Читать книгу: «Die Gefühle der Tiere»

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Peter Wohlleben

Die Gefühle

der Tiere

Von glücklichen Hühnern,

liebenden Ziegen

und träumenden Hunden

illustriert von Margret Schneevoigt


Mit Gefühl und Verstand

Sind frei laufende Hühner glücklich? Wovon träumen Fruchtfliegen und Hunde? Welches Zeitgefühl hat ein Schmetterling?

Peter Wohlleben schreibt leicht verständlich über Emotionen, Intelligenz und Bewusstsein der Tiere und fordert zu ethischem Handeln auf. Dabei macht er wenig Unterscheide zwischen liebenswerten Katzen, Milch gebenden Ziegen oder lästigen Fliegen. Und er scheut sich nicht, Parallelen zu menschlichen Gefühlen zu ziehen und provokante Thesen zu vertreten.

Seine faszinierenden Ansichten zu Liebe, Mitgefühl, Trauer und Schmerz bei Tieren belegt der Autor anhand aktueller Studienergebnisse von Verhaltensforscher und Biologen, aber auch durch viele Beobachtung der Wildtiere im Eifeler Forst und seiner eignen Haustiere. Der bekannte Förster und Naturschützer beleuchtet dabei auch zahlreiche Vorurteile, wie die Märchen vom bösen Wolf oder der blöden Ziege und das Bild vom scheuen Reh.

Das Buch ruft zum Nachdenken über die Konsequenzen unseres alltäglichen Handelns auf. Es geht den Fragen nach, mit welchem Recht wir Tiere für Versuche quälen, massenhaft einsperren und töten, oder ob eine artgerechte Tierhaltung moralisch vertretbar ist. Seite für Seite wird immer klarer, warum ein achtsamer Umgang mit den Mitgeschöpfen auch uns Menschen glücklicher macht.


Inhalt

Cover

Titel

Vom Glück, mit Tieren zu leben

Dumpfe Kreaturen oder fühlende Wesen?

Primitiv oder anspruchsvoll?

• Auf der Suche nach dem scheuen Reh

Spaß beim Sex

Und wie steht es mit der Liebe?

• Von wegen blöde Ziege!

Trauer und Tod

Empathie im Tierreich

Freude und Glück

• Wunschbild »glückliches Huhn«

Einfach nur böse?

• Die Angst vor aggressiven Hornissen

Neues aus dem Oberstübchen

Gehirngrößen und Intelligenz

• Die Fabel vom schlauen Fuchs

Der Spiegeltest

Können Tiere träumen?

Kulturelle Traditionen

Fähigkeit zur Kommunikation

• Vorbild fleißige Biene?

Staatenbildung und gezähmte Emotionen

Spiritualität und religiöses Empfinden

Zeit ist relativ

• Der Mythos vom dummen Schaf

Tiere im Reich des Menschen

Normal ist tausendfach verschieden

• Vorsicht: gemeine Zecke?

Von Sklaven und willigen Dienern

• Das Märchen vom bösen Wolf

Das große Geschäft

Symbiosen zwischen Mensch und Tier

Angsthasen und Jäger

• Die Mär vom ängstlichen Hasen

Mehr Achtsamkeit mit Tieren

Gespanntes Verhältnis zu unseren Mitgeschöpfen

• Die Legende von der diebischen Elster

Ein Ausflug ins Reich der Pflanzen

Die Büchse der Pandora

• Besser als ihr Ruf: die dreckige Sau

Der Hund in der Handtasche

Ich sehe was, was Du nicht siehst

• Beliebtes Vorurteil: der störrische Esel

Verhungern aus Mitleid?

Rücksichtnahme – ein praktischer Versuch

Epilog

Der Autor

Weitere Bücher

Impressum

Vom Glück, mit Tieren zu leben


Patsch! Erwischt. Die Fliege, die schon seit Stunden brummend durch unser Haus geflogen ist, liegt unter der Fliegenklatsche. Heimliches Jagdglück breitet sich in mir aus. Mit spitzen Fingern packe ich die ekeligen Überreste an den Flügeln und befördere sie in den Mülleimer.

In den letzten Jahren mischen sich nach jeder derartigen Aktion mehr und mehr zweifelnde Gefühle in den kleinen Triumph. Denn der Gedanke beschleicht mich immer öfter, dass ich die individuelle Welt dieser winzigen Wesen unwiderruflich auslösche. Warum gilt mir das Lebensrecht dieser Fliege weniger als das unseres Hundes? Ich muss sie nicht mögen, aber sollte ich mir nicht wenigstens die Mühe machen, sie zu fangen und wohlbehalten an die frische Luft zu setzen? Hat nicht auch solch ein nerviges Etwas Freude am Leben, einen festen, vorgezeichneten Weg, der es über die Jugend und eigenen Nachwuchs bis zu einem Alterstod führen soll? Oder ist das alles völlig übertrieben und sentimental?

Der Mensch ist schließlich etwas Einzigartiges. Nur unsere eigene Spezies hat ein Selbstbewusstsein, kann detailliert über Sprache kommunizieren, empfindet Glück und Trauer und stellt damit eine absolute Ausnahme im Reich der Tiere dar. Wirklich? Schon in der Vergangenheit gab es mit Charles Darwin und Konrad Lorenz einzelne Forscher, die auf Gefühle von Tieren hinwiesen. Damals war die Zeit offensichtlich noch nicht reif für solches Gedankengut. In den letzten Jahren hat sich das Bewusstsein jedoch geändert. Immer mehr Wissenschaftler widmen sich dem Gefühlsleben unsere Mitgeschöpfe, und im Zuge dieser Forschungen taucht eine Überraschung nach der anderen auf.

Es ist wie bei einem Puzzlespiel, bei dem mit jedem Stück das Bild klarer wird. Und obwohl schon genug zu erkennen ist, scheint es, als wollten wir nicht sehen, was sich da vor unseren Augen abzeichnet. Es ist eine wunderbare Welt von Mitgeschöpfen, die offenbar zu weitaus mehr in der Lage sind, als wir ihnen zugestehen wollen, zugestehen können. Denn wenn wir vorbehaltlos akzeptieren würden, dass wir nicht nur von vollautomatischen Biorobotern, sondern von fühlenden, fröhlichen Wesen umgeben sind, müssten wir den Umgang mit ihnen drastisch ändern.

Respekt und Rücksichtnahme bedeuten jedoch gleichzeitig eine Einschränkung unseres bisherigen Lebensstandards. Dürfen wir Tiere überhaupt noch töten oder anderweitig nutzen? Und falls wir dies dennoch machen, müssten wir dann nicht wenigstens die Nutzung auf das wirklich Notwendige beschränken und ihnen dabei so viel an Lebensqualität wie möglich zugestehen? Das würde beispielsweise die Massentierhaltung und damit auch billige Lebensmittel in der heutigen Form ausschließen und eine artgerechte Haltung aller Haustiere notwendig machen.

Gewinnen könnten wir dafür an Vergnügen. Eine Tierwelt, die witzig ist, die Kulturen hervorbringt, meisterhafte Bauwerke errichtet oder einfach nur glücklich ist: Ist das nicht ein unfassbares Glück, mit solchen Wesen gemeinsam unseren Planeten zu bevölkern und sie bei ihrem Treiben zu beobachten? Etliche der Geschöpfe mögen uns sogar ausgesprochen gern, warten nur auf eine freundliche Geste und sind bereit, all das Ungerechte der Vergangenheit sofort zu vergessen. Geben Sie anderen Arten die Chance, zu zeigen, was in ihnen steckt, und begleiten Sie mich auf eine Entdeckungsreise zu den Gefühlen der Tiere und ziehen Sie Ihre eigenen Konsequenzen daraus. Dabei werden Sie vielleicht auch ein paar interessante Aspekte der menschlichen Spezies überdenken.

Dumpfe Kreaturen oder fühlende Wesen?


Können Tiere glücklich sein? Glück ist schon beim Menschen schwer zu fassen, obwohl es als eines der erstrebenswertesten Güter überhaupt gilt. Nicht umsonst wird es von Gratulanten bei jedem freudigen Anlass gewünscht und ist bei den meisten Mitbürgern Lebensziel Nummer eins.

Bevor wir uns mit Trauer und Freude, Liebe und Glück beschäftigen, sollten wir uns aber dem Sammelbegriff dieser ganzen Kategorien zuwenden: den Gefühlen. Diese werden anderen Arten häufig abgesprochen, und entspräche das den Tatsachen, so könnten wir jeden Gedanken an eine sympathische Welt von Mitgeschöpfen gleich mit über Bord werfen. So gesehen, handelt es sich um die zentrale Frage dieses Buches: Haben Tiere Gefühle? Dazu müssen wir erst einmal herausfinden, was das überhaupt ist.

Rein wissenschaftlich unterscheidet man Sensibilität und Emotionen. Ersteres beschreibt das Fühlen mit den Sinnesorganen, also das Schmecken mit der Zunge, das Hören mit den Ohren, das Tasten mit den Fingern und so weiter. Das reine Fühlen wird demnach dem Körper zugeordnet. Davon getrennt gesehen werden die Emotionen, unter ihnen die bereits genannten Vertreter, allen voran das Glücklichsein. Ich persönlich halte nichts von dieser Zweiteilung. Denn sie verschleiert, dass beides in Wahrheit demselben Mechanismus zuzuweisen ist: der Steuerung des Körpers durch unsere Instinkte. Gefühle sind nämlich nichts anderes als die Sprache unseres Unterbewusstseins, eine Sprache, die ohne Schule oder langes Üben sofort und von jedem verstanden wird. Für bestimmte Situationen hat das Unterbewusstsein Handlungsanweisungen parat, die ohne Wenn und Aber zu befolgen sind: eben die Instinkte, die uns durch eindeutige Botschaften ins Bewusstsein übersetzt werden. Fassen Sie beispielsweise einmal auf eine heiße Herdplatte. Müssen Sie noch lange überlegen, ob es sinnvoll ist, Ihre Hand minutenlang brutzeln zu lassen? Nein, denn ein heftiger Schmerz durchzuckt Sie, und egal, was Ihr Verstand sagt, Sie müssen die Hand zurückziehen. Die Pein ist ein formulierter Befehl, die Finger sofort von der Platte zu nehmen, weil das Unterbewusstsein aufgrund der Hitzeeinwirkung erkennt, dass Ihre Haut ansonsten irreparabel geschädigt würde.

