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Rhenna Morgan

NOLA Knights: His to defend

Aus dem Amerikanischen ins Deutsche übertragen von Jazz Winter

© 2019 by Rhenna Morgan unter dem Originaltitel „His to Defend (NOLA Knights #1)“

© 2020 der deutschsprachigen Ausgabe und Übersetzung by Plaisir d’Amour Verlag, D-64678 Lindenfels

www.plaisirdamour.de

info@plaisirdamourbooks.com

© Covergestaltung: Sabrina Dahlenburg (www.art-for-your-book.de)

© Coverfoto: Shutterstock.com

ISBN Print: 978-3-86495-485-6

ISBN eBook: 978-3-86495-486-3

Dieses Werk wurde im Auftrag von Harlequin Books S.A. vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Die Personen und die Handlung des Romans sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Dieser Roman darf weder auszugsweise noch vollständig per E-Mail, Fotokopie, Fax oder jegliches andere Kommunikationsmittel ohne die ausdrückliche Genehmigung des Verlages oder der Autorin weitergegeben werden.

Inhalt

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Epilog

Danksagung

Autorin

Widmung

Für diejenigen von euch, die im Moment durch harte Zeiten gehen müssen. Vergesst nicht, dass die dunklen Wolken vorbeiziehen, die Schmerzen letztendlich nachlassen werden und das Licht von Glück irgendwann wieder auf euch niederscheinen wird. Bis dahin, setzt einen Fuß vor den anderen und glaubt an die märchenhaften Enden: „… und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende“. Es gibt sie wirklich.

Kapitel 1

$480.

Evette packte den Scheck ihres ehemaligen Arbeitgebers fester zwischen ihren Fingern und starrte auf das Logo der Reinigungsfirma in der oberen Ecke. An jedem anderen Freitag hätte das Geld so etwas wie eine gewisse Sicherheit für sie und ihren Sohn Emerson bedeutet. Einen Schritt mehr aus dem Chaos, das sie in ihrem Leben verursacht hatte. Die unerwartete Entlassung heute, die mit ihrer wöchentlichen Bezahlung gekommen war, fühlte sich wie ein Schlag in den Magen an. Schon wieder eine Hürde, die es zu überwinden galt. Seit Jahren war es so, als würde sie einen Spießroutenlauf absolvieren, ohne die Ziellinie überhaupt sehen zu können.

Vielleicht sollte sie sich einen Reinigungsjob in einem der Hotels ergattern. Im French Quarter gab es bei Gott jede Menge davon, und sie könnte sichergehen, dass sie dort regelmäßige Schichten arbeiten könnte. Sie hatte allerdings keine Ahnung, wie sie das vor Montag schaffen sollte, denn es war bereits sechzehn Uhr dreißig am Freitagnachmittag. Schnell etwas zu finden, war die einzige Möglichkeit, diesen Rückschlag wieder auszugleichen, sonst wäre sie gezwungen, an die Ersparnisse für Emersons Schulbildung zu gehen. Ebenso gab es da noch eine weitere Hürde: Wenn der neue Arbeitgeber bei ihrem ehemaligen anrufen würde, käme heraus, dass sie wegen eines Sicherheitsproblems gefeuert worden war.

Nicht. Gut.

Der Ziehharmonikabus schwang auf die Tulane Avenue und fuhr Richtung Stadtmitte. Evies Laune sank noch ein wenig mehr. Hätte ihr in jungen Jahren jemand erzählt, dass sie im Alter von achtundzwanzig als Alleinerziehende in einer der schlimmeren Gegenden von New Orleans leben würde, hätte sie demjenigen ins Gesicht gelacht. Sie würde als Mode-Einzelhändlerin arbeiten – oder wenigstens irgendeine Karriere in der Modebranche haben. Sie würde die Welt bereisen. Dinge sehen. Menschen kennenlernen. Als Abenteurerin durch ihr Leben gehen und alles in sich aufsaugen.

Doch dann war ihre Mutter gestorben und sie geriet auf die schiefe Bahn.

Evie seufzte und rutschte auf der harten Plastikbank etwas tiefer, während die heruntergekommenen Geschäfte, Bars und Restaurants wie verschwommen an ihr vorbeizogen und die Vibrationen des Busmotors sie bis ins Mark erschütterten.

Sieben Mal niedergeschlagen und acht Mal wieder aufgestanden.

Hätte sie jedes Mal einen Dollar dafür bekommen, wenn ihre Momma das gesagt und Evie selbst es in den letzten acht Jahren wiederholt hatte, würde sie jetzt in einem Porsche in den Garden District fahren statt mit dem öffentlichen Bus zu einem kaum bewohnbaren Apartment.

Aber ihre Momma hatte es immer irgendwie geschafft.

Meistens.

Sie hatte Evie, trotz ihrer turbulenten vorpubertären Teenagerzeit und Daddys Tod, allein großgezogen und hatte es so leicht aussehen lassen. Erst nachdem Emerson ein Jahr alt geworden war, hatte Evie den Mut aufgebracht, einige der Tagebücher ihrer Mutter zu lesen, und hatte festgestellt, wie groß die Herausforderung tatsächlich für sie gewesen sein musste. Wie viel sie aufgegeben hatte und wie allein sie sich in jeder Sekunde gefühlt hatte.

Jetzt verstand Evie es. Sie erlebte selbst, welche Opfer ihre Mutter für sie hatte bringen müssen.

Und sie hatte alles weggeworfen, während sie sich in ihrer Trauer verkrochen hatte.

Entschlossenheit und eine Menge Sturheit gaben ihr einen neuen Energiekick und brachten sie dazu, sich in ihrem Sitz aufzurichten. Selbstmitleid war genau das, was sie erst in diese Situation gebracht hatte. Sie würde den Teufel tun, ehe sie wieder dort hineingeraten würde. Frauen der Labadie-Familie warfen niemals alles hin. Gaben nie auf. Sie stellten sich den Dingen, denen sie sich zu stellen hatten, und sie taten es mit einem Lächeln im Gesicht. Vielleicht würde sie einen Weg finden, Emerson und ihr selbst die Welt zu Füßen legen zu können. Möglicherweise musste sie nur eine Weile länger sparen und etwas kreativer werden, um es zu schaffen.

Die Bremsen des Busses quietschten und die alte Dame neben ihr fiel gegen sie.

Evie spannte sich an, um sie beide im Sitz zu halten, und lächelte auf ihre Mitfahrerin hinab. „Steigen Sie hier aus, Ms. Arnold? Sie wissen doch, Dorothy’s Freitagsangebote sind die Besten in der Woche.“

Ms. Arnold warf ihr ein strahlendes Lächeln zu und presste ihre Einkaufstasche fester gegen ihre Brust. Ihre blauen Augen mochten vielleicht in den letzten Jahren ein wenig trüber geworden sein und die Falten in ihrem Gesicht etwas tiefer, aber ihr liebevolles Herz war genauso stark wie eh und je.

„Nein, nein, Evette. Der Weg zum Lebensmittelladen ist nicht mehr so einfach, wie er einmal war. Es ist besser, wenn ich meine müden Knochen nach Hause schaffe, bevor es dunkel wird.“

Eine kluge Entscheidung. Besonders in diesem Teil der Stadt, wo eine Frau wie Ms. Arnold ein gefundenes Fressen für Räuber wäre.

Nachdem Evie sicher war, dass die ältere Frau ihre Balance wiedergefunden hatte, erhob sie sich, schulterte ihre Handtasche und unternahm einen weiteren Versuch, dieselbe Diskussion mit der Nachbarin zu führen, die sie seit einem Jahr mit ihr führte. „Sieht so aus, als sollten Sie diesen schicken Lebensmittelbringdienst nutzen, den alle anderen Anwohner verwenden, um ihre Besorgungen zu erledigen. Es wäre viel weniger stressig.“

Ms. Arnold hob ihr Kinn ein bisschen höher und wurde zum Inbegriff einer Südstaatenfrau mit eisernem Kern. „Selbstversorgung ist ein Privileg für mich. Das werde ich solange tun, wie der liebe Gott mich lässt.“ Sie nickte in Richtung der Bustüren. „Besser, Sie machen sich selbst auf den Weg zu Dorothy’s und ihrem gut aussehenden Jungen.“

Verdammt. Schon wieder mundtot gemacht worden. „Na gut, aber glauben Sie nicht, dass wir nicht auch das nächste Mal darüber reden werden.“

„Ich freue mich darauf, hübsches Mädchen.“

Evie schüttelte den Kopf und ging zu den Türen.

„Evette.“ Ms. Arnolds scharfer Tonfall brachte sie dazu, innezuhalten. Sie wartete, bis Evie ihren durchdringenden Blick erwiderte, ehe sie weitersprach. „Es wird alles gut werden. Was immer es auch sein mag … es wird Sie nicht kleinkriegen. Vergessen Sie das nicht.“

Evettes Kehle zog sich zusammen, und Tränen drohten ihr die Sicht zu vernebeln. Vielleicht würde sie nie mehr die Gelegenheit haben, Ms. Arnold die Anfahrt mit dem Bus zum Lebensmittelladen auszureden. Jedenfalls nicht, wenn ihr nächster Job nicht auch in derselben Gegend lag, in der sie bisher gearbeitet hatte. Sie umschloss das Geländer neben den steilen Stufen mit einer Hand fester und zwang sich zu einem Lächeln, das sie nicht im Geringsten fühlte. „Machen Sie sich keine Sorgen, Ms. Arnold. Es braucht mehr als einen oder zwei Tritte, um mich runterzuziehen.“

Die ältere Dame nickte, als hätte sie eine solche Antwort erwartet, und kehrte dann dazu zurück, aus dem gegenüberliegenden Fenster zu starren. „Gutes Mädchen. Und nun gehen Sie schon zu Ihrem Jungen und sagen Sie Dorothy ‚Hallo‘ von mir.“

Die Temperatur draußen lag bei fast neunundzwanzig Grad. Eigentlich gar nicht so unangenehm, dafür, dass es bereits Ende September war. Doch die Luftfeuchtigkeit des Golfstroms und der ergiebige Regen von letzter Nacht im Quarter machten das Ganze nicht wirklich zu einem angenehmen Spaziergang auf den Straßen. Sie eilte an dem albernen Souvenirgeschäft, einem Gemischtwarenladen und einem Pub vorbei. Letzterer entließ einen leichten Hauch von Zigarettengeruch auf den Bürgersteig, obwohl die Tür geschlossen war, um die kühle klimatisierte Luft drin zu behalten. Am Ende der Straße stand Dorothy’s Diner wie ein Leuchtturm im Viertel. Der Eingang lag direkt an der Ecke. Zwei große Fenster von etwa dreieinhalb Metern Länge erstreckten sich zu beiden Seiten, damit vorbeischlendernde Passanten einen guten Blick auf die Menschenmenge darin bekamen.

Und es gab stets eine Menschenmenge bei Dorothy’s. Wenn es um Diners ging, war das hier eine Institution. Ein Zufluchtsort inmitten der Hölle und ein Stückchen Himmel voller Seelenfutter in einem.

Wie immer saß Emerson auf dem Barhocker, der der Eingangstür am nächsten war, an der Theke im Soda-Shop-Stil. Seine Schultern waren etwas nach vorn gebogen und seine Unterarme umrahmten seinen Teller, als wäre er ein Linebacker, der sein Essen verteidigen müsste. Sein dunkelblondes Haar rührte eher aus der Familienlinie ihres Vaters her, war ein wenig zu lang und wie bei allen siebenjährigen Jungs nach einem langen Schultag total zerzaust. Doch sein Gesichtsausdruck war leer. Seine haselnussbraunen Augen waren zu gleichgültig für jemanden, der so jung war wie er.

Sie zwang sich zu einem weiteren falschen Lächeln und schob die Glastür auf. Die Glocke oberhalb der Tür gab ein fröhliches Klingeln von sich und zwei oder drei Bedienungen riefen ihr eine Begrüßung zu.

Evie winkte ihnen freundlich zu, ging aber direkt zu ihrem Kind und verstrubbelte dessen Haar ein wenig mehr. „Hey, Champ. Wie war die Schule?“

Nur für einen kurzen Moment erwiderte ihr Sohn ihren Blick. Nur der Hauch eines Lächelns zeigte ihr, dass irgendwo tief da drin noch dieses kleine Kind steckte, das sich vor nicht allzu langer Zeit unschuldig auf ihrem Schoß zusammengerollt hatte. Die Offenheit war mit einem Augenblinzeln wieder verschwunden, und mit einem mürrischen Blick, den sie wirklich zu hassen begonnen hatte, sah er zurück auf den Teller voller Putenfleisch mit Soße. „Ein Tag wie immer.“

„Ja, aber es ist Freitag, und jeder weiß doch, dass Freitage besser als alle anderen Tage sind.“ Sie ließ sich auf dem Barhocker neben Emerson nieder und stellte ihre Handtasche neben ihren Füßen auf der erhöhten Stufe ab. „Ist irgendetwas Besonderes passiert?“

Emerson schüttelte den Kopf.

„Irgendwelche überraschenden Tests?“

Wieder ein Kopfschütteln.

„Irgendwelche niedlichen Mädchen getroffen?“

Daraufhin hob er seinen Kopf und starrte sie an, als ob er hin- und hergerissen wäre, ohne sie nach Hause zu gehen oder ihr vorzuschlagen, dass sie ihr Gehirn mal untersuchen lassen sollte.

„Nun, wenigstens das hat deine Aufmerksamkeit erregt“, sagte sie. „Weißt du, als ich in deinem Alter war, konnte meine Momma mich nicht dazu bringen, die Klappe zu halten.“

Emerson schob eine Bohne, die sich zu nah an seine Soße verirrt hatte, zurück in ihr Exil auf der anderen Seite des Tellers. „Gibt keinen Grund zu reden, wenn nichts los war.“

„Hmm.“ Sie kreuzte ihre Arme und tat so, als würde sie die anderen Gäste im Diner beobachten, während sie sich den Kopf darüber zerbrach, wie sie mit ihrem Sohn umgehen sollte. Er mochte erst sieben Jahre alt sein, aber er drückte sich kultivierter aus als mancher Erwachsene. Sprach fast keinen Slang. Ohne kreolische Eigenarten und definitiv ohne Obszönitäten. Eher wie ein Gentleman, der in dem Körper eines Jungen feststeckte. Also, wie kam sie nur auf die Idee, dass plötzlich eine schockierende Erkenntnis, wie sie mit ihrem Sohn auf dessen Level reden sollte, in ihrem Hirn auftauchen würde? Und das genau in dieser Sekunde, wo sie bereits seit einem Jahr danach suchte. „Wenn du nicht mit mir sprechen willst, macht es vielleicht Ms. Dorothy. Hast du sie gesehen?“

Höflich wischte sich Emerson mit der Serviette den Mund ab und nickte in Richtung der Küche. „Sie ist da drin verschwunden, gleich nachdem du reingekommen bist. Tisch sieben mochte das Tagesgericht wohl nicht.“

Evie blickte auf Emersons Teller mit Pute und Soße. „Jemand hat sich übers Essen beschwert? Sind die high?“

Wunder, oh Wunder, Emersons Mund verzog sich zu einem Lächeln, das sich nicht gänzlich durchsetzen konnte. „Nicht jeder hat einen guten Geschmack, Mom.“

„Das stimmt“, schoss sie zurück und wünschte sich mit allem, was sie hatte, dass sie ihr Kind dazu bringen könnte, lockerer zu werden und wieder Kind zu sein. Sie drehte sich zur Küche um und deutete auf ihre Handtasche. „Passt du bitte darauf auf? Wir wollen ja nicht, dass das Geld von unserem Zahltag plötzlich Beine bekommt und ohne uns davonrennt.“

„Ja, Ma’am.“

Ja, Ma’am.

Evie schlenderte zur Küche, während die perfekte Antwort ihres Sohnes in ihrem Kopf widerhallte. Wäre sie in diesem Alter so schicklich gewesen, hätte ihre Momma eine Straßenparty veranstaltet und an die Kirchenkollekte gespendet, was auch immer ihr Bankkonto zugelassen hätte. Stattdessen war sie ziemlich frech gewesen. Natürlich niemals respektlos. Denn dann hätte sie wohl den Hintern voll oder die Ohren lang gezogen bekommen. Aber ein Oki dokie oder ein Darauf kannste wetten war eher normal als ein Ja, Ma’am.

Das Kratzen von Metallfüßen eines Stuhls auf dem schwarz-weiß gefliesten Fußboden schallte durch das Diner. Evie hielt am Ende der Theke inne und drehte sich zu dem Geräusch.

Ein etwa vierzigjähriger Mann mit schütterem Haar in einem Kurzarmhemd, das kaum seine Plauze bedeckte, schob seinen Stuhl von der beliebten runden Sitzecke an der hinteren Wand zurück. Seine schwarze Hose war ein wenig zu kurz, doch sie war sauber und nicht billig. Er presste ein paar Papiere in seinen Händen zusammen und verbeugte sich auf eine Art, die man leicht als Angst oder großen Respekt interpretieren konnte.

Ein Blick auf denjenigen, der sich außerdem in dieser Sitzecke befand, und die angespannte Geste ergab Sinn.

Sergei Petrovyh.

Er war ihr beim Hereinkommen gar nicht aufgefallen. Das bewies, wie sehr sie von der neuen Entwicklung in ihrem Leben abgelenkt war, denn nur an seinen Namen zu denken, ließ sie normalerweise erröten. Ehrlich gesagt machte sein Anblick sie und drei Viertel der weiblichen Einwohner sprachlos. Das restliche Viertel warf sich ihm meist an den Hals und betete zu jedem Gott, der sie erhören könnte, darum, seinem starken russischen Akzent persönlich und aus direkter Nähe lauschen zu dürfen. Vorzugsweise natürlich in einer Situation, in der keine Kleidung erforderlich wäre.

Statt in die Küche zu platzen, während Dorothy mit dem Küchenchef schimpfte, wartete Evie an der Kasse und richtete die herumliegenden Menükarten gerade aus.

Der Mann mit dem schütteren Haar trat zwei Schritte rückwärts, drehte sich um und ging eilig zur Vordertür.

Ihr Blick glitt zurück zu Sergei und sie überspielte ihr genüssliches Mustern mit dem Durchblättern eines Bestellblocks. Dunkles, welliges Haar bis zu den Schultern, elegante Gesichtszüge, einer dieser höllisch sexy wirkenden kurz geschorenen Bärte und dazu ein köstlicher großer und fitter Körper. Aber es war nicht bloß sein Aussehen, das Frauen so anmachte. Es war seine Macht. Ein Charisma, das in diesen dunkelblauen Augen brannte und in seinen eleganten und gleichzeitig raubtierhaften Bewegungen lag. Kurz gesagt, Sergei Petrovyh war die Art von Mann, die jede Frau mit nur einem Blick dazu brachte, ihre Probleme für diesen kleinen kostbaren Moment zu vergessen.

Wenn sie ehrlich war, könnte Sergei alle ihre Probleme komplett ausradieren. Das war jedenfalls das, was er für eine lange Liste von Leuten in der Nachbarschaft getan hatte, seit er vor etwas mehr als einem Jahr nach New Orleans gezogen war. Er räumte untragbare Situationen aus dem Weg, dafür schuldete man ihm einen Gefallen.

Um auf den Punkt zu kommen … Sergei war ein Mafioso.

Ein verflucht gut aussehender, das lag auf der Hand, aber auch ein absolut gefährlicher Mann.

