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Michael Klonovsky

Die neuesten Streiche
der Schuldbürger

Reaktionäres vom Tage

Acta diurna 2019


Für alle Gefallenen im »Kampf gegen rechts«

Der Populismus ist der Schrei der Völker, die nicht sterben wollen.

Philippe de Villiers

Der eigentliche Wert eines Buches hängt nicht von der Qualität oder der Bedeutung des Sujets ab, sonst wären die Theologen die besten Schriftsteller.

E. M. Cioran

Die Kultur der Entweihung lehrt uns etwas: Indem sie behauptet, unsere Ideale seien wertlos, beweist sie nur, dass sie selbst wertlos ist.

Roger Scruton

Goebbels sprach zu Hitler das:

Auf die Künste ist Verlaß.

Peter Hacks

INHALT

Vorbemerkung

Acta diurna 2019

Januar

Februar

März

April

Mai

Juni

Juli

August

September

Oktober

November

Dezember

Personenregister

VORBEMERKUNG

Auf der Waage, welche misst, ob die jährliche Buchversion der Acta diurna mir eher eine liebe Gewohnheit oder eine Last ist, neigt sich die Schale gen Bürde. Deswegen wird der vorliegende Band sechs der letzte seiner Art sein. Ich will nicht ausschließen, dass, so es Allah gefällt, in den Folgejahren noch Best of-Versionen entstehen, aber als beharrliche, verlässliche, ja penible Chronik werden die gedruckten Tagebücher enden. Sechs Bände über nunmehr acht Jahre sind ja wirklich genug!

Da ich weiß, dass zwischen Etsch und Belt nun doch das eine oder andere bekümmerte »Aber warum denn?« ertönt, will ich die beiden Gründe für diesen Entschluss vortragen.

Grund eins ist, dass ich meine, inzwischen alles gesagt zu haben, was vorzutragen ich bestellt wurde. Ich könnte praktisch einfach wieder mit der Veröffentlichung von Band eins beginnen, aber den gibt es ja bereits. Oft passiert es, dass mir Leser der Online-Version Texte, Links und Hinweise zusenden, die ich mit einem Link auf einen früheren Acta-Eintrag oder dessen Kopie aus einem der Vorgänger-Bücher beantworte. Es reicht vollauf, wenn sich die Medienkommentatoren und das Gestammel der Kanzlerin wiederholen – allein wenn ich sehe, wie oft diese triste Figur hier im Register auftaucht, wird mir ganz blümerant zumute –, ich muss es nicht auch noch selber tun. Sogar die geschilderten Ereignisse sind von enervierender Ähnlichkeit und bekümmernder Monotonie, bei aller realsatirischen Zuspitzung, mit welcher die sogenannte Wirklichkeit täglich vorstellig wird. Der Online-Leser bemerkt dies nicht, weil er meist sowieso nur die aktuellen Einträge liest und die älteren noch schneller vergisst als ich selber; außerdem lösche ich aus Aberglauben regelmäßig die alten Jahrgänge, denn ich fürchte, dass meine Webseite sonst in deren schierer Masse erstickt. Oder ertrinkt. Jedenfalls platzt.

Der zweite Grund ist – um eine neckische contradictio in adiecto zu formulieren – technischer Natur. Bildeten die in den ersten Bänden versammelten Notate auch online noch eine Art von corpus hermeticum, so bestehen die aktuellen Texte aus einer Fülle von Fotografien, Bildmontagen, Grafiken, unzähligen Verlinkungen und Leserzuschriften. Die Webseite ist in hohem Maße bunt, weltoffen, divers und interaktiv geworden. So werden Sie, geneigte Leserin, sogar in diesem Bändchen erstmals auf zwei Grafiken stoßen, die sprechender sind als Worte, außerdem ab Seite 129 auf ein Kompendium von Leserinnenzuschriften zu der für einen Sexisten fundamentalen Frage, wo eigentlich die intelligenten Frauen zu finden sind, denn in der sogenannten Medienöffentlichkeit kommen sie ja offenbar nicht vor, zum Donnerdrummel! Kurz: Die Kluft zwischen der gedruckten und der Online-Version klafft inzwischen so klaftertief, dass sie nicht mehr übersteigbar ist, zumindest nicht für einen zügig, wenn auch ohne Hast den Sechzig Entgegensterbenden, quatsch: -strebenden. Und wissen Sie, wie anstrengend allein diese ewigen Vorworte sind?


München, in den Tagen von Covid-19 Michael Klonovsky

ACTA DIURNA 2019

1. Januar

Ich gestatte mir, hier den Neujahrsgruß eines Lesers einzurücken, der sich erfreulich abhebt vom üblichen Geschleime der in meinem kleinen Eckladen herumlungernden Reactionäre, Salonfaschisten und Toleranzkraftzersetzer:

»Sehr geehrter Herr Klonovsky, eine Freundin hat mir Ihre Seite empfohlen.

Ich habe nach nur oberflächlicher Lektüre ein Lob und eine Kritik: Das Lob: passables Deutsch eines hinreichend intelligenten Menschen Die Kritik: Ihr Werk enthält nicht nur unerträgliche Polemiken, Verleumdungen und Boshaftigkeiten, sondern hat diese zum eigentlichen Ziel Ihres Schreibens gemacht. Bleibt mir nur, mit Betroffenheit festzustellen, dass Sie sich da in einer Gemeinschaft gleichgesinnter (und sich gegenseitig befeuernder und überbietender) Verleumder wähnen und wahrscheinlich sogar befinden. Und mit Befriedigung zu vermerken, dass Ihr Kampf in einem demokratischen Staat und einer modernen, zukunftsfähigen Gesellschaft, die mit überwältigender Mehrheit Harmonie, Frieden und Toleranz sucht – und findet – wirkungslos ist.

Ich wünsche Ihnen ein schönes 2019 und menschliche Erkenntnisse.«

Das wünsche ich umgekehrt natürlich auch! Und allen anderen Lesern erst recht!

2. Januar

Nachdem ich am letzten Tag des vergangenen Jahres die Hetzjagd auf Deutsche, welche zu Amberg von einer vierköpfigen Asylantenhorde zelebriert wurde, als einen strukturellen bzw. symptomatischen Vorfall beschrieben habe, will ich heute den deutschen Amokfahrer von Bottrop und Essen nicht beschweigen. Beide Taten stehen schließlich in einem mittelbaren Zusammenhang. Jene von Bottrop resultiert nicht direkt aus jener von Amberg, aber indirekt durchaus, sofern man eben ein wenig zurücktritt und nicht die einzelnen Fälle in den Blick nimmt, sondern den gesamten Kontext.

In einem Land, in dem durch Migranten täglich Gewalttaten gegen Einheimische begangen werden – wo also der von Hans Magnus Enzensberger 1993 prophezeite »molekulare Bürgerkrieg« dank der Erhöhung der Kombattantenzahl vor allem seit 2015 allmählich Fahrt aufnimmt (molekularer Bürgerkrieg bedeutet nichts anderes als: regional vereinzelte, aber regelmäßige Gewalttaten entlang ethnisch-kultureller Bruchlinien) –, in einem solchen Land muss leider, leider und nochmals leider damit gerechnet werden, dass Straftaten auch in der umgekehrten Richtung und mit Opfern unter Ausländern begangen werden. Das ist keine Rechtfertigung, sondern eine Feststellung. Der Einfachheit halber will ich auf die Erwägung verzichten, der Täter von Bottrop könnte tatsächlich psychisch gestört sein, wie die Polizei mutmaßte. Gestehen wir ihm die volle Verantwortung für seine Tat zu, um widerspruchsloser zu der These zu gelangen, dass »Bottrop« als Fall auf »Amberg« als Struktur reagiert. Kann auch »Bottrop« Struktur werden? Und was wäre dagegen zu tun?

Eine Antwort hat unter anderen Helmut Schmidt zu geben versucht, der mehrfach darauf insistierte, dass die Migration nach Deutschland gestoppt werden müsse und 1981 auf einer DGB-Veranstaltung sagte: »Wir können nicht mehr Ausländer verdauen, das gibt Mord und Totschlag.« Seine Prognose hat sich als völlig korrekt erwiesen, aber er sagte und meinte nicht, es gäbe dann Mord und Totschlag gegen Deutsche, sondern Schmidt rechnete mit Opfern auf beiden Seiten. Er sah den sozialen Frieden gefährdet, dessen Erhaltung die erste und elementarste Aufgabe eines deutschen Kanzlers (außer einem) ist resp. sein sollte. Da er die verantwortungsethischen Motive über die gesinnungsethischen stellte, weigerte sich Schmidt, als Kollateralschäden für eine politische Vision Opfer in den Kauf zu nehmen. Das CDU/CSU-Programm für die Bundestagswahl 2002 schlug einen ähnlichen Ton an: »Wir erteilen einer Ausweitung der Zuwanderung aus Drittstaaten eine klare Absage, denn sie würde die Integrationsfähigkeit unserer Gesellschaft überfordern. Verstärkte Zuwanderung würde den inneren Frieden gefährden und radikalen Kräften Vorschub leisten.«

Schmidts heutige sozialdemokratische Nachfahren sehen das bekanntlich anders; gemeinsam mit der Merkel-CDU, den Grünen und den meisten Linken haben sie nicht nur die Einwanderung Schwerintegrierbarer rasant beschleunigt, sondern sie stellen obendrein denjenigen Eingeborenen, die sich dagegen wehren – die sich, neben allerlei Unannehmlichkeiten, die ihren Töchtern und Söhnen drohen, letztlich gegen ihre Verdrängung wehren –, unbeirrt den Nazi-Blankoscheck aus. Das heißt, aus der Perspektive des molekularen Bürgerkriegs betrachtet, sie stärken permanent die eine Seite und schwächen permanent die andere – der Wille, wirkliche Fachkräfte ins Land zu holen, die aus diesem Zusammenhang automatisch herausfallen, ist ja noch unterentwickelter als Merkels Deutsch (als Physikerin weiß die Kanzlerin selbstverständlich genau Bescheid über den Unterschied von reversiblen und irreversiblen Prozessen). Der faire Blick Schmidts auf das Problem wurde durch eine einseitige Schuldzuweisung a priori ersetzt, und die gelenkten Medien werden dieses Programm bis an ihr Ende durchziehen. Deswegen sind deutsche Täter immer ein bisschen schuldiger als ausländische, bei denen mildernde Umstände zuhauf zutage gefördert werden (Traumata, kulturelle Gepflogenheiten, Unzurechnungsfähigkeit, Diskriminierung, Unterprivilegierung, Minderjährigkeit bis ins höhere Alter etc. pp.).

Allerdings hat freilich selbst der keckste Linke noch nie behauptet, dass migrantische Messerstecher, Kopftreter und Vergewaltiger sich bloß gegen »Rassisten«, »Nazis« und spröde weiße Emanzen zur Wehr setzten. Die Delinquenz sogenannter Flüchtlinge wird auf andere Weise verharmlost, entschuldigt und entpolitisiert, während umgekehrt gegen Migranten verübte Straftaten Deutscher sofort eine politische Dimension erhalten. Unsere Frage lautet nun: Wie verhindert man Fälle wie in Bottrop? Eine Antwort im Sinne Helmut Schmidts wäre: Indem man Fälle wie in Amberg verhindert. Und wie verhindert man Fälle wie in Amberg? Indem man die »Einwanderung aus primitiven Entwicklungsländern« (Schmidt) drosselt oder inzwischen besser ganz beendet.

Das wirft wiederum die Frage auf: Wer ist schuld an »Bottrop«, jenseits der individuellen strafrechtlichen Schuld des Pkw-Fahrers? Reflexhaft wurde in den sozialen Medien »die« AfD in Vorschlag gebracht, weil sie die gesellschaftliche Stimmung gegenüber Ausländern verschlechtert habe. Ich erlaube mir die These, dass die gesellschaftliche Stimmung ohne die AfD ungefähr so viel anders wäre wie die Temperatur eines Fiebernden ohne Thermometer. Für die verschlechterte gesellschaftliche Stimmung gegenüber Migranten sind ausschließlich Migranten verantwortlich – nicht »die Ausländer«, liebe Bunte und Braune, sondern ein exponierter Teil davon –, und um die Gründe zu erfahren, muss ein Mensch weder eine AfD-Veranstaltung besuchen noch eine AfD-Facebookseite lesen; volkswirtschaftliche Elementarkenntnisse, eigene Erfahrungen und, wenn diese fehlen, ein Blick in die Polizeiberichte oder die Meldungen der Regionalpresse genügen vollauf.

Wer von Amberg nicht reden will, soll also von Bottrop schweigen.


Das tun die Spitzbübinnen und -buben in den Redaktionsstuben natürlich nicht. Die erste Meldung der Tagesschau heute (wie auch den ganzen Tag auf der Webseite) war der Amokfahrer von Bottrop und Essen. Seine Nationalität wurde umstandslos erwähnt, niemand fühlte sich bemüßigt, vor Verallgemeinerung oder linker Instrumentalisierung der Untat zu warnen. Wer auf tagesschau.de indes den Suchbegriff »Amberg« eingibt, findet zu der Hetzjagd auf Einheimische: nichts.


Mit der Migration verhält es sich wie mit dem IQ: Sie erklärt kein Problem ausschließlich, aber korreliert mit jedem.

4. Januar

»Schwere Explosion vor AfD-Büro im sächsischen Döbeln – Hintergründe unklar«, melden Focus und andere Organe der Qualitätspresse. Vollkommen klar und bis zum Führerbefehl zurückzuverfolgen sind allerdings die Hintergründe zur Amokfahrt in Bottrop, wie dieselbe Qualitätspresse verbreitet (»rassistischer Angriff»).

Währenddessen hat die Welt den Kommentar eines Kriminologen zu Bottrop aus Gründen der sozialen Sensibilität wieder von ihrer Webseite entfernt. In Rede steht Prof. Hans-Dieter Schwind, ein Emeritus (natürlich), der in Bochum lehrte und heute beim »Weißen Ring« engagiert ist, Oberstleutnant der Reserve, CDU-Mitglied, von 1978-82 niedersächsischer Justizminister, der als eine Ursache der Amokfahrt in der Silvesternacht das wachsende Bedrohungsgefühl durch die Zuwanderung ins Spiel bringt. »Es brodelt in den Leuten, und dann kommt es plötzlich zum Ausbruch«, sagte Schwind zuerst wohl gegenüber der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Er habe einen derartigen Fall »schon viel früher erwartet«. Solche Amokfahrten oder auch die Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte der vergangenen Monate seien die extreme Spitze einer allgemeinen Entwicklung, »und ich befürchte, dass sich dies fortsetzt. Die Willkommenskultur ist am Ende.«

Dass die Welt so etwas von ihrer Webseite nimmt, wäre insofern folgerichtig, als Friede Springer und die Kanzlerin schon vor Zeiten erst ihre Poesiealben und dann ihre Händi-Nummern ausgetauscht haben. Man bedenke, welche Idee hier plötzlich als dunkler Gast im Raume steht! In seinem berühmten Aufruf an die Muslime in aller Welt hat der IS unter anderem empfohlen, die Frommen mögen bei ihrem gottgefälligen Kampf gegen Juden, Christen und Ungläubige, wenn es an richtigen Waffen mangele, einfach Fahrzeuge als Waffe einsetzen, und viele Muslime sind diesem Aufruf gefolgt, nicht nur Stars der Szene von Mohamed Lahouaiej-Bouhlel, der in Nizza 86 Personen zu Brei fuhr und mehr als 400 verletzte, bis zu dem hierzulande noch bekannteren Anis Amri, sondern auch die namenlosen Lenker jener leichteren Gefährte, die nur in kleinere Gruppen fuhren und es nicht in die Hauptnachrichten schafften. Bekanntlich ist die deutsche Zivilgesellschaft, verglichen etwa mit der amerikanischen, israelischen oder schweizerischen, eher unbewaffnet, aber ein Auto hat jeder brave Deutsche. Doch, liebe Mitbürger und schon länger hier Lebende, ich rate, auch im Namen der Bundesregierung, von solchen unüberlegten Taten ab. Wenn Sie 2019 schon etwas ändern wollen, ändern Sie besser Ihr Wahlverhalten!

Übrigens hat Sachsens stellvertretender Ministerpräsident Martin Dulig, SPD, die motivisch ungeklärte Explosion vor dem AfD-Büro verurteilt, als stecke eine Tat dahinter, denn »sie helfe nur der AfD«. Wer also der kollabierenden Sozialdemokratie helfen will, muss Dulig zufolge wohl nolens volens Explosionen vor SPD-Büros veranstalten.

5. Januar

Seitdem die Christenheit der Geschichte ein Ziel verhieß, nistet diese Idée fixe in den Gehirnen des Westens. In der ParusieVorstellung der aktuellen Progressisten stehen wir zwar kurz vor dem Einzug ins multikulturelle Gottesreich der Einen Welt, aber noch in der Endzeit des Antichristen, der auf Pseudonyme wie Trump, Orbán, Salvini oder Gauland hört.


»In Budapest haben etwa 10 000 Menschen erneut gegen die ungarische Regierung des rechtsnationalen Ministerpräsidenten Viktor Orban demonstriert«, meldet die Tagesschau. »Nach einem Marsch durch die Innenstadt zogen sie bei nasskaltem Wetter vor das Parlament.«

Fehlt da nicht etwas? Gegenkundgebungen, Blockaden, Proteste, der Schwarze Block? Angriffe auf die Demonstranten, Polizeiabsperrungen, lautstarke Regierungsclaqueure? Aufgebrachte Politiker, die den Oppositionellen vorwerfen, Stimmung zu machen und die Gesellschaft zu spalten? Zivilgesellschaftliche Initiativen pro Orbán? Künstler, Gewerkschaften, Kirchen, Satiriker gegen Hass und Hetze? Es-reicht!-Kommentare in den Gazetten und im Staatsfernsehen? Nichts? Zumindest wurde nichts dergleichen gemeldet. Daraus kann man entnehmen, dass die ungarische Demokratie anscheinend vorbildlich funktioniert.

»Die Kundgebungen richten sich auch gegen andere Missstände unter der Orban-Regierung, darunter die als einseitig und regierungsfreundlich kritisierte Berichterstattung des staatlichen Rundfunks«, heißt es weiter. Nein so was! Wahrscheinlich ist dieses Ungarn doch einem schrecklich repressiven Regime in die Hände gefallen.


Immer mal wieder steht der verbliebene Zeitungsleser vor der diffizilen Abwägung, ob er gerade ein Werk der Lügen-, Lücken- oder Lumpenpresse studieren durfte. Etwa dieses: »Seitdem mehr Migranten in Deutschland leben, stieg die Zahl der Patentanmeldungen von 58 000 auf 62 000.« Also frohlockt die FAZ unter Berufung auf eine DIW-Studie.

In einem Gastbeitrag auf der Webseite von Vera Lengsfeld indes heißt es: »Sucht man im Text den Begriff ›Erteilte Patente‹, wird man nicht fündig, ›Patentanmeldungen‹ findet man 30 mal. … Da ahnt man, warum diese ›Studie‹ erstellt wurde.« Man ahnt überdies, was Peter Sloterdijk im Sinn gehabt haben mochte, als er den Terminus »Lügenäther« prägte.

Die DIW-Erhebung verschweigt, dass die Anzahl der erteilten Patente zurückging, von 21 000 anno 2006 auf nur noch 14 000 zehn Jahre später. Das Fazit in FAZ-Prosa: »Fast jedes zehnte aus Deutschland angemeldete Patent stammte im Jahr 2016 von einem Erfinder mit Migrationshintergrund, berichtete am Donnerstag das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Das entspreche rund 3 000 Patenten. Im Jahr 2005 lag der Anteil noch bei 6 Prozent.« Was kann der brave Abdul dafür, wenn sein famoser Falafelpürierer am Ende nicht patentiert wird?

Am Rande: Es empfiehlt sich, die Patentanmeldungsraten in den Herkunftsländern der aktuellen Migrantenscharen zu studieren, um die Faktenzurechtbiegerei der Qualitätspresse angemessen würdigen zu können. Da bleiben wohl nur zwei Möglichkeiten: Die Patentanmelder mit dem edlen Hintergrund stammen fast alle aus Asien, Russland, Osteuropa – oder aber gewisse Orientalen resp. Nordafrikaner werden mit der Überquerung der deutschen Grenze genial.

PS: Passend dazu die Tatarenmeldung vom Dezember 2015. »86 Prozent der syrischen Flüchtlinge sind hochgebildet«, verkündete das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR damals, und die Willkommenspresse verbreitete die Relotiade (= erwünschte Illusion), ohne sich von des Zweifels Blässe ankränkeln zu lassen.


Apropos: Immer neue Details des Falls Relotius sickern an die Öffentlichkeit. Der »Star-Reporter« hat sogar Reportagen geschrieben, ohne dafür den Schreibtisch zu verlassen, beispielsweise ein Propagandastück namens »Der Kapitän weint« von Bord eines Flüchtlings- bzw. Schlepperschiffs, erschienen im Juli 2018 im Spiegel. Der Kapitän allerdings »weint überhaupt nicht. Im Gegenteil: Er ist richtig wütend auf den Autor«, ist bei Tichys Einblick zu lesen, denn der Relotius-Text sei eine Fiktion. Es schließen sich zwei angemessen peinliche Fragen an: Warum empört sich der Kapitän erst ein halbes Jahr später über die Märchenstunde? Und warum haben die drei Co-Autoren des Relotius-Märchens, die eigentlichen Rechercheure der Story, ebenfalls geschwiegen?

Wie ich schon sagte: Relotius ist kein Ausnahmefall, sondern ein struktureller. Jetzt sind es schon vier Spiegel-Redakteure, die im Zuge der Affäre ihre Glaubwürdigkeit verloren haben, plus zwei Chefredakteure und x Dokumentare. Und dabei wird es nicht bleiben. Wer soll denen je wieder etwas glauben?

6. Januar

Was haben ein Époisses de Bourgogne, ein Bleu d’Auvergne, ein Roquefort, Gorgonzola oder Stilton mit einer Foie gras gemeinsam? Sie verlangen gebieterisch nach einem edelsüßen Weißwein. Der Wunsch des Hummers nach einem Puligny-Montrachet – oder der des Ossobuco nach einem Barolo – ist fast schon zurückhaltend, verglichen mit jenem der Entenstopfleber nach einem Sauternes. Die glanzvolle Vereinigung beider am Gaumen vermittelt eine Ahnung davon, was das sein könnte: Vollendung. (Aus Patriotismus will ich darauf hinweisen, dass es deutsche Riesling-Beerenauslesen oder -Eisweine gibt, die den Vergleich auch mit dem größten aller Sauternes nicht scheuen müssen.) Die Sehnsucht nach Vollendung ist eine künstlerische Regung. In seinem Buch Die Formen der Zeit. Theorie des Sauternes (Berlin, 1999; Erstveröffentlichung: Bordeaux 1996) rechnet der Philosoph Michel Onfray den Wein zu den Kunstwerken und die Weinherstellung folglich zu den Künsten. »Die Kunst der Weine ist gleicher Abstammung wie die Musik: beides sind Ästhetiken der skulpturalen Formung der Zeit.« In einer Klassifikation der Schönen Künste »würde die Weinprobe problemlos neben der Musik Platz finden«.

