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Madlen Schaffhauser
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Zu diesem Buch
Widmung
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21.
Danksagung
Über die Autorin
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Leseprobe Tödliches Verlangen
Impressum neobooks
Zu diesem Buch
Ich hätte den Fall abgeben sollen, als ich noch die Gelegenheit dazu hatte, aber der anziehende und mächtige Millionär Oliver Falk, Sohn meiner krebskranken Klientin, zieht mich sofort in seinen Bann. Das anfänglich leise Knistern zwischen uns lodert bald in einem heißen Feuer und wir vergessen uns in wilder Leidenschaft.
Dank ihm beginne ich wieder zu leben und wie mir scheint, verhält es sich bei Oliver gleich, bis es zu einem verhängnisvollen Treffen kommt. Bei jener Begegnung erfährt er, dass ich über seine schreckliche Vergangenheit, die er stets von mir fernhielt, schon längst Bescheid weiß.
Wird mein Verrat alles was wir haben zerstören? Unser gemeinsames Glück, unsere Zukunft, unsere Liebe?
Widmung
Für Celine und Dustin, die mein Leben bereichert haben und es auf Trab halten.
1.
Ich sitze in meinem Büro und lege die restlichen Blätter meines letzten Falles in die Akte. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht schliesse ich den Ordner und streiche mit den Händen über den Ordnerrücken, als ich ihn hoch hebe und ihn ins gegenüberliegende Regal stelle.
Nach wochenlanger und intensiver Suche konnte ich endlich zwei Geschwister wieder zueinander führen, die sich vor über dreissig Jahren aus den Augen verloren haben.
Es war keine einfache Aufgabe Erich ausfindig zu machen und aus diesem Grund bin ich um so stolzer auf mich, dass ich es geschafft habe Luisa, die mich engagiert hat, und ihren Bruder wieder zu vereinen.
Ich sehe die tränenreiche Begegnung noch ganz deutlich vor mir. Wie sie sich ungläubig in die Arme genommen haben und es nicht wahr haben wollten, dass dieses Zusammentreffen doch tatsächlich geschieht.
Dieses Gefühl, das ich gestern erfahren durfte, hat mich abermals in meinem Tun bestärkt und mir bewiesen, dass ich genau den richtigen Beruf ausübe und mir offen gezeigt, dass ich nicht aufgeben darf, auch wenn der Weg noch so schwierig und steinig zu sein scheint.
Ich setzte mich wieder hinter meinen Schreibtisch und starte meinen Laptop auf. Gerade als ich das Mailprogramm öffnen und die ungelesen E-Mails durchsehen möchte, klopft es an meiner Tür, woraufhin Tina, meine Schwester, die die rechte Hand in meinem Büro für Personensuche bildet, zaghaft ihren Kopf durch den Spalt steckt.
„Ich weiss du wolltest heute nicht mehr gestört werden, aber da draussen steht eine Frau, die mich angefleht hat, dich für wenige Minuten sprechen zu dürfen. Sie sieht so mitleiderregend aus, dass ich es einfach nicht über mich gebracht habe, sie wieder wegzuschicken.“
Ich habe gehofft, dass ich heute etwas administrative Arbeit erledigen kann, wie das beantworten von Mails, die schon lange auf eine Antwort warten oder den grossen Stapel Post durchzugehen, der auf meinem Schreibtisch liegt.
Einen Blick auf den Bildschirm meines Computers und wieder zurück zu meiner Schwester, wird mir die Entscheidung leicht gemacht.
„Biete ihr einen Kaffee oder sonst was an. Ich komme gleich nach.“
Tina lächelt mich kurz an, bevor sie die Tür hinter sich zuzieht und ich leise Stimmen von nebenan höre.
Ich lenke meine Aufmerksamkeit wieder meinem Laptop zu und gehe die obersten ungelesenen E-Mails durch, die ich in den letzten Tagen erhalten habe. Die meisten sind irgendwelche Werbungen, die ich sofort lösche ohne sie zu lesen.
Die Nächste, die ich öffne, erhält ein herzliches Dankesschreiben. Die Absenderin beteuert darin ein weiteres Mal, dass sie unendlich froh darüber sei, dass sie auf mich zugekommen ist und mich um meine Hilfe gebeten hat. Endlich kann sie wieder ihre Schwester in die Arme nehmen und mit ihr über verloren geglaubte Zeiten reden und lachen.
Bei dieser hinreissenden Nachricht kommen mir beinahe die Tränen, die mich an mein eigenes Schicksal erinnern.
Nach einigen Minuten erhebe ich mich aus meinem Bürostuhl und gehe in den vorderen Bereich der Geschäftsräume und wo sich der Empfangstresen befindet. Meine Schwester nickt mir zu und deutet Richtung Warteraum, der durch eine milchige Schiebetür von Tinas Arbeitsplatz abgetrennt ist.
„Sie ist schon ganz ungeduldig.“
„Wie ist ihr Name?“
„Das wollte sie mir nicht sagen. Ausserdem erscheint sie mir äusserst nervös zu sein. Aber sie wirkt sehr entschlossen.“
„Dann werde ich mal sehen, was ich für sie tun kann.“ Ich klopfe kurz auf den Tresen, ehe ich auf die undurchsichtige Tür zugehe. Noch bevor ich diese öffne, bringe ich kurz mein Äusseres in Ordnung und trete ein.
Sie sitzt auf einem der vier roten Stühle, die in einer Reihe an der Wand entlang stehen. In ihren Händen hält sie eine Frauenzeitschrift, ohne jedoch darin zu blättern. Ihr Blick ist starr auf die gegenüberliegende Wand gerichtet, an der ein Bild hängt, auf dem zwei Mädchen Hand in Hand durch ein Blumenbeet gehen, weg von den Betrachtern und in den Sonnenuntergang spazieren.
Kaum hat sie mich bemerkt, dreht sie ihr Gesicht zu mir und steht sofort auf. Das Magazin hält sie weiterhin fest umklammert in ihren Händen.
Ich strecke ihr die Hand hin und nenne meinen Namen.
„Ich weiss wer sie sind, Frau Rapone. Ich habe schon vieles über sie gelesen und hoffe, dass sie ihrem Ruf gerecht werden.“ Die Frau mit leicht ergrautem Haar sieht mich eindringlich an, als sie meine Hand ergreift.
„Und mit wem habe ich die Ehre?“ frage ich sie, als sie sich mir noch immer nicht vorgestellt hat.
„Kyssen. Emma Kyssen.“ Sie macht eine kurze Pause. Dabei kann ich deutlich sehen, wie sie nach Luft schnappt. „Es tut mir leid. Normalerweise bin ich nicht so abweisend. Aber ich bin ziemlich angespannt.“
„Machen Sie sich deswegen keine Sorgen. Gehen wir doch in mein Büro und unterhalten uns da weiter darüber, warum Sie mich aufgesucht haben.“
Sie folgt mir aus dem Warteraum heraus und als wir an Tina vorbeigehen, bitte ich meine Schwester uns eine kleine Erfrischung zu bringen.
Nachdem ich die Tür von meinem Arbeitsraum geschlossen und gewartet habe bis die Frau auf der anderen Seite von meinem Schreibtisch Platz genommen hat, beginne ich sie über ihr Anliegen auszufragen.
„Also Frau Kyssen, was hat sie zu mir gebracht? Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“
„Es geht um meinen Sohn.“ Sie verstummt einen Augenblick und senkt ihren Kopf, bevor sie zitternd weiterfährt. „Ich kann nicht glauben, dass ich tatsächlich hier sitze und sie engagieren möchte mir zu helfen, meinen Ian zu finden und ihn zu mir zurückzubringen. Wahrscheinlich bringt es sowieso nichts.“
„Warum denken Sie, dass es nichts bringt?“
„Das sagt mir mein Gefühl.“
„Seit wann haben Sie ihn nicht mehr gesehen?“ frage ich sie, ohne auf ihre Zweifel einzugehen.
„Über zwanzig Jahre. Genauer gesagt, heute in drei Wochen sind es einundzwanzig Jahre.“
Ich nehme einen Stift in die Hand und mache mir Notizen, bevor ich ihr weitere Fragen stelle. „Sie hatten demnach kein einziges Mal Kontakt zu ihm?“
„Nein, hatte ich nicht. Aber ich bereue jeden Tag aufs Neue, dass ich ihn weggegeben habe.“
„Warum haben Sie ihn weggegeben?“ Ich sehe ihr direkt in die Augen und warte gespannt auf ihre Antwort. Sie hält meinem Blick einige Sekunden stand, ehe sie abermals ihren Kopf senkt, nervös ihre Finger knetet und mit leiser Stimme auf meine Frage reagiert.
„Als mein Mann seine Arbeit verloren hat und leider auch nichts mehr fand, weil er sich im Alkohol verloren hat, war ich gezwungen Ian wegzugeben, da ich ihm ein besseres Leben wünschte. Obwohl es mich innerlich zerriss, wusste ich, dass es das Beste war, was ich machen konnte.“
„Was ist mit Ihrem Mann?“
„Er ist vor zehn Jahren gestorben.“
„Hat er auch darunter gelitten, dass Sie ihren Sohn weggegeben haben?“
„Nicht so sehr wie ich.“
„Ist Ian ein Einzelkind?“
„Ja. Wir wollten mehr Kinder, aber es war uns nicht vergönnt, noch ein weiteres zu bekommen. Im Nachhinein kann ich von Glück reden, dass ich kein zweites Mal schwanger wurde.“
Es klopft an der Tür, wodurch ich mir mit der nächsten Frage Zeit lasse, bis Tina unsere Getränke auf dem Tisch abgestellt und den Raum wieder verlassen hat.
„Wo haben Sie Ian hingegeben?“
„In eine Pflegefamilie.“ kommt die knappe Antwort. „Aber da blieb er nicht lange.“
„Warum?“
„Ich muss zugeben, dass Ian ein etwas schwieriges Kind war und anscheinend kam seine neue Familie nicht mit ihm zurecht.“
„Kam er zu einer anderen Familie?“
„Nein.“
Ich erkenne Ihren Kampf. Der Selbstzweifel, der sie zu zerbrechen droht, ist deutlich in ihre Augen geschrieben. Ich bleibe ruhig sitzen und gebe ihr die nötige Zeit, um sich wieder sammeln zu können.
In den fünf Jahren seit ich meinen Personensuchdienst anbiete, habe ich schon ziemlich früh gelernt, wann ich schweigen und abwarten soll. Und genau jetzt ist so ein Moment, in dem es ratsam ist die Kundin nicht zu drängen.
Nach einem kurzen Augenblick hat sie sich wieder gefangen. „Nach der Pflegefamilie kam Ian in das Kinderheim Alt St. Johann.“
„Wann war das?“
„Kurz vor Weihnachten.“
„Im selben Jahr, als Sie ihn weggegeben haben?“ frage ich sie etwas verdutzt, ohne jedoch meine Verwunderung anmerken zu lassen.
„Ja.“
„Haben Sie ihn besucht?“
„Ich habe es versucht. Aber er hatte sich geweigert, mich zu sehen.“
„Ich nehme an, das war nicht seine letzte Station?“
„Nein, das war es nicht.“
„Wie lange war er dort?“
„Ich habe keine Ahnung. Kurz nachdem Ian ins Kinderheim kam, hat er jeglichen Kontakt zu uns abgebrochen. Er hat alles unternommen, um mich und meinen Mann aus seinem Leben streichen zu können.“
„Können Sie ihm das verübeln?“
„Nicht wirklich. Und trotzdem schmerzt es zutiefst.“
Ich reiche ihr ein Taschentuch, was sie dankbar entgegen nimmt. Sie wischt über ihre tränenfeuchten Augen und zerknüllt es anschliessend in der Hand.
„Demnach wissen Sie auch nicht, in welches Heim er danach kam?“
„Hier endet leider mein Wissen darüber, wie es meinem Sohn geht oder wo er lebt. Deshalb habe ich auch Sie aufgesucht.“
Nachdem mir Frau Kyssen noch einiges über sich und ihre Familie erzählt hat, während ich mir jedes nützliche Detail aufgeschrieben und ich eine neue Kundin erhalten habe, nähern wir uns dem Ende unserer Besprechung.
„Aus welchem Grund haben Sie mich ausgewählt? Schliesslich haben Sie einen längeren Weg auf sich genommen, um mich aufzusuchen. Es gibt bestimmt noch andere Personensuchbüros, die näher bei Ihrem Wohnort liegen.“
„Ich weiss, dass Sie Ihre Arbeit hervorragend machen und ich vertraue Ihnen.“
Auch wenn ich sie für aufrichtig halte, werde ich das Gefühl nicht los, dass sie mir etwas Wesentliches verschweigt.
„Eine Frage hätte ich allerdings noch.“ wende ich mich an meine Auftraggeberin, als sie bereits die Tür erreicht hat und nach dem Griff tastet. „Was hat Sie dazu veranlasst, nach so vielen Jahren nach ihrem Sohn zu suchen? Warum haben Sie solange gewartet?“
„Ich habe mir immer eingeredet, dass es Ians Wunsch sei, mich nie mehr zu sehen. Diesen Wunsch wollte ich ihm erfüllen. Wenigstens einen.“
„Und warum suchen Sie trotzdem nach ihm?“
Die ältere Frau atmet einmal tief ein, bevor sie sich wieder ganz zu mir dreht. „Mir war klar, dass Sie das fragen werden und doch fällt es mir schwer darüber zu sprechen.“
„Wenn Sie wollen, dass ich meine Arbeit gut mache, müssen Sie offen und ehrlich zu mir sein.“
„Ich habe eine unheilbare Krankheit.“ platzt es aus ihr heraus.
„Verraten Sie mir welche?“
„Ich habe Krebs. Leider wurde er viel zu spät entdeckt, so dass die Ärzte im Grunde genommen nichts mehr für mich tun können. Sie wollten mich zu einer Chemotherapie überreden. Ich würde zwar noch etwas länger leben, aber was bringt mir das, da ich schlussendlich doch keine Chance mehr gegen meine Krankheit habe? Ich möchte die mir noch verbleibende Zeit geniessen und nicht ständig von einem Arzttermin zum anderen springen. Wenn ich nur schon daran denke, was diese Therapie mit dem Körper anstellt, wird mir ganz unbehaglich.“ Sie sieht mich über den Schreibtisch hinweg an. „Nein. Der Krebs hat mich besiegt. Das habe ich akzeptiert. Aber mein grösster Wunsch ist, dass ich noch einmal meinen Sohn sehen kann und er mir verzeiht, was ich ihm angetan habe.“
„Es tut mir leid.“
Frau Kyssen zuckt kurz mit den Schultern, bevor sie entgegnet. „Wahrscheinlich habe ich es nicht anders verdient.“
„Ich melde mich bei Ihnen, wenn ich etwas herausgefunden habe.“
„Danke.“
Ich begleite Sie aus dem Büro und sehe ihr nach, wie sie mit einem aufrechten Gang auf dem Bürgersteig die Strasse entlang geht, zu ihrem Auto das sie nur wenige Meter entfernt geparkt hat. Obwohl sie mehrere Schicksale ertragen musste und weitere einstecken muss, lässt sie sich nicht unterkriegen, wie mir in diesem Moment bewusst wird.
„Hast du einen neuen Auftrag?“ ertönt Tinas Stimme und reisst mich aus meinen Überlegungen.
„Sie sucht Ihren Sohn.“
„Das müsste kein Problem für dich sein, oder?“ meine Schwester lächelt mich zuversichtlich an.
„Das wird sich herausstellen.“
„Ach ja, bevor ich es vergesse. Herr Kampmann hat vorhin angerufen. Er hat deine Nachricht erhalten und einem Treffen mit seiner Nichte zugesagt.“
„Das sind ja gute Neuigkeiten.“ Ich kann meine Freude kaum verbergen und sehe meine Schwester mit einem strahlenden Lächeln an.
„Soll ich mich um einen Treffpunkt für die beiden kümmern?“
„Ja, gerne.“
2.
Vor bereits zwei Wochen kam Frau Kyssen in mein Büro, um sich meine Dienste zu sichern. Nur leider bin ich mit meinen Nachforschungen nicht weit gekommen. Weder Tina noch ich haben eine Spur von diesem Ian Kyssen verfolgen können.
Nachdem er in drei verschiedenen Erziehungsanstalten war, die in der ganzen Ostschweiz verstreut sind, in ein weiteres Kinderheim im Kanton Luzern kam, in dem er anscheinend mit fünfzehn aufgenommen wurde, verlieren wir seinen Weg. Und obwohl mir sein letzter Aufenthaltsort bekannt ist, kennt niemand von den Angestellten im Kinderheim Schorenstein einen Ian Kyssen. Auch auf den Listen der eingetragenen Kinder wurde kein solcher Name gefunden.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass Ian nicht gefunden werden möchte und eine falsche Fährte gelegt hat, um solche wie mich, die nach ihm suchen, zu verwirren. Entweder wurde absichtlich ein falsches Heim angegeben oder aber er hat seinen Namen geändert. Aber an dem Tag, an dem Ian im Schorenstein hätte aufgenommen werden sollen, kam kein einziger Neuling in das besagte Kinderheim.
