Читать книгу: «Sky-Navy 06 - Der letzte Pirat»
Michael Schenk
Sky-Navy 06 - Der letzte Pirat
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1 Rendezvous
Kapitel 2 Das Feld der Hoffnung
Kapitel 3 Das Versteck
Kapitel 4 Schwierige Verhandlung
Kapitel 5 Unerwartete Ankunft
Kapitel 6 Schnell und hart
Kapitel 7 Aussichten
Kapitel 8 Tödliche Überraschung
Kapitel 9 Rauch am Horizont
Kapitel 10 Das „Weiberschiff“
Kapitel 11 Die Invasoren
Kapitel 12 Unter fremder Herrschaft
Kapitel 13 Im Rausch liegt Wahrheit
Kapitel 14 Ausbruch der Gewalt
Kapitel 15 Reduzierte Möglichkeiten
Kapitel 16 Abstecher
Kapitel 17 Überlegungen
Kapitel 18 Das Signal der Hoffnung
Kapitel 19 Ein spontaner Notfallplan
Kapitel 20 Unter Quarantäne
Kapitel 21 Zweifel
Kapitel 22 Unter Tarnung
Kapitel 23 Mit der eigenen Waffe
Kapitel 24 Der Lauscher an der Wand
Kapitel 25 Drohende Gefahr
Kapitel 26 Die „roten Flecken“
Kapitel 27 Chaos
Kapitel 28 Eine einzige Chance
Kapitel 29 Ein Ende mit Gewalt
Kapitel 30 Ausklang
Kapitel 31 Ankündigung
Kapitel 32 www.sky-navy.de
Impressum neobooks
Kapitel 1 Rendezvous
Sky-Navy 6
Der letzte Pirat
Military Science Fiction
von
Michael H. Schenk
© M. Schenk 2017
Commercial Ship C.S. Glennrose
Die C.S. Glennrose gehörte zu jenen mittleren Frachtern welche unentwegt zwischen den besiedelten Welten pendelten. Die großen Frachter, die eine Länge von über zwei Kilometern erreichen konnten, wurden in Modulbauweise konstruiert. Bug und Heck waren relativ klein und beinhalteten alle erforderlichen Räume und Einrichtungen für die Besatzungen und Maschinen, während das Mittelteil aus einem kilometerlangen Trägersystem bestand, in dem die genormten Container verankert werden konnten. Solche Frachter waren nicht dafür gedacht, jemals auf einer Oberfläche zu landen und sie nutzten die Zubringerdienste planetarer Shuttles.
Die Glennrose gehörte hingegen zu jenen Schiffen, die für planetare Landungen geeignet waren. Aus diesem Grund zeigte ihr Rumpf eine schlanke und aerodynamische Form. Von der Seite ähnelte der Frachter einem flach gedrückten Zylinder mit scharfer Spitze. Von oben betrachtet erkannte man die ausladenden Tragflächen mit den mächtigen Atmosphäretriebwerken. Sie ermöglichten den Flug innerhalb einer Lufthülle und, bei Umlenkung der Triebwerke, den senkrechten Start und die senkrechte Landung. Auf den meist bescheidenen Raumhäfen der kleinen Kolonien war dies ein unschätzbarer Vorteil.
Der Rumpf der Glennrose schimmerte silbern. Entlang der Seiten zog sich ein breiter roter Längsstreifen, unterbrochen vom Logo von „Richter Tradings“. Dies war eine Gesellschaft, die sich auf den Handel mit den kleineren Kolonien spezialisieret hatte, für welche sich die großen Konzerne mit ihren gewaltigen Schiffen noch nicht interessierten. Der Hauptrumpf besaß fast zweihundertdreißig Meter Länge, eine Höhe von zwanzig und eine Breite von dreißig.
Raumfrachter transportierten Waren und Menschen, brachten den Kolonien, was diese benötigten und nahmen deren Produkte auf, um sie dem interstellaren Handel zuzuführen.
Die Glennrose hingegen transportierte den Tod.
Wenn man die ungefähre Position, Kurs und Geschwindigkeit eines Raumschiffes kannte und zudem über leistungsfähige Scanner und Sensoren verfügte, dann war es durchaus möglich, es in den Weiten des Weltalls zu entdecken. An ihm anzudocken gelang nur unter der Voraussetzung, dass beide Schiffe ihren Flug absolut anglichen. Ein Raumschiff gegen den Willen der Besatzung zu entern war praktisch unmöglich. Schon geringste Änderungen von Kurs oder Geschwindigkeit verhinderten ein Anlegen zuverlässig. Die Besatzung musste also einverstanden sein oder vor der Drohung durch Waffengewalt kapitulieren. Die zuverlässigste Methode, dass sie das Entern nicht verhinderte war allerdings immer noch, ihr die Fähigkeit dazu zu nehmen.
Captain Skeet Anderson, offiziell der Kommandant des harmlosen Frachters und inoffiziell Fightain der schwarzen Bruderschaft der Piraten, bevorzugte die Handlungsunfähigkeit einer Besatzung, besonders wenn diese durch ihr vorzeitiges Ableben bewirkt wurde.
Im Falle der Sailing Queen hatte diese Methode offensichtlich hervorragend funktioniert.
Ein Agent der schwarzen Bruderschaft hatte sich auf ihr eingeschifft und den Flugplan des interstellaren Kreuzfahrtschiffes an die Glennrose übermittelt. Das Piratenschiff konnte sich bequem auf die Lauer legen und auf sein Opfer warten, denn die C.S. Sailing Queen hatte Fracht und Passagiere an Bord. Immer mehr Touristen leisteten sich einen Ausflug zwischen die Sterne. Die Sehenswürdigkeiten des Weltraums und ferner Planeten lockten. Andere waren Siedler, auf dem Weg in die neue Heimat oder unterwegs zu Besuchen oder um Handel zu treiben.
Für Captain Skeet Anderson und die Bruderschaft war ein solches Schiff ein lohnendes Ziel. Die Fracht und die Besitztümer der Menschen lockten, zudem gab es wertvolle technische Geräte an Bord und, vor allen Dingen, einen Nullzeit-Sturzantrieb, der mit den kostbaren Hiromata-Kristallen betrieben wurde.
Lange Zeit hatte man sich mit dem Cherkov-Überlichtantrieb begnügen müssen, mit dem die Reise zwischen den Sternen immer noch Wochen, Monate oder sogar Jahre dauerte. Die meiste Zeit verbrachte man in den Kryo-Schlafkammern und es gab nur wenige Menschen, welche dies auf sich nahmen, um zu einer fernen Welt zu reisen. Die Entdeckung von Professor Hiromata, über die Eigenschaften des nach ihm benannten Kristalls, hatte die Raumfahrt revolutioniert. Jetzt erforderte die Reise zu den entferntesten Zielen nur noch sechzehn Stunden und diese Zeitspanne war erforderlich, um das Schiff auf Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen, dabei den Hiromata-Sturzantrieb aufzuladen, das Ziel zu erreichen und an diesem wieder abzubremsen. Man benötigte keine Kälteschlafkammern mehr, nicht einmal umfangreiche Vorräte. Ein bequemer Aufenthaltsbereich und ein paar sanitäre Einrichtungen genügten für den komfortablen Transfer. Selbst kleine Raumschiffe konnten mit dem Hiromata ausgerüstet werden, sofern genug Kristalle zur Verfügung standen. Doch die Funde waren selten und das Direktorat, die Regierung der geeinten Menschheit, achtete sorgfältig auf eine möglichst gerechte Verteilung.
An Bord der Sailing Queen befanden sich Menschen, die sich ein wenig Zeit hatten nehmen wollen, um die Reise zwischen den Sternen zu genießen und die nicht ahnen konnten, dass es ihre letzte sein sollte.
Captain Skeet Anderson saß in seinem Kommandosessel in der Zentrale seines Schiffes. Sie befand sich im Bug, es gab jedoch keine Direktsicht durch Glaselemente und man beschränkte sich auf die Übertragungen der Außenkameras, die ein natürliches dreidimensionales Bild an die Holoschirme und Monitore übermittelten. Rechts des Schiffes lag ein Sternennebel, dessen sanftes Leuchten den Raum erhellte. Anderson genoss den Anblick und hatte auf jegliche Lichtdämpfung verzichtet. Er hielt sich für einen Ästheten und liebte schöne Dinge, auch wenn er bezüglich seinen Mitmenschen jegliche Skrupel vermissen ließ. Vor dem Leuchten des Nebels war ein winziger Punkt zu sehen. Man musste sehr scharfe Augen haben, um ihn zu erkennen. Dieser Punkt war die Sailing Queen, der die Glennrose nun schon seit etlichen Stunden folgte und der sie sich nun langsam annäherte.
Anderson war sich sicher, dass der Agent zu seiner vollsten Zufriedenheit gearbeitet hatte, aber die Bestätigung hierfür fehlte noch. Solange sie nicht eintraf, musste man alles verhindern, was die Besatzung des anderen Schiffes hätte misstrauisch machen können. Die Glennrose war offiziell als Frachter mit einer dreißigköpfigen Mannschaft registriert und flog tatsächlich immer wieder Handelsstützpunkte an, um dort Waren anzubieten. Es war nicht nur eine gute Tarnung, sondern auch der wichtigste Informationsquell. Auf diese Weise traf man sich mit den Agenten der Bruderschaft. Agenten, die zudem hochqualifizierte Mörder waren. Das galt auch für den Mann, der sich in der Freihandelszone von Kelly´s Rest auf die Sailing Queen eingeschifft hatte. Dennoch ließ seine Erfolgsmeldung auf sich warten.
Skeet Anderson trommelte mit den Fingern ungeduldig auf die Armlehne seines Sessels. „Noch immer nichts von Kresser?“
Der diensthabende Funker schüttelte den Kopf. „Nein, Captain. Möglicherweise ist sein Funkgerät gestört. In der Nähe der Sternenwolke gibt es eine Menge Hintergrundstrahlung.“
„Die keinen Einfluss auf den Funk hat“, wandte der Erste Offizier, Susan Horn, ein. „Aber natürlich kann sein Gerät einen Defekt haben. Die Geräte unserer Agenten sind ja sehr klein, kompakt und leider störanfällig.“
Sie alle trugen die roten Overalls von Richter Tradingss, mit dem großen Firmenlogo am Ärmel. Richter war für eine Disziplin berüchtigt, die es sonst an Bord ziviler Frachter nicht gab. Kaum jemand im Direktorat ahnte allerdings, dass die Besatzungen von Richter die Kaperschiffe der schwarzen Bruderschaft bemannten.
Captain Anderson ließ die Bemerkung über die Störanfälligkeit der kleinen Funkgeräte im Raum stehen. Eigentlich war die Ausstattung der Agenten sehr robust und zuverlässig, aber natürlich musste man Kompromisse eingehen, da sie nicht entdeckt werden durften. Man konnte also eine Beschädigung nicht ausschließen. „Navigator, seien Sie so freundlich und vergrößern Sie die Sailing Queen auf Stufe Zehn.“
Der winzige Punkt des anderen Raumschiffes wurde rasant vergrößert und schwebte nun im Zentrum eines der rechten Bildschirme. Das interstellare Kreuzfahrtschiff besaß viel Ähnlichkeit mit einem jener Schiffe, die einst die Meere der Erde befahren hatten, nur dass man den unteren Rumpf abgetrennt und zwei obere Rumpfteile spiegelverkehrt aufeinander gesetzt zu haben schien. Die Sailing Queen war ein Traum aus Tri-Stahl und jenem transparentem Material, welches man nicht umsonst als Klarstahl bezeichnete. Viele der Sichtluken und Panoramascheiben waren erleuchtet, Positionslichter blitzten und am Heck glühte bläulich das Cherkov-Überlichtgitter.
„Eine Schönheit, Captain“, meinte Susan Horn. „Mit allen Annehmlichkeiten, welche die moderne Raumfahrt bieten kann. In einigen Sportbereichen und einem der Schwimmbäder kann man die Schwerkraft abstellen. Auch auf zwei der Tanzflächen.“ Die hübsche Blondine lachte leise. „Ist bestimmt lustig, wenn ihr Captain einmal vergisst, ein Flugmanöver anzukündigen.“
Für einen Moment stellte sich Skeet Anderson vor, wie einige Passagiere in der Schwerelosigkeit vom Einsetzen der Schwerkraft eines Kursmanövers betroffen wurden. Ja, das war eine durchaus interessante Phantasie. „Eine amüsante Vorstellung“, sagte er leise, „und es spricht für gute Vorbereitung, wenn Sie die Werbeholos für die Sailing Queen studiert haben, aber…“ Seine Stimme wurde noch sanfter. „Aber ich würde es begrüßen, wenn Sie sich mehr auf die Arbeit konzentrieren würden, Eins-O.“
Die Frau errötete. „Es ist meine Pflicht, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, Captain“, protestierte sie. „Immerhin gehen wir an Bord des Schiffes und müssen seine Räumlichkeiten kennen.“
Anderson lachte auf. „Gut gekontert, Erste. Ich hoffe, unser Enterkommando ist ebenfalls entsprechend vorbereitet.“
Offiziell verfügte das Schiff nur über eine Besatzung aus dreißig Männern und Frauen, doch in Wahrheit hielten sich zweihundertsiebenundachtzig Mannschaftsmitglieder an Bord auf. Die allermeisten waren gründlich ausgebildete Soldaten der schwarzen Garde. Ihre Aufgabe war allerdings weniger der Kampf, als vielmehr die gründliche Suche nach Beute und deren rasche Bergung.