Wie ein bedeutendes Kunstwerk benötigt ein großer Wein ein kundiges, verständiges, empfängliches Gegenüber, um seine ganze Wirkung zu entfalten. Ein Stumpfsinniger wird so achtlos an einem Vermeer vorübergehen, wie er ein Schubert-Impromptu überhört oder einen großen Burgunder nicht schmeckt. »Bevor er nämlich verstanden werden kann, bildet und erzieht der Wein den, der ihn trinkt«, erläutert Onfray. »Dasselbe gilt für alle anderen Künste, selbst für die zeitgenössischen, denn alle bedürfen eines Künstlers, damit der Zauber, die Magie in Erscheinung treten kann. Vom Bild bis hin zur Flasche, von der Sonate bis hin zu einem Text gilt: die eine Hälfte des Weges wird vom Objekt zurückgelegt, die andere vom Subjekt.«

Meist ist der Weg eine Kurzstrecke; von solchen Tropfen ist hier nicht die Rede. Es geht um jene Weine, die einen geschmacklichen Taumel auslösen, bei deren Genuss »der Aufnehmende an der Ewigkeit teilhat« – um die Kunstwerke unter den Weinen eben. »Aufgrund seiner privilegierten Beziehung zur Zeit, aufgrund des deutlichen Vorrangs der Qualität gegenüber der Quantität, aufgrund seiner Seltenheit, aufgrund der tausenden von Handgriffen, die ihn produzieren und der ebensovielen Vorsichtsmaßnahmen, die ihn in seiner Integrität und Majestät ermöglicht haben, aufgrund seiner Einzigartigkeit verlangt der Sauternes dieselbe Sorgfalt wie ein Werk der Malerei, der Musik oder der Architektur.«

Eine meiner derzeitigen Marotten besteht darin, abends edelsüße Weine zu trinken, teils mit, teils ohne die passende Speise dazu, und heute ist es ein Sauternes, der mir assistiert. Seit einigen Tagen wiederum lese ich periodisch in Onfrays aktuellem Opus Niedergang. Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur – von Jesus bis Bin Laden, anfangs abgestoßen, sodann fasziniert, schließlich mit einem Gefühl tiefen Einverständnisses, obwohl es ein durch und durch schreckliches und deprimierendes Buch ist (ich werde im Laufe der Woche darauf zurückkommen). Es war bei dieser Gelegenheit, dass ich nach anderen Schriften des mir bis dato völlig unbekannten Autors Ausschau hielt, und schnell fiel mir die Theorie des Sauternes in die Hände. Ah, diese Franzosen! Sie verstehen es einfach zu leben, egal wie verkommen und verloren ihr schönes Land inzwischen auch sein mag. Und die Angst vor einer abseitigen eigenen Meinung ist dortzulande längst nicht so ausgeprägt wie bei den rechtsrheinischen Nachbarn. Onfray ist bekennender Atheist, aber zugleich statuiert er, dass eine Kultur ihre Kraft einzig aus der Religion schöpft; er hat eine abendländische Geschichte im Geiste Spenglers verfasst, versteht sich aber zugleich als Linker; er ist mit seinen Büchern finanziell so unabhängig geworden, dass er eine freie Volksuniversität gründen konnte, hat aber keine sogenannten Berührungsängste mit radikal rechten oder radikal linken Intellektuellen. Zu seinen Leitfiguren zählen Epikur, Nietzsche und Camus.

Doch zurück zum Sauternes. Dieser Wein ist das Geschenk eines Schimmelpilzes, Botrytis cinerea, auch Edelfäule genannt. Mit seinen ultrafeinen Sporen – korrekt: Hyphen – durchlöchert der Pilz die Haut der Beeren, so dass sie schrumpfen, eindicken und zu Gefäßen reinsten Nektars werden können. Im berühmtesten aller Châteaux des Sauternes, dem Château d’Yquem, gewinnen die Winzer mitunter aus einem Rebstock pro Lese nur ein einziges Glas. »Aus dieser natürlichen Fäulnis, in der unter anderen Umständen schlicht und einfach das Entropiegesetz der Welt zum Ausdruck käme, machten die Bauern einen Wein, einen Alkohol, einen Göttertrank. Die Menschen haben die Fäulnis, die das Nichts bedeutet, zu einem Trank sublimiert, der die Quintessenz des Lebens erzählt. (…) Als Triumph der Eigenschaften sapiens und faber über Thanatos bringt der Wein aus Sauternes auf der Grundlage des Botrytis eine neue Gestalt der Zeit hervor.«

Irgendwo habe ich noch ein Fläschchen …

7. Januar

»Präsident Trump hat kürzlich erklärt: ›Sie wissen, was ich bin? Ich bin ein Nationalist!‹ Genau wie ich. Nationalisten können miteinander reden; seltsamerweise funktionieren Gespräche mit Internationalisten nicht so gut.« (Michel Houellebecq)


Der Berliner Politikwissenschaftler Hajo Funke meint, dass die AfD bald »in Gänze oder in größeren Teilen« vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Das sei gerechtfertigt, zitiert ihn der Tagesspiegel – und fährt fort: »Funke sieht Tendenzen zu Geschichtsrevisionismus, Relativierung des Holocausts und Antisemitismus, dazu die Entfesselung von ›Ressentiments gegen alle größeren ethnischen und religiösen Minderheiten in Deutschland – das Ganze in Verbindung mit dem Anstreben einer anderen Republik.‹«

Der Verfassungsschutz sollte also nach Ansicht dieses Experten gegen »Geschichtsrevisionismus« und die »Relativierung des Holocausts« vorgehen; man wüsste nur gern, aufgrund welches Verfassungsartikels. Außerhalb von totalitären Gesellschaften gehört der Revisionismus zur Historiographie wie der Wandel zum Klima, und die »Relativierung des Holocausts« – was auch immer damit gemeint sein mag; genügt schon der Hinweis auf die kommunistischen Lager? – ist nicht verboten.

»Ressentiments gegen alle größeren ethnischen und religiösen Minderheiten« hält Herr Funke ebenfalls für verfassungsschutzrelevant. Wenn die Schlapphüte sich auch noch mit den im Lande grassierenden Ressentiments befassen sollen, müsste die Behörde ihre Planstellen mindestens vertausendfachen. Und gegen welche »größeren religiösen Minderheiten« hegen und pflegen die rechtspopulistischen Schwefelbuben denn die ihren? Laut Funke gegen alle größeren. »Entfesselt« die AfD »Ressentiments« gegen Hindus? Gegen Buddhisten? Gegen die orthodoxe Kirche? Zeugen Jehovas? Shintoisten? Neuheiden? Die grüne Jugend? Und wie verhält es sich mit dem »Antisemitismus«, einem beliebten, aber nach dem regierungsoffiziellen Hereinwinken von Abertausenden darin geschulten religionspädagogischen Fachkräften inzwischen etwas kraftlosen Vorwurf, zumal er sich gegen die israelfreundlichste aller Bundestagsparteien, in deren Mitte sich die Gruppe »Juden in der AfD« konstituiert hat, durchaus bizarr ausnimmt?

Wahrscheinlich ist der Herr Funke bloß ein armer Huschel, der an Fascholalie leidet und sich in einer vor Publikum schreibenden Selbsthilfegruppe ähnlich Gehandicapter zu therapieren müht.

Was indes die »andere Republik« angeht: Die ist bekanntlich zwar nicht unbedingt Regierungsprogramm, aber sturheiles Regierungshandeln.

Nachschrift. Mehrere Leser weisen mich darauf hin, dass Herr Funke mitnichten ein Huscherl sei, sondern ein lupenreiner Gesinnungstäter mit extrem linker Agenda und der typischen Biographie, die unsere westdeutschen Progressisten so sympathisch macht: Vater Nazi, Sohnemann strammer 68er, SDS, AStA, Neue Linke, nie mit seinen Händen gearbeitet, Geschwätzwissenschaften studiert, zeitlebens dumpfdeutsch gegen »rechts« gekämpft. Glanzpunkt dieses couragierten Lebens dürfte Funkes Engagement für die Märchenerzähler-Familie Kantelberg-Abdullah aus Sebnitz gewesen sein, deren Kind von mehreren hundert sächsischen Skinheads im städtischen Freibad unter dem Absingen aller drei Strophen des Deutschlandliedes ertränkt wurde.


Die Spoekenkiekerei veröffentlicht einen entlarvenden Text über die »para-staatliche grüne Ideologie-Miliz« Deutsche Umwelthilfe (DUH), dem sich entnehmen lässt, dass ein gewisser Rainer Baake, der 2014 zum beamteten Staatssekretär ins Bundesministerium für Wirtschaft und Energie berufen wurde, zuvor von 2006 bis 2012 Bundesgeschäftsführer der DUH war. »Die deutsche Regierung hatte also von 2014 bis 2018 den langjährigen Chefideologen der DUH an entscheidender Stelle im Pelz sitzen – wo er fleißigst daran mitarbeiten konnte, absurde Grenzwerte und Horrorzahlen, fragwürdige Messpraktiken und in Folge dann auch bürgergängelnde Gesetze und Verordnungen auf den Weg zu bringen. Er kannte das Geschäft bestens: Denn bevor Baake 2006 DUH-Chef wurde, diente er von 1998 bis 2005 als beamteter Staatsekretär im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit – unter seinem Kumpel Jürgen Trittin.«


»(Roland) Barthes hatte lange geplant, einen Roman nach Proust’schem Vorbild zu schreiben. Stattdessen verbrachte er sein Leben damit, die Texte anderer zu analysieren. (…) Er, der unzählige Notizen für seinen ungeschriebenen Roman hinterließ und abends im Bett mit Genuss Chateaubriand las, verkündete den Tod des Autors, weil es ihm nicht gelang, selber einer zu werden. Barthes mochte keine Biographien. Aus gutem Grunde: Sie sind der Schlüssel zu jeder Theorie. Auch Foucault mochte keine Biographien. Und er hatte die gleichen guten Gründe wie Barthes.« (Michel Onfray, Niedergang, S. 576)

Das herausragende Individuum ist die Klippe für jede munter dahersegelnde Geschichtstheorie. Über ein Phänomen wie den Autor des Koran, der von sich behauptete, ein Erzengel habe ihm Gottes Wort diktiert, und dessen Gebote heute von fast anderthalb Milliarden »Lesern« (»Followern«) befolgt werden, haben Strukturalisten, Poststrukturalisten, Konstruktivisten e tutti quanti nichts zu sagen.

8. Januar

Der AfD-Bundestagsabgeordnete und Bremer Landesvorsitzende Frank Magnitz ist in Bremen von drei Männern angegriffen und bewusstlos geschlagen worden.

Dass eine Gesellschaft politisch verroht und intellektuell verkommt, bemerkt man daran, dass nach einer Gewalttat mehr über die Gesinnung des Opfers als über jene der Täter gesprochen wird (komme mir keiner mit: Man weiß doch gar nicht, wer’s war; wenn’s die Mafia gewesen sein sollte, fällt automatisch auch die Gesinnung des Opfers weg). Unsere Leitmedien bzw. -fossile werden dafür sorgen, dass rasch der Kaftan des Schweigens über den Vorfall gebreitet wird, der, wie wir seit dem Anschlag in Döbeln wissen, am Ende nur der AfD nützt.


Nach der Relotiade über Fergus Falls machte ein amerikanisches Magazin einen Gegenbesuch beim Spiegel, um seine Leser zu informieren, unter welchen Umständen in Deutschland kritischer Qualitätsjournalismus entsteht. Ein Auszug:

»Die Büros befinden sich hoch in den Alpen, in einem Schloss. (…) Die Empfangsdame, Ilsa Shewolff, 32, eine ehemalige Gefängniswärterin, musterte mich mit einem furchteinflößenden Blick, entfernte einen Tabakkrümel von ihren blutroten Lippen und führte mich durch eine Halle mit Büsten der ehemaligen Chefredakteure (…) Adolph B. Beethoven saß hinter einem massiven Schreibtisch, auf dem eine Europakarte ausgebreitet lag, und unterhielt sich mit einem Mann in brauner Uniform. Ich dachte zuerst, sie planten eine Invasion, aber wie sich herausstellte, handelte es sich um einen UPS-Boten.

Der Chefredakteur war ein beleibter Mann in den Fünfzigern. Er trug Lederhosen und auf dem Kopf eine spitze grüne Filzmütze mit einer Feder. In seinem Gürtel steckte eine Luger. ›Schnaps?‹ fragte er. ›Schnitzel?‹«


Das war eine Relotiade im engsten Sinne. Relotiade im weiteren Sinne bedeutet, dass ein Journalist mit seinem Text nicht ausschließlich versucht, die Wirklichkeit abzubilden, sondern sie färbt, wie er sie gern hätte, dass er die Wirklichkeit also tendenziell seiner Gesinnung anschmiegt (wobei das besitzanzeigende Fürwort eine gewaltige Übertreibung ist; die journalistische Meinung ist ungefähr so individuell wie die Schwimmrichtung einer Sardine). Im weiteren Sinne besteht der deutsche Journalismus also mindestens zur Hälfte aus Relotiaden. Alexander Wendt hat das anhand der unterschiedlichen Bewertung einiger Gewalttaten der letzten Tage untersucht, mit einer plausiblen Pointe und dem erwartbaren Resultat: Sie wollen ihre doppelte Optik einfach nicht »hinterfragen«, wie ein Qualitätsjournalist schreiben könnte, und zwar nicht aus Routine und Gewohnheit, sondern aus Opportunismus und Treue zum Zeitgeist – ob stramm zum derzeitigen oder bloß flexibel zum jeweiligen, wird zu beobachten sein.

Ein Beispiel. Im Zeit-Interview äußert sich die Gießener Kriminologie-Professorin Britta Bannenberg zu der Amokfahrt von Bottrop. Nachdem sich herausgestellt hat, dass der Täter wegen einer Schizophrenie in Behandlung war, versucht das Hamburger Humanistenblatt, vom Terroranschlag eines Rechtsextremen zu retten, was zu retten ist. Freilich perlt das Insistieren der Interviewerin an nahezu jeder Antwort der Kriminologin ab, die – für meine Begriffe allzusehr – auf psychische Störungen solcher Täter insistiert. Nun gut, es ist ihr Job, ihre Klientel, und für die tut man was. Die Journalistin hat aber auch ihre Klientel, den Zeit-Leser, der meistens Pädagoge, Sozialwissenschaftler oder dergleichen und »linksliberal« ist, und folglich versucht sie, die passende, in im Tenor längst feststehende Schlagzeile aus ihrer Gesprächspartnerin zu locken:

»Ist es denkbar, dass der mutmaßliche Täter von Bottrop und Essen ähnliche irrationale Ängste vor Ausländern entwickelt hatte und sich in seiner Wahnvorstellung wehren musste? Bannenberg: Wenn der Täter tatsächlich schizophren ist, ist es sehr wahrscheinlich, dass sein Wahn ihn zur Tat getrieben hat.«

Mist, das ging schief. (Wir lassen hier den von der Fragerin ausgeblendeten Unterschied zwischen irrationalen und rationalen Ängsten von »Ausländern« ebenfalls ausgeblendet.) Nächster Versuch:

»Wie viele solcher Taten entfallen denn auf psychisch Erkrankte? Bannenberg: Was Amoktaten angeht, sind psychische Erkrankungen eine relevante Ursache. Und was ist mit dem Rest? Bannenberg: Die restlichen Täter wiesen in den meisten Fällen eine Persönlichkeitsstörung auf. Und wie hoch ist der Anteil derer, die keine Diagnose haben und so eine Tat begehen? Bannenberg: In der Regel ist kein Amoktäter psychisch gesund.«

Spätestens hier hat die Maid begriffen, dass sie es auf dem Weg über Fakten nicht mal bis ins Tiebreak schafft. Also feuert sie die jedes Experten-Teflon durchbrechende Frage ab:

»Liefert die Stimmung in der Gesellschaft Inhalte für die Wahnvorstellung solcher Menschen? Bannenberg: Das tut sie immer. Generell sind Mehrfachtötungen, auch versuchte, sehr seltene Taten. Diese Täter nehmen gesellschaftliche Einflüsse, aber auch ihre ganz persönliche Wahrnehmung als Futter für ihre Hassfantasien.«

Bingo. Damit ist die Überschrift im Sack. Sie lautet: »Die Gesellschaft liefert Futter für Hassphantasien«. Das ist zwar allenfalls die Hälfte der erteilten Antwort, außerdem eine für den gesamten Gesprächsverlauf eher abseitige Auskunft und eine Binse sowieso, die immer und überall gilt – Robinsons Insel natürlich ausgenommen –, aber auf diese Weise hat die Zeit-Schreiberin endlich die rechten Hetzer in ihrer Story. Und dass die Gesellschaft am Ende immer an allem die Schuld trägt, ist ohnehin ein linkes Mantra, denn unsere Linken leben ja davon, die Unvollkommenheiten der Gesellschaft anzuprangern und dann ihre Therapien anzubieten, die zwar nie funktionieren, aber trotzdem ein Perpetuum mobile am Laufen halten, das angeblich auch nicht funktioniert, in diesem Falle aber verblüffenderweise doch.

Sela, Psalmenende.

9. Januar

Aus der Reihe Propheten im eigenen Land: »Wenn die Bundesrepublik Deutschland einen fundamentalen Richtungswandel in Richtung Rot-Grün vollziehen würde, dann wäre unsere Arbeit der letzten 40 Jahre umsonst gewesen. Das Schicksal der Lebenden wäre ungewiss, und das Leben der zukünftigen Generationen würde auf dem Spiele stehen. (…) Wir stehen vor der Entscheidung: Bleiben wir auf dem Boden trockener, spröder, notfalls langweiliger bürgerlicher Vernunft und ihrer Tugenden, oder steigen wir in das buntgeschmückte Narrenschiff ›Utopia‹ ein, in dem dann ein Grüner und zwei Rote die Rolle der Faschingskommandanten übernehmen würden?«

Also sprach Franz Josef Strauß am 7. Oktober 1986, nicht ahnend, dass seine CSU den Ersten Offizier auf der von einer CDU-Kanzlerin geführten und erstmals als FDJ-Sekretärin angeheuerten, über die Toppen rot-grün geflaggten ›Utopia‹ stellen werde.


»Antifa bleibt Handarbeit«, ermannt sich und ihre Leserinnen die Spiegel online-Autorin Margarete Stokowski in einer Kolumne namens »Linksfaschismus muss Alltag werden« – sie schrieb »Antifaschismus«, meinte aber den anderen –, womit sie couragiert in den Spuren meiner trotzdem unangefochtenen Spiegel-Lieblingstörin Sibylle Berg wandelte, die ebenfalls allwöchentlich ihre filigrane Faust gegen rechts schüttelt und in einer besonders schweren Stunde aus der Sicherheit des Schweizer Exils ins Vierte Reich drohte: »Vielleicht ist der Schwarze Block, die jungen Menschen der Antifa, die Faschisten mit dem einzigen Argument begegnen, das Rechte verstehen, die einzige Bewegung neben einem digital organisierten Widerstand, die eine Wirkung hat. Es wird nichts mehr von alleine gut. Die Regierung wird uns nicht retten. (…) Die Zeit des Redens ist vorbei.«

In der taz sekundierte nach dem Überfall auf den Bremer AfD-Bundestagsabgeordneten Frank Magnitz, der übrigens sechs Kinder und eine türkischstämmige Ehefrau hat, eine Schild- und Schwertmaid namens Veronika Kracher: »Dass #Magnitz zusammengelatzt wurde ist übrigens die konsequente Durchführung von #NazisRaus. Abhauen werden die nicht. Die werden sich bei der größten möglichen Bedrohungssituation aber zweimal überlegen, ob sie offen faschistische Politik machen. Deshalb: mit ALLEN Mitteln.« Aber wehe, die wehren sich!

Es fällt auf, dass es oft Mädels sind, die solche Gewaltphantasien entwickeln. Wie sicher sich unsere Linken dabei fühlen, ist ein verlässlicher Indikator für die Friedfertigkeit der angeblich so gefährlichen Opposition, gegen die sie sich gemeinsam mit der Regierung, allen etablierten Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, Universitäten, Theatern, NGOs, Redaktionen, Schulen und Bordellen stemmen. Von den meisten Kämpfer*innen gegen »rechts« würde man nicht einmal die Nasenspitze sehen, wenn sie Nachteile davon hätten.


Aus Izmir, dem ehemaligen Smyrna (also einer Stadt, die den Namen einer Amazone trug), schreibt Hüseyin *** eine »kurze Anmerkung zu Bremen. Von linker Seite hört man jetzt Argumente wie: Gewalt gegen ›Nazis‹ die Hass schüren sei legitim oder wer Hass sät, wird Hass ernten oder ähnliches wie, eine andere Sprache verstünden diese Leute nicht usw. Jetzt also, wenn es in ihrem Sinn passt, dann ist Gewalt ok, richtig und legitim.

Aber, gehen wir mal davon aus, dass die Angreifer höchstwahrscheinlich männlich waren. Ist das dann am Ende nicht ein Eingeständnis, für das Grobe, für die Drecksarbeit auf Männer angewiesen zu sein? Ohne Männer kann also Kampf gegen ›rechts‹ in ihrem Sinne nicht stattfinden. Grüne, Feministen und Buntisten sind auf Männer, hinlangende, Brutalität anwendende Männer angewiesen. Wenn es ihren Zwecken dient, dann ist Gewalt von Männern wieder gut und nützlich.«

12. Januar

»Sieh da! Sieh da, Relotius,

Die Kraniche des Ibykus!« –

PS: »Sieh da! Sieh da, Timoteus,

Die Enten des Relotius!«

(Leser ***)


Apropos: Der allzeit lesenswerte Wolfgang Röhl erklärt auf so luzide wie deftige Weise, warum die Affäre um den Verbreiter erwünschter Märchen bzw. Lügen folgenlos bleiben wird: »Kurz bevor der Skandal durch eine amerikanische Internetseite ins Rollen gebracht zu werden drohte, schaltete Klusmann (Spiegel-Chefredakteur – M.K.) in den Modus Vorneverteidigung. Gab vor, man sei dem hauseigenen Fälscher sozusagen hauseigen auf die Schliche gekommen. Dies ungeachtet der Tatsache, dass es ein misstrauischer Kollege war, der Relotius entlarvt hatte. Und zwar gegen den Widerstand seiner Vorgesetzten, die zu Relotius hielten und den Fotografen wegen seines Verdachts monatelang gemobbt und implizit mit Kündigung bedroht hatten.

Der Dreistigkeit, die erzwungene Enttarnung eines jahrelang vom Spiegel hofierten Gauners so zu verkaufen, als zeige sich gerade darin die Größe und Ehrenhaftigkeit des Hamburger Magazins, dieser abgekochten Rotzfrechheit gebührt allerhöchste Anerkennung. Die Nummer sollte rhetorischer Baustein künftiger Seminare über die Kunst der Krisenkommunikation werden.«


Wenn die Welt draußen vorm Balkonfenster so weiß aussieht wie der Park um die Ecke, dann war früher Winter. Heute ist Klimakatastrophe. Die Bewertung der Auswirkungen muss sich freilich erst noch einpendeln. »Schon jetzt gibt es messbar weniger Schnee. Werden unsere Winter grün? Und was bedeutet das für die Skigebiete?«, bangte vor zehn Tagen der Bayrische Rundfunk. Merke: Egal ob viel Schnee oder keiner, Schuld trägt der Mensch, also praktisch Sie, und wer Zweifel anmeldet, denkt im günstigsten Falle unterkomplex, ansonsten schlicht bösartig. Ich war im sogenannten Extremwinter 1978/79 in einem mecklenburgischen Kaff eingeschneit (die Armee suchte damals mit Stangen nach komplett vom Schnee zugedeckten Eisenbahnzügen), in meine Amtszeit bei Focus fiel die Lawinenkatastrophe von Galtür, und im sogenannten Jahrhundertsommer 2003 war sogar Lance Armstrong dehydriert, aber damals wussten wir noch nicht, dass die Natur zurückschlägt. Heute kann keiner mehr sagen, Claudia Kipping-Eckardt hätte ihn nicht gewarnt. Aber einige wollen ja nicht hören …


»Woher kommt es, dass ein Hinkender uns nicht erzürnt und ein hinkender Geist uns erzürnt? Das kommt, weil ein Hinkender erkennt, dass wir gerade gehen, und ein hinkender Geist sagt, wir seien die Hinkenden«, notierte Pascal (dem die Affirmative Action noch nicht geläufig sein konnte).


Und nochmals Pascal: Das »ganze Unglück der Menschen«, so schrieb er bekanntlich, rühre daher, »dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können«. »Doch da ich es genauer bedachte und nachdem ich den Grund für all unser Unglück gefunden hatte, wollte ich dessen Ursache(n) entdecken, und ich habe gefunden, dass es eine ganz sichere gibt, die im natürlichen Unglück unserer schwachen und sterblichen Beschaffenheit besteht, die so elend ist, dass uns nichts trösten kann, wenn wir sie recht bedenken.«

Also, schließt Pascal, bestehe das wirkliche Glück – er sagt wörtlich »das einzige Gut« – der Menschen darin, »dass sie von den Gedanken an ihre Lage abgelenkt werden«. Der Franzose stellt sich praktisch gegen die gesamte Zunft der Philosophen, indem er nicht Sammlung, Kontemplation und ein maßvolles Leben preist, sondern die Zerstreuung, weil ausschließlich Zerstreuungen – nicht Ruhm und Besitz, nicht Königtum, ja nicht einmal die Wonnen der Transzendenz – den Menschen sein Elend komplett vergessen lassen, wenn auch nur für kurze Zeit. Stimmt, notierte ich mir an den Rand des Buches, niemand denkt während eines großen Fußballspiels an den Tod. Außerhalb von Kriegs- und Krisenzeiten vermag nichts die Zeitspanne von anderthalb Stunden vollständiger und fesselnder zu füllen, nicht einmal ein erradelter Alpenpass oder eine erotische Feier. Vor die Wahl gestellt zwischen entweder Bayern gegen Dortmund oder, sagen wir: Megan Fox, wäre meine Entscheidung klar. (Und das hat nichts mit meinem relativen Angegammeltsein zu tun; vor vielen Jahren, damals befand ich mich noch in jenem Alter, wo sich im Grunde alles um die Balz dreht, saß ich in Erwartung eines wichtigen Fußballspiels, das gleich angepfiffen werden würde, mit zwei Freunden in meiner Schwabinger Wohnung vor dem Fernseher, als es klingelte. Nicht aufmachen, lautete der spontane Entschluss. – »Und wenn es eine Frau ist?« – »Dann erst recht nicht.« – »Und wenn Pamela Anderson vor der Tür stünde?« – »Dann würde ich ihr sagen: Sind Sie wahnsinnig, jetzt hier zu klingeln?!«)

Nun lese ich in Michel Houellebecqs soeben erschienenem Roman Serotonin den Satz: »Das Verlangen nach einem Sozialleben lässt mit zunehmender Reife nach, irgendwann sagt man sich, dass man sich ausreichend mit der Sache beschäftigt hat, und außerdem hatte ich in meinem Zimmer einen SFR-Decoder installiert, ich hatte Zugang zu mehreren Sportkanälen und verfolgte die französischen, deutschen, spanischen und italienischen Fußballmeisterschaften, das waren einige Stunden erklecklicher Unterhaltung, hätte Blaise Pascal einen SFR-Decoder gehabt, dann hätte er vielleicht ein anderes Liedchen angestimmt.« Nein, im Gegenteil, es hätte ihn beim Absingen seines Liedchens bestärkt, aber ansonsten d’accord, Monsieur H.


