Читать книгу: «Der Sommer mit Josie»

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Copyright (2020) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte bei der Autorin
Herzlichen Dank an die Geschäftsleitung Peter Maffays für die Verwendung seines Namens und der Zeilen aus seinem Song „Josie“
Titel-Hintergrundbild und Ornamente: © Corel Corporation
Titel-Hauptbild und Titelgestaltung: © Sandy Lee
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
1

Die Sonne zeigte sich rotorange am Horizont. Der wolkenlose Himmel versprach einen herrlichen Sommertag. Es war Anfang Juli, und die kleine Stadt begann gerade, aus dem Schlaf zu erwachen. Die ersten Pendler machten sich fertig, per Auto oder Bahn in die größeren Städte zu fahren.
So eine Kleinstadt hatte ihr eigenes Flair. Der alte Stadtkern mit seinen engen Gassen atmete die Jahrhunderte. Hier liefen Menschen, lange bevor es Fahrräder, geschweige denn Autos gab. Dieser Tatsache geschuldet, blieb das Zentrum in weiten Teilen bis heute eine Fußgängerzone. Die Geschäfte dort waren meist kleine Läden mit begrenztem Angebot. Doch gerade das machte es aus. Der Einkaufsbummel wurde zum besinnlichen Erlebnis. Die Hektik der Großstadt – sie brauchte hier keiner.
»Aufstehen, Kinder! Der letzte Schultag!«
Barbara Wegener klopfte nacheinander an die Zimmertüren ihrer beiden Sprösslinge. Als sich nichts regte, rief sie noch einmal: »Kommt schon! Heute noch, dann habt ihr Ferien und könnt schlafen, solange ihr wollt.«
Jetzt tat sich etwas in den beiden Räumen. Zuerst steckte Daniel den Kopf durch die Tür.
»Ooch, ich hab keine Lust«, gähnte er und blinzelte aus den verschlafenen Augen.
»Den einen Tag wirst du auch noch überstehen«, tadelte seine Mutter lachend. »Beeil dich, Tom wird bald kommen!«
In diesem Moment öffnete sich die zweite Tür. Ein Mädchen mit zerzaustem blonden Haar sah durch den Spalt.
»Guten Morgen, Mama.«
»Guten Morgen, mein Schatz.«
Barbara drückte ihrer Tochter einen Kuss auf die Wange.
»Ich komm zuerst dran!« Mit diesen Worten flitzte diese plötzlich los, als sie sah, dass ihr Bruder sich in Richtung Bad bewegte. »Das weißt du doch, Daniel.«
Daniel hielt inne.
»Aber mach hin! Du brauchst immer ewig lange.«
Barbara strubbelte ihren ›Großen‹ durch die Haare.
»Dreizehnjährige Mädchen benötigen eben schon etwas mehr Zeit, um sich hübsch zu machen. Daran wirst du dich gewöhnen müssen.«
Zum Bad gewandt, rief sie mahnend: »Ilsa, mein Make-up ist tabu. Keine Farben ins Gesicht! Ich kontrolliere!«
»Ja, hab verstanden«, kam als Antwort zurück.
Daniel zuckelte in sein Zimmer zurück, um mit dem Anziehen zu beginnen.
Barbara zuckte zusammen.
»Himmel, die Pausenbrote!«
Schnell verschwand sie in Richtung Küche, um ihren Kindern etwas für die Schule zurecht zu machen.
Es war nicht einfach für Barbara, sich allein um die beiden zu kümmern. Noch vor einem Jahr war Hendrik dagewesen. Da war die Familie noch intakt. Obwohl … Wenn sie heute darüber nachdachte, war die Liebe wohl schon länger auf der Strecke geblieben. Beide hatten ihren Beruf, ihre Hobbys – eigentlich lebten sie nicht mehr miteinander, sondern nebeneinander. In dieser Situation hatten sie schließlich die Notbremse gezogen. Hendrik, Dozent an der Universität, suchte sich eine Wohnung in der Großstadt, um nicht mehr jeden Tag pendeln zu müssen. Und sie hatte ihren Job hier in der kleinen Boutique.
Seit letztem Herbst lebten sie getrennt. Von Scheidung war nie die Rede gewesen. Sie brauchten einfach etwas Abstand, wollten durch die Distanz wieder den Wunsch nach Nähe erwecken. Weit entfernt wohnten sie ja nicht. Die Großstadt war mit der Bahn in einer halben Stunde zu erreichen. Das machte es einfach für Hendrik, wenn er die Kinder mal am Wochenende zu sich nahm.
Kinder – so konnte man sie kaum noch nennen. Daniel mit seinen fünfzehn Jahren beendete gerade die achte Klasse und machte sich nicht mehr so viel aus den Besuchen beim Vater. Bald ging er seine eigenen Wege. Und Ilsa, die hübsche kleine Ilsa …
Ihren Namen hatte sie von Barbara erhalten. Barbara liebte ›Casablanca‹ mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman. Nachdem sie den Film etliche Male im Kino gesehen und kaum eine Sendung im Fernsehen ausgelassen hatte, kaufte sie sich endlich die DVD. Zu Hendrik hatte sie einmal gesagt: »Wenn Ilsa Lundt hier leben würde, möchte ich gern ihre Freundin sein.«
Inzwischen hatte Ilsa das Bad an Daniel übergeben. In Jeansrock und gelbem T-Shirt saß sie am Frühstückstisch und kaute.
»Triffst du dich mit Carolin?«, fragte Barbara.
»Klar! Caro und ich müssen doch noch über die Party sprechen.«
Seit Tagen gab es kein anderes Thema für sie. Ihre Schulfreundin Carolin hatte Ilsa zu einer Grillparty am ersten Ferienwochenende eingeladen. Caros Eltern hatten einen Kleingarten am Rande der Stadt, wo sie sich im Sommer häufig das ganze Wochenende über aufhielten. Und sie hatten ihrer Tochter diese Party versprochen, wenn sich Caro in Mathe und Geschichte verbesserte. Dank Ilsa hatte sie es geschafft und damit ihren Teil der Abmachung eingelöst.
Daniel setzte sich zu den beiden.
»Käse oder Wurst?«, fragte seine Mutter.
»Früh nie Wurst, das weißt du doch.«
Daniel legte keinen Wert auf ein üppiges Frühstück. Er war schlank, knapp einssiebzig und hatte ebenfalls blonde Haare. Sie waren nur einige Nuancen dunkler als die seiner Schwester. Aus einer Laune heraus hatte sie Daniel schon vor längerer Zeit wachsen lassen, bis sie ihm zur Schulter reichten. Seitdem zierte ein kleiner Pferdeschwanz seinen Hinterkopf.
Auch sonst sah Daniel sehr gepflegt aus. Eigentlich eine Spur zu gepflegt für einen Jungen seines Alters …
Da schrillte die Klingel. Daniel sprang auf und lief zum geöffneten Küchenfenster.
»Ich komme!«
»Tom?«
»Ja. Tschüss, Mama.«
Er nahm die Pausenbrote, gab seiner Mutter schnell noch einen Kuss und war schon an der Tür.
»Und du machst dich jetzt auch auf den Weg! Die Schule wartet nicht!«
Barbara hielt ihrer Tochter das Brotpäckchen entgegen. Ilsa trank schnell ihren Kakao aus, dann ging sie in den Flur.
»Mama, findest du Daniels Pferdeschwanz eigentlich schön?«, fragte sie, während sie sich ihre Sandalen anzog.
»Weiß nicht. Jungs in dem Alter probieren halt alles Mögliche aus. Und der kleine Zopf ist ja wirklich nur eine harmlose Spielerei.«
Ilsa lachte über diese Bemerkung, drückte ihre Mutter an sich und schlüpfte durch die Tür.
Hendrik Wegener verließ die Universität. Es war wieder ein arbeitsreicher Tag gewesen. Drei Vorlesungen, da wird die Stimme schon stark strapaziert.
Wie lange machte er das eigentlich schon? Mein Gott, nächstes Jahr würden es zehn Jahre sein. Da hatte man eine Menge Studenten vor sich sitzen gehabt. Die einen lauschten aufmerksam und machten sich fleißig Notizen, den anderen sah man die Fete vom Vorabend noch an. Sie hatten Mühe, die Augen offenzuhalten. Aber wenn er an seine Studienzeit zurückdachte … War er anders? Er kannte auch beide Seiten des Studentenlebens. Das musste wohl so sein.
Jemand holte ihn von hinten ein, verhielt im Schritt und pustete.
»Na, Hendrik, Schluss für heute?«
»Ach du, Hans. Ja, mir reichts. Weißt du, so schön, wie unser Beruf sein kann, manchmal wünsche ich ihn zum Teufel.«
Der neben ihn Gehende war in Hendriks Alter, Anfang vierzig. Er hatte Jeans an und trug ein gestreiftes Hemd – offen, ohne Krawatte. Das machte den Unterschied zu Daniels Vater, der bei der Hitze im beigefarbenen Anzug mit Schlips und Kragen stöhnte. Hendrik war Physik-Dozent, das zählte als ›ehrliche‹ Wissenschaft mit würdevollen Lehrern.
Hans Körner war auch Dozent, allerdings für Informatik. Und diese Leute, die die Hälfte ihres Lebens vor Monitoren zubringen, galten an der Uni als loses Völkchen, die hemdsärmlig ihre Probleme lösten. ›So ist das eben‹, dachte Hans. ›Die haben ihren Archimedes, wir kommen kaum über Konrad Zuse zurück.‹
Aber abgesehen davon waren die zwei sehr gute Freunde. Sie gehörten tatsächlich zum gleichen Matrikel, hatten nur unterschiedliche Fachrichtungen belegt. Und noch eines verband sie. Sie fröhnten der gleichen Leidenschaft, dem Motorsport. Nicht, dass sie selbst in so einen Boliden stiegen, um über Pisten zu brettern. Das lag jenseits ihres Horizonts. Für sie war die Autowelt eine Idee kleiner. Beide waren Mitglied in einem Modellsportverein. Dort wurden Rennwagen gebaut, sogenannte RC-Modelle, die dann knatternd per Fernsteuerung über die Rennstrecke gejagt wurden. Da war man Automechaniker, Boxencrew und Fahrer in einem.
Das Vereinsleben hatte jedoch auch seine Eigenheiten. In Abständen fanden auf verschiedenen Ebenen Meisterschaften statt. Und das bedeutete Reisen. Oft war Hendrik an Wochenenden unterwegs gewesen, während Barbara sich um die Kinder kümmerte. Und wenn er nicht unterwegs war, dann fand man ihn meist in seiner Werkstatt beim Basteln. Darunter litt die Ehe der Wegeners im Laufe der Jahre. Seine Frau hatte ihn manchmal zur Seite genommen und gefragt, ob sie denn auch einmal etwas gemeinsam unternehmen mochten. Und da er auf diese Frage wohl zu wenig eine befriedigende Antwort geben konnte, schlug sie die zeitweilige Trennung vor.
Nein, Barbara hatte niemals das Wort Seitensprung, Affäre oder Verhältnis in den Mund genommen. Sie glaubte, Hendrik gut genug zu kennen, dass er sie nie für eine andere Frau aufgeben würde. Wenn das der Fall gewesen wäre, hätte sie wohl für Scheidung plädiert. Aber dieses lustlose Einerlei, die Frage, wie weit die Liebe noch reichte, veranlasste sie nach langem Abwägen zum Vorschlag eines ›Ehe-Urlaubs‹. Das war letztes Jahr im Oktober.
»Kommst du heute Abend in den Verein?«
Die Frage hatte Hans an Hendrik gerichtet. Doch der war in Gedanken versunken.
»Wie bitte?«
»Ob du heute Abend kommst?«
Hendrik hatte in die Realität zurückgefunden.
»Heute Abend … Natürlich!«
Hans schüttelte seinen schwarzen Lockenkopf.
»Also, du brauchst wirklich jemanden, der auf dich aufpasst. Du rennst doch glatt vor ein Auto, wenn du über die Straße gehst.«
Hendrik sagte nichts, aber innerlich gab er seinem Kollegen recht.
Die kleine Boutique ›Feminin‹ lag nur zwei Straßenecken von Barbaras Wohnung entfernt. Sie hatte zwar keine Riesen-Auswahl, aber die Artikel waren passend zur ansässigen Damenkundschaft ausgesucht. Aufgedonnerte Fummel, mit denen junge und nicht mehr so junge Stars und Sternchen über den Roten Teppich flanierten, suchte man in ihr vergebens. Doch für einen aufreizenden Theater- oder Konzertbesuch fand sich schon das eine oder andere Schmuckstück. Und das zu bezahlbaren Preisen.
Barbara war für das Sortiment verantwortlich. Früher war es ihr Traum gewesen, selbst Modelle zu entwerfen. Sie sah sich einmal als kreative Jung-Designerin. Doch wie das so mit Traum und Realität ist: Irgendwann fand sie sich hinter dem Ladentisch wieder und verkaufte die Modelle anderer. Der Job füllte sie weder aus, noch kam er ihrer Ambition entgegen, selbst etwas Neues zu schaffen.
Aber dann nahm sie ihr Schicksal in die eigenen Hände. Des drögen Verkäuferinnen-Alltags müde, arbeitete sie sich mühsam durch die Betriebswirtschaft, belegte Lehrgänge für Marktanalyse und Produktmanagement – bis sie endlich die verantwortungsvolle Stelle als Leiterin des Einkaufs erhielt. Nun konnte sie wenigstens mitbestimmen, welche Artikel in die Boutique kamen. Und sie machte ihre Arbeit wirklich gut. Bald kannte sie ihre Stammkundschaft so genau, dass sie intuitiv die richtige Wahl traf. Die Damen dankten es ihr, indem sie häufig wiederkamen.
In der Boutique arbeitete auch Veronika Bauer. Veronika war wohl Barbaras beste Freundin. Sie kannten sich schon seit der Zeit, als Barbara mit Ilsa schwanger ging. Damals arbeitete sie die junge Frau ein, damit sie für das Baby zu Hause bleiben konnte. Seit diesen Tagen verband sie eine innige Freundschaft.
Veronika hatte von Natur aus schönes kastanienbraunes Haar, welches in sanften Wellen über ihren Nacken und Rücken floss. Sie hatte es sich zum Markenzeichen gemacht, vorn links eine leuchtendrote Strähne zu tragen. Damit wurde sie bei den Kundinnen bekannt, und die Erwähnung dieser Strähne führte die Damen automatisch zu ihr.
Abgesehen von dieser Eigenheit, war Veronika ein herzensguter Mensch, der niemandem eine Bitte abschlagen konnte. Manchmal schaute sie etwas melancholisch, weil sie noch nicht den für sie perfekten Mann gefunden hatte. Aber da sie fünf Jahre jünger war als Barbara, schien noch nichts verloren.
»Vroni, kommst du mal bitte!«
Barbara rief aus dem Lager nach ihrer Kollegin.
Veronika eilte nach hinten, da gerade keine Kundinnen im Geschäft waren.
»Was gibt's, Babs?«
Trotz intensiver Suche konnte Barbara ein bestimmtes Kleid nicht finden.
»Weißt du, ob das dunkelblaue Cocktailkleid für Frau Westphal schon geliefert wurde?«
»Es gab Lieferprobleme mit den Sternpailletten. Heute Nachmittag soll es kommen.«
»Gut. Dann muss ich Frau Westphal anrufen, damit sie nicht umsonst kommt.«
Solche Malheurs passierten, wenn exklusiv etwas bestellt wurde. Barbara sah das nicht tragisch. So, wie Frau Westphal, Caros Mutter, ließen viele Damen ihre Telefonnummer da, um per Anruf oder SMS benachrichtigt zu werden, falls es Probleme gab.
»Sag mal, Babs, morgen beginnen doch die Schulferien?«
Barbara blickte von den Lieferscheinen auf.
»Ja, und?«
Veronika schaute ihre Freundin vielsagend an.
»Verreist ihr … Ich meine du und deine Kinder?«
Barbara verneinte: »Ich glaube nicht. Jetzt, wo Hendrik nicht da ist.«
»Gerade deshalb.«
Barbara wurde etwas ungeduldig.
»Du hast doch was vor, Vroni! Sag's schon!«
»Mein Vater hat doch dieses Landhäuschen am Siedlersee. Hättest du nicht Lust?«
»Du meinst, wir alle …«
Veronika lächelte bübisch: »Klar! Es ist herrlich. Wir können schwimmen, ein Ruderboot ist auch da, und gar nicht weit weg gibt's einen Reiterhof.«
Das Angebot schien verlockend. Barbara schwankte noch.
Veronika drängelte: »Komm! Es ist himmlisch ruhig dort. Der ideale Ort zum Entspannen. Mal ein, zwei Wochen Natur pur.«
›Das klingt wie aus einem Reiseprospekt‹, dachte Barbara.
»Und wann wäre das?«, fragte sie vorsichtig nach.
»Gleich Anfang August steht das Haus leer. Also, was sagst du?«
Barbara wusste, dass ihre Freundin keine Ruhe geben würde, bis sie sich entschied.
»Also gut. Ich werd den Vorschlag zu Hause mal auf den Tisch packen. Mal sehen, was die Kinder sagen.«
Veronika wollte gerade wieder nach vorn gehen, da eine Kundin das Geschäft betrat. Da rief ihr Barbara hinterher: »Ach übrigens – ich verschwinde heute mal um halb zwei Uhr. Ich muss noch fürs Wochenende einkaufen und will am Nachmittag zu Hause sein. Wegen der Zeugnisse.«
2

Es war erst kurz nach zwei Uhr, als Barbara, bepackt mit ihren Einkäufen, das Haus betrat. Sie stieg die Stufen zur Wohnung hinauf, setzte die Beutel ab und fischte den Schlüssel aus ihrer Tasche. Die Tür öffnete sich fast lautlos. Barbara nahm die schweren Beutel wieder auf und trat in den Flur. Mit einem kleinen Stoß des Ellenbogens klappte die Tür zu. – Bumm!
Der Stoß war etwas zu heftig gewesen, so dass die Tür laut ins Schloss fiel. Für einen Moment glaubte Barbara, allein in der Wohnung zu sein. Ilsa trödelte wahrscheinlich mit Caro, wieder einmal, und Daniel …
Die Tür des Bades öffnete sich. Daniel war also doch zu Hause. Aber was …
Ein dumpfes Poltern, ein Klirren folgte. Barbara waren die Beutel aus der Hand gefallen. Die Milchflasche hatte den Aufprall nicht überlebt. Barbara stand für einen Augenblick wie erstarrt.
War das Daniel, ihr Sohn? Ja, natürlich … aber andererseits war er es auch nicht. Er trug eines von Barbaras Sommerkleidern, das helle mit dem blauen Blütenmuster. Und er hatte Rundungen, wo kein Mann welche aufweisen kann, wenn er Daniels Statur besitzt. Die Haare waren offen, glatt fielen sie auf seine Schultern herab. Und da er seiner Mutter in diesem Moment genau ins Gesicht sah, bemerkte sie auch den Lidschatten und den Lippenstift.
»Mama … lass dir erklären …«, setzte er an, um das Schweigen zu brechen.
Barbara hatte sich aus ihrer Starre gelöst.
»Stopp!«, brach sie seinen Satz ab. »Lass mir fünf Minuten Zeit!«
Sie ging ins Wohnzimmer und hockte sich mit angezogenen Beinen auf einen der Sessel. Ihr Blick fiel auf die Schrankwand. In einem Fach stand ein Bilderrahmen. Ein Foto der Familie. Hendrik, sie, Ilsa und Daniel. Das Bild war vom letzten Sommer. Daniel …
Draußen hörte sie, wie der Junge die Beutel aufhob und in die Küche trug. Dann verschwand er in seinem Zimmer – nicht, ohne einen Blick vom Flur durch die offene Wohnzimmertür zu werfen.
Barbaras Gedanken wirbelten durcheinander. Sie glaubte, ihre Kinder gut zu kennen. Hatte sie etwas übersehen? Noch nie war ihr auch der Funke einer Idee gekommen, die zu dem eben Gesehenen passte.
Sie schaute zum Fenster. Draußen schien die Sonne; bis eben war es ein herrlicher Tag gewesen. Plötzlich, von einer Minute zur anderen, fühlte sie sich …
Barbara konnte nicht sagen, was sie genau fühlte. Ihr Sohn war da und war doch nicht da. Jedenfalls in ihrem Inneren.
Vielleicht hatten Frauen nach dem Krieg so etwas Ähnliches gefühlt, wenn ihr Mann, ihr Sohn nicht nach Hause zurückgekehrt war. Sie wussten nicht, ob er lebte oder nicht, aber sie hofften, oft jahrelang, dass er eines Tages wieder durch die Tür kommen möge.
So eine Ungewissheit hatte auch Barbara ergriffen. Sie hatte gesehen, was ist. Sie glaubte zu wissen, was war. Und sie hatte keine Ahnung, was sein wird.
Natürlich hatte sie schon von den verschiedenen Spielarten gehört und auch gelesen, die Menschen ausleben. Aber wer denkt schon im tiefsten häuslichen Frieden an das eigene Kind …
Die Gedanken begannen, sich zu entwirren. Barbara überlegte von vorn.
Erstens, sagte sie sich, habe ich gerade meinen fünfzehnjährigen Sohn in meinem Kleid gesehen, geschminkt und – zugegeben – sehr fraulich.
Zweitens gibt es dafür nur zwei Erklärungen. Wenn dieser Aufzug ernst gemeint war – und daran zweifelte sie keine Sekunde – dann ist mein Kind entweder Crossdresser oder Transgender.
Drittens kann ich darüber nachgrübeln, mir das Ganze aber sparen und direkt mit ihm sprechen. Um das Gespräch würde Daniel sowieso nicht herumkommen. Es schien sogar sehr naheliegend, dass er es selbst suchen möchte. Schließlich hatte er vorhin versucht, zu erklären …
Barbara erhob sich. Fakt ist, stellte sie fest, dass ich ihn nicht in die Enge treiben darf. Egal, was bei der Sache herauskommt, er ist mein Kind. Er ist mein Kind …
Es dauerte noch fünf weitere Minuten, bis sich die Tür zu Daniels Zimmer öffnete.