Etwas subtiler, aber nicht minder fordernd sind die Befehle, Nahrung aufzunehmen. Steht ein entsprechendes Angebot in Form attraktiver Lebensmittel in Reichweite, so gelingt es nur den wenigsten, standhaft zu bleiben und den eigenen Body-Mass-Index im grünen Bereich zu halten. Schließlich ist Hunger bis heute einer der Hauptauslesefaktoren der menschlichen Evolution, auch wenn wir das in der westlichen Zivilisation kaum noch bemerken. Unzählige Diätvarianten bekunden, dass der Stein der Weisen noch nicht gefunden ist und das Diktat der Instinkte auch im Bereich der Gewichtskontrolle nach wie vor gilt.

Das Befolgen dieser Befehle aus den Tiefen des zentralen Nervensystems begleitet unser ganzes Leben, ja bestimmt es möglicherweise sogar zu großen Teilen.

Da die Erforschung derartiger Prozesse erst ganz am Anfang steht, kann man noch nicht sagen, wie viel Prozent und welche Art der Entscheidungen dergestalt ablaufen. Dass zumindest ein Teil unserer Handlungen instinktgesteuert abläuft, steht jedoch außer Frage. Und weil unser wacher Verstand das nicht immer akzeptieren will, liefert er manchmal einfach eine Begründung, warum die Anweisung aus dem Unterbewusstsein in Wahrheit doch seine Entscheidung wäre. So zum Beispiel, weshalb man sich trotz gewichtsreduzierender Ernährung nun doch zwischendurch ein Stück Schokolade gönnen darf (obwohl man insgeheim weiß, dass dies kontraproduktiv ist). Der Verstand liefert hier eigentlich nur noch eine Entschuldigung für unser leicht kränkbares Ego, welches sich, dermaßen bestätigt, jederzeit als uneingeschränkter Herr der Lage fühlt.

Die Verhaltenssteuerung über Instinkte ist also selbst bei der Krone der Schöpfung, dem Menschen, etwas ganz Alltägliches. Kein Wunder, gehört er doch, biologisch gesehen, zu den Tieren, und diese greifen alle auf solche Mechanismen zurück. Nicht nur der sprichwörtliche Raubtierinstinkt, der beispielsweise bei der Flucht potenzieller Beutetiere ausgelöst wird (und im übertragenen Sinn etwa bei knallharten Geschäftsleuten vermutet wird), nein, das ganze tierische Leben ist davon geprägt. Und genau hier haben wir unser erstes Glied in der Kette der Beweise.

Noch einmal zur Zusammenfassung: Aktives Handeln kann nur durch freie Entscheidung mithilfe von intelligentem Nachdenken und daraus folgenden Entschlüssen eingeleitet werden oder aber durch Instinkte, vorprogrammierte Handlungsanweisungen des Unterbewusstseins, für die es keinerlei Abwägungen bedarf. Wenn wir den Tieren keine Intelligenz, keinen Verstand zugestehen, so muss ihr Handeln zwangsläufig rein instinktgeprägt sein. Und die Sprache des Unterbewusstseins sind nun einmal die Gefühle.

Primitiv oder anspruchsvoll?

Kommen wir zu der eingangs erwähnten Zweiteilung der Gefühle zurück: dem Fühlen im Sinne von Sensibilität und von Emotionen. Diese Zweiteilung ermöglicht der Wissenschaft eine Differenzierung in Klassen, in primitiv und anspruchsvoll.

Sie meinen, den Tieren würde seitens der Wissenschaft die niedrigere Kategorie, also lediglich die der Sensibilität, die bloßes Fühlen mit Sinnesorganen beinhaltet, zugestanden? Furcht, Glück, Freude oder Trauer als Königsdisziplinen der Gefühle blieben dem Menschen vorbehalten? Leider gefehlt! Noch nicht einmal Schmerz als eine der primitivsten Äußerungen des Unbewussten wird den Mitgeschöpfen vorbehaltlos eingeräumt. Und bevor wir auf die sonnigeren Aspekte tierischen Gefühlslebens eingehen, müssen wir uns daher dieser unangenehmen Seite zuwenden, denn zur Klärung der Frage, ob Tiere wirklich fühlen können, eignet sich Schmerz am besten.

Schmerz ist eines der ursprünglichsten Signale, welches nach neuestem Stand der Kenntnis sogar Pflanzen kennen. Wird noch nicht einmal dieses anerkannt, so spricht man den Tieren schlichtweg ihre Funktionsfähigkeit ab. Denn der Erhalt des Körpers hat oberste Priorität im Wettrennen der Evolution um die Sicherung der eigenen Gene und deren Weitergabe an die nächste Generation. Wenn etwas wehtut, so bedeutet dies nichts anderes, als dass der Organismus in Mitleidenschaft gezogen wird – sei es durch Stiche in die Haut, durch Knochenbrüche oder Verletzungen innerer Organe. Je stärker der Schmerz, desto weniger fallen andere Bedürfnisse wie etwa Hunger ins Gewicht.

Auf der Suche nach dem scheuen Reh

Große dunkle Augen, ein sympathisches Gesicht, dazu ein schlanker Hals und dünne Beine: Rehe sind anmutige Tiere. Mit der Leichtigkeit von Gazellen hüpfen sie durchs Unterholz und überspringen Zäune bis 1,50 Meter Höhe. Dabei können wir sie allerdings nicht allzu oft beobachten, denn sie meiden Menschen. Schon unsere Vorfahren jagten die kleinen Pflanzenfresser, und aktuell werden pro Jahr allein in Deutschland über eine Million geschossen. Kein Wunder, dass sie ihre Aktivität in die Nacht verlagert haben und am Tage auf Distanz bleiben. Dabei wirken sie aber nicht so ängstlich wie Hasen, und das liegt an ihrem besonderen Fluchtverhalten. Rehe halten keine langen Strecken bei vollem Tempo durch. Das brauchen sie in ihrem ursprünglichen Lebensraum, dem Waldrand, auch nicht. Bei verdächtigen Bewegungen oder Geräuschen sprinten sie zunächst rund 100 Meter weit, um dann wieder stehen zu bleiben und sich erst einmal umzusehen. Manchmal rufen sie dabei hundeartig (das wird »Schrecken« genannt). Werden sie nicht verfolgt, setzen sie ihren Weg dann in ruhigem Trab oder gar im Schritt fort. Mit der wilden, hakenschlagenden Hasenflucht hat das wenig zu tun – wobei: Geradlinig ist der Weg in solchen Situationen auch nicht. In einem großen Bogen, der langsam und oft mehr als eine Stunde Zeit in Anspruch nimmt, bewegen sich die Rehe wieder auf ihren ursprünglichen Standort zu. Der Grund ist ihr Revier: Hier haben sie sich gegenüber Artgenossen behauptet, hier sind sie zuhause. Und wird ein Reh doch einmal von einem Hund verfolgt, so kreuzt es mehrfach seine eigene Spur, sodass der nach der Nase jagende Hund den roten Faden verliert. Daher kann er ein gesundes Reh im Wald auch nicht fangen.

Als typische Einzelgänger schließen sich Rehe nicht dem Menschen an. Auch wenn sie in unsere Vorgärten kommen (dort wird schließlich nicht gejagt) und dort ein wenig ihre Scheu vor uns ablegen – ein Rest davon bleibt.


Tiere, die kein Schmerzempfinden hätten, würden von der gnadenlosen Natur sofort aussortiert. Wird beispielsweise ein verletztes Bein nicht geschont, sondern rücksichtslos weiter belastet, so fällt es schließlich ganz aus – und der Besitzer wird ein leichtes Opfer von Raubtieren. Ein trauriges Beispiel für die Wichtigkeit dieses Signals bei uns Menschen lieferte ein pakistanischer Junge, auf den Forscher aufmerksam wurden. Er trat als Straßenkünstler auf, lief über glühende Kohlen und bohrte sich Messerklingen in die Arme. Kein Wunder, stellten die Wissenschaftler doch einen Gendefekt fest, der jedes Schmerzempfinden unmöglich machte. Sechs weitere Kinder mit gleichen Erbschäden wurden in der Verwandtschaft des Jungen entdeckt, alle mit zahlreichen blauen Flecken, Schnittwunden, Quetschungen und Knochenbrüchen. Das Leben des Jungen endete wenig später während eines Auftritts mit einem Sturz vom Dach.

Ohne Schmerz ist das Überleben für uns kaum möglich. Täglich würden wir uns verletzen und aus diesen Verletzungen wenig lernen. Unangenehme Erinnerungen an die auslösenden Situationen gäbe es ja nicht, von dem abstoßenden Anblick einmal abgesehen. Warum sollte das für Tiere anders sein? Wie, wenn nicht durch Schmerz, könnten sie sofort Verletzungen feststellen, sich außer Gefahr bringen und diese künftig meiden?

