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Wie aus dem Ei gepellt ...

Erzählungen, Märchen und Gedichte zur Osterzeit

Band 1

Sandy Penner (Hrsg.)


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Impressum

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2021 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstr. 10, 88085 Langenargen

Alle Rechte vorbehalten. Taschenbuchauflage erschienen 2011.

Titelbild: © gestaltet mit Bildern von Martina Orlich – Fotolia lizenziert

Herstellung: CAT creativ - cat-creativ.at

ISBN: 978-3-86196-050-8 - Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-425-2 - E-Book

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Inhalt

Weißfell

Ostern bei Oma

Das Wunschei

Der Hase im Mond

Die Hexe und der Hase

Ostertausch

Ostergruß

Sterne für Nico

Die verstummte Osterglocke

Das Geheimnis im Schuppen

Die Hasen und die Sternfabrik

Das schwarze Ei

Lämmchen & Palmkätzchen suchen ein Zuhause

Das farblose Land

Der Osterhasenschreck

Kleiner Eisbär mit großem Mut

Gibt es den Osterhasen?

Karla und der Osterhase

Die Osterbäumchen

Oster-Anna

Der Jesus in mir

Hexe Rosina und der verzauberte Osterhase

Bankrott! Ruin!

Exklusivinterview mit dem Osterhasen Mr. O

Die Geschichte vom Osterhasen

Hoothie - die Osterkatastrophe

Osterüberraschung vom Weihnachtsmann

Ein Hase namens Paulchen

Puschel hat verschlafen

Alexia und das grüne Kaninchen

Dominiks Osterüberraschung

Edward und die Osterfee

Vergiftete Schokoladeneier zu Ostern

Die Aushilfe

Der Hase mit der Schnupfennase

Warum wir dieses Jahr Ostern feiern können

Der fliegende Osterhase

Von Beruf Osterhase

Wie der Weihnachtsmann das Osterfest rettete

Lauras Osterschweinchen

Am Ufer der Vechte

Lilo Löffels Osterfest

Ostererzählung

Aber was ist mit Belli?

Wandozh von Osterland

Fiona, das Osterküken

Frida will wissen, was Ostern ist

Der Osterhase braucht Hilfe

Carinas Suche nach dem Osterhasen

Neue Mützen für die Hasenkinder

Häschen Sausewind und der Osterhase

Ich hab den Osterhasen gesehen!

Hopps rettet Ostern

Simson

Der Osterring

Eine Ostergeschichte

Osterzauber

Osterzeit bei Pastor Plumm

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Weißfell

Das kleine Häschen Weißfell atmete tief durch und ein Seufzer entfloh seinem Innersten. Alle seine Geschwister lebten weit verstreut hinter dem großen Wald und es hatte schon seit längerer Zeit nichts mehr von ihnen gehört. Es war ganz allein und bis zum Osterfest waren es nur noch ein paar Tage.

Das Häschen Weißfell fragte sich, wie es das alles schaffen sollte. Schon jetzt hatte es heimlich beobachtet, wie einige Kinder mit leuchtenden Augen durch Feld, Wald und Wiesen stöberten, in der Hoffnung, vielleicht schon ein erstes verlorenes buntes Osterei zu finden ...

Vorsichtig streckte es schnuppernd sein Näschen aus seinem Bau, in den es sich nachts zum Schlafen einrollte. Es seufzte noch einmal und schwupps war es heraus. Zunächst hoppelte es ziellos über das nahe Feld, auf dem der Winter noch nicht ganz verschwunden war. Atemlos verharrte es am Waldesrand und kratzte seine langen Ohren nachdenklich. Gestern hatte es auf einem entlegenen Bauernhof eine Schar freundlicher Hühner getroffen, die ihm angeboten hatten, den Kindern ihre frischen Eier als Osterüberraschung zu bringen – aber die Eier waren weiß! Wie um alles in der Welt sollten daraus bloß bunte Ostereier werden?

Und wie es so grübelte und sich dabei leicht im Kreise drehte, wurden seine Augen plötzlich riesengroß. Was war denn das? Es starrte auf einen kleinen, dunkelblauen Flecken auf der Erde, und als es schnuppernd näher kam, erkannte es, wie ein kleines Glockenblümchen ganz vorsichtig seine Blütenspitzen aus dem Boden schob und versuchte, sich tapfer aufzurichten. Tau glitzerte noch auf seinem Blütenköpfchen. Fasziniert schaute Weißfell auf die Blume und berührte sie sanft mit seiner Pfote. Schnell strich sich unser Häschen über das weiße Fell, um das Pfötchen wieder zu trocknen, und hoppelte weiter, bis es leicht stolperte.

Eine Maus, die gerade aus ihrem Loch klettern wollte, rieb sich noch verschlafen die Augen und rief erschrocken: „Hey Hase, kannst du nicht aufpassen? Es wohnen noch mehr Leute in diesem Wald ... aber ... äh ... wie siehst du überhaupt aus?“

„Ich? Wieso?“ Weißfell sah an sich herunter und stutzte. Sein Fell war rechts und links an den Seiten ganz blau gefärbt. Gedankenverloren rubbelte das Häschen daran herum, aber die Farbe blieb. Schon wollte es ein wenig ärgerlich werden, als ihm ein wunderbarer Gedanke kam. „Machs gut Maus, ich hab keine Zeit!“, rief es noch und schon war es verschwunden.

Schnell war Weißfell an der großen Wiese am Waldesrand angekommen und blickte sich mit zusammengekniffenen Augen atemlos um. Es suchte etwas ganz Bestimmtes. Und da ... da war etwas! Weißfell hoppelte näher und erkannte ein zartes goldgelbes Blümchen, eine Narzisse, die gerade ihren Winterschlaf beendet hatte und freundlich in die Welt sah. Weißfell berührte sie ganz vorsichtig und sah auf sein Pfötchen ... und richtig! Es war gelb geworden.

Nun war Weißfell ganz aufgeregt. Plötzlich wusste es, wie es die weißen Eier von den freundlichen Hühnern bunt färben konnte, und dreht sich vor Glück im Kreise. Es fand noch viele andere Blümchen und zarte Pflänzchen und merkte sich die Orte gut, an denen sie schon wuchsen. Am Abend rollte es sich erschöpft vom Tag in seinem Bau zusammen, schlief sofort ein und träumte einen bunten Traum.

Am nächsten Morgen aber hopste es noch ganz, ganz früh aus seinem Bau. Sein kuscheliges weißes Fell mit den blauen Streifen stand noch ein wenig strubbelig zu berge und es wischte sich den Schlaf aus den Augen. Der Boden war feucht vom Tau und das war genau richtig.

Schnell machte sich Weißfell auf den Weg zu den freundlichen Hühnern, um die versprochenen Eier einzusammeln. Es fand auch alle bunten Blumen und Blüten wieder und begann, mithilfe des Taus und der Blumenblüten, die Eier zu färben. Sie wurden gelb und blau und rot und manche, die Weißfell im zarten Gras kullerte, wurden schön grün. Das Häschen freute sich so sehr, dass es gar nicht bemerkte, dass es sich eifrig die Pfötchen am Bauchfell abwischte.

Als es schließlich fertig war und voller Stolz die wunderschönen bunten Eier betrachtete, fiel sein Blick auch auf sein Fell. Es erstarrte. Das Häschen Weißfell war selbst zu einem wuscheligen bunten Osterhasen geworden! Und sicher hatten auch seine weißen Ohren bunte Farbe abbekommen, denn immer wieder, wenn es ein gefärbtes Ei kritisch betrachtete, strich es sich gedankenverloren über die langen Ohren. „Ach was“, dachte es dann und begann zu lachen und fröhlich Haken zu schlagen. „Bin ich eben ein Buntfell, na und? Aber ich hab die schönen bunten Eier endlich zusammen und werde sie am Ostersonntag ganz früh, wenn noch alle Kinder schlafen, vorsichtig verstecken und heimlich beobachten, wie sehr die Kinder sich darüber freuen.“

Und wer weiß, vielleicht läuft uns ja irgendwann einmal bei einem Spaziergang so ein kleines buntes Häschen über den Weg und dann wissen wir, es ist das fleißige Häschen Weißfell, das für die bunten Eier zum Osterfest zum glücklichen Häschen Buntfell wurde.

Karin Hedig wurde am 29.07.1955 in Sangerhausen/Sachsen-Anhalt geboren, wo sie auch heute noch lebt. Derzeit arbeitet sie als Sekretärin beim Amt für Veterinärangelegenheiten und Lebensmittelüberwachung. Sie hat schon immer viel und gerne gelesen, besonders Romane, Gedichte, Aphorismen, und sie liebt Märchenfilme, Theater und Musicals. Weißfell ist eine ihrer ersten, kleinen Geschichten.

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Ostern bei Oma

Für Tilo ist Ostern immer etwas ganz Besonderes. Am Ostersonntag nämlich treffen sich alle Cousins und Cousinen bei Oma zum Eiersuchen. Natürlich suchen sie keine echten Eier. Nein, viel besser: Schokoladeneier. Tilo läuft schon das Wasser im Mund zusammen, wenn er nur daran denkt.

„Wann sind wir denn endlich da?“, nörgelt Merle, Tilos kleine Schwester. Wenn Merle auf etwas Tolles warten muss, dann nörgelt sie immer. Das geht Weihnachten so, an ihrem Geburtstag, auf Urlaubsreise und bei jeder noch so kleinen Überraschung. Manchmal ist Tilo davon ziemlich genervt. Aber trotzdem hat er Merle sehr gerne. Sie ist ja schließlich auch erst 5. Da darf man ruhig noch ein bisschen mehr nörgeln, findet Tilo. Er dagegen ist übrigens schon fast 7. Das erzählt er jedem, der es hören will, und auch jedem, der es nicht hören will.

Hinten im Kofferraum kläfft Sammy. Er hasst Autofahren. Aber zu Hause lassen wollte Tilo ihn nicht. Sammy liebt nämlich Omas riesigen Garten. Da gibt es unheimlich viel zu entdecken und zu erschnüffeln für einen Hund.

„Ganz ruhig, Sammy. Wir sind ja bald da.“ Tilo lehnt sich nach hinten und tätschelt Sammy den Kopf. Sammy schleckt über Tilos Hand und wedelt mit dem Schwanz.„Warum freust du dich denn plötzlich so?“, fragt Tilo.

Dann bemerkt auch er es: Sie sind endlich da.

Tilo und Merle springen aus dem Auto. Sie rennen laut jubelnd auf Oma zu. Oma erwartet sie schon mit offenen Armen. Sie drücken Oma ganz fest, denn es ist schön, sie wiederzusehen. Auch Oma freut sich riesig. Das sieht man an ihren strahlenden Augen.

Papa lässt Sammy aus dem Kofferraum. Sammy schießt schwanzwedelnd auf Omas Garten zu und verschwindet zwischen den Büschen.

„Den sehen wir so bald nicht wieder“, lacht Tilo.

Oma ruft Tilo und Merle ins Haus. Dort warten schon die Cousins und Cousinen. Da sind Tina und Lisa, Annemarie und Theo und natürlich Joshua und Edgar. Die Kinder begrüßen sich stürmisch und haben sich ganz viel zu erzählen.

„Ich hab ein Puppenhaus zum Geburtstag bekommen“, sagt Lisa.

„Ich wünsche mir eine Rennbahn“, erklärt Theo.

„Ich hab ganz viele Tore beim Fußball geschossen“, prahlt Edgar.

Schließlich haben sie alle Neuigkeiten ausgetauscht (was eine ganze Zeit gedauert hat) und Oma klatscht in die Hände. „So meine Lieben. Die Ostereier sind im Garten versteckt. Ich habe sie in kleine Nester gelegt, damit sie nicht dreckig werden.“

„Geht es jetzt los?“, fragt Annemarie hektisch.

„Auf 3“, sagt Oma. „1, 2, … 3!“

Unter wildem Geschrei rennen die Kinder in den Garten.

„Ganz viele!“, brüllt Edgar.

„Edgar muss immer ganz viel haben. Dabei teilen sie doch die Eier am Ende sowieso gerecht auf“, denkt sich Tilo. Tilo rennt zuerst zu den Blumenkübeln und schaut dahinter nach.

Hinter den Blumenkübeln versteckt Oma jedes Jahr ein Nest. Aber zu Tilos großer Verwunderung ist dort diesmal keines zu finden. Dann hat Oma sich wohl etwas Neues einfallen lassen. Tilo schlägt sich in die dichten Büsche von Omas wild wucherndem Garten. Er guckt unter jeden Zweig und jedes Blatt. Aber kein Nest mit Eiern ist zu finden. Doch was ist das? Tilo schaut nach oben und sieht ein Nest in den Ästen einer Eiche. Sofort beginnt er, den Baum hinaufzuklettern. Tilo kann gut klettern. Deshalb hat er das Nest schnell erreicht.

„So ein Mist“, schimpft Tilo.

Er hat kein Nest mit Schokoladeneiern gefunden, sondern ein Vogelnest mit echten Vogeleiern. Tilo hört ein wütendes Zetern. Die Amselmama hüpft aufgeregt auf einem Ast umher. „Tut mir leid“, entschuldigt sich Tilo. „Ich lasse deine Kinder ja schon in Ruhe.“

Er klettert wieder vom Baum herunter und sucht weiter. Aber er findet und findet einfach nichts.

