Читать книгу: «Der Messias vom Stamme Efraim»
Die Übersetzung folgt der 1924 im Berliner Verlag Wostok erschienenen Erstausgabe »Maschiach ben Efrajim«. Sie erschien erstmals 1996 im Verlag Volk und Welt und wurde für diese Ausgabe leicht überarbeitet.
E-Book-Ausgabe 2020
© 2018 für diese Ausgabe: Verlag Klaus Wagenbach, Emser Straße 40/41, 10719 Berlin
Covergestaltung: Julie August
Datenkonvertierung bei Zeilenwert, Rudolstadt.
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ISBN: 978 3 8031 4299 3
Auch in gedruckter Form erhältlich: 978 3 8031 3295 6
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Eröffnung
All jene, die ihre Seelen an das Wort JHWH gehängt haben, die Lamedwow, die sechsunddreißig Gerechten, wandeln abgeschieden und allein am Rande der Welt.
Im Dunkel verharren sie zuweilen. Sie spüren einander über die Ferne, doch keiner kann den anderen sehen. Sie schreiten am Rande der Welt, große Juden mit langen Stecken, gebeugt in die mitternächtliche Bläue des Himmels.
Und am Tage des Gerichts kommen sie, mit zerzausten Bärten, in Pelzen und Stiefeln, mit ihren Birkenstöcken in der Hand. Und sie fragen nicht: Sie kommen und setzen sich vor den Thron der Herrlichkeit.
Sie schieben ihre Ärmel ineinander und wärmen sich in der Heiligkeit des Allmächtigen.
Und sie rauchen ihre Pfeifen.
Der Allmächtige aber sitzt auf dem Thron der Herrlichkeit und lächelt. Ihm gefallen seine schlichten Zaddikim.
Der Müller
In Weißrußland lebte einmal ein Mann, er war Müller.
Sein Weib war gestorben, den Sohn zog man zu den Soldaten.
Die Mühle überwucherten Gräser und Moos.
Ihr Dach glitt, einem Schafspelz gleich, nieder zur Erde.
Das Landstück verkam.
Nur Elstern flogen umher, armselige Elstern.
Der Müller wußte nicht mehr ein noch aus.
Er ging in den Stall und sah: Nur eine Kuh war ihm verblieben von allem Besitz.
Da setzte er sich einsam auf die Schwelle seines Hauses und vergoß bittere Tränen.
Man nannte ihn Benje.
Was geschieht, wenn ein Mensch allein bleibt
In einem alten Buch las ich, daß ein Mensch sich davor hüten solle, allein zu bleiben. Anfangs glaubt er, es mache ihm nichts aus. Später aber kommen krause Gedanken, seine Stimme verändert sich und er geht herum wie im Taumel.
Hätte Benje dies gewußt, wäre er vielleicht nicht in der Mühle geblieben. Vielleicht hätte er sich aufgerafft und wäre in ein Nachbardorf gezogen, oder er hätte einfach zum zweiten Mal geheiratet.
Für einen älteren Menschen allein ist das Leben auf dem Lande zu schwer.
So aber kochte Reb Benje jeden Tag sein bescheidenes Mahl, molk die Kuh und ging hernach, die Hände auf dem Rücken verschränkt, um die Mühle spazieren. Oder er sagte Psalmen auf, wie es einsame Menschen oft tun.
Doch wie er einmal zum Brunnen ging, um sich zu waschen, sah er im Wasser, daß seine Unterlippe herabhing.
Benjes Unterlippe hatte nie zuvor herabgehangen.
Er verstand gleich: Das kam, weil er allein war. Er ging zurück ins Haus, nahm den Spiegel von der Wand, musterte sich, und in der Tat, seine Lippe hing herab. Dafür waren ihm die Brauen dichter zusammengewachsen, und er sah haarig aus, zottig und verwahrlost wie ein Iltis. Reb Benje betastete seine Lippe und spürte, daß sie trocken war wie ein Stück Lehm.
Und obgleich der Abend mild war, kroch er auf den Ofen und mummte sich in seine alten Sachen. Bald darauf schlief er ein.
Reb Benje weidet die Kuh
Hinter der Mühle erhob sich ein Tannenwald.
In Weißrußland herrschten die Nebel, und Regen durchnäßten das Land.
Im Morgengrauen führte Reb Benje die Kuh auf die Weide.
Sie gingen auf lehmigen Wegen, über faulig riechende Felder, in den alten Wald.
Reb Benje lief voraus, und die Kuh trottete ihm am Strick hinterher.
Sie stiegen durchs Unterholz zwischen den Bäumen, und nasse Zweige übersprühten sie mit Wasser, doch Benje war so in Gedanken, daß er es nicht merkte.
So kamen sie von einem Dickicht ins nächste.
Die Kuh zupfte zuweilen nasses Gras von einer Wurzel, um sich zu laben.
Die Stubben verfaulten und kauerten sich in den Farn.
Das Moos bedeckte ringsum die Erde und griff nach den Bäumen. Und in der steinernen Taubheit erklangen und verloschen die kalten Stimmen des Waldes.
Reb Benje führte die Kuh durch verregnete Weiten.
Beide schleppten sich erschöpft dahin, mit gesenkten Köpfen, die schwer waren vom Nichtdenken.
Reb Benje hatte oft Gedanken, ohne zu denken.
Es herrschte Stille. Seine nackten Füße waren rot vor Kälte und schlammbedeckt, aus dem zerschlissenen Kaftan lugte die Wolle. Reb Benje blieb stehen, schaute an sich herab und betrachtete die Kleider des Waldes.
Ach, Benje, was haben die Tannen für schöne Gewänder!
Levi, der Geldverleiher
Levi, der Geldverleiher, ein Bruder Benjes, war aus Saßkevitz nach Wilna gezogen und in der litauischen Stadt bald zu hohem Ansehen gelangt, denn er tätigte Geschäfte mit Generälen und wohlhabenden Bürgern.
Er hatte eine Tochter, ein bildhübsches Mädchen, das schönste von Wilna.
An seinem Haus hing ein Schild: »Hier wohnt Levi Pataschnik.«
Reb Levi handelte mit Bauholz und Getreide.
Wenn er nachts im Arbeitszimmer saß, ließ er sich zuweilen die Geschäftsbücher bringen.
Die schöne Tochter las ihm daraus vor:
Sein Getreide fuhr auf allen Straßen.
Sein Bauholz flößte man auf allen Strömen.
Seine Gärten trugen goldne Früchte.
Seine Hühner legten goldne Eier.
Levi Pataschnik lächelte.
