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Meddi Müller
Fahrgemeinschaft
Ein Frankfurt-Krimi mit Shaft und Grotte

Frankfurt-Krimi
Inhaltsverzeichnis
1 Fahrgemeinschaft
2 Wertloses Leben?
3 Der Neue
4 Aus gutem Hause
5 Armes reiches Mädchen
6 Leichenschau
7 Rätsel
8 Familie
9 Der Vater
10 Der Bruder
11 Fjodor
12 Aufgabenverteilung
13 Wohngemeinschaft
14 Detektivarbeit
15 Spurensuche
16 Erkenntnisse
17 Sichtweisen
18 Geschwisterliebe
19 DNA
20 Steuerschlupflöcher
21 Schicksalsschläge
22 Reichtum
23 Schieflage
24 Nachbarschaft
25 Versuchungen
26 Verstrickungen
27 Konkurrenz
28 Nachhilfe
29 Tipps
30 Epilog
31 Impressum
Orientierungsmarken
1 Title Page
2 Inhaltsverzeichnis
Wertloses Leben?
Christian Köhler war froh, endlich wieder im Büro zu sein. Er hasste Urlaub. Es war ihm zuwider, auf der faulen Haut zu liegen. Bei seinem Kontostand wäre es ihm zwar vergönnt, trotz seiner jungen Jahre den Rest seines Lebens in Saus und Braus auf einer eigenen Insel zu verleben, aber das wollte er nicht. Er war Polizist aus Überzeugung. Dies war sein Anteil an einer funktionierenden und gerechten Gesellschaft. Dafür stand er gerne morgens auf. Gut, er gönnte sich auch ein paar Extravaganzen. So zum Beispiel seinen Mercedes DB 300 SL W 198, Baujahr 1957 in Lackschuhschwarz, den er über alles liebte und wie seinen Augapfel hütete. Auch sein exklusiver Kleidungsstil zeichnete ihn aus: Maßanzüge, Maßschuhe und Socken, in die seine Initialen eingearbeitet waren. Selbst maßgeschneiderte Unterhosen fanden sich in seinem Schrank.
Trotz alledem lebte er noch immer bei seiner Mutter im Stadtteil Harheim im ländlichen Frankfurter Norden. Hier galt er mit seiner Hautfarbe auch im einundzwanzigsten Jahrhundert als Exot, denn in diesem Stadtteil waren schwarze Menschen ebenso selten wie gesunde Tauben auf der Zeil.
Köhler stand in der Raucherecke auf einem schmucklosen Balkon im Frankfurter Polizeipräsidium. Es war noch sehr früh an diesem Spätsommermorgen. Fröstelnd schlug er den Kragen seines Jacketts hoch und rieb sich die Oberarme.
»Na«, ertönte die Stimme seines Kollegen Schmidt. »In Afrika ist es nicht so kalt.«
»Keine Ahnung, ich war noch nie in Afrika«, gab Köhler ungerührt zurück und nahm einen Zug aus seiner Zigarette. Über den latenten Rassismus sah er geflissentlich hinweg. Ansprachen wie diese gehörten zu den alltäglichen Frotzeleien unter Kollegen. Köhler schoss sogleich zurück: »In Texas sind es jetzt bestimmt dreißig Grad.«
Schmidt, der im Begriff war, sich ebenfalls eine Zigarette anzuzünden, hielt mitten in der Bewegung inne und schien nachzudenken. Köhler half ihm dabei, indem er den Blick auf die Cowboystiefel seines Kollegen richtete.
»Blödmann«, murmelte Schmidt und vollendete das Entzünden der Zigarette.
»Ich hab nicht angefangen.«
Schmidt inhalierte den ersten Zug bis in die letzten noch funktionsfähigen Alveolen, blies den Rauch aus und fragte: »Und? Wie war der Urlaub?«
»Zu lang.«
Schmidt schüttelte den Kopf. »Du bist echt der Einzige, den ich kenne, der seinen Urlaub als Zwang empfindet.«
»Ich mag es halt nicht.« Köhler nahm einen letzten Zug und drückte die Kippe im Aschenbecher aus.
»Du könntest dir die ganze Welt ansehen«, bohrte Schmidt weiter. Sehnsuchtsvoll ließ er seinen Blick in die Ferne schweifen. »Wenn ich deine Kohle hätte …«
»Hast du aber nicht«, warf Köhler ein.
»Aber wenn ich sie hätte …«
»Was dann?«
»Würde ich mir die Welt anschauen.«
»Mach doch!«
Schmidt warf Köhler einen tadelnden Blick zu. »Hast du mir nicht zugehört?«
»Du bist Polizeibeamter im gehobenen Dienst. Dein monatliches Grundgehalt ist so hoch wie das Jahreseinkommen einer Putzfrau.«
»Jetzt übertreibst du aber.«
»Du weißt, was ich meine.«
Schmidt hob abwehrend die Schultern und drückte seine Kippe aus. »Und? Was soll mir das sagen?«
»Dass du deine Finanzen besser in den Griff bekommen musst, wenn du mit fast viertausend Euro im Monat nicht klarkommst.«
»Ich hab Kosten.«
»Die haben wir alle.« Köhler trank einen Schluck Kaffee, bevor er weitersprach. »Und da du bei deiner Mutter wohnst, kannst du keine allzu hohen Kosten haben.«
»Ach leck mich doch, Shaft!« Schmidt gingen die Argumente aus. Er wandte sich zum Gehen. »Ich hab zu tun.«
»Das ist ja mal was ganz Neues.«
Schmidt verharrte in der Bewegung und starrte Köhler wütend an. »Es ist gerade mal halb acht und du hast mir schon die Laune verhagelt. Herzlichen Dank!«
»Gern geschehen.«
»Arschloch!«, raunzte Schmidt und verließ die Raucherecke. In der Tür begegnete er Sabine Grotewohl. Grußlos stapfte er an ihr vorbei.
»Guten Morgen, Herr Schmidt!«, rief sie ihm vorwurfsvoll nach.
»Leck du mich auch.« Er kam noch mal zurück und zeigte mit dem Finger auf Köhler. »Auch du wohnst ja wohl bei deiner Mutter!«
Grotewohl sah hinüber zu Köhler. Die Oberkommissarin war klein und wirkte zerbrechlich. Ihr hübsches Gesicht und die verspielt frisierten blonden Haare täuschten darüber hinweg, wie sie wirklich war. Grotewohl war nämlich eine passionierte Nahkämpferin, die bereits viele männliche und weitaus größere Kontrahenten auf die Bretter geschickt hatte. Sie lebte mit ihrer Frau Leonie zusammen. Das Paar hatte sich im letzten Jahr dazu entschlossen, ein Kind zu bekommen. Leonie hatte sich deshalb künstlich befruchten lassen. Inzwischen war sie im achten Monat schwanger, was Grotewohl so manches Mal dazu brachte, in Angst vor der Zukunft zu erstarren. Sie war launisch, aufbrausend, aber genauso schnell wieder versöhnt. Mit Köhler verband sie auch privat eine enge Freundschaft. Sie wollte sich eigentlich schon lange das Rauchen abgewöhnt haben, kam aber nicht davon los. Leicht fröstelnd stand sie neben Köhler, der sie um fast dreißig Zentimeter überragte. Ihr Blick unterstrich die Frage, die im Raum stand.
»Schmidt hat einen blöden Afrikawitz gemacht, da hab ich ihm erklärt, dass er nicht mit seinem Geld umgehen kann.«
»Tja.« Grotewohl schmunzelte. »Fang keinen Krieg an, den du nicht gewinnen kannst.« Sie holte eine Zigarette hervor und Köhler zündete sie ihr galant an.
»Und? Wie war der Urlaub?«, wiederholte Grotewohl Schmidts Frage.
»Was meinst’n?«
»Zu lang, schätze ich.«
Beide grinsten. Grotewohl zog genüsslich an ihrer Zigarette und blies kurze Zeit später den Rauch wieder aus. »Dann trifft es sich ja prima, dass wir am Nizza eine Leiche gefunden haben.«
»Sehr schön, endlich wieder böse Jungs fangen!«
»Oder Mädchen.«
»Nur ein Viertel aller Straftaten wird von Frauen begangen. Bei Mord noch viel weniger. Deshalb ist es doch eher wahrscheinlich, dass wir einen Mann jagen.«
»Das sind Statistiken, Köhler.« Grotewohl runzelte die Stirn. »Ich bin entsetzt, was die freien Tage aus dir gemacht haben. Ich glaube, du bist schon wieder urlaubsreif.«
»So?« Köhler runzelte jetzt seinerseits die Stirn. »Was hat denn der Urlaub aus mir gemacht? Da bin ich aber mal neugierig.«
»Offenbar einen Mann, der seinem Kollegen bereits am frühen Morgen die Laune verhagelt und sich seit Neuestem von Statistiken beeinflussen lässt.« Mit spitzen Fingern griff sie an sein Revers. »Und …« Sie machte eine theatralische Pause, während der sie einen imaginären Fussel in der Hand zerrieb. »… der scheinbar dem makellosen Kleidungsstil abgeschworen hat.«
Köhler war irritiert. Unwillkürlich blickte er an sich herab. Wie gewohnt war er tadellos gekleidet und keine Naht saß am falschen Fleck.
Grotewohl grinste. »Na, wie ist es, wenn der Gegner kein Volltrottel ist, der sich im Nullkommanichts hochnehmen lässt?«
Köhlers Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln. »Du hast mir so gefehlt, Grotte.«
»Du mir nicht.«
Die beiden fielen sich in die Arme und klopften einander auf den Rücken wie zwei alte Haudegen.
»Willkommen zurück!«
»Schön, wieder da zu sein.«
Grotewohl presste die Lippen aufeinander und sagte: »Dann mal ab zum Nizza!«
Der Anblick war kein schöner, aber ein gewohnter. Die Frau lag in einem Gebüsch des Grünstreifens des Nizzaparks am Untermainkai, knapp fünfhundert Meter hinter dem Karmeliterkloster. Ihrer abgetragenen Kleidung, dem ungewaschenen Gesicht und den strähnigen Haaren nach zu urteilen, war sie eine Obdachlose.
»Was denkst du?«, fragte Grotewohl, die mit Köhler vor der Leiche stand, das Loch in deren Hinterkopf betrachtete und sich einen ersten Eindruck verschaffte.
