erster Teil.
Der Mann, der Coolidge kannte1

Inhaltsverzeichnis

– Ja, meine Herren, ganz entschieden is es mir ein Vergnügen, Ihnen zuzuhören und Ihre Ansichten kennenzulernen. Das is nämlich eine von den Annehmlichkeiten, die man in einem Pullmanwagen wie hier hat: man kann sich drauf verlassen, daß man ne ganze Menge richtiger Mannsamerikaner mit gesunden Anschauungen und Ideen trifft.

Und jetzt möchte ich Ihnen sagen, was ich von diesen Dingen halte –

Ich bilde mir ja nicht eine Sekunde lang ein, daß ich mehr Gehirnschmalz habe als der gewöhnliche, normale Durchschnittsbürger, aber ich habe mich sehr viel mit Politik und solchen Sachen beschäftigt und – ja, wissen Sie, meiner Ansicht nach is es die Pflicht aller Bürger mit guter Erziehung, sich um die Staatsangelegenheiten zu kümmern, denn, nicht wahr, was is schließlich, wie erst gestern jemand bei uns im Kiwanis-Club gesagt hat – was is die Regierung anderes als die Vereinigung von uns allen, in der wir zu unserem gegenseitigen Schutz und Vorteil verbunden sind?

Und ich – Sie müssen nämlich wissen, ich lese die politischen Leitartikel im Advocate – das is die führende Zeitung in meiner Stadt – Zenith – also die lese ich, wie die meisten Menschen den Sportteil lesen. Und infolgedessen, und außerdem weil ich gewisse persönliche Informationen habe, deren Quellen ich Ihnen nicht verraten darf, bin ich zu der festen Überzeugung gekommen –

Also, das is etwas, woran Sie vielleicht noch nie gedacht haben, meine Herren:

Die Leute können sagen, was sie wollen, daß der Präsident Coolidge – der gute alte schweigsame Cal Coolidge! – vielleicht nicht so viel Eindruck macht wie ein paar andere Staatsmänner. Es is ja möglich, daß er nicht so gern die Klappe weit aufreißt, wie gewisse andere Männer der Öffentlichkeit, deren Namen ich nennen könnte. Vielleicht is er nicht das, was meine Tochter »ei ei« nennen würde –

Und ich muß Ihnen sagen, s geht, weiß Gott, über meinen Horizont, wo die jungen Leute von heute, alle durch die Bank, die ganzen Ausdrücke hernehmen, die sie immer im Mund haben. Also, sehen Sie, erst gestern hat zum Beispiel meine Tochter mit ihrem Bruder geredet, und Robby – so heißt der Junge; fünfzehn Jahre is er erst alt; drei Jahre jünger als seine Schwester, aber ein schlaues Aas. Ja, das is entschieden ein vielversprechendes Kind, wenn ich mich so ausdrücken darf.

Wissen Sie –

Sie dürfen aber nicht meinen, daß ich ihn drauf gebracht hätte. Der Himmel weiß, daß ich mirs leisten kann, ihm das Beste zu geben, was bei uns geboten wird, wenigstens in vernünftigen Grenzen, ich meine, so viel Kompfor und sogar Luxus, als gut für ihn is. Ich hab nie einen Ton gesagt, daß es vielleicht ne gesunde Sache für ihn wäre, wenn er mal n bißchen Geld nebenbei verdienen würde. Aber da kommt er mal am Abend grade vorm Essen rein – vor dem Dinner, den Hut schief auf dem Kopf, und sieht stolz aus wie ich weiß nicht was.

Also ich sage zu ihm: »Na, Robert Livingston –«

Natürlich heißt er mit dem zweiten Namen nicht Livingston, sondern Otto, aber wir nennen ihn oft Robert Livingston, so zum Spaß.

»Na, Robert Livingston«, sag ich zu ihm, »was meinst Du, wer Du bist? Thomas Edison oder Napoleon oder wer – oder vielleicht Red Grange!2 Nehmen Sie Platz, Mr. Grange, und gestatten Sie, daß ich Ihren Hut aufhänge.«

So zum Spaß, wissen Sie.

Also, er sieht mich bloß an –

Wenn ich die Wahrheit gestehen sollte, müßte ich ja wohl sagen, daß der Junge ziemlich gottsverdammt frech is, aber er is dabei so aasig pfiffig, daß man mit ihm nicht böse werden kann, mit dem verflixten kleinen Luder – genau so vielversprechend, wie ich in seinem Alter war. Er steht bloß da und guckt mich an und steckt die Hände in die Hosentaschen, und dann –

Ja, und was meinen Sie, was hat er dann gemacht? Er legt ne Platte auf das Ultraphon.