Schritte und leise gemurmeltes Fluchen ertönte einige Sekunden bevor Dorothys lustige Stimme Evies Liebäugeleien unterbrach. „Mädel, ich habe schon starbesessene Groupies wesentlich unauffälliger agieren sehen, als du es gerade tust.“

Evie weigerte sich, wie ein schuldiges Schulmädchen zusammenzuzucken, und ließ ihren Blick ein letztes Mal absichtlich zu Sergei schweifen, um ihn zu beäugen, nur um ihnen beiden zu beweisen, dass sie es konnte. Ernsthaft, dieser Mann war ein griechischer Gott. Vielleicht lag es an dieser olivfarbenen Haut. Oder daran, dass er sich wie ein Panther bewegte. Die maßgeschneiderten Anzüge, die er trug, brachten die Modeliebhaberin in ihr dazu, sich strecken und schnurren zu wollen.

Also, ja. Sie war alt genug, um zu liebäugeln, wann immer sie Lust dazu hatte, und sie würde sich nicht dafür entschuldigen. Ganz besonders nicht nach einem Tag wie diesem. „Hinzusehen ist doch nichts Verwerfliches.“ Sie drehte sich zur besten Freundin ihrer Momma um, lehnte eine Hüfte gegen die Theke und bedeckte eine Hand mit der anderen. „Und ihn anzusehen ist besser, als herauszufinden, wie ich zwischen heute und Montag ein großes Wunder schaffen soll.“

Dorothy steckte ihren Bestellblock in die Tasche ihrer weißen Schürze. Ihr Daddy hatte sie nach Dorothy Dandridge benannt, weil er total verschossen in die Schauspielerin gewesen war, als Dorothy das Licht der Welt erblickt hatte. Und sie war zu einer ebenso großen Schönheit herangewachsen. Mit achtundsechzig Jahren war ihre Haut faltig und ihr Haar grau, aber ihre nahezu schwarzen Augen waren scharf wie eh und je. Sie beäugte Evie auf die Art, wie es nur eine Mutter tun konnte.

„Von was für einem Wunder reden wir hier?“

„Die Art von Wunder, die mich einen Job finden lässt.“

„Ich dachte, du wärst kurz davor, eine Vorarbeiterposition bei der Reinigungsfirma zu bekommen. Was ist passiert?“

Evie warf die Hände in die Luft und kreuzte dann die Arme vor ihrer Brust. „Verdammt, wenn ich das wüsste. Irgendwas mit einer Sicherheitslücke und dass meine Schlüsselkarte nach Feierabend am Wochenende benutzt worden sei, um Zutritt zu einem Anwaltsbüro zu bekommen. Was absoluter Blödsinn ist. Abgesehen davon, dass ich und Emerson am Samstag auf dem Bauernmarkt und beim Kirchenessen waren, haben ich und meine Schlüsselkarte das gesamte Wochenende zu Hause verbracht. Die müssen da irgendwas vertauscht haben.“

„Hast du ihnen das gesagt?“

„Na klar habe ich das. Aber die wollten es nicht hören. Sie meinten, dass sie keine andere Wahl hätten, als mich wegen ihrer Sicherheitsbestimmungen zu entlassen.“

Dorothy zog die Augenbrauen zusammen und schlenderte hinter Evie zur Theke, wo das saubere Besteck darauf wartete, in Servietten gewickelt zu werden. Sie legte die erste Serviette aus und begann mit der Arbeit. „Keine Ahnung, wieso das gleich ein Notfall sein soll. Ich kenne dich, Evie. Du bist immer auf ein Unwetter vorbereitet. Erzähl mir also nicht, dass du keine Ersparnisse hast.“

„Die sind für Emersons Schulgeld.“

„Ich dachte, er steht auf der Warteliste. Es gibt demnach keinen Grund, gerade jetzt sparsam zu sein, wo du es brauchen kannst. Du kannst es doch später wieder zurücklegen.“

„Er ist nicht mehr auf der Warteliste.“ Evie stellte sich neben sie. Sie rollte Servietten bei Dorothy’s, solange sie denken konnte, und hatte schon so manche Krise mit dieser simplen Aufgabe durchlebt. „Der Direktor hat letzte Woche angerufen und gesagt, dass eins der Kinder woanders hinzieht. Ich kann ein Stipendium beantragen. Allerdings muss ich die Schulgebühren selbst berappen, damit sie den Platz so lange freihalten, bis sie den Antrag geprüft haben.“

„Wie viel ist es denn?“

„Neunhundert Dollar.“

Dorothys Kopf zuckte zu ihr, und ihre Stimme wurde so laut, dass einige Gespräche im Diner verstummten. „Neunhundert? Bist du verrückt?“

„Dorothy!“, schimpfte sie flüsternd und deutete mit ihrem Blick Richtung Emerson. „Emerson braucht das. All seine Lehrer sagen es. Sie meinen, er sei in der öffentlichen Schule total gelangweilt und dass eine Montessori-Schule perfekt für ein Kind wie ihn sei.“

„Pffff.“ Dorothy schüttelte den Kopf. „So viel Geld, nur um einen Platz freizuhalten. Dafür sollten sie ihm den Weg zum Himmel mit purem Gold pflastern und obendrein seinen Hintern abwischen.“ Sie pausierte lang genug, um eine angenehme Stille zwischen ihnen zu verbreiten, bevor sie Evie von der Seite ansah. „Und? Was willst du jetzt machen?“

„Nun ja, ich habe gehofft, ich könnte ein wenig für dich arbeiten, während ich mich nach etwas anderem umsehe.“

Dorothy gab ein Seufzen von sich. Es war ein ehrliches, das sagte, dass sie die folgenden Worte genauso ungern aussprach, wie Evie sie hören wollte. „Kann ich nicht machen, Schatz. Die Ladys, die ich jetzt habe, haben echt Qualität, und wenn ich ihre Schichten kürze, suchen sie sich woanders Arbeit. Das Beste, was ich für dich tun kann, ist, dich anzurufen, falls eine von ihnen krank werden sollte. Aber das wird nicht passieren. Sie brauchen das Geld zu sehr.“

Mist.

So viel zu Plan B.

Sie platzierte ein perfekt gerolltes Besteckset auf dem wachsenden Turm von Dorothy, drehte sich um, lehnte ihren Hintern gegen die Theke und kreuzte erneut die Arme vor ihrer Brust. „Das ist so eine Kacke.“ Angst versuchte, sich einen Weg in ihren Brustkorb zu suchen, angefacht von einer gesunden Dosis lang ignorierter Verzweiflung und Frustration. „Ich kann es Emerson nicht versauen. Er braucht es. Er braucht …“ Ein Lächeln. Spielen. Die Möglichkeit, ein Kind zu sein und einfach ein bisschen Spaß zu haben. „Er braucht irgendetwas. Wenn diese Schule ihm das geben kann, werde ich auch auf der Straße arbeiten, falls es nötig ist.“

„Dazu wird es nicht kommen“, sagte Dorothy mit der stillen Zuversicht einer Frau, die sich bereits ihren Weg durch die Erziehung ihrer Kinder gebahnt hat. „Der Herr wird dir geben, was du brauchst, wenn du es brauchst. Das tut er immer.“

„Hmpf.“ Evie kaute auf ihrer Unterlippe herum, um nicht auszusprechen, was sie dachte. Nämlich: Wenn der Herr ihr geben würde, was sie bräuchte, wäre es nett zu erfahren, dass er das eher früher als später zu tun gedachte.

Wie von einem Magneten angezogen, glitt ihr Blick wieder zurück zu Sergei. Die zwei Männer, mit denen sie ihn oft im Diner oder in der Stadt sah, saßen nun ihm am runden Tisch gegenüber in der Sitzecke. Kir Vasilek war genauso groß und einschüchternd wie Sergei, hatte aber wunderschöne blaue Augen und blondes Haar. Er benutzte beides zu seinem Vorteil und hatte sich in der Stadt einen Ruf als absoluter Playboy verschafft. Roman Koslov auf der anderen Seite beschäftigte sich selten mit irgendwem. Wahrscheinlich, weil sein großer und imposanter Körper und seine harten, bedrohlichen Gesichtszüge die Leute glauben ließen, er wäre der leibhaftige Teufel.

Sergei könnte ihre Probleme komplett ausradieren.

Der Gedanke war diesmal ein wenig subtiler. Ein Murmeln von der seidenen Stimme der Versuchung. „Was ist mit ihm?“, fragte sie Dorothy.

Dorothy drehte sich um und betrachtete Evies Gesicht, folgte dann ihrem Blick in Richtung Sergei. Da sie ihr Diner jahrelang in einem rauen Teil der Stadt in jeder nur denkbar schwierigen Zeit geleitet hatte, gab es nichts, was ihre alte Freundin runterziehen konnte. Doch in dieser Sekunde zeigte Dorothy echte Besorgnis. Sie verbarg sie so schnell, wie sie aufgetaucht war, und wandte sich wieder den Bestecken zu. „Ich denke nicht, dass du Schutz brauchst. Ich denke, du brauchst einen Job.“

„Na ja, vielleicht kennt er ja jemanden. Könnte mir einen Tipp oder eine Empfehlung geben. Ein Blick auf die Klamotten, die er trägt, und auf den schicken BMW vor der Tür, und du weißt, er hat Knete. Und das bedeutet, er muss auch andere reiche Leute kennen.“

„Er könnte welche kennen. Könnte dich sogar mit jemandem bekannt machen, aber falls du es vergessen haben solltest: Ein Mann wie er, der dir einen Gefallen tut, dem schuldest du am Ende auch etwas dafür.“

„Du hast es getan.“

Das war eine kindische Erwiderung. Eher passend für eine Sechzehnjährige, die mit ihrer Mutter und Dorothy darüber diskutierte, welche Klamotten für ein Mädchen ihres Alters schicklich waren und welche nicht. Aber nicht für eine Achtundzwanzigjährige, wenn es darum ging, einen Weg zu finden, ihre Rechnungen zu begleichen.

Falls Dorothy gekränkt war, zeigte sie es nicht. Stattdessen sprach sie weiter. „Es war das kleinere Übel, Kind. Es gab Schläger, die mein Diner übernehmen wollten. Sergei hat sich darum gekümmert, und ich gebe ihm als Gegenleistung einen Ort, an dem er seine Geschäfte erledigen kann. Es ist ein kleiner Preis, den ich zahlen muss, damit mein Laden sicher ist, aber lass dich nicht von diesem gut aussehenden Gesicht täuschen. Er hat Dunkelheit in sich. Eine Menge davon. Und er hat keine Angst davor, sie rauszulassen.“ Sie pausierte einen Moment lang und wirkte wie eine Frau, die nach den richtigen Worten suchte, die sie als Nächstes sagen wollte. Sie drehte sich zu Evie. „Jetzt hast du nur Geldprobleme. Wenn du ihn in dein Leben lässt, löst du ein Problem, aber hast am Ende womöglich ein viel größeres.“

„Vom Regen in die Traufe, oder?“

Ihr Blick wurde sanfter, und eine Fülle an Weisheiten, die Evie nicht einmal im Ansatz begreifen konnte, starrte ihr entgegen. „So etwas in der Art.“

Evette seufzte und kaute auf ihrer Unterlippe herum. Die einzige andere Möglichkeit, die ihr einfiel, würde dafür sorgen, dass Momma sich in ihrem Grab umdrehen würde. Dennoch brachte sie sie ins Gespräch ein. „Ich schätze, ich könnte Onkel Carl nach Geld fragen. Erst vor Kurzen hat er mit einem ganzen Bündel hier herumgewedelt. Er ist so verrückt, wie der Tag lang ist, aber er hat immer angeboten, mir und Emerson zu helfen.“

„Nein.“ Dorothys Erwiderung klang so hart und kam so schnell, dass Evette sie wie einen Ruck empfand. Obwohl sie ihren Tonfall fast ebenso eilig milderte, zitterten ihre Hände, als sie die Arbeit mit den Servietten wieder aufnahm. „Deine Momma hatte ihre Gründe, sich von Onkel Carl zu distanzieren. Es ist das Beste, wenn du es auch tust.“

Es war nicht das erste Mal, dass Dorothy ihre Abneigung gegen Carl zum Ausdruck brachte. Warum sie und ihre Mutter ihn nicht mochten, hatten sie nie erzählt. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass sich Evette selbst nicht gern in seiner Nähe aufhielt, hatte sie auch nie eine Erklärung forciert.

Evette stützte die Hände hinter sich gegen die Theke und starrte Sergei an.

Sergei drehte sich um und fing ihren Blick auf.

Hielt ihn gefangen.

Die Verbindung war so besitzergreifend, dass Evie hätte schwören können, er hätte die komplette Konversation mit angehört.

Was natürlich totaler Quatsch war. Das konnte er gar nicht. Er war bloß ein einschüchternder Mann mit einer guten Intuition.

Aber er könnte ihr helfen.

Viel schneller als jeder andere in dieser Gegend.

Sie verlagerte ihre Aufmerksamkeit auf Emerson, der nun mit seinem Abendessen fertig war und aus dem Fenster auf die Straße dahinter starrte.

„Besteht die Chance, dass ich dich zu einem Eis mit heißer Schokoladensoße für Emerson überreden kann?“, wandte sie sich an Dorothy.

„Besteht die Chance, dir das auszureden, was du vorhast zu tun?“

„Nur wenn du mir sagen kannst, wie ich bis Montag einen neuen Job bekomme und rechtzeitig weitere fünfhundert Dollar auftreibe, um den Platz für Emerson zu halten.“

Dorothy schwieg.

„Komm schon, Dorothy. Du hast selbst erzählt, dass er kein absolut schlechter Typ ist. Verdammt. Ich erinnere mich sogar daran, dass du mal eingeräumt hast, ihn zu mögen. Das hast du nicht einmal über Pastor Manny gesagt, und den mag jeder.“

„Ja, aber dich liebe ich. Ebenso, wie ich deine Mama geliebt habe. Merk dir meine Worte: Wer sich mit Sergei einlässt, der weiß nicht, was ihn am Ende erwartet.“

„Wenn es meinen Jungen ausnahmsweise zum Lächeln bringt, glaube ich, dass es das wert sein wird.“

Dorothy schüttelte ihren Kopf, hob den Besteckkasten hoch, als würde er nichts wiegen, und schob ihn unter die Theke. Sie drehte sich zu Evie, betrachtete sie einige Sekunden lang, nickte dann und begab sich auf den Weg in die Küche. „Ich mache zwei Eisbecher. Ich habe das Gefühl, der Junge ist nicht der Einzige, der einen Muntermacher braucht, bevor der Tag zu Ende geht.“

Kapitel 2

Sie sah ihn schon wieder an.

Immer, wenn Sergei ins Dorothy’s kam und Evette da war, musterte sie ihn, und sie gab nicht ein einziges Mal vor, schüchtern dabei zu sein. Ihre Kühnheit faszinierte ihn. Sie forderte ihn regelrecht heraus, wie ein Matador mit einem roten Umhang und Todeswunsch. Wäre sie jemand anders, hätte er es sich schon vor Monaten zur Aufgabe gemacht, sie zu erobern. Hätte seinen Hunger so lange an ihr gestillt, bis sie beide fix und fertig gewesen wären.

Aber sie war nicht irgendjemand.

Sie war Evette Labadie. Der Liebling der Nachbarschaft, den jeder verehrte und vergötterte. Sie auf jegliche Art, die er wollte, zu nehmen, stand im Widerspruch zu seiner Mission, nämlich die Loyalität derer zu gewinnen, die in den gefährlichsten Straßen von New Orleans lebten, die große Mehrheit der damit verbundenen Unternehmen zu kontrollieren und dabei die Konkurrenz auszulöschen. Eine so hoch angesehene Frau wie Evette zu besudeln, würde es erschweren, sich Respekt und Loyalität zu verdienen.

Außerdem war sie Dorothys Patentochter. Er mochte seinen Schutz gewährt haben im Austausch gegen einen öffentlichen Ort, an dem er seine Geschäfte erledigen konnte, doch er schätzte Dorothy auch. Er respektierte ihre hart erarbeitete Weisheit und ihre knallharte Unnachgiebigkeit. Er wollte diesen Respekt nicht entehren, indem er zuließ, dass die Hässlichkeit seiner Welt auf jemanden abfärbte, der so strahlend und offen war.

Kir lehnte sich auf seinem Platz so weit nach vorn, dass er Sergeis Fokus auf Evette unterbrach, und grinste. „Du solltest sie einfach endlich ficken.“

Wäre es jemand anderer gewesen, der das gesagt hätte, hätte Sergei ihn auf der Stelle und ohne zu zögern ausgeweidet. Glück für Kir, dass er einer der wenigen Männer war, denen Sergei blind vertraute, weshalb er sich mit einer Warnung begnügte. „Das Wort Fick oder etwas Ähnliches in Bezug auf Evette wird dir niemals wieder über die Lippen kommen oder auch nur in deinen Gedanken auftauchen. Und du wirst die Finger von ihr lassen.“ Er zwang sich dazu, seinen Blick von Evette abzuwenden, und starrte seinen Waffenbruder kalt an. „Sie ist sicher. Vor mir. Vor dir. Vor jedermann.“

Romans kehliges Lachen klang triumphierend. „Du hast bemerkt, dass die Warnung an dich sehr konkret war? Der Rest von uns hat bloß eine allgemein gültige Ansage erhalten.“

Einer von Kirs Mundwinkeln hob sich zu einem unbekümmerten und verschlagenen Grinsen. „Das liegt nur daran, dass er weiß, dass ich sie bekommen könnte, wenn ich mich ins Zeug legen würde.“

„Vielleicht.“ Sergeis Blick schweifte zurück zu Evette. Sie war ein zierliches kleines Ding, höchstens eins fünfzig, mit frechen Gesichtszügen und kurzem, aber modern gestyltem haselnussbraunen Haar, das ihn an eine Fee erinnerte, die gerade mit einem temperamentvollen Schwung aus dem Bett gesprungen war. Sergei hatte genug Details von Dorothy erfahren, um zu wissen, dass Evettes Vater aus einer hellhäutigen Familie stammte, während ihre Mutter tiefe kreolische sowie indianische Wurzeln hatte und ihre Persönlichkeit ebenso lebendig gewesen war. Es gab niemanden, den Evette wie einen Fremden betrachtete, und sie behandelte jeden gleich. Geschätzt. Wichtig.

Er hob seine Kaffeetasse vom Tisch und nippte mit einer trügerischen Lässigkeit daran. „Wie dem auch sei, dein Erfolg wäre nur von kurzer Dauer.“

„Was?“, fragte Kir. „Denkst du wirklich, ich könnte sie auf Dauer nicht bei Laune halten?“

„Nein. Ich denke, ich würde dir den Schwanz abschneiden, ihn dir in den Rachen schieben und dir dabei zusehen, wie du daran erstickst.“

Das war keine leere Drohung, und die Geschwindigkeit, mit der Kirs Grinsen verblasste, zeigte eindeutig, dass sein alter Freund das wusste. „Zur Kenntnis genommen.“ Er lehnte sich zurück, schlug ein Bein über das andere in einer Geste, die den kaltblütigen Mörder nicht erkennen ließ, und studierte Evette. Was auch immer das Thema war, über das sie und Dorothy diskutierten, führte bei Evette zu eindringlichen Gesten. „Wenn du meine Meinung wissen willst, ist es nur eine Frage der Zeit, bis du deine eigene Warnung in den Wind schießt.“

Das würde er nicht.

Sosehr er die Berührung eines so guten Menschen ehren und genießen würde, die Dunkelheit in ihm war zu groß, mit Leichen gepflastert und mit Blut besudelt, um eines solchen Geschenkes würdig zu sein.

„Was wollte Smitty?“ Romans nicht gerade subtiler Themenwechsel zeigte, wie gut er in den letzten Jahren gelernt hatte, Sergei zu lesen.