Weder das Suchen auf Facebook oder Twitter, als auch alles googeln, half uns nicht weiter. Erneut gehe ich alle Informationen durch, die ich über diesen Jungen, der bald seinen dreissigsten Geburtstag feiert, gesammelt habe ohne etwas Neues zu entdecken.
Ich stemme den Kopf in meine Hände und überlege angestrengt, was ich weiter unternehmen könnte, um den Sohn von Emma Kyssen aufzuspüren. Bin ich vielleicht an dem Punkt angelangt, wo ich die Suche beenden sollte? Ian möchte nicht gefunden werden, daran zweifle ich nicht mehr. Aber wenn ich an den Gesichtsausdruck und an die verzweifelten Augen seiner Mutter denke, kann ich nicht einfach aufgeben und alles in den Aktenordner legen, ohne doch noch alles in meiner Macht stehende unternommen zu haben, um meiner Kundin zu helfen.
Ein Klopfen unterbricht meine verzweifelten Gedanken. Ich hebe den Kopf und erkenne Tina in der Tür, die ein gewinnendes Lächeln auf dem Gesicht trägt.
„Du hast einen Gast.“ verkündet sie mir fröhlich. „Hast du Zeit?“
„Wer ist es denn?“ Hoffentlich nicht Frau Kyssen, füge ich im Stillen hinzu.
„Herr Kampmann möchte dich sehen.“
„Ich komme gleich.“
Nachdem meine Schwester das Büro verlassen hat, erhebe ich mich aus meinem Stuhl, streife meinen Rock glatt und werfe einen Blick in den Handspiegel, den ich aus der obersten Schublade genommen habe und fahre mit meinen Fingern kurz durch die Haare, die während meinem quälendem Grübeln etwas durcheinander geraten sind.
Schon wenige Sekunden später stehe ich vor meinem ehemaligen Kunden und strecke ihm meine Hand entgegen.
„Guten Tag Herr Kampmann. Schön Sie zu sehen.“
„Die Freude ist ganz meinerseits.“
„Wollen wir in mein Büro gehen?“
„Gerne.“
Wir gehen nebeneinander in mein Arbeitszimmer.
„Nehmen Sie bitte Platz.“ und deute auf den runden Holztisch, der in der linken Ecke meines Büros steht. „Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Einen Kaffee, Wasser, Orangensaft?“
„Kaffee klingt gut.“
Ich mache einen Schritt in den Flur heraus und bitte Tina um zwei Kaffees. Danach setze ich mich Herr Kampmann gegenüber hin und noch bevor ich ihn fragen kann, was seinen Besuch zu bedeuten hat, kommt er mir zuvor.
„Ich möchte mich persönlich recht herzlich bei Ihnen bedanken, dass Sie mir geholfen haben, meine Nichte zu finden und dass Sie sie dazu gebracht haben, mich zu treffen. Susi und ich sind nachher zum Mittagessen verabredet. Das wird bereits unser drittes Beisammensein.“ Die Augen des etwas älteren Mannes leuchten vor Glückseligkeit auf, als er von seiner Nichte spricht und mir von seinen ersten beiden Treffen berichtet.
„Es freut mich, dass Sie zueinander gefunden haben.“
„Das verdanke ich nur Ihnen.“
„Es gibt nichts schöneres, als jemandem wie Ihnen helfen zu können.“
„Dann möchte ich Sie mal nicht länger aufhalten. Sie haben doch bestimmt allerhand zu tun.“
Wir erheben uns aus den Stühlen und gehe zur Tür. Noch im selben Moment, als ich ihm die Hand zum Abschied entgegenstrecke, kommt mir eine Idee.
„Da fällt mir gerade etwas ein, Herr Kampmann. Sie waren doch Institutionsleiter in einem Kinderheim?“
„Ja, das war ich. Aber das ist mittlerweile schon einige Jahre her.“
„Welches Heim war es schon wieder?“
„Im Finkenheim.“
„Das war im Kanton Luzern, nicht wahr?“
„Ja, warum fragen Sie mich das?“ verwirrt blickt er mich an.
„Na ja. Ich bin gerade an einem Fall, bei dem sich alle Spuren im Sand verlieren.“
„Dann möchte diese Person nicht gefunden werden und Sie sollten es dabei belassen.“
„Da haben Sie ganz bestimmt recht. Aber wenn Sie seine Mutter gesehen hätten, würden selbst Sie versuchen ihn zu finden. Denken Sie doch nur mal über Ihre eigene Geschichte nach?“
Einen kurzen Augenblick herrscht absolute Stille. Und als er beginnt zu sprechen, weiss ich, dass er einen Entschluss gefasst hat.
„Was möchten Sie wissen?“
„Setzten wir uns doch wieder hin.“ Ich weise auf die Stühle neben uns. „Möchten Sie noch einen Kaffee oder etwas anderes?“
„Wasser ist gut.“
Nachdem ich zwei Gläser mit durchsichtiger Flüssigkeit gefüllt habe, hole ich meinen Notizblock und nehme auf meinem Stuhl Platz. „Hatten Sie Kontakt zu anderen Kinderheimen?“
„Ja. Der fast tägliche Austausch war unvermeidlich. Schwebt Ihnen ein bestimmtes vor?“
Ich erzähle dem ehemaligen Institutionsleiter von der Suche nach Ian Kyssen. Aber ich verrate ihm nur so viel, wie er auch wirklich wissen muss, um mir helfen zu können. Der gesundheitliche Zustand meiner Kundin erwähne ich mit keinem Wort.
„Ian Kyssen. Ian Kyssen“ wiederholt Kampmann nachdenklich, als ich mit meine Schilderung beende.
„Sagt Ihnen der Name etwas?“ Voller Hoffnung blicke ich ihn über den Tisch hinweg an.
Er sagt lange Zeit nichts, sondern sieht mich nur an. Ich habe keine Ahnung, wie ich sein Verhalten deuten soll, aber mein Gefühl sagt mir ganz deutlich, dass er irgendwas weiss, was mir weiterhelfen kann.
„Hmm, wo soll ich beginnen?“ Er tippt mit seinem Zeigefinger auf seinen Mund. „Als Institutionsleiter hat man eine gewisse Schweigepflicht, auch nachdem man schon lange pensioniert ist.“ Wieder verharrt er stillschweigend und aufrecht sitzend auf seinem Stuhl, um mich mit seinen gläsernen, alternden Augen zu mustern.
Ich rühre mich nicht von der Stelle, obwohl ich kaum erwarten kann, was er mir zu sagen hat. Nun gibt es keinen Zweifel mehr, dass er etwas weiss, was mich weiterbringen wird.
Mit einem Räuspern fährt er weiter. „Ich bin mir im Klaren darüber, wie gewissenhaft Sie Ihre Arbeit machen und ich weiss, dass Sie Informationen, die Sie erfahren, nur für Ihre Suche nach Personen benützen und nicht um jemanden damit zu schaden.“
„Da können Sie sich hundertprozentig sicher sein.“
Er holt abermals tief Luft. „Ich kann mich noch glasklar an Ian Kyssen erinnern, als wäre es erst gestern gewesen.“
Ich kann mein Glück kaum glauben und starre mein Gegenüber mit grossen Augen an, als er weitererzählt.
„Er war damals kaum dreizehn Jahre alt, als er zu uns stiess. Ich muss gestehen, dass Ian kein einfacher Knabe war. Er versuchte alle durch seine Unverfrorenheit zum Narren zu halten, was er auch bei vielen schaffte. Aber jemand glaubte vom ersten Tag, als er durch unser Tor schritt, an ihn und gab nie auf, ihn auf den rechten Weg zu bringen.“
„Waren Sie das?“
„Nein. Denn ich hatte mit den Kindern im Allgemeinen nicht viel zu tun. Es war einer seiner Lehrer. Er galt als streng und unnachgiebiger Pädagoge. Unter seiner Oberfläche verbarg sich jedoch eine einfühlsame Seele, die es schaffte, die hohe Mauer, die Ian zum Selbstschutz errichtet hatte, zu durchbrechen. Viele haben sich in Ian getäuscht. Wenn ich ehrlich bin, auch ich.“
„Warum wurde bei den Behörden ein falsches Kinderheim angegeben?“
„Weil er nicht gefunden werden möchte.“
„Meinen Sie ich mache das Richtige, wenn ich ihn trotzdem aufsuchen werde?“
„Obwohl er nie über seine Eltern gesprochen hat, kann ich mir beileibe nicht vorstellen, dass er sie wirklich nie mehr sehen möchte.“
„Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihre Hilfe, Herr Kampmann.“
„Da wäre noch was, das Sie vielleicht wissen sollten.“
„Ja?“
„Ian Kyssen lebt nicht mehr.“
Erschüttert sehe ich von meinen Notizen auf, die ich in aller Eile mitgeschrieben habe. „Wann? Warum? Was ist passiert?“ Die Fragen rutschen mir nur so aus dem Mund.
„Er ist nicht wirklich gestorben, aber Ian Kyssen existiert nicht mehr, denn er hat in seinem dreizehnten Lebensjahr seinen Namen geändert. Er heisst nun Oliver Falk.“
Meine Bestürzung, über die Wendung meines neusten Falles, hat sich noch immer nicht gelegt, als ich unterwegs in die Zentralschweiz bin. Mit einem mulmigen Gefühl fahre ich über die Autobahn und komme immer näher an mein Ziel.
Wie soll ich dem momentan begehrtesten Fussballer der Welt erklären, dass mich seine Mutter beauftragt hat ihn zu finden, weil sie sich bei ihm entschuldigen möchte? Ich habe keinen Plan, wie ich ihn dazu bringen kann, dass er mich anhört und das entmutigt mich immer mehr, mit jedem Kilometer den ich fahre.
Bis zum heutigen Tag hatte ich keinen so komplizierten Fall, wie es dieser werden wird. Auch hatte ich bis jetzt mit keiner Berühmtheit zu tun. Aber diese Angelegenheit sprengt deutlich den Rahmen. Nur ein kurzes Gespräch mit einer Mutter, die verzweifelt versucht ein letztes Mal ihren Sohn zu sehen, bevor der Krebs sie von dieser Erde holt, hat dies alles ausgelöst.
Langsam lenke ich mein Auto auf den Besucherparkplatz der Fussballarena von Weggis, die Thermoplan-Arena. Es ist bereits nach fünf Uhr, als ich aus dem Auto steige und auf das grosse Fussballstadion zugehe.
Wie ich gleich feststellen werde, bin ich gerade zur rechten Zeit gekommen, um den Fussballern beim Spielen zuzusehen.
Kaum bin ich auf der Zuschauertribüne, entdecke ich den gut aussehenden, muskulösen Oliver Falk, wie er über den Rasen sprintet und den Ball mühelos an sich reisst.
Er sieht in Wirklichkeit noch viel besser aus, als auf den Bildschirmen oder in den Zeitungen, in denen er ständig zu sehen oder abgebildet ist.
Oliver Falk strahlt eine Kraft von Entschlossenheit aus, die niemand daran zweifeln lässt, dass er sein Ziel erreichen wird, das er sich gesetzt hat.
Mit einer für mich aussergewöhnlichen Faszination verfolge ich das Trainingsspiel und lasse den Mann, den ich bereits seit bald drei Wochen suche, nicht mehr aus den Augen.
Als der Trainer das Spiel mit dem Schlusspfiff beendet, gehe ich so locker wie möglich bis zur Abschrankung, die die Tribüne vom Spielfeld trennt.
Alle ausser Oliver, der noch ein paar Runden joggt, gehen in Richtung Umkleidekabinen, um sich unter die Duschen zu stellen. Die Reporter rufen ihnen zu, woraufhin der eine oder andere stehen bleibt und ein kurzes Interview gibt.
Ich schenke den Fragen der Journalisten kein Gehör, sondern konzentriere mich voll und ganz auf meine Zielperson. Fasziniert sehe ich ihm zu, wie er mit einer Leichtigkeit über den Rasen rennt, als würde er schweben. Nur der Schweiss, der ihm über den Rücken läuft und sein rot, weisses Trikot nass werden lässt, verrät dass die sportliche Aktivität nicht ohne Mühe an ihm vorbeigeht. Geduldig warte ich, bis Oliver Falk in meine Nähe kommt und gerade als er in den Katakomben, die zu den Umkleidekabinen führen, verschwinden möchte, rufe ich laut und mit starker Stimme seinen Namen. Dabei winke ich ihm mit heftigen Bewegungen zu, damit er mich bemerkt. Nach dem dritten Mal dreht er sich endlich zu mir. Er sieht mich argwöhnisch an und geht ungerührt weiter.
Ich versuche die Reporter und Fotografen, die um mich stehen, zu ignorieren und all die anderen Menschen, die sich hier befinden, auszublenden.
„Oliver Falk!“ rufe ich abermals lauthals. „Könnte ich kurz mit Ihnen sprechen? Bitte!“
Doch er macht keine Anstalten, mir zuhören zu wollen und weg ist er. Deprimiert nehme ich auf dem nächsten freien Stuhl Platz. Mein Blick schweift über das Spielfeld, wobei ich angestrengt überlege, wie ich den weltberühmten Fussballspieler dazu bringen kann, dass er mir einige Minuten seiner Zeit schenkt.
Plötzlich erscheint ein Schatten neben mir und eine tiefe Stimme spricht mich anklagend an. „Sie sind keine Reporterin und auch keine Fotografin.“ Das ist keine Frage, sondern eine Feststellung. „Sind Sie ein Fan von Oliver?“
Erschrocken sehe ich auf und sehe einen Mann neben mir stehen, den ich vorhin auf der Seite des Spielfeldes schon gesehen habe. Irgendwie kommt er mir bekannt vor, nur kann ich ihn momentan nicht zuordnen. Auch wenn ich mich noch so sehr bemühe, die hinterste Ecke meines Gehirns zu durchkämmen, fällt mir nicht ein, mit wem ich es hier zu tun habe.
„Darf ich fragen, wer Sie sind?“
„Ich bin sein Manager. Und Sie?.“
Jens Gudet. Mit einem Mal fällt mir der Groschen, woher ich diesen Mann kenne. Er weicht kaum von Olivers Seite und verteidigt den Fussballer, wo er nur kann.
„Ich habe etwas Privates mit ihm zu besprechen.“ sage ich schlicht.
„Und das wäre?“
„Darüber kann ich nur mit Herr Falk sprechen. Können Sie ihm bitte mitteilen, dass ich auf ihn warte? Es ist wirklich sehr wichtig.“
„Es tut mir leid, aber ich kann Sie nicht zu ihm lassen.“
So komme ich nicht weiter. Ich fingere in meiner Handtasche herum und nehme eine von meinen Visitenkarten hervor. „Könnten Sie ihm wenigstens diese hier geben?“ und strecke ihm die Karte hin.
„Personensuchdienst, Verena Rapone.“ liest Olivers Manager leise vor, so dass es niemand hören kann und verengt dabei seine Augen. „Was soll das bedeuten?“
„Ich kann Ihnen leider nicht mehr verraten. Geben Sie ihm die Karte? Er soll mich anrufen. Es ist wichtig.“ beteuere ich ein zweites Mal. „Ich werde noch bis Morgen Mittag im Hotel Seesicht sein.“
„Ich werde es ihm ausrichten. Aber ich kann Ihnen nichts versprechen.“
„Danke.“
Der hochgewachsene Mann, Mitte vierzig, nickt mir kurz zu und geht ebenfalls auf den Tunnel zu, in dem Oliver zuvor verschwand.
Enttäuscht erhebe ich mich und verlasse die Hotelbar. Es ist bereits nach zehn Uhr und dunkel draussen, als ich mich entschliesse auf mein Zimmer zu gehen und mir einräumen muss, dass er nicht daran interessiert ist, zu wissen, was ich ihm zu sagen habe und dass er nicht kommen wird.
In meinem Zimmer mache ich es mir auf meinem Doppelbett bequem und nehme die Unterlagen, die ich über Oliver Falk gesammelt habe, zur Hand, um sie zum wiederholten Mal durchzulesen, obwohl ich alle Details auswendig weiss.
Viel mehr, als mich auf meine Akte zu konzentrieren, überlege ich mir, wie ich ihn dazu bringen kann, mich anzuhören. Es muss doch irgendeinen Weg geben, um ihn genug neugierig zu machen, so dass er Kontakt zu mir aufnimmt?
Nach langem grübeln, nehme ich ein Stück Papier in die Hand und kritzle ein paar Stichworte darauf. Nur so viel, dass er erahnen kann, über was ich mit ihm reden möchte, aber dass es für einen Aussenstehenden keinen Sinn ergibt.