Barbara hatte inzwischen die Lebensmittel verstaut und die unbrauchbaren Reste entsorgt. Auf dem Tisch lag ein Zettel, der die Verluste auswies. Sie würde die Sachen nachkaufen … nicht jetzt … nicht heute.
Daniel hatte sich umgezogen. Er trug wieder seine Jeans, ein weißes T-Shirt, und er hatte die Haare zusammengebunden.
Langsam trat er in die Küche.
»Mama …«
Barbara riss sich zusammen. Sie durfte jetzt keine Abwehrhaltung aufbauen.
»Warte bitte!«, sagte sie mit ruhiger Stimme und sah ihm in die Augen. »Ehe wir hier sprechen, sollst du wissen, dass es nichts gibt, was ich dir übelnehme. Es gibt für alles eine Erklärung, und ich bin bereit, dich anzuhören, dir zu helfen. Aber um das zu können, muss ich dich verstehen. Also sei bitte offen, denn alles, was hier unausgesprochen bleibt, quält dich und mich. Du bist mein Kind und wirst es immer bleiben. Hab keine Angst!«
Diese Sätze gingen nicht leicht über ihre Lippen. Sie gab ihrem Sohn einen großen Vertrauensvorschuss, und sie hoffte, er würde die Chance ergreifen, ihr dieses Vertrauen im gleichen Maße entgegenzubringen.
Daniel holte tief Luft. Doch ehe er beginnen konnte, nahm ihm seine Mutter am Arm und führte ihn ins Wohnzimmer.
»Das sind keine Küchenschürzengespräche.«
Sie setzten sich an den Couchtisch, Barbara auf das Sofa, Daniel in den Sessel neben ihr.
Barbara legte ihre Hand auf seine Schulter.
»So ist es doch viel besser.«
Daniel begann. Seine Stimme zitterte, als er die ersten Worte suchte.
»Mama … das mit dem Kleid … also das ganze Umziehen …«
Er stockte. Er musste etwas sagen, und er musste es jetzt.
Barbara sah ihn an und schwieg. Sie durfte auf keinen Fall auf eine Antwort drängen. Und ihr Blick sagte ihm, dass sie das auch nie tun würde.
Daniel nahm all seinen Mut zusammen, um den einen, den alles erklärenden, aber auch alles verändernden Satz zu sagen.
»Mama … ich glaube … ich glaube, dass ich … ein Mädchen bin.«
Er schloss die Augen, um nichts mehr sehen zu müssen. Dieser Satz hatte ihn so unendlich viel Kraft gekostet. Die Leere, in die er jetzt blickte, wirkte dagegen wohltuend.
Barbara sagte nichts. Sie wusste, was diese Aussage bedeutete – für ihn, für sie, für alle. Und wenn das alles, was sich hier abspielte, wahr war, dann würde es einen harten Kampf geben. Dann musste die ganze Familie zu ihm stehen, seine Freunde, alle. Denn Daniel würde jeden einzelnen brauchen, um diesen Kampf zu gewinnen.
Sie war jetzt die einzige Mitwisserin eines großen Geheimnisses. Und sie hatte Angst. Angst, dass ihr Kind das ganze Ausmaß dieses einen Satzes noch gar nicht übersehen konnte. Ja, sie selbst stand jetzt vor einer großen Aufgabe. Sie musste sich absolut sicher sein, dass dieses Gefühl ihres Kindes tief verankert und von Dauer war. Dann würde sie ihn darin bestärken, seinen Weg zu gehen. Auch wenn es – im Augenblick – ein für sie sehr schmerzhafter Weg zu sein schien.
»Es ist gut, okay, es ist gut.«
Barbara zog seinen Kopf an ihren heran.
Daniel schluchzte. Er hatte die Augen wieder geöffnet. Und er sah seine Mutter, ruhig und liebend. Die Gefühle brachen aus ihm hervor. Es war ein Gewitter von Gefühlen. Seine Mutter konnte mit der Tatsache umgehen. Jedenfalls sah es danach aus. Aber diese Situation würde sich wiederholen. Sein Vater, seine Schwester, die Familie … Wie würden seine Freunde reagieren, wie all die anderen? Er wusste, dass sich sein Weg hier und heute an einer Gabelung befand. Wenn er sich einmal für einem Abzweig entschieden hatte, würde es kein Zurück mehr geben.
Die Tränen trübten seinen Blick.
Barbara war in die Küche gegangen, um für beide eine Tasse Tee zu bereiten. Zeit … Daniel brauchte jetzt Zeit. Wenn er sich wieder etwas gefasst hatte, wollte sie ihm einige wichtige Fragen stellen. Kleine Fragen, keine bedeutenden. ›Nur nicht löchern, sonst blockt er ab‹, schoss es ihr durch den Kopf. ›Und dann erfahre ich vielleicht gar nichts mehr.‹
Sie kam mit den Teegläsern in das Wohnzimmer, stellte etwas Gebäck daneben.
»Na, komm! Nimm dir was!«
Sie lächelte.
»Nervennahrung.«
Daniel sah sie an.
»Nervennahrung? Gebäck?«
Auch über sein Gesicht huschte ein Lächeln.
Am Abend lag Barbara noch lange wach im Bett. Es war ein aufregender Tag gewesen, wie es nicht viele gab. Und sie musste sich eingestehen, dass, obwohl sie sich sehr müde fühlte, noch eine Menge Fragen in ihrem Kopf kreisten.
Beide hatten vereinbart, Ilsa vorerst nichts von den Ereignissen am Nachmittag zu erzählen. Solange zwischen Daniel und seiner Mutter nicht alles Wesentliche besprochen war, dürften weitere Mitwisser nur neue Probleme bringen. Und das war das Letzte, was Barbara jetzt gebrauchen konnte.
Sie ließ ihren Gedanken freien Lauf. Und mit einem Schlag erschrak sie. –
War es das? War das der Grund?
Barbara wälzte sich auf die andere Seite. Draußen schien der Mond vom wolkenlosen Himmel durch die Spalte der Jalousie und erzeugte ein Streifenmuster auf der Bettdecke.
Sie rekapitulierte. Es gab Ereignisse in Daniels Kindheit, mit denen sie nichts anzufangen wusste. Er hatte sich dann so … untypisch verhalten. Nicht, dass sie sich Sorgen gemacht hätte. Er war ja gesund, und viele dieser Episoden waren nur von kurzer Dauer. Hendrik hatte das wahrscheinlich überhaupt nicht mitbekommen. Doch sie hatte ihr Kind in solchen Momenten genauer beobachtet.
Barbara versuchte, sich diese Augenblicke in Erinnerung zu rufen. Am Anfang gab es nichts Auffälliges. Kindergarten, Grundschule … Es musste wohl in der vierten Klasse gewesen sein, als sie sich das erste Mal Gedanken über die Psyche ihres Jungen gemacht hatte. Damals, als Sandy neu in die Klasse kam.
Sandy Stolz … Ihre Eltern waren in den Sommerferien hierher gezogen. Im neuen Schuljahr erschien sie plötzlich in Daniels Klasse.
Ihr Sohn hatte zu Hause strahlend von der neuen Mitschülerin berichtet. Und zum Stadtfest im Herbst hatte er sie ihnen gezeigt, als sie mit ihren Eltern über den Markt ging. Sie war ein aufgewecktes, ausgesprochen hübsches Mädchen. Tiefschwarze Haare hatte sie, zu einem langen Zopf gewunden. Und einen südländischen Teint. Das kam wohl daher, dass ihr leiblicher Vater Italiener gewesen sein sollte.
Barbara merkte, dass sie abschweifte. Sie spürte das Verlangen, etwas zu trinken. Leise stand sie auf, um sich ein Glas Wasser zu holen. Es war aber heute auch heiß gewesen. Sie schaute auf das Thermometer neben der Tür. Über fünfundzwanzig Grad – da brauchte sie sich nicht zu wundern.
Nach einem Schluck von dem kühlen Nass kehrten ihre Gedanken zurück.
Daniel fühlte sich damals gleich irgendwie mit Sandy verbunden. Eines Tages brachte er sie mit nach Hause und verkündete: »Das ist Sandy, meine Freundin.«
Freundschaft mit zehn Jahren kann vieles bedeuten, deshalb sagte dieser Satz erst einmal gar nichts. Es geschah ja auch nichts, was für die Eltern bedenklich aussah. Absolut nichts. Und trotzdem schien es manchmal, als ob Daniel das Mädchen fast … vergötterte. Was, wenn er in ihr ein Spiegelbild seiner selbst sah?
Barbara rieb sich mit dem Mittelfinger die Stirn über der Nasenwurzel. Das passierte oft, wenn sie tief in Gedanken war.
Ihr war damals auch nicht entgangen, mit welchem Stolz er Sandy von seiner Mutter und ihrer Arbeit in der Boutique erzählte. So begeistert hatte er von Hendriks Job nie gesprochen. Sein Vater hatte das mit den Worten ›Kein Wunder. Du arbeitest ja gleich hier um die Ecke.‹ abgetan.
Überhaupt verhielt der Junge sich Sandy gegenüber nie, als ob daraus einmal mehr werden könnte. Und trotzdem schien zwischen beide kein Blatt Papier zu passen, so gut verstanden sie sich.
Barbara grübelte weiter. Da war die Sache mit Hendriks Autorennen.
Als Hendrik den Kleinen für seinen Modellauto-Sport begeistern wollte, zeigte Daniel überhaupt kein Interesse. Stattdessen setzte er sich hin und malte. Sie hatte das immer für eine künstlerische Neigung gehalten. Doch vielleicht steckte mehr hinter den Motiven, die sich der Junge aussuchte. Oft zeichnete er Mädchen. Hendrik und sie glaubten, das sei seine Cousine Charlene, die alle nur Charlie nannten. Was aber, wenn …
Ihr war damals aufgefallen, dass das nicht Charlie sein konnte. Auch nicht Sandy. Charlie war brünett, Sandys Haar war noch dunkler. Seine Mädchen hingegen malte er blond. Barbara sah die Zeichnungen auch jetzt vor ihrem geistigen Auge. Wie in einer Galerie zogen sie vorüber, immer wieder Mädchen … Das hatte sie seinerzeit stutzig gemacht. Hatte er eine Wunschvorstellung festgehalten? Quasi ein Abbild seiner kleinen Seele?
Barbara setzte sich im Bett auf. So konnte sie der Müdigkeit besser widerstehen.
Was gab es noch in der Kindheit ihres Sohnes? Wieder fiel ihr Charlie ein. War das immer eine Freude, wenn sie zu Besuch kam. Und dann waren die beiden weg, hockten in einer Ecke und erzählten sich stundenlang von ihren Erlebnissen. Über was sie genau sprachen, davon konnte sie nichts wissen. Sie war tolerant genug, nicht hinzuhören. Doch sie hatte darüber nachgedacht …
Jungen ergreifen oft die Initiative, wenn sie mit Mädchen spielen. Sie ziehen diese in ihr Spiel. Barbara glaubte zu sehen, dass sich Daniel eher auf Charlies Aktivitäten einließ. Er folgte ihrer Linie. Das hatte wohl nichts damit zu tun, dass Charlie ein Jahr älter als Daniel war. Er sah sie nicht als Spielgefährtin, sondern als Freundin. So, wie sie die meisten Mädchen haben. Der man alles erzählt, mit der man Geheimnisse teilt … Und Charlie fand nichts dabei. Sie war begeistert, jemanden zu haben, der so war wie …
… wie sie? All diese ›Unstimmigkeiten‹, die sie zwar bemerkt, denen sie aber keine Bedeutung zubemessen hatte, ergaben jetzt ein Bild. Sie hatte damals geglaubt, es wären nur kurze Episoden gewesen. Vielleicht hatte sie sich nur an sie gewöhnt, sie nicht mehr beachtet.
Barbara stand wieder auf, ging zum Fenster. Sie drückte die Jalousie etwas auseinander, um auf die Straße blicken zu können. Nachts sind Kleinstädte wie leergefegt. Nur selten verirrte sich ein einsamer Fußgänger auf die dunkle Straße, die von einzelnen Lichtflecken der Laternen erhellt wurde.
Einsam kam sich auch Barbara vor. Selbst, wenn sie ihren Alltag mit den Kindern allein meistern konnte – jetzt fehlte ihr Hendrik. Sie musste mit jemandem sprechen, damit sie in dieser Situation die richtige Entscheidung fällen konnte. Aber wer sollte das sein?
Barbara kroch wieder ins Bett. Obwohl es sehr warm war, zog sie sich die Decke über den Kopf. Die Gedanken kreisten weiter um Daniel, bis der Schlaf sie übermannte.
3

Der nächste Tag war zum Glück ein Samstag. Barbara brauchte heute nicht zu arbeiten, und Ilsa war mit Caro baden gegangen.
Sie fühlte sich nicht gut, das hatte Barbara sofort beim Aufstehen gespürt. Zu viele Fragen suchten nach einer Antwort. Das war wie auf einem Schiff: das Deck schwankt, und man wird seekrank. Sie hatte sich einen starken Kaffee gebrüht, der sie wieder etwas auf die Beine brachte. Gerade jetzt brauchte sie doch viel Kraft, und sie durfte Daniel nicht zeigen, wie groß die Last war, die sie bedrückte.
Langsam öffnete sich die Tür seines Zimmers. Daniel kam heraus, in kurzen Jeans und T-Shirt. Bedächtig setzte er einen Fuß vor den anderen, als überlege er noch, wie es nun weitergehen sollte.
»Morgen, Mama.«
»Guten Morgen, mein …«
Barbara fuhr unwillkürlich mit der Hand zu ihrem Mund. Was sollte sie denn nun sagen? Ging es denn in dieser Situation überhaupt noch, ihn ›Sohn‹ oder ›Junge‹ zu nennen?
Daniel musste die Unsicherheit bemerkt haben.
»Ist nicht so schlimm«, entgegnete er leise.
Seine Mutter atmete erleichtert auf. Sogar ein kleines Lächeln fand seinen Weg auf ihr Gesicht.
»Na komm, iss erst mal einen Happen!«
Daniel setzte sich an den Küchentisch, auf dem noch die Brötchen standen. Barbara holte Butter und Käse aus dem Kühlschrank.
»Was möchtest du trinken?«
»Nur ein Glas Mineralwasser, bitte.«
Barbara schenkte ein, dann setzte sie sich ihm gegenüber und wartete. Wartete, dass Daniel seine Sorgen vor ihr ausbreitete. Sie schaute auf den Tisch, auf Daniels Teller – sie schaute nicht in sein Gesicht. Vielleicht hätte er dass als Aufforderung zum Sprechen empfunden.
Ihr war klar, dass sie ihr Kind jetzt nicht in Watte packen konnte. Auch Daniel musste sich der Situation stellen, damit sie weiterkamen. Doch wenigstens am Anfang sollte er das Tempo bestimmen.
»Was willst du heute machen?«, fragte sie mit gedämpfter Stimme. Möglich, dass ein paar belanglose Fragen das Eis brechen könnten.
»Weiß ich noch nicht. Vielleicht lesen. Oder was am Computer.«
»Draußen ist es so schön. Hast du nichts mit Tom vor?«
»Nee, die fahren übers Wochenende weg.«
»Ruf doch Charlie an und frag sie, ob sie uns mal besuchen möchte!«
Bei der Nennung des Namens seiner Cousine wich die Gleichgültigkeit für einen Moment aus seinem Gesicht. Waren Barbaras Überlegungen von gestern doch nicht so abwegig?
Charlie war ein hübsches Mädchen. Mit ihren sechzehn Jahren zog sie die Blicke der Jungs auf sich, ohne jedoch Kapital aus ihrem Aussehen schlagen zu wollen. Die langen braunen Haare, die einen Hauch ins Rötliche schimmerten, wenn die Sonne darauffiel, die nussbraunen Augen, die immer zu lachen schienen. Wer Charlie sah, konnte einfach nicht mehr traurig sein.
Charlie wollte Journalistin werden. Dort zu sein, wo etwas passiert, das reizte sie. Über Sachen berichten, die nicht jeder erlebt, die aber durch ihre Arbeit Tausende erfahren würden – Charlie stellte sich das unheimlich spannend vor.
»Findest du, dass das jetzt eine gute Idee ist?«
Daniel versank wieder in sich.
Barbara riskierte einen Vorstoß.
»Daniel, gestatte mir eine Frage. Was wäre, wenn das gestern nicht passiert wäre?«
Er sah seine Mutter an, etwas irritiert davon, worauf die Frage abzielte. Dann überlegte er. Ja, was wäre geschehen, wenn seine Mutter erst zwei Stunden später gekommen wäre?
Die Antwort schien erst einmal einfach. Er hätte sich wieder umgezogen, und der Tag hätte einen ganz normalen Ausgang genommen …
Hätte er das wirklich? Jetzt erschloss sich ihm der Sinn erst richtig. Seine Mutter öffnete ihm ein Hintertürchen, einen Weg, über das Morgen und Übermorgen nachzudenken.
»Es wäre irgendwann später passiert«, antwortete er und nickte zur Bestätigung. »Ich verstehe …«
Barbara hatte auch verstanden. Daniel begann, über seine Zukunft nachzudenken.
Zum Mittag hatte Barbara Spaghetti gekocht. Sie waren zu zweit, da Ilsa erst gegen fünf Uhr wiederkommen wollte.
Für Daniels Mutter war es schon ungewöhnlich, dass ihr Sohn es heute vorzog, zu Hause zu bleiben. Doch gerade dieser Umstand machte ihr auch Hoffnung. Normalerweise hätte Daniel irgendeinen Freund gefunden, mit dem er etwas unternehmen würde. Er war kein typischer Stubenhocker. Dass er jetzt blieb, konnte wohl nur bedeuten: Er wollte dann da sein, wenn er sprechen wollte. Er hielt das Garnknäuel in der Hand, suchte aber noch den Anfang des Fadens.
»Hat's geschmeckt?«, erkundigte sich Barbara und stellte die Teller aufeinander, um sie wegzuräumen.
»Du weißt doch, dass ich Spaghetti mag … besonders, wenn sie von dir sind.«
Sie schmunzelte über das Kompliment ihres Sohnes.
»Danke. Dafür brauchst du auch nicht beim Abwasch zu helfen.«
»Lass mal, dann sind wir schneller fertig.«
Daniel griff nach dem Tuch, um das Geschirr abzutrocknen.
»Hätten wir eine Spülmaschine«, sinnierte er, »dann hätten wir noch mehr Zeit.«
»Ja, du! Alles nur noch Technik.« Barbara boxte ihn auf den Arm. »Ich glaube, unser bisschen Abwasch schaffe ich gerade noch so. Oder?«
Jetzt musste Daniel lachen.
»Du bist doch die Beste!«
Es verging eine Zeit, in der man nur das Klappern des Geschirrs vernahm. Beide spürten, dass sie einen Schritt aufeinander zu gegangen waren. Und es war gar nicht so schwer, wie es gestern noch aussah.
»Mama …«
Daniel brach das Schweigen als erster, nachdem er das Geschirrtuch zum Trocknen aufgehängt hatte.
»Ja, was gibt's?«
»Können wir reden?«
Barbara fiel ein Stein vom Herzen.
Ilsa saß am Beckenrand und ließ die Beine im Wasser baumeln.
»Sag mal, Caro«, begann sie, »du hast doch auch einen Bruder.«
Ihre Freundin neben ihr sah sie an.
Carolin war Ilsas beste Freundin. Man hätte sie mit ihren feuerroten kurzen Haaren, die immer etwas wirr lagen, und der Stupsnase für Pippi Langstrumpfs Schwester halten können. Denn frech war sie auch.
»Ja, und?«
»Wie ist'n der so?«
Caro verstand die Frage nicht. Sie fixierte Ilsa mit einem fragenden Blick.
»Was soll'n das heißen? Meinst du etwa …«
Caros Bruder war siebzehn.
»Nein, nicht was du jetzt denkst.« Ilsa verstand, worauf Caro hinaus wollte. »Ich meine, wie er sich so verhält? Was er macht?«
Caro zuckte mit den Schultern. »Was soll er machen? Er macht 'ne Lehre als Automechaniker.«
Ilsa musste deutlicher werden.
»Mein Bruder hat sich gestern Abend ganz eigenartig verhalten. Er hat kaum was gesagt und war gar nicht richtig da. So … abwesend.«
»Vielleicht hat er Liebeskummer?«
Ilsa platzte heraus: »Also, das wüsste ich aber!«
Staunend blickte Caro sie an. »Erzählt er dir etwa alles?«
Daniels Schwester spritzte Caro mit einem Fußschlenker nass.
»Nee. Aber ich würd's herauskriegen.« Das sagte sie ziemlich sicher.
Caro kapitulierte: »Ich hab keine Ahnung. Meiner verhält sich nur so, wenn er Stress mit seiner Freundin hat.«
Ilsa kombinierte: »Daniel scheint auch irgendein Problem zu haben. Mit der Schule kann's jetzt in den Ferien nicht sein. Also ist es was Privates.«
Sie stieß sich mit den Händen vom Rand ab und rutschte ins Wasser.
Daniel öffnete die Tür seines Zimmers und ging hinein.
Barbara fragte vorsichtshalber. »Bei dir?«
Daniel nickte. »Ist einfacher für mich:«
Er schob die Bettdecke auf seiner Schlafliege zur Seite und zog sich selbst einen Stuhl heran.
Seine Mutter setzte sich auf die freie Stelle der Liege.
»Keine Angst. Wir schaffen das«, ermutigte sie ihn. Das war wieder diese warme Stimme, die so viel Ruhe ausstrahlte. »Möchtest du … oder soll ich …?«
»Besser, du fragst erst mal.« Das war eine klare Ansage.
Barbara wusste: Jetzt geht es in die Tiefe. Und wie beim Zahnarzt kann ein Stück zu weit verdammt weh tun. Deshalb vermied sie, gleich mit einer Frage zu beginnen. Statt dessen wollte sie ein Sicherheitsnetz weben, das ihren Sohn vor einem harten Aufprall schützen sollte, falls er fiel.