Leider hatte er ein Thema gewählt, das Sergeis Stimmung noch mehr trübte. Vor allem, weil er den Besitzer des Lebensmittelladens nur einen Block nördlich von Dorothy’s Diner als positive Präsenz in der Gemeinde und soliden Familienvater kannte. „Steven Alfonsi hat seine Rekrutierung verstärkt.“

„Er hat sich für Smitty interessiert?“ Roman hob überrascht die Augenbrauen.

Sergei schüttelte den Kopf. „Er hat es auf Smittys Sohn, Jamie, abgesehen. Hat einen Kerl in dessen Alter auf ihn angesetzt. Smitty hat gesehen, dass der Junge ständig den Laden besucht, wenn Jamie arbeitet.“

Kir zog die Stirn kraus, beugte sich vor und verschränkte die Arme auf dem Tisch. „Das sieht Alfonsi gar nicht ähnlich. Jamie ist ein Collegejunge, klug und hält sich an die Regeln. Alfonsi mag keine intelligenten Schachfiguren. Sie sind schwer zu kontrollieren.“

„Er will engere Beziehungen zur Nachbarschaft“, antwortete Roman, ehe Sergei es tun konnte. „Wir haben fast die Hälfte seiner Geschäfte übernommen. Er will wissen, wie wir das gemacht haben. Dazu braucht er Leute im inneren Kreis, die ihm helfen, es herauszufinden.“

„Die wird er nicht bekommen.“ Diesbezüglich war Sergei absolut sicher. Diejenigen, die in der Stadtmitte, im siebten und achten Bezirk lebten und arbeiteten, wussten zweifelsohne, dass Sergei die Bestie unter ihnen war, aber er war ihre Bestie. Er war derjenige, der skrupellos genug war, um sie von den Tyrannen zu befreien, die ihre Welt überrannt hatten. Es war ihnen egal, dass er im Gegenzug Tribut verlangte. Was ihnen nicht egal war, war die Tatsache, dass er sie fair behandelte und beschützt hatte, als sie es selbst nicht konnten. Damit hatte er sich ihre Loyalität verdient.

„Und was will Smitty?“, fragte Roman.

Sergei tippte gegen den Rand seiner Tasse. „Was sich alle guten Väter für ihr Kind wünschen. Die Versuchung für den Jungen aus dem Weg räumen.“

Kir blickte zu Roman; die unausgesprochene Anweisung wurde von beiden sofort aufgegriffen. „Willst du das erledigen oder kann ich mich darum kümmern?“

Roman schwieg, aber die Bösartigkeit, die aus jeder seine Poren drang, war spürbar. Von ihnen dreien verabscheute er kozels- egoistische Idioten - wie Steven Alfonsi am meisten. Der Mann besaß keine Ehre, hatte sein Image um stereotypische Mafia-Filme und unnötige Machtspiele aufgebaut, um Angst einzuflößen. Er handelte mit Geheimnissen, benutzte sie, um gute Menschen seinem Willen zu unterwerfen.

Ein Grund mehr, warum die Menschen aus den gefährlichsten Straßen Sergei freiwillig als einen von ihnen akzeptiert hatten. Sein Reich war eins der Wahl, nicht der Gewalt. Ein Tanz, der bereitwillig angenommen und mit einer Schuld honoriert wurde. Ein Akt des Vertrauens und der Ehrung.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis ganz New Orleans aus exakt diesem Grund hinter ihm stehen würde.

Sergei antwortete Kir, bevor Roman die Gelegenheit nutzen konnte, um seine Blutlust zu stillen. „Du wirst es regeln.“

Hinter dem Tresen wandte Dorothy sich um und warf Sergei einen Blick zu, den man nur als Resignation bezeichnen konnte, und sagte dann etwas zu Evette, bevor sie sich in die Küche verzog.

Evette starrte ihn an. Ihre Arme waren überkreuzt und ihr Gesichtsausdruck hatte nichts mehr von der gewohnten Leichtigkeit. Was auch immer die feya auf dem Herzen hatte, es schien ernst zu sein.

Das gefiel ihm nicht.

Kein Stück.

Er zwang sich dazu, seine Aufmerksamkeit wieder auf Kir zu richten. „Übertreib es nicht. Etwas Kleines. Gerade genug, um eine Botschaft zu senden, aber nicht genug, um einen Krieg anzuzetteln. Wir werden Alfonsi gegenübertreten, wenn die Zeit reif ist.“

Kir nickte nur einmal kurz und griff nach seiner Kaffeetasse.

Evette stieß sich vom hinteren Tresen ab, umrundete die Bar und kam mit langsamen, aber zielstrebigen Schritten näher. Ihr Weg führte sie direkt zu ihm. Er spürte den Drang, sich aufzurichten, doch bevor seine Muskeln in Aktion treten konnten, konzentrierte er sich darauf, sein Verhalten unbeeindruckt wirken zu lassen. Würde sich ein Mörder mit einer Waffe auf ihn zubewegen, wäre die Maske seine zweite Natur. Nur ein weiteres persönliches Gespräch mit dem Tod.

Aber als Evette auf ihn zukam, war es eine ganz andere Erfahrung. Hinter seinem Brustbein breitete sich ein unbekannter Druck aus. Ein Adrenalinschub machte seine Haut übersensibel und ließ die Umgebung bedeutungslos werden.

Beunruhigende Reaktionen.

Gefährlich für einen Mann wie ihn.

Romans tiefe Stimme drang kaum zu ihm durch, der russische Klang ihrer Muttersprache war wie ein beruhigendes Streicheln. „Zwei Audienzen an einem Tag. Und die hier ist mit einem Lamm.“

Kirs Mund zuckte. „Ich würde sie nicht unbedingt als Lamm bezeichnen. Aber das könnte interessant werden.“

„Nicht für euch beide“, sagte Sergei, als sie sich dem Tisch näherte. „Weil ihr nicht hier sein werdet.“

Dieses Mal machte sich Kir gar nicht erst die Mühe, sein Lächeln zu verbergen. Er wagte es sogar, zu lachen, während er aufstand und zu Roman sah, der bereits auf den Beinen war. „Wie ich schon sagte, nur eine Frage der Zeit.“

Evette blieb genau zwischen ihnen am Tisch stehen. So winzig, wie sie war, ließ sie Kir und Roman wie Riesen aussehen, aber sie beäugte die beiden mit einer bewundernswerten Furchtlosigkeit. „Unterbreche ich gerade etwas, das ich nicht unterbrechen sollte?“

Roman schenkte ihr etwas, das einem Lächeln bei ihm am nächsten kam, und bot ihr den Platz an, den er soeben frei gemacht hatte. „Nein, Madam. Bitte setzen Sie sich doch.“

Einige Sekunden lang inspizierte sie den ihr angebotenen Platz, die beiden Männer neben ihr und alle hinter ihr sitzenden Gäste. Dann, mit der gleichen Entschlossenheit, die er bereits während ihres Gesprächs mit Dorothy beobachtet hatte, straffte sie ihre Schultern und glitt auf den Platz rechts von ihm. „Danke.“

„Gerne.“ Roman neigte seinen Kopf Richtung Sergei und wechselte wieder ins Russische. „Viel Glück, moy brat.“

Kir imitierte die respektvolle Geste, doch seine Augen glänzten mit genug Heiterkeit, um zu versprechen, dass er später auf Details drängen würde. „Glücklicher Bastard.“ Er deutete mit dem Kinn Richtung Bürgersteig und wechselte zurück in die Landessprache. „Wir warten draußen.“

Sergei ignorierte den Spott und wandte seine Aufmerksamkeit Evette zu, nachdem die beiden davongeschlendert waren. „Ms. Labadie. Ihr Besuch an meinem Tisch kommt unerwartet.“

„Sie kennen meinen Namen?“

„Sie holen Ihren Sohn jeden Tag nach der Schule hier ab, besuchen Dorothy auch bei anderen Gelegenheiten häufig und manchmal arbeiten Sie sogar für sie. Es wäre nachlässig von mir, Ihre Patentante nicht nach dem Namen einer schönen Frau zu fragen, die ich so oft hier sehe.“

Sie verzog ihren Mund auf einer Seite, gerade mit gerade genug Verärgerung und Ironie, um zu beweisen, dass sie Sinn für Humor besaß. „Dorothy hat vergessen zu erwähnen, dass Sie charmant sind.“

Er war also das Thema ihres Gesprächs gewesen. Interessant. Er vermutete außerdem, dass dies wohl auch die Resignation auf Dorothys Gesicht erklärte, bevor sie in der Küche verschwunden war – seine feya brauchte etwas. Etwas, das wichtig genug war, um sich mit dem Teufel einzulassen, und ihre Patentante hatte nichts getan, um es zu verhindern. „Das kann ich durchaus sein.“ Aufzuzählen, was für Fähigkeiten ihm häufiger nachgesagt wurden, war unnötig. Es schwebte zwischen ihnen wie ein schwankender Sensenmann im Wind, der nur auf seinen nächsten Auftrag wartete.

Evette zappelte auf ihrem Sitz herum und schob Romans verlassene Kaffeetasse an den Tischrand. „Wissen Sie, meine Momma hat hier früher gearbeitet. Fast von dem Tag an, als Dorothy und ihr Ehemann das Diner eröffnet haben.“ Sie sah zu dem Tresen, an dem Emerson saß und nun seine Hausaufgaben erledigte. „Ich habe immer genau dort gesessen, wo Emerson jetzt ist, während ich darauf gewartet habe, dass sie ihre Schicht beendete. Wenn ich keine Hausaufgabe aufhatte, ließ Dorothy mich arbeiten, Salz- und Pfeffersteuer befüllen, Zuckerpäckchen auffüllen oder das Besteck in Servietten einrollen.“

Sie war ebenso ein Einzelkind und nun eine Alleinerziehende; wer Emersons Vater war, wusste nicht einmal Evette selbst. Sie lebte in einem heruntergekommenen Wohnhaus, das Sergei in den letzten drei Monaten zweimal zu kaufen versucht hatte, aber jetzt, wo er neben ihr saß – ihre Stimme hörte und ihrer unerschütterlichen Güte so nah war –, befeuerte das nur seine Motivation, alles zu bezahlen, was nötig war, um das Geschäft endlich abzuschließen. „Das weiß ich.“

Echte Überraschung erhellte ihr Gesicht. „Wirklich?“

„Dorothy hat Sie sehr gern. Sie hat mir viele Dinge erzählt. Auch, wie Ihre Mutter ihr nach dem Tod ihres Mannes beigestanden hat.“

Etwas von der Vorsicht, die sie mit an den Tisch gebracht hatte, verschwand und eine Düsterkeit legte sich über ihre haselnussbraunen Augen. Sie stützte ihre Unterarme auf den Tisch und zeichnete mit dem Zeigefinger die Linie ihres Fingernagels nach. „Das war eine schwierige Zeit. Es war ungefähr ein oder zwei Monate nach dem Hurrikan Katrina und alle waren nervös. Ich glaube, niemand hätte gedacht, dass es so schlimm werden würde, dass jemand für Essen erschossen werden würde.“

Aber Dorothys Mann war genau das passiert. Sergei hatte die Details dazu selbst nachgeschlagen. Nach Geschäftsschluss war ein Mann eingebrochen, der verzweifelt seine Familie ernähren wollte. Dorothys Ehemann war der Einzige, der zwischen dem Schützen und der von ihm begehrten Ware gestanden hatte. „Sie waren damals fünfzehn.“

Dieses detaillierte Wissen erregte ihre Aufmerksamkeit innerhalb eines einzigen Herzschlags, und eine hart erlernte Vorsicht machte sich in ihrem strahlenden Blick breit.

Ja, malen’kaya feya. Ich weiß alles über dich.

Er musste es nicht sagen. Sie fühlte es und respektierte die Gefahr, die es repräsentierte.

Umso besser für sie beide. Wenn sie eine Bitte hatte, war es klug, sich daran zu erinnern, mit wem und mit was sie es zu tun hatte, bevor sie die Anfrage stellte.

Für einen Moment ließ er die unangenehme Stille zwischen ihnen schwelen, dann gab er ihr einen verbalen Schubs. „Wollten Sie über etwas Bestimmtes mit mir sprechen, Ms. Labadie?“

Sie hielt seinem Blick stand. Ihre Augen waren ausdrucksstark, durchlässig für all die Emotionen, die sich dahinter regten. Angst. Vorsicht. Verzweiflung und Hoffnung.

Ihr Blick kehrte zurück zu Emerson, und als sie sprach, lag da eine gewisse Ehrfurcht in ihrer engelsgleichen Stimme. „Haben Sie Kinder?“

Ein unerwarteter Schmerz breitete sich zwischen seinen Rippen aus. „Nyet.“

Sie wandte sich ihm wieder zu. „Eine Ehefrau?“

„Nyet.“

„Eine Freundin?“

Eine interessante Wendung. Er hatte keine Ahnung, wohin sie damit wollte. Eine Frau wie Evette würde sich nicht für einen Mann wie ihn interessieren. Jedenfalls nicht auf die Weise, wie es ihre Befragung anzudeuten schien. Und doch war seine physische Reaktion sofort und eifrig bei der Idee dabei.

Sein Schweigen und seine Mimik mussten wohl die Richtung seiner Gedanken verraten haben, denn sie richtete sich auf und plapperte drauflos. „Ich versuche herauszufinden, ob Sie jemand Besonderes in ihrem Leben haben. Jemand, für den Sie sich ein Bein ausreißen würden.“

Ah, also war es Emerson, um den sie sich Sorgen machte. Das ergab Sinn. Jeder, der sie mit ihrem Sohn sah, wusste, dass sie Berge versetzen würde, um Emersons Leben dadurch besser zu machen. Auch wenn es bedeutete, sich auf einen Tanz mit dem Teufel einzulassen.

Er nickte und dachte dabei an die Frau, die er als Schwester betrachtete, Darya, und an Anton, den Mann, der mehr ein Vater als sein eigener für ihn gewesen war. „Es gibt da einige.“

Sie studierte sein Gesicht, konzentrierte sich darauf, als ob sie die Ehrlichkeit seiner Antwort einschätzen wollte. Was auch immer sie gesehen hatte, musste wohl ihren Mut befeuert haben, denn sie schluckte den letzten Rest ihrer Angst hinunter und fuhr fort. „Emerson ist mein Ein und Alles. Die einzige Familie, die ich noch habe.“

„Die Familie ist in der Tat wichtig.“ Er wartete. Wenn sie etwas wollte, musste sie darum bitten. Er hatte bereits genug auf dem Gewissen, um ihn für immer in die Hölle zu verbannen. Ihren Untergang würde er jedoch nicht auf dieser Liste ergänzen.

Sie fing erneut an, an ihren Fingernägeln herumzufummeln, während es so wirkte, als wäre ihre Aufmerksamkeit auf den Tisch gerichtet; dabei schien sie ganz woanders mit ihren Gedanken zu sein. „Die letzten Jahre waren hart für ihn. Es kommt mir vor, als wäre er über Nacht von einem Kind zu einem Erwachsenen geworden, der im Körper eines Jungen gefangen ist. Seine Lehrer sagen, es liege daran, dass er sich in der Schule langweilt. Oder unterfordert fühlt.“ Sie hob den Kopf und auf ihren Lippen zeichnete sich ein stolzes Lächeln ab. „Mein Emerson ist klug.“ Das Lächeln verrutschte. „Aber er hat es nicht leicht, und die Lehrer denken alle, wenn ich es schaffe, ihn in der Montessori-Schule im Stadtrand unterzubringen, würde ihm das helfen.“

Als hätte er gespürt, dass das Gespräch sich um ihn drehte, blickte Emerson von seinen Schulbüchern auf und erwiderte Sergeis Blick.

Schmerz.

Verwirrung.

Frustration.

Leere. Die Art, die entstand, wenn der wertvolle Teil im Leben eines Jungen fehlte.

Sergei kannte diese Leere, war den gleichen Weg voller Schmerz, Frustration und Verwirrung gegangen, bis Yefim ihn gefunden und Anton vorgestellt hatte. Evette konnte den Jungen in die beste Schule des Landes bringen, doch das würde nie die Lücke füllen, mit der ihr Sohn sich herumschlug. Er brauchte einen Mentor. Einen Mann, der ihn leitete, ihm half, sein Leben zu gestalten.

Es stand Sergei allerdings nicht zu, diese Weisheit mit ihr zu teilen. Ganz besonders, da es sich um ein Bedürfnis handelte, das Evette nicht erfüllen konnte. „Dann sollten Sie dieser Schule wohl eine Chance geben.“

„Das will ich. Ich werde es tun. Tatsächlich haben sie gerade einen Platz frei. Der Schulleiter sagte sogar, Emerson hätte gute Chancen, sich für ein Stipendium zu qualifizieren, allerdings muss ich das Geld für seinen Studiengebühren vorstrecken, um seinen Platz so lange zu halten.“

„Sie brauchen also Geld, um die Aufnahme zu sichern.“ Eine Bitte, die leicht zu erfüllen war und verhindern würde, dass sie die hässliche Seite seines Lebens sah.

„Nein. Keinen Kredit. Ich möchte Hilfe bei der Arbeitssuche. Eine Referenz oder einen Hinweis, wenn sie einen haben. Und je früher, desto besser.“

Interessant.

Wie oft waren die Menschen zu ihm gekommen und hatte ihn um Hilfe gebeten, aber nicht ein einziges Mal hatte jemand das Angebot von Geld abgelehnt.

Er beugte sich vor und legte wie sie die Unterarme auf dem Tisch ab. Während seine Hände ruhig und locker blieben, waren ihre immer noch zappelig miteinander beschäftigt. „Ein Job.“

„Ja.“

„Was für ein Job?“

Sie drehte sich in ihrem Sitz neben ihm so, dass sie ihm ihren Oberkörper zuwandte. Ihr Bein, das ihm am nächsten war, hatte sie angezogen; es lag ruhig auf dem Sitz. Es wirkte, als ob sie sich für ein normales Gespräch mit einem unschuldigen Mann statt mit einem bekannten Subjekt aus der kriminellen Unterwelt wappnete. „Nun ja, Sie wissen, dass ich in einem Laden wie diesem arbeiten könnte. Zumindest hier vorne. Ich war noch nie in einer Küche tätig, also wäre das schwer zu verkaufen. Mein letzter Job war bei einer Reinigungsfirma. Wir haben in Geschäftsgebäuden gearbeitet, hauptsächlich in Büros. Das hat gut funktioniert, denn es ist Tagarbeit und ich hatte kurz nach Emersons Schulschluss frei. Ich denke jedoch, dass es schwierig sein wird, so etwas wieder zu bekommen, wenn der neue Arbeitgeber eine Referenz von meinem ehemaligen verlangt.“

„Und warum?“

„Weil sie mich wegen einem Sicherheitsverstoß gefeuert haben.“

Alles in ihm wurde still. Seine Raubtierinstinkte wurden mit der gleichen Eindringlichkeit ausgelöst, die er gespürt hätte, wenn einer seiner meistgehassten Feinde durch die Türen des Diners gekommen wäre. „Erklären Sie mir das.“

Evettes Augen verengten sich und sie neigte ihren Kopf ein klein wenig. Als sie antwortete, tat sie das mit der Vorsicht einer Frau, die sich sehr bewusst war, dass sie gerade über eine Art Auslöser gestolpert war, sich jedoch nicht ganz sicher war, was der Auslöser tatsächlich war. „Ich habe wirklich keine Ahnung. Sie haben gesagt, mein Ausweis sei am vergangenen Samstag in einem Anwaltsbüro benutzt worden, aber ich weiß, dass das nicht stimmen kann. Mein Ausweis war zu Hause. Emerson und ich waren am Samstag nur zweimal unterwegs – auf dem Bauernmarkt und in der Kirche. Ich kann es auf keinen Fall gewesen sein.“

„Und das haben Sie ihnen gesagt?“

„Natürlich. Aber es stand mein Wort gegen ein computergestütztes Trackingsystem, also wollte mein Boss mir nicht zuhören.“

Er würde darauf wetten, dass er ihren Boss dazu bringen könnte, zuzuhören.