Bis morgen Mittag werde ich in der Hotellobby auf ihn warten. Falls er bis zu jenem Zeitpunkt nicht erscheint, werde ich noch einen einzigen Versuch starten, um ihn zu einem Gespräch zu bewegen. Andernfalls muss ich mich geschlagen geben.
Jetzt werde ich mich erst einmal unter die Dusche begeben und danach ein paar Stunden Schlaf gönnen.
Ich sitze nun schon seit über zwei Stunden in der Lobby und warte wahrscheinlich vergeblich auf den gut aussehenden, schwarzhaarigen Fussballer, den ich ständig vor meinen Augen sehe, wie er über das Spielfeld sprintet. Er ist wirklich unverschämt attraktiv, was mich etwas aus der Bahn zu werfen droht.
Ich höre wie die Schiebetür des Hoteleingangs aufgeht und drehe automatisch meinen Kopf dahin, um im nächsten Augenblick deprimiert den Blick abzuwenden und lustlos in der Zeitschrift, die ich in meinen Händen halte, weiterzublättern.
Obwohl ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben habe, dass er noch erscheinen wird, ist mir schon seit dem frühen Morgengrauen bewusst, dass er meiner Bitte nicht nachkommen wird.
Ich entscheide mich noch eine halbe Stunde zu bleiben, danach werde ich im Restaurant nebenan eine Kleinigkeit zu mir nehmen. Wenn er sich bis dann nicht zeigt, werde ich nach ihm suchen gehen.
Jedes Mal, wenn die Tür aufgeht, drehe ich mich zu ihr um, aber nicht der Mann, den ich gerne sehen würde, tritt ein.
Die halbe Stunde und mein Essen sind vorüber. Ich packe meine Sachen und verlasse das Hotel, in dem ich übernachtet habe, um mit einer grossen Entschlossenheit abermals zur Fussballarena zu fahren. Nur habe ich nicht damit gerechnet, niemanden hier anzutreffen.
Wieder steige ich in mein Auto und suche die Adresse von ihm heraus, gebe sie ins Navigationsgerät ein und mache mich auf den Weg.
Mein TomTom führt mich über die Hauptstrasse in eine der nächsten Nachbargemeinden. Nach etlichem abbiegen, halte ich vor einem eisernen Tor, das ein riesiges Anwesen dahinter erahnen lässt. Ich steige aus und trete an die Einfahrt, um einen Blick auf sein zu Hause zu erhaschen. In dem Moment, in dem ich meine Hand um die Eisenstäbe lege, kommt ein stämmiger Mann auf mich zu und brüllt mich mit kräftiger, angsteinflössender Stimme an.
„Was tun Sie hier? Verschwinden Sie auf der Stelle!“ und kommt näher.
„Entschuldigen Sie. Ich wollte nicht unhöflich sein. Ist er da? Ich muss unbedingt mit Herr Falk sprechen. Es ist äusserst wichtig.“
„Er möchte niemanden sehen. Und für Stalkerinnen hat er sowieso keine Zeit.“
„Ich bin keine Stalkerin. Hier.“ Ich strecke ihm eine Visitenkarte hin.
„Das hat überhaupt nichts zu bedeuten. So eine Karte kann jedermann machen.“ Der Bodyguard gibt die Karte durch die Eisenstäbe zurück und betrachtet mich mit einer grimmigen Miene. „Wenn Sie nicht in einer Minute verschwunden sind, werde ich die Polizei rufen.“
Mir wird schnell klar, dass es keinen Sinn macht, mit diesem Mann weiter zu diskutieren. „Okay, Sie haben gewonnen. Aber bevor ich gehe, geben Sie ihm bitte diesen Umschlag. Ich nehme den Briefumschlag heraus, den ich letzte Nacht vorbereitet habe und reiche es ihm.
Der Leibwächter auf der anderen Seite des Tors nimmt es widerwillig an sich. „Und jetzt machen Sie, dass Sie wegkommen.“
„Versprechen Sie mir, dass Sie es ihm geben.“
„Werde ich.“
3.
Ich öffne das Fenster, um die stickige Luft aus meinem Büro herauszubekommen. Wo ich kurz stehen bleibe und die herrlichen Sonnenstrahlen betrachte , die sich durch die Wolken kämpfen. Nach einem verregneten Wochenende sollte es heute, laut Wetterprognose, einen äusserst heissen und sonnigen Tag werden.
Es sind nun bereits vier Tage vergangen, seit ich in Weggis und vor Oliver Falks Anwesen war. Ich habe gehofft, dass er sich bei mir meldet, sobald er meine Nachricht erhalten hat. Nun denke ich, ist es an der Zeit den Fall zu den Akten zu legen. Ich sollte mich bei seiner Mutter melden, um ihr mitzuteilen, dass ich alles versucht habe, um ihn zu einem Treffen zu überreden. Dabei ist es mir nicht einmal gelungen, mit ihm zu sprechen. Es wird mir schwer fallen, ihr in die Augen zu sehen, während ich ihr meinen Misserfolg eingestehen muss.
Ein plötzlicher Luftzug lässt mich zur Tür drehen. Meine Schwester steht im Türrahmen.
„Hast du Zeit?“
„Sehe ich so aus, als wäre ich beschäftigt?“ gebe ich etwas zu barsch zurück.
„Du brauchst mich nicht anzufunkeln.“ erwidert sie leise.
„Entschuldigung. Das wollte ich nicht. Ich war nur gerade zu sehr in Gedanken versunken.“
„Ich weiss etwas, was dich gleich aufheitern wird.“ Tina lächelt mich an und ihre Augen nehmen einen bestimmten Glanz der Erregung an.
„Wie soll ich das verstehen?“
„Ich habe einen ganz ungewöhnlichen Gast hier draussen.“ Sie dreht sich um und verlässt mein Büro. Ich folge ihr in den Flur hinaus und bleibe abrupt stehen, als ich unseren Besucher erkenne. Ein paar Schritte von ihm entfernt steht sein Leibwächter, den ich bereits einmal gesehen habe.
„Herr Falk.“ Ich strecke ihm meine Hand hin. „Es ist mir eine äusserst grosse Freude, Sie hier begrüssen zu dürfen.“ Ich kann mein Glück kaum fassen, dass er doch noch erschienen ist, was jedoch gleich wieder getrübt wird, als er nicht auf meine Begrüssung eingeht.
„Lassen sie uns in Ihr Büro gehen.“ Sein Tonfall verrät nichts Gutes. Er klingt verärgert und aufgeregt zugleich.
„Möchten Sie etwas zu trinken?“
„Nein. Unser Gespräch wird nicht lange dauern.“
„Dann folgen Sie mir doch bitte.“ Ich gehe ihm voran in mein Arbeitszimmer, bewusst dass er seine Augen tief in meinen Rücken bohrt.
„Nehmen Sie doch Platz.“ Ich schliesse die Tür hinter uns und deute ihm auf einen Stuhl, in dem vor wenigen Wochen bereits seine Mutter gesessen ist.
„Was soll dieser verdammte Mist.“ Er schleudert den Umschlag, den ich ihm über seinen Bodyguard zukommen liess, über den Tisch und funkelt mich mit einem finsteren Blick an.
Mit grosser Genugtuung entdecke ich, dass das Kuvert geöffnet wurde. Er muss die Nachricht gelesen haben und wird wissen, dass ich herausgefunden habe, wie sein richtiger Geburtsname lautet. Dass seine Eltern ihn mit acht Jahren weggegeben haben und an welchen Orten er seine Kindheit verbracht hat.
„Ich habe nicht die Absicht, Ihnen irgendwie zu schaden, wenn es das ist, was Sie von mir annehmen. Auf keinen Fall.“
„Warum spionieren Sie mir nach? Was wollen Sie? Und wie zum Teufel sind Sie an diese Informationen gelangt?“ Er versucht gar nicht zu leugnen, der zu sein, der er in Wirklichkeit ist, was mich in der Tat überrascht.
Ich lasse meinen Sarkasmus lieber in der Tasche stecken und schenke ihm besser sofort reinen Wein ein. „Ihre Mutter hat mich damit beauftragt.“
„Was?“ Er zieht seine Augen zu gefährlichen Schlitzen zusammen.
„Emma Kyssen. Sie hat mich geben, Sie zu suchen.“
„Ich habe keine Mutter.“
„Ich kann verstehen, wenn Sie so reagieren. Ich glaube, ich würde es nicht anders machen. Aber...“ Sein scharfer Ton lässt mich abrupt verstummen.
„Sie wissen überhaupt nichts. Meine Eltern sind für mich gestorben, als ich acht war.“
„Ihre Mutter denkt jeden Tag an Sie.“
„Lassen Sie mich bloss mit Ihren Heucheleien zufrieden. Sie hat mich einfach weggeben. Wie einen Hund den man fortschickt, wenn man ihn nicht mehr um sich haben möchte.“
„Jetzt tun Sie sich und ihren Eltern Unrecht.“
„Sie haben keine Ahnung, wie es war. Ich möchte nichts mehr von Ihnen hören, geschweige denn Sie sehen. Ich hoffe, Sie haben mich verstanden.“ Sein Gesicht verzerrt sich vor Wut und Hass.
Ich sollte ihn jetzt gehen lassen, trotzdem stichle ich weiter. „Haben Sie eigens den langen Weg gemacht, um mir das mitzuteilen oder gibt es noch einen anderen Grund, warum Sie hier sind?“
„Ich wollte wissen, wer Sie sind und was genau Sie von mir wollen.“ Er mustert mich mit einem kalten Blick. „Warum machen Sie das?“ und deutet mit einer Handbewegung durch den Raum.
„Ich möchte Familien, Freunden, Bekannten helfen wieder zueinander zu finden, bei denen die Wege auseinander gingen.“
„Haben Sie selbst so etwas erlebt?“
„Das ist Privat.“
„Genau das ist meine Familienangelegenheit auch.“ Er sieht mich triumphierend an.
„Wollen Sie nicht wissen, warum Ihre Mutter Sie nach so vielen Jahren sucht?“ Ich versuche etwas in ihm wachzurütteln, aber er sieht mich weiterhin vollkommen gleichgültig an.
„Was hat Sie Ihnen vorgegaukelt?“
„Sie leidet an Krebs. Ihr bleibt nicht mehr viel Zeit.“
Für eine Sekunde glaube ich so etwas wie Entsetzten in seinen Augen zu sehen, ehe er unbeeindruckt antwortet. „Vielleicht geschieht ihr das ganz recht.“
„Das ist grausam.“
„Kann schon sein. Sie hat ja noch ihren Tom, der sie in seine starken Arme nehmen kann.“
Ich sehe ihn verständnislos an. „Tom?“
„Haben Sie Ihre Hausaufgaben nicht gemacht?“
„Doch. Aber Ihr Vater ist bereits vor zehn Jahren gestorben.“
Sein Mund bleibt offen stehen, nachdem er etwas darauf erwidern wollte, aber kein Laut brachte er heraus. Jeder Muskel scheint angespannt zu sein, während er sich langsam aus seinem Stuhl erhebt. „Wir hätten dann alles besprochen.“
„Sie bleiben dabei? Sie wollen Ihre Mutter nicht sehen?“
„Nein, will ich nicht.“
„Dann tut es mir leid, dass ich Sie belästigt habe.“
Ich begleite ihn nach draussen, wo sein Bodyguard geduldig auf ihn wartet. Sie nicken sich stumm zu, woraufhin der Mann mit einem Headset im Ohr und einem Drei-Millimeter-Haarschnitt auf seinem Kopf, vorangeht, auf den Offroader zu, der vor unserer Bürotür steht, um seinem Chef die Wagentür zu öffnen. Oliver Falk steigt ein, ohne nochmals zurückzublicken. Anscheinend ist für ihn die Angelegenheit hiermit beendet.
Kopfschüttelnd sehe ich dem grossen, schwarzen Auto, mit einem Schwyzer Kennzeichen, nach. Wie soll ich nur seiner Mutter beibringen, dass ihr Sohn sie nicht sehen möchte? Dass ich ihn nicht umstimmen konnte, sich mit ihr zu Treffen?
„Was war denn das?“ zerrt mich meine Schwester aus meinen bedrückten Gedanken, die sich soeben in mein Gehirn geschlichen haben.
„Frag mich etwas Leichteres.
„Er sah nicht gerade erfreut aus.“
„Ganz und gar nicht. Er will seine Mutter nicht sehen.“
„Aber ein Highlight war es trotzdem oder?“
„Wie?“ Ich sehe Tina mit grossen, verständnislosen Augen an.
„So jemand Berühmtes wie Oliver Falk hatten wir bis heute noch nie in unserem Büro.“ Auch wenn der Fall Kyssen / Falk sich nicht so ereignet, wie wir es uns gewünscht haben, strahlt mich meine Schwester über die Theke hinweg an.
Nachdem ich Tina die Einzelheiten von meinem Gespräch mit Oliver Falk erzählt habe, war sie genauso erschüttert, wie ich. Der einzige Unterschied besteht darin, dass ich die Aufgabe habe, die schlechte Nachricht seiner Mutter, mit der ich in fünfzehn Minuten verabredet bin, mitzuteilen.
Es ist beinahe einen Monat her, seit sie mich das erste Mal aufgesucht hat. Jetzt, vier Wochen später habe ich ihr nichts weiter zu sagen, als dass ihr Sohn sie nicht sehen möchte. Dass er kein Interesse daran hat, sich mit ihr zu versöhnen.
Mir wird ganz eng ums Herz, wenn ich daran denke, dass ich gleich ihren letzten Wunsch zunichtemachen werde.
Gestern am Telefon habe ich Frau Kyssen angeboten, sie bei ihr zu Hause aufzusuchen und in diesem Atemzug biege ich in die Strasse ein, in der sie wohnt. Nach einer halbstündigen Fahrt halte ich vor einem kleinen Einfamilienhaus. Es ist nicht gross, aber hübsch, mit einer weissen Fassade und roten Läden. Ein paar wenige Rosensträucher zieren den Plattenweg zur dunkelbraunen Eingangstür.
Die Tür geht schon nach wenigen Sekunden, nachdem ich die Klingel betätigt habe, auf.
„Danke, dass Sie den Weg auf sich genommen haben.“ Emma Kyssen reicht mir die Hand und tritt dann zur Seite, um mich hereinzulassen. „Ich fühle mich heute nicht besonders gut.“
„Sie haben es nett hier.“ sage ich zu ihr, als ich in ein gemütliches Wohnzimmer trete. Es ist zwar einfach, aber sehr einladend eingerichtet.
„Danke. Nehmen Sie doch bitte Platz.“ Sie deutet auf ein cremefarbenes Zweiersofa. „Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“
„Ja, gerne.“ Ich sehe mich im Wohnzimmer um, während sie in der Küche eine kleine Erfrischung holt. Es ist keineswegs mit irgendwelchen Dekorationen überfüllt. Hauptsächlich sind es Orchideen und Kakteen, die die Einrichtung dieses Zimmer mit etwas anderem als Möbelstücken schmücken. Ein Bild mit einer schönen Landschaft hängt an einer Wand. Keine kleine Porzellanfigürchen, Kerzen oder Erinnerungstücke an Ferien. Nichts dergleichen. Aber auf einer grösseren Kommode, die eher zu einem Alter umfunktioniert wurde, als für ein Aufbewahrungsmöbelstück von Kissenbezügen oder Tischservice gebraucht wird, entdecke ich verschiedene Fotorahmen, auf denen immer wieder derselbe Knabe, von seinen Babyjahren bis hin in sein ungefähr achtes Lebensjahr, abgelichtet ist. Bei Zweien hält eine bildhübsche junge Frau, die wie ein weibliches Ebenbild von Oliver Falk ist, das Kind wie einen goldenen Schatz in den Armen. Es verschlägt mir beinahe den Atem, über die Ähnlichkeit des jetzigen Olivers und der Frau auf diesen Fotos. Weiss der weltberühmte Fussballer, wie sehr er seiner Mutter gleicht?
Neben all diesen Bilderrahmen entdecke ich einen geschlossenen Ordner. Ich nehme ihn in meine Hände und öffne ihn. Obwohl ich mir schon im Klaren bin, was mich in dieser Sammelmappe erwartet, staune ich über die vielen ausgeschnittenen Zeitungsartikel, die alle über eine Person berichten. Oliver Falk.
Nachdem ich ihn flüchtig durchgesehen habe, lege ich ihn wieder zurück an seinen angestammten Platz.
Wieder sehe ich die vielen eingerahmten Fotos an. Was mich bei all diesen Bildern irritiert, ist dass der Mann von meiner Kundin auf keiner einzigen Fotografie abgebildet ist.
„Haben Sie schon hier gelebt, als Ihr Sohn noch bei Ihnen wohnte?“ rufe ich zu ihr in den Nebenraum und setzte mich auf die Couch.