Köhler hob die Schultern. »Sieht mir nach dem üblichen Pennerklatschen aus.«
»Du meinst Besoffene, die Penner verprügeln … aus Spaß?«
»So was in der Art. Passiert doch ständig.«
Der Tonfall, in dem Köhler das sagte, ließ Grotewohl aufhorchen. »Dann ist es also egal … quasi gesellschaftsfähig, nur weil es ständig passiert?«
Köhler sah seine Partnerin verdutzt an. »Was regst du dich denn gleich so auf?« Er konnte seine Verlegenheit nur schwer verbergen. »Ich habe das so nicht gemeint. Das war lediglich eine Feststellung.«
»Die Frau da«, erwiderte Grotewohl und deutete auf die Leiche, »hat eine Geschichte.«
»Was willst du mir damit sagen?« Köhler war jetzt wirklich eingeschüchtert; was selten vorkam. Grotewohls Blick ließ ihn Habachtstellung annehmen.
»Damit will ich sagen, dass wir uns genauso viel Mühe geben müssen, ihren Mörder zu finden, wie in jedem unserer Fälle. Ob es sich nun um den Vorstandsvorsitzenden der EZB oder um diese Obdachlose handelt, beide haben das volle Recht auf unsere Ermittlerkunst.« Köhler wollte gerade zustimmen, als Grotte nachlegte. »Wobei ich mir nicht sicher bin, ob die Frau hier im Gebüsch mehr Dreck am Stecken hat als der EZB-Chef.« Sie sah Köhler herausfordernd an.
»Na, schon was rausgefunden?«, unterbrach eine Männerstimme das Gespräch, was Köhler sehr begrüßte. Neben den beiden Ermittlern stand Sascha Ballauf, ihr Gruppenleiter. Das überraschte Köhler mindestens genauso wie Grotewohl.
»Was machst du denn hier?«, fragten sie im Chor. Und zwar derart synchron, dass Ballauf lachen musste.
»Habt ihr das geprobt, oder was?« Er schien sich über die bizarre Situation zu amüsieren. »Zweistimmiger Männerchor«, legte er nach und lachte über seinen schalen Witz.
»Sehr lustig«, erwiderte Grotewohl, der nicht entgangen war, dass der Witz auf ihre Kosten ging. »Beantwortest du jetzt auch mal unsere Frage?«
Ballauf sah sie an wie ein Dackel, der den Befehl seines Herrchens nicht verstand.
»Was machst du hier?«, half ihm Grotewohl auf die Sprünge.
»Gucken.«
Köhlers und Grotewohls Blicke sprachen Bände. Sie teilten den Frohsinn ihres Vorgesetzten nicht.
»Gehts vielleicht einen Tick konkreter?«, forderte Köhler.
»Ich war auf dem Weg ins Präsidium und habe euch hier rumstehen sehen. Das ist alles.«
»Du wohnst auf der anderen Flussseite«, gab Köhler zu bedenken.
»Na und?«
»Dein Weg zum Präsidium führt hier nicht lang.«
»Ich kann doch wohl meinen Weg selbst wählen.«
»In diesem Fall handelt es sich ja wohl eher um einen Umweg«, hielt Grotewohl fest und erhöhte damit den Druck auf ihren Vorgesetzten.
»Ich gebs ja zu«, sagte Ballauf. »Ich war neugierig zu erfahren, was die Blaulichtparade hier soll, und bin deshalb abgebogen. Ich habe es von der Untermainbrücke aus gesehen.« Er hielt kurz inne, bevor er weitersprach. »Aber das kann euch ja wohl scheißegal sein. Ich bin euer Boss und muss meine Entscheidungen nicht begründen.«
Damit hatte er recht.
»War nur so ungewohnt, dir an einem Tatort zu begegnen«, erklärte Grotewohl.
»Wenn es denn einer ist«, ergänzte Köhler.
Ballauf sah ihn fragend an. »Was lässt dich daran zweifeln?«
»Meine Erfahrung.«
Mittels eines Blickes forderte Ballauf Köhler auf, sich genauer zu erklären.
»Wir wissen nicht, ob es Mord war. Noch nicht.« Köhler zog die Schachtel Zigaretten aus der Innentasche seines Jacketts und wollte sie gerade öffnen, als Ballauf ihn anblaffte: »Wirst du wohl das Rauchen am Tatort unterlassen, du Amateur!«
Köhler sah ihn ertappt an. »Na gut.« Er wies mit dem Kopf in Richtung Alte Brücke und sagte: »Gehen wir ein Stück da rüber. Ich will jetzt rauchen.«
»Ungern«, erwiderte Ballauf, fügte sich aber dem Wunsch seines Mitarbeiters.
Wenig später standen sie am Ufer des Mains und rauchten zu dritt. Ballauf hustete beim ersten Zug und verzog das Gesicht. »Warum tue ich das nur immer wieder? Schmeckt wie Arsch.«
Köhler und Grotewohl grinsten sich an, verkniffen sich allerdings einen Kommentar.
»Also, was haben wir?«, fragte der Chef, als er sich vom schalen Geschmack der Zigarette erholt hatte, und sah Köhler fragend an.
»Eine tote Obdachlose, etwa Mitte zwanzig, Loch im Hinterkopf.«
»Zeugen?«
»Ich bitte dich …«
»Hätte ja sein können.«
»Was noch?«
Köhler fuhr fort: »Sie hatte keinerlei Papiere bei sich. Auch keine Wertgegenstände.«
»Also Raubmord?«
»Wieso gleich Mord?«, bremste Köhler.
»Weil sie sich wohl kaum selbst auf den Hinterkopf gekloppt und anschließend ausgeraubt hat«, blaffte Grotewohl. »Was stimmt mit dir nicht? Hast du ein Problem mit Obdachlosen?«
Köhler senkte betroffen den Kopf. Ja, das hatte er. Aber das konnte er schlecht zugeben. Obdachlose machten ihm Angst. Er hatte als Kind ein paar unschöne Erfahrungen gemacht und seitdem ein Problem mit dem Schlag Mensch, der unter einer Brücke lebte.
»Wer überfällt denn eine Pennerin?«, führte er an. »Da ist doch nichts zu holen.«
»Das ist kein Argument«, erwiderte Grotewohl. »Die Frau wurde erschlagen, das ist offensichtlich.«
»Haben wir schon die Tatwaffe?«, wollte Ballauf wissen.
»So weit sind wir noch nicht. Wir sind ja auch erst seit zwanzig Minuten hier.«
»Habt ihr schon jemanden losgeschickt, um die anderen Penner zu befragen? Vielleicht kennt jemand die Tote.«
»Sag doch nicht immer ›Penner‹«, keifte Grotewohl. »Das sind Obdachlose. Dabei handelt es sich um Menschen in Not, Herrgott noch mal! Ihr privilegierten Snobs haltet euch wohl für was Besseres.«
»Jetzt komm mal runter, Grotte!«, forderte Ballauf. »Ich bin immer noch dein Vorgesetzter.«
»Mir kommt es so vor, als wäre euch die Frau da im Gebüsch ziemlich egal, nur weil sie keine Wohnung hat.« Die beiden Männer wirkten bedrückt. Offenbar hatte Grotewohl es auf den Punkt gebracht. An Ballauf gewandt sagte sie: »Ich habe vorhin schon versucht, das diesem schwarzen Riesen hier zu erklären.« Sie deutete auf Köhler. »Die Tote hat eine Geschichte. Es gibt einen Grund, warum sie auf der Straße lebte. Vielleicht ergibt sich daraus sogar das Motiv für den Mord. Wir wissen nichts über sie.« Ihr Blick glitt zu Köhler. »Gerade du solltest mit deiner Hautfarbe gegen jedwede Diskriminierung eintreten.« Als ihr Partner schwieg, legte Grotewohl nach: »Ich finde es unmöglich, wie ihr mit der Tatsache umgeht, dass da eine Frau liegt, die aus dem Leben gerissen wurde; höchstwahrscheinlich gegen ihren Willen. Ihr zwei tut so, als hätte jemand eine Fliege erschlagen.« Sie schaute in die betroffenen Gesichter ihrer Kollegen. Keiner der beiden wagte es, ein Wort zu sagen. »Ich denke, die Frau wurde heimtückisch ermordet. Unser Job ist es nun, herauszufinden, wer das war. Und zwar mit aller Sorgfalt.«
»Na dann …« Ballauf wirkte ziemlich angefressen. »Find’s heraus!« Er wandte sich zum Gehen, drehte sich aber noch einmal um. »Ach, übrigens, ihr bekommt einen neuen Mann. Er ist gerade mit der Ausbildung fertig geworden. Nehmt ihn unter eure Fittiche und macht einen guten Bullen aus ihm.«
»Wer ist es denn?«
»Sven Brauer. Er wartet in eurem Büro auf euch.«
Ballaufs Telefon klingelte. Er holte es aus seiner Jackentasche. Beim kontrollierenden Blick auf das Display verzog er das Gesicht. Er trat ein paar Schritte zur Seite und nahm das Gespräch an.
»Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du mich nicht auf meinem Diensthandy anrufen sollst! Was genau davon verstehst du nicht?«, blaffte er ins Handy und entfernte sich noch ein paar Schritte.
Grotewohl und Köhler grinsten sich an. Sie vermuteten, dass Ballauf wie so oft Stress mit seiner Frau hatte.
Der Neue
Als Grotewohl und Köhler in ihr Büro kamen, saß Brauer bereits voller Eifer an seinem Schreibtisch und tippte mit flinken Fingern in die Tastatur seines PCs.
»Sieh an!«, rief Grotewohl statt einer Begrüßung. »Hat der Junge es doch tatsächlich geschafft.«
Brauer sah von seiner Arbeit auf und grinste bis zu den Ohren. In einer fließenden Bewegung schob er seinen Stuhl von sich und stand stramm. »Jawohl, Frau Hauptkommissarin!«, stieß er zackig aus.