Da kommt ihm Edgar durch die Büsche entgegengerannt. Er ist ganz aufgeregt. „Hey Tilo, hast du schon was gefunden? Ich hab noch gar nichts gefunden, dabei will ich doch ganz viele Nester finden!“

„Das ist äußerst merkwürdig“, findet Tilo. „Edgar will nicht nur immer ganz viel finden, er findet auch immer ganz viel mehr als alle anderen. Wenn Edgar keine Nester findet, dann muss da was faul sein.“

Tilo und Edgar kämpfen sich aus dem wilden Garten und suchen nach Oma. Dabei treffen sie die anderen Cousins und Cousinen. Auch sie haben kein einziges Nest mit Eiern gefunden.

Oma schaut sie verwundert an. „Habt ihr etwa schon alle Eier aufgegessen?“

„Nein, Oma. Wir haben gar keine gefunden“, antwortet Tilo.

„Warum das denn nicht?“, wundert sich Oma. „Einige Verstecke waren doch wirklich einfach. Zum Beispiel das hinter den Blumenkübeln.“

„Aber ich habe hinter alle Blumenkübel geguckt und nichts gefunden“, meint Tilo. Er ist sich ganz sicher. Da ist doch irgendetwas faul.

„Vielleicht hat Theo sich ja alle unter den Nagel gerissen und will sie jetzt nicht hergeben“, sagt Joshua vorwurfsvoll.

„Hab ich gar nicht! Bestimmt hast du die Eier!“, motzt Theo zurück.

„Jetzt ist aber Schluss!“, schimpft Oma. „Keiner hat hier irgendetwas gestohlen.“

„Da wär ich mir nicht so sicher“, sagt Tilo.

Alle schauen ihn verwirrt an. Was kann er damit nur meinen?

Tilo zeigt auf Sammy, der gerade an ihnen vorbeistürmt. „Ich habe da einen Verdächtigen. Sammy klaut bei uns zu Hause immer die Schuhe und versteckt sie. Also warum nicht auch Osternester?“

Das leuchtet allen ein und schnell laufen sie Sammy hinterher. Das ist gar nicht so einfach, weil er kreuz und quer durch den Garten wirbelt.

Doch endlich macht Sammy an einem kleinen Busch in der hintersten Ecke des Gartens halt und lässt einen Stock, den er im Maul hatte, darunter verschwinden.

„Wenn unter dem Busch mal nicht noch ein paar andere Sachen liegen“, meint Tilo.

Edgar drängelt sich nach vorne und guckt unter den Busch. „Oh! Da sind ganz viele Ostereier drunter.“ Edgar ist begeistert.

Auch die anderen Kinder freuen sich und jeder nimmt sich drei Nester. Edgar versucht sich noch ein Viertes unter den Nagel zu reißen, aber das bemerken die anderen Kinder rechtzeitig und hindern ihn daran. Die Kinder laufen zurück zu Oma und zeigen ihr die Eier. Oma lacht herzlich und meint: „Da war Sammy euch wohl um eine Schnauzenlänge voraus.“

Auch die Kinder lachen.

„So, wer will Kuchen und Kekse?“, fragt Oma.

Eine jubelnde Menge antwortet ihr.

Nach dem Essen spielen die Kinder ausgiebig miteinander. Bis auf einen kleinen Streit zwischen Joshua und Edgar macht das riesigen Spaß. Doch auch ein solcher Tag muss zu Ende gehen. Abends verabschieden sich alle voneinander und machen sich auf den Heimweg.

Und wie immer findet Tilo, dass es ein ganz besonderes Ostern gewesen ist.

Silas Matthes wurde 1992 in Hamburg geboren. Derzeit strebt er das Abitur 2011 an. Schon früh entdeckte er seine Leidenschaft für das geschriebene Wort. Selbst schreibt er allerdings erst seit 2010. Neben vielen Kurzgeschichten arbeitet er an seinem Romandebüt „Die Essenz der Dunkelheit“, einem Fantasy-Roman für Jugendliche und junge Erwachsene, der sich mit den dunklen Seiten des menschlichen Herzens befasst.

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Das Wunschei

Es ist Ostersonntag. Miriam geht mit ihrem Hund Randy an der Mosel spazieren.

„Mein Gott, Randy! Zieh doch nicht so, ich kann dich ja kaum noch halten.“

Randy zerrt Miriam in ein Gebüsch, schnuppert interessiert und beginnt zu graben.

„Randy? Was machst du denn da? Komm wir müssen weiter.“

Doch Randy buddelt unbeirrt weiter. Plötzlich bellt er. Er hat etwas gefunden. Mit seinen Pfoten hat er ein goldenes Ei freigelegt. Er schiebt es auf die Straße.

„Was ist das denn?“, fragt Miriam und nimmt das Ei in die Hand. Auf der goldenen Schale steht mit silberner Farbe die Zahl drei. Miriam steckt das Ei in ihre Tasche und nimmt es mit nach Hause.

„Miriam! Da bist du ja endlich, wir warten schon auf dich. Wir wollen jetzt in den Garten gehen die Ostereier suchen“, sagt Miriams Mutter Klara, als sie zur Haustür reinkommt.

Gemeinsam mit ihren Eltern und ihren Brüdern, Ben und Alexander, geht sie in den Garten.

„Dieses Jahr sind die Verstecke echt gut, ich denke nicht, dass ihr alle finden werdet“, sagt Miriams Vater.

Miriam und ihre Brüder veranstalteten jedes Jahr einen kleinen Wettbewerb. Wer die meisten Eier findet, der gewinnt. Miriam hat bisher immer verloren.

Schnell beginnt Miriam zu suchen, doch ihre Brüder sind wie immer besser. „Och Mensch. Ich wünschte, ich würde nur ein einziges Mal gewinnen“, grummelt Miriam vor sich hin.

Plötzlich beginnt das Ei in ihrer Tasche zu vibrieren. Schnell zieht Miriam es raus. Es ist ganz warm. Auf einmal verschwindet die Zahl drei, die auf der Schale geschrieben steht, und eine silberne Zwei erscheint.

„Das ist ja komisch“, murmelt Miriam. Sie steckt das Ei wieder in die Tasche und hat plötzlich eine Eingebung. Wie durch Zauberei findet sie im Nu alle Verstecke und hat bei Weitem mehr Eier gesammelt als ihre Brüder. Dieses Jahr ist sie die Siegerin.

Am Abend begutachtet Miriam ihre Beute. Auch das goldene Ei liegt dabei. Es kommt ihr sehr seltsam vor, gerade als sie ihren Wunsch ausgesprochen hat, zeigt das Ei eine kleinere Zahl an und sie findet alle Eier.

Miriam wird den Gedanken nicht los, dass das Ei vielleicht Wünsche erfüllt. Genauso viele, wie die Zahl auf Schale.

Miriam nimmt das Ei in die Hand. „Ich wünsche mir drei Wünsche“, sagt sie leise.

Wieder beginnt das Ei zu vibrieren. Doch dieses Mal wechselt es auch die Farbe, es wird Rot. Mit silberner Farbe erscheinen die Wörter: „DAS GEHT NICHT!“

„Du meine Güte, das Ei kann sich mitteilen“, staunt Miriam.

Die rote Farbe und der Schriftzug verwinden wieder und das Ei ist nun wieder golden mit einer silbernen Zwei.

„Okay, noch ein Versuch, ich wünsche mir ganz viel Geld.“

Wieder verfärbt sich das Ei Rot, und in silberner Schrift kommt wieder zum Vorschein: „DAS GEHT NICHT!“

„Alles klar, das geht also auch nicht. Nun gut. Ich wünsche mir Gesundheit für mich und meine Familie.“

Das Ei beginnt endlich zu vibrieren und es wird wieder warm, langsam verschwindet die Zwei und eine silberne Eins taucht auf.

„Jetzt habe ich nur noch einen Wunsch frei“, sagt Miriam leise. Behutsam legt sie das Ei wieder hin.

Am nächsten Morgen geht Miriam in die Küche zum Frühstücken. Ihr Vater grübelt über der Zeitung und murmelt vor sich hin. Er ist schon seit über einem Jahr arbeitslos. Aufgrund der Wirtschaftskrise musste die Firma, in der er über 20 Jahre gearbeitet hat, schließen.

Miriam hat plötzlich eine Idee. Schnell rennt sie in ihr Zimmer und nimmt das Ei in die Hand. „Ich wünsche mir, dass mein Papa wieder Arbeit findet“, sagt sie.

Wieder vibriert das Ei und es wird warm. Die silberne eins verschwindet und das Ei beginnt zu schrumpfen, bis es mit einem leisen Blubb plötzlich verschwunden ist.

Rasch rennt Miriam runter in die Küche, doch nichts ist passiert. Enttäuscht isst sie ihr Frühstück.

„Warum hat das denn nicht funktioniert?“, fragt sie sich, als sie am Abend auf ihrem Bett sitzt.

Drei Tage später. Der Briefträger klingelt.

„Klara!!!“, hört Miriam ihren Vater nach ihrer Mutter rufen.

Geschwind läuft Miriam in die Küche und sieht ihre Eltern, die gebannt ein Stück Papier anstarren.

„Das kann nicht sein. Ich habe doch ein kaputtes Knie und einen kaputten Rücken“, sagt Miriams Vater fassungslos. Die Untersuchungsergebnisse seines Arztes sind gekommen und er ist kerngesund.

„Das war mein Wunsch nach Gesundheit“, flüstert Miriam und freut sich.

Es liegt noch ein weiterer Umschlag auf dem Tisch. Miriams Vater öffnet ihn.

„Das … ist ein Jobangebot“, stammelt er. „Die Firma, bei der ich mich vor zwei Wochen vorgestellt habe, bietet mir eine Stelle an. Nächste Woche soll ich anfangen. Das gibt es doch nicht. Endlich haben wir mal wieder Glück.“

Überglücklich und vor Freude strahlend geht Miriam in ihr Zimmer. Jeder ihrer Wünsche hat sich erfüllt.

„Danke, liebes Wunschei“, flüstert sie und lächelt.

Jennifer Heil wurde am 04.12.1981 in Trier geboren und ist auch dort aufgewachsen. Nach einer Ausbildung zur Krankenschwester zog sie an die Mittelmosel. Seit 2006 ist sie verheiratet. Am 14.02.2008 kam ihre erste Tochter Catharina zur Welt. Tanzen ist ihre große Leidenschaft. Seit 8 Jahren ist sie auch ehrenamtlich als Trainerin und Choreografin für Jazzdance, Gardetanz und karnevalistischen Showtanz tätig. 2010 erschien ihr erstes Kinderbuch „Catharina und der Ruf des Waldes“ bei Papierfresserchens MTM-Verlag.

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Der Hase im Mond

Vor vielen, vielen Jahren war das Eierverstecken zu Ostern noch nicht lange Brauch. Eines Mittags brach ein Streit unter den Tieren des Waldes, des Feldes und der Dörfer darüber aus, wer den Menschenkindern in Zukunft die Ostereier verstecken durfte. Dabei stritten sich die Tiere lautstark. Jedes Tier war der Meinung, dass es selbst am allerbesten dazu geeignet wäre, die Ostereier zu verstecken. Kaum noch hörte eines dem anderen zu und am Ende fingen sie sogar an, sich gegenseitig zu beschimpfen.

Das furchtbare Gebrüll unter den Tieren weckte schließlich die alte Eule auf, die für gewöhnlich bis in den Abend hinein in einem hohlen Weidenbaum schlief. Und weil die Eule wegen des Geschreis, das da vor dem Baum herrschte, ohnehin nicht mehr würde einschlafen können, kroch sie aus ihrer Höhle heraus und blinzelte in die Sonne.

Noch hatten die anderen Tiere nicht bemerkt, dass die Eule aufgewacht war und deshalb kreischten sie allesamt lauthals weiter, sodass die Eule bald begriffen hatte, was der Grund für den Streit war. „Ihr lieben Tiere!“, rief sie in die Runde. Und dann noch einmal etwas lauter: „Ruhe!“

Der Lärm verstummte, denn die Tiere hatten großen Respekt vor der Eule, weil sie so alt und klug war.

„Liebe Tiere, seid einmal still und hört mir zu!“, sprach die Eule. „Es ist doch nur zu gut verständlich, dass ein jedes von euch gerne die Eier für die Menschenkinder verstecken möchte. Und gewiss wäre auch jedes von euch hervorragend dafür geeignet. Leider aber kann letztendlich nur eines von euch diese Aufgabe übernehmen. Wir wollen diese Entscheidung gemeinsam treffen. Stellt euch also in einem großen Kreis auf. Jedes Tier soll in den Kreis treten und seine Gründe dafür vorbringen, warum es glaubt, am allerbesten zum Eierverstecken geeignet zu sein. Wenn jedes Tier an der Reihe gewesen ist, soll die Entscheidung getroffen werden.“

Die Tiere nickten, sie waren einverstanden und bildeten einen großen Kreis. Als Erstes trat das Huhn in die Runde. „Ist es nicht selbstverständlich, dass ich die Eier für die Menschenkinder verstecke?“, fragte es. „Schließlich bin doch auch ich dasjenige Tier, das die Eier legt. Niemand kann also besser mit Eiern umgehen als ich.“ Und zur Bestätigung scharrte das Huhn mit den Krallen im Sand und legte auf die Schnelle noch ein Ei.

Als Nächstes trat der Fuchs in den Kreis der Tiere. „Ihr wisst, wie listig ich bin“, sagte er zu den anderen Tieren. „Listiger als ihr alle zusammen. Ich werde den Menschenkindern die Eier so gut verstecken, dass sie lange suchen müssen, um sie zu finden. Das wird sicher ein großer Spaß, nicht wahr?“ Der Fuchs blinzelte verschwörerisch in die Runde.