Das führt zu der Frage, ob ich auch Houellebecqs neuen Roman empfehlen kann. Im Grunde schreibt der Franzose ja immer wieder denselben Roman in immer neuen Variationen fort, aber ich musste jedes dieser Bücher sofort lesen; insofern ist die Empfehlung ausgesprochen. Als Brennpunkt sämtlicher Zeitströmungen, als Symptombeschreiber (und -verkörperer!), als unabhängiger, freier und zuweilen prophetischer Kopf – diesmal scheint er mit den blutigen Bauernprotesten, die der Roman thematisiert, die »Gelbwesten« vorweggenommen zu haben – ist Houellebecq der bedeutendste Literat unserer Zeit, also einer der wenigen, die bleiben werden. Als Stilist, Personenschilderer, Handlungskonstrukteur, im engsten Sinne Romancier ist er obere Mittelklasse. Mit diesem Zwiespalt muss der Leser leben. Seine Frauenfiguren unterscheiden sich kaum voneinander – es gilt der alte Spruch: Woman is a life support system for a cunt –, und der Ich-Erzähler ist stets derselbe. Seine notorischen Sex-Szenen überfliege ich, in Serotonin erspart er uns nicht einmal eine Version mit drei verschiedenen Hunden, und doch schafft dieser Kerl es immer wieder, in wenigen Sätzen eine Trostlosigkeit und Verzweiflung zu erzeugen, wie es eben nur große Literatur vermag. Außerdem ist Houellebecq auf verlässlich schamlose Weise zynisch, er erteilt dem intellektuellen Gesellschaftsklimaschädling das Wort, der heutzutage oft ein situiertes Dasein auf Kosten anderer mit linksgrünen Anschauungen und der unnachsichtigen Verfolgung von Falschmeinern verknüpft (und meistens kinderlos ist):

»Wenn ich als junger Mann jeden Sonntagabend Senlis verlassen hatte, wo ich eine sehr behütete Kindheit verlebt hatte, um in der Pariser Innenstadt mein Studium weiterzuverfolgen, wenn ich durch Villiers-le-Bel, dann durch Sarcelles, dann durch Pierrefitte-sur-Seine, dann durch Saint-Denis gefahren war, wenn ich gesehen und gehört hatte, wie um mich herum die Bevölkerungsdichte und die Plattenbauten Stück für Stück anstiegen, wie die Gespräche im Bus aggressiver wurden und das Maß der Gefährlichkeit zunahm, hatte ich jedes Mal das Gefühl gehabt, in die Hölle zurückzukehren, und zwar in eine von den Menschen nach ihren Wünschen gebaute Hölle. Jetzt war es anders, ein nicht besonders bravouröser, aber annehmbarer sozialer Aufstieg hatte mir erlaubt, dem physischen und sogar visuellen Kontakt mit den gefährlichen Schichten hoffentlich endgültig zu entkommen.«


Und das wiederum verschafft mir Gelegenheit, ein großes deutsches Magazin zu rühmen, wo der Autor von Serotonin so präsentiert wird: »Schlabbergarderobe, Rotwein und immer mit Zigarette: Houellebecq pflegt sein Image als Außenseiter der französischen Literatur«.

Rotwein und Zigarette, in der Tat, das macht einen in der französischen Literatur schnell und verlässlich zum outlaw. »Meint der Mann, was er da schreibt?«, fragt es aus dem Artikel, der übrigens im Focus steht, »Heißt er es gut? Oder will er warnen vor gefährlichen Strömungen in einer Art Rollenprosa?« So wie Melville vor dem Walfang oder Tolstoi vor dem Ehebruch resp. Einmarsch in Russland? »Wie in jedem seiner Romane treibt Houellebecq ein ausgebufftes Versteckspiel.«

Aber der Redakteur arbeitete nicht für ein renommiertes Magazin mit inzwischen Kiosk-Spitzenverkäufen von 35 658 Exemplaren pro Woche, wenn er den »provokanten Propheten« nicht doch durchschaut hätte, denn wie der »Antiheld des Buches« hat Houellebecq »ebenfalls Agrarwissenschaften studiert und pflegt eine radikale Weltanschauung«. Was das ist? Auch hier hat Focus Fährte und Witterung. Kurz vor dem Erscheinen des Romans hat der »Skandalautor« schließlich einen Artikel im amerikanischen Harper’s Magazine veröffentlicht, in dem er die EU für gescheitert und Donald Trump für einen guten, ja den besten US-Präsidenten erklärte, an den er sich erinnern könne. Das ist erstens radikal und zweitens effektive PR (»Provokation«). »Die Leser des Pamphlets waren wie so oft bei Houellebecq mindestens irritiert, viele aber auch entsetzt.« Wenn man in Rechnung stellt, dass es den Text online zu lesen gab und er in der angelsächsischen sowie der restlichen des Englischen mächtigen Welt wahrscheinlich millionenfach abgerufen wurde, und, am Rande, dass ihn zumindest alle Leute, die ich kenne, eher amüsant fanden, dann ist das eine kecke Einschätzung, die vielleicht damit zu tun hat, dass man sich bei Focus so etwas wie Millionen Leser nicht mehr richtig vorstellen kann, während die Verallgemeinerung der eigenen Ansicht – die in dieser Branche, wie ich hier bereits nahezu speioft dargelegt habe, ungefähr so eigenständig ist wie die Schwimmrichtung einer Sardine – unter Journalisten Brauch und Sitte ist, weshalb am Kiosk auch 35 658 Leser enthusiasmiert zugreifen.

Vielleicht, schließt der Artikel, geben ja die Hochzeitsbilder des »Provokateurs« (bzw. »Skandalautors«) Aufschluss über dessen wahre Gesinnung und gesellschaftliche Stellung – und nicht die »Attitüde« seines »gebisslosen Mundes« –: »Der Dichter-Underdog in grauem Frack mit Melone und einem Orden am Revers, unter den Gästen der französische Kulturhochadel« (wer oder was das immer auch sein mag), »das scheint die wahre Lebenswelt des vielfachen Auflagenmillionärs zu sein«, und dort ist man mangelhaften Gebissen gegenüber auch toleranter, sofern es sich nicht um abstoßende Elendsfolgen, sondern um eine ausgefallene und schicke Attitüde handelt. »Vielleicht geht es ihm gar nicht so sehr um die Warnung vor dem Untergang des Abendlandes. Vielleicht hat er bloß mal wieder ein besonders umstrittenes Thema aufgegriffen, das sich gewinnbringend ausschlachten lässt in der Ökonomie der Aufmerksamkeit.«

Und von der versteht man beim inzwischen in Berlin residierenden und umstrittene Themen ausschlachtenden Kioskbuster Focus am Ende sogar noch mehr als von Literatur.

16. Januar

»In der Gegenwart gewinnt die Erkenntnis Boden, daß die Gefährdung der individuellen Freiheit von der Gesellschaft ausgeht und daß der Staat dazu berufen ist, die Freiheit zu schützen.« Ernst Forsthoff (im Merkur, Mai 1968, also praktisch am Beginn des Paradigmenwechsels vom eher staatlichen zum eher gesellschaftlichen Gesinnungsterror)


Übrigens: »Gender« ist haram.


Der vorwitzige Handballer Stefan Kretzschmar wird seine Lüge, in Deutschland herrsche keine Meinungsfreiheit, noch bitter bereuen.


Andrea Nahles twittert: »Frauen stellen die Hälfte der Bevölkerung, aber nur 31% der Abgeordneten im Bundestag. Das muss sich ändern! Wir brauchen ein Wahlgesetz, welches für eine bessere Vertretung von Frauen im Deutschen Bundestag sorgt.«

Ich habe hier schon oft darauf hingewiesen, dass die Größen in dieser Gleichung nicht stimmen. Wir leben in einer Parteiendemokratie (oder -demokratur, aber dieses Fass mache ich heute nicht auf), und jeder Staatsbürger hat die Freiheit, sich in einer dieser Parteien zu engagieren. Der Anteil der Frauen unter den SPD-Mitgliedern beträgt 32,0 Prozent; auch in diesem Belang ist die SPD also von vorbildlicher Durchschnittlichkeit. Der Anteil der weiblichen Abgeordneten stiege automatisch mit der Zahl weiblicher Parteimitglieder – und wenn nicht, geschähe immer noch niemandem Unrecht, weil es kein Recht darauf gibt, wegen seiner Geschlechtszugehörigkeit in den Bundestag berufen zu werden –, und keine SPD-Justizministerin müsste Quoten via Wahlgesetz fordern, was ja, bei Lichte betrachtet, auf einen Verfassungsbruch und die Beseitigung des Gleichbehandlungsgrundsatzes hinausläuft.

PS: »Anlässlich Ihrer Anmerkungen zur der von Nahles angestoßenen Proporz-Debatte Männlein/Weiblein/Diverslein im Bundestag« stellt Leser *** folgende Frage: »Es gibt ca. 14% funktionale und echte Analphabeten in Deutschland, wobei ich (wie Wikipedia) die noch nicht so lange hier Nichtlesenden noch nicht mitzähle. Ist diese Bevölkerungsgruppe – schließlich verfügt sie über dieselben Bürgerrechte wie Taxifahrer mit Germanistikstudium – ausreichend im Bundestagvertreten?«

Ja und nein, geehrter Herr ***, ja und nein.


Wenn wir schon bei twitternden Sozis sind: Ralf Stegner, eine der unbestritten hellsten Kerzen auf der antifaschistischen Torte, trug Gott und den Menschen vor: »Die Rechtspopulisten von der AFD kommen endlich in den Fokus des Verfassungsschutzes. Dazu musste der unselige Herr Maaßen gehen, damit das passieren kann, was längst überfällig war.«

Don Alphonso kommentiert: »Verschwörungstheorien sind das eine, ihre Bestätigung ist das andere.«

Womit wir beim Thema wären. Gestern meldete die Tagesschau, dass der Verfassungsschutz – das ist eben jener Verein, dessen Chef vor kurzem seinen Schlapphut nehmen musste, weil er eine Lügengeschichte der Kanzlerin dementiert hatte –, dass der Verfassungsschutz die AfD fürderhin als »Prüffall« einstufe. Als verfassungsschutzrelevant bewerteten die Experten des Staatssenders exemplarisch einige Worte von Alexander Gauland, gesprochen auf dem letztjährigen Kyffhäusertreffen:

»Kyffhäuser ist der Berg genannt,

Und drinnen ist eine Höhle;

Die Ampeln erhellen so geisterhaft

Die hochgewölbten Säle.«

Das sagte Gauland nicht, sondern: »Andere Länder holen sich Einwanderer, damit sie arbeiten« – diesen Teil des Satzes haben die Wahrheitsausschütter prophylaktisch weggeschnitten –, »die Bundesregierung will, dass wir für die Einwanderer arbeiten, damit sie in Ruhe Kinder in die Welt setzen und den Bevölkerungsaustausch bewerkstelligen können.« Was an diesen Ausführungen verfassungsfeindlich sein soll, teilte der Sender nicht mit. Auch wenn wir aus dem Fall Maaßen gelernt haben, dass der binäre Code richtig/falsch nicht zwingend den Rahmen für die Aktivitäten des Inlandsdienstes bilden muss, stellen wir die Frage, nur experimentellerweise, anders: Was wäre an Gaulands Worten falsch?

Der Berliner Tagesspiegel ließ Anfang August seine Leser wissen, dass es nur noch eine Frage der Zeit sei, »bis in größeren Städten Menschen mit Migrationshintergrund die Bevölkerungsmehrheit stellen. In Frankfurt am Main ist es bereits so weit: Schon 2017 waren 51,2 Prozent der Stadtbewohner nicht in Deutschland geboren oder hatten nichtdeutsche Eltern. Augsburg und Stuttgart sind die nächsten Kandidaten oder haben den Status gerade erreicht.« Die grüne Hamburger Bürgerschaftsabgeordnete Stefanie von Berg hat in einer vielbeachteten Rede erklärt: »Unsere Gesellschaft wird sich ändern, unsere Stadt wird sich radikal verändern. Ich bin der Auffassung, dass wir in 20, 30 Jahren gar keine ethnischen Mehrheiten mehr haben in unserer Stadt. Und ich sage Ihnen ganz deutlich, gerade hier in Richtung rechts: Das ist gut so.« In den Tagesthemen am 20. Februar 2018 sprach der deutschstämmige Harvard-Dozent Yascha Mounk die inzwischen geflügelten Worte, »dass wir hier ein historisch einzigartiges Experiment wagen, und zwar eine monoethnische und monokulturelle Demokratie in eine multiethnische zu verwandeln. Das kann klappen, das wird, glaube ich, auch klappen, dabei kommt es aber natürlich auch zu vielen Verwerfungen.« Die Moderatorin nickte damals und sozusagen in alle Ewigkeit wissend und stellte keine dummen Fragen.

Ein Bevölkerungsaustausch findet offenbar statt, und wer das feststellt und zugleich lobt, den erhebt der Verfassungsschutz nimmermehr zum »Prüffall«. (Dass ich mich hier wiederhole, mögen Sie mir, geneigter Leser, bitte nachsehen; man zwingt mich dazu.)

Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans, CDU, fordert nun einen neuen, nämlich »modernen« Nationenbegriff, nicht mehr die Nation des Grundgesetzes, sondern eine »Bekenntnisnation«, die, wie der ambitionierte Begriff andeutet, alle einschließen soll, die sich zu ihr bekennen, »gleich welcher Herkunft, Hautfarbe oder Religion« – und Staatsangehörigkeit? Zur deutschen Nation kann demnach jeder gehören, der sich dazu entschließt oder dies fingiert, zumindest bis auf Widerruf; das Staatsbürgerschaftsrecht wäre passé. – Erwähnte ich schon, dass dieses Land in seiner gesamten Geschichte wahrscheinlich niemals von dümmeren Menschen regiert worden ist als heute? Obwohl wir schon veritable Schwachköpfe an der Spitze hatten, aber hallo! – Diese Forderung eines immerhin Ministerpräsidenten wenn auch nur des Saarlandes ist so verfassungswidrig wie das Bundestagsfrauenquotenforderungsgedöns der Damen Nahles und Barley, bleibt aber ebenfalls vom Verfassungsschutz ungewittert, ungeprüft und ungetwittert obendrein.

Zur Erinnerung, Artikel 20 GG schreibt vor:

»(2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.

(3) Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden.

(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.«

Was Gauland in seiner Rede vortrug, besitzt aus einem anderen Blickwinkel durchaus Verfassungsschutzrelevanz, freilich eben nicht der Vortrag, sondern der darin beschriebene Vorgang.

Thilo Sarrazin, der deutsche Mike Tyson unter den Lügnern mit Fakten, hat darauf hingewiesen, dass von den laut Ausländerregister 1,9 Millionen »Schutzsuchenden« in Deutschland im Oktober 2018 298 000 sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren, also 15 Prozent, was in einem gewissen Widerspruch zu der kurz vor Weihnachten auf die deutschen Gabentische gewuchteten Behauptung des Arbeitgeberpräsidenten Ingo Kramer stünde, die Integration der Flüchtlinge laufe besser als erwartet, Angela Merkel habe mit ihrem Satz »Wir schaffen das« recht behalten, »von mehr als einer Million (sic!) Menschen, die vor allem seit 2015 nach Deutschland gekommen sind, haben heute bald 400 000 einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz.« Was bei der Verwendung korrekter Zahlen immer noch bedeutet hätte, dass 79 Prozent der Hereingeschneiten ihren Lebensunterhalt nicht selber verdienen.

Die große Masse der seit Merkels Großem Sprung ins Offene zu uns gekommenen Migranten, egal welche erwünschten Gerüchte von hochdero Adlaten verbreitet werden, lebt also auf Kosten ihrer Gastgeber (übrigens nicht nur in ’schland selbst; die deutschen Behörden haben im vergangenen Jahr 402 Millionen Euro Kindergeld ins Ausland überwiesen). Aus Geburtskliniken, Kindergärten und Grundschulen hört man Erfreuliches über den Kindersegen, den uns die Neumitbürger bescheren; es gibt einen Geburtenanstieg seit 2014, damals wurde das erste Mal seit 2004 die 700 000er Marke überschritten, 2016 gab es mit 792 000 Geburten die höchste Zahl seit 1997, 2015 hatte jedes fünfte Neugeborene eine ausländische Mutter. Da ich das ausdrücklich begrüße, darf ich von einem Bevölkerungsaustausch sprechen, die AfD natürlich nicht.

Ein Bekannter, der geschäftlich viel in der arabischen Welt umherreist, hat berichtet, ein Geschäftspartner in den Emiraten habe ihm erklärt, dass man dortzulande Ausländer als Arbeitskräfte ins Land hole, aber partout nicht verstehe, warum die doch im Großen und Ganzen als praktisch veranlagt und zurechnungsfähig geltenden Deutschen sich für die Version entschieden hätten, Ausländer zu sich zu holen, um für sie zu arbeiten. Wenn diese Kameltreiber nicht aufpassen, werden sie wohl bald vom deutschen Verfassungsschutz beobachtet.


Am Montag Zaungast bei der Sitzung des Petitionsausschusses zur Petition von Herrn Dr. Englmeier gegen den Globalen Migrationspakt. Ich war erstaunt über die große Zahl von Angehörigen der Bundestagspolizei, allein auf meiner Balkonseite drei Mann (ich dachte zuerst, irgendein V.I.P. sitzt im Publikum und hat seine Bodyguards dabei), man schien mit gefährlichen Hospitanten zu rechnen. Für die Bundesregierung stieg Staatsminister Nils Annen, SPD, in die Bütt, ein Mann mit einer beeindruckenden akademischen Karriere, und er sagte lauter festhaltenswerte Dinge, etwas dass die Bundesregierung alles getan habe, um die Öffentlichkeit über den Pakt zu informieren (Ende Oktober gestanden die Chefs von ARD und ZDF coram publico, noch nie von diesem Papier gehört zu haben), und dass überhaupt kein Zusammenhang zwischen der Migration und solchen Dokumenten bestünde, Erstere mithin eine Art Naturereignis darstelle. Die satirische Dimension der Veranstaltung bestand darin, dass ein Staatsminister eines Landes, in dem um die 700 000 illegalen Einwanderer herumstromern, vor Publikum über »Migrationsmanagement« dozierte, wie überhaupt die gesamte Session oder Séance einmal mehr erkennen ließ, dass die Vertreter der sogenannten politischen Klasse die Bürger bzw. Wähler eher als lästige Störenfriede und deren Wahlauftrag als eine Art Vorschlag zur Güte betrachten.

Die luziden und messerscharfen Antworten des dem Petenten beigesellten Juristen Ulrich Vosgerau waren die eigentlichen Höhepunkte der Veranstaltung, doch auch der Petent schlug sich achtbar, am besten an jener Stelle, wo er auf die Frage eines Unions-Vertreters, ob er etwas gegen multilaterale Abkommen habe, die Antwort erteilte: Wenn es sich um ein Abkommen mit Ländern wie Marokko und Saudi-Arabien handle, welche uns gleichzeitig von Ländern wie Österreich und Tschechien entfremde, dann ja, doch doch, durchaus.

20. Januar

Er machte, was alle machten: mit.


Ein wesentliches Charakteristikum des besten Deutschlands, das es je gab, besteht darin, dass dieses beste Deutschland unglaublich viel besser ist – und sein wird! – als alle Deutschlands zuvor, und es sich theoretisch leisten könnte, von der dümmsten Politikergeneration, die unser Land je hervorbrachte, regiert zu werden, von der dümmsten Publizistengeneration, die unser Land je hervorbrachte, desinformiert, der dümmsten Pfaffengeneration, die unser Land je hervorbrachte, betrogen etc. pp., und seit Neuestem wissen wir auch, dass dem besten Deutschland, das es je gab, auch kein Schaden daraus entstünde, wenn es von der dümmsten Verfassungsschützergeneration behütet resp. bespitzelt würde, die dieses beste Deutschland jemals, also auch als es noch nicht das beste Deutschland ever, sondern nur das jeweils beste Deutschland seiner Zeit und insgesamt viel schlechter war, in seinen Dienst stellte.

Dieser Verdacht stieg in mir auf, als ich im Tagesspiegel Zitate aus einem Gutachten las, mit welchem das Bundesamt für Verfassungsschutz »Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung« in den mit ruhigem, festen Tritt flanierenden Reihen der AfD nachzuweisen sich anheischig macht. So soll, sofern der Tagesspiegel korrekt zitiert, folgender Abschnitt aus einer Rede von Alexander Gauland auf dergleichen Bestrebungen hindeuten, nämlich: »Wir befinden uns in einem Kampf gegen Kräfte, die ihr globalistisches Programm der Nationenauflösung, der ethnisch-kulturellen Vereinheitlichung und der Traditionsvernichtung als die Menschlichkeit und Güte selbst verkaufen. Wir sollen uns im Dienst des Menschheitsfortschritts verdrängen lassen. Wir sollen uns als Volk und Nation in einem großen Ganzen auflösen. Wir haben aber kein Interesse daran, Menschheit zu werden. Wir wollen Deutsche bleiben.«

Dem Tagesspiegel zufolge lautet die Bewertung durch den oder die Verfassungsschützer, in dem zitierten Passus fänden sich – genaugenommen: fänden sie – »erste tatsächliche Anhaltspunkte« dafür, dass Gauland, wie sein Name schon sagt, »ein ethnisch-biologisch bzw. ethnisch-kulturell begründetes Volksverständnis« propagiere, »das gegen die Menschenwürdegarantie des Art. 1 Abs. 1 GG verstößt« – also, wie der Genosse Journalist sofort Bescheid weiß, »gegen die erste, zentrale Aussage des Grundgesetzes: ›Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.‹« Das konstatiert, wie gesagt, ein Verfassungsschützer, also ein echter, hauptamtlicher, kein taz-Redakteur – aber wie wir von Günter Maschke wissen, kann in der BRD jeder zum Verfassungsfeind des anderen werden, und gewisse Grundgesetzformeln sind daran nicht ganz unschuldig. Damit bringt der Beamte, theoretisch, die Sichtweise des Staates zum Ausdruck, praktisch würde aber selbst der linkeste Staatsanwalt zögern, aus jemandes Wunsch, Deutscher bleiben zu wollen, eine Verletzung der Menschenwürde Nichtdeutscher herzuleiten.

Beiseite gesprochen: Die anderen, Türken, Nordkoreaner, Usbeken, Senegalesen etwa, haben Glück, sie dürfen Türken, Nordkoreaner, Usbeken, Senegalesen bleiben und unbeirrt Nichttürken, Nichtnordkoreanern, Nichtusbeken und Nichtsenegalesen ihr Nichttürke-, Nichtnordkoreaner-, Nichtusbeke- und Nichtsenegalesesein unter die nichttürkischen, nichtnordkoreanischen, nichtusbekischen und nichtsenegalesischen Nasen reiben, weil in ihren Verfassungen – der Einfachheit halber wähle ich diesen Sammelbegriff – kein so hochherziger erster Satz steht, dessen teils göttlich-kippingeske, ja claudiarothige, teils wiederum bisweilen an die satanischen Verse im Koran erinnernde Großartigkeit heute nicht erörtert werden soll.