»Genug«, sagte er dann zur Tochter. »Du kannst schlafen gehen!«
Und die ganze Nacht schritt er in seinem Zimmer auf weichen Teppichen umher und dachte:
»Gold ist Gold wert! Gold ist wirklich Gold!«
Die drei Besucher
Reb Benje saß auf dem Erdwall am Haus und schaute hinaus auf den Weg. Es war ein heller Abend in Weißrußland. Als er die Augen hob, sah er drei Männer nahen.
Er stand auf und ging ihnen ein Stück entgegen.
Drei in Pelze gehüllte bärtige Juden mit Rucksäcken kamen schweren Schrittes aus dem Wald.
Benje trat auf die Wanderer zu und grüßte, die Fremden erwiderten seinen Gruß mit einem Nicken, sie blickten ihn an und brummten heiser, sagten jedoch kein Wort.
(Es gibt Menschen, denen es bestimmt ist zu schweigen.)
Reb Benje geleitete die Fremden zu seinem Haus und öffnete ihnen die Tür.
Die Männer beugten sich beim Eintreten unter den Türbalken, denn sie waren breitschultrig und hochgewachsen.
Im Hause herrschte schon Nacht.
Die Besucher legten Rucksäcke und Stecken langsam zur Seite, ihre Sachen rochen nach Teer und dem Duft des Waldes.
Reb Benje betrachtete seine Gäste mit großer Neugier.
Sie ließen sich auf die breiten Bänke am Tisch nieder, ihre großen Gestalten ragten ins Dunkel wie Stümpfe alter Baumriesen.
Reb Benje fragte sie, woher sie kämen.
Der älteste Gast hob die Brauen, zog eine Tonpfeife aus der Tasche und sagte:
»Aus Weißrußland.«
Mehr hatte Benje nicht zu fragen, seine Gedanken waren ihm ins Fleisch gewachsen.
In der trüben Finsternis glommen die blauen Scheiben, und die Juden legten ihre Pelze auf die Bänke.
Reb Benje zündete einen Kienspan an. Die Gäste sahen sich im Zimmer um und warfen seltsame Schatten an die Wände. Und die Kuh im Stall ahnte wohl etwas, denn sie verließ ihr warmes Lager und steckte ihren Kopf durch das Fenster zur Stube. Sie lauschte.
Reb Benje setzte sich still zu seinen Gästen an den Tisch. Er schaute sie an und wollte über etwas nachdenken, doch es gelang ihm nicht, sosehr er sich auch mühte.
Dann wandte er sich unvermittelt an die Männer:
»Freunde, was soll ich tun?«
Die Gäste blickten ihn stumpfsinnig an, und nach einer Weile fragte der älteste von ihnen:
»Hast du zu essen?«
»Ja.«
»Tue gar nichts.«
»Wirklich? Und wo ist der Sinn?!«
»Es gibt keinen Sinn.«
»Es gibt keinen Sinn?!«
Und der älteste Gast, jener, der geantwortet hatte, kehrte ihm den Rücken, legte sich auf die harte Pritsche, bedeckte sich mit seinem Pelz und zog ihn bis über den Kopf. Die beiden anderen taten es ihm gleich. Sie wollten schlafen.
Reb Benje stand neben ihm.
Lange Zeit stand Benje neben dem ältesten Gast, dann verschränkte er die Hände auf dem Rücken und ging leise im Zimmer auf und ab. Die Kuh am Fenster schaute ihm dabei zu.
Plötzlich kam ihm ein Gedanke und es durchfuhr ihn heiß. Er trat an den ältesten Gast und zog ihn am Fuß:
»Und was kommt dann? Werde ich sterben?«
Der Gast suchte seinen Fuß mit aller Kraft zu befreien, doch Benje ließ nicht locker. Er rief nur noch lauter:
»Was ist? Werde ich sterben?«
Und er brach in Tränen aus.
»Sterben?«
Die Gäste erhoben sich auf den Bänken, und Benje jammerte, schlug an die Wände, rannte durchs Zimmer, riß sich keuchend die Kleider vom Leib und schrie. So weh tat es ihm.
Um Mitternacht standen die Gäste auf, wuschen die Hände und holten ihre Psalter hervor.
Zu viert setzten sie sich auf die Erde.
Der Lehmboden war kalt, denn es nahte ein kühler Morgen. Die Kuh stand noch immer am Fenster und fror. Es war kalt.
Die Juden sagten Psalmen, mit heiseren Stimmen und dunkler Leidenschaft.
Sie schlossen die Augen und schauten in eine andere Welt.
Sie lauschten nicht der Stimme, die sprach, sondern der finsteren Stille, die ihr Innerstes erfüllte und nicht nach außen drang:
Das Gebet eines armen Mannes, im Verborgenen, der sein Herz ausschüttet vor Gott …
Und in die Nacht züngelten die ersten Flammen eines neuen Tages.
Früh am Morgen hatte sich Benje ein wenig gefangen. Seine langen Hände baumelten herab, als gehörten sie ihm nicht, und deuteten knochig und kalt in die Psalter. Er betrachtete seine Gäste, beugte sich langsam zum Nächstsitzenden herab und fragte ihn leise ins Ohr:
»Was ist Eure Arbeit, mein Herr?«
»Wasserträger.«
»Und was seid Ihr?«
»Musiker.«
»Und Ihr?«
»Schornsteinfeger.«
Ihm gefielen die angesehenen Berufe.
Die Gäste hatten sich unterdessen erhoben und schickten sich an zu gehen.
Reb Benje strich um sie herum und wußte nicht, was er tun sollte.
Nacheinander küßten sie schweigend die Mesusa und traten hinaus ins purpurne Dunkel.
Die roten Beine angewinkelt, flatterte ein Storch vorbei, von einer Wiese zur nächsten. Mit seinen Flügeln streifte er fast ihre Köpfe.
Der dritte Gast, ein mürrischer Mann, der die Nacht hindurch geschwiegen hatte, redete sich nun in Hitze. Er war zornig auf Reb Benje, behauptete, daß jener nicht widerstehen würde, packte den überraschten Müller am Ärmel und wies auf den dürren Vogel in der Luft:
»Dieser Vogel ist ein Vogel«, knurrte er und starrte Benje tief in die Augen. »Und du bist ein Esel!«
Ja, er war boshaft. Wütend spie er aus und ging fort, ohne sich noch einmal umzudrehen. Reb Benje stand da wie vom Donner gerührt, er hatte nichts verstanden.
Da trat der älteste Gast auf ihn zu und meinte zum Abschied:
»Du wirst Versuchungen ausgesetzt sein, Benje!«
Und die drei Gäste folgten dem Weg zurück in den Wald.
Das Gebet
Das Gebet eines armen Mannes, im Verborgenen,
Der sein Herz ausschüttet vor Gott.
Warum müssen wir so viel erdulden, Gott?
Wo ich auch steh, bedarf man meiner nicht.