Da krabbelte die Maus an ihm vorbei und stellte sich in den Kreis der Tiere. „Der Fuchs mag schlau und listig sein, ich aber bin flink und wendig“, sagte sie. „Ich kann die Eier für die Menschenkinder so schnell verstecken, dass niemand etwas davon mitbekommt. Und das ist doch wohl das Wichtigste beim Verstecken.“ Und um den anderen Tieren zu zeigen, wie schnell und flink sie war, sauste die Maus ein paar Runden durch den Kreis.

Auf diese Art und Weise ging der Tag dahin. Jedes der Tiere trat nacheinander in die Mitte und versuchte, die anderen davon zu überzeugen, dass es selbst am allerbesten dazu geeignet wäre, die Eier für die Menschenkinder zu verstecken.

Als es schließlich Abend geworden war und der runde Mond hinter den Wolken hervortrat, hoppelte der Hase in den Kreis der Tiere.

„Ostern, das Fest, bei dem die Eier versteckt werden, ist ein Fest des Frühlings und des Lebens“, sagte der Hase. „Deshalb sollte ich die Ostereier verstecken, denn kein Tier hat so viele Nachkommen wie ich.“

Der Hase wies mit den Pfoten stolz auf seine große Kinderschar, die das Geschehen von außerhalb des Kreises beobachtete. „Außerdem fällt das Osterfest immer auf die Zeit des Vollmondes. Schaut euch den Mond an!“, wies der Hase die anderen Tiere an. „Erblickt ihr nicht das Bild des Hasen im Mond?“

Die anderen Tiere blickten auf. Und tatsächlich, jetzt erkannten sie das Bild eines Hasen in den dunklen Schatten der Mondscheibe. Aufgeregt beratschlagten die Tiere untereinander. Aber der Hase hatte die anderen überzeugt. So waren die Tiere einstimmig der Meinung, dass der Hase den Wettstreit gewonnen hätte. Auch die alte Eule nickte zustimmend mit dem Kopf.

Und so geschah es, dass von da an der Hase die Ostereier zu den Menschenkindern brachte.

Simone Philipp wurde 1976 in Karlsruhe geboren und studierte klassische Archäologie, Religionswissenschaft und Kunstgeschichte in Tübingen und Heidelberg. Seit 2003 lebt sie mit ihren drei Kindern in Graz. Beruflich arbeitet sie als Trainerin im Menschenrechtsbildungsbereich, wissenschaftliche Projektmitarbeiterin und Projektkoordinatorin. Außerdem ist sie auch Schriftstellerin, bildende Künstlerin, Redakteurin, Lektorin und Jurorin. Zahlreiche Veröffentlichungen finden sich in Anthologien, Literaturzeitschriften und im Internet.

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Die Hexe und der Hase

In den Wäldern des Riesengebirges lebte einst die Hexe Gruselda Mieselinde Schierlingsgelb, Hexenmeisterin allererster Klasse. Sie ärgerte sich über lachende Kinder ebenso wie über zwitschernde Vögel. Am meisten ärgerte sie sich jedoch über den Osterhasen, der unter dem Haselbusch gegenüber wohnte. Sobald Gruselda das Wort Hase aussprach, verfärbte sich ihr Gesicht grüngelb und sie begann zu husten. Dieses Jahr wollte sie dem Osterhasen eine Lektion erteilen, die er nicht so schnell vergaß. Sie hatte schon einen Plan.

„Abraxus? Wo steckst du schon wieder?“ Die Tür des Hexenhauses knarrte und Gruselda steckte ihre lange Nase aus dem Türspalt. „Abraxus! Wenn du nicht sofort erscheinst, wirst du die nächsten Monde …“

Der Zauberlehrling erfuhr nicht mehr, welche Strafe für ihn bestimmt war. „Ich bin doch schon da, beste Madame. Was steht zu Diensten?“

„Lauf zum Bauernhof und leg dich beim Hühnerstall auf die Lauer. Sobald du weißt, wann die Eier für den Ha... chk ... chk ... Hasen geliefert werden, kommst du zurück. Und jetzt beeil dich!“

Vergnügt pfeifend machte sich Abraxus auf den Weg. Ein Ausflug zum Bauernhof war hundert Mal besser, als Zaubersprüche zu lernen oder Eulenfedern zu sammeln.

Die Hexe hingegen machte drei Schritte Richtung Haselbusch und hielt nach dem Hasen Ausschau. „Wenn ich nur an den Ha... chk ... chk ... Hasen denke, bekomme ich Magenbeschwerden“, schimpfte sie vor sich hin. „Was fällt diesem Löffeltier ein, sich so aufzuspielen? Kinder herlocken und beschenken, sonst noch was! Dann rennen die Fratzen stundenlang durch meinen Wald und stören mich bei der Arbeit. Wie soll ich bei diesem Lärm mein Buch „Wie wird man eine berühmte Hexe“ fertig schreiben? Nein, nein, diese Gören sollen bleiben, wo sie sind.“

Zornig stampfte die Hexe mit dem Fuß auf. „Warum die Menschen diesen mickrigen Ha... chk ... chk ... Hasen lieben, versteh ich überhaupt nicht. Ich beherrsche die schwierigsten Zaubersprüche, koche die beste Krötensuppe, bin die einzige Hexe, die ein Buch schreibt. Sollten sie nicht mich bewundern? Aber diesmal werde ich ihm sein Fest versalzen. Ich habe einen Plan. Ich werde …“

Die Hexe konnte den Satz nicht beenden, denn Abraxus kam im Laufschritt herangekeucht. „Madame Gruselda, pff! Madame Gruselda, es eilt!“ Der Zauberlehrling schnappte nach Luft. „Die Hennen bringen ihre Eier schon heute zum Haselstrauch. Sobald es dunkel ist, ziehen sie los.“

„So, so, heute Nacht soll die große Lieferung sein.“ Die Hexe zog ihre knöchernen Finger lang, bis sie knackten. „Ich fürchte, dass es für die Hennen heute keine Ausgangserlaubnis geben wird.“ Gruselda kicherte und klatschte in die Hände: „Husch, husch! Hol meinen Besen, Abraxus! Ich fliege zum Hühnerstall.“

„Ist es nicht zu hell zum Fliegen?“, fragte der Zauberlehrling, als er mit dem Besen zurückkam.

„Abraxerle, du bist ja ein schlaues Kerlchen“, lobte die Hexe. „Du hast völlig recht. Doch wozu gibt es Wolken?“ Sie streckte den Zeigefinger zum Himmel und murmelte einen Zauberspruch. Sogleich schwebte eine dicke graue Wolke herbei und ließ sich auf dem Dach des Hexenhauses nieder.

„Vergiss nicht die Krötensuppe auf dem Herd umzurühren“, rief die Hexe ihrem Lehrling zu. „Und lern endlich den Zauberspruch 27. Wenn ich zurückkomme, will ich ihn fehlerfrei hören.“ Sie stieg auf ihren Besen und schwebte zum Rauchfang hoch. Ein Satz und schon waren Wolke und Hexe Richtung Bauernhof unterwegs.

„Mir scheint, ich bin gerade rechtzeitig gekommen“, flüsterte Gruselda. Vor neugierigen Blicken in der Wolke geschützt, beobachtete sie, wie die Bäuerin die Hühner in den Stall sperrte. Sobald es dunkel war, schlich sie auf Zehenspitzen zum Hühnerstall, schlug die Türe zu und schob den hölzernen Riegel vor.

Dann beugte sie sich zum winzigen Guckloch und zischte: „Der Abendspaziergang ist gestrichen, meine Damen. Und Ostern fällt heuer aus!“ Zufrieden rieb sie ihre knochigen Hände. „Auf zum Mondscheinflug. Mal sehen, ob Horrifikus in seiner Burg sitzt. Seinen köstlichen Nachtschattenwein habe ich mir heute verdient.“ Sie kletterte auf ihren Besen und schwebte über die Baumwipfel dem Sternenhimmel entgegen.

Bei den Hennen herrschte unterdessen große Aufregung. Sie trippelten auf ihren Stangen auf und ab und gackerten kläglich. „Der Osterhase wartet auf uns.“

„Ohne unsere Eier gibt es kein Osterfest.“

„Können wir gar nichts tun?“

Karoline, die kleine rotbraune Henne, meldete sich zu Wort: „Helft alle mit. Ich will versuchen, durch das Guckloch zu schlüpfen.“ Sie flatterte zur obersten Stange und steckte den Kopf durch die Lücke. Die großen Hennen schoben und drückten, die kleine Henne ächzte und piepste, und schwupps war sie im Freien. „Ich hol Benno, den Hofhund. Der ist stark genug, um den Riegel wegzuschieben“, rief sie von draußen. Bei sich dachte sie: „Es hat auch sein Gutes, wenn man so dünn und mickrig ist.“

Im Nu waren alle Hennen befreit und mit den Eiern auf dem Weg zum Osterhasen. „Das ist ja noch einmal gut gegangen“, stellten die Hennen nach ihrer Rückkehr erleichtert fest.“

„Ich würde zu gern das Gesicht der Hexe sehen, wenn sie merkt, dass ihr mieser Plan fehlgeschlagen ist“, lachte Karoline.

„Ohne dich hätten wir es nicht geschafft“, lobten die anderen die kleine Henne.

Die wurde vor Verlegenheit hochrot. Nur gut, dass das bei einem rotbraunen Gefieder nicht auffiel.

Drei Tage später kam Gruselda Mieselinde Schierlingsgelb von ihrem Besuch auf der Zauberburg zurück. Beschwingt und heiter, ein Liedchen und den Geschmack des herben Weines noch auf den Lippen, schlenderte sie durch das Wäldchen. „Nun will ich mal sehen, wie es diesem Ha... chk ... chk ... Hasen ohne Eier ergangen ist. Hat er sein Bündel schon gepackt?“

Vorfreude glitzerte in ihren Augen, als sie die Zweige des Haselstrauches zur Seite schob. „Da soll doch! Wie war das möglich?“

Freudiges Glitzern verwandelte sich in zorniges Funkeln, Hexenwangen färbten sich giftgrün. Wütend starrte Gruselda auf den schmalen Grasstreifen vor dem Gebüsch. Vom Osterhasen war nicht einmal das Stummelschwänzchen zu sehen. Aber neben Farbtöpfen in Reih’ und Glied lachten wie immer die bunten Eier aus ihren Strohnestern.

„Glaub ja nicht, dass du gewonnen hast, du komisches Pelzmantelgeschöpf“, schimpfte Gruselda und verfärbte sich dunkelgrün. „Ich gebe nicht auf. Du wirst es gleich erleben!“ Wutentbrannt packte sie einen leeren Kübel und leerte einen Farbtopf nach dem anderen hinein. Flink umgerührt und im Nu floss eine braunschwarze dickflüssige Brühe über die bunten Eier. Zuletzt rollte die Hexe die Eier kreuz und quer durch das Stroh. Kein Rest der bunten Farbe sollte durchscheinen.

„Morgen feiern die Kinder Ostern ohne dich, mein Lieber“, kicherte Gruselda schadenfroh, drehte sich um und verschwand.

Als der Osterhase gut aufgelegt und ausgeschlafen aus der Grube hopste und die Bescherung sah, war seine Verzweiflung groß. „Die armen Kinder“, jammerte er. „Sie freuen sich doch so sehr auf ihr Osternest.“ Er setzte sich ins Gras, klappte die Ohren vors Gesicht und eine dicke Träne tropfte von seiner Wange.

Seine Frau nahm inzwischen ein schwarzes Ei aus dem Nest und drehte es nach allen Seiten. „Schau, einmal!“ Frau Hase hielt ihrem Mann das Ei unter die Nase. „Wie hübsch die Strohhalme auf dem dunklen Hintergrund aussehen. Wie eine Schmuckbordüre.“

Tatsächlich bildeten die hellen Halme wunderschöne Muster auf dem schwarzen Ei. Die beiden Hasen schauten sich an, sprangen auf und jubelten: „Ostern ist gerettet! Die Kinder freuen sich über schwarze Ostereier bestimmt genau so!“

Am Ostersonntag wurde Gruselda Mieselinde Schierlingsgelb vom Jubel der Kinder geweckt. Grün und gelb vor Wut packte sie ihre sieben Sachen und zog mit Abraxus fort.

Der Osterhase wohnt noch immer mit seiner Familie unter dem Haselstrauch. Manchmal legt er ein schwarzes Ei mit Strohverzierung ins Osternest. Hast du schon eines bekommen?

Gabi Eder wurde 1944 geboren, ist verwitwet und hat zwei erwachsene Söhne. Sie verfasst humorvolle, ironische Texte und Reimereien über Tiere und die kleinen Dinge des Alltags. Am liebsten schreibt sie Geschichten über und für Kinder. Zahlreiche Erzählungen wurden in Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht.

*

Ostertausch

Jedes Jahr zur Osterzeit kommt der Hase und beschenkt die Kinder. Man könnte ihn schon liebevoll „den kleinen Weihnachtsmann“ nennen, denn seine Hingabe ist dieselbe. Überall auf der Erde freuen sich die Kinder über bunte Eier, Schokohasen und andere Geschenke. Der Hase hat es auch nicht leicht, denn für ihn gilt es, kein Kind zu vergessen!

Wieder ein neuer Ostermorgen, der in seiner Schönheit erblühte. Man schaute da und hier, doch das Bett des fleißigen Häschens war bereits leer. Munter zupfte der gesellige Genosse an seinem Ohr herum und machte sich schick für seinen Einsatz. Das Körbchen war schnell gepackt, nun fehlten nur noch die verzierten Eier. Geschwind sauste das Häschen mit dem weichen Fell durch den Wald. Er wollte die Hühner besuchen gehen und sie um viele Eier bitten.