Und ihn leiden lassen.

Für eine ganze Weile.

Allerdings würde das, auf lange Sicht gesehen, nicht gut für sie funktionieren, und in seinem Kopf nahm eine verlockende, aber gefährliche Idee Gestalt an. Vorteilhaft für sie beide, doch reine Folter für ihn.

Er lehnte sich erneut zurück und studierte ihr Gesicht.

Sie starrte zurück. Ihre Augen, mit Blau und Grün durchsetzte Goldflecken, wurden durch diesen unbezähmbaren Geist, der darin tobte, noch viel faszinierender. Einer hoch angesehenen Frau wie Evette und ihrem Sohn zu helfen, würde ihm bei den Einheimischen viel Vertrauen, Respekt und Loyalität einbringen. Und je mehr Loyalität und Respekt er erntete, desto schneller würde er seine Ziele erreichen.

Ein Gewinn für sie und ein Gewinn für ihn.

Dafür könnte er sicherlich ein wenig Folter verkraften.

Nachdem er seine Entscheidung gefällt hatte, machte er sich eine geistige Notiz, den Namen der Firma, in der sie gearbeitet hatte, herauszufinden und den angeblichen Sicherheitsverstoß zu untersuchen. Er zog eine Visitenkarte aus seiner Tasche, schrieb eine Adresse auf die Rückseite und schob sie über den Tisch. „Seien Sie am Montag um neun Uhr morgens dort.“

Mit einer bezaubernden Kopfbewegung nahm sie die Karte in die Hand und begutachtete den formellen Druck auf der Vorderseite – ein einfacher Hinweis auf Bogatyr Industries mit einer Telefonnummer, bevor sie sie umdrehte. Evette runzelte ihre Stirn und schaute auf. „Die werden mir helfen, einen Job zu finden?“

„Nein, sie werden Ihnen einen Job geben.“

„Aber die kennen mich doch gar nicht.“

Da war es wieder. Diese Unschuld. Diese Güte, die auf wundersame Weise von dem harten Leben, das sie führte, unberührt geblieben waren. Aber sie hatte auch einen eisernen Willen, eine Stärke, die er nur bewundern konnte.

Wenn er das durchziehen würde – wenn sie die Unterstützung akzeptierte, die er ihr zu geben beabsichtigte –, wäre er wohl ständig der Verführung ausgesetzt.

Doch sie würde sehr davon profitieren. Vielleicht würde sie endlich den Halt finden, den sie brauchte, um ihre Karriere im Modegeschäft zu starten, die sie wegen ihrer plötzlichen Schwangerschaft mit Emerson aufgegeben hatte. Dorothy hatte ihm das erzählt.

Er rutschte aus der Sitzecke, richtete seine Anzugjacke und knöpfte sie zu. „Sie haben mich um Hilfe gebeten, Ms. Labadie. Seien Sie morgen früh um neun Uhr da und Sie werden sie erhalten.“

Sie starrte zu ihm empor, ihre hübschen rosafarbenen Lippen leicht geöffnet und ihre Augen vor Staunen weit aufgerissen. Als hätte sie gerade einen Ritter auf einem Einhorn durch das Diner reiten sehen. Nach ein paar Sekunden voller Verblüffung schüttelte sie ihre Benommenheit ab und stand ebenfalls auf. Sie streckte ihre Hand aus. „Danke.“

Bozhe, aber sie war winzig. Bei seiner Größe von einem Meter dreiundneunzig reichte ihr Scheitel kaum bis an seine Brust. Und dank des Staunens und der aufrichtigen Dankbarkeit in ihrem Gesicht, die ihn anstrahlten, fühlte er sich erst recht wie ein Riese. Sergei nahm ihre Hand in seine, wobei deren schiere Größe die ihrige vollständig verschlang.

Zieh sie näher.

Lass sie deine Kraft spüren.

Zeig ihr, wie sicher sie sich bei dir fühlen kann.

Er schüttelte die ungewollten Gedanken ab und löste seinen Griff. „Danken Sie mir noch nicht, malen’kaya feya.“ Er drehte sich um und ging auf die Tür zu und auf seine Männer, die draußen auf ihn warteten.

„Warten Sie.“

Beim Klang der Dringlichkeit in ihrer Stimme blieb er in der halb geöffneten Tür stehen und drehte sich zu ihr um.

Sie eilte zu ihm. „Was bedeutet das? Dieses feya-Ding.“

Emerson saß auf dem Barhocker; seine Hausaufgaben waren wegen der Interaktion zwischen Sergei und seiner Mutter längst vergessen.

Sergei richtete seinen Blick auf Evette, und zum ersten Mal seit langer Zeit, konnte er sich gegen ein Lächeln nicht wehren. „Malen’kaya feya bedeutet ‚kleine Fee‘.“ Ohne auf eine Erwiderung zu warten, nickte er Emerson zu und ging nach draußen.

Umgehend flankierten seine Männer ihn rechts und links, und die drei machten sich gemeinsam auf den Weg zu dem marineblauen BMW, der am Ende des Blocks geparkt war.

Kir schaffte es bis zum Öffnen der Hintertür für Sergei, ehe seine Neugier siegte. „Und, was hat sie gewollt?“

„Einen Job. Sie braucht einen ab Montag.“ Sergei rutschte auf den Rücksitz, wohl wissend, dass er mit einer solch vagen Antwort niemals durchkommen würde. Sie waren zu lange zusammen, um Geheimnisse voreinander zu haben. Sie kämpften schon zu viele Jahre Seite an Seite, um nur mit dem absoluten Minimum an Antworten abgespeist zu werden.

Sobald Kir sich hinter das Lenkrad gesetzt hatte, torpedierte er ihn mit einer Nachfrage. „Wirst du einen für sie finden?“

„Das habe ich bereits.“

Kir und Roman wechselten einen Blick.

Roman drehte sich auf dem Beifahrersitz so weit, dass er Sergei über die Schulter hinweg ansehen konnte, und hob eine Augenbraue.

„Sie hat Erfahrung im Putzen“, sagte Sergei. „Sie ist kompetent und vertrauenswürdig, deshalb wird sie ab Montagmorgen mein Anwesen verwalten.“

Kapitel 3

Evette überprüfte einmal mehr die Adresse auf der Visitenkarte und dann die Hausnummer, die auf der coolen Plakette am schmiedeeisernen Zaun eingeätzt war.

Yep. Definitiv der richtige Ort.

Ihr Blick wanderte zurück zu dem massiven Plantagenhaus, das vor ihr stand. Mit seiner weißen Fassade und den klassischen runden Säulen gehörte es zum typischen Architekturstil, den jeder Besucher im Garden District von New Orleans erwartete. Die zweite Etage war wie eine Galerie aufgebaut, die sich perfekt dazu eignete, bei einem Mint Julep – einem Cocktail aus Bourbon, Minze und Zuckersirup – den Sonnenuntergang zu genießen.

Und es war riesig.

Wunderschön und atemberaubend in seiner majestätischen Schönheit.

Die Frage war, warum sie hier und nicht bei einem Geschäftsgebäude war. Ja, sie hatte schon vorher gewusst, dass die Adresse, die Sergei ihr gegeben hatte, im Garden District lag. Aber bis sie aus der historischen Saint-Charles-Straßenbahn ausgestiegen war, hatte sie nicht geahnt, dass die Adresse sie zu einem Haus führen würde.

Nein, kein Haus, Evie. Ein Haus war etwas für normale Leute. Das Ding hier war eine Villa, und ein Teil von ihr hatte Angst, überhaupt dort an der Haustür anzuklopfen.

Sie starrte hoch zu dem massiven Kronleuchter, der über der riesigen Eingangstür aus Mahagoni hing. Diese Tür war das Einzige, was zwischen ihr und einem Job stand. Sie konnte entweder auf dem Bürgersteig stehen bleiben und wie eine Touristin glotzen, oder den Mut aufbringen, es anzugehen.

„Nun, Ersteres wird dir nicht dabei helfen, dich um deinen Jungen zu kümmern“, murmelte sie leise. Sie presste die Lippen aufeinander und nahm die Schultern zurück. Toll gemacht, Evie. Sie haben wahrscheinlich überall Überwachungskameras, die direkt auf dich gerichtet sind. Lass sie ruhig sehen, dass du mit dir selbst laberst.

Sie ging mit der gleichen vorgetäuschten Zuversicht voran, die sie seit dem Tag, an dem sie mit Emerson aus dem Krankenhaus gekommen war, wie einen Panzer vor sich hertrug. Das war der Moment gewesen, in dem ihr klar geworden war, dass sie sich mehr aufgebürdet hatte, als sie tragen konnte. Es war allerdings etwas Wahres dran an der Phrase: Täusch es so lange vor, bis es tatsächlich klappt. Einen Tag nach dem anderen anzugehen und ihre unerbittliche Entschlossenheit hatten ihr geholfen, so weit zu kommen, und sie hatte nicht vor, jetzt zu kneifen.

Evie drückte auf die Klingel, und hinter der Tür ertönte ein Geräusch, das sich wie eine einzelne Kirchenglocke anhörte. Sie prüfte ein letztes Mal ihr Outfit, das aus einer engen schwarzen Hose mit Aufschlägen an den Knöcheln, einem ärmellosen, cremefarbenen Häkelshirt mit Herzausschnitt und unechten Perlenknöpfen bestand. Dazu trug sie einen passenden Blazer, der an den Unterarmen hochgerollt war, und elegante, allerdings nicht allzu hohe braune Pumps. Es waren alles qualitativ hochwertige Teile, die sie im Laufe der Jahre in Secondhandläden gekauft hatte, doch niemand außer ihr würde wissen, dass es gebrauchte Ware war. Zumindest nicht, wenn sie nicht gesehen hatten, wo sie wohnte. Sie hatte gedacht, der Look würde ihre wagemutige Ich-kann-das-Einstellung vermitteln, aber angesichts des Anwesens, vor dem sie nun stand, hätte sie vielleicht besser ein klassisches Kostüm wählen sollen.

Zu spät.

Sie war hier, und nach den schweren Schritten auf einer harten Oberfläche hinter der Tür zu urteilen, wurde es nun ernst.

Der Türknauf wurde gedreht.

Evie hob ihr Kinn an und strahlte mit ihrem Markenzeichenlächeln die Tür an.

Eine Sekunde später verblasste es. Der pure Schock, als Sergei auf sie herabblickte, wurde nur noch von der Tatsache übertroffen, dass er zum ersten Mal, seit er vor einem Jahr ins Diner gekommen war, ohne Anzugjacke vor ihr stand.

Heilige Mutter Gottes, war er ein schöner Anblick. Einige Männer brauchten einen Anzug, um mächtig auszusehen, aber nicht Sergei. Das Fehlen der Jacke und wie sich sein feines Hemd über diese breiten Schultern spannte, brachte seinen erstklassigen Oberkörper erst so richtig zur Geltung.

Heute bestand sein Outfit aus einem sehr hellen lavendelfarbenen Hemd, gepaart mit einer perfekt sitzenden grauen Hose. Obwohl er stets Anzüge bevorzugte, wenn sie ihn gesehen hatte, trug er nur selten Krawatten. Auch heute machte er da keine Ausnahme. Sein Anblick verlockte eine Frau dazu, ihre Finger unter den Stoff des Hemdes zu schieben, um herauszufinden, ob er eher eine beharrte oder glatt rasierte Brust hatte.

„Ms. Labadie.“

Die Amüsiertheit in seiner Stimme brachte sie dazu, ihre Augen von seiner Brust loszureißen und seinen Blick zu erwidern. Hatte sie gestarrt?

Ähm, hallo? Natürlich hast du das. Das tust du doch immer.

Richtig. Und nun standen ihre Wangen in Flammen und sie glotzte ihn schon wieder an. Sie räusperte sich. „Ich habe nicht erwartet, Sie hier zu sehen.“ Sie drehte sich und blickte zu den anderen Häusern, die die Straße säumten. „Eigentlich habe ich nicht erwartet, überhaupt hier zu sein. Ich dachte eher, ich würde zu einem Geschäftsgebäude gehen.“

„Ein Geschäftsgebäude?“

„Ja. Sie wissen schon. Eine Vermittlungsagentur oder so etwas in der Art.“

Er trat zurück, winkte sie herein und schüttelte den Kopf. Angesichts des Grinsens auf seinem Gesicht war sie sich ziemlich sicher, dass sein Kopfschütteln mehr humorvoll als ablehnend gemeint war wegen ihrer Vermutung. „Ich fürchte, nein.“

Wow.

Der Eingang präsentierte alles, was an diesen Plantagenhäusern so wundervoll war. Er war nicht so anmaßend und verschwenderisch wie bei einigen riesigen Luxusvillen, die sie online gesehen hatte, aber dennoch so anspruchsvoll im Detail, dass er augenblicklich einen enormen Eindruck vermittelte. Die Wände waren in einem beruhigenden Buttergelb gehalten. Die weißen Fuß- und Sockelleisten waren mindestens acht Zentimeter hoch und enthielten Details, die einen Tischlermeister ins Schwärmen versetzen könnten. Eine etwa fünfzehn Zentimeter breite Bordüre aus herrlichem Hartholz umrahmten kleine achteckige, elfenbeinfarbene Kacheln, die wie ein altmodisches Kreuzstichmuster angelegt waren. „Dieses Haus ist wunderschön.“

„Es ist ein Wahrzeichen.“ Sergei schloss die Tür hinter ihr und ging voraus. „Soweit ich weiß, wurde bei der Renovierung und den Details darauf geachtet, dass sie bemerkenswert nah an der ursprünglichen Bauweise von 1867 blieben.“

Sie stoppte neben einem massiven Gemälde mit verziertem Goldrahmen – dasselbe Haus, das sie eben erst betreten hatte, aber in einer anderen Epoche angesiedelt. Irgendetwas daran beruhigte sie. Als ob alle technologischen Fortschritte der Gegenwart in einem einzigen Moment ausgelöscht worden wären und das Chaos des Sofortzugriffs auf die Welt mit sich gerissen hätte.

„Kommen Sie“, sagte er, während er neben der geschwungenen Treppe stand. „Ich führe Sie herum.“

Es gab nicht viele Dinge, die Evie die Sprache verschlugen. Nicht einmal einige der schickeren Häuser, die sie besucht hatte. Doch die Details dieser Villa ließen sie förmlich dahinschweben und erinnerten sie an all die entzückenden Bilder aus vergangenen Zeiten.

Verzierte Kristallkronleuchter. Handgeknüpfte Teppiche. Elegante Vorhänge, die vor den großen Fenstern hingen und am Boden geschmackvoll drapiert waren. All das erinnerte sie an die französischen Paläste, die sie sich einmal online angesehen hatte, nur mit einem kreolischen Flair.

„Es handelt sich um sieben Schlafzimmer und acht Bäder“, sagte er, als er aus dem Aufzug in die Küche trat. „Diese Räume erfordern regelmäßige Reinigung, ebenso wie der Ballsaal und die Wohnräume. Es gibt einen Hausmeister und eine Köchin, deren Aufgaben Sie koordinieren müssen.“

Sie würde was?

Sie blieb hinter ihm stehen. „Mr. Petrovyh.“

„Sergei.“

Sie nickte. „Sergei.“ Evie betrachtete die erstklassigen Granitarbeitsflächen mit den hochwertigen Edelstahlgeräten. Allmählich ließ die Faszination nach, die sie bisher so in den Bann gezogen hatte. Jedenfalls so weit, dass sie endlich wieder das Ruder in die Hand nehmen konnte. „Warum bin ich hier?“

„Ich zeige Ihnen das Haus und teile Ihnen meine Erwartungen mit.“

So, wie er das sagte, lag da ein gewisser Unterton in seiner Stimme, der besagte: Sei nicht dumm! Dennoch konnte sie den riesigen Elefanten im Raum beim besten Willen nicht sehen. „Und das tun Sie, weil …?“

Er vergrub seine Hände in den Hosentaschen und neigte den Kopf ein wenig zur Seite, während in seinen Augen die Herausforderung schimmerte. „Sie wollten einen Job, Evette. Seit einer Viertelstunde sind dieses Anwesen und alles, was damit zu tun hat, offiziell genau das.“ Ohne auf eine Erwiderung zu warten, drehte er sich um und schlenderte zur Hintertür der Küche. „Kommen Sie hier entlang, ich zeige Ihnen das restliche Gelände und den Pool.“

Sie folgte ihm, ohne einen einzelnen klaren Gedanken zustande zu bringen, zu fassungslos über seine beiläufige Erklärung, um auch nur darauf zu kommen, Einspruch einzulegen. In der Sekunde, als sie den hinteren Gartenbereich sah, setzte ihr Gehirn vollkommen aus, und sie akzeptierte die Tatsache, dass nichts mehr einen Sinn machen würde. Zumindest nicht, bis sie die Gelegenheit hätte, sich hinzusetzen und ihrem Verstand Zeit zu geben, das alles zu verarbeiten.

Perfekt getrimmte Hecken formten eine klassische Begrenzung um den kristallklaren Pool, und das Gras, das sich über die gesamte Rückseite erstreckte, war golfplatzwürdig. Eine Balustrade trennte die erhöhte Steinterrasse von einem geschwungenen Plattenweg aus Sandstein zum Pool. Marmorstatuen, die wahrscheinlich aus Italien importiert worden waren, schmückten die vielen bunten Blumenbeete, die wirklich alles – von Chinesischer Kräuselmyrte bis zu Rosenbüschen – beherbergten.

Sergei beendete seine Litanei an Instruktionen, von denen sie kein einziges Wort gehört hatte, stemmte seine Hände in die Hüften und blieb ihr gegenüber stehen. „Irgendwelche Fragen?“

Könnten Sie das alles noch mal wiederholen?

Besonders den Teil, bei dem ich dieses Anweisen hier leite?

Das wäre sicherlich nicht die cleverste Antwort, wenn man die sich bietende Gelegenheit betrachtete. Ehrlichkeit war ja gut und schön, aber manchmal brauchte ein Mädchen etwas Zeit, um aus der Realität schlau zu werden. „Ich habe eine Tonne von Fragen, es wird allerdings wohl eine Weile dauern, bis sie Gestalt annehmen.“

Er nickte einmal kurz, als wäre ihre Erwiderung nicht nur akzeptabel, sondern als hätte er nichts anderes erwartet. Sergei drehte sich um und ging auf ein Gebäude zu, das auf der anderen Seite des Gartens und am Ende der Einfahrt lag. „Gut, dann folgen Sie mir und wir werden über Ihr Gehalt reden.“

Für einen kurzen Moment machte sich ihr praktischer Verstand für die Verhandlungen bereit, wurde aber schnell von ihrer Neugier beiseitegeschoben, als sie sich dem allein stehenden Gebäude näherte. „Was ist hier drin?“

„Es ist das Kutscherhaus.“ Er öffnete die malerisch gestaltete Hollandtür, die als Haupteingang diente, und ging ihr voraus. Im Gegensatz zum Haupthaus hatte sich der ehemalige Besitzer hier einige Freiheiten herausgenommen. Es besaß immer noch den gleichen Charme wie alles andere, aber mit wesentlich mehr modernen Details.

Wunderschön.

Absolut atemberaubend.

Versiegelte Holzböden. Weiß getünchte Wände. Eine opulente Holztreppe mit schmiedeeisernen Details im Geländer. All dies wurde mit Geräten, die auf dem neusten Stand der Technik waren, und rustikalen Akzenten unterstrichen. Es wirkte wie ein Landhaus, das sich gegen die Moderne gewehrt hatte.