Sie wissen ja – das neue Grammophon, das jeden Ton der menschlichen Stimme und der Musik wiedergibt. Das is so ne neue wissenschaftliche Erfindung, auf die die Wissenschaftler lange nicht kommen konnten. Aber jetzt haben sies raus, daß nicht ein einziger von den Untertönen – oder Obertönen, oder was es sonst is – verlorengeht, die bei den früheren Reproduktionsmethoden immer verlorengegangen sind. Son Ding kostet natürlich viel mehr als n altmodisches Grammophon, aber ich bin immer der Ansicht, auf die Dauer is das Beste das Billigste.

Also, Robby, der kleine Gauner, geht ran und legt ne Platte auf, so ne Sache: »Im Expeditionskorps bin ich vielleicht Gemeiner gewesen, aber bei den Damen bin ich n General, das können Sie mir glauben.« Dann sagt er: »Vati«, sagt er, »weißt Du, wen Du vor Dir hast? Ich –«

Wohl verstanden, wie ich schon gesagt habe, ich hab ihm nicht ein einziges Mal, auch nicht mit einer Silbe, gesagt, daß er sich ne Stellung für seine schulfreie Zeit suchen und n bißchen Geld verdienen soll. Ich bin ganz entschieden der Ansicht, daß es ne ausgezeichnete Sache für nen Jungen is, n bißchen zu arbeiten, und wenns seinen Leuten noch so gut geht, damit er nämlich den Wert des Geldes kennenlernt; damit er lernt, wie hundemäßig schwer es is, sich an den ollen Mr. Dollar ranzuschleichen und ihn ordentlich beim Genick zu kriegen.

Tatsache, ne ganze Menge junge Leute scheinen heute zu meinen, daß der alte Herr ganz einfach aus Geld gemacht ist und nicht für jeden Cent, den er verdient, blutig schwitzen muß. Aber trotzdem, ich hatte gedacht, es war noch nicht die richtige Zeit, Robby das zu erklären, obwohl ich mich da vielleicht geirrt habe, und wenn ich mich geirrt habe, bin ich der Erste, der das eingesteht – Bekennen tut der Seele wohl, wie man sagt.

Ja, vielleicht hätt ich ihm das schon längst einbläuen sollen. Ich weiß aus allerbester Quelle – also Tatsache, einer meiner besten Freunde kennt jemand, der mit den Rockefellers3 sehr gut bekannt ist – und der sagt mir, daß die Rockefellers, Leute mit dem Geld, daß die ihre Familien, was Geld angeht, genau so vorsichtig erziehen wie jeder von uns: die lassen ihre Kinder nicht rumlaufen und denken, daß es gar keine Mühe macht, die Dingerchen zusammenzukratzen.

Ja also, dieser Herr hat mir eine aufschlußreiche kleine Sache über die Rockefellers erzählt, die er in eigener Person und mit seinen eigenen Ohren gehört hat. Er muß grade damals dort gewesen sein. Also, der alte John D. is dagesessen, und wahrscheinlich haben die halben Geldkönige von der ganzen Welt drauf gewartet, mit ihm sprechen zu können, und er hat mit dem jungen John D. geredet, genau so einfach und ruhig wie irgendeiner von uns. Und er hat gesagt, ich werde seine Worte nie vergessen – ich hab sie damals noch am selben Tag zu Robby wiederholt – der alte Herr sieht den jungen John D. an, und wahrscheinlich hat er, so stell ich mirs wenigstens vor, ihm die Hand auf die Schulter gelegt, und er sieht ihn an und sagt: » Mein Junge, spare in der Zeit, so hast Du in der Not

Jawoll Herr!

Aber trotzdem –

Ich fürchte, ich komm n bißchen von Coolidge ab, und wenn ich etwas hasse, dann is es n Mensch, der, wenn er von ner Sache zu reden anfängt, nicht dabei bleiben kann.