Marsi, seine beste Freundin, half ihm jedes Jahr und auch heute war sie mit von der Partie. Mit viel Freude bemalte sie die Eier mit Punkten, Strichen oder Blumen. Als sie endlich fertig waren, legte Marsi die zerbrechlichen Geschenke behutsam in einen Korb.

Glücklich hoppelte der Hase in den Stall. Dieses Jahr waren die Hühner fleißig gewesen und so standen bereits 18 Körbe fertig vor ihm. Mit einem breiten Grinsen schnappte sich der Hase einen und rannte sofort los.

Der Wald war kein großes Hindernis. Durch Büsche, Hecken und über Wiesen, vorbei an Flüssen und Bergen ging sein Weg. Die Strecke war weit und der Weg beschwerlich. Eisern schleppte der Hase seine Sachen über den letzten Felsen. Da war sie, die Stadt. Glücklich verschnaufte das Häschen, doch nur einige Minuten, denn es blieb nicht viel Zeit um die Wünsche der Kinder zu erfüllen.

Leise schlich er durch die Straßen, huschte in Vorgärten hinein und versteckte die Eier. Kinderlachen erhellte den Tag, so wusste man, wo der Osterhase schon war. Ein kleines Mädchen bekam zum Beispiel eine Puppe und strahlte über beide Ohren. Der fleißige Geselle freute sich mit ihr und verabschiedete sich erst, wenn auch das letzte Ei im Garten gefunden war.

Ein neues Kind, ein anderer Ort. Doch dieser Junge war anders. Er wünschte sich viel mehr und ließ die kleinen Geschenke außer Acht. Auf seinem Zettel standen ein fernsteuerbares Auto, ein Ball, ein Kuscheltier, ein Fahrrad und etwas Süßes.

Mit großen Augen bestaunte der Osterhase die Liste und schüttelte dann nur traurig den Kopf. Wie sollte er solche großen Geschenke transportieren? Zaghaft versteckte er den Ball im Garten und wartete auf eine Reaktion. Der Junge suchte einige Minuten und fand schließlich den bunten Fußball, den er sich gewünscht hatte. Das Geschenk war entdeckt und doch schien der Junge unbefriedigt zu sein.

Traurig verfolgte der Hase das Spektakel. Nach einer Stunde hatte das Kind auch das letzte Ei endlich gefunden. Nun als er wusste, dass in dem Garten nichts mehr zwischen den Blumen und Bäumen auf ihn wartete, begann er zu weinen und zu fluchen. Frustriert schleuderte er den Ball in die nächste Ecke und schrie: „So ein dummer Osterhase! Er hat mir nicht das gebracht, was ich wollte!“

Wehmütig schaute die Mutter auf ihren Sohn hinab: „Timi, glaubst du nicht, dass die ganzen Dinge etwas schwer für den kleinen Osterhasen gewesen wären?“

Doch der Junge überlegte nicht einmal, seine Antwort stand bereits fest: „Nein! Er hat mir das zu bringen, was ich mir wünsche!“

Nun ärgerten sich auch die Eltern über ihren Sohn und gingen stumm nach drinnen. Die Chance nutze der Hase und schlich sich an Timi heran. „Hey du!“, sagte er.

Verdutzt schaute der Junge auf das Häschen. „Was hast du gesagt?“, fragte er verwirrt.

„Ich sagte: Hey du!“, wiederholte der Hase.

„Du kannst sprechen?“, hauchte der Junge ungläubig.

„Na klar, ich bin ja schließlich der Osterhase! Und du hast dich eben über mich beschwert!“

Timi zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Ja, weil du mir nicht das gebracht hast, was ich wollte!“

Nun kochte der Hase innerlich und wurde ein wenig lauter. „Hast du dir mal vorgestellt, wie schwer ich immer zu tragen habe? Ich bin schließlich nicht der Weihnachtsmann. Zu Ostern wünscht man sich nur kleine Sachen!“

Der Junge rümpfte die Nase und verschränkte in derselben Bewegung seine Arme vor der Brust. „Ist mir aber egal, du hast mir zu bringen, was ich mir wünsche!“

Diese Worte brachten das Fass zum Überlaufen. „Weißt du was? Ich möchte, dass du selbst mal spürst, was ich immer erleiden muss. Und wie ich mich fühle, wenn ich nach all meinen guten Taten auch noch auf solche Kinder wie dich treffe! Für dieses Osterfest wirst du meine Rolle übernehmen und die Kinder an meiner Stelle beschenken.“ Sofort berührte das Häschen den Jungen und ihr beider Erscheinungsbild begann sich zu verändern.

Timi schrie auf, als seine Zähne länger wurden, sein Gesicht sich mit Fell bedeckte und an seinem Gesäß ein weißes Schwänzchen wuchs. Auch der einstige Osterhase verwandelte sich und zwar in den Menschen Timi.

„Deine Eltern werden sich wundern, denn so einen lieben Sohn haben sie sicher noch nie gehabt!“ Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen machte sich das freundliche Wesen von dannen.

Verwirrt hockte der verwandelte Junge an Ort und Stelle. Der einstige Mensch betrachtete seinen Körper, fuhr mit der Fingerspitze über die Zähne und bedachte die flauschigen Schlappohren mit einem Aufschrei. „Komm zurück! Was hast du mit mir gemacht?!“, schrie Timi-Hase aufgebracht.

Im selben Moment klingelte seine Armbanduhr, die mit dem Fell und den Ohren gekommen war. Vorsichtig drückte er auf einen der Knöpfe und sogleich verwandelte sich das Zeigerblatt in ein Bild.

„Wo bist du denn? Die Kinder warten!“, sagte Marsi eisern.

Timi verdrehte die Augen. „Keine Ahnung und die Kinder sind mir gerade völlig egal!“

Das konnte Marsi Huhn nicht auf sich sitzen lassen und so suchte sie ihren Freund. Schon nach wenigen Minuten war sie bei ihm. „Was ist los?“, quietschte sie aufgeregt.

„Ich bin nicht der Osterhase, du komisches Federvieh!“, zischte er.

Marsi trat zurück und begann mit Gackern. „Was heißt das nun wieder?“

Timi zupfte genervt an seinen Ohren herum. „Dein Freund hat mich in diesen Fellball verwandelt, weil ich seine Geschenke als zu wenig empfand.“

Nun begann Marsi zu lachen. „Dann ist es deine Strafe und er verwandelt dich erst zurück, wenn du deine Aufgabe gut gemacht hast!“

Und so folgte Timi dem Huhn und arbeitete als Osterhase für einen Tag. Er beschenkte die Kinder und erfreute sich an ihrem Lachen. Er kümmerte sich um die bunten Eier und bemalte teilweise selbst, damit alles schneller ging.

Am Ende kam er an einem Haus vorbei, wo ein kleines Mädchen namens Luna wohnte. Sie erinnerte ihn stark an sich selbst und so begann er sich zu schämen. Denn Luna hatte nur einen großen Hasen als Kuscheltier erhalten und war unzufrieden. Fluchend rannte sie durch den Garten und drückte das Kuscheltier in den Dreck. Doch für Timi war es nun einmal unmöglich gewesen noch mehr zu tragen und so senkte er seinen Kopf und ging nach Hause.

Wie die Henne Marsi es vorausgesagt hatte, verwandelte der Hase den Jungen zurück.

„Es tut mir leid“, flüsterte Timi verlegen. „Wenn du nächstes Jahr mal Hilfe brauchst, dann komm einfach vorbei. Ich wusste einfach nicht, was da alles dran hängt!“

Nun wurde der Osterhase aufmerksamer. „Heißt das du würdest mir wirklich helfen?“

Timi nickte und brachte ein überzeugendes Lächeln hervor. „Nur noch eine Sache. Da gibt es ein Mädchen namens Luna, sie hätte diese Verwandlung auch mal nötig!“

Der Hase verschränkte die Arme vor dem flauschigen Bauch. Dann zwinkerte er dem Jungen zu und sagte: „Ich werde es mir merken!“

Und so endete ein wundervolles Osterfest. Ein Kind wurde eines besseren belehrt und gewann einen neuen Freund. Und im nächsten Jahr würde der Osterhase einem anderen Menschen zeigen, dass auch sein Leben nicht einfach ist, er aber dennoch alles tut, um liebe Kinder zu beschenken!

Marie-Luis Rönisch wurde am 26.02.1993 in Großröhrsdorf geboren. Zurzeit besucht sie die 12. Klasse des Ferdinand-Sauerbruch-Gymnasiums. Neben dem Schreiben interessiert sie sich auch für Musik und Schauspiel. Im Moment schreibt sie an unterschiedlichen Werken aus dem Bereich Kinder- und Jugendliteratur (Fantasy).

*

Ostergruß

Die Sonne strahlt im Blumengarten,

Kinder können’s kaum erwarten.

Wenn’s Frühling ist in Feld und Wald,

dann kommt der Osterhase bald!

Bunt bemalte Ostereier

laden ein zur Osterfeier.

Der Osterhas’ hat viel zu tun,

hat keine Zeit, um auszuruh’n!

Mit seinen Helfern werkelt er,

und tolle Verstecke müssen her!

Im tiefen Wald unterm Eichenbaum

ist Osterhäschens Werkstattraum!

Hier entstehen tolle Sachen,

die allen Kindern Freude machen!

Doch viel Zeit hat er nicht mehr, nein,

denn bald wird Ostersonntag sein!

Endlich erwacht der Ostertag,

den Groß und Klein so gerne mag!

Schnell aus dem Bett will jedes Kind,

und seh’n, wo Osterhäschens Verstecke sind!

Wenn dann gefunden all die bunten Eier,

kommt die große Osterfeier!

Denn nach dem vielen Eiersuchen,

gibt’s zur Belohnung Kaffee und Kuchen!

Danach gehen wir spazieren dann,

und dabei es passieren kann,

dass wir sehen den Osterhas’,

er ruht sich aus im grünen Gras!

Wir sagen ihm leise „Dankeschön,

bis zum nächsten Jahr, auf Wiedersehen!“

Cosima Konrad, Jahrgang 1976, schreibt seit 2002. Ihr erstes Gedicht „100 Jahre“ erschien im Dezember 2008 in der Papierfresserchen-Anthologie „Polkappen – Die letzte Scholle“. Seitdem wurden verschiedene Gedichte und Kurzgeschichten in weiteren Anthologien veröffentlicht.

*

Sterne für Nico

Ulrich Münzer sah erst das weiße Blatt in seinen Händen, dann das gelbe Ding zu seinen Füßen erschrocken an. „W … was bist du?“, stotterte er.

„Sieht man das nicht?“, fragte das Ding verschmitzt. „Ich bin ein Ge-Stern!“ Ulrich schien immer noch nicht zu verstehen. Gerade noch hatte er die Kinderzeichnung auf dem Blatt angestarrt und plötzlich stand da ein leibhaftiger sprechender Stern! „Ich bin hier, weil du dir doch gewünscht hast, deinem Sohn Nico einen echten Stern zu schenken. Wenn du meine kleine Aufgabe erfüllst, gehöre ich dir“, erzählte der Stern weiter.

Ulrich dachte zwar, er sei verrückt, doch trotzdem fragte er nach. „Und … was für eine Aufgabe wäre das?“

Der Ge-Stern lächelte: „Ich werde dich in die Vergangenheit zurückschicken, um genau zu sein, einen Tag zurück.“

Ulrich sagte überrascht: „Ach so! Ich verstehe! Ge-Stern – gestern!“

„Ja, richtig“, nickte der Stern. „Meine Aufgabe lautet: Sorge dafür, dass dein Sohn nicht weinend einschläft!“

Unwohl dachte Ulrich an den gestrigen Abend zurück. Er hatte Nico ganz schön angemeckert, weil er ihn mit Fragen gelöchert hatte. Das tat ihm jetzt furchtbar leid. „Also gut, einverstanden“, sagte er deshalb.

Der Stern verschwamm vor seinen Augen, alles drehte sich und plötzlich war Ulrich wieder im Wohnzimmer, sein kleiner Sohn saß ihm gegenüber und fragte: „Papa, was ist der Frühling?“

Diesmal legte Ulrich seine Zeitung weg und sah den kleinen Jungen an. „Weißt du, das ist die Zeit, in der alle Tiere, die im Winter geschlafen haben, aufwachen, und in der die Bäume Blätter kriegen und die Blumen wachsen. Außerdem wird es im Frühling meistens wärmer.“

Danach brach ein ganzer Schwall von Fragen aus dem Jungen heraus und Ulrich beantwortete alle ganz gelassen. Nico war ziemlich stolz auf seinen Papa, der so schlau war und einfach alles wusste! Am Abend schlief er lächelnd ein.

Ulrich saß zufrieden auf dem Sofa, nahm das Blatt mit dem Stern in die Hand und sagte: „Siehst du? Aufgabe gelöst!“

Der Stern zwinkerte ihm zu, löste sich von dem Blatt und blieb neben ihm auf dem Teppich liegen. Aber diesmal wurde das Blatt nicht weiß, sondern wieder erschien Ulrichs Kinderzeichnung. Er hob den leuchtenden Stern vom Boden auf und lief in das Zimmer seines Sohnes. „Guck mal Nico!“, rief er. „Der ist für dich!“

Der kleine Junge lag schon im Bett, mit funkelnden Augen sah er den Stern an und fragte: „Du, Papa, was ist das denn für einer?“

„Das, mein Junge, ist der Ge-Stern!“, verkündete der Vater stolz.