Selbst primitivste Arten müssen demnach über Gefühle verfügen. Angenommen, Fliegen hätten kein Bewusstsein (was sich, wie später noch erwähnt wird, als Irrtum erweisen könnte). Fühlte sich dann Schmerz für die Winzlinge trotzdem ähnlich an wie für uns? Wäre es nicht möglich, dass Schmerz in diesem Fall nur ein biochemischer Auslösereiz ist, der eine Kettenreaktion von Reflexen in Gang setzt? Der keine Qualen auslöst, sondern nur einen Schalter eines Bioroboters darstellt? Wäre es so, so würden Fliegen aus unangenehmen Erfahrungen nichts lernen. Sie würden wieder und wieder dieselben Fehler machen, wenn Schmerz nichts Abschreckendes hätte. Dass sie ihr Verhalten ändern, können Sie beispielsweise beim Fliegenfangen sehen: Die kleinen Flieger werden mit jedem Versuch, mit jedem Erschrecken vorsichtiger, starten bereits, wenn sich Ihre Hand nur nähert. Es muss also selbst bei winzigen Insekten positive und negative Gefühle geben, Belohnungen und Bestrafungen für Handlungen, die einen Lernerfolg zum Ziel haben.

Das Bewusstsein, so vorhanden, lässt das Individuum höchstens zum Beobachter eines kaum beeinflussbaren Prozesses werden. Denken wir an uns selbst und die Herdplatte. Ist das Bewusstsein hier nicht vollkommen überflüssig? Die Hand zieht sich auch ohne Denkprozesse rasch zurück, und unsere Wahrnehmung erhöht nur die Qual, weil wir den Schmerz in allen Facetten auskosten müssten. Das Bewusstsein als unbeteiligter Beobachter könnte höchstens die Rolle eines Verstärkers übernehmen, der die negativen Gefühle fester verankert und so Fehler konsequenter vermeiden hilft.

Werden Wirbeltiere verletzt, so wird bei ihnen das gleiche Areal im zentralen Nervensystem aktiv wie bei uns, nämlich das Endhirn. Selbst bei Fischen, die entwicklungsgeschichtlich sehr weit von uns entfernt sind. Wenn sie am Haken des Anglers zappeln, muss nach neuestem Stand der Forschung von einem quälerischen Akt ausgegangen werden, denn ihr Endhirn läuft dabei ebenfalls zu Höchstleistungen auf.


Das Schmerzempfinden als elementare Warnfunktion muss bei jedem Tier vorhanden sein, ob unbewusst oder bewusst. Anscheinend gilt diese Erkenntnis aber nicht für bürokratische Wissenschaftler (oder wissenschaftliche Bürokraten). Anders ist es nicht vorstellbar, dass unserem Schutz unterstellten Tieren so viel zugemutet werden darf. Fleisch von männlichen Schweinen mag niemand kaufen, weil sie voller Sexualhormone sind und das Fleisch daher unangenehm riecht. Was liegt da näher, als einfach den Quell des Übels, die Hoden, zu entfernen? Und damit das schnell und billig abläuft, werden die wenige Tage alten Ferkel ohne Betäubung operiert. Aus angeblichen Tierschutzgründen(!) sind auch das Ausbrennen der Hörner bei Kälbern und das Abschneiden der empfindlichen Schnabelspitzen bei Hühnerküken in der modernen Landwirtschaft Alltag – selbstverständlich ohne Narkose. Ansonsten würden sich die Tiere in der Enge der Ställe gegenseitig verletzen. Klingt brutal und ist es wohl auch, aber von offizieller Seite nimmt man einfach an, dass zumindest ganz junge Tiere kein Schmerzempfinden haben. Erst ab 2017 (Hühner) und ab 2019 (Ferkel) soll sich dies ändern – nach diesen Terminen darf amtlicherseits Gnade walten.

Selbst die Nachkommen unserer eigenen Art, eben erst geborene Säuglinge und vor allem Frühchen, wurden früher medizinisch als schmerzunempfindliches Etwas angesehen. Bis in die 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts operierten Chirurgen sogar am offenen Herzen von Babys, und zwar (aus Angst vor Nebenwirkungen) ohne Narkosemittel; das herzzerreißende Schreien und Strampeln wurde von ihnen eher als harmloser Reflex gedeutet.

Mittlerweile weiß man, dass Neugeborene selbstverständlich Schmerzen fühlen, und daher setzt man bei Operationen solch junger Patienten heute routinemäßig Schmerz- und Narkosemittel ein. Tierbabys wird das leider oft immer noch abgesprochen. Dabei ist auch bei ihnen das beobachtbar, was allen Wesen auf unserem Planeten gemein ist: Werden sie verletzt, so zeigt der Körper eine Abwehrreaktion. In diesem Fall ein heftiges Strampeln und Schreien, was vermutlich nur deshalb als unerheblich abgetan wird, damit die Halter weiterhin ohne Skrupel Ferkel und Küken für die Massentierhaltung tauglich machen können.

Noch einmal: Schmerz ist ein Körpersignal, welches dem Gehirn die drohende oder eingetretene Schädigung des Körpers meldet – dieses Gefühl muss jedes Wesen kennen. Damit ist gleichzeitig geklärt, dass Tiere grundsätzlich fühlende Geschöpfe sind. Allerdings haben wir bisher erst den wissenschaftlich »minderwertigeren« Teil, die Sensibilität, abgedeckt. Um zu zeigen, wie es mit den anspruchsvolleren Gefühlen, den Emotionen, aussieht, muss ich auch in diesem Zusammenhang zunächst in die Kiste der negativen Gefühle greifen. Sie rufen viel heftigere Reaktionen hervor und sind daher besser nachzuvollziehen.

Emotionen sind komplizierte Vorgänge zwischen Körper und Verstand, die unser Bewusstsein in Form von Gefühlen erreichen. Eines der stärksten ist die Angst. Sie signalisiert dem Gehirn eine so heftige Bedrohung, dass Blutdruck und Puls ansteigen und der ganze Organismus in den Zustand höchster Leistungsfähigkeit versetzt wird. Mit der Angst spricht das Unterbewusstsein meistens Verbote aus, dieses und jenes zu tun. Aktives Handeln wird in aller Regel nur für eine Flucht ausgelöst. Ein Teil der Ängste ist angeboren, andere werden erlernt. Für Letzteres habe ich täglich ein Beispiel vor Augen: einen Elektrozaun. Unsere Milchziegen genießen die warme Jahreszeit auf der Sommerweide. Alle zwei Wochen ist die Teilparzelle abgegrast, und das nächste Wiesenstück ist an der Reihe. Um die Ziegen zu hüten, hat sich ein Elektrozaun bewährt. Er ist nicht so gefährlich wie Stacheldraht und kann leicht versetzt werden. Die Stromschläge sind zwar schmerzhaft, aber ungefährlich. Die älteren Tiere berühren den Zaun schon jahrelang nicht mehr, während die Lämmer zwei, drei Mal die unangenehme Erfahrung machen, dass die Litzen eine Grenze darstellen, die man besser meidet.

Wie sich die Ziegen fühlen, kann ich gut nachvollziehen. Denn auch ich habe den Zaun schon mehrmals unabsichtlich berührt. Der Stromschlag wirkt wie ein fester Schlag mit der flachen Hand, verbunden mit einem den Körper durchzuckenden Schmerz. Nach einem solchen Missgeschick vergewissere ich mich bei den nächsten Weidebesuchen mehrfach, ob auch wirklich der Strom abgeschaltet ist. Und selbst dann ist mir mulmig zumute, wenn ich den Zaun zwecks Umsetzen anfassen muss. Meine Angst vor dem nächsten Stromschlag ist also stärker als mein Verstand, der Harmlosigkeit signalisiert. Und diese Angst ist den Tieren sicher gleichermaßen bewusst.

Bei unseren Pferden, die ebenfalls mittels Elektrozaun auf der Weide gehalten werden, kann man dieses Bewusstsein sogar beobachten. Sie sind, was Stromimpulse anbelangt, besonders empfindlich. Daher empfehlen die Gerätehersteller die Wahl einer geringen, Strom sparenden Stufe des Weidezaungeräts. Übersetzt heißt dies, dass Pferde außergewöhnlich ängstlich sind. Wie bewusst sie die Vorgänge um den Zaun (und damit die schmerzhaften Lektionen) wahrnehmen, zeigt unsere Stute Bridgi. Sie ist besonders verfressen, und das saftigste Gras wächst natürlich immer außerhalb der Umzäunung. Bridgi registrierte, dass jedes Mal, wenn ich komme, der Strom abgeschaltet wird. Und seit diesem Moment der Erkenntnis handelt sie wie folgt: Sobald ich die Weide betrete, schiebt sie ihren Hals unter dem Zaun hindurch. Mit dem Elektroband im Nacken grast sie den Nachbarstreifen genüsslich ab, bis ich die Koppel wieder verlasse. Wäre die Angst rein unbewusst, so würde die Stute den Kontakt zum Zaun durchgehend vermeiden. So aber schaltet ihr Bewusstsein die Furcht in dem Augenblick ab, wenn ich den Strom abschalte. Von außen gesehen, kann man weder dem Pferd noch mir die Angst ansehen. Lediglich die Vermeidung der Zaunberührung deutet darauf hin.

Dieses Gefühl darf man sicher den meisten, wenn nicht allen Tierarten unterstellen. Unangenehme Erfahrung macht nun mal jeder, und jedes Wesen muss daraus lernen können, um zu überleben. Lernen und Angst sind demnach fest miteinander verknüpft. Der Schluss »alle lernfähigen Wesen können auch Angst empfinden« muss somit zulässig sein. Und selbst Fliegen mit ihren klitzekleinen Hirnen lernen. Das kennen Sie sicher auch: Wenn Sie in Ihrer Wohnung auf Jagd nach den Plagegeistern gehen, so werden die Winzlinge immer gewiefter, je öfter Sie daneben schlagen. Es ist eine Art Training der besonderen Art, denn jeder Fehler der Fliegen wird sofort mit dem Tod bestraft. Warum weichen sie unserer Hand aus? Weil sie Angst haben, Todesangst, und das lässt sie auch außergewöhnlich schnell lernen.

