Читать книгу: «Inspiration Schweiz»
Über dieses Buch
Sie kamen als Flüchtlinge, Touristen oder Ruhebedürftige. Sie suchten Freiheit, Abenteuer oder Zuflucht: Künstler aus der ganzen Welt. Und vieles ist ihnen die Schweiz über die Jahrhunderte gewesen, Exil, Arbeitsplatz, gelobtes Land, Kurort, Heimat, Station der Bildungsreise und schliesslich, einmal im Land, eine Quelle der Inspiration. Maler oder Schriftsteller, Musiker oder Filmemacher, sie alle liessen sich in der Schweiz zu Werken anregen, die wir noch heute bewundern.
70 Mal sind Redaktoren und Mitarbeiter des «Tages-Anzeigers» diesen Schweizer Inspirationen nachgegangen. Von A wie Andersen bis Z wie Zelda Fitzgerald, von A wie Ascona bis Z wie Zizers ist daraus ein faszinierendes künstlerisches Porträt der Schweiz entstanden.

Martin Ebel, geboren 1955 in Köln, ist seit 2002 Literatur-Redaktor des «Tages-Anzeigers». Er studierte in Köln, Freiburg i. Br. und Paris und promovierte mit einer Arbeit über den Kollaborationsschriftsteller Pierre Drieu la Rochelle.
Er war und ist Mitglied diverser Literatur-Jurys. Autor von «Allein das Zögern ist human. Zum Werk von Markus Werner», und Herausgeber von «Nackt gebadet, gejauchzt bis zwölf. Weltliteratur in Zürich – 50 Porträts».
Inspiration
Schweiz
70 Autoren, Künstler, Musiker, Schauspielerinnen an 70 Schauplätzen
Herausgegeben von Martin Ebel
Illustrationen von Lea Küchler
Mit Beiträgen von Pierfrancesco Basile, Barbara Basting, Monika Burri, Jean-Martin Büttner, Martin Ebel, Bernhard Echte, Martin Halter, Daniela Janser, Guido Kalberer, Alexandra Kedves, Luzius Keller, Susanne Kübler, Joachim Laukenmann, Christine Lötscher, Simone Meier, Thomas Meyer, Peter Müller, Walter Obschlager, Roland Schäfli, Christoph Schneider, Fritz Senn, Urs Strässle, Marlies Strech, Paulina Szczesniak, Andreas Tobler
Limmat Verlag
Zürich

The blue Rigi
Die Schweiz als Inspiration
«Inspiration Schweiz» möchte zu einer Schweizerreise der besonderen Art einladen. Es ist nicht die klassische «Grand Tour» entlang der kanonischen Orte, die der einstige Tourist gesehen haben musste, sondern eine Reise durch die Kulturgeschichte, wie sie sich in der Schweiz niedergeschlagen hat – nachdem sie ihre Inspiration hier empfangen hat. Die Schweiz hat Dichter und Maler, Komponisten und Filmemacher in erstaunlicher Zahl zum Schaffen und Schöpfen angeregt, und sie haben sich revanchiert mit grossen Kunstwerken. Was ist nicht alles in der Schweiz entstanden! Die «Meistersinger» und die «Duineser Elegien», der «Zarathustra» und Tschaikowskys «Violinkonzert», dazu Bilder, die in den bedeutendsten Museen hängen. Zu vielen anderen Werken ist hier ein Keim gesetzt worden, der dann andernorts aufging.
Warum in der Schweiz? Die wenigsten der hier versammelten «Inspirierten» sind ja gebürtige Schweizer. Was zog sie hierher?
Die einen kamen als Touristen, als Erlebnishungrige, als Naturfreunde auf der Suche nach erhabenen oder erhebenden Landschaften. Oder nach sportlichen Herausforderungen: Sherlock-Holmes-Erfinder Conan Doyle steckte seine Landsleute mit seiner Begeisterung für das Skifahren an. Emil Nolde bestieg Jungfrau und Matterhorn, Johannes Brahms immerhin den Niesen.
Andere fanden in der Schweiz eine Zuflucht, waren in ihrer Heimat verfolgt aus politischen, religiösen, finanziellen Gründen. Erasmus von Rotterdam kam im 16. Jahrhundert nach Basel als ein früher – und prominenter – Immigrant. Viele folgten in den nächsten Jahrhunderten bis in unsere Tage, auch wenn die meisten keinen «Namen» haben. Der Maler Gustave Courbet verliess Frankreich, um einer exorbitanten Schadenersatzforderung zu entgehen, Patricia Highsmith wich dem französischen Finanzamt aus. Charlie Chaplin hatte genug von den USA und deren Hatz auf wirkliche oder vermeintliche Kommunisten und liess sich am Genfer See nieder, wo ihn nur noch die Schiessübungen am Sonntag störten.
Mancher Schweizbesucher hatte auch medizinische Motive: Guy de Maupassant wollte seine Syphilis kurieren, Erich Kästner seine Lungenkrankheit. Beiden half ihr Aufenthalt in Leukerbad und Agra nicht, und der alkoholkranken Zelda Fitzgerald nicht die (damals noch sehr rüde) Therapie in der Klinik von Les Rives de Prangins. Arbeitsmigranten gab es auch schon in der Vergangenheit. Hegel, Fichte und Hölderlin kamen als Hauslehrer hierher, Gottfried Semper als oberster Baumeister der Schweiz. Somerset Maugham war während des Ersten Weltkriegs Agentenführer in einem Land, das «vor Spionen wimmelte». Schliesslich lockte die spektakuläre Kulisse immer wieder Filmregisseure in die Berge, während Casanova – wen wunderts – überall nur Venushügel sah.
Nicht jeder war und nicht jede wurde glücklich in der Schweiz. «Oh Gott, welch ein wundervolles Land», rief Charles Dickens aus, Rousseau wurde sein Exil auf der St. Petersinsel zur «glücklichsten Zeit» seines Lebens. Aber in der Schweiz lache nie jemand, bemängelte Ingeborg Bachmann. Selbst die Gebildeten könnten nicht dialektfrei sprechen, monierte Somerset Maugham, Alphonse Daudet schimpfte über schlechten Service und diebische «Saaltöchter», Gottfried Semper störte sich am Gremienwesen und daran, dass jeder «Wicht» sich in seiner «Nullität» den Bedeutendsten ebenbürtig dünke. Auch die Berge gefielen ihm nicht, sie verstellten bloss die Aussicht.
Nun, die Menschen sind verschieden, und sie machten unterschiedliche Erfahrungen in ihrem Gastland. Die Schweiz ist ja schon in sich verschieden, was sich mit ihren Besuchern und dem, was diese schufen, noch vervielfältigte. Diese Vielfalt spiegelt die Schweizerreise dieses Buches wieder.
«Inspiration Schweiz» ist nicht als kompaktes Buchprojekt entstanden, sondern als Zeitungsserie im «Tages-Anzeiger». Diese wiederum ist die Nachfolgerin der Serie «Geschrieben in Zürich», die sich auf einen Ort und eine Kunstgattung konzentrierte und mit fünfzig Kapiteln 2007 unter dem Titel «Nackt gebadet, gejauchzt bis zwölf» im Verlag Nagel & Kimche erschienen ist. Wegen der grossen Beliebtheit bei den Lesern lancierten wir 2008 eine neue Reihe, diesmal mit Blick auf die ganze Schweiz und alle Kunstsparten. Der Reihe lag kein fertiger Plan zugrunde, sie ist von Folge zu Folge entstanden, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, auf Systematik oder auch nur auf Proportionalität. Leitlinie war mal der Wunsch der jeweiligen Autoren, über einen Künstler zu schreiben, mal der Vorschlag des Herausgebers. So erklärt sich, was alles fehlt oder zu bemängeln wäre: Es sind nicht arg viele Frauen vertreten (ein Manko, das allerdings jedes kulturhistorisch orientierte Werk behaftet); es gibt ein deutliches Übergewicht der Literatur (daran sind der Herausgeber und die Mitarbeiter schuld, deren Neigung sich hier niederschlug); auch die Kantone sind nicht gleich gut vertreten (dafür ist die Kulturgeschichte verantwortlich, die bestimmte Städte und Landschaften bevorzugte; anders als die Schweiz im Ständerat konnten wir hier nicht für eidgenössischen Ausgleich sorgen).
Ist nicht der Kunstbegriff auch recht weit gefasst mit Kapiteln zu Cäsar, Casanova, Bebel und Einstein? Nun, Cäsar und Casanova gelten als hervorragende Stilisten, Bebel ist ein geistiger Vater der Sozialdemokratie, und Einsteins Relativitätstheorie hat für das Denken moderner Schriftsteller ebenso grosse Bedeutung wie das «Kant-Erlebnis» für Heinrich von Kleist. Der Kulturbegriff dieses Buches entspricht mit Deep Purple, Hildegard Knef, Karl May und Luis Trenker im Übrigen dem, den längst jedes zeitgemässe Feuilleton pflegt.
Natürlich fehlen Namen über Namen! Bei einigen eigentlich unverzichtbaren Autoren, deren Aufenthalt für sie wie für die Schweiz wichtig war – von Büchner über Thomas Mann bis zu Brecht und Musil –, haben wir dennoch verzichtet, weil sie schon in der vorangehenden Serie und dem entsprechenden Buch berücksichtigt waren. (Aus diesem Buch haben wir sechs Kapitel übernommen.)
Wem der Sinn nach enzyklopädischer Vollständigkeit steht, der greife zu einem Lexikon. Alle anderen seien herzlich eingeladen zu unserer Schweizerreise. Die er, wenn sie ihn angeregt hat, durch eigene «Inspirationen» ergänzen und erweitern kann. Ein vollständiges Buch «Inspiration Schweiz» wäre wohl ein unendliches Buch. Denn wer weiss, wo gerade jetzt Dichter, Maler, Musiker von einer Schlucht, einem Seepanorama, einer Altstadtgasse oder in einem Asylzentrum den entscheidenden Anstoss für ein bahnbrechendes Werk empfangen?
Martin Ebel
Der Denker von der
Bäumleingasse

Erasmus von Rotterdam
Erasmus von Rotterdam fand in Basel alles, was er brauchte: Drucker und Schnellpost, Burgunder und kluge Gesprächspartner, einen wärmenden Kamin.
Erasmus von Rotterdam war nicht nur der erste politische Asylant der Schweiz, sondern auch der erste Intellektuelle von europäischem Format. Der Sohn eines Pfarrers aus Gouda hatte die geistlichen Weihen empfangen, aber er war weder fürs Priesteramt noch fürs Kloster geschaffen. Erasmus war Weltbürger, Lebe- und Weltmann, eine Art Voltaire oder auch Enzensberger des Humanismus: geistreich, ironisch, streitlustig und doch immer auf Ausgleich und kommunikative Verständigung bedacht. Und ungeheuer produktiv: Um die hundertfünfzig Bücher soll er geschrieben haben und ausserdem dreissig bis vierzig Briefe jeden Tag.
Er ging keinem Disput mit religiösen Fanatikern und scholastischen Haarspaltern aus dem Weg; seine ketzerischen Ansichten hätten ihn leicht auf den Scheiterhaufen bringen können. Aber Erasmus war viel zu elegant, vieldeutig und vorsichtig, als dass er sich hätte festlegen lassen.
Und er hatte mächtige Freunde. Wenn es brenzlig zu werden drohte, zog er sich gern in ein «kaltes Schneckenhaus der geistigen Unabhängigkeit» (Stefan Zweig) zurück; so liess er etwa 1523 in Basel seinen todkranken, verzweifelten Freund Ulrich von Hutten vor seiner Tür schmoren.
Seinen Ruhm konnten derlei unschöne Vorfälle nicht mindern, im Gegenteil. Deutsche, Engländer und Franzosen wollten Erasmus als einen der Ihren vereinnahmen. Päpste, Kaiser und Könige suchten seinen Rat und belohnten ihn mit Ehrenpensionen, Pfarreien oder auch (imaginären) Bistümern auf Sizilien. Zwingli und Luther wollten den «Goliath» für die Sache der Kirchenreform gewinnen. Erasmus war nicht unempfänglich für Schmeicheleien und alles andere als ein Held. Mut, sagte er einmal, ziert den Schweizer Söldner; der Gelehrte brauche Ruhe. Aber er liess sich nicht kaufen oder einschüchtern.
Erasmus hatte an den bedeutendsten Hochschulen Europas gelehrt – Sorbonne, Oxford, Cambridge, Padua, Bologna, Löwen – und in den wichtigen Metropolen seiner Zeit gelebt, in Venedig, Florenz, Rom, Paris, London. Er stand mit den grossen Geistern seiner Zeit, von Thomas Morus bis Luther, auf vertrautem Fuss und hatte zu allem etwas zu sagen: Fürsten- und Kindererziehung, Gnadenwahl und Bauernkrieg, Grammatik und Bibel, Diät und Dummheit. «Adagia», seine Zitatsammlung antiker Schriftsteller, wurde zum unentbehrlichen Vademecum intellektueller Snobs; sein berühmtes «Lob der Torheit» («Nur wer im Leben von der Torheit befallen ist, kann wahrhaft Mensch genannt werden») erlebte noch zu seinen Lebzeiten 36 Auflagen. In seinen «Colloquia familiaria» plauderte er über verlauste Gasthausbetten und die Vorteile des Frühaufstehens, gebildete Frauen und seine kratzbürstige Basler Haushälterin Margarete Büsslin.
«Wo ich meine Bücher habe, ist meine Heimat»: Dass dieser ruhelose Kopf fast zehn Jahre in Basel lebte, länger als in jeder anderen Stadt, spricht für die Stadt. Basel war damals ein Hort religiöser Toleranz und humanistischer Gelehrsamkeit. In der Mitte Europas gelegen, leidlich weise regiert, frei von Krieg, Pest und Inquisition, hatte Basel alles, was ein Meisterdenker vom Kaliber Erasmus’ brauchte: kluge Gesprächspartner wie Oekolampad, Beatus Rhenanus und Glarean. Aber auch edlen Burgunder, Schnellpost, Bibliotheken und nicht zuletzt einen Drucker von Weltrang.
Erasmus verlegte in Johann Frobenius’ Kontor seine Bücher und machte das Verlagshaus zur Qualitätsmarke. Im Gegenzug bekam er ein Heer von Redaktoren, Schreibern und Boten für seine ungeliebte Fronarbeit als Herausgeber antiker Autoren und Kirchenväter sowie Kost und Logis gestellt. So nahm Erasmus zwischen 1514 und 1536 immer wieder bei Frobenius Quartier: erst im Haus zum Sessel, dann im Haus zur alten Treu am Nadelberg (wo Hans Holbeins berühmtes Erasmusporträt entstand), zuletzt im Haus zum Lufft; das heutige Erasmushaus in der Bäumleingasse 18 beherbergt, passend, ein Antiquariat.
Der Mann war ein anspruchsvoller Gast; seine Abneigung gegen Schmutz und Lärm, Ungeziefer und pöbelhafte Manieren waren legendär. Um die üblen Gerüche der Basler Altstadtgassen zu meiden, nahm er weite Umwege in Kauf.
Sein Gastgeber Frobenius tat alles für ihn: Der ewig fröstelnde Erasmus bekam Pelze, Bettdecken und einen Kamin, weil er angeblich allergisch gegen Herdfeuer war, dazu teure Kerzen, weil das Flackerlicht des Kienspans seinen nächtlichen Studien abträglich war, und natürlich Wein und Fleisch an allen Tagen. Für sein kränkelndes «Körperchen» hatte Erasmus einen päpstlichen Dispens erwirkt.
In Basel fand Erasmus seine Ruhe, aber letztlich doch kein Schlaraffenland oder gar das Paradies der Freiheit. Als die Stadt 1529 ins Lager der Reformation wechselte, musste er für sechs Jahre ins Exil ins nahe Freiburg im Breisgau ausweichen, was in Anbetracht der Flöhe, des sauren Weins und der katholischen Frömmler eine Zumutung war. 1535 kehrte der verlorene Sohn, schwer gezeichnet von Gicht und Rheuma, nach Basel zurück und wurde mit allen Ehren wieder aufgenommen. Nach seinem Tod am 12. Juli 1536 wurde er im protestantischen Münster begraben: eine seltene Ehre für einen Freigeist, der dem Papsttum nie abgeschworen hatte.
Seither kann man, wie Stefan Zweig in seiner Biografie schrieb und das Basler Stadtmarketing jederzeit bestätigt, «Erasmus nicht mehr denken ohne Basel und Basel nicht ohne Erasmus».
Martin Halter
«Vor diesem Bild kann manchem der Glaube verloren gehen»