„Captain!“ Der Pilot hob die Hand. „Blitzer am Ziel!“
Anderson und Horn konzentrierten sich auf die Sailing Queen. Dann sahen sie ebenfalls das rhythmische Blinken. Es musste von einem starken Laser stammen, da es die übrigen Lichter überstrahlte.
„Kresser… ZK7… QQD!“, las der Funker mühelos die Morsezeichen. „Blinkmeldung von Agent Kresser, Captain. Zoe-Krant-7 eingesetzt. Mission erfolgreich.“
„Bestätigt“, stimmte Anderson zu, der die Zeichen ebenso kannte. „Pilot, bringen Sie uns bitte längsseits.“
„Bestätigt, Captain. Gehe längsseits.“
Die Triebwerke der Glennrose flammten kurz auf und das Schiff schwebte seinem Ziel entgegen. Obwohl mit keiner Gegenwehr zu rechnen war und das unglückliche Touristenschiff auch keinen Notruf hatte absetzen können, ging Anderson keinerlei Risiko ein. Die verborgenen Waffenstationen waren besetzt. Scanner und Sensoren tasteten den umgebenden Weltraum aufmerksam ab.
Es dauerte knappe zwei Stunden, bis beide Schiffe längsseits lagen. Von der Glennrose flogen Ankerkabel zum weißen Rumpf der Sailing Queen. Da in diesem Fall die Magnete nicht genutzt werden konnte, wurden die Klebeköpfe der Kabel verwendet. Ihre Kleber verbanden sich mit dem Schiff und konnten später wieder gelöst werden. Metallene Teleskopstangen fuhren aus dem Rumpf des Piratenschiffes, deren Enden mit federnden Polstern versehen waren. Sie gaben sanft nach, als sie gegen die Sailing Queen stießen. Die Trossen spannten sich vorsichtig, bis die Rümpfe fast aneinander stießen.
„Anker sitzen, Captain“, meldete der Pilot.
„Schleusenverbindung herstellen und verriegeln“, ordnete Anderson an. „Eins-O, übernehmen Sie bitte die Brücke. Ich gehe selbst hinüber.“
Susan Horn salutierte enttäuscht, während der Pilot die Verbindung zur Sailing Queen herstellte. Der Schlauchförmige Verbindungsgang entfaltete sich langsam. Die Passagierschleuse des interstellaren Kreuzfahrtschiffes lag im äquatorialen Hauptdeck, wo sich einer der beleuchteten Panoramagänge entlang zog. Durch die Verglasung waren einige reglose Körper am Boden zu erkennen. Susan sah seufzend auf die Toten. Sie hätte gerne selber an der Plünderung teilgenommen, aber es war das Vorrecht des Captains, zu entscheiden, wer ging.
„Wie viele waren an Bord?“, fragte der Funker leise.
Die blonde Frau erinnerte sich an die Daten, die Agent Kresser genannt hatte. „Knapp 250 Mannschaften und 673 Passagiere.“
„Hoffentlich hat Kresser sie wirklich alle erwischt“, brummte der Pilot.
„Zoe-Krant-7 ist ein extrem effektives Nervengas“, antwortete sie. „Er hat es in die Luftversorgung gegeben. Die Sensoren der Zivilschiffe zeigen das Zeug nicht an. Es ist sehr schnell und mit menschlichen Sinnen nicht feststellbar. Die waren innerhalb einer Viertelstunde alle tot.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Wer es einatmet, der hat noch dreißig Sekunden. Bei Kindern und Babys geht es natürlich schneller.“
Der Pilot presste unmerklich die Lippen aufeinander. Er schien der Einzige zu sein, der so etwas wie Skrupel empfand.
Skeet Anderson traf inzwischen im großen Frachtraum der Glennrose ein. Die 240 Männer und Frauen des Enterkommandos warteten bereits. Im Gegensatz zur offiziellen Besatzung trugen sie keine roten Firmenoveralls, sondern die schwarzen Uniformen der Garde. Da man keinen Widerstand zu erwarten hatte, beschränkte sich die Bewaffnung auf Messer und Pistolen. In einigen großen Taschen befand sich Spezialwerkzeug, um Safes und Panzertüren aufzubrechen.
Die Gardisten standen stramm, als Anderson vor sie trat. Ein lauter Hall war zu hören, als sich der Schlauchförmige Schleusengang der Glennrose gegen die Passagierschleuse der Sailing Queen presste und dort verriegelte. Atemluft wurde hinein gepumpt.
Anderson wandte sich an die Gardisten. „Jeder hat die Schiffspläne und die Passagierlisten mit den Identifikationsdaten auf seinem Armband-Computer. Sucht unter den Toten nach jenen, von denen wir Iris-Scans, Finger- oder Handabdrücke benötigen. Trupp Eins geht mit mir in den Frachtraum, die dortigen Frachtstücke durchsuchen. Die Liste des Frachtmeisters der Queen haben wir ja. Trupp Zwei geht mit Fightenant Clegg in den Maschinenraum und baut die Hiromata-Kristalle aus. Prime-Sergeant Ondret und seine Gruppe durchsuchen die Toten und die Räumlichkeiten. Nur die wirklich wertvollen Sachen. Verschwendet eure Zeit nicht mit Plunder.“ Er machte eine kurze Pause. „Ich erwarte schnelles und reibungsloses Vorgehen. Zwar hat die Queen keinen Notruf absetzen können, aber dies ist eine reguläre Handelsroute und ich will nicht, dass uns ein anderes Schiff oder sogar ein Kreuzer der verfluchten Sky-Navy stört. Unterführer, übernehmen Sie Ihre Einheiten. Trupp Eins, folgen.“
Skeet Anderson trat an den Öffnungsmechanismus der Schleusenverbindung und vergewisserte sich, dass diese unter Druck stand. „Und noch eins: An Bord gibt es einen Überlebenden. Das ist Kresser, unser Mann. Ich wünsche nicht, dass man ihn versehentlich erschießt.“
Es gab Gelächter, dann glitt das Schott auseinander. Sie eilten durch den Verbindungsgang und als sich die gegenüberliegende Schleuse öffnete, erschien dort ein einzelner Mann.
Kresser salutierte vor Anderson. „Ich habe mit dem Nervengas gewartet, bis es Zeit für das Dinner war“, berichtete er. „Die meisten Passagiere findet ihr daher in den Messen und dem Bordrestaurant. Ich dachte mir, das erspart euch eine Menge herumsuchen.“ Kresser langte in die Tasche seines modischen Anzugs. „Die Schlüsselkarte des Captains, Mister Anderson.“
Skeet Anderson klopfte dem Mörder anerkennend auf die Schulter. „Gut gemacht. Begleiten Sie mich, Kresser. Ihre Ortskenntnis ist mir von Nutzen.“
Die Piraten der schwarzen Bruderschaft fielen wie ein Schwarm Hornissen über das Schiff und seine Toten her. Die Männer und Frauen kannten ihre Aufgaben und hielten sich eisern an Andersons Anweisungen. Keiner störte sich an den Hunderten von Leichen beiderlei Geschlechts und jeden Alters. Sie waren abgestumpft, wenn sie denn je Gewissensbisse empfunden haben mochten, denn inzwischen hatten sie schon mehrere Schiffe auf diese Weise aufgebracht und geentert.
Sie raubten den Toten nur solche Wertsachen, die sich gut an jene Händler verkaufen ließen, die nicht sonderlich nach der Herkunft fragten. Die richtige Beute lagerte in den Transportbehältern des Frachtraums. Hochwertige technische Geräte und die leistungsstarken Tetroniken, welche die Bruderschaft nicht selbst herstellen konnte. Kompakt und extrem schnell, hatten diese Computer in fast allen Steuerungen und Datensystemen Einzug gehalten. Ihre Herstellung war aufwändig und kompliziert, so dass die Piraten sie nicht selbst produzieren konnten. So stahlen sie, was für sie verwendbar war.
Die größte Beute waren die Hiromata-Kristalle im Maschinenraum der Sailing Queen. Für Fightenant Clegg und seine Gruppe war es unkompliziert, sie auszubauen. Abgesehen von den mächtigen Speicher- und Steuerstangen des Antriebs, die man getrost zurücklassen konnte, bestand der Antrieb aus einem knapp zwei Kubikmeter großen Würfel, in dem sich die wertvollen Kristalle und die Justiervorrichtung befanden. Man trennte den Antrieb von der Energieversorgung, kappte dann die langen Stangen mit brachialer Gewalt vom Würfel und begann mit dem Abtransport.
„He, Captain, Sie werden nicht glauben, was ich hier habe“, kam unvermittelt eine Stimme über das Headset von Anderson. „Ich bin hier im Schwimmbereich. Da paddelt eine Frau in der schwerelosen Wasserkugel herum. Hat ein Atemgerät auf und wohl noch gar nicht mitbekommen, was passiert ist.“
„Wer meldet?“, fragte Anderson mit ruhiger Stimme.
„Gardist Wadun, Sir“, kam die verlegene Antwort. Der Mann spürte offensichtlich, dass er einen Fehler begangen hatte.
„Schön, seien Sie so freundlich, Gardist Wadun, und tun Sie Ihre Pflicht“, forderte Anderson und schaltete auf die Kommandofrequenz um, während irgendwo im Schiff eine ahnungslose Frau starb. „Prime-Sergeant Ondret, der Gardist Wadun gehört zu Ihrer Gruppe? Ja? Sergeant, der Mann ist zögerlich in der Ausübung seiner Pflicht. Ich erwarte, dass Sie ihn ermahnen. Sie sind autorisiert, ihm zehn Hiebe mit der Neuro-Peitsche zu geben.“
Der Unterführer neben Anderson verkniff sich einen Kommentar. Gardist Wadun war selber Schuld, dass er nun die Peitsche zu spüren bekam. Er hätte die Frau sofort und ohne Kommentar töten müssen. Der Mann musste sein Versäumnis auch noch brühwarm dem Captain auf die Nase binden.
Ein Schiff wie die Sailing Queen zu plündern war eine Mammutaufgabe. Selbst für ein so starkes Enterkommando nahm es viel Zeit in Anspruch, die Räume zu durchsuchen. Anderson blickte immer wieder auf seine Uhr. Als die Meldung von Clegg kam, dass sich der Hiromata an Bord der Glennrose befand, öffnete er die allgemeine Frequenz. „Achtung, wir beenden die Operation. Alle zurück an Bord. Sub-Sergeant Pfizer, Sie programmieren den Autostart auf dreißig Minuten.“
Überall kam Bewegung in die Gardisten. Dreißig Minuten war nicht viel Zeit, wenn man aus den entlegenen Räumen rechtzeitig zurück an Bord der Glennrose gelangen wollte.
Sub-Sergeant Pfizer war mit zwei Gardisten auf der Brücke der Sailing Queen. Er ignorierte das qualvoll verzerrte Gesicht des dortigen Rudergängers und stieß den Toten aus dem Pilotensitz, um selber darin Platz zu nehmen.
Einer seiner Begleiter öffnete die Abdeckung der Hauptkontrollkonsole und verband ein kleines Gerät mit einem der internen Anschlüsse. „Überbrückung steht, Sarge.“
Pfizer nickte und ließ die Hände über die Kontrollen gleiten. „Bestätige Sicherheitsüberbrückung. Okay, die Daten werden überspielt. Alles klar, verschwinden wir von hier, bevor es heiß wird.“
Die Drei waren die Letzten, welche die Glennrose wieder betraten. Anderson gab den Befehl abzulegen. Die Anker lösten sich, die Verbindung wurde eingefahren und die Glennrose entfernte sich unter dem Schub der seitlichen Düsen. Dann flammten die Triebwerke beider Schiffe auf, die sich mit hoher Geschwindigkeit voneinander entfernten.
Viele Piratenkapitäne ließen die Beute nach dem Plündern einfach treiben, aber Skeet Anderson wollte dem Direktorat so wenige Spuren wie möglich hinterlassen. Man konnte keinen Reaktorunfall simulieren, da die modernen Reaktoren auf Fusionsbasis arbeiteten. Brachen die Magnetfelder des Plasmas zusammen, dann gab es auch keine Fusion mehr. Eine Sprengung wiederum hinterließ Spuren, die durch Sensoren entdeckt werden konnten. Aus diesem Grund ließ Anderson die Steuerung der Sailing Queen derartig manipulieren, dass sie Kurs auf die nächste Sonne nahm. Vielleicht wurde sie vorher entdeckt, aber das Risiko war vertretbar.
Die C.S. Glennrose schien nun wieder ein harmloser Frachter und schwenkte auf eine der Handelsrouten ein.
