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Mike Nebel
Komparsen-Blues
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Der Hundefuttermann
Die Vorbereitung
Der Mann am Tisch
Die Leiche
Nachbarschaftshilfe
Das Bild
Lottchens Geburtstag
Ghettoblaster
Schauspielerquartett
Der Edelkomparse
Klein Hollywood, bitte melden!
Die Horde der schwächelnden Soldaten
Pornoabteilung
Bitte einsteigen, die nächste Zeitreise startet jetzt!
Donnerstag ist Kinotag
Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig
Impressum neobooks
Der Hundefuttermann
Mein Name ist Ronny Luschke und damit ist schon so einiges gesagt. Ich hatte als Kind immer den untrüglichen Verdacht, mit meinem Namen würde etwas nicht stimmen. Mit dem - K - in meinem Nachnamen, oder andersrum, mit dem Rest, lässt man das - K - einfach weg. An sich war es keine große Sache, doch gab es immer wieder einige, die mich damit aufzogen. Da es andere auch taten, wurde es doch ein recht großer Personenkreis, der sich für Derartiges nicht zu schade war. Nur ging diesem ach so kreativem Wortspiel im Laufe der Zeit die Puste aus, bis es schließlich gänzlich in der Schublade der erfolgloseren verbalen Scherzartikel verschwand. Das lag wohl auch daran, dass diese verkrüppelten Albernheiten sowieso immer mehr an mir abperlten, so wie manches einfach an mir abperlte. Auf der anderen Seite war mir allerdings auch klar, dass ich sicher nicht zu der Kategorie Typen gehörte, die, sagen wir mal, die Allerschnellsten waren. Nicht, dass ich in allen Belangen vollkommen antriebslos war, nur gab es zu wenige Dinge, die mich dazu brachten, meinen durchaus vorhandenen Raketenschub zu zünden. Mutter sagte einmal, bei mir ginge es immer nur um irgendwie, irgendwann und irgendwo. Mutter hatte recht. Wir konsultierten deshalb in frühen Jahren – ich war noch ein Kind – sogar mal einen Arzt, doch der bescheinigte uns nur, dass leicht apathische Spätzünder in den besten Familien vorkommen können. Jahre später, ich war irgendwo im jugendlichen Alter angekommen, saß mir dieser Weißkittel wieder gegenüber und sprach von einem Paradoxon aus Furcht und Mut, was er meinte, bei mir festgestellt zu haben. Er lag nicht vollkommen verkehrt mit seiner Diagnose. Zu dieser Zeit meiner persönlichen Entwicklung war ich oft genug nicht in der Lage, Furcht und Mut in den dafür passenden Situationen einzusetzen. Wo Furcht angebracht war, zeigte ich Mut und wo Mut gefragt war, reagierte ich zuweilen heftig furchtsam. Ich sprang als Kind einmal in ein Eselgehege, obwohl ich und auch jeder andere sah, wie vorher einer der Esel ein Kind am Zaun mehrfach in den Arm biss. Ich lief schreiend auf den Esel zu und bekam als Quittung sogar einige Tritte vom aufgebrachten Huftier ab. Mutter bedankte sich bei dem Tierpfleger, der noch Schlimmeres verhinderte. Demgegenüber stand meine merkwürdige Furcht. Beispielsweise war da die Furcht vor anderen Kindern, waren sie auch noch so jung und noch so klein. Als Zwölfjähriger wurde ich von zwei Sechsjährigen verprügelt, obwohl beide wirkliche Miniaturmenschen waren. Vater sah es einmal, als er am Fenster stand, und forderte mich später in einem Vater-Sohn-Gespräch auf, mir das nicht gefallen zu lassen und zurückzuschlagen. Doch ich schlug nicht. Ich schlug nie. Ich hatte nur Furcht. Es gab sehr viele dieser Situationen, in denen mein Pendel unangemessen stark in die falsche Richtung ausschlug. Dies alles zusammen nannte der Arzt ein Paradoxon. Mutter sagte mir, bei diesem Doktor würde es sich um einen ganz normalen Arzt handeln, doch mein Blick auf die Patienten im Wartezimmer sagte mir etwas anderes. Er war wohl eher der Mann, der sich um geistige Fehlentwicklungen kümmerte. Die Jahre zogen ins Land und ich lernte mit meiner Furcht und meinem Mut besser umzugehen, was nichts anderes bedeutete, als dass meine Reaktionen sich den Situationen immer mehr soweit anpassten, wie es unter normalen Menschen üblich war. Als Sechzehnjähriger musste ich mich dann beim Weißkittel einem letzten Kontrolltest unterziehen. Mutter war wie immer mit dabei. Der Psychoarzt beschrieb bestimmte Situationen und ich sollte antworten, wie ich reagieren würde. Spontan und schnell. Eine der merkwürdigsten Situationen, mit denen ich konfrontiert wurde, war folgende: „Ronny, deine Lehrerin lockt dich nach dem Unterricht in eine Toilette und fordert dich auf sie zu befriedigen. Was machst du?“ Tja, was mache ich wohl. Mutig die Lehrerin befriedigen oder voller Furcht davonlaufen? Ich war mir ziemlich unsicher und überlegte lange hin und her. So lange, bis Mutter für mich antwortete: „Mein Sohn würde es natürlich nicht tun. Er würde davonlaufen und die Lehrerin dem Rektor melden. Nicht wahr, Ronny? Das würdest du doch tun.“ Ich war mir noch immer nicht sicher, ob ich wirklich so reagieren würde. Ich wollte keinen weiteren Test und so antwortete ich: „Ja, Mutter, natürlich. Genau das würde ich machen.“ Und so bestand ich und wurde als normaler Junge entlassen. Dachten zumindest beide.
Als auch Mutter viel zu früh starb, saß ich bei ihr am Sterbebett und hörte sie sagen: „Und fürchte dich vor dem Alkohol, Junge! Fürchte dich vor den Wirkungen des Alkohols! Denk an deinen Vater, wie es ihn dahinraffte!“ „Ja, ja, Mutter, natürlich, ich werde drauf achten. Ist schon klar.“ Es gab wohl nichts, vor dem ich mich so wenig fürchtete wie vor Alkohol. Diese Furchtlosigkeit hatte ich mit großer Sicherheit von meinem Vater vererbt bekommen, der sich wie kein Zweiter auf die Flaschen stürzte. Ich kann mich gut daran erinnern, wie Mutter, Vater und ich in den Urlaub an die Nordsee fuhren. Vater steuerte wie immer seinen klapprigen Wagen. Mutter fuhr nie. Während der Fahrt trank er eine Flasche Whisky. Wir waren vielleicht fünf Stunden unterwegs und er trank in dieser Zeit die Flasche bis zum letzten Tropfen leer. Nur einmal gab es auf der Reise eine Situation, in der Mutter „Jetzt wird’s brenzlig, Ronny!“ zu mir nach hinten rief und sich am Haltegriff festkrallte. Vater, zunehmend whiskygetränkt, rutschte fast in einen angrenzenden Fluss. Er überkreuzte beim Gegenlenken auf das Merkwürdigste seine Arme, sodass seine linke Hand rechts am Steuer hing und seine rechte links. Langsam und ohne Hektik brachte er so unseren Wagen wieder zurück in die Spur. Nun, es war Sommer und sehr heiß. Etwas Abkühlung hätte ich durchaus gebrauchen können. Dies passierte, bevor kaum noch Leber in Vater war. Es gab Leute, die sich – nachdem unsere Reise in aller Munde war – über diese, ihrer Meinung nach, unglaublichen Dummheit Vaters, nur so entrüsteten. Es war mir schnurzpiepegal, was diese Leute sagten. Es perlte und perlte nur so an mir ab. Nachdem wir auch Mutter unter die Erde gebracht hatten, ging ich nach Berlin. Es gelang mir dort sogar auf Anhieb, mich erfolgreich an einer Hochschule einzuschreiben, ein Zeichen dafür, dass ich sehr wohl geistig auf der Höhe der Zeit war. Da sich jedoch ein Studium nicht von selbst erledigt, wurde ich schneller als gedacht, so etwas wie ein abgebrochener Student. Ich ging nur ein paar Mal in den monströsen Hörsaal und das Einzige, was mir während meiner kurzen Stippvisiten dort durch den Kopf ging, war, was für ein guter Ort der Hörsaal für Rockkonzerte wäre. Ich suchte mir eine Band und begann zu trommeln. Und so trommelte und trank ich mich, so gut es eben ging, durch die Zeit. Es war so, wie ich es haben wollte. Bis auf eine Sache: Meine finanzielle Situation. Die war so wie sie war, nämlich miserabel. Auf meiner nicht existenten Liste an Dingen, die ich verbessern wollte, stand nur: Eine für mich passende Geldquelle musste her. Die Rechnung dafür war ganz einfach. Zumindest auf dem Papier. Wer für sich einen Anspruch auf selbstbestimmtes Trinken definiert, muss finanziell ausreichend ausgestattet sein. Ich war es bei Weitem nicht. Ich hinkte sozusagen meinem Anspruch kilometerweit hinterher. Schlecht. Sehr schlecht, und so warf ich den stotternden Motor in meinem Kopf an und sortierte, sauber hin oder her, ein paar Gedanken. Dies in der Hoffnung, sie würden zu irgendetwas führen.
Ich kannte genug Leute, die tagtäglich auf der Suche nach einem Job, meist in rauchgeschwängerten Kneipen während der frühen Morgenstunden, sämtliche Tageszeitungen durchwälzten und nichts anderes als reichlich Druckerschwärze an ihren Fingern mit nach Hause nahmen. Sie blieben bis morgens um fünf in den Kneipen hocken und vergruben sich still, aber doch auch von einer gewissen Nervosität gezeichnet, in ihre frisch ergatterten Blätter. Ohne Umwege tauchten sie mit einem weichgekauten Bleistift zwischen den Zähnen in die Zeitungsanzeigen ein und waren nicht mehr ansprechbar. Wie verschwunden in einer fremden Welt. Wenn sie wenigstens tranken, aber dafür reichte ja ihr Geld nicht. Sie waren wie Getriebene auf der Suche nach ehrlicher, auch sei sie noch so schlecht bezahlter, Arbeit. Und es wurde eingekringelt was das Zeug hielt und die Anzeigen hergaben. Abend für Abend, Woche für Woche, bis zum Ende oder Abbruch ihres Studiums. Es war ein jämmerlicher Anblick, der mir nach ausreichend Bier Gott sei Dank auch wieder aus dem Blick fiel. Mir kamen Studenten in den Sinn, die sich ihre Nächte im Winterdienst herumschlugen. Wahrscheinlich schoben sie schon deshalb wie die Wilden knöcheltiefen Schnee von den Bürgersteigen, um nicht festgeklammert am Schneeschieber zu erfrieren. Und ich rede von einer Zeit, es war Ende der 80er, in der die Winternächte in Berlin nur so vor klirrender Kälte und endlosem Schneefall strotzten. Diese Burschen taumelten sogar Samstagsnacht halberfroren über die Bürgersteige der Stadt. Sie machten nicht einmal vor den Wochenenden halt, so klamm mussten ihre tiefen Parkertaschen gewesen sein. Ich für meinen Teil entschied, dass eine Samstagnacht niemals zum Schneeschieben herhalten durfte. Es ging zum Tanz, zur Musik, oder ganz einfach nur darum, bis zum Morgengrauen an einem noch so klebrigen Tresen zu hocken und auf die Getränkeflaschen der Bar zu glotzen. Nebenbei, für diese armen Hunde im Winterdienst hatte niemand zuvor die Wege mit Salz gestreut, damit sie einen ordentlichen Stand bei ihrer Arbeit haben würden. Das Risiko einer Verletzung bewertete ich für mich als enorm. Finger weg davon. Besser war es, bis März im Bett liegen zu bleiben, erst dann den Fuß behutsam tastend auf die Gehwegplatten zu setzen, um sogleich genussvoll und zufrieden die letzten Reste des Rollsplitts unter den Sohlen knirschen zu hören.
Der nächste März kam und ich nahm, bei vollem Verstand wohlgemerkt, meinen ersten echten Job an, der sich als absolute Absurdität entwickeln sollte. Ich machte Straßenwerbung auf dem Kurfürstendamm für eine große Berliner Diskothek. Ich ging mit einem mannsgroßen Werbeschild, schwer und unhandlich, durch die Menschenmengen und war ständig auf der Hut, mich oder Passanten mit dem Schild nicht unglücklich zu treffen. Wäre ich von Kopf bis Fuß als Tanzbär verkleidet gewesen, hätte mich niemand erkennen können, so war es ein einziger Spießrutenlauf, immer darauf bedacht, nicht von jemandem entdeckt zu werden, der mich kannte. Es gelang mir nicht immer, mich rechtzeitig wegzudrehen und stiften zu gehen. Ich wurde zu oft entdeckt, bei dem was ich tat. Jemand – ich sah in ein mir namenloses, jedoch nicht unbekanntes Studentengesicht – tippte mir auf die Schulter. Er stand wie aus dem Nichts vollkommen überraschend hinter mir und zeigte sich sehr erfreut, aber irgendwie auch erschreckt im Anblick meiner Art des Geldverdienens. Zu allem Überfluss konnte er sich die Anmerkung nicht verkneifen, dass das, was er dort gesehen hatte, auch noch hinaus in die Welt posaunen würde. Nach diesem Aufeinandertreffen beschloss ich, mich und mein Werbeschild hinter einem Kiosk zu deponieren. Über Stunden und jeden Tag. Nur für eine neue, weitere Dose Bier, kroch ich aus meinem Versteck, zwischen der Rückwand des Kiosks und einem angrenzenden hohen Gebüsch, hervor zum Kioskmann. Der Werbeeffekt für den Diskothekenbetreiber war dadurch zweifelsohne etwas in den Hintergrund gerückt und nicht ganz so durchschlagend wie er sich vielleicht erhoffte. Der Diskochef gab mir sieben Mark die Stunde und ich durfte, was ich anfangs als durchaus angenehm empfand, drei Freibiere in dem Schuppen trinken, nachdem ich das Schild dorthin zurückbrachte. Doch schon nach drei Tagen war dieser Nebeneffekt wie verflogen, weil es sich für mich merkwürdig anfühlte, am späten Nachmittag allein in einer menschenleeren, riesengroßen Diskothek drei Gläser leerend an der Bar zu sitzen, ganz ohne Musik, ganz ohne Lichteffekte. Hätten sie wenigstens die Diskokugel stumm für mich drehen lassen, aber nicht mal das. Was meine Touren anging, wählte ich immer mehr irgendwelche Schleichwege zu meinem Kiosk, um möglichst unentdeckt zu bleiben. Das Schild trug ich mittlerweile nur noch in Hüfthöhe am langen Arm, am stärkeren schwachen rechten. Ich verrutschte mehr und mehr in eine Schieflage, bis mir meine Wirbelsäule deutlich Meldung machte, sie wäre nicht mehr gewillt, diese Tortur fortzuführen. Schließlich lief ich wie ein Betrunkener einen taumelnden kleinen Kreis, bevor ich mich und das Schild in meinem Gebüsch fallen ließ. Ich verkroch mich im Gestrüpp wie ein Eremit, der mit der Gesellschaft abgeschlossen hatte. Erst nach Stunden der Ruhe kroch ich wieder heraus. Es reichte, ich wollte es nicht übertreiben, auch wenn ich es dort in meinem Versteck mochte. Ich trank wieder mal am Kiosk ein paar Dosen Bier und sah auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen jungen Mann, der mit einer Geldbüchse rasselte. Neben ihm stand ein Zirkuspony. Warum nicht eine Ziegennummer in einem Zirkus einstudieren und jeden Tag am Stadtrand den Applaus der Kinder auf der Seele spüren? Oder sich mit benzingetränkten Messern bewerfen lassen, in der Hoffnung, der Messerwerfer hätte alles unter Kontrolle? Vielleicht wäre es ein Versuch wert. Ich nahm mir vor etwas näher darüber nachzudenken und ließ das Werbeplakat im Gebüsch zurück. Ich war mir sicher, der Kioskmann würde es finden. Auch ein Kioskmann braucht ein Werbeschild.
Wochen später horchte ich auf, als mir ein Kommilitone aus gutem Hause an der Salatbar in der Mensa – was hatte ich dort überhaupt zu suchen? – mir die Adresse eines Markforschungsinstitutes gab. Dieses Institut war ständig auf der Suche nach Leuten, die sie für Befragungen in die große weite Stadt schickten. Ich heuchelte etwas Interesse an seiner Idee. Anfangs. Das Heucheln wich einem ersten Anflug von echtem Interesse, als er nachschob, dass es sich um einen ziemlich angenehmen Job handeln würde, der, so drückte er sich aus, auch noch lukrativ gestaltet wäre. Ich übersetzte seine Sprache in meine und kam zu der Erkenntnis, dieser Job würde um einiges mehr einbringen, als beispielsweise das harte Dasein eines Schneeschiebers oder einer menschlichen Plakatsäule. Ich wollte mehr erfahren und wir stellten uns große Portionen Rohkostsalate auf unsere Tabletts und ich folgte ihm an den Tisch. Was man nicht alles in Kauf nimmt, um an Informationen zu kommen. Rohkostsalate waren so das Letzte, von dem ich mich damals ernährte. Trocken, spröde, wirkungslos. Einfach nicht der Rede wert. Ich versuchte grüne Blätter zwischen meinen Backenzähnen zu zermalmen und ermunterte mein Gegenüber, mehr über den Job in diesem Institut zu erzählen. Er erklärte mir, dass es meine Aufgabe wäre, von Tür zu Tür zu laufen, wildfremden Menschen neue Produkte testen zu lassen und gemeinsam Fragebögen auszufüllen. Dies gefiel mir. Dies gefiel mir richtig gut, je mehr ich darüber nachdachte. Das war mein Ding. Ich würde tagsüber von Haus zu Haus schlendern, mich in den Villen im Grunewald zu den älteren oder auch jüngeren Damen setzen, um sie zu befragen und zu begaffen. Ich würde sie vormittags aufsuchen, dann, wenn ihre Männer sich in ihre Zahnarztpraxen oder Anwaltsbüros verzogen haben. Vielleicht würden sie gerade aus der Dusche oder aus dem Bett kommen, sie würden ihre plüschigen Bademäntel tragen und wir könnten es uns lasziv auf der Couchgarnitur gemütlich machen. Während sie mir einen Cognac an der Hausbar einschenken würde, lasse ich meinen Blick mit ausgestreckten Beinen genüsslich in den Garten schweifen, wo zwei Doggen mich wahrscheinlich grimmig anschauen könnten. Ich würde ihnen freundlich zuwinken. Genau dies sollte mein Job werden. Der Kommilitone schob mir eine Visitenkarte des Institutes zu, worauf ich ihn auf seine glattrasierte Wange küsste, sein beißendes After Shave roch, und die Karte in meiner Hosentasche verschwinden ließ. Die Frauen aus dem Grunewald gingen mir nicht mehr aus dem Schädel. Ich wollte so schnell wie möglich dorthin.