Spaß beim Sex

Ich erinnere mich nur noch schemenhaft an die Zoobesuche der Kindheit. Anfangs war alles interessant, ich bestaunte jedes Tier, aber mit der Zeit wurde es mir langweilig. Spätestens nach einer Stunde interessierten mich nur noch die Highlights, etwa große Raubtiere oder Elefanten. An andere Arten kann ich mich heute nicht mehr erinnern. Mit einer Ausnahme: Was mir noch recht lebhaft vor Augen steht, ist die Besichtigung des Pavianfelsens. Auf diesem künstlichen Betongebilde tummelte sich stets eine froh gelaunte Gesellschaft der afrikanischen Savannenbewohner, die sich zu Zeiten der Fütterung laut kreischend um Brotreste und Früchte zankten.

Deutlicher noch als die Nahrungsaufnahme ist mir allerdings der wilde, ungehemmte Sex in Erinnerung. Die Paviandamen stellten ihre knallroten, geschwollenen Hinterteile zur Schau, und ob Herdenchef oder Jüngling, immer wieder waren schnelle Kopulationen zu bestaunen. Gerne wäre ich länger dort am Gehege stehen geblieben, aber ich war hin- und hergerissen zwischen widerstreitenden Gefühlen. Einerseits war ich sehr neugierig, andererseits peinlich berührt, da ich in sexuellen Dingen eher konservativ erzogen wurde. Eines war jedoch offensichtlich: Die ganze Horde schien das alles prächtig zu genießen.

Zwischenzeitlich erfuhr ich in der Schule, wie Tiere bis in die kleinsten Abläufe mehr oder weniger automatisch reagierten. Diese Sezierung der Vorgänge im Sexualkundeunterricht war für mich so ernüchternd, dass ich mich lange fragte, ob auch der Mensch so berechenbar funktionierte. Konnte die Biologielehrerin mit diesem Wissen noch entspannten Sex haben oder entzauberte ihre Kenntnis von den Details die ganze Sache? Heute stelle ich mir umgekehrt eher die Frage, warum nur der Mensch mehr an der Paarung finden sollte als eine rein mechanische Betätigung.

Handlungen von Tieren werden von der Wissenschaft meist als rein zweckorientiert gesehen. Ein Instinkt A löst eine Tat B aus und führt zum Ergebnis C. Können Tiere zweckfrei handeln, einfach nur Spaß haben? Dies zu bejahen würde gleichzeitig bedeuten, ihnen Lebensfreude und damit auch so etwas wie Glück zuzugestehen.

In den letzten Jahren mehrten sich die Indizien, dass dem tatsächlich so ist. So zeigte das Naturhistorische Museum in Oslo mit einer Ausstellung unter dem Titel »Wider die Natur?«, dass Homosexualität unter Tieren weiter verbreitet ist als allgemein vermutet. Bisher soll die Wissenschaft rund 1500 Arten kennen, bei denen derartiges Verhalten beobachtbar sei. Ob Schimpansen, Delfine, Hunde, Nashörner oder sogar Fliegen, offensichtlich gibt es diese Sexvariante bei den meisten Spezies. Auch unsere heimische Tierwelt mischt kräftig mit: Immer wieder berichten Jäger etwa von Hirschen, die sich in der Brunftzeit zu »Männerpaaren« zusammenschließen und sich miteinander vergnügen.

Das Problem: Findet Sex unter gleichgeschlechtlichen Partnern statt, kann es logischerweise keinen Nachwuchs geben. Solches Verhalten läuft aber dem Grundprinzip der Natur zuwider, nachdem alles Streben der Weitergabe eigener Gene zu dienen hat. Jedes Abweichen davon ist unnötige Energieverschwendung und wird von der Evolution mit dem Aussterben bestraft. Demzufolge müsste also auch Homosexualität einen tieferen Sinn haben. Und tatsächlich formulierten Wissenschaftler erste Ansätze dazu. So sollen gleichgeschlechtliche Paare quasi der soziale Klebstoff innerhalb von Sippen sein. Ihre friedvolle Art und die Mithilfe bei der Aufzucht des Nachwuchses ihrer Verwandtschaft, etwa von Brüdern und Schwestern, dienten auch dem Erhalt der eigenen Gene, die denen ihrer Nichten und Neffen ja sehr ähnlich seien.

Würden diese Theorien zutreffen, so hätte Homosexualität einen biologischen Sinn, wäre unter evolutionären oder vielmehr wissenschaftlichen Gesichtspunkten endlich legitim. Genau dieser Punkt macht auch in der menschlichen Gesellschaft gleichgeschlechtliche Liebe so problematisch. Sie gilt als unnormal, weicht vom Heile-Welt-Familienschema ab, da sie nicht reproduktionsorientiert ist. Könnten Schwule schwanger werden, sähe das möglicherweise ganz anders aus. Aber Sex nur so zum Vergnügen? Das zu akzeptieren, fällt der Gesellschaft schwer. Vielleicht kann uns die Tierwelt hier eine goldene Brücke bieten. Zum einen ist es sicher richtig, dass die Evolution nur und ausschließlich an dem Erhalt der Gene arbeitet. Homosexualität ist in diesem Sinne eine Sackgasse. Dennoch kommt sie bei vielen Tierarten vor, darf mithin als normal gelten.

Warum treiben Tiere oder auch Menschen Sex? Fortpflanzung ist das Wichtigste im Leben, zumindest aus der Sicht der Evolution. Die Weitergabe der eigenen Gene, optimalerweise gemischt mit besonders guten Erbanlagen des anderen Geschlechts, ist das Ziel aller Mühen des Lebens. Nein, nicht nur aller Mühen, sondern auch aller Freuden. Besonders der des lustvollen Orgasmus. Dieser kurze Moment einer schwer zu beschreibender Gefühlswelle, die je nach Veranlagung Sekunden oder Minuten dauert, ist die Belohnung des Gehirns für ein langes Werben um den Partner. Zugleich stellt es eine Vorauszahlung für den kommenden Lebensabschnitt dar, der mit der Aufzucht des Nachwuchses mannigfaltige Entbehrungen bereithält. Für all dies ist ein flüchtiger Augenblick höchster Wonnen ein wenig gering bemessen, finden Sie nicht? Natürlich gibt es auch vorher und nachher wunderschöne Momente, etwa das Glück, die eigenen Kinder aufwachsen zu sehen, ihre bedingungslose Zuneigung zu spüren. Auf die Liebe kommen wir aber später noch zu sprechen.

Sexuelle Gefühle rangieren gleich nach den Bedürfnissen nach Schmerz- und Hungerfreiheit an dritter Stelle. Geht es dem Organismus gut, so macht er sich sofort an die Vermehrung. Allerdings ist die Paarung etwas höchst Gefährliches, weil währenddessen sämtliche Sinne bis auf einen völlig vernebelt sind. Deshalb braucht sie einen entsprechend starken Anreiz. Es muss Spaß machen, und warum sollte die Natur unsere Mitgeschöpfe mit schwächeren Trieben oder geringerer Belohnung in Form von Lustgefühlen ausstatten als uns?

Um sich erfolgreich zu paaren, muss man sich gemeinsam mit dem Partner in eine Situation relativer Hilflosigkeit begeben. Schnelle Reaktionen sind aufgrund der Körperhaltung und Ablenkung nicht möglich; zudem zieht die Interaktion die Aufmerksamkeit anderer Arten nach sich. Versteckt sich das Paar, so kann es umgekehrt erst recht nicht sehen, wer sich da alles während des Rausches der Gefühle nähert. Bei vielen Tieren ist das Vorspiel sehr auffällig. So treibt etwa unser Ziegenbock Micky seine Damen meckernd über die Weide. Er testet, ob sie seinem Geruch erliegen und stehen bleiben, um ihn aufreiten zu lassen. Selbst wenn dem so ist, wird erst mehrere Runden »Fangen« gespielt. Auch bei Vögeln, etwa den Birk- und Auerhühnern, finden im Vorfeld heftige Balzspiele statt, um die Aufmerksamkeit des Partners zu erregen. Dummerweise erhalten die männlichen Darsteller nicht nur Beachtung von der Angebeteten, sondern auch von Raubtieren. Und die verschaffen sich dann einen Genuss auf gänzlich andere Art und Weise.

Es sind aber nicht nur Raubtiere, die aufmerksam werden können. Gerade männliche Konkurrenten, die schwächer sind als der Chef im Ring, sehen dem Treiben vom Rande aus gierig zu. Aufgrund ihrer Rangstellung bleibt ihnen grundsätzlich jede sexuelle Betätigung verwehrt. So etwa bei Hirschen, wie folgendes von mir beobachtetes Beispiel zeigt: Ein mächtiger, kapitaler Sechzehnender, rund zehn Jahre alt, hat sich einen Harem von acht Hirschkühen erobert. Eifersüchtig bewacht er seine Damen und vertreibt mit seinem schweren Geweih jeden Eindringling. Zwischendurch lässt er sein Röhren erschallen, um etwaige Interessenten schon von Weitem vorzuwarnen. Und dennoch: Ist der Herrscher mit einem Konkurrenten beschäftigt, so mogelt sich manchmal ein junges Hirschlein an das Rudel heran und verschafft sich den ersehnten Genuss. Es nutzt seine Chance, obwohl es jederzeit mit der Rückkehr des Platzhirsches und mit schwerer Bestrafung in Form eines heftigen, manchmal blutigen Kampfes rechnen muss, bei dem es in jedem Fall unterliegt. Doch die Möglichkeit, trotz des jungen Alters schon zum Zuge zu kommen, lässt es jede Vorsicht vergessen.

Aber auch der Akt an sich, selbst wenn er in der jeweiligen Gemeinschaft ganz legal vollzogen wird, birgt Gefahren. Zum einen lenkt der starke Drang nach Paarung ab, beschäftigt die Sinne so sehr, dass die Registrierung nahenden Unheils in Form von Raubtieren in den Hintergrund rückt. Und auch wenn diese bemerkt werden, so steigert die Aussicht auf einen Orgasmus die Risikobereitschaft enorm.