Skeet Anderson vergewisserte sich, dass alles in seinem Sinne ablief und übernahm wieder das Kommando auf der Brücke. Er ließ sich einen gekühlten Wein aus den ehemaligen Beständen der Sailing Queen reichen, schlug die Beine übereinander und entspannte. Eher unbewusst strich er über den eigentümlichen Bart, den er sich stehen ließ. Ein schmales Oberlippenbärtchen, kombiniert mit einem Kinnbart, der kaum zwei Zentimeter breit, jedoch fünf Zentimeter lang war und dem Kopf eines Pinsels ähnelte.
Agent Kresser stand neben ihm und betrachtete scheinbar nachdenklich die geschäftigen Männer und Frauen der Brückenbesatzung.
Anderson runzelte die Stirn. Er kannte Kresser von einigen früheren Kaperfahrten. Nach Abschluss einer Mission war der Agent normalerweise recht gesprächig, da die Anspannung von ihm abfiel. Diesmal war der Mann jedoch ungewöhnlich schweigsam. „Was ist los, Kresser? Sie machen einen unzufriedenen Eindruck, dabei ist der Job doch gut gelaufen.“
„Kelly´s Rest ist heiß geworden, Mister Anderson.“ Der Agent legte Wert darauf zu betonen, dass er außerhalb der militärischen Hierarchie stand und Anderson ihm keine direkten Befehle erteilen konnte.
Dessen Gesicht nahm einen leicht unwilligen Ausdruck an. „Raus mit der Sprache, Kresser. Was ist los?“
„Nun, Sie wissen ja, dass die Navy vor einiger Zeit in der Freihandelszone von Kelly´s Rest aufgeräumt hat. Dabei wurde auch unsere Basis auf dem Mond vernichtet. (Anmerkung des Autors: Siehe „Sky-Troopers 3 – Piraten!“) Danach kehrte wieder Ruhe ein, obwohl die Sicherheitsleute des alten Patriarchen Kelly natürlich sensibilisiert sind und die Augen jetzt weit offen halten.“ Kresser´s Lächeln wirkte ein wenig unglücklich. „Ich entkam den Nachforschungen, da meine Tarnung funktionierte und es keinerlei Hinweise auf mich gab. Aber es wird immer schwieriger, an Daten von Schiffen und Ladelisten zu gelangen. Kurz vor meinem Abflug mit der Sailing Queen tauchte auch noch ein Schiff des verdammten Sky-Marshal-Service auf. Wenn diese SMS-Cops auftauchen, dann wird es Zeit zu verschwinden. Irgendetwas geht vor sich, Anderson.“
Der Captain nippte an seinem Glas und überlegte. „Hm. Mag sein. Ich habe das Gefühl, dass der interstellare Verkehr im Augenblick etwas weniger intensiv ist.“ Anderson trommelte mit der freien Hand auf die Seitenlehne. „Pilot, seien Sie so freundlich und gehen Sie auf konstante Fahrt. Gleichen Sie die Flugdaten mit dem Funker ab. Funker, nehmen Sie bitte Verbindung mit unserer Basis auf Hiveen-5 auf.“
Neben dem normalen Funk gab es auch den Überlicht-Funk, mit dem Bild und Ton übertragen werden konnten. Doch ebenso wie beim Überlichtantrieb benötigte auch seine Übertragung eine deutliche Zeitspanne, die Monate betragen konnte. Auch hier ermöglichten die Hiromata-Kristalle eine Kommunikation ohne Zeitverlust. Allerdings war der Strahl des Nullzeitfunks sehr eng gebündelt und man konnte, ähnlich dem alten Morseverfahren, nur kurze und lange Impulse übermitteln. Ein Schiff während des Fluges zu erreichen, war nahezu unmöglich, es sei denn, es teilte seine exakte Position und die Flugdaten mit, so dass der Hiromata-Funkstrahl ihm folgen konnte. Daher nahm in der Regel das Schiff die Kommunikation mit einer stationären Stelle auf und übermittelte die erforderlichen Flugdaten, so dass eine Verständigung zustande kam.
Der Funker berechnete die Position der Basis auf Hiveen-5, sandte in Morsezeichen die Identifikation des Schiffes, seine Koordinaten, die Geschwindigkeit und den Kurs. Dann wartete er auf den Kontakt. Nach wenigen Minuten schüttelte er den Kopf. „Nichts, Captain. Hiveen antwortet nicht.“
Für einen Moment verengten sich Skeet Andersons Augen. „Versuchen Sie es nochmals.“
„Schon geschehen. Nichts.“
Die Finger trommelten auf die Seitenlehne. „Rufen Sie eine der anderen Basen. Einer unserer Kreise muss sich ja melden.“
Erneut verstrichen Minuten, denn der Funker musste erst die Positionsdaten der Zielstation aufrufen und mit den Flugdaten der Glennrose synchronisieren. „Negativ. Ich habe zwei Basen gerufen und keine von ihnen reagiert.“
„Das ist kein gutes Zeichen“, meldete sich Susan Horn zu Wort, die bislang geschwiegen hatte. „Captain, ich schlage vor, dass wir eine der Bojen anfunken.“
„Funker, Sie haben den Ersten Offizier gehört.“
„Sir.“ Die Bruderschaft der Piraten hatte in den Außensektoren des von Menschen besiedelten Gebiets eine Reihe von Bojen ausgebracht. Ihre Sensoren zeichneten Schiffsbewegungen auf und die Piraten hofften auf diese Weise, jene Schiffe aufzuspüren, die auf dem Weg waren, eine neue Kolonie zu gründen. Ein solches Kolonistenschiff aufzubringen versprach reiche Beute, da die Siedler alles mit sich führten, was zur Gründung einer neuen Kolonialwelt erforderlich war. Diese gut getarnten Bojen dienten zugleich als „Briefkasten“ für die Piratenschiffe, die sich auf diese Weise untereinander koordinieren konnten, wenn sie in den verschiedenen Sektoren auf Kaperfahrt waren.
„Captain, ich habe Kontakt zu einer Boje. Da kommt eine Nachricht rein. Oh, die ist ziemlich lang. Wird eine Weile dauern.“
Anderson verbarg die Erleichterung, dass man überhaupt einen Kontakt erhalten hatte. „Geben Sie mir den Klartext, sobald die Nachricht beendet und entschlüsselt ist. Ah, übermitteln Sie mir die Nachricht in meine Kabine.“ Skeet Anderson spürte, dass etwas Bedeutsames vor sich ging. Er tippte an sein Headset. „Offiziersbesprechung in meiner Kabine in dreißig Minuten.“ Er sah Susan Horn an. „Alle Offiziere. Der Pilot übernimmt so lange die Brücke. Kresser, Sie kommen ebenfalls mit.“
Die Kabine des Captains lag im vorderen Drittel des Schiffes und war relativ großzügig bemessen, da sie auch für Besprechungen genutzt wurde. Anderson verfügte daher über eine Mischung aus Büro und Wohnraum, an den sich ein Schlafgemach und eine Dusche anschlossen. Unter den doch beengten Verhältnissen an Bord durchaus ein Luxus. Da Richter Tradingss ein offiziell registriertes Handelshaus war und zu Zwecken der Tarnung auch Handel betrieb, war das Quartier des Captains ursprünglich eher spartanisch eingerichtet. Anderson hatte es jedoch ganz nach seinem Geschmack ergänzen lassen. Die Wände und die Decke waren mit Holz verkleidet. Der metallene Boden war vollständig mit einem Teppich aus der Wolle von Marsrindern ausgelegt. Die Stühle und die einzelne Couch hatte er nachträglich mit Leder beziehen lassen. Der Schreibtisch und der kleine Tisch der Sitzgruppe bestanden ursprünglich ebenfalls aus Metall, doch Anderson ließ die ursprünglichen Tischplatten gegen polierte Teile der Panzerung eines Sandkrebses von Hiveen-5 ersetzen. An den Wänden standen ein schmaler Hochschrank und ein Standregal, in dem der Captain einige Kunstwerke aufbewahrte, deren Verkauf auf dem Schwarzmarkt zu riskant gewesen wäre.
Anderson hieß Horn und Kresser, in der Sitzgruppe Platz zu nehmen und setzte sich an die Workstation seines kleinen Schreibtisches. Während er auf die Datei des Funkers wartete, traten die übrigen Männer und Frauen ein, die auf dem Schiff als Offiziere eingesetzt wurden, selbst wenn sie diese militärische Funktion eigentlich nicht inne hatten.
Die blonde First-Fightenant Susan Horn war sein Erster Offizier und als Eins-O seine Stellvertreterin im Kommando. Anderson schätzte ihre Zuverlässigkeit und ihre Talente im Bett, wobei er wusste, dass er letztere Qualitäten mit diversen Männern und Frauen der Crew teilte. Es störte seine Eitelkeit nicht, denn auf diese Weise gelangte die hübsche Frau immer wieder an Informationen, von denen er als Captain auf offiziellem Wege nichts erfuhr.
Fightenant Clegg war ein dunkelhaariger Hüne. Er befehligte die Kampfabteilung der Glennrose. Ein guter Gardist, aber Anderson vermutete, dass der Mann ein wenig zu viel Ehrgeiz besaß. Er schien sich hervortun und bewähren zu wollen, um die Karriereleiter empor zu steigen. Er trat nach unten und zeigte sich nach oben hin dienstbeflissen. Anderson war ein Mann, der Härte und Disziplin zu schätzen wusste, aber Schikane konnte jeden guten Gardisten verderben. Es gab Offiziere, die sich derart unbeliebt machten, dass sie im Gefecht von hinten getroffen wurden. Clegg war immerhin brauchbar genug, so dass Anderson ihm dieses Schicksal möglichst ersparen wollte. Ondret war der Mann, der Clegg gelegentlich in Andersons Sinn ausbremste.
Prime-Sergeant Ondret fungierte in der offiziellen Besatzungsliste der Firma Richter als Lademeister, war aber zugleich ein sehr fähiger Regiments-Unteroffizier. Stämmig, wortkarg und immer bereit. Er war es, der für Disziplin sorgte und sie lieber mit seinen prankenartigen Fäusten, als mit der Neuro-Peitsche durchsetzte.
Sub-Sergeant Pfizer war fraglos der Spezialist an Bord, der über den Wert technischer Beute entschied. Ein hagerer Mann mit asketischen Gesichtszügen. Seine tief in den Höhlen liegenden Augen wirkten unheilvoll und düster. Ein kompetenter Mann mit wenig Humor.
Maschinen-Ingenieurin Tara hatte viele Liebhaber, jedoch nur eine Liebe: Die Maschinenanlage der Glennrose. Ihr unterstanden im Gefecht die Schadenkontrollteams.
Sloan war der Proviantmeister. Er jonglierte vorzüglich mit den verfügbaren Mitteln und schaffte es, die Verpflegung an Bord vielseitig und schmackhaft zu gestalten. Er leitete die Küche und schwang dort selbst gerne den Löffel. Sein Humor war gelegentlich ein wenig bissig, aber er hatte ein besonderes Vertrauensverhältnis zur Mannschaft. Gab es Unstimmigkeiten, so wandte man sich in der Regel an ihn, damit „die Suppe nicht nach oben kochte“ oder Ondret einschreiten musste.
Es gab noch eine Reihe von Sergeants und Corporals an Bord, die jedoch nicht zum kleinen Führungsstab des Schiffes gehörten.
Anderson, Horn und Tara trugen, wie die offizielle Besatzung, die roten Firmenoveralls. Dass die anderen die schwarzen Uniformen der Bruderschaft trugen, hatte seinen Sinn. Jeder, der eine solche Uniform trug wusste, dass er beim Besuch eines Raumhafens oder einer Station von der Bildfläche zu verschwinden hatte. Sie konnten nicht, wie die offiziellen „Firmenangestellten“, den Vergnügungsangeboten nachgehen, was hin und wider Murren hervorrief, auch wenn die Männer und Frauen die Notwendigkeit anerkannten. Ihre Entschädigung erfolgte, wenn das Schiff in einer Basis der schwarzen Bruderschaft ankerte.
Anderson hörte das leise Summen, als die Datei endlich eintraf und rief sie auf seinem Holoschirm auf. Er hatte diesen so eingestellt, dass die anderen nicht mitlesen konnten, denn er wollte sich erst sein eigenes Bild vom Inhalt der Nachricht machen. Der Funker behielt recht. Es war eine lange Nachricht und ihr Inhalt schwerwiegend. Skeet Anderson musste sich anstrengen, um äußerlich seine Ruhe zu bewahren.
Nachdem er die Nachricht nochmals gelesen hatte, musterte er unter halb geschlossenen Lidern die Anwesenden. Er wog die Konsequenzen der Informationen ab und wie die Besatzung darauf reagieren mochte. Es würde Probleme geben. Die entstanden immer, wenn man auf eine Gemeinschaft eingeschworen war, die es plötzlich nicht mehr gab. Auf jeden Fall durfte sein eigener Status nicht in Zweifel gezogen werden. Anderson zog unauffällig eine Schublade seines Schreibtisches auf und entnahm ihr sein liebstes antikes Stück: Eine alte Derringer-Pistole, die Bleiprojektile verschoss. Es war nicht einfach gewesen, die Munition für die kleine Waffe zu beschaffen, doch dafür ließ sie sich hervorragend unter der Manschette seines Overalls oder notfalls in der Handfläche verbergen.