Sie schlenderte durch den Wohn- und Essbereich mit seinen hohen Decken und blieb an einem langen Esstisch mit einer Sitzbank auf einer Seite stehen. Evie blickte hinauf zur offenen Galerie, von der aus zwei Schlafzimmer abzweigten. „Wer wohnt hier?“

„Sie wohnen hier, Ms. Labadie.“ Er nahm einen großen braunen Umschlag vom Tisch und schüttete den Inhalt aus – einen kleinen Stapel Papiere, die an einer Ecke zusammengetackert waren, einen dicken weißen Briefumschlag, einen Satz Schlüssel und einen Kugelschreiber. Sergei hob den dicken Umschlag auf und reichte ihn ihr. „Sie erhalten natürlich einen Bonus für die Unterzeichnung des Vertrages und Zeit, sich um die Schulanmeldung für Emerson zu kümmern. Danach werden meine Männer Ihnen beim Umzug helfen.“

Evie hörte die Worte. Sie wusste tief im Innern, dass sie sich endlich zusammenreißen musste, um das alles zu verarbeiten, allerdings war sie zu nichts anderem im Stande, als die Schlüssel auf dem Tisch vor ihr anzustarren.

„Ich soll hier wohnen?“

„Eine Bedingung des Jobs. Nicht verhandelbar.“

Ein Platz zum Wohnen.

Ein wirklich absolut verflucht schöner dazu.

Einer, bei dem sie sich nicht ständig darüber Sorgen machen musste, dass Emerson auf dem Weg von der Schule nach Hause getötet oder rekrutiert wurde, sich einer Gang anzuschließen.

Sie war geneigt, nach den Schlüsseln zu greifen, doch stattdessen zog sie den Stapel Papiere zu sich.

Ein Vertrag.

Zahlen und Details zeichneten sich zwischen der Juristensprache ab. Eintausend Dollar pro Woche. Miete und Nebenkosten als Teil des Pakets inklusive. Drei Wochen Urlaub. Krankenversicherung.

Und alles, was sie dafür tun musste, war, das Haus sauber zu halten und die Arbeiten der anderen Dienstleister zu koordinieren.

Das war großartig.

Genau die Veränderung, die sie brauchte, um Emerson das Leben ermöglichen zu können, das er verdient hatte, und ihre Karriere wieder in die Spur zu bringen.

„Mr. Petrovyh …“ Sie leckte sich über die Unterlippe und blickte auf den Vertrag. Es gab Geschäfte, die einfach zu gut waren, um wahr zu sein, und sie wäre verflucht naiv, wenn sie nicht ihren Teil dazu beitragen würde, herauszufinden, ob dieses hier eins davon war. Sie zwang sich, ihn direkt anzusehen. „Wessen Haus ist das hier?“

Sein Grinsen war das eines Wolfes. Eines hungrigen, gerissenen und vernichtend schönen Wolfes. „Meins.“

Dieses Eingeständnis hätte sie eigentlich erschrecken müssen. Es hätte sie direkt aus der Tür jagen müssen und zurück zur Straßenbahn, mit der sie hergekommen war. Stattdessen blieb sie wie versteinert, wo sie war, und schickte ein Gebet um Verständnis gen Himmel.

„Ist das ein Problem, Ms. Labadie?“

Für einen russischen Mafioso zu arbeiten?

Mit ihm zu leben?

Nun, nicht mit ihm. Jedenfalls nicht ganz. Doch bei näherer Betrachtung musste sie sich die Frage stellen, wie hoch wohl die Wahrscheinlichkeit von umherfliegenden Kugeln und Entführung sein könnte. Sie schob den Vertrag vor sich hin und her. „Ich wusste nur nicht … Ich wusste nicht, dass eine Unterkunft inbegriffen ist. Oder dass ich für Sie arbeiten würde.“

Er pirschte sich von seiner Seite des Tisches bis zum Ende heran, umrundete ihn und kam direkt auf sie zu. Die Art, wie er sie dabei mit diesen tiefblauen Augen ansah, machte ihr klar, warum die Beute eines Raubtieres nicht flüchten konnte. Sie war zu fasziniert, von der Schönheit des Jägers vollkommen gefangen, um sich selbst zu schützen. „Ich bin ein sehr anspruchsvoller Arbeitgeber, Ms. Labadie. Ich erwarte viel von denjenigen, die für mich arbeiten. Als Gegenleistung für ihre Fähigkeiten und Loyalität biete ich eine ausgezeichnete Vergütung. Aber missverstehen Sie eins nicht …“ Er schob ihr den Vertrag wieder hin. Tätowierungen zierten die Spitzen seiner Finger – seltsame Symbole, die für sie keinen Sinn ergaben, und komplizierte Muster, die sich um seine Handgelenke schlangen, bevor sie unter den Hemdärmeln verschwanden. „Dies hier ist meine Welt und Sie werden nach meinen Regeln spielen.“

Da war es. Eine Warnung und ein Ultimatum, alles in einem. Das Angebot war großzügig. Mehr als das. Wenn sie es annehmen würde, hätte sie endlich einen Ausweg aus den nicht enden wollenden Problemen, die sie selbst verursacht hatte, als sie voller Trauer um ihre Mutter vom Weg abgekommen und schwanger geworden war.

Aber dafür würde sie einem sehr gefährlichen Mann eine Menge schulden. Mehr als das, sie würde nicht nur dem Teufel etwas schulden. Sie würde mit ihm zusammenleben. Und damit ging auch eine gewisse Gefahr einher. „Ich habe einen Sohn. Ich habe die Verantwortung für ihn. Ich kann nicht …“ Sie schluckte hart, versuchte, einen Weg zu finden, ihren Bedenken Ausdruck zu verleihen, ohne ihn zu beleidigen.

Keine leichte Aufgabe, wenn allein der Gedanke daran, was sie gerade in Erwägung zog, sie zu Tode erschreckte.

Offensichtlich stand ihr diese Angst förmlich ins Gesicht geschrieben, denn er beantwortete die unausgesprochene Frage dennoch. „Ihnen wird kein Leid zugefügt. Auch nicht Emerson. Diejenigen, die für mich arbeiten, sind unantastbar.“

Unantastbar.

Ausgesprochen mit absoluter Überzeugung.

Eine unzerbrechliche Endgültigkeit, die mit der Subtilität eines Richterhammers durch den schönen Raum hallte.

Die Logik sagte ihr, dass er das gar nicht garantieren konnte. Aber wenn sie die Entschlossenheit in seinen Gesichtszügen betrachtete und die Art, wie unerbittlich er seinen eindrucksvollen Körper positionierte, kam ihr in den Sinn, dass selbst das Schicksal es sich wohl lieber zweimal überlegen würde, sich mit ihm anzulegen.

Mit zittrigen Händen hob sie den Vertrag an und begann, ihn zu lesen, zwang sich diesmal dazu, jedes einzelne Detail davon zu verinnerlichen.

Sergei verhielt sich vollkommen ruhig. Keine unausgesprochenen oder ausgesprochenen Versuche, sie zu einer Entscheidung zu drängen. Er wirkte nur wie ein geduldiger Jäger, der auf seine aufgestellte Falle vertraute.

Der Bonus für die Vertragsunterzeichnung würde mehr als reichen, um Emersons Platz an der Schule zu garantieren. Am Ende jeder Woche hätte sie sogar genug Geld übrig, um ihre eigene Schulbildung zu finanzieren. Emerson wäre in der Lage, in einer sicheren Gegend zur Schule zu gehen, und sie hätte abends Zeit, mehr als einen Kurs pro Semester zu besuchen.

Ein Flattern breitete sich in ihrem Magen aus, und ihre Arme fühlten sich so leicht an, dass sie tatsächlich prickelten.

Hoffnung.

Es war Jahre her, seit sie sie gefühlt hatte. Sie hatten den Glauben daran schon aufgegeben, dass eine solche Chance jemals auf sie zukommen würde. Aber die Chance war jetzt hier, wenn sie mutig genug war, sie anzunehmen.

Dorothy hatte ihm vertraut und Sergei hatte all seine Versprechen gehalten. Er hatte die Schläger ausradiert, die ihr Diner überrannt und sie täglich bedroht hatten.

Ihr Blick glitt zu dem Kugelschreiber, der auf dem Tisch lag. Es war kein gewöhnlicher Stift. Eher eines dieser silbernen Dinger, die wahrscheinlich Hunderte von Dollar kosteten. Sie nahm ihn auf und das Metall fühlte sich herrlich kühl an ihren Fingern an. Das Knistern der Papiere, als sie auf die letzte Seite blätterte, war im offenen Raum in dem ansonsten stillen Moment überdeutlich zu hören. Ehe sie sich versah, starrte sie auf ihre Unterschrift.

Evette Labadie.

Jede Linie elegant und gut geübt. Eine Unterschrift, von der sie einmal geschworen hatte, sie dazu zu nutzen, um große Dinge zu vereinbaren.

Damit hatte sie nicht falschgelegen. Sie hatte sich nur nicht vorgestellt, dass es bei einem Geschäft sein würde, das sie alles kosten könnte.

Beim Aufstehen blätterte sie die Papiere wieder zurück und überreicht sie dann Sergei.

Er nahm sie entgegen, und sein ruhiges Durchblättern ließ ihn wirken wie einen zufriedenen Mann, der gerade genau das, was er wollte, in Zement gegossen hatte. „Eine kluge Wahl, Ms. Labadie.“ Er neigte seinen Kopf auf eine Art, die sich wie ein formales Ritual anfühlte, behielt dabei jedoch stets den Augenkontakt zu ihr. Sobald er sich wieder aufgerichtet hatte, war der angespannte Moment vorbei und wurde ersetzt durch seine anmaßende Selbstsicherheit, die er bereits den gesamten Morgen über zur Schau getragen hatte.

Er ging zur Tür, während er sein erstes Kommando als Arbeitgeber an sie richtete. „Gehen Sie. Kümmern Sie sich um Ihren Sohn und seine Schule. Sie haben heute Zeit, umzuziehen; meine Männer stehen Ihnen zur Verfügung. Morgen beginnen Sie mit Ihren regulären Aufgaben.“

In der geöffneten Tür hielt er inne, musterte sie von Kopf bis Fuß, hob eine Augenbraue und grinste. „Das ist eine große Aufgabe, Ms. Labadie. Ich schlage vor, Sie machen sich besser an die Arbeit.“

Kapitel 4

Sergei hatten den Großteil seines Lebens in den Vereinigten Staaten verbracht. Lange genug, um einen Abschluss in Englisch und Wirtschaft zu machen und danach noch einen Master in Business zu absolvieren, aber seine Zeit in New Orleans hatte er mit Abstand am meisten genossen. Russland war ein schönes Land, doch New Orleans war voller Leben.

Üppig und extravagant.

Der Halbmond schien von einem wolkenlosen Himmel auf sie hinunter. Er, Kir und Roman saßen um den Terrassentisch verteilt mit Blick auf den Pool. Er konnte nicht umhin, mit seiner Entscheidung, seine Familie hier zu gründen, zufrieden zu sein.

Zigarrenrauch stieg auf und mischte sich mit dem Mondlicht. Um fast zweiundzwanzig Uhr erreichten die Temperaturen noch knapp sechsundzwanzig Grad.

Am ersten Oktober.

Er lächelte in sich hinein. Wäre er jetzt in St. Petersburg, wären es gerade mal um die zwölf Grad. Im Vergleich zum Winter, wenn die Temperaturen meist weit unter den Gefrierpunkt sanken, war das noch wahrhaft angenehm.

In der zweiten Etage des Kutscherhauses leuchteten die Lichter. Die Fenster auf dieser Seite des Hauses waren eher dazu eingebaut worden, um Tageslicht hineinzulassen, statt Einblicke zu gewähren – was auch gut war. Den Morgen mit Evette zu verbringen und zu wissen, dass sie nur einen kurzen Fußmarsch von seinem Büro entfernt war, war eine echte Herausforderung für ihn gewesen. Mehr als er gedacht hatte. Besonders, wenn sie ihn mit diesen großen, unschuldigen Augen ansah.

Er wollte die Stille nicht unterbrechen. Noch zögerlicher war er, das Thema anzusprechen, das schon den ganzen Tag viel zu viel Raum in seinem Kopf eingenommen hatte. Aber er musste es wissen, musste schnell wieder sein Gleichgewicht finden, wenn er jemals die Hoffnung hegen wollte, sich in Zukunft im Griff haben zu wollen. „Wie lief der Umzug?“

Roman unterbrach sein nachdenkliches Studieren des Nachthimmels und wechselte Blicke mit Kir.

Kir schmunzelte ihn an. Eine unausgesprochene Konversation, die Sergei nur allzu gut kannte und die ihm sagte, dass sie heute viel über ihn gesprochen hatten. Oder besser gesagt, darüber, dass er Evette und Emerson in die Familie gebracht hatte.

Kirs Blick verlagerte sich auf Sergei. „Es ist gut, dass du in Aktion getreten bist. Eine Frau wie sie sollte nicht in einer solchen Bude leben.“

„Ihr Umzug war einfach“, fügte Roman hinzu. „Wenig Besitz.“

Ein unwillkommenes Jucken breitete sich unter Sergeis Haut aus. „Erklär das.“

„Gerade genug Geschirr für die beiden. Ein kleines Sofa. Zwei Einzelbetten. Ein paar Kleidungsstücke.“ Roman zuckte mit den Achseln. „Wir mussten nur einmal fahren und haben nicht mal den halben LKW voll gehabt.“

„Sie hat Geschmack“, sagte Kir. „Sie mag nicht viel besitzen, aber die Wohnung war sauber. Gemütlich.“

Das überraschte ihn nicht. Nichts, was sie jemals angehabt hatte, wenn sie Emerson vom Diner abgeholt hatte, war übertrieben, hatte ihr jedoch stets eine stilvolle Ausstrahlung verliehen. Es lag nahe, dass sich ihre Liebe zu Mode und Zweckmäßigkeit auch auf ein von ihr gewohntes Haus erstrecken würde. „Irgendwelche Beobachter?“

Kirs Mund verzog sich zu einem verschmitzten Grinsen. „Da. Der Umzug war einfach, aber wir haben uns trotzdem Zeit gelassen. Haben einen großen Umzugswagen genommen und eine Show daraus gemacht.“

Hervorragend. Das bedeutete, dass sich diese Neuigkeit schneller verbreiten würde. „Und die Schule?“

„Der Platz des Jungen ist gesichert“, bestätigte Roman. „Dem Verwalter war es unangenehm, Ms. Labadie nicht sagen zu dürfen, dass du das Stipendium in voller Höhe finanziert hast. Aber wir haben dieses Hindernis überwunden. Emerson beginnt nächste Woche.“

„Ich gehe wohl zu Recht davon aus, dass das Hindernis durch eine zusätzliche Zahlung überwunden wurde?“

„Eine wohltätige Spende für die Turnhalle, die sie bauen“, sagte Roman.

Sergei nickte und war kein bisschen überrascht, dass es dem Verwalter gelungen war, zusätzliche finanzielle Mittel aus dem Deal zu quetschen. Wenn sie sich dadurch besser fühlten, was das Arrangement mit ihm betraf, war es ihm nur recht. Er würde es später auch zu seinem Vorteil nutzen.

Romans Augen richteten sich auf das Kutscherhaus und seine Stimme fiel in eine noch tiefere Tonlage. „Der Junge ist ruhig. Ein Beobachter.“ Er sah wieder zu Sergei. „Er ist wie wir.“

Das war ihm auch aufgefallen. Er hatte diese Intensität und Weisheit in den Augen des Jungen brennen sehen. Er war zwar erst sieben Jahre alt, aber er besaß eine alte Seele, die schon zu viel gesehen hatte. Vielleicht würde er, sobald er verstanden hätte, dass nun andere Erwachsene da waren, die sich um seine Mutter kümmerten, dahin zurückkehren, wieder ein Kind zu werden. „Schirmt ihn trotzdem ab. Wenn er älter ist, wird er seine Entscheidung treffen, aber für den Moment bleibt er unberührt.“

Er klopfte die Asche von der Spitze seiner Zigarre ab und konzentrierte sich auf Kir. Während Roman für die körperlichen Aufgaben und Ausführung ihrer Pläne zuständig war, sorgte Kir für Sicherheit und Informationen, einschließlich der Technologie. „Was hast du über ihren alten Job herausgefunden?“

„Ihre Behauptung war gerechtfertigt. Ihr Ausweis wurde tatsächlich benutzt, um das Gebäude nach Geschäftsschluss zu betreten. Wenn sie es nicht war, dann hat jemand anderer Zugriff auf ihren Ausweis.“

„Derjenige muss ihr nah genug sein, um ihn ihr am nächsten Morgen zurückzugeben“, fügte Roman hinzu.

„Jemand in ihrem Wohnkomplex?“, fragte Sergei. „Freunde?“

Kir machte eine kreisförmige Bewegung mit seiner Zigarre, ehe er einen tiefen Zug davon zu sich nahm und den Rauch in den Himmel schickte. „Jeder ist ein Freund für Ms. Labadie. Jeder Mieter. Jede Person auf der Straße. Niemand ist ein Fremder.“

Eine gute Sache für sein Vorhaben, das Vertrauen der Einheimischen zu gewinnen, indem er sie zu sich holte. Allerdings wurde es zur Stecknadel im Heuhaufen, wenn es sich darum drehte, denjenigen zu finden, der Zugang zu ihrem Zuhause gehabt haben könnte. Wie dem auch sei, nun war sie sicher. Und in Zukunft würde niemand mehr an sie herankommen, ohne dass er oder seine Männer davon wüssten. „Ich will, dass sie bewacht werden. Keiner von ihnen verlässt das Gelände ohne einen der Männer. Nichts Übertriebenes, aber genug, um sie zu schützen und eine unmissverständliche Botschaft zu senden.“

Kir und Roman tauschten für eine längere Zeit Blicke aus, eine nonverbale Konversation, in die Sergei nicht eingeweiht worden war. Es war Roman, der die Stille zuerst durchbrach und zu Sergei blickte. „Was für eine Botschaft senden wir aus, moy brat?“

Ein respektvoll ausgeführter Hieb gegen Sergeis Beweggründe, aber dennoch ein Schlag. Sosehr er es auch hasste, es zugeben zu müssen, seine Brüder hatten gute Gründe, besorgt zu sein. Wenn es ihm wirklich nur darum gegangen wäre, die Gunst der Nachbarschaft zu gewinnen, indem er Evette eine Auszeit gönnte, hätte er dies mit weitaus mehr Abstand tun können.

Aber er wollte keine Distanz. Er wollte, dass die Sonne auf sein dunkles Leben schien, wollte sie sehen und spüren, auch wenn sie nie direkt auf ihn strahlen würde. „Ich folge meinen Instinkten, und die besagen, dass sie und Emerson hierher gehören.“

Es war so nah an der Wahrheit, wie es ihm möglich war. Zumindest so nah, wie er bereit war, es laut auszusprechen.

„Keiner deiner anderen Angestellten hat Wachen.“ Wie Roman bemühte sich auch Kir, seine Worte sorgfältig zu wählen, aber es steckte noch immer eine unverwüstliche Eisenfaust dahinter. „Wenn du diesen Weg einschlägst, markierst du sie beide. Du stellst damit deinen Anspruch auf sie klar, ob du es willst oder nicht. In unserer Welt ist das gefährlich. Es schafft Risiken für sie und Verbindlichkeiten für uns.“

Das wusste er. Und doch konnte er sich nicht dazu entschließen, seinen Kurs zu ändern. Sergei starrte auf die Fenster des Kutscherhauses und spürte die gleiche Gewissheit, die er an dem Tag empfunden hatte, als Yefim ihm seinem Mentor und seine Vaterfigur, Anton, vorgestellt hatte. „Sie stehen unter unserem Schutz. Sie gehören zur Familie.“ Er blickte zu Kir, dann zu Roman. „Und wenn jemand es wagt, sie anzufassen, stirbt er.“

Kapitel 5

Evette drehte den schicken Wasserhahn aus Edelstahl an der Spüle ab, starrte ihn an und wartete.