Als Symptom ist dieser übergeschnappte Befund freilich hochinteressant und wahrscheinlich typisch, denn was der vermeintliche Verfassungsschützer da vorträgt, ist nicht nur schwachsinnig – wenn ich auf meine Identität bestehe, wenn ich beispielsweise gern männlich, schwarz, homosexuell und deutsch bin, verletze ich keineswegs die Würde einer weißen belgischen Hete, ich verletze damit überhaupt niemandes Würde, wobei hier noch anzumerken ist, dass sogar unser in korannaher Heiligkeit im moralischen Orbit kreisendes Grundgesetz einzig und allein die Würde des Menschen in Deutschland schützen kann –, davon abgesehen, um den Faden wieder aufzunehmen, ist diese Aussage verfassungsfeindlich, denn sie behauptet, es sei verfassungsfeindlich, Deutscher bleiben, also zum Souverän des Grundgesetzes gehören zu wollen. Es kann aber auch sein, dass der Verfasser bloß sein Abi in Berlin gemacht hat, womit sich der Kreis zu meiner eingangs geäußerten Idee schlösse, auch deutsche Verfassungsschützer könnten die dümmsten aller Zeiten sein, ohne dass das Bessersein des heutigen Deutschlands gegenüber all den früheren davon tangiert würde, hélas und ahimè!

Für den sensiblen Tagesspiegel-Leserbriefschreiber, der den Hinweis auf die extremistische Inschrift über dem Reichstagsportal – »Dem deutschen Volke« steht dort (noch!) – mit der Replik konterte, mit diesem Begriff sei damals etwas anderes gemeint gewesen als heute, gestatte ich mir noch den Hinweis, dass das staats- und völkerrechtlich nicht ganz stimmt, ansonsten aber zum Teil durchaus. Dass es keine deutsch-arische Rasse gibt, mussten freilich bereits die Nationalsozialisten und musste speziell deren Führungspersonal zerknirscht und selbstkritisch anerkennen. Zu allen Zeiten fanden europäische Binnenwanderungen statt, es gibt kein ethnisch homogenes deutsches Volk. Deutscher heißt heute: deutscher Staatsbürger. Die Staatsbürgerschaft sollte genau deshalb nicht verschenkt, sondern von Einwanderern durch Bildung, Edelmut und große Taten erworben werden. Ist so ungefähr übrigens AfD-Position.

Gauland fährt in der besagten Rede nach dem Satz: »Wir wollen Deutsche bleiben, damit sind wir Menschheit genug« nämlich fort mit den Worten: »Unser Kampf ist vollkommen defensiv. Es geht uns einzig um die Erhaltung unserer Art zu leben und zu sein. Und wer diese Art zu leben mit uns teilt, sie annimmt und mit uns lebt und arbeitet, ist uns willkommen.«


Wie steht es aber aus Schlapphutsicht mit dieser, im Tagesspiegel nicht zitierten Passage:

»Deutschland muss Zuwanderung stärker steuern und begrenzen als bisher. Zuwanderung kann kein Ausweg aus den demografischen Veränderungen in Deutschland sein. Wir erteilen einer Ausweitung der Zuwanderung aus Drittstaaten eine klare Absage, denn sie würde die Integrationsfähigkeit unserer Gesellschaft überfordern. Verstärkte Zuwanderung würden den inneren Frieden gefährden und radikalen Kräften Vorschub leisten. Man schafft mit der angeblichen ›Härtefallregelung‹ und der Ausweitung der Aufenthaltsrechte über die Genfer Flüchtlingskonvention hinaus massive Anreize für Armutsflüchtlinge aus aller Welt. Dies würde in kurzer Zeit zu einer erheblich höheren Zuwanderung nach Deutschland führen, die nicht im Interesse unseres Landes ist. (…) Deutschland soll seine Identität bewahren. Die Umgestaltung in eine multikulturelle Einwanderergesellschaft lehnen wir ab.«

Der Text stammt aus dem Regierungsprogramm von CDU/CSU 2002-2006.

Das Oberhaupt der identitären Zündlertruppe hieß damals Angela Merkel, der Verfassungsschutzchef allerdings noch lange nicht Maaßen, sondern Heinz Fromm (SPD). Gauland befand sich damals noch in der CDU. Womöglich war der’s.


»Ein Verfassungsschutz, der in erster Linie die Regierung schützt, sollte in Betracht ziehen, sich in Regierungsschutz umzubenennen.« (Leser ***)


Medien melden: »Erschreckender Fund: In Spanien rotteten Invasoren die männliche Bevölkerung aus.«

Keine Sorge, nicht am vergangenen Wochenende, sondern ein paar Sündenjährchen früher.

»Wissenschaftler haben bei der genetischen Untersuchung von Grabfunden in Spanien eine erschreckende Entdeckung gemacht. Demnach wurden vor rund 4 500 Jahren auf der Iberischen Halbinsel praktisch über Nacht alle Männer getötet. Das publizierten Forscher nun im New Scientist.«

Das nur als Appendix zur inzwischen staatsreligiösen Ansicht, Migration sei immer und zu allen Zeiten eine Bereicherung (gewesen), also ich meine, für die Aufnahmegesellschaft. Die Ankömmlinge hatten damals ja plötzlich Land, Weiber und Spaß.


Den Geisteszustand unserer parlamentarischen Elite bezeugt recht eindrucksvoll das Verhalten des Auditoriums in der Feierstunde zum Frauenwahlrecht in dem Moment, als die Schauspielerin Susanne-Marie Wrage eine Rede vortrug, die die Sozialdemokratin Marie Juchacz am 19. Februar 1919 in der Weimarer Nationalversammlung gehalten hatte. Frau Juchacz begann damals ihre Rede mit dem Satz: »Es ist das erste Mal, dass eine Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volke sprechen darf« – heute genießen wir dieses Glück ja täglich –, »und ich möchte feststellen, dass es die Revolution gewesen ist, die auch in Deutschland die alten Vorurteile überwunden hat.« Und nun passierte etwas Seltsames: Viele Abgeordnete begannen zu klatschen. Also ich meine nicht damals in Weimar, sondern diese Woche im Bundestag. Davon abgesehen, dass unsere parlamentarischen Demokratiegaranten eine Revolution beklatschen, mit der nach der damaligen Lage der Dinge ja nur die kommunistische Novemberrevolution oder allenfalls auch die russische Oktoberrevolution gemeint gewesen sein kann und man gern wüsste, was es daran zu beklatschen gibt, wirft sich die Frage auf, wie es in Köpfen von Menschen aussieht, die einer Schauspielerin Szenenapplaus spenden – es geschieht während des Vortrags mehrfach –, während sie eine 100 Jahre alte Rede vorträgt. Wenn dort morgen ein Mime eine Cicero-Rede vorliest, sagen wir, aus gegebenem Anlass, die erste (oder die vierte? nein, die erste) Rede gegen Catilina, klatschen die dann auch dazwischen?

23. Januar

Man wird einmal sagen: Es war nicht alles schlecht in der BRD.


Die Stadt Hannover führt die »gendergerechte Sprache« ein. Lehrer werden zu Lehrenden, Wähler zu Wählenden – und die Prophet*in zu einer/m Prophezeienden. Wetten?


Dass es rechtspopulistisch sei zu behaupten, nur deutsche Staatsbürger seien Deutsche, gelte mittlerweile bis zur CDU als durchgesetzt, bemerkt Freund ***. »Vielleicht sollte man die Kategorie der Grundgesetzpopulisten schaffen?«


Das Grundgesetz muss so lange geändert werden, bis es keine verfassungsfeindlichen Stellen mehr enthält.


In Minden sind zwei Mädchen von zwei »Männern« trotz der deutschen Vergangenheit so sehr gemocht worden, dass eine von beiden beim Zicken unter einen Bus geriet und schwer verletzt wurde. Man kann darüber sensibel berichten: »Jugendliche nach Attacke von Bus überrollt« (Der Westen), oder eben gruppenbezogen menschenfeindlich: »Bus überrollt Mädchen nach Attacke durch Flüchtling« (Junge Freiheit). Aber es ist nicht nötig, darauf hinzuweisen, dass es sich um einen Einzelfall handelt, nicht um eine Sache für #metoo oder #aufschrei, sonst nämlich #wirsindmehr, claro?

28. Januar

Ein entfernter Bekannter, der in Berlin eine konservative Bildungseinrichtung betreibt, erzählt, dass Abtreibungspropagandisten dort die Fassade beschmiert haben, weil drinnen eine Veranstaltung von Lebensschützern stattfand. Kurz darauf habe ihm ein großer, vollbärtiger türkischer Lieferant irgendetwas gebracht und sich erkundigt, was denn hier passiert sei. Nachdem der Hausherr es ihm erklärt hatte, habe es einen Moment gedauert, bis der Mann begriff und noch einmal nachfragte: »Die das hier geschmiert haben, sind für Abtreibung?«

Nicken.

»Was sind das denn für Penner?! Das ist doch Mord!«


Die fatale Idee, dass die Geschichte nicht mehr Sinn produziere als ein mahlendes Affenmaul (eine Gottfried Benn zugeschriebene Formulierung), und der Planet, auf welchem sie stattfindet, kaum mehr sei als eine »um ihre eigene Achse rotierende Folterkammer« (Ulrich Horstmann), diese Idee ist heute eher unpopulär. Dank eines gewissen zivilisatorischen sowie gewaltigen technischen Fortschritts, vor allem in Fragen des Komforts und der Anästhesie, geriet sie gegenüber der Hegelei permanenter Höherentwicklung unter Rechtfertigungsdruck. Bei den Alten galt sie noch als unstrittig. Als der phrygische König Midas den weisen Silenos fragte, was für den Menschen das Beste sei, gab der zur Antwort, das Allervorzüglichste wäre für ihn, gar nicht erst geboren zu werden; wenn er aber schon einmal auf der Welt sei, empfehle sich ein baldmöglicher Tod. (Kurz nach dieser Auskunft erfüllte der Satyr dem König übrigens den bekannten verhängnisvollen Wunsch.) Wie jeder Berliner Einser-Abiturient weiß, war Silen der Lehrer und Begleiter des Dionysos, auf dessen lärmende, in Bocksfelle gehüllte Entourage der Begriff Tragödie zurückgeht – tragos ist der Bock, näherhin der Ziegenbock, odia heißt Gesang –, und das tragische Weltbild kennt den Sinn nicht, sondern nur das Verhängnis.

Diese kleine Abschweifung führt zu dem französischen Philosophen oder philosophischen Autor Michel Onfray, der gelegentlich schon durch diese Notate irrlichterte. In seinem Buch Niedergang. Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur – von Jesus bis Bin Laden (Original: Décadence: Vie et mort du judéo-christianisme), das im vergangenen Jahr in deutscher Übersetzung erschien, versichert Onfray, er schreibe weder eine optimistische noch pessimistische Geschichte, sondern eine tragische. Die Geschichte des Abendlandes als Tragödie. Das hört man nicht oft.

Der Franzose ist ein sogenannter Vielschreiber (oder er hat wie Brecht mehrere Frauen, die für ihn schreiben), jedenfalls publiziert Onfray in einem irritierenden Tempo: Seit dem Erscheinen des 700-Seiters Décadence anno 2017 hat er schon wieder vier Bücher veröffentlicht, darunter eine Art Fortsetzungswerk namens Sagesse: Savoir vivre au pied d’un volcan (»Weisheit: Zu leben verstehen am Fuße des Vulkans«; seit Kant folgt auf die reine Vernunft bzw. Torheit bekanntlich die praktische). Auf dem Cover von Niedergang wirbt der Verlag mit dem Zitat aus einer Rezension: »Ein Albtraum à la Houellebecq«. Der französische »Krawallphilosoph«, wie die FAZ ihn liebevoll nennt, ist folglich so etwas wie der Patachon oder Pollux seines unisono als »Skandalautor« gehandelten Landsmannes. (»Was machen Sie beruflich?« – »Ich bin Skandalautor. Und Sie?« – »Ich finde mein Auskommen als Krawallphilosoph.« – »Wie allerliebst! Darf ich Ihnen meinen Freund *** vorstellen? Er arbeitet als Internet-Hetzer.«)

Onfrays Opus gehört in die Gattung der Universalgeschichte, korrekt: der höchst unvollständigen Universalgeschichten. Da es schwer möglich ist, Werden und Vergehen des Abendlandes auf eine irgendwie deskriptive Weise auf 700 Seiten unterzubringen, wählt er Ausschnitte, historische Zeitfenster, durch die er den Leser blicken lässt. Diese Miniaturen, aus denen sich das Buch zusammensetzt, müssen als partes pro toto hingenommen werden; das entspricht dem literarischen Stil des Buches. Wie jeder Berliner Abiturient weiß, gehört Geschichtsschreibung (eher) zur Literatur als zur Wissenschaft; einen Historiker ohne literarische Ambitionen würde ich nie lesen. Als dramatischer Stilist ist der Franzose ohne Tadel:

»Von der Siedlung auf dem Palatin 753 v. Chr. über Cäsars Republik und das Reich des Augustus hat Rom bis zum Edikt von Mailand 313 n. Chr. elf Jahrhunderte überdauert. Dann wurde die Wölfin vom Lamm gefressen.«

»Die jüdisch-christliche Kultur war in Reih und Glied aufgestellt. Der Kaiser konnte der christlichen Armee den Marschbefehl erteilen. Die Anhänger des Paulus stiegen aus den Katakomben, um in die Paläste einzuziehen.«

»Seinen Nächsten aufzufressen gemäß einer Logik der Ehre schien Montaigne jedenfalls weniger barbarisch, als diesen beispielsweise im Namen der Realpräsenz Christi in der Hostie zu massakrieren.«

»Der Protestantismus war ein Hilfsmittel zum Austritt aus der Theokratie und zum Eintritt in eine Politik der Immanenz.«

»Ludwig XVI. verabscheute jede Gewalt und ließ während der Französischen Revolution niemals in die Menge schießen, obwohl er rechtlich dazu befugt gewesen wäre. Hätte er es getan, so wäre die Geschichte Frankreichs und Europas wohl anders verlaufen. Ludwig XIV. hätte an seiner Stelle die Armee eingesetzt und ein Blutvergießen angerichtet. Die großen Worte und schönen Ideen hätten es in diesem Falle schwerer gehabt.«

»De Gaulle, der im Zuge der Achtundsechziger-Bewegung die Macht verlor, wurde durch einen an der École Normale Supérieure ausgebildeten Banker abgelöst. An die Stelle der Geschichte traten Finanzen und Rhetorik. Im Prozess der Entchristianisierung mussten jene, die um das Goldene Kalb tanzten, nicht mehr viel tun, um das Christentum gänzlich zu zerstören. Seither steht die westliche Welt zum Verkauf.«

Mit dem Urteilen verhält es sich so wie mit dem Frauenanbaggern: Man muss sich trauen. Dass sich französische Autoren heutzutage eher trauen als deutsche, hat diverse Ursachen, von zwei Kriegsniederlagen über ohnehinnige Mentalitätsunterschiede und gewisse rechtsrheinische Herdenglückszwänge bis zur Froschperspektive derer, die nie wirklich Kolonien und eine Flotte, also nie den globalen Blick besaßen. Die Kehrseite von Onfrays Schneid besteht in Generalisierungen, Übertreibungen (vor allem was Opferzahlen angeht), historischen Ungenauigkeiten oder Fehlern (eine fiktive Synode wird real, »Hitler beschließt auf der Wannseekonferenz« etc.), aber das ist alles geschenkt und mag Erbsenzähler kitzeln. Hier geht’s um den ganzen Guss, um einen düsteren Sarkasmus, um Lektürestunden ohne humanistische Phrasen und kulturmarxistische Floskologie, die mir viel Pläsier bereitet und meine historische Viertelbildung mit zahlreichen Erkenntnissen bereichert haben.

Onfray folgt Spenglers Theorie, dass Kulturen Organismen sind, die blühen, wachsen, reifen, verfallen und eines Tages enden. Ihre eigentliche und zugleich eigentümliche Prägekraft beziehe eine Zivilisation (oder Kultur; außerhalb einiger verstrichener Dezennien des deutschen Denkens trennt man das nicht so genau) aus der Religion (Onfray ist übrigens Atheist). Geschichte habe keinen Sinn außer jenem, den Historiker, Philosophen und Ideologen ihr auferlegten. »Eine Zivilisation existiert stets nur als adäquate Antwort auf äußere Bedrohungen ihrer Existenz«, statuiert der Denker. »Solange sie sich gegen diese Bedrohungen zur Wehr setzt, lebt sie. Kann sie sich nicht mehr wehren, stirbt sie.« Kulturen gründeten auf Fiktionen, »die als solche erst dann erkennbar werden, wenn die Kulturen im Untergang begriffen sind. Je fester der Glaube an diese Fiktionen, desto mächtiger die Kultur.« Heute lebten wir wie Augustinus in einer Übergangszeit, und zwar jener »zwischen dem Ende des Judäo-Christentums und dem Anfang von dem, was sich bislang erst unscharf abzeichnet«.

Für die Rolle des Fortinbras steht bekanntermaßen der Islam bereit. Die westliche Zivilisation besitzt allerdings noch ökonomischen und technischen Kredit, um diesen vor allem demografischen Prozess einige Dezennien währen zu lassen – wobei, wie der Autor im Schlusskapitel einräumt, mit dem Transhumanismus und der Künstlichen Intelligenz ein neuer Akteur auftritt, dessen Rolle noch nicht ganz klar ist, aber immens sein wird, denn ob die schiere Zahl biologischer Nachkommen unter dem Blickwinkel der transhumanistischen Machtübernahme überhaupt noch etwas bedeutet, darf bezweifelt werden.

Die westlichen Wortführer glauben freilich, ihre Zivilisation sei als erste von allen unsterblich, sie verkörpere das »Ende der Geschichte« (Francis Fukuyama), sozusagen das Siegel der Zivilisationen, und alle anderen strebten danach, zu leben wie der Westen. Das ist natürlich ein Köhlerglaube und, global gesehen, eine Provinzlerposse, ob nun gespielt von Texanern wie George Bush jun., dem nicht einmal bekannt gewesen sein soll, dass Muslime sich in Sunniten und Schiiten scheiden (das kann aber auch Propaganda sein), oder von deutschen Leitartiklern, deren moralisierender Germanozentrismus seine drolligen Seiten hätte, wenn er nicht von so autoaggressiver Uneleganz wäre.

Jedenfalls hat »der Westen« als Kultur und als Gesellschaftsmodell vielerorts an Attraktivität und Vorbildlichkeit verloren, ob nun in Nordafrika, China, dem Orient, aber auch vor den Haustüren von Malmö, Marseille, Blackburn oder Duisburg weicht er zurück. Der Islam wächst, Asiens Macht und Einfluss wachsen, Russland ist militärisch wiedererstarkt, Afrika vermehrt sich, wie man sagt, explosionsartig, und von der Technik abgesehen, bei deren Adaption die Asiaten weit fortgeschritten sind, legt man in diesen Weltgegenden auf westliche Werte wenig Wert (nur einige Asiaten konservieren rührenderweise die im Westen längst abgeräumte abendländische Hochkultur). Der Demokratieexport der Amerikaner ist, außer bei den servilen Deutschen, überall gescheitert, doch wie man im deutschen Westteil sieht, hat die Medizin nicht geholfen, der Selbsterhaltungstrieb ist weg, die letzten Menschen bitten zum letzten Tanz.

Unter dem »sexuellen Terrorregime« (Onfray) des Christentums verhielt sich das noch anders, die Bevölkerungszahlen wuchsen schnell, so wie sie heute bei den orthodoxen Juden und eben vor allem bei den Muslimen rasant wachsen, deren Sexualmoral ähnlich restriktiv ist, während der promiskuitive, liberale Westen zwar technische und medizinische Katalysatoren für die Bevölkerungsexplosion geliefert hat, aber kaum mehr autochthone Nachkommen produziert. Die Wette der westlichen linken und liberalen Progressisten – der Begriff hier immer im Sinne des Liberalismus, nicht der Liberalität verwendet – lautet, dass auch nach der mählichen Vermischung des westlichen Menschen mit den Migranten die westliche Gesellschaft einfach bruchlos weiterbesteht (für die Linken existiert der westliche Mensch bekanntlich nur als Rassistenphantasie, alle Menschen sind für sie gleich). Und wenn nicht? Ja, dann eben nicht.

Über die Muslime schreibt Onfray: »Wir haben den Nihilismus, sie haben die Inbrunst. Wir sind erschöpft, sie erfreuen sich bester Gesundheit. Wir leben im Moment und verzehren uns langsam selbst, sie sind auf Du und Du mit der Ewigkeit (…) Wir haben die Vergangenheit, sie haben die Zukunft, denn für sie beginnt alles gerade erst, während für uns alles endet. Alles hat seine Zeit.« Hach, wie undifferenziert! Kein Wunder, dass ihn das hiesige Feuilleton der »Islamophobie« zieh. Dort, wo die Kanzlerin selber die Kerkaporta öffnet, bleibt einem linientreuen Intellektuellen schließlich kaum etwas anderes übrig, als die Melodie von »Hört was kommt von draußen rein? Wird wohl nichts gewesen sein« zu pfeifen.

Die fatalistische oder schwarze Geschichtsschreibung ist in Deutschland regelrecht geächtet. Fritz Stern hat in seinem Buch Kulturpessimismus als politische Gefahr das »kulturelle Unbehagen« der bürgerlichen Eliten getadelt, das sie in die Arme Hitler getrieben habe. »Wer kulturelles Unbehagen verspürt, ist damit gewarnt« (Arnold Gehlen). Der Vorwurf steht bis heute bolzenfest; Kulturpessimismus ist keineswegs, wie ich mal geschrieben habe, ein dem Kotzen nicht ganz unverwandter Reflex einer handvoll übriggebliebener Kultivierter, sondern Wasser auf die Mühlen von Sie wissen schon. Sämtliche deutsche Rezensionen von Onfrays Opus waren Verrisse; kein BRD-Feuilletonist dürfte sich erlauben, es zu loben, das widerspricht gewissermaßen der optimistischen Parteilinie.

Der Franzose gliedert seine Gesamtschau in zwei Teile: »Zeit der Vitalität« und »Zeit der Erschöpfung«. Viele Kapitel sind dem Christentum gewidmet, das für ihn auf einer paulinischen Sexualneurose – also, er ist ja Nietzscheaner, auf dem Ressentiment – gründet. Die Phase des Aufstiegs und jene des Niedergangs unterscheiden sich in den Motiven der Akteure allerdings kaum, überall sieht Onfray dunkle Triebe und niedere Instinkte am Wirken, die Sonne Kants bricht nirgends durch die Wolken. »Der Zivilisierte ist der Barbar, der Erfolg hatte«, notiert Onfray. »Keine Zivilisation ist je aus Heiligen, Pazifisten, Gewaltlosen und Tugendhaften entstanden – eben den netten Menschen. Vielmehr sind es immer Banditen, Mörder, Folterer und Sadisten, die die Grundlage einer Zivilisation bilden. Die Chorknaben hinter Jesus eignen sich nur als Künstler, Dichter oder Philosophen, aber hinter Paulus fuchteln Kraftprotze mit dem Schwert.«

Einzig die intellektuelle Verbrämung der Blutspuren ändert sich im Laufe der Zeiten: »Chemiewaffen, Minen, Massenverhaftungen, Deportationen, Hinrichtungen, Massaker, Folter, Vergewaltigungen, Morde an Frauen, Kindern und Alten, zerstörte Dörfer, Brandstiftung, blutrote Flüsse, Massengräber, Ertränkungen, Plünderungen, gegerbte Menschenhäute, Frauenfett in Fässern, zerstückelte aufgehängte Leichen und Öfen, in denen Frauen und Kinder verbrannt wurden – all das geschah um 1790 in der Vendée im Namen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, im Namen der Republik und des Glücks ihrer Bürger.«

Wer dem Autor nun vorwürfe, er schildere den Aufstieg so negativ wie den Abstieg, hat die Tragödie nicht begriffen.

29. Januar

Aus dem Zitatenkästlein des Michel Onfray: »Sprenger und Institoris (die Verfasser des ›Hexenhammer‹ – M.K.) kommt innerhalb der Theologie der Inquisition der Rang zu, den etwa Deleuze und Guattari für die Philosophie der 1970er Jahre haben.«


Gestern lud die Deutsche Atlantische Gesellschaft zum Vortrags- und Diskussionsabend ins Adlon. Als der Hauptredner, Géza von Geyr, Ministerialdirektor im Verteidigungsministerium, den islamischen Terrorismus kurzerhand in »transnationalen Terrorismus« umtaufte bzw. umdefinierte, war ich einigermaßen irritiert; als er erklärte, aus heutiger Sicht gebe es für den Brexit keine nachvollziehbaren Gründe mehr, stand ich kurz davor zu gehen; als er versicherte, das Ziel der deutschen Sicherheitspolitik sei »eine demokratische, tolerante Gesellschaft«, bin ich gegangen.