Ich erinner mich, einmal hat einer von den Buchautoren bei uns im Kiwanis-Club gesprochen, und wissen Sie, der Mensch, er kann ja vielleicht tadellos schreiben (obwohl ich eigentlich sehen möchte, wie der sich hinsetzt und nen Brief diktiert, mit dem er jemand dazu bringt, sein Konto auszugleichen, und ihn doch nicht wild macht!) – und wie gesagt, wie er schreibt, weiß ich nicht, aber wie er redet, ich sage Ihnen, is der Mensch mit der Kirche um den heißen Brei rumgegangen! Da können Sie wieder mal sehen, wie den Burschen, die sich für so mordsmäßig schlau und überlegen halten, ne ordentliche kaufmännische Ausbildung fehlt!

Also, was ich sagen wollte, Robby legt die Platte aufs Ultraphon – den Apparat müßten Sie wirklich mal ausprobieren, meine Herren – und sieht mich an und sagt: »Also, Vati, ich hab ne Stellung in Zabriskies Apotheke für die Sonnabendnachmittage, und für jeden solchen Nachmittag bezieh ich einen und einen halben Dollar!«

Gut, was? Das will ich meinen! Dabei is er erst fünfzehn.

Aber was ich eigentlich sagen wollte: Wie der Junge und seine Schwester die englische Sprache behandeln, das kann mich einfach wild machen. Also, da hat er mal mit seiner Schwester geredet, und er fängt an, sie mit einem Kerl aufzuziehen, in den sie verknallt war, und sagt: »Der Junge is ja dauernd blau.«

Aber sie gibt ihm auch gleich wieder, blitzschnell: »Ja, blau wie ne Methodistensonntagsschule!«

Jawoll Herr, es geht auf keine Kuhhaut, was diese neue Generation mit dem guten alten Englisch macht, das Sie und ich sprechen gelernt haben, in den guten alten Schulen, wo alles gründlich war, und wos Zucht gegeben hat und nicht bloß sone Wichtigmacher und Affenschwänze rumgelaufen sind, die sie ganz einfach umbringen, die Sprache nämlich, und wie ich gesagt habe, wenn Schwesterchen – so sagen wir oft zu meiner Tochter – wenn die von Coolidge reden würde, dann würde sie wahrscheinlich sagen, daß er nicht »ei ei« is.

Ja, wenn Sie die Sache so ansehen wollen, schön. Vielleicht kann er nicht so geschwollen reden wie manche Leute, die ich Ihnen nennen könnte. Aber, meine Herren, ob einer von Ihnen schon daran gedacht hat?

Er kann vielleicht nicht n blendendes Feuerwerk loslassen, aber wissen Sie, was er is? SICHER is er.

Jawoll Herr, Cal is der Präsident für richtige ganze Amerikaner wie wir.

S gibt ja allerhand Leute, die ihm eins auswischen, aber was sind die? Ihr süßes Leben können Sie wetten, daß er bei Säufern nicht beliebt is, oder bei Verbrechern oder Anarchisten oder Gehirnakrobaten oder Zynikern –

Ich weiß noch, wie unser Pastor einmal gesagt hat: »Ein Zyniker is ein Mensch, der höhnt, und ein Mensch, der höhnt, lehnt sich auf und sagt Gott, daß er mit Gottes Arbeit nicht einverstanden is!« Nee Herr, Sie können Gift drauf nehmen, daß Coolidge nicht beliebt is bei den Bolschewisten oder bei so nem faulen Hund von Arbeiter, der fünfzehn Dollars im Tag für Nichtstun haben will! Nee Herr, und bei den Kokainschweinen auch nicht oder bei Säufern oder bei den Kerlen, die das Prohibitionsgesetz nicht unterstützen wollen –

Ich will ja nicht sagen, daß ich nie n Schluck trinke. Meine Ansicht über die Prohibition is:

Sobald ein Gesetz mal bei den rechtmäßig gewählten und eingesetzten Volksvertretern der Vereinigten Staaten durchgegangen is, also, sobald es mal in den Gesetzbüchern steht, is es da, und es is da, um unterstützt zu werden. Blinde Kneipen und illegale Destillen dürft es gar nicht geben, aber trotzdem, das braucht noch lange nicht heißen, daß man n Fanatiker werden soll.