Fjodor Dostojewski
Ein Bild im Kunstmuseum Basel spielt eine zentrale Rolle in dem Roman, den Dostojewski in der Schweiz 1867/68 begann: «Der Idiot».
Anna Grigorjewna war erst die Stenotypistin Dostojewskis. Sie half ihm, in 24 Tagen den Roman «Der Spieler» zu Papier zu bringen und so einen Knebelvertrag mit seinem Verleger zu vermeiden. Die gemeinsam durchgestandene Prüfung hatten den Autor und seine 25 Jahre jüngere Sekretärin zusammengeschweisst: Im Februar 1867 wurde in St. Petersburg geheiratet.
Zwei Monate später waren die Dostojewskis auf der Flucht vor den Gläubigern. Nach Berlin und Dresden war Baden-Baden die dritte Station ihres Exils. Nach entsetzlichen Verlusten im Spielcasino musste Dostojewski abreisen, ohne dass er die verpfändeten Kleider seiner Frau hatte auslösen können. Die Spielverluste und die immer häufiger werdenden epileptischen Anfälle ihres Mannes versuchte Anna Grigorjewna «mit philosophischer Kaltblütigkeit» zu ertragen, wusste sie doch seit einigen Wochen, dass sie schwanger war.
Ende August 1867 reisten die Dostojewskis von Baden-Baden über Basel nach Genf, wo sie für die nächsten Monate Wohnsitz nahmen. Warum gerade Genf? «Kann ich das wissen? Ist’s nicht ganz gleich?», kommentierte Dostojewski gegenüber Freunden die Wahl seines neuen Aufenthaltsortes.
Obwohl er sich am «wunderbaren» See mit seinen «malerischen» Ufern erfreuen konnte, wurde er kein Freund der Stadt Calvins. Wiederholt beklagt er sich in seinen Briefen über die Bise und die ständigen Wetterumschwünge. «Tagelang stürmt es hier, und selbst an den gewöhnlichsten Tagen wechselt das Wetter drei- und viermal. Und dies soll ich mit meinen Hämorrhoiden und meiner Epilepsie aushalten!»
Kaum zum Aushalten fand Dostojewski auch die Schweizer. «Wenn Sie eine Ahnung hätten, wie unehrlich, gemein, unglaublich dumm und unentwickelt die Schweizer sind!», schrieb er einem Freund. Auch Anna Grigorjewna ärgerte sich über die Selbstzufriedenheit und den «einfältigen Patriotismus» der Schweizer. Am schlimmsten empfanden die Dostojewskis aber die Unsauberkeit dieser «Barbaren», die sich mangels öffentlicher Bäder nur selten wüschen. «Der Kirgise in seiner Jurte wohnt sauberer!», berichtete Dostojewski «ganz entsetzt» nach Russland.
Trotz seiner Beschwerden konnte Dostojewski den Aufenthalt in Genf für die Arbeit an einem neuen Roman nutzen: Unterbrochen von einigen Abstechern in die Spielcasinos von Saxon-les-Bains nahm er in Genf den «Idiot» in Angriff, also jenen Roman, der damit beginnt, dass der Epileptiker Myschkin nach einem längeren Klinikaufenthalt in der Schweiz nach St. Petersburg zurückkehrt. Noch während der Zugfahrt lernt er Rogoschin kennen, der im Kampf um die ebenso schöne wie dämonische Nastassja Filippowna zu seinem Widersacher wird.
Von zentraler Bedeutung im Roman ist ein Bild, das Dostojewski während der Durchreise im Kunstmuseum Basel gesehen hatte: «Der Leichnam Christi im Grabe» (1521/22) von Hans Holbein dem Jüngeren. Zwei Meter lang und gerade mal dreissig Zentimeter hoch, zeigt dieses Gemälde im Extremformat einen geschundenen, von der Verwesung im Gesicht und an den Wundmalen bereits stark gezeichneten Christus. Dostojewski war von dem Bild derart fasziniert, dass er unerlaubterweise auf einen Stuhl stieg, um die Details des über Kopfhöhe hängenden Gemäldes besser sehen zu können.
Mit Faszination und Schrecken wird das Bild auch im «Idiot» betrachtet: «Vor diesem Bild kann manchem der Glaube verloren gehen», erklärt Myschkin, als er im Zimmer Rogoschins eine Reproduktion des Gemäldes entdeckt. Und der Student Ippolit stellt die provokative Frage, wie die Jünger angesichts des verwesenden Leichnams glauben konnten, dass Christus auferstehen werde?
Der Einzige, dem im Roman das Bild wirklich zu gefallen scheint, ist der Agnostiker Rogoschin. Gerade er macht sich am Ende des Romans daran, ein Gegenbild zu «erschaffen»: Er ermordet Nastassja Filippowna, entkleidet sie und bahrt sie christusgleich auf seinem Bett auf.
Den entstehenden Verwesungsgeruch bekämpft er erfolgreich mit einigen Flaschen «Schdanowscher Lösung», einem Mittel gegen üble Gerüche. Da er die Leiche zudem mit Tüchern bedeckt, deutet äusserlich nichts auf den Mord hin, und so glaubt Myschkin, als er von Rogoschin ins Zimmer geführt wird, Nastassja Filippowna schlafe.
Nachdem der Mörder gestanden hat, verbringen die beiden die Nacht am Bett der Toten, die mit ihrem scheinbar unversehrten Körper Hoffnung auf Auferstehung und ein besseres Jenseits zu geben scheint. Aber in einem Roman, den Walter Benjamin treffend mit einem «ungeheuren Kratereinsturz» verglichen hat, gibt es keine Hoffnung: Als am Tag darauf die Zimmertür von der Polizei geöffnet wird, ist Rogoschin im Fieberwahn, Myschkin in Apathie versunken.
Auf den Knien betend, verbrachte Dostojewski die Nacht vom 4. auf den 5. März 1868. Gegen fünf Uhr morgens wurde er durch den Schrei eines Kindes erlöst: Er war Vater eine Tochter geworden. Die Freude Dostojewskis war riesig: Ein Monat nach der Geburt berichtet er einem Freund, das Kind habe «bis hin zu den Stirnfalten» bereits alle seine Züge und liege in seinem Bettchen, «als schaffte es einen Roman!»
Acht Tage nach der Taufe, am 24. Mai 1868, starb Sonja «Sonetschka» Dostojewski an einer Lungenentzündung. Ausser sich über die Überheblichkeit des Arztes, die Unerfahrenheit der Kinderfrau und das ungünstige Klima, das er für den Tod seiner Tochter mitverantwortlich machte, verliess Dostojewski mit seiner Frau das «verdammte Genf» und siedelte nach Vevey, schliesslich nach Italien über. Hier schloss er im Januar 1869 seinen Roman ab und kehrte über Prag und Dresden im Juli 1871 nach St. Petersburg zurück.
In die Schweiz kam Dostojewski noch einmal: Im August 1874 reiste er nach Genf und besuchte das Grab seiner Tochter auf dem Friedhof Plainpalais, wo heute noch eine Gedenkplatte an sie erinnert.
Andreas Tobler
Drei Entdeckungen im
Wunderjahr 1905