»Den Scheiß kannst du dir schenken, Junge«, fuhr Grotewohl ihn an. »Ich bin Sabine und das da ist Christian.« Sie deutete auf Köhler. »Und wenn du in ein oder zwei Jahren in den inneren Kreis aufgestiegen bist, darfst du uns Grotte und Shaft nennen.«
Brauer schien verunsichert. »In Ordnung«, brachte er mühsam über die Lippen. Er sah sich nach seinem Stuhl um und zog ihn zu sich heran. Linkisch nahm er darauf Platz und arbeitete weiter.
Grotewohl trat neben ihn. »Was machst’n da?« Sie beugte sich vor und sah auf den Bildschirm.
Brauer stockte kurz. So viel Nähe war ihm unangenehm. Seinen Blick weiterhin nach vorn gerichtet, tippte er, was das Zeug hielt. »Statistik«, antwortete er knapp.
»Aha«, machte Grotewohl und sah ihm eine Weile zu. »Und was genau bringt uns das in unserem aktuellen Fall?« Wie sie ihre Worte betonte, ließ Brauer an seinem Konzept zweifeln.
»Ich … wenn … also …« Mehr brachte er nicht über die Lippen. Wortlos deutete er auf den Bildschirm.
»Ich höre«, setzte Grotewohl nach.
Brauer holte tief Luft. »Wenn wir alle aktenkundigen Obdachlosen auswerten und die Frauen isolieren, dann noch die Altersgruppen, die Herkunft sowie die Verweildauer in der Stadt und schließlich die Unbekannte variieren, lässt sich die Tote vielleicht schneller identifizieren.« Er machte eine Pause. »Dachte ich …«
Grotewohl und Köhler wechselten einen Blick.
»Müller, du Pfeife!«, rief Köhler durch den Raum. »Nimm dir mal ein Beispiel an unserem Frischling!«
»Waff?«, fragte Müller, der in diesem Moment aus dem benachbarten Büro kam, in der einen Hand eine dampfende Tasse Kaffee und in der anderen einen angebissenen Muffin.
»Der Neue hat mehr drauf als du«, ergänzte Grotewohl.
Brauer errötete und Müller hörte auf zu kauen.
»Also, ich … habe nur meinen Job gemacht«, versuchte Brauer seine Verlegenheit zu überspielen. Es war ihm sichtlich unangenehm, zwischen die Fronten geraten zu sein.
»Nee, nee, Junge.« Köhler schlug ihm anerkennend auf die Schultern. »Das hast du echt klasse gemacht. Frischer Wind tut uns ganz gut. Der bläst nämlich schön durch.«
»Wo er recht hat, hat er recht«, bekräftigte Grotewohl. »Auch wenn ich es weniger anzüglich formuliert hätte.«
»So war das natürlich nicht gemeint!« Bewusst übertrieb Köhler die Empörung.
Brauer war inzwischen tiefrot im Gesicht.
Grotewohl lachte dreckig, während Müller in seinen Muffin biss, verständnislos den Kopf schüttelte und sich auf die Ecke von Brauers Schreibtisch setzte.
»Jetzt mal zurück zum Alltag, meine Herren«, beendete Grotewohl die Show. »Was haben wir?«
Brauer schien erleichtert. »Also, wenn wir den besagten Algorithmus anwenden«, sprudelte es aus ihm heraus, »kommen wir auf …« Er unterbrach sich für einen kurzen Moment und sah angestrengt auf seinen Bildschirm. »… zwölf mögliche Kandidatinnen.«
Erneut wechselten Grotewohl und Köhler einen anerkennenden Blick.
»Damit kann man arbeiten«, sagte Grotewohl.
Köhler warf Müller einen Blick zu und zeigte auf den Neuen, als wollte er damit ausdrücken, dass er sich ruhig eine Scheibe von dessen Arbeitseifer abschneiden könne. Müller zog eine Schnute und nippte an seinem Kaffee.
»Gut, Junge, dann nimm die zwölf Auserwählten mal unter die Lupe.« Köhler nickte dem Neuen im Team zu. »Und wenn du alle Informationen zusammenhast, präsentierst du uns das Ergebnis und wir überlegen gemeinsam, was wir damit anstellen.«
Brauer nickte. »Ich vergleiche auch die Vermisstenkartei mit den infrage kommenden Frauen.«
»Ich liebe diesen Kerl jetzt schon«, sagte Köhler und zeigte Grotewohl seine Zigarettenschachtel – eine Geste, die sich zwischen ihnen als Aufforderung zum Rauchen etabliert hatte.
Grotewohl grinste breit und schnappte sich ihre Jacke. »Vertragt euch, ihr zwei Hübschen. Die Erwachsenen gehen mal eine rauchen.«
»Nicht schlecht, der Neue, oder?« Grotewohl blies den Rauch in die Luft. Sie stand mit Köhler in der Raucherecke des Stockwerks und erschauderte. Es war frisch geworden. Der Sommer schien gegen die ersten Zuckungen des Herbstes zu verlieren.
»Am Anfang geben sie doch alle Gas.« Köhler zeigte sich skeptisch. »Gib ihm noch ein paar Monate, dann kloppt er sich mit Müller um den letzten Muffin und hängt uns ein freches Maul an.«
Grotewohl lachte. Dabei schluckte sie Rauch und verfiel ins Husten.
Köhler wartete geduldig, bis der Anfall vorüber war. »Gehts wieder?« Er war nicht wirklich besorgt.
»Ja, Mann«, keuchte Grotewohl. »Scheiß Kippen!« Sie warf den Stummel in den überfüllten Aschenbecher und schüttelte sich. »Ekelhaft«, schob sie hinterher.
»Dann hör doch damit auf.«
»Na klar«, schnaubte sie. »Und der Papst wird morgen evangelisch.«
Köhler grinste. »Lass uns nachsehen, wie weit der Frischling mit der Identifizierung ist.«
Aus gutem Hause
Später am Vormittag rief Ballauf seine Dienstgruppe in den Besprechungsraum. Nachdem Köhler, Grotewohl, Schmidt und Laußner sowie die beiden Nachwuchskommissare Müller und Brauer Platz genommen hatten, legte er einige Papiere vor sich auf den Tisch und räusperte sich.
»Wir konnten ein paar Ergebnisse zu der unbekannten Frauenleiche zusammentragen.« Er ließ seinen Blick von einem zum anderen schweifen. »Ohne dass es ein Obduktionsergebnis gibt, kann von einem gewaltsamen Tod ausgegangen werden. Ob es Mord oder womöglich ein Unfall war, werden wir sehen.«
Grotewohl schnaubte und unterbrach damit Ballauf in seinem Redefluss.
»Irgendwelche Anmerkungen, Frau Grotewohl?«
Im Raum strafften sich gleich mehrere Körper. Wenn der Chef jemanden aus der Truppe siezte, war Alarm angesagt.
»Das war ganz klar Mord.«
»Was macht dich da so sicher?«
»Die Frau hat sich ja wohl kaum selbst auf den Hinterkopf geschlagen.«
»Sie kann auch gestürzt sein. Wir sollten lieber den Obduktionsbericht abwarten.«
»Klar.« Der Sarkasmus in Grotewohls Stimme war greifbar. »Sie hat sich ein tödliches Loch im Kopf eingefangen, als sie auf der Wiese in den dort ausgestreuten Rindenmulch gefallen ist. Pfff, klingt logisch.«
Köhler, der meinte, vermitteln zu müssen, sagte: »Sie muss ja nicht unbedingt an dem Ort gefallen sein, an dem sie gefunden wurde. Die Wunde kann sie sich überall zugezogen haben.«
Grotewohl war anzusehen, dass ihr irgendetwas auf der Leber tanzte. Mit bockigem Blick und vor der Brust verschränkten Armen sah sie aus, als hätte sie den letzten Zug nach Hause verpasst. »Mit so einem Loch in der Rübe läufst du keinen Meter mehr.«
»Raus mit der Sprache!«, forderte Ballauf, der von Grotewohls Schauspiel genug hatte. »Wo drückt der Schuh?«
Grotewohl zögerte. Doch dann gab sie ihre Blockadehaltung auf. »Für mich hat es den Anschein, als würde man sich bei der Frau weniger Mühe geben, nur weil sie eine Obdachlose war.«
»Das weise ich entschieden von mir!« Ballauf wirkte ernsthaft erbost. »Was denkst du, was wir hier machen? Halma spielen?«
»War nur so ein Eindruck …« Grotewohl war immer noch unterschwellig aggressiv.
»Wenn es Mord war, werden wir den Täter genauso intensiv suchen wie bei jedem anderen Tötungsdelikt auch.«
»Auch die Täterin?«, warf Laußner ein, der gerade damit beschäftigt war, seine Nägel mit einer Büroklammer zu reinigen. Die letzte Silbe betonte er. Seine Erscheinung glich wie immer einem Klischee. Er war übergewichtig, aber nicht wirklich fett. Darüber hinaus war er starker Raucher und ein vehementer Verfechter der Sport-ist-Mord-These, was dazu führte, dass er der womöglich unfitteste Frankfurter Polizist war, der jemals dort seinen Dienst versehen hatte. Er trug ausschließlich schwarze T-Shirts in Kleidergröße Zirkuszelt, von denen er Unmengen besaß; und Jeans, die unterhalb seines Bauchs von einem Gürtel gehalten wurden. Es schien, als würde das T-Shirt den Bauch wie in einem Sack vor dem Hosenbund hertragen. Laußner hatte ein rundes Gesicht und erstaunlich dichtes Haar, das zu einer gegelten Igelfrisur getrimmt war. Unter seiner Nase trug er einen Oberlippenbart, der seiner Erscheinung die Würde nahm. Einzig seine grell-hellblauen Augen ließen den Betrachter vor Erstaunen ein zweites Mal hinsehen. Wie unbeteiligt lümmelte er in seinem Stuhl und blickte noch nicht einmal auf.
»Was sollte das jetzt?«, fragte Ballauf.
Laußner unterbrach seine Morgentoilette und blickte in die Runde. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Er breitete entschuldigend die Hände aus und sagte: »Was denn? Ich wollte es doch nur gendergerecht haben.«
»Bist du jetzt der neue Gleichstellungsbeauftragte, oder was?«, schnappte Köhler.
»Wie man’s macht, ists falsch. Echt jetzt.« Laußner schien ehrlich getroffen. »Wer sagt denn, dass es ein Täter war und keine Täterin?