Apropos Aufmerksamkeit erregen: Alle Arten haben ihr eigenes Schönheitsideal. Und nicht jedes Individuum entspricht diesem, wie wir Menschen an unseren Mitbürgern sofort erkennen können. Schönheit ist jedoch ein wichtiges Auswahlkriterium für die Fortpflanzung. Je attraktiver, desto mehr Sex und desto mehr Nachkommen, so sollte der logische Schluss lauten. Dementsprechend müssten Schönheiten bevorzugt Nachwuchs haben, sodass sich die optisch ansprechenden Eigenschaften durchsetzen. Im Laufe der Evolution würden irgendwann alle Individuen einer Art gleich aussehen, nämlich schön. So ist es aber nicht, und das hat einen ganz einfachen Grund: Schönheiten haben Stress, und Stress schadet der Gesundheit. Um attraktive Weibchen buhlen die Männchen ganz besonders heftig, zum Teil wird sich der begehrte Sex einfach mit Gewalt genommen. Zumindest bei Taufliegen konnten dies Forscher der Universität von Kalifornien nachweisen. Wer weniger schön ist, hat weniger Stress und damit eine höhere Chance, zu überleben und die eigenen Gene weiterzugeben.

Nun gut, der Schönheit der Weibchen sind also Grenzen gesetzt. Wie aber ist es mit den Männchen? Denn in der Regel übernehmen diese den aktiven Part und bauen sich vor begehrten Partnerinnen auf, nicht umgekehrt. Der Auswahlstress wirkt hier eher gegenteilig: Zum Zuge kommen nur besonders imposante Werber, was den Ausstattungswettlauf nur noch anheizt. Und die Männchen staffieren sich tatsächlich bis zur Verkrüppelung aus und machen sich mit allerlei Verrenkungen zum Clown. Ob das große Federrad des Auerhahns, ob aufblasbare Kehlsäcke bei Fröschen und Kröten, ob die ohrenbetäubenden Schreie der Hirsche oder groteske Tänze der Kraniche, einer versucht den anderen zu überbieten. Alle Maßnahmen haben jedoch einen gewaltigen Nachteil. Sie machen Feinde aufmerksam und behindern die Hitzköpfe in ihrer Flucht. Wer als Männchen zu üppig ausstaffiert ist, wird bevorzugt gefressen und kann sich dann logischerweise nicht mehr fortpflanzen. Bei den Weibchen begrenzt das Gerangel der Bewerber die Schönheit, bei den Männchen begrenzen die Raubtiere sie. Die Evolution hin zu mehr Attraktivität dürfte also bei den meisten Arten schon heute am Ende der Fahnenstange angekommen sein – auch wenn einzelne Exemplare immer wieder versuchen, höher zu kommen.

Nun aber noch einmal: Macht Tieren Sex wirklich Spaß? Es gibt eine Handlung, die abseits aller logischen Schlüsse den direkten Beweis zu liefern scheint: die Masturbation. Sie erfüllt augenscheinlich keinen biologischen Sinn und kostet nur unnötig Energie. Zudem gelten für diese Tätigkeit alle Gefahren steigernden Faktoren wie beim regulären Sex, also eine erhöhte Risikobereitschaft, eine verminderte Aufmerksamkeit und eine gewisse Hilflosigkeit, kurz, Raubtiere können masturbierende Männchen oder Weibchen viel leichter erbeuten. Normalerweise müsste die Evolution derartiges Handeln daher längst ausgemerzt haben, die Frage wäre nur: wie? Denn die Reizung der Geschlechtsorgane soll ja belohnende Gefühle auslösen, und eine Manipulation des Besitzers an diesen empfindlichen Körperteilen muss ebenfalls möglich sein, etwa um sie zu reinigen. Vielleicht ist es aber auch eine Art sexuelles Trainingsprogramm oder dient ganz einfach der Entspannung. Denn nicht immer findet sich ein paarungswilliger Partner, und bevor der Triebstau zu mächtig wird, alles andere überlagert, ist es möglicherweise günstiger, diesen selbst ruckzuck abzubauen und sich wieder den Alltagsgeschäften zu widmen. Aktuell geben je nach Studie rund 80 Prozent der Bevölkerung der Industriestaaten an, zu masturbieren. Wenn Tiere vielfach ähnlich ticken, ähnliche Möglichkeiten haben und höchstes Vergnügen beim Sex empfinden, sollte die Wissenschaft auf breiter Flur fündig werden. Sie wird und nicht nur sie. Wie verstörte Hundebesitzer in Internetforen berichten, verschaffen sich sexuell besonders aktive Rüden hin und wieder Entspannung. Ob mit den Pfoten, durch bloßes In-die-Luft-Stoßen oder mithilfe einer alten Decke, der Beleg des Bemühens landet vor den menschlichen Rudelmitgliedern, denen dabei regelmäßig der Appetit vergeht. Auch unser Ziegenbock namens Vito demonstrierte früher seine Libido fast täglich. Mit seinem erigierten Penis beförderte er Urin und Sperma nicht nur gegen seine vormals weißen Vorderbeine, sondern meist auch noch ins Maul. Der Duft muss unter Ziegen umwerfend sein, denn paarungsbereite Ziegendamen fanden Vito unwiderstehlich (Besucher unseres Anwesens allerdings weniger).

Schaut man sich zwischen den Säugetieren um, so wird man überall fündig. Ob Braunbären oder Wildkatzen, viele wurden schon dabei beobachtet, Pfote und Schnauze einzusetzen oder Baumstämme zur Hilfe zu nehmen. Bereits im Jahre 1902 beschrieb Autor Hermann Rohleder masturbierende Hirsche sowie Pferde. Aber auch andere Klassen von Landwirbeltieren vergnügen sich. Beobachtungen werden bei in Gefangenschaft gehaltenen Vögeln, etwa Wellensittichen, gemacht, die ihre Kloake an der Hand des genervten Besitzers reiben. Von den allermeisten Tierarten fehlen jedoch solche Hinweise. Das kann vielerlei Gründe haben. Zum einen gibt es vielleicht etliche Spezies, die keinen derartigen Drang verspüren. Zudem lässt sich das Phänomen naturbedingt bei Weibchen nicht so gut beobachten. Andererseits ist Masturbation selbst im menschlichen Bereich ein Tabuthema, welches möglicherweise deswegen bei Wissenschaftlern nicht im Brennpunkt von Untersuchungen steht. Davon abgesehen wäre eine Beobachtung sicherlich nicht gerade einfach: Woran etwa sollte man masturbierende Stubenfliegen oder Kreuzspinnen erkennen?

Zumindest lassen die bisherigen Ergebnisse zum Thema Masturbation den Schluss zu, dass zahlreichen Arten auch Sex mit Partnern Spaß macht – wobei es sich zuweilen um ein sehr einseitiges Vergnügen handeln kann. Das lässt sich auch an weniger erfreulichen Erscheinungen festmachen. So hat das freundliche Bild dümpelnder Stockenten seit einigen Jahren tiefe Kratzer bekommen. Immer wieder wurden Vergewaltigungen beobachtet. Dazu rotten sich Gruppen von Erpeln zusammen und überfallen ahnungslos auf dem Teich paddelnde Weibchen und ertränken diese bei ihren Kopulationsversuchen fast. Ob es allerdings nur die reine Lust ist oder vielleicht ebenso Rang-, Gewalt- und Machtfaktoren eine Rolle spielen, ist unbekannt. Vielleicht spielt auch der Stress auf städtischen Teichen eine Rolle, bei denen die Populationen durch ständige Fütterung unnatürlich angeschwollen sind.

Es geht aber auch anders. Kraniche finden sich zu Paaren, die oft lebenslang zusammenbleiben. Im Frühjahr wird erst lange und fleißig getanzt. Dabei springen die Partner voreinander in die Luft, flattern mit den Flügeln, recken den Kopf und rufen, um gleich darauf im Kreis zu gehen. Höhepunkt ist die Aufforderung des Weibchens an das Männchen, aufzuspringen und den Akt zu vollziehen. Einfühlsamer und mit ausgeprägterem Hinweis auf absolute Freiwilligkeit geht es nicht mehr. Hier ist die Paarung der stärkste Ausdruck der Zugehörigkeit und Verbundenheit – und des gemeinsamen Spaßes.


Und wie steht es mit der Liebe?

Ohne positive Gefühle kein Sex und keine Vermehrung – das sollte auch für viele Tierarten feststehen. Wie aber sieht es mit der »höherwertigen« Emotion aus, die für uns Menschen vielfach dazugehört – der Liebe? Sie ist wie die meisten Gefühle schwer zu definieren. Wikipedia gibt an, es sei die stärkste Zuneigungsform, die ein Mensch für einen anderen oder auch für ein Tier empfinden könne; sie bedürfe keiner Erwiderung und müsse keinen »Nutzen« haben. Stellen Sie sich vor, Sie hätten eine Familie, und Ihr Mann / Ihre Frau würde bedroht. Wären Sie bereit, Ihr Leben für Ihren Partner zu riskieren? Und vorausgesetzt, die Antwort lautete: »Ja!«, wäre das nicht absolut uneigennützig? Man könnte zwar argumentieren, dass der Schutz des Lebensgefährten auch dem Erhalt der eigenen Kinder und damit der eigenen Gene gelte. Somit wäre bedingungslose Liebe ein erfolgreiches Programm der Evolution. Speziell in unserem konstruierten Fall, bei der Wahl also, ob der Partner oder Sie sich opfern sollten, greift es aber nicht. Denn zum Überleben der Kinder ist es völlig egal, welcher Elternteil übrig bleibt. Rein evolutionär müsste eigentlich Ihr Egoismus siegen, denn abhängig von Alter und Geschlecht könnten Sie künftig mit einem neuen Partner erneut Nachwuchs haben.