Albert Einstein
In der Kantonsschule Aarau lernte er die Eigenverantwortung. An der eth Zürich studierte er Physik. Im Patentamt in Bern reifte die Relativitätstheorie heran.
Es war ein in der Fachwelt unbekannter Wissenschaftler, der innerhalb weniger Monate das Weltbild der Physik aus den Angeln hob. Dabei gehörte der damals 26-jährige Familienvater nicht etwa einer renommierten Universität an, sondern arbeitete Vollzeit als technischer Experte III. Klasse am Eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum in Bern. Gleich drei bedeutende Arbeiten legte der junge, aus Ulm stammende Physiker Albert Einstein in diesem «Wunderjahr» 1905 vor.
Vieles deutet darauf hin, dass Einstein in der Schweiz Rahmenbedingungen vorfand, die seiner kreativen Schaffenskraft förderlich waren. Schon in der Schulzeit habe Einstein die Schweiz lieben gelernt, sagt der Einstein-Experte Tilman Sauer von der Universität Mainz. Nachdem die Familie von Deutschland nach Italien gezogen war, blieb Einstein zunächst in München, wo er das Luitpold-Gymnasium besuchte. Doch bald schon schmiss er die Schule hin, ging vorübergehend nach Italien und kam über Zürich nach Aarau. Im Oktober 1895 trat Einstein dort in die Kantonsschule ein.
Es begann eine gute Zeit. Wie er in seinen Memoiren festhielt, hat diese Schule «durch ihren liberalen Geist und durch den schlichten Ernst der auf keinerlei äusserlichen Autorität sich stützenden Lehrer einen unvergesslichen Eindruck in mir hinterlassen.» Die Erziehung zur Selbstverantwortlichkeit empfand er dem Drill, den er von Deutschland her kannte, als weit überlegen.
Während seiner Aargauer Schulzeit wohnte Einstein in der Pension Rössligut der Familie Winteler. Bald redete er das Ehepaar mit «Papa» und «Mama» an. Und er verguckte sich in eine der Töchter. «Ein wichtiger Grund für das Wohlbefinden des Maturanden Einstein war zweifellos seine Liebe zu Marie Winteler», schreibt Biograf Alexis Schwarzenbach. Bei der Matura brillierte Einstein in den naturwissenschaftlichen Fächern. In Algebra und Geometrie erreichte er eine glatte 6, in Physik eine 5–6. Nun konnte Einstein wie gewünscht am Zürcher Polytechnikum, heute eth Zürich, Physik studieren. Dort lernte er mit der Studienkollegin Mileva Mari seine spätere Frau kennen.
Nach dem Studium folgte eine schwierige Phase. Einstein konnte partout keine Assistenzstelle ergattern. Er musste sich vorübergehend als Privatlehrer durchschlagen. Erst gut zwei Jahre später, im Juni 1902, entspannte sich die Situation dank der Anstellung am Patentamt in Bern. Die Arbeit gefiel ihm gut. Und mit Michele Besso kam bald ein Freund ans Patentamt, mit dem er sich über seine physikalischen Ideen austauschen konnte. Im Rückblick sagte er über Besso: «Einen besseren Resonanzboden hätte ich in ganz Europa nicht finden können.»
Nach einem gewöhnlichen Arbeitstag war Einstein geistig noch frisch genug für die Wissenschaft und für das Vergnügen. Im «Wunderjahr» schrieb er an seinen Freund Conrad Habicht: «Bedenken Sie, dass es im Tag neben den acht Stunden Arbeit noch acht Stunden Allotria und noch einen Sonntag gibt.»
Am 18. März 1905 ging bei der Fachzeitschrift «Annalen der Physik» in Berlin eine von Einstein selbst als «sehr revolutionär» angepriesene Arbeit ein. Darin postuliert er, Licht sei nicht nur wie bisher angenommen eine Welle, sondern bestehe zugleich aus sogenannten Lichtquanten (Photonen). Damit legte Einstein eine wichtige Grundlage für die Theorie der Quantenmechanik.
Die zweite bedeutende Studie erreichte die «Annalen der Physik» am 11. Mai. Darin erklärte Einstein den willkürlichen Zickzackkurs von kleinen Staubteilchen in Gasen und Flüssigkeiten mit Stössen, die Flüssigkeits- oder Gasmoleküle aufgrund ihrer Wärmebewegung auf die Staubteilchen ausüben. Damit wurde Einstein zu einem Mitbegründer der statistischen Mechanik.
Rund sieben Wochen später schickte er die nächste Arbeit an die «Annalen der Physik». Sie trägt den unscheinbaren Titel «Zur Elektrodynamik bewegter Körper» und enthält das, was heute als Spezielle Relativitätstheorie bekannt ist. Mit ihr widersprach Einstein der Existenz eines das ganze Weltall durchdringenden Äthers, revolutionierte die Vorstellung von Raum und Zeit und postulierte die Lichtgeschwindigkeit als absolute Geschwindigkeitsgrenze.
Quasi nebenbei reichte Einstein im Juli 1905 an der Universität Zürich seine Dissertation ein. Sie thematisiert einen Beleg für die Existenz von Atomen. Kurz darauf lieferte er in einer Art Fussnote zur Speziellen Relativitätstheorie auch noch die bekannte Gleichung E=mc2 ab. Sie beschreibt, welch enorme Energie in der Materie steckt – eine Erkenntnis, die später mit der Explosion der Atombombe äusserst plastisch wurde.
Nach einer Zwischenstation in Prag folgte Einstein im Sommer 1912 einem Ruf an die eth Zürich. «Nun kann ich bald wieder meine Bude in Zürich aufschlagen, zu meiner grossen Freude», schrieb er noch aus Prag an Carl Schröter, den Präsidenten der Naturforschenden Gesellschaft Zürich. Und: «Seit ich hier bin, weiss ich die einfachen und gesunden Gewohnheiten und Sitten der Schweizer erst recht zu schätzen.»
Als Professor an der eth Zürich entwickelte Einstein spätestens im Frühjahr 1913 die Grundlagen für die Allgemeine Relativitätstheorie (art), einer Theorie der Gravitation, welche die herkömmliche Vorstellung von Raum und Zeit noch gründlicher revidierte. Die dabei benötigte mathematische Unterstützung fand er beim einstigen Studienfreund Marcel Grossmann, mittlerweile Professor für Mathematik an der eth Zürich: «Grossmann, du musst mir helfen, sonst werd’ ich verrückt.»
Und Grossmann half. Er wies Einstein auf die geeigneten mathematischen Techniken hin, mit denen er seine Ideen von Raum, Zeit und Materie in Formeln giessen konnte. Abschliessen konnte Einstein die art aufgrund einiger Irrwege allerdings erst 1915 nach seinem Ruf an die Preussische Akademie der Wissenschaften in Berlin. Die art gilt als eine der grössten Meisterleistungen der Wissenschaftsgeschichte. Spätestens nach deren Bestätigung durch den britischen Astrophysiker Sir Arthur Eddington im November 1919 war der namenlose Patentbeamte zu einem der renommiertesten Physiker der Welt geworden – einem Popstar der Wissenschaft.
Joachim Laukenmann
Was sind schon verschneite Alpengipfel gegen einen Venushügel?

Giacomo Casanova
Ein Gockel auf Reisen oder Wie die Schweizerinnen dem Frauenhelden Giacomo Casanova das Leben schwer machten.
«Casanova in der Schweiz» klingt wie der Titel einer komischen Oper – und ist ja auch eine: 1943 wurde Paul Burkhards Werk in Zürich uraufgeführt. Tatsächlich hat der grosse Verführer die kleine, sittenstrenge Schweiz mehrfach mit seinen erotischen Abenteuern beehrt, im Sommer 1760 sogar fünf Monate lang.
Casanova scheint mit seinen schneidigen Attacken, frivolen Ratschlägen und wohl auch mit seiner Pornosammlung – als Mann von Welt führte er stets «gewisse Miniaturbilder» bei sich – selbst bei ehrbaren Eidgenossen auf lebhaftes Interesse gestossen zu sein; ihre Frauen und Töchter lagen ihm ohnehin zu Füssen.
In Baden macht man für den Gigolo eine Ausnahme vom Sonntagstanzverbot. In Bern trinken die wackeren Ratsherren den Gast, der eher Limonade und Schokolade bevorzugt, fröhlich unter den Tisch. Selbst Albrecht von Haller, der Naturforscher, dessen «mannhafter sittlicher Ernst» Casanova beeindruckt, empfängt den Freigeist freundlich. In Solothurn beteiligen sich Ärzte, Honoratioren und französische Gesandte begeistert an seinem generalstabsmässig geplanten Versuch zur Erstürmung der Festung Madame von Roll.
Selbst wenn man dem Prahlhans nicht alles glauben darf (der Solothurnaufenthalt ist unter Historikern umstritten): Die Leporello-Liste seiner Schweizer Eroberungen ist lang. In Genf will Casanova beim Bunga-Bunga-Souper mit dem Syndikus drei Damen auf einen Streich beglückt haben. In der Käsekammer vernaschte er dann noch eine fromme Helene und ihre Nichte, die «hübsche Theologin», die mit aparten Gottesbeweisen und ihrem üppigen Busen brilliert. In Bern geht er einer dreizehnjährigen Lolita an die Wäsche und philosophiert über die Vorzüge der Verschleierung: Wäre es nicht natürlicher, vorteilhafter und «besonders vernünftiger», wenn die Frauen statt ihres Körpers ihre Gesichter verhüllten?
Casanovas grösster Schweizer Coup ist die Schauspielerin Dubois, die man ihm als «Haushälterin» quasi ins Nest legte. Das «Geschöpfchen» inspiriert Casanova zu ernstlichen Herzenswallungen und einem Heiratsantrag. Weniger Erfolg hat er bei Ludovica von Roll. Schon in Zürich versucht er sich, als Kellner und Stiefelknecht verkleidet, den schönen Waden der «Amazonin» zu nähern. In Solothurn geht er dann zum Angriff über, aber der misslingt: Morgens muss Casanova zu seiner Scham feststellen, dass er sich im Dunkeln zwei Stunden lang auf einer hinkenden Witwe, die ihn schon lange verfolgte, abgearbeitet hat.
Welch «ungeheuerlicher Missgriff meiner Sinne»: Mit einem «Scheusal» Liebe machen und sich dabei auch noch glücklich schätzen! Madame ist erbost, dass man sie mit einer mageren, übel riechenden Hexe verwechselt hat. Zwar kann er sich mit einer elegant eingefädelten Intrige für die Schmach rächen, aber die Schweizerinnen machen es dem grössten Liebhaber aller Zeiten wirklich nicht leicht. In London wird er 1763 in einem 18-jährigen Luder aus Bern seine Meisterin finden; Andrew Miller hat die vielleicht schmerzlichste Niederlage Casanovas in seinem Roman «Eine kleine Geschichte, die von der Liebe handelt» verewigt.
Dennoch, 1760 zeigt sich Casanova noch in Hochform. Die Schweiz im Unterrock: «Gott, welche Reize!» Mit 35 Jahren stand er in der Blüte seiner Manneskraft, und auch wenn Murten oder Solothurn nicht gerade Paris oder London sind, so bieten sie doch eine brauchbare Bühne für Casanovas Liebhabertheater – und Stoff genug für seine umfangreichen Memoiren. Hatte er nicht dem Fürstabt von Einsiedeln die Komödie des reuigen Sünders so überzeugend vorgespielt, dass ganz Zürich nur noch von der «neuen Ehrbarkeit» des Wüstlings sprach? Hatte er nicht in Genf Voltaire im Rededuell über Gott, den Aberglauben und Ariost an den Rand einer Niederlage gebracht? Und selbst wenn es nicht ganz so war: Gut erfunden und gut erzählt ist es schon, wie da zwei eitle Gockel lauernd umeinander herumstreichen. Für die landschaftlichen Reize der Schweiz hatte der Chevalier de Seignalt weder Augen noch Zeit. Was sind schon verschneite Alpengipfel gegen Venushügel?
1769, bei seinem letzten Besuch in der Schweiz, findet Madame von Roll ihren alten Verehrer gealtert. Casanova kann nicht widersprechen. In Lugano, von wo aus er mit einer dreibändigen Apologie der venezianischen Republik seine Rückkehr in die geliebte Heimatstadt erzwingen will, bricht er sich beim Sturz vom Pferd beinahe den Hals. Der grosse Casanova ist nur noch ein müder, heimwehkranker Schatten seiner selbst. 1798 stirbt er, einsam und vergessen, im Schloss von Dux.
Martin Halter
«Ich halte die zwei Monate für meine
glücklichste Zeit»

Jean-Jacques Rousseau
Nur wenige Wochen verbrachte Jean-Jacques Rousseau auf der St. Petersinsel im Bielersee. In seinen «Träumereien eines einsamen Spaziergängers» wird sie zum Paradies.
«Mein Herz kann sich nicht halb geben», gesteht Jean-Jacques Rousseau im zwölften Buch seiner «Confessions» (Bekenntnisse). Immer war der Denker Feuer und Flamme, ob in Liebe oder Hass. Preisgesang und Pamphlet reihten sich nahtlos, und manchmal galten sie dem gleichen Gegenstand, etwa der Vaterstadt Genf, die bald beispielhafte Republik, bald Heimat finsterster Laster war. Nie aber hat Rousseau seine Meinung über die St. Petersinsel im Bielersee geändert, auf der er am 12. September 1765 Zuflucht fand – für sechs Wochen.
«Die kleine Insel, auf der ich mich befinde, schien mir passend für meinen Rückzug», schrieb er zwei Wochen nach der Ankunft, «sie ist sehr angenehm; man findet hier weder Kirchenleute noch von diesen aufgehetzte Gauner». Zwar klagte der 53-jährige über Krankheiten, das Alter, und manchmal störte ihn die Betriebsamkeit der Ernte. Aber die Abende seien ruhig, berichtet er Briefpartnern, und auf den einsamen Winter freue er sich schon jetzt. Rousseau richtete sich insgeheim darauf ein, auf der Insel den Lebensabend zu verbringen, wie er bei seiner Ausweisung dem Berner Magistraten und Schlossherrn Emmanuel von Graffenried gestand.
Im Rückblick wuchs die Begeisterung noch. 1777, zwölf Jahre nach dem Verlassen der Petersinsel, erinnerte sich der Flüchtling in seinem letzten Werk noch einmal an sie. Die Cinquième Promenade, der fünfte Spaziergang, in den «Rêveries d’un promeneur solitaire» (Träumereien eines einsamen Spaziergängers) ist einer von Rousseaus schönsten Texten. Die Nöte sind nicht vergessen, aber weggerückt. Was in der Erinnerung zählt, ist die neue Erfahrung, die der Verfolgte in seinem Inselexil machte: «Ich halte diese zwei Monate für meine glücklichste Zeit.»
Rousseau, der umstrittenste Philosoph der Aufklärung, spaltete seine Zeit. Seine Anhänger und vor allem Anhängerinnen verehrten ihn wie einen Popstar, bedrängten ihn mit Briefen und Besuchen, noch auf der Petersinsel, die damals nur per Schiff erreichbar war. Zahlreicher noch waren die Feinde. Konkurrenten wie Voltaire gehörten dazu, vor allem aber Obrigkeiten aller Art. In Paris hatte man 1762 von Staats wegen Rousseaus Erziehungsroman «Emile» verbrannt, der – drei Jahrzehnte vor der Französischen Revolution – «ein Jahrhundert der Revolutionen» ankündigte und Zweifel am allein selig machenden Christentum vorbrachte. Genf folgte dem Pariser Beispiel und erliess ebenfalls einen Haftbefehl gegen den Autor. Zuflucht fand dieser im Neuenburgischen, das damals unter der Herrschaft des aufgeklärten Preussenkönigs Friedrich des Grossen stand.
Doch die erhoffte Ruhe hatte Rousseau auch im kleinen Môtiers im Val de Travers nicht. Voltaire verbreitete in einem anonymen Pamphlet, dass Rousseau seine fünf Kinder ins Findelhaus gegeben hatte, und der Pfarrer von Môtiers hetzte von der Kanzel gegen den Ungläubigen. Schon äusserlich war Rousseau ein Fremder: Er trug nur noch, was er sein «habit arménien» nannte, einen langen, kaftanähnlichen Rock, dazu eine Pelzmütze, wie er es bei einem Schneider aus Armenien gesehen hatte.
Die Dörfler rüsteten zur Hatz auf den unheimlichen Kauz. Als eines Nachts Steine gegen seine Wohnung flogen, fühlte sich Rousseau des Lebens nicht mehr sicher. Selbst die ausdrückliche Protektion des preussischen Königs konnte ihn offenbar nicht schützen, und die von der Polizei einvernommenen Zeugen wussten von nichts oder gaben zu verstehen, Thérèse Levasseur, Rousseaus Lebensgefährtin und Mutter seiner Kinder, die er als seine Haushälterin ausgab, habe die Steine wohl selbst geworfen.
Am Tag nach der «Steinigung», wie Rousseau den nächtlichen Angriff nannte, verliess er Môtiers. Die St. Petersinsel, auf der es ein einziges Haus gab, ein ehemaliges Kloster, schien das ideale Exil zu sein – hätte sie nicht den gnädigen Herren von Bern gehört, die Rousseaus Schriften ebenfalls verboten und den Autor zur Persona non grata erklärt hatten. Rousseau wusste es, hoffte aber auf stillschweigende Duldung.
Trotz ständig drohender Ausweisung war es Rousseaus «glücklichste Zeit». Sicher prägt Selbststilisierung den Rückblick des «Fünften Spaziergangs». Abgeschieden von der Aussenwelt, in bewusstem Verzicht auf Arbeit, auf Bücher und Schreibzeug, will der Asylant einzig seinen neuen Leidenschaften, der Botanik und den Träumereien, gelebt haben. Die Briefe zeigen, dass er nicht ganz so radikal war; selbst die Zeitung liess sich Rousseau übers Wasser bringen. Und durch eine Bodenklappe, die heute noch im Rousseauzimmer auf der Insel zu sehen ist, soll er sich vor Besuchern gerettet haben.
Aber die «Rêveries» wollen nicht als Dokument, sondern als literarischer Text gelesen werden. Rousseau schildert sich als Traumwandler einer neuen Art, als ein Träumer mit gesteigert wachem Bewusstsein, der nichts weiter tut als Pflanzen sammeln oder auf der kleinen Nachbarinsel Hasen aussetzen, im Übrigen aber die Unschuld des Farniente geniesst: «Solange dieser Zustand dauert, sind wir uns selbst genug, wie Gott.»
Allerdings, die Gesellschaft, wie sie ist, macht die «süssen Ekstasen» des Wachträumens nicht erstrebenswert. «Vita activa», ein rastloses, auf Erwerb gerichtetes Leben, ist angesagt. Nur «ein Unglücklicher, der aus der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen ist», einer wie Rousseau also, mag in diesen Träumereien eine Entschädigung für entgangene Freuden finden.
Der Preis ist hoch. Das Exil muss zum Paradies (v)erklärt werden. «Die Verfolgung scheint einem geheimen Wunsch Rousseaus zu entsprechen. Sie enthebt ihn des Handelns und seiner Folgen», schreibt Jean Starobinski in seinem Rousseaubuch. So erbittet der Flüchtling folgerichtig von den Berner Herren lebenslängliche Einschliessung. «Ich wagte den Wunsch auszusprechen und vorzuschlagen», berichtet er in den «Confessions», «dass man mich eher zu ständiger Gefangenschaft verurteilen möge, als mich ständig auf der Erde herumirren zu lassen». Der Wunsch wurde abgelehnt, die Berner haben Rousseau am 25. Oktober 1765 vertrieben. Die St. Petersinsel aber blieb sein Traumgefängnis.
Peter Müller
Vetternwirtschaft in der Stadt, Monotonie im Gebirge