Wohin ich geh, folgt mir der Ruch des Dunkels.
Dem Vogel neide ich, daß es ihm bessergeht,
Und dem Lehm, daß es ihm bessergeht als allem.
Was soll ich tun mit meiner nutzlosen Hand,
Meinem nutzlosen Herz?
Erkenntnis
Den ganzen nächsten Tag über lag der Müller auf dem Lehmhügel, der sich hinter der Mühle erhob. Er verstand allmählich den Lehm seines Körpers, sein Gesicht lag eingewühlt im Sand, und mit gekrümmten Fingern krallte er sich in die Wurzeln.
Reb Benje ging es sehr schlecht.
So lag er auf dem Berg und dachte, daß er jetzt ein Teil von ihm wäre und daß ein Grashalm, der unter ihm sprösse, nun durch seine Schultern wachsen müßte.
Und ihm war, als ob der Lehm atmete und sich zu Händen und Füßen formte, zu Köpfen und Brüsten und es keinen Unterschied mehr gab auf der Welt zwischen Benje und dem Lehm der Erde.
Eine ganze Woche lag er so auf dem Berg.
Die Kuh trottete allein über die Felder und stillte ihren Hunger an Stroh und süßem Nichtstun.
Benje hatte alles um sich vergessen und lag da wie tot.
Im Morgengrauen flog zuweilen eine Elster aus den Nebeln und ließ sich auf seinem Rücken nieder wie auf einem Schwein. Doch er achtete nicht darauf. Er lag in tiefem Schlaf, unfähig zu scheiden zwischen der Wirklichkeit und den Träumen, die ihm durchs Hirn gingen.
Und er wußte nicht mehr, ob er ein Mensch war oder ein Stein, der mit Flechten bewachsen am Wegrand lag.
Und eines Abends saß er kraftlos am Abhang des Hügels. Seine baumelnden Beine stießen gegen den Lehm, und er, Reb Benje, guckte, dachte an nichts, saß nur still da und guckte.
Er wußte nicht, was ihn in seinem Inneren zwang, alles zu schauen, doch es bereitete ihm großes Behagen. Allmählich erfüllte ihn ein Staunen, seine Augen wurden groß und rund, und für eine Weile vergaß er zu atmen.
Vor ihm erstreckte sich die Welt, weit und kalt, und Gott war in ihr.
Sie hallte wider wie eine blaue Eishöhle, und in dieser Höhle kroch er einsam herum wie ein schmutziger Bär.
Er stellte sich mit den Vordertatzen gegen die kalten Brocken und guckte und guckte. Er suchte IHN, Gott, der sich vor ihm verbarg.
Das funkelnde Eis der Höhle glitzerte blau.
Und da …
Da sah er IHN, Gott. Gleich darauf war er wieder verschwunden.
Aber er hatte Gott gesehen!
Und eine große Freude durchströmte seine Glieder, eine dünne und lichte Freude, er lächelte: Ein Joch war ihm vom Herzen abgefallen.
Reb Benje erhob sich, strahlend vor Freude und Güte, und plötzlich entrang sich seiner Brust ein Schrei, ein dumpfes Brüllen, wie das Brüllen seiner Kuh. Er stemmte die Hände in die Hüften, und die untergehende Sonne übergoß ihn mit Röte.
Reb Benje, der Müller, war geheiligt worden.
Im Westen standen im Licht der schwindenden Sonne gehäutete rote Ochsen, wie beim Berit bejn Habetarim – bei Gottes Opferbund mit Abraham.
Er verstand nun die Welt bis ins Mark seiner Knochen, bis in die brennende Haut seines Leibs. Lächelnd sah er auf die Kleider, die er trug: In Fetzen hingen sie an ihm herab, in Fetzen.
Reb Benje stieg den Hügel herab. Die alte Mühle war zugewachsen und älter geworden, und aus einer Wand sproß gar ein junger Baum.
Er ging zur Tür und wollte schon ins Zimmer treten, als ihm etwas Einhalt gebot: Er hörte eine Stimme voller Tränen und Freude.
Levi Pataschnik
Eines trüben Abends stand Levi Pataschnik am offenen Geldschrank wie vor einem geöffneten Toraschrein, das weichende Tageslicht legte sich auf die schattigen Tapeten, schimmerte und malte helle Flecken auf die dunklen Dielen. Ein Haufen funkelnder Münzen glühte rot aus dem Schrank, blitzte und stach ihm ins Herz. Atemlos wühlte Levi im Geld.
Er ließ das Gold langsam durch seine Hände gleiten, wie man weichen Sand durch die Finger rinnen läßt, und lauschte scharf seinem Klang, dem unverwechselbaren Klang des Goldes.
Seine feiste Hand, rosig gefärbt vom vergehenden Tag, strich über die Münzen und berührte sie zärtlich wie ein Bursche das Haar seines Mädchens.
Ein geheimes tiefes Summen drang aus dem Schrank. Gold!
Ströme von Gold pulsieren unter der Erde, und die Augen der Menschen funkeln golden.
Und oben, über den goldenen Sternen, thront Gott auf seinem Königsstuhl von Gold.
Levi Pataschnik schloß sacht die schwere Tür des Geldschranks und hielt sich an der Oberkante fest, um nicht zu fallen. Sein Kopf sank ihm schwer auf die Brust.
Der unermeßliche Abend kroch nagend ins Zimmer.
Mit gesenktem heißem Kopf lehnte sich Reb Levi an das kalte Eisen des Schranks, die Knie knickten ihm vor Müdigkeit ein, die Augen fielen ihm zu, und tief in seiner Brust löste sich ein schwerer glühender Tropfen. Er fiel in sein inneres Dunkel hinab und zerschnitt ihm die Eingeweide mit siedendem Schmerz.
Im Schatten der Tür stand der älteste Gast.
Simche Plachte
Unweit der Mühle, ein paar Werst entfernt, wohnte ein Jude im Wald: Reb Simche Plachte.
Er hatte hart gearbeitet und sich gesagt: Hart ist das Leben so oder so, also lebe ich besser im Wald.
Er hatte sich ein Häuschen aus Zweigen und Gras gebaut und die Wände innen und außen mit Lehm verschmiert. Reb Simche Plachte war ein fröhlicher Mann, er nährte sich von Gemüse, trank Wasser und rauchte ein Kraut, das er selbst zubereitete.
Reb Simche hielt Hühner und Tauben. Hühner hielt er, weil sie Eier legten, die zum Essen taugten, und Tauben, weil sie Eier legten, die nicht zum Essen taugten.
Reb Simche traf sich mit niemandem, er war auch so glücklich.
Er lächelte ständig – rauchte seine Pfeife, schloß halb die Augen und lächelte: Zu wem, das wußte man nicht. Er redete laut mit sich selbst, denn er war immer allein.