»Sieh mal! Du bist ja nicht der einzige, der so fühlt. Es gibt überall Menschen, die nicht in die alten Schemen passen. Das ist nicht schlimm. Es ist keine Krankheit, die bekämpft werden muss. Es ist ein Gefühl. Ein sehr tiefes. Und sehr wichtiges. Du bist, was du fühlst. Natürlich wird es uns allen erst einmal schwerfallen, das zu verstehen. Es fällt dir ja selbst schwer. Aber du musst es einfach zulassen. Ich kann jetzt nur für mich sprechen. Du bist mein Kind, und du wirst es immer bleiben. Egal, ob als Junge oder als Mädchen. Ich werde es respektieren.« Sie hielt kurz inne. »Es wird seine Zeit brauchen, bis ich es wirklich realisiert habe. Aber ich werde es respektieren. Hab nur etwas Geduld mit mir.«
Barbara zog ihr Taschentuch heraus und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
Auch Daniel hatten diese Worte nicht unberührt gelassen. Seine Mutter hörte die tiefen Luftstöße, mit denen er sich das Herz freiatmen wollte.
Nach einer Minute war sein Atem wieder ruhig geworden. Er schaute seine Mutter gegenüber an, und er fühlte: Sie würde ihm jeden Satz verzeihen, den er jetzt sagte. Weil sie in diesem Moment ein unsichtbares Band vereinte. Vielleicht würde sie leiden, aber sie würde verzeihen.
»Was möchtest du wissen?«
»Weißt du, ich war gestern sehr überrascht, dich so zu sehen. Ich habe doch nie etwas bemerkt. Fühlst du das schon lange, diese … Falschheit … als Junge?«
Barbara suchte die richtigen Worte, um nicht zu verletzen.
Daniel sah auf seine Hände im Schoß. Er spielte mit den Fingern.
»Ich weiß nicht so recht. Es ist schon eine ganze Weile so … eigenartig.«
Er machte eine Pause.
»Die anderen haben fast alle eine Freundin. Wenn ich ein Mädchen sehe und es gefällt mir, wünsche ich mir nur, auch so auszusehen. Ich will nichts von ihr. Ich will einfach nur so sein wie sie!«
Daniel war bei diesen Worten immer lauter geworden. Seine Mutter spürte, wie ihn der Schmerz buchstäblich zerriss.
Seine Augen füllten sich mit Tränen.
»Verstehst du! Ich will doch nur so sein …« Er riss die Hände vors Gesicht und weinte bitterlich.
Seine Mutter stand auf. Sie streichelte ihren Sohn über den Kopf, dann ging sie leise hinaus.
Barbara fühlte sich hundeelend.
Kurz nach fünf kam Ilsa nach Hause. Sie ging ins Bad, um die nassen Badesachen zum Trocknen aufzuhängen. Dann lief sie in die Küche.
»Ist Daniel nicht da?«, fragte sie schon auf dem Wege.
Barbara antwortete leise: »Doch. Er ist in seinem Zimmer.«
Ilsa drehte sich um.
»Nicht! Lass ihn!«, hielt sie ihre Mutter zurück.
Ilsa sah die Sorge in ihrem Gesicht.
»Geht es ihm nicht gut? Ist er krank?«
Barbara musste diplomatisch sein. So sehr sie dieses Damoklesschwert verwünschte, aber sie durfte ihrer Tochter jetzt nicht die Wahrheit sagen – noch nicht.
»Nein, nicht krank. Er hat Probleme. Aber«, fuhr sie fort, als sie Ilsas Frage auf den Lippen sah, »davon reden wir später. Nicht heute, und nicht morgen. Aber ich verspreche dir, wir reden darüber. Alles klar, mein Schatz?«
»Alles klar, Mama.« Ilsa gab sich gelangweilt.
Barbara stöhnte. So eine Situation ging an die Substanz. Sie musste die Familie zusammenhalten und doch verhindern, dass alles im Chaos endete. Sie durfte keinen ausgrenzen und musste dennoch im Augenblick Distanzen schaffen.
Was sollte sie als erstes tun?
›Ich muss mehr wissen‹, schoss es ihr durch den Kopf. ›Ich kann das nur in den Griff bekommen, wenn ich mehr über Transgender weiß. Mit den paar Brocken Allgemeinbildung komme ich nicht weiter. Also …‹
»Ilsa, kann ich mal dein Notebook haben? Oder brauchst du es selber?«
Die Zimmertür ging auf.
»Hat es Zeit bis morgen? Da bin ich wieder baden.«
»Natürlich. Es eilt nicht.«
Barbara sah die nächste Hürde direkt vor sich. Zum Abendessen würden sich die Geschwister auf jeden Fall sehen. Das zu verhindern, wäre ausgesprochen dumm. Aber auch so dürfte es der Aufmerksamkeit einer Dreizehnjährigen nicht entgehen, dass es sich hier nicht nur um ein einfaches Problemchen handelte. Sie hatte ihrer Tochter zwar ein Versprechen abgerungen, doch das war nur Fassade. Sie kannte ihr Kind gut genug, um zu wissen, dass Ilsa, wenn es die Situation erforderte, eine geradezu kriminelle Energie entwickeln konnte.
Leise klopfte sie an Daniels Tür. Nichts rührte sich.
Sie versuchte es ein zweites Mal. »Ich bin’s.«
»Komm rein, Mama«, hörte sie. Die Stimme klang müde.
Barbara schlüpfte leise durch die Tür und schloss sie schnell hinter sich.
Daniel lag auf seiner Liege. Das Kopfkissen war zerknüllt, die Decke am Fußende.
»Wie geht es dir?«, fragte sie, etwas besorgt.
»Ging schon mal besser.«
»Daniel, du weißt, was ich dir heute gesagt habe. Und dazu stehe ich. Was ich dir nicht versprechen kann, ist, wie es deine Schwester aufnehmen wird. Deshalb wollte ich ihr vorerst nichts sagen. Leider leben wir alle zusammen in dieser Wohnung, und ich habe keine Ahnung, welches Bild von dir sich gerade in Ilsas Kopf zusammensetzt. Ich weiß, ich sollte das nicht tun – aber ich frage dich jetzt: Was machen wir?«
Daniel setzte sich auf.
»Ganz schön blöde Situation, nicht wahr?«
Beide schwiegen. Für diesen Fall fehlte ihnen die Erfahrung, was im Augenblick das Richtige wäre.
Da kam Barbara ein Gedanke. Erfahrung! Sie hatten keine, aber ihr fiel in diesem Moment jemand ein, der weiterhelfen könnte.
»Sag mal, Daniel, ihr habt doch an eurer Schule so was wie einen Schulpsychologen oder Vertrauenslehrer. Wer ist das?«
Daniel überlegte kurz.
»Frau Richter, unsere Kunst-Lehrerin, ist Vertrauenslehrerin.«
»Gut. Sehr gut. Sie könnte doch wissen, was zu tun ist.«
Daniel zeigte auf den Kalender an der Wand.
»Es sind Ferien!«
Seine Mutter überhörte den Hinweis.
»Hast du ihre Telefonnummer?«
Daniel stand auf und kramte in einer Schublade des Schreibtisches. Schließlich hielt er einen gelben Zettel hoch.
»Den haben wir mal bekommen. Stehen alle wichtigen Leute drauf.«
Barbara nahm den Zettel. Schulleiter, Sekretariat, … Ihr Blick flog über das Papier. Da …
»Anka Richter, Vertrauenslehrerin. Gutenbergstraße 17. Die meinst du doch?«
»Ich glaub, sie heißt Anka. Ja.«
Barbara schaute ihren Sohn an.
»Daniel, wir müssen jetzt zusammenhalten und jede Chance nutzen. Wir brauchen Hilfe, verstehst du?«
»Ist ja in Ordnung. Mama.« Und als sie sich schon anschickte, das Zimmer zu verlassen, sagte er noch leise: »Ich find dich toll. Ehrlich …«
Seine Mutter drehte sich noch einmal um.
»Ich dich auch. Ehrlich!«
Barbara schnappte sich ihr Handy. Dann klopfte sie bei Ilsa.
»Schatz, ich geh noch mal kurz Luft schnappen. Wenn ich wiederkomme, gibt es Abendessen.«
Dann verschwand sie nach unten.
Ilsa musste nicht hören, was sie am Telefon zu sagen hatte. Deshalb ging sie ein Stück die Straße entlang und bog in die enge Gasse ein, die dort einmündete.
Der Zettel! Barbara griff in die Tasche und holte das farbige Papier heraus. Sie wählte die Nummer.
»Richter.«
»Hier ist Barbara Wegener, Daniels Mutter. Klasse 8b.«
»Ja, ich weiß. Guten Abend, Frau Wegener. Was gibt es.«
»Ich habe ein Problem mit Daniel und komme damit nicht klar. Ich brauche Ihre Hilfe als Vertrauenslehrerin.«
Das Telefon blieb still. Wahrscheinlich ordnete Frau Richter erst einmal die Fakten.
»Es ist dringend!«, setzte Barbara nach.
»Gut. Können Sie mir sagen, was genauer …«
Barbara senkte die Stimme: »Ich glaube, mein Sohn ist Transgender.«
Sie hörte ein Rauschen im Telefon. Frau Richter hatte bei der Nachricht wohl selbst tief durchgeatmet.
»Das ist natürlich wirklich wichtig. Können Sie zu mir kommen.«
Barbara schaute auf den Zettel.
»Gutenbergstraße 17?«
»Ja genau. Würde es gegen acht Uhr passen?«
»Glauben Sie mir, es würde zu jeder Zeit passen!«
»Dann sehen wir uns um acht.«
Es wurde still. Frau Richter hatte aufgelegt.
Als Barbara wieder die Wohnung betrat, hatte sie zumindest das Gefühl, nicht mehr allein zu sein. Sie würde Gelegenheit haben, sich jemandem mitzuteilen, sich einen Rat zu holen, und trotzdem konnte sie sicher sein, dass die ganze Sache absolut diskret behandelt wurde. Die Probleme wurden dadurch nicht weniger, aber sie verteilten sich auf mehrere Schultern.
Ilsa hatte bereits den Tisch gedeckt und wartete. Ihr kam das alles höchst verdächtig vor. Ihr Bruder war unter unbekannten Umständen kaum noch zu sehen, und ihre Mutter lief wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Gegend. Nur sie konnte sich keinen Reim auf das alles machen. Sie beschloss, den Stier bei den Hörnern zu packen.
»Mama!«
Barbara kam zur Küchentür und sah in die trotzigfragenden Augen ihrer Tochter.
»Mama, was ist hier eigentlich los?«
Was sollte sie sagen? Das Fass war kurz vorm Überlaufen.
»Schatz, ich habe dir gesagt, du wirst alles erfahren. Aber bitte, lass mir etwas Zeit! Ich muss einiges ordnen, ehe wir reden können.«
»Glaubt ihr wirklich, ihr könnt mich hinhalten? Ich gehöre auch zur Familie! Ist es was Schlimmes?«
Barbara musste ihr etwas entgegenkommen, damit sie das Vertrauen der Kleinen nicht einbüßte. Also rang sie sich zu einer halben Aussage durch.
»Nein. Es ist nichts, was wir nicht in den Griff bekommen könnten. Und es wird keinem von uns ein Schaden entstehen. Es … Es braucht nur einige Zeit, bis wir es alle verarbeiten können.«
Sie kam sich ziemlich schäbig bei dieser Antwort vor. Und sie wusste nicht, ob sie lange vorhielt.
Auch Ilsa merkte, dass etwas in der Luft lag, worüber ihre Mutter eigentlich sprechen wollte, aus irgendwelchen Gründen aber noch nicht konnte. Wenn sie jetzt weiter bohrte, würde es wohl nur noch peinlicher werden. Da wartete sie lieber ab und machte ihre eigenen Recherchen.
Barbara hatte schon während ihrer Antwort begonnen, das Abendbrot auf den Tisch zu stellen. Jetzt rief sie die Kinder.
»Ilsa! Essen! Daniel! Kommst du bitte auch!«
Die Familie versammelte sich am Tisch.
Daniel hatte versucht, die Probleme in seinem Zimmer zu lassen. Er setzte sich auf seinen Platz und langte demonstrativ ordentlich zu. Nur eines entging seiner Schwester nicht. Er war nicht sehr gesprächig.
Sie wollte es wissen.
»Ist dir eine Laus über die Leber gelaufen?«, fragte sie provozierend und stupste ihn an.
Die Mutter sah sie streng an.
»Lass das, bitte!«
Plötzlich warf Daniel die angefangene Stulle auf den Teller und polterte los: »Ach was! Ist doch sowieso alles egal! Warum tust du das, Mama?«
Er stand auf und wandte sich zum Gehen.
Ilsa schaute ihren Bruder mit großen Augen an. Auch Barbara war zusammengezuckt.
»Nicht, Daniel! Nein!«
Sie sprang ebenfalls auf und holte ihn im Flur ein. Ihn an beiden Schultern fassend, sah sie ihm flehend ins Gesicht und sprach mit leiser Stimme: »Bitte, Daniel! Ein Tag! Ich bitte dich um einen Tag! Tu mir den Gefallen! Tu uns den Gefallen!«
Barbara zog ihn an sich. Sie spürte das leichte Zittern seines Körpers. Da hielt sie ihr Kind ganz fest.
Daniel schluckte. Er schämte sich auf einmal für sein Benehmen.
4

Die Gutenbergstraße lag nicht weit von der Wohnung der Wegeners entfernt. Barbara hatte das Fahrrad genommen und nur fünf Minuten gebraucht.
Sanierte Altbauten bestimmten hier das Bild, die meisten drei, maximal vier Etagen hoch. Barbara drückte auf die Klingel neben dem Namen »Richter«.
In der zweiten Etage öffnete sich ein Fenster. Eine junge Frau steckte den Kopf heraus und sagte einladend: »Kommen Sie herein! Die Tür ist noch offen. Zweiter Stock links.«
Barbara betrat den Hausflur. Während sie nach oben stieg, konstatierte sie: ›Hätte gar nicht geglaubt, dass die Vertrauenslehrerin noch so jung ist. Sie kann maximal Ende dreißig sein, wie ich.‹
Oben wartete Frau Richter schon an der geöffneten Tür.
»Anka Richter«, stellte sie sich vor.
»Barbara Wegener. Guten Abend, Frau Richter.«
Die Lehrerin bat ihren Gast herein. Sie ging ins Wohnzimmer vor und bot ihr einen Sessel an.
»Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«
»Ja, danke. Wenn Sie ein Glas Wasser hätten.«
Die Gastgeberin brachte eine Flasche Mineralwasser und zwei Gläser. Sie schenkte ein, dann nahm sie selbst auf der Couch Platz.
Barbara dachte: ›Sie ist noch jünger, als ich vermutete. Höchstens Mitte dreißig.‹ Ihr bordeauxrotes Haar war zu einem flotten Kurzhaarschnitt frisiert. Auch sonst machte sie einen durchaus sportlichen Eindruck.
»Sie haben ein ernsthaftes Problem mit Ihrem Sohn?«, nahm Frau Richter den Faden wieder auf.
»Ja. Seit gestern.«
»Bitte erzählen Sie!« Und als Barbara noch etwas zögerte, verstand die Lehrerin.
»Oh, entschuldigen Sie«, warf sie ein. »Ich möchte Ihnen erst etwas über mich berichten. Ich bin zwar schon fast zehn Jahre am Morgenstern-Gymnasium, aber erst seit zwei Jahren Vertrauenslehrerin. Ich unterrichte Kunst und Latein. Also – damit Sie sich keine Sorgen machen: Alles, was hier besprochen wird, bleibt unter uns. Ich bin nur dafür zuständig, zu beraten oder helfend zur Seite zu stehen. Auch das Lehrerkollegium wird nichts erfahren, solange Sie nicht Ihre Zustimmung geben.«
»Aber Sie sind doch noch so jung?«, erwiderte Barbara.
»Ich bin vierunddreißig. Wissen Sie, das Problem bei Vertrauenslehrern ist, dass die älteren Kollegen im Normalfall als Autoritäts- und Respektsperson gesehen werden. Und der große Altersunterschied zu den Schülern kann zu Hemmungen führen, sich ihnen anzuvertrauen. In mir sehen sie eher noch so etwas wie eine ›Freundin‹.«
Barbara verstand. Sie hatte auch nicht an der Kompetenz ihrer Gastgeberin gezweifelt. Es war eigentlich nur reines Erstaunen über den Widerspruch zu ihrem Bild einer solchen Person.
Da Frau Richter nun schwieg, galt das als Zeichen, selbst das Wort zu ergreifen. In gedrängter Form schilderte sie die Ereignisse seit gestern Nachmittag. Sie gab auch einen Überblick über ihre familiären Verhältnisse, damit sich die Lehrerin ein Bild von der häuslichen Situation machen konnte.
»Gut. Ich habe die Fakten«, fasste Frau Richter zusammen. »Daniel zieht, wahrscheinlich schon mehrfach, Ihre Kleider an. Er hat Ihnen selbst gesagt, dass er sich als Mädchen fühlt, ein Mädchen sein möchte. Ihre Tochter hat wohl eine vage Ahnung, die aber noch nicht bestätigt wurde. Ihr Mann, der getrennt von Ihnen lebt, weiß bis jetzt gar nichts. Sie wissen nicht, wie es weitergehen soll. Richtig?«
»Ja, das beschreibt die Lage so ziemlich genau. Frau Richter …«
Sie wurde unterbrochen.
»Sagen Sie Anka, das vereinfacht das Gespräch.« Die Lehrerin lächelte ermutigend.
»Danke – Barbara. Wissen Sie, Anka, ich habe versucht, Daniel Zeit zu lassen, sich mir anzuvertrauen. Ich bin einen Schritt auf ihn zugegangen und habe gewartet, dass er das gleiche tut. Soweit waren wir heute schon. Aber dann ist wieder alles in ihm zusammengebrochen.«
»Barbara, eine Gewissensfrage. Akzeptieren Sie das, was da gerade passiert?«
Barbara nahm einen Schluck vom Mineralwasser.
»Natürlich war es erst einmal ein … ein Schock, als ich ihn so sah. Aber dann dachte ich: ›Was soll ich machen? Ich kann es doch nicht aus ihm herausprügeln – bildlich. Daniel ist doch mein Kind.‹ Ich habe mir die letzten Stunden nicht leicht gemacht. Aber mein Kind soll doch glücklich sein. Und wenn es das nur als Mädchen kann …«
Ein Kloß drückte auf ihren Hals und erstickte ihre Stimme.
Anka fühlte mit der Frau.
»Ich verstehe Sie gut. Ich habe zwar noch keine eigenen Kinder, aber ich kenne aus meiner Tätigkeit die Gefühle der Mütter. Sie haben für sich genau das entschieden, was Ihnen Ihr Herz sagt. Mehr konnten Sie bis jetzt einfach nicht tun.«
Sie sah Barbara in die Augen, und die erkannte, dass Anka ihre Entscheidung achtete.
»Danke, dass sie mir den Rücken stärken. Doch was mache ich mit meiner Tochter? Ich kann sie doch nicht länger belügen. Daniel war vorhin schon soweit, irgendetwas Unüberlegtes zu tun. Ich glaube, er hatte in diesem Moment einfach genug von dem Versteckspiel – ohne an Konsequenzen zu denken. Ich konnte ihn gerade noch auf morgen vertrösten.«
Anka nickte verständnisvoll.
»Gerade deshalb müssen Sie es Ihrer Tochter sagen. Damit der häusliche Frieden nicht zerbricht. Ihre Tochter ist dreizehn, wie sie erwähnten. Ein dreizehnjähriges Mädchen kann das verstehen. Was sie daraus macht, ist allerdings ein anderes Kapitel. Versuchen Sie, ihr nahezulegen, was es für Daniel bedeutet! Ich denke, sie möchte auch das Beste für ihren Bruder.«
Barbara seufzte. Das Leben forderte sie wirklich heraus.
Die Lehrerin fuhr fort: »Und Ihrem Mann dürfen Sie es auch nicht vorenthalten. Erstens ist es der Vater von Daniel, und zweitens ergeben sich für die Zukunft Situationen, in denen auch sein Einverständnis nötig ist. Daniel ist ja noch minderjährig.«
›Auch das noch‹, dachte Barbara. ›Wenn das Schicksal zuschlägt, dann richtig.‹
Es war nach neun, als Barbara wieder nach Hause kam. Die Unterredung mit der Vertrauenslehrerin war sehr hilfreich gewesen. Sie wusste, was sie jetzt zu tun hatte. Und ihr war auch klar, dass sie diese Hilfe noch einige Male brauchen würde.
Für heute war es zu spät für weiteren Trubel. Nur ihren Sohn wollte sie noch informieren, wie das Treffen ausgegangen war. Sie klopfte an seine Tür.
»Daniel, darf ich?«
»Ja, komm rein!«
Daniel saß an seinem Tisch. Der Computer war an, ein Textprogramm geöffnet.
»Arbeitest du an etwas?«, fragte seine Mutter mit einem Nicken zum Bildschirm hin.
»Ja. Ich versuch, meine Gedanken etwas zu ordnen. So eine Art Tagebuch der Grausamkeiten.«
Er verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln.
Barbara setzte sich auf den angestammten Platz auf der Liege.
»Finde ich gut. Aber nenn es lieber ›Tagebuch einer neuen Zeit‹ oder so. Denn nichts, was mit dir geschieht, ist grausam. Es ist nur neu und ungewohnt. Und du wirst eine Menge lernen müssen. Auch wirklich schlimme Erfahrungen können da vorkommen. Doch wenn du dir sicher bist, überwindest du die.«
»Warst du bei Frau Richter?«
»Ja, und ich bin erleichtert, dass ich das getan habe. Deine Vertrauenslehrerin wird uns helfen, alles richtig zu machen. Du kannst ruhig zu ihr gehen, wenn du mal nicht weiter weißt. Sie behält alles für sich.«
Barbara bemerkte, dass auch Daniels Anspannung etwas nachließ. Sie konnte sich vorstellen, dass da einige Mauern einstürzten, die ihn gefangen gehalten hatten.
»Und was wird mit Ilsa? Das heute hat einfach nur genervt.«
»Tja, Frau Richter meint, wir müssen es ihr sagen, und zwar möglichst bald.«
Daniel zuckte zusammen.