Georg Wilhelm Friedrich Hegel
Von 1793 bis 1796 arbeitete der künftige Philosoph Hegel als Hauslehrer in Bern. Er stiess sich an den politischen Verhältnissen. Nicht mal die Natur bot Trost.
Als Hegel 1831 in Berlin unerwartet starb, galt er als der grösste Philosoph seiner Zeit; sein Begräbnis wurde zum Defilee angesehener Persönlichkeiten und trauernder Studenten. Berlin war aber nur die letzte Station einer alles andere als geradlinigen Reise, deren frühere Etappen Heidelberg, Nürnberg, Bamberg, Jena, Frankfurt waren – und die ihren mühevollen Anfang in der Schweiz nahm.
Im Oktober 1793 trat der 23-jährige Hegel seine Stelle als «Hofmeister» im Hause des Berner Patriziers Carl Friedrich von Steiger an, für ein monatliches Salär von 25 Louis d’or. Das Studium der Philosophie und der Theologie hatte er kurz zuvor in Tübingen abgeschlossen, wo er sich mit Schelling und Hölderlin angefreundet hatte. Er genoss einen Ruf als guter Gesellschafter, und das nicht nur beim intellektuellen Gespräch, sondern auch beim Kartenspiel und beim Wein; gegenüber den Mädchen soll er «küsselustig» gewesen sein. Mit den Türen von Steigers Haus, einem prächtigen Gebäude an der Berner Junkerngasse 51, öffnete sich ihm nun eine unbekannte – und in vielerlei Hinsichten auch unvermutete – Welt.
Hegels Hauptaufgabe bei der Familie von Steiger war das Unterrichten der beiden Kinder, des sechsjährigen Friedrich Rudolf und der achtjährigen Maria Catharina. Ihnen musste er die Grundbegriffe der französischen Literatur, Geschichte, Geografie, Arithmetik und Musik beibringen. Diese pädagogische Arbeit dürften aber eine Enttäuschung gewesen sein; in einem Brief an Hölderlin vom November 1796 schreibt Hegel, dass es zwar gewöhnlich gelinge, die Köpfe der Zöglinge «mit Worten und Begriffen zu füllen»; «aber auf das Wesentlichere der Charakterbildung wird ein Hofmeister nur wenig Einfluss haben können, wenn der Geist der Eltern nicht mit seinen Bemühungen harmoniert».
Hegel scheint in seiner Umgebung schlecht integriert gewesen zu sein. Zwar liessen ihm seine Pflichten als Hofmeister genug Zeit fürs Studium und das Schreiben (in diesen Jahren entstanden seine ersten Schriften, darunter ein «Leben Jesu» und die Abhandlung «Die Positivität der christlichen Religion»).
Dennoch beklagte er sich in seiner Korrespondenz immer wieder über seine «Entfernung von mancherlei Büchern» und «von den Schauplätzen literarischer Tätigkeit». Er fühlte sich im Bern fehl am Platz, abgeschnitten vom lebendigen Strom jenes intellektuellen Lebens, an dem seine Freunde zu Hause teilhaben konnten und von dem sie ihm in ihren Briefen auch enthusiastisch berichteten.
Das Gefühl der Isolation dürfte von Hegels aufgeklärtem Blick auf die Berner innenpolitischen Zustände erst recht verstärkt worden sein. Diese verurteilte er in einem Brief an Schelling scharf: «Alle 10 Jahre wird der conseil souverain um die etwa 90 in dieser Zeit abgehenden Mitglieder ergänzt. Wie menschlich es dabei zugeht, wie alle Intrigen an Fürstenhöfen durch Vettern und Basen nichts sind gegen die Kombinationen, die hier gemacht werden, kann ich Dir nicht beschreiben. Der Vater ernennt seinen Sohn oder den Tochtermann, der das grösste Heiratsgut zubringt, und so fort.» Es waren erdrückende Zustände für den jungen Hegel, der an die Ideale der Französischen Revolution glaubte – und sich nach dem Brauch der Zeit als «Ihr gehorsamster Diener» an seinen Hausherrn wenden musste.
Im Sommer 1796 unternahm Hegel zusammen mit drei sächsischen Hofmeistern eine Reise durch die Berner Alpen. Landschaftliche Beschreibung und Introspektion mischen sich in seinem Reisetagebuch. So notierte er an einer bemerkenswerten Stelle, dass «weder das Auge noch die Einbildungskraft … auf diesen formlosen Massen irgend einen Punct» finde, «auf dem jenes mit Wohlgefallen ruhen oder wo diese Beschäftigung oder ein Spiel finden könnte.» Nur der «Mineralog», den er hier als Musterbeispiel des fantasielosen Menschen zitiert, könne diese Gebirge interessant finden. Der reflexive Geist dagegen werde zur Melancholie getrieben von der traurigen Monotonie: «Der Anblick dieser ewig toten Massen», so fasste Hegel seine Eindrücke zusammen, «gab mir nichts als die einförmige und in die Länge langweilige Vorstellung: Es ist so.»
War es die innere Wahrnehmung, die hier den bewussten Weltbezug prägte? Jedenfalls meinten seine Freunde aus der Tübinger Zeit, Spuren einer beunruhigenden psychischen Verwandlung bemerkt zu haben. Jeder versuchte auf seine Weise, Hegels Lebensfreude zu wecken: «Du scheinst», so schrieb Schelling, «gegenwärtig in einem Zustand der Unentschlossenheit und sogar Niedergeschlagenheit zu sein, der Deiner ganz unwürdig ist. Pfui! ein Mann von Deinen Kräften.» Viel sanftmütiger ging Hölderlin mit Hegel um: «Ich sehe, dass Deine Lage Dich ein wenig um den wohlbekannten immerheiteren Sinn gebracht hat. Siehe nun zu! Du wirst bis nächsten Frühling wieder der Alte sein.»
Was Hölderlin so optimistisch stimmte, war die Tatsache, dass er den Freund aus seinem Schweizer «Exil» befreien konnte. Dank seiner Vermittlung hatte Hegel nämlich eine neue Position als Hofmeister in Frankfurt bekommen. Im Dezember 1796 verliess Hegel die Schweiz und verbrachte die Feiertage bei seiner Familie in Stuttgart. Eine Notiz seiner Schwester Christiane lässt keine Zweifel darüber offen, dass die Rückkehr in die Heimat notwendig war: «Herbst 1793 Schweiz, über 3 Jahre; kam in sich gekehrt zurück, nur im traulichen Zirkel fidel. Anfang 1797 nach Frankfurt.»
Nur ein Jahr später erschien Hegels erste Veröffentlichung, eine kommentierte Übersetzung von Jacques Carts Schrift «Vertrauliche Briefe über das vormalige staatsrechtliche Verhältnis des Waadtlandes zur Stadt Bern», anonym und versehen mit dem unfreundlichen Untertitel «Eine völlige Aufdeckung der ehemaligen Oligarchie des Standes Bern».
Hegels Kommentare machen deutlich, wie sehr er die schweizerischen Zustände verurteilte. Und die bitteren Erinnerungen wirkten weiter in Hegels politischem Denken: Noch in seiner letzten Publikation, der Abhandlung «Über die englische Reformbill», nennt er Bern neben Venedig und Genua als negatives Beispiel für rein aristokratische Regierungen, die ihre Sicherheit «in dem Versenken des von ihnen beherrschten Volkes in gemeine Sinnlichkeit und in der Sittenverderbnis derselben finden».
Pierfrancesco Basile
«Hohe herrliche
Alpenwelt!»