Im Winter saß er in seiner Hütte und erzählte sich Anekdoten, im Sommer suchte er frische Wiesen und Waldlichtungen auf und vollführte dort allerlei Tänze.
Er war ein großartiger Tänzer!
Und der Frühling machte ihn vollkommen trunken: Als Sechzigjähriger stieg er dann auf die Bäume mit der Gewandtheit eines Buben.
Er betrug sich, als er wäre er nicht ganz bei Sinnen.
Reb Simche aß gerne die Blütenknospen der Bäume. Er kletterte durchs Zweiggeflecht und sang wie ein Kanarienvogel.
So lebte er dort im Wald.
Ja, Reb Simche sah aus wie ein Goi, auf dem Kopf trug er einen Strohhut und an den Füßen Schuhe aus Birkenbast, aber er hatte einen Bart, einen gewaltigen jüdischen Bart von lichtem Grau.
Sein Bart war wunderschön!
Als junger Mann war Reb Simche Wasserträger gewesen, in späteren Jahren wurde er dann ein chassidischer Rabbi, der bekanntlich einen frommen Tisch führt und ein großes Gefolge hat. Doch das Leben unter den Menschen war ihm gar zu beschwerlich. So ging er fort und ließ sich nieder im Wald.
Als Eremit.
Und wenn der Wind über Baumkronen bläst und Zweige abbricht, was tut Simche Plachte dann?
Mit der Pfeife im Mund sitzt er auf einem entwurzelten Stamm im Unterholz und lauscht und lauscht:
Die Nester fallen aus den Bäumen.
Angstvoll fliegen die Vogelmütter zur Erde hinab, doch ihre geschlüpften Küken sind schon tot. Nur da und dort regt sich noch ein nackter Flügel.
Ein Klagen hebt an.
Dann sitzt Reb Simche im Dickicht, er lauscht und lauscht, alle Haare am Körper sträuben sich ihm und zittern. Seine Zähne leuchten durch das Unterholz, und die Augen brennen vom Sturm.
Und wenn ein langer blauer Blitz in den Wald fährt und mit brennender Peitsche über die Bäume schlägt, was tut Simche Plachte dann?
Er richtet sich auf, die Hände zum Himmel gestreckt, und will ihn packen, den Blitz in seinem Lauf, und sein Bart ist zerzaust, und von seiner zottigen Brust steigt der Wasserdampf.
Simche Plachte war selber ein Wald!
Aber wenn es still wird.
Wenn der klare nasse Wald die Rufe der Kuckucksvögel erwidert und die Walderdbeeren wie Blutspritzer im Grase liegen.
Ja, dann!
Dann geht Simche Plachte durch den hallenden Wald, die Hände auf dem Rücken verschränkt, den Kopf hoch erhoben.
Und er trällert.
Und er schnalzt mit der Zunge
Und er schwingt seine Füße.
Tirili und tirila!
Er kannte kein Schamgefühl.
So lebte er allein im Wald.
Es war ein lieblicher Sommertag.
Reb Simche Plachte trat aus dem Wald und stellte sich auf die Landstraße. Er schlug einen Feldweg ein.
Nach ein paar Schritten stieß Simche Plachte auf eine Senke und sah eine Kuh grasen. Wie kam eine Kuh hierher?
Als er weiter hinunterging, sah er einen Juden im Morast sitzen, mitten im Dreck, einen Mann mit großem, geschwollenem Kopf und langen Armen, die ihm bis zu den Knöcheln reichten. Er hielt ein Psalmenbuch in der Hand, betete, wiegte seinen Oberkörper und war schwarz wie ein Stück Kohle.
Was bedeutete das?
Er blieb stehen und fragte:
»Wieso hast du dich hierher gesetzt?«
Der Jude gab schnaufend zur Antwort:
»Wo soll ich sonst sitzen?«
»Wo du sitzen sollst? Im Himmel, mein Lieber!«
Der Mann im Dreck erzählte ihm, warum und wieso: Es war Benje, der Müller.
Und Reb Benje erhob sich, schaute ihn mit flehenden Augen an und sagte:
»Hilf mir, mein Freund!«
Doch Reb Simches Gedanken waren schon woanders. Er fragte Reb Benje nach der Kuh:
»Gibt sie Milch?«
»Sicher gibt sie Milch.«
»Kann man ein wenig von der Milch probieren?«
Reb Benje meinte, daß er keinen Melkeimer hätte.
»Wozu einen Eimer?! Wer braucht schon einen Eimer?«
Und Reb Simche Plachte trat an die Kuh heran, kroch auf allen vieren unter sie wie ein Kalb und sog mit gierigen Schlucken die Milch aus ihrem Euter.
Er lief rot an, und Schweiß trat ihm auf die Stirn.
Die zehn Sefirot (Attribute der Gottheit)
Tausende Welten liegen im Mysterium der zehn Sefirot.
Die Seele des Menschen wandelt durch den Kristall der Welten und hallt wider im Klang der Sefira, in der sie sich findet.
Und wisse, Tausende Welten ruhen im Schein jeder einzelnen Sefira und in dem aller zusammen: Dies ist das Geheimnis der Einzahl der Zehn und der Zehnzahl des Einen.
Der Unendliche, der in Gestalt der zehn Sefirot einherkommt, umschließt alle Zahlen und ist erfüllt vom heiligen Glanz der Ewigkeit, und das Heilige der Ewigkeit läßt sich nicht fassen in Maß und Eigenart.
Und wisse, so wenig wir zu scheiden vermögen zwischen den zehn Sefirot nach dem Grad der ihnen innewohnenden Heiligkeit, so wenig ermessen können wir den Raum zwischen ihnen.
Denn das Mysterium von »der Einzahl der Zehn und der Zehnzahl des Einen« gilt nicht nur für das Leben, wie es sich fortsetzt, sondern auch für das Leben, das sich bedingt. So ist die Zahl der Gedanken gleich der Zahl der Substanz. Deshalb sagen wir nicht mit unseren Vorfahren:
Unsere Welt ist die Welt der Tat, die auf unterster Stufe der ergossenen Heiligkeit liegt.
Das »Mysterium von der Zehnzahl des Einen« verlangt, daß auch unsere Welt die Sefira Keter beherbergt, die Ergießung der Krone, der Krone offenbarter Heiligkeit.
Es gibt Menschen auf unserer Welt, die unter der Kraft offenbarter Schönheit stehen. Ihr Gang ist ein anderer, und ihre Stimmen sind anders!
Ich sah Menschen, deren Seele strahlte vom Licht der Sefira Keter.
So teilt sich die Seele. Sie will das Licht der Ewigkeit aufnehmen und wandert durch den Kristall der Welten. Und hallt wider im Klang der Sefira, in der sie sich findet.