Ein guter Bekannter bringt die Kategorie des Rangs ins Gespräch. Sie sei für seinen Umgang mit anderen Menschen zentral. Jedem Menschen sei sein Rang gleichsam eingeprägt. Man müsse sich stets bewusst sein, ob man im Range über oder unter seinem Gegenüber stehe. Wenn jeder seinen Platz kenne, erleichtere das den Umgang miteinander ungemein.

Da schluckt der kleine Modernski: Was sind denn das für alte Zöpfe? Schließlich hat jeder Berliner Abiturient schon bei Schiller gelesen: »Dieses Possenspiel des Ranges/ Sei künftighin aus unserm Bund verwiesen!« (Don Carlos, 1. Akt, 9. Auftritt). Rang ist so was von altmodisch und out! Das kann jeder beim Teammeeting, Grünen-Parteitag oder Yogakurs, ja sogar bei der Dienstausgabe in der Bundeswehr studieren. Die Zukunft gehört flachen Hierarchien.

Dieser Rang – der offizielle Dienstrang – ist aber nicht gemeint. Der Rang bezeichnet die Persönlichkeit eines Menschen, seinen Charakter, seine Fähigkeiten, seinen Geist, seinen Stolz, seine Standhaftigkeit, seine – um ein Lieblingswort der aktuellen Mollusken zu verwenden – Haltung. Kurzum: seinen Wert. Carlos spricht zwar von einem »Bund«, doch er weiß, dass Posa in jenem anderen, unsichtbaren Rang über ihm steht. Wenn Sie sich Kurt Schumacher anschauen und dessen späten Genossen Heiko Maas, dann besteht trotz des höheren Dienstranges von Heiko, der Regierungsmitglied und Außenminister ist, während Schumacher bloß Oppositionsführer war, nicht die Spur eines Zweifels über die Rangordnung.

Zwischen zwei Männern existiert immer ein Gefälle, immer eine spontane Rangordnung, und wenn sie von den Betreffenden nicht selbst wahrgenommen wird, erledigt es die Umwelt. Das gilt auch und sogar für gute Freunde. Bei Marx und Engels war das Gefälle so klar wie bei Strauss und Hofmannsthal oder bei Goethe und Schiller. Niemand begegnet einem anderen wirklich auf Augenhöhe. Dass die meisten es nicht bemerken, weil sie für solche Nuancen kein Sensorium besitzen und die Gesellschaft ihnen einredet, Gleiche unter Gleichen zu sein, tut nichts zur Sache, schmälert aber halbwegs verlässlich ihren eigenen Rang.

30. Januar

Die europäische Menschenrechtskonvention ist mit der Scharia unvereinbar: »The Court has ruled that Sharia law is incompatible with the European Convention on Human Rights, but obviously this does not mean that there is absolute incompatibility between the Convention and Islam«, hat der Europarat statuiert. Der Schiedsspruch wurde notwendig, weil drei Mitgliedsstaaten – Albanien, Aserbaidschan und die Türkei – sowohl die europäische Konvention als auch die »Kairoer Erklärung der Menschenrechte« unterzeichnet haben, welch letztere bekanntlich alle Paragraphen unter den Scharia-Vorbehalt stellt. »This distinction between Sharia and Islam to consider the former as incompatible with the ECHR contrary to the second is not obvious«, heißt es weiter. Dies nur vor dem Hintergrund, dass der Verfassungsschutz in seiner Best-of-Sammlung von AfD-Zitaten der Schwefelpartei vorwirft, die Scharia bzw. den Scharia-Islam (Umfragen geben Anlass zu der Vermutung, dass der auch unter hierzulande lebenden Muslimen mehrheitsfähig ist) als unvereinbar mit dem Grundgesetz darzustellen.

2. Februar

Die Zeit alarmiert: »In ihrer Selbstdarstellung auf YouTube und Instagram orientieren sich junge Frauen und Mädchen weitgehend an veraltet anmutenden Rollenbildern. Das ist das Ergebnis mehrerer repräsentativer Studien zu Geschlechterdarstellungen in den sozialen Medien, die die von Schauspielerin Maria Furtwängler und ihrer Tochter Elisabeth gegründete Stiftung MaLisa in Auftrag gegeben hat. Die Geschlechterdarstellungen in den erfolgreichsten YouTube-Kanälen basieren den Studien zufolge zudem auf althergebrachten Stereotypen.«

Reichlich veraltet anmutende weibliche Rollenbilder sind seit einigen Jahren in Deutschland tatsächlich en vogue, das stimmt. Einwanderer aus einer speziellen Weltgegend betrachten Frauen als ihr Eigentum, auch diejenigen, die sie eben erst in der Disco oder auf dem Schulhof geschossen haben; die maskuline Polygamie wird Schritt für Schritt legalisiert, und der deutsche Steuerzahler darf die mit einer gewissen Folgerichtigkeit daraus entstehenden fidelen Großfamilien alimentieren; immer mehr weibliche Köpfe verschwinden unter Kopftüchern oder kompletteren Verhüllungen; minderjährige Mädchen werden neuerdings auch hierzulande zwangsverheiratet; hunderte Zwangsbeschneidungen von Mädchen finden inzwischen jährlich im einstigen Stammland der Aufklärung statt. Außerdem diskriminieren politische Hinterwäldlerinnen wie Justizministerin Barley und SPD-Chefin Nahles andere Frauen, indem sie unterstellen, sie seien zu dämlich, um ohne Quoten an gute Jobs zu kommen.

Aber das meint die feministisch bewegte Milliardärsgattin Furtwängler natürlich nicht, sie stößt sich vielmehr daran, dass hier »das Frauenbild der Fünfzigerjahre gefördert« werde, also der deutschen Fünfzigerjahre, der Spätausläufer des sexistischen europäischen Mittelalters, eine bleierne Zeit, als man noch an Geschlechtsunterschiede bzw. Geschlechterrollen glaubte statt an die freie Wahl seines Geschlechts und juvenile Blondinen sich reiche bzw. einflussreiche ältere Männer angeln mussten, um eine Filmkarriere hinlegen zu können.

»Auch in Musikvideos, die heute überwiegend über YouTube konsumiert werden, werden Frauen den Angaben nach noch immer mehrheitlich sexy und passiv inszeniert«, ächzt die Zeit-Autorin, zu deren Gunsten wir mal annehmen, dass sie sich allzeit aktiv unsexy inszeniert.

»Wenn man sieht, dass die Frauen auch in den Medien, die hauptsächlich von Jugendlichen konsumiert werden, nur ein Drittel der Protagonistinnen und Protagonisten stellen, muss man sich fragen, was mit den Strukturen nicht stimmt«, meint wiederum Frau Furtwängler, schreibt die Zeit. Dass mit den Strukturen etwas nicht stimme, wenn irgendwo zu wenige Frauen vertreten sind, wo sich etwas abgreifen lässt: Dieses Mantra kennt man inzwischen zur Genüge, und zumindest die »Tatort«-Mädels haben es geschafft, ihre numerische Gleichstellung durchzusetzen, auch wenn in der tristen Realität Kommissarinnen eher die Ausnahme sind. Nochmals: Die Maid mit dem erlauchten Namenspedigree spricht von YouTube und Instagram – »nach Angaben der Stiftung MaLisa wurden für die Studie der Universität Rostock und der Filmuniversität Babelsberg 1 000 YouTube-Kanäle analysiert, 2 000 Videos untersucht und 14 YouTuberinnen in Interviews zu ihrer Sicht auf die Branche befragt« –, also von zwei Online-Plattformen, deren angeblich »nicht stimmende« Struktur darin besteht, dass jeder dort freien Zugang hat, wo also die völlige Freiheit der Selbstdarstellung herrscht. Und das passt Quotenforderern und Regulierern bekanntlich nicht, nie sind solche Figuren mit der Freiheit zufrieden, weil die immer zu falschen Ergebnissen führt. Gibt man Frauen und Männern die Möglichkeit, sich einfach so zu präsentieren, wie sie mögen, dann kehren auf einmal die sogenannten Geschlechterstereotype wieder, gegen die auf allen Kanälen und in allen Redaktionen rund um die Uhr vergeblich agitiert wird. Allerdings handelt es sich dabei nicht um die »Geschlechterrollen der Fünfziger«, sondern um jene der Conditio humana. Dann stellen sich, ein paar teils liebenswürdige, teils bedauernswerte Freaks ausgenommen, Frauen eben weiblich und Männer eben männlich dar – und es gibt kein Mittel dagegen außer Quotenforderungen, Diskriminierungsgeplärr, Manipulation und staatlichem Druck.

Auf Instagram, jammert es weiter, seien insbesondere Frauen erfolgreich, die einem normierten Schönheitsideal entsprächen, und die seien »dünn und langhaarig« – nicht etwa fett und mindestens auf einer Seite des Schädels kahlrasiert, wie es in Berliner Szenebezirken guter Standard ist. Außerdem hätten die für die Studie befragten Youtuberinnen »von Hürden gesprochen, die es erschwerten, aus dem Thema Schönheit auszubrechen und sich neue Genres wie Comedy oder Politik zu erschließen«. Eine der Vierzehn gab zu Protokoll: »Eine starke eigene Meinung schmälert deinen finanziellen Wert, weil sich dann bestimmte Firmen nicht mehr mit dir zeigen wollen.« Zum Beispiel, wenn man die starke eigene Meinung vertritt, dass Frauen sich weiblich und Männer sich männlich präsentieren sollten. Oder die starke eigene Meinung, dass Frauenquoten begabte Frauen erniedrigen und unbegabte fördern. Oder auch nur, wenn man seine starke eigene Meinung auf Plattformen wie achgut oder eigentümlich frei publiziert. Oder wenn man die starke Meinung am Ende gar, hui-buh!, in der Schwefelpartei vertritt …

Die Vorzeile des Zeit-Artikels lautet übrigens: »Junge Frauen inszenieren sich einer Studie zufolge auf Instagram und YouTube nach althergebrachten Stereotypen. Ihr Credo: Hauptsache, keine eigene Meinung vertreten.« Dass man bloß von einer Probandin thesenorientiert auf alle anderen schließen muss, um zur erwünschten Aussage eines Artikels zu gelangen, das haben sie im Hamburger Weltblatt seit Langem verstanden, zum Höcke! Von den Vertreterinnen der deutschen Wahrheits- und Qualitätsmedien könnten die sich im Netz spreizenden langhaarigen und schlanken Dummchen, so sie denn wollten, immerhin lernen, welche Meinungen bei ihnen als »eigene« durchgehen würden. Deren Zahl ist gottlob überschaubar.

7. Februar

Merkwürdig: Nachdem die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel den Publizisten Henryk M. Broder öffentlich umarmt hatte, also die Rechtspopulistin ihre Sympathie für einen Juden zum Ausdruck brachte, hat kein Journalist, kein Autor, kein politischer Konkurrent erklärt, nun zeige die AfD »endlich ihr wahres Gesicht«.

Das »wahre Gesicht« der AfD präsentiert nämlich, wenn Björn Höcke mal ausfällt und Richter Maier nicht twittert, der fraktionslose Stuttgarter Abgeordnete Wolfgang Gedeon (wobei der angesichts von Weidels Umarmung tatsächlich gedacht haben mag: Jetzt zeigen sie an der Parteispitze ihr wahres Gesicht …)


Die Geopolitik kehrt wieder, und sie hat nichts zu tun mit Brüsseler Spitzen, UN-Gremien, »multilateralen Lösungen« oder Antidiskriminerungsverordnungen. Die Meldung des Tages ist Macrons Absage für die Münchner Sicherheitskonferenz vor dem Hintergrund des Streits um die »Nord Stream 2«-Pipeline (auch wenn angeblich mal wieder nix mit nix zu tun hat). Die Franzosen stellen sich gegen die Gastrasse (Gas-Trasse, geehrter Herr ***, nicht Gast-Rasse!) und auf die Seite der Amerikaner; sie beteuern, die Interessen der Osteuropäer zu vertreten. Das amerikanische Argument gegen russisches Gas für Deutschland lautet, es mache uns durch den Kreml erpressbar, und wir müssen uns schon entscheiden, ob wir aus dem Kreml oder dem Weißen Haus erpresst werden wollen. Wie es aussieht, bahnt sich zwischen Russland und den USA ein Revival des Kalten Krieges an, in das die Europäer naturgemäß involviert sind. Es geht um die Ukraine, der schon bei Zbigniew Brzeziński die Rolle des strategischen Zankapfels zugewiesen wird – US-Botschafter Richard Grenell warnt, durch das Gas-Projekt würde die Gefahr einer russischen Intervention in der Ukraine steigen –, und Deutschland hat sich aus der Sicht des wankenden Hegemons in Übersee gegen Russland zu positionieren. Der Aufstieg Chinas im Rücken der Russen verleiht der ganzen Sache eine besondere Pikanterie. Das deutsche Problem lautet: Was tun? Den Amis sowie unserem lieben Freund Macron nachgeben und die Pipeline canceln?

Jetzt kommen kurioserweise die Grünen ins Spiel und Angela Merkel als eigentlich deren Kanzlerin. 2022 gehen die deutschen AKW vom Netz, parallel steigt Deutschland aus der Braunkohleverstromung aus, die deutschen Gaskraftwerksbetreiber sind über die Jahre verprellt und hintangestellt worden, sie haben hochmoderne Anlagen demontieren müssen und teilweise nach Amerika verschifft. Zugleich wachsen die subventionierten Windparks, deren entscheidende Eigenschaft darin besteht, dass sie mal Strom liefern und mal nicht, und es gibt kein Mittel dagegen. Wir haben heute schon große Probleme mit der Energieversorgung, »immer wieder kommt es zu brenzligen Situationen, wenn Solar- und Windkraftanlagen zu wenig Strom liefern. Dann müssen Industrieanlagen abgeschaltet werden. Die Netzschwankungen könnten aber noch schlimmer werden«, notiert die FAZ. Die »Instabilität des deutschen Stromnetzes« setzt die Linz AG unter Druck: »Weil der unregelmäßig erzeugte Windstrom aus Norddeutschland wegen mangelnder Leitungskapazitäten nur schwer zu den großen Abnehmern der Industrie im Süden transportiert werden kann, müssen südliche Stromerzeuger immer kurzfristiger ›dagegenhalten‹«, maulen die Oberösterreichischen Nachrichten. (Gleichzeitig zahlt Deutschland dafür, dass die Nachbarn die Stromüberproduktion abnehmen, wenn mal die Sonne richtig scheint und der Wind kräftig weht.) Wenn nun die Pläne mit dem russischen Gas scheitern, was dann? Frieren für Amerika? Monsieur Macron, erinnern wir uns, erklärte in seiner Jahrtausendrede zur »Neubegründung Europas« vor der Pariser Sorbonne »die kohlenstofffreie und kostengünstige Atomenergie« für »unerlässlich«; er hat heute beim Blick über den Rhein die Lacher auf seiner Seite.

Irgendwann wird es einen Blackout geben. Das wäre schlimm für diejenigen, die dann in steckengebliebenen Liften erfrieren oder verdursten, auf Intensivstationen sterben, weil die Notstromaggregate nicht ausreichen, bei Unruhen getötet werden oder was auch immer, aber am schlimmsten wäre es für die Grünen, denn die würden ihn politisch nicht überleben; der so unendlich brave, duldsame und wohlmeinende deutsche Michel würde dann doch schnallen, welcher Gaunerbrigade er (oder meistens wohl sie, die Micheline) sein Vertrauen geschenkt hat und wohin die Mentalitätsherrschaft dieser Spitzbuben das Land gebracht hat. Aber unterhalb einer echten Katastrophe wollen Deutschmichel und Deutschmichelinchen ja seit ca. hundert Jahren keine Lektion lernen.


Grundgesetzkunde mit Thomas Oppermann. Der Sozi teilt, einen Juraprofessor zurechtweisend, welcher schrieb: »Im Grundgesetz steht nicht ›Alle Menschen sind gleich‹, sondern ›Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich‹«, via Twitter mit: »Im GG steht auch: ›Alle Menschen sind gleich viel wert.‹ (Art. 1, Abs. 1).« Ich schrieb hier vor kurzem, dass diese Republik nie ein dümmeres politisches Personal gesehen hat als das derzeitige, und beantrage, dieses Beispiel auf die Beweisliste zu setzen.

8. Februar

Gute Partygesprächseröffnungsfragen, nächste Folge: »Und welchen Wohlstand haben Sie geschaffen?«


Das Mutterland der identity politics ist Ruanda.


Das Leben hat mich gelehrt, den Begriff Aufklärung nur mit ironischem Unterton zu gebrauchen – heute las ich, der Regensburger Philosophiehistoriker Karlfriedrich Herb habe über Kants Vernunftbegriff das (übrigens lupenrein rassistische) Geschmacksurteil gefällt, jener sei »zu weiß, um rein zu sein«; die postweiße Aufklärung wird nicht mehr vom hohen Ross, sondern direkt vom Baum verkündet –, doch angesichts der neoreligiösen Erweckungshysteriker, welche dieses Land in zunehmender Frequenz und immer schriller durchkreischen, bin ich geneigt, das Wort völlig außer Gebrauch zu stellen. Wenn eine 16-jährige offenbar seelisch labile Schulschwänzerin zum Nachwuchsheiland deklariert und von einer seelisch ebenfalls noch nicht ganz gefestigten Grünen-Bundestagsabgeordneten namens Lisa Badum für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wird – warum eigentlich nicht gleich für den Physiknobelpreis? –, sind wir den kollektiven Wahnvorstellungen des Mittelalters erfreulich nahe.


Dass der Libertäre Hans-Hermann Hoppe, der die Parteiendemokratie für einen »Wettbewerb der Gauner« hält (so der Titel seines letzten Buches), ein Schüler von Jürgen Habermas war – oder ist, irgendwie bleibt man’s ja –, dass er jedenfalls vom führenden deutschen Transzendentaldemokraten promoviert wurde, verwundert zunächst jeden, der in beider Werk auch nur geblättert hat. Bei näherer Betrachtung allerdings erschließt sich eine logische Konsequenz. Hoppe verlegt die Diskurstheorie des Gevatters Habermas, dessen Aberglaube an die Moderation aller Konflikte durch den »zwanglosen Zwang des besseren Arguments«, in die einzige mögliche Sphäre, wo ein zwangloser Zwang gesamtgesellschaftlich seine Wirkung zu entfalten vermöchte: den Markt. Der Ansatz von Habermas ist unmöglich, weil er der menschlichen Natur zuwiderläuft; die Nicht-Geltung kann jeder an sich selber studieren – wer lässt sich schon gegen seine Interessen von einem Argument überzeugen? –, und wem das nicht genügt, der mag sich an Günter Maschkes treffliche Bemerkung halten, dass die Habermassche Theorie schnell, bequem und täglich durch die Abendnachrichten erledigt wird. Doch wenn man aus der Kommunikationstheologie einen zwanglosen Zwang der besseren Ware resp. der besseren Dienstleistung destilliert, gewinnt die Sache auf einmal Plausibilität. Nicht der Kommunismus ist die große Utopie, nein, der freie Markt ist es.

14. Februar

Bundesinnenminister Thomas de Maizière räumt, wie ein Qualitätsjournalist schreiben würde, ein, dass die Bundesregierung sich in der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 »von Stimmungen leiten lassen« habe – so der Minister gegenüber der Bild-Zeitung –, statt »nüchterner« zu handeln. »Deutschland hätte Bilder von Wasserwerfern gegen Flüchtlinge nicht ausgehalten«, beteuerte de Maizière, der nicht den »Bluthund« (Gustav Noske) geben wollte. Die Regierung hätte rigide Maßnahmen unter dem Druck der Volksmilde schnell wieder zurücknehmen müssen, vermutet der Minister, was wiederum eine »Sogwirkung« erzeugt haben würde. Merkwürdigerweise gab es ja genau das, eine Sogwirkung, ohne rigide Maßnahmen, verursacht durch Bahnhofsklatscher, Kanzlerinnen-Selfies, übergeschnappte Leitartikler und andere symbolische Schenkelöffnungen, aber es würde auch eine Sogwirkung gegeben haben, hätte die Regierung der Flut wehren wollen; »Sog, überall Sog!« (so Hans Sachs im Sog-Monolog, Meistersinger, Dritter Aufzug). Damit bestätigt de Maizière die Kernaussage aus Robin Alexanders Buch Die Getriebenen: Die Merkeltruppe habe aus Gründen vermuteter Stimmungen im Lande und aus Angst vor »schlimmen Bildern« auf Grenzsicherung und Schutz der ihr via Amtseid anvertrauten Bevölkerung verzichtet und das im Nachhinein als ein Gebot höherer Ordnung, als Edelmut, Afrikarettung, Fachpersonalrekrutierung und notwenige Gesellschaftsverbuntung verkauft.

Bemerkenswert ist an de Maizières Aussage, dass er den Deutschen eine Mitschuld daran gibt, wenn in ihren Straßen, Parks und öffentlichen Verkehrsmitteln nunmehr die Darwin Awards eröffnet sind, von denen ein fröhlicher Opportunist im Range eines Ministers naturgemäß nichts mitbekommt. Lag jener Engländer, der Deutschland einen »Hippie-Staat« nannte, am Ende gar nicht so verkehrt?

Vermutete Stimmungen in der Bevölkerung, das ist nun freilich ein sonderbares Kriterium für politisches Handeln, zumal solche Stimmungen ja sonst kaum ins Gewicht fallen. Tatsächlich hat die Regierung primär auf Stimmungen in der Öffentlichkeit reagiert, also in jenem Teil der Bevölkerung, der medial tatsächlich repräsentiert wird, dem »Überbau«, jener bunten, oftmals staatsalimentierten Gaukler-Welt aus Medien, Parteiapparaten, Stiftungen, Verlagen, Kulturinstitutionen, Kirchen, Universitäten, Gewerkschaften etc. pp., dem all jene »Wir sind mehr«- oder »Wir sind viele«-Krakeeler entstammen, denen heute die Luft dünn wird und bei denen die Angst wächst vor dem seinerseits wachsenden Erfolg der Rechtspopulisten, weil die ihnen die Subventionen streichen werden, sobald sie irgendwo regieren. Die Regierung handelte im selben witternden Modus wie beim Atomausstieg. Wenn die Stimmung eines durch und durch parasitären Milieus, dessen Anteil an der gesellschaftlichen Wertschöpfung ungefähr dem Merkelschen Anteil an der Veredelung der deutschen Sprache entspricht, die bislang katastrophalsten Entscheidungen einer Bundesregierung herbeizwingen konnte, illustriert das sehr plakativ, dass die Agenten der kulturellen Hegemonie und Invasoren des vorpolitischen Raumes von Gramsci bis Dutschke die richtige Strategie wählten. In medial gelenkten Gesellschaften herrscht derjenige, der über die Stimmung im öffentlichen Raum gebietet und die Regierenden zum Apportieren zwingen kann. Dass sie dabei am eigenen Ast sägen, ist Linken eigentümlich.

Dank der neuen Medien und dem Aufstieg der Populisten neigt sich diese Herrschaft europaweit ihrem Ende zu. Das erklärt die Wut und den Eifer, mit dem die Sachwalter des Status quo die neuen Konkurrenten bekämpfen und eine Verbotsdrohung nach der anderen präsentieren, ob nun das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, die Erklärung der einzigen Oppositionspartei zum Verfassungsschutz-«Prüffall« – wo Landesverrat Staatsräson ist, wird Rechtstreue zum Verfassungsbruch –, die immer neuen Denunziationsaufrufe, die immer neuen Anläufe, das Internet zu kontrollieren und Algorithmen zu entwickeln, die falsche Gesinnungen aufspüren und automatisch beseitigen sollen. Oder eben das »Framing«-Papier der ARD, über das Don Alphonso trefflich festhält:

»Ich verstehe, warum die Zwangsgebühren-ARD ihr Framingmachwerk nicht in der Öffentlichkeit sehen will. Es enthält mannigfaltige Hinweise, was diese Leute hier auf gar keinen Fall über sich lesen wollen. Im Kern ist es ein Leitfaden zum Trollen. Natürlich ist das Ding voller empörender Einlassungen, wie sich da eine Pfründenkaste den Bauch pinseln lässt. Aber ganz ehrlich, wer so etwas nötig hat, hat Angst. Die Angst tropft da aus allen Zeilen. Angst allein vor den Bezahlern, keine Angst vor der Politik.«

PS: Selbstverständlich ist es vor allem der Sog und weniger der Druck, der die sog. Flüchtlingsströme nach Europa lenkt; der Druck würde sich in die unmittelbaren Nachbarländer verteilen.