Am nächsten Morgen ließ ich mich auf meinem ausrangierten Klappsofa nieder, um mir ein paar wichtige Sachen durch den Kopf gehen zu lassen. Die Frauen, die dort in ihren millionenschweren Villen einsam ihre Tage verbrachten, werden nicht in Lumpen oder mit Sachen aus der Altkleidersammlung durch ihr Leben huschen. Ihre Designerklamotten entstammen allesamt gut sortierten edlen Boutiquen. Feinste Ware auf sonnenbankgebräunten Körpern. Oder sie sind im besten Fall tagsüber gänzlich nackt. Und womit konnte ich glänzen? Ich musste mir was überlegen, sonst würden die Damen mich gar nicht erst zu ihnen ins Haus lassen. Haare, Gesicht, Zähne, Duftwasser, Hemden, Hose, Anzug, Socken, die Liste wurde endlos lang von Dingen und Körperteilen, die ich auf Hochglanz bringen oder mir anschaffen müsste. Ich starrte auf meine Parkerjacke hinter der Tür und der Winterdienst mit einem Schneeschieber in der Hand schwirrte wieder in meinem Kopf, wie ein Haufen lästiger Scheißhausfliegen.
Meine Spardose war mit einhundert Mark gefüllt, eine Art Notgeld, wenn´s echt hart werden sollte. Und mit echt hart meine ich echt hart. Für einen Job erst einen Sack voll Klamotten besorgen zu müssen war schier unmöglich. Ich durchpflügte meine Wohnung nach brauchbarem Material. Was ich fand waren ein paar schräge Hawaiihemden, eine rostbraune Cordhose und einen Anzug, der mich geschmacklich komplett von meiner Umwelt abspaltete. Ich nannte ihn nur den sogenannten „Turkvolk-Anzug“ und ich mochte ihn. Außer mir trug niemand so ein Kleidungsstück. Außer mir wagte niemand so etwas zu tragen. Sollten Turkvölker tatsächlich derartige Anzüge, zu welchen Anlässen auch immer, getragen haben, hätte ich ihnen damals ausnahmslos einen guten Geschmack bescheinigt. Dieser Anzug wurde aus dickem, derbem Stoff produziert. Er war tiefblau und durchsäht mit silbernen, wenig dezenten Streifen, die sich vertikal von oben bis unten durchzogen. Nur gab es ein kleines Problem mit der Passform an mir. Trug ich den „Turkvolk-Anzug“ auf, reichte das Hosenbein nicht mal zu den Knöcheln und den Ärmeln fehlte es so sehr an Länge, dass er wie eine Kindergröße an mir wirkte. Einmal probierte ich den Anzug in Kombination mit Tennisschuhen, aber so kam ich nicht mal in den Bus. Um den fehlenden Stoff an den Armen zu kaschieren, hob ich hin und wieder einfach meine Arme nicht an. Ich ließ sie einfach am Körper baumeln und trank Cola-Rum nachts in meinen angestammten Läden mit einem Trinkhalm. Alles aber keine echten Lösungen, um gut durch die Nacht zu kommen und was die Ladies in den Villen anging, schätze ich die Abschreckungswirkung des Anzuges als außerordentlich hoch ein.
Ich telefonierte mit dem Institut und wurde schon für den kommenden Tag zu einem Gespräch eingeladen. Ich beließ es bei dem was ich hatte: „Turkvolk-Anzug“, Kölnisch Wasser, die zum x-ten Mal mit Uhu selbst geklebten Sohlen meiner Halbschuhe und ein rotes Polyester-Oberhemd, aus dem die Chemikalien nur so ihren Weg in die Freiheit suchten. Sonst nix. Der Rest war ich. Es sollte reichen. Es musste einfach reichen. Am nächsten Tag befand ich mich in einem dieser Bürohäuser mitten in der Stadt zu meinem ersten echten Bewerbungsgespräch. Meine Vorbereitung für dieses Gespräch begrenzte sich darauf, dass ich mich am Vorabend trotz einer gewissen Aufregung nicht gänzlich zudröhnte und ich, bevor ich meine Bude zu dem Gespräch verließ, meinen Anzug am offenen Fenster ein paar Momente im Wind hin- und herwedelte. Der Zigarettenmief in den Fasern sorgte selbst bei mir für Würgereiz. Ich goss einen kleinen See gutes Kölnisch Wasser in meine Hand und verrieb das Duftmittel unter die Achselstellen der Jacke und den Rest in den Schoß der Hose. Mir wurde schnell klar, dass ich mich nicht frontal meinem Gegenüber nähern sollte, sondern nur leicht schräg. Alles in allem war ich zufrieden.
Stunden später saß ich an einem schweren massiven Schreibtisch, möglicherweise Mahagoni. Mir gegenüber saß ein adrett gekleideter Mann irgendwo in einem Alter zwischen fünfunddreißig und fünfzig Jahren. Grobe Schätzung. Hinter ihm offenbarte sich ein für mich bisher nicht gekannter Blick über die Stadt. Ich empfand die Situation und den Ausblick als sehr erhaben und schob meinen Hals noch ein Stück aus dem mich würgenden Hemd, um einen noch besseren Blick zu erhaschen. „Also, ich an ihrer Stelle würde den ganzen Tag nur aus dem Fenster gucken,….also, wenn Sie nicht gerade arbeiten.“, warf ich meinem Gegenüber zu. Ein guter Anfang eines Vorstellungsgespräches ist eben durch nichts zu ersetzen.
Der sportliche Mann vom Institut schenkte mir trotz meiner aufheiternden Worte kaum Beachtung und kramte unentwegt in einem braunen Papphefter, in dem haufenweise beschriebene DIN-A4-Blätter lagen. Möglicherweise waren das die Bewerbungen derer, die den Job nicht bekommen werden, oder vielleicht doch eher derjenigen, die noch im Rennen waren. Ein Papier zu meiner Person fand er schon deshalb nicht, weil es nur ein kurzes Telefonat zwischen uns gab. Dann schob er den Ordner beiseite und richtete seine Aufmerksamkeit auf meine Wenigkeit. Er schaute mir Ewigkeiten nur so ins Gesicht, fast teilnahmslos, ohne auch nur den Schimmer eines prüfenden Blickes. Er wirkte ziemlich entspannt und atmete tief und lang und ruhig. Ganz bestimmt war ich bereits inmitten eines Tests. Ganz bestimmt. Ich hatte zwar vorgehabt ebenfalls tief, lang, ruhig und teilnahmslos dazusitzen, aber es gelang mir nicht. Ich gaffte ihn in Erwartung irgendeines Signales an und rutschte auf dem Stuhl hin und her. Schließlich ließ ich eine zweite Gesprächseröffnung folgen. „Ist es für Sie in Ordnung, wenn ich mal kurz ihr Klo benutze? Sie können währenddessen ruhig noch in Ruhe weiter nachdenken.“ Er schnappte tief nach einer Portion Luft und stellte mir dann kurz und trocken folgende Frage: „Was sagt Ihnen der Begriff „Hundefutter“?“
Wie gern wäre ich damals genau in diesem Moment zum Klo gegangen. Ich war bereits dabei mich auf den Armlehnen aufzustützen, um mich in Gang zu setzen, ließ mich nach der Frage dann aber doch sofort wieder in den Sessel zurückfallen. Ich konnte nicht antworten, da mir nichts, was zu seiner Frage passen könnte, einfiel. Nix war parat, keine Antwort, keine Idee, gar nix, geistige Leere. Womöglich hatte ich mich nicht ausreichend mit den großen und kleinen Fragen der Koexistenz von Mensch und Tier beschäftigt. Wie nur reagieren? Ich befürchtete, ich könnte mich jetzt in einem Redeschwall um Kopf und Kragen reden, zu einem Thema, das ich bis dahin für komplett unbedeutend hielt. Ich entschied mich auf Nummer sicher zu gehen und fragte nach.
„Nur um sicher zu sein, dass ich Sie richtig verstanden habe. Die Frage geht in die Richtung, ob ich,…“
„Hören Sie mir nicht richtig zu? Die Frage war klar und verständlich formuliert! Also nun, ich warte.“
Nicht nur er wartete, ich auch. Ein letztes Aufbäumen, die Brust drückte ich nach vorn und dann, letztlich, geistesblitzartig, sprudelte es nur so aus mir heraus.
„Sehen Sie, für die einen ist es lediglich nur eine breiige Masse oder es sind ein paar knochenharte Rundlinge, die lieblos in den Napf geworfen werden, um das tägliche Überleben des vierbeinigen Wohnungsgenossen abzusichern. Für die anderen ist es jedoch Teil einer Weltanschauung, ein Lebensgefühl, was zelebriert und zur Schau gestellt wird. Jede Futtergabe, jede noch so kleine und überflüssige Zwischenmahlzeit, wird zum Tageshöhepunkt erkoren. Sie verzieren den nach Erbrochenem aussehenden Brei sogar mit Minze und Basilikum, denn auch ein Hundeauge frisst ja mit.“
Dann erklomm ich sogar die Ebene der Gesellschaftskritik: „Sollen doch die Obdachlosen unter den Brücken verrecken und erfrieren. Hauptsache Frauchen, Herrchen und der vierbeinige Liebling können sich an dem ganzen Hundegourmetmist ergötzen. Und was er nicht frisst, das bekommen nicht die Straßenköter der armseligen, hungernden Zausel an den Bordsteinkanten, nein, das wird einfach im Klo weggespült.“
„Machen Sie weiter, das gefällt mir!“, wurde ich von ihm unterbrochen und zugleich ermuntert.
„Seien wir doch mal ehrlich. Was passiert denn schon, wie ist denn tatsächlich die Situation? Da liegt der Rassehund in seiner Stadtvilla im Grunewald, lässt sich an warmen Sommertagen den Hundebauch am Pool kraulen und frisst sich gedankenlos durch den Tag. Und sonst? Was ist für ihn von Bedeutung? Er hat im schlimmsten Fall von Herrchen und Frauchen gelernt, sich von den Straßenkötern abzuheben, der piekfeine Terrier oder die versnobte Pudeldame mit Söckchen aus Hermelin, die von Madame an kalten Tagen über die Pfoten gestülpt werden. Und nur so nebenbei, für den Preis einer Packung Hundefutter gehe ich dreimal Minipizza essen, so sieht es doch aus in unserer kranken Gesellschaft!“
Pause. Ich hatte mich aufgeregt und musste mich beruhigen. Ich sollte in die Politik gehen, ging mir durch den Kopf. Dann ließ ich mein abschließendes Statement folgen. Jetzt kam der finale Schlag, quasi der Knock-Out.
„Der Mensch, definiert als konsumgetriebenes Wesen, differenziert sich auch über Hundefutter und wenn es der Mensch tut, tut es zwangsläufig sein Hund auch, so ist das, basta, keine weiteren Fragen, ich muss mich beruhigen!“
Stille. Er lächelte und warf mir den nächsten geistigen Brocken zu, nach dem ich schnappen sollte.
„Sehr gut, und jetzt sage ich Ihnen ein zweites Wort, was Sie sicherlich auch schon mal gehört haben. Es lautet: Marken! Und wenn ich jetzt beides miteinander kombiniere, dann ergibt das,…na was ergibt das dann?“
Ich neigte früher dazu, wenn man mich mit bestimmten Fragen aus der Reserve locken wollte, meinen Kopf etwas zur rechten Seite kippen zu lassen, ähnlich wie es eben auch Hunde manchmal tun.
„Hundefutter-Marken!“ blökte ich erfreut in den Raum.
„Und jetzt das Ganze andersrum!“, forderte er mich freudig schreiend auf.
Ich drehte meinen Kopf hoch in Richtung Deckenstrahler und dachte kurz über das „andersrum“ nach. Ohne meine Antwort abzuwarten, riss er sich aus seinem Ledersessel empor und donnerte seinerseits in die Weiten seines nicht gerade klein geratenen Büros. „Marken-Hundefutter, oh Mann, ich rede von Marken-Hundefutter, kapiert?“ Er war sehr erregt. Ich hätte nie gedacht, was eine einfache Packung Hundefutter mit einem Menschen so alles anrichten kann. In diesem Moment war ich mir ziemlich sicher, dass ich ihn nur noch in seiner grandiosen Erkenntnis bestätigen musste, um mir diesen Job zu angeln.
„Sag ich doch, darum geht es heutzutage, Marken-Hundefutter. Ein Thema, was meiner Meinung nach maßlos unterschätzt wird, wirtschaftlich wie auch gesamtgesellschaftlich betrachtet, meine ich.“ Meine Bestätigung war ein Treffer. Ich wusste, ich werde Hundefuttermann. Ich hätte überhaupt kein Problem damit gehabt, mit ihm den ganzen Tag nur über Hundefutter zu reden, zumal ich an diesem Tag sowieso nichts Besseres vorhatte. Dann holte er erneut aus und ließ dabei seine Arme kreiseln, etwas was ich aus irgendeinem Film kannte. Während seine Arme Kreise in die Luft malten, überlegte ich, aus welchem Film ich dieses dämliche Getue kannte.
„Was ist ein Kilo Pansen ohne einen Markennamen und ohne ein Markenschild? Richtig, mein Junge, nichts außer ein dreckiger, stinkender Haufen Mist, den Hunde fressen.“ Nun unterbrach ich ihn, erhob meinen linken Zeigefinger, beugte mich zu ihm vor und fiel ihm ins Wort.
„Und ein Kilo Pansen mit einem Markennamen und einem Markenschild ist alles.“ Ich fuhr, vor Erregung fast platzend, meinen Monolog fort. „Wenn wir diese Geschichte den Leuten nur lange genug ins Hirn hämmern, den Leuten und den Tieren, dann zahlen sie den Preis von drei Minipizzen, obwohl Pansen vielleicht nur die Hälfte von einer Minipizzahälfte kostet. Die Scheiße schmeckt sowieso immer gleich, egal, ob wir über Minipizzen oder Pansen reden.“ Er gaffte mich verdutzt an, da er wohl dachte, ich würde wissen, wie Pansen schmeckt. Wir beruhigten uns wieder, ließen uns in unsere Ledersessel fallen und er begann mir zu erklären, was ich in meinen neuen Job tun müsste. Meine Aufgabe würde es sein, von Haus zu Haus, von Wohnung zu Wohnung zu laufen, um zuerst eine sogenannte Testverkostung am lebenden Objekt, sprich am Hund, durchzuführen. Dann würde mit Frauchen oder Herrchen oder auch beiden, der Teil der Fragen folgen, wobei ich die Antworten in Fragebögen kritzeln müsste. Für den Fragenteil drückte er mir Hunderte Fragebögen in die Hand, für den Fütterungsteil sollte ich Dutzende von 1,5 Kilo Packungen eines vollkommen neuen Hundefutters mit auf den Weg bekommen. Er verschwand kurz hinter seinem Schreibtisch und zog eine Packung von eben diesem noch nie dagewesen Hundefutter hervor. Beste Qualität, neu aufeinander abgestimmte Nährstoffe, neues Geschmackserlebnis. Er pries mir das Futter mit einer Inbrunst an, als ginge es um Leben und Tod. Alles war so unglaublich neu an diesem Produkt und ich als Hundefuttermann mittendrin. Ich hatte nur noch darauf gewartet, er würde hinzufügen: „….und das Zeug ist sogar weltraumgetestet. Haben Sie verstanden? Weltraumgetestet!“
„Dies ist das neue Trockenfutter, um das es geht. Damit gehen Sie auf Reise. Wie gesagt, rein in die Wohnung, Verkostung durchführen, Fragebogen ausfüllen und seien Sie immer schön nett und freundlich. Lesen sie vorher was über Hunde, es macht sich immer gut, wenn Sie ihre Kunden besser kennen und eine Dogge von einem Dackel unterscheiden können. Sie kriegen einen Ausweis, dann sind Sie offizieller Marktforscher im Feld, und los, Feuer frei!“
Danach bekam ich noch ein paar Erklärungen zum Produkt eingebläut, welche die ganze Angelegenheit aber nicht gerade einfacher machten. Das Trockenfutter war angeblich nicht für jeden Hund geeignet. Besser gesagt, die Marketingfritzen derer, die die Brocken herstellten, waren allen Ernstes der Meinung, dass nur mittelgroße Hunde ab fünfzehn Kilo Lebendgewicht auf das staubtrockene Zeugs abfahren würden. Für alle kleineren Rassen und zu kurz geratene Mischlinge sollte der Fraß angeblich einfach nichts sein. Es passe einfach nicht zu dieser Zielgruppe, erklärte mir der Typ ernsthaft. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass ein hungernder Rauhaardackel den Unterschied erkennen würde, ob irgendein Trockenfutter nicht für ihn speziell gemacht worden ist, sondern nur für seine deutlich größeren Artgenossen. Nein, das würde er nicht tun. Er würde sich genauso darauf stürzen, wie auf die Kartoffelschalen, die er unter dem Küchentisch finden würde. Eines war mir klar, bei mir wird jede noch so kleine Töle das Zeug testen, also fressen dürfen. Das Einzige, was aus Sicht meines neuen Bosses noch fehlte, war das Gebiet, welches ich beackern sollte. In seinem Büro hing an einer Wand ein übergroßer Stadtplan von Berlin. Ich schätzte die Karte auf ungefähr vier Meter in der Höhe und sechs Meter in der Breite. Ein wahrhaftiges Ungetüm, welches jede noch so kleine Straße der Stadt verschlang. Von Spandau bis tief nach Ostberlin rein war alles drauf. Der Osten war nur farblich grau unterlegt, wie üblich zur damaligen Zeit. Wir standen kaum eine Armlänge von der Karte entfernt stumm nebeneinander und mein Blick blieb auf dem Grunewald kleben. Ich zeigte wortlos genau dorthin, wie ein Kind, was sich von drei Lutschern genau einen aussuchen darf. An seinem Kopfschütteln erkannte ich, dass er das wohl anders sah. Er musterte mich kurz von Kopf bis Fuß und schloss seine Kurzanalyse meines Äußeren mit einem weiteren, heftigeren Kopfschütteln ab. Er war wohl der Meinung, dass ich für dieses Gebiet nicht ausreichend adrett wirkte. Na gut, wenn schon nicht dort, dann wenigstens in meinem Heimatbezirk, im Wedding. Dort kannte ich mich bestens aus. Die Leute dort hatten zwar wenig Geld, aber es gab tausende kleiner Recken. Mir war klar, dass Stadtteile wie Kreuzberg und auch mein geliebtes Schöneberg, in dem ich zwischen Yorkstraße und Mehringdamm so gut wie jede Kneipe kannte, schon deshalb nicht in Frage kamen, weil dort Typen, die mit einem Fragebogen in der Hand an fremden Türen klingeln, um unbekannterweise persönliche Fragen stellen zu wollen, einen derartigen Tritt in den Arsch bekommen, dass sie im Sturzflug durchs Treppenhaus fliegen würden. Noch überlegte mein Boss und ließ seinen Blick quer über die Stadt wandern. Oh Mann, wo will der Typ mich bloß hinschicken? Bitte, bloß nicht nach Spandau oder Tegel, da ist doch der Hund begraben, flehte ich in meinem Kopf. Ich musste ihm mit einem guten Vorschlag zuvorkommen und tippte meinen Finger auf den Wedding. Ich sang sodann ein Loblied auf diesen Stadtteil, dort, wo Frauchen und Herrchen noch ihr letztes Hemd für ihre Teckel geben würden. Dort wäre ich richtig aufgehoben, dort muss ich hin. „Glauben Sie mir, im Wedding gibt es genauso viele Hunde wie Menschen, und ich kenn jeden Baum, an dem sie ihr Bein heben,…also, die Hunde in der Regel.“ Er überlegte kurz und sagte: „Gut, der Wedding gehört Ihnen. Durchpflügen Sie ihn tief und gründlich! Seien Sie ein Fischer! Werfen Sie ihr Netz aus und kommen Sie mit reichlich Beute zurück!“ Ein interessanter Vergleich, dachte ich mir, ich bin also auch ein Fischer. Ein Hundefuttermann und ein Fischer. Die Sache war geritzt.