»Dann sagt sie es Caro, und wenn das so weitergeht, kann ich gleich einen Aushang machen.«
Seine Mutter wusste, was jetzt kommen musste.
»Ich kann das verstehen. Aber schau mal – du willst doch nicht die ganze Zeit in deinem Zimmer hocken bleiben. Und was wird im neuen Schuljahr? Wenn du dich für diesen Weg entscheidest, dann musst du ihn auch draußen, in der ›bösen Welt‹ vertreten. Alle, die das verstehen, werden dir helfen – gegen jene, die das nicht verstehen wollen. Und ich denke, mit der Zeit werden die ersteren immer mehr werden.«
Daniel seufzte laut.
»Es wird eine schwere Zeit werden, nicht wahr, Mama?«
»Ja, aber es wird auch eine schöne Zeit sein, weil du endlich, Stück für Stück, der Mensch wirst, der du wohl schon lange sein wolltest.«
»Schon sehr lange. Und ich glaube, ich habe mich fast entschieden. Danke. Hab dich lieb, Mama.«
Barbara stand langsam auf. Sie war froh, dass Daniel aus seinen düsteren Gedanken heraus gefunden hatte. Sie hatte ihm die Hand gereicht, und er hatte zugegriffen.
Als sie dann allein im Wohnzimmer saß, dachte Barbara nach. Loslassen konnte so wehtun. Sie musste ihren Sohn gehen lassen, um ihre zweite Tochter zu empfangen. So etwas passiert einem nicht alle Tage. Den meisten Menschen passierte so etwas überhaupt nicht. Deshalb konnten sich Unbeteiligte wohl auch kein Bild davon machen, was sie jetzt fühlte. Sie selbst kannte ja auch nur den Moment. Über die nächste Zeit musste sie sich erst Klarheit verschaffen. Vielleicht war Daniels Idee von einem Tagebuch gar nicht so schlecht. Sie sollte selbst ihre Gedanken niederschreiben, um einmal später nachlesen zu können, wie mühsam dieser Weg gewesen war. Und um zu erfahren, wie sie alle ihn gemeistert hatten.
5

Sonntagmorgen. Die Sonne schien, als wolle sie den Kindern besonders schöne Ferien schenken. Nur ein paar kleine Schäfchenwolken schwebten wie weiße Tupfen am blauen Himmel.
Ilsa hatte gleich nach dem Frühstück die Badesachen geschnappt und war verschwunden. Barbara rief ihr noch nach: »Denk daran, pünktlich zum Mittagessen zurück zu sein! Heute Nachmittag ist doch die Grillparty bei Caro.«
Aber sie konnte sicher sein, dass Ilsa die nicht vergessen hatte.
Barbara war froh, einige Zeit allein zu sein. Daniel würde wohl erst später aufstehen. Er hatte am Abend sehr müde ausgesehen.
Im Wohnzimmer war das Radio angestellt. Leise rieselte Musik von da in die Küche. Ein Glas Milch stand vor der Mutter. Die Sachen auf dem Zettel hatte sie nachgekauft, jetzt nahm sie einen Schluck von dem kühlen Getränk.
Gestern, spät am Abend, hatte sie eine Entscheidung für sich getroffen. Sie musste sich daran gewöhnen, dass Daniel zukünftig als Mädchen behandelt werden wollte. Er hatte ja selbst geäußert, dass er sich ziemlich sicher sei. Barbara hatte versucht, diesen Gedanken, dieses Bild in ihrem Gehirn festzuhalten. Das geschah auch wegen Daniel. Sie wollte sich alle Mühe geben, ihn nicht mehr in der bisherigen Form anzusprechen. Aber wie sollte sie ihn – oder sie – dann nennen? Das sollte sie schon von ihrem Kind erfahren.
Weiter hatte sie beschlossen, dass Ilsa heute nach der Grillparty eingeweiht werden sollte. Sie musste nur noch klären, ob das allein geschehen würde oder in Anwesenheit ihrer ›großen Schwester‹. Und sie musste ihrer kleinen Tochter klar machen, wie sensibel dieses Wissen im Moment noch sei. Dass es eine große Verantwortung für Ilsa sei, etwas zu erfahren und erst einmal für sich zu behalten. Sie hatte ein Recht, es zu wissen. Aber sie hatte kein Recht, es draußen gleich weiterzugeben. Damit würde Ilsa ihrer neuen Schwester viel Leid zufügen.
Außerdem hatte sie sich vorgenommen, Hendrik zu besuchen. Das erste Gespräch wollte sie allein mit ihm führen. Barbara hatte bei dem Gedanken ein ungutes Gefühl. Nach seinen Reaktionen auf weit geringere Anlässe dürfte das einschlagen wie eine Bombe. Und bei dieser Explosion wollte sie die Kinder aus der Schusslinie halten.
Nach dieser Entscheidung war ihr wohler gewesen. Sie hatte gespürt, wie erschöpft sie von den Ereignissen des Tages wirklich war, und geschlafen wie ein Stein.
Eine halbe Stunde später kam Daniel aus seinem Zimmer. Er hatte die Haare offen, so dass sie um seinen Hals spielten und die Schultern streiften. Barbara musste sich eingestehen, dass ihm das wirklich stand. Und sie tat erstmals etwas, was sie vor zwei Tagen nicht für möglich gehalten hätte. Sie überlegte sich, dass eine flotte Frisur die blonden Haare noch viel besser zur Geltung bringen würde.
»Morgen, Mama. Geht's dir gut?«
Seine Mutter war erstaunt über die Frage.
»Ja – viel besser als gestern. Und dir?«
»Geht schon so. Aber wenn's dir gut geht, wird's noch besser.«
Daniel hatte mit bestechender Logik erkannt, dass es der Mutter nur besser gehen konnte, wenn sie eine Lösung gefunden hatte. Und das würde sich unmittelbar auf sein Problem auswirken.
Für Barbara kam diese Ansage so überraschend, dass ihr einige Sekunden gar nichts dazu einfiel. Dann, als Daniel am Frühstückstisch saß, sagte sie: »Wenn es dir so gut geht, kann ich dir erzählen, was ich gestern für mich entschieden habe. Für mich, verstehst du? Alles andere kommt dann Stück für Stück.«
Daniel sah an seiner Mutter vorbei zum Fenster hinaus. In ihm breitete sich eine Mischung von Erwartung, Angst und Freude aus. Jetzt kam es darauf an. Was hatte sie entschieden?
»Okay. Fang an!«
Er hatte aufgehört zu essen und erwartete das Urteil.
Barbara sah ihrem Kind fest in die Augen, fast hypnotisch.
»Ich habe mich entschlossen … ab heute zwei Töchter zu haben.«
Dieser Satz, in ihren Gedanken noch relativ leicht formuliert, ging ihr so unendlich schwer über die Lippen. Aber er war gesprochen, ließ sich nicht mehr zurücknehmen. Und sie stand immer zu ihrem Wort.
Das wusste auch Daniel. Er saugte die Worte in sich auf. Die Erwartung hatte sich erfüllt, die Angst war wie weggeblasen, und die Freude siegte.
»Du kannst es dir also vorstellen … so, wie ich …«
»Ich hab doch gar keine andere Wahl. Aber mit dem Vorstellen – da musst du mir schon noch ein bisschen helfen. Ich weiß ja fast überhaupt nichts über deine neuen Gefühle.«
Daniel lachte. Seit Freitagnachmittag hatte er das erste Mal wieder ein fröhliches Gesicht.
»Ich werde dir alles erzählen, was du wissen möchtest.«
Jetzt waren sie schon zu zweit in seiner Welt. Er fühlte sich nicht mehr so einsam und verlassen.
Ilsa lag neben Caro auf der Wiese im Bad. Sie hatten die Handtücher ausgebreitet und schauten auf die Schäfchenwolken über ihnen.
»Du Caro, bei uns geht irgendetwas ganz Seltsames vor.«
Caro drehte ihren Kopf Ilsa zu.
»Mit Daniel?«
Sie erinnerte sich an das gestrige Gespräch.
»Nicht nur. Auch Mama war gestern Abend so komisch.«
Caro verstand nicht.
»Wie, komisch?«, fragte sie irritiert.
Ilsa spielte mit einer Haarlocke.
»Also, das war so …«
Sie erzählte von dem Ausraster ihres Bruders, vom Hinhalten der Mutter und den ganzen Ausflüchten. Auch davon, dass ihre Mutter abends noch mal weggegangen war.
Caro bekam große Augen.
»Du, da muss was wirklich Schlimmes passiert sein. Wenn keiner dir was sagen will, dann ist es echt schlimm!«
Ilsa schaute ihre Freundin ängstlich an.
»Meinst du wirklich? Aber, was sollte das denn sein? Abgesehen von den beiden war doch alles normal.«
Caro sagte etwas wichtigtuerisch: »Glaub mir, da ist etwas zwischen Daniel und deiner Mutter. Die beiden wissen etwas, und denken, sie können es dir nicht sagen, weil …«
Ilsa setzte sich auf, Caro direkt gegenüber.
»Weil was? Mach schon!«
»Weil es zu schrecklich für dich ist!«, platzte Caro heraus.
Barbara hatte zwei Gläser mit Fruchtsaft gefüllt und ging ins Wohnzimmer. Daniel verstand die Geste und folgte ihr. Sie setzten sich auf ihre Plätze am Couchtisch.
Daniel hatte seiner Mutter vorhin versprochen, ihr alles zu erzählen. Dazu musste er stehen. Doch er fand, dass das jetzt nicht mehr so schlimm war wie noch gestern.
Barbara legte ihre Hand auf seine, die auf der Tischplatte ruhte, und drückte sie leicht. Die Frage fiel ihr nicht leicht.
»Und … wie willst du dich jetzt nennen? Bekomme ich eine Daniela? Oder hast du dir etwas anderes ausgesucht?«
Barbara hatte einen Kloß im Hals. Das spürte auch Daniel, musste es spüren. Ihre Stimme klang belegt.
Er schaute sie an und zog sacht seine Hand weg.
»Warte einen Moment! Dann weißt du es.«
Daniel stand aus dem Sessel auf und ging zum Plattenspieler. Er suchte kurz in den daneben stehenden Vinylscheiben, dann zog er eine heraus und legte sie auf. Vorsichtig setzte er die Nadel an die gewünschte Position und drehte die Lautstärke am Verstärker etwas auf.
Barbara blickte ihren Sohn fragend an. Der erwiderte den Blick mit einem Lächeln.
Aus den Lautsprechern ertönte eine sanfte Männerstimme:
»Josie, Josie, es ist soweit.
Vergiss die Mädchenträume
und halte dich bereit …«
Daniel hob das Plattencover hoch: »Peter Maffay.«
Barbaras Augen wurden feucht. Sie schluckte, aber sie konnte die Tränen nicht zurückhalten. Hemmungslos begann sie zu weinen, während die Worte in der Luft lagen:
»… doch aus dem Kind von gestern
wird nun langsam eine Frau.«
Daniel legte das Cover hin, drehte die Musik leiser und ging langsam zur Couch.
»Mama …«
Barbara blickte ihr Kind mit endloser Wärme an, dann fasste sie ihn plötzlich und drückte ihn heftig an sich. In diesem Moment füllten sich auch Daniels Augen mit Tränen. Beide schluchzten.
»Daniel … Josie …« Barbara fand keine weiteren Worte. Sie fühlte nur, es war das letzte Mal, dass sie ihren Sohn umarmte und zugleich das erste Mal, dass sie ihre Tochter an sich drückte.
Daniel sagte mit leiser Stimme: »Mama, du hast mir mal erzählt, wie Papa und du euch das erste Mal geküsst habt. Es war an jenem Tanzabend. Er hat dich an sich gezogen, und du wusstest, er war deine große Liebe. Sie spielten dieses Lied.«
»Ja, mein Kind, ja …«
Barbara war immer noch völlig überwältigt. Überwältigt von den Ereignissen der letzten Minuten und von den Erinnerungen an einen der schönsten Augenblicke ihrer Jugend. Konnte je ein passenderer Name für ihr Kind gefunden werden?
»Josie …«, stammelte sie, »Josie, mein Mädchen.«
Ein Lächeln glitt über ihr verweintes Gesicht.
6

Barbara hatte das Mittagessen zubereitet. Die Tränen waren getrocknet, alle Spuren der vergangenen Emotionen im Gesicht beseitigt. Ilsa sollte nicht sehen, dass ihre Mutter geweint hatte.
In Anbetracht der Grillparty für Ilsa gab es heute nur Eierkuchen. Das Mädchen würde später genug essen können. Und auf den Rest der Familie wartete auch ein Extra-Abendbrot.
Viertel vor zwölf war Ilsa zurück. Aber wie …
Kaum durch die Tür, schaute sie sich ihre Familie genau an. Zu ihrer Befriedigung konnte sie feststellen, dass die Stimmung gelöster zu sein schien. Also sollte der Notstand nicht mehr so arg sein.
»Geht's euch gut?«, fragte sie.
Schon die Zweite heute, für die dieser Satz ungewöhnlich war. Barbara wurde misstrauisch.
»Warum sollte es uns nicht gut gehen?«
Ihre Tochter kam sich wieder so richtig verkohlt vor. Sie konterte: »Weil es euch die ganze letzte Zeit anscheinend richtig scheiße gegangen ist! Mann, ihr seid rumgelaufen wie Gespenster und habt pausenlos Mist erzählt – wenn ihr überhaupt was gesagt habt! Das muss doch dem letzten Blödkopp auffallen!«
Ihre Mutter zuckte zusammen. Das war Klartext im besten Gossenjargon. Sie konnte sich nicht erinnern, Ilsa einmal so mit ihr sprechen gehört zu haben.
»Würdest du bitte deinen Ton mäßigen! Wie redest du mit mir?«
Ilsa drängte: »Dann sagt mir, was los ist!«
Sie blickte fordernd von einem zum anderen.
Barbara sah Josie fragend an, die ihr kurz zunickte.
»Also gut. Aber hat es noch bis nach dem Essen Zeit?«
»Aber dann sicher?«
Ilsa war nicht gewillt, sich weiter vertrösten zu lassen. Das hörte auch ihre Mutter aus der Frage heraus.
»Sicher! Keine Tricks, kein Aufschub. Sobald der Tisch abgeräumt ist.«
»Na, dann ist's ja gut. Ich hab vielleicht einen Hunger.«
Kaum, dass der letzte Teller vom Tisch war, meldete sich Ilsa.
»Also, was ist jetzt?«
Sie konnte verdammt hartnäckig sein.
Barbara dirigierte: »Wohnzimmer!«, und alle folgten.
Als sie saßen, schaute sie Ilsa an.
»Eines im Voraus, meine Dame! Was ich dir jetzt sage, bleibt in der Familie. Wenn du also das Verlangen verspürst, mit Caro darüber zu sprechen, bevor ich es dir erlaube, dann kannst du gleich wieder gehen. Ist das klar?«
Die Worte waren glasklar gesprochen. Ilsa wusste, dass ihre Mutter es todernst meinte. Wenn sie jetzt etwas erfahren wollte, musste sie sich zurückhalten, selbst ihrer besten Freundin gegenüber.
»Klar«, sagte sie.
»Versprich es mir!« Und da Barbara die Ausreden ihrer Tochter kannte, forderte sie: »Hände auf den Tisch!«
Sie sah, dass Ilsa die bekannte Geste der gekreuzten Finger durchaus in Erwägung gezogen hatte.
»Okay!« Sie legte beide Hände flach auf den Tisch. »Ich versprech's.«
Barbara legte noch einmal nach.
»Es gibt keine Ausreden!«
Was war das hier? Das nahm sich schlimmer aus als eine Zeugenvernehmnug vor Gericht. Welches gewaltige Geheimnis sollte nun verkündet werden, dass hier fast mit Daumenschrauben bei Verrat gedroht wurde?
Barbara versuchte, die richtigen Worte zu finden, um die Nachricht kurz und prägnant herüberzubringen. Nach Streichung allen überflüssigen Textes blieb dieser eine Satz übrig.
»Ilsa, du hast eine Schwester bekommen!«
Ihre Tochter machte ein überraschtes Gesicht. Dann sah sie die Mutter mit großen Augen an und fragte: »Bist du schwanger?«
Barbara korrigierte: »Ich sagte nicht, dass du sie bekommen wirst. Du hast sie schon bekommen.«
Ilsa fand eine weitere Möglichkeit.
»Hat Papa ein Kind mit einer anderen?«
Fast musste Barbara lächeln. Ihre Tochter dachte wirklich an alles. Sie nahm ihr das nicht übel, zeugte es doch von ihrer Intelligenz.
»Auch nicht. Ilsa, mein Schatz, deine Schwester sitzt hier am Tisch.«
Ilsa blickte beide nacheinander an. Was sollte dieses Rätsel bedeuten? Mama bleibt Mama, daran ändert sich nichts. Und Daniel … sah seit Freitag so anders aus … so trübsinnig. Und ihre Mutter hatte oft mit ihm gesprochen und schaute danach auch nicht glücklich aus. Sie hatte das ganze Theater erst begonnen, denn ihr Bruder hatte bis auf den Ausraster kaum etwas gesagt. Und der klang so, als wollte er etwas sagen, bis Mama ihn zurückhielt.
»Was ist mit Daniel?«
Ilsas logischer Schluss fiel messerscharf aus.
Barbara nickte. Also war sie an der richtigen Adresse.
»Daniel fühlt sich als Mädchen.«
Fünf Wörter! Fünf Wörter können eine Welt verändern. Erst traf es Daniel, dann die Mutter, und heute war sie dran. Aber sie hatte es herausgefordert. ›Im Fußball nennt man das ›Eigentor‹‹, dachte sie bitter.
»Daniel … ist … ein … Mädchen?«
Jetzt wurde es kompliziert. Barbara legte sich die Worte gut zurecht, die sie aussprechen wollte.
»Rein vom Äußeren her natürlich nicht. Ich sagte, er fühlt sich als Mädchen. Es gibt Menschen, die sind sich irgendwann in ihrem Leben sicher, dass sie im falschen Körper stecken. Das gibt es bei Mädchen und bei Jungs. Und sie wollen so leben, wie sie sich tief in sich drinnen fühlen. Damit sie das können und nicht an ihrem Leid kaputtgehen, müssen die Familie, Freunde, Ärzte und viele andere Menschen ihnen helfen. Weil es aber einige gibt, die das nicht verstehen und diese Menschen dann beschimpfen oder sie sogar verletzen wollen, darfst du erst einmal mit niemandem, mit absolut niemandem darüber sprechen.«
Barbara hatte betont langsam und einfach gesprochen. Sie wollte, dass Ilsa jedes der Worte in sich aufnahm und nicht wieder vergaß.
»Und Daniel ist so ein Mensch?«, fragte Ilsa weiter.
Barbara nickte.
»Ja. Ich hab es vorgestern durch Zufall erfahren. Aber es ist sehr schwer, für beide Seiten. Diese Menschen haben oft Angst, es anderen mitzuteilen. Und die anderen haben Angst, es nicht verstehen zu können. Deshalb kann es sehr lange dauern, bis beide miteinander reden.«
»Wird er eines Tages auch äußerlich ein Mädchen sein?«
Barbara dankte heimlich Anka Richter, die ihr gestern Abend einen kurzen Abriss der Thematik verabreicht hatte. So konnte sie jetzt wenigstens einige grundsätzliche Fragen beantworten.
»Das kann später passieren. Manches geht ganz natürlich, wie bei dir. Bei anderen Sachen braucht es einen Arzt.«
Langsam dämmerte es in Ilsa, welch große Veränderung Daniel bevorstand. Und diese Veränderung würde Kreise ziehen und alle betreffen, die mit ihm zu tun hatten. Sie begann jetzt auch zu verstehen, weshalb ihre Mutter sie wegen des Versprechens so in die Mangel genommen hatte. Doch ihre Fragen wurden nicht weniger.
»Mama, ich weiß jetzt, dass ich darüber schweigen muss. Ich dachte, es wäre nur großes Getue, aber ich weiß, dass es wirklich wichtig ist.«
Barbara war gerührt von der Erkenntnis ihrer Tochter.
»Danke, mein Schatz.«
»Ich habe noch Fragen.«
»Dann stelle sie! Solange wir Zeit haben, werden ich oder Daniel versuchen, sie zu beantworten.«
Beide schauten auf die Uhr. Es war kurz nach eins.
Ilsa stellte fest. »Wir haben noch viel Zeit.«
»Aber in zwei Stunden sollst du bei Caro sein. Zur Grillparty?!«
»Mama, wenn das hier so wichtig ist, kann die Grillparty warten.«
Barbara war erstaunt, wie erwachsen sich Ilsa jetzt benahm. Sie schenkte ihr einen achtenden Blick dafür.
»Gut. Es ist deine Entscheidung. Dann ruf sie aber bitte an, damit Westphals nicht warten!«
Ilsa ging kurz in ihr Zimmer, wo das Handy lag.
Barbara nutzte den Augenblick, um mit ihrer großen Tochter zu sprechen.
»Ist das in Ordnung für dich, Josie?«
»Ja. Was ich in den letzten Tagen gelernt habe, ist, dass Ungewissheit und Angst viel kaputt machen können.«
Barbara nickte anerkennend. Auch Josie entwickelte sich weiter.
Ilsa kam zurück, ihr Notebook unterm Arm.
»Hier, Mama! Das wolltest du doch gestern haben.«
Sie legte es auf den Tisch.
»Und die Party?«
»Ich hab gesagt, dass etwas dazwischen gekommen ist.«
»Und was willst du sagen, wenn dich Caro danach fragt?«
»Mama, du kennst mich doch. Mir fällt schon was ein.«
Ja, Barbara kannte ihre Tochter. Sie war nicht auf den Mund gefallen und um keine Ausrede verlegen.
Ilsa setzte sich in Position, was bedeutete, dass sie weiterfragen wollte.
»Weiß Papa schon davon?«
»Nein. Ich werde zu ihm fahren und versuchen, es ihm langsam beizubringen. Das wird ein schweres Stück Arbeit werden. Aber er ist intelligent genug, es zu verstehen – denke ich jedenfalls.«
Das war jetzt Barbaras größte Angst. Denn sie wollte heute noch anrufen und Hendrik um dieses Treffen bitten.