„Nein. Ich bin erst nach Toms Tod in dieses Haus gezogen.“
Im selben Moment, als sie mit einem Krug voll Wasser zurückkehrt und sich gegenüber von mir in einen Sessel, im gleichen Farbton wie das Sofa, setzt, platzt sie mit der Frage, auf die ich schon seit meiner Ankunft warte, heraus. „Haben Sie mein Kind gefunden?“
„Ja, das habe ich.“
„Wie geht es ihm?“
„Ich würde sagen, er hat sich hervorragend gemacht.“ Das ist eine absolute Untertreibung, wenn man bedenkt, dass er etliche Jahre seiner Jugend in verschiedenen Kinderheimen verbracht hat und vielerorts als schwieriger Junge bezeichnet wurde.
„Ist er verheiratet? Hat er Kinder?“ Die Fragen stürzen nur so aus ihr heraus.
„So viel mir bekannt ist, nein.“
„Wann kann ich ihn sehen?“
„Ich sollte Ihnen vielleicht noch etwas mitteilen, bevor wir zu diesem Punkt kommen. Er lebt seit seinem dreizehnten Lebensjahr in der Zentralschweiz und hat seit da einen anderen Namen angenommen.“
Sie starrt mich zwar gefasst an, bringt aber gerade mal eine Silbe hervor. „Wie...?“
„Oliver Falk.“
Keine Rührung. Keine Mimik. Nichts. Irgendwelche Regung müsste sie doch zeigen oder? Oliver Falk ist ein weltberühmter Fussballer. Einer der besten in dieser Zeit und seine leibliche Mutter zeigt kein bisschen Verwunderung oder Stolz?
„Warum benötigen Sie meine Hilfe?“
„Das habe ich Ihnen schon gesagt.“
„Sie wissen schon längst, wer ihr Sohn ist und haben mich im Ungewissen gelassen. Was verschweigen Sie mir?“ frage ich sie vielleicht in einem etwas zu schneidenden und unfreundlichen Tonfall. Nur kann ich es nicht ausstehen, wenn man mich an der Nase herumführt.
Die Farbe weicht fast vollständig aus ihrem Gesicht, als sie versucht meinem Blick standzuhalten und verkrampft ihre Hände ineinander, die auf ihrem Schoss liegen. „Ich hatte Angst,“ beginnt sie zögernd. „dass Sie mir nicht helfen werden, wenn ich Ihnen die ganze Wahrheit erzähle.“
„Ich kann Ihnen nicht helfen, wenn ich nicht alles weiss. Sie müssen mir vertrauen, sonst funktioniert das nicht.“
„Versprechen Sie mir, dass Sie versuchen, ein Treffen zwischen mir und meinem Sohn zu arrangieren?“
„Das kann ich nicht.“
Die Dame im Sessel nickt nur schwach mit dem Kopf. Ich kann ihr ansehen, dass sie sichtlich bemüht ist, die richtigen Worte zu finden.
Ich bin bitter schockiert und fassungslos, über das, was mir Olivers Mutter anvertraut hat. Warum hat sie kein Sterbenswörtchen darüber verraten, als sie mich vor wenigen Wochen aufgesucht hat? Ich habe versucht Oliver zu einem Treffen zu überreden. Jetzt bin ich eher froh darüber, dass er seine Mutter nicht sehen möchte. Wahrscheinlich habe ich schrecklich erdrückende und quälende Gefühle in ihm wachgerüttelt, die er sein ganzes Leben zu vergessen versucht. Ich fühle mich äusserst schlecht.
Seit ich diese Arbeit mache, ist mir noch nie annähernd so ein Fall in die Quere gekommen. Zum ersten Mal zweifle ich an meinem Tun. Nur mit grosser Mühe gelingt es mir meine Empfindungen unter Kontrolle zu halten.
Nach einigen Minuten, die wir stillschweigend gegenüber sitzen, finde ich endlich meine Stimme wieder. „Was verschweigen Sie mir sonst noch?“ Ich klinge etwas zu schroff, das ist mir bewusst, aber ich kann nicht anders. „Was ist mit Ihrer Krankheit? Haben Sie wirklich Krebs oder war das nur eine Lüge, um mich zu angeln?“
„Ich habe Krebs. Die Ärzte geben mir noch ungefähr drei höchstens sechs Monate.“ In ihren Augen schimmern Tränen.
Wie kann ich nur so kalt sein. Die Frau vor mir leidet an einer unheilbaren Krankheit und ich habe nichts Besseres zu tun, als sie anzugreifen.
Ihre Stimme zittert leicht, als sie fortfährt „Mein einziger Wunsch ist es, noch einmal meinen Sohn zu sehen. Ich möchte mich bei ihm entschuldigen und ihn um Vergebung bitten, obwohl das was geschehen ist, nicht zu verzeihen ist.“
Ich möchte nicht hier sein. Ich möchte weg von diesem Ort. Ich kann beide Seiten verstehen, aber ich möchte nicht dazwischen stehen. Ich sollte ihr erklären, dass ihr Sohn sie nicht sehen will und verschwinden. Aber lässt das mein Gewissen zu?
Stattdessen denke ich darüber nach, wie ich Oliver doch noch dazu bringen könnte, sich mit seiner Mutter zu treffen, bevor es für beide zu spät ist.
„Ihr Sohn möchte Sie leider nicht sehen, obwohl ich ihm gesagt habe, dass Sie an Krebs erkrankt sind. Jetzt kann ich auch verstehen, warum er so reagiert hat. Vielleicht sollten Sie selbst mit ihm Kontakt aufnehmen.“
„Nein.“ Sie schüttelt energisch den Kopf. „Ich habe zu grosse Angst, dass er seine Abneigung gegenüber mir direkt ins Gesicht schleudert. Das könnte ich nicht ertragen.“
„Was gibt Ihnen die Sicherheit, dass er sich anders verhält, wenn ich etwas arrangieren kann?“
„Das sagt mir mein Gefühl.“
Ich fühle mich so, als hätte ich eine Woche nicht mehr geschlafen. Das Treffen mit Emma Kyssen ist viel schrecklicher ausgefallen, als das ich mir erträumt habe. Die Wahrheit darüber, was sich in dem damaligen Elternhaus abgespielt hat, ist erschütternd und drückt mich mit seinem ganzen Gewicht zu Boden.
Ich bin erleichtert, als ich endlich die Tür zu meiner Wohnung aufschliessen und die Schuhe mit ihren mörderischen Absätzen abstreifen kann.
Die Dusche gibt ihr Bestes, nur leider kann sie meine wild durcheinander geratenen Gedanken nicht fortspülen.
Gerade als ich mich mit einem Glas Wein vor dem Fernseher niederlassen möchte, klingelt es an der Tür. Ich tu so, als würde ich es nicht hören und nehme die Fernbedienung in die Hand. Wieder klingelt es, das durch ein Klopfen unterstrichen wird.
„Hei Verena. Ich weiss, dass du da bist. Komm schon. Mach auf!“ höre ich meinen besten Freund rufen.
Erschöpft erhebe ich mich aus meinem durchgesessenen Sofa. In einem ausgeleierten T-Shirt und mit kurzen, weiten Shorts öffne ich die Tür. „Hei Ron. Was gibt's?“
„Das müsste ich dich fragen. Seit Tagen versuche ich dich zu erreichen, aber jedes Mal wurde ich mit dem Anrufbeantworter verbunden.“
„Tut mir leid. Aber ich habe gerade einiges um die Ohren.“
„Und das wäre?“
„Ach Ron,“ seufze ich. „du weisst doch, dass ich nicht über meine Arbeit sprechen darf.“ und küsse ihn auf die Wange.
„Hast du mir wenigstens ein Bier?“ Er lächelt mir schelmisch zu und lässt sich auf dem Sofa nieder, auf dem ich es mir vorhin bequem machen wollte.
„Lass dich bedienen.“ erwidere ich spöttisch. Ich gehe in die Küche, um ein kühles Blondes aus dem Kühlschrank zu holen. „Was verschlägt dich hierher?“
„Ich habe dich lange nicht gesehen.“ Er zwinkert mir mit den Augen zu. „Und ich habe dich vermisst. Wie geht es dir?“
„Gut.“
„Du siehst erschöpft aus.“
„Es war ein anstrengender Tag.“ Wenn ich genau nachdenke, verliefen die letzten beiden Tage nicht so, wie ich es mir erwünscht habe. Doch darüber kann ich leider nicht mit meinem Gast sprechen. Wenn ich mich überhaupt jemandem anvertrauen kann, dann ist es Tina. Aber ehrlich gesagt, weiss ich nicht einmal, ob ich ihr erzählen kann, was ich heute alles in Erfahrung gebracht habe. Ich fühle mich, als wäre ich auf einer Achterbahn gewesen, dass mein Herz aus seinem Rhythmus gerissen hat und sich nun nicht mehr beruhigen lässt.
Ich versuche die Erinnerungen an die letzten fünf Stunden in meine hinterste Ecke des Gehirns zu verbannen, das mir sogar ein klein wenig gelingt und greife nach meinem Weinglas, als ich mich neben Ron setze.
„Was habe ich verpasst?“ frage ich ihn ohne lange zu überlegen.
„Nichts. Warum fragst du?“
„Konntest du keine heisse Blondine finden?“
„Ich hatte keine Lust auf eine andere Frau. Du weisst, dass ich dich will.“
„Hör auf Ron. Es kann zwischen uns nicht klappen. Das weisst du genauso gut wie ich .“ Ich muss mir eingestehen, dass er unheimlich gut aussieht, dass er attraktiv ist, dass mir die paar Mal, die wir zusammen im Bett verbracht haben, Spass gemacht haben und schön waren. Aber das war's dann auch schon.
Ich mag ihn als Kumpel und ich möchte ihn nicht missen. Aber mehr als Freundschaft wird es zwischen uns ganz bestimmt nicht geben. Was er zu meinem Bedauern manchmal zu vergessen scheint.
„Wollen wir uns ein bisschen amüsieren?“ Ron legt seine Hand auf meinen Oberschenkel und fährt mit leichtem Druck auf und ab.
„Lass das Ron.“ Sofort hebe ich seine Hand und lasse sie neben mir aufs Sofa fallen.
„Hast du einen neuen Macker?“ verwundert sieht er mich an.
„Nein.“
„Wo ist dann das Problem?“
„Du gehst jetzt besser. Es ist schon spät und ich bin ziemlich erledigt.“ Ich stehe auf und ohne ein weiteres Wort öffne ich die Eingangstür. Resigniert schaut er mich an, stellt seine Bierflasche hin und kommt auf mich zu.
„Lass von dir hören.“ Er drückt mir einen festen Kuss auf die Wange, nahe an meinen rechten Mundwinkel und verlässt die Wohnung.
Ich bleibe noch stehen, bis seine Schritte ihm Treppenhaus verklingen. Nachdenklich schüttle ich meinen Kopf über meinen besten Freund. Was war das für ein eigenartiger Besuch?
Müde schleppe ich mich zurück zum Sofa und schalte den Fernseher ein. Ich habe keine Lust weder über die letzten Tage, sowohl über die vorherige Gesellschaft nachzudenken.
4.
Mir schmerzt der Nacken und meine Füsse sind eisig kalt. Vorsichtig setzte ich mich auf und reibe meinen Hals, der ganz steif zu sein scheint. Verwirrt strecke ich mich auf dem Sofa aus und blicke auf den laufenden Fernseher, in dem gerade irgendein Krimi gezeigt wird, in dem ein FBI Agent und seine Partnerin versuchen einen Mord zu lösen.
Am Boden entdecke ich die Fernbedienung, die mir aus den Händen gefallen sein muss. Ich hebe sie auf und drücke ungefähr zwei Sekunden auf den roten Knopf, um die grausige Szene, die im Flimmerkasten zu sehen ist, wegzudrücken.
Das ist mir schon seit langem nicht mehr passiert, dass ich vor dem Fernseher eingeschlafen bin. Ich muss erschöpfter gewesen sein, als dass ich angenommen habe.
Aber was hat mich geweckt. Der Fernseher war auf stumm geschaltet. Habe ich nur geträumt oder war vielleicht irgendwas vor meiner Wohnungstür? Ich glaube, mich an ein Geräusch zu erinnern, dass mich aus dem Schlaf gerissen haben muss. Es klang, als würde jemand an der Wohnungstür kratzen. Mit verspannten Gliedern erhebe ich mich aus dem Sofa, um einen Blick aus meinem Spion zu werfen.
Es herrscht absolute Stille und Dunkelheit im Flur. Ein erleichtertes Lächeln huscht über mein Gesicht, als mir bewusst wird, dass ich alles nur geträumt habe.
Aber diese Erleichterung hält nur für einen kurzen Augenblick. Ein eigenartiges Gefühl beschleicht mich, dass jemand oder etwas da draussen war. Ich taste nach dem Türschloss und versichere mich, dass es auch wirklich verschlossen ist.
Ich schalle mich als eine ängstliche Kuh und begebe mich in das Schlafzimmer, um in meinem bequemen, breiten Bett die wenigen Nachtstunden, die mir noch bleiben, zu verbringen.
Whitney Houston weckt mich mit ihrer starken und klarer Stimme und singt mir etwas von ewiger Liebe vor. Wann wird mir endlich die ewige Liebe über den Weg laufen? Frage ich mich selbst mit einem feinen Spott, bevor ich den Wecker ausstelle. Ich reibe mir die Müdigkeit aus den Augen und schleppe mich aus dem Bett in das angrenzende Bad.
In einer guten Stunde muss ich im Büro sein. Es bleibt also noch genug Zeit für einen Kaffee und etwas gerösteten Toast.
Nachdem ich mich in ein senfgelbes Kostüm geworfen habe, kann ich endlich an dem dunklen, heissen Getränk schnuppern, das in einer Porzellantasse auf dem Küchentisch auf mich wartet. Kaum dass der erste Schluck meinen Hals hinunter rinnt und ich nach einer bestrichenen Toastscheibe greife, klingelt es an der Tür. Erstaunt über diese frühe Störung, gehe ich an die Tür. Tina grinst mir durch das Guckloch, als ich nachsehen möchte, wer vor meiner Wohnung steht.
„Hallo Schwesterchen. Mach schon auf. Ich brauche einen Kaffee.“
„Warum bist du hier?“ frage ich sie, nachdem ich ihr geöffnet habe. „Wir sehen uns doch gleich im Büro.“
„Sorry, Schwesterherz, aber ich habe ganz vergessen, dir mitzuteilen, dass du heute mit einer Frau Wermelinger verabredet bist.“ Tina geht an mir vorbei in die Küche.
Ich schliesse die Tür und folge ihr. Gerade als ich in den Raum trete, schnappt sie sich meinen Kaffee und trinkt genüsslich davon. „Du könntest wenigstens selbst eine Tasse aus dem Schrank nehmen.“
„Könnte ich.“ Sie grinst mich über den Rand der Tasse an. „Aber diese schrie förmlich nach mir.“
Also hole ich mir einen weiteren Becher und fülle sie mit Kaffee. „Wann soll ich diese Frau... Wie hiess Sie doch gleich?“
„Wermelinger.“ hilft mir Tina auf die Sprünge.
„Wann soll ich sie treffen?“
„Schon in weniger als einer halben Stunde. Ich habe dich gestern Nachmittag einige Male versucht zu erreichen, aber du hattest dein Smartphone ausgeschaltet. Danach habe ich es vergessen.“ Tina greift nach meinem Toast und beisst genussvoll hinein.
„Hat sie dir ihr Anliegen anvertraut? Wo soll ich hin?“
„Sie sucht ihre alte Schulfreundin und wartet im Schwanen auf dich.“
„Wenigstens ist es gleich um die Ecke.“
„Ach ja,“ Sie macht eine kunstvolle Pause. „wie lief es gestern?“
Ich atme tief ein, als ich an die Unterhaltung mit der krebskranken Frau denke. Was soll ich nur meiner Schwester erzählen? Ich habe der armen Frau versprochen, dass ich mit niemandem darüber spreche, was sie mir anvertraut hat. Darüber hinaus gehört es zu meiner Schweigepflicht, genaue Details für mich zu behalten. Alles, was mir meine Kunden erzählen, bleibt unter uns. Nur hatte ich bisher nicht halbwegs so einen Fall, wie den von Frau Kyssen und ihrem Sohn.
„Leider nicht so glücklich. Der Fussballstar hat mit seiner Vergangenheit abgeschlossen. Er möchte seine Mutter keinesfalls treffen und er liess mich keinen Augenblick daran zweifeln, dass er es nicht auch wirklich so meint. Frau Kyssen hingegen gibt nicht so klein bei.“
„Und was machst du nun?“
„Ich habe ihr gesagt, dass es an ihrem Sohn liegt. Er ist der, der bestimmt, ob sie sich jemals begegnen werden oder nicht. Wenn er sich anders entscheidet, werde ich ihnen zur Seite stehen. Aber momentan ist meine Arbeit getan.“
„Wie hat sie es aufgenommen?“
„Was glaubst du?“
Tina zuckt nur mit den Schultern und schaut mich mitleidig an.