Können Tiere so ein uneigennütziges Gefühl ebenfalls haben? Und wenn ja, wie soll man das beweisen? Lassen Sie uns nach Beispielen für die stärkste Zuneigungsform suchen. Wie wäre es mit Mutterliebe? Auch hier hilft mir ein Blick in unseren häuslichen Zoo. Alljährlich im Spätwinter klingt zaghaftes Gemecker aus dem Ziegengehege: Die Lämmchen sind geboren. Die Antwort der Mutterziege fällt um Oktaven tiefer aus, fast schon brummelnd, und scheint zu bedeuten: »Alles in Ordnung, Kleines, ich bin bei Dir!« Übertrieben? In diesem Fall wohl nicht, denn die »Worte« der Ziegenmutter scheinen beruhigend auf ihr Kind zu wirken. Gegen fremde Lämmer sind die Mamas regelrecht aggressiv, stoßen und schubsen sie mit ihren Hörnern von sich weg, um Versuche von Milchraub zu unterbinden. Ihren eigenen Nachwuchs schieben sie zärtlich mit der Schnauze zum Euter und schnuppern, um sich endgültig zu vergewissern, schnell noch am Hinterteil der quirligen Kobolde. Gerät später auf der Weide eines der Kleinen einmal hinter einem Hügel außer Sichtweite, so hebt ein fast flehendes, lautes Meckern an, welches sich deutlich von den Wohlfühllauten unterscheidet. Die Ziegenmutter macht sich rufend auf die Suche, bis sie den Ausreißer gefunden hat. Dieser nimmt, egal, ob satt oder hungrig, ein paar Schlucke Milch aus dem Euter, bis sich beide wieder beruhigt haben. Mutterliebe? Sicher, das kennen Tiere! Tiermütter würden alles für ihren Nachwuchs tun, stellen sich sogar ihren Todfeinden, nur um ihr Kind wohlauf zu wissen. Es gibt in freier Wildbahn nichts Gefährlicheres als Tiermütter, die keine Fluchtmöglichkeit für die Kleinen sehen: Egal, ob Wildschwein, Elch oder Bär, solche Begegnungen können für den unbedarften Wanderer tödlich ausgehen.

Von wegen blöde Ziege!

Im Märchen »Tischlein deck dich!« der Gebrüder Grimm wird eine Ziege beschrieben, die mit den Söhnen eines Schneiders ein böses Spiel zu treiben scheint. Obwohl sie stets auf die beste Weide geführt wird, behauptet sie jeden Abend, Hunger zu haben (worauf die Söhne einer nach dem anderen aus dem Haus gejagt werden). Zu Zeiten, in denen Weideland knapp war, musste Futter vollständig verwertet werden. Und während Schafe treu und brav sämtliches Gras wie mit dem Rasenmäher gemäht abweiden, zupfen Ziegen hier ein Blättchen, da ein Kräutlein, und lassen manche Flecken gänzlich unangetastet. Das konnte den Besitzer schon einmal ärgerlich machen, weil die Tiere abends im Stall immer noch Hunger hatten, obwohl sie doch den ganzen Tag fressen durften. Ziegen sind tatsächlich sehr wählerisch, suchen die schmackhaftesten Pflanzen oder diejenigen, welche ihnen im Moment besonders gut tun. So können es ein Farn gegen Wurmbefall sein, etwas Rinde von Sträuchern zur Zufuhr von Mineralien oder besonders saftige Stauden gegen den Durst. Wo Artgenossen ihr Geschäft verrichtet haben, gehen sie schnurstracks vorbei, um sich nicht mit Parasiten zu infizieren. All dies trägt dazu bei, dass Ziegen gesund bleiben. Nur wenn der Mensch sie zwingt, wochenlang auf einer kleinen, eingezäunten Weide zu bleiben, bis der letzte Halm vertilgt ist, dann bleibt ihnen nichts anderes übrig, als in den sauren Apfel oder das verschmutzte Gras zu beißen. Und selbst dann ist ihr Drang zum gesunden Futter nicht zu bremsen. Im Gegensatz zu Schafen brechen Ziegen häufiger aus, um sich auf Nachbargrundstücken mit dem Notwendigen zu versorgen. Das bringt heutzutage nicht weniger Ärger als früher, und daher ist der Ausruf »blöde Ziege« bis heute im Gebrauch.


Und wenn es Mutterliebe gibt, warum dann nicht auch alle anderen Formen? Liebe zwischen Ehepartnern etwa. Ein Großteil der Vögel lebt monogam, etliche von ihnen sogar lebenslänglich mit einem einzigen Partner. Der bussardgroße Kolkrabe ist so ein Vertreter. Er sucht sich mit seiner Partnerin ein Revier und markiert es. Ohne Störung von außen wohnen beide lebenslang (das können mehr als 20 Jahre sein) darin und bleiben sich treu. Das war auch der Grund, weshalb sich diese Vögel in Mitteleuropa so leicht ausrotten ließen. Man brauchte nur einen Partner zu schießen, da der andere dann für den Rest seines Lebens allein blieb und sich so nicht mehr vermehren konnte.

Natürlich haben Biologen für diese enge Bindung eine Erklärung parat. Monogamie ist lohnend, wenn die Aufzucht der Jungen besonders aufwendig ist und längerfristig stabile Verhältnisse erfordert. Ist es beim Menschen nicht genauso? Diese Erklärung muss kein Widerspruch zum Phänomen der Liebe sein, ganz im Gegenteil. Für jede evolutionäre Notwendigkeit hat die Natur die passenden Befehle für das Unterbewusstsein zur Hand, Gefühle, die die Individuen zur optimalen Handlung aufrufen.

Im Falle einer erforderlichen stabilen Partnerschaft heißt der passende Befehl: Liebe! Wobei es einer der freundlichsten Gebote ist, die man sich vorstellen kann.

Trauer und Tod

Jedem Wesen auf diesem Planeten ist zu eigen, dass es sich grundsätzlich an sein Leben klammert. Dieser Lebenswille ist Basis für die Selbstbehauptung unter den zahllosen Konkurrenten der eigenen Art und auch fremden Arten. Wem dieser Wille fehlt oder abhandenkommt, geht im Getümmel der Konkurrenz unter und kann sich nicht mehr vermehren; umgekehrt ist derjenige besonders erfolgreich, der einen starken Drang hat, im Karussell der Evolution mitzuspielen.

Die heftigste Äußerung des Unterbewusstseins bei einer Bedrohung des Lebens ist die Todesangst. Kennt, wer Todesangst empfinden kann, zwangsläufig auch den Tod? Oder ist der Begriff irreführend und meint nur die Furcht vor dem Sterben? Was wie Wortklauberei aussieht, bedeutet einen gewaltigen Unterschied. Sterben ist Bestandteil des Lebens, allerdings ein besonders unangenehmer, der meist mit Hilflosigkeit, oft auch mit heftigen Schmerzen einhergeht. Den Eintritt einer solchen unumkehrbaren Situation mit allen Mitteln zu verhindern, ist primäre Aufgabe der Instinkte. Dass es ein Sterben gibt, weiß instinktiv jedes Wesen, welches zur Angst fähig ist. Denn in Augenblicken höchster Bedrohung (und nur dann) werden speziell für diesen Fall Leistungsreserven freigesetzt. Warum nur im Krisenfall? Die Überwindung der Mobilisationsschwelle, also der normalerweise höchstmöglichen Leistung, birgt durch die Überbeanspruchung viele Gesundheitsrisiken.

Im Falle einer tödlichen Bedrohung spielt das keine Rolle mehr, und so können etwa Menschen ihr Leistungspotenzial um beachtliche 30 Prozent steigern. (Nebenbei bemerkt, geht es um genau diese 30 Prozent beim Doping durch Sportler, die mit Medikamenten körpereigene Schranken durchbrechen.) In Todesgefahr werden also die letzten Reserven mobilisiert. Und das passende Wort des Unterbewusstseins lautet: Todesangst.

Der Tod hingegen ist ein Zustand des Körpers, in dem sämtliche Funktionen erloschen sind. Mit diesem Stadium scheidet ein Individuum aus dem evolutionären Wettbewerb aus, stellt keine Konkurrenz mehr dar und ist allenfalls als verwertbare Biomasse für spezialisierte Arten von Interesse. Für diesen Zustand, in dem das einzelne Wesen nicht mehr existiert, braucht es auch kein instinktives Erfassen. Wiewohl das Sterben eine wichtige Bedeutung hat, gilt dies nicht für den eigenen Tod. Auch das bewusste Auseinandersetzen mit den harten Fakten, welches einen entsprechenden Verstand voraussetzt, ist von der Natur scheinbar nicht gewollt. Der Verbrauch der dafür notwendigen Energie (oder die dadurch einsetzende psychische Lähmung) würde das Individuum im Überlebenskampf nur schwächen.

Wie das Gehirn Derartiges verhindert, wurde vor Kurzem beim grüblerischsten Wesen des Planeten entdeckt. Nathan DeWall und Roy F. Baumeister, zwei US-amerikanische Forscher, untersuchten an Studenten, warum wir nicht ständig Angst vor dem Tod haben. Dazu forderten sie die eine Gruppe auf, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Die andere Gruppe sollte an Zahnschmerzen denken. Anschließend legten sie allen Probanden Wortfragmente vor, die diese ergänzen mussten. Während die erste Gruppe daraus positive Begriffe formte, waren es in der zweiten Gruppe überwiegend negative. Das Ergebnis: Offensichtlich gleicht das Gehirn negative Gedanken an den Tod durch positive Gedanken aus, sodass sich das Wohlbefinden durch derartiges Trübsalblasen nicht verschlechtert. Gedanken an Zahnschmerzen, die zeitweise durchaus sinnvoll sind, werden dagegen nicht korrigiert.