Ilsa fuhr fort: »Aber Daniel kann doch nicht mehr Daniel heißen, wenn er ein Mädchen ist?«
Barbara pflichtete ihr bei: »Nein, das geht nicht. Daniel darf selbst bestimmen, wie er nun heißen möchte. Dafür gibt es ein Gesetz.«
»Und …?« Ilsa schaute ihre neue Schwester an.
»Ich möchte gern … Josie heißen. Ist das okay?« Die nachgesetzte Frage sollte Josies Unsicherheit überdecken.
»Josie … jaaa … Josie klingt gut.« Ilsa lachte. »Ist genehmigt, große Schwester.«
Jetzt mussten die anderen auch lachen. Barbara wurde jedoch gleich wieder ernst.
»Das ist jetzt vielleicht schwer für dich, mein Schatz, aber du musst aufpassen! Josie gibt es vorerst nur in der Wohnung. Draußen darfst du dich nicht versprechen. Tu uns die Liebe und gib acht!«
Ilsa nickte: »Ich werd mir Mühe geben, es nicht zu verbocken. Aber«, fuhr sie fort, »eines Tages muss er … äh, sie … doch auch mal raus aus der Wohnung. Was wird dann?«
Gut, dass Barbara vorbereitet war.
»Ja natürlich. Und zwar bald. Das nennt sich Alltagstest und ist am Anfang sicher sehr schwer für Josie. Sie muss nämlich draußen zeigen, dass sie ein Mädchen ist. Damit sie später auch wie ein richtiges Mädchen leben kann. Deshalb müssen wir auch bald beginnen, Mädchensachen für Josie zu kaufen.« Sie schaute die Große an. »Damit du mir nicht dauernd meinen Kleiderschrank plünderst.«
Josie lächelte.
»Das hab ich auch nicht vor. Nichts gegen dich, Mama, aber manche Sachen taugen für mein Alter nicht.«
Barbara zog einen Flunsch. War sie wirklich schon so weit weg von der Jugendmode? Ihr kam es immer vor, als läge die Teeniezeit gerade erst hinter ihr.
Der Nachmittag verging wie im Fluge.
Als Barbara Ilsa erschöpfend Antwort auf deren Fragen gegeben und ihre Tochter sich zurückgezogen hatte, bat sie Josie zu bleiben. Sie wollte noch einige Dinge klären, die ihr am Herzen lagen.
»Josie, ich möchte dir keine Vorschriften machen, aber als du dich vorhin über meine Kleider geäußert hast – was hast du mit ›mein Alter‹ gemeint? Was möchtest du gern tragen?«
Josie zuckte die Schultern.
»Da hab ich keine richtige Ahnung. Weiß nicht …«
»Sieh mal, zu Hause kannst du – theoretisch – anziehen, was du möchtest. Aber draußen, da musst du realistisch sein. Da kannst du nicht rumlaufen wie ein schriller Popstar.«
Barbara sah Josie eindringlich an. Die wusste keine Antwort und starrte auf ihre Schuhspitzen.
»Es gibt nämlich einen großen Unterschied, ob die Leute vor der Kamera stehen oder nur einkaufen gehen. Da kann es passieren, dass du sie einfach übersiehst. Also überleg dir, was dir stehen könnte. Schau dich draußen unter den Mädchen um. Und deine Schwester oder mich kannst du auch fragen. Ich bin schließlich schon eine halbe Ewigkeit Mädchen.«
Barbara vertraute hier schon auf ihre beruflichen Modekenntnisse.
»Es geht bei der Sache nämlich auch darum, wie du bei deinem Alltagstest bewertet wirst. Wenn du dich zu sehr aufdonnerst, zweifeln die Psychologen deine Ernsthaftigkeit an. Die halten dich dann für so eine Drag-Queen, aber nie für ein ganz normales Teenager-Mädchen.«
Josie sah auf.
»Okay, das hab ich verstanden. Keine überdrehten Kostüme. Ich werd mir's merken.«
Ihre Mutter stand auf, als Zeichen, dass die Unterredung beendet war.
Hendrik saß gerade an einigen Vorbereitungen für die nächste Woche. Es war die letzte vor den Semesterferien. Da passierte in den Hörsälen nicht mehr die Welt. Er wollte zum Beispiel einige interessante Experimente vorführen, deren Effekte die Studenten sicher zum Staunen bringen würden. Gerade beim ersten Studienjahr, wenn die ›Neuen‹ noch nicht so tief in der Materie steckten, kam so etwas immer an.
Die Uhr zeigte fast acht, als das Handy klingelte. Hendrik zog es von der Tischecke vor sich heran. Auf dem Display lächelte ihn seine Frau an.
»Hallo, mein Liebling! Oder darf ich das nicht sagen?«
Er hörte Barbaras vertraute Stimme, die er so mochte: »Wenn du es wirklich ernst meinst, darfst du. Wir lassen uns schließlich nicht scheiden.«
»Genau. Und ich hoffe, dass wir bald wieder zusammenfinden.«
»Hendrik, das ist jetzt nicht das Thema. Ich muss dich in einer äußerst wichtigen Angelegenheit möglichst bald sprechen. Persönlich!«
Ihr Mann schwankte noch: »Gut oder schlecht?«
»Eher sehr speziell – und es betrifft die ganze Familie. Ich komme zu dir. Wann passt es dir?«
Hendrik runzelte die Stirn.
»Geht es Dienstag nachmittags? So gegen fünf Uhr?«
Eine kurze Pause trat ein. Barbara schien zu überlegen, ob es irgendwelche Termine an diesem Tag gab.
»Geht. Ich bin um fünf bei dir. Tschüss.«
Der Lautsprecher verstummte.
Hendrik überlegte. Er trommelte mit dem Stift auf der Tischplatte. Was bedeutete das? Drei Worte bohrten sich in seinen Kopf. Bald – speziell – Familie! Als Physiker dachte er rational. ›Familie‹ – das konnte nur heißen, es hatte mit den Kindern zu tun. ›Bald‹ war klar: Die Sache duldete keinen Aufschub. Aber was sollte dieses ›speziell‹ andeuten. Hendrik konnte sich nicht erinnern, einmal wegen einer speziellen Angelegenheit angesprochen worden zu sein. Wenn es weder gut noch schlecht war, weder Geburt noch Todesfall, weder Gewinn oder Verlust – dann blieb doch nur etwas übrig, was je nach Sicht der Dinge beides sein konnte.
Er nahm sich wieder seine Unterlagen vor.
Im Fernsehen lief ein Spielfilm. Barbara schaute nur halb zu, aber sie wollte jetzt einfach mal auf andere Gedanken kommen. Da plötzlich registrierte sie das Wort ›Urlaub‹. Es gehörte zur Szene, doch Barbara fiel sofort Veronikas Angebot ein. Sie musste mit den Kindern darüber sprechen. Auch, wenn im Moment alles drunter und drüber ging – oder gerade deshalb – sollte der Platz im Landhäuschen angesprochen werden.
Sie schaltete den Ton ab und rief: »Kinder! Könnt ihr mal kommen? Beide!«
Josie und Ilsa schlichen herein.
»Gibt es noch etwas?«, begann Josie.
»Nein, es geht um etwas anderes. Setzt euch!«
Josie lümmelte sich in den Sessel, Ilsa setzte sich neben ihre Mutter auf die Couch.
Barbara ergriff das Wort.
»Was haltet ihr von einem kleinen Landhaus am Siedlersee?«
Josie horchte auf.
»Willst du dir jetzt ein Wassergrundstück zulegen?«, meinte sie ironisch.
»Nein, natürlich nicht. Ihr kennt doch meine Kollegin Veronika?« Die beiden nickten. »Sie hat mir am Freitag ein Angebot gemacht. Wir können nächsten Monat für ein oder zwei Wochen im Häuschen ihres Vaters Urlaub machen. Was haltet ihr davon?«
Die Kinder überlegten. Sie kannten Veronika schon seit einigen Jahren. Manchmal kam sie zu ihrer Mutter nach Hause, und dann ging es meist recht lustig zu.
Barbara nahm den Faden wieder auf.
»Kommt, es soll toll sein! Ihr könnt Boot fahren, und in der Nähe gibt es einen Reiterhof.«
Bei dem letzten Wort war für Ilsa die Entscheidung gefallen.
»Reiten? Prima!«
Josie fragte nach. »Kommt Veronika mit?« Sie – oder eigentlich Daniel – verstand sich sehr gut mit Mamas Freundin.
»Ich denke, ja. Jetzt, wo wir zu dritt sind, ist das doch kein Problem.«
Josie warf ein: »Und was wird mit mir? Ich meine, wie ich jetzt bin …«
Barbara verstand, worauf sie anspielte.
»Das ist eine prima Gelegenheit für deinen Alltagstest. Wir sind unter uns, aber in freier Natur. Und wenn dich jemand sieht, dann sind es Fremde, denen du wohl nie wieder begegnen wirst. Na, und mit Veronika kommst du doch klar.«
»Wenn sie mit mir klarkommt?«, sagte Josie leise.
»Ich denke, schon. Veronika ist eine aufgeschlossene moderne Frau. Die hat sicher keine Probleme damit.«
Josie sah das jetzt auch so.
»Na gut. Ich bin dabei.«
Barbara lächelte erleichtert.
»Dann sage ich morgen gleich Bescheid.«
Der Film war zu Ende. Im Film ist alles einfach. Der Autor schreibt ein Happy End, und die beiden unglücklich Verliebten kriegen sich doch. Barbara wünschte sich jemanden, der ein Happy End für ihre Familienprobleme schrieb.
Schreiben! – Barbara sah Ilsas Notebook auf dem Tisch. Richtig – sie wollte sich mal mit der Problematik beschäftigen. Anka Richter hatte ihr zwar ein paar Basics mitgegeben, aber sie brauchte mehr Informationen. Was kommt in den nächsten Wochen und Monaten auf sie zu? Mit wem muss sie, respektive Josie, Kontakt aufnehmen? Welche rechtlichen Wege sind zu beachten? Und, um das Ganze bis zum Ende zu denken: Was wird mit Josie passieren, damit sie auch amtlich ein Mädchen wird? Barbara hatte zwar darüber bisher noch kein Wort verloren, aber die Möglichkeit bestand – und war naheliegend. Sosehr sie bei der Vorstellung auch in Sorge geriet und irgendwie litt, würde sie es doch gern von Josie wissen wollen.
In Josies Zimmer, wo deren großer PC stand, befand sich auch ein Drucker. Hendrik hatte alle Geräte miteinander vernetzt. Das Notebook hing über WLAN in diesem Netzwerk.
Entschlossen klappte Barbara den Deckel auf. Sie loggte sich ins Internet ein und ging auf eine Suchmaschine. Bedächtig, fast sorgsam tippte sie das Wort ›Transgender‹ ein – und riss im nächsten Moment die Augen weit auf. Über einhundertfünfzig Millionen Treffer!
Mit einem Schlag wurden ihr zwei Fakten klar. Erstens würde sie in der Flut der Veröffentlichungen mit absoluter Sicherheit den Überblick verlieren, ohne ihn je erhalten zu haben. Zweitens war die Thematik anscheinend so komplex, dass sie ein Schritt-für-Schritt-Programm brauchte, was alles zu tun sei.
»Josie, mein Mädchen«, sagte sie leise vor sich hin, »ich liebe dich, aber was tust du mir hier an?«
Barbara zog ernsthaft in Erwägung, einige Tage freizunehmen.
Bevor sie sich spät am Abend schlafen legte, stellte sie einen Küchenstuhl neben Josies Tür und legte das Kleid mit den blauen Blumen darauf.
7

Als Barbara am Montagmorgen den kurzen Weg zur Boutique ging, hatte sie immer noch keinen Plan, wie es weitergehen sollte. Es waren verschiedene Ansätze vorhanden. Die Vertrauenslehrerin würde jederzeit helfen, die Kinder hatten Ferien, so dass Josie sich erst einmal zu Hause in ihre neue Rolle hineinleben konnte, morgen würde sie mit Hendrik darüber sprechen. Aber ihr schienen das Tropfen in einem Meer an Fragen zu sein. Im Augenblick fiel ihr nur eines ein. Auf Veronika konnte sie sich hundertprozentig verlassen, wenn sie die Freundin in ihre Sorgen einweihen würde. Sie sah jetzt keine andere Möglichkeit. Allein wurde sie mit der Sache nie fertig. Und wenn der Urlaubstrip klarging, wusste die es in drei Wochen sowieso.
Barbara öffnete die Tür des Geschäftes. Ein elektronischer Gong ertönte – drei Töne. Veronika kam von hinten, zupfte noch an ihrer Bluse.
»Hallo Babs! Sag mal …« Sie schaute genauer hin. »Du siehst müde aus. Hast du dich nicht erholt? Es war doch ein wunderbares Wochenende.«
»Hallo Vroni! Wem sagst du das, bitte? Ich fühle mich erschöpft, gerädert – nenn es, wie du willst.«
»Was war los? Bist du krank?«
»Noch nicht«, winkte Barbara ab. »Aber wenn das so weitergeht, dauert's nicht mehr lange.«
Veronika legte eine besorgte Miene auf.
»Was fehlt dir denn? Sag schon, wir kennen uns doch!«
Barbara entgegnete, etwas gereizt: »Was mir fehlt? Drei Dinge! Nerven wie Stricke, ein paar freie Tage und – Hilfe.«
Sie schaute ihre Freundin an. Hatte sie eine Wahl?
»Vroni, du musst mir helfen!«
Das glaubte Veronika auch.
»Ich rufe Marion an. Vielleicht kann sie hier mal übernehmen.«
Marion hatte früher im Geschäft gearbeitet. Jetzt war sie im Vorruhestand. Doch ab und zu schaute sie vorbei, packte hier mit an, half da mal aus. Sie war eine gute Seele, und sie würde die beiden nicht im Stich lassen, wenn sie gebraucht wurde.
Während Barbara hinten Kaffee aufsetzte, telefonierte Veronika mit der alten Kollegin. Nach kurzer Zeit kam sie zu ihrer Freundin.
»In zehn Minuten ist sie hier.«
Barbara bedankte sich.
»Du bist echt ein Schatz.«
Veronika lächelte verlegen, goss von dem aromatisch duftenden Getränk ein und sagte. »Und nun erzähle! Wobei soll ich dir helfen?«
»Ich weiß nicht einmal, ob du mir selbst helfen kannst. Aber vielleicht weißt du, wer mir helfen könnte.«
»Mach's nicht so spannend!«
Barbara legte ihre Hand auf Veronikas Unterarm.
»Es ist ein verdammt heikles Thema, und ich bin auf deine absolute Verschwiegenheit angewiesen. Sonst gibt es unter Umständen eine Katastrophe.«
Die Freundin guckte erschrocken. Sie nahm einen Schluck vom dampfenden Kaffee.
»Du machst mir ja Angst mit deinen Andeutungen! Aber sag, wie lange kennen wir uns? Vierzehn Jahre, wenn mich die Erinnerung nicht täuscht. Wenn du mir vertraust, dann tust du das doch aus Überzeugung, oder?«
Da hatte Veronika recht. Eigentlich gehörte sie fast zur Familie, so eng war ihre Freundschaft. Barbara wischte alle Zweifel weg.
Vorn ertönte der Gong. Durch den offenen Vorhang sahen die beiden, dass Marion soeben gekommen war. Barbara wollte aufstehen. Veronika drückte sie zurück.
»Lass mal, ich regle das schon.«
Während sie vorn mit der ehemaligen Kollegin alles besprach, dachte Barbara: ›Es ist doch schön, wenn man jemanden hat, auf den man sich in jeder Situation verlassen kann.‹ Und sie fragte sich, wie sie nur eine Sekunde hatte zögern können, ihre beste Freundin ins Vertrauen zu ziehen.
Die kam gerade zurück.
»Für die nächste Stunde haben wir Zeit, etwas gegen deine ›Katastrophe‹ zu tun.«
»Gehen wir zu dir?«
Veronikas Wohnung lag etwa so weit von der Boutique entfernt wie Barbaras, jedoch in der anderen Richtung. Als sie ins Wohnzimmer kamen, ließ die Freundin als erstes die Jalousie herunter, denn die Sommersonne schien direkt durch das Fenster in den Raum.
Veronika verschwand kurz in die Küche und kam mit einer angebrochenen Flasche Rotwein und zwei Gläsern zurück.
»Ich denke, unter gegebenen Umständen können wir uns das erlauben.«
Sie setzten sich in die bequemen Sessel.
»So, nun berichte!«
Barbaras Stimme wurde brüchig, während sie sprach.
»Es geht um meinen Jungen.«
»Daniel? Hat er was verbockt? Oder ein Mädchen?«
Barbara seufzte.
»Das wäre nichts gegen das, was ich am Wochenende durchgemacht habe. Aber du hast schon den Finger drauf.«
Barbara trank von der roten Verführung.
Sie senkte die Stimme, nicht wegen des brisanten Satzes, sondern, weil es sie Mühe kostete.
»Daniel lebt in der Vorstellung, ein Mädchen zu sein.«
Veronika hustete. Sie hatte sich am Wein verschluckt.
»Er glaubt … er sei … ein Mädchen?«
Barbara hörte den Zweifel heraus und stellte richtig: »Er ist sich ziemlich sicher, im falschen Körper zu stecken. Verstehst du? Transgender!«
Ihre Freundin nickte.
»Ich hab schon davon gehört. Aber ich hätte nie geglaubt, dass das je so nah passiert.« Sie trank erneut. »Wie bist du draufgekommen?«
Barbara erzählte kurz vom Freitagnachmittag. Sie beschrieb die Stimmung so emotional, dass sich Veronika nicht enthalten konnte zu sagen: »Oh Gott! Der Arme … ihr … Was machst du jetzt, Babs?«
Barbara zuckte die Schultern.
»Ich hab vorgestern mit der Vertrauenslehrerin von Daniels Schule gesprochen. Ilsa weiß inzwischen auch Bescheid. Morgen Nachmittag werde ich zu Hendrik fahren.«
»Und wie hat Ilsa darauf reagiert?«
»Oh, sie war stinkesauer, weil ich es ihr nicht sagen wollte. Aber als sie's dann erfahren hatte, war sie eigentlich ganz gelassen …«
Barbara holte sich die Bilder vom Vortag zurück.
»… ganz gelassen. Ja, sie hat eine Menge Fragen gestellt. Du, ich glaube, die Jugendlichen heute sind mit solchen Situationen mehr vertraut, als wir denken. Wenn ich mir da morgen Hendrik vorstelle.«
Veronika goss in Barbaras Glas nach.
»Das kommt mir schon logisch vor. Erinnere dich, wie verknöchert die Sitten früher waren! Da durften sich zwei junge Leute nicht mal allein treffen! Und so, wie heute viele keine Probleme mit ihren Klassenkameraden mit Migrationshintergrund haben, sehen sie möglicherweise auch die Spielarten menschlicher Sexualität viel normaler. Viele, aber eben nicht alle.«
Ob es nun der Wein war, oder ob Veronikas Worte die Spannung in Barbara tatsächlich gelöst hatten, lässt sich nicht sagen. Sie schaute die Freundin an und sagte mit herzlicher Stimme: »Vroni, du bist ein Schatz.«
Veronika prostete ihr zu. »Ich weiß, Babs.«
Es herrschte eine Weile Stille. Draußen konnte man hören, wie sich die Spatzen stritten. Tiere und Menschen gleichen sich oft. Nur wissen das die Tiere nicht.
Barbara unterbrach das Schweigen.
»Du meinst also, ich mache mir mehr Gedanken als nötig über Daniels Zukunft? Weil ich es aus der Perspektive unserer Generation sehe? Wolltest du das damit sagen?«
»Zumindest zum Teil wird es so sein. Was den Weg sicher nicht viel einfacher macht. Aber der Junge muss Ängste abbauen, wenn er als Mädchen leben will. Er darf nicht in jedem einen potenziellen Feind sehen.«
Barbara nickte: »Ich werd's ihm zu erklären versuchen.«
»Und, Babs …« Veronika stand auf, trat hinter sie und legte die Hände auf ihre Schultern. Sie beugte sich zu ihr herab, so dass Barbara im Augenwinkel die rote Strähne erkennen konnte, dann fuhr sie fort: »bleib ein paar Tage zu Hause! Ich rede mit der Chefin. Ich werd schon einen Grund finden. Du musst dich jetzt um so viel kümmern. Du brauchst jede Minute, die du kriegen kannst …«
Sie drückte ihre Wange gegen Barbaras.
»… auch für dich.«
Barbara genoss diese Zuwendung. Sie versuchte immer, ihren Kindern Wärme und Geborgenheit zu geben, und vergaß darüber oft, dass sie die genauso nötig hatte. Seit Hendrik weg war, fehlte ein wichtiger Teil in ihrem Leben. Manchmal stellte sie sich die Frage, ob die Zeit ohne ihren Mann wirklich die bessere Alternative sei.
Veronika löste sich von ihrer Freundin.
»Und, was habt ihr wegen des Urlaubs beschlossen? – Um mal das Thema zu wechseln.«
Barbara wendete ihr den Kopf zu.
»Sie machen mit. Ilsa war sofort dabei, als ich die Pferde erwähnte. Und Daniel habe ich gekriegt, als ich ihm einen leichteren Einstieg in den Alltagstest in Aussicht stellte. Sie freuen sich schon auf dich.«
»Ähm …« Veronika wippte mit dem ausgestreckten Zeigefinger in Barbaras Richtung. »was mir gerade einfällt: Wie soll ich Daniel jetzt eigentlich ansprechen? Habt ihr darüber schon geredet? Also«, sie verdrehte die Augen, »es wäre schon irgendwie abwegig, wenn ich mir deinen Sohn im Kleid vorstelle und Daniel zu ihm sage.«
Barbaras Gesicht begann zu leuchten, weil sie sich gerade noch einmal die gestrige Offenbarungsszene vorstellte.
»Er hat's mir durch die Schallplatte gesagt. Josie möchte er heißen.«
Veronika kannte natürlich auch die Geschichte um das Lied.