„Aha … schön. Danke …“, sagte Nico schlapp. „Leg ihn einfach dorthin. Gute Nacht, Papa.“

Ulrich war total verdutzt. Er legte den Stern ab und ging wieder ins Wohnzimmer. Zuerst dachte er, dass Nico einfach undankbar und frech wäre, doch da erschien wieder der sprechende Stern vor ihm und sagte: „Dein Sohn ist nicht undankbar, er wünscht sich nur etwas anderes. Du bist so mit der Arbeit beschäftigt gewesen, dass du den Kleinen ganz schön vernachlässigt hast. Er hat doch nur noch dich!“

Ulrich schluckte. Seit Elisabeth, Nicos Mama, nicht mehr da war, hatte er sich total in die Arbeit gestürzt, um sich abzulenken. „Oh nein …“, flüsterte er. „Und … was kann ich jetzt tun?“

„Ich bin der Lä-Stern“, sagte der Stern. „Das kommt von Lästern. Im Kindergarten machen sich viele Kinder über deinen Jungen lustig. Finde heraus, warum, dann kannst du mich behalten. Gleichzeitig bekommst du noch eine weitere Aufgabe, die du auch lösen musst.“ Der Stern erschien wieder auf dem Blatt und Ulrich ging mit einem mulmigen Gefühl im Bauch schlafen.

Am nächsten Nachmittag holte er Nico vom Kindergarten ab. Dieser war noch draußen im Sandkasten und so nutzte er die Gelegenheit und fragte eines der Kinder aus Nicos Gruppe, warum sein Sohn geärgert wurde. Erst wollte es nicht so recht mit der Sprache herausrücken, doch Ulrich hatte einen Bestechungs-Lolli dabei.

Schmatzend verkündete der Junge: „Joschi ärgert Nico, weil er Angst vor Monstern hat.“

Ulrich bedankte sich, zog seinem Sohn, der mittlerweile reingekommen war, die Jacke an und sie fuhren nach Hause. Noch während sie im Auto saßen, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Er dachte für sich: „Na klar! Der Mon-Stern! Die nächste Aufgabe ist, seine Angst vor Monstern zu besiegen.“

„Papa, worüber denkst du nach?“, fragte da sein Sohn, doch noch bevor er antworten konnte, löste sich eine Kopie des Sterns vom Blatt, das auf dem Beifahrersitz lag.

Ulrich reichte den funkelnden Stern zu seinem Sohn nach hinten. „Hier bitteschön! Das ist der Lä-Stern!“, freute er sich.

„Oh wow … Danke, Papa …“, flüsterte Nico.

Ulrich verstand die Welt nicht mehr. Der Junge hatte nun schon zwei Sterne und er war immer noch nicht zufrieden! Na ja, vielleicht war er es, wenn er erst den Mon-Stern hatte.

Abends brachte er seinen Sohn ins Bett. Vorsichtig sagte er: „Du, Nico, mir hat einer im Kindergarten gesagt, dass du nachts manchmal Angst hast.“

Nico rief erschrocken: „Nein! Ich hab keine Angst vor Monstern!“

Ulrich fragte: „Monstern? Ich hab doch gar nichts von Monstern gesagt. Hast du davor Angst?“ Als der Kleine nichts sagte, erzählte der Große ihm etwas. „Als ich so klein war wie du, da hatte ich immer Angst, dass nachts ein Gespenst kommt und mich erschrickt. Da dachte ich mir: So geht das nicht! Ich verkleidete mich als fürchterliche Bestie und dann erschreckte ich das Gespenst auch mal so richtig. Von da an ist es nie wiedergekommen.“

Nico sah beeindruckt aus: „Können wir das auch machen? Also die Monster erschrecken?“

„Natürlich“, lächelte Ulrich, dann verkleideten sich die zwei und warteten ab.

Als Nico am nächsten Morgen wach wurde, sah er sich um. Die Kuscheltiere lagen wild durcheinander auf dem Boden, der Schreibtischstuhl war umgekippt und die Bilder hingen schief an der Wand. Er rannte zu Ulrich. „Papa! Papa! Das Monster war da!“

Ulrich setzte sich im Bett auf und sagte: „Aber Nico, weißt du denn nicht mehr, wie wir mit den Monstern gekämpft haben? Du hast sie mit den Kissen gehauen und ich hab Kuscheltiere nach ihnen geworfen!“

Jetzt sah der Junge aber verdutzt aus. „Ehrlich?“, fragte er zögernd.

„Na klar! Du hast sie vertrieben, die kommen nie wieder!“, rief Ulrich. Da knisterte das Sternenbild auf dem Nachtisch und es erschien ein dritter echter Stern. „Da mein Sohn, das ist der Mon-Stern!“, sagte er lächelnd und überreichte ihn Nico.

„Mh … danke“, murmelte dieser wie auch bei den anderen Sternen und verließ das Zimmer.

Ulrich hielt es nicht mehr aus. Er schimpfte wütend das Sternenbild an: „Jetzt hat der Bengel schon ganze drei Sterne, drei Stück! Und er ist immer noch unzufrieden! Was ist nur los mit ihm? Ich sollte ihm ein paar hinter die Löffel hauen!“

Wieder löste sich der Stern ganz vom Blatt ab und sagte: „Denk so etwas nicht! Dein Sohn wünscht sich eben noch einen ganz besonderen Stern, den du bis jetzt nicht entdeckt hast. Suche ihn und Nico wird glücklich sein.“

„Wie kann ich ihn finden?“, drängte Ulrich.

„Welchen Monat haben wir?“, fragte der Stern zurück.

„März“, überlegte der Mann laut. „Aber da ist kein Stern drin!“ Er lief auf und ab, da fiel sein Blick auf das Bild, das Nico ihm letztens gemalt hatte, mit Blumen und einem bunten Ei und … „Ostern!“, rief Ulrich laut. „Ostern! Er wünscht sich den O-Stern!“

Weise lächelnd verschwanden Mund und Augen von dem Stern und er blieb heller leuchtend als die anderen drei auf Ulrichs Nachtisch liegen. Das Blatt daneben war leer. Als er es in die Hand nahm, fielen ihm plötzlich die Worte auf, die auf der Rückseite geschrieben standen: „Mein O-Stern von Ulrich Münzer.“ Lachend rannte er zu Nico. „Guck mal! Der O-Stern!“, rief er. Dann hob er den Jungen auf und drückte ihn fest. „Es tut mir so leid, dass ich die letzten Jahre immer vergessen habe, mit dir Ostern zu feiern“, sagte er und wuschelte ihm durch die Haare. „Es wird nie wieder vorkommen, dass mir meine Arbeit wichtiger ist als du!“

Als sie zu zweit am Ostersonntag am Frühstückstisch saßen, gab Nico seinem Papa einen Kuss und sagte: „Das ist toller als jeder Stern der Welt!“

Ulrich war glücklich und lachend aßen sie ihre Ostereier.

Jaqueline Wisse wohnt in Hamm und wurde am 20.09.1991 hier geboren. Bisher wurden von ihr Kurzgeschichten und ein Gedicht veröffentlicht. Ihre Hobbys sind das Dichten und das Geschichtenschreiben, außerdem liest, zeichnet und fotografiert sie gerne. Zweimal im Monat leitet sie eine Schreibwerkstattgruppe. Diese Ostergeschichte schrieb sie für ihren kleinen Bruder zum Einschlafen.

*

Die verstummte Osterglocke

Gähnend trat Rita, die kleine Feldmaus aus ihrer Erdhöhle heraus. Sie reckte sich und streckte dabei die Arme nach oben. Sogleich bemerkte sie jedoch, dass es immer noch furchtbar kalt war.

„Huh!“, sagte sie, schüttelte sich und wäre am liebsten wieder in ihrem Mäusebett, ganz weit unter der angewärmten Decke verschwunden. Doch das ging nicht. Jedenfalls heute nicht. Sie hatte einen Auftrag zu erledigen. Einen wichtigen Auftrag.

Und so trottete Rita fröstelnd und verschlafen den Hügel hinauf. Dort oben wollte sie wie jedes Jahr am Ostersonntag die Osterglocke läuten und somit allen Bewohnern des Wald- und Wiesenlandes verkünden, dass Ostern und damit das Frühjahr gekommen war.

Als Rita die Osterglocke erreichte, lag immer noch schwere Müdigkeit auf ihren Augenlidern. Durch einen schmalen Spalt erblickte sie den Stängel der stolzen Blume und zog an ihm. Hin und her.

Doch irgendetwas war komisch. „Bloß was?“, überlegte die kleine Maus. Da fiel es ihr auf. Na klar! Es fehlte ganz einfach der Ton! Trotzdem sie am Stiel gezogen hatte, blieb die frühe Narzisse stumm.

Rita probierte gleich noch einmal und zog nun ein wenig heftiger am Stängel. Nichts. Kein Bimmeln war zu hören. Und dieses Sonderbare ließ aus dem verschlafenen, ein hellwaches Mäuschen werden. Rita blickte nach oben zum gelben Blütenkopf, aus dem sonst immer der glockenhelle Klang des Frühlings schallte. Doch der war verschlossen. Noch nicht aufgeblüht. Der konnte nicht bimmeln.

Da fragte eine Stimme direkt hinter Rita: „Was ist denn los? Warum läutest du nicht?“

Selbst noch verwundert und erschrocken drehte Rita sich um und blickte dem Osterhasen direkt auf die Stupsnase, und dann auf seine bibbernden Hasenzähnchen.

„Beeil dich!“, forderte der Osterhase weiter. „Ich will endlich anfangen!“, und zeigte auf den mit bunten Eiern gefüllten Korb auf seinem Rücken.

„Aber das geht nicht“, antwortete Rita kopfschüttelnd und zeigte auf das Köpfchen der Glockenblume. „Der Winter. Er möchte einfach nicht gehen und hält unsere Osterglocke gefangen.“

„Darum ist mir so kalt“, entfuhr es dem Osterhasen und er begriff, warum er und seine Zähne so zitterten.

„Was sollen wir nur tun?“, fragte Rita. „Keiner wird erwachen. Mir selbst ist es schwergefallen aufzustehen. Aber wenn die Glockenblume nicht läutet, werden die anderen Ostern und das Frühjahr verschlafen.“

Ratlos zog der Osterhase seine Schultern nach oben und genau so ratlos ließ er sie wieder sinken. Er wusste auch nicht, was jetzt zu tun war. Er kannte sich nur mit Ostereiern aus. Aber mit dem Winter? Nein.

Rita versuchte mit einem kräftigeren Rütteln die Blume doch noch zum Schellen zu bewegen. Doch alle Mühe vergebens. Sie blieb stumm.

Plötzlich vernahmen Rita und der Osterhase ein näher kommendes Summen. „Sssssssssssssssssssssss.“ Sie spürten einen Lufthauch und schon landete genau zwischen ihnen Katrine, die Biene. „Ich wollte Nektar holen“, sagte sie und hob zum Beweis ihr blitzblankes Eimerchen empor. „Meine Kinder haben Hunger! Und was macht die Glockenblume? Sie schläft!“ Katrine schüttelte missbilligend den Kopf. „Kann sie nicht endlich ihren Laden öffnen?“

„Nein, kann sie nicht“, sagte Rita. „Seht nur zur Sonne hinauf!“

Das taten Katrine und der Osterhase. Doch wollte die Maus sie veralbern? Von der Sonne war keine Spur. Gerade einmal ihre Fußzehe lugte unter dem dicken Wolkenbett hervor. Sonst war nichts von der Sonne zu entdecken.

„Seht ihr!“, sagte Rita weiter. „Ihr seht nichts. Und auch die Glockenblume sieht die Sonne nicht. Also schläft sie und kann ohne die wärmenden Strahlen nicht erwachen.“

Ja, das war einleuchtend. Ohne Sonne, kein Frühling. Ohne Frühling, keine Frühjahrsblüher und somit keine Glockenblume, die läutet, und kein Nektar, der aus ihr fließen konnte. Aber sollte der Winter ewig an der Macht bleiben? Das konnten die drei nicht zulassen. Es musste schnell Frühling werden. Aber wie sollten sie nur die Sonne hervorholen?

Da hatte Mäuslein Rita eine blendende Idee. „Du kannst das machen!“, sagte sie und zeigte auf die Biene Katrine.

„Was ich?“, fragte Katrine vollkommen ahnungslos. „Aber wie soll ich das machen? Ich bin doch kein Wecker und auch keine Sonnenzauberin und ich bin auch kein Ofen, der hier Frühlingswärme entfachen könnte.“

Der Osterhase nickte und gab Katrine Recht. Von all dem konnte sie wirklich nichts.

Rita aber hielt sich über so viel Quatsch vor Lachen den Bauch und erklärte dann in ernstem Ton: „Aber das ist doch ganz einfach. Flieg hinauf und schiebe einfach die Winterwolkendecke beiseite! Dann kann die Sonne aufwachen, strahlen und ihre Wärme entfalten!“

Das war gar keine so schlechte Idee.

„Ja! Na klar!“, klatschte die Biene in die Hände und hüpfte freudig in die Luft. Und auch im Gesicht des Osterhasen konnte man ein heiteres Schmunzeln entdecken. Wenn das klappte, könnte er heute doch noch seine Eier verstecken.

Katrine stellte ihren Honigeimer ab und testete kurz die Funktionsfähigkeit ihrer Flügel. „Summmm!“, heulten sie auf, wie bei einem Motorrad, an dem das Gaspedal getreten wird. „Summ, summmmm!“, gleich noch einmal. Zufrieden nickte sie Rita und dem Osterhasen zu und sagte: „Also dann! Ich gebe mein Bestes“, und startete mit einem „Juhu!“ auf den Lippen dem Himmel entgegen.