Emil Nolde
Emil Nolde gilt als Maler von Grossstadt und Südsee. Dabei war er auch der Schweizer Bergwelt zugetan. Er malte und erkletterte sie.
Am Anfang stand, wie so oft, der Zufall. Ohne grosse Ambitionen und mehr aus Abenteuerlust hatte sich Emil Nolde, Bauernsohn und gelernter Möbelschnitzer aus Nordschleswig, 1892 für eine Stelle als Zeichenlehrer am Gewerbemuseum in St. Gallen beworben. Seine Entwürfe stiessen auf Wohlwollen: Gerade mal 24-jährig und ohne jede Berufserfahrung, setzte er sich gegen 34 Bewerber durch.
In den sechs folgenden Jahren sollte Nolde zu einem regelrechten Gipfelstürmer werden. Der junge Lehrer erholt sich vom Unterricht, indem er die ihn umgebende Bergwelt wandernder- und kletternderweise erkundet. Als Mitglied des Schweizer Alpen-Clubs bezwingt er Jungfrau, Monte Rosa und Matterhorn. «Der Sohn der Ebene», liest man in seiner Autobiografie, «war allmählich ein bekannter Hochtourist geworden. Und wenn verwegenste Klettereien überwunden waren, schaute ich glücklich um mich und jubelte: ‹Hohe herrliche Alpenwelt!›»
Die Faszination für die imposante Erscheinung der Schweizer Bergkulisse schlug sich beim jungen Nolde freilich nicht nur in waghalsigem Alpinistentum nieder, sondern auch in ersten zaghaften Versuchen an der Staffelei. Die «Bergriesen», sein über einen Zeitraum von zwei Jahren entstandener Gemälde-Erstling, auf dem er die Alpen als zechende Greise personalisierte, reichte er hoffnungsvoll zur Münchner Jahresausstellung ein – vergeblich. «Ich wusste noch nicht, wie leicht das Übliche es hat, wie schwer das Aussergewöhnliche.»
Der Erfolg stellt sich indes an ganz anderer Front ein: In Noldes launigem Einfall, bekannten Schweizer Berggipfeln zeichnerisch charakteristische Gesichtszüge zu verpassen, wittert der deutsche Verleger Georg Hirth einen Verkaufsschlager. Seine nach Noldes Vorlagen gedruckten Postkarten finden reissenden Absatz; innerhalb weniger Tage gehen 100'000 Stück über den Ladentisch. Der Verkaufserlös von 25'000 Schweizer Franken bringt Nolde den lang ersehnten Freipass in die schöpferische Unabhängigkeit. Und den Beweis, dass er als Künstler tatsächlich bestehen kann: «Der Glaube an wirkliche angeborene Fähigkeit war mir seit der Schweizer Zeit nie mehr gewichen.»
Dennoch kehrt der Maler der Schweiz für viele Jahre den Rücken. Die drei Jahrzehnte, die seiner St. Galler Zeit folgen, sollten ihn – künstlerisch wie privat – stark fordern und prägen. Nach Studienaufenthalten in München, Dachau und Paris reist er nach Dänemark, von wo er mit seiner zukünftigen Frau Ada und einem neuen Namen heimkehrt. Sein Familiengeschlecht, Hansen, erscheint dem Künstler zu profan; mit seinem Geburtsort Nolde signierend, hofft er, auf mehr Beachtung zu stossen.
Die Wintermonate verlebt das seit 1903 auf der Ostseeinsel Alsen heimische Paar meist in Berlin, wo Nolde sich erst der Künstlergruppe Brücke, später den Secessionisten um Max Liebermann anschliesst. Beiderorts hält er es nicht lange aus: Zu gleichförmig sind ihm Ex- wie Impressionisten in ihrer Kunst, und Stilen und Theorien mag sich Nolde ohnehin nicht unterwerfen. Er hat seine eigenen Vorstellungen. Die Werke, die in jenen Jahren entstehen, sind Klassiker seines Œuvres: Momentaufnahmen der grossstädtischen Dekadenz sowie, als Gegenstück, religiöse Sujets – ferner, nach 1912, Eindrücke seiner ausgedehnten Reisen nach Frankreich, Italien, Spanien und Neuguinea.
1924 zieht es Nolde endlich wieder in die Schweiz: In Begleitung von Ada folgt er der Einladung seines ehemaligen Schülers Hans Fehr, der sich mit seiner Familie in Muri bei Bern niedergelassen hat. Dort sind die Noldes bald schon gern gesehene Stammgäste; bis 1941 werden ihre Berner Freunde sie noch mindestens achtmal empfangen.
Diese Aufenthalte prägen Nolde nachhaltig. Seine Begeisterung für die Berge lebt neu auf und findet Einzug in zahlreiche Aquarelle, in denen sich die karge, kühle Schönheit der Alpen in klaren Formen und leuchtenden Farben niederschlagen.
Von diesem Bilderschatz zehrt der Maler auch, als sich in den Dreissigern der Schatten des Nationalsozialismus über seine Heimat legt. 1937 wird Noldes Kunst für «entartet» erklärt; seine Werke verschwinden zu Hunderten aus deutschen Museen. Vier Jahre später folgt ein vollständiges Arbeitsverbot. Nolde malt dennoch weiter: «Ich konnte es nicht lassen!» Heimlich, in einem versteckten Kämmerlein seines Wohnhauses in Seebüll, entstehen die sogenannten «ungemalten Bilder».
In den 1300 nur handflächengrossen, gänzlich aus der Imagination entstandenen Blättern, «die grosse, wirkliche Bilder werden sollten, wenn sie und ich es können», glimmt auch die Erinnerung an die alpine Schweiz immer wieder auf. Für Nolde stellt sein mentaler Bilderfundus der Schweizer Berge eine anregende Gegenwelt zur Nordsee-Kulisse dar – und eine Möglichkeit, der Realität zu entfliehen. Ausgerechnet jetzt findet er, der von Kindsbeinen an «im ständigen Farbrausch gelebt» und zeitlebens die Verschmelzung von Farbe und Fantasie angestrebt hat, wonach er seit Anbeginn seiner Malerkarriere gesucht hatte: In seinen imaginären Bergmotiven findet Nolde eine emotionale Heimat.
1948 begibt sich der Maler ein letztes Mal in die Schweiz – auf Hochzeitsreise. Nachdem seine geliebte Ada im Herbst 1946 gestorben war, hatte Nolde im hohen Alter ein zweites Mal geheiratet; seine junge Braut Jolanthe Erdmann, die Tochter eines Freundes, ist gerade mal 26 Jahre alt. Auf Einladung von Hans Fehr reist das Paar erst nach Bern, macht anschliessend einen Abstecher nach Ascona und verbringt dann einige Wochen in Wengen. Die dort entstandene Aquarellserie ist ein regelrechtes Festival der Farben: Die nur noch ansatzweise gegenständlichen Alpenszenerien zerfliessen als leuchtende Farbflecken zu einem entrückten, fantastischen Farbrausch. Nolde ist hier nur mehr gewiefter Choreograf, der Farbtöne und Intensität des Auftrags mit routinierter Pinselregie zur freien Improvisation anregt.
«Ich wollte», schrieb er 1948, «im Malen immer gern, dass die Farben durch mich auf der Leinwand sich so folgerichtig auswirken, wie die Natur selbst ihre Gebilde schafft.» Mit 81 Jahren hat Nolde sein Ziel erreicht: Der Maler ist endlich Schöpfer geworden.
Paulina Szczesniak
Seine erste Tragödie löste Stürme
der Heiterkeit aus

Heinrich von Kleist
Drei Monate versuchte Heinrich von Kleist, auf einer Aareinsel bei Thun, Bauer zu werden. Statt dessen schrieb er sein erstes Drama: «Die Familie Schroffenstein».
«Wie ein Eintritt in ein anderes Leben» kam es Heinrich von Kleist vor, als er am 13. Dezember 1801 bei Basel die Schweizer Grenze überquerte. Hinter dem 24-Jährigen lagen neun Monate in Paris – neun Monate der Unentschlossenheit im Hinblick auf eine Berufswahl samt einem nachhaltigen Degout über das Leben in der Grossstadt.
Jetzt war die Zeit reif, das Leben in neue Bahnen zu lenken. Kleist wollte, seinem Idol Jean-Jacques Rousseau folgend, zurück zur Natur, «im eigentlichsten Sinne ein Bauer» werden und sich dazu mit Geld aus seiner Erbschaft in der Schweiz «ankaufen», wie er seiner Verlobten Wilhelmine von Zenge noch aus Paris mitgeteilt hatte. Seine Formel für dieses Weltfluchtprogramm lautete: «Denn nur in der Welt ist es schmerzhaft, wenig zu sein, ausser ihr nicht.» Wilhelmine lehnte dankend ab. Kleist nahm ihr das übel. Ihr Verhältnis betrachtete er fortan als beendet.
Auf der Suche nach einem Landgut gelangte Kleist im Februar 1802 nach Thun. Bürgerkriegsähnliche Tumulte im Gefolge von napoleonischen Verfassungsreformen stellten Kleists Ansinnen jedoch schon bald infrage. Im April siedelte er auf die Obere Insel beim Ausfluss der Aare aus dem Thunersee über, wo er für vier Monate ein kleines Anwesen bezog, das sich auf der dem See zugewandten Inselspitze befand und 1940 abgerissen wurde.
In launigem Tonfall schilderte er seiner Halbschwester Ulrike den Alltag auf seinem folkloristischen Berner Réduit: «Auf der Insel wohnt auch weiter niemand, als eine Fischerfamilie. Der Vater hat mir von zwei Töchtern eine in mein Haus gegeben, die mir die Wirthschaft führt: ein freundlich-liebliches Mädchen, das sich ausnimmt, wie ihr Taufname: Mädeli.» Im Übrigen komme er selten von der Insel, «sehe niemand, lese keine Bücher, Zeitungen» und «brauche nichts als mich selbst».
Zuweilen erhielt Kleist Besuch von Heinrich Zschokke. Der gebürtige Magdeburger, ein umtriebiger Geist, wackerer Republikaner und studierter Theologe, lebte damals an der Gerechtigkeitsgasse in Bern, wo er Kleist beherbergt hatte, ehe dieser nach Thun gezogen war. In Zschokkes Wohnung hing ein Bild, das wohl in Vergessenheit geraten wäre, hätte es Kleist nicht zu seinem berühmtesten Lustspiel, dem «Zerbrochenen Krug», inspiriert. Der Kupferstich trug den Titel «Le juge ou la cruche cassée» und war Gegenstand eines «poetischen Wettkampfs».
Daran beteiligten sich neben Zschokke und Kleist auch Ludwig Wieland, der Sohn des Dichters Christoph Martin Wieland, sowie der Verleger Heinrich Gessner, Wielands Schwager und Hauswirt. In den Figuren dieses Stichs, erinnerte sich Zschokke 1842, «glaubten wir ein trauriges Liebespärchen, eine keifende Mutter mit einem zerbrochenen Majolika-Kruge, und einen grossnasigen Richter zu erkennen. Für Wieland sollte dies Aufgabe zu einer Satyre, für Kleist zu einem Lustspiele, für mich zu einer Erzählung werden.» Die Skizze, die Kleist den Sieg eintrug, ist nicht erhalten, ebenso wenig die erste Niederschrift des «Krugs» aus dem Jahre 1803. Gesichert ist jedoch, dass Kleist das Lustspiel im Sommer 1806 in Königsberg fertig stellte.
Seine Landmann-Pläne zu begraben, kostete Kleist nicht viel. Er setzte aufs Dichten und tat dies nun erstmals auch kund: Er müsse sich nun «mit Lust oder Unlust, gleichviel, an die Schriftstellerei machen», schrieb er im Mai 1802 im letzten Brief an Wilhelmine. Und kurze Zeit zuvor an Ulrike: «Ich habe keinen andern Wunsch, als zu sterben, wenn mir drei Dinge gelungen sind: ein Kind, ein schön Gedicht, und eine grosse That.»
Kleist hatte offenbar Gefallen gefunden an seinem Dichterexil. Er sei «von allem Gemeinen so entwöhnt, dass ich gar nicht mehr hinüber mögte an die andern Ufer, wenn ihr nicht da wohntet. Aber ich arbeite unaufhörlich von der Befreiung von der Verbannung du verstehst mich.»
Ulrike hat gewiss verstanden. Immer wieder hatte Kleist in den Briefen Heldenbilder gemalt. Hier imaginierte er erstmals den Dichter als Helden: als verbannten Sohn, der von den Fanfaren des Feuilletons begleitet nach Hause zurückkehrt, weil ihm der grosse Wurf gelungen ist. Ein Triumph, der umso kompletter wäre, weil seine Familie zu ihrer Beschämung endlich sähe, dass der Taugenichts eben doch gesellschaftsfähig ist.
Zwar wurde nicht zu Kleists Ruhm getrommelt, als er im Herbst 1802 ziemlich mittellos nach Deutschland zurückkehrte. Aber immerhin hatte er sein erstes Kind geboren, das Drama «Die Familie Schroffenstein», das zu grossen Teilen auf der Aareinsel entstanden und Ende November anonym im Verlag seines Freundes Heinrich Gessner erschienen war.
Dieser hatte Kleist zusammen mit Zschokke und Wieland mehrfach in Thun besucht; bei dieser Gelegenheit las Kleist dem Trio aus seinem Erstlingsdrama vor, was offenbar Stürme der Heiterkeit verursachte. In seinen Memoiren hielt Zschokke fest, dass bei der Lektüre des letzten Aktes, in dem die Familienfehde ihrem gräulichen Höhepunkt zutreibt, «das allseitige Gelächter so stürmisch und endlos ward, dass, bis zu seiner letzten Mordszene zu gelangen, Unmöglichkeit wurde».
Kleist nannte seinen Erstling später «eine elende Scharteke». Ihm schwebte Grösseres vor, ein epochales Werk, das «Kind, schön Gedicht, und grosse That» in einem hätte sein sollen. Seine ganzen Hoffnungen setzte er in das Trauerspiel «Robert Guiskard, Herzog der Normänner», an dem er vermutlich ebenfalls während seines Aufenthalts in Thun zu schreiben begonnen hatte. Das Stück wurde nie vollendet. Im Oktober 1803 verbrannte Kleist in Paris sein Guiskard-Manuskript, vernichtet von der Einsicht, dass dieses Werk «für mich zu schwer ist», und bereit, den «schönen Tod der Schlachten» in Napoleons Armee zu sterben. Doch das wäre dann ein anderes Kapitel aus Kleists Leben.
Urs Strässle
«Hier geboren, an dieses klaren Flusses Wellenspiel»