Er tropfte nicht.

Ebenso war keiner der Badewannenstöpsel undicht, eine Tatsache, an die sie sich selbst nach einer Woche in Sergeis Kutscherhaus kaum gewöhnen konnte. Genauso genial war der Fakt, dass Emerson und sie jeweils ein eigenes Badezimmer zur Verfügung hatten. In ihrem Bad stand eine dieser riesigen Badewannen mit Düsen, die nach einem langen Arbeitstag einfach der Himmel auf Erden waren und in denen das Wasser warm gehalten wurde.

Es waren zwei kleine zusätzliche Vergünstigungen zu all dem anderen Luxus, der eigentlich nicht so viel bedeuten sollte, wie er es tat, sich aber dennoch wie ein Lottogewinn anfühlte. Und von heute an würde Emerson nicht mehr durch gefährliche Gegenden laufen müssen, wenn er zu Schule ging. Die Frage, die sich ihr stellte, war, ob der Preis für so viel Segen es wert war. Sicher, die Unterkunft war jenseits von allem, was sie bisher gehabt hatte, aber mit ihr kamen auch Wachen. Viele von ihnen. Einige waren um das Anwesen herum positioniert, und mindestens ein oder zwei davon folgten Emerson und ihr, wenn sie irgendwohin gingen. Und das, obwohl Evie versucht hatte, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Sie hielten sich stets im Hintergrund, aber sie waren eine ständige Präsenz und erinnerten Evette an die Welt, in der sie sich nun bewegte.

Die Aussicht vom Küchenfenster aus war nicht überwältigend. Nur ein kleiner Hinterhof, der von italienischen Zypressen eingerahmt wurde, mit gepflegten Hibiskusbüschen dazwischen, die ohne Zweifel im Spätfrühling und Sommer wunderschön waren. Doch es war verdammt schön, in den angenehmen Nächten rausgehen und sich in einen der gemütlichen Liegestühle setzen zu können. Einen solchen Luxus hatte sie noch nie in ihrem Leben gehabt. Und da die frühe Morgensonne sich gerade am Himmel zeigte, war es verlockend, sich ein wenig Ruhe für sich selbst zu gönnen. Allerdings war es Emersons erster Tag an der neuen Schule, und sie wollte nicht riskieren, dass sie zu spät kamen.

Sie trocknete sich die Hände mit einem der Küchenhandtücher ab, die einen Tag nach ihrem Einzug zusammen mit anderen Küchenutensilien und -geräten geliefert worden waren, und rief die Treppe hinauf: „Emerson, bist du wach?“

„Ja.“

Oh je. Nur ein Wort, aber der Tonfall zeigte, dass er immer noch schlechte Laune hatte. Nachdem Emerson von ihrer neuen Arbeit und den damit verbundenen Wohnräumen erfahren hatte, war er neugierig – und sogar ein wenig hoffnungsvoll – gewesen. Doch in der Sekunde, als er mitbekommen hatte, dass er auf eine andere Schule gehen würde, hatte er dichtgemacht wie eine von Liebeskummer geplagte Frau, die ihren Schwarm an die beste Freundin verloren hatte.

Vielleicht könnte sie ihn mit Essen bestechen, um ihn in gute Laune zu versetzen. „Möchtest du etwas Besonderes für deinen großen Tag?“

„Ja. Wie wäre es, wenn ich wieder an meine alte Schule gehen könnte?“

„Das wird nicht passieren, Großer. Die Lehrer waren sich alle einig, dass diese Schule perfekt für dich ist.“

Er kam in Sichtweite. Die für alle männlichen Schüler vorgeschriebenen braunen Hosen und rotbraunen Hemden ließen ihn noch mehr wie einen Erwachsenen gefangen in einem Kinderkörper wirken. Emerson warf sich den Rucksack über eine Schulter und stampfte die Treppe hinunter. „Die haben leicht reden. Die sind ja auch nicht diejenigen, die wieder von vorne anfangen und neue Freunde finden müssen.“

Allerdings hatte Emerson gar keine Freunde. Er hatte nie über jemanden erzählt, war nie zu jemandem nach Hause gegangen oder hatte jemanden eingeladen. Das war eine weitere Sache, die seinen Lehrern aufgefallen war. Normalerweise neigte er eher dazu, sich mit den Lehrern zu unterhalten.

„Wenn jemand neu anfangen und es richtig machen kann, dann du.“ Sie wartete, bis er das Ende der Treppe erreicht hatte, legte den Arm um ihn und zog ihn in einer dieser unbeholfenen Umarmungen an sich, die der Junge zu hassen schien. „Man weiß nie, Kleiner. Dies könnte der Beginn von etwas richtig Großem für dich sein.“

Emersons Blick glitt zu dem Fenster, das zur Haupteinfahrt zeigte, und sein Gesichtsausdruck veränderte sich. Neugier und Wachsamkeit lagen darin, und das passte besser zur Mimik eines Siebenjährigen. „Vielleicht für uns beide.“

Hmm.

Interessant.

Ein mürrischer Emerson, daran war sie gewöhnt. Den schlecht gelaunten Emerson konnte sie tolerieren. Aber ein verschmitzter Emerson wäre die reinste Freude.

Sie öffnete die Tür der Speisekammer, die ebenfalls einen Tag nach ihrem Einzug unaufgefordert aufgefüllt worden war, und begutachtete den Inhalt. „Wonach ist dir?“

Emerson richtete seine Aufmerksamkeit auf sie und sein unergründlicher Gesichtsausdruck war wieder zurückgekehrt. „Nach gar nichts.“

Lüge.

Sie senkte ihr Kinn und sah ihn mit diesem typischen „Mach-jetzt-keine-Faxen“-Blick an, den ihre Momma früher stets bei ihr eingesetzt hatte. „Du weißt, dass es eine eingebaute Lügendetektorfunktion bei jeder Frau gibt, die in der Minute, in der sie entbindet, ausgelöst wird. Egal, wie sehr das Kind versucht, sie zu überlisten, wir wissen immer die Wahrheit.“

Emersons Augenwinkel kräuselten sich. Mutter Gottes, war das etwa ein Lächeln? Nicht breit genug, dass dabei Zähne zu sehen wären, aber eindeutig ein Heben der Lippen mit einer gewissen Frechheit.

Sie packte den Griff der Speisekammer fester, sog den Moment in sich auf und ließ sich darauf ein. „Also, bist du jetzt damit fertig, mich auf den Arm zu nehmen? Wir müssen nämlich noch frühstücken, bevor wir zur Schule aufbrechen.“

„Ich bin fertig.“ Er senkte den Kopf und tat so, als ob er etwas in seinem Rucksack suchen würde, aber das Grinsen war nach wie vor da.

„Gut. Was möchtest du denn jetzt haben? Lucky Charms, Pop-Tarts oder Froot Loops?“

„Mom, du weißt doch, dass die Unmengen von Zucker enthalten.“

Gott steh ihr bei. Wie viele Mütter mussten ihre Kids dazu überreden, Junkfood zu essen? „Natürlich weiß ich das. Ebenso weiß ich auch, dass du, wenn du es jetzt nicht genießt, puren Zucker zu essen, absolut etwas verpasst. Also? Was darf es nun sein?“

Emerson zuckte mit den Schultern. „Vermutlich Lucky Charms.“

Evette schnappte sich die XL-Packung und fing an, eine Schüssel zu füllen. „Gute Wahl. Schließlich sind sie auf magische Weise köstlich.“

Das Glucksen, das vom Landhaustisch ertönte, brachte sie fast dazu, die Milch über der gesamten Arbeitsplatte zu verschütten.

Ein Lächeln und ein Lachen?

Beides nicht übertrieben ausgelassen, aber ein Schritt in die richtige Richtung.

Und die Antwort auf die Frage, die sie in der letzten Woche jede Nacht zu lang wachgehalten hatte. Das Glücksspiel mit Sergei Petrovyh lohnte sich absolut. Vor allem, wenn es bedeutete, ihren Jungen aus dem dunklen Loch herauszuholen, in dem er gesessen hatte.

Das Frühstück war erledigt und das Geschirr in die Spülmaschine geräumt – ein Gerät, das nicht nur neuwertig war, sondern auch erstaunlich leise lief. Evette schnappte sich ihre Handtasche und zog sich einen leichten Pullover über, weil es morgens inzwischen recht frisch draußen war. „Komm schon, Champ. Lass uns dieses neue Abenteuer beginnen.“

Er schaute finster drein und murmelte etwas vor sich hin. Sie wusste, dass es sie verärgern würde, wenn sie nachhaken würde, was er gesagt hatte, also ignorierte sie es und wartete an der Haustür auf ihn.

Die drei Männer, die Emerson und sie in der letzten Woche abwechselnd überall hin begleitet hatten, standen etwa drei Meter entfernt von ihrer Tür. Sie würde sich wohl daran gewöhnen müssen, dass ihr immer jemand auf Schritt und Tritt folgte, aber angesichts der Tatsache, für wen sie arbeitete, hatte sie es akzeptiert und die Sicherheitsvorkehrungen sogar zu schätzen gelernt. Was sie allerdings nicht erwartet hatte, war, dass Sergei neben seinem hammergeilen BMW stand und sich mit Kir und Roman unterhielt. Er sah genauso gut aus wie immer. Heute trug er zu seinem grauen Anzug ein weißes Hemd und hatte sein langes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Er wirkte damit halb wie ein Biker, halb wie ein Geschäftsmann, alles mit der Ausstrahlung eines mörderischen Mafiabosses.

Sie spürte, wie Emerson neben ihr stehen blieb. „Dir ist schon klar, dass er es merkt, wenn du ihn beobachtest?“

Für sein Alter war er viel zu scharfsinnig. Es wäre klüger, das nicht zu vergessen und ihre gaffenden Blicke besser für sich zu behalten. „Man kann keiner Frau einen Vorwurf machen, wenn sie den Anblick eines gut aussehenden Mannes zu schätzen weiß. Eines Tages, wenn du erwachsen bist und voller Selbstbewusstsein umherstolzierst, wird dich eine Frau ebenso bewundern, und du wirst mir zustimmen.“

„Pffff.“

„Pffff“, machte sie ihn nach und öffnete die Tür. „Lass uns gehen.“

Während sie Sergei gänzlich ignorierte, schwebte sie förmlich an ihren Wachen vorbei. „Heute ist nur der erste Tag an einer neuen Schule, Jungs. Alles friedlich zwischen hier und dem Schulkomplex. Also kein Grund zur Sorge.“

Nachdem die Männer ihr in der letzten Woche wiederholt die gleichen Argumente entgegengebracht hatten, hatte sie wenigstens eine kleine Diskussion erwartet, doch die Wachen blieben stumm und standen einfach nur da.

„Wir sehen uns, Tony. Tschüss, Reggie. Tschüss, Mikey“, rief Emerson ihnen zu.

Beim Klang seines vertrauten, nahezu gut gelaunt klingenden Abschieds wäre Evette fast gestolpert, als sie zu ihrem Sohn zurückblickte.

Emerson schob seinen Rucksack höher auf die Schulter. „Was denn?“

Sie schüttelte den Kopf, drehte sich um, um zu sehen, wohin sie lief, und blieb einen Schritt weiter stehen, kurz bevor sie mit Sergei zusammenstieß. „Oh, hey.“ Sie sah zu Kir und Roman, die etwas versetzt hinter ihm standen. „Wir sind gerade auf dem Weg zur Schule.“

„In der Tat.“ Sergei bewegte sich auf die Hintertür des BMW zu. „Aber ihr werdet nicht zu Fuß gehen.“

Schweigsam wie immer bewegte sich Mikey hinter ihr und öffnete die Autotür für sie.

Evette hatte zwar viele Gelegenheiten gehabt, das Äußere der teuren Limousine zu bewundern – Emerson hatte sich bemüht, ihr zu erklären, dass es sich dabei um einen Alpina und damit um die prestigeträchtigste BMW-Linie handelte –, aber sie hatte sie nie von innen gesehen, und das war genauso beeindruckend. Hellbraunes Leder, das über weich gepolsterte Sitze gespannt war und durch glänzendes dunkles Holz hervorgehoben wurde. In den beiden Rückenlehnen der Frontsitze waren Bildschirme eingebaut und jeder Zentimeter des Innenlebens war ausstellungsreif.

Sie hörte auf, den Wagen zu bewundern, und drehte sich zu Sergei um. „Wir müssen nicht fahren. Es ist eine gute Gegend und es ist schönes Wetter. Wir können laufen.“

„Sie werden fahren.“

„Mr. Petrovyh, das ist nicht notwendig.“

Sergei hob eine Augenbraue.

„Sergei“, korrigierte Evette sich selbst. „Wir können wirklich zu Fuß gehen. Das ist gesund.“

„Vielleicht an einem anderen Tag.“ Er kam näher und senkte seine Stimme. „Mein Gebiet, Ms. Labadie. Meine Regeln.“

Am liebsten hätte sie ihm ihre Meinung über eigenmächtiges Handeln gegeigt, aber die Vernunft riet ihr, ihre Kämpfe besser auszuwählen. Es würde in Gegenwart von Emerson nicht gut aussehen. Also gab sie nach und bedeutete Emerson, auf dem Rücksitz Platz zunehmen. Kaum war ihr Sohn in den Wagen geklettert, flüsterte sie über ihre Schulter zu Sergei: „Warum muss ich Sie beim Vornamen nennen, wenn Sie mich immer noch mit meinem Nachnamen ansprechen?“

Evette rechnete nicht wirklich mit einer Antwort darauf und hatte nur etwas entgegnen wollen, ehe sie ihrem Sohn in den Wagen folgte. Sie hätte definitiv nicht damit gerechnet, dass Sergei einen Arm um ihre Taille legen, sie an seinen starken, massiven Körper ziehen würde und, bevor sie einsteigen konnte, mit seiner Stimme und diesem Akzent in ihr Ohr flüstern würde: „Weil ich, malen’kaya feya, den Klang meines Namens auf deinen Lippen mag.“

Seine Berührung war so schnell verschwunden, wie sie passiert war, aber sein hoch aufragender Körper blieb eine stete Präsenz hinter ihr. Und die Wirkung seiner Aktion sowie die geflüsterte Nachricht rasten noch immer durch jede Faser ihres Körpers.

Mit einer Hand stützte sie sich auf dem Autodach ab, unsicher, ob sie ihn ansehen und herausfinden sollte, ob sie sich das gerade nur eingebildet hatte oder ob es besser wäre, sich im Wagen zu verstecken.

Es grenzte schon fast an Masochismus, dass sie es nicht sein lassen konnte, ihren Kopf wenigstens so zu drehen, dass sie sein Gesicht sehen konnte.

Nein. Das hatte sie sich nicht eingebildet. Dieses Grinsen war viel zu auffällig, und er hatte den Gesichtsausdruck eines Mannes, der nicht nur mit seiner Handlung, sondern auch mit der Reaktion, die er damit provoziert hatte, mehr als zufrieden wirkte.

Hitze schoss ihr in die Wangen. Sie duckte sich, um in den Wagen zu steigen, und ihre eigentlich fließenden Bewegungen dabei waren so zittrig, dass sie fast mit dem Kopf an das Autodach prallte. Evette strich sich mit den Händen über die jeansbedeckten Oberschenkel und stieß einen bebenden Atemzug aus.

Er veräppelt dich nur. Es gibt nichts, was man da hineininterpretieren sollte. Lass es hinter dir und mach einfach mit deinem Tag weiter.

Ohne Vorwarnung schob sich Sergei neben sie auf den breiten Rücksitz und zwang sie dazu, in die Mitte zu rutschen.

Die Tür schlug zu und die zwei vorderen öffneten sich. Mikey setzte sich hinter das Lenkrad und Roman nahm auf dem Beifahrersitz Platz, wobei keiner der beiden Männer einen Blick nach hinten riskierte.

„Was machen Sie da?“, schnappte Evette ein wenig zu scharf.

Ungerührt wie immer schlug er ein Bein so über das andere, wie es nur der Rücksitz einer Luxuslimousine erlaubte. „Ich würde wohl annehmen, dass das recht offensichtlich ist, Ms. Labadie. Ich begleite Sie.“

„Ich brauche keine Hilfe dabei, meinen Sohn zur Schule zu bringen.“

„Natürlich nicht. Aber Sie haben erwähnt, dass es sich um eine außergewöhnliche Schule handelt, und ich bin ein großer Befürworter von Bildung. Ebenso ist sie auch ein Teil des Viertels, in dem ich lebe, also möchte ich mich gern selbst dort umsehen.“

Der Wagen verließ die Einfahrt. „Sie sind ein Befürworter von Bildung?“

Seine Lippen zuckten und doch behielt er seinen Blick zur Frontscheibe gerichtet. „Ich habe Englisch und Wirtschaft im Hauptfach studiert. Ebenso habe ich einen Master in Business. Also ja, ich bin ein absoluter Anhänger von Wissenschaften.“

Rechts neben ihr lachte Emerson.

Zweimal Gelächter, ein Lächeln und freches Benehmen ihres Sohnes und etwas, was sie nur als ernsthafte sexuelle Anspielung ihres todbringenden Bosses verstehen konnte – das alles vor acht Uhr morgens. Bei dem Tempo würde sie vor Mittag Wein und ein Nickerchen brauchen.

Emerson beugte sich weit genug vor, um Sergei ansehen zu können. „Wieso Englisch als Hauptfach?“

„Weil ich Literatur mag.“

„Hmm, das macht Sinn.“ Mit einem Nicken lehnte sich ihr Sohn wieder zurück. „Mom mag sie auch. Ganz besonders das Zitat: Die meisten Menschen führen ein Leben in stiller Verzweiflung und sterben mit dem gleichen Lied in ihrem Herzen. Deswegen hat sie mir den Namen Emerson gegeben.“

Sergei hob den Blick, bis er auf die Rückenlehne des Sitzes vor Emerson sah. „Dieses Zitat stammt von Henry David Thoreau.“

„Das stimmt, aber sie sagte, Henry und David wären zu schlicht und Thoreau wäre als Vorname scheußlich, also hat sie den Namen von Thoreaus Mentor Emerson genommen.“

Ein Ausdruck, den sie nie zuvor gesehen hatte, zeigte sich auf Sergeis Gesicht. „Sie sind eine faszinierende Frau, Ms. Labadie.“

„Dorothy sagt immer, sie sei anstrengend“, entgegnete Emerson.

Nun verwandelte sich ihr Sohn auch noch in eine wahre Plaudertasche.

Mit Sergei Petrovyh.

Was zum Geier war hier los?

Sergeis Lippen bewegten sich nicht, aber wie er sie musterte, bevor er seinen Blick wieder zur Windschutzscheibe richtete, zeigte Evie deutlich, dass er innerlich lachte. „Daran zweifle ich keinen Moment.“

Die restliche Fahrt verging in Stille, bis auf das kaum wahrnehmbare Dröhnen der Autoreifen auf der Fahrbahn und das Rattern der vorbeifahrenden Saint-Charles-Straßenbahn.

Es war seltsam, in diesem Teil der Stadt zu leben. Während in den Vierteln, in denen sie aufgewachsen war, immer irgendeine Art von Lärm oder Aktivität herrschte, wirkten die Reihen von Villen aus dem 19. Jahrhundert mit ihren schmiedeeisernen Zäunen und den riesigen Bäumen, die dichte Schatten auf die Straßen warfen, stets friedlich und ruhig. Als würde die Pracht der ehemaligen Plantagen, die sich einst über das gesamte Gebiet erstreckt hatten, die Menschen, die nun auf diesem Grund und Boden lebten, wie in einem sanften Bann halten.