Rita und der Osterhase blickten ihr gespannt hinterher. Immer kleiner wurde Katrine, aber der Wolke, die auf der Sonne lag, schien sie irgendwie nicht näher zu kommen. Sie sahen, wie sich die Biene plagte, doch je weiter sie nach oben musste, desto schwerer fiel es ihr. Ihre Flügel wurden langsamer und sie hatte Mühe, sich überhaupt noch in der Luft zu halten.

„Weiter!“, feuerte Rita die kleine Biene an. „Steig weiter, weiter nach oben!“

Auf Katrines Stirn bildeten sich kleine Perlen. Sie schwitzte vor Anstrengung und Aufregung so sehr, dass die Tropfen nach unten fielen und der Osterhase meinte, es würde regnen. Katrine strengte sich wirklich an. Aber nach einer Weile war auch Rita klar, dass sie es nicht schaffen konnte. Sie war zu klein und zu schwach. Und wer weiß, wenn sie es überhaupt bis zu dem Wolkenbett geschafft hätte, hätte sie überhaupt die Kraft gehabt, es beiseitezuschieben?

Rita und der Osterhase sahen, wie Katrine schlappmachte. Die Flügel summten nicht mehr und so raste sie im freien Fall der Erde entgegen. Schnell zupfte Rita ein Blatt vom Breitwegerich. Sie und der Osterhase breiteten es wie ein Rettungssprungtuch der Feuerwehr aus. Dort, mitten hinein, plumpste Katrine und landete so ohne Bein- und Flügelbruch.

„Ich ... ich …“, japste Katrine. „Ich kann nicht mehr.“ Sie lag mit dem Rücken auf dem Breitwegerichblatt wie auf einer Decke in der Wiese, blickte in die entsetzten Gesichter von Rita und dem Osterhasen und dann an ihnen vorbei, hinauf in das Blau des Himmels.

Doch da stutzte sie. Was war das. Sie kniff die Augen zusammen und Rita glaubte schon, nun würde Katrine ohnmächtig werden. Aber das tat sie nicht. Nein, sie riss die Augen sogleich riesengroß wieder auf. „Da!“, sagte Katrine aufgeregt und zeigte mit ihrem Fühler nach oben. „Da!“, sagte sie noch einmal. „Seht nur!“

Und nun drehten sich auch die anderen beiden um, blickten zum Himmel empor und staunten, was sich dort tat.

Wie ein schwarzer Schleier wehte am Himmel ein Schwarm Schwalben. Lustig fröhlich schwirrten sie in den Lüften. Sie schien es gar nicht zu interessieren, dass der Winter nicht gehen wollte. Ihr Frühlingslied, was sie trällerten, drang bis zu den Wiesenbewohnern herunter. Und die sahen nun das Fantastische, an was sie selbst nicht mehr geglaubt hatten. Der Schwarm der Schwalben formte sich zu einem langen Seil. Es wirbelte um das dicke Winterwolkenbett, schlang sich fest darum und nahm es wie einen Bösewicht gefangen. Kraftvoll zog das Schwalbenseil die Wolke beiseite.

„Die Sonne, sie ist frei!“, sagte Rita begeistert und winkte den Schwalben zu. „Danke! Danke!“, rief sie jubelnd zu ihnen hinauf.

Sofort spürten Rita, Katrine und der Osterhase die Wärme der Sonne wie eine Umarmung. Der kalte Reif auf den Halmen der Wiese schmolz, der Tau begann zu trocknen und die Vögel stimmten einen fröhlichen Chorgesang an.

Staunend sahen Katrine, Rita und der Osterhase, wie sich ganz, ganz langsam die Blüte der Glockenblume öffnete und ihre gelbe Schönheit entfaltete. Als sie vollkommen aufgeblüht war, nickte sie Rita auffordernd zu.

Und Rita ergriff ihren Stängel, zog erst ganz sacht, dann immer stärker. Der bezaubernde Klang der Glockenblume hallte über die Wiesen, über die Berge, übers ganze Land. Der Frühling erwachte und der Ostersonntag war eingeläutet.

Eilig hoppelte der Osterhase und versteckte die bunten Eier. Katrine füllte ihr Eimerchen mit Nektar und fütterte ihre hungrigen Bienenkinder.

Und die Maus Rita? Sie hatte ihre Aufgabe erfüllt. Sie machte es sich auf dem Blatt des Breitwegerichs bequem wie in einem Liegestuhl und genoss den Frühling.

Kathrin Sehland, Jahrgang 1964, lebt in Wilkau-Haßlau am Tor zum Erzgebirge. Sie ist verheiratet und Mutter zweier Kinder. Die ausgebildete Maschinenbauzeichnerin und Wirtschaftskauffrau engagiert sich ehrenamtlich und hält sich mit Badminton und Fahrrad fahren fit. Ihre Kreativität setzt sie bevorzugt in Gedichten und Kurzgeschichten um. Diese fanden schon in verschiedenen Anthologien einen Platz und hoffentlich viele Leser.

*

Das Geheimnis im Schuppen

Auf dem Nachhauseweg von der Schule traf Rabbit seinen Spielkameraden Whoopie. Kaum hatte er ihn gesehen, begann er auch schon aufgeregt loszuplappern: „Gestern war mein Onkel Bunny bei uns zum Kaffeetrinken eingeladen und er hat uns eine tolle Geschichte erzählt. Vor Kurzem hatte er ganz in der Nähe ein altes, verfallenes Haus gekauft.“

„Und was ist da so toll dran?“

„Er hat doch tatsächlich in einem alten Schuppen, der auf dem Grundstück steht, eine irrsinnige Maschine gefunden.“ Rabbit hielt kurz inne.

„Was denn für eine Maschine? Jetzt lass dir doch nicht jedes Wort aus deiner Stupsnase ziehen.“ Unruhig hüpfte Whoopie an der Seite seines Freundes hin und her. „Auf so alten Bauernhöfen stehen immer irgendwelche verrosteten Ackergeräte herum.“

„Nein, es war keine Maschine für die Feldarbeit. Das Haus gehörte mal einem Erfinder. Und der Apparat ist vielleicht ein Roboter.“

„Ein Roboter? Du spinnst wohl! Da hat dir dein Hasenonkel einen schönen dicken Bären aufgebunden.“ Whoopie tippte ungläubig mit der Pfote gegen seine Stirn.

„Nein, das ist echt wahr! Mein Onkel lügt nicht.“

Whoopie war von dieser Neuigkeit immer noch nicht so recht überzeugt und schüttelte energisch seine langen Ohren.

„Wenn du willst, gehen wir heute Nachmittag zu ihm. Dann werde ich dir beweisen, dass ich die Wahrheit sage“, schlug Rabbit vor. „Abgemacht?“

„Abgemacht!“, rief Whoopie und schlug mit der Pfote ein.

Um drei Uhr trafen sich die beiden Freunde wie verabredet an der Wegkreuzung.

„Ich bin schon so gespannt auf das, was du mir zeigen willst.“

Eilig hoppelten die beiden den Weg entlang in Richtung Wald. Schon von Weitem erkannte Rabbit das alte, heruntergekommene Häuschen.

„Das sieht ja aus, wie ein Hexenhaus“, bemerkte Whoopie und schüttelte sich. Damit er es besser in Augenschein nehmen konnte, klemmte er sich seine Nickelbrille mit den runden Gläsern auf die Nase. „Da muss aber noch viel Arbeit hineingesteckt werden.“

Als sie näher herankamen, erkannte auch Rabbit, dass die Farbe an den Außenwänden und den Fensterrahmen abblätterte oder zum Teil ganz fehlte. Nur das Dach schien in Ordnung zu sein.

Rabbit hoppelte zur Haustür und suchte vergeblich den Klingelknopf. „Ich klopf mal an die Tür“, sagte Whoopie und schlug mit seiner Pfote gegen die morschen Bretter.

Nichts war zu hören. Auch auf ein erneutes Klopfen erfolgte keine Reaktion.

„Dein Onkel ist nicht zu Hause“, stellte er traurig fest. „Und was machen wir jetzt?“

„Nichts leichter als das“, antwortete Rabbit. „Wir gehen alleine in den Schuppen.“

Schnell nahmen die beiden Hasen ihre Beine in die Pfoten und hüpften los.

„Ist richtig gruselig hier“, stellte Whoopie fest. „Meinst du, wir sollen weiterhoppeln?“

„Du bist wirklich ein Angsthase. Sehen doch echt cool aus, das alte Gemäuer, der verwilderte Garten und der geheimnisvolle Schuppen. Jetzt mach dir nur nicht in deine schicke Hose.“ Rabbit kicherte leise.

Inzwischen waren die Hasenjungen an der Tür des Bretterschuppens angelangt. Mutig drückte Rabbit die verrostete Türklinke hinunter. Ein lautes Quietschen ließ die beiden Häschen zusammenzucken. Mit einem kräftigen Ruck öffnete sich knarrend der eine Flügel.

Whoopie hielt sich vor lauter Angst die Pfote vor sein Gesicht. „Das halte ich nicht aus! Komm lass uns endlich hier verschwinden“, jammerte er.

„Du wirst doch nicht schlappmachen? Jetzt wo wir so nahe an unserem Ziel sind. Ich will unbedingt wissen, was das für eine geheimnisvolle Maschine ist. Du kannst ja gehen, wenn du Schiss hast.“

Doch nun wollte Whoopie auch nicht mehr kneifen. Geduckt schlichen die beiden Hasen durch die Öffnung in die Finsternis hinein. Nur wenige Sonnenstrahlen bahnten sich einen Weg durch die Ritzen in den Holzwänden und tauchten den Schuppen in ein geheimnisvolles Licht. „Dass es so gruselig ist, hätte ich nicht gedacht“, flüsterte Rabbit und drückte sich eng an seinen Hasenfreund. Langsam setzten sie eine Pfote vor die andere, bis sie plötzlich an ein Hindernis stießen. Whoopie schrie erschrocken auf.

Rabbit, der seine Angst auf keinen Fall zeigen wollte, ertastete mit seinen Vorderläufen den vor ihnen liegenden Gegenstand. „Ist nur ein Stück Balken“, beruhigte er den zitternden Whoopie. „Er ist wahrscheinlich von oben heruntergefallen. Ist doch ganz schön morsch diese Bude. Los, gehen wir weiter!“

Eng aneinander gekuschelt setzten sie ihre Entdeckungsreise fort. Sie mussten noch mehrmals über Holzteile hüpfen, die ihnen den Weg versperrten. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit und sie konnten immer mehr Umrisse erkennen.

„Da!“, rief Rabbit auf einmal. „Schau, hier ist es. Das muss der geheimnisvolle Roboter sein.“

Eingehüllt in verstaubte, dreckige Decken verbarg sich etwas vor ihnen. Spinnweben spannten sich bis hinauf in das Dachgebälk.

„Und du meinst, die Maschine ist da drunter?“

„Das werden wir spätestens sehen, wenn wir die Verpackung herunterziehen, Whoopie.“ Rabbit hatte seine Überlegenheit zurückgewonnen. Mutig zog er heftig an einem Zipfel der Decke und mit einem Schwupp fiel der Schutz ab und beide Hasen standen in einer undurchdringlichen Schmutzwolke.

„Oh mein Gott“, rief Whoopie aus und hüpfte mit einem Satz zur Seite. Gleich darauf musste er kräftig husten. Auch Rabbit nieste und hustete in einem fort.

Es dauerte eine ganze Weile, bis sich der Staub legte und sie wieder freie Sicht hatten. Doch umso größer war jetzt die Überraschung. Vor ihnen stand ein Riesenmonstrum mit Greifarmen und zahlreichen Schrauben, Rädchen und Kabeln.

„Wow, ist das cool!“ Whoopie stand staunend vor dem Ungetüm.

Rabbit, der sich schon etwas näher herangewagt hatte, betrachtete es grübelnd. „Wenn ich nur wüsste, wie man das Ding einschalten kann?“

„Ich glaube, ich weiß wo“, rief sein Hasenfreund erfreut. „Hier ist ein roter Knopf. Das ist bestimmt der Anlasser.“ Eilig hüpfte er auf ein Stahlrohr und versuchte gerade an den großen roten Schalter zu gelangen, als von der Tür her eine Stimme rief:

„Nein, nicht!“

Doch es war zu spät. Whoopie hatte bereits den roten Knopf gedrückt.

„Seid ihr von allen guten Geistern verlassen? Was macht ihr hier in meinem Schuppen?“

Erschrocken fuhren die beiden Hasen herum und sahen Onkel Bunny im Türrahmen stehen. Eine Antwort konnten sich die beiden Häschen sparen, denn in diesem Moment ertönten seltsame Geräusche. Ängstlich hüpften Rabbit und Whoopie zum Ausgang und drückten sich eng an den Onkel.

„Was ist das? Was geschieht hier?“, fragte dieser erstaunt.

Das Ungetüm begann zu schnauben und zu zischen. Unter den Hasenpfoten fing der Boden an zu vibrieren. Aus sämtlichen Öffnungen der Maschine drangen dicke Rauchschwaden heraus. Stangen und Rädchen bewegten sich rhythmisch hin und her. Der Lärm schwoll immer mehr an, sodass sich die ängstlichen Hasen ihre langen Ohren mit den Pfoten zuhalten mussten.

Plötzlich trat Stille ein. Der Nebel verzog sich und das Monstrum stand ruhig an seinem Platz.