Johannes Brahms
Dreimal verbrachte Johannes Brahms ausgedehnte Sommerferien in Thun. Beim ersten Aufenthalt entstand die A-Dur-Violinsonate, die «Thuner».
Gustav Mahler war ein Sommerkomponist. An seinen Sinfonien arbeiten konnte der Wiener Operndirektor nur in den Theaterferien. Johannes Brahms hatte keine derartige Hauptbeschäftigung, aber auch ihm ging im Sommer das Komponieren besonders leicht von der Hand, ob in Pörtschach, Ischl oder Mürzzuschlag in Österreich, in Wiesbaden oder Baden-Baden in Deutschland oder in der Schweiz.
Diesem Land war er seit einer Reise, die er mit Clara Schumann und deren Kindern (nach dem Tod von Robert) unternommen hatte, schwärmerisch zugetan und kehrte immer wieder. Zwar war die Schweiz musikalisch nur «halb entwickelt», aber in Basel und Bern, Zürich und Winterthur sassen begeisterte «Brahminen», die sein Werk propagierten und ihren Schöpfer gern empfingen.
«Schweizer Sommer» verbrachte Brahms 1866 in Fluntern und 1874 in Rüschlikon; 1868 nahm er seinen Vater ins Berner Oberland mit. Von Rosenlaui aus schrieb er an Clara eine Postkarte mit einer Alphornmelodie, der er den Text unterlegte: «Hoch aufm Berg – tief im Tal – grüss ich Dich – vieltausend Mal.» Er hat das Signal dann im Schlusssatz seiner Ersten Sinfonie markant eingesetzt.
Drei Sommer, von 1886 bis 1888, hat Brahms in Thun verbracht. Zahlreiche Werke entstanden dort, die zweifellos von der lieblichen Landschaft und deren Kontrast mit der Hochgebirgssilhouette angeregt wurden, ohne dass ein vergleichsweise signalhafter Bezug nachzuweisen wäre. Aber das ist bei der Musik, zumal bei einem «Nichtprogrammatiker» wie Brahms, ohnehin schwer.
Im ersten Sommer – ein langer Sommer, er dauerte vom 27. Mai bis zum 5. Oktober – entstanden mehrere Kammermusikwerke, darunter die 2. Cellosonate op. 99, das 3. Klaviertrio op. 101 sowie Lieder und Chorsätze. Die 2. Violinsonate op. 100, die er ebenfalls in diesen Wochen schrieb, trägt gar den Beinamen «Thuner Sonate». Sie «malt» die Landschaft nicht, sondern zeigt höchstens einen Abdruck der wohlig-beschwingten Stimmung, die Brahms in seiner Sommerresidenz erfüllte. Er hatte sich beim Tischlermeister und Kaufmann Johann Spring eingemietet, im heute eingemeindeten Vorort Hofstetten in einem geräumigen Holzhaus direkt am Ufer der Aare, mit Blick auf den Fluss und die Bergriesen dahinter: Niesen, Eiger, Mönch, Jungfrau.
«Ich glaube, es ist die schönste Wohnung, die ich noch hatte», schreibt er an seinen Verleger Simrock. Er hatte Platz (zum Auf- und Abgehen durch mehrere Zimmer, dabei komponierte er), und er hatte Ruhe; im nahen Bern wohnte Joseph Viktor Widmann, Redaktor beim «Bund» und ein alter Freund, den er übers Wochenende besuchen konnte. Der «Freienhof», ein gemütlicher Biergarten, war nicht weit, «für meine Behaglichkeit ist das nichts Kleines». Zu dieser Behaglichkeit gehörte gutes Essen, guter Wein, eine kräftige Zigarre und witzige Konversation. Geselligkeit war in Thun möglich, aber wichtiger noch: Allein sein konnte er, so viel er wollte.
Brahms war ein Frühaufsteher; morgens bereitete er sich seinen Kaffee selber (die Kaffeemaschine hatte er aus Wien mitgebracht) und ging dann spazieren; am Ufer entlang, auf die Hügel, über Wiesen und durch den Wald. Dabei flogen ihm die Einfälle zu, die er dann in der Wohnung ausarbeitete. «Alle Welt kennt ihn, wenn er, im Wollhemd, leichtem Rock und Beinkleid, aber ohne Weste und Halstuch, oft auch ohne Kragen, den Hut in der Hand, stundenlange Wege in der Umgebung macht», berichtet ein Zeitgenosse.
Ausserordentlich inspirierend muss der Anblick der Natur mit ihrem lieblichen Vordergrund und dem grandiosen Gebirgspanorama auf den gebürtigen Flachländer gewirkt haben. So «voller Melodien» sei die Landschaft, «dass er aufpassen muss, dass er nicht drauftritt», heisst es in einem Brief. Einige sind in die A-Dur-Sonate eingegangen. Diese ist aber natürlich kein Natur-, sondern ein Kunstprodukt, gespeist auch weniger von Natur- als von Kunstverweisen.
Dass die Sonate mit derselben Tonfolge beginnt wie das Preislied aus Wagners «Meistersingern», ist Zufall. Regelrecht zitiert finden sich dagegen mehrere Lieder aus eigener Feder; im Seitenthema des ersten Satzes erklingt «Wie Melodien zieht es», Verweise gibt es auch auf «Komm bald», ein weiteres Lied nach Versen seines norddeutschen Landsmanns Klaus Groth, und auf «Mein Lieb ist schön wie die Sonne». Das waren sozusagen musikalische Vertraulichkeiten, denn die Sonate ist «in Erwartung der Ankunft einer lieben Freundin» geschrieben, wie Brahms verriet. Dabei handelte es sich um die Sängerin Hermine Spies, die zweimal auf einen Tag hereinschaute und mit Brahms neue und alte Lieder am Klavier durchnahm.
Auch in Bern, wohin es ihn am Wochenende immer wieder zog, sorgte er für musikalische Unterhaltung, trug zwar mit Vorliebe Bach vor, war sich aber auch nicht zu schade, der Jugend zum Tanz aufzuspielen. Auch besuchte er mit grossem Vergnügen Operettenaufführungen im «Schänzli».
Zu einer engeren Zusammenarbeit mit Widmann kam es dagegen nicht; dieser hatte darauf gehofft, Brahms werde ein Opernlibretto von ihm vertonen. Aber mit der Oper hatte der Komponist ebenso abgeschlossen wie mit Heiratsplänen. Stattdessen bedichtete umgekehrt Widmann die «Thuner Sonate», nachträglich. Er entwarf mit blühender Fantasie einen Traum von einem Ritter und einem Mädchen, das in einem Feennachen fährt, gezogen von Libellen. Der Traum verfliegt, das Lied bleibt: «Doch, mag es klingen auch vor tausend Ohren / im Fürstensaal, in stolzen Städten viel – / Es bleibt doch unsres Landes, hier geboren / An dieses klaren Flusses Wellenspiel.» So bleibt, dürfen wir verstehen, die A-Dur-Sonate Thun zugehörig. Brahms jedenfalls hat das Gedicht sehr gemocht.
Martin Ebel
Vom Himmel kommt es,
zur Erde muss es

Johann Wolfgang von Goethe
Mit seinem Herzog wanderte Goethe zum Staubbachfall. Er regte ihn zu seinem Gedicht «Gesang der Geister über den Wassern» an.
Zweieinhalb Stunden braucht man heute aus dem geschäftigen Zürich bis nach Lauterbrunnen. Goethe, der von Basel kam, liess es 1779 gemächlicher angehen. Er wählte auch nicht die Direttissima. In neun Tagen tastete er sich über Moutier, Biel, Bern und Thun bis in das damals schon berühmte Trogtal vor, zu Fuss, in einem «engen Wägelgen» oder per Schiff. In seiner Begleitung: Diener mit Gepäcktieren, der «schöne Wedel» (Kammerherr Otto Moritz von Wedel) und Goethes Chef, der Herzog Ernst August, in dessen Dienst er seit vier Jahren in Weimar stand.
Goethe war dreissig, der Herzog zweiundzwanzig; das Alters- und Intelligenzgefälle kontrastierte mit dem ständischen Abstand, der zwischen einem Herzog und einem Bürgerlichen (auch wenn dieser Geheimrat und Minister war) damals zwangsläufig bestand. Eigentlich war das Verhältnis noch komplizierter: Goethe war zugleich Kumpel (in den Anfangsjahren hatten die beiden gewaltig über die Stränge geschlagen) und Fürstenerzieher; die Schweizer Reise sollte die Persönlichkeit des jungen Landesherrn durch gezielt ausgewählte Eindrücke – Natur, Kultur, Menschen – bilden und veredeln.
Das erforderte viel Fingerspitzengefühl und fiel Goethe nicht immer leicht. In einem Traum hatte er sich schon mit ihm überworfen und war ihm davongelaufen. Aber auch der Herzog hatte es nicht immer leicht mit Goethe, der ihm im November eine Tour auf den Furkapass abverlangte, durch tiefen Schnee und von einem Geier als einzigem Lebewesen begleitet. Lauterbrunnen war verglichen damit ein Kinderspiel. Man kam im Pfarrhaus unter, das dafür eingerichtet war, Touristen aufzunehmen: Und die gab es schon im ausgehenden 18. Jahrhundert durchaus. Das Tal mit seinen 72 Wasserfällen zählte zu den Pflichtstationen jeder ordentlichen Schweizreise. Highlight, das man damals nur noch nicht so nannte: der Staubbachfall mit seinem fast 300 Meter freien Fall.
Albrecht von Haller hatte ihn in seinem epochemachenden Lehrgedicht «Die Alpen» gewürdigt, aber den poetischen Text, den wir heute noch mit diesem Fall verbinden, schrieb natürlich Goethe: den «Gesang der Geister über den Wassern».
Irgendwann zwischen dem 9. und dem 11. Oktober 1779 muss er, auf den unmittelbaren Eindruck hin, die freien, reimlosen Verse niedergeschrieben haben; denn danach drängten sich mit der Grossen Scheidegg und den Reichenbachfällen schon neue Bilder dazwischen. Dem Brief an Charlotte von Stein, der am 14. Oktober von Thun abging, lag das Manuskript des Gedichts bei. «Kein Gedancke, keine Beschreibung noch Erinnerung reicht an die Schönheit und Grösse der Gegenstände, und ihre Lieblichkeit in solchen Lichtern Tageszeiten und Standpunckten.» Nur die Dichtung kann den Eindruck bewahren: indem sie ihn transformiert.
Ursprünglich waren die sechs Strophen auf zwei Stimmen verteilt; in der Fassung des Erstdrucks 1789 hat Goethe den Dialog aufgegeben zugunsten eines Geisterchores. Der spricht nicht aus den Wassern selbst, sondern über ihnen schwebend; der Tonfall ist ruhig, fast dozierend. Der Wasserkreislauf («Vom Himmel kommt es, / zum Himmel steigt es, / Und wieder nieder / Zur Erde muss es, / Ewig wechselnd») inspiriert den Dichter zu einer metaphorischen Deutung der menschlichen Seele: Auch diese ist himmlisch und irdisch zugleich.
In den Mittelstrophen folgt der Dichter dem Strahl auf seinem weiteren Weg, von Klippen aufgehalten, dann schleichend im flachen Bett des Wiesentals, «Und in dem glatten See / Weiden ihr Antlitz / Alle Gestirne». Es ist Gedankenlyrik, die aber die Prägung des Eindrucks in einer Fülle von Alliterationen aufbewahrt (strömt / steil / Strahl / stäubt allein in der zweiten Strophe); wenn man will, steht der Doppelkonsonant st für die Klippe, das harte Element; das w (Wiesental, Weiden, Wind, Welle, Wogen) für die Weichheit des Wassers.
Es bleibt der einzige lyrische Ertrag dieser Reise; der Rest ist Prosa – Tagebuch und Briefe, die Goethe später zusammengefasst und bearbeitet als «Briefe aus der Schweiz» herausgab: als wichtigen Schritt weg vom ichbezogenen Sturm und Drang hin zur objektiveren, klassischeren Einstellung gegenüber der Natur und ihren ewigen Gesetzen. Ein anderer, für das klamme Herzogtum eminent wichtiger Ertrag war ein Kredit, den der Herzog vom Kanton Bern bekam. Starke Eindrücke gewann der junge Monarch unter Goethes Führung neben der Furka-Gewalttour noch im Mer de Glace bei Chamonix, als menschliche Sehenswürdigkeit wurde ihm in Zürich Lavater vorgeführt («er ist die Blüte der Menschheit, das Beste vom Besten», fand Goethe damals noch).
Und heute? Die Verkehrssprache in Lauterbrunnen ist Englisch, asiatisches Englisch. In indischen, japanischen und chinesischen Reiseführern müssen die Wasserfälle des Lauterbrunnentals eine ähnliche Rolle spielen wie im 18. Jahrhundert für die bildungsreisenden Europäer. Der Staubbach ist schon vom Zug aus gut zu erkennen, man begreift sofort, woher er seinen Namen hat: als ob da unentwegt Sandfuhren über die Klippe geschaufelt würden. Das Wasser scheint einen vierten Aggregatzustand zu erreichen: Zertrümmert durch den gewaltigen Aufprall, fliegen die befreiten Moleküle schwerelos durch die Luft (das ist natürlich unwissenschaftlich, aber in Goethes Nähe erlaubt, der auch noch nichts vom Periodensystem wusste).
Man hat einen Tunnel zum Berg geschlagen, der auf eine Galerie führt, sodass man den Wasserfall von innen nach aussen betrachten kann. Die Gemeinde bittet um Spenden; sie will die Galerie noch um 30 Meter verlängern; eine noch grössere Attraktion für unsere asiatischen Freunde. Am Fuss des Tobels findet sich der «Gesang der Geister» in Metall graviert; sonst erinnert nichts mehr an den Besuch des Dichters. Nur der Wasserfall donnert herab wie eh und je, und ein leises Gefühl der Erhabenheit angesichts dieser offenbaren Unerschöpflichkeit und Unerschütterlichkeit des Elements erfasst auch den Besucher aus dem geschäftigen Zürich.
Martin Ebel
Der Elbenfreund im Berner Oberland