Das gilt allerdings nur in Bezug auf das eigene Ableben. Der Tod naher Angehöriger ist eine ganz andere Sache. Gerade für in sozialen Verbänden lebende Arten spielt der Verlust eines Mitglieds sehr wohl eine Rolle für den eigenen Lebensweg. Wenn Mutter, Vater oder gar beide Elternteile sterben, so ist dies für ein Kind katastrophal. Immerhin wird es in unserer Gesellschaft aufgefangen, kann bei Verwandten oder im Heim aufwachsen, auch wenn es traumatisiert bleibt. Für andere Arten gibt es solche Ersatzlösungen nur in seltenen Ausnahmefällen. So kann der Verlust der Eltern für ein Jungtier den Tod bedeuten. Umgekehrt stürzt es ein Muttertier in ein emotionales Chaos, wenn das Kind stirbt. Hirschkühe, die ein Rudel anführen, verlieren die Leitfunktion nach dem Verlust ihres Kalbes. Warum, ist noch nicht geklärt, aber naheliegend: Die anderen Herdenmitglieder registrieren, dass ihre Chefin trauert, und das behagt ihnen gar nicht. Schnell übernimmt eine andere Hirschkuh mit ihrem Kalb den wichtigen Posten. Oder würden Sie sich von einer Dame leiten lassen, die völlig durch den Wind ist?

Muttertiere, die ihren Nachwuchs verlieren, müssen verstehen können, dass das Kleine tot ist. Ansonsten wäre eine Trennung nicht machbar, gefährdeten sich die Eltern beim Verharren neben dem Leichnam selbst. Zum einen wäre ein Weiterwandern mit der Sippe nicht möglich, zum anderen werden durch den Kadaver Raubtiere angelockt. Dieses Verständnis braucht einige Tage, um zu reifen. Erst dann trennt sich das Muttertier vom kleinen Leichnam und nimmt sein gewohntes Leben wieder auf.

Es gibt noch weitere Gründe, die das Registrieren des Tods absolut notwendig machen. Stirbt ein Vertreter der eigenen Art in der Nähe, so besteht möglicherweise Lebensgefahr für den Rest der Sippe. Ob Seuche oder Raubtier, jetzt ist höchste Aufmerksamkeit gefragt, sonst wird man selbst zum Opfer. Hinweise, dass Tiere den Tod von Artgenossen mit Schrecken wahrnehmen, gibt es schon lange. Bis heute wird ein alter (und hässlicher) Brauch ausgeübt: Dazu werden Saatkrähen geschossen und an Stangen im Feld aufgehängt. So möchten manche Bauern Fraßschäden abwehren. Und tatsächlich wirkt dieses barbarische Mittel zumindest eine Zeit lang.


Etwas weniger dramatisch kamen Forscher der Universität von Kalifornien zu ähnlichen Schlüssen, die Folgendes beschreiben: Die mit unseren heimischen Krähen verwandten Westlichen Buschhäher versammeln sich nach dem Tod eines Artgenossen. Für ein bis zwei Tage sitzen sie um den Leichnam herum und stoßen charakteristische Rufe aus. Es sieht also ganz so aus, als hätten viele Tiere eine Vorstellung vom Ende des Lebens, in der Form des Sterbens für sich selbst und als Tod für Angehörige.

Mit dem Tod untrennbar verbunden ist für Menschen die Trauer. Niedergeschlagenheit, Desorientierung und oft eine veränderte Lebensführung kennzeichnen die Folgen dieser Emotion. Im Blut sind entsprechende Stresshormone nachweisbar. Trauer ist die instinktive Antwort auf den Tod. Und dieser Instinkt ist auch bei vielen Tieren vorhanden. Vielfach werden Haustiere (vor allem Hunde) beschrieben, die nach dem Tode von Frauchen oder Herrchen die Nahrungsaufnahme verweigern. Graugänse, die in einer lebenslangen Ehe mit ihrem Partner leben, bleiben nach dessen Tod oft allein und zeigen Symptome einer Depression. Konrad Lorenz, der berühmte Verhaltensforscher, konnte nachweisen, dass die Phase des Alleinbleibens umso länger dauert, je länger das Paar »verheiratet« war. Bei sehr alten Ehen sucht sich die verwitwete Gans für den Rest ihres Lebens keinen neuen Partner mehr, ein Phänomen, welches auch beim Kolkraben zu finden ist.

Empathie im Tierreich

Jemand anderes nicht nur vom Äußeren her, sondern ganzheitlich, also mit all seinen Gefühlen verstehen zu können – diese Fähigkeit bezeichnet man als Empathie.

Ein typisches Beispiel aus diesem Bereich ist das Mitgefühl oder im Falle eines negativen Ereignisses das Mitleid. Der griechische Philosoph Aristoteles definierte schon vor 2300 Jahren Mitleid als »ein gewisses Schmerzgefühl über ein in die Augen fallendes, vernichtendes und Schmerz bringendes Übel, das jemanden trifft, der nicht verdient, es zu erleiden«. Wissenschaftler der Universität London fanden heraus, dass bei der mitleidenden Person die gleichen Gehirnregionen angeregt werden, welche beim malträtierten Probanden aktiv sind. So wurde bei Paaren zunächst einem Partner an einer Hand Schmerz zugefügt und dabei die Gehirnströme gemessen. Danach sah diese Person zu, wie die gleiche Hand des anderen Partners ebenfalls schmerzvoll gereizt wurde. Und siehe da: In beiden Fällen wurde das Schmerzzentrum aktiv, sodass der zusehende Partner die Situation gedanklich ebenfalls durchlitt. Die Aktivität des Schmerzzentrums war dabei umso stärker, je mehr Mitleid der Proband empfand. Die genauen Abläufe dieser instinktgesteuerten Fähigkeit sind noch unbekannt; klar ist jedoch, dass allein die Beobachtung eines anderen diese Mitleidsprozesse in Gang setzt und die entsprechenden Bilder und Gefühle im Gehirn erzeugt. Je näher uns eine betreffende Person steht, desto stärker kann das Mitleid ausfallen. Dies legt eine weitere Vermutung nahe: Empathie kann es nur bei Wesen geben, die in sozialen Strukturen leben. Gilt das nur für den Menschen? Oder gibt es Mitgefühl auch bei anderen Arten oder sogar zwischen diesen?

Innerartliche Empathie ist nichts typisch Menschliches. Von vielen Säugetieren ist bekannt, dass sie sich von Emotionen anderer berühren lassen. Auch Mitgefühl und der Wunsch, dem anderen zu helfen, sind keine Seltenheit. Wissenschaftler der Universität Chicago untersuchten hierzu Ratten. Diese befreiten eingesperrte Artgenossen aus Käfigen, obwohl sie eigentlich zeitgleich angebotene Schokolade fressen konnten. Stattdessen kümmerten sie sich erst um die Häftlinge und teilten anschließend sogar ihre Belohnung mit den Freigelassenen.

Angesichts neuerer Erkenntnisse bei Bäumen klingt das vergleichsweise trivial. Buchen etwa unterstützen Nachbarn mit Zuckerlösung, wenn es diesen schlecht geht. Dazu tauschen sie über Wurzel- und Pilzgeflechte, mit denen sie untereinander Netzwerke bilden, Botschaften und anschließend Flüssigkeiten aus. Woher wissen sie, dass es einem Artgenossen schlecht geht? Hier steht die Wissenschaft noch ganz am Anfang, Tatsache ist jedoch, dass die Bäume die Not ihrer Kumpel registrieren und daraufhin helfend eingreifen. Und wenn Buchen oder Eichen so etwas können, dann ist es bei sozial organisierten Tieren fast eine Selbstverständlichkeit. Allein schon die Mutter-Kind-Beziehung funktioniert nur, wenn Mama die Bedürfnisse ihres Nachwuchses nachvollziehen kann. So stellten britische Forscher fest, dass Glucken mit Herzrasen auf Stress bei ihren Küken reagieren. Ähnliches ist bei den meisten Vögeln und Säugetieren zu vermuten. Wie aber sieht es mit der Empathie zwischen verschiedenen Arten aus? Ist hier endgültig eine Konstellation gefunden, in der wir einsame Spitze sind?

Tasten wir uns behutsam an die Antwort heran und untersuchen verschiedene Variationen. Die erste, relativ einfach nachzuvollziehende ist die zwischen Mensch und geliebtem Haustier. Allein in Deutschland existieren viele Millionen derartige Beziehungen. Hunde und Katzen haben bei den meisten Besitzern den Status eines Familienmitglieds, in manchen Fällen stehen sie sogar anstelle eines Kindes. Dass sich Herrchen und Frauchen problemlos in die Gefühlswelt ihrer Lieblinge hineinversetzen können, steht zumindest vonseiten des Menschen fest. Egal, ob dies tatsächlich oder nur eingebildet so ist: Es wird kräftig mitgefühlt. Und umgekehrt?