Ich gab ihm jedoch auch zu bedenken, Wochen würde ich möglicherweise brauchen, um den Wedding zu durchkämmen, und dass ich viele Packungen Hundefutter mitnehmen müsste, sehr viele. Er beruhigte mich, ich könne jederzeit genug Nachschub bekommen. Und was die Zeit angeht, zwei Wochen hätte ich Zeit, keinen Tag mehr. Mein Boss gab mir meine sechs Packungen Trockenfutter und eine Broschüre mit auf den Weg, in der all die famosen Vorteile des Futters zusammengefasst waren. „Durchlesen! Merken! Machen!“ waren seine letzten Worte, dann drückte er mich aus der Tür. Ich stapelte diese äußerst unhandlichen und sperrigen Pappkartons übereinander, schleppte sie das Treppenhaus hinunter, dann in die U-Bahn, dann wieder hoch auf die Straße, dann in meine Bude, um sie schließlich in meiner Küchenspüle fallenzulassen. Dort lagen sie dann und ich starrte sie minutenlang an. Was hatte ich mir denn da für einen unsinnigen Job eingebrockt? Ein Mann läuft zu Fuß, an beiden Armen Plastiktüten, vollgestopft mit Hundefutterpackungen, quer durch Berlin, um dann das Zeug an mittelgroße Hunde zu verfüttern und sie nach dem Geschmack zu fragen, ohne zu wissen, hinter welcher Tür sie überhaupt zu finden sind? Wie war ich denn drauf? Ich versuchte etwas runterzufahren, nahm mir eine Packung und schüttelte sie ein wenig. Das Rascheln der Brocken klang beruhigend und meine Gedanken kreisten wieder um all die Hundebesitzerinnen, auf die ich treffen werde. Dies war der einzige Antrieb, den ich für diesen wirklich merkwürdigen Job hatte. Zeit mit den alleinstehenden Frauen in ihre Wohnungen verbringen zu können. Für was auch immer. Wahrscheinlich werden sie von ihrer Liebe zu ihrem Hund erzählen und von ihrem ach so eintönigen Leben, was noch eintöniger wäre, wenn ihr bester Freund nicht bei ihnen wäre. Vielleicht würden wir auch nur zusammen ein wenig das Vormittagsprogramm im TV sehen und den Hund beim Fressen beobachten. Nun ja, auch nicht schlecht, hätte schlimmer kommen können. Ich musste mir nur irgendwie überlegen, wie ich am besten in die Wohnungen gelangen könnte. Die Zeit war reif für einen Plan. Ich verzog mich in meine Stammkneipe und bastelte mir etwas zurecht, was ich, ohne dass ich in überschwängliche Übertreibung verfiel, als fast schon genial betrachtete. Mein Plan sah wie folgt aus: Zuerst verschaffe ich mir mit einem unzweifelhaft miesen, jedoch wirkungsvollen Preisausschreibentrick Zutritt. Diese Masche bedeutet nichts anderes, als dass ich in einer kleinen Eröffnungsrede von großen Gewinnen in naher Zukunft und kleineren bereits heute reden werde. Im Anschluss an meine vollmundigen Ankündigungen folgt die Präsentation einer Packung Hundefutter mit einer anschließenden ausgiebigen Fressprobe für den Vierbeiner. Zu guter Letzt werde ich mit Frauchen oder Herrchen gemeinsam den Fragebogen in gemütlicher Atmosphäre bei einem Drink und etwas Knabbergebäck ausfüllen. Jeder, der mitmacht, nimmt an meinem Preisausschreiben teil. Fernreisen und kiloweise Trockenfutter winken. Abrunden werde ich die ganze Prozedur zum Abschied mit einem Handkuss, sofern es sich um die Dame des Hauses handeln sollte. Dazu festes und ehrlich gemeintes Daumendrücken für den bestimmt kommenden Hauptgewinn. Soweit zur Theorie.
Mir ging natürlich auch durch den Kopf, und was durchaus naheliegend war, sämtliche Fragebögen ganz einfach selbst auszufüllen und die Futterbrocken im Park an die Umherstreunenden zu verteilen. Sicher, das alles hätte ich machen können, doch dann hätte ich jedoch nie erfahren, was sich hinter den Türen im tiefsten Wedding so abspielte, und genau das wollte ich wissen. Der Moment kam, in dem sich der Hundefuttermann an eine große, wuselige Kreuzung mitten im Bezirk begab. Dieser Ort sollte sozusagen mein Startpunkt meines Ausschwärmens für die kommenden zwei Wochen werden. An meinen Armen hingen Plastiktüten, die vor lauter Hundefutter bis zum Reißen gespannt waren. Ich sah, wie an jeder Ecke Gassi gegangen wurde, auf den Gehwegen, in den Parks, in den U-Bahnschächten. Meine Kundschaft lief mir ständig über den Weg und oft auch fast in mich rein. Es war überhaupt nicht notwendig, irgendwo blind an irgendwelchen Türen zu klingeln, um zu sehen, ob ein Hund Familienmitglied ist oder nicht. Etwas, was ich mir auch sehr mühsam vorstellte. Das Einzige, was ich tun musste, war, mich an ihre Fersen zu heften und ihnen bis in ihre gemütlichen Wohnstuben zu folgen. Die Krux an der Sache war nur, ich hatte keinen Schimmer, ob Herrchen oder Frauchen im Begriff waren, ihre Tour zu beenden oder ob sie sich gerade erst am Anfang ihrer Route befanden. Lief ich einem Frauchen bereits erfolglos eine viertel Stunde, in ausreichendem und sehr wohl professionellen Abstand hinterher, und ich bemerkte ein zweites interessantes Duo, welches meinen Weg kreuzte, sah ich mich oft genug gezwungen – in der Hoffnung, endlich zum Ziel zu gelangen –, von einem Pärchen zum nächsten zu wechseln. An manchen Tagen musste ich mehrere Male diesen fast zwanghaften Wechsel meiner Zielpersonen über mich ergehen lassen. Lief es ganz schlecht, wirkte es, als hinge ich in einer Zeitschleife fest, die mich hin und wieder fast schon zermürbte. Aber nur fast, denn oft genug flutschte es gut und ich hatte das richtige Timing. Waren wir erst einmal am Zuhause angekommen, schob ich einfach nur, um ein Zufallen zu verhindern, meinen Fuß in die Eingangstür des Wohnblocks und folgte mit etwas Abstand unauffällig mit tief ins Gesicht gezogener Pudelmütze und gesenktem Haupt ins Treppenhaus. Dort wartete ich ein Stockwerk tiefer einige Minuten, lauschte meinem Herzschlag, zog dann meine Pudelmützentarnung vom Kopf, versuchte mein Haar zu glätten, klemmte meinen Marktforschungsausweis zwischen die Zähne, packte mit beiden Händen nach den randvoll mit Packungen gefüllten Tüten und schob mich die letzten Stufen bis zum alles entscheidenden Ort der Kontaktaufnahme empor. Das war die ganze Prozedur der Kontaktvorbereitung. Immer wieder. Ich empfand mich fast wie eine männliche AVON-Beraterin, ich klapperte wie eine Ein-Mann-Kolonne die Türen ab. Was ich hinter all den Türen antraf, lässt sich wohl am treffendsten mit einem Querschnitt derer beschreiben, die so gut wie nie auf der Sonnenseite des Lebens standen. Es erstaunte mich schon etwas, dass viele in einem Zustand hausten, der sogar noch weit unter dem lag, den ich tagtäglich pflegte. Nicht eine lasziv rekelnde Arztgattin traf ich an. Eine kleine Analyse meinerseits zeigte immerhin, dass ich in achtzig Prozent aller Fälle mit Frauen zusammen war. Es zeigte sich nämlich, auch wenn ich mich ausschließlich an Frau mit Hund heftete, ich keineswegs nur mit ihnen die Zeit verbrachte. In einigen Fällen wurde ich nach Einlass von der Frau an den Mann übergeben, was ich innerlich mit einem enttäuschten „Nun denn, wenn es denn sein muss“ kommentierte. Doch letztlich stimmte die Quote. Ein kleiner Teilerfolg, doch Quantität ist ja bekanntermaßen nicht alles. Einen wirklich bleibenden Eindruck hinterließ eine junge Jugoslawin, die in einem Nachtclub an der Bar arbeitete. Sie erzählte mir, dass sie zur Animation der Gäste eine sogenannte Baby-Doll-Nummer abzog. Da ich keine richtige Vorstellung von einer Baby-Doll-Nummer hatte, zog sie sich rasch um und kam in ihrem Kostüm zurück in die Stube. Jetzt verstand ich. Alles an ihr, außer ihrer Haut, war nun rosafarben. Sie trug auf ihrem Kopf eine plüschartige Bommel, eine weitere an ihrem Hintern, und war in ein rosa Korsett gestopft. Untenrum blickte ich auf einen sehr dezent angedeuteten Slip. Oder so etwas. Sie stand kaum einen Meter von mir entfernt, ich saß tief auf ihrer Couch, und sie tanzte und drehte sich mehrmals für mich im Kreis. Ich applaudierte der kleinen, gelungenen Vorstellung. Was mich nicht weniger beeindruckte, war ihr Körperbau. Ich meine nicht ihren Körper, vielmehr ihren Körperbau. Sie war eine ausgesprochen muskulöse und breite Person. Ich hatte vorher noch nie eine derart bepackte Frau bestaunen dürfen. Was sie tat, war nicht so etwas wie Fitness oder Gymnastik, sie machte Kraftsport. Und genauso sah sie auch aus. Enorme Schultern und Oberarme. „Fass mal an“, sagte sie zu mir und ich wusste in diesem Moment nicht richtig, wohin ich fassen sollte. Ich dachte instinktiv an ein bestimmtes Körperteil, doch konnte ich mir nicht vorstellen, dass auch sie dieses meinte. Sie spannte ihren Oberarm an und ich fühlte an ihm. „Ufff!“ Und wieder machte ich: „Ufff!“ Es war der härteste Muskel einer Frau, den ich je berühren durfte. Sie warf sich zu mir auf die Couch und wir sprachen über das, was sie in dem Nachtclub tat. Für mich war sie eindeutig keine Prostituierte, sie war eine Bardame mit Bommeln dran. Mehr nicht. Erst spät kramte ich meinen Fragebogen heraus und wir tranken, was sie hatte. Es gab Weinbrand zum Kaffee. Danach gab es braunen Rum zum Kaffee. Wir tranken und redeten und ich ließ den Fragebogen unangetastet dahindämmern. Sowieso war erst ihr Hund dran, ein ausgewachsener Schäferhund, der währenddessen die ganz Zeit in der Küche lag. Er blieb dort, weil sie es wollte. Und wolle sie etwas anderes von ihm, dann, so ihre Worte, würde er hart drauf gehen. Auf jeden. „Er ist auch so etwas wie meine Waffe….“, sagte sie mir mit einem belanglosen Schulterzucken. Ich war der Meinung, sie war ausreichend bewaffnet, sie hatte ihren Hund und sich selbst. Um diese Frau musste sich wirklich niemand sorgen. Nur machte ich mir ganz andere Sorgen, als wir in ihre Küche zur Fütterung gingen. Der Napf des Hundes war nicht nur mit Resten irgendwelchen Nassfutters besudelt, er war voller Kakerlaken. Lebender Kakerlaken. Und es gab sie nicht nur im Napf. Überall in der Küche schleppten sich Kakerlaken über den Linoleumboden. So viel Weinbrand und braunen Rum konnte ich gar nicht trinken, um diesen Anblick ohne Ekel zu überstehen. Sie hielt mir ein Einwegglas vor die Nase, normalerweise erwartet man darin Apfelkompott, doch war das Glas gefüllt mit toten Kakerlaken. Sie sammelte die Tiere und bewahrte sie in Einweggläsern auf. Und was sie nicht sammelte, fraß ihr Hund. Ich bekam einen anderen Blick auf ihre Baby-Doll-Nummer. Baby-Doll war nicht mehr so schön wie vorher. Baby-Doll hatte einen Makel bekommen. Als wir uns verabschiedeten, sagte sie mir, sie würde sich freuen, mich mal im Club zu sehen. „Ich mache viel Baby-Doll für dich, komm doch bitte!“ Während sie das sagte, drehte sie sich in der Türschwelle ein letztes Mal für mich und wackelte gekonnt mit ihrer Oberweite. Ich versprach ihr, sie zu besuchen, bekam einen Kuss und ging. Ich blendete die Kakerlaken aus und es war rundherum ein schöner Vormittag, auch wenn mein eigentlicher Auftrag überhaupt nicht in Erscheinung trat. Nun stand mein letzter Tag als Hundefuttermann bevor. Zwei Wochen waren rum und ich hatte kiloweise Futter in die Näpfe purzeln lassen und Fragebögen beschrieben was das Zeug hielt. Meine ausgeklügelte Preisausschreibenmasche entwickelte sich schnell als Rohrkrepierer, da die Leute von mir nicht nur vollmundige Ankündigungen hören, sondern schwarz auf weiß irgendetwas sehen wollten, wie „Jedem, der bei dem Fragebogen mitmacht, garantiere ich, Ronny Luschke höchstpersönlich, eine 99,9%ige Gewinnchance auf eine Fernreise zu den Pygmäen!“ Doch so etwas gab es natürlich nicht. Ich faselte nur erfolglos davon, und schon nach kurzer Zeit verschwand dieser angebliche Trick aus meinem Kopf. Ich beließ es dabei, oft nur an den Haustüren mit den Packungen zu rascheln wie der Weihnachtsmann. Ich schob mich schon am Morgen meines letzten Arbeitstages auf eine Parkbank, um Ausschau nach Frau-Hund-Pärchen zu halten. Mein Paket bestand aus noch fünfzig Fragebögen und vier Packungen Trockenfutter. Bei normaler Arbeitsweise zu viel für einen Tag. Viel zu viel für einen Tag. Wer jedoch auf einer Parkbank mit einigen Packungen neusten Trockenfutter sitzt, braucht nicht lange zu warten, bis er von den ersten Hunden umzingelt wird. Die Köter nahmen ganz einfach Witterung auf und zerrten an den Leinen, bis sich, samt Anhang, eine große Traube um mich herum bildete. Einer von ihnen hob sich aus der Masse deutlich hervor. Ich tippte auf Bulldogge. Gedrungene Gestalt, kurze Beine und vor Kraft nur so strotzend. Er riss förmlich wie ein Berserker an der Leine, sodass Frauchen ins Schwanken geriet, sich der Kraft ihres Rüden schließlich ergab und von ihm zu mir gezogen wurde. Der Kerl war vollkommen seinem Fresstrieb erlegen und er stopfte seinen Kopf tief in jede meiner Plastiktüten. Ich entschied mich spontan für diesen triebhaften Rüden als ersten Testfresser für den letzten Tag. Hin und wieder passierte es auch mal, dass der Hund und nicht die Frau den entscheidenden Impuls für eine Verfolgung gab. An der Leine des Hundes war eine Frau von dürrer Gestalt mit krummem Rücken. Sie sah viel älter aus, als sie wahrscheinlich war. Diese Frau wirkte auf mich wie eine Hexengestalt. Ihr Haar bestand aus dünnen, spröden, langen und schwarzen Fäden, die nicht vollständig ihren Kopf abdeckten. Irgendwo fehlte immer was, wodurch man an einigen Stellen ihre Kopfhaut sehen konnte. Ihr Kopfhaar erinnerte mich an ein Bündel Fäden, die man auf der Kirmes beim Fadenziehen in die Hand bekommt. Und an ihrer Seite war ein Hund, der wie ein zu kurz geratener Schwergewichtsboxer daherkam und einfach nicht zu ihr passte. Hätte ich in diesem Moment genau darüber mal näher nachgedacht, …nun, ich tat es nicht. Sie zog so lange mit ihrer fehlenden Kraft an dem Tier, bis er schließlich ein Erbarmen mit ihr hatte und beide davontrotteten. Ich erklärte der verbleibenden Menge an Menschen und Hunden, dass die Schnüffelstunde nun vorbei wäre und musste zusehen, dass ich den Anschluss zu dem triebhaften Rüden mit der Hexenfrau mit den Fäden am Kopf nicht verlor.