„Das ist ja ein Ding!“ Rabbit hatte als Erster die Sprache wiedergefunden. „Und was sollte der ganze Lärm nun?“

Kaum hatte der kleine Hase die Frage ausgesprochen, als ein Plopp die drei zusammenzucken ließ. Dann wieder Stille.

Rabbit nahm seinen ganzen Mut zusammen, näherte sich dem Ungetüm und stieß einen Schrei aus. Schnell liefen die beiden anderen Hasen herbei und Whoopie entfuhr ein Laut des Entzückens. In einer Schale, die an der Maschine befestigt war, lag ein herrlich bunt bemaltes Osterei.

Ute Petkelis wurde im Jahr 1958 geboren und lebt heute mit Mann und Sohn im Main-Kinzig-Kreis. Erst 2004 begann sie mit dem Schreiben. Zunächst waren es Kinder- und Alltagskurzgeschichten, später kamen Märchen hinzu. Einige ihrer Texte wurden bereits in Anthologien veröffentlicht.

*

Die Hasen und die Sternfabrik

Etwas ganz und gar Unerhörtes hatte sich eines sonnigen Frühlingsmorgens an der Sternfabrik zugetragen. Aufgebracht standen die Hasen dicht gedrängt vor der Fabrik und tuschelten miteinander.

Die Sternfabrik wurde seit jeher von Hasen geführt, da Hasen sich für außerordentlich geschäftstüchtige Wesen hielten. Sie glaubten, mit ihren großen Lauschern ein besonders gutes Gehör dafür zu besitzen, welche Dinge sich ihre Kunden wünschten. Die alten Menschenvölker waren einst ganz verzaubert gewesen von dem Himmel mit seinen Millionen Sternen, darum hatten die pfiffigen Hasen die Sternfabrik gegründet. Sie hatten zahllose leuchtende Sterne in allen Größen hergestellt und sich damit sogar ihr eigenes Denkmal geschaffen. Noch heute kannst du, wenn du im Sommer in einer lauen, klaren Nacht zum Firmament schaust, das Sternbild des Hasen sehen, da, gleich beim Orion.

Die alten Völker aber gab es längst nicht mehr und niemand kümmerte sich mehr um die Sterne. Die Geschäfte liefen sehr schlecht. Schon lange war nichts Aufregendes mehr passiert – bis zu jenem unerhörten Tag.

„Was ist denn hier los?“ Der Chefhase kam gerade an der Fabrik an und war ganz verwundert über die riesige Versammlung, die er dort sah. Normalerweise waren die Hasen um diese Zeit längst bei der Arbeit, um Sterne herzustellen.

„Jemand hat das Schild bemalt!“, rief da einer aus der Menge. Er zeigte mit seiner Pfote nach oben zum Dach der Fabrik, wo auf einem großen Schild „STERNFABRIK“ gedruckt stand.

Der Chefhase sah nach oben, und tatsächlich – irgendein Schmierfink hatte einen dicken, runden Kreis vor den Namen der Fabrik gemalt. So etwas Unerhörtes aber auch!

„Was hat dieser Kreis zu bedeuten?“, schimpfte der Chefhase, denn es machte ihn wütend, dass jemand einfach so auf seinem Eigentum herumkritzelte.

„Vielleicht ist das die Sonne?“, schlug einer der Hasen vor.

„Oder ein Wagenrad!“, meinte ein anderer.

„Oder die Brille eines Zyklopen!“

„Nein, nein, ihr liegt alle miteinander falsch“, widersprach ein weißer Hase mit schwarzen Flecken, der ganz in der Nähe vom Chefhasen stand. „Das ist keine Sonne, das ist auch kein Wagenrad und erst recht ist es keine Brille eines Zyklopen!“

„Aber was ist es dann?“, fragten vereinzelte Stimmen.

„Das ist ein Ei!“, antwortete der weiße Hase mit den schwarzen Flecken. „Seht doch, der Kreis ist ein klitzekleines bisschen oval und nicht ganz rund. Das muss ein Ei sein.“

„Aber ja, es ist ein Ei!“, stimmten ihm nun die anderen Hasen zu.

Auch der Chefhase ließ sich davon überzeugen. „Wir sind aber doch keine Ei-Sternfabrik“, empörte er sich und schüttelte den Kopf. „Warum hat denn jemand ein Ei auf das Schild gemalt?“

Darauf wusste niemand eine Antwort. Die Hasen grübelten und zerbrachen sich ihre pelzigen Köpfchen, kamen aber zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis.

Schließlich war es wieder der weiße Hase mit den schwarzen Flecken, der Rat wusste: „Eier werden von Hennen gelegt“, sagte er. „Wir könnten die Hennen fragen, was das zu bedeuten hat, denn sie wissen bestimmt besser über Eier Bescheid als wir.“

Und wieder war das die beste Idee und alle waren damit einverstanden. Also ließ man so schnell wie möglich Hennen herbeirufen, ganz viele auf einmal, denn die Hasen hatten ja bemerkt, wie schwierig das Problem allein zu lösen war.

Die Hennen stellten sich tatsächlich als klug heraus, wenn auch anders, als man erwartet hatte. Als sie eingetroffen waren, erklärten die Hasen ihnen, worum es ging, und die Hennen besahen sich die Schmiererei auf dem Schild. Und sie wussten sogar sofort eine Antwort: „Aber das ist doch kein Ei“, gackerte eine der Hennen empört. „Das ist ein Buchstabe. Das ist ein O!“

Ein lautes, erstauntes „Ooh!“ raunte die Menge. Daran hatte nun wirklich niemand gedacht!

„Also steht da nicht mehr STERNFABRIK, sondern OSTERNFABRIK“, las die Henne vor.

„Aber was ist denn ein Ostern?“, fragte der Chefhase unsicher und scharrte mit seinen Pfoten unruhig auf dem Boden. „Wir stellen doch Sterne her.“

„Ostern ist ein Fest, das die Menschen feiern. Jedes Jahr im Frühling“, antwortete ihm eine andere Henne.

Wieder waren die Hasen ganz erstaunt, wie gebildet die Hennen waren. Denn von Ostern hatten sie noch nie etwas gehört.

Aber auch der Chefhase war nicht dumm und zog seine Schlüsse daraus. „Das heißt“, seufzte er mit hängenden Ohren, „die Menschen wollen unsere Sterne deshalb nicht mehr, weil sie schon lange mit neuen und anderen Festen beschäftigt sind.“

Traurig sah er zu seiner Fabrik hinüber. Da meldete sich plötzlich der häsische Geschäftssinn in seinem Geist und er hatte einen großartigen Einfall: „Wenn die Menschen aber keine Sterne mehr brauchen, können wir ja etwas anderes herstellen, was sie für ihre neuen Feste brauchen“, schlug er vor.

Die Hasen murmelten zustimmend, das war wirklich eine gute Idee. „Aber was sollen wir denn sonst fabrizieren? Was wünschen sich die Menschen für ihre Osterfeiern?“

Und schon wieder waren die Hasen ratlos.

Die gewitzten Hennen aber waren, obwohl man es ihnen nicht ansah, auch sehr geschäftstüchtige Tiere. Und so witterten sie sofort ihre Gelegenheit und gackerten: „Eier! Sie brauchen Eier für ihr Fest, viele, viele Eier!“

Weil die Hennen zuvor schon so gut Bescheid gewusst hatten, zweifelte niemand mehr daran, dass sie auch damit richtig lagen.

Auch der Chefhase bemerkte nicht die List der Hühner und sprach: „Habt vielen Dank. Nun, von jetzt an sind wir also eine OSTERNFABRIK. Und wenn sich die Menschen Eier zu Ostern wünschen, so stellen wir eben Ostereier für sie her.“

Weil aber selbst die tüchtigsten Hasen nicht imstande waren, Eier zu legen, schlossen sie einen Handel mit den Hühnern ab, die sie von nun an gegen eine großzügige Bezahlung immer zum Osterfest mit frischen Eiern beliefern sollten.

Weil der Frühling aber schon über dem Land lag und sein warmer Wind Ostern ankündigte, gerieten die Hasen in Zeitnot. Hurtig bemalten sie die ersten gelieferten Eier, damit sie festlicher aussahen. Erst am letzten Tag vor Ostern wurden sie damit fertig – viel zu spät, um die Eier den Menschen noch persönlich zuzustellen. In ihrer großen Eile verteilten die Hasen die bunten Eier in der Nacht einfach überall, wo sie hinkamen. Sie hofften darauf, dass die Eier trotzdem entdeckt würden.

Am nächsten Tag staunten die Menschen nicht schlecht, als sie zu den Osterfeiern überall versteckt bunte Eier fanden. Die Kinder lachten und jauchzten und begaben sich eifrig auf die Suche. Was eigentlich überhaupt keine Absicht gewesen war, bereitete den Kindern überall so große Freude, dass die Hasen beschlossen, an ihrer Liefermethode nichts mehr zu ändern.

Und so entstand der Brauch, dass jedes Jahr zu Ostern bunte Eier versteckt werden, damit glückliche Kinder sie finden dürfen.

Roman Seifert, geboren am 5. Februar 1989 in Waldshut, lebt derzeit in Bad Säckingen und studiert seit 2009 Deutsche Philologie und Geschichte an der Universität Basel.

*

Das schwarze Ei

Die fröhliche Maja war seit ihrer Geburt blind. Darunter litt die Neunjährige kaum. Einzig beim Herumtoben im Freien brauchte sie Begleitung. Mal war es ihr älterer Bruder Mika oder ihre Mama, die sie zum nahen Spielplatz begleiteten. Sogar das Fahrradfahren beherrschte Maja. Unbändig stolz war sie gewesen, als Papa ihr das beigebracht hatte. Und wie sie das Rutschen und Klettern liebte!

Im Sommer, Herbst und Winter war Majas Welt in Ordnung. Traurig wurde Maja, wenn der Frühling nahte und mit ihm das Osterfest. Begeisterte sich doch dann alle Welt für die sprießende Natur. Erfreuten sich an blauen Traubenhyazinthen, Beeten mit roten Tulpen genauso wie an den gelben Narzissenfelder. Solche bunten Bilder blieben Maja fremd. Ebenso wenig konnte sie sich etwas Kariertes, Gestreiftes oder Einfarbiges vorstellen. Die Kleiderauswahl übernahm von klein auf ihrer Mutter. Majas Nase und ihre Ohren waren ihre Augen. Dennoch blieben Farben ihr ein unbekanntes Universum.

Von Jahr zu Jahr verwünschte sie den Frühling und das Osterfest mehr und mehr. Der Feststimmung an Ostern hätte sie sich am liebsten durch Flucht entzogen. So sehr sich ihre Eltern und Mika auch bemühten, ihr die Farben zu erklären, es blieb in ihrem Kopf dunkel. Wähnte sich Maja allein, hörten sie Maja oft genug sagen: „Mein größter Wunsch wäre es, ein einziges Mal ein Gelb, ein Grün, ein Blau, ein Rot, ein Pink zu sehen.“

Das stimmte in ihrer Familie alle traurig. Und nun stand Ostern wieder vor der Tür. Mika hatte eine Eule als Jungvogel aufgepäppelt, die sich in seinem Zimmer einquartiert hatte und nichts vom Wald wissen wollte. Diese Eule hörte auf den Namen Till und wich kaum von Mikas Seite.

An einem Nachmittag stand Majas Zimmertür ein spaltbreit offen. So wurde Mika Zeuge, wie sie sich bei ihrem Stoffhasen beklagte, niemals die bunte Welt kennenzulernen. Mika sah Tills Getrippel auf seinem Schreibtisch zu. Er schob ein Buch beiseite, stützte sein Gesicht in beide Hände und wirkte ratlos.

Ein Seufzer entwich seiner Brust. „Ach, Till. Was könnte ich tun, um Maja ein einziges Mal die Farben zu zeigen?“

„Suche den Ostervogel und bitte ihn um ein schwarzes Ei.“

Mika glaubte, Ohrensausen zu haben. Oder Halluzinationen. Das konnte unmöglich Till gewesen sein, der da gesprochen hatte. Träumte er? Noch bevor er Till fragen konnte, löste dieser das Rätsel: „Wenn der Wunsch, anderen zu helfen, aus tiefem Herzen kommt, können wir eure Sprache verstehen und sprechen.“

Mika meinte: „Mann, Till. Ich fass’ es nicht. Mein Till kann sprechen!“ Mika wollte auf der Stelle zu Maja, um ihr davon zu berichten. Die Nachricht käme einer Sensation gleich.

Doch Till warnte: „Du darfst zu niemandem ein Wort darüber verlieren. Zu niemandem.“ Dann erklärte Till, was es mit dem Ostervogel und dem schwarzen Ei auf sich hatte: „Schwarze Eier sind sehr selten und äußerst schwer zu finden. In ihnen befinden sich sämtliche Farben der Welt. Hält ein Blinder ein solches Ei in Händen, wird er durchströmt von den darin befindlichen Farben.“ Hier machte Till eine Pause, ehe er fortfuhr: „Also wird er die Farben sehen können. Und dieser Zauber entfaltet sich nur in der geheimnisvollen Osternacht.“

Mit offenem Mund hatte Mika Tills Ausführungen gelauscht. Hoffnung machte sich in ihm breit. „Und werden Blinde dadurch wieder sehend?“

„Nein, sie bleiben weiterhin blind. Es wird ihnen ein einziges Mal der Wunsch erfüllt, Farben zu sehen, ein Wunsch, den viele Blinde haben. Und dieses Erlebnis werden sie ein Leben lang nicht mehr vergessen genauso wenig wie die Farben.“

Mika überlegte. Morgen war schon Ostersonntag. Würde er es noch schaffen, das schwarze Ei zu suchen? Für einen Moment lang hegte er Zweifel, die er beiseite wischte und fragte: „Till, wo finde ich dieses schwarze Ei?“

Till erklärte: „Folge in der Osternacht dem Bim, Bim Bam, Bam, Bim, Bim der Osterglocken. Sie weisen dir den Weg.“

Mika kannte nur Kirchenglocken. „Was sind Osterglocken?“

„Es sind Blumen, die um die Osterzeit herum blühen.“ Er rief Mika ans Fenster: „Sieh dort unten die gelben und weißen Blumenbüsche. Solche wachsen ebenso in Parks und auf Wiesen. Ihr Geläut führt dich zum Ostervogel.“ Es war, als könnte Till Gedanken lesen. „Der Ostervogel vertraut nur Kindern das schwarze Ei an. Keinem Erwachsenen. Und nur Kinder sind in der Lage, das Läuten der Osterglocken zu hören.“

Somit hatte sich Mikas Wunsch, ein Elternteil könne ihn zum Ostervogel begleiten, zerschlagen. Nach einem „Mach dich auf den Weg“ war kein Ton mehr aus Till herauszubringen.