J. R. R. Tolkien
Seine Hobbits hat Tolkien kaum nach dem Vorbild der Schweizer modelliert. Als junger Wanderer erlebte der Autor von «Der Herr der Ringe» hier ein Glück von elbischer Pracht.
Auf der Suche nach schweizerischen Motiven im Werk des Schriftstellers und Philologen J. R. R. Tolkien kommt man auch auf einem Umweg ans Ziel. Der Umweg: Das ist ein Essay mit dem hinter- und ein wenig unsinnigen Titel «Jungfrauen im Nachthemd: Blonde Krieger aus dem Westen» (2003), in dem der österreichische Autor Guido Schwarz Tolkien faschistoide Züge vorwirft.
Es gibt sie eben immer noch: diese Fantasykritik aus dem Geist des ironisch getarnten Bierernstes, der uns die Freude an einer märchenhaften Weltschöpfung verderben will. Hier ist sie wieder, sozusagen als Verwechslung von Mittelerde und Erde und Elb und Nazi. Wobei Schwarz nicht immer ganz unrecht hat (der grundsätzlich multikulturelle Anstand des Professors Tolkien hat ein paar Anteile von reinrassiger, erzblonder Gnadenlosigkeit). Ausserdem teilt er uns die reizende Geschichte mit, wie seine Mutter einmal den «Kleinen Hobbit» las und auf die nette Allegorie kam: «Die Hobbits sind eigentlich die Schweizer.» Und da sind wir doch bei unserem Thema.
Die real existierende Beziehung Tolkiens zur Schweiz ist auf eine konservativ-romantische Art landschaftsgärtnerisch geprägt. Nicht viel mehr als die literarisch inspirierende Erinnerung eines englischen Touristen an eine Naturkulisse von interesseloser Erhabenheit. Erwägungen über das Hobbithafte der Schweizer Eingeborenen wurden nicht angestellt. Sicher ist, dass J. R. R. Tolkien im Jahr 1911, also als 19-Jähriger, der noch keine mittelirdische Geografie entwickelt hatte, zusammen mit elf Kameraden die Schweiz bewanderte. Der Weg führte unter anderem ins Lauterbrunnental, und Tolkien muss da die Erfahrung von ästhetischer und klimatischer Vollendung gemacht haben. Jedenfalls ist der Indizienbeweis, dass er gerade jenes Tal später elbisch mystifizierte, so ziemlich lückenlos.
Das Berner Oberland zwischen Lauterbrunnen und Stechelberg erscheint im «Hobbit» (1937) und im «Herrn der Ringe» (1954) als Rivendell (dt. Bruchtal), die Heimat von Elrond, dem Elbenfreund, in seiner unsterblichen Pracht. Und es sind Musik und Gesang in Elronds Halle des Feuers und ringsherum plätscherndes Wasser und der Duft von Bäumen und Blumen in allem. Der Fluss, der Rivendell durchfliesst, heisst Bruinen auf Elbisch oder Lautwasser in der Sprache der Menschen, und ein «Führer zu den imaginären Schauplätzen der Weltliteratur» empfiehlt dem Wanderer die Gegend vor allem im Herbst. Die Elben dort seien freundlicher als anderswo.
In Rivendells Osten ragt hoch das Nebelgebirg. Manche Interpretatoren, einmal im schweizerischen Schwung, haben da Eiger, Mönch und Jungfrau hineinprojiziert, und vielleicht hatten sie recht. Eine Primärquelle verweist mindestens auf eine Inspiration durch das der Jungfrau vorgelagerte Silberhorn, «die Silberzinne – Celebdil – meiner Träume» (so schrieb Tolkien noch 1968 an seinen Sohn), und wir erinnern uns: An der Flanke dieses Bergs zerschmetterte Gandalf der Graue den Balrog, jenen Feuerdämon aus den Tiefen des Ersten Zeitalters; sodass Eis und Glut, in denen dann Gandalf der Weisse geschmiedet wurde, im Grund berneroberländisch waren.
Überhaupt: Gandalf. Er scheint berglerische Verwandtschaft zu haben, wenn auch nicht schweizerische, streng genommen. In Tolkiens Nachlass fand sich eine Postkarte, auf der stand: «The Origin of Gandalf». Sie zeigte das Gemälde «Der Berggeist» (um 1925) des Allgäuers Josef Madlener (1881–1967), das in seiner Herzigkeit nur schwer auszuhalten ist: einen bärtigen Alten mit blauem Hut, der unter Tannen ein Reh streichelt, ein wenig sanfter Rübezahl, ein bisschen Schillers «Bergesalter» («Und mit seinen Götterhänden / Schützt er das gequälte Tier»). Und wenn das Gandalf ist, dann nicht jener, der Blitze schleudert in der Schlacht um Minas Tirith, sondern der, der gern mit Hobbits ein Pfeifchen raucht. Die Stimmung ist ausgesprochen vorälpisch, und in der Schweiz könnte auch das sein.
Dass jedoch die Hobbits Schweizer seien, wie die Mutter Schwarz vermutete, ist zu bezweifeln. Das machte ja Tolkien, der von sich sagte, er sei «in allem ein Hobbit, nur nicht in der Grösse», auch zum Schweizer und in der Logik von Guido Schwarz zum verschroben-heimeligen Fröntler. Und das wäre gewiss das saublödeste Klischee über einen mittelenglischen Fantasten, der zu anständig und zu altmodisch war fürs Faschistoide, vielleicht nicht als Verfassungs-, aber sicher als Herzensdemokrat mit einem Traum vom alten angelsächsischen Freibauerntum. Und mit einer Neigung zum englischen Frühstück, zu farbigen Westen und zu selbst bestellten Gärten, wo keine Maschine geduldet war ausser dem Handrasenmäher.
Ohnehin war der Sehnsuchtsort des Menschen und Philologen Tolkien nicht eine Gegend, sondern der Wohlklang und die Freiheit der Sprache, oder genauer: die friedliche Gemeinschaft jener, die in selbst erfundenen Elbenzungen reden. Einen von ihnen traf er als junger Leutnant 1916 an der Somme-Front, einen kleinen Mann, der während eines Vortrags über die Kunst, Menschen aufzuspiessen, plötzlich verträumt lächelte und sagte: «Ja, ich glaube, ich werde den Akkusativ mit einem Präfix ausdrücken.»
Christoph Schneider
Tödliche Verführung in
den Alpen

Hans Christian Andersen
Hans Christian Andersen hat die berühmte Schneekönigin auch in der Schweiz auftreten lassen – in seinem Märchen «Die Eisjungfrau». Und diesmal siegt der kalte Tod.
Die Gemmiwand mit dem Pass steht da wie ein Riesenfels, den ein wütender Zyklop einmal durch die Gegend geschleudert haben könnte. Literaturliebhaber kenne sie als wildromantische Kulisse für das Literaturfestival Leukerbad und als Schauplatz einer traditionellen Mitternachtslesung – die über dem Abgrund schwankende Gondel in stockfinsterer Nacht suggeriert, dass man sich in einer Zone des Übergangs befindet.
Für den dänischen Märchendichter Hans Christian Andersen mit seinem spätromantischen Flair fürs Transitorische bevölkerten sich Berge, Gletscher und Täler zwischen Berner Oberland, Wallis und dem Genfersee auf seiner Schweizreise von 1861 mit fantastischen Wesen. Die nahmen auch gleich in einer Geschichte Gestalt an: Beim Schreiben fackelte Andersen nicht lange.
Doch bevor er seine Texte publizierte, las er sie in den Salons von Förderern und Bekannten vor, wobei ihn deren Reaktionen oft entweder in Euphorie oder in depressive Verstimmungen stürzen konnten. In seinen Tagebüchern liest sich das so: «Meine Stimmung ist zum Aus-der-Welt-Springen, glaube keinem, nicht einmal mir selbst. – Ich werde bestimmt verrückt.» Durchaus lebensfroh fügt er allerdings an: «Mittagessen bei Ørsteds».
Die Schweiz war für Hans Christian Andersen ein Hort der Ruhe, aber auch eine mächtige Quelle der Inspiration. Die Landschaften hatten es ihm angetan, und Wilhelm Tell stand im Olymp seiner persönlichen Helden ganz oben. Die überwältigenden Reiseerfahrungen aus den Schweizer Bergen schlugen sich in den ersten Sätzen seines Märchens «Die Eisjungfrau» nieder, das Andersen gleich nach seiner Reise von Grindelwald nach Bex zu schreiben begann, und der Protagonist der «Eisjungfrau» lässt sich als luftigere Variante des Schweizer Nationalhelden verstehen – als Wilhelm Tell mit einem Andersen-Herz.
Wie so viele der abgründig-aberwitzigen Texte des Dänen beginnt es mit einer direkten Ansprache des Märchenonkels an seine Leser: «Wir wollen einmal die Schweiz besuchen, uns in dem herrlichen Gebirgsland umsehen, wo die Wälder an den steilen Felswänden emporklettern; wir wollen auf die blendend weissen Schneefelder hinaufsteigen und wieder zu den grünen Wiesen hinabgehen, wo Flüsse und Bäche dahinrauschen.»
Andersen war ein leidenschaftlicher Reisender. Im 19. Jahrhundert war jede Reise ein Abenteuer, vor allem für den mäkeligen Hypochonder aus Odense. In seinen Tagebüchern beklagt er sich auch öfter über körperliches Unwohlsein und andere Unannehmlichkeiten. Seine Tagebücher dokumentieren aber auch, wie er Material für seine Märchen und Romane sammelte. Im Juli 1861 notierte Andersen, noch ganz ohne das Märchenhaft-Wunderbare ins Spiel zu bringen, wie das Wetter die Berglandschaft im Berner Oberland mal unheimlich, mal lieblich in Szene setzt und wie die Jungfrau – der Berg – noch im Dunkeln weiterleuchtet.
In diese Fremdenverkehrskulisse hinein setzte er eine seiner berühmtesten und abgründigsten Figuren aus einem früheren Märchen, die Schneekönigin, und gibt ihr ein zweites Leben als Eisjungfrau. Die Schneekönigin, die den kleinen Kay in ihren Eispalast nach Spitzbergen entführt, wird von seiner treuherzigen Freundin, der kleinen Gerda, besiegt. Doch in der «Eisjungfrau» entkommt der Jüngling dem kalten Tod nicht. Bei einem Sprung in den Genfersee, am Vorabend der Hochzeit mit seiner Geliebten, erwischt ihn die Eisjungfrau in ihrer flüssigen Gestalt und zieht ihn zu sich in die Tiefe.
Dieser Jüngling heisst Rudy und ist ein tollkühner Gämsjäger, ein richtiger Bergler aus Grindelwald. Einer, der es liebt, «hoch oben in den Bäumen Vogelnester zu sammeln, verwegen und kühn, aber lächeln sah man ihn nur, wenn er an dem brausenden Wasserfall stand oder wenn er eine Lawine zu Tal donnern hörte». Das sind Spuren einer frühen Initiation in die Bergwelt, einer Nahtod-Erfahrung, die Rudy als Kleinkind beim Überqueren des Gemmipasses erlebte. Seine Mutter verschwand in einer Gletscherspalte, während er wundersamerweise überlebte. Der erwachsene Rudy verliebt sich in die charmante Walliserin Babette aus dem Dorf Bex, für die er sich als Held beweisen muss – eine Liebesgeschichte, die nicht nur Klassengrenzen überwindet, sondern auch den Röstigraben.
Für Andersens Verhältnisse ist die Liebe zwischen Rudy und Babette äusserst erotisch dargestellt. Die knisternde Ungeduld, mit der sie in der erhabenen Bergkulisse auf die Hochzeitsnacht warten, ist mit Händen zu greifen. Kay und Gerda aus der «Schneekönigin» bleiben dagegen immer «Kinder im Herzen» – nur deshalb dürfen sie zusammenbleiben. Das Begehren zwischen Rudy und Babette muss vor der Hochzeitsnacht durch den Tod in Sehnsucht zurückverwandelt werden. Hier zeigt sich, wie eng Andersens Selbststilisierung als unglücklicher Liebender mit einer Fixierung auf unerreichbare Frauen und Männer mit dem Kern seiner Poetik verbunden ist. Sexuelles Begehren öffnet der Verführung durch die Mächte des Todes Tür und Tor und lässt den Dichter verstummen. Nur wer im Herzen ein Kind bleibt, darf in Andersens Universum lieben – und schreiben.
Christine Lötscher
Der Mann, der Sherlock Holmes tötete