»Wenn es überhaupt einen Täter gibt«, warf Schmidt ein, der allmählich wach wurde und seinem Freund zur Seite sprang. »Oder eine Täterin«, fügte er eilig hinzu.
Laußner bot ihm die Gettofaust, die Schmidt mit der seinen triumphierend berührte. Beide simulierten mit den Händen eine Explosion. Sie waren sich einig.
Ballauf stand am Kopf des Tisches, griff sich an die Nasenwurzel und zweifelte zum ungezählten Male an der Zurechnungsfähigkeit dieser beiden Kollegen. Die zwei waren ein wahrhaft kongeniales Duo.
Schmidt hatte rote, streng nach hinten gegelte Haare und lange Koteletten. Die Ärmel seiner stets karierten Hemden hatte er zur Hälfte aufgerollt. Schmidts Jeans wurden von einem Gürtel mit einer überdimensionierten Schnalle gehalten, und er trug doch tatsächlich Cowboystiefel! Zudem verströmte er einen Duft von Old Spice, in dem er scheinbar jeden Morgen badete. Über seinem Karohemd trug er ein Halfter, in dem seine Heckler & Koch P30 steckte. Auf der Straße verdeckte er die Waffe mit einer grünen Bomberjacke. Schmidt kam sich unglaublich lässig vor … immer. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit richtete er seine Frisur mittels eines Kamms, der stets in der Gesäßtasche seiner Jeans steckte. Kaum ein Fenster, das er nicht als Spiegel nutzte, um den Sitz seiner Haare zu kontrollieren und bei Bedarf richtend einzugreifen. Zur Krönung seines bizarren Anblicks trug er einen rotgrauen Ion-Tiriac-Bart. Es kursierte die weitverbreitete These, dass sowohl Schmidt als auch Laußner bei ihrer Einstellung lediglich gefragt worden seien, ob sie einen Moment Zeit hätten. Danach verlor sich ihre Spur.
Ballauf, der keine Lust auf Streit hatte, schloss die Sitzung mit den Worten: »Sobald wir alle Informationen den Tatort betreffend zusammenhaben, werden die Karten neu gemischt. Dann suchen wir den Täter beziehungsweise die Täterin.« Auch er betonte die letzte Silbe und bedachte Laußner mit einem undefinierbaren Blick. »Und selbstverständlich werden wir uns dabei die allergrößte Mühe geben.« Jetzt war es Grotewohl, die er prüfend ansah. »Bis dahin macht euch mal nützlich und findet raus, wer die Tote überhaupt ist.«
Stühle wurden gerückt, Papiere geordnet und allgemeines Gemurmel setzte ein.
Wenig später kehrten Köhler, Grotewohl, Müller und Brauer in ihr Büro zurück. Köhler holte sich einen Kaffee und einen Keks.
»Brauer, was macht die Statistik?«
Eifrig wühlte der junge Kollege auf seinem Schreibtisch nach den Ergebnissen, fand aber nichts, was ihnen weiterhalf. »Moment, ich schaue mal, was die Suche in der Vermisstenkartei ergeben hat.« Konzentriert blickte er auf seinen Bildschirm. »Da haben wir es …« Er betätigte einen Knopf auf der Tastatur. »Ich drucke es schnell aus, dann haben wir es leichter.«
Sekunden später summte der Drucker im Nachbarraum.
»Geh’n wir rüber ans Whiteboard«, schlug Brauer vor. Die drei anderen folgten ihm ins Nachbarzimmer, das ihnen als kleiner Besprechungsraum diente.
Brauer griff nach dem Ausdruck und studierte ihn. Zwischendurch runzelte er die Stirn und rieb sich das Kinn.
»Dürfen wir an deinen Gedanken teilhaben?«, erkundigte sich Köhler.
»Oh … sicher.« Brauer hielt den Ausdruck in die Höhe. »Wir haben ein paar Kandidatinnen.«
»Wie viele insgesamt?«, wollte Grotewohl wissen.
»Acht.«
Brauer übergab den Zettel an Köhler, der kurz draufschaute und ihn an Grotewohl weiterreichte. Müller sah ihr über die Schulter.
»Wir müssen die Bilder vergrößern und brauchen eines von der Toten für den Vergleich. Wer …«
»Wird erledigt!«, warf Müller ein. Fast schon übereifrig schnappte er sich den Ausdruck und lief nach nebenan. Köhler und Grotewohl grinsten sich an.
»Konkurrenz belebt das Geschäft«, sagte Köhler und nippte an seinem Kaffee. »Kippchen?«
»Klar«, erwiderte Grotewohl und gab sich betont gönnerhaft. »Schließlich müssen wir die Zeit, in der unsere Lakaien die Drecksarbeit erledigen, sinnvoll nutzen.«
Erst am nächsten Tag traf man sich wieder, um die neuesten Erkenntnisse zusammenzutragen.
»Der Obduktionsbericht ist heute Morgen eingetroffen«, eröffnete Ballauf. »Wir gehen jetzt von einem Mord aus. Brauer, wie sieht es mit den infrage kommenden Damen aus?«
Brauer sprang auf und trat an die Präsentationsfläche. Er hatte bereits alles vorbereitet und klappte den Laptop auf. Wenig später erschien ein Foto von der Leiche an der Wand. »Hier sehen wir ein Bild der unbekannten Frau aus dem Leichenschauhaus. Wie wir alle wissen, ist so etwas kein schöner Anblick.«
»Dafür können Sie ja nichts«, beruhigte Ballauf den Neuen.
Brauer räusperte sich verlegen und fuhr fort. »Nun … anhand der Daten aus unserer Vermisstenkartei habe ich mir die Fälle herausgesucht, die in etwa in das Profil passen, wie zum Beispiel Alter, Geschlecht, Haut- und Haarfarbe des Opfers. Das alles konnte ich anhand dieser Kriterien auf eine infrage kommende Frau isolieren.« Nach einem Mausklick erschien ein zweites Bild. Es zeigte eine dunkelhaarige Frau, die einen völlig anderen Anblick bot als die vorherige. Sie war gepflegt und lachte in die Kamera. Darüber hinaus war sie wesentlich jünger als das Opfer vom Mainufer. Allerdings war eine gewisse Ähnlichkeit nicht zu leugnen. Doch nicht alle sahen das so.
»Die sieht der anderen doch gar nicht ähnlich«, motzte Laußner.
Ballauf kniff die Augen zusammen und trat näher an das Bild heran, das die gesamte Wand einnahm. »Da muss ich ihm leider recht geben, Brauer«, sagte er und zeigte auf das Bild. »Wie kommen Sie darauf, dass es sich bei diesen beiden Frauen um ein und dieselbe handelt?«
»Statistik.« Brauer blieb selbstsicher. »Ich muss dazu sagen, dass dieses Bild bereits dreizehn Jahre alt ist. Die Frau wurde damals als vermisst gemeldet.«
Ballauf verzichtete auf eine Reaktion. Sein Blick genügte, um den jungen Polizisten, dessen Kopf sich tiefrot verfärbt hatte, weiterreden zu lassen.
»Wenn wir sämtliche Merkmale der Unbekannten als eine Markierung nehmen, zudem nach dem Ausschlussverfahren vorgehen und diese Daten in unsere Suchmaske eingeben, bleibt nur diese eine Frau übrig.«
»Und wer ist sie?«, wollte Grotewohl wissen.
»Laura Walkenhorst.«
»Moment …«, sagte Köhler. »Walkenhorst? Bist du dir sicher?«
»Absolut. Nur sie kommt infrage.«
»Was ist denn mit der?« Ballauf horchte auf. »Kennst du die?«
»Das ist die Tochter von Thomas Walkenhorst.«
»Du meinst den Baulöwen?«
»Genau den.«
Armes reiches Mädchen
Köhler hasste es, die Angehörigen von Mordopfern zu informieren. Er war überhaupt nicht gut in solchen Dingen. Grundsätzlich wusste er, wie er sich in diesen Situationen zu verhalten hatte. Seine jahrelange Erfahrung hatte ihn in derlei Dingen zwar geschult, allerdings war es für ihn auch in diesem Fall genauso wie beim ersten Mal. Es nutzte sich einfach nicht ab. Er war nervös. Und wenn Köhler nervös wurde, benahm er sich seltsam.
Grotewohl wusste um diese Schwäche und war stets darauf bedacht, Köhler bei Einsätzen, die eine gewisse empathische Herausforderung bedeuteten, zu begleiten. Dabei ging es ihr weniger darum, ihren geschätzten Kollegen vor einer Blamage zu bewahren, als darum, die Empfänger der Nachricht vor seiner unbeholfenen Art zu beschützen.
Wie eigentlich immer fuhren die beiden Ermittler mit Köhlers Privatfahrzeug, seinem Mercedes. Die fast schon herbstliche Wetterlage ließ es nicht zu, dass sie offen fuhren. Köhler stieß fast an die Decke des Cabriolets, während bei Grotewohl noch reichlich Luft nach oben war.
Nach etwas mehr als einer halben Stunde Fahrt erreichten sie die Adresse der Familie Walkenhorst in Königstein. Die Kleinstadt im Taunus galt als Wohnsitz der Reichen und Schönen. Wunderbar gelegen, mit unbezahlbarem Blick über das Rhein-Main-Gebiet und ausgestattet mit allem, was der Millionär von heute benötigte. Das Anwesen der Familie Walkenhorst war in allen Belangen beeindruckend. Hohe steinerne Mauern, hinter denen sich auch ein Jagdschloss hätte verbergen können, umgaben das Gelände. In regelmäßigen Abständen waren Überwachungskameras zu erkennen.
»Warum wohnst du eigentlich nicht hier?«, fragte Grotewohl beim Anblick des Anwesens.
»Warum sollte ich? Bei Muttern ist es doch immer noch am besten.«
Grotewohl grinste. »Leisten könntest du es dir doch locker.« Sie spielte auf das immense Vermögen an, das Köhler von seinem Vater, einem ehemaligen Fußballprofi ohne Fortune, geerbt hatte. Der Mann war ein eher zweitklassiger Torwart gewesen, der allerdings seine Gagen äußerst gewinnbringend investiert hatte. Tatsächlich hätte Köhler einen derartigen Wohnsitz in Königstein finanzieren können, doch was sollte er damit? Das Leben bei seiner Mutter im dörflichen Frankfurter Stadtteil Harheim, in dem er aufgewachsen war, genügte ihm. Hier hatte er seine Freunde und vor allem seine Ruhe.