Wenn jemand Lust hat, sich gutes selbstgebrautes Bier oder Wein zu machen, oder wenn man zu jemand ins Haus kommt und er Rum oder Gin anbringt, von dem man selber nicht weiß, wo er ihn her hat, und es einen weiter nichts angeht, oder wenn n Geschäftsfreund zu Ihnen kommt und Sie meinen, daß er ohne ne kleine Nachhilfe steif bleibt und nicht reden will, und Sie n guten verläßlichen Bootlegger kennen, auf den Sie sich verlassen können, ja, das is dann wieder ne andere Sache, und ich wenigstens kann keinen Grund auf Gottes grüner Erde finden, warum man sich das nicht zu Nutze machen sollte, immer vorausgesetzt selbstverständlich, daß Sie nicht jemandem ein schlechtes Beispiel geben oder die Sache so aussieht, als ob Sie was dafür übrig hätten, die Gesetze zu verletzen.

Nee Herr!

Aber um jetzt auf den Kern meiner Geschichte zu kommen, ich hoffe, daß ich Ihnen eine angenehme kleine Überraschung bereiten kann, meine Herren.

Ich kenne Coolidge persönlich!

Jawoll Herr, ich war sogar Jahrgangskollege von ihm! So sicher, wie ich Ihnen das sage! Ich werde den Herren ein genaues Bild von ihm geben, nicht nur wie ich ihn im College gesehen habe, sondern auch, wie ich ihn im Weißen Haus studiert habe!

Wenn ich sage, daß ich Jahrgangskollege von ihm war –

Also, die Sache is die: gewisse unglückliche Familienereignisse, auf die ich nicht einzugehen brauche, und die Sie auch nicht interessieren würden, haben mich daran verhindert, meine College-Ausbildung zu vollenden –

Mein Vater, und das war ein feiner, aufrechter, gebildeter Herr von der alten Schule, den immer eine hilfreiche Hand für jeden Sterblichen, ders nötig gehabt hat, schmückte, ein Mann mit prima Ruf in seiner Gemeinde – Fall River, Mass.; ja, ich bin in Fall River geboren worden und aufgewachsen, und das is, wie Sie vielleicht wissen, eine der schönsten und unternehmendsten und fortschrittlichsten Gemeinden im schönen Staate Massachusetts – er war dort der führende Mais- und Futtermittelhändler in seinem ganzen Bezirk von Fall River.

Aber leider hat er dem Rat eines sogenannten Freundes zu viel Vertrauen geschenkt.

Die Sache is die: er legte seine Ersparnisse in einer Perpetuum mobile-Gesellschaft an, die wenig oder gar keinen Wert hatte. Er starb, und das geschah ganz plötzlich im Dezember meines Fuchsjahres, und da mußte ich zurück nach Hause und die Bürde der Familienerhaltung auf meine Schultern laden.

Aber ich habe ganz entschieden auch in dieser verhältnismäßig kurzen Zeit in Amherst ne ganze Menge Wertvolles gelernt, und die Herren im Kiwanis-Club sagen mir, daß sie an der Qualität der Ansprachen oder Anträge, die ich im Club vielleicht einzubringen habe, und an den Begrüßungen der Redner sehen können, was für Erziehungsvorteile ich genossen habe.

Also eben damals im College hatte ich Gelegenheit, ein genaues Bild von Cal Coolidge zu bekommen, wie es vielleicht in diesen späteren arbeitsreichen Jahren, wo die Sorge um das Gedeihen der Nation auf ihm lastet, selbst seinen intimeren Mitarbeitern versagt geblieben is.

Ich könnte mich wohl nicht zu den engeren Freunden zählen, die Cal im College hatte, aber ich kannte ihn ziemlich gut. Wir haben nicht weit voneinander gewohnt, und ich hab ihn damals sehr oft gesehen. Ich will nicht leugnen, daß ich nie daran gedacht habe, daß er zu seiner jetzigen hohen Stellung und seinem internationalen und historischen Ruhm emporklimmen würde, aber auch schon damals konnte man an seiner Art zu arbeiten und an seiner Art, sich alles von allen Seiten anzusehen, bevor er etwas Unüberlegtes tat, sehen, daß er es zu etwas bringen würde, ganz egal welche Branche des Lebens er auch ergreifen sollte. Und wenn Sie wieder einmal einen über Coolidge meckern hören, dann sagen Sie ihm bloß das, ja, von einem, der ihn gekannt hat in einer Zeit, wo er noch nicht von Schmeicheleien umgeben war.

Ich weiß noch so genau, als obs gestern gewesen wäre, wie Cal und ich mal zusammen aus einer Vorlesung gekommen sind und ich gesagt habe: »Na, das wird ein kalter Winter werden«, und er hat sofort geantwortet: »Ja.«

Hat nicht ne Menge Zeit mit Streiten und Diskutieren verschwendet! Er hats gewußt!