Arthur Conan Doyle
Die Reichenbachfälle sollten einer allzu erfolgreichen Serienfigur den Garaus machen. Doch der Autor hatte nicht mit der Liebe des Publikums gerechnet.
Meiringen ist ein ruhiger Ort im Haslital, fast möchte man ihn beschaulich nennen. Dramatisch wird es erst ausser- und oberhalb des Ortes, wo die Reichenbachfälle zu Tale brausen, insgesamt dreihundert Meter abwärts. Der spektakulärste in der Kataraktfolge ist der oberste Fall; wehe dem, der von dem Wassermassen erfasst und zu Tale geschleudert wird! Die beiden berühmtesten Opfer der Fälle – sie sind am 4. Mai 1891 hinein- und hinuntergestürzt – hat es allerdings gar nicht gegeben. Es sind Sherlock Holmes und Professor Moriarty, sein kongenialer Gegner, der «Napoleon des Verbrechens».
In «The Adventure of the Final Problem» erzählt Arthur Conan Doyle, der Schöpfer des legendären Detektivs, wie Holmes und sein treuer Begleiter Dr. Watson, verfolgt von Moriarty (oder vielmehr diesen hinter sich her lockend), durch die Schweiz reisen, von Genf durch das Wallis über den Gemmipass bis Interlaken und schliesslich nach Meiringen. Dort kommt es zum Showdown mit Moriarty, den beide nicht überleben, wie der verzweifelte Watson aus einem Brief entnehmen kann, den sein Freund hinterlassen hat. «Tief unten in dem tobenden Wasser und der ewig aufschäumenden Gischt wird für immer der gefährlichste Verbrecher aller Zeiten zusammen mit dem Helden der Gerechtigkeit Seite an Seite liegen», schliesst der Chronist die Erzählung, die die letzte sein sollte.
Wie kam es, dass der Zweikampf zweier Engländer ausgerechnet im Haslital stattfand? Die Reichenbachfälle waren schon im 19. Jahrhundert eine Attraktion, sie machten Meiringen zu einem «Top Shot» auf der Landkarte der englischen Touristen, auch wenn die das damals noch nicht so nannten. Laut Thomas Cook, dem massgeblichen Reiseführer, musste man auf der Brücke gestanden und in den Abgrund geschaut haben, wenn man in der Schweiz gewesen sein wollte, und Cooks Wort war Gesetz. Auch Arthur Conan Doyle stand hier an einem Augusttag des Jahres 1893, schwer beeindruckt, wie er sich in seinen Memoiren erinnert: «Es war ein schrecklicher Ort und ein, wie ich dachte, würdiges Grab für den armen Sherlock, auch wenn ich mit ihm mein Bankkonto begraben würde.»
Der eigentliche Mörder des Superdetektivs war natürlich nicht Moriarty, sondern sein Schöpfer: Er wollte ihn endlich los sein. Der Erfolg der Serienfigur wuchs ihm über den Kopf, wurde ihm unheimlich und lästig zugleich. Conan Doyle, eigentlich Mediziner, wollte als Autor historischer Romane berühmt und unsterblich werden, nicht mit Nebenwerken, wie er die Geschichten um den genialen Kriminalanalytiker betrachtete. Seit diese im «Strand» erschienen, einem Magazin mit Millionenpublikum, verdiente er nicht nur fürstlich daran, sondern wurde mit Briefen und Anfragen überhäuft, die viel häufiger gar nicht an ihn, sondern direkt an sein Geschöpf gerichtet waren: Er möge doch freundlicherweise in diesem oder jenem rätselhaften Kriminalfall tätig werden.
Der detailfreudige Realismus, mit dem Conan Doyle seine Figur und seine Gewohnheiten entworfen hatte, schlug zurück: Was so realistisch daherkam, musste real sein – und reale Hilfe leisten können. Im April 1892 schrieb der entnervte Autor an seine Mutter: «Ich stecke mitten in der letzten Holmes-Geschichte, nach der dieser Gentleman sich auflösen wird, um nie, nie wiederzukehren. Ich bin seines Namens überdrüssig.» Wie er Holmes loswerden würde, war ihm da aber noch nicht klar. Auch noch nicht, als er in die tosenden Reichenbachfälle blickte. Erst ein paar Wochen später ging ihm auf, welch ein idealer Ort dies für den Mord an seinem Helden war.
Conan Doyle war da schon weitergereist, nach Davos (wo er später, als erster Engländer, einen Alpenpass auf Ski überqueren und das Skifahren unter Engländern populär machen sollte). Zusammen mit einem Pfarrer namens Hocking machte er eine Gletscherbegehung, erzählte ihm von seinem Problem mit Sherlock Holmes, und Hocking schlug angesichts einer Gletscherspalte vor, den Mann doch dort hineinzuwerfen. (Auch zwei andere Geistliche beanspruchten übrigens die Anregerschaft.) Erst auf der Rückfahrt, schon in Paris (so schildert es jedenfalls Conan Doyles Biograf Andrew Lycett), ging dem Autor auf: Nicht die Gletscherspalte, der Wasserfall war das ideale Grab! Zurück in seinem Landhaus in South Norwood, schrieb er «The Final Problem», schickte es seinem Verleger und notierte befriedigt im Tagebuch: «Killed Holmes». Die Popseite seines Schaffens war er ein für allemal los.
Die Freude war voreilig. Als die Erzählung im Dezember 1893 erschien, reagierten die Leser entsetzt und wütend zugleich, und in einem völlig unerwarteten Ausmass. Hunderte von Briefen erreichten ihn erneut, aber sie begannen mit Sätzen wie «You brute!». 20'000 Abonnenten kündigten den «Strand», die Besitzer waren nicht amüsiert. Ausserdem liefen die historischen Romane nicht so gut wie erhofft. Dafür boten britische und amerikanische Verleger hohe Summen für neue Sherlock-Holmes-Storys. Conan Doyle kapitulierte und tat das, was unzählige Soap-Operas ihm nachtaten: Er liess den toten Helden wieder auferstehen.
Mit einem Spezialgriff einer japanischen Kampftechnik, erklärt er dem überraschten Dr. Watson und den beglückten Lesern, habe er sich im letzten Moment seinem Gegner entwunden, einen Felsvorsprung bestiegen und sich dann drei Jahre verborgen gehalten (in der Sherlock-Holmes-Forschung gilt diese Zeit als «Grosser Hiatus»; der Detektiv soll sie in Tibet, Persien und dem Sudan verbracht haben). Fortan löste er wieder Fall um Fall, und Conan Doyle produzierte und produzierte – er war das Geschöpf seines Geschöpfes geworden.
In Meiringen lebt Holmes noch heute, als Teil der touristischen Attraktionsstruktur: Auf dem zentralen Platz sitzt er in Bronze gegossen, den Kopf nachdenklich in die Hand gestützt; zünftig trinken kann man im Sherlock-Holmes-Pub, übernachten im Sherlock-Holmes-Sporthotel; und im örtlichen Sherlock-Holmes-Museum ist der Salon des unsterblichen Detektivs nachgebaut, mit Kamin und Lehnstuhl, Pfeife und Deerstalkerhut, Lupe, Reagenzgläsern und Violine.
Im Hotel Du Sauvage (im Vorgänger, dem Wilden Mann, soll Holmes – nein, natürlich Conan Doyle – abgestiegen sein) finden regelmässig Krimi-Events zum Mitspielen («Mord im Hotel») statt, und zu den Reichenbachfällen fährt schon seit 1899 eine Zahnradbahn hinauf. Alle paar Jahre mit Mitgliedern der Londoner Sherlock-Holmes-Gesellschaft, die in zeitgenössischer Kleidung das «Final Problem» nachspielen – wenn auch nicht ganz bis zum finalen Todessturz.
Martin Ebel
«Ewig war ich, ewig bin
ich dein»

Richard Wagner
Sechs Jahre hat Richard Wagner auf dem Grünen Hügel von Tribschen bei Luzern verbracht. Erstmals vereint mit seiner Cosima. Und mit Friedrich Nietzsche als Stammgast.
Der Titel mochte etwas umständlich sein: «Tribschener Idylle mit Fidi-Vogelgesang und Orange-Sonnenaufgang als Symphonischer Geburtstagsgruss» lautete er. Aber die Musik, die rührte Cosima Wagner unmittelbar zu Tränen, als sie an ihrem 33. Geburtstag davon geweckt wurde. Ein paar Zürcher Tonhalle-Musiker spielten das Stück, das später als «Siegfried-Idyll» bekannt wurde, auf der Treppe des Landhauses in Tribschen. Und tatsächlich, ein liebevolleres Werk hat Wagner kaum je komponiert: «Mit Ruhe» und «dolce» ist es zu spielen, als Anspielung auf den damals eineinhalbjährigen Sohn Siegfried alias Fidi sind Zitate aus dem «Siegfried» eingeflochten. Und Cosima dürfte auch die Melodie der Brünnhilde erkannt haben: «Ewig war ich, ewig bin ich dein.»
Wenige Monate davor, am 25. August 1870, hatte das Paar in Luzern geheiratet; eine turbulente Liebesgeschichte war damit amtlich besiegelt worden. Die beiden hatten sich verliebt, als die Liszt-Tochter Cosima noch mit dem Dirigenten und Wagner-Verehrer Hans von Bülow verheiratet war; die Scheidung beantragte sie erst, als die Töchter Isolde und Eva und Sohn Siegfried bereits geboren waren und sie mit Wagner in Tribschen lebte.
Das idyllische Landhaus auf dem auch heute noch grünen Hügel bei Luzern hatten sie zusammen während einer Schifffahrt im März 1866 entdeckt. Bereits im April zog Wagner ein, damals noch allein (Cosima folgte 1868). Die Miete von 5000 Franken jährlich bezahlte der Bayern-König Ludwig II., der Wagner schon seit Jahren verehrte und finanzierte und bald auch in Tribschen auftauchte. «An diesem jungen Könige hat die Kunstwelt einen trefflichen Theater-Direktor eingebüsst», lautete der spitze Kommentar im «Luzerner Tagblatt». Ludwig II. selbst scheint sich eher als Opernfigur gesehen zu haben, jedenfalls liess er sich bei Wagner als Walther von Stolzing anmelden, als den noblen Protagonisten der «Meistersinger von Nürnberg» also, die in jener Zeit entstanden.
Überhaupt waren es produktive Jahre für Wagner. Neben den «Meistersingern» schrieb er in Tribschen den dritten Akt des «Siegfried» und begann mit der «Götterdämmerung». Ausserdem überarbeitete er seine Hetzschrift über «Das Judentum in der Musik», die er neu unter seinem eigenen Namen herausbrachte (die erste Version war 1850 unter dem Pseudonym K. Freigedank erschienen).
Die grossen Wanderungen, auf denen er schon in den 1850er-Jahren die Innerschweiz kennen gelernt hatte, waren ihm inzwischen zu anstrengend; wenn schon, liess er sich mit seiner Gattin in einer Sänfte auf den Pilatus tragen. Aber die Landschaft um seinen «Lieblingsberg», die Rigi, fand zweifellos ein Echo in seiner Musik: etwa wenn in der Nornenszene der «Götterdämmerung» die Sonne den Nebel zerteilt. «Wo noch ein Grashalm wächst, ist die Möglichkeit für Goethe und Schiller da», zitiert ihn Cosima, «aber wo bloss Stein ist, da ist Ruhe, da ist der Platz für Götter.» Beim Blick in die Berge dürfte er sich seinem Opernpersonal durchaus nahe gefühlt haben.
Unten, in Tribschen selbst, hausten dagegen keine Götter, sondern neben der Familie Wagner eine Gouvernante, ein Kindermädchen und weiteres Personal; dazu ein Pferd, Hunde, Katzen, Fasane und zwei Pfauen namens Wotan und Fricka. Eine besondere Rolle scheint eine gewisse Vreneli Weidmann aus Embrach gespielt zu haben, die Wagner schon in Genf und München als Haushälterin geschätzt hatte: Jedenfalls, so bemerkten die Zeitgenossen, sollen ihre drei Kinder auffällig ihrem Brotherrn geglichen haben.
Man pflegte ein offenes Haus, Ludwig II. war bei weitem nicht der einzige illustre Gast. Da war auch noch ein junger Professor, der an der Universität Basel klassische Philologie lehrte. Sein Name: Friedrich Nietzsche. Richard Wagner war sein zweites Idol nach Arthur Schopenhauer, auch Cosima scheint er geschätzt zu haben – so sehr, dass er sich willig für allerlei Kommissionen einspannen liess. In Basel sollte er für Weihnachten Tüll mit Goldsternchen besorgen, in Dresden eine Silberampel, in Salzburg «einige Pfunde Caramels, dito Pâte d’Abricots, eine Schachtel Fruits Confits (keine in Gläsern mit Syrup sondern glacierte) und eine Tüte Orange Glacées», wie Cosima notierte.
Nietzsche wurde zum Stammgast in Tribschen, ein Zimmer im zweiten Stock wurde für ihn eingerichtet, und er verbrachte hier «Tage des Vertrauens, der Heiterkeit der sublimen Zufälle – der tiefen Augenblicke,» wie er 1888 in «Ecce Homo» in einer ziemlichen Verklärung der Vergangenheit schrieb. Damals war es längst zu jenem Bruch gekommen, den Cosima vorausgeahnt zu haben scheint: Nietzsche wehre sich gegen die «überwältigende Persönlichkeit R.s», notierte sie in ihrem Tagebuch, das sie in Tribschen zu führen begonnen hatte und das zu den wichtigsten Quellen der Wagner-Forschung gehört.
Cosima selbst, auch das zeigt dieses Tagebuch, gewann zunehmend die Kontrolle über diese «überwältigende Persönlichkeit». Wagner habe sich ihrem Regiment unterworfen, «das ihn zugleich unbarmherzig tadelte und kritiklos zum Abgott erhob»: So brachte der Wagner-Biograf Joachim Köhler das Verhältnis auf den Punkt. Das Glück, das im «Siegfried-Idyll» anklingt, dürfte zuweilen beengend gewesen sein – die säuberlich rapportierten Atembeschwerden und Brustkrämpfe des Komponisten lassen jedenfalls darauf schliessen.
Aber der gemeinsame Weg war eingeschlagen, man ging ihn weiter, in aller Konsequenz. 1872 führte er dann weg von Tribschen, weiter nach Bayreuth, wo Wagner auf einem anderen grünen Hügel sein Ziel erreichte.
Susanne Kübler
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