»Klar könnte ich«, sagte er und stieg aus. »Will ich aber nicht.«
Grotewohl nahm es hin und folgte ihrem Partner zum Eingang des Anwesens. »Lass mich das regeln«, sagte sie, bevor sie die Klingel betätigte.
Köhler widersprach ihr nicht.
Am Tor war ein Schild angebracht, das auf die Überwachung des Geländes durch einen privaten Sicherheitsdienst hinwies.
Nachdem sie einen kurzen Augenblick gewartet hatten, ertönte eine blecherne Männerstimme aus der Gegensprechanlage. »Ja, bitte?«
Grotewohl stellte sich und ihren Partner vor und bat um Einlass.
»Worum geht es denn?«, wollte die Stimme wissen.
»Das würden wir gern persönlich klären«, erwiderte Grotewohl freundlich.
»Einen Moment«, bat die Stimme. »Ich schicke Ihnen jemanden, der Sie abholt.«
»Schlimm«, sagte Köhler. »Niemand vertraut einem mehr heutzutage.«
»Kannst du es ihm verdenken?«
»Nö.«
Es dauerte einige Minuten, bis jemand am Tor erschien. Wie aus dem Nichts tauchte ein Mann auf. Er trug die Fantasieuniform eines Sicherheitsunternehmens inklusive Barrett und war mit Pfefferspray und einem Knüppel bewaffnet. An der kurzen Leine hielt er einen Schäferhund, der einen Maulkorb trug. Köhler und Grotewohl mussten zugeben, dass der Mann Eindruck machte. Die Botschaft war eindeutig: Hier wollte jemand ungestört bleiben.
»Darf ich bitte Ihre Ausweise sehen?«, fragte der Wachmann.
Grotewohl und Köhler reichten ihre Ausweise durch das Gitter und warteten ab. Sie empfanden die Situation als absurd und wechselten vielsagende Blicke. Nach eingehender Prüfung nickte der Mann, gab ihnen die Ausweise zurück und öffnete das Tor mittels einer Fernbedienung. Sein offensichtliches Misstrauen war einer routinierten Freundlichkeit gewichen.
»Verzeihen Sie das Vorgehen, aber man kann nicht vorsichtig genug sein.« Er lächelte gequält. Köhler und Grotewohl wurden von dem Wachmann auf einem Kiesweg bis zum Haupthaus begleitet. Der Kies knirschte unter ihren Füßen. Die beiden Ermittler kamen sich vor wie in einem Barnaby-Krimi, der in einem Schloss des südenglischen Landadels spielte. Das riesige Haus war imposant gelegen, leicht erhöht inmitten eines Parks. Große Säulen säumten den Eingang. Unzählige Fenster durchbrachen die massive, aus beigen Steinen gefertigte Fassade. Ornamente und kleine Figuren schmückten die Front und verliehen ihr eine herrschaftliche Würde. Das Gebäude war aufgeteilt in drei Flügel, einen größeren in der Mitte und zwei nur leicht niedrigere jeweils rechts und links davon. Wie ein englisches Schloss eben. Grotewohl und Köhler waren beeindruckt.
Kurz vor der überdimensionierten zweiflügeligen Haustür sprach der Wachmann in ein Funkgerät. Einen Augenblick später öffnete sich die Tür und ein Mann im Anzug stand vor ihnen. Dieser nickte dem Wachmann zu, woraufhin der sich zurückzog.
»Mein Name ist Oskar Bajohr«, stellte sich der Mann vor. »Ich bin der persönliche Assistent von Herrn Walkenhorst. Treten Sie bitte ein, ich werde Sie zu ihm bringen.«
»Äh …« Köhler deutete auf sein Fahrzeug, das immer noch in der Einfahrt stand. »Was ist mit meinem Auto?«
Der Mann hob den Blick, verzog jedoch keine Miene. »Natürlich«, sagte er nach einer kurzen Pause. »Sie können hineinfahren und vor dem Haupthaus parken.«
»Warum bin ich dann erst hierhergelaufen?«, motzte Köhler.
Bajohr sah ihn ausdruckslos an und verzog keine Miene. In aller Deutlichkeit spürte Köhler dessen unausgesprochene Worte: Was kann ich dafür, dass du so blöd bist.
Köhler hob die Schultern und stiefelte zurück zur Einfahrt. Kurz bevor er am Tor ankam, öffnete es sich wie von Geisterhand. Er drehte sich um und sah Grotewohl und Bajohr auf den Stufen des Eingangs stehen. Bajohr hielt etwas in der Hand, allem Anschein nach die Fernbedienung für das Tor. Köhler stieg in sein Fahrzeug und fuhr damit bis direkt vor die Treppe, die zum Eingang führte.
»Wenn Sie mir bitte folgen wollen«, bat Bajohr, als Köhler zu ihnen aufgeschlossen hatte, und betrat das Haus. Wie nicht anders zu erwarten war, kamen sie in eine opulente Eingangshalle. Direkt gegenüber befand sich eine riesige zweigeteilte Treppe, die zu einer Galerie führte, die wiederum die Flügel des Hauses miteinander verband. Köhler hatte jetzt zum ersten Mal Gelegenheit, den Assistenten des Hausherrn zu mustern. Bajohr sah aus, als spielte er eine der Hauptrollen in einem Edgar-Wallace-Film. Grau meliertes Haar, etwa einssiebzig groß, stand er leicht nach vorn gebeugt da und deutete mit einer eleganten Bewegung auf ein Zimmer, das sich links an die Eingangshalle anschloss.
»Wenn Sie bitte in der Bibliothek warten möchten«, sagte er etwas steif. »Ich werde Herrn Walkenhorst Ihren Besuch melden. Er wird sich dann zu Ihnen gesellen.«
Wieder musste Köhler an die Edgar-Wallace-Filme denken und ein Grinsen unterdrücken. Bajohr schien Gedanken lesen zu können und strafte Köhler mit einem eiskalten Blick, bevor er ging, um seinen Boss zu holen. Bajohr war trotz seiner geringen Größe ein Mann, der durchaus respekteinflößend war. Allem Anschein nach war er mehr als nur der Assistent des alten Walkenhorst, wohl eher der Bodyguard der Familie. Alles an ihm schien kampfbereit zu sein.
Grotewohl und Köhler betraten die Bibliothek, die erstaunlich modern eingerichtet war.
Von außen wie ein Schloss und von innen wie ein Penthouse, schoss es Köhler durch den Kopf. Staunend sah er sich um.
»Handelt es sich bei dem Typen um ein Gespenst?«, fragte Grotewohl.
Köhler lachte. »Das ist der Hausgeist.« Interessiert sah er sich um. Die Einrichtung war exklusiv und offenbar maßgefertigt. »Ich muss mich korrigieren«, sagte er anerkennend. »Ich kann mir eine solche Hütte doch nicht leisten. Das übersteigt eindeutig mein Budget.« Er zeigte auf eine Vitrine. »Ist das ein Fabergé-Ei?«
»Das haben Sie gut erkannt«, erklang eine tiefe Stimme hinter den beiden Polizisten. Als hätte man sie bei der Ausübung einer Straftat ertappt, fuhren sie herum.
»Entschuldigen Sie, wir wollten nicht …«
Der Mann hob die Hand und brachte damit Köhler zum Schweigen. Er war mit einer natürlichen Autorität ausgestattet, die einem sofort Respekt einflößte. Er saß in einem Rollstuhl, den er selbst gesteuert haben musste, denn Bajohr stand etwa zehn Meter entfernt und beobachtete die Szenerie. »Wussten Sie, dass gerade mal fünfzig Stück davon hergestellt wurden?«
»Von dem hier?«, fragte Grotewohl.
Der Mann lachte amüsiert und es klang wie eine Reaktion auf die naive Frage eines Kindes. »Nein. Insgesamt gibt es nur fünfzig Fabergé-Eier.«
»Oh …«, machte Grotewohl und trat einen Schritt von der Vitrine weg.
»Und jedes davon ist einzigartig«, ergänzte er nicht ohne Stolz. »Aber Sie sind doch sicher nicht gekommen, um mein Fabergé-Ei zu bewundern.«
»Nein, natürlich nicht.« Köhler straffte die Schultern. »Sie sind Herr Walkenhorst?«
»Wie unhöflich von mir!« Der Mann reichte dem Kommissar die Hand. »Gestatten, Thomas Walkenhorst.«
Köhler nannte nun auch seinen Namen. Anschließend begrüßte der Hausherr Grotewohl.
»Nun, da wir die Formalitäten ausgetauscht haben: Was hat mein Sohn schon wieder ausgefressen?«
Köhler und Grotewohl wechselten einen raschen Blick. Die Frage war interessant und wurde sofort von beiden gespeichert.
»Wie kommen Sie darauf, dass wir wegen Ihres Sohnes hier sind?«, fragte Grotewohl.
»Weil es zu meinem Bedauern recht häufig vorkommt, dass er sich im Konflikt mit dem Gesetz befindet.« Er deutete auf die beiden. »Sie allerdings müssen neu sein. Ich habe Sie noch nie zuvor gesehen.« Er lachte kurz auf. »Und verzeihen Sie mir die Bemerkung, aber einen schwarzen Polizisten in einem Maßanzug hätte ich mir mit Sicherheit gemerkt.«
Köhler fühlte sich seltsam unwohl und geschmeichelt zugleich. Verlegen griff er an das Revers seines Jacketts und räusperte sich. »Wir sind nicht aus Königstein, hatten wir das nicht erwähnt?«
Wieder lachte der Mann im Rollstuhl. Diesmal klang es resigniert. »Sie glauben nicht, von woher überall die Polizei gekommen ist, um mit mir über meinen Sohn zu reden.« Für den Bruchteil einer Sekunde verklärte sich sein Blick. Eine unangenehme Erinnerung schien sich seiner zu bemächtigen. Dann war er wieder hellwach. »Muss ich meinen Anwalt konsultieren?«
Köhler warf Grotewohl einen hilfesuchenden Blick zu. Sie reagierte mit einem Seufzer.