»Nein! Ach, wie süß von ihm. Er hat euer Lied gespielt, und … und er hat sich Josie als Name ausgesucht? Babs, du solltest der glücklichste Mensch auf der Welt sein! Er hat bei so einer wichtigen Entscheidung an dich … an euch gedacht.«
Sie hatte neu angesetzt, um auch Hendrik in die Situation einzubeziehen.
Barbara war in diesem Moment tatsächlich unsagbar glücklich.
Barbara hatte Veronikas Rat angenommen und ihre Freundin gebeten, bei der Chefin eine Woche unbezahlten Urlaub auszuhandeln. Dieses Opfer musste sie bringen, Josies und ihrer selbst wegen.
Als sie vorhin auf die Straße getreten war, hatte sie festgestellt, dass Veronikas Wein nicht ganz unschuldig an der entkrampften Stimmung gewesen sein dürfte. Doch auf dem Fußweg nach Hause pustete ein laues Lüftchen den Hauch von Schwips hinweg.
Das Erste, was Barbara bemerkte, als sie die Wohnung betrat, war, dass sich Stuhl und Kleid nicht mehr vor Josies Tür befanden. Sie schaute in die Küche, wo sich alle vier Stühle in Eintracht um den Tisch gruppierten. Leise öffnete sie die Schlafzimmertür. In diesem Augenblick konnte sie ihre Neugier nicht mehr bezähmen. Keine Spur von dem Kleid, weder draußen, noch im Schrank. Im Vorübergehen hatte sie einen Blick durch die offene Wohnzimmertür riskiert und dort auch alles beim alten gefunden. Hatte Josie den Wink verstanden?
»Josie?«
Ganz leise hatte es Barbara gesagt, fast so, als hätte sie in diesem Moment Angst davor.
Die Tür öffnete sich langsam. Und, etwas verschämt, schob sich Josie durch den Spalt. Sie sah genauso aus wie am Freitag, vielleicht sogar noch eine Spur zerbrechlicher, weil unsicher. Ihr Haar trug sie wieder offen, ihr Blick sagte alles. Es war das erste Mal, dass sie sich freiwillig so zeigte.
Barbara trat zu ihr, zupfte hier und da am Kleid, schob ihr eine herabhängende Strähne aus dem Gesicht.
»Das steht dir wunderbar, Josie. Es passt wirklich gut zu dir.«
Josie lächelte verlegen, dann deutete sie mit einem Blick auf ihre Füße. Sie war barfuß.
Ihre Mutter schmunzelte: »Das kriegen wir auch noch hin. Passende Schuhe habe ich leider nicht. Vielleicht ziehst du erst einmal die weißen Stoffturnschuhe an. Nicht ganz Haute Couture, aber damit kommst du über den Tag.«
Josie folgte ihrem Vorschlag. Ja, das ging schon. Sie würde heute ja nur in der Wohnung so auftreten, versuchen, Sicherheit zu gewinnen.
Barbara half nach.
»Wenn du soweit bist, dass du dich wie in deinen Jungssachen fühlst, dann kommt der nächste Schritt. Wir tasten uns langsam vor. Du denkst jetzt noch nicht an morgen oder übermorgen, sondern konzentrierst dich ganz auf heute!«
Noch in die Betrachtung ihrer Tochter vertieft, kam ihr plötzlich eine Idee.
»Josie, weißt du was?«
»Was denn, Mama?«
»Dir gefällt doch dieses Kleid. Du hast es dir ja selbst ausgesucht.«
»Ja, es ist schön.«
»Dann darfst du es behalten, als Grundstock für deine neue Garderobe.«
Josie war ergriffen.
»Du bist so lieb.«
Bei all der Liebe bemerkte Barbara die etwas unbeholfenen Bewegungen ihres Kindes.
»Ich werde dir in nächster Zeit eine Menge beibringen. Du musst ja auch lernen, dich wie eine junge Dame zu bewegen und zu verhalten.«
Josie umarmte ihre Mutter.
»Danke Mama. Schön, das du so für mich da bist. Aber geht das denn überhaupt?«
»Da mach dir mal keine Gedanken. Ich habe mir diese Woche frei genommen, um nur für dich da zu sein … na ja, fast. Deinem Vater muss ich ja die Situation auch noch beibringen.«
»Muss das sein?«
»Schatz, es geht nicht anders. Er hat ein Recht darauf, es zu wissen. Sieh mal, wir sind deine Eltern und müssen allem, was in Zukunft mit dir geschehen soll, zustimmen. Beide – weil du noch nicht volljährig bist. Schon deshalb muss er es wissen, bald wissen. Denn du willst doch bereit sein, wenn die Schule wieder beginnt.«
Josie wusste, dass ihre Mutter trotz deren Unerfahrenheit in der neuen Situation den richtigen Blick für das Wesentliche hatte. Und dafür achtete sie sie.
Ilsa hatte sich wieder mit Caro verabredet. Sie saßen beide auf dem Rand des alten Brunnens, der mitten auf dem Marktplatz stand. Mit der Hand fuhr sie durch das kühle Wasser, dessen Oberfläche in der Sonne so stark reflektierte, dass sie die Augen zusammenkneifen musste.
Caro schubste sie an.
»Nun erzähle mir mal, warum du gestern nicht kommen konntest!«
»Ach wir hatten was zu besprechen, wegen Papa.«
Caro kannte die Verhältnisse bei Wegeners.
»Will sich deine Mama etwa nun doch scheiden lassen?«
»Nee, es ging um den Urlaub.«
»Und? Dir muss man auch jedes Wort aus der Nase ziehen!«, grummelte Ilsas Freundin.
»Und du bist neugierig wie ein Waschweib.«
Caro stutzte bei diesem Satz.
»Was ist'n das?«, fragte sie unverständig.
Ilsa grinste sie an.
»Den Spruch hat Mama mal gebraucht, als ich sie mit Fragen gelöchert habe. Genau wie du jetzt.«
»Ach so. Und was wird nun mit dem Urlaub?«
»Wir fahren zusammen mit Mamas Freundin aufs Land. In ein Ferienhaus bei einem Reiterhof.«
Geschickt brachte Ilsa das zweite Gesprächsthema von gestern ins Spiel.
»Und das musstet ihr gestern Nachmittag besprechen?«
Caro ließ nicht locker. Manchmal war sie eine richtige Nervensäge.
»Mama hatte es verschwitzt, dass sie heute Bescheid geben musste. Und wir waren gerade alle da.«
Das Mädchen konnte lügen, ohne rot zu werden.
»Was ist'n nun mit deinem Bruder?«
»Ach der …« Ilsa zögerte, weil sie eine glaubhafte Erklärung brauchte. »der hat Probleme mit 'nem Mädchen.«
Die Antwort war genial. Denn sie stimmte. Nur wusste Caro nicht, dass das Mädchen er selbst war.
Die entgegnete prompt: »Hab ich dir doch gesagt. Meiner spielt sich auch so auf, wenn mit seiner Freundin was nicht stimmt!«
Barbara hatte sich an den Couchtisch gesetzt. Vor ihr lag ein Schreibblock. Sie grübelte.
Josie hatte nur ihr Taschengeld und einiges auf dem Sparbuch. Damit war sie nicht in der Lage, sich vollständig neu einzukleiden. Also musste sie ihrer großen Tochter unter die Arme greifen.
Als Frau hatte sie einen guten Überblick, was Josie alles benötigen würde. Sie wollte ihre Vorstellungen niederschreiben und dann mit ihr abstimmen. Also …
Die Seite füllte sich rasch mit verschiedenen Artikeln. Barbara hatte sie in Kategorien unterteilt: Sommerkleidung, die Josie sofort brauchte, Übergangs- und Winterkleidung, Unterwäsche, Accessoires, Kosmetik und Make-up, Schuhe.
Sie stöhnte. Da kam etwas auf sie zu. Wenn sie Ilsa hernahm: Die hatte ihre Sachen Stück für Stück bekommen, so wie sie gebraucht wurden. Aber hier war fast alles auf einmal notwendig.
Barbara ging zu Josies Zimmer, klopfte an. Josie öffnete selbst.
»Was gibt es, Mama?«
»Hast du mal etwas Zeit. Es geht um deine neue Kleidung.«
Josie folgte ihrer Mutter ins Wohnzimmer. Da lag die Liste.
»Wir müssen einen Kompromiss finden«, begann sie.
Das Mädchen nickte.
»Ich seh schon, ist einiges zusammengekommen.«
Barbara setzte sich wieder. Sie tippte mit dem Stift auf die verschiedenen Einträge und sagte: »Das ist das Problem. Theoretisch brauchst du eine Komplettausstattung.«
Josie riet: »Zu teuer?«
»Für den Moment – ja.«
»Dann muss ich wohl …«
»Nein, musst du nicht!«, unterbrach sie ihre Mutter. »Was unbedingt notwendig ist, wird gekauft. Heute gibt es das Internet, da finden sich sicher auch preisgünstige Angebote. Worum es mir geht: Wäre es eine große Zumutung für dich, wenn du einige Sachen von dir behältst? Ich meine – schau dir doch die Mädchen an. Viele tragen genau das gleiche wie Jungs. T-Shirts, Jeans, Turnschuhe – das muss man doch nicht alles entsorgen. Tu etwas mit weiblicher Note dazu, und du hast den perfekten Look.«
Josie überlegte. Barbara versuchte, ihre Gedanken in Worte zu fassen.
»Wenn du natürlich mit den Kleidungsstücken dein Leben als Daniel verbindest und sie deswegen nicht mehr tragen möchtest, kann ich das verstehen. Wie denkst du darüber?«
Josie folgte dem Gedankengang ihrer Mutter und hörte in sich hinein. Das Kleid, welches sie jetzt trug, war zu einhundert Prozent weiblich. Mit Jeans und T-Shirt war sie bis vor kurzem fast jeden Tag rumgelaufen. Sie fürchtete, die Sachen würden sie wieder zu Daniel machen. Sie hatte am Wochenende die Entscheidung gefällt, Daniel hinter sich zu lassen.
»Mama, es ist so schwer. In den Klamotten steckt so viel Daniel drin. Versteh mich, bitte! Ich glaube, ich kann das nicht – nicht jetzt. Können wir die Sachen nicht erst einmal in Kartons packen und zur Seite stellen? Vielleicht, dass ich später einmal …«
Oh ja, Barbara verstand ihre Tochter sehr gut. Kannte sie doch aus ihrer Boutique Frauen, denen es unangenehm war, zwei Tage die gleiche Kleidung zu tragen. Genau so eine Hemmschwelle musste sich in Josie aufbauen, wenn sie die alten Teile anziehen sollte.
»Also gut, Kompromiss auf unbestimmte Zeit vertagt.«
»Danke, Mama.«
»Wenn du dich für jede Aktion bedankst, wirst du bald nichts anderes mehr sagen. Denn da kommt noch eine Menge auf uns zu. Verstehst du – auf uns!« Sie lachte. »Also, das war das Dankeschön für die nächsten zehn guten Taten von mir, klar?«
»Klar.«
»Übrigens, Josie. Kontrollier mal deine Beine, wenn du dich setzt! Sonst guckt dir dein Gegenüber am Tisch bis zum Höschen. Schlag sie übereinander, und beim Hinsetzen streichst du das Kleid hinten mit der Hand nach unten. Übe das mal ein bisschen. – Lektion eins.«
Josie wollte sich gerade wieder bedanken, dachte jedoch noch rechtzeitig an die Worte ihrer Mutter.
»Gut. Ich probiers.«
Sie stand auf, setzte sich wieder und versuchte, es so einzurichten, wie ihr gesagt wurde.
»So etwa?«
»Ja. Es wirkt noch ein bisschen eckig, aber das lernst du schnell. Wenn wir mit Veronika wegfahren, hast du's schon drauf.«
Barbara hatte gerade den Zettel mit Josies ›Erstausstattung‹ fertig, da meldete sich das Telefon. Sie nahm das schnurlose Gerät ans Ohr.
»Anka Richter. Guten Abend, Barbara.«
»Guten Abend. Schön, dass Sie anrufen, Anka.«
»Ich wollte nach Neuigkeiten fragen und Ihnen eine mitteilen. Wer spricht zuerst?«
»Wir haben es gestern meiner kleinen Tochter gesagt. Erstaunlicherweise hat sie es recht ruhig aufgenommen, ja, sie war danach echt wissbegierig. Wir hatten ein ausgiebiges Gespräch.«
»Das freut mich zu hören.«
»Ja, und heute habe ich mich meiner Kollegin und sehr guten Freundin anvertraut. Bei ihr kann ich mich auf ihre Verschwiegenheit verlassen. Sie hat mich wieder etwas aufgebaut und mir einige freie Tage verschafft«
»Sie haben genau das Richtige getan. Jetzt brauchen Sie nichts überstürzen. Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie haben.«
Barbara war über diesen Zuspruch erleichtert.
»Ich war gerade dabei, eine Liste für die neue Garderobe meines Kindes aufzustellen. Sie braucht doch jetzt neue Kleidung.«
»Sicher. Das ist wohl jetzt das Naheliegende. Hat sie schon etwas?«
»Ich habe ihr ein Kleid von mir geschenkt. Wir haben etwa die gleiche Kleidergröße. – Anka, was ich Sie bei der Gelegenheit fragen wollte: Ist es normal, dass sich bei meiner Tochter gerade eine Abwehrhaltung gegen alle Kleidung aufbaut, die sie als Junge getragen hat?«
»Damit war zu rechnen, Barbara. Ihre Tochter war auf einem Weg und hat im Moment Ihrer Entdeckung verharrt. Sie haben sie ermutigt, diesen Weg weiterzugehen. Damit war für das Mädchen das Leben als Junge beendet.«
»Aber das wird ganz schön ins Geld gehen.«
»Ich kenne da einen Kleidermarkt. Warten Sie …«
Barbara hörte im Hintergrund das Rascheln von Papier. Dann war die Lehrerin wieder am Telefon.
»Ja, hier. In der Stadt gibt es einen Gebrauchtmarkt. In der Fischerstraße. Dort bekommen Sie sehr schöne und gepflegte Second-Hand-Kleidung. Viele Sachen sind sogar eigentlich neu. Kunden-Retouren von Versandhändlern oder B-Ware. Schauen Sie doch dort mal vorbei!«
»Danke, Anka. Sie helfen mir da wirklich weiter. Was haben Sie mir denn Neues zu berichten?«
»Es ist so. Unsere Schule in der Kleinstadt hat keinen eigenen Schulpsychologen. Aber einmal in der Woche kommt eine Psychologin von einem der städtischen Gymnasien zu uns, für einen Nachmittag. Sie beide sollten sie aufsuchen. Ich habe sie kontaktiert und ohne genauere Auskünfte erklärt, dass wir hier wohl einen Fall von Transgender haben. Sie hat sicher bedeutend mehr Erfahrung auf dem Gebiet und kann Ihnen bestimmt weiterhelfen. Mittwochs ist sie an unserem Gymnasium, auch in den Ferien. Nur Anfang August gibt es eine Vertretung. Was halten Sie davon?«
Barbara war über diese Nachricht so erleichtert, dass sie einen Scherz wagte.
»In dieser Situation greife ich nach jedem Strohhalm, den man mir zuwirft. Anka, ich möchte Ihnen danken, dass Sie sich so für uns einsetzen. Ich habe versucht, im Internet nachzulesen, konnte aber bei der Menge an Seiten keinen wirklichen Ansatzpunkt finden.«
»Ja, es wird immer schwieriger, sich dort kompetent zu informieren. Das Netz ist voll von Foren und persönlichen Auftritten, so dass man lange nach Seiten mit grundsätzlichen Inhalten suchen muss. Als ich mit der Psychologin, Dr. Petra Gerlach, sprach, sollte ich von ihr ausrichten, dass sie Material mitbringt. Sie brauchen sich also nicht mehr selbst zu bemühen.«
»Mir fällt ein Stein vom Herzen. Wie Sie das alles so regeln.«
»Es ist mein Job. Und ich tue es gern.«
»Danke, Anka. Gute Nacht.«
»Nichts zu danken. Gute Nacht, Barbara.«
8

Josie war gestern von ihrer Mutter mit den Worten entlassen worden: »Schau dich doch bitte mal im Internet um! Such dir ein paar Sachen aus, die dir gefallen! Aber nicht so teure.«
Sie war dieser Aufforderung gern nachgekommen. Stundenlang war noch das Surren des PCs in ihrem Zimmer zu hören.
Jetzt trat sie, sich die Augen reibend, aus ihrem Zimmer, nur mit Slip und T-Shirt bekleidet.
»Morgen, Mama.«
»Guten Morgen, Josie. Du siehst müde aus. Hast du gestern noch lange vorm Computer gesessen?«
»Ging so. Ich hab einige Sachen gefunden. Du kannst ja mal auf meinen Merkzettel schauen. Steht in der Favoritenleiste.«
»Mach ich dann gleich.«
Barbara dachte: ›Ohne Computerkenntnisse kannst du heute nicht mehr überleben. Meine Großeltern hätten mit dem Satz rein gar nichts anfangen können.‹
Doch sie hatte sich damals, als die PCs die Haushalte zu erobern begannen, gleich dafür interessiert. Abseits von Spielen, in einer Zeit, als Internet noch ein Fremdwort war, hatte sie die Vielseitigkeit der elektronischen Geräte begriffen und ihren Vater so lange bekniet, bis er ihr Geld für so ein ›Teufelsding‹ dazugab. – Mein Gott, da war sie so alt, wie Josie jetzt.
Wenn sie heutzutage mal einen Computer brauchte, setzte sie sich vor einen ihrer Kinder. Die hatten kein Problem damit, sie in den ›öffentlichen‹ Bereich ihres PCs zu lassen. Barbara war der Meinung, zwei solcher Geräte im Haushalt seien genug. Und vieles ließ sich ja auch mit dem Smartphone erledigen.
Während Josie sich im Bad zurechtmachte und Ilsa beim Frühstück saß, schaute sie auf den Merkzettel. Oha, da war einiges zusammengekommen! Aber nach Ihren Modetipps von gestern hatte sich Josie an die Abmachung gehalten: Nichts Überdrehtes! Barbara musste ihrer Tochter sogar einen recht guten Geschmack zugestehen. ›Na ja‹, dachte sie, ›das Kind war auch ziemlich oft mit in der Boutique gewesen und hatte wohl sehr gut aufgepasst.‹
Josie kam zurück. Sie schaute auf den Bildschirm.
»Und? Was sagt die große Modeberaterin dazu?«
»Ja. Sehr schöne Auswahl. Ich denke, das steht dir.« Sie schaute ihre Tochter an. »Aber das nicht.« Sie deutete auf Josies Gesicht.
»Wie meinst du das?«
»Josie, Schatz, ich verstehe, dass du dich jetzt hübsch machen möchtest, dass du auch Make-up brauchst. Ich habe auch nichts dagegen. Aber bitte nicht meines! Ja?«
»Was ist damit?«
»Sieh mal, du bist gerade fünfzehn. Zwischen uns liegen über zwanzig Jahre. Junge Mädchen tragen etwas Dezenteres. Bei der Kleidung hast du's doch auch begriffen. Außerdem – Lektion zwei – kommt es auf den Typ an. Und«, sie wischte mit einem Papiertaschentuch an Josies Mundwinkel, »du musst lernen, wie man es richtig macht.«
»Ach Mama, wenn ich dich nicht hätte …«
»… müsste jemand anderes dafür sorgen, dass aus meiner Tochter ein ordentliches Mädchen wird.«
Beide lachten, so richtig herzlich.
Ilsa war heute zusammen mit Caro bei ihrer Klassenkameradin Lara zum Geburtstag eingeladen worden. Laras Eltern hatten als junges Paar nach dem Zerfall der Sowjetunion das Land verlassen, um sich hier eine neue Zukunft aufzubauen. Ihr Vater Alexej, von seiner Frau Swetlana liebevoll Aljoscha genannt, hatte in Weißrussland keine Arbeit mehr bekommen. Sie hatten hier eine neue Heimat gefunden, Svenja und Joschka, wie sie von ihren Freunden genannt wurden.
Ilsa hatte deshalb ein schönes Kleid ausgesucht, etwas, das sie sonst eher selten trug. Barbara bemerkte das mit Wohlwollen.
»Mademoiselle haben sich herausgeputzt für das große Fest«, spöttelte sie.
»Noch ein Wort, Mama, und ich zieh mich um.«
Barbara bewegte den Zeigefinger vor den Mund.
»Ich sag ja gar nichts.«
»Also, wir treffen uns um zehn, und ich komme gegen sieben Uhr zurück.«
Ilsa blickte fragend zu ihrer Mutter.
»Ja, geht in Ordnung. Aber nicht später.«
Ilsa verschwand in ihrem Zimmer, um ihr Geschenk für die Freundin einzupacken.
Barbara wandte sich an Josie, die sich gerade ein Brötchen mit Käse belegte.
»Dann haben wir ja heute Vormittag noch Zeit für uns. Ich habe etwas mit dir zu besprechen.«
Es tat ihr persönlich leid, das zu sagen. Aber die Situation verlangte nun mal Absprachen, wenn sich etwas Neues ergab. Und jetzt musste sie Ankas Anruf vom Vorabend mit Josie auswerten.
Beide setzten sich zusammen, diesmal in Josies Zimmer. Als diese ihre Mutter erwartend ansah, begann sie: »Frau Richter hat angerufen.«
Josies Augen bekamen einen erstaunten Ausdruck.
»Ist irgendetwas?«
»Kennst du Frau Dr. Gerlach?«
Kurze Zeit war es still im Raum, dann hellten sich Josies Züge wissend auf.
»Du meinst die Psychologin, die ab und zu an unserer Schule ist?«
»Ja, genau die. Nur ist sie nicht ab und zu bei euch, sondern jeden Mittwoch. Zu ihr hat mir deine Vertrauenslehrerin geraten. Sie hat ihr, anonym natürlich, von deinem Fall berichtet. Frau Dr. Gerlach ist bereit, dir zu helfen. Sie hat Erfahrung, und sie kann dir zeigen, wie es weitergeht.«
Josie war noch unentschlossen.