Das Gespräch mit Frau Wermelinger verspricht eine einfache Angelegenheit zu werden. Es ist genau das, was ich jetzt brauche. Etwas, das ich auch lösen kann. Denn es ist geradezu deprimierend, wenn einem die aufgetragene Aufgabe nicht gelingt.
Seit beinahe zwei Stunden bin ich zurück in meinem Büro, nachdem ich mich im Schwanen mit Frau Wermelinger getroffen habe und versuche die ehemalige Schulfreundin von meiner neusten Kundin zu erreichen. Es war ein Leichtes sie ausfindig zu machen, aber nicht einfach mit ihr in Verbindung zu treten.
Ich wähle ein viertes Mal eine Nummer und genau in dem Augenblick, als eine Stimme durch den Telefonhörer an mein Ohr dringt, höre ich Tina durch die offene Tür, wie sie sich draussen mit jemandem unterhält und sich von ihrem Platz erhebt, um zu mir herüberzukommen.
„Verena, da ist jemand für dich.“ In ihrem Blick liegt etwas wie Überraschung.
Meine Neugierde ist schon geweckt und da es wieder nur der Telefonbeantworter von einer gewissen Frau Schulz ist, der auf der anderen Seite des Hörers spricht, lege ich umgehend auf und folge meiner Schwester nach draussen.
„Frau Rapone.“
Meine Verwunderung und Verwirrung kann nicht grösser sein und muss mir ins Gesicht geschrieben sein, denn der Mann vor mir sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an und wartet wahrscheinlich auf irgendeine höfliche Begrüssung von mir, die nicht aus meinem Mund rutschen möchte.
„Was tun Sie hier, Herr...?“
„Mitchell.“ antwortet er mir sofort. „Ich möchte Sie abholen.“
„Abholen? Wozu?“
„Mein Boss möchte sich mit Ihnen unterhalten.“
„Er hat mir seine Meinung klipp und klar mitgeteilt. Also was möchte er nun noch von mir?“
„Ich habe nur den Auftrag erhalten, Sie abzuholen.“
„Und jetzt soll ich gleich springen, nur weil ihr Chef das wünscht?“
„Es ist allein Ihnen überlassen, ob Sie mich begleiten möchten oder nicht. Ich würde mir jedoch wünschen, dass Sie mit mir kommen.“ Mit einem abwartendem Blick sieht er mich an.
Was soll ich nur davon halten, dass der attraktive Fussballer wünscht, mich zu sehen. Vor zwei Tagen hat er mir eindeutig klar gemacht, dass er nichts von seiner Mutter hören möchten, geschweige denn sie sehen. Hat er seine Meinung etwa geändert? „Na gut. Bringen Sie mich zu ihm.“
„Darf ich Sie dann bitten?“
„Einen Moment noch. Ich hole nur kurz meine Handtasche. Ich komme gleich nach.“
Ich sehe dem Bodyguard von Oliver Falk nach, der beabsichtigt, mich zu seinem Chef zu bringen.
„Was soll das bedeuten?“ Die Stimme von meiner Schwester reisst mich aus meinen wirren Gedanken.
„Wenn ich das wüsste. Aber ich werde es in wenigen Minuten erfahren.“
„Du gehst also mit?“
„Na klar. Warum nicht? Wahrscheinlich hat der weltweit bekannte Sportler seine Meinung geändert.“
„Warum kommt er dann nicht hierher?“
„Das habe ich mich auch schon gefragt, hingegen ist es mir egal. Ich werde jetzt meine Sachen holen und mit diesem Muskelprotz mitgehen.“ und zeige auf die Tür, durch der Bodyguard soeben gegangen ist.
Mitchell wartet direkt vor meinem Büro. Er steht stramm vor dem Offroader, den ich schon das letzte Mal gesehen habe, als Oliver Falk mich aufgesucht hat. Sobald ich am Ende der Treppe angelangt bin, dreht er sich zur Wagentür und öffnet sie mir. Galant setzte ich mich auf den hinteren Rücksitze und versuche mir meine Nervosität nicht anmerken zu lassen, während er mich bittet mich anzugurten. Danach begibt er sich hinter das Steuer und setzt sich einen Stöpsel ins Ohr, bevor er den Motor startet und aufs Gaspedal drückt.
Konzentriert schaut er auf die Strasse, ohne sich ein einziges Mal zu mir umzudrehen oder auch nur ein Wort mit mir zu wechseln. Mein Pulsschlag erhöht sich leicht, als er in Richtung Zuzwil fährt, wo sich meine Wohnung befindet und verlangsamt sich wieder, als wir nach einer knapp zehnminütigen Fahrt vor dem imposanten Fünfsternehotel von Zuzwil halten und nicht vor meinem zu Hause, wie ich schon befürchtet habe. Von aussen kenne ich jeden Zentimeter des Hotels, aber das Innere ist mir vollkommen fremd.
Als Mitchell aussteigt und mir die Tür aufhält, sehe ich ihn verständnislos an. „Was soll ich hier?“
„Herr Falk wartet bereits auf Sie. Er möchte mit Ihnen zu Mittagessen.“
Dieser Fussballer denkt wohl, er kann jeden herumkommandieren, wie es ihm gerade beliebt, rasen meine Worte durch den Kopf, spreche sie jedoch nicht laut aus. Widerstandslos lasse ich mich von Falks Bodyguard hineinführen. Allerdings werde ich diesem reichen Angeber meine Meinung noch ganz offen sagen. Darauf kann er Gift nehmen.
Wir betreten eine helle Lobby, die mit elfenbeinfarbenen Marmorsäulen unterteilt ist. Die Theke scheint aus dem gleichen wunderbaren Gestein zu bestehen. Der Boden schimmert weiss, auf dem meine hohen Schuhe bei jedem Schritt ein lautes Klacken erzeugen, was mir überaus unangenehm ist, da ich jeden Blick auch so schon auf mir spüren kann.
Gegenüber der Rezeption sehe ich einige teure Ledersessel, die um passende, polierte Holztische stehen. Auf einem dieser bequemen Sessel sitzt ein Mann mit kurzen schwarzen Haaren, der mich mit seinen Blicken einzufangen scheint. Ich erkenne ihn sofort. Er sieht unglaublich sexy aus, in seinem dunkelgrauen Anzug und weissem Hemd. Wie er lässig dasitzt und mich mit seinen atemberaubenden Augen taxiert. Ich stelle erschrocken fest, wie sich ein schwaches Kribbeln in meiner Bauchgegend ausbreitet, während ich auf ihn zugehe.
„Ich bin sehr erfreut, dass Sie meine Einladung angenommen haben.“ Er erhebt sich geschmeidig aus seinem Sessel und begrüsst mich mit einem umwerfenden Lächeln, als ich nur noch zwei Schritte von ihm entfernt bin. Noch bevor ich seine Hand berühre, vollführt mein Herz einen Salto, was mich beinahe aus der Fassung bringt.
Was ist bloss in mich gefahren? Warum flattert mein Herz, beim Anblick dieses Mannes? Warum werden meine Knie weich, während er mir ein herrliches Lächeln schenkt? Solche Gefühle habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Warum dann gerade jetzt und warum bei diesem arroganten Fussballer?
Ich versuche meine Verwirrung nicht anmerken zu lassen und antworte ihm so unverkrampft wie möglich. „Ich habe keine Einladung angenommen. Man hat mir gesagt, dass Sie sich mit mir unterhalten möchten. Da bin ich nun. Also, was wollen Sie mit mir besprechen?“ Die Worte, die ich ihm vorhin noch an den Kopf werfen wollte, sind wie aus meinem Gedächtnis gelöscht, als hätten sie nie existiert. Ich muss mich ziemlich anstrengen, ihn nicht zu fest anzustarren und versuche einen kühlen Kopf zu bewahren, während er meine Hand weiterhin in seiner hält.
„Aber Sie haben doch bestimmt Hunger?“
„Nein.“ Wie auf ein Kommando fängt mein Magen fürchterlich an zu knurren. Dieser Verräter. „Warum bin ich hier? Warum konnten Sie nicht in mein Büro kommen, sondern mussten ihren Beschützer schicken, um mich zu holen?“
„Ich hatte noch andere Angelegenheiten zu erledigen.“ lautet seine knappe Antwort. „Lassen Sie uns doch in den Speisesaal gehen. Dort lässt es sich besser unterhalten.“
Wie von einer Geisterhand geführt, gehe ich neben Oliver Falk in den angrenzenden Saal, überaus bewusst, dass seine Hand die meine immer noch umfängt.
In diskretem Abstand folgt uns sein Bodyguard und setzt sich zwei Tische von uns entfernt hin. Die Umgebung stets im Blick.
Kaum sitzen wir an unserem Tisch, kommt schon der Kellner mit einer Flasche Rotwein und füllt unsere Gläser damit auf.
„Mögen Sie Rotwein?“ fragt mich der Mann, der mich immer noch unverhohlen mustert.
„Eigentlich schon. Aber...“
„Er passt hervorragend zu unserem Essen.“ fällt er mir ins Wort.
„Zu unserem Essen?“
„Ich habe mir die Freiheit genommen, schon etwas zu bestellen.“ und lächelt mich charmant an.
„Sie haben doch gar keine Ahnung, was ich gerne esse und bis vor wenigen Minuten wussten Sie nicht einmal, ob ich mit Ihnen speisen würde.“
„Letzteres habe ich gehofft und was Ihre Vorlieben anbelangen, so hoffe ich doch, diese noch genauer kennenlernen zu dürfen.“
Ein wohliger und gleichzeitig kühler Schauer überlauft mich. „Warum bin ich hier? Sie wollen gar nicht über Ihre Mutter sprechen, erst recht nicht ein Treffen mit Ihr planen, stimmt's?“
„Sie sind clever. Das habe ich vom ersten Moment an bemerkt. Sie haben recht. Ich möchte nicht mit Ihnen über meine Mutter sprechen. Alles was ich zu diesem Thema zu sagen habe, wissen Sie bereits. Sie sind hier, weil ich Sie besser kennenlernen möchte.“
Mein Herz setzt einen Herzschlag aus. Habe ich ihn recht verstanden? Er will mich besser kennenlernen? Auf einer Seite bin ich froh, dass er nicht über seine Mutter sprechen möchte, denn ich wusste bis zu diesem Moment nicht, wie ich mich gegenüber ihm verhalten werde, wenn er nach ihr fragen würde. Ob ich ihm anvertrauen würde, dass ich seine Kindheit, die er bei seinen Eltern verbracht hat, bis ins kleinste Detail kenne oder ob ich es vor ihm verschweigen würde. Aber auf der anderen Seite empfinde ich Mitleid mit meiner Kundin. Ihr grösster Wunsch ist es, noch einmal ihren Sohn zu sehen und ihn um Verzeihung zu bitten, bevor sie nicht mehr in der Lage dazu sein wird.
„Es tut mir leid, Herr Falk. Wir können das nicht tun.“
„Was? Uns unterhalten?“
„Ihre Mutter ist meine Kundin. Meine Aufgabe ist es, sie zueinander zu führen und da Sie Ihren Standpunkt zu diesem Thema klipp und klar dargelegt haben, darf ich nicht hier sein. Es ist falsch....“
„Falsch?“ fällt er mir erzürnt ins Wort. „Ich möchte nur mit Ihnen zu Mittagessen. Sonst nichts.“ Er streckt seine Hand über den Tisch und legt sie auf meine. „Lassen Sie uns dieses Mahl gemeinsam zu uns nehmen. Danach lasse ich Sie gehen.“
Seine Wärme, die sich auf meiner Hand ausbreitet, gefällt mir. Seine Finger fühlen sich geschmeidig und stark an. Ich bin hin- und hergerissen von meinen Gefühlen. „Ich weiss nicht, ob ich mir das erlauben kann.“
„Es gibt kein Zurück mehr. Unser Essen ist bereits auf dem Weg zu uns.“ Er nimmt seine Hand von meiner, setzt sich gerade hin und lächelt mich mit einem stillen, spitzbübischen Lächeln an.
„Ein gemischter Salat als Vorspeise.“ lässt der Kellner neben mir verlauten. Stellt die Teller vor uns hin und verschwindet so lautlos, wie er gekommen ist, wieder in der Küche.
Das Essen schmeckte ausgezeichnet und mein Tischnachbar hätte ich gerne zum Dessert verzerrt, wenn er nicht der Sohn von einer meiner Kunden wäre und nicht Oliver Falk heissen würde.
Ich hätte nie gedacht, dass der weltbekannte Fussballer so ausgelassen und fröhlich sein kann, wenn man seine Vergangenheit bedenkt.
Wir unterhielten uns über alles Mögliche, ohne dass er etwas über die Jahre bei seinen Eltern, oder über das Leben in den Kinderheimen verlor. Obwohl ich mehr als einmal versucht habe, ihm etwas zu entlocken, lenkte er geschickt ab.
Es ist jetzt bereits später Nachmittag, als ich endlich ins Büro zurückkehre. Tina wird sicherlich nicht erfreut sein, dass ich so lange weg war und mich nicht gemeldet habe.
Eigentlich hätte ich gleich in meine Wohnung gehen können, die sich nur wenige Meter vom Hotel entfernt befindet, statt mich von Mitchell nach Wil zurück chauffieren zu lassen. Aber ich wollte nicht, dass Oliver erfährt, wo ich wohne.
„Danke fürs bringen.“
„Keine Ursache.“ erwidert der Bodyguard, nachdem er mir die Wagentür geöffnet hat und ich auf mein Büro zugehe.
Kaum betrete ich das Gebäude, kommt mir schon meine Schwester entgegen.
„Wo hast du gesteckt? Ich habe mir schon langsam Sorgen gemacht.“
„Hast du gedacht, ich würde irgendwo im Strassengraben liegen?“
„Hör auf mit diesen makaberen Witzen.“
„Sorry.“
„Na sag schon, wo hast du so lange gesteckt?“
„Ich war mit Oliver Falk essen.“
Sie sieht mich verwirrt und zugleich erfreut an. „Das war aber ein langes Essen. Und wann trifft er seine Mutter?“
„Er möchte sie nicht sehen.“ Ich muss meinen Blick abwenden, um meine Schwester nicht ansehen zu müssen.“
„Ich kann dir nicht folgen. Warum warst du dann so lange weg und warum siehst du zur Seite?“
„Er wollte nie über seine Mutter sprechen, sondern mich besser kennenlernen.“ flüstere ich beinahe.
„Wow, das ist ja der Hammer.“
„Ja, nicht wahr?“
„Endlich ist da wieder jemand, der dich berührt. Der dich aus deiner umzingelten Mauer, die du um dich herum aufgerichtet hast, reisst.“ Sie strahlt mich bis über beide Ohren an und klatscht in die Hände.
„Nein Tina, nein.“ Ich schüttle den Kopf und sehe sie resigniert an. „Es ist nicht so, wie du denkst.“
„Ach nein?“ Sie hebt eine Augenbraue. „Das sehe ich ganz anders. Denn meine Schwester steht vor mir und ihre Augen glänzen vor freudiger Erregung. Ihr Mund zuckt, sobald sie von diesem Fussballer mit seinem bestechend sexy Körper spricht. Diesen Ausdruck auf deinem Gesicht sah ich schon seit...“ Sie hält kurz inne. „seit drei Jahren nicht mehr.“
„Das stimmt nicht.“
„Du kannst versuchen es abzustreiten, aber es wird dir nicht gelingen, mich zu täuschen und schon gar nicht dich selbst in die Irre zu führen.“
„Tina, es wird nie etwas zwischen Oliver und mir geschehen. Er ist der Sohn von einer meiner Kunden. Du weisst ganz genau, was das bedeutet.“
„Ach, weiss ich das?“ Sie sieht mich fragend an.
„Es war nur ein Essen.“ Ich lasse meine Schwester mitten im Raum stehen und gehe auf mein Büro zu.
„Ihr seid also schon beim Du angelangt.“ ruft sie mir nach, während ich in der Tür verschwinde und ihr andauerndes Schmunzeln im Rücken spüren kann.
Der heutige Nachmittag verlief nicht so produktiv, wie ich es geplant hatte. Oliver hat mich vollkommen aus dem Konzept gebracht. Ich konnte mich nicht auf meine Arbeit konzentrieren. Ständig schweiften meine Gedanken zu diesem faszinierenden Mann ab, mit dem ich zu Mittag gegessen habe. Irgendwann gab ich es auf, packte meinen Laptop ein und fuhr nach Hause.