Am Türschild stand „Schmidtke“, schlecht leserlich mit einem Kuli draufgekritzelt. Ich brachte mich in Position, stellte mich gerade auf und läutete. Die Haustür ging auf, Frau Schmidtke schaute durch einen kleinen Spalt, fixierte mich für einen Moment grimmig mit zusammengekniffenen Augen und schlug die Tür wieder zu. Ich war mir sicher, dass sie mich erkannt hatte. Nur wenn sie sich doch an mich erinnern konnte, warum schlug sie dann ohne zu zögern die Tür so schnell wieder zu? Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass sie das tat, weil sie mich wiedererkannte. Ich stand vor einer verschlossenen Tür und machte keinerlei Anstalten wieder meines Weges zu gehen. Ich stand einfach da und schaute mich im Treppenhaus um. Es war ein merkwürdiges Gefühl, nicht zu verschwinden, obwohl Frau Schmidtke mir die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte. Ich war zum ersten Mal in einer solchen Situation. Normalerweise öffneten die Leute und wenn sie nicht interessiert waren, wurden die üblichen Dinge wie „Ich kaufe nichts und mein Hund auch nicht.“ gesagt. So in der Art halt. Auf dem Weg nach unten, drehte ich wieder um und ging zurück an die Tür von dieser Frau Schmidtke. Mir ging so etwas wie eine FBI-Masche durch den Kopf. So nannte ich es in diesem Moment. An meinem letzten Tag wollte ich irgendwie noch einen besonderen Moment, mir war nach einer kleinen gespielten Szene. In den Hauptrollen Frau Schmidkte und ich, beide Akteure lediglich getrennt durch ihre Wohnungstür. Ich wusste zwei Dinge: Frau Schmidtke war in ihrer Wohnung und ich als Hundefuttermann war mit meinem Ausweis in offizieller Mission unterwegs. FBI- Agenten geht es nicht anders. Auch sie wissen, dass die Zielperson hinter einer Tür steckt und auch sie haben einen klaren Auftrag, den sie erfüllen müssen. Ich wollte es drauf anlegen. Es war Mut. Ich wurde wieder von Mut erfasst und dachte an den Esel, den ich vertreiben wollte, wie einen bösen Geist, läutete ein zweites Mal, wartete einen kurzen Moment und begann, anfangs etwas verhalten, gegen die verschlossene Haustür zu reden.
„Frau Schmidtke, können Sie mich hören? Hören Sie mich? Wenn Sie mich hören, dann geben Sie mir bitte kurz ein Zeichen!“
Keine Reaktion von Frau Schmidtke.
„Frau Schmidtke, wir kennen uns doch aus dem Park. Ich saß mit den Tüten auf der Parkbank und ihr Hund war doch so verrückt nach mir, wegen dem Hundefutter was ich bei mir hatte und Sie zogen ihn dann doch weg. Frau Schmidtke? Hören Sie?“
Zu diesem Zeitpunkt gab es kein Zurück mehr für mich. Ich war mittendrin in dieser Nummer und stellte mir sogar vor, neben mir würde ein zweiter, imaginärer Agent stehen. Eine Vorstellung, die mir noch mehr Mut gab.
„Frau Schmidtke, ich kann Sie noch heute Morgen glücklich machen. Sie und Ihren Hund!“ Mir ging durch den Kopf, was ich gerade sagte. „Frau Schmidtke, nicht das Glücklich machen, was Sie jetzt vielleicht denken, sondern ein anderes. Das, was ich meine!“
Ich machte immer wieder auf professionelle Art Pausen, um ihr eine Chance auf Reaktion zu geben.
„Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, Frau Schmidtke. Ich will wirklich nichts von Ihnen. Ich verteile kostenlos Hundefutter hier im Viertel und habe einen kurzen Fragebogen dabei, um mehr geht es doch nicht. Alles was ich vorhabe, wird auch in Ihrem Sinne sein!“
Nichts. Dann kam der Moment, in dem ich es für notwendig hielt, der ganzen Angelegenheit einen offiziellen Anstrich zu geben. Ich zückte meinen Ausweis und hielt ihn gegen die verschlossene Tür.
„Hören Sie, Frau Schmidtke, was Sie jetzt nicht sehen können ist, dass ich gerade meinen offiziellen Ausweis an ihre Tür halte, der mich dazu berechtigt, mit Ihnen zu reden, Sie zu befragen und ihren Hund mit Fressproben zu versorgen. Frau Schmidtke, ich kann Ihnen nur empfehlen, zu kooperieren. Es wird Ihnen nichts passieren. Sie brauchen absolut keine Angst zu haben. Wir sind eine offizielle, international tätige und sehr friedfertige Organisation, die nur Gutes im Schilde führt. Uns liegt das Wohl unserer Kunden am Herzen. Frau Schmidtke, was Sie jetzt auch nicht sehen können, ich reiche Ihnen jetzt meine Hand. Greifen Sie zu! Nehmen Sie von mir ein Stück Glück! Nur darum geht es mir doch!“
Ich machte eine Pause und lauschte an der Tür. Mein Puls marschierte ordentlich und ich nahm einige tiefe Züge der kalten Treppenhausluft.
„Frau Schmidtke, das hat doch alles keinen Sinn! So kann es doch mit uns nicht weitergehen! Nun machen Sie schon auf! Ihr Hund wird mit einer halben Packung bestem Trockenfutter belohnt, soviel hab ich noch nie rausgerückt. Bedenken Sie das bitte! Ich appelliere ein letztes Mal an ihre Vernunft! Sollten Sie sich nach wie vor weigern mit mir zu reden, werde ich in meinem Fragebogen einen Vermerk machen. Mein Institut wird darüber nicht sehr erfreut sein. Strapazieren Sie bitte nicht die Friedfertigkeit unserer Organisation zu sehr. Wir können auch anders, Frau Schmidtke, jawohl, auch anders!“
Man sollte immer wissen, wann es genug ist. Ich wusste es nicht und bekam eine Quittung, die sich gewaschen hatte. Ich erinnerte mich noch dunkel, wie ein großer, stinkender, gewalttätiger Mann in Unterhose die Tür aufriss, mich am Schlafittchen packte, schüttelte und gegen die Treppenhauswand warf. Meine Hundefutterpackungen flogen nur so umher. Das übelriechende Monstrum eines Mannes schnappte sich drei meiner Packungen und verschwand brüllend in der Wohnung von Frau Schmidtke. Ich sammelte meine umherliegenden Packungen zusammen und tastete mich mit weichen, zitternden Knien aus dem Häuserblock. Es ging alles so wahnsinnig schnell vonstatten, dass ich noch nicht einmal genug Zeit hatte, mich zu entscheiden, ob Furcht oder Mut die richtige Reaktion gewesen wäre. Jetzt saß ich wieder auf meiner Parkbank und war wie von Angst gepackt. Angst vor großen, stinkenden Männern in Unterhosen. So konnte es nicht weitergehen, nicht einmal für die letzten paar Stunden, die ich noch vor mir hatte. Nur, es war mittlerweile mittags und keiner meiner restlichen fünfzig Fragebögen auch nur ansatzweise beschrieben. Ich begann, Namen und Adressen mir auszudenken und Kreuzchen zu machen. Am Abend werde ich mir meine Wunden lecken und trinken. Richtig trinken. Und ich werde diesen Straßenabschnitt meiden, nicht dass der stinkende Mann sich mein Gesicht gemerkt hatte. Und sprach der idiotische Student in der Mensa nicht von einem angenehmen Job? Ich werde ihn mir vorknöpfen. Ich werde ihm die Packungen und die Fragebögen an seine Hände festketten und ihn dann in die Mietskasernen peitschen. Vom Geruch des Futters angelockt, hatte sich längst wieder eine neue Traube an Hunden um mich herum versammelt. Das tierische Gewusel um mich herum störte mich in meiner Konzentration so sehr, dass mir nicht mal mehr die einfachsten Namen einfielen. Es war eindeutig der falsche Ort für hochkonzentriertes Arbeiten. Während ich meinen Kram zusammenpackte, schoss mir ein Gedanke durch den Kopf. Bei näherer Betrachtung war dieser angebliche Geistesblitz kein wirklicher Geistesblitz, sondern nur außerordentlich naheliegend. Vielleicht war der Gedanke auch einfach nur zu banal, um schon viel früher Zugang zu meinem Gehirn zu bekommen. Was war eigentlich in meinem Treppenhaus los? Wo ich wohnte. Ein Dutzend obskurer Menschen lebten dort, einige gemeinsam mit ihren vierbeinigen Freunden. Mit wenigen von ihnen konnte ich sogar, mit vielen nicht. Es kam jetzt nur darauf an, an die Richtigen heranzukommen, aber so kam es leider nicht. Außer Michalski war keiner anzutreffen und Michalski war ein Fall für sich. Wir wohnten im vierten Stock genau gegenüber. Michalski war um die vierzig, hatte immer langes, ungewaschenes, schon gräuliches Haar und er trug ein kleines, dünnes Brillengestell, wie es die Intellektuellen zu tragen pflegen. Er war wohl der Meinung, so könne man ihm sein verwahrlostes Junkiedasein nicht sofort ansehen. Obwohl er von großer Statur war, konnte man erkennen, dass bereits seine besten Jahre, wenn es die überhaupt gab, vorbei waren. Er war leider schon mitten im körperlichen Verfall angekommen. Er bewegte sich nur gebeugt, war oft äußerst nervös und rieb sich ständig mit umherwandernden Blicken die Hände. Es ging mit uns beiden anfangs gar nicht so schlecht los, wir verbrachten sogar einige Sonntage zusammen auf der Trabrennbahn, Michalski, sein Schäferhund und ich. Es waren schöne Tage voller Heiterkeit und viel Unsinn. Aber dann kam der Tag, an dem ich mich mal wieder aussperrte. Michalski bot mir zur Lösung des Problems prompt seine Hilfe an. Was jedoch dann passierte, konnte ich nur noch mit gelähmter Fassungslosigkeit beobachten. Der Mann zerspante mir mit schwerem Bohrgerät im Drogenwahn nicht nur das ganze Schloss, sondern auch die Tür drum herum. Er hinterließ ein Loch von zwanzig Zentimeter Durchmesser. Wir konnten uns mit Leichtigkeit die Hände durch diese Öffnung zur Begrüßung reichen. Der Vermieter betrachtete die ganze Angelegenheit mit weniger Leichtigkeit und ich musste für eine neue Wohnungstür aufkommen. Michalski hatte mit all dem nichts zu tun, wie er dem Vermieter versicherte. Seit diesem Vorkommnis hatte unsere Beziehung erhebliche Risse bekommen. Aber es gab eben auch die schönen Tage mit ihm auf der Trabrennbahn in Mariendorf. Mit Michalski und Hund sonntäglich Zeit auf der Rennbahn zu verbringen bedeutete erst einmal wirklich viel Zeit mitzubringen. Stand ich morgens um neun abmarschbereit bei ihm auf der Matte, machten wir uns keineswegs unverzüglich auf die Socken. Ich durfte mich erstmal auf sein abgewetztes Sofa setzen, und ihn dabei beobachten, wie er sich selbst versuchte zu sortieren. Er war sonntags anfangs immer angeschlagen und besonders durch den Wind. Das hatte jedoch nichts damit zu tun, dass er am Vorabend unterwegs war. Er war in den seltensten Fällen mit anderen unterwegs. Er war ein ziemlich einsamer Knochen, der mit seinem Hund und einem Wellensittich zusammenlebte. Wenn ein vierzig Jahre alter Mann mit einem Hund zusammenlebt ist das eine Geschichte, wenn ein vierzig Jahre alter Mann mit einem Hund und einem Wellensittich zusammenlebt, ist das ein klares Zeichen für fortschreitende Vereinsamung. Aber ich gewöhnte mich an den Anblick eines erwachsenen Mannes, der nichts Besseres zu tun hatte, als frisches Wasser in eine kleine Vogeltränke zu füllen. Auch dies gehörte zu seinen sonntäglichen Vormittagsritualen, bevor wir uns in Bewegung setzen konnten.
Gegen Mittag nahmen wir Platz auf einer der Tribünen. Rufus, so der Name seines Hundes, machte zwischen uns Sitz. Er sabberte nur allzu gern meine Hosen ein. Wir drei waren sofort wie angefixt von diesem Wetteifer der Pferderennen. Michalski war wie ausgetauscht. Die Trabrennbahn war sein Element. Er gestikulierte wild wie ein Verrückter, der er ja ohne Zweifel auch war, und erklärte mir dabei jedes Detail zu jedem Pferd und jedem dazugehörigen Jockey. Dann lief er los und besorgte uns Wettscheine und Bier, und zwar für uns drei, Rufus eingeschlossen, und er meinte das durchaus ernst. Rufus bekam eine Mischung aus Wasser und Bier in eine Trinkschale, die Michalski immer dabei hatte, wobei Michalskis Mischverhältnis selten zugunsten des Wassers ausfiel, was Rufus jedoch nicht weiter störte. Im Gegenteil, er stürzte sich förmlich auf seinen ersten Drink und schlabberte in schnellen Zügen seinen Napf leer. Er quittierte es mit zufriedenem, aber auch forderndem Bellen nach mehr. Auch für Rufus war der erste Napf nur der Beginn für einen feuchtfröhlichen Tag und er wurde von seinem Herrchen keineswegs außen vorgelassen. Rufus bekam regelmäßig, wie auch wir selbst, seine Portion. Michalskis Wettstrategie war, nur auf die hohen Favoriten zu setzen. Er war ein Schisser und mied das Risiko. Außenseiter gewinnen zu selten, brabbelte er ständig. Ich dagegen setzte nur auf Außenseiter und zwar die Form von Außenseiter, die nun wirklich keiner auf der Rechnung hatte. Auch die, denen Michalski totale Formschwäche attestierte. Michalski gewann oft und kassierte wenig, ich ganz selten, aber dafür bis zum Zehnfachen meines Einsatzes. Wir hatten immer einen Grund zu feiern. Rufus ließ es sich nicht nehmen, seine Kommentare in Form von freudigem Gebelle kundzutun. Er war genauso wild auf die Rennen wie wir und bellte die trabenden Pferde lautstark ins Ziel. Michalski übernahm das Ausfüllen von Rufus Wettscheinen, was aber nichts anderes bedeutete, als dass Rufus genauso risikolos wetten musste wie sein Herrchen. Ich war erstaunt, was der Hund vertrug, denn selbst nach vier, fünf leergeschleckten Trinkschalen bellte er keineswegs fahrig, launig oder überdreht. Er war die ganze Zeit wirklich gut bei der Sache. Ich dachte mir, wahrscheinlich wird er als Tier sehr wohl merken, das dort ebenfalls Tiere im Geläuf unterwegs sind, was vielleicht eine gewisse geistige Verbundenheit zwischen Hund und Pferd erzeugte. So konnte es gewesen sein. Sie gehören einer gemeinsamen Spezies an. Rufus und Michalski dagegen nicht und möglicherweise konnte Rufus das erkennen. Vielleicht kreisten in seinem Hundekopf auch Gedanken an eine zukünftige Neuordnung zwischen Tier und Mensch, das eben der Zeitpunkt komme würde, wo Hunde und Pferde sich den Menschen untertan machen und dressieren würden. Rufus war immerhin ein Hund, kein Idiot. Je mehr ich trank und darüber sinnierte, so realistischer erschien mir ein derartiges Bild der Zukunft. Noch nicht morgen, oder nächstes Jahr, aber irgendwann. Wir vertranken immer all unsere Wetteinahmen bis zum letzten Groschen und zogen dann von Glück besudelt, ein Hund und zwei Männer, zurück zur U-Bahn. Ja, es waren wunderbare Sonntage auf der Trabrennbahn.
Mit diesen wohligen Gedanken stand ich vor Michalskis Tür. Wir werden Fragebögen ausfüllen, er sein Gras rauchen, ich sein Bier trinken und beide werden wir Rufus dabei zuschauen, wie er sich genüsslich durch meine Probepackungen fressen würde. Mache den Menschen und Tieren Geschenke und sie sind außer sich vor Freude. Eine alte Binsenweisheit, die auch an diesem Nachmittag ohne Abstriche auf Michalski und Rufus passte. Drei Kilo Trockenfutter bedeuteten für Michalski, den guten alten Rufus über Wochen bei Laune und Kraft halten zu können und klein zerbröselt ginge das Zeug auch als Vogelfutter für seinen Sittich durch. Michalski war nicht der Typ für große Worte, seine Freude über den unerwartet großen Gabentisch zeigte er durch beherzte Schläge auf meine Schulter und einer anschließenden kurzen, aber wilden Luftgitarreneinlage, die so abrupt endete, wie sie begann. Wir machten es uns zu dritt auf seinem mit Brandlöchern durchsiebten Orientteppich gemütlich, tranken, und Rufus fraß die Brocken in sich rein. Michalski stellte noch den Vogelkäfig zu uns, so waren wir eine gemütliche Runde von zwei Menschen und zwei Tieren, jede Spezies war quasi pari vertreten. Ich fand es erstaunlich wie widerstandsfähig beide Tiere, auch der Sittich, waren. Michalski war ständig am Rauchen, egal ob Gras oder Zigaretten, und der Sittich befand sich permanent in einer dichten Wolke. Nur dank seiner gelben Signalfarbe blieb er für uns sichtbar und es war bemerkenswert, dass er nicht von Atemnot geplagt, von der Stange fiel.