Die prestigeträchtige Fassade von Emersons neuer Schule kam in Sichtweite. Der große Vorhof war von einem drei Meter hohen Eisenzaun umgeben und die davorstehende Reihe Eichen wirkten, als würde sie die Schule vor dem Rest der Welt beschützen. Das breite Flügeltor stand offen und Mikey fuhr in den Kreisverkehr mit seinen perfekt gestutzten Hecken.

Die Architektur war wunderschön, eine Mischung aus altenglischem Charme und Südstaatenflair. Das Erdgeschoss war u-förmig und besaß überdachte Terrassen mit weißen Säulen. Die beiden darüberliegenden Stockwerke waren aus hellen Ziegelsteinen und mit rotbraunen Fensterläden versehen. Sogar Emerson, der an dem Tag, an dem sie ihn eingeschrieben hatte, jedes Details in sich aufgesaugt hatte, schien abermals wie gebannt davon zu sein. Sein Blick klebte förmlich an der Engelsstatue, die mit weit geöffneten Armen einladend über dem Haupteingang thronte.

Bevor Evette etwas sagen konnte, um ihren Sohn aus seiner Faszination für den Engel zu holen, war Roman bereits ausgestiegen und öffnete die Hintertür.

Emersons Blick glitt zu den Schülern, die sich langsam auf den Weg in das Gebäude machten, wobei die große Mehrheit davon eifrig den offensichtlichen Neuankömmling in der ausgefallenen Karre musterten. Bevor Emerson aus seinem Sitz rutschte und zwei Schritte von der Tür weggegangen war, war Sergei bereits ausgestiegen und bot Evie hilfreich seine Hand an.

Evette legte ihre Stirn in Falten und sah ihn an. „Was haben Sie vor?“

Er neigte seinen Kopf leicht zur Seite und tat ganz unschuldig. „Ich fahre meine Angestellte und ihren Sohn an seinem ersten Tag zur Schule und zeige Interesse an meinem Viertel. Was sollte ich sonst tun?“

Sie zeigte ihm ihre eigene Version von einer arrogant hochgezogenen Augenbraue, ignorierte seine ausgestreckte Hand und bahnte sich den Weg aus der Limousine. „Das kaufe ich Ihnen nicht ab.“ Sie richtete sich auf und marschierte zu Emerson, der mit Roman am Rand der Einfahrt stand. „Ein Mann wie sie tut nichts, ohne mehr als einen Grund zu haben. Ich habe nur noch nicht alle davon herausgefunden.“

Sie hatte es eigentlich leise sagen wollen, doch ihre Worte mussten wohl so deutlich gewesen sein, dass sowohl Roman als auch Emerson ihre Gesichter abwandten.

Allerdings erst, nachdem sie deren Grinsen gesehen hatte.

Zu viel Testosteron. Daran musste es wohl liegen.

Notiz an mich: Stell mehr Frauen ein.

Schließlich hatte Sergei gesagt, dass sie jetzt das Sagen hätte. Sie könnte genauso gut den Vorteil nutzen und nur noch weibliches Personal einstellen, um das hormonelle Gleichgewicht herzustellen.

Der Rest der Schule war ebenso fabelhaft wie das Äußere. Marmorböden, gewölbte Kathedralen-Decken in der Kapelle mit außergewöhnlich detaillierten Formen sowie Statuen, die geschmackvoll inmitten einer sorgfältigen Gartengestaltung platziert worden waren. Kurz gesagt – viel Geschichte und ein Haufen alter Reichtum.

Mit Emerson an ihrer Seite ging sie auf den Empfang zu. Während sie versuchte, so zu tun, als ob Sergei und seine Männer gar nicht anwesend wären, musste sie sich eingestehen, dass deren undurchdringliche Anwesenheit ihren Nerven einen Extraschub Mut verlieh. „Hallo, ich bin Evette Labadie und das ist mein Sohn Emerson.“

Eine Frau in einem dunkelblauen klassischen Anzug kam aus ihrem Eckbüro. „Ms. Labadie, wie schön, Sie zu sehen.“

Interessant. Evie hatte diese Frau noch nie zuvor gesehen; sie hätte auf keinen Fall jemanden mit so beneidenswertem erdbeerblondem Haar vergessen. Hätte ihr Haar diese Farbe, hätte sie mit Sicherheit mehr damit gemacht, als es einfach nur hochzustecken. Ja, es wirkte edel, aber die Frisur war eher etwas für Abendkleider und Cocktailpartys.

Evie streckte ihre Hand aus. „Ich glaube, wir sind uns noch nicht vorgestellt worden.“

Die Frau schüttelte sie – nicht zu lasch und auch nicht zu männlich. Was angenehm war, weil Evie beides hasste. „Ich bin Dekanin Benedict, aber Sie können mich gerne Caroline nennen. Wir sind so froh, dass Emerson unsere Schule besucht.“ Sie blickte auf die Bürotür hinter ihr und ihr Lächeln wurde breiter. „Und das ist Emersons Klassenlehrerin, Maddie Smith.“

In einem Wirbel aus Händeschütteln und Begrüßungen wurden sie und Emerson durch die Tür in Richtung seines Klassenzimmers geschoben. Sergei und seine Männer folgten ihnen nicht, und seltsamerweise war sie davon ein wenig enttäuscht.

Ms. Smith erwies sich als eine kluge, energische Frau, die offensichtlich gern mit Kindern arbeitete.

Emerson war höflich, aber zurückhaltend, und all der lässige Humor, den er auf der Fahrt hierher gezeigt hatte, war nun wieder unter der Maske verborgen, die er in den letzten zwei Jahren aufgehabt hatte.

Mit einem kurzen Winken, von dem sie hoffte, dass es ihn nicht zu sehr in Verlegenheit brachte, verabschiedete sich Evie von der Lehrerin und betrat erneut den ruhig gewordenen Flur. Ihre hellblauen Sneaker quietschten auf dem Marmorboden, als sie zurück zu den Büros ging, und zum ersten Mal, seit Sergei ihr an diesem Morgen über den Weg gelaufen war, beruhigte sich der Rhythmus ihres Herzschlages etwas.

Einstand geschafft.

Wenn sie es jetzt noch hinkriegen würde, ihre Sorgen um ihn auf ein Minimum zu reduzieren, bis sie ihn am Nachmittag wieder abholen würde …

Der Gedanke brach ab, als sie durch die breiten Fenster, die das Hauptbüro umgaben, Sergei erblickte. Die Dekanin, die beiden Damen, die den Empfang besetzten, und ein Mann in Sicherheitsuniform bildeten einen losen Kreis um ihn herum. Die Ladys warfen ihm, was nicht wirklich überraschend war, hingerissene Blicke zu, die typisch für liebestolle Frauen überall waren. Der Mann hingegen hatte seine Daumen in seinen Zubehörgürtel gehakt und die Schultern zurückgenommen.

Er ist nicht an der Schule interessiert. Er ist hier, um einen Standpunkt klarzumachen. Einen sehr starken und unmissverständlichen.

Deswegen war die Dekanin da, um sie zu begrüßen. Das war also der Grund dafür, warum Emersons Unterlagen sofort bearbeitet worden waren und warum seine Lehrerin persönlich gekommen war, um ihn in sein neues Klassenzimmer zu begleiten.

Sie stand verblüfft vor dem Fenster und konnte sich nicht entscheiden, ob sie sich nun über diese beschützende Geste freuen oder eher wütend über den Ärger sein sollte, den es für ihren Sohn bedeuten könnte, wenn die anderen Kinder davon Wind bekämen.

Vielleicht beides.

Sergei drehte sich um und ihre Blicke kreuzten sich.

Um herauszufinden, weshalb sie seine Aufmerksamkeit verloren hatte, sah Dekanin Benedict in Sergeis Blickrichtung, strahlte Evette mit einem entzückten Lächeln an und eilte schnell auf sie zu.

Die Verabschiedung war kurz und im Wesentlichen eine Wiederholung der Begrüßung, die sie erhalten hatte.

Wir freuen uns, Sie und Ihren Sohn bei uns zu haben.

Wir sind immer für Sie da, wenn Sie etwas brauchen.

Sollten Sie Hilfe benötigen, rufen Sie uns jederzeit an oder kommen Sie vorbei.

Diese Gesprächsfetzen mischten sich mit kräftigem Händeschütteln und einer persönlichen Eskorte zurück zum Kreisel und zu Sergeis wartenden Wagen.

Evette bekam von all dem kaum etwas mit. Sergeis Präsenz in ihrem Rücken war ihr zu sehr bewusst. Ganz besonders, als er besitzergreifend den Arm um Evies Schulter legte und der Dekanin die Hand schüttelte. „Es scheint so, als ob Sie eine sehr gute Schule leiten würden, Ms. Benedict.“ Sein scharfsinniger Blick richtete sich auf den Sicherheitsmann, der mit ihnen nach draußen gegangen war, und kehrte dann zur Dekanin zurück. „Es ist gut, zu wissen, dass Emerson an einem Ort ist, an dem Sicherheit und Bildung im Fokus stehen.“

Dekanin Benedict bemerkte Sergeis Arm um Evies Schulter, und das bereits megawattstarke Lächeln auf ihrem Gesicht strahlte noch heller. „Oh ja. Ein sicheres Umfeld ist entscheidend für eine qualitativ hochwertige Bildung. Ich garantiere Ihnen, dass unsere Schüler hier jederzeit sicher sind.“

„Gut.“ Sergeis Hand glitt an Evies Wirbelsäule hinab, ruhte nun an ihrem unteren Rücken und zerstreute das, was von ihrem Verstand noch übrig geblieben war. „Jetzt lassen wir Sie wieder an Ihre Arbeit gehen. Danke, dass Sie uns heute persönlich hier willkommen geheißen haben.“

„Natürlich, es war uns eine Freude.“

Das Einsteigen in den Wagen geschah wie in Trance. Sergeis verweilende Berührung sickerte bis zum letzten Augenblick so massiv wie ein Opiat in ihren Blutkreislauf ein. Als er auf den Rücksitz neben sie rutschte, war er immer noch so nah bei ihr. So nah, dass ihr Körper regelrecht darum bettelte, ihren Schenkel die wenigen Zentimeter zu seinem überbrücken zu lassen, um Kontakt herzustellen.

Es brauchte ein paar Straßen und einige ruhige Atemzüge, um wieder zu sich zu kommen und ihre Stimme wiederzufinden. „Was ist hier los?“

Ein langes Schweigen herrschte zwischen ihnen, bevor er redete. „Das sagte ich Ihnen bereits, Ms. Labadie. Diejenigen, die sich in meiner Umgebung aufhalten, sind unantastbar. Ich halte es für besser, meine Erwartungen frühzeitig und klar zu kommunizieren, sodass es keine falschen Annahmen oder Möglichkeiten für Fehlinterpretationen geben kann.“

Sie hatte also richtig gelegen. Er hatte eine Botschaft geschickt. Nur wusste sie nicht genau, welche Art von Botschaft es war. „Als ich den Antrag ausgefüllt habe, habe ich der Dekanin mitgeteilt, dass ich für Sie arbeite.“

„Und sie weiß, dass es wahr ist, weil ich es heute bestätigt habe.“ Er hielt lange genug inne, um sie wieder anzusehen. „Ich habe damit aber auch klargestellt, dass ich Sie und Emerson als Familie betrachte und Sie als solche unter meinem Schutz stehen.“

Familie.

Das war es, was die Berührung und das Getue bedeutet hatten. Eine persönliche Darbietung, die für ihre und Emersons Sicherheit sorgen sollte. Nicht mehr und nicht weniger.

Und doch, dieses Wort allein schlug eine mächtige Saite in ihr an. Ein Lied, das mit mehr Nachhall gefüllt war, als sie seit Langem gespürt hatte. Abgesehen von den Gesprächen mit Dorothy und den paar wenigen unerwünschten Besuchen ihres Onkels gab es nur noch Emerson und sie. Zuvor waren es einzig sie und ihre Mutter gewesen, die den Unfalltod ihres Vaters betrauert hatten, als Evie fünfzehn Jahre alt gewesen war.

Sie erwiderte seinen festen Blick. Die Tiefe seiner blauen Iriden war ebenso geheimnisvoll und dekadent wie ein mondheller Mitternachtshimmel. Ja, er war ein Raubtier. Ein Wolf, der kaum von der menschlichen Haut verborgen blieb. Aber sie spürte auch noch etwas anderes darunter.

Eine verlorene Seele.

Eine, die ebenso verletzlich war, wie die jedes anderen.

Das Vibrieren ihres Handys in ihrer Gesäßtasche riss sie aus ihren Gedanken. Sie zuckte mit den Achseln, senkte ihren Blick und gab ihren Pin ein.

Onkel Carl: Wo steckst du? Ich war gerade bei deiner Wohnung und dein Vermieter hat gesagt, ihr seid weggezogen. Du kannst nicht einfach umziehen und deiner Familie nicht sagen, wo du bist.

Ähm, ja, und ob sie das konnte. Und wenn es nach ihr ginge, würde sie die Zeit vor einem Besuch von Onkel Carl hinauszögern, so lange es möglich war. Sie hatte sich in seiner Nähe nie wohlgefühlt. Obwohl Emerson nichts davon gesagt hatte, war sie sich sicher, dass er genauso empfand. Aber ein Zusammentreffen, bei dem Onkel Carl Sergei begegnen könnte?

Sie schauderte und tippte eine Antwort.

Yep. Hatte nur keine Zeit, zu texten. Kann nicht reden. Bin auf der Arbeit. Sende später Informationen.

Das war nicht gerade eine langfristige Lösung, aber sie dachte, sie könnte für ein oder zwei Tage vergessen, nähere Informationen zu schicken. Jedenfalls würde es ihr genug Zeit geben, einen besseren Grund zu finden, um ihn auf Distanz zu halten.

Sie steckte ihr Handy zurück in die Gesäßtasche, sah auf und bemerkte Sergeis missmutigen Blick.

„Alles in Ordnung, feya?“

Nun, es wäre besser, wenn er nicht so nah bei ihr wäre, dass sie ihn hätte berühren können. Wirklich, der Mann hatte echt keine Ahnung wie sich eine raue, tiefe Stimme auf eine Frau auswirken konnte. „Mir geht es gut.“ Sie tat ganz gleichgültig, so, als ob sie die vorbeiziehende Szenerie in sich aufnähme. „Bloß Familienkram.“

Zwar konnte sie ihn während ihrer vorgetäuschten Beobachtung der Nachbarschaft nicht direkt sehen, aber sie spürte seinen Blick.

„Ms. Labadie.“ Er sagte nichts weiter, was bedeutete, dass er darauf wartete, dass sie seinen Blick erwiderte, bevor er fortfahren würde.

Sie atmete tief ein, hob ihr Kinn und gab ihm, was er wollte, sah ihn mit erhobenen Augenbrauen an.

„Erinnern Sie sich, was ich Ihnen sagte!“, begann er. „Diejenigen, die für mich arbeiten, sind unantastbar. Sollte Ihnen also jemand Sorgen bereiten, erwarte ich, dass Sie diese Sorge sofort mit mir teilen.“

Oh, oh. Es wäre definitiv keine gute Idee, Onkel Carl in nächster Zeit auf Sergei treffen zulassen. Wenn es ihr sogar schwerfiel, zu verbergen, wie unangenehm allein Nachrichten von Onkel Carl waren, wäre es unmöglich, dies zu überspielen, wenn er leibhaftig vor ihr stünde. Und sie wurde das Gefühl nicht los, dass Sergei alles mitbekam, was sich in seiner Umgebung abspielte.

Sie kreuzte die Arme mit so viel Frechheit, wie sie aufbringen konnte – und das war eine Menge – und starrte entschlossen aus dem Fenster. „Glasklar, Mr. Petrovyh. In der Tat, glasklar.“

Kapitel 6

Er sollte arbeiten, sollte auf der Straße präsent sein und die Geschäfte, die er am Laufen hatte, mit allen Mitteln durchziehen. Und das würde er auch tun.

Irgendwann.

Aber im Moment war die Videoüberwachung der Küche, die gerade auf Sergeis Monitor zu sehen war, einfach zu unterhaltsam, um sich davon abzuwenden. Er drehte die Lautstärke an seinem Computer ein wenig höher.

„Echt jetzt?“ Evette blickte von der Einkaufsliste auf, die Olga ihr nur ein paar Sekunden zuvor hingeschoben hatte, und sah verblüfft zu der stämmigen Köchin. „Sie erwarten allen Ernstes von mir, dass ich in das teuerste Lebensmittelgeschäft der Stadt gehe, um Sachen zu besorgen, die ich woanders billiger einkaufen könnte?“

Olga wirkte nicht im Geringsten eingeschüchtert. Sie sah nicht mal vom Herd auf, während sie weiter im Topf herumrührte. Und angesichts des Mangels an Leidenschaft in ihrem schweren russischen Akzent war sie nicht annähernd gewillt, Evettes Argumentation zu folgen. „Es ist da, wo die besten Zutaten zu finden sind, also ist es da, wo ich sie herhaben will.“

„Allerdings ist es Geldverschwendung.“

Olga hob die Schultern. „Es ist nicht mein Geld, aber es ist mein Essen.“

Evette richtete sich zu ihrer vollen Körpergröße von eins fünfzig auf und stemmte die Hände in die Hüften. „Nein, es ist Sergeis Geld, und es ist meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sein Haushalt effizient geführt wird. Dazu gehört auch, wie sein Geld ausgegeben wird.“

Olga erstarrte und wartete einen Herzschlag lang, bevor sie den Löffel am Rand des Kochtopfes abklopfte und ihn sanft beiseitelegte. Sie drehte sich langsam zu Evette um und eine unerschütterliche Entschlossenheit lag auf ihren harten faltigen Gesichtszügen. Da sie fast ein Meter zweiundachtzig groß und ihr Körper so stämmig wie ein Fass Scotch war, hätten die Bewegungen und ihr Gesichtsausdruck so manchen Mann dazu gebracht, einen vorsichtigen Schritt zurückzuweichen.

Doch nicht Evette.

Sie stand einfach da, entschlossen wie immer, und zeigte dieselbe finstere Mimik wie die Köchin.

„Mein pakhan wird kein billiges Essen essen“, sagte Olga.

„Und das werde ich auch nicht von ihm verlangen. Das alles bekommt man auf dem Bauernmarkt am Donnerstag für fast die Hälfte des Preises.“

„Ich brauche die Zutaten nicht am Donnerstag. Ich brauche sie heute.“

„Dann ändern Sie Ihr Menü.“

„Nein.“ Olga gab ein missbilligendes Geräusch von sich und wandte sich wieder dem Herd zu. „Sie besorgen die Zutaten oder Sie reden mit dem pakhan. Ich werde es nicht tun.“

Gut gekontert, alte Freundin. Mit diesem einen Satz hatte sich die listige Frau durchgesetzt, denn wenn die letzten Wochen ein Indiz waren, würde eher die Hölle zufrieren, als dass Evette ihn freiwillig aufsuchen würde.

Er wusste allerdings nicht, ob er erleichtert oder irritiert darüber sein sollte, dass nicht nur ihm aufgefallen war, dass sie ihm auswich.

Offensichtlich war Evette mit dem Ergebnis ihrer Auseinandersetzung mit Olga nicht zufrieden, weil sie ihre Hände an den Hüften zu Fäusten ballte, bevor sie aus der Küche marschierte.

Lachend drehte Sergei die Lautstärke wieder herunter und lehnte sich in seinem Bürosessel zurück, um entspannt ihren Weg durch das Haus über die Kameras zu verfolgen. Von allen Menschen, die auf seinem Anwesen arbeiteten, seine Soldaten eingeschlossen, war Olga die Einzige, die nicht nach Evettes Pfeife tanzte. Anderseits war er der Einzige, der nicht ihre Aufmerksamkeit gewinnen konnte.