Vielleicht kann ich noch irgendwas in meinen eigenen vier Wänden erreichen, obwohl ich das mittlerweile bezweifle, denn dauernd erscheinen die schönsten Augen, die ich je in meinem Leben gesehen habe, vor mir. Dieses tiefe Ozeanblau lässt mich einfach nicht mehr los und lässt sogar noch jetzt meine Knie weich werden.
Er strahlt eine Männlichkeit aus, aber auch eine Verletztheit, die man ihm gar nicht zutrauen würde. Liebend gerne hätte ich mit meinen Händen über seine Wange gestrichen, um die Enttäuschungen, die unter seiner Oberfläche schlummern wegzuwischen, aber ich liess meine Hände da, wo sie waren und hingehörten. Auf meinem Schoss.
Ich muss schon eine ganze Weile in der Küche sitzen, denn die Nacht bricht bereits herein, als ich meinen Kopf hebe, um aus dem Fenster zu sehen. Währenddessen ist auch mein Kaffee viel zu stark abgekühlt und giesse ihn in den Abfluss, ehe ich mich in mein Arbeitszimmer begebe. Ich wühle in meinen Akten, ohne wirklich etwas aufzunehmen und gerade als ich mich entschliesse, mich in einen Roman zu vertiefen, klingelt es an der Tür.
„Ron? Was willst du schon wieder hier?“ rufe ich durch die Eingangstür, während ich sie aufschliesse. „Ich...“ Die Worte bleiben mir im Hals stecken. Denn der Mann, um den sich meine Gedanken schon die vergangenen sieben Stunden drehen, steht vor meiner Tür.
„Was machst du hier?“ Ganz perplex starre ich ihn an. „W...wie? W...warum? W...was...?“ stottere ich herum und bringe keinen einfachen Satz mehr zustande.
„Darf ich hereinkommen oder erwartest du noch jemand anderes?“
„Woher weisst du, wo ich wohne?“
„Das war ganz einfach.“
„Hast du mir etwa nachspioniert?“
„Du stehst im Telefonbuch.“ beantwortet er ganz simpel meine Frage.
Ich schliesse meinen Mund wieder, bevor mir noch eine dämliche Erwiderung entrinnen kann. Ich zähle bis drei, dann frage ich: „Was willst du hier?“
„Ich musste die ganze Zeit an dich denken.“ Er schiebt mich zurück in die Wohnung und schliesst die Tür hinter sich.
„Es ist also doch kein Zufall, dass du nur wenige Meter von meinem zu Hause entfernt in einem Hotel logierst?“ Diese Idee ist mir schon vor einigen Stunden gekommen.
Statt einer Antwort lächelt er mich nur an, bevor er einen weiteren Schritt auf mich zumacht, mich an sich zieht und seinen Mund auf meinen legt. Völlig überrascht stemme ich meine Hände an seine Brust, ohne mich jedoch wirklich zu wehren. Ich sollte es, das weiss ich. Daran gibt es nichts zu rütteln. Aber statt dass ich mich von Oliver lösen, lasse ich meine Finger auf seinem Oberkörper ruhen, der sich unter meinen Gliedern unheimlich stark anfühlt.
Ich habe mir heute schon mehr als einmal vorgestellt, wie wohl seine Lippen schmecken, doch das hier übertrifft alles. Sein Mund ist weich und hart zugleich und obwohl ich weiss, dass ich den Kuss nicht erwidern darf, kann ich mich meinen Gefühlen, die er in mir auslöst, nicht mehr widersetzen.
Ich fühle mich in seiner Umarmung geborgen und schmiege mich noch näher an ihn. Seine Arme schliessen mich eng an seinen muskulösen Körper. Es ist schon zu lange her, seit ich das letzte Mal so empfunden habe. Mit zittrigen Händen greife ich in sein prachtvolles Haar und verkeile meine Finger darin, während der Kuss immer intensiver wird und unsere Zungen umeinander herumtanzen.
Ich schrecke zusammen, als mir ein wohliger Seufzer entschlüpft und ich seine harte Männlichkeit spüre, die er gnadenlos an meinen Unterleib drückt.
„Nein, nein.“ Ich löse mich von seinem Mund und versuche mich von ihm zu entfernen. „Wir dürfen das nicht tun.“
„Warum?“ bringt er ganz heiser heraus. Seine Augen haben einen dunklen Glanz angenommen, als er mich von oben bis unten mustert. „Weil meine ach so tolle Mutter der Grund ist, dass wir uns überhaupt kennengelernt haben?“ Seine Stimme ist eigenartig ruhig, aber ich erkenne die Wut, die sich dahinter verbirgt und die er andächtig zurückhält.
„Nein. Ja. Ach ich weiss auch nicht.“ Ich hebe die Hände in die Höhe und lasse sie gleich wieder fallen. Langsam mache ich einen Schritt nach hinten und sehe ihm direkt in die Augen. Ich hoffe, dass mein Körper mich nicht verrät, der sich in höchstem Masse nach seinen Berührungen sehnt. „Du kannst nicht einfach in meine Wohnung kommen und über mich herfallen.“
„Das sehe ich anders.“
„Ach ja?“
„Gib zu, es hat dir genau so gefallen, wie mir.“ Sein rechter Mundwinkel wandert leicht nach oben. „Vor was läufst du davon?“
„Ich laufe nicht davon.“
Er streckt die Hände nach mir aus und noch bevor ich mich ihm entziehen kann, liege ich wieder in seinen starken Armen.
„Bist du dir sicher?“ haucht er nahe an meinem Ohr, während er meinen Hals vorsichtig mit seinen Lippen berührt. Seine Hände fahren sanft über meinen Rücken und bewirkt, dass ich nicht mehr fähig bin klar zu denken. Meine Finger krallen sich in seine Schultern, um mich an ihm festzuhalten.
Plötzlich glaube ich den Boden unter meinen Füssen zu verlieren, als sich seine Lippen wieder meinem Mund nähern und er mir wunderbare Worte zuflüstert.
Ich weiss nicht, wie wir in meinem Schlafzimmer gelandet sind, aber ich glaube mich zu erinnern, dass ich Oliver mit mir gezerrt habe.
„Ich will dich nackt sehen.“ Mit geschickter Bewegung fasst er nach meinem weissen Tank Top und streift es mir über den Kopf. Ein leiser Seufzer kommt über seine Lippen, als er nach meinen Brüsten greift, die noch im Büstenhalter verborgen sind. Oliver zieht die Träger über die Schultern und befreit meine Rundungen aus dem Kleidungsstück. Er berührt sie sanft und nimmt beide in seine Hände. Sein Atem streichelt über meine Haut, während er sich mit seinem Mund meinen Brustwarzen nähert. Meine Knospen richten sich sofort auf und verlangen nach seinen feuchten Lippen. Ich kann meine Erregung nicht mehr verbergen. Ein leises, befreiendes Stöhnen entweicht sich mir und biege meinen Rücken durch, damit er mich weiterhin so wunderbar liebkost, dass ich glaube unter seinen Händen zergehen zu müssen. Seine Zunge spielt gekonnt um meine Knospen, die sich schmerzlich nach mehr verzehren.
„Gefällt dir das?“ Sein Atem geht nur noch stossweise.
„Hör nicht auf.“ bitte ich ihn und lege meine Hände auf seinen Brustkorb, der immer noch unter seinem Hemd verborgen ist. Aber ich kann deutlich fühlen, wie sein Herzschlag sich beschleunigt hat.
Ich möchte ihn spüren. Ich möchte meine Hände auf seine Haut legen. Ihn genauso schmecken, wie er mich. Mit fiebrigen Fingern taste ich unter sein Shirt und wandere über seinen trainierten Oberkörper.
Verwirrt sehe ich ihn an, als er einen Schritt von mir abweicht. Doch die Verwirrung währt nicht lange. Denn kaum haben sich meine Hände von ihm entfernt, zieht er sie wieder an seine Brust, die nun von seinem Oberteil befreit ist. Ich fahre sanft seine Muskeln mit meinen Lippen nach, selbst überrascht, zu was ich fähig bin.
Keine Ahnung woher ich den Mut nehme, einen Mann, den ich kaum kenne, auf eine Weise zu verführen, wie ich es bisher noch nie getan habe und mich befühlen lasse, wie mich noch nie jemand berührt hat.
Unsere Münder treffen sich erneut zu einem leidenschaftlichen Kuss, der unsere Erregung ins Unermessliche steigern lässt.
Seine Hände legen sich an meinen Hosenbund und öffnet sie langsam, ohne seine Augen von meinen abschweifen zu lassen. „Die wollte ich dir schon ausziehen, als du heute Mittag in die Hotellobby gekommen bist.“ Sein Blick bohrt sich tief in mich. Seine Brust hebt und senkt sich in schnellen, regelmässigen Bewegungen und mein Slip gleitet gleich mit der hellen Leinenhose zu Boden.
Obwohl ich nun völlig nackt vor ihm stehe und er mich von Kopf bis Fuss mustert, fühle ich mich wohl in meiner Haut. Zum ersten Mal, wie ich mir eingestehen muss.
Ohne grosse Eile öffnet er seinen Ledergürtel und die Knöpfe seiner Anzughose und entledigt sich seiner letzten Kleidungsstücke. Ich fange an zu schwitzen. Meine Hände fühlen sich feucht an, als ich ihn in seiner vollen Pracht betrachte und mir vorstelle, was sich hier in den nächsten Sekunden ereignen wird.
Er zieht mich eng an sich und seine Erregung drückt gegen meinen Bauch, als er uns Richtung Bett führt. Kaum berühren meine Kniekehlen die Bettkante, lasse ich mich darauf fallen und lege mich hin. Oliver kommt über mich und schenkt mir ein unwiderstehliches Lächeln.
Ich spreize meine Beine und umfasse mit zittrigen Händen seine straffen Gesässbacken.
„Vor was hast du Angst?“ Er stützt sich auf seinen Ellbogen, neben meinem Kopf, ab und sieht mir direkt in die Augen.
Zerstreut entgegne ich seinen Blick. Ich verzehre mich so sehr nach ihm, dass ich mich wie betäubt fühle. Ich möchte ihn in mir spüren und mich nicht mit ihm unterhalten. Nicht jetzt. „Ich... ich habe keine Angst.“ Meine Stimme die Verräterin. Ich kann das Beben nicht unterdrücken, das in meinen Worten mitschwingt.
„Geht es dir zu schnell?“ Seine ozeanblauen Augen versinken sich noch mehr in meinen. „Oder mache ich etwas falsch?“
„Nein. Ich...es ist...“
„Was ist es dann?“ besorgt sieht er mich an.
„Es ist schon lange her, seit ich mit jemandem so intim war, der dazu noch so wunderbare Gefühle in mir wachgerufen hat, wie du es soeben tust.“
Oliver bewegt sich ein klein wenig zur Seite. Ich bin mir seiner harten Männlichkeit, die sich gefährlich nahe an meiner Öffnung befindet, völlig bewusst. Es fällt mir schwer einen klaren Gedanken zu fassen. Aber eines weiss ich mit Sicherheit, dass ich ihn hier und jetzt sofort spüren möchte.
„Ich will dich.“ raune ich ihm zu und drücke fest seine Pobacken. „Ich will dich in mir spüren. Genau jetzt.“
Ich kann einen lauten Schrei, der sich meiner Kehle entreisst, nicht unterdrücken, als er hart in mich stösst. Langsam zieht er sich zurück, um gleich wieder tief in mich einzudringen. Wir verfallen in einen harmonischen Rhythmus und unser Stöhnen und Wimmern lässt die Begierde auf den anderen nur noch mehr steigern. Seine Hände umschliessen meine Brüste, während unsere Becken gegeneinander schlagen.
Seine Bewegungen beschleunigen sich. Er stösst schneller und fester in mich und berührt mit seinen Fingern sanft meinen heiklen Punkt. „Oh Oliver.“ stöhne ich, als er mich mit kleinen Kreisbewegungen massiert. Ich klammere mich an ihn, als er mich meinem Höhepunkt entgegenbringt. Er stösst noch ein paar Mal heftig in mich, bevor ein Feuerwerk in mir explodiert und mich in eine andere Welt hebt, während sich Oliver in mir ergiesst.
5.
Mein Kopf auf seine Brust gebettet, horche ich seinem hypnotisierendem Herzschlag. Es schlägt langsam und kräftig. Sein Atem geht gleichmässig und seine Hand streift behutsam meinen Arm auf und ab. Ich fühle mich in seiner Umarmung ausserordentlich geborgen, was mich glücklich macht und zugleich beängstigt.
Ich drehe meinen Kopf etwas, um Oliver ansehen zu können. Seine Augen sind geschlossen. Er sieht entspannt aus und auf seinem Gesicht zeichnet sich ein leichtes Lächeln ab. Ich lege meinen Kopf wieder an seine Brust und streife ihm behutsam darüber.
„Was schwirrt dir im Kopf herum?“ Oliver drückt mir einen Kuss auf die Stirn.
„Nichts.“
„Da bin ich anderer Meinung. Warum liegst du wie ein Eisblock neben mir? Hat es dir nicht gefallen oder bereust du etwa schon, was geschehen ist?“
„Ich bin kein Eisblock. Ich fühle mich sogar ausserordentlich wohl.“
„Vielleicht noch bis vor wenigen Minuten. Irgendwas beunruhigt dich. Also, was wirbelt in deinem süssen Gehirn herum?“
„Überfällst du jede Frau auf diese Art?“
„Ich habe dich nicht überfallen. Du warst genauso daran beteiligt, wie ich. Oder hast du vergessen, wie du mich in dein Schlafzimmer gezerrt hast?“
Zum Glück habe ich ihm nicht mein Gesicht zugewandt, sonst würde er die brennende Röte, die meine Wangen verfärbt, sehen.
„Warum weichst du meiner Frage aus? Hat es etwas mit diesem Ron zu tun?“
„Ron? Woher weisst du von Ron?“
„Du hast diesen Namen gerufen, bevor du mir die Tür aufgeschlossen hast. Ist er dein Freund?“
Empört setze ich mich auf und bedecke meine Blösse mit der Bettdecke. „Denkst du wirklich ich würde hier mit dir in meinem Bett liegen, wenn ich einen Freund hätte?“ Es enttäuscht mich, was er von mir denkt.
„Ich habe gehofft, dass du so reagieren würdest.“ Oliver zieht mich zurück an seine Brust. „Ich wäre richtig eifersüchtig, wenn es einen anderen Kerl gäbe, der dich berühren dürfte.“ und legt seinen Zeigefinger und Daumen an mein Kinn, um es in seine Richtung zu heben, bevor seine Lippen sanft über meine streifen.
Nachdem wir uns ein weiteres Mal geliebt haben, umschlingt er mich von hinten und hält mich fest. Ich spüre seinen ruhigen Atem in meinem Nacken und frage mich, wann das letzte Mal ein Mann bei mir übernachtet hat. Es ist schon sehr lange her, dass mich jemand so gehalten hat, wie es Oliver soeben tut.
Ich dachte ich würde dieses Gefühl der Geborgenheit, das mich in diesem Moment beschleicht, nicht mehr vermissen. Dass ich es nicht mehr brauchen würde, aber mir wird schlagartig klar, dass ich mich in all den Jahren selbst belogen und betrogen habe. Und dass ich mich abermals belügen würde, wenn ich auch nur eine Sekunden glauben würde, ich könnte mit diesem Adonis in meinem Bett eine Zukunft haben.
Meine rechte Hand tastet nach seiner Hand, die mich an sich gedrückt hält und verschränke meine Finger mit seinen. Ich schliesse meine Augen und geniesse jeden meiner Atemzüge, bis ich in einen erholsamen Schlaf falle.
Müde greife ich nach meinem Wecker, um ihn auszuschalten. Doch das Geräusch endet nicht, als ich auf den Aus-Knopf gedrückt habe. Ich öffne ein klein wenig meine Augen. Es herrscht noch immer vollkommene Dunkelheit, was mich nachdenken lässt. Einen Blick auf die digitale Uhranzeige meines Weckers, bedeutet mir, dass es knapp zwei Uhr nachts ist und dass ich noch über vier Stunden schlafen kann. Meine Augen fallen mir bereits wieder zu, während ich mich auf die andere Seite drehe. Meine Hand bewegt sich über das Laken, das sich zerwühlt und warm anfühlt und plötzlich sind alle Erinnerungen an letzten Abend wieder da. Aber wo ist Oliver? Schlagartig bin ich hellwach. Das Bett ist leer. Ich hoffe, dass er nur kurz auf die Toilette gegangen ist und gleich wieder zu mir ins Bett gekrochen kommt, da höre ich schon das Wasser laufen. Kurz darauf kommt er durch die Tür. Nur ist er nicht nackt, wie ich ihn gesehen und gespürt habe, bevor ich eingeschlafen bin, sondern vollständig bekleidet und zurechtgemacht. Bereit um mir Lebewohl zu sagen.