Und noch etwas: Ich bin mit dem Lateinischen nie recht gut zu Rande gekommen. Mein Talent, könnte man sagen, liegt mehr auf dem Praktischen. Ich fragte Cal – wir gingen grade zusammen in die Vorlesung, und ich fragte ihn: »Sag mal, was heißt Widerstand leisten auf lateinisch?«

»Weiß nicht«, sagte er. Kein Rumreden und kein Aufschneiden und Bluffen, nee, gleich is er damit rausgekommen, peng! So n Mann is er, das lassen Sie sich von einem sagen, der ihn kennt! Jawoll, Herr, ich kannte den Jungen und hatte ihn gern und schätzte ihn, wie alle, die die seltene Möglichkeit hatten, ihn zu verstehen!

Und sich vorzustellen, daß ich nicht bekannt mit ihm geworden wäre, wenn wir nicht Kollegen in einem kleinen College gewesen wären!

Ich will Ihnen sagen, was ich davon halte, meine Herren: Der große, man könnte sagen, der unüberwindliche Vorteil der kleineren Erziehungsinstitute is, daß sie die jungen Leute so nah in Kontakt bringen und – wie Dr. Frank Crane4 irgendwo in einer von seinen Sachen sagt – diese genaue Kenntnis des menschlichen Wesens liefern, die den jungen Menschen befähigt, in seinen künftigen Lebensbahnen und Kämpfen ums Dasein den Sieg davonzutragen. Das is meine Erfahrung gewesen.

Ja, und trotzdem –

Diese großen modernen Universitäten mit ihren Laboratorien und Stadiums und allen Sachen – sie haben wirklich etwas für sich; und ich muß Ihnen sagen, mein Sohn bereitet sich darauf vor, auf die Staatsuniversität zu gehen.

Aber trotzdem:

Da ich den Vorzug hatte – obwohl ich mir durchaus kein Verdienst daran gutschreibe, wohlgemerkt – auf meine bescheidene Weise mit Coolidge auf ziemlich nahem Fuß zu stehen, hab ich natürlich seinen Aufstieg zu weltweitem Ruhm mit besonderem Interesse verfolgt, und nachdem er Präsident geworden war, hab ich oft zu meiner Frau gesagt: »Herrgott, ich würde den Jungen gern mal sehen und ihm bloß wieder mal die Flosse drücken.«

Wohlgemerkt, nicht, weil er Präsident is. Schließlich hab ich ja auch ne Stellung erreicht, in der ich genau so unabhängig bin wie jeder andere. Ein amerikanischer Bürger hats nicht notwendig, vor irgendwem zu katzbuckeln oder Kotau zu machen, und wenns der Präsident oder n Millionär oder die Königin Marie5 von Bulgarien is oder sonst wer –

Übrigens, die Königin Marie hat sich in Zenith aufgehalten. Sie is fast ne ganze Stunde zwischen zwei Zügen dagewesen, und ich kann Ihnen sagen, wir hatten dafür gesorgt, daß sie sich nicht langweilt. Der Bürgermeister hat ihr ne Rede gehalten und n Tintenzeug mit Goldverzierungen geschenkt, son kombiniertes Ding, wissen Sie, mit Thermometer und Tageskalender, und ich möcht wetten, daß sies grade jetzt den Leuten in ihrem Palast zeigt. Aber was ich sagen wollte:

Nicht, weil er Präsident is, wie ich meiner Frau auseinandersetzte, sondern –

»Übrigens«, hab ich zu ihr gesagt, »ganz unter uns beiden, ich geh jede Wette ein, daß der Junge vor Freude einfach platzen würde, wo er sich doch immer mit Botschaftern und Generälen und Frank Kellogg und den ganzen großen Bonzen abgeben muß, wenn er sich mal für ne Minute gehen lassen und mit nem Menschen unterhalten kann, mit dem er in den alten sorgenfreien Tagen, bevor wir beide die Verantwortlichkeiten unserer jetzigen Laufbahnen auf uns genommen haben, so oft gelacht und gescherzt hat.«

Na und ungefähr vor sechs Monaten, als wir ne kleine Spritztour nach New York machen wollten –