Unglaublich, an diesem Nachmittag waren wir in der Lage sämtliche fünfzig Fragebögen auszufüllen. Tatsächlich war es so, dass Michalski nach zehn Bögen auf dem Teppich einschlief und ich die restlichen im Beisein seiner Tiere, die wach blieben und mir zuschauten, selbst bekritzelte. Ich machte schließlich einen großen Schritt über den schlafenden Körper meines Nachbarn, kraulte zum Abschied den borstigen Hundeschädel und schloss leise die Tür hinter mir. Michalski hatte sich seinen Schlaf redlich verdient.
Drei Tage später saß ich wieder im Büro meines Chefs, breitete sämtliche ausgefüllte Fragebogen auf seinem Schreibtisch aus und erzählte ihm, wie großartig und erfolgreich meine Zeit als Befrager und Verkoster gewesen ist.
„Keinen getürkt?“, fragte er.
„Keinen Einzigen, schauen Sie sich die Antworten und die Kommentare an, die können nur von echten Menschen in echten Situationen mit echten Hunden kommen. So viel steht fest!“
„Ja, ich sehe, gute Arbeit, wir starten in vier Wochen einen großangelegten Testlauf für eine neue Zahnpasta und ich hätte Sie gern dabei.“
„Zahnpasta? Für Hunde?“
Er rückte sich seine Krawatte zurecht, drehte an seiner Taucheruhr und sagte: „Natürlich nicht, auf was für Ideen kommen Sie eigentlich? Natürlich für Menschen wie Sie und ich!“ Wie belanglos, dachte ich, lehnte dankend ab und ging.
Die Vorbereitung
Nach dem letzten Schnee, es war Anfang April, zog ich aus dem Wedding in Richtung Neukölln. Ich hatte einen erbarmungslos kalten Winter durchgestanden und weder der Kachelofen, noch meine drei Heizstrahler in meiner Ein-Zimmer-Wohnung waren in der Lage mich ausreichend vor der Kälte zu schützen. Den, sehr wohl schön anzuschauenden, gekachelten Kamin, so auf Touren zu bringen, dass er eine Nacht lang wenigstens etwas Wärme abgab, war mit sehr viel Aufmerksamkeit ihm gegenüber verbunden, die ich selten aufbrachte. Die Heizstrahler waren wie ich sehr kälteempfindlich und ihre Heizdrähte verglühten oft schon nach Minuten. Vergaß ich mal die Milch in den Kühlschrank zu stellen, war sie am nächsten Morgen hart gefroren. Und mittendrin lag ich und blies Atemluft unter meine Bettdecke. Es war ein aussichtslos ermüdender Kampf.
Neukölln zeigte sich da von einer ganz anderen Seite. Nun gut, der Frühling gab sich alle Mühe und es präsentierte sich mir ein erblühender, fast schon unbedarft wirkender Bezirk mit vielen freundlichen Gesichtern. Was man immer wieder hörte war, dass im Wedding die Malocher und die, die es mal waren, lebten, in Wilmersdorf die Ärzte und Rechtsanwälte anzutreffen waren, in Kreuzberg sich die Subkulturen und türkischen Gemüsehändler tummelten, in Schöneberg wohnte mal David Bowie und in Neukölln trieben die Straßengangs ihr Unwesen. Uns, die sich, aus welchen Gründen auch immer, an Universitäten eingeschrieben hatten, fand man in jedem Stadtteil. Einige von uns machten noch nicht einmal vor den entferntesten Außenbezirken wie Spandau halt. Nur mit Spandau sollte man nicht hausieren gehen. Tat man es doch, war man unten durch. Es gab einige, die rülpsten mir ins Ohr, lieber die JVA in Moabit als Spandau. Noch Fragen?
Ich schlenderte die ersten Tage durch meinen neuen Bezirk und hielt Ausschau nach den berüchtigten Straßengangs. Ich tat dies in der Regel zur Mittagszeit und konnte weit und breit keine Rudel erkennen. Hier und da erspähte ich mal ein Grüppchen, welches sich am Straßenrand langweilte. Einige spielten Jo-Jo. Alles nichts, was mich in Aufregung versetzen konnte. Möglicherweise waren sie noch in ihren Klassenzimmern oder standen noch an den Schleifmaschinen. Ich sah sie nicht. Alles war ruhig. Bis dahin. Und dann passierte es doch, wie aus heiterem Himmel, mittags. Zur harmlosesten Tageszeit. Es lag nicht die geringste kriminelle Energie in der Luft. Frauen schoben ihre Kinderwagen über den Bordstein, andere trugen ihre vollgestopften Einkaufstüten durch die Gegend und der Rest sich selbst. Ich war zu Fuß unterwegs und bemerkte, wie ein Auto das Tempo drosselte, um neben mir im Schritttempo zu fahren. Ich tat so, als ob es mich nichts anging und schaute kerzengerade nur nach vorn. Ich wusste, dass ich dran war. So etwas spürt man. So etwas spürte ich. Aus dem linken Augenwinkel konnte ich einen offenen Wagen erkennen, ein Cabriolet, voll besetzt mit Typen auf allen Sitzen. Ich konnte ihre Stimmen hören. Ich hörte Straßengangsprache. Pure, harte Straßengangsprache.
Es gibt sicherlich einige Möglichkeiten, wie man sich in solchen Situationen so verhalten sollte, dass man mit keinem blauen Auge davonkommt. Meine Möglichkeiten entsprangen aus meinem Paradoxon. Ich dachte daran mutig wegzulaufen, oder auch daran, mich furchtlos der Gang zu stellen, vielleicht mit den Worten „Lasst ab von mir, ich bin es nicht wert“. Ich hatte viel Zeit während alldem, viel Zeit mir Gedanken über eine passende Reaktion zu machen. Mir kam etwas anderes in den Sinn. Neben Furcht und Mut gibt es noch etwas anderes. Die teilnahmslose Nichtbeachtung des potentiellen Feindes, die zwar auch einiges an Mut voraussetzt, nur, wer in bestimmten Situationen einfach nicht mitspielt, dem bringt man auch wenig Interesse entgegen. Ich spielte genau diese Karte. Mir entging nicht, dass sich rechts vom Fußgängerweg, ein paar Schritte weiter, ein großer Park auftat, der sich mir in seiner vollen blühenden Pracht präsentierte. Ich konnte mich also genüsslich diesem schönen Anblick zuwenden und genau das tat ich auch. Ich schenkte dem links neben mir tief brabbelnden Motorengeräusch keinerlei Beachtung und erfreute mich zunehmend euphorisch an der frühlingshaften Grünanlage. Das Kundtun meiner Freude ging so weit, dass ich auf alles zeigte, was ich sah und ich dabei unverdrossen alles hörbar kommentierte, worauf ich zeigte. Dies waren die violett und weiß blühenden Fliederbäume, genauso wie die unzähligen Löwenzahnblüten, die die Wiesen mit leuchtend gelben Punkten besprenkelten, aber auch die alte Oma, die sich auf einer Parkbank ausruhte, oder der lustvolle Schäferhund, der eine kleine Mischlingsdame von hinten beschnupperte. War es etwa Rufus, der sich von Michalski losgeeist hatte und nun hier in meiner neuen Gegend auch Fuß fassen wollte? Wer weiß. Wer in Selbstgesprächen verwickelt unüberhörbar seine Umwelt kommentiert, sollte doch für eine vagabundierende Gang so uninteressant erscheinen, dass man von demjenigen ablassen würde. Dann dachte ich wieder an Flucht. Nur, was wäre passiert, wenn die Burschen mich mit langsamer Fahrt durch den Park verfolgt hätten? Nein, dann lieber ihr Desinteresse wecken, indem ich mich für alle klar erkenntlich als eine umherirrende, entlaufene Person zur Schau stellte. Doch sie ließen nicht von mir ab und ich konnte immerzu ihre Mischung aus Ghettosprache und Gelächter hören. Ich spielte meine Rolle noch ein paar Momente, dann konnte ich einfach nicht mehr anders und schaute den Jungs direkt in ihre Gesichter. Fast zwanghaft wechselte ich zu Mut, in einer Situation, wo Mut nicht unbedingt angebracht war. Mein Tempo blieb unverändert langsam, kein abstoppen, kein losrennen. Bis auf die Tatsache, dass einer von ihnen eine Zigarettenkippe mir vor die Füße schnippte, machte die Viererbande keineswegs den Eindruck mich durch die Mangel nehmen zu wollen. Keiner von ihnen war mies gelaunt, sie alle hatten wohl bisher keinen allzu schlechten Tag gehabt. Sie begannen wild in meine Richtung zu gestikulieren, wahrscheinlich waren auch ein paar Ghettogrüße mit dabei, doch viele ihrer Zeichen, die sie mit ihren Händen vollführten, verstand ich leider überhaupt nicht. Was sie mir zuriefen, begrenzte sich immer wieder auf ein „Ey!“, oder „Ey, du da!“, und sehr oft war ein „Ey, du da, guck mal her!“ zu hören. Ich guckte zu ihnen rüber. Der Typ auf dem Beifahrersitz drehte die Musik infernalisch laut hoch und sie begannen alle vier, mir Rapmusikbewegungen mit ihren Armen und Köpfen darzubieten. Ja, es sah ganz lustig aus. Eigentlich sahen sie aus wie ungelenke, unmusikalische Idioten, die sich darin probierten ihre Bewegungen im Takt zu halten. Ich behielt diesen Gedanken jedoch besser für mich und gab ihnen zu erkennen, dass ich ihre jämmerliche Einlage durchaus zu schätzen wusste. Ich erwiderte in ähnlich dusseligem Gehabe und versuchte mich in zur Musik passenden Verrenkungen, worauf sich die Jungs auf die Schenkel schlugen und sich vor Lachen bogen. Und so blieb mein Blick leider förmlich an diesen Typen kleben. Sie wussten allerdings etwas, was ich nicht wusste. Und so kam es, wie es kommen musste. Ich knallte ungebremst und mit der vollen Wucht meines leicht torkelnden Ganges gegen eine Straßenlaterne. Der Aufprall meines Kopfes war so hart, dass ich das Gefühl hatte, mein Schädel würde sich zu einem harten Klumpen zementieren. Wäre ich zuerst mit dem Fuß gegengestoßen, kein Problem, dann hätte ich den Aufprall verhindern können. Ich hätte auch ein angeschlagenes Knie gern in Kauf genommen, aber so knallte ich mit voller Geschwindigkeit meines Schritttempos gegen das harte Metall und ging wie ein angeschlagener Boxer in die Knie. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass die Jungs sich nach meinem Aufprall mit qualmenden Rädern verziehen würden, jedoch war dem nicht so. Sie saßen in ihrem Cabrio und polterten jetzt erst richtig los. Sie waren allerbester Stimmung. Als sich der Schmerz langsam verzog, richtete ich mich halbwegs auf und näherte mich der Beifahrerseite. Sie hatten sich ihren mittäglichen Spaß abgeholt und ich war der Meinung, dass sie nicht nachtreten würden. Möglicherweise hätten sie ja sogar Dank für den Hauptdarsteller der Vorführung übrig. „Na, das war doch mal was. Ein guter Sketch, ihr habt gewusst, dass ich schnurstracks gegen die Laterne laufen werde, clever wie ihr seid. Ihr habt mich abgelenkt und nur darauf gewartet bis es passieren wird und zack, schon knallte ich drauf, wirklich gut und sehr amüsant.“ Die Bande atmete durch, wie man es halt tut, wenn man sich lange genug den Bauch vor Lachen halten muss und der Spaß schließlich ein Ende findet. Der Typ auf dem Beifahrersitz winkte mich mit einer Ghettogeste noch näher zu ihm ran. Ich gehorchte ihm blind. Uns trennte nur noch die geringe Distanz eines Faustschlages.
„Alter, sei nicht sauer, aber das Ding war echt geil. War sowas von klar, dass du voll gegen läufst und bist ja auch schön mit voller Wucht aufgeschlagen. Aber Alter, keine Angst, wir tun dir nichts, allerdings, wenn du nicht die geile Sache mit der Laterne gemacht hättest, wäre es vielleicht anders gelaufen.“
Der Fahrer ließ den Motor aufheulen, gab Vollgas und weg waren sie. Nun wusste ich, was ich in Zukunft tun werde, um mich hier in meinem neuen Bezirk mit den Gangs gut zu stellen. Sollte ich genau diese Jungs nochmal wiedersehen, wird es einen neuen Sketch geben, für alle anderen hielt ich den Straßenlaternengag parat.
In Neukölln zog ich in eine Straße, deren Name auszusprechen, mich von Anfang an mit einer fast traumatischen Entzückung besudelte und obendrein, sie sah auch noch so aus, wie sie hieß. Ich hatte nie vorher und auch nie nach dieser Zeit in einer Straße mit einem derart klangvollen Namen gelebt. Die Straße hörte auf den Namen Schillerpromenade. Wie es eine so von Schönheit und Eleganz gepuderte Promenade allerdings nach Neukölln verschlagen konnte, blieb mir immer ein Rätsel. Obwohl nur als kleine Seitenstraße ohne viel Verkehr und Straßengangs gedacht, war sie von pompöser Breite mit einem parkähnlichen Mittelstreifen, der kaum mit einem herkömmlichen Mittelstreifen zu vergleichen war, da er den Menschen und Tieren Raum für Auslauf im Grünen gab und dies nicht zu knapp. Der Baumbestand musste Hunderte von Jahren alt gewesen sein. Die Größten unter ihnen überragten die Wohnblocks bei Weitem und sie konnten problemlos bis zum Alexanderplatz schauen. In der Mittagssonne durch meine Straße zu schlendern, war immer ein erhabenes Gefühl. Solange ich dort wohnte, konnte mir Paris gestohlen bleiben. Hatte sich womöglich der am Hungertuch nagende Friedrich Schiller hier seiner Dichtkunst hingegeben? Selbst wenn nicht, die Vorstellung reichte mir vollkommen. Meine neue Ein-Zimmer-Wohnung im Hinterhof hielt mit dem Straßenbild nicht ganz mit. Die Bude war vergleichbar muffig und abgewrackt wie die, aus der ich vor Tagen erst ausgezogen war, sie hatte jedoch mit einer funktionsfähigen Dusche, angeblich dichteren Fenstern, sowie einem Heizkörper in der Stube entscheidende Vorteile aufzuweisen. Die Welt war für mich in Ordnung. Meine neue Behausung befand sich im Parterre mit freiem Blick auf den Innenhof zwischen Vorder- und Hinterhaus, wodurch sich für mich die Möglichkeit ergab, meine Mitbewohner bei ihren täglichen kleinen Wegen zu beobachten. Ich wurde zu einem kleinen Voyeur, nicht im klassischen Sinn, da meine Beobachtungen nicht im Geringsten etwas mit einer sexuellen Neugierde zu tun hatten und diese auch überhaupt nicht befriedigen konnten. Es war mehr eine sich entwickelnde Leidenschaft, meine Nachbarn etwas genauer unter die Lupe nehmen zu wollen. Obwohl Leidenschaft doch etwas zu hoch gegriffen ist, reden wir von einem gewissen Interesse. Ich nahm auf dem Fensterbrett Platz, ließ die Beine nach draußen baumeln und jeder der den Innenhof betrat, wurde meinen Beobachtungen unterzogen und ausnahmslos freundlich begrüßt. Der Innenhof war nicht gerade der richtige Ort für längeres Verweilen. Es war das typische Bild von Mülltonnen, ein paar Gebüschen, einer rostigen Teppichstange und einen verbogenen Plastiktisch mit drei Stühlen, die mit Vogelkot nur so übersät waren. Das Einzige, was für uns Bewohner auf dem Hinterhof von Interesse war, war der Gang zu den Tonnen und so saß ich an meinem offenen Fenster und begann stichwortartig meine Entdeckungen über jede Mitbewohnerin aus Vorder- und Hinterhaus bei ihren Alltäglichkeiten im Innenhof zu notieren.