Höhepunkte der Willkommenskultur:

»Die Stadt Oslo schätzte vor ein paar Jahren, dass 50 bis 70 Prozent der Somalier die illegale Droge Khat konsumieren. Da sie bis morgens um vier oder fünf Khat kauen und danach den ganzen Tag schlafen, obliege die Versorgung der Familie den Frauen« (Neue Zürcher Zeitung). Und dafür sind sie extra nach Skandinavien geflohen. Ist das nicht rührend?

17. Februar

Ein enger Verwandter ist seit einem halben Jahr mit einer Zentralafrikanerin liiert, und vor kurzem verbrachte er seinen ersten längeren Urlaub im Lande der Liebsten. Nach der Heimkehr berichtete er, was so ziemlich alle Afrika-Reisenden zu berichten pflegen: Er schwärmte von der Großartigkeit der Landschaften, von der Natur überhaupt, von der Herzlichkeit und habituellen Grundfröhlichkeit der Menschen, aber zugleich beteuerte er, dass man diesen Kontinent wohl nicht zu Unrecht den verlorenen nenne; nichts funktioniere dort richtig, von der simpelsten häuslichen Technik bis zur Infrastruktur, doch niemand nehme daran Anstoß, geschweige dass sich jemand zur Beseitigung der Miseren und Kalamitäten aufraffte; die Sicherheitslage sei vielerorts prekär, so etwas wie eine res publica existiere nicht, die Vorstellungen von Recht und Eigentum, die Einstellung zur Arbeit, der herrschende Glaube an Voodoo, Hexerei usw., all das sei mit der europäischen Lebensweise wenig kompatibel. Die Eingeborenen dächten und empfänden in Familien oder Clans, Loyalitäten darüber hinaus seien eher unbekannt, das Verhältnis zu Terminen und Absprachen sei überaus elastisch, kurzum: man lebe dort einfach grundlegend anders als hierzulande.

Dergleichen aus empirischen Beobachtungen gewonnene Schlüsse sind weder repräsentativ noch falsifizierbar. Was den Blickwinkel des konkreten Beobachters betrifft, sind sie wahr, und je mehr konkrete Beobachter dieses »Narrativ« bestätigen, desto wahrer wird es. Die Feststellung, dass Afrikaner anders sind als Europäer, ist eine Binse.

Anders ist nun aber bekanntlich das neue schlimm, weshalb jeder Hinweis darauf, dass menschliche Großkollektive sich voneinander unterscheiden, womöglich sogar auf eine unvereinbare Art und Weise, von den Agenten des Globalismus als rassistisch weggebügelt wird. Tatsächliche Verschiedenheit ist unseren Buntheitsverkündern nämlich ein Greuel. Die Propagandisten eines radikal universalistischen Menschenbilds wollen jedes Individuum nur noch als Tabula rasa gelten lassen, als ein folgenlos umtopf- oder vermischbares Wesen ohne kulturelle Prägungen, ohne Traditionen, ohne ethnische oder – horribile dictu – genetische Unterschiede, das schließlich als gleichartiger und gleichberechtigter globaler Marktteilnehmer konfliktfrei mit anderen Gleichartigen aufeinandertrifft. Jeder weiß, dass es sich bei diesem Modell, wohlwollend formuliert, um eine Illusion handelt. Das Motto der gutmeinenden Nivellierer lautet deshalb: Friss es – oder sei Rassist.

Der »Fachverband Afrikanistik e.V.«, ein Hochschulwissenschaftlerverein, hat die Bundeskanzlerin in einem offenen Brief aufgefordert, den Afrika-Beauftragten der Bundesregierung, Günter Nooke, zu entlassen. Der CDU-Politiker, heißt es darin, habe sich mit »kolonialen Stereotypen und rassistischen Untertönen« für diesen Job unmöglich gemacht – Sie merken, geneigter Leser, das Deutsch der Kläger stammt vom Grabbeltisch, aber es sind ja auch Afrikanisten. (Nookes Äußerungen werden in den Acta-Notaten vom 25. und 30. Oktober 2018 behandelt.)

Die Welt berichtet: »Am Mittwoch kam es im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Berlin zur Aussprache zwischen Nooke und den Afrikanisten. In der für Journalisten zugänglichen zweistündigen Debatte, die nicht immer frei war vom Anschein eines Tribunals und von gereizten Reaktionen, wollte Kramer wissen, ob Nooke weiterhin zu seinen Interviewaussagen stehe. Für ›erheblichen Unmut‹ – so steht es im Brief an Merkel – hatte der einstige DDR-Bürgerrechtler mit Hinweisen darauf gesorgt, dass die Gesellschaften in Afrika ›anders funktionieren‹, dass es ›Clanstrukturen‹ gebe und, auch wegen hoher Temperaturen und Luftfeuchtigkeit, ›die Arbeitsproduktivität auf dem Bau eine andere ist als hier‹. Nooke weiter: ›In Niger bekommen die Frauen im Schnitt 7,3 Kinder, die Männer hätten gern elf!‹«

Eine Professorin monierte zudem, Nooke habe ins Gästebuch im Opernhaus von Mali einen Satz geschrieben, den sie zwar nicht genau kenne, der aber »irgendwie so in der Art« lautete: »Afrika, so nah und doch so fern.« Mit dieser Bemerkung habe Nooke das Stereotyp verbreitet, Afrika sei »anders«. Also ein Stereotyp, das durch jede Afrika-Reise, jeden Dokumentarfilm von dort und neuerdings auch die Ausbreitung bizarrer afrikanischer Riten in Europa bezeugt wird. Manche Afrikanisten erblicken darin wohl eine Hintansetzung ihrer Klientel, was ich, wenn man mich früge, für latent rassistisch erklären würde, sofern ich mir diesen Plapperbegriff nicht generell verböte. Ich schweife ab – .

Was denn an seinen Aussagen falsch sei, begehrte Nooke von den Dementoren einer ähnlichkeitsbasierten Afrikanistik zu wissen. »Wir als Geisteswissenschaftler haben vielleicht einen anderen Faktenbegriff als Sie«, ließ sich der Hamburger Professor Jürgen Zimmerer mit der Replik nicht lumpen. Ob diese Version des soeben noch geschmähten Andersseins womöglich mit dem Forschungsgegenstand zu tun hat? Dass die meisten aktuellen westlichen Geisteswissenschaftler in ihrem konstruktivistischen Rausch Fakten nicht mehr von Thesen, Hypothesen, Parenthesen und Ansichten unterscheiden können, bezeugt bereits die Rede vom »Faktenbegriff«. O glücklich, wer noch hoffen kann, aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!

Nooke, Jahrgang 1959, wie gesagt ein Ostdeutscher und als solcher im Einknicken, Distanzieren und Zerknirschungsheucheln noch immer von zonaler Ungeschmeidigkeit, nahm seine »umstrittenen« Äußerungen übrigens nicht zurück. Er ist wahrscheinlich einfach nicht in der BRD angekommen.


Zum Vorigen. Eine Handvoll mittelmäßiger Akademiker verlangt also von der Regierungschefin die Entlassung eines Politikers, weil der ausspricht, was jeder weiß und jeder sieht. Diese sinistren Figuren fühlen sich dazu bemüßigt, weil sie den Zeitgeist hinter sich wissen, wenn sie die totalitäre Doktrin des sogenannten Antirassismus gegen einen ehemaligen DDR-Bürgerrechtler wenden. Nooke seinerseits wird sich darüber im Klaren befinden, dass er es bloß mit der aktuellen Maske des Marxismus zu tun bekommt, nachdem er beim Herunterreißen der realsozialistischen Vorgängerin eine gewisse Rolle gespielt hat.

Die Denunziation Nookes ist Bestandteil einer Strategie, die ich an dieser Stelle schon mehrfach thematisiert habe und deren Ziel die Herrschaft erwünschter Illusionen ist. Die neuen Tabula rasa-Menschen sollen nicht länger an die Unterschiede glauben, die sie sehen und erleben, sondern diese Differenzen ignorieren, bestreiten, leugnen, egal welchen Preis sie dafür zahlen müssen. Sie sollen sich im Reich der Lüge einrichten, weil es dort angenehmer ist als in der Wirklichkeit, wo man sie Rassisten nennen, ächten und strafverfolgen wird, wenn sie sagen, was sie gesehen und erlebt haben. Das Reich der Lüge ist natürlich nur ein Zwischenreich, ein Purgatorium, das so lange währt, bis die Völker abgeschafft sind, bis die Wölfe neben den Schafen weiden, bis die ökologisch-soziale Weltregierung und die Weltökumene errichtet sind. Aber, mit Gehlens wahrscheinlich ewiggültigen Worten:

»Teuflisch ist, wer das Reich der Lüge aufrichtet und andere Menschen zwingt, in ihm zu leben. (…) Der Teufel ist nicht der Töter, er ist Diabolos, der Verleumder, ist der Gott, in dem die Lüge nicht Feigheit ist, wie im Menschen, sondern Herrschaft. Er verschüttet den letzten Ausweg der Verzweiflung, die Erkenntnis, er stiftet das Reich der Verrücktheit, denn es ist Wahnsinn, sich in der Lüge einzurichten.«


Einen weiteren Langen Marsch ins Reich der Lüge hat die ARD gestartet, freilich dermaßen unraffiniert, dass es wohl als Holzweg enden wird. Es geht, na klar doch, um das »Political Framing«-Papier, das die »Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin« Elisabeth Wehling verzapft hat. Die wonnige Maid beabsichtigt damit nicht weniger als »in Worte zu fassen und dauerhaft eine Sprache zu verwenden, die im Denken der Mitbürger kräftig wirkt und sie von der Notwendigkeit eines gemeinsamen, freien Rundfunks ARD überzeugt«.

Das Papier wimmelt von zitierenswerten Passagen. Zum Beispiel hat auch Frau Wehling einen Faktenbegriff. Fakten, statuiert sie, »werden in einer öffentlichen Auseinandersetzung erst zu guter Munition, wo ihre moralische Dringlichkeit kommuniziert wird«. Die ARD setze sich »für bestimmte Dinge ein, weil sie von ihrer moralischen Notwendigkeit für das gesellschaftliche Miteinander überzeugt ist«. Das ist eine postfaktische Neudefinition von Journalismus im fulminanten Geiste H. Prantls und G. Restles! Und umgekehrt!

Wikipedia belehrt uns, dass Frau Wehling sich im Rahmen ihrer Studien auch oder vorzugsweise mit der NS-Propaganda beschäftigt hat. »Nutzen Sie nie, aber auch wirklich nie, den Frame Ihrer Gegner, und nutzen Sie diejenigen Frames, die Ihre moralische Perspektive auf die Sachverhalte deutlich machen, immer und immer wieder – von Interview zu Interview, von Debatte zu Debatte, von Schriftsatz zu Schriftsatz«, ermuntert sie. »Und dann beim dritten, vierten, fünften Mal ergeben sich EinschleifProzesse im Gehirn und ein Wiedererkennungseffekt – egal, ob die Sache wahrhaft ist oder eine Lüge. Und dann sagt das Gehirn irgendwann: ›Ist mir viel zu anstrengend, das ist für mich jetzt eine Wahrheit.‹«

Das hat unser kleiner Doktor genauso gesehen und vor allem praktiziert. (Also ich meine jetzt nicht den kleinen Doktor vom Süddeutschen Beobachter, der auch jahrein jahraus, immer und immer wieder, Leitartikel auf Kommentar dasselbe behauptet, damit im Oberstübchen seiner wohl meist etwas in die Jahre gekommenen Fans gewisse Einschleif- und Wiedererkennungsprozesse als Wahrheiten »sitzen«; ich spreche schon vom Original.)

Zwei Zitate habe ich noch:

»Nur in einem Land mit einer stabilen gemeinsamen Rundfunkinfrastruktur kann man frei und erfolgreich leben und seinen Geschäften nachgehen.«

»Unsere demokratische Rundfunkinfrastruktur ARD ist also zugleich Schutz und Befähigung. Die ARD ist ein freier und unabhängiger Beobachter, da sie demokratisch kontrolliert und gemeinschaftlich finanziert ist. So kann sie jenseits wirtschaftlicher und politischer Druckausübung im Sinne aller agieren. Und sie bietet Freiheit vor Übergriffen auf unser Denken, unsere Daten und unsere Würde.«

Die Gute trägt freilich dermaßen dick auf, dass man sie für ein Schülerin Bernd Zellers halten könnte. Die Welt kommentiert denn heute auch, ihre Ausführungen klängen »ein bisschen so, als hätten die Verfasser von ›Aus dem Wörterbuch des Unmenschen‹, die nach 1945 die Nazisprache analysierten, anschließend ein ›Wörterbuch für Gutmenschen‹ geschrieben, in dem sie lehrten, wie man Goebbels’ Methoden nun für die Demokratie nutzbar machen könne.«

Damit er mit seiner Kritik nicht übers Ziel schieße, schrieb der Qualitätsjournalist noch dies: »Wehling und die ARD bestätigen damit ungewollt die rechtspopulistische Paranoia vom ›Neusprech‹, mit dem Linke und Grüne – wie in George Orwells Roman ›1984‹ – angeblich unsagbar machen wollen, was ihnen nicht in den Kram passt.« Die bestätigte Paranoia, was es nicht alles gibt, aber, Hochbegabte bei Springer und anderswo, ist das denn noch eine?


Wenn einem Menschen wirklich nur die Wahl bliebe zwischen Hetze und Lüge, müsste der Ärmste wohl die Hetze als das kleinere Übel wählen.

19. Februar

»Und heute verstehe ich den Standpunkt Christi, seinen wiederkehrenden Ärger über die Verhärtung der Herzen: Da sind all die Zeichen, und sie erkennen sie nicht. Muss ich wirklich zusätzlich noch mein Leben für diese Erbärmlichen geben? Muss man wirklich so deutlich werden?

Offenbar ja.«

Mit diesen Worten endet Michel Houellebecqs neuer Roman Serotonin. Welcher deutsche Autor brächte dergleichen zu Papier?


Gestern sah ich – Gott weiß, dass es ein Zufall war – die Rede von Bundesjustizministerin Katarina Barley bei irgendeiner Karnevalsveranstaltung, ich glaube, es war in Aachen. Frau Barley trat als amerikanische Freiheitsstatue auf und bat um Asyl in Deutschland, weil der aktuelle US-Präsident sie vertrieben habe. Als gefinkeltes Mitglied einer Partei, die sich mitsamt dem übrigen westdeutschen Juste milieu in der mauerbewehrten Zweistaatlichkeit behaglich eingerichtet hatte und deren Vertreter bereits den Begriff Wiedervereinigung als revanchistisch denunzierten, wuchtete die Ministerin eine verschwiemelte historische Ineinssetzung aus der Bütt ins Publikum: Sie beschied dem schlimmen Grenzzaunzieher Trump, er sei ein Feind der Freiheit, und stellte ihm Ronald Reagan gegenüber (das war, zur Erinnerung, der US-Präsident, den die SPD vor Trump am meisten hasste), welcher vor dreißig Jahren zu Berlin gesagt hatte: »Mister Gorbatschow, tear down this wall.« Die aktuell oberste deutsche Rechtswahrerin ist also der Ansicht, eine Grenze, mit welcher die realsozialistischen Diktatoren ihre Untertanen einmauerten, damit sie ihnen nicht davonlaufen, sei ungefähr dasselbe wie die Grenzsicherungsmaßnahmen eines in freien Wahlen gekürten Präsidenten, der die illegale Einwanderung in das von ihm regierte Hoheitsgebiet eindämmen will. Wie gesagt, die Maid ist keine protestantische Pastorin, sondern Justizministerin, aber sie erfüllt die Grundvoraussetzung, um in Deutschland eine politische Karriere machen zu können: Sie kann oder will nicht politisch denken, sondern seimt lieber in prangender Unverantwortlichkeit Hypermoral.

Überdies spekuliert Frau Barley auf die Dummheit des Publikums, indem sie unterstellt, es glaube ihr Propagandamärchen, Trump sei der Vater des US-Zauns zu Mexico. Die ersten umfänglichen Maßnahmen zur Eindämmung der Migrantenströme aus dem Süden unternahm die Regierung Clinton (»Operation Gatekeeper«). Am 30. September 1996 verabschiedete der Kongress den »Illegal Immigration Reform and Immigrant Responsibility Act«, der die Errichtung von Grenzsperren einleitete. Unter jedem auf Clinton folgenden Präsidenten wurden die Grenzanlagen weiter ausgebaut, auch unter dem temporären Erlöser Barack Obama, der übrigens bereits als Senator von Illinois anno 2006 erklärte, dass »bessere Zäune und bessere Sicherheit an unseren Grenzen« dazu beitrügen, »die Flut der illegalen Einwanderung« zu stoppen. Obama sprach damals zum »Secure Fence Act«, der eine Barriere entlang der Südgrenze erlaubte und von diversen demokratischen Senatoren unterstützt wurde, darunter Hillary Clinton.

Trump setzt Clintons und Obamas Sicherheitsregime heute fort. Da der Migrationsdruck zunimmt, wird der Zaun größer, stärker, teurer – und vor allem: notwendiger. Müssen die Deutschen noch lernen. Aber man kann guter Dinge sein: Der Verein von Frau Barley liegt in vielen Bundesländern bereits hinter der einzigen Oppositionspartei, was durchaus als Lernerfolg gewertet werden darf.


Die u.a. von mir – und von mir besonders innig! – vertretene These, dass viele Medienschaffende der zweiten deutschen Noch-Republik auch in der zweiten deutschen Diktatur einen guten Job gemacht hätten, konnten die Interessierten unter den verbliebenen Medienkonsumenten anhand der Berichterstattung über den Auftritt der Sonnenkanzlerin auf der Münchner Sicherheitskonferenz einmal mehr verifizieren.

»In München blitzt auf, wie die Welt sein könnte: Angela Merkels engagierter Aufruf zur Zusammenarbeit wird gefeiert«, akklamierte blitzgescheit die Zeit. »Fast so etwas wie ein Vermächtnis«, erspürte der Süddeutsche Beobachter: »Die Kanzlerin spricht Klartext. Die Amerikaner kriegen ihr Fett weg, die Russen, aber auch die Chinesen. So geschieht das, was vergleichsweise selten geschieht. Die Gäste im Bayerischen Hof erleben Geschichte.« (Der Autor schiebt noch ein verdruckstes »jedenfalls Konferenzgeschichte« nach; man muss ja an die Zukunft denken.)

»Es war ein diplomatischer Befreiungsschlag in doppeltem Sinne. Zum einen zeigt sie den USA deutliche Grenzen auf. Zum anderen holt sie Deutschland aus seinem diplomatischen Tiefschlaf und gibt Leitlinien vor«, ließ das Akademikerportal Focus-online auch diese Gelegenheit nicht aus, intellektuelle Satisfaktionsfähigkeit zu demonstrieren. »Merkels Rede war unerschrocken und deutlich, sie war machtvoll und befreit von der Last des CDU-Vorsitzes. Die mutige Klartext-Kanzlerin scheute die Konfrontation nicht und machte der Welt damit klar: An Deutschland führt kein Weg vorbei, und sie zementierte damit auch den deutschen Führungsanspruch in der Welt.«

Die Amtszeit des letzten deutschen Weltführungsbeanspruchers, von dem die deutsche Regierungspresse schreiben konnte, er habe den Amis die Grenzen gezeigt (auch wenn die Blödmänner sie bisweilen nicht erkannten und versehentlich die Schweiz bombardierten), liegt ja deprimierend weit zurück, da ist eine gewisse aggressive Nostalgie verständlich. Nebenbei, erfuhren wir, habe die Kanzlerin auch den Chinesen und den Russen die Koordinaten durchgestellt. Sollte sie das perfide Albion vergessen haben? Dann kommen die Briten wohl bei einer der nächsten Vermächtnis-Reden dran.

Nicht ganz so »dickhirnschalig« (Goethe) wie der Focus-Weltweise, aber demselben Fulminanzgebot folgend, frohlockte der Berliner Tagesspiegel: »Angela Merkel legt in München los wie die Weltfeuerwehr.« Weltfeuerwehr, Weltgeschichte, Weltzusammenarbeit, Weltführung, eine Ahnung der Welt, wie sie sein könnte, Weltesche, Weltenbrand – und mittendrin, nur durch einen dünnen Hosenanzug von der Welt getrennt, unsere Angela I.! »Donald Trumps Vorgänger Barack Obama hätte seine Freude gehabt«, notierte verzückt der Tagesspiegel.

Dieser Barack Obama sagte übrigens nach dem Ende seiner Amtszeit über seine kongeniale deutsche Partnerin: »Sie ist nun ganz allein.«

»Gott sei Dank.« (Alexander Wendt)

22. Februar

Die Grünen haben heute im Bundestag einen Antrag vorgestellt, der die Bundesregierung auf eine »feministische Außenpolitik« verpflichten will und zu den kuriosesten Dokumenten der deutschen Parlamentsgeschichte gehört. Er verlangt nicht nur, dass Deutschland seine Außenpolitik am Geschlechterverständnis der Grünen orientierten möge, was drollig genug wäre, sondern fordert zudem, dass die Bundesregierung aus der Welt einen Ort machen soll, an dem jeder Mensch glücklich ist: »Ziel einer feministischen Außenpolitik ist die Gleichheit und die Freiheit aller Menschen vor Not und vor Furcht.«

Freilich: Die Formulierung »Gleichheit vor Not und Furcht« beschreibt zum Beispiel die Situation von Schiffbrüchigen oder der meisten Einwohner Venezuelas; die Wendung »Freiheit vor Not und Furcht« wiederum ist semantischer Nonsens. Warum der Grünen-Antrag explizit die Europäer dafür anprangert, Frauen zu unterdrücken – »die Rechte von Frauen und marginalisierten Gruppen (sind) durch Populistinnen und Populisten, Autokratinnen und Autokraten und Rechtsstaatverächterinnen und -verächtern in Europa und überall auf der Welt unter Beschuss geraten« –, während Weltteile, in denen Frauen tatsächlich unterdrückt werden, keine Erwähnung finden, erzähle ich gleich. Dass den Grünen nicht der Sinn danach steht, Not und Furcht im eigenen Lande zu reduzieren, beispielsweise die Not der deutschen Obdachlosen oder die Furcht der Schichtarbeiterin auf dem abendlichen Heimweg in der Bahn, wenn Sie wissen schon wer zusteigt, hat damit zu tun, dass speziell die Klientel der Grünen eher notfrei und furchtlos lebt. Ein weiteres Kuriosum besteht darin, dass der Antrag die schwedische feministische Außenpolitik als Vorbild nennt, also die Außenpolitik eines Landes, das international nirgends eine Rolle spielt, ausgenommen in den Vergewaltigungsstatistiken, wo es inzwischen im internationalen Maßstab ganz weit vorn liegt; vielleicht sollten sich die Nordlichter besser um Innenpolitik kümmern.

Aber gut, die Grünen reden von Außenpolitik und behaupten, es gäbe nur dann einen »stabilen Frieden und eine nachhaltig erfolgreiche soziale und wirtschaftliche Entwicklung (…), wenn die Belange von Frauen, Mädchen und marginalisierten Gruppen« zu deren »Leitbild« werden. Die deutsche Außenpolitik soll also nicht deutsche Interessen vertreten, sondern, erstens, die Interessen deutscher »Frauen, Mädchen und marginalisierter Gruppen« und, zweitens, die Interessen von »Frauen, Mädchen und marginalisierten Gruppen« überall in der Welt. Da keine der genannten Gruppen in irgendeiner Weise über spezielle Gremiem verfügt, die deren Bedürfnisse überhaupt artikulieren, dürfen wir davon ausgehen, dass die grüne Bundestagsfraktion dieses Gremium ist. Der Zweck der Außenpolitik ist also die internationale Frauenförderung im Sinne der damit vom Weltgeist beauftragten deutschen Grünen.

Eine Vision, wie die künftige feministische Außenpolitik ausschauen könnte, hat die Bundestagsvizepräsidentin bei ihren Iranbesuchen vermittelt, wo Frau Roth stets mit einem kleidsamen Kopftuch auftrat, das ihr eine dominante Position gegenüber ihren barhäuptigen Gesprächspartnern verlieh, denen sie wahrscheinlich von der strukturellen Unterdrückung der Weiber in Europa erzählte. Zwar haben iranische Frauen gegen Frau Roths Auftritte mit dem angeblich patriarchalischen Unterdrückungssymbol protestiert, aber was verstehen die schon von moderner Außenpolitik; die kennen ja nicht mal »Ton Steine Scherben«.