„Die Nachricht, die wir über die Boje erhalten haben, ist von immenser Bedeutung für uns alle“, eröffnete er. Anderson erhob sich hinter seinem Schreibtisch, trat aber nicht in die Gruppe, sondern lehnte sich an die Kante des Möbels, da er von dort alle gleichzeitig im Blick behalten konnte. „Die Sky-Navy des Direktorats hat unsere Hauptbasis auf Hiveen-5 angegriffen. Unsere Kampfflotte wurde vernichtet oder aufgebracht und Hiveen von den Sky-Troopern des Feindes besetzt.“ Er sah das Erschrecken in den Gesichtern und fuhr mit harter Stimme fort. „Die Kreise der schwarzen Bruderschaft haben den Befehl, sich sofort aufzulösen. Alle Stützpunkte werden aufgegeben und geräumt, die Einrichtungen zerstört. Alle Kaperschiffe haben die Anweisung, sämtliche Aktivitäten mit sofortiger Wirkung einzustellen.“ Er warf einen Blick auf Kresser, der mit ausdruckslosem Gesicht dasaß. „Das gilt ebenso für alle Verbindungsleute und Agenten der Bruderschaft. Hinweise, die auf unsere Spur führen könnten, sind zu beseitigen.“ Ein erneuter Blick zu Kresser. „Das gilt auch für unzuverlässige Kontakte.“
In der Kabine herrschte betroffenes Schweigen, bis Kresser mit ganz ruhiger Stimme sprach. „Ich habe so etwas geahnt und keine losen Enden hinterlassen.“
Der Agent hatte also alle Verbindungsleute, die gefährlich werden konnten, umgebracht. Noch bevor der offizielle Befehl erfolgt war. Anderson bewunderte die Vorsicht und das Gespür des Agenten, andererseits hätte dieser sonst wohl auch nicht so lange überlebt.
Tara und Sloan sahen Kresser schockiert an. „Sie haben die Kontakte abgebrochen?“
„Und mich in die Registratur von Kelly´s Rest gehackt und dort alle Daten über die Glennrose gelöscht“, erklärte der Agent. Er sah Anderson lächelnd an. „Natürlich verschafft uns das nur einen Zeitaufschub. Beim nächsten Abgleich, mit dem Zentralregister des Direktorats auf dem Mars, werden die Dateien natürlich wieder hergestellt und wahrscheinlich gibt es auch ein paar Leute, die sich an die Besuche der Glennrose in der Freihandelszone erinnern können, aber jeder Zeitgewinn ist kostbar.“
„Dem stimme ich zu.“ Anderson erwiderte das Lächeln.
„Moment, was hat das zu bedeuten?“, fragte Proviantmeister Sloan.
„Das wir verschwinden müssen“, antwortete Anderson mit harter Stimme. „Und zwar schnell und endgültig.“
„Ich protestiere.“ Clegg war normalerweise nicht der Mann, der sich so weit aus dem Fenster lehnte und sich gegen eine Entscheidung des Captains stellte. „Selbst wenn Hiveen von der Sky-Navy genommen wurde, so bedeutet das ja nicht, dass alle Kreise und Stationen unserer Bruderschaft…“
„Die Befehle in der Nachricht sind eindeutig“, unterbrach Susan Horn.
„Und von wem wurden sie autorisiert?“, erregte sich Clegg.
„Eine solche Nachricht kann nur mit der Bestätigung eines Ersten der Kreise in eine Boje eingespeist werden“, wandte Ingenieurin Tara ein. „Welcher der Ersten das war, spielt keine Rolle.“
„Ach, und was sollen wir nun tun?“ Clegg sah die Anwesenden herausfordernd an. „Heißt das jetzt etwa, dass die Bruderschaft nicht mehr existiert?“
„Genau das“, bestätigte Skeet Anderson. „Sie ist aufgelöst und wir sind jetzt de facto Heimatlos und auf uns selber gestellt.“
„Also arbeiten wir künftig auf eigene Rechnung“, brummte Prime-Sergeant Ondret.
„Kann man so sagen.“ Anderson seufzte. „Wobei wir uns natürlich erst über unser künftiges Vorgehen im Klaren sein müssen. Wir werden unsere Aktivitäten im Raum vorläufig einstellen.“ Er straffte seine Haltung. „Es wäre zu gefährlich, die Aufmerksamkeit der Sky-Navy oder der Sky-Marshals zu erregen, indem weiterhin Schiffe verschwinden. Wir haben nun keine starke Organisation mehr im Rücken und auch keine Basis, zu der wir uns zurückziehen könnten. Wie ich schon erwähnte, sind wir auf uns alleine gestellt.“
„Nun, Sir, Sie sind sicherlich der Captain dieses Schiffes“, begann Clegg zögernd, „allerdings hat mich die Bruderschaft als kommandierender Offizier der Gardisten autorisiert. Da die Garde den weitaus größten Anteil der Besatzung…“
Clegg kam nicht weiter. Zwei Weichbleikugeln zerschmetterten seine Stirn. Teile der Schädeldecke, Blut und Hirnmasse spritzten über einen Teil der Polster und des Bodens.
„Es wäre höchst unangemessen, Zweifel an meiner Autorität zu hegen“, sagte Anderson mit ruhiger Stimme.
„Natürlich“, stimmte Ondret zu.
„Aber mussten Sie ihn gleich erschießen, Captain?“, seufzte Susan Horn.
„Nein, das musste ich nicht“, gab Anderson zu. „Aber in diesem Fall war es nützlich. Es lässt keinen Zweifel daran aufkommen, wer das Sagen an Bord hat.“
„Leder und Wolle“, brummte Sloan. „Haben Sie eine Ahnung, Captain, wie schwer sich daraus solche Flecken entfernen lassen?“
Der Angesprochene fragte sich einen Moment, ob Sloan diese Bemerkung wirklich ernst meinte. Der hob beschwichtigend die Hände. „Wie Ondret schon sagte, es ist Ihr Schiff, Captain, und wir sind Ihre Besatzung.“
Die anderen nickten und vermieden es, die sterblichen Überreste anzusehen.
„Da Clegg´s Position vakant geworden ist, übertrage ich dessen Aufgaben an Prime-Sergeant Ondret. Ansonsten bleibt alles unverändert. Ondret, Sie sorgen mit Nachdruck dafür, dass die Gardisten bei der Stange bleiben. Machen Sie ihnen klar, dass es keine Alternative gibt. Das Direktorat wird jeden Einzelnen von uns über die Klinge springen lassen, wenn man unserer habhaft wird.“ Anderson steckte die Waffe, in deren Kammern noch zwei Schuss bereit waren, in die Tasche seines Overalls. Er unterdrückte einen Fluch, denn er hatte nicht an die Hitze des Metalls gedacht, die durch die Schüsse entstanden war. „Sie müssen sich über ein paar Dinge im Klaren sein: Wir waren Teil einer riesigen Organisation, in deren Schutz wir uns notfalls zurückziehen konnten. Diese Organisation existiert nicht mehr. Wir alle waren durch den Schwur auf unsere Gemeinschaft verbunden. Dieser Schwur ist nun hinfällig, denn es gibt die Gemeinschaft nicht mehr. Wir sind allein und wir müssen eine Lösung für unsere Probleme finden. Mister Kresser, ich gehe davon aus, dass die Sky-Marshals sich wohl um Richter Tradings kümmern werden.“
„Darauf können Sie Gift nehmen.“ Kresser lächelte, als er die Anspielung auf sein tödliches Handwerk sah. „Ich weiß, worauf Sie hinauswollen… Wir haben keine Möglichkeit mehr, uns in einer der Niederlassungen von Richter neu zu versorgen.“
„Da die Glennrose zudem offiziell ein Schiff von Richter Tradings ist, entfällt für uns auch die Möglichkeit, an einer Freihandelsstation anzulegen. Wenn in den Medien erst berichtet wird, dass Richter die Tarnung einer Piratenorganisation war, dann werden sich die Händler förmlich überschlagen, uns bei Sichtung an die Navy zu verraten.“ Anderson trommelte mit den Fingern auf die Kante des Schreibtisches. „Ich habe keinen Zweifel, dass wir es mit einem Navy-Kreuzer aufnehmen können, doch die Navy hat viele Kreuzer. Ein altes Sprichwort besagt, dass viele Hunde des Hasen Tod bedeuten.“
Proviantmeister Sloan nickte. „Wir brauchen einen Stützpunkt, Captain.“
Skeet Anderson sah in die Runde. „Genau das ist der Kern der Sache. Wir brauchen einen Stützpunkt, wo wir uns versorgen und unser Schiff äußerlich ein wenig verändern können. Und wo wir Zeit haben, Gras über die Sache wachsen zu lassen. Vorschläge?“
„Auf einem Handelsstützpunkt fänden wir alles, was wir auf absehbare Zeit benötigen“, schlug Ingenieurin Tara vor.
Susan Horn schüttelte prompt den Kopf. „Ein Handelsstützpunkt wird immer wieder von Schiffen angeflogen. Man würde uns ziemlich schnell auf die Spur kommen und dann hätten wir die Sky-Navy am Hals.“
„Wir könnten irgendwo landen, unser Schiff mit anderen Farben und einem neuen Logo versehen, und dann als harmloser Händler auf einer Kolonialwelt erscheinen“, meinte Sloan.
„Zu unsicher“, wandte Kresser ein. „Es gibt nicht viele Frachter mit der typischen Form der Glennrose, die für eine Atmosphärelandung geeignet sind. Alle Daten der Glennrose, zumindest die offiziell bekannten, befinden sich im zentralen Schiffsregister des Direktorats auf dem Mars. Das bedeutet, dass jeder Raumhafen und jede Station diese Daten mit dem nächsten Update wieder empfängt. Das Risiko, dass wir erkannt werden, ist zu hoch.“
„Trotzdem hat Mister Sloan nicht ganz Unrecht.“ Anderson strich unbewusst über sein Oberlippenbärtchen. „Eine Kolonie wäre ein gutes Versteck. Aber es müsste eine sehr kleine Kolonie sein, die wir mit unseren paar Leuten hundertprozentig kontrollieren können. Am Besten eine, die erst neu gegründet wurde und noch nicht in den interstellaren Handel eingebunden ist, weil sie noch keine Waren zu bieten hat.“
Susan Horn lachte leise. „Bei der derzeitigen Kolonisationswelle dürfte es kein Problem sein, so eine Kolonie zu finden. Seit der Einführung des Nullzeit-Antriebs gibt es doch jede Menge Spinner und Abenteurer, die sich eine eigene kleine Welt suchen.“
„Ausgezeichnet, Erste“, lobte Anderson. „Seien Sie doch so freundlich, und suchen Sie in unserer Datenbank nach einem geeigneten Objekt.“
Kapitel 2 Das Feld der Hoffnung
Greenland-Kolonie, Farm außerhalb der Hauptstadt Sanktum
Es gab immer wieder Menschen, die der Tatsache überdrüssig waren, wie sehr ihr Leben von der Technik bestimmt und von ihr abhängig war. Die es nicht schätzten, dass intelligente Haushaltsgeräte und andere Hilfsmittel über alle Einzelheiten ihres Privatlebens informiert waren und dies nutzten, um Dienstleistungen noch zielgerichteter an den Kunden zu bringen. Diese Menschen waren nicht unbedingt Technikverweigerer, doch sie standen ihr mit Skepsis gegenüber und fragten sich, ob grenzenloser Service denn unbedingt die Aufgabe des Privatlebens wert sei. Vor Beginn der interstellaren Raumfahrt war es nahezu unmöglich gewesen, sich der Allgegenwart der Technik zu entziehen, doch nun, im Zeitalter des Hiromata-Nullzeitantriebs, war dies anders.
Die Gruppe der sogenannten „Greener“ waren keineswegs Sektierer, welche Technik mit fanatischem Eifer verurteilten, doch sie wollten ein Leben führen, in dem sie selbst bestimmten, wie viel Technik sie zuließen. John Winkler, Begründer der Greener-Bewegung, konnte ein paar hundert Menschen für seine Idee begeistern, eine eigene Welt zu finden und zu besiedeln. Immer mehr bewohnbare Planeten und Monde wurden beim Direktorat registriert und den Greenern gelang es, die Rechte an einer kleinen erdähnlichen Welt zu erhalten. Man konnte nicht genug Geld aufbringen, um ein richtiges Kolonistenschiff zu erwerben, daher mieteten die Greener eines der für Nullzeit ausgerüsteten FLVs, die im Privatbesitz waren und die als Shuttles zwischen den Sternen hin und her eilten. Die „Fast Landing Vehicles“ waren für die Sky-Navy und ihre Sky-Trooper als schnelle Landungsboote entwickelt worden. Inzwischen waren viele aus dem Dienst ausgemustert und für zivile Zwecke umgerüstet worden. Eines dieser fünfzig Meter langen Raumboote brachte die Greener zu ihrer neuen Welt. Zwanzig Flüge waren erforderlich, um die neuen Kolonisten, ihre Ausrüstung und ihre Vorräte, auf die Oberfläche zu bringen. Mit dem letzten Pendelflug verschwand das FLV am Himmel und würde für lange Zeit das letzte Raumfahrzeug sein, welches die Greener zu Gesicht bekamen.