Und wisse, die Seele eines Kindes, das heute geboren ward, ist so alt wie die Seele eines Sterbenden. Und kommst du zur Feier anläßlich einer Geburt und du siehst, wie die Menschen sich freuen, so sage ihnen:
»Ihr Narren, worüber freut ihr euch?«
Und trittst du ins Haus, wo ein Verstorbener liegt, und du siehst die Trauernden auf der Erde sitzen, wie sie wehklagen, so sage ihnen:
»Ihr Narren, was trauert ihr?«
Denn der Mensch weiß nichts vom dunklen Geheimnis der Schöpfung.
Wenn du in eine Stadt kommst, so achte nicht auf ihre Mauern und hohen Türme: Sie sind ein Rauch, der vergeht.
Achte nicht auf ihre Menschen, die auf den Straßen laufen und sich eilen, als hätten sie zu tun: Das ist eitles Blendwerk.
Kommst du in eine Stadt, lege dich auf die Erde, presse dein Ohr an sie und höre, was die Stadt im geheimen spricht.
Und wisse, Benje hat in seiner Einfalt die verborgenen Dinge geschaut, er verstand die Millionen und Abermillionen Welten und den Namen:

Die Nacht war weit, kalt und über und über mit Sternen besät.
Reb Benje verließ sein Haus. Drinnen war es ihm diese Nacht zu finster und schwül. So ging er auf ein verlassenes Feld und setzte sich dort unter einen Baum.
Die Zweige hingen in langen Rutenbündeln über ihm, und Finsternis troff aus ihnen herab.
Eine geheime Stille entströmte der Erde, und Benje saß zerlumpt unter dem Baum, die Arme auf der Brust verschränkt.
Die Himmel flossen ineinander wie Wasser, sie waren eingehüllt in unermeßliche Kälte, und er, Reb Benje, sah:
Der Mond kreiste weiß und groß über den Himmel wie ein lautloses Rad.
Der Mond kam von einem Ende des Himmels geschwommen, und auf ihm saß eine Gestalt in weißem Gewand:
Der Erzengel Rafael!
Die Gestalt beugte sich über den Mond und blickte in die tiefe Finsternis am anderen Ende der Welt.
Und vom anderen Ende der Welt schwamm ein Stern herbei, der Mars, düster und rot, und Blut floß von ihm herab. Und auf dem Mars saß eine Gestalt in schwarzem Gewand:
Der Engelsfürst Metatron!
Die Gestalt beugte sich über den Stern und blickte in die große Helle am anderen Ende der Welt.
Klar und kalt war es zwischen den Himmeln, nicht das kleinste Wölkchen stand da, nicht das mindeste Geräusch war zu vernehmen, wie in einem Haus, wo seit langem niemand mehr wohnt.
Und dann prallten beide Himmelskörper aufeinander und versprühten in der ganzen Umgegend Lichtergarben und Klumpen von Feuer.
Die Welt brodelte im Haß!
Und ringsum vernahm man bitteres Weinen und lautes Frohlocken.
Benje fiel aufs Gesicht und spürte, wie ein Universum zerplatzte.
Es klagte über ihm.
Und plötzlich riß ihn etwas empor. Er hob den Kopf und staunte und sah: Weit in der Ferne kam über die Erde, aus tiefer Dunkelheit, ein hochgewachsener, lichter Mensch.
Er näherte sich mit stillen Tritten, sein Gang war leicht und mühelos. Und er ging geradewegs auf Benje zu, der seinen Kopf, von Angst erfüllt, erneut zur Erde sinken ließ.
Reb Benje spürte das Licht vom Gewand des hochgewachsenen Fremden und vernahm dessen schwerelosen Schritt.
Lautlos stieg jener über ihn hinweg.
Und als Reb Benje aufschauen und ihm den Saum seiner Kleider küssen wollte, vermochte er den schweren Kopf nicht zu heben, und mit dem Gesicht auf der Erde lachte er aus innerer Freude, denn eine dürre Sehnsucht umfing seine Seele wie warmer Atem.
Die ganze Nacht über lag Reb Benje so in der Kälte, ohne den Kopf zu heben.
Im Morgendämmer war er weiß und reifbedeckt wie ein frühmorgendlicher Zweig im Herbst.
Levi Pataschnik und seine Gäste
Spätabends verließ Pan Wrublewsky Levi Pataschniks Haus, er hatte ihm einen Wald zum Abholzen verkauft, jenen Wald, in dem Reb Simches Hütte stand.
Auf der Veranda traf der Pan Leah, Reb Levis Tochter. Leah erschrak, denn der Pan hatte einen stechenden Blick, und seine Augen schlugen sie wie schwarze Ruten. Sie machte einen Knicks vor ihm, stürzte atemlos in den Flur und schlug die Tür hinter sich zu.
Reb Levi saß im ledernen Armstuhl und ließ seine Finger über die weichen Lehnen gleiten. Er hatte noch etwas Geschäftliches zu erledigen.
An jenem Tage war einer von Levi Pataschniks Männern unter eine von Levi Pataschniks Sägen geraten und dabei, nebbich, schwer verletzt worden.
Jetzt suchte ihn dieser Mann auf, um sich zu beklagen.
Reb Levi saß schwer im Stuhl, den Kopf in die Hände gestützt, und der Mann jammerte:
»Oh, es war entsetzlich!«
Er habe furchtbar gelitten.
Freilich leidet man, wenn man unter eine Säge kommt. Hahaha!
So saß Levi Pataschnik im Dunkel, und der Lüster erstrahlte in allen Regenbogenfarben über dem finsteren Zimmer.
Reb Levi Pataschnik haßte das Licht.
In der Dunkelheit öffnen sich breite Straßen über weite Strecken. Ihr geht von Weg zu Weg und trefft Menschen – den alten vergessenen Bruder oder Pan Wrublewsky oder einen Mann, der unter die Säge geraten war.
Die Tür öffnete sich langsam und herein kamen drei graue Juden mit Säcken auf den Schultern und Stecken in der Hand.
Die Juden blieben bei der Tür stehen, und Levi war so beschäftigt, daß er sie nicht bemerkte. Kaum, daß man die Besucher in der Finsternis sah.