»Wir sind wegen Ihrer Tochter hier.«
Die Bemerkung rief in Walkenhorst eine deutliche Reaktion hervor. Seine bisher gezeigte selbstgefällige Haltung fiel von ihm ab wie trockener Putz von einer Wand. Bajohr trat ein paar Schritte in den Raum hinein. Seine Aufmerksamkeit schien sich schlagartig zu erhöhen.
»Meine … Tochter?«, fragte Walkenhorst stockend, nun gar nicht mehr der souveräne Hausherr mit Bodyguard. Erstaunlich schnell hatte er sich wieder im Griff. »Ich habe meine Tochter schon lange nicht mehr gesehen«, fuhr er fort, »und denke auch nicht, dass sie meine Hilfe annehmen würde. Wie es aussieht, haben Sie wohl Ihre Zeit verschwendet.«
»Das glaube ich kaum«, entgegnete Köhler trocken. Bevor Grotewohl es verhindern konnte, fügte er an: »Sie wird Ihre Hilfe nicht mehr benötigen, denn sie ist tot.«
Walkenhorsts Blick war wie versteinert. Für einen Augenblick erfüllte sein Schweigen den Raum.
Grotewohl sah sich in der Pflicht. »Wir haben Ihre Tochter gestern in Frankfurt am Mainufer gefunden. Wir gehen davon aus, dass sie ermordet wurde.«
»Ermordet?!«, entfuhr es Walkenhorst. »Warum?«
»Das wissen wir noch nicht.« Sie hielt kurz inne, um sich zu sammeln. »Um ehrlich zu sein, sind wir noch nicht mal zu hundert Prozent sicher, ob es sich wirklich um Ihre Tochter handelt. Deshalb möchten wir Sie bitten, sie zu identifizieren.«
»Was?« Walkenhorst schien weggetreten zu sein, fing sich aber rasch wieder. »Ja … natürlich. Gerne.« Sein Blick ging wieder ins Leere.
Köhler räusperte sich. »Wo ist denn Ihre Frau?«
»Hab keine.« Walkenhorst blieb einsilbig.
»Ich meinte die Mutter Ihrer Tochter.«
»Schon lange tot. Flugzeugabsturz.«
»Oh«, machte Köhler. »Das tut mir leid.«
»Ist Jahre her.«
»Gibt es noch andere Verwandte, denen wir Bescheid sagen sollten?«, erkundigte sich Grotewohl.
»Nur noch meinen Sohn, Frederic. Das erledige ich. Machen Sie sich keine Mühe.«
»Es tut mir leid, dass wir Ihnen diese schlechte Nachricht überbringen müssen.«
Walkenhorst hob abwehrend die Hand. Sein Blick war jetzt klar. »Dafür können Sie ja nichts«, sagte er erstaunlich gefasst. Er lächelte Grotewohl an. »Wissen Sie, ich hatte nicht das beste Verhältnis zu meiner Tochter. Sie ist vor langer Zeit … ausgezogen.«
Leichenschau
»Boah, Shaft, du bist wirklich das Letzte!«, schimpfte Grotewohl, als sie wieder im Auto saßen.
»Was hab ich denn jetzt schon wieder verbrochen?« Köhler war sich keiner Schuld bewusst.
»Du kannst doch dem Mann nicht einfach an den Kopf knallen, dass seine Tochter keine Hilfe mehr braucht, weil sie tot ist.«
»Ist das etwa falsch?«
Wieder einmal war Grotewohl überrascht, wie wenig einfühlsam ihr Partner in manchen Situationen war. Dennoch musste sie sich verbessern. »Inhaltlich war das natürlich richtig, in Sachen Empathie jedoch … na ja.«
»Was denn nun?«
»Shaft, das ist nicht dein Ernst! Du kannst unmöglich so unsensibel sein.« Sie sah ihren Kollegen an, der völlig entspannt seinen Oldtimer vom Anwesen auf die Straße lenkte. »Hast du dich mal auf Asperger untersuchen lassen?«
»Was soll das sein?«
»Eine Form des Autismus, bei der man unter anderem Schwierigkeiten bei der sozialen Kommunikation hat.«
»Hab ich die?«
Grotewohl wusste nicht, ob ihr Partner sie ernst nahm. »Du willst mich doch verarschen, oder?«
»Klar!« Köhler lachte.
»Das ist nicht witzig.«
Nun seufzte er. Köhler schien sein unsensibles Verhalten einzusehen, war aber weit davon entfernt, es zu bereuen. »Wie hätte ich es ihm denn schonender beibringen sollen?«
»Keine Ahnung.« Grotewohl warf die Hände in die Luft. »So jedenfalls nicht.«
»Siehste!« Köhler wirkte zufrieden. »Dir fällt auch nichts Besseres ein.«
»Ist ja jetzt egal.« Grotewohl gab auf. Es hatte keinen Sinn, ihrem Kollegen den taktvollen Umgang mit Angehörigen zu erklären, er würde es nie lernen.
»Wollen wir dabei sein, wenn er sie sich ansieht?« Köhler spielte darauf an, dass sie Walkenhorst gebeten hatten, die Leiche seiner Tochter zu identifizieren. Dies sollte am Nachmittag geschehen.
»Bleibt uns wohl nichts anderes übrig.« Grotewohl hasste diese Momente. Zu viel Drama. »Es wäre aber schön, wenn du wenigstens dort versuchen würdest, ein wenig Empathie zu zeigen.«
Zurück im Präsidium trafen die beiden Ermittler auf ihre Kollegen Müller und Brauer, die fleißig ihrer Arbeit nachzugehen schienen.
»Was gibts Neues?«, fragte Köhler und hängte sein Jackett über die Stuhllehne.
»Wir haben ein paar Leute rausgeschickt, um die anderen Pen…« Müller stockte, als ihn Grotewohls Blick traf, und verbesserte sich. »Um die anderen Obdachlosen zu fragen, ob ihnen was aufgefallen ist, ob sie das Opfer kannten und so weiter.«
»Prima.« Köhler war froh, in die Routine einzusteigen. »Gibt es schon was bezüglich der Obduktion?«
Die beiden jungen Kollegen schüttelten den Kopf.
»Noch nicht«, antwortete Brauer. »Die Ergebnisse sollten aber jeden Moment eintreffen.«
»Das wäre gut, denn heute Nachmittag kommt der Vater des Opfers, um die Leiche zu identifizieren. Da wäre es blöd, wenn sie noch nicht wieder zugenäht wäre.«
»Was können wir bis dahin tun?«, fragte Grotewohl.
Köhler hob die Schultern und sagte: »Abwarten und Mittagessen.«
Als Grotewohl und Köhler aus der Kantine zurück waren, lagen die Ergebnisse der Obduktion und die ersten Berichte der Befragung verschiedener Obdachloser vom Mainufer vor. Kurzerhand berief Ballauf eine Besprechung ein.
»Schön, dass …« Weiter kam er nicht, denn die Tür flog auf und Laußner stolperte unter lautem Getöse in den Raum.
»Sorry«, sagte er und suchte sich einen Platz. Er knallte einen Block auf den Tisch und warf sich in die Lehne. Der Stuhl ächzte unter seinem massiven Gewicht. »Ich wäre dann so weit.« Unter seinem Schnurrbart wurde ein breites Grinsen sichtbar.
Ballauf ließ ihm das durchgehen, kommentierte das Auftreten seines Mitarbeiters jedoch mit einem missbilligenden Kopfschütteln. »Na gut«, sagte er. »Dann sind wir ja jetzt komplett.« Er warf einen prüfenden Blick in die Runde. Alle sahen sich gegenseitig an. Keiner von ihnen sagte etwas. »Egal.« Ballauf fuhr fort. »Wir haben den Autopsiebericht vorliegen. Darin steht, dass die aufgefundene Frau, von der wir bisher unbestätigt davon ausgehen, dass es sich um Laura Walkenhorst handelt, durch den berühmten Schlag mit einem stumpfen Gegenstand auf den Hinterkopf getötet wurde. Da dieser nicht durch sie selbst ausgeführt oder von einem Sturz herbeigeführt werden konnte, gehen wir von einer Fremdbeteiligung aus. Also ermitteln wir ab sofort offiziell in einem Mordfall.«
»Entschuldigung.« Brauer hob die Hand. »Ich will mich nicht blamieren, aber was macht Sie so sicher, dass es ein Schlag war?«
Ballauf sah Brauer abschätzend an. »Gut … Sie sind der Neue.« Er holte tief Luft und setzte zu einem Leierton an. »Es gibt einen Unterschied im Verletzungsmuster zwischen einem Schlag mit dem berühmten stumpfen Gegenstand und einem Sturz oder einem Unfallgeschehen. Das ist anhand der Wundränder und des Verletzungsmusters klar zu erkennen. Und wenn in der Obduktion von einem stumpfen Gegenstand die Rede ist, dann handelt es sich immer um ein Gewaltverbrechen.«
Brauer nickte und bedankte sich für die Belehrung.
Grotewohl wirkte zufrieden.
»Wer von euch hat die Penner am Main befragt?«, fuhr Ballauf fort.
Bei dem Wort »Penner« zuckte Grotewohl zusammen. Ballauf ignorierte diese Gefühlsregung.
»Ich«, antwortete Schmidt und hob die Hand. Mit einem Bleistift deutete er auf seinen Lieblingskollegen. »Und Laußner.«
»Natürlich. Die siamesischen Bullen«, flüsterte Grotewohl.
Köhler kicherte.
»Niemand von denen will was gesehen haben.« Schmidt nahm wieder Platz.
»War das alles?«, wollte Ballauf wissen.
Laußners Blick suchte den von Schmidt. Beide machten einen ratlosen Eindruck.
»Öh … ja«, sagte Schmidt. »Den ganzen Morgen über haben wir die Penner am Main abgeklappert, aber keiner wusste was.«
Jetzt hatte Grotewohl genug. »Können wir uns bitte auf einen der Begriffe ›Obdachlose‹ oder ›Wohnsitzlose‹ einigen?«, forderte sie mit deutlich strengem Unterton.
»Wieso?«, wollte Laußner wissen.