Vielleicht hatte er sie an Emersons erstem Schultag zu weit getrieben, hatte sie mit seiner Berührung erschreckt. Schließlich war sie ein Engel und er war der Teufel. Die zwei Seiten eines Spektrums waren dazu bestimmt, sich nie zu begegnen.

Aber ein Mann kann träumen.

Beladen mit einer Kiste voller Reinigungsutensilien knallte Evette die Tür zum Lagerraum neben der Küche etwas fester zu als normal, eilte den Hauptflur entlang und die Haupttreppe hinauf, hielt sich dann rechts, um direkt auf das Büro zuzusteuern.

Er hatte kaum Zeit, sich von seiner entspannten Beobachtung aufzurichten und die Tastatur in die Hände zu bekommen, bevor sie in seine Sichtweite stürmte.

Sie blieb auf der Stelle stehen und taumelte dann zwei Schritte rückwärts. „Oh. Entschuldigung. Ich dachte, Sie wären mit Ihren Jungs unterwegs. Ich komme später wieder.“

Sein Puls stieg und klopfte kräftiger in seiner Kehle. Eine irritierende Reaktion, die ihn beinahe dazu brachte, sein Schweigen zu bewahren. Stattdessen schlüpfte ihm eine herausfordernde Bemerkung über die Lippen. „Und warum sollten Sie das tun?“

Ah, das war es wieder. Seine hartnäckige feya blieb stur und nahm sich zusammen, um sich selbst zu beweisen. Diese Frau hatte wirklich einen unbezähmbaren Geist. Das zog ihn an, forderte ihn geradezu heraus, sie noch ein wenig mehr zu drängen.

„Ich bin hier. Sie sind hier.“ Er zeigte in dem weiten Raum umher, wo Ledersofas und Stühle zu einer bequemen Sitzmöglichkeit angeordnet waren. „Es gibt nichts, was Sie davon abhält. Oder doch?“

Eine Sekunde. Ein wertvolles Stückchen Zeit, das er verpasst hätte, wenn er geblinzelt hätte.

Aber das hatte er nicht getan. Und in diesem kleinen Moment erhaschte er einen Blick auf das Unerwartete.

Hunger.

Vielleicht nicht die rohe, animalische Art von Hunger, die ihn mehr als einmal abends hinaus auf die Terrasse gelockt hatte, von wo aus er auf die Fenster des Kutscherhauses gestarrt hatte. Wo er sich an das Gefühl ihres Körpers an seinem erinnert hatte, als er sie an sich gezogen hatte. An den Duft von exotischen Blumen auf ihrer Haut, als er ihr ins Ohr geflüstert hatte, und wie sie deswegen erschaudert war.

Aber da war etwas.

Vielleicht war sie nicht ängstlich.

Vielleicht wollte sein Engel mit dem Teufel tanzen.

Sein Puls beschleunigte sich noch mehr, mit der gleichen entschlossenen Erwartung, die einer Konfrontation vorausging. „Ms. Labadie?“

Sie räusperte sich, ging zu einem der Regale voller klassischer Bücher, die bis zur Decke reichten, und stellte ihre Kiste mit Putzutensilien auf dem Boden neben dem Couchtisch ab. „Ich wollte Sie nicht stören, aber wenn es Ihnen recht ist, dass ich hier bin, dann werde ich mich meiner Aufgabe widmen.“

Es war gut, dass sie zu sehr darauf bedacht war, ihre Gleichgültigkeit zu demonstrieren, indem sie die Regale abstaubte, sonst hätte sie womöglich sein Lächeln bemerkt.

Noch bevor er sie jemals zu Gesicht bekommen hatte, hatte Dorothy sie bereits eine Rakete genannt. Im vergangenen Jahr hatte er sich persönlich davon überzeugen können, als er sie im Diner beim Rein- und Rausgehen beobachtet hatte, doch in den letzten drei Wochen, seit sie angefangen hatte, für ihn zu arbeiten, hatte er eine Menge von diesem Temperament mitbekommen.

Er zwang sich dazu, sich wieder auf den Bildschirm zu konzentrieren. Es gelang ihm sogar, die ersten Zeilen eines Geschäftsvertrages zu lesen. Und dann schweifte sein Blick erneut über den Rand des Monitors hinweg.

Evette stand noch immer mit dem Rücken zu ihm. Ihre Jeans war schlicht – ohne auffällige Applikationen, so wie einige Frauen sie gern trugen, aber der Saum war an den Knöcheln etwas emporgerollt. Der Schnitt betonte ihren Hintern und ihre Hüften besonders gut. Das blassrosa Tanktop unterstrich die leichte Bräune auf ihren Armen, die körperliche Arbeit gewohnt waren. Ihre kurzen Haare offenbarten einen freien Blick auf ihren Nacken, eine köstliche Körperpartie. Er hatte geträumt, daran zu naschen.

Sie hielt inne, nahm das Handy aus ihrer Gesäßtasche und blickte auf den kleinen Bildschirm. Sergei konzentrierte sich wieder auf den Monitor vor ihm, ertappte sie jedoch dabei, wie sie ihm einen kurzen Blick zuwarf.

Sie schrieb eine SMS, schob das Handy zurück in die Tasche und fuhr mit ihrer Arbeit fort.

Einige Minuten später wiederholte sich dieser Vorgang. Und dann erneut. Und jedes Mal, bevor sie eine weitere Nachricht tippte, prüfte sie zuerst kurz, was er tat.

Es wäre clever gewesen, es einfach zu ignorieren und der Versuchung gänzlich auszuweichen. Allerdings mochte er es, sich mit Evette anzulegen. Sogar mehr, als er sich selbst eingestehen wollte. „Stimmt etwas nicht, Ms. Labadie?“

Sie sah vom Sofatisch auf, den sie gerade mit einer nach Zitrusfrüchten duftenden Lösung eingesprüht hatte. „Wie bitte?“

„Ihr Handy. Sie haben es jetzt dreimal überprüft. Gibt es etwas, um das Sie sich kümmern müssen?“

Ein zurückhaltendender Ausdruck breitete sich auf ihrem Gesicht aus, bevor sie ihren Blick schnell von ihm abwandte und begann, die Oberfläche abzuwischen. „Es ist nichts.“

Bullshit. Wäre nichts gewesen, hätte sie die Textnachrichten vollkommen ignoriert und garantiert nicht so schnell weggeguckt, als er nachgefragt hatte. Sie schien zwar nicht annähernd so besorgt zu sein wie vor zwei Wochen, als sie die SMS im Wagen erhalten hatte, sie wirkte allerdings immer noch beunruhigt. Und obwohl er keine Ahnung hatte, wer ihr an diesem Tag die Nachricht geschickt hatte, hatte er flüchtig, aber deutlich genug den Satz ‚Wo steckst du?‘ lesen können. Wenn seine feya einen Grund hatte, warum sie nicht gefunden werden wollte, dann musste er das wissen. „Ich habe bei zwei Gelegenheiten klargestellt, dass ich es nicht mag, wenn diejenigen, die unter meinem Schutz stehen, Sorgen irgendwelcher Art haben. Sind Sie sicher, dass es nichts gibt, was Sie mir mitteilen möchten?“

Sie warf den Lappen auf den Tisch, stemmte die Hände in die Hüften, genauso wie sie es zuvor bei Olga in der Küche getan hatte. „Nein, Mr. Petrovyh. Das möchte ich nicht. Nur wenn Sie planen, mein Kind oder die Lehrer wegen der Hausaufgaben zu terrorisieren.“

Normalerweise schockte ihn nichts, aber das überraschende Thema traf ihn völlig unvorbereitet, und er war sicher, dass sich das auch in seinem Gesicht widerspiegelte. „Hausaufgaben?“

„Ja, sie wissen schon. Dieses lästige Zeug, von dem jeder Mensch glaubt, er hätte es hinter sich gelassen, als er die Schule abgeschlossen hat, nur um dann festzustellen, dass er den ganzen Kram noch einmal durchmachen muss, sobald er Kinder hat.“ Sie runzelte die Stirn, griff nach dem Spray, das sie bereits zuvor benutzt hatte, und begann damit, die Beistelltische neben der schönen gepolsterten Flügelrückenlehne einzustäuben. „Diese Schule mag ja die beste Erfindung seit geschnitten Brot sein, aber bei den Hausaufgaben wird echt nicht gespart.“

So verführerisch es auch war, über den Anblick ihres Hinterns zu schmunzeln, riss er sich zusammen und konzentrierte sich wieder auf seinen Computer. „Nein. Ich kann mir vorstellen, dass sie das nicht machen.“

Stille legte sich über den Raum, die nur durch Evettes zügige Reinigung und sein sporadisches Tippen auf der Tastatur unterbrochen wurde. Ihr Handy blieb in ihrer Hosentasche, doch angesichts ihrer finsteren Mimik hätte er wetten können, dass Emerson mit seinen SMS-Nachrichten nicht langsamer geworden war.

Es ergab eigentlich Sinn. Der Junge mochte für sein Alter recht reif sein, aber bei einem Siebenjährigen war Geduld nicht gerade die Norm.

Sergei schloss das Dokument, loggte sich aus dem Computer aus und erhob sich. „Ich muss mich um etwas kümmern.“

Evette nickte nur, statt zu antworten, wich seinem Blick aus und machte weiter.

Er lief die Treppe hinunter, durch den Flur und die Küche, nahm den direkten Weg über das hintere Grundstück und war schließlich dort, wo er sein musste. Sergei klopfte an die Eingangstür des Kutscherhauses.

Nur zehn Sekunden später öffnete sie sich, und nach der Überraschung auf Emersons Gesicht zu urteilen, war Sergei wohl der letzte Mensch, mit dem er gerechnet hatte.

„Hey“, sagte Emerson, schüttelte sich dann und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. „Ich meine, hallo, Mr. Petrovyh.“

„Du machst Hausaufgaben?“

Emersons Augenbrauen schossen in die Höhe und formten auf seiner Stirn ein V. „Ja, Sir.“

„Was für welche?“

„Mathe.“

„Und das fällt dir schwer?“

Der Junge verzog seine Lippen, als hätte er etwas Ungenießbares probiert. „Die Lehrer sagen, dass meine Klasse wahrscheinlich ein oder zwei Stufen weiter ist als die an meiner alten Schule. Ich habe einiges nachzuholen.“

Kein Beschweren. Kein Jammern. Nur eine simple Feststellung von Tatsachen. Sergei trat einen Schritt zurück und winkte Emerson ins Haupthaus. „Komm mit. Du wirst mir zeigen, woran du gerade arbeitest, und ich werde dir helfen, bis deine Mutter mit ihren Aufgaben fertig ist.“

Emersons Augen, die genau die gleiche Farbe wie die seiner Mutter hatten, verengten sich und eine gewisse Vorsicht tanzte darin. „Wirklich?“

Sergei nickte. Und wartete.

Der Junge sah zu dem Küchentisch, auf dem sein Buch aufgeschlagen neben seinem Ordner lag, und wieder zurück zum Haupthaus. „Haben Sie Kekse?“

„Olga hat immer Teegebäck da.“

„Teegebäck?“

„Ein russischer Favorit und besser als Kekse. Viel Zucker und Walnüsse.“

Emerson sah aus, als würde er es ihm nicht abkaufen, doch er nahm sich wenigstens die Zeit, seine Optionen abzuwägen. „Mom hat mich bisher nicht mit zum großen Haus genommen. Sie sagt, es sei der Ort, an dem sie arbeitet, und keiner, um sich umzuschauen.“

„Ja, aber das große Haus gehört mir, und wenn ich dich einlade, bist du mein Gast.“

Es dauerte nur wenige Sekunden, bis Emerson die Schultern hob, seine Bücher einsammelte und die Haustür hinter sich zuzog. „Okay, los geht’s.“

Sergei hatte gedacht, dass es unangenehm sein könnte, mit einem Kind zu arbeiten, doch mit Emerson zusammen zu sein, war ebenso einfach, wie sich auf ihn einzulassen. Vor allem, als Olga ihn zu Gesicht bekam und anfing, ihn mit russischen Süßigkeiten zu überhäufen.

Die Hausaufgaben waren in unter fünfundvierzig Minuten erledigt.

„Also“, sagte Sergei und wischte sich den Puderzucker von seinen Fingern. „Wie läuft es in der Schule?“

„Gut“, antwortete Emerson, der gerade einen Bissen vom Teegebäck genommen hatte. „Habe bisher noch nicht wirklich Freunde gefunden. Bis auf einen Jungen. Er geht in meine Klasse. Ziemlich schüchtern und ruhig, aber nett. Ansonsten bin ich nur damit beschäftigt, mitzukommen.“

„Das wird sich ändern.“ Jedenfalls hoffte Sergei darauf. Als er so jung gewesen, war, hatte er selbst nicht gerade viele Freunde gehabt. Die meisten der Jungs um ihn herum hatten ihn entweder geärgert oder ihm vorgeworfen, dass er wegen Anton bevorzugt behandelt würde. Andere hatte ihm wegen seiner Beziehung zu Anton eine Freundschaft vorgetäuscht. Nur wenige hatte er als echte Verbündete angesehen. „Mit der Zeit wirst du dich eingewöhnen und neue Leute kennenlernen.“

Schnelle Schritte von weichen Sohlen auf dem Parkettboden waren zu hören, kurz bevor Evette in die Küche schneite. Ihr Kopf war gesenkt, die Kiste mit Putzutensilien hing an ihrem Unterarm und ihre Daumen schienen im Dauerfeuermodus eine Textnachricht zu schreiben. So vertieft, bemerkte sie zuerst nicht, dass sie nicht allein in der Küche war.

Ihr Kopf schnellte empor.

Ein Blick auf Emerson und sie blieb wie versteinert stehen. „Baby, du hast nicht auf meine Textnachrichten geantwortet.“ Sie runzelte die Stirn und sah von Sergei zu Olga. „Und wieso bist du überhaupt hier? Hatte ich dir nicht gesagt, dass dies hier das Haus von Mr. Petrovyh ist?“

„Er hat mich eingeladen.“

Ihr Kopf flog zurück, als hätte man sie gerade geohrfeigt, und sie blinzelte wie jemand, der nach Tagen in der Dunkelheit zum ersten Mal wieder das Tageslicht sehen konnte. „Hat er das?“

„Hmm, hmm.“

Sie sah Sergei an. „Das haben Sie?“

„In der Tat.“

„Warum?“

„Er hat mir mit den Hausaufgaben geholfen.“ Emerson schob seinen Ordner auf die leere Stelle neben ihm auf dem Tisch. „Schau es dir an. Der Russe kennt sich in Mathe aus.“

Olga kicherte und murmelte auf Russisch: „Der Russe. Ich mag das. Der Junge hat Eier, genau wie seine Mutter.“

Sergei hielt sein Lächeln zurück, allerdings nur knapp. Er hatte schon die Vermutung gehabt, dass Olgas Sturheit Evette gegenüber eher Show als tatsächlich ein territoriales Verhalten gewesen war, und mit dieser kleinen Bemerkung hatte sie ihn darin bestätigt.

Evette ging zu dem Hochtisch und prüfte die Aufgaben ihres Jungen. Sobald sie zufrieden war, schloss sie die Mappe und begegnete Sergeis Blick. „Danke.“

„Das habe ich gerne gemacht.“

Sie nahm den Ordner auf und wollte ihn gerade an Emerson zurückgeben, als sie ein gefaltetes goldenes Blatt Papier zwischen den Seiten entdeckte. Sie zupfte es hervor und öffnete es. „Was ist das?“

Emerson schnappte es ihr weg. „Es ist nichts.“

„Es ist nicht nichts, wenn ich es nicht lesen kann.“ Evette nahm es wieder zurück, faltete es auseinander und überflog die Zeilen, die darauf standen. Eine Sekunde später wurde ihr Gesichtsausdruck ganz weich und sie hob ihren Blick zu Emerson. „Ein Vater- und Freunde-Frühstück?“

„Die sind doof.“ Emerson zog das Papier aus Evettes lockeren Fingern und legte es beiseite. „Es geht sowieso kaum jemand da hin. Ist keine große Sache.“

Aber es war eine große Sache. Und nach Evettes Gesichtsausdruck zu urteilen, war es das auch schon bei vielen anderen Gelegenheiten gewesen. „Du könntest deinen Onkel Carl bitten, mitzugehen.“

„Nein.“ Emerson stapelte sein Lehrbuch auf seinen Ordner und hüpfte vom Hochstuhl. „Das letzte Mal, als wir das versucht haben, konnte ich für Wochen keinem mehr ins Gesicht sehen.“

„Wer ist Onkel Carl?“, frage Sergei.

„Der Bruder meines Vaters“, antwortete Evette mit einem verzweifelten Seufzen. Sie folgte Emerson, der bereits zur Hintertür gegangen war. Die Tür führte zum Hinterhof und zum Kutscherhaus dahinter. „Emerson, achte auf deine Manieren und sag Mr. Petrovyh Gute Nacht.“

Emerson blieb an der Hintertür stehen und sah Sergei mit einem Stirnrunzeln an, das seine Züge noch mehr trübte. „Vielen Dank für Ihre Hilfe. Und für die Kekse. Beziehungsweise das Teegebäck. Oder wie auch immer die genannt werden. Tut mir leid, dass ich übellaunig geworden bin.“

„Mathe kann das bei Menschen bewirken“, sagte Sergei. Er nickte ihm zum Abschied zu und konzentrierte sich dann auf Evette. „Das nächste Mal, wenn Ihr Sohn Hilfe braucht, kann mein Haus warten.“

Es war das erste offene Lächeln, das sie ihm schenkte, seit – nun ja, vielleicht seit dem Tag, an dem sie sich an seinen Tisch bei Dorothy‘s gesetzt hatte. „Danke schön.“ Sie schubste Emerson nach draußen und winkte Olga zum Abschied. „Ich sehe Sie beide dann morgen früh.“

Und mit diesen Worten waren die zwei verschwunden und hinterließen eine unangenehme Stille in der Küche.

Olga legte ihre gefaltete Schütze auf der Kücheninsel ab und schlenderte zur Tür, die zu ihren Privaträumen führte. „Ich ruhe mich aus. Das Abendessen wird in einer Stunde fertig sein.“

Sie wartete nicht auf eine Antwort, sondern ließ Sergei einfach mit seinen Gedanken und der nachklingenden Energie des Jungen und seiner Feenmutter allein.

Fast mittig auf dem Tisch lag das zusammengefaltete goldene Blatt Papier.

Sergei hob es auf und las es.

Väter- und Freunde-Frühstück

8:00 Uhr, 26. Oktober

Aus irgendeinem unerklärlichen Grund holte ihn erneut die Erinnerung ein an Evettes offenes Lächeln, bevor sie durch die Hintertür verschwunden war, gefolgt von der schieren Verwunderung auf ihrem Gesicht, als sie erfahren hatte, dass er Emerson bei den Matheaufgaben geholfen hatte.

Endlich hatte auch er einen Vorgeschmack, allerdings nur einen kleinen, auf die Leichtigkeit und Zärtlichkeit bekommen, die sich alle anderen in seinem Haushalt bis auf Olga verdient hatten.

Er mochte es.

Sehr sogar.

Er faltete das Papier einmal der Länge nach, steckte es in die Brusttasche seiner Anzugjacke und schlenderte zurück zu seinem Büro. Auf die eine oder andere Weise würde er einen Weg finden, noch mehr als dieses Lächeln zu verdienen.

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717,64 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
05 ноября 2024
Объем:
380 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783864954863
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Первая книга в серии "Haven Brotherhood Spin-off"
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