„Ich hatte gehofft, ich würde dich nicht wecken.“ Er setzt sich neben mich auf den Bettrand.
„Wolltest du gehen ohne dich zu verabschieden?“
„Nein.“ Er streicht eine Haarsträhne aus meinem Gesicht und legt sie hinter mein Ohr.
„Und warum gehst du dann mitten in der Nacht?“
„Ich habe morgen, nein schon heute“ korrigiert er sich. „einen anstrengenden Nachmittag. Ich muss ausgeruht und fit sein. Aber wenn ich hier bei dir bleibe, werde ich alles andere als das sein.“
Fragend blicke ich ihn an.
„Ich finde keinen Schlaf neben dir. Ständig möchte ich dich berühren oder bewundere dich, während du vor dich hin schnarchst.“
„Ich schnarche nicht.“
„Nein, das tust du nicht.“ Er zieht seinen linken Mundwinkel leicht nach oben. „Aber ich danke dir für diesen Gesichtsausdruck, den du mir soeben geschenkt hast.“ Er beugt sich zu mir und bedeckt meinen Mund mit seinen Lippen.
„Wo gehst du jetzt hin?“ frage ich ihn, als wir uns wieder voneinander lösen können.
„Ins Hotel.“
„Das nur ein paar Meter von hier entfernt steht?“
„Ja.“
„Aber....“
„Ich würde viel lieber hier bei dir bleiben. Deinen warmen, weichen Körper schmecken und spüren. Aber ich kann nicht. Obwohl ich ein Profifussballer bin, kann ich mir keine Fehler leisten, sonst bin ich schnell ersetzt. Und Fehler darf ich mir morgen keine leisten.“ Bevor er sich erhebt, küsst er mich nochmals. „Ich melde mich bei dir, so schnell ich kann.“
„Ich freue mich darauf.“
Nun ist es keine Täuschung, sondern wirklich der Wecker, der so unbarmherzig vor sich hin plärrt, bis ich meine Augen vollkommen geöffnet habe und endlich den schrillen Gesang durch einen Knopfdruck verstummen lasse.
Während ich mir ein bequemes Baumwollkleid aus sattem Grün überziehe, das im Nacken gebunden wird, etwas Schminke auftrage, ein paar Toastscheiben in den Toaster werfe und mir einen heissen Kaffee zubereite, rede ich mir ständig ein, dass der vergangene Abend nichts zu bedeuten hat. Dass ich mich genauso fühlen und benehmen werde, bevor ich Oliver getroffen habe, was ja auch stimmt. Sofort strafen mich meine Lügen mit einem bösen Blick, der mir im Spiegel entgegenkommt.
Was versuche ich mir nur einzureden? Seit Kimi habe ich nicht mehr so empfunden, wie in den letzten vierundzwanzig Stunden. Ebenfalls dachte ich, ich würde nie mehr so fühlen können. Aber Oliver brauchte nicht einmal einen Tag, mein altes Leben völlig aus dem Ruder zu bringen.
Wie kann ich nur so dämlich sein, mich ausgerechnet in einen der weltbesten Fussballer zu verlieben? Jetzt hat das Wort, das ich auf keinen Fall mehr in mein Kopf lassen wollte, Form angenommen. Es hat sich in eine äusserst attraktive und erfolgreiche Gestalt verwandelt.
Endlich glaubte ich mein Leben wieder richtig leben zu können, da braucht kein Mann darin aufzutauchen, um es in einer kurzen Zeit wieder zu zerstören.
Ich darf es nicht mehr als eine Affäre betrachten, denn etwas anderes kommt für Oliver gar nicht in Frage, da bin ich mir sicher. Ich möchte gar nicht in Erfahrung bringen, wie vielen Frauen er schon das Herz gebrochen hat und ich werde nicht die Nächste sein.
Die Toastscheiben springen wie auf ein Kommando aus dem Toaster heraus. Ich nehme mir eine und bestreiche sie mit einer köstlichen Haselnuss-Nougatcrème.
Ich halte soeben auf meinem Parkplatz an, als meine Schwester gerade angelaufen kommt und die Tür zu unserem Büro aufschliessen will. Sie lächelt mich an und pfeift mir zu, während ich aus meinem weissen VW Golf steige.
„Du hast dich ja richtig ins Zeug gelegt?“ begrüsst sie mich mit je einem Kuss auf jede Wange. „Hast du heute irgendwas bestimmtes vor oder habe ich einen besonderen Termin verpasst?“
„Warum?“ Ich verstehe nicht, auf was sie anspielen möchte und sehe sie verständnislos an.
„Für wen hast du dich so aufgebrezelt?“
„Das habe ich nicht. Ich habe nur ein einfaches Kleid angezogen, das ich in der hintersten Ecke von meinem Schrank gefunden habe.“
„Und was ist mit der Schminke, die du sonst nie zur Arbeit trägst?“
„Ich hatte einfach Lust dazu.“ Ich gehe an ihr vorbei und öffne die Tür mit meinem eigenen Schlüssel.
„Möchtest du mir nicht verraten, was gestern Abend geschehen ist?“
Ich sehe sie etwas verärgert an, sage aber kein Wort.
„Und versuche gar nicht erst, mich für eine Närrin zu halten. Ich bin deine Schwester und kann dir ganz genau ansehen, dass irgendwas vorgefallen ist. Es kann ja nur etwas Positives sein, wenn ich dich so ansehe. Also...“
„Er stand gestern einfach vor meiner Tür und dann führte eins zum anderen.“
„Wer? Ron?“
„Nein, doch nicht Ron. Oliver.“
„Oliver?“ Tina zieht ihre Augenbrauen zusammen und überlegt angestrengt, welchen Oliver ich meinen könnte, bis ein Licht in ihrem Kopf aufgeht. „Oliver Falk, der Fussballer? Der Sohn...“
„Ja genau der.“ unterbreche ich sie.“
„Du hast mit ihm geschlafen, stimmts?“ Sie sieht mit einem Mal nicht mehr überrascht aus, sondern ein wissender Ausdruck breitet sich auf ihrem Gesicht aus. „Das ist ja wunder...“
„Sprich nicht weiter. Ich weiss nicht, was ich von letzter Nacht halten soll. Ich weiss aber, dass ich nicht noch einmal diesen Schmerz empfinden möchte, den ich nach Kimi erlebt habe. Ich besitze nicht mehr die Kraft, mein Leben abermals so in den Griff zu bekommen wie jetzt, falls mir das Herz nochmals gebrochen werden sollte. Es wird nichts ausser einer kurzen Affäre geben, wenn da überhaupt etwas ist. Vielleicht war es ja einfach eine einmalige Sache. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass Oliver mehr als das möchte. Er ist leider nicht nur ein bekannter Fussballer, sondern ein richtiger Schürzenjäger.“
„Dann mach dir nicht so einen Kopf und geniesse diese Zeit.“
„Das habe ich mir auch gesagt, aber...“
„Was aber?“
„Ich habe Kimi geliebt. Für keinen Mann, der nach Kimi meinen Weg gekreuzt hat, habe ich so empfunden, wie für ihn.“ Ich atme kurz tief ein, bevor ich weiterrede. „Bis jetzt.“
Tinas Strahlen, mit dem sie mich soeben noch angelächelt hat, droht in sich zusammen zu fallen. Ich kann es förmlich sehen. Sie braucht nichts mehr zu sagen, denn ich weiss so schon, dass ich recht habe. Ich muss vorsichtig sein.
Ich sitze nun schon den ganzen Tag an meinem Schreibtisch und beantworte etliche E-Mails, nehme Anrufe entgegen und bringe meine Termine mit denen von Tina in Einklang. Mein Arbeitstag neigt sich langsam dem Ende zu. Aber heute freue ich mich nicht auf meine leere Wohnung. Seit langer Zeit ist es nicht mehr vorgekommen, dass ich meine Arbeit benutze, um nicht nach Hause gehen zu müssen.
Ich habe nichts mehr von Oliver gehört, seit er aus meiner Wohnung verschwunden ist. Er hat versprochen sich zu melden. Nur habe ich keine Ahnung, wann das sein wird und ich mache mich zum Deppen, indem ich voller Ungeduld auf ein Zeichen von ihm warte.
Ich bin enttäuscht von mir, dass ich mich in so wenigen Stunden zu einer verliebten Närrin machen konnte. Es schmerzt mich, wie schwach ich in Wirklichkeit bin. Wie konnte ich nur annehmen, ich wäre gegen alle Männer immun?
Ich greife nach meinem Smartphone, nachdem ein Signalton eine Nachricht angekündigt hat. Ich entsperre das Display und sehe einen Eingang einer Kurzmitteilung, von einer mir unbekannten Nummer. Mit meinem Zeigefinger drücke ich darauf und die Nachricht wird geöffnet. Vermisst du mich schon? O.F.
Ein Bild des Mannes, der mir den Kopf in kürzester Zeit verdreht hat, stiehlt sich vor mein inneres Auge. Der gut gebaute Mann, mit seinen ozeanblauen Augen, lächelt mich so unverhohlen an und ist so deutlich in meinen Erinnerungen, dass ich schon glaube, er stehe in seiner vollen Pracht vor mir.
„Träumst du von mir?“
Ich fliege beinahe zu Boden, als ich abrupt von meinem Stuhl aufspringe und in das schönste Gesicht sehe, das soeben meine Gedanken beherrscht hat. „Was? Aber...“ Ich starre verständnislos auf mein Smartphone, das ich immer noch umklammert halte.
„Deine Schwester war so nett und hat mir deine Privatnummer gegeben.“
„Ach so. Aber du hättest sie auch sicher ohne ihre Hilfe herausgefunden, nicht wahr?“ Ich lege mein Telefon hin.
„Sicher. Aber so ging es einfacher. Ich wollte dich nicht erschrecken.“ Er lächelt mich unverschämt an.
„Kannst du nicht anklopfen?“ Ich habe versucht, meiner Stimme einen ernsthaften Ton mitschwingen zu lassen, was mir jedoch kläglich misslingt, als er die Tür hinter sich schliesst und mit geschmeidigen Schritten quer durch das Büro auf mich zukommt.
„Das habe ich, aber du warst weit weg. Ich hoffe bei mir.“ Er legt seine Hände um meine Taille und zieht mich an sich, bevor sein Mund sich auf meinen senkt.
Alles um mich herum verschwindet. Ein einziger Kuss von ihm und meine Welt scheint völlig in Ordnung zu sein. Mir scheint, als könnte mir nichts anhaben und verliere mich in seinen starken Armen. Nach einem unbeschreiblichen, intensiven und langen Kuss lässt er langsam von mir ab und sieht mich lächelnd an und obwohl wir uns erst gerade geküsst haben, verlangen meine Lippen schon wieder nach seinem samtweichen Mund.
„Oliver.“ hauche ich. „Ich habe nicht erwartet, dich heute nochmals zu Gesicht zu bekommen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich schon damit gerechnet, heute gar nichts mehr von dir zu hören.“
„Ich habe versprochen, mich bei dir zu melden und meine Versprechen halte ich.“
„Du hast es mir nicht versprochen.“
„Das war auch gar nicht nötig, denn ich wusste, dass mich nichts davon abbringen kann, mich bei dir zu melden. Hast du Hunger?“
„Was hast du vor?“
„Eigentlich würde ich viel lieber dich vernaschen, aber das muss warten. Ich habe nämlich einen Riesenappetit.
Olivers Bodyguard erwartet uns vor meinem Büro und öffnet die Wagentür, sobald er uns aus der Tür treten sieht. Ich lasse mich auf der hinteren Sitzbank nieder. Oliver setzt sich neben mich und greift nach meiner Hand, die er auf sein rechtes Bein legt. Verlegen schaue ich nach vorne zu unserem Fahrer und als hätte Oliver meine Gedanken lesen können, entgegnet er: „Er wird nicht nach hinten sehen. Geschweige denn mit irgendjemandem darüber reden, was wir miteinander besprechen oder machen. Ich vertraue ihm.“
Es erstaunt mich, wie gross sein Vertrauen in andere Personen sein kann, wenn man seine Jugend in Betracht zieht. Irgendwann werde ich ihn darauf ansprechen, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist.
Jetzt geniesse ich erst einmal die Fahrt an Olivers Seite. Er hält meine Hand und streicht mit seinen Fingern sanft über meine Knöchel. Seine Wärme, die er ausstrahlt, ist mir nur allzu deutlich bewusst und ich muss mich beherrschen, nicht über ihn herzufallen.
Nachdem Mitchell den Wagen auf dem Parkplatz vor einem feinen Restaurant in der Umgebung von Herisau abgestellt hat, verschränkt Oliver seine Finger mit meinen und führt mich die Treppe hinauf, ohne mich auch nur eine Sekunde loszulassen. Kaum sind wir im Innern, kommt ein Kellner herbeigeeilt und begrüsst uns höflich.
„Schön Sie zu sehen, Herr Falk. Meine Dame.“ Er nickt mir kurz zu und wendet sich wieder an Oliver. „Darf ich Sie gleich an Ihren Tisch bringen oder möchten Sie vorher noch etwas an unserer Bar zu sich nehmen?“
„Hallo Darius. Heute lassen wir die Bar aus. Wir nehmen gerne eine kleine Erfrischung an unserem Tisch ein.“
„Ganz wie Sie wünschen.“ Der Kellner, der auf den Namen Darius hört, dreht sich um und wir folgen ihm, bis er an einem runden Tisch, in einer ruhigen Ecke stehen bleibt. Er zieht einen Stuhl hervor und bedeutet mir, mich darauf niederzulassen.
Ich bin es nicht gewohnt, soviel Aufmerksamkeit zu bekommen und fühle mich fast ein wenig fehl am Platz, was Oliver nicht zu entgehen scheint.
„Daran wirst du dich gewöhnen müssen.“
„An den Service oder an deine Anwesenheit?“
„An beides.“ Sein Lächeln leuchtet im Kerzenschein, das von den Kerzen in der Mitte des Tisches stammt. „Ich geniesse deine Gegenwart und hoffe, es ergeht dir genauso.“
Ich bin wirklich überrascht über seine Offenheit und sehe ihn eindringlich an, im Bemühen etwas Verräterisches in seinen Augen zu erkennen. Nicht zum ersten Mal frage ich mich, ob er seine Worte ernst meint, oder ob er solche Dinge sagt, um auf diese Weise das zu bekommen, was er will. Weiss er, dass ich seinem Charme völlig erliege? Dass ich nicht anders kann, als mich in ihn zu verlieben? „Oliver...“
„Haben Sie schon etwas gewählt?“ unterbricht mich ein anderer Kellner, als der der uns an den Tisch begleitet hat, was mir sehr gelegen kommt.
„Ich hätte gerne die Spargelcrèmesuppe.“
„Für mich das Fischgericht.“
„Möchten Sie noch eine Flasche Wein dazu?“
„Bringen Sie uns eine Flasche Vega Sicilia.“
„Kommt sofort.“ Der junge Kellner geht mit eiligen Schritten Richtung Küche und verschwindet hinter einer Pendeltür.
„Was wolltest du mir sagen?“ Oliver nimmt zu meiner grossen Verzweiflung das Thema von vorhin wieder auf.
Ich sollte ihm auf der Stelle sagen, was ich fühle, dass ich nicht verletzt werden möchte, aber mein Mut lässt mich vollkommen im Stich. Ein Blick auf ihn und ich wünsche nichts sehnlicher, als in seinen Armen zu liegen, ihn zu küssen, zu berühren, zu schmecken. Ihm jetzt von meinen Gefühlen, die ich selbst nicht richtig verstehen kann, zu erzählen, würde mich weit von meinem Wunsch, der sich hoffentlich nach unserem gemeinsamen Essen erfüllt, entfernen. Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass auch Oliver nach unserem Restaurantbesuch, die gleichen Absichten hegt, wie ich.
„Ich kann meine Nachspeise kaum erwarten.“ Ich sehe ihm direkt in die Augen und befeuchte mit meiner Zunge langsam meine Lippen. Wenigstens habe ich ihm einen Teil davon erzählt, was mir im Kopf herumschwirrt.
Oliver greift über den Tisch und legt seine Hand auf meine. „Ich bin ganz deiner Meinung.“ Er lächelt mir verschmitzt zu. „Das Kleid steht dir hervorragend. Es unterstreicht die Farbe deiner Augen, die ein wunderschönes grün besitzen.“
Ich fühle mich wie ein kleines Mädchen, dass noch nie ein solches Kompliment erhalten hat und spüre, wie die Hitze meine Wangen dunkel färben. Dank dem schwachen Kerzenschein, das uns uns etwas Licht an unserem Tisch spendet, kann Oliver meine Verlegenheit nicht ansehen.
Der Kellner bringt uns die bestellte Flasche Rotwein, füllt etwas davon in Olivers Glas ein, der das edle Nass darin schwenkt und genüsslich probiert.