Ich mußte nach New York, um mir n neues Hektographenmodell anzusehen. Ich bin in der Büroartikelbranche, müssen Sie wissen, und lassen Sie sich von mir sagen, meine Herren, daß ich, obwohl ich der Erste bin, der vor anderen Berufen Achtung hat, obwohl ich den Chirurgen ehre, der Sie noch retten kann, wenn Sie sich nur noch mit einem Bein ans Leben klammern, den Anwalt, der so glänzend Ihre Sache vertreten kann – obwohl ich persönlich immer der Ansicht bin, daß es besser is, sich ohne Gerichtsverfahren zu verständigen – oder den großen Bankier oder Warenhausbesitzer, trotzdem muß ich Ihnen bei aller Gerechtigkeit sagen:

Wer is es, der diesen Herren die Möglichkeit gibt, Geschäfte zu machen und ihre großen Ideen modern, rasch und zeitsparend auszuführen? Wer anders is es als der Mann mit den Büroartikeln? Jawohl, meine Herren, ich bin stolz auf meinen Beruf, und ich habe auch die Ehre, den Büroartikelhandel in unserem großen Zenither Kiwanis-Club zu repräsentieren!

Nehmen Sie bloß mal Registrierschränke!

Ich sage immer, manchmal lachen mich die Jungs im Athletic-Club aus, aber gutmütig, weil ich ebenso prächtige Freunde habe wie irgendwer, den ich kenne, glauben Sie mir, auf die bin ich allerhand stolz, ja, und da sag ich ihnen manchmal: »Jungens«, sage ich, »Ihr müßt schon entschuldigen, wenn ich blumig werde, aber ich bin ein großer Leser von Oberst Bob Ingersoll – obwohl ich der Erste bin, die unglückseligen religiösen Gedanken und den Skeptizismus zu verdammen, der diesen sonst großen Philosophen und öffentlichen Redner verunstaltet hat, und wahrscheinlich hab ich es von ihm, daß ich rede, ohne mich auf billige und vulgäre Phrasen beschränken zu müssen, abgesehen davon, daß ich Akademiker bin und –

»Entschuldigt, wenn ich große Worte mache«, sag ich oft zu ihnen – beim Lunch im Athletic-Club, wissen Sie – Sie wissen ja, wie viele Menschen zu schwefeln und zu schwatzen anfangen, wenn sie türmen und wieder in ihr Büro und an die Arbeit sollten, aber –

»Vielleicht meint Ihr, daß das n bißchen verrückt von mir is«, sage ich ihnen, »aber für mich sind die Schönheiten des modernen Registriersystems, das die Menschen in die Lage versetzt, augenblicklich und ohne den geringsten Zeit- oder Kraftverlust einen Brief zu finden, von dem vielleicht der Abschluß eines wichtigen Geschäfts abhängt, praktisch gesehen, ganz zu geschweigen von der äußeren Erscheinung moderner heutiger Registrierschränke, die nicht mehr hölzerne Kisten sind, sondern entweder Stahl oder feuersicheres Holz, das schönste Beispiel für die Kunst des Kunsttischlers, und die seltensten Holzarten vollkommen imitieren – für mich«, sage ich ihnen oft, »sind diese Registriersysteme in jeder Hinsicht so schön wie des Dichters Lied, wie die Rosen auf den Wangen der Jungfrau, wenn sie zum erstenmal die ersten geflüsterten Liebesworte hört, oder das zarte Zirpen der Vogelmutter zur Abendzeit, wenn sie ihren Nestlingen zuzirpt. Jawoll Herrschaften, Euer süßes Leben könnt Ihr wetten, daß sie so schön sind, und wenn Ihr noch soviel darüber lacht!«

Also wie gesagt, ich mußte nach New York, um nachzusehen –

Gewöhnlich kauf ich in Chicago ein, aber das war eine neue Erfindung, die die Grossisten in Chicago noch nicht hatten. Ich war ziemlich runtergearbeitet, und meine Frau war auch nicht ganz auf dem Posten, sie hatte ne Grippe hinter sich und war noch in den Nachwehen –