»Komm, Josie! Gib ihr eine Chance! Frau Richter versucht uns zu helfen. Enttäusch mich nicht. Früher oder später brauchst du sowieso psychologischen Beistand.«
»Du denkst doch nicht, dass ich …«
»Nein, auf keinen Fall. Doch ohne die ›amtliche‹ Feststellung, dass du dich wirklich als Mädchen fühlst, ist der Weg bald zu Ende.«
Daran hatte Josie bisher nicht gedacht.
»Wenn das so ist«, erwiderte sie, »dann gehen wir hin. Aber ich kann …«
Das Mädchen stockte.
Die Mutter nahm die Hand der neben ihr auf der Liege sitzenden Tochter.
»Ich weiß. Du bist noch nicht bereit für die Welt da draußen. Musst du auch nicht. Nennen wir es Verkleidung, so wie es vorher eine Verkleidung gewesen wäre, sich als Mädchen anzuziehen.«
Josies dankender Blick erfüllte Barbara mit Wärme.
Sie senkte die Stimme zu einem vertraulichen Raunen und fragte sanft: »Josie, Schatz, möchtest du mir sagen, wo du dein Ziel siehst? Sieh mal, ich kenne dich, wie du warst. Ich seh dich vor mir, wie du bist. Aber ich tappe vollkommen im Dunkeln, wie du werden möchtest. Magst du darüber sprechen?«
Geborgenheit lag in ihrer Stimme, und soviel menschliche Wärme, dass sich Josie an sie schmiegte und mit verhaltener Stimme antwortete: »Ich möchte ein richtiges Mädchen sein.«
Mehr brauchte Barbara nicht zu wissen. In diesem einfachen Satz lag alles, was sie in den nächsten Jahren erwartete. Und diese wenigen Worte ließen keinen Spielraum für Zweideutigkeiten. Josie wollte ihren Weg bis zum Ende gehen. Auch wenn es ein langer, ein steiniger Weg sein würde.
Hendrik hatte die erste seiner Experimente-Vorlesungen hinter sich gebracht. Die Studenten waren begeistert. Die Demonstration, wie Informationsübertragung per Licht funktioniert, war schon recht effektvoll. Er hatte auf einer Seite des Hörsaals einen optischen Wandler an einen CD-Player angeschlossen. Auf der anderen Seite befand sich der Rückwandler und ein Verstärker. Hendrik startete die CD, und Musik erscholl aus den Lautsprechern. Um zu beweisen, das es kein verstecktes Kabel gab, nahm er etwas, das nach einem überdimensionalen Kamm aussah, und bewegte es im Strahlengang des Lichts. Jedesmal wenn die optische Verbindung unterbrochen wurde, verstummte die Musik. Er bewegte den Kamm schneller und ›zersägte‹ auf diese Weise das Lied.
Die Studenten hatten lautstark auf die Bänke geklopft und damit ihren Beifall bekundet.
Weitere, ähnlich verwunderliche Experimente folgten. So wollte Hendrik den Reiz dieser Wissenschaft in den Studenten entfachen. Und am Ende der Vorlesung konnte er stolz sagen: Er hatte Erfolg damit.
Jetzt saß er in der Mensa und aß sein Kartoffelpüree mit Frikadelle. Über den Tellerrand sah er plötzlich eine erhobene Hand, die in seine Richtung winkte. Sein Kollege Hans hatte ihn erspäht und kam mit seiner Portion an den Tisch.
»Na, wie war's?«, erkundigte er sich.
Hendrik winkte mit dem Messer in der Hand ab.
»Wenn die ganze Physik so einfach wäre, hätte ich ein schönes Leben.«
Hans konterte, da er seinen Freund kannte: »Erstens wächst der Mensch an seinen Aufgaben, und zweitens kann dir doch eh keiner mehr etwas vormachen. Du lehrst doch nicht Physik, du bist die verkörperte Physik.«
Das stimmte. Hendrik hatte schon manchmal im Vorbeigehen leise den Satz gehört: ›Da kommt Leonardo!‹ Eigentlich müsste er bei der Vorstellung, dass ihm seine Schüler mit dem Universalgelehrten Leonardo da Vinci verglichen, geschmeichelt sein.
Heute jedoch betrübte ihn irgendetwas. Hans, der zu Hendrik eine ähnliche Beziehung hatte, wie Veronika zu Barbara, suchte dessen Aufmerksamkeit.
»Ist was nicht in Ordnung?«
»Wieso? Warum fragst du?«
»Weil du dasitzt, als wäre dir die Petersilie verhagelt. Das sieht man dir von weitem an.«
Hendrik wunderte sich. Waren seine Gefühle so ein offenes Buch?
»Wir kennen uns doch schon ziemlich lange?«, stellte er rhetorisch in den Raum.
Hans musste nicht nachdenken.
»Seit unserem eigenen Studium. Also ungefähr …«
Hendrik unterbrach seine Überlegungen.
»Du kennst doch auch Barbara und die Kinder?«
»Natürlich. Und ich hoffe, eines der beiden eines Tages bei mir in der Vorlesung zu sehen.«
Hendrik überhörte diese Spitze.
»Sag mal, glaubst du, dass ich ein guter Vater bin? Ich meine, trotz des momentanen Zustandes unserer Beziehung.«
Hans stellte statt einer Antwort eine Gegenfrage.
»Zweifelst du etwa daran?«
»Nein. Nur … Barbara will mit mir sprechen – dringend. Und nach ihren Andeutungen scheint es um die Kinder zu gehen. Sie kommt heute Nachmittag. Wahrscheinlich will sie die beiden nicht dabei haben. Was sollte ich daraus schließen?«
Hans legte das Besteck beiseite.
»Gar nichts solltest du! Du willst dir wohl dein eigenes Grab schaufeln. Wer denkt, dass er verloren hat, hat wirklich schon begonnen zu verlieren. Hör dir erst einmal ohne Vorurteil die Argumente deiner Frau an! Außerdem hast du gerade gesagt, du nimmst an, es gehe um die Kinder. Also mach dich nicht unnötig verrückt!«
Hendrik atmete tief durch.
»Du hast recht. Angriff ist die beste Verteidigung. Obwohl mir dabei gar nicht so wohl wäre.«
Hans bremste ihn aus.
»Du sollst ja auch niemanden angreifen, schon gar nicht deine Barbara! Deine Kinder mögen dich, und Barbara tut es auch, wenn es gerade auch nicht so aussieht. Ein getrenntes Bett ist noch lange kein getrenntes Leben.«
Hendrik sah Hans unverständig an.
»Aber wir leben doch getrennt.«
»Nenn es, wie du willst! Ich sehe da noch eine Menge Gemeinsamkeiten, weitab von Scheidung und Auseinanderlaufen. Ich bin kein Psychologe, aber halt die Tür offen, solange sie noch nicht ins Schloss gefallen ist!«
Die beiden hielten heute einen Exkurs in Redewendungen und Metaphern. Und Hans, der Hendrik schon so manches Mal mit seinem Rat helfen konnte, gewann schließlich das Wortduell.
»Okay. Unvoreingenommen, kompromissbereit und reumütig. Danke für deine Hilfe, Hans.«
Hendrik stand auf und wandte sich zum Gehen.
»Das Letzte streichen wir«, rief ihm sein Freund nach.
In Josies Zimmer stand ein Karton. Ein großer Karton. Er war zur Hälfte mit Kleidung gefüllt, Daniels Kleidung. Josie hatte mit den Wintersachen begonnen. Bis dahin war es noch lang, und sie hoffte, sich in der Zeit neu eingekleidet zu haben.
Barbara trat hinzu.
»Vorläufige Ablage?«, konstatierte sie.
»Na ja, vielleicht ändert sich bei dem einen oder anderen Stück noch mal meine Meinung. Deshalb möchte ich das noch nicht endgültig weggeben.«
Barbara war dankbar.
»Das ist sehr vernünftig. Erst wenn du dir wirklich sicher bist, dann geben wir die ausgesuchten Sachen weg.«
Es war ein guter Zeitpunkt, Anka Richter ins Gespräch zu bringen.
»Weißt du, als ich gestern mit Anka gesprochen habe …«
»Anka?«
»Ja! Frau Richter hat mir angeboten, dass wir uns in Anbetracht längeren Kontaktes beim Vornamen nennen. Also, sie hat mir von einem Second-Hand-Kleidermarkt erzählt. Er ist in der Fischerstraße in der Stadt. Sie war wohl schon dort und sagte, es gäbe auch fast neuwertige Sachen. Rücksendungen und so. Wollen wir uns dort mal nach etwas Schönen für dich umsehen?«
Josie überlegte noch.
Ihre Mutter bettelte: »Bitte! Es wird sonst so teuer.«
Josie musste bei dem Anblick lächeln.
»Ist gut. Damit komm ich klar.«
Barbara war heute die Zweite in der Familie, die tief durchatmete.
In der Wohnung von Laras Eltern ging es jetzt bereits zu wie in einem Taubenschlag. Ständig kamen neue Geburtstagsgäste. Ilsa und Caro waren schon zwei Stunden hier. Da war der Trubel noch nicht abzusehen. Ilsa hatte Lara ein kleines, in buntes Geschenkpapier eingewickeltes Päckchen gegeben. Voll Spannung hatte das Mädchen das bunte Band abgezogen und ausgepackt. Es war ein Tagebuch.
Ilsa sagte verschwörerisch: »Da kannst du all deine Geheimnisse reinschreiben, und keiner außer dir darf das lesen.«
Das Tagebuch hatte an der Seite eine kleine Lasche mit Schloss.
»Aber verlier den Schlüssel nicht!«, lachte Ilsa.
»Oh danke, Ilsa. Das finde ich prima. – Mama!« Sie ging in die Küche, wo die Mutter gerade Gläser für die Getränke herausstellte. »Sieh mal! Ilsa hat mir ein Tagebuch geschenkt.«
Svenja schaute ihre Tochter, die beinahe schon so groß wie sie war, an.
»Das ist ein wirklich schönes und nützliches Geschenk.«
Sie zwinkerte Lara zu. Dann rief sie ins Wohnzimmer: »Danke, Ilsa!«
Jetzt, gegen zwölf, ging es auf Mittag zu, und die Kinder bekamen Hunger. Joschka hatte einfach für alle Pizza bestellt. Das machte bei der Menge den geringsten Aufwand, und die Kinder mochten so etwas.
Es klingelte. Svenja öffnete die Tür. Draußen stand der Bote, in seinen Händen einen Stapel Kartons.
»Sechs Pizzen für Sachanow«, fragte er.
»Ja, das ist richtig hier. Hören Sie die Raubtiere?«
Der Bote lachte, übergab den Stapel und nahm das Geld in Empfang. Dann stieg er, lustig pfeifend, die Treppe hinunter.
Der Dachboden des alten Hauses war stickig in der Mittagshitze des Sommers. Solche Gebäude hatten noch kein ausgebautes Dachgeschoss. Schwere, von den Jahren gezeichnete Balken lagen offen unter der Dachhaut.
Barbara suchte sich eine Ecke, in der sie den Karton abstellen konnte. Er war säuberlich mit Paketband verschlossen und mit der Aufschrift ›Alte Kleidung D.‹ versehen.
Endlich fand sich ein Platz, der geeignet erschien. Barbara rückte den Karton noch ein Stück unter die Schräge. Hier lag auch eine alte Decke. Sie nahm das zusammengelegte Teil, faltete sie zweimal auseinander und schüttelte sie kurz aus.
Puh, wie das staubte. Die Decke wurde auf dem Karton ausgebreitet, als Extra-Schutz vor ebendiesem Staub.
Da fiel ihr Blick auf einen anderen, kleinen Karton. Sie ahnte, was sich in ihm befand. Sacht setzte Barbara die Schachtel auf die Decke, öffnete das Klebeband. Das ging ganz leicht. In dem Karton befanden sich einige von Barbaras schönsten Erinnerungen. Liebesbriefe von Hendrik, von einer Schleife zusammengehalten, und da …
Sie hielt ein abgenutztes Buch in rotem Kunstledereinband in der Hand. Das war ihr Tagebuch! Ihre zu Papier gebrachte Teenagerzeit! Sanft strich Barbara über die alten Seiten, als sie es durchblätterte. Es gab einige, auf denen die Schrift verwischt war. – Tränen. Das wusste sie. Ein paar zeugten von glücklichen Momenten, andere von schmerzhaften.
Plötzlich überkam Barbara eine Idee. Sie verschloss den Karton wieder, nahm das Buch und ging nach unten.
»Josie, ich brauche einen PC!«
Das Mädchen schaute verwundert aus seinem Zimmer.
»Dann geh an meinen. Du weißt doch, dass ich kein Problem damit hab.«
Barbara korrigierte sich.
»Nein, ich meine, einen eigenen. Ein Notebook. Irgend was Mobiles.«
Josie bekam große Augen.
»Was hast du vor?«
»Ich schreibe ein Buch!«
Der Satz stand sekundenlang in der Luft.
Ungläubig fragte Josie nach: »Ein … Buch?«
Ihre Mutter starrte sie an.
»Ja! Buch! Viereckig, Papier mit Buchstaben drauf – du erinnerst dich?«
Der Unglaube verwandelte sich in maßloses Erstaunen.
»Wie das jetzt?«
Barbara schaltete einen Gang zurück.
»Ich will meine Erinnerungen aufschreiben. Was du hier siehst, mein Mädchen, ist mein Leben in den Neunzigern. Das was mich berührte, als ich so alt war wie du heute.«
»Und daraus möchtest du ein Buch machen?«
»Genau! Und weißt du, wer mich auf die Idee gebracht hat?«
Josie wusste es nicht, hatte aber eine ziemlich konkrete Vorstellung von der Antwort.
»Du, meine Große. Du hast mir vor Augen geführt, wie aufregend diese Zeit doch sein kann. Ich hatte manches schon vergessen – verdrängt von anderen Ereignissen. Aber dann fiel mir ein, dass ich das nicht darf. Später einmal will ich dieses Buch zur Hand nehmen und sagen: ›Wie schön war das damals.‹ Als du mir sagtest, du willst so eine Art ›Tagebuch‹ führen, da dachte ich bei mir: ›Es ist gut, dass meine Tochter diese große Zeit festhalten will.‹ Denn diese Erlebnisse werden dich prägen, für dein ganzes Leben. Und was heute schwer sein wird, liest sich später leicht. Verstehst du das?«
Josie hatte wirklich aufmerksam zugehört.
»Ja – ich glaube, ich kann's verstehen. Mama, darf ich's auch mal lesen?«
»Du bist so was von neugierig – wie deine Schwester. Okay, du darfst lesen, was ich auf dem Computer schreibe. Ich muss erst mal schauen, ob ich das«, sie zeigte das rote Büchlein, »auch alles verwenden kann.«
»Dann schreib's so, dass du es verwenden kannst! Du hast gerade so schön von den Erinnerungen gesprochen. Da kannst du doch keine Lücken drin lassen.«
Barbara gab sich geschlagen.
»Du hast ja recht, du … Neunmalkluge!«
Es war zwei Uhr. Barbaras Zug würde in zwei Stunden fahren. Sie jedoch dachte im Augenblick an etwas anderes. Sie war plötzlich so voll Elan, voll Energie, dass die Mühsal der letzten Tage wie ein dunkler Trauermantel von ihr abfiel. Nicht, dass sie Josie die Schuld daran gab. Aber es war so furchtbar anstrengend. Und diese Idee mit dem Schreiben hatte etwas Erfrischendes. Spannend würde es sein, aus den alten Aufzeichnungen eine Geschichte zu weben. Wenn die Erinnerungen erst einmal wieder flossen, dann sollten ihr schon die passenden Worte einfallen. Es war eine Aufgabe, jedoch auf einem ganz anderen Niveau als die Unterstützung für ihre Tochter. Hier tat sie etwas für sich, ganz allein für sich. Und – warum nicht – vielleicht trat sie mit Josie in einen Schreibwettstreit.
Nein, sie war so voll Freude auf das Kommende, dass sie ihre Freundin Veronika anrufen musste. Sie griff zu ihrem Mobiltelefon und suchte Veronikas abgespeicherte Nummer.
»Babs, schön dass du anrufst«, tönte es aus dem Lautsprecher.
»Vroni, hast du ein paar Minuten Zeit?«
»Ja. Bei uns ist gerade nicht viel los. Was gibt es?«
Barbara platzte bald vor Aufregung.
»Du, ich habe eine großartige Idee. Ich werde beginnen zu schreiben. Was … nein, nicht so. Ein richtiges Buch möchte ich schreiben.«
Sie hörte ihre Freundin am Telefon schnaufen.
»Babs, hast du getrunken?«
Die Frage war mit Absicht gestellt. Barbara hörte sich wirklich wie in einem Rausch an.
»Keinen Schluck, ich schwör's dir! Aber mir ist gerade mein altes Tagebuch in die Hände gefallen. Und auf einmal kamen so viele Erinnerungen hoch. Die möchte ich jetzt aufarbeiten und niederschreiben. Für mich – für später.«
Veronikas Lachen klang herzlich.
»Oh, wenn man dich hört, könnte man glauben, du erlebst diese Zeit gerade jetzt. Nein, das ist wirklich gut. Und es wird dir gut tun, als Ausgleich zu deinen anderen Aufgaben.«
»Vroni, sag mal: So ein Notebook ist doch sicher ziemlich teuer?«
»Na ja, wenn du's neu kaufst, schon. Entweder, du versuchst, ein Auslaufmodell zu bekommen – die sind oft günstig – oder …«
Es war eine Zeitlang still im Lautsprecher.
»Vroni?«
»Ja, ich bin noch dran. Mir ist nur gerade auch etwas eingefallen.«
Jetzt war Barbara die Neugierige.
»Und was?«
»Weißt du, ich habe schon eine Weile mit dem Gedanken gespielt, mir ein neues Notebook zu kaufen. Ich streame ja häufig Filme im Internet, und da wird meines langsam etwas lahm. Also – wenn du kein Super-Gerät brauchst, dann kannst du meines bekommen. Da hätte ich gleich einen triftigen Grund für den Neuerwerb.«
»Ach wo. Ich brauch's wohl nur zum Schreiben, vielleicht noch für ein paar Bilder. Josie hat doch einen guten Rechner. Okay, wenn du das Notebook wirklich nicht mehr brauchst – was willst du dafür haben?«
Veronikas Stimme wurde streng.
»He Babs, willst du mich beleidigen? Nimm das Teil und werde glücklich! Sagen wir, morgen Nachmittag?«
»Eher gegen Abend. Vorher muss ich noch mal weg.«
»Na dann: Bis morgen.«
Barbara hätte die Welt umarmen können, so froh war sie.
9

Barbara hatte die Bahn genommen und stand nun vor dem Haus, in dem sich Hendriks Wohnung befand. Sein Wagen parkte am Straßenrand, eine schon in die Jahre gekommene weiße Limousine mit Rallyestreifen an den Seiten. ›Hendriks Hobby‹, dachte sie, ›ein verhinderter Westentaschen-Schumacher.‹ Sie tadelte ihn nicht dafür, dazu war sie viel zu tolerant. Nur hatte sie immer häufiger mit Wehmut festgestellt, dass seine Prioritäten sich zu Ungunsten der Familie veränderten.
Sie öffnete die Haustür. Dritte Etage, kein Fahrstuhl. Ihr machte das nichts aus. Die Last, die sie heute trug, war immaterieller Natur.
Barbara klingelte. Ding-dong! Es fühlte sich seltsam an, vor der Tür des eigenen Ehemanns zu stehen und zu klingeln. So, als ob da schon eine Barriere wäre, die dem Glück im Wege stand. Wenn er nicht wollte, brauchte er nicht zu öffnen.
Sie gab sich einen Ruck. Immer wieder diese Gedanken. Sie tauchten in letzter Zeit gehäuft auf. Hatte sie vielleicht doch damals zu heftig reagiert? – Nein, wenn sie nachgegeben hätte, wäre das wohl das Aus ihrer Ehe gewesen. So konnten sie sich neu finden. Doch nun war da die Sache mit Josie …
Die Tür öffnete sich. Hendrik schien gut gelaunt.
»Hallo, mein Liebling! Schön, dich zu sehen.«
Barbara ging auf seinen schmeichelnden Tonfall nicht ein.
»Hallo Hendrik!«
Das kam etwas spröde herüber. Hendrik hakte nach.
»Warum so frostig? Hab ich dir etwas getan?«
»Jetzt nicht, aber denk mal an früher!«
Hendrik führte sie ins Wohnzimmer. Er bot ihr auch hier den Platz auf der Couch an. Barbara setzte sich.
»Hendrik, ich will gleich zur Sache kommen. Ich habe nicht viel Zeit, weil ich mich um vieles kümmern muss.«
»Gut. Wo drückt der Schuh? Deinen Andeutungen nach bei den Kindern. Liege ich richtig?«
Seine Frau musste kurz lächeln. Hendriks Scharfsinn hatte ihr schon immer imponiert.
»Ja, du liegst richtig. Es geht um Daniel.«
»Was ist mit ihm? Hat er in der Schule nachgelassen? Zeugnis verhauen? Oder anderweitig Mist gebaut? Doch nicht etwa …«
Er sprach nicht aus, was ihm in diesen Moment eiskalt den Rücken herunterlief. Eine seiner schlimmsten Befürchtungen war, dass eines seiner Kinder einmal Drogen nehmen würde.
Barbara kannte diese Angst.
»Nein. Keine Drogen, falls du das meinst.«
Hendriks angespannte Haltung lockerte sich wieder.
»Dann kann es doch nicht so schlimm sein«, sagte er.
Barbara nickte mit dem Kopf: »Doch. Schlimmer.«
Jetzt wurde ihr Mann doch unruhig. Er stand von seinem Platz auf und begann, im Zimmer auf und ab zu gehen.
»Was soll noch schlimmer sein? Hat er geklaut? Oder ist er radikal geworden?«
Hendrik suchte alle möglichen Verfehlungen zusammen.
Barbara stoppte ihn.
»Hör auf zu raten! Es hat keinen Zweck. Setz dich lieber wieder hin! Glaub mir, es ist besser so.«
Er folgte widerwillig ihrem Vorschlag. Wenn er erregt war, brauchte er Bewegung.
»Also?«
Er blickte sie auffordernd an.
»Daniel ist Transgender.«
Hendrik erstarrte. Diese Reaktion war vorauszusehen. Barbara hatte sie vor wenigen Tagen erst selbst erlebt.