John Winkler und seine Gemeinschaft tauften ihre Welt auf den naheliegenden Namen „Greenland“ und die Stadt, die sie hier gründeten, „Sanktum“. Für sie alle sollte dies der Neubeginn einer selbstbestimmten Existenz sein, in der sie mit der Natur und nicht gegen sie leben würden.
Es war das sechste Jahr der Besiedelung und Farmer Bernd Rau ging mit langsamen Schritten zwischen den Furchen seines Ackers entlang. Er gehörte zu jenen Kolonisten, die etwas vom Ackerbau verstanden. Der Ursprung seiner Familie lag im ehemaligen Nationalstaat Europa auf der alten Erde, die man aufgrund der Umweltzerstörungen hatte verlassen müssen. Inzwischen erholte sich der geschundene Planet, aber die Menschheit fand ihre neue Heimat auf dem Mars und in fernen Sternensystemen. Es gab keine Bestrebungen die Erde erneut zu besiedeln. Doch das Wissen von der alten Erde war erhalten geblieben, vor allem in der Familie von Bernd Rau, dessen Vorfahren bis zuletzt die „Früchte der Erde“ aus den Krumen der Äcker geholt hatten. Aus Böden, die längst ausgelaugt waren und kaum noch Ertrag brachten.
Der Boden auf Greenland war fruchtbar. Bernd hatte ihn mit seinen eigenen Sinnen geprüft. Die dunkle Erde in der Hand gehalten, sie zwischen den Fingern zerkrümelt, daran gerochen und sie geschmeckt. Es war guter Boden, bestens geeignet um Feldfrüchte zu ziehen.
Die Greener begingen nicht den Fehler planetenfremde Arten einzuführen. Sie lebten die ersten Jahre von ihren mitgebrachten Vorräten und studierten währenddessen die Pflanzen- und Tierwelt der neuen Heimat. Der Planet war von einem Forschungsschiff des Direktorats kartiert und einem Wissenschaftlerteam untersucht worden. Bei dieser Expedition waren keine gefährlichen Krankheitserreger entdeckt worden, aber die Tier- und Pflanzenwelt hielten einige Gefahren bereit. Da jedoch atmosphärische Zusammensetzung und Luftdruck den menschlichen Erfordernissen entsprachen und man keine intelligenten Bewohner entdeckte, gab man den Planeten zur Besiedlung frei.
Die Greener mussten ihre neue Welt nun im Detail erkunden. Notgedrungen beschränkten sie sich zunächst auf einen relativ kleinen Bereich, denn ihre Mittel waren begrenzt. Vor allem galt es festzustellen, welche Pflanzen und Tiere nutzbar oder gefährlich waren. Auch wenn die Anhänger von John Winkler mit der Natur leben und möglichst wenig Technik benutzen wollten, so waren sie doch längst keine Narren. Sie besaßen ein kompaktes Hochleistungslabor, eine Reihe tragbarer Analysegeräte und neben diversen Werkzeugen auch zwei Dutzend wirksamer Waffen.
Die Greener lernten auf die harte Tour, dass die Beeren des Braan-Strauches sehr schmackhaft waren, die Berührung der Blätter hingegen eine üble allergische Reaktion auslöste. Die gefährlich aussehenden Scheck-Bären erwiesen sich als scheu und harmlos, die niedlichen Fellschleicher hingegen als gefährliche und angriffslustige Plage. Als mehrere Kinder von Rudeln angegriffen wurden, warfen die Siedler einen ihrer Grundsätze über Bord und rotteten die Tiere in der Umgebung von Sanktum ohne Erbarmen aus.
Eine dem Rind ähnliche Rasse erwies sich als Glücksfall. Die Tiere besaßen vier schlanke Vorderläufe und ein paar muskulöser Hinterbeine, dazu ein einzelnes Horn auf der Stirn, welches sich in sechs unregelmäßige Enden teilte, an denen man die einzelnen Individuen einer Gruppe gut unterscheiden konnte. Die Herdentiere ließen sich willig domestizieren, waren Lieferanten eines milchähnlichen Saftes, vorzügliche Zug- und Gespanntiere und lieferten, in den seltenen Fällen ihrer Schlachtung, ein vorzügliches Fleisch.
Der Schwerpunkt der Ernährung beruhte jedoch eindeutig auf pflanzlicher Basis und hier stießen die Greener auf ein unerwartetes Problem. Zwar gab es eine ganze Reihe guter Vitaminträger, doch es fehlte dem menschlichen Organismus ein Enzym, um sich diese Vitamine nutzbar zu machen. Das Labor lieferte ein Nahrungsergänzungsmittel, doch das konnte nur eine vorübergehende Lösung sein, denn die Kolonie sollte ja wachsen und die Kapazitäten zur künstlichen Herstellung des Enzyms waren beschränkt.
Bernd Rau hoffte zu der endgültigen Lösung beizutragen. In einer der wöchentlichen Versammlungen, die es in der Stadthalle der Siedlung gab, hatte Doktor Rickles erklärt, dass die Braunbeere das erforderliche Enzym beinhaltete, wenn auch in sehr bescheidenem Ausmaß. Diese Information rief gemischte Gefühle hervor. Erleichterung, dass es eine natürliche Quelle des Enzyms gab und zugleich Enttäuschung, denn ausgerechnet die Braunbeere hatte einen ausgeprägt widerlichen Geschmack.
Bernd hatte sich der ältesten Methode der Genmanipulation erinnert, die so viele Jahrhunderte auf der Erde praktiziert wurde: Das Pfropfen. Dabei wurde der Stamm einer Pflanze eingekerbt und der Trieb einer anderen an jene Stelle eingefügt, in der Hoffung, das beides miteinander verwuchs und ein Hybrid entstand, der Eigenschaften beider Pflanzen in sich vereinte. Auf der Erde waren so zahllose Obst- und Kartoffelsorten entstanden.
Bernd hatte vor zwei Jahren die Triebe von Braunbeeren mit jener Kartoffelsorte kombiniert, die auf Greenland heimisch war. Im vergangenen Jahr brachte er die erste kleine Ernte ein. Die von ihm benannte „Bertoffel“ war kein Genuss, löste beim Essen aber wenigstens keinen spontanen Brechreiz aus. Er war somit auf dem richtigen Weg und so hatte er bei der letzten Aussaat eine dritte Pflanze hinzugefügt.
Jetzt stand die diesjährige Ernte unmittelbar bevor und der Farmer inspizierte den Acker, auf dem seine Hoffnung beruhte, mit freudiger Erwartung und zugleich Skepsis. Bernd bückte sich und betastete die kleinen Erhebungen innerhalb einer der Furchen. Die Kolonie brauchte die Vitaminfrucht als wichtige Nahrungsergänzung und er wiederum brauchte die Einnahmen aus dem Verkauf. Vor einigen Tagen hatte er ein paar der ersten reifen Exemplare an das Labor der Stadt geschickt und rechnete jederzeit mit den Ergebnissen.
Er richtete sich seufzend auf und warf einen Rundblick über seine kleine Farm, die ein Stück außerhalb von Sanktum lag.
John Winkler hatte eine fast zweihundert Kilometer durchmessende Ebene zur Gründung von Sanktum ausgewählt. Es gab zwei große Flüsse und mehrere Bachläufe, ausgedehnte Wälder und weite Ebenen, die sich für Ackerbau und Viehzucht eigneten. Vor allem jedoch gab es ein ringförmiges Gebirge, mit nur wenigen Schluchten und Pässen, die eine Verbindung zum Rest des Planeten herstellten. Wahrscheinlich lag die Siedlung inmitten eines Vulkankraters, der vor Millionen von Jahren entstanden und inzwischen aufgefüllt war. Ein natürlicher Wall und Schutz, denn noch wusste man nicht genau, welche Gefahren die neue Welt zu bieten hatte. Die Stadt lag in der Nähe des westlichen Gebirgsrandes.
Bernd Rau hatte die Farm rund zwanzig Kilometer westlich von Sanktum angelegt. An einem ganz sanft ansteigenden Hang, der fast den gesamten Tag über Sonne garantierte. Bernd war dankbar für die Wahl der Lage der Stadt, denn mit vulkanischem Boden vermischte Erde war stets besonders fruchtbar.
Die Farm bestand aus dem kleinen Haus für die kleine Familie, einer großen Scheune für die Geräte und einem auf kurzen Säulen stehenden langgestreckten Silo für die eingebrachte Ernte. Wie auf vielen anderen Welten bewährte sich der „Hochbau“ auf Stelzen, der auf Greenland mit gebrannten Ziegeln durchgeführt wurde. Auf diese Weise wurden manche Nager und einige der teilweise faustgroßen Insekten von Greenland daran gehindert, sich an den Erträgen der Farm gütlich zu tun. Einen weiteren Schutz vor Schädlingen boten ausgerechnet die Beeren des Braan-Strauches oder vielmehr deren Saft. Vermied man den direkten Kontakt mit den allergieauslösenden Früchten und verrieb ihren Saft an den Ziegeln der stützenden Unterbauten, so wirkte dieser offensichtlich abschreckend.
Die Gebäude auf Greenland standen allesamt auf diesen kurzen Stützen und verfügten daher über keine Kellerräume. Auf den Ziegeln lag eine Platte aus Plas-Beton, über welcher dann der eigentliche Bau aus Holz errichtet war. Die einzigen Bauwerke mit Räumen zu ebener Erde waren bislang die Rettungs- und die Polizei-Wache der Constables. Vielleicht würde sich dies ändern, wenn man eine zuverlässige Abschreckung für alle Schädlinge entdeckt hatte.
Bernd Rau hatte, wie alle Siedler auf Greenland, großzügig und für die Zukunft geplant. Die Kolonie sollte wachsen und musste dies auch, sollte sie überlebensfähig sein. Knapp eintausend Menschen waren auf dem Planeten gelandet und innerhalb von nur fünf Jahren war ihre Zahl auf fünfzehnhundert angewachsen. Einige der Frauen waren schon während der Ankunft schwanger gewesen, doch die weiblichen Siedler waren, gegenüber den männlichen, noch immer deutlich in der Unterzahl. Die Gemeinschaft war sich daher früh darüber im Klaren gewesen, dass für die nähere Zukunft nur die Drei-Ehe in Frage kam. Die meisten Frauen hatten daher einen Erst- und Zweit-Ehemann. Bernd war der Erst-Ehemann seiner Frau Kara und daher im besonderen Maße für sie verantwortlich. Er genoss das Privileg sie als seine Frau bezeichnen zu können und den Alltag mit ihr zu verbringen, womit er dafür Sorge tragen musste, dass sie und ihre Kinder ein Zuhause und eine gute Versorgung besaßen. Bernd und Kara hatten einen gemeinsamen Sohn, Jake, und Kara war erneut schwanger, diesmal allerdings mit dem Kind des Zweit-Ehemannes Raul. Entsprechend war das Haus für künftige Kinder geplant und diesen das gesamte Dachgeschoss vorbehalten.
Die drei Gebäude standen im offenen Geviert, die Öffnung dem Tal und der Stadt zugewandt. Man konnte Sanktum nicht direkt sehen, da ein Waldstück dazwischen lag, aber jenseits der Bäume stiegen an einigen Stellen dünne Rauchfahnen empor. Viele Siedler kochten und heizten noch mit Holz, da es derzeit noch nicht genug Solar- und Windkraftanlagen gab. Die beiden Getreidemühlen am Ufer des kleinen Flusses, der an Sanktum vorbei floss, nutzten hingegen die Wasserkraft und speisten den überzähligen Strom in das Netz der Siedlung.
Bernd störte es nicht, dass Kara das Kind eines anderen Mannes unter dem Herzen trug. Es war eine absolute Notwendigkeit, denn ohne genetische Vielfalt würde es in der Kolonie rasch zu degenerativen Problemen kommen. Die Greenlander verfügten daher zusätzlich über eine genetische Bank mit einigen zehntausend Samenspenden, auf die man gegebenenfalls zurückgreifen konnte. Die meisten besaßen jedoch eine gewisse Affinität gegenüber künstlicher Befruchtung und bevorzugten, wohl auch aus gewissen angenehmeren Gründen, die natürliche Zeugung. Da die Gemeinschaft die Regeln hierfür schon auf dem Mars festgelegt hatte, gab es bislang keinerlei Unstimmigkeiten.
Der Farmer sah zur Veranda des Hauses hinüber. Kara, deren Bauch sich schon sichtlich rundete, hing dort Wäsche auf. Der siebzehnjährige Jake machte Handreichungen und wirkte ein wenig genervt. Bernd wusste dass sein Sohn sich mit einigen Freunden treffen wollte, doch die Arbeit auf der Farm und die Hausarbeit gingen vor. Wie ungeduldig Jake war, erkannte Bernd an der Tatsache, dass er seinen Gehgürtel bereits umgeschnallt hatte.