Nach dem Willen der Grünen soll sich die Bundesregierung überdies dafür einsetzen, »dass Konstruktionen von Geschlechterrollen in militärischen Kontexten reflektiert werden«. Sie haben leider nicht dazugeschrieben, ob vor oder nach dem Gefecht. Der Grünen-Antrag fordert außerdem mehr weibliche Einsatzkräfte in internationalen Friedensmissionen, weil deren Anwesenheit beispielsweise in Mali oder Afghanistan die häusliche Gewalt reduziere. Wie wäre es denn, wenn die emanzipierteste aller Parteien hienieden als Testlauf die Bundesregierung auffordert, mindestens 50 Prozent weibliche Bodyguards zu beschäftigen? Um die 50 Prozent geht es den Grünen letztlich, und im zweiten Teil ihres Papiers werden sie dann deutlich und fordern: eine 50-Prozent-Quote für Frauen im höheren Auswärtigen Dienst sowie die paritätische Besetzung aller Botschafterposten.

Was uns zur angekündigten Antwort auf die Frage führt, warum in dem Grünen-Antrag weder die Länder genannt werden, in denen die Gleichberechtigung der Frauen bislang nur gegenüber Nutztieren gilt, noch jene Religion, in welcher das eine soziale Konstrukt vom anderen bis zu Stücker vier besitzen und zweifelsfalls hauen darf, aber die patriarchalischen Europäer denn doch. Den Grünen sind die Frauen in diesen Ländern völlig schnuppe. Ihnen sind ja sogar die Konstruktsgenossinnen in Deutschland schnuppe, sofern sie zum falschen Milieu gehören. Unter dem Vorwand, sie wollten Frauen im Ausland helfen, wollen die Grünen grüne Frauen im Inland privilegieren. Das ist der einzige Zweck des ganzen Gedöns.


Eines Tages, ich würde tippen irgendwann Mitte der 90er Jahre, gab es endlich mehr Propagandafilme über NS-Propagandafilme als NS-Propagandafilme.

25. Februar

Unsereinem kann nichts Langweiligeres widerfahren, als mit einem sogenannten Offiziellen, ob er nun aus der Politik, der Wirtschaft, der Kulturbranche oder woher auch immer stamme, in größerer Runde zusammenzusitzen, denn es gibt kein einziges Thema mehr, zu dem sich ein solcher Mensch öffentlich unbefangen äußern könnte. Jeder Scherz, jede dezidierte Meinung bringt ihn in Teufels Küche. Das einstige Small-talk-Thema Nr. 1 ist heute komplett vermint, bereits die Erklärung, man finde eine Frau attraktiv oder begehrenswert, stellt den Sprecher als Sexisten und versetzten Belästiger bloß; politische Themen meidet der halbwegs Kultivierte bei Tische ohnedies, doch heute drängt ihn alles zu dem Bekenntnis, wen er gefälligst zu hassen hat; jede Urlaubserzählung kollidiert mit der Klimabilanz; jede kulinarische Schwelgerei entlarvt den Tierquäler und unsozialen Verschwender. Doch selbst durch eine unverfängliche Bemerkung wie etwa jene, dass man für seine Kinder die Universität A bevorzugt oder Katzen mag, steht der Sprecher schnell im Ruch, die Universitäten B bis Z geringzuschätzen oder ein Hundehasser zu sein.

27. Februar

Das Verwaltungsgericht Köln hat mit seinem gestrigen Beschluss dem Bundesamt für Verfassungsschutz untersagt, öffentlich zu äußern oder zu erklären, dass die AfD dortselbst als »Prüffall« bearbeitet werde. Die Einstufung einer Partei als Verfassungsschutz-Prüffall sei »kein beliebiges Erzeugnis staatlicher Öffentlichkeitsarbeit«, heißt es in der Urteilsbegründung. Vielmehr ergäben sich daraus »mittelbar belastende negative Sanktionen« gegen die betreffende Partei.

Ja was denn sonst! Das war schließlich der Zweck der ganzen Prozedur, genau deswegen ist Herr Maaßen als Verfassungsschutzchef entlassen und durch einen Nachfolger ersetzt worden, der die AfD wahrscheinlich intern nicht anders behandelt als sein Vorgänger, aber zu der winzigen und zugleich so wichtigen Konzession bereit war, dies öffentlich zu kommunizieren. Genau das allerdings ist ehrabschneidend, stigmatisierend und damit eine Diskriminierung des politischen Wettbewerbers. Und Diskriminierung wollten wir doch in ’schland nicht mehr dulden, oder?

Ehrabschneidend ist es, der Öffentlichkeit mitzuteilen, dass eine Organisation als Prüffall eingestuft wird, so wie es ehrabschneidend wäre, wenn die Polizei die Öffentlichkeit darüber in Kenntnis setzte, sie prüfe, ob gegen Herrn X ein Verdacht vorliege, von der Einleitung eines Ermittlungsverfahrens könne aber noch keine Rede sein. Prüffall bedeutet: Der Verfassungsschutz prüft, ob sogenannte Anhaltspunkte für einen Verdacht vorliegen. Sie können also auch nicht vorliegen, und deshalb darf das Amt nicht darüber berichten – obwohl und gerade weil es der Regierungskoalition und den nichtmitregierenden regierungsnahen Parteien zur Einschüchterung der Opposition taugt.

»Tatsächliche Anhaltspunkte beziehen sich naturgemäß auf Tatsachen und nicht auf Werturteile«, schreiben die Richter. Dass die »tatsächlichen Anhaltspunkte für eine Bestrebung nach §3 Abs. 1 BVerfSchG (also gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung usw. – M.K.) gerade nicht bestehen, ist selbst die Auffassung des Bundesamts« – denn sonst hätten die Schlapphüte die AfD ja zum »Verdachtsfall« nobilitiert.

Der »Prüffall« sei eben nur »eine Vorstufe des Verdachtsfalls«, insistieren die Richter weiter, als ob das die Beklagten nicht selber wüssten. Das Bundesverfassungsgericht habe mit seinem Beschluss vom 24. Mai 2005 »die verfassungsrechtlichen Anforderungen an eine Verdachtsberichtserstattung« so weit eingeschränkt, »dass für einen Verdachtsfall ›hinreichend gewichtige‹ tatsächliche Anhaltspunkte vorliegen müssen«. Damit sei »eine Berichterstattung über eine dem Verdachtsfall vorgelagerte Prüfung wie den hier streitgegenständlichen Prüffall von vorneherein ausgeschlossen«.

Die Öffentlichkeit möge sich selbst ein Urteil über Organisationen bilden und nicht durch staatliche Vorgaben beeinflusst werden. »Die behördliche Wertung einer Organisation ist nichts, was dieser anhaftet oder eigentümlich ist«, statuieren die Richter weise. Sie hätten hinzufügen sollen: idealfalls. In der Realität haften solche Werturteile denn doch als stigmatisierende Kletten an den unter Verdacht Gestellten, gerade in der obrigkeitsfrommen deutschen Öffentlichkeit.

Der Rest der Urteilsbegründung ist der Frage gewidmet, welchen Rufschaden das Bundesamt mit seiner Veröffentlichung parteiauftragsgemäß angerichtet hat, und soll uns hier nicht weiter interessieren, weil das Motiv zwar klar auf der Hand liegt, die Bilanz aber schwer quantifizierbar ist. Von einer fröhlichen Dreistigkeit zeugt die Argumentation des Bundesamtes, die AfD habe die »streitgegenständlichen Äußerungen« ja selber wiederholt, kommentiert und somit verbreitet. Was schreist du herum, wenn ich dich steche, willst du etwa, dass es jeder mitbekommt?

Mit gewohnter Pfiffigkeit begibt sich der Süddeutsche Beobachter auf Dummenfang. Die Einstufung der AfD als Prüffall sei »aus Sicht des Bundesamtes« tatsächlich bloß als Entwarnung und Abwiegelei zu verstehen gewesen, notiert die Gazette. »Das Bundesamt bestätigt der Partei damit, dass sie weniger schlimm sei als von Teilen der Öffentlichkeit vermutet.« Zu schweigen von Teilen der Redaktion des Beobachters!

Das führt mich noch einmal zu dem AfD-Dossier des Verfassungsschutzes. Ich habe hier bereits (Acta vom 20. Januar) daraus zitiert, aber es war ein After-Zitat, weil das Dokument damals noch nicht »geleakt« worden war, und zwar jene Stelle, wo Alexander Gauland aus seinen Worten:

»Wir sollen uns als Volk und Nation in einem großen Ganzen auflösen. Wir haben aber kein Interesse daran, Menschheit zu werden. Wir wollen Deutsche bleiben.«

… der Strick gedreht wird, er propagiere »ein ethnisch-biologisch bzw. ethnisch-kulturell begründetes Volksverständnis«, welches »gegen die Menschenwürdegarantie des Art. 1 Abs. 1 GG verstößt«. Also der Wunsch, Deutscher bleiben zu wollen, ist eine Verletzung der Menschenwürde Nichtdeutscher. Schreibt ein Hüter der deutschen Verfassung. Großes konstruktivistisches Kino!

Eine beliebige andere kuriose Stelle suchend, stieß ich spontan auf jene:

»Alexander Gauland erklärte in einer Rede beim AfDLandesverband Brandenburg am 13. Oktober 2018, dass ›das Gerede von Vielfalt, Buntheit und Bereicherung sich von den Phrasen der SED-Funktionäre kaum unterscheidet.‹ Dabei schränkt er allerdings ein, dass er die Bundesrepublik nicht als autoritäres Regime bewerte, es aber ›bedenkliche Tendenzen in diese Richtung‹ gebe. Weiterhin führte er aus: ›Liebe Freunde, die Freiheit stirbt scheibchenweise, das totalitäre Gras wächst langsam und wir müssen uns diesem Wachsen des totalitären Grases entgegenstellen.‹ Durch die o.g. (teilweisen) Gleichsetzungen wird die demokratische Ordnung als Ganzes in Frage gestellt, als angebliches Unrechtsregime gebrandmarkt und ihr letztlich die Legitimation abgesprochen.«

Das schreibt ein Staatsbeamter, keine Zeit-Praktikantin. Mit diesen Worten brandmarkt der AfD-Vorsitzende die BRD als Unrechtsregime! Indem er die Floskeln und Machtmissbrauchsgelüste des Establishments mit jenen eines autoritären Vorgängerstaates vergleicht, also mehr Demokratie fordert, stellt er die demokratische Ordnung als Ganzes in Frage und spricht dieser Ordnung – nicht etwa der momentanen Regierungspolitik – die Legitimation ab.

Die Kanzlerin führt seit 2015 praktisch aller Welt vor, dass es Größeres, Höheres und Edleres als die deutsche Verfassung gibt, dass man im menschen- oder gruppenrechtlichen Einzelidealfall schon mal ein verfassungsrechtliches Auge zudrücken könne resp. müsse. Mit dem Ruf nach Frauenquoten in den Parlamenten wird derzeit der nächste offene Verfassungsbruch vorbereitet; eine CDU-Hinterbänklerin namens Yvonne Magwas, Vorsitzende der »Gruppe der Frauen in der Unionsfraktion«, fragt: »Wollen wir das Thema Parität mit Blick auf verfassungsrechtliche Probleme gleich totmachen, oder versuchen wir, Wege zu finden?«

Euer Ehren, außer jener, auf welcher Seite die echten Verfassungsfeinde stehen, habe ich keine weiteren Fragen.

1. März

Jordan Petersons Buch 12 Rules For Life beginnt mit einem inzwischen beinahe klassischen Hummer-Gleichnis, also der Beschreibung des Revierverhaltens der Großkrebse als eine Art Präludium zur Betrachtung des zwar unendlich komplexeren, aber immer noch verwandten menschlichen Territorialverhaltens. Hummer haben ein ausgeprägtes Bedürfnis nach einem eigenen Stück Meeresboden, sie vertreiben alle Artgenossen aus ihrer Nähe, was, wenn zwei das Gleiche tun, zu Auseinandersetzungen verschiedenen Härtegrades führt, an deren Ende es immer einen Sieger und einen Vertriebenen gibt. Die Aggressionslevel stuft Peterson von I bis IV, wobei die Entscheidung über Sieg und Rückzug auf dem ersten Level noch ohne Körperkontakt fällt, während auf dem vierten eine richtige Schlacht stattfindet, bei welcher Gliedmaßen, Augen oder Fühler abgezwickt werden und bleibende Schäden zurückbleiben können. Und dann geschieht das Frappierende:

»In the aftermath of a losing battle, regardless of how aggressively a lobster has behaved, it becomes unwilling to fight further, even against another, previously defeated opponent. … If a dominant lobster ist badly defeated, its brain basically dissolves. Then it grows a new, subordinate’s brain.« Und zwar nicht bei denen, die schon auf dem Level 1 den Rückzug antraten, sondern bei den wirklich schwer Geschlagenen.

Warum musste ich bloß spontan an Deutschland denken …?


Der deutsche Außenminister Heiko Maas sitzt wegen eines Defekts an seiner Regierungsmaschine in Mali fest. In den vergangenen Monaten gab es mehrfach Pannen bei der Flugbereitschaft. Die Bundeskanzlerin kam deswegen Ende November zu spät zum G20-Gipfel in Buenos Aires. Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) blieb im Januar für längere Zeit in Sambia hängen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier steckte im November wegen eines Triebwerksdefekts stundenlang in Südafrika fest und wenig später dann noch einmal in Äthiopien.

Ich halte diese Meldungen für symptomatisch. Ich werte sie als Meilensteine bei der Transformation eines Landes der Techniker und Ingenieure in eine von Genderbeauftragten und Politologen geprägte Bananenrepublik.

Schlagzeilen der letzten Wochen wie: »›Ich gebe nur noch gute Noten‹. Ist es gerecht, Schülern die Zukunft zu verbauen, weil Lehrer ihnen schlechte Noten geben? Das hat sich eine Lehrerin gefragt – und entschieden: Bei ihr besteht jeder das Abitur« (Spiegel); »Den Begriff ›dividieren‹ versteht kaum noch ein Schüler« (Welt); »Grüne setzen sich mit Forderung durch: Hessische Schulen dürfen künftig auf Noten verzichten« (Focus), markieren als Leuchtstreifen den Weg.


»Aber was tun Sie da?«, rief der Weinfreund entsetzt, als er sah, dass der Weingroßhändler alle Flaschen entkorken und in Fässern zusammenschütten ließ, unterschiedslos alle, Weiß- und Rotweine, große Bordeaux und kleine Sauser aus der neuen Welt, Tempranillos und Rieslinge, Malbecs und Pinot Grigios, Champagner und Rosés obendrein.

»Ich setze mich für Vielfalt ein«, erwiderte der Großhändler streng.

»Nein, Sie verderben alles!«, klagte der Vinophile.

»Ja haben Sie das gehört«, wandte sich der Händler entrüstet an die Umstehenden. »Dieser Mann hetzt gegen Buntheit!«

Fabelhafte Formulierung von Norbert Bolz: »Darwinismus des Konformismus«. Der Medienphilosoph beschreibt die konformitätsförderlichen Mechanismen hinter den Talkshow-Einladungen, um begreiflich zu machen, warum fast nie einer der Teilnehmer (mit Ausnahme der AfD-Tschandalas) den Korridor des Genehmen und Gewünschten verlässt. Es finden nämlich vorher regelrechte Castings statt, jeder potentielle Gast wird penibel befragt, was er zu dieser oder jener Frage antworten würde (das Thema steht ja vorher fest), was ich bestätigen kann, denn ich wurde einmal selber gecastet (wobei ich einen guten Aufschlag hatte, denn das Fräulein, das mich anrief, stellte sich als »Sowieso sowieso, Hart aber fair« vor, und ich versetzte: »Klonovsky, hart«, was ihr ein spontanes Kichern entlockte); es ging damals um »den Islam«, und sie befragte mich ausführlichst, aber am Ende machte eine Islamkennerin namens Lisa Fitz statt meiner das Rennen. – Bisweilen bietet der Sendervertreter auch »Deals« an. Da nahezu jeder, also auch ehrenwerte Professoren wie Bolz, aus Eitelkeitsund Popularitätsgründen ins TV wollen, lassen sich viele auf solche »Deals« ein (bzw. äußern schon von Hause aus das Gewünschte). Und diesen Kampf um die limitierten Plätze nennt Bolz trefflich: »Darwinismus des Konformismus«. Erinnert ein bisserl an die Spiegel online-Kolumnisten, die auch allesamt immer dieselbe Meinung vertreten und sich dann gegenseitig mit immer schrilleren Formulierungen, Invektiven und Forderungen überbieten müssen.

2. März

»Am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, hingen vor einer Polizeistation in Schlüchtern (Main-Kinzig-Kreis) die Deutschland- und die Hessenflagge verkehrt herum – und das stundenlang. Deswegen ermittelt nun das Fachkommissariat für Staatsschutzdelikte, denn die Flaggen wurden vermutlich absichtlich falsch aufgehängt. Die verantwortlichen Beamten wurden inzwischen versetzt«, meldet, neben vielen anderen Medien, die hier viel zu selten zitierte Webseite Osthessen News. »Eine verkehrt herum aufgehängte Flagge kann im schlimmsten Fall bedeuten, dass man das Land verachtet. Im Raum stehen eine Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole sowie Volksverhetzung«, klärt das Portal seine Leser weiter auf.

Wenn sich Jakob Augstein vor laufender Kamera in eine Deutschlandfahne schneuzt, wenn die Kanzlerin einem Bundesminister indigniert die Landesfahne aus der Hand pflückt und am Bühnenrand entsorgt, wenn fidele Linksfaschos während der Fußball-WM alles Schwarzrotgoldene von privaten Autos abreißen, sind das Äußerungen eines weltoffenen Postnationalismus. Wenn eine Bundestagsvizepräsidentin auf einer Demo mitläuft, der ein Transparent mit der Aufschrift »Deutschland, du mieses Stück Scheiße« vorangetragen wird, ist das spielerischer Umgang mit der Zumutung einer Identität. Aber wenn »rechte« Motive in Frage kommen oder unterstellt werden können, und das obendrein noch am eigentlichen deutschen Nationalfeiertag, dann bekommen die Drecksfarben der Scheißnation auf einmal etwas Sakrosanktes, und das Delikt der »staatsfeindlichen Hetze« ersteht aus seiner realsozialistischen Gruft. –

Einen Tag nach dem Tod Stalins am 5. März 1953 hatte im Aufmacher der DDR-Gewerkschaftszeitung Tribüne gestanden, »der überragende Kämpfer für die Erhaltung und Festigung des Krieges in der Welt« sei dahingegangen. Sofort war die Stasi in Kompaniestärke in der Redaktion angerückt, um die Halunken dingfest zu machen, die diese rechte Propaganda ins Blatt geschmuggelt hatten. Der Schlussredakteur und der Setzer bekamen jeweils fünfeinhalb Jahre Zuchthaus; man hatte sie so lange und intensiv verhört, bis sie zugaben, dass sie absichtlich »Krieg« statt »Frieden« eingesetzt haben; dann war es kein Druckfehler mehr, sondern Boykotthetze.

3. März

»Für eine Spitzenposition musste man früher als Frau die Vagina noch benutzen. Heute genügt es, eine zu haben. Das ist entwürdigend.«

Lisa Eckhart


Ein Leser macht mich auf die Lösungsworte des Kreuzworträtsels im Freien Wort, Suhl (erscheint unter diesem Namen seit 1952) aufmerksam:

26. Februar. Frage: »Eine Weltreligion«. Lösung: »Islam«.

27. Februar. Frage: »Orientalischer Männername«. Lösung: »Ali«.

28. Februar. Frage: »Früherer türkischer Titel«. Lösung: »Aga«.

1. März. Frage: »Name Gottes im Islam.« Lösung: »Allah«.

2. März. Frage: »Schicksal (Islam)«. Lösung: »Kismet«.

5. März

Mitunter fügen sich Koinzidenzen im Nachhinein zu Vorgängen von tiefer Verbundenheit. »Beim abendlichen Internetstöbern« ist Leser *** auf einen solchen Fall gestoßen: »Das ›Unwort des Jahres 2014‹ war ›Lügenpresse‹. Raten Sie mal, wer 2014 ›Journalist of the Year‹ wurde.«


Zehn Thesen zur Frage, wie mit dem Klimawandel umzugehen sei.

1. Der Klimawandel ist ein Faktum, eine erdgeschichtliche Dauertatsache. Wir wissen freilich nicht, wohin er führt, da wir nicht sämtliche Einflussgrößen kennen (Sonnenzyklen!).

2. Ob und in welchem Ausmaß der Klimawandel »menschengemacht« ist, wissen wir nicht.

3. Ganz sicher »menschengemacht« ist die Wahrnehmung des Klimawandels, aus dem einzigen Grund des immer explosiveren Wachstums der Menschenzahl auf diesem klimatisch unruhigen Planeten. Mit der Bevölkerungszahl der »kleinen Eiszeit« vom 16. bis zum 18. Jahrhundert würden wir den Klimawandel als weit weniger katastrophisch empfinden.

4. Unterstellen wir, der Klimawandel sei tatsächlich »menschengemacht« (das heißt: marginal vom Menschen beeinflusst; für die Änderung des Klimas als Ganzem ist der Mensch als Faktor zu unbedeutend), dann gilt: Niemals werden sich alle Staaten der Erde auf einen gemeinsamen Modus einigen, ihn zu stoppen, weil es weder eine Einigkeit der Staaten über Kosten, Aufwand, Verteilung etc. geben wird, noch eine Einigung der Experten, welche Maßnahmen überhaupt sinnvoll wären.

5. Auf den Klimawandel reagieren heißt naheliegenderweise, sich mit seinen Folgen zu arrangieren. Wie, das liegt letztlich bei jedem Land selbst. Das schließt solidarische Leistungen solchen Ländern gegenüber ein, die besonders betroffen sind.

6. Der Blick auf die Klimazyklen der Erdgeschichte zeigt, dass mit einigem zu rechnen ist, aber immer Spezies existierten, die sich mit veränderten klimatischen Verhältnissen zu arrangieren verstanden.

7. Weltgegenden, in denen die Ansicht herrscht, Kinderreichtum sei eine religiöse Pflicht – »Gott schenkt uns Kinder. Also sorgt er auch dafür, dass alles Notwendige da ist« –, werden wahrscheinlich auch von Gott gerettet und können getrost Seiner Hilfe überlassen bleiben. Der globalen Verbreitung solcher Überzeugungen zu wehren ist von ähnlicher Dringlichkeit wie die Reaktion auf den Klimawandel.

8. Die Atomenergie steht erst am Anfang ihrer Geschichte.

9. Die »Klimarettung« wird zur neuen westlichen Ersatzreligion, mit welcher sich ungeheure Umverteilungen von Menschen und Geldern begründen und die Taschen einer Funktionärskaste füllen lassen. Aus den Reihen der »Klimaretter« rekrutiert sich eine neue Bolschewiki. Diese Leute werden bald Macht und auch Köpfe fordern.

10. Der Klimawandel wird der Menschheit geringere Probleme bereiten als die Maßnahmen, die sie zu dessen Verhinderung ergreift. Die »Klimarettung« ist wahrscheinlich eine größere Bedrohung als der Klimawandel.

8. März

Wunderbare Formulierung von Hadmut Danisch: Die Frauenquote ist marktwirtschaftlich gesehen eine Art Importsperre oder Strafzoll auf Männer.


Auch nicht übel: »Wahlrecht ab 16, Frau Barley?», twittert jemand, »dann aber auch volle strafrechtliche Verantwortung ab 16 und Streichung des Jugendstrafrechts!»

Antwort des SPD-Parteivorstands: »Was hat denn das Wahlalter mit dem Strafrecht zu tun?»

Ich schrieb unlängst, dass wir es mit der dümmsten Politikergeneration zumindest der deutschen Nachkriegsgeschichte zu tun haben, und beantrage, auch diese Aussage zu den Beweismitteln zu nehmen.

12. März

Die bleibende Hinterlassenschaft der Kanzlerin Merkel wird die elastische Unverbindlichkeit des Rechts sein. Seit Merkel gilt: Die Verfassung bindet nur solange, bis höhere Interessen auf dem Spiel stehen. Was höhere Interessen sind, lege ich in enger Fühlung mit den Agenturen des Weltgeistes fest, unter Berücksichtigung der vermuteten öffentlichen Stimmung. Juristen, die ihre Karriere noch vor sich haben und meine Entscheidungen für verfassungskonform erklären, werden sich verlässlich finden.