Am Himmel lugte ein halber Mond auf die Erde herab, als Mika aufbrach. Sich ohne Wissen seiner Eltern davonschlich. Er schlug den Weg zu den Wiesen und Felder ein. Vorbei am Waldrand, wo der Nachtvogel sein Revier durchstreifte. Mit gespitzten Ohren horchte Mika in die Nacht. Außer einem brummenden Flugzeug und Geraschel im Unterholz vernahm er nichts. Von einem Bim, Bim, Bam, Bam, Bim, Bim kein Ton. Mika lief weiter. Immer weiter. Längst hatte er die Orientierung verloren, wusste nicht mehr, wo er sich befand. Nichts als Stille und Dunkelheit um ihn herum. Ihm war unheimlich und sein Mut schwand dahin.

Dann, er traute seinen Ohren kaum, als von fern ein zartes Geklingel ertönte, das stärker und stärker wurde. Aufgeregt lief Mika dem Läuten entgegen. Immer geradeaus. Dieses Geläut schwoll zu glockenheller Musik an, die so lieblich in seinen Ohren tönte. Und plötzlich war es taghell geworden. Mika war überwältigt. Soweit er blicken konnte, nichts als blühende Osterglocken, die ihre Blütenköpfe hin und her schwangen. Im Takt des Bim, Bim, Bam, Bam, Bim, Bim.

Dann erblickte er den Ostervogel, der Ähnlichkeit mit einem Pfau zu hatte. Gebannt sah Mika dem Ostervogel entgegen, wie er in majestätischer Manier und buntem Gefieder durch die Blumenreihen schritt, die sich vor ihm verneigten. „Willkommen Mika im Reich des Ostervogels. Du möchtest deiner Schwester einen Wunsch erfüllen?“

„J-j-j-ja“, stammelte Mika. „Ich … ich möchte für meine Schwester ein schwarzes Ei abholen.“

Der Ostervogel lächelte ihm wissend zu. „Komm mit.“

Gemeinsam durchschritten sie die Blumenfelder, bis sie vor einer tiefen Mulde haltmachten. Die Mulde war vollständig ausgekleidet mit den Federn des Ostervogels und darin lagen drei schwarze Eier so groß wie Pfaueneier. Der Ostervogel entnahm dem Nest vorsichtig ein Ei und überreichte es Mika. „Für deine Schwester.“

Mikas Hände zitterten, als er das schwarze Oval mit seinen Fingern umschloss, diesen unendlich kostbaren Schatz. Seine kleinen Hände bargen die Farben der Welt, die er Maja zu Ostern schenken würde.

Katharina Britzen, geboren 1954, lebt derzeit in Irrel, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne und zwei Enkelkinder. Veröffentlicht hat sie schon einige Beiträge in Heimatkalendern, Jahrbüchern und in verschiedenen Anthologien.

*

Lämmchen & Palmkätzchen suchen ein Zuhause

Frau Paula war eine kugelrunde Bäuerin. Ihr fröhliches, pausbäckiges Gesicht wurde noch strahlender, als sie das goldbraune Osterlamm aus dem Backofen nahm. „Oh, das ist mir aber gelungen! So ein Prachtstück!“, murmelte die gute Frau.

Ihr ebenfalls kugelrunder, schwarzer Kater Seppl hob sein Näschen, schnupperte und dachte: „Mhhh, riecht das lecker!“

Vorsichtig holte die Bäuerin das Lämmchen aus der Backform. Liebevoll legte sie es auf ihren schönsten Osterteller und band ihm ein kleines Glöckchen um. „Das wird eine herrliche Ostersonntagkaffeejause!“, dachte Paula, als sie das Lamm in die kühle, dunkle Speisekammer stellte. Hastig eilte die kugelrunde Bäuerin in ihre Küche zurück. Es gab noch viel zu erledigen: Den Osterbraten vorbereiten, den Osterputz und soooooo viel mehr.

In der kühlen, dunklen Speisekammer spitze das Lämmchen die Ohren. Gut, die Bäuerin war weg. Es freute sich. Es blinzelte und streckte seine goldbraunen Beinchen. Das Glöckchen bimmelte, als es vom Osterteller hüpfte. Einwenig Staubzucker rieselte herab. Wackelig stand das Lämmchen da. Eines war sternenklar: Die kugelrunde Bäuerin wollte es bis aufs letzte Bröserl essen.

„Ich werde fliehen!“, dachte das Lämmchen. Langsam öffnete es die Speisekammertür. Schielte nach links und nach rechts.

„Die Luft ist rein!“, murmelte es.

Mutig zischte das Lämmchen los. Im Affenzahn raste es die Wiese hinab, direkt in einen kleinen, roten Stall hinein. Die Hühner guckten verdutzt. Helene Oberhenne gackerte: „Na so was, ein Osterlamm!“

„Helft mir, die kugelrunde Bäuerin möchte mich bis aufs letzte Bröselchen fressen!“

„Ach, brüll hier nicht herum! Denkst du, dem Hühnervolk ergeht es besser? Die Eier werden uns weggenommen und wir selbst landen irgendwann in der Suppe. Frau Paula und ihr kugelrunder Kater Seppl lieben Hühnersuppe, Rührei und Hühnerkeule. Neulich tauchte sie unsere mühselig gelegten Eier in die merkwürdigsten Farben!“, zischte Helene Oberhenne aufgebracht.

„Darf ich bei euch wohnen?“

„Gagagaga! Nein daraus wird nichts! Die kugelrunde Paula kommt jeden Morgen in den Stall. Sie wird dich entdecken. Mach, das du weiterkommst!“

Draußen war es mittlerweile dunkel geworden. Der Mond schimmerte durch die alten Apfelbäume. Das Lämmchen fror. Wo sollte es schlafen? Die Dunkelheit mit ihren schwarzen Schatten machte ihm Angst. Es wünschte sich in den wohlig, heißen Backofen zurück. Das Lämmchen seufzte traurig. „Solltest du nicht am Ostertisch der kugelrunden Paula liegen?“

Das Lämmchen fuhr herum. Hinter ihm stand ein kleines, graues, samtiges Etwas. „Gar nicht!“, erwiderte das Lämmchen.

„Lüg nicht! Mir geht es auch nicht besser! Ich bin vom Osterstrauch gesprungen. Wer möchte schon als mit bunten Eiern geschmücktes Palmkätzchen enden?“ Das kleine samtige, runde Palmkätzchen streckte dem Lämmchen seine Hand entgegen: „Komm, lass uns Freunde sein. Wir sind beide Osterflüchtlinge!“

Das Lämmchen lächelte: „Hast du eine Ahnung, wo wir ein neues zu Hause finden?“

Plötzlich hörten sie ein Fauchen: „Hab ich euch Ausreißer!“, knurrte der kugelrunde Seppl.

„Folge mir!“, brüllte das Palmkätzchen.

Das Lämmchen raste hinter dem Kätzchen her. Nach drei kleinen Sprüngen war der dicke Seppl müde. Er sehnte sich nach seinem kuscheligen Ofenplätzchen: „Ich erwische euch schon noch!“, rief er den beiden nach.

Das Palmkätzchen und das Lämmchen rannten den Feldweg hinab. Rasch huschten sie in die alte Scheune hinein. Drinnen roch es nach Heu, Stroh und Kuh.

„Muh“, ertönte es lautstark. „Ihr habt es ganz schön eilig!“ Eine wunderschöne Kuh mit riesigen blauen Augen, langen Wimpern und kräftigen Hörnern musterte freundlich die Ostergesellen.

„Dürfen wir bei dir wohnen? Wir haben kein zu Hause und die Bäuerin will mich bis aufs letzte Bröserl essen“, stammelte das Lämmchen.

„Muh, die Bäuerin melkt mich jeden Morgen, sie wird euch finden. Heute Nacht könnt ihr bleiben. Danach kann ich euch nicht mehr helfen“, erklärte die Kuh.

Müde kuschelten sich das Lämmchen und das Palmkätzchen in das duftende Heu. Die Kuh sang ihnen ein Gutenachtlied und sie schliefen endlich ein.

Früh am Morgen bedankten sich die Ostergesellen bei der gastfreundlichen Kuh.

„Komm, wir gehen in den dunklen Wald. Vielleicht finden wir dort ein nettes Zuhause“, meinte das Palmkätzchen. Als sie sich am Haus der Bäuerin vorbeischlichen, hörten sie die kugelrunde Paula schimpfen. Sie blickten durch das Fenster. Die Bäuerin rannte im Nachthemd gekleidet dem kugelrunden Kater hinterher. Sie schwang dabei das Nudelholz, dass ihre roten Lockenwickler nur so wackelten, und brüllte: „Du unverschämter Kater hast das Osterlämmchen gefressen. Du hast es aus der Speisekammer gestohlen!“

Als sie schon längst im dunklen Wald waren, konnten die Osterflüchtlinge die kugelrunde Paula noch immer brüllen hören. Das Kätzchen führte seinen Freund zu einem Hasenbau. Klopf, klopf machte das Palmkätzchen an der Haustüre. Ein sehr großer Feldhase streckte seinen Kopf aus dem Fenster. „Nanu, zwei Gäste zu früher Stunde. Kommt rein in meine gute Stube!“

Dankbar setzten sich die Freunde in die gemütliche Hasenküche. Ein wunderschön auf Hochglanz poliertes, rotes Ei saß schon da und trank Tee. Hochnäsig blickte das rote Ei von einem zum anderen, ohne ihren Gruß zu erwidern. „Der Aprilhase hat wahrlich keine Zeit für zwei Osterausreißer!“, meinte das Ei boshaft.

„Lämmchen, Kätzchen, darf ich euch vorstellen, meine Osterhasenassistentin: Pecki Rotei!“

Pecki Rotei seufzte gelangweilt, als die Freunde von ihrer Flucht berichteten. Der Aprilhase nickte verständnisvoll: „Mein Bau ist zu klein, um euch zu beherbergen. Pecki Rotei und ich sind sehr damit beschäftigt, die Osternester für die Kinder zusammenzustellen. Doch wartet, im Märchenland könntet ihr ein neues zu Hause finden.“ Der Aprilhase führte das Lämmchen und das Kätzchen zu einem mit Efeu bewachsenen Steinbrunnen. „Hüpft rein, meine Freunde! Ich hoffe wir sehen uns bald wieder!“

Mutig sprangen die beiden in den dunklen Brunnen. Sie rasten die dunkle Wand hinab und landeten mit einem sanften Plumps auf einem riesigen weichen Himmelbett. Das Begrüßungskomitee war schon da. Der böse Wolf und das Rotkäppchen hielten ein Schild in die Höhe, auf dem stand: „Herzlich Willkommen im Märchenland!“

Schnuppernd näherte sich der böse Wolf dem Lämmchen: „Mmh, du riechst zum Anbeißen gut!“

Das Rotkäppchen zog ihm daraufhin sein rechtes Ohr lang: „Böser Wolf, benimm dich gefälligst!“

Das Rotkäppchen und der Wolf brachten die neuen Märchenlandbewohner in das alte Hexenhaus. „Hier könnt ihr wohnen. Die Hexe ist nach Sibirien ausgewandert!“, knurrte der böse Wolf.

Die beiden Freunde machten es sich im Hexenhaus gemütlich. Endlich hatten sie ihr zu Hause gefunden. Die kugelrunde Bäuerin musste zur Ostersonntagkaffeejause Butterbrot essen. Der Kater Seppl hatte eine Woche lang Ofenplätzchenverbot.

Das Lämmchen hat mich gebeten, dir noch Folgendes auszurichten: Sollten dir Osterflüchtlinge über den Weg laufen, dann schick’ sie bitte in das Märchenland! Dort werden sie ein Zuhause finden und glücklich sein bis ans Ende ihrer Tage.

Irene-Maria Seimann lebt heute in Schneegattern. Schon als Kind verzauberten sie Märchen und Geschichten. Seit 11 Jahren arbeitet sie mit Kindern und Jugendlichen, besonders wichtig ist ihr die Tätigkeit als Trauerbegleiterin. Seit sie nicht mehr im hektischen Wien wohnt, sondern im waldreichen Oberösterreich, ist ihr Leben sehr naturverbunden geworden. Sie liebt es, im Garten „herumzuwühlen“ und Geschichten zu schreiben, die Mut machen, denn Kinder fühlen sich oft zu klein für diese Welt.

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Дата выхода на Литрес:
12 ноября 2025
Объем:
242 стр. 5 иллюстраций
ISBN:
9783960744252
Правообладатель:
Bookwire
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