Wissen Sie, is das ein Fluch! Ich weiß nicht, meine Herren, ob jemand von Ihnen schon mal dran gedacht hat, daß die Grippe, obwohl sie in jedem einzelnen Fall viel weniger gefährlich is als sone Krankheiten wie Pest oder Gehirnentzündung, trotzdem, wenn man die Anzahl der Leute bedenkt, die daran erkranken – und schließlich, wenn man sich mit etwas beschäftigt, muß man die Statistik kennenlernen – natürlich hat n Büroartikelmensch da, weil er im Geschäft is, selbstverständlich große Vorteile – wenn Sie bedenken, wie viele Leute die Grippe kriegen, dann siehts aus, als ob sie eine der wichtigsten Krankheiten wäre. Ich kann Ihnen sagen, ich bin so religiös wie sonst wer, und ich denk auch nicht im Traum daran, an den Lehren der Prediger rumzukritteln – die sollen nur Theologie und Religion ausknobeln, sag ich immer, und ich bleib beim Büroartikelgeschäft. Aber muß man nicht manchmal fast an der Vorsehung zweifeln, wenn man die rätselhaften Wege sieht, wie die Krankheit den Gerechten mit dem Ungerechten heimsucht?

Na ja, also meiner Frau is noch immer die Nase gelaufen, und Kopfschmerzen hat sie auch noch gehabt, mehr als sechs Wochen nachdem der Doktor gesagt hat, daß er sie ganz von der Grippe geheilt hat!

Und da hab ich zu ihr gesagt: »Mausi«, so sag ich oft zu ihr, »was meinst Du, wenn Du und ich und Delmerine –«

Delmerine, so heißt nämlich meine Tochter. Übrigens, ich hab mich ja noch gar nicht vorgestellt. Lowell Schmaltz ist mein Name –

Komisch! Ne ganze Menge Leute halten Schmaltz für nen deutschen Namen, aber selbstverständlich, wenn man sichs genau ansieht, is er natürlich gar nicht deutsch, sondern Pennsylvania-Dutch, und das is ja fast genau dasselbe wie Neuengland-Yankee, und –

Also, ich dachte, Delmerine könnte ganz gut weg, weil sie mit der Hochschule fertig war.

Ich hab sie gefragt, ob sie ins College will – selbstverständlich könnt ich mirs ausgezeichnet leisten, sie hinzuschicken – aber sie hat sich die Sache überlegt und fühlt sich mehr so n bißchen zum Musikalischen berufen, und da hat sie sich auf Gesang und Klavier gelegt. Aber ich dachte, das könnte sie ja ganz gut auf n paar Wochen unterbrechen, und da sagte ich –

Robby (das ist mein Sohn), der konnte natürlich nicht weg, weil er in der Schule war, aber –

Also, ich sage zu meiner Frau: »Muttchen, was würdest Du dazu sagen – ich muß wegen ner geschäftlichen Sache nach New York, und jetzt is ziemlich flau, und wie wärs, wenn Du mit Delmerine mitkommst und Ihr Euch die Stadt und alles anseht?«

Mensch, hat die Frau sich aasig gefreut! Sie hat New York noch nicht gekannt, und natürlich, da –

Also nicht, daß ich in dem großen Nest leben möchte. Ich sage immer: New York is ne blendende Sache für nen Besuch von n paar Tagen, mit den Theatern und dem ganzen Zeug, aber dort zu leben – nee, ich würde nicht dort leben, und wenn man mir den Times Square geben würde und noch den River Side-Korso als Zugabe. Mit Zenith verglichen –

Sie können mir glauben, meine Herren –

Ich halte nichts davon, rumzulaufen und ununterbrochen vom eigenen Nest rumzutrompeten. Zenith wird ja wohl, praktisch sozusagen, nicht besser sein als Minneapolis und Cincinnati oder Pittsburgh zum Beispiel. Aber es is ganz entschieden ne erstklassige Stadt, und ob Sies wissen oder nicht, wir stehen nicht nur an erster Weltstelle in der Erzeugung von Lautsprechern und Monteuranzügen, wir haben auch seit Lindberghs Transozeanflug alle Pläne ausgearbeitet und auch schon n hübsches Stück Geld aufgebracht, um das größte und schönste Flugfeld zwischen Chicago und New York zu bauen, außer Detroit und Dayton natürlich, und ins Areodrom soll n Restaurang kommen, das vierundzwanzig Stunden im Tag warme Küche hat.