Kein Greenlander verließ das Haus ohne diesen breiten Gürtel, an dem sich ein Erste-Hilfe-Set, ein einfaches Funksprechgerät und eine nicht tödliche E-Pistole befanden. Letztere verschoss mit Hilfe von Luftdruck elektrisch geladene Kugeln. Die Elektro-Pistole benötigte einige wenige Sekunden um die Ladung aufzubauen. Versagte sie ihren Dient, dann blieb nur die Hoffnung, rechtzeitig ein schützendes Gebäude zu erreichen. In der Regel genügten sie, um die wenigen Raubtiere zu vertreiben, aber es hatte auch drei tödliche Angriffe gegeben. In solchen Fällen rückten die Jäcker und die Constabler der kleinen Polizeiwache aus, denn hatte ein Raubtier einmal begriffen, wie leicht sich ein Mensch töten ließ, dann wurde es zu einer großen Gefahr.
Insgesamt waren die Greenlander bislang glimpflich davongekommen. Krankheiten, Raubtiere und Unfälle hatten in den vergangenen fünf Jahren zu insgesamt siebenundfünfzig Todesopfern geführt. Jeder Einzelne war ein Verlust, aber die Eroberung einer neuen Welt verlief niemals ohne Opfer.
Bernd Rau gönnte sich die Zeit, Kara und Jake ein paar Minuten zu beobachten. Die letzten Jahre waren natürlich nicht leicht gewesen, aber keiner von ihnen hatte es bislang bereut, den Mars verlassen zu haben. Bernd war der festen Überzeugung, dass die moderne Technik die Gesellschaft entmenschlichte. In Mars-Central kannte doch kaum jemand seinen Nachbarn. Hier, auf Greenland, war das anders. Allerdings mochte sich das ändern wenn die Kolonie wuchs und immer mehr Menschen in ihr lebten. Irgendwann wurde man in jeder Masse anonym. Doch bis dahin würde es noch viele Jahrzehnte dauern. Auf Greenland kannte man sich und half sich gegenseitig. Morgen würden ein paar Siedler kommen und Bernd bei der Ernte helfen, ebenso wie er ihnen zur Hand ging, wenn ihre Felder so weit waren.
Bernd sah wie sein Sohn ans Funkgerät langte und ein kurzes Gespräch führte. Dann blickte Jake zu ihm herüber. „Bernd!“
Bernd Rau seufzte. Es war eine Folge der Familienpolitik auf Greenland, dass ein Kind seinen Vater niemals Vater nannte. Jedes Kind hatte nur eine Mutter, jedoch gleich mehrere Väter, um keinen der Ehemänner zu diskriminieren. Bernd mochte die Notwendigkeit akzeptieren, doch ein traditioneller Teil seiner Seele empfand einen leichten Schmerz, dass er für seinen leiblichen Sohn stets nur „Bernd“ sein würde. „Was gibt es, Jake? Probleme?“
Jeder Siedler besaß diese einfachen Funkgeräte, die nur zur Sprachübermittlung geeignet waren. Die Gemeinschaft hatte sich für ihre Anschaffung entschieden, da sie preiswert, robust und leicht zu reparieren waren. Die hochtechnischen Ressourcen in Sanktum waren knapp und nur wenigen vorbehalten.
Jake kam die Stufen der Veranda herab. „Frederic hat angerufen. Er hat einen Scheck-Bären in seiner Obstplantage. Einen alten Einzelgänger. Eine Pflückerin wurde angegriffen und schwer verletzt. Die Constables und Jäger sind schon auf dem Weg. Wir sollen die Augen offen halten. Der Bär ist in unsere Richtung gelaufen und er soll verletzt sein.“
„Verdammt.“ Bernds Gedanken überschlugen sich. „Ins Haus, sofort!“, rief er den beiden zu. Er sah dass Jake an seiner Elektro-Pistole fingerte. „Vergiss, die verdammte Pistole, Jake! Ein verletzter Scheck-Bär ist unberechenbar! Verschwindet ins Haus!“
Bernd machte sich selbst auf den Weg. Es waren ja nur ein paar Dutzend Meter. Während seine Frau und sein Sohn zögernd ins Haus traten, beeilte Bernd sich, ebenfalls den Schutz des Gebäudes zu finden. Ein normaler Bär ließ sich durch die Elektro-Kugeln vertreiben, aber ein verletztes Exemplar war etwas völlig anderes. Noch dazu, wenn es sich um einen alten Einzelgänger handelte. Scheck-Bären waren Rudeltiere mit einem Alpha-Männchen. Wurde dieses zu alt, dann wurde es von einem jüngeren Rivalen vertrieben und lebte als Einzelgänger. Er musste dann alleine jagen und manche Beute verstand es durchaus, sich zu wehren. Wurde ein Einzelgänger verletzt, dann wurde er oft bösartig, denn jede Verletzung beeinträchtigte seine Fähigkeiten zur Jagd. Er musste sich dann mit einfacher Beute begnügen. Beute, die nicht so schnell und stark war. Beute, wie den Menschen. Dieser Scheck-Bär hatte schon Menschenblut gekostet und würde sich nicht scheuen, dies erneut zu tun.
Bernd war noch zwanzig Meter von der Veranda entfernt, als der Scheck-Bär um die Ecke des Hauses trottete. Es war ein Prachtexemplar, von der Größe eines Pferdes und sicherlich dem dreifachen Gewicht. Das Tier hielt einen der vier Vorderläufe angewinkelt und scheute sich, die Pfote mit den scharfen Krallen auf den Boden zu setzen. Im hellen Sonnenlicht trat die scharfe Zeichnung des gelb und braun gescheckten Pelzes deutlich hervor.
Der Bär erblickte Bernd und stieß das seltsame Pfeifen aus, welches für seine Art typisch war. Prompt richtete er sich auf die Hinterbeine auf. Das Tier schien unsicher, ob es den Farmer angreifen solle.
Bernd verharrte. Schnelle Bewegungen provozierten die Scheck-Bären zum Angriff. Er leckte sich über die Lippen und sah unschlüssig auf die verlockende Haustür. Sie war halb offen und Jake stand in ihrer Deckung, die Elektro-Pistole bereit, allerdings befand sich das Tier außerhalb seines Blickwinkels.
Jake wusste nicht dass der Bär längst da war und wunderte sich wohl, dass sein Vater nicht ins Haus kam. Mit langsamer Bewegung griff dieser an das Holster an seinem Werkzeuggürtel, öffnete es und zog die eigene Elektro-Pistole. An der Waffe befand sich ein federnd gelagerter Impulsschalter. Ruhte die Waffe im Holster, war dieser Schalter gedrückt. Nun federte er nach Außen und die Waffe begann sofort aufzuladen. Innerhalb von knapp vier Sekunden stand die Kugel in der Kammer unter Spannung.
Bernd war unschlüssig. Die Pistole war bereit, doch wenn die Kugel den Bären nicht erschreckte oder betäubte, dann würde ihn das riesige Tier ohne weiteres Zögern attackieren.
„Was ist los, Bernd?“
Die Frage seines Sohnes gab den Ausschlag.
Der Scheck-Bär ließ sich nach vorne fallen, landete auf seinen Vorderpfoten und griff an.
In diesem Augenblick hätte der Farmer lieber eine moderne Militärwaffe verfügbar gehabt, deren Hochrasanz-Projektile den Angreifer bereits aufgrund der Schockwirkung getötet hätten aber Militärwaffen erhielten nicht einmal die Constables. Das Elektroprojektil verließ die Waffe und Jake reagierte blitzartig, als der Bär so unvermittelt in seinem Gesichtsfeld erschien. Beide Kugeln trafen und gaben ihre Ladung ab.
Das Tier knickte ein, rutschte auf dem Bauch, drehte sich dabei leicht und überschlug sich.
Bernd wartete gar nicht erst ab, ob es auch liegen blieb, sondern rannte zur Veranda, die Stufen hinauf und keuchend durch die Tür, die Jake ihm freigab. Sein Sohn warf sie ins Schloss und klappte den Sperrriegel vor, der von Rahmen zu Rahmen reichte.
„Grundgütiger“, ächzte Bernd und lehnte sich an das massive Holz. „Das war knapp.“
Kara sah ihn mit großen Augen an. Ihre Stimme zitterte unmerklich. „Bist du verletzt?“
Er schüttelte den Kopf. „Alles in Ordnung, Liebling.“ Er warf einen Blick zu Jake, der ans Fenster getreten war und hinaus spähte. „Und?“
„Er läuft weg“, berichtete der Sohn. „Oh Mann, der hat zwei Ladungen abbekommen und rennt davon. Den hätten wir auch mit drei oder vier Kugeln nicht erledigt. Was für ein Monstrum.“
„Ja, ein zäher alter Bursche.“ Trotz des Schreckens schwang Bewunderung in Bernds Stimme mit. „Eigentlich hätte er es verdient, zu überleben, denn wir sind Eindringlinge in seinem Revier.“
Jake liebte die Natur und verstand ihre Zusammenhänge, doch er sah es weit pragmatischer, als sein Vater. „Jetzt ist es unser Revier. So ist die Natur nun einmal. Der Schwächere muss dem Stärkeren weichen.“
„Das entschuldigt keine Gewalt“, hielt Bernd dagegen.
Jake grinste. „Keine sinnlose Gewalt, ja. Aber hier geht es ums Überleben. Town-Mayor Winkler sagt doch auch, dass das Alte weichen muss, wenn das Neue Raum zum Überleben braucht.“
Bernd wollte etwas erwidern, doch von draußen drang das auf und ab schwellende Heulen der Sirene eines Polizeifahrzeuges herein. Sie beide öffneten die Tür und traten mit Kara auf die Veranda hinaus. Ein schwarz und weiß lackierter Polizeiturbo fegte mit einer Staubschleppe heran, die von den Turbinen des Luftkissenantriebs hervorgerufen wurde. Auf dem Dach blitzten die typischen roten und blauen Warnlichter des Polizeidienstes der Kolonie. Ein Stück hinter dem Turbo waren Schemen im Staub zu erkennen, die dem Fahrzeug folgten.
Mit leisem Brummen der Turbinen kam das Fahrzeug zum Stehen. Vier Männer in Zivil stiegen aus, an deren Hemden die goldenen Abzeichen der Constables blinkten.
„Hallo, Bernd, wir suchen…“, begann Chief-Constable Dieter Wasmann und wurde auch schon von Jake unterbrochen, der mit dem Arm deutete. „Da lang, Chief.“
Wasmann nickte und gab seinen Männern einen Wink, die wieder in den Wagen stiegen. Die Turbinen heulten kurz auf und das Fahrzeug schoss davon. Es war schneller als der Scheck-Bär und seinen Sensoren und Scannern würde das Tier nicht entgehen.
Der Polizei-Turbo gehörte zu den wenigen modernen Fahrzeugen auf Greenland, die den Ordnungshütern und dem Rettungswesen vorbehalten waren.
Aus dem Staub tauchten Frederic Solmes und seine erwachsene Tochter auf, die auf zwei gezähmten Rindern ritten. Beide zügelten ihre Tiere vor den Raus.
„Er war hier, nicht wahr?“ Vater und Tochter schwangen sich aus den Sätteln. „Ihr habt Glück gehabt. Der Bursche hat sich bei uns zwei Kugeln eingefangen und Jenny trotzdem erwischt. Die Ambulanz hat sie in die Klinik gebracht, aber es sieht schlimm aus.“
„Chief Wasmann wird das Biest erwischen“, meinte Jake im Brustton der Überzeugung.
Solmes nickte. „Das wird er. Der ist genau so ein zäher alter Knochen, wie dieser Bär.“
„Hallo, Jake.“ Piedra strahlte Jake an. „Ich könnte was zu trinken vertragen. Wir haben den Staub vom alten Wasmann schlucken müssen.“
„Etwas mehr Respekt, Liebes“, knurrte Frederic. „Du redest hier immerhin von der einzigen Ordnungsmacht auf Greenland. Na ja, vom Town-Mayor vielleicht abgesehen.“
„Ach, hab dich nicht so, Frederic“, warf Piedra ein. „Wir sind nach Greenland gekommen, weil wir hier frei leben und frei reden können.“
„Das kannst du auch, Pie, aber das bedeutet nicht, dass man es an Respekt fehlen lassen darf. Ohne Respekt und Ordnung entsteht Chaos.“
Jake grinste Piedra an. Dass er etwas für sie empfand war schwerlich zu übersehen. „Wenn wir mit der Natur leben wollen, dann müssen wir uns ans Chaos gewöhnen.“
„Unsinn.“ Bernd schob die Elektro-Pistole ins Holster zurück. „In der Natur hat alles seine Ordnung.“
„Ja, die Großen fressen die Kleinen“, wiederholte Jake im Kern jene Aussage, mit welcher er bereits zuvor den Unmut seines Vaters hervorgerufen hatte. „Ist ja auch eine Art von Ordnung.“
Piedra lachte auf. „Wenn die Großen sterben, werden sie dafür von den ganz Kleinen gefressen.“
„Die Grundsätze unserer Gemeinschaft sagen klar aus, dass wir so wenig wie möglich in das Leben dieses Planeten eingreifen“, dozierte Bernd mit wachsendem Ärger.