„Frau aus dem Hinterhaus, Mitte dreißig, mit Schäferhund, nicht angeleint, der Hund wohlgemerkt, Berlin scheint voller Schäferhunde zu sein, zwei volle Tüten Müll in einer Hand, in der anderen eine Zigarette, wie auch sonst, kein Blick in meine Richtung trotz freundlichem Hallo, Tätowierung am rechten Arm, und am linken, trägt schwarzes T-Shirt, womöglich kein BH drunter, aber nicht sicher!“ Oder auch: „Frau aus dem Vorderhaus, Ende fünfzig, elegante und freundliche Erscheinung, trägt langen Rock, bewegt sich sehr weiblich bis feminin, lächelt mir zu, Halskette und Armband, grau meliertes Haar, was sie sich zu einem Turban ähnlichen Gebilde hochgesteckt hat, drei Hautfalten am Ellenbogen bei ausgestrecktem Arm, insgesamt eine reife bis sehr reife Person, wobei ich nicht weiß, wo das eine aufhört und das andere anfängt, scheint wohl auf dem Weg ins Büro zu sein.“
Mir entging kein noch so kleines, aber bedeutsames Detail. Auch gab es folgende Notiz, was die Frau aus dem Vorderhaus anging: „Muss mich drum kümmern, versuche ein Aufeinandertreffen hinzubekommen, werde im Vorderhaus heute Abend auf sie warten und so tun, als ob ich meine Post aus dem Briefkasten nehme.“
Das tat ich dann auch und war eine geschlagene Stunde damit beschäftigt, meinen leeren Briefkasten immer wieder auf- und zuzuschließen. Leider erfolglos, da sie nicht zur passenden Zeit nach Hause kam. Dann halt ein anderes Mal. Ich dachte alternativ an „Treffpunkt Mülltonne“, doch wer geht schon jeden Tag dorthin. Ich tat es nicht und sie auch nicht. Es blieb mir nur eins: „Treffpunkt Briefkasten“. Es dauerte, erst Wochen später war es dann soweit. Ich öffnete zum x-ten Male meinen Postkasten und der Moment kam, als sich das große Haupttor zum Vorderhaus knarrend auftat. Sie war es und sie ging schnellen Schrittes zu ihrem Briefkasten, der nur eine Armlänge von meinem entfernt war. Ich sah zum ersten Mal aus kurzer Distanz ihr Gesicht. Sicher, sie hatte das Alter von Mutter, als ich bei ihr am Sterbebett saß, doch hatte diese Frau eine reife Schönheit, die mich erstarren ließ. Sie lächelte mich kurz an und kramte ihre Post raus. Sie hatte wenigstens welche, ich war noch nicht mal für Behördenpost gut. Ich lächelte zurück und blickte dann wie versteinert in die Leere meines Postkastens. Endlose Sekunden verstrichen und ich tat nichts anderes als in die gähnende Tiefe meines Kastens zu starren. Wenn es nichts herauszuholen gibt, dann geht man doch, wie jeder normale Mensch. Ich jedoch blieb stehen und drehte wieder und wieder wie ein Idiot am Schlüssel, und tat so, als ob er nicht richtig funktionieren würde. Während sie ihre Post sortierte. Ich betete zu Gott, dass sie doch endlich gehen möge, um diesen für mich quälenden Moment zu beenden. Ich fiel in einen tranceartigen Zustand, der mir wenigstens komplett das Gefühl von Ort und Zeit nahm. Aus meinem Dämmerzustand erwachte ich, als ich etwas wie „Einen schönen Abend noch“ hörte. Dann wurde sie vom Treppenhaus verschluckt. Ich hatte einfach nicht den geringsten Schimmer, wie ich ein Gespräch mit dieser Frau hätten beginnen sollen. „Wollen wir ein paar Schritte gemeinsam zu den Mülltonnen gehen?“ war das Einzige, was mir einfiel. Wenig erquickend. Ich schwor, mich nie wieder in eine solche Situation zu bringen. Ab diesem Zeitpunkt ließ ich sie zwar noch im meinem Kopf umherschwirren, suchte aber immer das Weite, sobald wir uns zu nahe kamen. Situationsfurcht sozusagen.
In Neukölln gab es damals einen zentralen Platz aller Geschehnisse. Der Hermannplatz. Möglicherweise ist er es auch heute noch. In meinen ersten Tagen in Neukölln war es für mich essenziell die Versorgungslage zu erkunden. Und zwar in alle Richtungen. Die Versorgungslage war für mich enorm wichtig. Ich wollte und musste immer ausgesprochen gut abgesichert sein. Wie ein Trapezkünstler mit Netz, nur bei mir mussten es mehrere Netze sein. Es lag auch oder besonders daran, dass ich so gut wie nie zu Hause aß. Lag ich nachts wach im Bett und verspürte Hunger, ging ich los. Oft. Und ich musste wissen wohin. Ich musste das wieder einmal abklären. Ich wollte nicht umherirren. Es war nachmittags gegen drei und genau die richtige Zeit für genau diese Art der Erkundung und so zog ich in Richtung Hermannplatz. Vielleicht werde ich wieder auf meine Straßengang treffen, aber irgendwie war mir nicht sonderlich nach einem erneuten Aufeinandertreffen. Ich hoffte, sie würden, so wie es ein Löwenrudel nach erfolgreicher Jagd auch tut, einfach irgendwo in den Tag dösen. Auf dem Weg zum Hermannplatz stolperte ich über eine Pizzeria, die mir mit einem kleinen Biergarten, niedrigen Preisen und ansprechenden Öffnungszeiten ins Auge fiel. Um es vorwegzunehmen, der Laden wurde im Sommer 1987 mein Stammlokal. An heißen Tagen, nach ein paar Stunden im Sommerbad Neukölln, betrat ich den Laden, nur mit noch klammer Badehose bekleidet, ohne dass es jemanden wirklich interessierte. Salvatore, der Besitzer dieser Pizzeria gab mir für fünf Mark eine spitzen Pizza Hawaii mit vorzüglichem Dosenananas und für weitere fünf Mark eine Flasche Lambrusco in einer Temperatur, die schon mal die zwanzig Grad Marke knacken konnte. Womöglich war dies die italienische Variante von Zimmertemperatur. Das erste Glas, was ich trank, war immer mit etwas Überwindung verbunden, alle weiteren trank ich wie gepanschte Erdbeerbowle. Oft waren zwei Flaschen drin, wobei mich die zweite oft an den Rand einer geistigen sowie mehr noch, körperlichen Schieflage brachte. Verspürte ich den Drang nach ausschweifenden Selbstgesprächen, trank ich die zweite Flasche dann lieber doch zu Hause.
Dieses Sommerbad. Ach dieses von mir geliebte Sommerbad in Neukölln. Es wurde schnell zu meiner zweiten Heimat. Ich hatte keine Ahnung, wer Freibäder erfunden hatte, aber wer auch immer es gewesen ist, ich war dieser Person zu tiefstem Dank verpflichtet. Freibäder waren, neben Bier und Lambrusco, das Lebenselixier für mich. Sie waren der ideale Ort, um in den Tag zu springen. Stand ich am frühen Nachmittag auf dem Ein-Meter-Brett – meine Tage begannen selten vormittags –, sprang ich nicht einfach ins Becken, nein, ich sagte mir beim ersten Sprung immer: „Junge, mit diesem Sprung tauchst du wieder in einen besonders guten Tag ein, ab jetzt geht’s schon wieder! Und jetzt spring doch endlich, die Rowdys hinter dir werden immer unruhiger!“ Im Bad ging es mir noch nicht einmal darum, dass ich es besser gefunden hätte, wenn alle dort nackt rumgelaufen wären, für mich waren sie allesamt nackt genug. Nacktheit war sowieso ein sehr spezielles Thema für mich. Ich mochte sie bei allen anderen, nur selbst tat ich mich ausgesprochen schwer damit. Familiär geprägt, da Mutter und Vater sich nie in meiner Anwesenheit auch nur die Hemdkragen öffneten. Mittlerweile hatte ich mich allerdings an meine Freibadnacktheit gewöhnt, die ich ja sogar manchmal mit nach Salvatore trug. Freibadrituale der anderen Gäste fanden stets meine besondere Aufmerksamkeit. Insbesondere der weiblichen Freibadgäste. Während Männer und Kinder hin und wieder noch dazu neigten, sich vorher verstohlen und unsicher in der Umgebung umzuschauen, bevor sie den Hosenschlitz öffneten oder das Turnhemd über den Kopf zogen, waren Frauen in dieser Sache ganz anderes gestrickt und ohne jedes Schamgefühl. Dies traf ganz besonders auf die Frauen zu, die sich für ansehnlich und gut gebaut hielten. Das Ritual war, nachdem sie das Kassenhäuschen hinter sich gelassen und lässig mit der Hüfte das eiserne Drehkreuz angestoßen und durchlaufen hatten, immer dasselbe. Von einer Stelle, die ihnen beste Sicht über die gesamte Wiese bot, ließen sie ihren Blick über das Areal schweifen. Erspähten sie einen Platz, den sie besetzen wollten, marschierten sie stechschrittgleich in hohem Tempo zum auserwählten Ort. Um sicher zu gehen, dass niemand sonst ihnen noch in die Quere kommen könnte, warfen sie bereits aus einer Entfernung von mehreren Metern ihre Taschen und Zigarettenschachteln punktgenau auf die gewünschte Stelle. Diese Frauen wussten wirklich was sie wollten. Und dann begannen sie sich auszuziehen. Zeigten sie ihre körperliche Pracht erst einmal im Bikini, legten sie sich keineswegs sofort hin, sie blieben stehen, fingen an zu rauchen, zupften an ihren Bikini Obenrum- und Untenrum-Teilen herum und stellten sich genießerisch der Allgemeinheit zur Schau. Und ich schaute. Ich glaube, sie taten es einfach instinktiv. Lag ich fast vor den Füßen eines weiblichen Neuankömmlings, gab ich mich der Einbildung hin, sie würde sich nur für mich ausziehen. Sogar ein gedankliches Auffordern zum Entkleiden funktionierte. Ich selbst war für sie wie ein Unsichtbarer, ihre Blicke schweiften in die Ferne, nicht auf den Typen fast unter ihr. Was meine eigene Statue anging, war ich in einer sehr vorteilhaften Situation. Weder gab es sichtbare Muskeln, die an meinem Oberkörper zuckten, noch war ich von irgendwelchen sonstigen körperlichen Abnormitäten gekennzeichnet. Kein Arm wuchs mir aus dem Hals, der beim Gang zum Schwimmbecken umherschlackern würde, noch war mein Körper von irgendwelchen Wüstengeschwüren oder ähnlichem gekennzeichnet. Alles an meinem Körper war zu meiner Zufriedenheit außerordentlich durchschnittlich, mal abgesehen davon, dass ich als Mittzwanziger einen kugelrunden Bauch besaß. Aber dafür interessierten sich weder die Halbnackten, noch weckte er bei mir selbst irgendein besonderes Interesse.
Einer der Irrtümer, von dem ich mich in fast tragischer Weise zur damaligen Zeit leiten ließ, war der Glaube, dass Frauen Cineasten mögen, wenn nicht sogar lieben. Ich wusste durchaus was ein Cineast war, beließ es jedoch dabei, mein Cineastendasein mittlerweile auf das regelmäßige Durchblättern der „Cinema“ zu begrenzen. Ich war der Überzeugung, um sich als Cineast erfolgreich in der Öffentlichkeit präsentieren zu können, würde es ausreichen, nur zu wissen, was aktuell in den Kinos lief. Und man sollte zusätzlich in der Lage sein, ein paar dazugehörige Schauspieler mit in die Runde zu werfen. Das war´s. Kein Kino, kein Ticket, kein Sitzplatz, kein Popcorn, kein Film. Alles wurde mir viel zu aufwendig. Als ich neu in Berlin war, war das noch anders. Ich lungerte in meinem ersten Jahr ständig auf irgendwelchen abgewetzten Sitzen der Programmkinos rum. Doch merkte ich irgendwann nach einigen langen Kinonächten und auch anspruchsvollen Retrospektiven, dass ich zu oft auf schwere bis sogar ungenießbare Kost stieß, der ich kaum noch folgen konnte. Und so drehte ich immer mehr den Lichtspielhäusern meinen Rücken zu. Für meinen eigentlichen Zweck, der gelegentlichen Kontaktaufnahme im Sommerbad, sollten die Hefte ausreichend sein und nur darum ging es mir. Es gibt immer einen Weg um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Die Cineasten-Schiene halt. Von diesem Gedanken getragen, vergaß ich nie, mich mit einem aktuellen Exemplar der „Cinema“ in die nachmittäglichen Sessions im Bad zu werfen. Es gab sogar Momente, in denen ich das Magazin nicht nur einfach so stumm aus meinem Rucksack kramte, sondern ich es hörbar kommentierte, mit Bemerkungen wie „So, jetzt lese ich erst einmal die neue Cinema, mal sehen, was die Kinowelt so hergibt.“ Rückblickend betrachtet, machen das, glaube ich, keine Cineasten, sondern wirklich nur Kontakthascher. Ich tat so, als ob ich mir das Cover anschauen würde, blickte aber an den Rändern vorbei über die Liegewiese und versuchte meinen Blick auf die halbnackten Frauen scharf zu stellen. Warum ich keine augengroßen Löcher ins Cover geschnitten hatte, weiß ich selbst nicht. Man sollte sich nichts vormachen, selbst wenn Frauen Cineasten mögen oder gar richtig auf sie stehen würden, sie würden es nicht zeigen, schon gar nicht im Freibad. Es hat geschlagene drei Sommer gebraucht, bis dann tatsächlich doch eine Frau den weiten Weg von drei Metern zu mir herüber machte und mich fragte, ob sie mal durch meine „Cinema“ blättern könnte. Wenn man einfach nicht mehr mit den Dingen rechnet, dann passieren sie. Nachdem ich meine anfängliche Verdutztheit einigermaßen in den Griff bekam, fragte ich sie, ob sie regelmäßig ins Kino gehe. So wie ich. Doch sie verneinte lapidar mit dem Hinweis, dass sie nur Ihre „Brigitte“ vergessen hatte und etwas gegen ihre Langeweile benötigte. Warum nicht ein Gespräch gegen die Langeweile, warum nicht einfach mal etwas Konversation? Warum habe ich sie nicht gefragt, ob sie sich nicht für eine lockere Unterhaltung über Gott und die Welt zu mir setzen möchte? Wenn fehlender Mut auf Desinteresse stößt, dann passiert eben auch nichts. Abgesehen von der Möglichkeit, fremde Körper zu begaffen, gab es noch etwas anderes, was Schwimmbadbesuche für mich so reizvoll machten. Fremden Leuten bei ihren Gesprächen zu lauschen. Ich ließ mich eines Tages neben zwei Frauen, höchstens Mitte zwanzig, nieder. Sie waren anfangs untereinander nicht sonderlich gesprächig, jedoch in der Lage, in einer mörderischen Geschwindigkeit Unmengen an Zigaretten zu rauchen. Sie waren wirklich echte Raucherinnen. Sie drückten ihre Kippen kurz aus, um sie dann gekonnt auf die Wiese zu schnipsen. Manche Kippen schnipsten sie meterweit durch die Luft und ich konnte sehen, wie diese noch endlos weiter glommen. Es sah dann aus, wie ein in Brand gesetztes Fort, was noch kohlte, wenn man es von einer Anhöhe aus weiter Entfernung betrachtete. Dann eröffnete eine von den beiden, wie aus heiterem Himmel, das Gespräch.
„Wat hast´n jestern jemacht?“
„Wat fragst´n so doof, weeste doch, wie immer halt.“
„War´n wa jestern zusammen? Ne, also, wat hast´n jestern jemacht?“
Die Befragte kniff die Augen zusammen und warf ganz offensichtlich ihr Gehirn an. Einen kurzen Moment später kam die Erinnerung zurück.
„Na klar, geil, einkoofen war ick. Mensch, ick war bei Bolle, war total geil, willste wissen wat ick einjekooft habe? Sach ick dir.“
Sie verstummte und überlegte.
„Haste Kippen jeholt?“, fragte die andere.
Keine Antwort.
„Sach schon, haste Kippen jeholt?“
„Scheiße, ne, hab ick verjessen, scheiße!“
Nun wurde die andere echt laut.
„Du jehst einkoofen und verjisst Kippen? Bist du denn total doof inner Birne, warum jeht man denn überhaupt einkoofen?“
„Ick jeh nachher Kippen koofen, echt jetzt.“
Das Gespräch verstummte, beide hockten sich im Schneidersitz gegenüber, legten ihre zwei angebrochenen Schachteln Kippen zwischen sich auf die Decke, zogen die Kippen aus den Schachteln und begannen sie zu zählen. Ich glaubte, sie kamen auf sechs Kippen, was für mich nichts anderes bedeutete, dass bereits in ungefähr zwanzig Minuten ihr Zigarettenreservoir weggeraucht sein wird. Sie rauchten stumm wie die Salamander ihre Zigaretten auf und verschwanden. Ich blickte ihnen noch lange hinterher und dachte mir, wie gnadenlos authentisch beide doch gewesen waren. Hätte ich eine Super-8-Kamera bei mir gehabt, ich hätte sie mit Sicherheit gefilmt. Sie brachten mich auf eine Idee. Nichts konkretes, sehr vage, aber doch eine Idee.
Tage später saß ich am späten Nachmittag in meiner auserkorenen Lieblingspizzeria und verlor ein paar flüchtige Gedanken an mein weiteres Dasein an der Uni. Ich fand es erstaunlich, wie Studenten, die mit einigen Talenten gesegnet waren, die weit außerhalb jeglicher Hörsäle lagen, Dinge wie Kostenertragsrechnungen zu ihren wesentlichen zukünftigen Lebensinhalten bestimmt hatten. Es gab diese Menschen. Genauso gab es mich. Vielleicht muss es ja beide geben, um alles irgendwie in einer Art Balance zu halten. Vielleicht. Meine philosophischen Ausflüge wurden durch ein Gespräch beendet, als zwei Typen sich am Tisch hinter mir niederließen. Ich begann ihrem Gespräch zu lauschen. Ich kippelte mit dem Stuhl, um mich besser in Horchposition zu bringen, was bei ausreichend Lambrusco durchaus auch mit einem gewissen Risiko verbunden war. Aber alles ging glatt. Ich fiel nicht um. Ich drehte mich kurz zu ihnen, um zu sehen, mit wem ich es hier zu tun hatte. Die Jungs hatten mein Alter, trugen Sakkos, feine weiße Hemden und waren frisch gewaschen und rasiert. Sie verschmähten Lambrusco und tranken Kaffee. Doch Lambrusco hin oder her, die beiden Tischnachbarn hatten an diesem Tag mir eins voraus. Sie sprachen über interessante Dinge. Die beiden redeten über Filme und zwar über Filme, die in Berlin gedreht wurden. Diese Burschen wussten ganz offensichtlich, wann, wo, was filmmäßig abging. Ich verstand zu wenig Details und musste mich auf meinem Stuhl sozusagen nachkippeln. Ich saß jetzt derart schräg auf den hinteren beiden Stuhlbeinen, dass ich meine Mühe hatte, diese Position einigermaßen zu halten. Salvatore sah mich und schüttelte nur seinen Kopf. Dann sprach der eine von einer Agentur, der andere von seiner Agentin. Mein Kopf war schon so nah an dem Typen direkt hinter mir, dass ich den Duft seines Shampoos riechen konnte. Es war Apfelshampoo. Ganz sicher. Ich konzentrierte mich und schaltete mich voll auf „On Air“. Nichts sollte mir entgehen, nicht der kleinste Wortfetzen. Mir wurde klar, diese beiden Typen arbeiteten als Komparsen. Es waren wohl BWL- oder Jurastudenten, die nebenbei tief im Filmgeschäft steckten. Nichts anderes kam für mich in Frage. Ich wartete nur auf den Moment, in dem einer von beiden Namen oder Adresse dieser Agentur erwähnen würde. Dann kam der entscheidende Hinweis: Kurfürstendamm. Es war leider die einzig brauchbare Information. Sie bezahlten und verschwanden wie die Windhunde. Kurfürstendamm war bei genauerer Betrachtung doch etwas grob. Wurscht, den Rest werde ich schon noch herausfinden und bestellte zur Feier des Tages eine zweite Flasche Lambrusco. Je mehr ich trank, desto klarer wurde das Bild in meinem Kopf. Darum wird es gehen. Nur darum. Alles andere war belanglos. Die vage Idee, auf die mich die beiden authentischen jungen Raucherinnen im Bad gebracht hatten, mit einer Kamera Dokumentarisches aus meiner Stadt einfangen, wurde bis auf weiteres erst mal in meiner geistigen Aktenkammer verstaut. Es war kein schlechter Gedanke, aber jetzt hatten sich die Dinge verschoben. Ich werde ins Filmgeschäft einsteigen, als Komparse anfangen, als Serienstar enden und mich schon bald auf meinem Karrierehöhepunkt feiern lassen und zwar hier in Neukölln. Hier in Salvatores Pizzeria, nur mit einer Badehose bekleidet.