»Weil das Wort ›Penner‹ despektierlich und menschenverachtend ist.«
»Despek… was?«
»…tierlich, du Hohlkopf. Und jetzt reiß dich gefälligst zusammen und zeig uns, dass du ein Profi bist. Ein einfaches ›Keiner von denen hat was gesehen‹ ist mir hier zu wenig. Vielleicht habt ihr nicht richtig gefragt.«
»Jetzt mach mal keinen Stress, Grotte!«, blaffte Laußner. »Wir haben die Pen… – die Obdachlosen – gefragt, ob sie in der angenommenen Tatzeit etwas Ungewöhnliches gesehen haben, und da hat keiner was gesehen. Was sollen wir denn machen? Etwas erfinden, damit die hochwohlgeborene politisch korrekte Lesbe zufrieden ist, oder was?«
»Vorsicht!«, ging Ballauf dazwischen. »Nicht persönlich werden, Laußner.«
»Ist doch wahr!«, motzte er. »Die macht immer einen Affen, als wäre sie die Chefin.« Laußner wandte sich an Grotewohl. »Bist du aber nicht! Du bist hier nur Ermittlerin, genauso wie ich und Schmidt und alle hier im Raum, also spiel dich nicht immer so auf!« Er war in Fahrt geraten. »Der Einzigste, der mir was zu sagen hat, ist der da.« Er zeigte auf Ballauf.
»Der steht im Stall, mein Freund, und jetzt komm wieder runter«, versuchte Ballauf zu schlichten. Aus Deeskalationsgründen unterließ er es hinzuzufügen, dass es ›der Einzige‹ hieß und nicht ›der Einzigste‹.
»Die geht mir auf den Sack.«
»Haben wir mitbekommen, und jetzt stell mal die Schnappatmung ein. Was sind denn das für Manieren hier?«
Laußner nahm wieder Platz und schmollte.
»Laußner ist nicht befördert worden und hat Stress mit dem Personalrat.« Schmidt wollte seinen Freund in Schutz nehmen, doch das ging nach hinten los.
»Halt die Fresse!«, brüllte Laußner. »Das geht hier keinen was an.«
»Aber …«
Der hochschnellende Drohfinger seines Kollegen schnitt Schmidt den Satz ab. Alle Blicke waren auf die beiden Streithähne gerichtet.
»So«, machte Ballauf, dem die Situation sichtlich unangenehm war, und räumte den Papierstapel vor sich auf. »Die Show ist vorbei. Der Obduktionsbericht ist zur Einsicht verfügbar, und wenn ich mich recht entsinne, steht da noch ein Termin mit dem mutmaßlichen Vater der Leiche an.«
Grotewohl und Köhler nickten und beeilten sich, den Raum zu verlassen. Laußner saß wie ein beleidigtes Kind, dessen Geburtstag geplatzt war, auf seinem Stuhl und rührte sich nicht. Alle anderen verließen zügig den Raum.
Auf dem Flur hielt Grotewohl Schmidt an.
»Stimmt das?«
»Was?«
»Dass Laußner nicht befördert wurde.«
Schmidt nickte traurig. »Das Blöde ist, dass er mit der Beförderung gerechnet hatte und sich schon ein Wohnmobil bestellt hat.«
»Oh Mann!«, stieß Grotewohl aus. »Man verkauft doch nicht das Fell, bevor der Bär erlegt ist.«
»Was soll ich sagen?« Schmidt schien in Sorge um seinen Freund. »Er war aber wirklich mal dran jetzt. Schon beim letzten Mal haben sie ihn nicht berücksichtigt. Der wird auch nicht jünger.«
Das erste Mal, seit sie Laußner kannte, empfand Grotewohl so etwas wie Mitgefühl für ihren Kollegen. Auch wenn er im Umgang schwierig war, war er doch ein passabler Polizist, der eine Beförderung verdient hatte. Schließlich war er seit mehr als zwanzig Jahren bei der Truppe. »Das tut mir leid«, sagte sie deshalb.
»Eine Sauerei ist das!«, kommentierte Schmidt.
Grotewohl hakte nicht mehr nach. Ballauf kam vorbei und sie heftete sich an ihn. »Chef, ich will, dass mein Team noch mal die Obdachlosen befragt. Die müssen doch was gesehen haben.«
»Haben das nicht Schmidt und Laußner bereits getan? Dann wäre das ja wohl Zeitverschwendung.«
Grotewohl wollte insistieren, aber Ballauf ließ sie nicht zu Wort kommen. »Es ist spät«, sagte der Gruppenleiter. »Ihr müsst los. Bei dem Verkehr braucht ihr ewig bis nach Sachsenhausen.«
Grotewohl warf einen Blick auf die Uhr. »Scheiße!«, stieß sie aus. »Shaft!«, brüllte sie.
Von irgendwoher kam ein undeutliches »Was ist?«
»Schwing deinen schwarzen Arsch hierher, wir müssen los!«
Die Fahrt hinüber auf die andere Mainseite verlief zäh. Der Verkehr in der Innenstadt war dem Kollaps nahe. Durch den Raderlass und den dadurch bedingten massiven Ausbau der Radwege in der Innenstadt bei gleichzeitiger Reduzierung der Fahrspuren für Autos war das Chaos vorprogrammiert.
»Da wären wir zu Fuß schneller gewesen«, moserte Grotewohl, als sie an der Konstablerwache im Stau standen. »Hier geht ja gar nichts mehr!«
»Hätten wir mit der Bahn fahren sollen?«, fragte Köhler.
»Warum nicht?«
»Weil das viel zu lange gedauert hätte und wir jetzt völlig unflexibel wären.«
»Vom Präsidium bis zum Schweizer Platz braucht man gerade mal fünfzehn Minuten mit der U-Bahn.«
»Die Rechtsmedizin ist aber in der Kennedyallee.«
»Die paar Meter könnte man doch laufen.«
»Vom Schweizer Platz bis zur Rechtsmedizin sind es locker zwei Kilometer.« Köhler konnte mit dem Gedanken, die öffentlichen Verkehrsmittel für Dienstfahrten zu nutzen, nicht warm werden. Grotewohl fing aber immer wieder davon an, seit sie ihre Sympathie für die globale soziale Bewegung »Fridays for Future« entdeckt hatte. »Dein Umweltbewusstsein in allen Ehren, Grotte, aber die Polizei fährt nicht mit der Bahn zur Einsatzstelle. Das geht einfach nicht!«
»Und sie verschleudert auch nicht unsinnig viel fossilen Brennstoff durch die Nutzung privater Fahrzeuge ihrer Mitarbeiter.« Mit dieser Bemerkung hatte Grotewohl Köhlers wunden Punkt getroffen. Gegen seinen historischen, top gepflegten Mercedes durfte niemand etwas sagen.
»Du befindest dich in einem Klassiker der Automobilgeschichte und nicht in irgendeinem Auto.« Köhler musste seinen Zorn unterdrücken. »Ich werde bestimmt nicht in einem Dienst-Opel durch die Stadt fahren. Schließlich habe ich Stil!«
Grotewohl kannte die Feinfühligkeit ihres langjährigen Kollegen sehr genau, weshalb sie sich gelegentlich einen Spaß erlaubte und ihn bewusst provozierte. »Wie viel schluckt denn die Karre?«, legte sie nach.
»Dieser Wagen benötigt gerade mal neun Komma fünf Liter auf einhundert Kilometer. Das ist nicht viel mehr, als ein Fahrzeug der heutigen Generation verbraucht. Außerdem – und das muss erwähnt sein – ist er 1999 zum Sportwagen des Jahrhunderts gewählt worden. Dieses Fahrzeug ist über jeden Zweifel erhaben.«
Grotewohl beließ es dabei. Sie wollte ihren Partner nicht weiter provozieren. In Anbetracht der bevorstehenden Aufgabe wäre das keine gute Idee gewesen. Ein schlecht gelaunter Köhler neigte zu unkontrolliertem Verhalten.
Letztendlich erreichten sie dann doch noch pünktlich die Rechtsmedizin in der Kennedyallee. Zeitgleich mit ihnen fuhr ein schwarzer Maibach vor. Köhler war beeindruckt von dem Luxusgefährt, während Grotewohl noch nicht einmal bewusst war, dass es sich um ein Auto handelte, für das man den Preis einer Eigentumswohnung auf den Tisch blätterte. Zwei Männer stiegen aus dem Maibach. Einer davon war den Ermittlern bekannt. Es handelte sich um Oskar Bajohr. Er trat an den Kofferraum des Fahrzeugs, öffnete ihn per Knopfdruck und hob einen Rollstuhl heraus, den er neben der hinteren Tür platzierte. Der zweite Mann war in einen dunkelblauen Anzug gekleidet und schien der Fahrer zu sein. Er machte keine Anstalten, Bajohr zu helfen, den körperlich angeschlagenen wirkenden Walkenhorst aus dem Auto in den Rollstuhl zu bugsieren.
Köhler und Grotewohl standen ein wenig abseits und beobachteten die Szenerie. Mühevoll kletterte Walkenhorst aus dem Maibach, hielt sich kurz auf einem Bein und ließ sich schließlich in den Rollstuhl fallen. Wenig später kam das Dreigestirn auf die Ermittler zu.
»Guten Tag«, begrüßte Walkenhorst die Polizisten. »Darf ich vorstellen?« Er deutete auf den Fahrer. »Das ist mein Sohn, Frederic Walkenhorst. Ich gehe davon aus, dass es für Sie in Ordnung ist, wenn er mir bei der Identifizierung behilflich ist. Wir haben Laura beide eine Weile nicht gesehen.«
»Selbstverständlich«, erwiderte Köhler. Irgendetwas in seinem Blick ließ erkennen, dass er die Situation nicht gänzlich erfasste.
»Mein Sohn betreibt einen exklusiven Limousinenservice«, erklärte der alte Walkenhorst mit einem selbstgefälligen Lächeln. »Deshalb der Auftritt als Chauffeur. Und bevor Sie fragen: Nein, Frederic hatte kein Interesse, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, er wollte sich etwas Eigenes aufbauen.«
»Ich kann für mich selbst reden«, fuhr ihm der Sohn in die Parade. »Und ich glaube kaum, dass sich die beiden für unsere Familiengeschichten interessieren. Du langweilst sie damit nur.« Er wandte sich an Grotewohl und Köhler und reichte beiden die Hand. »Wenn Sie mal einen Fahrservice benötigen, wir haben auch preisgünstigere Modelle als dieses.« Nicht ohne Stolz deutete er auf den Maibach.