Und ich muß sagen, Muttchen und mir gehts recht gut dort. Glauben Sie mir, wir habens nicht nötig zu reisen, um zu lernen, wie man wohnen soll! Es is erst n paar Jahre her, da hab ich n blendendes kleines Häuschen fertiggebaut, im italienischen Villenstil, mit nem spanischen Missionseingang. Wir haben zwei Badezimmer und nen Kamin, und alles erstklassig eingerichtet, und im Suterreng hab ich ne elektrische Waschmaschine und nen Mülleinäscherer installieren lassen, und dann haben wir noch ne Sache, die Sie nicht in vielen Häusern finden werden: in beiden Badezimmern hab ich nen Schlitz in der Mauer, direkt neben dem Waschbecken, zum Aufheben von den Rasierklingen.

Und wissen Sie! Ich hab nen großartigen Plan. Einmal werd ich so weit sein – und ich bin, weiß Gott, kein Kind mehr! – s klingt verrückt, aber das war doch der größte Luxus, den Sie sich ausdenken können, meine Herren; denken Sie bloß, wenn Sie n schönes, langes, gemütliches heißes Bad nehmen; einmal werd ich mir n Radio in meinem Badezimmer anbringen! Aber das ist ein Ideal, das erst ausgeführt werden muß. Vielleicht wird das mein Beitrag zum amerikanischen Fortschritt sein. Aber reden wir vorläufig noch nicht davon. Wie ich sage, wir wohnen gar nicht so schlecht.

Und selbstverständlich fahr ich selber meinen Chrysler, und meiner Frau hab ich n Chevroletcoupé geschenkt –

Junge, Junge, hab ich die damals hochgehen lassen. Sie is ne eklig nette kleine Frau, wenn ich so sagen darf; immer ne prima Ehefrau gewesen, auch wenn sie manchmal n bißchen schimpft, daß ich zu schnell fahre. Also, an ihrem letzten Geburtstag komm ich nach Haus, und natürlich is sie in der ganzen Bude rumgefahren wie ne besoffene Wespe, weil ich an ihrem Geburtstag immer was für sie in der Tasche habe.

»Weißt Du, was für n Tag heute is?« sag ich schließlich zu ihr, nachdem ich mir die Zeitung durchgesehen und n bißchen Radio gehört hab – obwohl ich noch ganz genau weiß, daß damals nichts zu hören war, als die täglichen Berichte vom Packhof in Omaha.

Sie macht ne vergnügte Miene und versucht n Gesicht aufzustecken, als ob sie nichts wüßte, und sagt: »Nein, warum denn?«

»Es is der Tag – oder wird vielmehr der Abend sein – an dem der Kampf Kid Milligan – Pooch Federstein stattfindet, und wir sollten wohl n paar Leute einladen und am Radio zuhören«, sag ich.

Na, Herrschaften, hat das arme Wurm vielleicht enttäuscht ausgesehen. Ich wußte nicht recht, ob sie sich zusammennehmen oder ob sie mich runterputzen wird – ich kann nicht leugnen, daß sie das manchmal macht. Aber sie war anständig und hat nichts gesagt, und ziemlich bald, so nach fünfzehn, oder vielleicht waren es auch zwanzig Minuten, sage ich, wir könnten n bißchen rausgehen und nen kleinen Spaziergang vorm Essen machen. Na, inzwischen, verstehen Sie, hab ich das Chevroletcoupé bringen und direkt vorm Haus aufstellen lassen.

»N hübscher kleiner Wagen«, sag ich, wie ich den Chevrolet sehe. »Wie der wohl läuft?«

Und ich geh hin und setz mich rein und laß ihn an!

Na, Herr – Sie wissen ja, wie Weiber sich aufführen. Sie schimpft mich aus, und sie meckert, und sie wird ganz empört und sagt: »Aber Lowell Schmaltz«, sagt sie, »was soll denn das heißen? Was wird denn der Besitzer sagen?«

»Ne ganze Menge wird er wohl sagen«, ich hab lachen müssen, »wenn er – oder sie – mich drin sieht!«

»Also, ich hätt es nie für möglich gehalten, daß Du so was tust«, sagt sie. »Sofort schaust Du, daß Du aus dem Wagen rauskommst!«

Junge, was war die wild!

»So wird man also behandelt, was«, sag ich und setz n beleidigtes Gesicht auf und geh raus, und dann zeig ich ihr ne kleine Karte, die ich an den Türgriff angebunden hatte – ich hab sie selbstverständlich selber angebunden – und dadrauf stand: »Für Muttchen zu ihrem Geburtstag von Männe« – Männe – is ja n bißchen komisch, aber so sagt sie manchmal zu mir, wenn wir so n bißchen Dummheiten machen.

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11 октября 2024
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