Da meine Zeit als großer Kinogänger vorüber war, ich aber auch nicht mal eine TV-Glotze besaß, überkam mich das mulmige Gefühl nicht genug über das zu wissen, was ich machen wollte. Natürlich wusste ich, was ein Komparse ist, oder ein Statist, oder wie man auch immer dieses Filmvolk in Fachkreisen schimpft. Nur eine bloße Ahnung zu haben, könnte zu wenig sein. Ich musste in eine Phase der Vorbereitung einsteigen. Jeder Bankraub braucht vorher seine Zeit einer präzisen Vorbereitung und genauso betrachtete ich mein Vorhaben. Eine akribische Analyse derer, die im Bild über Straßen laufen und an Tischen sitzen. Nur sieht man eben diese Komparsen nur im TV oder auf einer Großleinwand gegen Geld. Ich überlegte was besser wäre, dreimal die Woche ins Kino zu gehen, um die Menge an Filmen nachzuholen, die ich die letzten Monate nicht gesehen hatte, oder mir einen Fernseher zuzulegen. Für drei Monate Kino würde ich eine gebrauchte Glotze mit Farbbildern sicher bekommen und so war die Entscheidung klar. In meiner Gegend gab es einen kleinen Laden, der gebrauchte elektronische Geräte aller Art verkaufte. In seiner Schaufensterauslage gab es haufenweise Fernseher, Radios, Plattenspieler und Kompaktanlagen zu bestaunen, vorausgesetzt man konnte sich durch die verstaubten Scheiben einen Blick ins Innere verschaffen. Der Laden lag nur einen Steinwurf von meinem Nest entfernt und so machte ich mich eines Samstagmittags kurz auf den Weg. Sollte ich für fünfzig Mark einen Apparat mit Fernbedienung bekommen, ohne dass ich ihn immer wieder mit ein paar Schlägen wiederbeleben müsste, würde der Tag von Erfolg gekrönt sein. Ich musste mein Notgeld halbieren, aber das war es mir wert. „Ding Dong“ schellte es und ich stand in einem Geschäft, was aussah, als würde man von einer farbigen Welt außerhalb in eine Schwarz-Weiß-Welt eintreten. Der Laden roch zudem noch wie ein riesengroßer kalter Aschenbecher. Ich spürte, dass meine Kehle staubtrocken war, mir fiel ein, wohl nicht genug gegen den Nachdurst getan zu haben und ich begann mich ein wenig durch die Regale zu schnüffeln. Trotz „Ding Dong“ war außer mir niemand zu sehen oder zu hören. Totenstille. Die monströsen Geräte standen grau und stumm bis zur Decke hochgestapelt und sie blickten mich mit ihren toten verstaubten Bildschirmen an. Die Mischung aus kaltem Rauch und Staub biss sich derart in meinem Kopf fest, dass mir kotzübel wurde. Ich konnte ja eigentlich viel ab, war nicht sonderlich kleinlich, aber alles bitte schön zu seiner Zeit. „Niemand da? Kundschaft hier! Niemand da?“ Es half nichts, es war niemand da. Vielleicht hätte ich ein Feuer legen müssen. Ich hätte mich auch einfach nur bedienen können, es wäre das beste Geschäft meines Lebens geworden. Es machte ein zweites Mal „Ding Dong“. Ich war es, der die Tür wieder öffnete und zuschob. Dann, ich konnte meinen Augen kaum Glauben schenken, trat hinter einem grauen Teppichvorhang eine große, fettleibige Gestalt hervor, die mit mühsamen Schritten zu einem Verkaufstresen trottete, hinter dem sie sich schnaubend niederplumpsen ließ. Der Riese war genauso grau wie alles hier. Er passte sich perfekt seiner Umgebung an. Ein wahres Spiegelbild seines Ladens. Im Mundwinkel hatte er eine selbstgedrehte Kippe, an der zentimeterlang die erloschene Asche hing, ohne dass sie abfiel. Er nahm noch einen tiefen Zug, die nun bis zum Stummel aufgetürmte Asche war von ihm nicht mehr zu halten und fiel auf seinen Verkaufstresen. Dann blies er sie einfach in den Raum, in meine Richtung, zu mir hinüber. Der Typ hatte wirklich eine sehr spezielle Art mit seinen Kunden umzugehen. Es machte mir aber nichts weiter aus, zumal ich mich mehr und mehr der sauerstoffarmen Umgebung dort angepasst hatte. Ich war okay. Dann hustete er zweimal kräftig durch und ich konnte mir bildlich vorstellen, wie mühsam seine Lungenflügel gegen ihren Herrn ankämpfen mussten. Dann sprach er. Und er sprach so, wie er rauchte und hustete. „Wat willste?“ Ich trat ein paar Schritte vor und konnte sehen, wie sich alte kalte Asche in seinem grauweißen Bart längst eingenistet hatte. Wie kleine hartnäckige Nissen. Ich überlegte mir, ob es nicht angebracht wäre, jetzt selbst in Berliner Mundart zu reden, er würde möglicherweise erkennen, dass ich einer von ihnen bin. Und so versuchte ich mich genau darin.
„Ne schön jebrauchte Glotze, dett wär juut für mich, soon Ding will ick für wenig Pinke Pinke, hast ja wat da an Auswahl in deinem Jeschäft, wie ick kieken kann.“
„Mann, ick seh dir doch an der Nasenspitze an, dass du keen Berliner bist, also quatsch nich so, klar? Und nur mal so am Rande, es heißt wie ick sehen kann, nicht, wie ick kieken kann. Ick sach ja ooch nich, wie ick es dir an der Nasenspitze ankieke, sondern ansehe. Oh Mann, du bist so absolut kein Berliner, na juut, wat willste?“
Mit einem derartigen Redeschwall rechnete ich nun wirklich nicht, eher mit einem bloßen Fingerzeig auf seine Gerätschaften. Und was seine kleine Analyse anging, nun, schon während ich meinen Satz sagte, fiel mir selbst auf, dass mit ihm irgendetwas nicht stimmte. Er hatte mich schnell durchschaut, aber das Eis schien gebrochen zu sein. Weitere sprachliche Verrenkungen ersparte ich mir. Ich erklärte ihm, dass ich einen Farbfernseher mit allen Programmen und Fernbedienung haben wollte.
„Wat heeßt denn hier alle Programme? Mann, du kriegst das Erste, das Zweite, SFB, DDR1 und DDR2. Mann, mehr gibt’s doch nicht. Und ne Fernbedienung willste? Na klar haben se Fernbedienung, glaubst de denn, ick verkoofe hier Steinzeitware von vor dreißig Jahren?“
Ich glaubte gar nichts. Ich wollt nur so einen verdammten Apparat und dort wieder raus. Wir stiegen beide über einige Glotzen, die er dicht an dicht auf dem Boden verteilt hatte und bewegten uns, wie in einem Sumpfgebiet staksend, vorsichtig zu den Geräten, die auf wackeligen Regalbrettern bis hoch zur Decke standen. Ein falscher Tritt und ich hätte mich unter einer Lawine an Elektrozeugs wiedergefunden. Er zeigte mit einem seiner dicken Finger auf einen Apparat, der für mich den Eindruck machte, als würde er seit Hunderten von Jahren hier sein klägliches Dasein im Dämmerzustand fristen. Aber das taten eigentlich alle. Er nahm sich eine Fernbedienung und begann auf die Tasten zu drücken. Schmierige, fette Pfoten trafen auf eine staubige Tastatur. Ich nahm mir vor, die Fernbedienung in Spülmittel zu baden. Es sprang tatsächlich in kurzer Zeit ein Bild an, nicht ganz störungsfrei, aber in Farbe. Er drehte ein wenig an der tragbaren Handantenne und schon wurden die Störungen etwas weniger. Wir gafften beide ins leicht kriselnde Bild, was er abschließend mit einem „Det is een jutes Bild, kannste koofen.“ kommentierte. Das einzige Bild, was in meinem Kopf rumschwirrte, war, wie ich die nächsten Monate bis zur Erschöpfung an dieser kleinen Handantenne drehen werde, um gegen die Störungen anzukämpfen. Vielleicht auch nicht. Ich wollte das Ding haben. „Das ist ein guter Farbfernseher. Was kostet der?“ Er schwieg, schaute mich an und überlegte sich ganz offensichtlich einen Preis. Ich zog meinen Studentenausweis raus, hielt ihm diesen unter die Nase und erklärte ihm, dass ich so wenig Geld habe, dass es manchmal nicht für den Waschsaloon reicht und ich dann meine Sachen ungewaschen weiter auftragen müsse.
„70 Mark!“
„Hab ich nicht.“
„60 Mark!“
„Hab ich auch nicht.“
Dann gibt’s keen Jeschäft!“
Er drehte ab und fläzte sich wieder hinter seinen Tresen und paffte erstmal eine.
„Ich habe 50 Mark, kiek doch!“
Ich zeigte ihm meine verlotterte Geldbörse mit einem 50 Mark Schein drin. Der Zehner unter meiner linken Socke war Feiergeld und nichts für den Dicken.
„Junge, für 50 Mark jehört die Kiste dir!“
Schöne Scheiße, wieder mal schlecht gefeilscht. Aber es war zu spät und ich hatte einfach keinen Bock mit dem Kerl wieder von vorn zu starten. Ich beließ es dabei und schob den Schein zu ihm rüber. Er stopfte sich den Schein in seine Hosentasche und schaute mich an. An seinem Blick konnte ich seine Frage erkennen, wie so ein dünnes Hemd wie ich wohl diesen monströsen fünfzig Kilo Apparat hier hinaus und wegbekommen sollte. Die Frage war durchaus berechtigt, da ich mir über diesen Teil der ganzen Angelegenheit tatsächlich keinerlei Gedanken gemacht hatte. Ich verkniff es mir zu fragen, ob er die Freundlichkeit besäße, den Monsterapparat zu mir nach Hause bringen zu können. Mit mir zusammen natürlich. Sicher hätte ich mit angefasst. Während ich Hilfe suchend abwechselnd ihn und mein neues Monstrum anglotzte, konzentrierte er sich auf tiefe Züge seiner nächsten Kippe und frische Asche fiel in seinen Bart und gesellte sich zu der alteingesessenen. Er schnipste mit seinen dicken Fingern und tat so, als ob eine grandiose Idee Zugang zu seinem Kopf fand. Wortlos verschwand er hinter seinem Teppichvorhang und kam kurzerhand mit einem Brett auf vier kleinen Rädern zurück, was er mit einem Bein vor sich hertrieb. Mit etwas Enttäuschung betrachtete ich dieses rollende Stück Holz. Ein großer Mann mit zwei starken Armen und Spucke in den Händen wäre mir irgendwie lieber gewesen. Er bot mir an, seinen Hund für den Transport des Gerätes zu benutzen. Es wäre kein Problem für ihn, wie er sagte, ich solle den Hund nur heute Nachmittag wieder zurückbringen. Ich versuchte mir im Geiste vorzustellen, wie das funktionieren könnte. Es sollte wohl so ablaufen, dass er seinen Hund mit einer Leine vor dem Brett, samt Apparat obendrauf, festzurren würde, und, nach einem kurzen Peitschenhieb oder Kommando, zöge das Tier in lautem Geheule das Gerät zu mir nach Hause. Wie ein Schlittenhund im Nebenerwerb. Ich hatte meine Zweifel, aber er war der Profi. Als ich ihn fragte, ob ich richtig verstand, schlug er mehrmals wie ein Irrer mit seinen Pranken gegen seinen Kopf. Dann sagte er nur: „Brett ist Hund! Nicht Hund ist Hund!“ Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung gehabt, dass es zwei Sorten Hunde gibt. Die, die ich kannte und die, die als Bretter mit Rädern darunter durchs Leben rollen. Nun gut, nur ein Missverständnis mehr im Leben. Er schob mich beiseite und hievte den Klotz von Apparat auf den Hund. Oben drauf stellte er die Zimmerantenne und legte das Stromkabel darauf ab. Alles wirkte irgendwie extrem instabil. Schwer und trotzdem instabil. Wäre das Stromkabel so fünf Meter lang gewesen, hätten wir es um den Klotz und um den Hund wickeln können und beides schön festgeknotet. Dann wäre es stabiler gewesen. Doch es war nur einen Meter lang und lag wie eine tote Blindschleiche auf der Apparatur. Der Typ aus dem Elektrohandel war wenigstens doch so freundlich, dass er mir den bepackten, wackeligen Hund vor seine Ladentür schob. „Bring mir noch heute meinen Hund zurück!“ Dann verschwand er wieder in seiner Welt aus Staub und Asche.
Es war Samstagmittag, die Hitze nahm unaufhörlich zu und meine Kehle war so trocken und quälend heiß, dass ein erster Schluck Bier sofort in meinem Mund verdampft wäre. Wie die ersten Regentropfen in der Kalahari. Verdampfen, ohne anzukommen. Zur Mittagszeit an einem Samstag gab es in dieser Gegend kaum Verkehr auf der Straße. Einerseits gut, da ich unbeobachtet blieb, andererseits wiederum schlecht, da niemand mir Hilfe anbieten konnte. Bis zu mir in meine Bude warteten zweihundert Meter Kopfsteinpflaster auf mich. Und es gab Kopfsteinpflaster in allen möglichen Varianten. Die großen, etwas flacheren und die spitzen, kleinen, die wie Kleinstberge mit Miniaturtälern drum herum aussahen. Gerade diese erschienen mir denkbar ungeeignet für einen derartigen vollkommen ungesicherten Transport. Nur musste ich diese Passage irgendwie überwinden. Schon die ersten Meter gingen nicht gut, mir rutschte meine Neuanschaffung immer wieder halb vom Hund herunter. Ich schaffte es gerade so, die Balance zu halten. Es kippelte alles schon sehr bedenklich. Ich sah mich nach allen Seiten um. Absolut niemand war zu sehen. Geisterstadt in sengender Hitze. Ich dachte kurz an die Leute, die ihre neuen Fernsehgeräte in ihren Kombis nach Hause transportieren können. Diese Leute saßen sicher schon vor ihrer neuen Glotze und schalteten sich voller Freude durch die fünf Programme. Ja, ja, ein Kombi. Dann wurde mir eine Einfahrt zum Verhängnis. Mein Hund nahm auf abschüssigem Gelände Fahrt auf, holperte von Tal zu Tal, ich krallte mich in den schmalen Luftschlitzen des Gerätes fest, welches sich währenddessen immer mehr querstellte. Ich ging schließlich zu Boden, rappelte mich wieder auf und blickte dem führerlosen, dahinhoppelnden Gebilde aus Hund und Apparat hinterher, welches schließlich am Straßenrand abrupt stoppte. Mehr als die Hälfte des fünfzig Kilo Klotzes hing nun in der Luft. Ein falscher Griff und das Gerät, mit der Bildschirmseite voran, kracht auf die Straße. Ich ließ mich neben meinem festgefahrenen Hund auf der Bordsteinkante nieder. Die Zimmerantenne lag eine Armlänge hinter mir auf dem Gehweg. Mir war klar, dass ich es so niemals bis nach Hause schaffen würde. Auf der anderen Straßenseite lag eine Kneipe, eine typische Berliner Eckkneipe, halt nur ohne Eck. Zwanzig Meter nur über die Straße und dort bei einigen Bieren zu Ruhe und klaren Gedanken kommen. Und da wo Menschen sind, ist Hilfe nah. Das war meine einzige Chance. Für die Überquerung der Straße wählte ich eine neue Technik des Vorankommens. Ich schob nicht mehr klassisch stehend, sondern ich lag nun bäuchlings auf dem Apparat und stieß mich so mit beiden Beinen, wie eine Schildkröte, über die Straße. Es ging zwar, wie bei Schildkröten üblich, sehr langsam voran, dafür aber umso sicherer. Ein Fahrzeug kreuzte meinen Weg, der Fahrer hielt nur einen Meter von mir entfernt an, ich blickte kurz auf den Kühlergrill, erkannte etwas Japanisches und schob mich weiter. Ich hörte ziemlich lange das Motorengeräusch neben mir blubbern. Der Typ im Wagen musste in Eile gewesen sein, denn er fuhr los, als meine Beine nur ein paar Zentimeter außerhalb seiner Spur waren. Dann war es geschafft. Die letzten Meter auf dem Gehweg waren zwar etwas ruckartiger, aber mein Körper gab der ganzen Angelegenheit die nötige Dämpfung. Ich dachte mir: Wenn ich es bis hier geschafft habe, dann kann ich auch bis nach Hause rudern. Und wenn ich es bis nach Hause schaffen werde, dann kann ich mich auch bis zu Salvatore weiterschieben. Und wenn ich es bis Salvatore schaffen werde, dann……nun, ja. Ich brach den Gedanken ab. Ich schob mich in die Eingangstür der Kneipe.