Frederic klopfte gegen das Holster an seinem Gürtel. „Eins kann ich dir jedenfalls sagen, Bernd, diese verdammten Scheck-Bären gehören nicht in mein Bild von Ordnung. Ich werde mir etwas besorgen, mit dem ich diese Biester erledigen kann. Verflucht, du hättest sehen sollen, wie Jenny zugerichtet ist. Das werde ich nicht nochmals zulassen.“
„Du bist wegen Jenny erzürnt, sonst würdest du nicht so reden“, versuchte Bernd zu beschwichtigen. „Zudem kannst du dir auf Greenland keine tödlichen Waffen besorgen. Die wenigen, die wir haben, sind alle in festen Händen.“
„Aber ich kann mir eine bauen“, knurrte Bernds Nachbar. „Notfalls Pfeil und Bogen.“
Jake runzelte die Stirn. „Was ist das?“
„Eine historische Waffe von der Erde“, erklärte Frederic. „Die Leute, die sie benutzt haben, hießen Inder oder so ähnlich.“
„Hört auf zu streiten.“ Kara schob sich mit einem betont freundlichen Lächeln zwischen sie. „Piedra hat recht, ihr solltet euch nach dem Schreck mit dem Bären erst einmal erfrischen. Runold hat gestern Obst gebracht und ich habe frischen Saft gepresst.“
„Das hört sich gut an“, räumte Frederic ein. „Ich denke, gegen eine Erfrischung ist nichts einzuwenden. Ach, ich hätte es fast vergessen, Bernd. Ich war heute Vormittag in der Stadt und Doktor Rickles hat mir etwas für dich mitgegeben. Irgendeine Analyse, sagte er.“
„Oh. Darauf warte ich schon dringend“, erwiderte Bernd erfreut.
„Geht es um deine Ernte?“, erkundigte sich Frederic neugierig.
„Ja, um meine Bertoffeln“, gab Bernd zu.
Frederic nippte an dem Saft, den Kara ihm reichte. „Ein wirklich merkwürdiger Name. Ich hoffe, die Analyse von Doc Rickles klingt da besser. Na komm schon, lass sehen.“
Bernd Rau nahm den winzigen Datenträger entgegen und ging zu einer Kommode, auf der sein Analysegerät lag. Augenblicke später erschienen die Ergebnisse auf dem kleinen Monitor.
Frederic blickte ihm über die Schulter. „Verdammt, Bernd, ich glaube, du hast das Ei des Galileo gefunden.“
„Gali… Wer?“, hakte Jake nach.
„Irgendein Seefahrer von der alten Erde“, erläuterte Frederic ein wenig geistesabwesend. „Hat, glaube ich, den Mond erkundet und dabei entdeckt, dass die Erde keine perfekte Kugel ist.“ Er schlug Bernd auf die Schulter. „Geht halt nichts über eine gute Bildung, alter Freund.“
„Frederic interessiert sich sehr für Erdkunde“, meinte Piedra lächelnd. „Also, dieses historische Zeugs von der alten Erde.“
Bernd ignorierte sie und legte stattdessen den freien Arm um Kara. „Liebes, die Analyse von Doktor Rickles ist… Grundgütiger, wenn die Daten stimmen, und Rickles ist ein verdammt fähiger Wissenschaftler und Arzt, dann haben wir es tatsächlich geschafft. Die Bertoffel enthält eine hohe Menge des wichtigen Enzyms und dazu jede Menge Mineralstoffe und Vitamine. Der alte John Winkler wird verrückt vor Freude, wenn er davon hört.“
„Hat ihm der gute Doc bestimmt schon brühwarm erzählt“, lachte Frederic auf. „Jetzt will ich nur hoffen, dass deine Bertoffel auch genießbar ist.“
„Ein paar haben wir schon geerntet“, meinte Kara. „Wisst ihr was? Ich bereite sie zu und dann kosten wir sie alle.“
Frederic schlug Bernd nochmals begeistert auf die Schulter. „Du bist ein Glückspilz. Hast genau den richtigen Zeitpunkt erwischt.“
„Inwiefern?“
„In drei Tagen landet der Ehrenwerte Hopkins auf dem Raumhafen von Sanktum. Du weißt ja, der Freihändler kommt einmal im Jahr vorbei, um zu sehen, ob wir etwas für den Handel zu bieten haben. Deine Bertoffel könnte der erste Exportschlager von Greenland werden.“
Kapitel 3 Das Versteck
Getarntes Piratenschiff „Glennrose“
Captain Skeet Anderson hatte es sich auf der Couch in seiner Kabine bequem gemacht. Die sanften Klänge eines Streich-Quartetts erfüllten den Raum. Anderson hatte den Speicherkristall auf einem der ersten gekaperten Raumschiffe erbeutet und die Musik beim ersten Abspielen als langweilig eingestuft. Dennoch hatte sie ihn auf seltsame Weise fasziniert und inzwischen entspannte er sich bei ihr.
Auf der C.S. Glennrose wurde ein Drei-Schicht-Betrieb gefahren und ein 24-Stunden-Rhythmus beibehalten, der durch das Dimmern der Beleuchtung in Tag und Nacht aufgeteilt war. Man hatte in der Raumfahrt die Erfahrung gemacht, dass der Mensch hierdurch positiv beeinflusst wurde. Im Augenblick konnte Anderson jede positive Beeinflussung gebrauchen.
Die Nacht mit Susan Horn war einerseits sehr befriedigend, doch zugleich auch beunruhigend gewesen. Die junge Frau brachte Neuigkeiten, die dem Captain des Piratenschiffes nicht gefielen. Während seine eigentliche Flugmannschaft hinter ihm stand, gab es Unmut unter den Gardisten an Bord.
Obwohl Fightenant Clegg bei den Gardisten keineswegs beliebt gewesen war, nahm man dem Captain die Erschießung des Garde-Offiziers ausgesprochen übel. Anderson musste sich eingestehen, dass er impulsiv und dumm gehandelt hatte, doch er konnte die Tat nicht ungeschehen machen. Die Disziplin der Kampftruppe ließ nach, daran konnten auch die Bemühungen und Strafandrohungen durch Prime-Sergeant Ondret nichts ändern. Erschwerend kam sicherlich hinzu, dass die Garde keine Aufgabe hatte und die Glennrose eher ziellos durch den Weltraum flog, immer auf der Hut, um nicht von anderen Schiffen oder der Sky-Navy entdeckt zu werden.
Anderson musste eine Entscheidung treffen. Eine Entscheidung, wo man sich verbergen konnte bis die hektische Suche des Feindes nachließ. Der Navigator hatte eine Reihe geeigneter junger Kolonien aus der Datenbank aufgerufen, doch keine sagte Anderson zu. Dieser verließ sich auf sein Bauchgefühl, welches ihn bislang noch nie täuschte. Wie damals, als er die Kaperung eines Beuteschiffes abbrach und beschleunigte, um in den Nullzeit-Sturz gehen zu können. Gerade rechtzeitig, denn als die Glennrose in den Sturz ging, kam eine Patrouille der Sky-Navy aus demselben.
Skeet Anderson seufzte. Diesmal brachten ihm die Streicher keine Entspannung. Er schwang die Beine von der Couch, langte nach seinem Baseballcap, setzte es auf und erhob sich. Nachdem er die Musikanlage abgeschaltet hatte, setzte er sich an seinen Schreibtisch und ging nochmals die kurze Liste der in Frage kommenden Kolonien durch. Sorgfältig las er die Angaben und betrachtete die Bilddateien. Dann wurde ihm auch bewusst, was ihn an diesen Kolonien störte. Sie alle lagen unmittelbar an Handelsrouten der interstellaren Raumfahrt. Viele neue Kolonien hofften darauf, dadurch rasch in das Handelsnetz eingebunden zu werden. Nein, Anderson war es zu heikel, eine Kolonie als Versteck zu nutzen, bei der jederzeit irgendein Händler erscheinen konnte. Man konnte diesen und dessen Schiff zwar sicherlich vernichten, doch selbst wenn dies gelang, bevor ein Notruf abgesetzt werden konnte… Händler folgten Routen und Terminen, und wenn einer von ihnen verschwand oder sich nicht mehr meldete, dann forschte man nach ihm.
Skeet Anderson schenkte sich einen Wein ein und überlegte. Nach ein paar Minuten stellte er die Verbindung zur Brücke her. „Brücke, hier ist der Captain. Erste, überprüfen Sie den Sternenkatalog nach einer jungen Kolonie, die abseits aller Schifffahrtsrouten liegt. Eine Kolonie mit höchstens zwei- oder dreitausend Siedlern.“
„So klein?“
Anderson konnte förmlich sehen wie sich ihre Augen weiteten. „Kolonien sind auf Wachstum ausgelegt und darauf ausgerichtet, zusätzliche Münder zu stopfen“, fügte er hinzu, „auch wenn sie nicht damit rechnen, dass es die unseren sind. Wenn Sie also die Freundlichkeit hätten…?“
„Wird erledigt, Captain“, versicherte Susan. „Soll ich die Daten dann übermitteln oder…“
„Nein, Erste, kommen Sie in meine Kabine, wenn Sie etwas gefunden haben. Ich will, dass wir die Daten dann gemeinsam durchsehen.“
Es dauerte eine halbe Stunde, bis sie seine Kabine betrat. „Ich denke, ich habe zwei Kandidaten gefunden. Beide habe ich überprüft. Keine steht im Handelsregister, wird also nicht von den Konzernen und Handelshäusern angeflogen.“
„Was nicht bedeutet, dass sich nicht einer der kleinen Freihändler für sie interessiert. Die suchen nach den Lücken, welche die Großen für sie offen lassen.“
„Beide Kandidaten kommen selbst dafür kaum in Betracht.“
„Wie kommen Sie darauf?“
Sie war nicht irritiert, dass er bei der distanzierten Anrede blieb. Es war nichts persönliches, wenn sie miteinander schliefen. „Sehen Sie sich die Dateien an, Captain. Ich habe sie an Ihren privaten Ordner übermittelt.“
Er warf ihr einen abschätzenden Blick zu und vertiefte sich dann in die Daten. Es waren nur wenige, was Anderson in seiner Annahme bestärkte, dass Susan Horn tatsächlich zwei sehr unbedeutende Neukolonien entdeckt hatte. „Benoa. Vor drei Jahren am Rand von Sektor Sieben gegründet. Dreitausend Kolonisten mit einem kleinen Kolonisationsschiff, welches sie käuflich erworben haben. Interessant, sie wünschen keinen Kontakt mit anderen Welten. Offensichtlich Isolationisten. Nennen sich Benoaniten. Warte…“ Anderson rief die Schiffsbibliothek auf und gab das Stichwort „Benoaniten“ ein. Er fand eine Reihe von Artikeln und die tetronische Fassung einiger Dokumente. „Verdammt. Sie hätten etwas tiefer graben sollen, Erste. Die Burschen sind eine Gruppierung mit einigen Zehntausend Anhängern, die alle in ihr neues gelobtes Land aufbrechen wollten.“ Er blickte über den Holoschirm hinweg in ihre Augen. „Entweder hat diese Völkerwanderung schon eingesetzt oder sie steht kurz bevor. Zu riskant, da hinein zu geraten.“
„Tut mir leid, Cap, das habe ich übersehen.“
„Solche Fehler dürfen in unserem Geschäft nicht passieren“, rügte er sie. Dann sah er sich die andere Datei an. „Greener. Keine religiösen Spinner. Scheinen Typen zu sein, die nach dem Motto „Zurück zur Nature“ leben wollen. Offensichtlich hat der Anführer aber keine große Anhängerschaft. Die Gruppe hat nur sehr begrenzte Mittel. Haben ein FLV gechartert, um sich absetzen zu lassen. Hm, vor fünf Jahren mit knapp tausend Leuten gegründet. Werden jetzt natürlich Nachwuchs haben.“
„Das ist günstig für uns, Cap“, meinte Susan. „Leute mit Kindern geben Druck rasch nach, wenn ihr Nachwuchs bedroht wird. Wertvolle Geiseln.“
„Ja, das erleichtert uns die Arbeit“, räumte er ein.
„Selbst wenn es jetzt ein paar Siedler mehr sind… Sind es nicht zu wenige, um uns ausreichend zu versorgen?“
„Wie ich schon einmal erwähnte, Erste,… Siedler planen für Wachstum und Expansion. Das liegt in der Natur der Sache. Zudem liegt die Kolonie abseits und wird in absehbarer Zeit kaum in den Handel eingebunden werden. Die leben sicher von Ackerbau und Viehzucht und haben, wenn überhaupt, nur sehr wenig Industrie. Wahrscheinlich nur ein paar Handwerksbetriebe. Für den Handel ist da kaum etwas zu holen, aber für uns ist das lohnende Beute.“ Anderson betätigte die Taste des Bordkommunikators. „Achtung, hier spricht der Captain. Konferenz in meiner Kabine in zehn Minuten. Wir haben unsere vorläufige neue Heimat gefunden.“
Kapitel 4 Schwierige Verhandlung
Greenland-Kolonie, Farm außerhalb der Hauptstadt Sanktum
Die Temperatur war in den vergangenen Tagen deutlich angestiegen. Für die Greener kündete sich der Sommer an und Bernd Rau war froh, dass seine Farm zum Rand des Gebirges lag. Die dortigen sanften Winde brachten Linderung. Innerhalb einer knappen Woche waren die Ernten der Farmen eingebracht worden. Eine Mammutaufgabe, die fast ausschließlich durch Muskelkraft bewältigt worden war und bei der ein paar Dutzend Einwohner von Sanktum eingespannt worden waren.