Der Evangelische Kirchentag naht und mit ihm die markigsten Mänadismen resp. Mänaderien der Mitschwesterlichkeit. Nachdem Klimafasten längst protestantischer Diätstandard ist und Malen mit Menstruationsblut ein alter Damenhut, wird auf der diesjährigen Kirmes eine Kulturtechnik zelebriert, die das Zentrum konstruierter Weiblichkeit in den Blick nimmt (und sich als »Workshop« im angesagten Frame interreligiöser Schenkelöffnung gewiss auch an Musliminnen und ihre glutäugigen Begleiter wendet, zumal es sich um eine der wenigen in diesem trendigen Weltteil tatsächlich unterentwickelten Wahrnehmungstechniken handelt): die Fotzenmalerei. Im »Zentrum Geschlechterwelten« (Dortmund, Mallinckrodt-Gymnasium, 3. OG, 303, Südrandweg 2) wird die Hallesche Theologiestudentin Lea Klischat zum »Workshop Vulven malen« bitten; Modelle sind wahrscheinlich mitzubringen.

Übrigens war es ein Muslim, nämlich Halil Şerif Pascha, auch bekannt als Khalil Bey, gebürtiger Ägypter, osmanischer Diplomat und Kunstsammler, der ihr in Europa zu einem bislang unübertroffenen Höhepunkt verhalf, indem er Gustave Courbet beauftragte, ihm eine Pussy bildfüllend abzukonterfeien und womöglich sogar seine Geliebte als Modell zur Verfügung stellte. Ob dergleichen Pikanterien auch bei einer Protest-Tanten-Session möglich sind? Oder dürfen bzw. müssen dort nur je eigene Mimis gemalt werden?


Richtige Formulierung: Katholischer Priester verging sich an Minderjährigen. Falsche Formulierung: Homosexueller Priester verging sich an Minderjährigen.

13. März

Es gibt Böhmermanns ohne Diktatur, aber es gibt keine Diktatur ohne Böhmermanns.


»Flugzeugträgerin« (Bernd Zeller) – darauf hätte ich auch selber kommen können …


In einem Gastkommentar in der Welt hat Alexander Gauland auf Macrons Pläne zur weiteren Vertiefung und Zentralisierung der EU reagiert und dortselbst unter anderem geschrieben:

»Europa war und ist von allen Erdteilen der heterogenste. Ausgerechnet diesen Kontinent vereinheitlichen zu wollen, ist eine verrückte, ja größenwahnsinnige Idee. Europa bedeutet Vielfalt, Vielfalt von Kulturen, Sprachen, Mentalitäten und Identitäten, ja auch von Küchen und Lebensstilen, und genau das zeichnet Europa aus. Die innereuropäische Konkurrenz war oft mörderisch, aber in der Gesamtbilanz hat immer das Konstruktive überwogen. Gerade aufgrund seiner Vielfalt war Europa stets ein Laboratorium für Zukunftsentwürfe. Die Vielfalt und Konkurrenz der Völker ist die menschliche Entsprechung zur Artenvielfalt in der Natur; diese Arten und diese Völker sind gleichsam Speerspitzen der Evolution, sei sie nun biologisch oder technisch oder kulturell. Wer auf diese Vielfalt das Leichentuch des Zentralismus legen will, muss gerade in Europa mit Widerstand rechnen.

Der überall aufbrechende europäische Populismus ist nicht aggressiv, sondern rein defensiv. Es ist ein Eigensinn, der niemanden bevormunden will, sondern sich gegen Bevormundung wehrt. Es handelt sich um eine Reaktion auf die Aufblähung der EU, wie sie sich beispielhaft in der Schuldenkrise und der Migrationskrise zeigte. Der EU-Nationalismus, für den Merkel und Macron stehen – denn nichts anderes ist es ja –, kann allenfalls noch eine kleine globalistische Elite ansprechen, nicht aber die europäischen Völker.«

Auf Twitter extrahiert einer den Passus mit den »Speerspitzen der Evolution« und schreibt: »Welcome to the jungle!« Ähnlich kundig fallen die folgenden Reaktionen aus: »Sozialdarwinismus«, »Rassismus«, »Herrenrasse«, »völkisch«, »Hitler« etc. ad nauseam pp.

Der Wille zum Missverständnis ist in diesen Kreisen monströs geworden. Da werden nur Reflexe gepostet, ob nun aus Intelligenzmangel, Böswilligkeit, Meutendruck, schierem Hass oder warum auch immer. Jeder Dialog erübrigt sich. Es geht nur noch darum, wer über wen herrschen wird.

15. März

Der Anschlag von Christchurch eröffnet weitere Aussichten auf den Bürgerkrieg. Diejenigen, die gehofft hatten, er werde nur eine Kriegspartei kennen, haben geirrt. Ich erinnere an die weisen Worte zweier großer zeitgenössischer Politiker: Terroranschläge sind »ein Bestandteil des Lebens in einer Großstadt«, erklärte Londons Oberbürgermeister Sadiq Khan; »Wir werden mit der Terrorbedrohung leben müssen«, sekundierte Thomas de Maizière, deutscher Innenminister in den Tagen des freundlichen Gesichts.


»Ich gehöre immer noch zu den Extremen, die regelmäßig im Auto DLF hören«, schreibt Leser ***. »Und als DLF-Hörer weiß man, dass vergleichbare Attentate in Städten wie Kabul, Mossul oder Bagdad regelmäßig stattfinden. Meist gibt es Dutzende von Toten. Der Täter bzw. die Täter gehören in aller Regel einer anderen Volksgruppe bzw. anderen Konfession an als die Opfer. Fast wöchentlich findet so etwas statt. Im DLF ist das oft die vierte oder fünfte Nachricht – in den TV-Nachrichten wird dergleichen allermeist ignoriert.

Findet so etwas aber in Neuseeland statt, immerhin doppelt so weit entfernt wie Kabul, so werden Sondersendungen geschaltet und die Frage nach ›Schuld und Sühne‹ steht im Raum. Man fragt sich dennoch: Ein Mann begeht ein Attentat. Dutzende von Leuten werden getötet. Die allermeisten gehören einer anderen Volksgruppe oder Konfession als der Täter an. Was also macht den Unterschied?? Wieso Sondersendung, Brennpunkt etc.?«

16. März

Sobald jemand in Deutschland öffentlich eine unkonventionelle Idee vorträgt, stürzen sofort alle an den PC und gugeln, ob etwas gegen den Menschen vorliegt.


»Umstrittener BND-Ausbilder darf weiter lehren«, meldet das Zentralorgan der Unumstrittenen von der Hamburger Relotiusspitze. Was ist geschehen? Der Politikwissenschaftler und BND-Ausbilder Martin Wagener – exakt formuliert: Wagener lehrt Internationale Politik am Fachbereich Nachrichtendienste der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung – hat im September ein Buch veröffentlicht, in welchem er vorschlägt, dass Deutschland seine Außengrenze für illegale Migranten schließen soll, und zugleich die technischen Details und die Kosten einer solchen vertrauensbildenden Maßnahme beschreibt (Acta vom 11. September 2019). Daraufhin ward Wagener in die Walhalla der Umstrittenen versetzt, woran neben den Schaffenden in den Medienhäusern vor allem sein Arbeitgeber, also der BND, beteiligt war, indem er eine Überprüfung des Buches auf womöglich außergewöhnliche Umstrittenheit in Auftrag gab, den Professor damit sozusagen zum »Prüffall« erhob und das obendrein öffentlich machte.

Die Behörde habe ihm »vor kurzem mitgeteilt, auf der Basis des Gutachtens eines bekannten Rechtswissenschaftlers keine Maßnahmen gegen mich ergreifen zu wollen«, schreibt Wagener in einer online veröffentlichten Stellungnahme. »Es wurde folglich kein Dienstvergehen festgestellt. Und natürlich wurde auch erkannt, dass der Publikation nicht die Absicht zugrunde liegt, die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu beseitigen. Fraglich ist, warum der BND überhaupt nach außen kommunizieren musste, das Buch prüfen zu wollen.«

Der Politikdozent wird es nicht bei seiner formalen Rehabilitation belassen, sondern »eine juristische Überprüfung der Vorgänge« einleiten, weil seine Rechte »in gleich mehreren Fällen (u.a. im Bereich der Lehr- und Forschungsfreiheit) durch den BND verletzt worden sein dürften.« Aufgrund einer monatelangen und »zu großen Teilen wahrheitswidrigen« Kampagne, die er über sich habe ergehen lassen müssen, »in der die üblichen Vorwürfe erhoben worden sind: Rechtsextremismus, Verfassungsfeindlichkeit, Rassismus«, sei sein Ruf ramponiert.

Er werde seinen Fall zum Anlass nehmen, eine um sich greifende »faktische Einschüchterung des wissenschaftlichen Personals« anzuprangern. »Sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene zeigen Vertreter offizieller Stellen immer wieder, trotz wohlfeiler Bekenntnisse zur Lehr- und Forschungsfreiheit kritische Stimmen nicht tolerieren zu wollen. Der BND hat eine Untersuchung eingeleitet, weil er den Verdacht hegte, mein Buch könnte die freiheitlich-demokratische Grundordnung gefährden. Das Ergebnis seines Vorgehens dürfte nun ganz andere Fragen aufwerfen.«


Schöne Formulierung von Thorsten Hinz in der JF: »Schon heute verpulvert Deutschland seine Milliardenüberschüsse, um die ins Land gelassene natürliche Dummheit ruhigzustellen, während alle Welt davon spricht, daß künftiger Wohlstand von der Entwicklung künstlicher Intelligenz abhängt.«

Man kann es sogar beziffern und zusammenfassen: Den hereingeschneiten und -schneienden natürlichen Intelligenzmangel unterstützt ’schland jährlich mit geschätzten 20 oder mehr Milliarden Euronen, die künstliche Intelligenz fördert die Bundesregierung mit drei Milliarden in den nächsten fünf Jahren. Die Chinesen blicken staunend auf die Umwandlung des einstmals bedeutenden Technologielandes in eine global gefeierte »Inkompetenzfestung« (Alexander Wendt).

17. März

Es gibt eine einfache Faustformel: Je mehr erzwungener Multikulturalismus, desto mehr Rassismus. Da können unsere Gesellschaftsexperimentierer und Sozialingenieure wedeln und klagen, wie sie wollen; die Conditio humana ist eben kein »Konstrukt«. Sehr treffend hat es die Journalistin Eva-Maria Michels auf ihrer Facebookseite dargelegt:

»Fast alle Kommentare zum Christchurch Massaker gehen am echten Problem vorbei. Es nützt überhaupt nichts, Krokodiltränen ob der schrecklichen Tat zu vergießen und zu überlegen, wie das Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft besser gelingen kann. Die Ursache des Massakers ist der Multikulturalismus. Es ist eine Ideologie, die nicht weniger radikal und brutal ist als Kommunismus und Nationalsozialismus. Wie diese beiden Ideologien gibt auch der Multikulturalismus vor, zu einer besonders humanen Gesellschaft zu führen. Doch in Wirklichkeit tut er das genaue Gegenteil: Er deshumanisiert die Gesellschaft, denn er entfremdet den Menschen seiner kulturellen Identität. Entwurzelte Menschen haben das Potenzial, zu Monstern zu werden. Darum sind Muslime, die in westlichen Gesellschaften aufwachsen, im allgemeinen radikaler und brutaler als solche, die in ihrem Kulturkreis leben, darum gibt es größenwahnsinnige Massenmörder in Westen, die ideologisch wirre Ideen vertreten. Im Massaker von Christchurch hat der Multikulturalismus wie im Bataclan sein wahres Gesicht gezeigt. Da die Ideologen, die diese mörderische Ideologie seit mindestens 50 Jahren weltweit verbreiten, lieber Krokodiltränen vergießen als Lehren aus einem weiteren gescheiterten Experiment am Menschen zu ziehen, und inzwischen auch an der Zerstörung der sexuellen Identität des Menschen arbeiten, kann man davon ausgehen, dass das Christchurch Massaker nicht das letzte dieser Art war.«

Zweimal schießt sie freilich, wie man sagt, über das Ziel hinaus. Die Behauptung, dass die Nationalsozialisten eine »humane« Gesellschaft anzustreben vorgaben, ist natürlich allenfalls bizarr im Sinne einer Himmlerschen »Humanität« des »anständig gebliebenen« Stärkeren und der Autorin hier im Eifer des Gefechts nur unterlaufen; was aber alle drei Ismen eint, ist ihr Drang, die gesamte Gesellschaft umzuerziehen und einen Neuen Menschen zu schaffen. Und was die Bemerkung angeht, Muslime in westlichen Gesellschaften seien radikaler und brutaler als Muslime in ihren Herkunftsländern, zeigt zumindest die Statistik über die Terroranschläge der vergangenen 30 Tagen mit hunderten Toten ein anderes Bild; keiner der Anschläge fand in einem westlichen Land statt.


Ähnlich, wenngleich etwas polterköpfiger, argumentiert Hadmut Danisch gegen die Menschenexperimente der Multikulti-Junta:

»… Und die haben nun der Politik und der Presse eingeredet, dass Zwangsdiversität und Durchmischung ganz toll wäre und wir das unbedingt bräuchten. Wozu? Wurde nie gefragt. Dass das aber unsere evolutionär und im Konkurrenzkampf entstandenen Gehirne nicht mitspielen, und die Leute in einen ständigen Feind-Konkurrenz-Stress versetzt, außerdem den Aufbau der für das Gehirn wichtigen Rudelzugehörigkeit vereitelt, das kapieren Poststrukturalisten nicht.

Und so drückt man die Welt in ihr Zerbrechen. Und die ›rassistischen‹ Ausfälle sind Symptom eben dieses Effektes. Es wird durch Diversität eben nicht alles gut. Es funktioniert nicht.

Wieviele Tote braucht man, wieviel Streit und Aggression braucht es, bis Geisteswissenschaftler, Politiker, Journalisten endlich mal einsehen, dass das mit der Diversität nicht funktioniert, schon gar nicht erzwungen?

Was müsste etwa passieren, bis eine Angela Merkel noch einsehen würde, dass sie auf dem Holzweg ist? Und welche Rolle würde es noch spielen, ob oder was sie noch einsieht?

Das Experiment ist gescheitert, aber (…) sie haben keine Abbruchbedingung, keine Exit-Strategie, keinen Notfallplan. Es ist eigentlich kein Experiment, weil ein Experiment voraussetzt, dass jemand da ist, der es beobachtet und Schlüsse daraus zieht. Es ist Narrentum. Wir werden noch viele Tote sehen.«


Britische Elitetruppen haben in der syrischen Stadt Baghuz die abgeschnittenen Köpfe von fünfzig jesidischen Frauen gefunden, die dem IS als Sexsklavinnen dienen mussten. Da die Täter keine weißen Rassisten waren (und sich nicht für die Chats rechtsextremer Bundeswehrsoldaten interessierten), hat der Zwischenfall nur regionale Relevanz.

19. März

Gestern Abend auf N24 Sendung über den Einsatz der Droge Pervitin – ein Ende der 1930er Jahre erfundenes Metamphetamin – bei der Wehrmacht. Der tremolierende Duktus des Beitrages läuft auf die Anschuldigung hinaus: Hitlers Armee war gedopt. Ähnlich wie im Falle Lance Armstrongs, dessen Überlegenheit über die anderen Gedopten ja auch deprimierend war, wird die Affäre wohl damit enden, dass man der Wehrmacht nachträglich sämtliche Siege aberkennt, vor allem den über Frankreich.


In, wie man sagt, dürren Worten vermeldet die FAZ eine personelle Veränderung: »Holger Steltzner ist aus dem Kreis der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ausgeschieden. Die Grundlage für eine weitere vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den anderen Herausgebern war nicht mehr gegeben.«

Was mag der Grund für den Vertrauensverlust gewesen sein? Wer auf der Webseite der Zeitung nach den Textbeiträgen des Vertrauensverspielers schaut, dem fällt ein Beitrag besonders ins Auge: »Die Rettung des Weltklimas hat hierzulande längst den Rang einer Ersatzreligion eingenommen.« Nur Schelme vermuten einen Zusammenhang.


Im Kaiserreich herrschte deutlich weniger Vielfalt als in Merkeldeutschland. Außer an Nobelpreisträgern.

23. März

Der innenpolitisch auf dem letzten Loch pfeifende Macron hat das Militär gegen die Gelbwesten aufgeboten. Dieser Beau, der seinen eigenen Laden nicht in Ordnung bringen kann, meldet die Führungsrolle in der EU an, die er in einen von Frankreich geführten, von Deutschland bezahlten und von ihm als Obergockel repräsentierten Bund umwandeln will. Er hat zwar außer Merkel und dem Trinker keine Verbündeten mehr, aber es verwundert schon, dass er auf der sogenannten europäischen Bühne nicht ausgelacht wird.

Bis jetzt sind hunderte Menschen während der Demonstrationen zum Teil schwer verletzt worden – fast ausnahmslos Zivilisten –; über die Zahl der Todesopfer und den unmittelbaren Zusammenhang mit Polizeigewalt herrscht Unklarheit – Fakt ist: Es hat auch einige Tote gegeben –; und mehrere tausend Menschen sitzen im Gefängnis. Augenzeugen behaupten, dass eine paramilitärische EU-Truppe namens Eurogendfor zum Einsatz kommt, von der niemand weiß, wem genau sie untersteht, für deren Taten die Länder haften, in denen sie eingesetzt wird und die aus ausländischen, vorwiegend osteuropäischen Söldnern besteht, deren Solidarität mit den Ausländern, gegen die sie eingesetzt werden, gering ist – ein Blick in die Zukunft eines Europa nach der Vorstellung von Macron, Merkel e tutti quanti.

Die Drohung des Präsidenten mit der Armee scheint die Insurgenten freilich nicht zu schrecken. Man vergleiche einmal die Bereitschaft unserer Nachbarn zum Aufstand mit der rechtsrheinischen Schafsgeduld; behaupte doch keiner, nationale Mentalitäten seien »Konstrukte«.

Die Gelbwesten kommen aus der ausgeplünderten und täglich neu betrogenen Mittelschicht; es ist eine soziale Rebellion derer, die das Land mit ihrer Arbeit am Laufen halten und am Monatsende immer weniger auf dem Konto haben, während der Präsident Fotos aus dem Skiurlaub postet oder mit seinen Freunden auf Oberschichtspartys den »demonstrativen Verbrauch« (Thorstein Veblen) zelebriert. Die Proteste sind zuletzt immer gewalttätiger geworden, weil sich Randalierer aus dem schwarzen Block unter die Demonstranten gemischt haben, offenbar auch Muslime, wie der Philosoph Alain Finkielkraut erfuhr, der am Rande einer Demonstration als Jude beschimpft wurde, von Muslimen, wie er selber sagte, was die deutsche Lückenpresse auf bewährte Weise verschwieg (»Die Gelbwesten scheinen in ein linkes und ein rechtes Lager zu zerfallen. Beide rufen dem Philosophen Alain Finkielkraut antisemitische Schimpfworte nach. Mehrheits-Frankreich ist empört. Könnte dies das Ende der Bewegung werden?«, hub die entsprechende Relotiade bei Spiegel online wunschweltenwonnig an).

Der Chefredakteur des Pariser Nachrichtenportals Media-part, Edwy Plénel, der ein Buch über die Gelbwesten geschrieben hat, sagt, Macron und seine Regierung »unternehmen alles, um die Bewegung zu brutalisieren und zu kriminalisieren«; er spricht von einem regelrechten »Sozialhass« der Pariser Eliten. Das legt natürlich den Gedanken nahe, dass die vermummten Randalierer nicht ganz zufällig und nicht nur aus eigener Entscheidung neuerdings die Proteste anheizen, denn wer heutzutage eine Rebellion blutig beenden will, der muss sich erst einmal durch Gewalt der Gegenseite die Legitimation dafür verschaffen. Weder die Protestler noch die Polizei- oder Armeeangehörigen entstammen Macrons Soziotop; Monsieur le Président könnte es gleichgültig sein, wenn dieser Pöbel sich in der von ihm bereiteten Arena gegenseitig an die Gurgel ginge. Hat er den Konflikt über Einflussagenten anheizen lassen, um nun radikal gegen ihn vorgehen zu können?

Dagegen spricht, dass die Herbeirufung des Militärs für die Niederschlagung der Proteste ein gewisses Risiko auch für Macron selber bedeutet. Sollte die Sache in einen veritablen Bürgerkrieg münden – und die Franzmänner scheinen dazu eine gewisse periodische Neigung zu verspüren –, könnte der Präsident selber aus dem Amt gejagt werden. Vor kurzem wurde der Satz eines Offiziers der Fremdenlegion kolportiert, wenn die Regierung das Militär gegen französische Bürger einsetze, werde das nicht das Ende der Proteste, sondern das der Regierung sein.


Neuseeland trägt Kopftuch, sogar Polizistinnen. Bei den Trauerfeierlichkeiten für die Opfer des Massakers von Christchurch sagte die Premierministerin an die Adresse der Muslime: »Neuseeland trauert mit Euch. Wir sind eins.«

Dagegen ist zunächst nichts zu sagen. Es ergeben sich lediglich zwei Folgerungen (und, sollten sie nicht zutreffen, ein Vorbehalt, ob gegen die Behauptung »Wir sind eins« tatsächlich nichts zu sagen wäre). Erstens: Ich gehe davon aus, dass nach den unvermeidlichen nächsten Anschlägen von Muslimen auf Nichtmuslime bzw. »Weiße« die im jeweiligen Land lebenden Muslime sich mit den Opfern solidarisieren, also beispielsweise Kreuze oder von mir aus Krawatten oder String-Tangas an- oder die Kopftücher ablegen, und der als Imam fungierende Trauerredner analog zum neuseeländischen Vorbild erklärt, das Überlegenheitsgefühl der radikalen Muslime (statt »der weißen Rassisten«) stecke hinter dem Anschlag und spalte die Gesellschaft. Zweitens: Nachdem die westlichen und speziell deutschen Medien nahezu unisono der Ansicht waren, für die Bluttat sei der rechtsextreme weiße Rassismus verantwortlich, dürfen wir nun getrost davon ausgehen, dass für künftige Bluttaten mit dem »Allahu akbar«-Hintergrund endlich auch die islamische Spaltung der Welt in Rechtgläubige und Unreine irgendwie verantwortlich sein wird.

Noch dazu:

»1. Wenn ihr zwischen Kritik gegen Elemente des Hasses im Islam und Hass gegen Muslime nicht unterscheiden könnt, dann seid ihr Teil des Problems.

2. Wenn ihr nicht den islamistischen Terror, die Integrationsmisere, die Unterwanderungsversuche der Islamisten im Westen, die ungesteuerte Migration, die Globalisierung und die Angst vor dem Abstieg, sondern alleine die Islamkritik für Hass gegen Muslime verantwortlich macht, dann werdet ihr weder den Hass im Islam noch den Hass gegen Muslime jemals bekämpfen können.

3. Ihr versucht seit dem 11. September die Debatte um den Islam zu mäßigen und jede Kritik an dieser Religion als Islamophobie abzustempeln. Was hat das gebracht? Weder ist der Terror noch der Hass gegen Muslime dadurch weniger geworden! Im Gegenteil, je mehr ihr die berechtigte Kritik in der Mitte der Gesellschaft kriminalisiert, desto mehr wandert sie zu den rechten Rändern ab und wird dort für Hass und Gewalt instrumentalisiert!«

Schreibt Hamed Abdel-Samad, ein Autor, der mit ständigem Personenschutz leben muss, weil rechte weiße Rassisten gegen ihn eine Fatwa verhängt haben, auf seiner Facebookseite.

Ebenfalls noch zum Vorigen: »Nach dem Anschlag auf Muslime in Christchurch verweisen rechte Blogs auf Gewalt gegen Christen in Nigeria. Diese würde ›verschwiegen‹. Tatsächlich ist der Dauerkonflikt in Nigeria aber nicht religiös motiviert«, beruhigt der ARD-Faktenerfinder Patrick Gensing auf tagesschau. de. Die verfeindeten Parteien seine zwar Christen und Muslime, der Grund der Konflikte sei aber der Mangel an Weideland für die muslimischen Nomaden durch den (letztlich ja von Christen verursachten!) Klimawandel. Ungefähr so wie der Getreidemangel für Hitler der Grund war, in Russland einzumarschieren. Und erst der Champagnermangel im Jahr davor, oh là là! Man muss immer die Primärursachen suchen, auch wenn es schwerfällt!


Der Bayerische Rundfunk meldet: »Jeder zweite Zuwanderer fällt beim Deutschkurs durch. Es gibt schon länger Kritik an der Qualität der Kurse.« Ja woran denn sonst! Es gibt ja auch Kritik an der Qualität des Deutschunterrichts an den normalen Schulen, vor allem dort, wo SPD und Grüne regieren. Wenn die Schüler durch die Sprache Goethes diskriminiert werden, dann muss Goethe eben durch Jana Hensel oder am besten gleich durch den Koran ersetzt werden. Nur in Mathematik, Chemie und Physik wird die Transformation schwierig. Da weiß man zwar auch, was ersetzt werden soll, aber nicht recht, wodurch.

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