Diese Spelunke war nie Teil meiner ersten Erkundungstouren, weil sie ganz einfach auch nicht auf meiner Einflugschneise in Richtung Wohnung lag. Ich konnte sie zwar aus der Ferne sehen, schenkte ihr aber keine weitere Beachtung. Es gab einfach zu viele derartige Trinkstationen, außerdem war ich wählerisch, was das anging. Als ich mich an der Türklinke der Kneipe hochzog, spürte ich, wie vom Schlag getroffen, die ganze Anstrengung der Tortur. Derartiges war ich nicht gewohnt, schon gar nicht bei einer solchen Hitze. Ich fühlte mich nun nah an einem Dehydrierungskollaps und war heilfroh, dass dieser Laden an genau dieser Stelle die Menschen mit Bier und Schnaps versorgte.
Ich drückte die Kneipentür auf, stellte mein linkes Bein in die geöffnete Tür, beugte mich dann wieder so weit zurück ins Freie, dass ich nach dem Hund greifen konnte und zog ihn Zentimeter für Zentimeter in den Eingangsbereich hinein, sodass die Tür nicht mehr zufallen konnte. Waren wir komplett? Durchzählen bitte! Hund? Hier! Flimmerkiste? Hier! Ich? Hier! Zimmerantenne? Keine Antwort. Dann noch einmal. Zimmerantenne? Wieder Stille. Mein Gott, meine Zimmerantenne hatte es nicht bis in die Kneipe geschafft. Möglicherweise wurde sie bereits von Autoreifen zerquetscht und liegt platt und verbogen am Straßenrand. Ich sprang zuckend vor Nervosität raus aus der Kneipe und sah sie auf der anderen Straßenseite liegen. Ich vergaß sie. Sie war nicht Teil unseres Überfahrtkommandos. Das war nicht gut. Ihr Zustand: Etwas lädiert, aber nicht in irreparablem Zustand. Ich klemmte sie mir unter den Arm und kehrte zurück in die Bierstube. Dass ich während dieser Aktion die ganze Zeit vom Kneipenwirt beobachtet wurde, bedarf keiner Erwähnung. Ich schaute zum Tresen und der Blick des alten Mannes, der dort seine Gläser spülte, sagte mir nur eins: „Was passiert hier, werter Gast?“ Natürlich war er verwundert. Ich wäre es auch an seiner Stelle gewesen. Wenn beispielsweise ein Student seinen klobigen Fernseher unaufgefordert und unangemeldet in eine Kneipe mitbringt, dann kann man so gucken, wie er guckte. Ich schob meinen Hund neben die Musikbox am Eingang und ging, noch von Erschöpfung gezeichnet, etwas schleppend zum Bartresen.
„Ist es in Ordnung, wenn mein Fernseher einen Moment dort neben ihrer Musikbox steht? Ich trinke auch ein paar Biere, ein paar Biere mehr, meine ich.“ Ich zog meinen linken Schuh aus, streifte meine Socke ab, ließ meine Hand tief in dieser verschwinden und zog den Schein heraus. Der zehn Mark Schein wirkte zwar wie ich etwas mitgenommen, jedoch keineswegs zertreten und unbrauchbar. Ich glättete ihn ein wenig auf dem Bartresen und hielt ihn für den Kneipenmann sichtbar in die Luft. Ich war immer der Meinung, die Leute sollen ruhig sehen, dass sie es mit einer solventen Person zu tun haben und sich nicht um die Bezahlung sorgen müssen. Dann erzählte ich ihm, warum ich nicht allein, sondern in Begleitung des Apparates bei ihm aufgetaucht war. Das ich gerade eben beim Elektrohändler gegenüber die Glotze kaufte. Der kleine, alte, außerordentlich dürre Mann, dessen Arme mit allerlei, teilweise kaum erkenntlichen Tätowierungen übersät waren, ließ seinen Blick lange auf meiner neuen Errungenschaft weilen. Ich versuchte in dieser Zeit aus seinen Tätowierungen schlau zu werden. Es war für mich eine obskure Ansammlung von vertrockneten Blumen, eingeschrumpften Köpfen, Äxten, Fäusten und so etwas wie ein Motorrad, was auf die Hälfte seiner Originalgröße gefaltet war. Hätten seine Tätowierungen sprechen können, wären ihre Worte wahrscheinlich gewesen: „Wir sterben!“ Und ich dachte immer, damals zumindest, dass diese Bildchen für Knast, Mord und Totschlag stehen sollen. Bei ihm war es eindeutig nicht der Fall oder es lag schon sehr lange zurück. Der Kneipenmann machte schließlich eine lapidare Handbewegung, die mir signalisierte, dass wohl alles in Ordnung wäre. Ich rutschte auf einen Barhocker hoch und der Wirt begann für mich das erste Bier zu zapfen. Er wirkte ausgesprochen klapprig und seine Hände zitterten beim Volllaufenlassen des Glases. Sein Gesicht war so eingefallen, dass sowohl seine Wangen, als auch seine Schädelknochen deutlich hervortraten. Unter seinen Augen hingen Falten, die fast bis zur Mitte seine Hakennase reichten und an seinem Kopf hing graues schulterlanges strähniges Haar, was ihm regelmäßig ins Gesicht fiel. Geschah dies, schob er es nicht einfach beispielsweise hinter die Ohren, er versuchte es dann aus seinem Gesicht zu pusten oder es mit einem heftigen Kopfzucken aus seinem Blickfeld zu bekommen. Vielleicht gehörte er in früheren Zeiten tatsächlich einer Rockerbande an, nur kam irgendwann wohl der Zeitpunkt, als er seine Maschine nicht mehr aufrecht halten konnte und so fand er seinen nächsten Lebensinhalt eben hier in dieser Spelunke.
„Der Dicke da drüber verkauft meistens nur Mist. Ich hatte selbst mal einen Fernseher hier für meine Kneipe bei ihm gekauft, war ein echter scheiß Apparat, hab ich ihm wieder zurück in seinen scheiß Laden gestellt. Alles Scheiße.“
Soviel Scheiße ist natürlich nicht so schön, hoffentlich werde ich mehr Glück mit meiner neuen Kiste haben, hoffte ich kurz in mich hinein.
„Nun ja, er hat die Kiste angeschaltet und sie lief prächtig, alle Programme, alle in Farbe, mit DDR1 und 2, ohne Farbe natürlich. Ich meine, ich bin doch kein Idiot, der vorsätzlich kaputten Scheiß kauft.“
Der kleine Mann schaute kurz grimmig zu mir hoch und zapfte dann regungslos mein Bierglas voll. Ich schaute mich in seiner Kneipe um, außer mir war niemand da. Ich saß ganz allein am Tresen und zu allem Überfluss auch noch direkt am Zapfhahn dem kleinen tätowierten Mann gegenüber. Eigentlich mochte ich es hin und wieder mit einem Wirt ins Gespräch zu kommen. Man konnte über vieles reden, über Wirtschaftsprognosen, den aktuellsten Raubüberfall im Viertel oder einfach nur etwas Geplauder über den letzten Kirmesbesuch. Doch mit ihm war es etwas anderes. Sowas spürt man. Er hatte einen linkischen, wenig vertrauenserweckenden Blick. Ich überlegte kurz, ob es nicht besser wäre, mich auf einem Hocker am äußersten Rand seiner Theke niederzulassen, doch dazu war es zu spät. Nicht nur, dass er es natürlich bemerkt hätte, er hätte es mir wahrscheinlich auch krumm genommen. Ich hätte mich auch, vollkommen unbeabsichtigt natürlich, mit jedem Bier langsam von einem Platz zum nächsten hinüber schieben können, aber das erschien mir zu aufwendig und ich hätte es im Laufe des Nachmittages sowieso irgendwann wieder vergessen. So war ich im schlimmsten Fall dazu verdonnert mit ihm auch noch zu reden, aber er machte Gott sei Dank keinen sonderlich redseligen Eindruck. Ich erkannte, dass er mich nicht mochte, genauso wenig wie ich ihn, und ich hoffte, er würde mangels Kundschaft irgendwie noch andere Beschäftigungen finden. Beispielsweise seine Aschenbecher putzen oder die Musikbox anwerfen.
Er stellte mir mein erstes Bier vor die Nase. Es gab kleine 0,2l Gläser für eine Mark. Es war die Zeit der kleinen Biere für kleines Geld. Es war gut so. Ich nahm große Schlucke und der erste verdampfte sofort im Mund. Der Rest kam unten an. Ich hatte schlagartig einen sitzen. Ich fühlte mich um einiges besser und hatte das Leben wieder in mir, was ich mochte. Meine Wahrnehmung war allerdings noch gut in Takt. Der Wirt glotzte immer wieder hinüber zu meinem Apparat. Der Typ führte was im Schilde, soviel konnte ich erkennen. Der Typ führte richtig was im Schilde, soviel wurde immer klarer. Er malte sich in seinem tätowierten Gehirn irgendetwas aus. Ich sah ihm beim Denken zu und seine umhertanzenden Blicke zwischen meiner Glotze, mir und seinem Laden sagten mir, dass er auf meinen Fernseher aus war. Ich überlegte mir nun, ob achtzig Mark ein passabler Preis für mich wäre. Er wäre. Ich bestellte ein zweites, vorgezapftes Bier, und trank, ohne dass nur ein Tropfen verdampfte. Mein Gehirn begann zu wabern. Auch gut. Was für ein Tag, ging mir durch den Kopf. Eben gerade noch der aschbärtige, riesige Fettklops, der mit einen halben Huni abgeknöpft hatte, jetzt dieser verschrumpelte Hahn, dem ich meinen Apparat zum Doppelten verkaufen werde. BWL für Fortgeschrittene, dachte ich. Ich konnte es doch. Feilschen und so, obwohl wir beim Feilschen ja noch gar nicht angekommen waren. Dann überraschte mich der Kneipenmann mit ungeahnter Freundlichkeit, denn er lächelte mich an. Zwar etwas merkwürdig, aber es war eine Art Lächeln. Sogleich verschob sich sein Lächeln in ein Grinsen, kein vertrauensvolles Grinsen, eher etwas wie ein Arschlochgrinsen. Wer so grinst, will was. Soll er doch, ich hatte meinen Preis, jetzt waren es schon Hundertzwanzig. Nur, trotz meiner kleinen Preisspirale, nun war ich bereits bei Hundertfünfzig angelangt, blieb eins in mir hängen. Ich misstraute diesem Kerl. Innerlich nannte ich ihn schon den „Schweinehund“.
„Lass uns mal gucken, ob die Kiste auch wirklich richtig läuft, stell mal rüber auf´n Tisch.“, schlug er mir vor und grinste dabei unverhohlen aus seinem knochigen, durchlebten Gesicht. Was sollte ich schon dagegen haben? Die Idee erschien mir sogar sinnvoll. Wer kaufen will, darf vorher ruhig testen. Bei mir war es doch vor einer Stunde beim Dicken nicht anders. Wer kauft schon tote Katzen. Ich willigte ein, zog den Schaum vom dritten Bier ein und wischte den Rest quer übers Gesicht. Ich schob den Hund samt Apparat in Richtung der Gästetische, der Chef dirigierte mich auf genau einen Tisch, auf dem mein Gerät Platz nehmen sollte. Er kam hinter seiner Theke hervor, griff so fest er konnte mit zu, und wir hievten das Teil hoch. Der Kneipenmann hatte mehr Kraft, als ich dachte und nicht nur das, der Kerl hatte mehr Kraft, als ich aufbringen konnte. Vorsicht war geboten und Wachsamkeit, sofern ich das noch hinbekommen könnte. Die Tischdecke zerknüllte sich unter der Glotze, ein voller Aschenbecher fand sich auf der Sitzbank wieder, aber mein TV machte dort, wo er stand, einen guten Eindruck. Wir gingen ein paar Schritte zurück, er ruckelte noch ein wenig wegen der Feinjustierung der Position und wir stützten beide zufrieden die Arme an unsere Hüften. Es war Zeit für ein nächstes Bier, ich bestellte, untermalt mit einem freudigen Händeklatschen. Ich trank und bereute meine merkwürdige Überschwänglichkeit, die natürlich nur den Bieren geschuldet war. Ich kannte diesen Typen nicht, misstraute ihm und war drauf und dran, dass mir die Situation hier entglitt. Mit jedem verdammten Schluck. Und ich schluckte. Und wie ich schluckte. Jetzt hämmerte ich mir ein: „Pass auf, Ronny! Pass richtig auf! Pass auf den Schweinehund auf!“ Wir glotzten beide auf den stummen TV-Apparat. Noch blickten wir auf einen grauen Bildschirm, in dem sich zwei Typen in der reflektierenden Sonne spiegelten. Unsere Blicke suchten sodann die Fernbedienung, die ich auf der Glasscheibe der Musikbox abgelegt hatte. Ein paar flinke Schritte vom Kneipenchef und schon schnappte er sich das Teil. Er stellte sich zu mir zurück und begann mit gekonntem Tastendrücken der Flimmerkiste erste Zuckungen einzuhauchen. Ich konnte diese Zuckungen sogar im Inneren durch die seitlichen Luftschlitze am hinteren Teil des Kolosses sehen, sozusagen am Arsch des Apparates. Aus einem kleinen Punkt in der Bildschirmmitte wuchs rasant ein komplettes farbliches Bild in alle Richtungen bis zum Rand, bis es nicht mehr weiterging. Das Schauspiel erinnerte mich an den Helm eines Außerirdischen, der bei Aktivierung durch die Kreatur, seine Oberfläche von dunkelgrau auf geißelnd blaues Licht änderte. Doch so beeindruckend sich meine Flimmerkiste auch gab, mein Gehirn klopfte jetzt sehr massiv bei mir an: „Ronny, verdammt nochmal, pass doch auf! Was ist, wenn er längst heimlich seiner Rockerbande Bescheid gegeben hat. Sie klauen dir den Apparat, verschleppen dich an den Stadtrand und lassen dich da verdursten! Reiß dich zusammen, Ronny!“ Ich musste meinen Blick schärfen und hoffte, mein Gehirn würde mich nicht im Stich lassen. Ich trank verdurstet auf nüchternen Magen und war längst angeschossen. Ich versuchte mich besser zu konzentrieren und sah, wie der Kneipenmann immer wieder auf die Tasten drückte. Die Programme schossen uns in einem wechselnden Flackern von Bildern und Farben nur so um die Ohren. Die Farborgie half ihm vielleicht dabei, mich kirre zumachen, mir nützte sie beim drohenden Kontrollverlust wenig. Er ließ dann ein Programm laufen, es war wohl Regionales, und wir sahen einen Bericht über einen Raubüberfall aus unserem Bezirk vom Vortag. Na denn. Unaufgefordert bekam ich das nächste Bier, trank es und mein Gehirn meldete sich wieder: „Trink ruhig Ronny, trink ruhig, aber komm morgen nicht an und erzähle mir, irgendetwas wäre schief gelaufen!“ Die ganze Angelegenheit hatte jetzt wenigstens einen Vorteil. Die Glotze lief und wir schauten stumm TV. Der Kneipenmann spülte dabei seine Gläser und gaffte immer mal auf seine billige Wanduhr, die hinter ihm hing. Wir hatten genug Ablenkung und waren nicht gezwungen miteinander zu reden. Es war genau drei Uhr nachmittags, als der Kneipenmann die Lautstärke der Glotze hochdrehte und dies war, wie ich später noch bemerken sollte, kein Zufall. Kurz nach drei änderte sich die Situation komplett. Ein Trupp von zehn Halbstarken betrat die Kneipe. Einige waren, wie ich, mehr oder weniger angetrunken, andere waren schon ziemlich besoffen. Es war eine Bande. Keine Gang. Auch keine Rotzlöffel oder so etwas. Eine Bande jugendlicher Schläger. Sie drehten ein paar Runden in der Kneipe, rempelten mich im Vorbeilaufen dabei in ihrer höflichen Art ein paar Mal an und ließen sich dann an einem großen Tisch nieder, auf dem am Tischende meine Glotze stand. Bei allem was die Halbstarken bis zu diesem Zeitpunkt taten, sie taten es unsäglich laut. Sie blökten und grölten unkontrolliert in alle Richtungen der Kneipe hinein. Einer schrie mir sogar direkt ins Gesicht. Es sollte wohl etwas wie „Pass auf!“ gewesen sein, war mir aber nicht sicher, da es eher wie „Aaas aufff!“ klang. Diese vollkommen neue Lage bewirkte in jedem Fall eines in mir. Ich wurde wach und fast nüchtern und konzentriert. In einer Kneipe als alleiniger Gast mit einer Horde von Kleinkriminellen eingepfercht zu sein, ließ aber auch eine ganze Menge Furcht in mir aufkommen. Furcht, die zur Situation passte. Diesmal. Die Bande bemerkte sofort meinen Apparat und natürlich war es so, dass sie dachten, die Glotze gehört zur Kneipe. Dem Kneipenmann, nicht Ronny Luschke. Jede Bande hat einen Anführer. Auch diese hatte einen. Dieser Bursche drückte sich vom Tisch in die Höhe, zeigte auf den Apparat und schlug sich dann mehrmals auf die Brust. Er zeigte nochmals mit langem Arm auf den Fernseher und schaute wieder in die Runde seiner Bande, freudig, aber auch fordernd und mit einer gewissen Angriffslust. Es wirkte fast absurd komisch, da er aussah wie der Eingeborene aus einer King Kong Verfilmung, der die weiße Frau zur Opfergabe an den großen Kong einforderte. Ja, so sah es ungefähr aus. Die Rolle der weißen Frau wurde an diesem Nachmittag durch meine Glotze ersetzt. Dann brüllte der Anführer, fast schon euphorisch, den Kneipenmann an. Bei seinem krächzenden Ausstoß schlug er so vehement auf den Tisch, dass die Aschenbecher einen kurzen Satz in die Luft machten.
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