Es gibt deutliche Hinweise, dass die Vierbeiner sogar unsere Gedanken lesen können. Forscher des Max-Planck-Instituts in Leipzig fanden heraus, dass Hunde Gesten des Menschen verstehen. Diese Fähigkeit ist angeboren, muss also nicht erst erlernt werden. Zur Untersuchung wurden zwei geruchsabschirmende, umgedrehte Becher aufgestellt, einer mit Futter darunter, einer ohne. Mit der Hand deuteten die Versuchspersonen in die Richtung, in der die Belohnung gesucht werden sollte. In den meisten Fällen machten sich die Hunde am richtigen Becher zu schaffen. Lag das Futter offen herum und lautete der Befehl »Aus!«, so blieben sie brav liegen – bis sich die Person umdrehte, sodass der Hund sich unbeobachtet wähnte und rasch fraß. Wie sehr sich Hunde in uns hineinversetzen können, wurde bei einem weiteren Versuch der Leipziger Forscher noch deutlicher. Dazu wurden den Hunden zwei Spielzeuge vorgelegt. Das eine konnte der Versuchsleiter sehen, das andere war aus seiner Perspektive hinter einem Schirm verdeckt, während die Hunde gute Sicht auf beide hatten. Auf das Kommando »Bring’s mir her« brachten die Vierbeiner stets dasjenige, welches der Leiter sah. Das andere konnte er ja nicht gemeint haben – so dachten offensichtlich die Hunde und zeigten damit, wie sehr sie aus der Sicht des Menschen entschieden. Aus der Beobachtung unseres Äußeren können diese Haustiere also auf unsere Absichten und Möglichkeiten schließen, und das übrigens besser als etwa Schimpansen. Allzu viele Beispiele von Mitgefühl zwischen verschiedenen Arten gibt es allerdings (noch) nicht.

Genau wie bei unserer Spezies endet auch beim Tier die Empathie dort, wo das andere Wesen zu verschieden vom eigenen wird. Von einem besonders abstoßenden Beispiel berichtete mir eine Tierschützerin. Abstoßend war hierbei allerdings eher die Rolle des Menschen. Auf der Insel Sylt wurde zu einer Treibjagd geblasen. Im Mittelpunkt des Interesses der Jäger waren Hasen, die sich im sandigen Gras der Dünen tummelten. Die Waidmänner standen aufgereiht mit ihren schussbereiten Flinten, während ihre Hunde die Wildtiere aufscheuchten. Ein Schuss, und schon überschlug sich ein Hase. Doch er kam wieder auf die Beine, humpelte davon und versuchte sich zu retten. Da eilte ein großer Hund herbei und biss in den armen Kerl – allerdings ließ er ihn gleich wieder los. Wieder und wieder begann dieses erbarmenswerte Schauspiel, bei dem der Hund seinem Spieltrieb folgte und den Hasen nicht tötete, bis dieser schließlich doch sein Leben aushauchte. Abstoßend an der Sache war, dass kein Jäger eingriff, den Hund zu sich holte und den Hasen mit einem Gnadenschuss erlöste. Aber zurück zum Hund. Sofern wir ihm keine Bösartigkeit unterstellen möchten, bleibt nur noch die mangelnde Empathie. Und das wäre bei Tieren auch völlig normal. Genauso wenig, wie wir mit Fliegen oder Kellerasseln fühlen, Wesen, die sehr verschieden von uns sind, genauso wenig kann ein Hund sich in einen Hasen hineinversetzen. Derartige Vorstellungsgrenzen mag es bei allen Tierarten geben.

Umso erstaunlicher ist die Beobachtung, die ein amerikanisches Rentnerehepaar machte. Ann und Wally Collito saßen auf ihrer Veranda, als eine junge, streunende Katze durch den Garten schlich. Klein, hilflos – sofort regte sich Mitleid bei den Collitos. Doch nicht nur bei ihnen. Denn plötzlich tauchte eine Krähe auf, die sich zum Kätzchen gesellte. Würde es einen Kampf geben? Nein, offensichtlich begleitete der schwarze Vogel das kleine Raubtier, und nicht nur das. Er suchte im Gras nach Würmern und fing an, das Waisenkind zu füttern. Die Freundschaft sollte über Jahre halten, und selbstverständlich adoptierten auch Ann und Wally die Katze. Die erste Kontaktszene wurde von dem Ehepaar übrigens filmisch festgehalten und kann bei YouTube unter Eingabe der beiden Tiernamen »Cassie und Moses« aufgerufen werden.

Mitgefühl? Oder handelte die Krähe instinktiv, da sie keinen Partner und keine Jungen hatte und das Kätzchen mütterliche Gefühle auslöste? Selbst wenn es so wäre, so gleicht die Qualität dieser Empathie derjenigen, die zwischen Mensch und Hund herrscht. Auch bei dieser Beziehung hat der Vierbeiner häufig den Status eines Familienmitgliedes und ersetzt nicht selten das fehlende Kind.

Nicht weit entfernt von der Empathie ist der Altruismus. Der Begriff umfasst Handlungsweisen, die dem Handelnden mehr Kosten als Nutzen einbringen, klassischerweise also als uneigennützig gelten. Was zunächst nach moralischer Höchstleistung klingt, kann im Tierreich rein instinktgesteuert und unbewusst ablaufen. Denken Sie an Ammenbienen, die selbst kinderlos sind, sich aber um die Brutpflege kümmern, oder ein Ameisenvolk, dessen Soldaten sich heldenhaft überlegenen Angreifern in den Weg stellen, um das Volk und vor allem die Königin zu retten. Alles kleine Altruisten, die sich für Volk und Vaterland auffressen lassen?


Auf Menschen bezogen, wird der Begriff mit moralischen Werten verbunden. Ein Altruist handelt aus Überzeugung, um etwa der Gerechtigkeit zur Geltung zu verhelfen. Daneben wird altruistisches Handeln durch sozialen Druck, etwa Gesetze oder berufliche Zwänge, hervorgerufen. Welcher Soldat steht schon in Afghanistan, um sich oder seine Familie zu verteidigen?

Eine andere typische Form ist die Adoption von Waisenkindern. Die aufnehmenden Eltern haben Kosten und Mühen für die, rein biologisch gesehen, Rettung fremden Erbguts. Natürlich gibt ein solches Kind den Eltern viel zurück, unter evolutionären Gesichtspunkten endet der Weg der Stiefeltern jedoch in einer Sackgasse.

Diese moralische Form des Altruismus wurde Tieren bisher abgesprochen. Beobachtet wurden Adoptionen von Tierwaisen bislang nur innerhalb bestehender Verwandtschaftsbeziehungen. Die Sorge um Individuen, die nicht zur eigenen Familie gehören, galt als eine der letzten Domänen des Menschen. Bis Leipziger Forscher um Christophe Boesch vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie aufsehenerregende Ergebnisse aus dem Tai-Nationalpark der Elfenbeinküste mitbrachten. Die dort lebenden Schimpansen adoptierten in 18 beobachteten Fällen familienfremde Waisen. Mehrere Jahre lang sorgten sie für Nahrung und Schutz vor Raubtieren, ganz wie für den leiblichen Nachwuchs. Schnell waren Erklärungen zur Hand: Die lokal hohe Leopardenpopulation stelle ein hohes Bedrohungspotenzial dar. Dieses schweiße die Affenkolonien fester zusammen und führe möglicherweise deshalb zu den altruistischen Handlungen. Aber lassen sich in letzter Konsequenz nicht auch für menschliches Handeln derartige Gründe finden? Nebenbei bewiesen die frei lebenden Schimpansen einmal mehr, dass Zootiere ungeeignete Forschungsobjekte sind. Denn den gefangenen Artgenossen kommt die neu entdeckte Eigenschaft offenbar abhanden, weil sie von Wärtern versorgt werden und daher eine gegenseitige Sorge überflüssig ist.

Freude und Glück

Gefühle müssen die Menschen ihren tierischen Erdgenossen wohl oder übel zugestehen. Immerhin. Und zwar nicht nur im Sinne der Sensibilität, sondern auch in Form von Emotionen. Sollen Vierbeiner etwa in derselben Klasse spielen wie wir? Angst als notwendige Reaktion auf eine Bedrohung, Empathie und Mitgefühl für andere, in Ordnung, aber sollten Tiere tatsächlich auch Glück empfinden? Dieses Glück, das uns Menschen als einer der erstrebenswertesten Zustände gilt? Welches in Geburtstagsliedern besungen wird, bei freudigen Anlässen von den Gratulanten gewünscht wird und sogar in der Nationalhymne auftaucht?

Meine Familie reist oft und gern. Höhepunkt des Jahres ist der Sommerurlaub, der häufig im hohen Norden verbracht wird. Für ein früheres Familienmitglied galt dies jedoch nicht: unsere Hündin Maxi. Weder auf der großen Skandinavienfähre noch in den Zügen wäre sie gern gesehen gewesen, zudem ging es ihr zuhause nicht schlecht. Meine Eltern, tierlieb und naturverbunden, versorgten Haus, Hof und natürlich Maxi. Tägliche Wanderungen, Leckerlis alle paar Minuten, keine Frage, Maxi liebte meine Eltern. War der Urlaub zu Ende, so holte uns mein Vater vom nahegelegenen Bahnhof ab und fuhr uns zurück zum Forsthaus. Dort wartete meine Mutter schon im Garten auf uns Rückkehrer, und noch vor ihrer Begrüßung stürmte uns Maxi entgegen. Sie jaulte, warf sich auf den Rücken und pinkelte vor lauter Aufregung. Für uns keine Frage: Maxi war glücklich, uns wiederzusehen.

Glück ist schwer zu fassen. Psychologen beschreiben es mit einer extrem positiven Emotion und einem Zustand tiefster Zufriedenheit. Sie möchten es genauer wissen? Aber selbst in einigen Standardwerken der Psychologie des 20. Jahrhunderts werden Sie vergeblich auch nur nach diesem Wort suchen. Immerhin sind etliche Prozesse bekannt, die dieses Gefühl begleiten. So schüttet das Gehirn bestimmte Botenstoffe, wie etwa Dopamin, aus. Das Selbstwertgefühl wird gesteigert, die soziale Aufgeschlossenheit erhöht. Heraus kommt ein Moment des absoluten Wohl-befindens, der leider schnell wieder verpufft. Dennoch ist das Gefühl so angenehm, dass jeder Mensch es so oft wie möglich erleben möchte. Und ausgerechnet dieser starke Ausdruck aus der Sprache des Unterbewusstseins soll im Vokabular der Tiere fehlen?

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18+
Дата выхода на Литрес:
25 мая 2021
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234 стр. 57 иллюстраций
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9783895668012
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