Reb Levi saß da, wälzte seine Probleme und grübelte. Plötzlich stutzte er. Ihm schien, daß jemand gekommen wäre. Er wandte sich um und blickte zur Tür:
»Wer ist da? Was wollt ihr?«
Die Juden standen stumm wie Holzklötze und gaben keine Antwort. Doch dann erwiderte der älteste von ihnen leise:
»Nichts.«
Reb Levi erhob sich vom Stuhl, mit seinem schweren Bauch konnte er sich kaum auf den Beinen halten. Er spähte tiefer in die Finsternis und fragte:
»Wie? Ich höre nichts.«
Der älteste Gast sprach ein wenig lauter:
»Wir kamen hier vorbei und dachten, wir schauen herein.«
Reb Levi kochte vor Wut, und wenn er vor Wut kochte, ballten sich seine weichen Weiberhände zu Fäusten. Er ging auf die Juden zu und baute sich vor ihnen auf:
»Sagt ihr mir jetzt endlich, was ihr wollt!!«
Von seinem Geschrei verschlug es den Männern die Sprache.
Leah eilte bleich aus dem Nebenzimmer. Von der Tür her vermochte sie die Gestalten an der Wand kaum auszumachen. Die weißen Hände schützend vor den Hals gelegt, schlüpfte sie in eine Ecke, stand erschrocken im Dunkel und guckte.
Der älteste Gast antwortete schließlich:
»Wozu die Worte, Reb Levi? Dafür gibt es keine Worte.«
Reb Levi schrie. Er lief durch die Stube und schrie:
»Ich versteh nicht, Gott im Himmel! Ich verstehe nicht! Wofür gibt es keine Worte?«
Der älteste Gast sagte still und finster zu ihm:
»Es gibt keine Worte für den Schmerz, Reb Levi, für die Trauer, die zu ihm drang, zu seinem langen, bleichen Antlitz …«
Aber Reb Levi verstand noch immer nicht:
»Was für ein Antlitz, he? Wessen Antlitz?«
Der älteste Gast wollte es nicht sagen, er zögerte, dann aber beugte er sich langsam zu Reb Levi vor, schaute ihm fest in die Augen und sagte gespenstisch leise:
»Das des Messias! Das Antlitz des Messias!«
Reb Levi erstarrte, etwas schnitt ihm scharf durch den Leib, tief in sein Innerstes. Eine Weile stand er stumm da und starrte dem Gast ins Gesicht, starrte und hatte nichts begriffen.
Und ganz allmählich wandte er sich von ihm ab, faßte seinen kurzen gelbbraunen Bart, schob ihn sich zwischen die Zähne und begann im großen Zimmer herumzugehen.
Die Juden standen mit geschulterten Säcken bei der Tür.
Man hörte nur das weiche Schlurfen von Levi Pataschniks Pantoffeln auf den Dielen.
Er ging mit großen Schritten hin und her, blieb für einen Moment mitten im Zimmer stehen und setzte sich, wütend und hastig, erneut in Bewegung. Dann wandte er sich abrupt um und packte den ältesten Gast am Ärmel:
»Kommt!«
Und er führte sie ins zweite Zimmer. Die Tür blieb offen. Leah beugte sich heran, blickte in den Raum und sah, wie er die Juden in einen Winkel des Zimmers geleitete.
In der Dunkelheit hörte man Levi etwas aufschließen, er öffnete den Fremden seinen Geldschrank. Darinnen funkelte ein Häuflein Gold, brannte wie glühendes Feuer, leuchtete aus der Tiefe des Schrankes wie das ewige Licht eines Bethauses.
Und Reb Levi reckte sich und wies dreist mit der Hand auf das Gold:
»Das ist der Messias!«
Einer der Gäste, schwarzhaarig, zottig und leicht erregbar, stieß ein kehliges Brüllen aus, der älteste drehte sich zu ihm um und beruhigte ihn leise.
Levi genoß seinen Triumph. Er stand da, klein von Statur, den großen Bauch vorgestreckt, die Hände in die Seiten gestemmt, und blinzelte mit seinen Augen.
Die Eingeweide schwollen ihm vor Stolz, und er meinte schon, daß er damit allem ein Ende gemacht habe. Doch der älteste Besucher sagte zu ihm:
»Reb Levi, Gold ist Sünde, Gold ist das Feuer der Hölle!«
»Was ist Gold?« zischte Reb Levi.
Und mit Schaum vor dem Mund brüllte er sie an:
»Ihr Schnorrer! Habt ihr jemals einen Groschen in der Tasche gehabt?!
Vagabunden!
Faulpelze!
Kröten!
Gold ist Sünde, ja?! – Aber Almosen wollt ihr?«
Und er knallte die Tür des Geldschrankes zu.
»Bei mir gibt es keine Almosen!!«
Der jähzornige Gast, Ber ben Zippe, hob seine braune Pranke. Er wollte sie schon niedersausen lassen auf den kleinen Fettwanst, doch der älteste stieß ihn zurück und sagte kalt zu Reb Levi:
»Denk daran, Levi, Gold ist mit Blut getränkt!«
Und der dritte, ein einfältiger Hüne, dürr wie eine Hopfenstange, schwenkte seine Hand und stammelte:
»Und er hat sich wirklich weh getan!«
Reb Levi trat an ihn heran:
»Wer hat sich weh getan, du Kindskopf?«
»Der … der Mann, der unter die Säge gekommen ist.«
Reb Levi starrte ihn mit glasigen Augen an:
»Was für eine Säge? Ach, jene Säge? Woher weißt du das eigentlich? Wie?«
Und er griff sich an den Kopf, wurde kreidebleich und stürzte ins Nebenzimmer.
Die Besucher blieben beim Geldschrank stehen. Leah lief aus der Finsternis auf ihren Vater zu. Zitternd warf sie sich ihm an den Hals:
»Papa, was ist Papa?«
Und sie begann leise zu weinen.
Reb Levi blickte sich um und wußte nicht, wie ihm geschah. Langsam löste er sich aus den Armen seiner Tochter, holte tief Luft und blickte durch die offene Tür ins Zimmer nebenan.
»Was geht hier vor? Leah, weißt du es nicht?«
Bedächtig knöpfte er seine Jacke zu und wirkte mit einem Mal größer. Er streckte sich und blieb ein Weilchen ruhig stehen. Dann kehrte er mit großen Schritten ins erste Zimmer zurück.
Die Besucher standen noch beim Schrank. Sie musterten ihn mit kalten Blicken. Offenbar hatten sie seine Rückkehr erwartet. Er sagte ihnen ruhig und gelassen:
»Es hat ihm weh getan, meine Herren, weil es ihm weh tun sollte. Und jetzt geht!«
Sie antworteten nicht. Er hieß sie gehen, also gingen sie, doch in ihnen kochte es. Reb Levi stellte sich neben die Tür, um seine Besucher hinauszulassen.
»Geht«, sprach er, »und richtet dort aus – ich, Levi Pataschnik, habe gesagt: ›Wen kümmert es!‹ Hört ihr? – Wen kümmert es!«
Und damit schlug er die Tür hinter ihnen zu. Einige Male ging er noch gedankenversunken auf und ab, dann setzte er sich wieder in seinen Lehnstuhl, als wäre nichts geschehen.