»Besten Dank, aber ich bevorzuge Klassiker«, konterte Köhler und warf einen Blick auf seinen Oldtimer, der neben dem Maibach stand und dabei eine glänzende Figur machte.
»Ist das etwa Ihrer?«, fragte Walkenhorst junior. »Handelt es sich um einen Neunzehnhundertachtundfünfziger?«
»Siebenundfünfziger«, berichtigte Köhler.
»Wahnsinn! Noch dazu in einem so guten Zustand.« Der junge Walkenhorst schien ernsthaft begeistert zu sein. »Aber die Lackierung ist nicht ab Werk.«
»Ich sehe, ich habe es mit einem Fachmann zu tun.« Köhler war beeindruckt. »Ich habe ihn selbst aufgebaut und dann in Lackschuhschwarz lackiert.«
»Respekt!«
»Danke, Ihrer ist aber auch nicht zu verachten«, gab Köhler das Kompliment zurück.
Bevor die Schwärmerei über Fortbewegungsmittel der besonderen Art ausarten konnte, unterbrach Grotewohl die Lobpreisungen. »Ich denke, wir sind aus einem anderen Grund hier«, sagte sie geschäftig. »Wenn wir es dann hinter uns bringen könnten …«
In stillem Einverständnis setzte sich die kleine Gruppe in Bewegung. Wenig später befanden sie sich in einem schmucklosen Raum, in dem die Identifizierung stattfinden sollte. Der Rechtsmediziner bereitete Vater und Bruder der Ermordeten auf den wenig schönen Anblick vor und erklärte ihnen, dass er die Frau für die Obduktion hatte aufschneiden müssen und ihr Körper deshalb verschiedene Nähte aufwies.
»Gibt es denn ein unverkennbares Zeichen, das Ihre Tochter zweifelsfrei identifiziert?« Grotewohl versuchte, mit dieser Frage die Aufenthaltsdauer in der Leichenhalle so kurz wie möglich zu halten. Sie hasste diesen Raum. Er erinnerte sie an ihre eigene Vergänglichkeit.
»Als sie uns verließ, war sie weder tätowiert noch gepierct.« Der alte Walkenhorst starrte auf die abgedeckte Leiche und wirkte seltsam entrückt.
»Ein Muttermal oder eine Narbe?«, versuchte Grotewohl es weiter. Sie sah hinüber zu Frederic Walkenhorst, der neben seinem Vater stand und seinen Blick auf den Boden geheftet hatte.
»Sie hatte eine Narbe an der rechten Wade; die hat sie sich bei einem Reitunfall zugezogen. Etwa zehn Zentimeter.«
Köhler sah den Mitarbeiter der Rechtsmedizin an. Dieser schlug die Abdeckung an der rechten unteren Seite zurück, hob das Bein der Leiche an und schaute nach.
»Da befindet sich eine solche Narbe.«
»Das heißt ja noch nichts«, protestierte Frederic Walkenhorst. »Ich will meine Schwester jetzt sehen!«
»Beruhigen Sie sich.« Köhler wollte auf keinen Fall, dass einer der beiden Angehörigen etwas Unüberlegtes tat. Er machte einen Schritt auf den Junior zu, woraufhin dieser innehielt. Ihre Blicke trafen sich.
»Decken Sie bitte die Leiche auf«, sagte Köhler zu dem Assistenten, ohne den Blick von Frederic Walkenhorst zu nehmen. Der Mann tat, wie ihm geheißen. Sekunden später lag Laura Walkenhorst für alle sichtbar nackt vor ihnen. Die beiden Angehörigen warfen einen Blick auf die Frau. Der Alte kämpfte mit den Tränen und nickte, woraufhin die Leiche wieder abgedeckt wurde.
»Das ist sie!«
Schweigend standen Köhler und Grotewohl im Hof der Rechtsmedizin und rauchten. Als sie Bajohr und die Walkenhorsts aus dem Gebäude kommen sahen, drückten sie ihre Zigaretten in einem großen mit Sand gefüllten Aschenbecher aus und gingen den dreien entgegen.
»Wie geht es Ihnen?«, fragte Grotewohl leise.
»Geht schon«, antwortete der Junior. »Sie müssen wissen, dass wir seit langer Zeit keinen Kontakt mehr zu Laura hatten.«
Köhlers Telefon klingelte. Hastig warf er einen Blick auf das Display und drückte den Anruf weg. »Gut, dass Sie darauf zu sprechen kommen«, hakte er ein. »Sie werden sicherlich verstehen, dass wir Ihnen noch ein paar Fragen zu Ihrer Angehörigen stellen müssen.«
»Sicher.« Thomas Walkenhorst schien mit der Tatsache, dass seine Tochter tot war, gut umgehen zu können. Mal abgesehen von der einzelnen Träne, die ihm während der Gegenüberstellung über die Wange gelaufen war, hatte Köhler keinerlei Regung feststellen können. »Wann sollen wir zu Ihnen kommen?«
»Wir können das auch gerne bei Ihnen machen«, schlug Grotewohl dem gebrechlich wirkenden Mann vor.
»Nein, nein!« Thomas Walkenhorst winkte ab. »Was mich betrifft, bin ich ganz froh, mal was anderes zu sehen.« Er deutete auf seinen Rollstuhl. »Seit meinem Skiunfall im Januar bin ich an dieses Ding gefesselt. Schlechtes Heilfleisch, sagt mein Arzt.« Er lachte bitter. »Ich sollte mir einen anderen suchen.«
»Vater, ich glaube kaum, dass sich die beiden für deine Krankengeschichte interessieren.« Frederic Walkenhorst lächelte verlegen, gerade so, als müsse er sich für das alberne Benehmen seines Vaters entschuldigen.
»Um was für eine Verletzung handelt es sich denn?«, erkundigte sich Köhler, den Einwand des Sohnes ignorierend.
»Schien- und Wadenbein«, antwortete der Mann im Rollstuhl. »Wie ein dürrer Ast. Komplett durch. Mit Platten und Schrauben fixiert.«
Köhler zog mitleidig die Luft durch die Zähne und schnitt eine Grimasse. »Unangenehm«, kommentierte er. »Hatte ich auch mal. Ist beim Fußball passiert.«
»Dann können Sie ja sicherlich mitfühlen.«
Grotewohl warf Köhler einen fragenden Blick zu.
Der wiegelte ab und setzte das Gespräch fort. »Oh ja!« Er trat an den Rollstuhl und bugsierte den alten Mann in Richtung ihrer Fahrzeuge.
Angesichts des Szenarios – ein schwarzer Mann schob einen weißen Mann im Rollstuhl – unterdrückte Grotewohl ein Lachen. Die Ähnlichkeit zu Philippe und seinem Pfleger in der Komödie »Ziemlich beste Freunde« war nicht zu leugnen.
»Warum dauert bei Ihnen die Heilung so lange?«, fragte Köhler im Gehen. »Bei mir war das innerhalb von sechs Wochen erledigt.«
»Hat sich entzündet.«
»Verdammt!«, stieß Köhler aus.
»Das können Sie laut sagen. Eine entsetzliche Quälerei ist das.«
Als sie den Maibach erreichten, hielt Bajohr bereits die hintere Tür auf. Der Leibwächter verzog keine Miene. Köhler übergab ihm den Patienten, der daraufhin mit Mühe in die Luxuskarosse einstieg.
»Moment!«, rief Grotewohl, als die Tür hinter dem alten Mann zuschlug. »Wir müssen noch einen Termin machen.«
»Das können Sie gerne mit mir besprechen.« Bajohr baute sich vor der knapp einsfünfzig großen Polizistin auf.
Sie blickte auf seine Brust. »Aha«, kommentierte sie schnippisch. »Sie sind also neben all Ihren anderen Funktionen auch seine Sekretärin. Multitalent, was?«
»Sozusagen.«
Der Kerl ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Grotewohls Handy klingelte, doch sie ignorierte es. Auf keinen Fall würde sie das Duell gegen diesen Muskelmann verlieren.
»Wollen Sie nicht an Ihr Telefon gehen?«, fragte dieser prompt.
»Wenns wichtig ist, ruft er noch mal an.«
»Woher wollen Sie wissen, dass es ein Er ist?«
»Ach, Gleichstellungsbeauftragter sind Sie auch noch. Ämterhäufung nennt man das.«
Köhler stöhnte innerlich. Laußner mit seinem Gendergehabe hatte ihm schon gereicht. Jetzt kam auch noch dieses aufgeblasene Muskelpaket und schlug in die gleiche Bresche. Insgeheim bewunderte er, wie Grotewohl ihm Paroli bot.
»Was ist eigentlich Ihr Problem?«, blaffte Bajohr.
Grotewohl hätte nun zur Höchstform auflaufen und den Bodyguard nach allen Regeln der Kunst verbal attackieren können, doch Köhler setzte der Show ein Ende.
»Dann wollen wir das hier mal abkürzen. Ich will es Ihnen einfach machen, Herr Bajohr. Sie haben sicher alle Hände voll zu tun.« Er schob Grotewohl zur Seite. Jetzt klingelte sein Handy, doch auch er ignorierte den Signalton. »Morgen Vormittag um elf Uhr in unserem Büro.« Mit einer eleganten Bewegung zückte er eine Visitenkarte und reichte sie dem Leibwächter. »Zimmer viertausenddreihundertneun im vierten Stock. Und bitte seien Sie pünktlich!« Ohne eine Reaktion abzuwarten, drehte er sich um und ging hinüber zu seinem Mercedes.
Wie bestellt und nicht abgeholt stand Bajohr da und hielt die Visitenkarte in der Hand.
Grotewohl schlug ihm gönnerhaft auf die Schulter und sagte: »Ist eine Mordermittlung, da versteht er keinen Spaß. Zur Not verschieben Sie einfach ein paar Termine.« Sie zwinkerte dem Mann zu und wandte sich zu dem Sohn des Bankiers um, der die Szene grinsend verfolgt hatte. »Mit Ihnen möchte ich morgen am frühen Nachmittag reden, Herr Walkenhorst.«
»Wann genau?«, hakte der Junior nach. »Im Gegensatz zu meinem Vater habe ich wirklich Termine, die ich einhalten muss.«
»Passt Ihnen vierzehn Uhr?«
»Passt.«
»Na dann …«
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