»Transgender? Wie … Was … Wie kommt er dazu?«
»Wie er dazu gekommen ist – da bin ich selbst noch am Suchen. Jedenfalls stand er am Freitag, als ich von der Arbeit kam, in einem meiner Kleider in der Wohnung.«
Ihr Mann fühlte den Boden unter seinen Füßen schwanken. Es war gut, sich zu setzen.
»Er denkt also, er wäre … ein … Mädchen?«
Beim letzten Wort schnellte seine Stimme nach oben.
»Hendrik, er denkt nicht, er fühlt sich als Mädchen, welches in einem falschen Körper steckt. Und das hat ihn schon jahrelang gequält.«
Jetzt wurde er hellhörig.
»Wieso jahrelang?«
»Ich habe es geahnt. Und nun meine Bestätigung erhalten. Ich kann dir versichern, es hat auch mich getroffen.«
»Du … hast es gewusst?!«
Barbara schüttelte den Kopf.
»Nicht gewusst, geahnt.«
Hendrik knurrte: »Wo ist da der Unterschied?«
»Wissen ist hundertprozentiges Ahnen.«
Trotzig entgegnet er: »Ich habe jedenfalls nichts Auffälliges bemerkt.«
»Weißt du, Hendrik, für manche Sachen haben Mütter eben eine Antenne.«
»Ach, und die haben wir Väter also nicht?«
»Doch, aber eure Antenne arbeitet manchmal auf Langwelle.«
Barbara lachte.
Hendrik fand das gar nicht komisch. Er wollte gerade etwas erwidern, da nahm ihm Barbara das Wort.
»Das ist doch nicht weiter tragisch. Dafür seid ihr Männer in anderen Bereichen blitzgescheit.«
Hendrik musste lächeln. Da hatte seine Frau wieder elegant die Kurve gekriegt.
»Aber, seit wann …?«, fragte er.
Barbara blickte an Hendrik vorbei, so, als ob sie sich die Vergangenheit vor Augen führte. Dann, nur zwei Sekunden später, sah sie ihn wieder an.
»Wohl schon die letzten vier, fünf Jahre.«
Auf Hendriks Gesicht malte sich Verblüffung.
»Aber wie …?«
Barbara nahm seine Hand in ihre, streichelte darüber und erwiderte mit warmer Stimme: »Auch Kinder haben ein Gefühl für sich und ihre Umwelt. Hast du nie beobachtet, wie er mit Charlie spielte, wenn sie bei uns war. Sie waren wie zwei Freundinnen. Richtige Jungs verhalten sich anders.«
Bei diesen Worten musste Hendrik unwillkürlich an seine Kindheit denken. Sicher, sie hatten sich damals kaum mit Mädchen abgegeben. Bevor Jungen in die Pubertät kommen, leben Mädchen in einer anderen Welt – manchmal auch später noch.
Barbara bemerkte die Abwesenheit ihres Mannes. Dieser träumerische Blick war es, der sie schon immer an ihm fasziniert hatte. Und in solchen Momenten stellte sie sich oft die Frage, warum sich beide getrennt hatten.
»Oder überleg mal, wie er sich für meine Arbeit interessiert hat, als er Sandy mitbrachte«, holte sie ihn aus seinen Gedanken zurück. »Mehr als dir lieb war. Denn für deine Automodelle hatte er gar nichts übrig.«
Wieder lachte sie.
»Erinnerst du dich, wie er einmal sagte: ›Wenn ich groß bin, dann kauf ich mir ein Auto. Bauen ist öde!‹ – Du warst danach ziemlich vergnatzt.«
Barbara stockte. Der Satz schien Hendrik auch jetzt noch weh zu tun. Das ging gegen sein Hobby, seine Leidenschaft.
Sie nahm seine Hand, die sie immer noch hielt, und drückte sie an ihre Wange.
»He, lass dich nicht so runterziehen! Kinder sagen nun mal, was sie denken. Ihre Welt ist viel ehrlicher als unsere.«
Hendrik genoss den Augenblick. Es war lange her, dass sich beide so verbunden gefühlt hatten. Und dieses Gefühl heilte seinen gekränkten Stolz.
»Ja, ist klar … Es war nur so eine Anwandlung.«
Er streichelte mit dem Handrücken über ihre Wange. Wenn er an die Jahre mit seiner Frau dachte, fühlte er sich wohl.
»Hendrik!«
Barbara holte ihn in die Realität zurück.
»Du solltest seine Entscheidung akzeptieren, so wie ich sie akzeptiert habe.«
Langsam erkannte er die Tragweite des Ganzen. Er zog seine Hand weg, sein Blick wurde wieder abwehrend. Hendrik vergewisserte sich.
»Also du kommst damit klar?«
Barbara behielt ihren ruhigen Tonfall.
»Nicht von Anfang an. Aber ich habe das wohl einzig Richtige in dieser Situation getan.«
Er warf ein: »Und das wäre?«
»Ich habe mich hingesetzt und zugehört. Hendrik, ein Kind von fünfzehn Jahren weiß auch nicht sofort, wie es mit der Tatsache umgehen soll, nicht wie andere Jungen zu sein. Er wusste immer nur, dass er es war.«
»Dann soll er rausgehen und es von den anderen lernen«, reagierte ihr Mann harsch.
Barbara warf ihm einen ernsten Blick zu.
»Jetzt wirst du unsachlich – und das weißt du. Ich habe das ganze Wochenende versucht, in seine Seele reinzukommen und die Ursachen zu erforschen. Wenn du ihn gesehen hättest, würdest du nicht so reden.«
»Sondern?«, reagierte er patzig.
»Hendrik, er sitzt zu Hause und geht nicht mehr raus. Er versucht, seine Gefühle zu ordnen, und er ist zu einer Entscheidung gekommen.«
»Und die lautet wie?«, knurrte Hendrik kurz angebunden.
»Er möchte als Mädchen leben – für immer. Mehr noch, er möchte ein Mädchen sein, wie die anderen. Ich habe es von ihm gehört. Du wirst dich dran gewöhnen müssen.«
Hendrik verteidigte seine Position.
»Und wenn ich das nicht will?«
»Dann hast du ein Problem, denn das spielt nun keine Rolle mehr.«
»Wie meinst du das?«
Barbara wusste, dass nun der schwierigere Teil kommen würde. Hendrik die unangenehme Nachricht zu bringen, war das Eine. Jetzt musste sie ihm zur Kooperation bewegen, denn seine Person war bei künftigen Entscheidungen auch gefragt.
»Hendrik. Du kannst an der Tatsache nichts mehr ändern. Hilf ihm jetzt, diesen Weg zu gehen. Wir brauchen dich dazu. Wenn du das nicht für ihn tust, wird er dich für immer hassen.«
Er fühlte, dass seine Position unhaltbar war. Seine ›Angriffsstrategie‹ ging nicht auf. Er musste von seinem Feldherrenhügel heruntersteigen. Denn die Liebe seines Kindes verlieren, das brachte er nicht fertig.
»Gut. Wenn es darum geht, dann werde ich das Notwendige tun. Aber unter schweren Bedenken …« Hendrik schluckte. »Unter sehr schweren Bedenken.«
Barbara wollte ihren Mann für diese Zustimmung etwas Gutes tun.
»Weißt du, wie dein Kind heißen möchte?«
Hendrik gab sich uninteressiert, obwohl das ganz und gar nicht so war.
»Du hast jetzt eine Tochter namens Josie.«
Er zuckte zusammen.
»Josie? – Du meinst, wie die … Josie?«
Plötzlich wich die Härte aus Hendriks Gesicht.
»Ja. Er hat mir das Lied vorgespielt, und mich an einen der schönsten Augenblicke meines Lebens erinnert. Hendrik, er hat es auch für uns getan. Ist dir das deine Liebe zu ihm – zu ihr nicht wert? Sollte dieser schöne Augenblick nicht in unserer Erinnerung dazukommen?«
Barbara brauchte ein Taschentuch. Auch Hendriks Augen – die eines gestandenen Mannes – waren glasig geworden. Vor allem, weil er sich mit aller Schmerzhaftigkeit daran erinnerte, wie unnötig die Trennung letztes Jahr eigentlich war. Wäre er etwas mehr für seine Frau dagewesen, hätte ihre durchaus berechtigten Argumente ernster genommen, wie schön könnte ihr Leben weitergegangen sein. Er hatte – wie heute – seine Position behauptet und war gescheitert. Und fast wäre ihm das gerade wieder passiert.
»Barbara … Liebling … Mir ist klargeworden, dass ich ein großer Dummkopf gewesen bin. Nicht nur heute, sondern auch die letzten Jahre. Du hast recht. Wenn wir Daniel …« Seine Frau blickte ihn leicht tadelnd an. »Wenn wir … Josie helfen wollen, müssen wir zusammenhalten. Ich muss erst mit der neuen Situation fertigwerden. Du siehst, ich bin vollkommen geplättet. Aber, bitte, überleg dir das mit unserem ›Ehe-Urlaub‹. Ich habe eben gefühlt, wieviel ich verpasse, wenn ich nicht bei euch bin. Schöne und … aufregende Momente mit dir und mit den Kindern. Wir lieben uns doch noch. Ich hab's kapiert, ich war ein selbstsüchtiger Trottel und habe die Welt um mich herum nur so gesehen, wie sie in mein Schema passte. Aber Barbara – um unserer aller Liebe willen – ich werf dieses Schema über Bord. Ihr fehlt mir so. Du fehlst mir so.«
Es war fast ein zweiter Heiratsantrag, den Hendrik Barbara machte. Und Barbara hatte ihm eigentlich schon vor diesem Tag verziehen – wenn er sich ändern würde. Das Paradoxe an der Sache war nun ausgerechnet Josie. Ihr Auftauchen in der Familie hatte beiden unabhängig voneinander die Augen geöffnet. Aber gleichzeitig mussten sie feststellen, dass ihre Einstellung der neuen Situation gegenüber noch weit voneinander abwich. Hendrik hatte heute gezeigt, dass er die Sache nicht richtig ernst nahm und demzufolge zu Hause viel kaputtmachen konnte. Das konnte Barbara jedoch nicht zulassen. Für sie verschmolzen Daniel und Josie zu einer Person – zu ihrem Kind. Sie sah nicht die Äußerlichkeiten, sie sah nur das Wohl ihres Kindes. Und das musste ihr Mann anscheinend noch lernen.
»Hendrik, ich kann das verstehen. Aber hast du gerade nicht vielleicht mehr mich als Josie im Sinn? Wenn du zurückkehren möchtest, dann kehrst du zu uns allen zurück: zu mir, zu Ilsa und … zu Josie. Begreife das, zu Josie. Wenn du unsere Wohnung betrittst, wird es dort keinen Daniel mehr geben. Du musst loslassen! Wenn du soweit bist, dann bekommst du deine Chance.«
Hendrik seufzte. Es war eine Art Ultimatum, ein Erbe mit Klausel. Für Daniel würde sie ihm die Tür nicht öffnen. Die Spielregeln hatten sich geändert.
Ein mühevoller Tag ging zu Ende. Als Barbara nach Hause kam, war Ilsa von der Geburtstagsparty zurück.
»Mama, du siehst müde aus.«
»Ja. Ich habe mit Papa über Josie geredet, und es war sehr anstrengend.«
Ilsa runzelte die Stirn.
»Ist er nicht damit einverstanden?«
Barbara legte ihren Arm um Ilsa Schulter.
»Einverstanden … Darum geht es hier nicht, mein Schatz. Wir können uns die Welt, in der wir leben, nicht aussuchen. Es gibt einige unumstößliche Tatsachen. Josie gehört jetzt dazu. Aber Papa kann das noch nicht akzeptieren. Er hängt an Daniel. Und dass Daniel nicht mehr da ist, das tut ihm irgendwie weh.«
Ilsa warf ein: »Aber Daniel ist doch da! Nur, dass er jetzt eben Josie ist. Josie ist doch der gleiche Mensch, nur dass sie etwas anders aussieht als früher.«
Barbara zog Ilsa an sich. Was ihre Tochter da gesagt hatte, klang sehr erwachsen. In dieser Beziehung war sie viel weiter als Hendrik.
»Das hast du gut beobachtet. Ob Josie oder Daniel, ihr werdet euch genauso lieb haben. Aber für Papa ist das ein Unterschied. Er hat sich so an seinen Sohn gewöhnt. Und plötzlich, als Josie, ist ihm sein Kind fremd geworden. Dass Papa nicht hier ist, macht die Sache auch nicht einfacher, denn dann könnte er Josie näher kennenlernen. Sieh mal, wie wir uns schon an unsere Große gewöhnt haben. Wir sehen sie jeden Tag. Daniel hat sich so verändert, wie sich ein Junge in einen Mann, ein Mädchen in eine Frau verändert. Alles auf der Welt verändert sich. Das übersehen wir oft. Nur, wenn es von der allgemeinen Regel abweicht bemerken wir es. Und für Papa scheint das besonders hart zu sein.«
Ilsa legte ihre Hand auf die ihrer Mutter, die immer noch auf der Schulter ruhte.
»Kommt Papa wieder zu uns?«, fragte sie, etwas traurig.
»Ich denke, schon. Doch vorher muss er mit Josie ins Reine kommen. Ich möchte keinen Streit im Haus. Ich habe ihm gesagt, dass er hier gebraucht wird. Aber dazu muss er seine Einstellung ändern. Ich hoffe, er tut es bald.«
»Ja. Ich vermisse ihn sehr.«
Barbara pflichtete ihr bei.
»Glaub mir, ich auch.«
Trotz ihrer Müdigkeit hatte sich Barbara noch einmal Josies Einkaufszettel vorgenommen. Wenn sie die Artikel wegrechnete, die sie wahrscheinlich im Second-Hand-Shop kaufen konnte, fiel der Rest der notwendigen Kleidungsstücke ganz erschwinglich aus. Leibwäsche, Strumpfhosen, Schuhe. Sie legte die Sachen in den Einkaufswagen, und dann – in einem Anflug von Freude über das geschenkte Notebook – packte sie noch ein hübschen knielangen Rock dazu, der auf Josies Liste ganz weit oben stand.
Das musste reichen. In Anbetracht der Ereignisse orderte sie das Ganze mit 24-Stunden-Lieferung. So konnten die Sachen am Donnerstag da sein. Für morgen hatte sie geplant, dem Laden in der Fischerstraße einmal einen Besuch abzustatten.
Barbara war gerade fertig und hatte die Shop-Seite geschlossen, als Josie ins Zimmer kam. Sie war drüben bei ihrer Schwester gewesen und hatte mit ihr geplaudert. Ilsa war wirklich prima. Ihr war es anscheinend völlig gleichgültig, ob Josie als Junge oder Mädchen herumlief. Sie hatte in der Familie die geringsten Umstellungsprobleme, und es war fast anzunehmen, dass sie sich über diese Veränderung freute. Eine Schwester zu haben, schien ein geheimer Wunsch von ihr zu sein. Und Josie, begierig, all das zu lernen, was Mädchen so ausmachte, kam ihr da entgegen. Auch Barbara hatte schon bemerkt, dass sich eine neue Art Geschwisterbeziehung zwischen beiden aufbaute.
»Wie war's bei Papa?«, erkundigte sich Josie.
»Schwierig.« Dieses Wort sagte alles.
Barbara sah das sorgenvolle Gesicht der Tochter.
»Aber er hat mir zugesagt, dass er uns hilft, wenn seine Zustimmung gebraucht wird. Sein Verhältnis zu dir … Er wird noch etwas brauchen. Ich habe ihm gesagt, dass du es ernst meinst und er nicht mit einer Rückkehr Daniels rechnen darf.«
Josie nickte. Ein Anfang war gemacht. Ihr Vater würde ihr keine Steine in den Weg legen, wenn auch ihr Verhältnis vorerst nicht so sein würde wie früher.
Über Hendriks Wunsch, zu ihnen zurückzukehren, schwieg Barbara. Sie hielt es für voreilig, in den Kindern Erwartungen zu wecken, die noch ein Stück in der Ferne lagen.
»Ich möchte noch über etwas anderes mit dir sprechen«, nahm sie die Unterhaltung neu auf. »Hast du morgen Vormittag Lust, mit mir in den Kleiderladen zu gehen, den uns deine Lehrerin empfohlen hat?«
Josie zog ein schmerzliches Gesicht.
»Ich weiß nicht …«
»Komm, Josie. Ich hab dir schon gesagt, dass du nicht deinen Alltagstest jetzt schon starten musst. Aber du möchtest es doch auch. Du brauchst doch Kleidung, es ist für dich – damit du dich als Josie wohlfühlst. Was überlegst du da noch?«
Ihre Mutter hatte recht. Wie von Zauberhand passierte hier gar nichts. Sie musste sich ihr Leben als Josie hart erarbeiten. Das war der Deal bei der ganzen Sache. Geschenkt bekam sie ihr neues ›Ich‹ nicht.
»Gut. Jeans und T-Shirt. Tragen auch Mädchen.«
»Und die Haare offen?«
Barbara wollte ihre Tochter aus der Reserve locken.
Josie lächelte: »Wenn du es möchtest – Haare offen.«
Hendrik war nach dem Besuch seiner Frau in seine Stammkneipe gegangen. Er musste raus aus der Wohnung. Die Wände schienen ihn zu erdrücken.
So gravierend hatte er sich die Probleme am Mittagstisch, als er mit Hans darüber geredet hatte, nicht vorgestellt. Und nicht im Traum kam diese oder eine ähnlich gelagerte Variante in seinen Betrachtungen vor. Jede andere Nachricht hätte er erwartet – aber nicht, dass Daniel nicht mehr Daniel sein wollte.
Wie kam der Junge eigentlich auf so etwas? Barbara hatte ihm zu erklären versucht, dass es Signale gegeben habe, Signale, die eine Mutter wohl wahrnehmen und unter Umständen auch richtig deuten könne. Doch, warum um alles in der Welt, hat sie dann nicht mit ihm darüber gesprochen? Er wäre auf diese Art wenigstens darauf vorbereitet gewesen und nicht, wie eben, vom Blitz getroffen worden.
Er konnte sich nur vorstellen, dass es nicht eindeutig genug war.
Vor Verlassen des Hauses hatte Hendrik Hans angerufen. Als Barbara davon sprach, dass sie Veronika einbezogen habe, weil sie allein nicht mehr weiter wusste, stand fest, dass Hans den gleichen Status für ihn genoss. Ihre lange Freundschaft ließ keinen Raum für Vertrauensbruch, deshalb hatte er beschlossen, die Debatte vom Mittag fortzusetzen. Sie hatten sich für sieben Uhr in der ›Grauen Eule‹ verabredet.
Hendrik betrat die kleine Eckkneipe in der Altstadt. Solche Lokalitäten hatten noch Flair. Doch es wurden immer weniger. Der Tresen an der Längsseite, ein halbes Dutzend Tische mit karierten Decken drauf. Hier trafen sich Leute, um ihre Sorgen herunterzuspülen, mit Kumpels über Freude und Leid zu sprechen.
Hans saß schon an einem der hinteren Tische. Er winkte Hendrik zu und machte dem Wirt ein Zeichen, noch zwei Pils zu bringen. Hendrik setzte sich zu ihm.
»Guten Abend, du leidvolles Wesen«, begrüßte ihn sein Freund. »Du siehst ja noch zerknirschter aus als heute Mittag.«
»Da wusste ich auch noch nicht, dass mich eine Dampfwalze überrollen würde.«
Hendriks Humor klang verdammt nach Sarkasmus.
Der Wirt stellte die Gläser auf den Tisch. Hendrik nickte ihm zu: »Zwei Doppelkorn.«
Hans sah ihn an.
»Drückt der Schuh so stark? Na los, du hast mich doch hierher zitiert, um was loszuwerden!«
Beide nahmen einen großen Zug aus dem Glas.
»Hans, sag mir's! Liebst du deine Kinder?«
Hans hatte zwei Jungs. Der Große war etwa in Daniels Alter, der Kleine erst neun.
»Natürlich liebe ich sie. Sind doch beides Prachtkerle.«
Er hatte Hendrik ein Stichwort gegeben.
»Siehst du, das dachte ich von meinem Großen auch. Ein Prachtkerl. Und weißt du, was dieser Prachtkerl tut?«
Die Doppelkörner kamen. Hendrik prostete Hans zu, dann schüttete er sich den Schnaps in die Kehle.
»Gleich nochmal!«, bestellte er beim Wirt, der noch beim Anschreiben war.
»Langsam, mein Freund. Also was tut er, dein Prachtkerl?«
Hendrik schaute sich um, dann winkte er Hans zu, seinen Kopf zu ihm zu senken. Leise sagte er: »Glaub es oder glaub es nicht! Er will ein Mädchen werden.«
Hans' Verblüffung war echt.
»Ach nee! Wirklich?« Mehr fiel ihm im Moment nicht ein. Er leerte sein Bierglas in einem Zug.
Sein Freund ergriff wieder das Wort.
»Genauso ging es mir, als ich es von Barbara erfahren habe. Du stehst da und verstehst die Welt nicht mehr.«
Hans versuchte, einen kühlen Kopf zu bewahren.
»Komm! Das hier ist nicht der richtige Ort für so ein Thema.«
Er stand auf und zahlte an der Theke. Dann machte er eine Kopfbewegung zu Hendrik hin.
»Na los! Wir gehen zu dir.«
Hendrik war in diesem Augenblick froh, dass er noch eine Flasche Wodka zu Hause hatte.
Barbara war todmüde, als sie ins Bett fiel. So einen vollen Terminkalender hatte sie lange nicht. Veronikas Anmahnung, sich auch etwas Zeit für sich selbst zu nehmen, hatte bisher noch keinen Platz in diesem Kalender gefunden.
»Veronika – wenn du wüsstest! Josie ist zwar fünfzehn, aber die Arbeit ist die gleiche, als ob ich sie eben erst bekommen hätte.«
Das sagte sie halblaut vor sich hin.
Kaum hatte sie den Satz vollendet, überzog ein leichtes Lächeln ihr Gesicht.
»Ich hab sie ja auch gerade bekommen.«
Dann schlief sie ein.
Бесплатный фрагмент закончился.