Wie er so dasaß und zum Fenster schaute, rief er nach Leah, die irgendwo hinter ihm stand. Er zog die erwachsene Tochter zu sich auf den Schoß:
»Hast du Klavier gespielt?«
»Ja.«
»Bist du im Garten spazierengegangen?«
»Ja.«
»Und möchtest du ein neues Kleid haben, Närrchen?«
Aber Leah war noch ganz verwirrt, und so sagte sie:
»Papa, ihr Messias ist besser!«
Sie erschrak über ihre eigenen Worte. Reb Levi sah sie mit schreckgeweiteten Augen an. Sie rückte von ihm ab und lief eilends zurück in ihr Zimmer.
Gimpel, der Philosoph
»Hörst du, Benje, im Spätsommer, wenn das reife Obst seinen Duft verbreitet, ist es nicht schlecht, auf der Welt zu sein.« So sprach Simche Plachte.
Reb Benje antwortete nicht, er stand auf einem Holzklotz am Herd und kochte Kartoffeln. Reb Simche saß hinter ihm am geschlossenen Fenster. Die Pfeife im Mund, schaute er auf den Weg hinaus.
Der Weg glühte im Sonnenlicht, Kiesel funkelten im Sand.
Simche Plachte saß da und blickte ins Weite, denn eine Gestalt war in der Ferne aufgetaucht. Auf dem Weg näherte sich ein dünner Bursche mit einem Wanderstab.
Reb Simche meinte:
»Sieht aus, als ob da jemand käme.«
Doch Reb Benje antwortete nicht, er kochte Kartoffeln.
Simche öffnete das Fenster und schaute hinaus. Der Fremde winkte ihm zu.
Ein lustiger Wandersmann war das, er tänzelte beim Gehen, und schon von weitem hörten sie, was für schöne Lieder er sang.
Es war Gimpel Saßkewitzer, ein närrischer »Philosoph«.
Wie er zur Mühle kam, trällerte er ein fröhliches Liedchen:
»Seht ich bin ein Taugenichts,
Und mit meinem Stecken,
Tralali und tralala,
Klopf ich alle Hecken.
Komm ich auf ein Gasthaus zu,
Klopf ich an und grüß ich.
Fragt der Schankwirt, was ich tu,
›Was wohl, ich geh müßig‹ …
›Müßiggehen schon so früh!
Tagedieb!‹ so schreit er,
Tralala und tralali,
Und so geh ich weiter.
Wenn ich einen Brunnen seh,
Trinke ich sein Wasser,
Und im Morgengrauen steh
Ich als Hahn, als nasser.
Fährt ein Bauersmann vorbei,
Tadelt er mein Leben.
Ich versteh ihn nicht und schrei:
›Leben, Streben, Beben …‹«
Er trat in die Stube, wie man zu sich nach Hause kommt, stellte den Wanderstab in die Ecke, legte sein Bündel ab und sagte:
»Guten Morgen, ihr Juden!«
»Guten Morgen und ein gutes Jahr!«
Der Neuankömmling drehte sich auf hohen Absätzen herum, zog sein rotes Halstuch fest und fragte mit einem Lächeln:
»Habt ihr was zu beißen da, Freunde?«
»Was zu beißen? Man wird Euch schon zu beißen geben, aber sagt uns zunächst, wer Ihr seid, junger Mann.«
Gimpel ging keiner festen Arbeit nach, er frönte dem Müßiggang, doch keine Sorge, er hatte eine flinke Zunge:
»Ich bin ein Philosoph. Ein großer Philosoph!«
»Und achtet nicht darauf«, meinte Gimpel weiter, »daß meine Knie durchgescheuert sind. Mein Anzug war einmal mit Punkten gepunktet und mit Streifen gestreift, jawohl!
Und die Mädchen lieben mich, weil ich schön bin! Schade, daß Reb Simche schon alt ist, so weiß er nichts mehr vom Geschmack junger Mädchen:
Junge Mädchen gleichen frühen Tagen,
Über die sich Morgennebel legt.
Mädchen sollten ihre Brüste tragen,
Wie ein Apfelbaum die Äpfel trägt.«
Das Lied verwirrte Reb Simche, er rieb sich die Hände und wurde rot. Jetzt saß Gimpel auf hohem Roß. Beglückt von seinem Triumph, schnatterte er:
»Ich, Gimpel, habe einen neuen Stern am Himmel entdeckt.«
Plötzlich drehte sich Reb Benje zu ihm um und schrie wie ein Besessener:
»Zwei Sterne!«
»Nein, nur einen – und heißen wird er: Gimpelinus.«
»Zwei Sterne«, brüllte Reb Benje, »auf dem einen saß ein weißer Mann und auf dem zweiten ein schwarzer.«
»Nein, ohne Menschen.« Einen Stern hatte er entdeckt und ohne Menschen.
Reb Benje spie aus und ging zornig zurück an den Herd. Dort machte er sich wieder am Feuer zu schaffen, und nach einer Weile sagte er laut zu sich selbst:
»Der Bursche lügt!«
Gimpel stand da, wie vom Donner gerührt. Ihm war erbärmlich zumute. Er fühlte sich ertappt. Vor Scham rieb er sich die Augen und räumte ein:
»Mag sein, daß irgendwo da draußen noch ein Stern ist, der erst noch entdeckt werden muß. Ich, Gimpel, bin wahrhaftig kein Sternengucker, ich bin Philosoph. Hier, in der Brusttasche, habe ich meine ganze Philosophie zu Papier gebracht.
Wenn ich erst etwas gegessen habe, werden meine Gedanken klarer und ich vermag Reb Simche auch die schwierigsten Stellen meiner Philosophie zu erläutern.«
Und als Gimpel dann am Tisch saß und die heißen Kartoffeln herunterschlang, sagte er:
»Es gibt keine Menschen auf der Welt. Es gibt alles und jedes, aber keine Menschen. Das ist auch der Unterschied zwischen mir und einem Mann namens Schopenhauer. Der Mensch ist ein Traum der Materie.«
Und aus der Brusttasche zog er einen Stapel Papiere, blätterte darin und reichte Simche einen Zettel, der mit zierlichen Schriftzeichen bedeckt war:
»Da, lest.«
Reb Benje trat hinzu. Beide Männer setzten sich zum Fenster und machten sich ans Werk.
Der Zettel
Der Geist steht heute wider die geistlose Natur.
Seht, wie klein ist die Ansicht, die der Mensch von sich hat, gemessen am Berge, der gar keine Ansicht hat.
Mensch, sage dich los vom Geist!
Man darf Gott schmähen, denn das Meer ist schöner als Gott.