Nun begann eine gewisse Ruhephase, denn die neue Aussaat konnte erst in zwei Monaten erfolgen.
Lediglich die wenigen Rinderzüchter fanden keine Pause. Im Gegenteil, mit dem einsetzenden Sommer begann die traditionelle Wanderungszeit der sechsbeinigen Tiere. Sie waren es gewohnt, dann die saftigen Weidegründe zu wechseln. Es war illusorisch, die Rinder daran hindern zu wollen, durch das gesamte Tal zu wandern. Vor drei Jahren hatte man es mit einer Einzäunung versucht und war gescheitert. Für die Leitkühe war es kein Problem gewesen, die hölzernen Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Seit zwei Jahren begnügten sich die Greener daher damit, die wandernden Herden zu begleiten und so nicht aus den Augen zu verlieren. Rinderhirten ritten dabei auf gezähmten Tieren und erinnerten in gewisser Weise an die Cowboys und Vaqueros vergangener Zeiten auf der Erde.
Das Silo der Familie Rau war gut gefüllt, auch wenn nur ein kleiner Teil der Ernte aus seinen „Bertoffeln“ bestand. Bernd hatte, nach Analyse und Geschmackstests, mit einem Erfolg seiner Kreation gerechnet, war jedoch überrascht über den Enthusiasmus, den sie bei Town-Mayor John Winkler und Doktor Rickles auslöste.
„Sei doch froh, Bernd“, hatte Kara dazu gesagt. „Patriarch Winkler ist der Meinung dass wir mit der Bertoffel das erste Produkt haben, welches Greenland im interstellaren Handel anbieten kann. Das bringt Geld, was unsere Kolonie dringend benötigt.“
„Wozu brauchen wir Geld? Greenland bietet uns alles, was wir zum Leben benötigen.“
„Ich weiß dass du kein Freund der Technik bist, aber wir kommen nicht ganz ohne aus.“
„Ich bin durchaus ein Freund der Technik“, hatte er protestiert. „Aber wir dürfen uns nicht erneut von ihr abhängig machen. So, wie das auf dem Mars der Fall war.“
„Ohne moderne Technik gäbe es aber auch keine Kommunikation, keine Wind-, Solar- oder Wasserkraft und auch keine modernen Rettungsmittel.“
„Wind und Wasser kann man auch ohne moderne Technik nutzen.“
Kara hatte nur geseufzt. Sie hätte sich zum Beispiel über eine kleine Musikanlage gefreut. Sie hörte gerne Musik, doch auf Greenland gab es sie nur, wenn man selber zum Instrument griff. Immerhin fuhren sie einmal in der Woche in die Stadt und suchten das „Brauers Gold“ auf, in dem ein paar talentierte Hobby-Musiker aufspielten. Manchmal empfand Kara eine leise Wehmut, wenn dann die modernen Hits des Mars mit Geige, Gitarre, Flöte, Trommel und ähnlichen einfachen Instrumenten gespielt wurden.
Bernd Rau freute sich über den Erfolg seiner Bemühungen, die Bertoffel zu züchten, empfand allerdings Unbehagen bei dem Gedanken, dass der alte Winkler sie als Kapitalanlage der Greener betrachtete. Winkler hatte angedeutet er wolle die Bertoffel für die nächsten Jahre im großen Stil anbauen, wenn sie zu einem Erfolg wurde. Erfolg bedeutete, dass sich der interstellare Handel dafür interessierte.
Dies würde sich nun wohl bald entscheiden.
Die Familie Rau hatte das leise Dröhnen gehört und war auf die Veranda des Hauses getreten. Gerade rechtzeitig um das FLV zu beobachten, welches sich auf das kleine Landefeld des Raumhafens von Sanktum senkte. Es war in auffälligen Farben lackiert und trug das Logo des Ehrenwerten Hopkins. Hopkins war ein kleiner freier Händler, unabhängig von den großen Konzernen. Er suchte in den kleinen Kolonien nach Waren, die ihm im Handel einen kleinen Gewinn versprachen. Einmal im Jahr flog er Greenland an, brachte jene Dinge, die Winkler bei ihm bestellt hatte und sah sich um, was die Kolonie ihm bieten konnte.
Winkler hatte Bernd schon angekündigt, dass er mit Hopkins zur Farm kommen werde, um diesem die Bertoffel vorzustellen.
„Hopkins landet“, kommentierte Jake überflüssigerweise. „Ich denke, wir sollten ein paar Bertoffeln zubereiten.“
Das Heulen der Atmosphäretriebwerke schien übermäßig laut, während sich das rund fünfzig Meter lange gedrungene Landungsboot auf die Piste aus Plas-Beton senkte. Das Schiff des Freihändlers verschwand hinter den Bäumen. Staub wallte auf und das Geräusch des Antriebs wurde leiser und verstummte.
„Wir haben noch Zeit“, antwortete Bernd auf Jakes Bemerkung. „Winkler wird Hopkins erst begrüßen und in die Stadthalle einladen. Außerdem hat Doc Rickles mir zugesichert, mich anzufunken, bevor sie zu uns kommen. Zeit genug, die Proben der Bertoffeln vorzubereiten.“
Bernd behielt recht. Wie bei jedem seiner seltenen Aufenthalte auf Greenland besuchte Hopkins zuerst die Stadthalle. Dort überreichte er dem Town-Mayor ein Bündel mit Datenkristallen sowie gedruckten Zeitschriften und Magazinen. Es war die einzige Informationsquelle für Winkler und die Siedler, sich über die Vorgänge im Direktorat zu informieren. Der Nullzeit-Krachfunk war den wichtigsten Informationen vorbehalten und der Überlichtfunk war zu langsam. Die Verbindung zum nächsten besiedelten System hätte eine „Laufzeit“ von mehreren Tagen in Anspruch genommen. Tratsch, Klatsch und Mode fanden daher erst mit den Besuchen von Hopkins nach Greenland.
Eine knappe Stunde später summte das Funkgerät und Rickles kündigte die Besucher an. Kara und Bernd bereiteten die Bertoffeln zu, während Jake den Tisch in der Wohnstube eindeckte und etwas von dem selbstgebrannten Schnaps in einen der wertvollen Steingutkrüge füllte.
Town-Mayor Winkler machte großen Bahnhof für den Händler. Der Polizei-Turbo der Constables fuhr mit blitzenden Warnlichtern voraus und Bernd war froh, das Chief-Constable Wasmann wenigstens auf die infernalischen Schallgeber verzichtete. Hinter dem Turbo fuhr eines der wenigen modernen Radfahrzeuge der Kolonie.
„Man könnte meinen, einer der hohen Räte des Mars käme zu Besuch“, knurrte Bernd, als er die kleinen Standarten von Greenland und Hopkins an dem Wagen bemerkte. „Ich glaube Winkler wird auf seine alten Tage doch ein wenig eitel.“
„Ach, gönne ihm doch die kleine Freude“, meinte Kara und hakte sich bei ihm unter. „Ohne ihn wären wir schließlich niemals in die neue Heimat gelangt.“
„Ja, das ist wohl wahr.“ Er küsste sie flüchtig auf die Wange.
Wahrscheinlich hätte sich der alte Winkler gefreut, wenn seine Constables eine Ehrenformation gebildet hätten, aber Wasmann und seine Leute waren durch und durch Zivilisten. Sie bildeten eine lockere Gruppe und grinsten breit, während der Town-Mayor und der Händler aus ihrem Fahrzeug stiegen. In Sanktum kannte jeder jeden und es gab bislang keine schwerwiegenden Verbrechen. Die Constables hatten ihre Elektroschläger und tödlichen Pistolen bislang nur gegen gefährliche Tiere einsetzen müssen. Die Männer mit dem goldenen Abzeichen mussten bislang nur bei Handgreiflichkeiten aktiv werden, die auszuufern drohten und regelten diese mit schlichtenden Worten und gelegentlich einem derben Faustschlag.
„Das ist also die Farmerfamilie Rau“, sagte Hopkins lächelnd und reichte jedem die Hand. „Town-Mayor Winkler hat mir schon viel von Ihnen und Ihrer sagenhaften Bertoffel berichtet. Ich bin wirklich gespannt, ob sie die beschriebenen Erwartungen auch erfüllt.“
Bernd warf einen kritischen Blick auf den Town-Mayor. Der zwinkerte ihm beschwörend zu. Was auch immer Winkler antrieb, er wollte aus den Bertoffeln ein großes Geschäft machen. „Kommen Sie herein, Ehrenwerter Hopkins. Wir haben da etwas für Sie vorbereitet.“
Die Bertoffel war eine Kombination aus Frucht und Kartoffel und konnte auf verschiedene Weise zubereitet werden. Hopkins bekam sie roh, gekocht, gebraten, gedünstet, in Scheiben und gestampft. Bernd wusste, dass sein Produkt eine ungewöhnliche Eigenschaft besaß… Je nach Zubereitungsart veränderte sich der Geschmack ein wenig.
Der Ehrenwerte Hopkins kostete alle Zubereitungen und warf dabei immer wieder abschätzende Blicke auf Bernd und John Winkler. Hopkins war erfahren. Er kostete nur kleine Bissen und trank zwischen ihnen reichlich Wasser, um den Geschmack der vorherigen Probe möglichst zu neutralisieren.
Schließlich ließ der Freihändler das Besteck sinken und lehnte sich im Stuhl zurück. „Schön, sie ist essbar“, eröffnete er die Verhandlungen. „Allerdings wüsste ich nicht, was an ihr so Besonderes sein soll.“
Kara lächelte. „Das haben Sie schon an den verschiedenen Geschmacksrichtungen erkannt, Ehrenwerter. Von Süß über Sauer, von Mild bis Scharf… Ich denke nicht, dass Sie schon etwas auf dem Teller hatten, bei dem so viele Variationen auftreten. Wohlgemerkt, ohne dass die Bertoffeln in irgendeiner Form zusätzlich gewürzt werden mussten.“
„Sie ist extrem vielseitig“, fügte Winkler hinzu. „Nicht nur schmackhaft, sondern auch ausgesprochen gesund. Ich erinnere Sie an die Analyse von Doktor Rickles. Die Bertoffel ist eine regelrechte Bombe, was Vitamine, Mineralien und dergleichen angeht.“
„Schön, mag sein“, gab Hopkins zu, „doch das macht sie keineswegs einzigartig.“
„Ach, kommen Sie…“ Winkler schlug dem Händler auf die Schulter. „Ich kenne mich mit Farmprodukten aus… Sie werden nichts Vergleichbares finden. Im gesamten Direktorat nicht. Und da wir gerade beim Direktorat sind…“ Der Town-Mayor grinste breit. „Ich habe einen Freund, der ist Proviantmeister bei der Navy. Ich habe mich gelegentlich mit ihm getroffen, bevor wir nach Greenland ausgewandert sind. Ein so vielseitiges Produkt wie die Bertoffel kann die Navy gut gebrauchen, Ehrenwerter. Sehen Sie sich die Analysen von Doc Rickles einmal genauer an… Diese Dinger sind nahezu unbegrenzt haltbar.“
„Ihren Doc Rickles in allen Ehren, aber seine Analysen müssten erst durch ein unabhängiges Labor überprüft werden.“ Hopkins zuckte bedauernd mit den Schultern. „Wirklich, Winkler, Sie müssen das verstehen. Inzwischen gibt es etliche besiedelte Welten, die ihre Waren auf den Markt werfen wollen. Es gibt eine regelrechte Schwemme, hauptsächlich landwirtschaftlicher Produkte. Wenn Sie da mit Ihrer Bertoffel landen wollen, wird das nicht einfach.“
Winkler sah den Farmer an. „Bernd, wie viel hat die Ernte eingebracht?“
„Ich habe erst ein kleines Feld bestellt. Man muss ja erst feststellen, ob sich der Anbau überhaupt lohnt.“
„Wie viel?“
„Knappe zwei Tonnen.“
John Winkler sah den Freihändler lächelnd an. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Ehrenwerter Hopkins: Greenland schenkt Ihnen eine Tonne Bertoffeln. Sie erzählten mir, dass Sie des Öfteren in der Freihandelszone von Kelly´s Rest anlegen. Nehmen Sie eine Probe der Bertoffeln für die Analysen und geben Sie den Rest einem der Köche vom alten Kelly. Wenn Sie erneut dort anlegen, dann kann der Mann Ihnen ja berichten, wie unsere Bertoffeln ankommen.“
Бесплатный фрагмент закончился.