Seht, man ersann Gott, um die Natur zu verschönen. Damit hat man sich und ihn zuschanden gemacht.
Es gibt keine Seele und keine Materie, beides sind Erfindungen des Menschen.
Bleibe auf deinem angestammten Platz, denn der Platz um dich ist stärker und wunderbarer als du.
Nicht das Feuer der Seele erkennt die Welt, sondern der Leib erkennt sie – wenn wir ihn zügeln.
Nur vom Denken befreit, gelangen wir zur letzten Wahrheit.
Die Welt muß in mich eingehen, wie ich durch die Welt gehe.
Die wahre Ansicht lautet: »Ich weiß nicht, also verstehe ich.«
Dr. Levinsohn
Gimpel lachte, es bereitete ihm Freude. Simche Plachte und Reb Benje lachten nicht, sie hatten offenbar nicht verstanden.
Die Sonne war bereits am Untergehen.
Im Zimmer war es heiß und dunkel, und als Gimpel mit einem neuen Zettel auf sie zutrat, sah er aus wie ein langer dünner Stecken. Und wie er so vergnügt seine schwarzen Zähne bleckte, sah er noch dünner aus – wie ein Franzose in Rußland.
»Lest das hier.«
Sie mochten schon nicht mehr lesen.
»Hier geht es darum, daß wir alle nur ein Traum sind. Euch ist doch klar, daß es uns eigentlich nicht gibt?« Aber sie mochten nicht mehr lesen.
Da baute er sich zornig vor ihnen auf, wie man sich vor ein großes Auditorium stellt, und begann mit lauter, wohlklingender Stimme eine Ansprache:
»Meine Herren!«
Es wurde still, die Zuhörer saßen mit gespitzten Ohren, ihre Hände ruhten auf den Knien.
»Ich bitte Sie, während meines Vortrags Ruhe zu bewahren. Sie haben mich aufgefordert, Ihnen das System des irrationalen Denkens zu erläutern …«
Und plötzlich prustete er vor Lachen, so daß selbst Reb Benje zu lächeln begann, fuhr jedoch gleich wieder in ernsthaftem Tone fort:
»Lösen wir uns von der Vernunft, entledigen wir uns damit gleichfalls der Kategorien rationalen Denkens: Raum und Zeit. Zu Welterkenntnis gelangt man erst, wenn man sich nicht länger der traditionellen Auffassung von Vielzahl und Einzelnem beugt. Der Körper versteht keine Vielzahl, für ihn ist alles eines, nicht zu übertreffen und unveränderlich.
Meine Herren, nur einen Augenblick!
Erkenntnis ist jener Moment, da sich der Körper bewußt wird, daß es zwischen ihm und der Welt keine Trennung mehr gibt, daß er ein Objekt ohne Subjekt ist – ganz wie die Welt selbst. Wird jedoch der Mensch zum Subjekt, hört er auf zu verstehen.«
Reb Simche wieherte vor Gelächter. Nicht, weil er Spaß an dem fand, was er hörte, sondern einfach nur so, und er streichelte über Gimpels Gesicht:
»Philosoph!«
Gimpel schüttelte ihn ab. Die Gedanken strömten jetzt aus seinem Hirn und sprangen wie Flöhe in alle Richtungen, er mußte sie bändigen.
»Meine Herren, bitte bewahren Sie Ruhe! Ihr versteht mich nicht, Freunde. Jetzt steht ihr mitten im Leben, und euer Kopf arbeitet. Nachts im Schlaf aber werdet ihr mich verstehen. Ihr werdet mich verstehen, wenn ihr tot seid – oder wenn ihr schlaft.
Meine Freunde, die Welt ist das Subjekt ihres eigenen Objekts. Raum setzt Vielzahl und Einzelnes voraus, und wenn der Körper keine Vielzahl versteht, gibt es – logischerweise – auch keinen Raum. Zeit ist abstrahierte Räumlichkeit, meine Herrschaften, Bewegung an sich existiert nicht. Wenn es aber keine Bewegung gibt, gibt es auch keine Zeit, denn wir können uns Zeit nicht losgelöst von der Bewegung vorstellen. Also, meine Damen und Herren: Die Welt existiert zwar, doch den Menschen gibt es nicht! Hurra!«
Gimpel baute sich vor ihnen auf, die Hände in die Hüften gestemmt, ernst und hochmütig. Alle drei starrten einander an wie Hähne, starrten und starrten und brachen schließlich in Gelächter aus.
Reb Simche rutschte vor Lachen unter den Tisch, schnappte nach Luft, keuchte mit Tränen in den Augen, und Gimpel beugte sich zu ihm herunter und kitzelte ihn unter den Achseln. Jener hielt es nicht mehr aus und schrie unter dem Tisch hervor:
»Du Taugenichts!«
Auch Benje lächelte.
Nachts lagen sie ausgestreckt auf Reb Benjes breiten Bänken und schliefen.
Simche Plachte lag in seinen Pelz gehüllt auf dem Rücken, die Hände unter dem Kopf und schnarchte. Ab und an lachte er dumpf in sich hinein, es klang wie schwaches Donnergrollen.
Reb Benje hatte sich auf seinem Bett unter der Decke zusammengerollt. Das Gesicht zur Wand gedreht, schluchzte er leise, und manchmal schrie er, als ob man ihn schlachten wollte.
Nur Gimpel lag ruhig. Seine mageren Beine ragten unter der Decke hervor. Plötzlich aber erhob er sich im Schlaf still von der Bank. Gimpel war Schlafwandler.
Mit vorgestreckten bleichen Händen stieg er auf sein Lager und schritt lautlos von einer Bank zur nächsten.
Reb Benje schluchzte.
Der durchsichtige Gimpel lauschte dem erstickten Weinen mit seinem ganzen bebenden Leib.
Dann stieg er langsam auf den Tisch, der hell im Mondlicht lag.
Sein kurzes Hemd reichte ihm nur bis zum Bauch.
Er stand da, mit halbgeöffnetem Mund, bleich, dem Mond zugewandt, wie nicht von dieser Welt, und murmelte etwas. Es war ein wortloses Flüstern. Er redete stumm zu Simche Plachte und Reb Benje.
Beide lagen in tiefem Schlaf auf ihren Betten und lauschten. Sie vernahmen jedes seiner stummen Worte und antworteten mit ihren erschrockenen Leibern.
»Wir verstehen, Gimpel, wir verstehen … dich … und den Mond … und das Feld …«
Reb Benje weinte. Sein Weinen vermengte sich mit dem Mondlicht, das Gimpel und Simche Plachte in sich aufsogen.
Und die Traumverlorenheit, die hinter dem Mond hervorschwamm, wob sich ihre schattigen Menschen, und alle lebten sie ein einziges geheimes Leben.
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