„Ausgezeichnet.“ Oliver stellt sein Glas wieder auf den Tisch, woraufhin der Ober unsere beide Gläser mit dem roten Getränk füllt.
„Das Essen wird gleich serviert, Herr Falk.“ teilt uns der Mann mit dem weissen Hemd und schwarzer Hose mit und verschwindet aus unserer Hörweite.
„Macht es dir nichts aus, dass man dich überall erkennt?“ Überall wo wir hingehen, wird Oliver mit seinem Namen angesprochen und man bringt ihm einen gewissen Respekt entgegen.
„Zugegebenermassen hatte ich anfangs so meine Schwierigkeiten. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran und solange sie dich in Ruhe lassen, ist alles in Ordnung.“
„Und wenn dir jemand zu nahe kommt?“
„Für das habe ich meinen Bodyguard.“ Oliver dreht sein Gesicht in jene Richtung, in der sich Mitchell befindet.
„Geht er überallhin, wo du hingehst?“
„Worauf willst du hinaus?“ Er sieht mich mit einem kühlen Blick an.
„Hat er keine Familie, Freunde, Bekannte?“
„Wir haben das schon geregelt. Diesbezüglich brauchst du dir keine Sorgen zu machen.“ Damit scheint diese Sache für ihn abgeschlossen zu sein.
„Hast du schon Erfahrungen mit Stalkerinnen gemacht?“
„Ja, sie sitzt mir gegenüber.“ Sein Lachen klingt herrlich und befreit, das aus seiner Kehle dringt und es macht mich glücklich, dass er sich mir gegenüber so unbeschwert benimmt.
Auch wenn er mir ausweicht und keine klare Antwort gibt, hacke ich nicht länger nach und geniesse seine entspannte Stimmung. Aber irgendwann möchte ich mehr darüber erfahren.
Das Essen schmeckte hervorragend und der Wein vollbrachte den Rest. Ich fühle mich beflügelt und frei von meinem plagenden Wissen, das seine Vergangenheit betrifft. Es ist mir bewusst, dass ich irgendwann mit ihm darüber reden muss, bevor mich die Schwere dieser Last erdrückt. Oder schlimmer noch, dass er aus einem anderen Grund erfährt, dass ich seine düstere Kindheit kenne.
Während wir auf der Rückbank kaum die Hände voneinander lassen können und uns mit Küssen übersäen, fährt Olivers Bodyguard zu mir nach Hause.
Unser Atem geht immer schneller und abgehackter und unsere Erregung steigert sich ins Unermessliche.
„Ich möchte dich spüren.“ flüstert Oliver in mein Ohr. „Ich kann mich kaum noch beherrschen.“
Ich rücke etwas von ihm ab und sehe ihn an. „Nein. Solange wir nicht alleine sind, passiert nicht mehr als fummeln. Komm das nächste Mal ohne dein Leibwächter.“
Olivers Mundwinkel wandern in die Höhe. „Das meine Süsse werde ich in meinem Gedächtnis behalten.“ und küsst mich heiss und innig.
Ein Räuspern zerrt uns aus unserer intimen Umarmung. Erst jetzt bemerke ich, dass wir uns gar nicht mehr bewegen, sondern vor meiner Wohnung stehen. Mitchell ist bereits ausgestiegen und hält Oliver und mir die Tür auf.
„Sie brauchen nicht hier unten zu warten. Ich melde mich bei Ihnen.“ sagt Oliver seinem breitschultrigen Bodyguard und zerrt mich im selben Moment mit sich.
„Endlich.“ stöhnt er an meinem Hals, als ich die Wohnungstür hinter uns verschlossen habe.
„Möchtest du etwas trinken?“ frage ich ihn, während ich meine Sandaletten von den Füssen streife.
„Von dir.“ Er hebt mich mit einer Leichtigkeit hoch und läuft mit schnellen, entschlossenen Schritten in mein Schlafzimmer. Als wäre ich das Kostbarste auf der Welt, legt er mich sanft auf das mit Satin bezogene Bett.
Er lächelt mich frech an und greift nach meinem Rocksaum. Gekonnt streift er mein Kleid über den Kopf und kann seinen Blick nicht mehr von meinem, nur noch mit Unterwäsche bekleideten Körper, abwenden. Der Glanz der in seine Augen tritt und das traumhafte Ozeanblau noch intensiviert, lässt mein Herz schneller schlagen.
Er befreit sich schnell von seinen Kleidern und während er seine Hose aufknöpft, entledige ich mich der Spitzenunterwäsche, die ich heute Morgen sorgsam ausgewählt und wie mir gerade bewusst wird, nur aus einem Grund angezogen habe. In der Hoffnung, dass Oliver mich besuchen kommt.
Er legt sich auf mich. Seine harte Erektion, die nicht zu ignorieren ist, drückt an meinen Bauch.
Mein Verlangen steigert sich ins Grenzenlose, als er seinen Mund um eine meiner Brustknospe legt und daran saugt.
„Oh bitte, Oliver. Nimm mich. Ich möchte dich in mir spüren.“ bringe ich zwischen meinen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Ohne auf meine Bitte einzugehen, wendet er sich meiner zweiten Knospe zu, die sich ihm bereits voller Erwartung entgegenreckt.
Meine Hände verfangen sich in seinen kurzen Haaren und zerre fein daran. Mein Becken bewegt sich kaum auf und ab, aber es hat genau die Wirkung, die ich herbeigewünscht habe.
Oliver stemmt sich auf seine Ellbogen neben meinem Kopf. Verharrt eine Sekunde und sieht mir tief in die Augen, bevor er seinen erigierten Penis tief in mich stösst.
Wir bewegen uns in einem gleichmässigen Rhythmus. Unsere Lippen suchen ständig die des anderen. Meine Finger krallen sich in seine straffen Pobacken, um ihn noch tiefer in mir aufzunehmen.
„Oh Verena, du bist einzigartig.“ stöhnt er laut auf, als er seine Männlichkeit mit wilden, harten Stössen in mich rammt. Seine Finger suchen nach meinem Venushügel und reiben ihn mit sanften Kreisen. Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen und lasse mich von meinen starken Gefühlen treiben, bis mein Unterleib zu bersten droht. Meine Fingernägel bohren sich in seinen Rücken und als wir gemeinsam dem Höhepunkt entgegen steuern, klammere ich mich wie eine Ertrinkende an ihn.
Ich lächle Oliver an, der nackt ausgestreckt neben mir liegt und mit meinen Haaren spielt. Niemals hätte ich zu träumen gewagt, dass ich irgendwann mein Bett mit diesem fesselnden und geheimnisvollen Mann teile und doch ist es in den letzten dreissig Stunden schon das zweite Mal, dass wir uns in meinem Schlafzimmer befinden und unbekleidet nebeneinander liegen.
Ich küsse Oliver auf die Brust und kuschle mich in seine Armbeuge. Ein Hochgefühl der seltenen Art überkommt mich, als er seine Hand auf mein Hinterteil legt und mich fest an sich drückt. In diesem Augenblick wünsche ich mir nichts sehnlicher, als für immer hier mit ihm liegen bleiben zu können. Dass wir uns angeregt unterhalten, zusammen lachen und uns lieben. Dass uns niemand und nichts voneinander lösen kann.
Welchem Märchen geistere ich eigentlich hinterher? Ich würde gerne glauben, dass ihm unsere Bekanntschaft genauso viel bedeutet wie mir, aber tief in meinem Herzen weiss ich, dass dies nie der Fall sein wird. Ich passe nicht in die Reihe seiner Bekanntschaften, da bin ich mir ziemlich sicher. So wie auch mein Unterbewusstsein sagt, dass ich nur eine kleine Ablenkung, ein kurzer Zeitvertreib für ihn bin.
Mir fallen die Worte meiner Schwester wieder ein. Mach dir nicht so einen Kopf und geniesse diese Zeit. Und eben das mache ich jetzt auch. Ich wische meine unangenehmen Gedanken weg und blicke in sein markantes Gesicht, mit den eindrucksvollsten Augen, die ich je gesehen habe und die mich soeben gründlich mustern.
„Was hat dich dazu bewogen jenen Menschen zu helfen, die nach ihren Familienangehörigen suchen?“
„Es sind nicht nur Familienangehörigen. Es kann sich auch um alte Freunde handeln, die sich irgendwann in ihrem Leben aus den Augen verloren haben.“ entgegne ich ausweichend.
„Das kommt schlussendlich aufs Gleiche an. Aber du hast meine Frage noch nicht beantwortet.“ Oliver dreht sich zur Seite, stützt sich auf seinem linken Arm ab und sieht mich eindringlich an. Ich lege mich auf den Rücken und sehe an die Decke.
„Wo soll ich beginnen?“
„Beim Anfang?“
Es ist zwar kein Geheimnis, warum ich meinen Job mache und doch ist es eine ganz private Geschichte. Ich hole tief Luft. „Vor fünf Jahren ertrug Tina, meine Schwester, den Gedanken nicht mehr, nicht zu wissen, wer ihre leiblichen Eltern sind. Sie hatte das Gefühl, als wisse sie nicht, wer sie ist. Sie bekam einfach keine Ruhe mehr, bis ich ihr angeboten habe ihr zu helfen, nach ihnen zu suchen.“
„Tina ist deine Adoptivschwester?“ fragt er mich ganz überrascht.
„Ja. Was aber nicht heisst, dass ich sie nicht wie eine echte Schwester betrachte. Wir verstanden uns immer gut. Dieses Wissen, dass sie nicht aus gleichem Fleisch und Blut ist, wie ich, hat uns eher zusammengeschweisst als auseinander gebracht.“
„Ist sie nicht älter als du?“
„Du möchtest wissen, warum ich eine Adoptivschwester habe?“ Ich warte seine Antwort gar nicht erst ab. „Meine Eltern versuchten mehrere Jahre ein Kind zu bekommen. Niemand fand einen wirklichen Grund für ihre Unfruchtbarkeit heraus und irgendwann haben sie die Hoffnung aufgegeben ein eigenes Kind zu bekommen und haben sich für eine Adoption entschieden. Tina, die in einem Babyfenster abgegeben wurde, kam mit acht Wochen zu meinen Eltern. Sie umsorgten und liebten sie vom ersten Tag an, an dem sie zu ihnen kam. Sie behandelten sie immer, als wäre sie ihr eigen Fleisch und Blut. Sie waren endlich eine glückliche Familie. Zwei Personen die sich von Herzen liebten, denen nach verzweifelten Versuchen schwanger zu werden, ein Mädchen geschenkt wurde. Nie im Traum hätten sie erwartet, dass meine Mutter zwei Jahre später im Spital liegen würde, um ein Kind zu gebären.“
„Deine Augen bekommen ein ganz besonderes Leuchten, wenn du von deinen Eltern sprichst. Du musst sie wirklich gern haben.“
„Ja. Sie bedeuten mir sehr viel.“
„Bewahre diese Liebe gut in deinem Herzen auf. Behandle Sie wie einen kostbaren Schatz. Denn ein solches Geschenk bekommen nicht alle.“ Obwohl er versucht nicht sarkastisch zu klingen, schwingt doch ein spöttischer Unterton in seiner Stimme mit.
Ich drehe mich zu ihm um, um in sein Gesicht sehen zu können, das zu einer starren Maske geworden ist. Nicht sicher, ob er sich von mir berühren lässt, strecke ich vorsichtig meine Hand nach ihm aus und lege sie auf seine Wange.
„Es tut mir leid, dass du keine solche Geborgenheit in deiner Kindheit erleben durftest, aber du hast...“
„Ich brauche dein Mitleid nicht, Verena.“ Seine Augen haben jeglichen Glanz verloren, den sie noch vor wenigen Minuten besessen haben. Sein Blick wirkt hart und kalt, als er sich aufsetzt. „Ich konnte gut auf die Liebe verzichten, die mir meine Eltern nicht geben wollten. Und ich kann es noch heute. Sieh mich an.“ Er zeigt mit seinem Zeigefinger auf sich. „Ich habe es weit geschafft und das alles ohne die Hilfe meiner Erzeuger. Warum versuchst du eigentlich nicht mehr, mich zu einem Treffen mit meiner Mutter zu bewegen? Es lag dir vor einigen Tagen noch so sehr am Herzen, warum jetzt nicht mehr?“
„Oliver“ sage ich kaum hörbar. Seine Frage bringt mich etwas aus der Fassung, aber überrascht bin ich nicht wirklich. Ich wusste, dass dieser Moment eines Tage kommen wird, nur habe ich gehofft, dass es noch eine Weile dauern wird, damit ich ihm eine ehrliche Antwort geben kann, wozu ich heute noch nicht in der Lage bin, weil mein Mut mich verlassen hat.
Ich verstehe seine Abneigung gegenüber seinen Eltern, aber dass er sich selbst so sehr belügt, macht mich traurig. „Ich wollte dich nicht verärgern. Und ja, du hast es verdammt weit gebracht, worauf du sehr stolz sein kannst.“
Er sieht mich abwartend und fragend an. Fieberhaft suche ich nach einer geeigneten Erklärung. „Weisst du noch, was du mir bei unserem Treffen gesagt hast?“
„Was?“ Er klingt wütend und sieht mich aus zusammengekniffenen Augen an.
„Du hast mir genug deutlich erklärt, dass du deine Mutter weder hören noch sehen möchtest und das habe ich akzeptiert. Es ist ganz allein deine Entscheidung.“
„Da hast du vollkommen Recht.“ Oliver drückt mir einen Kuss auf die Stirn und steht auf, um seine Kleider zusammen zu sammeln.
„Was hast du vor?“ frage ich ihn, während er sich anzieht.
„Es ist schon spät. Ich sollte jetzt gehen.“
„Bleib doch hier. Warum möchtest du schon wieder gehen?“
„Ich kann nicht.“
„Warum nicht? Hat es irgendwas mit dem zu tun, über das wir soeben gesprochen haben?“
„Ich bin seit meinem achten Lebensjahr alleine und das wird sich nicht ändern. Ich brauche meine Freiheit.“
„Wenn du das brauchst, möchte ich dir nicht im Weg stehen. Übernachtest du wieder in einem Hotel?“ Ich kann meine Bedrückung nicht verbergen, aber Oliver scheint es gar nicht zu bemerken.
„Mitchell fährt mich nach Hause.“
Ich begleite Oliver durch meine Wohnung. An der Tür greife ich nach seinem Arm und drehe ihn zu mir um. „Wenn ich dir zu nahe getreten bin, tut es mir leid. Ich wollte mich nicht aufdrängen.“
„Das hast du nicht. Ich melde mich bei dir.“ Er bückt sich zu mir nieder und küsst mich kurz auf den Mund.
Obwohl ich ihm seine Worte nicht wirklich glauben kann und ich mich abgewiesen fühle, lächle ich ihm trotzdem zu, als er mir nochmals einen Blick über seine Schulter zurückwirft, bevor er im Treppenhaus um die Ecke verschwindet.
Ich sollte mich glücklich schätzen, dass so ein Typ wie Oliver Falk mich zur Kenntnis genommen hat. Wir haben einige schöne, interessante Stunden miteinander verbracht, die frei von jeglichen böswilligen Gefühlen oder Gedanken waren. Wir haben viel miteinander geredet, gelacht und uns geliebt und dennoch schlägt mein Herz in einem beunruhigendem Takt, wenn ich an seinen verschlossenen Gesichtsausdruck denke, den er in unserer letzten gemeinsamen Minuten aufgesetzt hatte.
Ich versuche mich von meinem inneren Aufruhr zu beruhigen und nehme eine kühle Dusche, da mein Körper sich immer noch erhitzt anfühlt, von Olivers sanften und wohltuenden Berührungen.
6.
Meine Agenda kündigt mir einen mit Terminen vollgestopften Tag an, als ich einen Blick darauf werfe. In wenigen Augenblicken erwarte ich einen Mann, der laut meinen Angaben nach seinem Bruder sucht, mit dem er seit einigen Monaten keinen Kontakt mehr hatte. Nachdem er mehrmals versucht hatte ihn zu erreichen, wurde ihm mitgeteilt, dass die Adresse und auch seine Telefonnummer nicht mehr gültig seien.
Auch wenn die Vergangenheit meiner Kunden meistens eine traurige Geschichte mit sich tragen, freue ich mich auf die bevorstehende Aufgabe, denn eine Ablenkung von meinem Privatleben kommt mir sehr gelegen. Ich muss die ungewollten Gedanken an den gut gebauten, attraktiven Fussballer wenigstens für eine Weile entfliehen können, sonst bin ich bald verloren.
Jetzt erst mal muss Nils Landert und sein Bruder an erster Stelle stehen, denen ich hoffentlich helfen kann.
Gerade als ich für das nachfolgende Gespräch meine Unterlagen bereit lege, ertönt eine Melodie von meinem Smartphone. Mein Körper verspannt sich augenblicklich und meine Hände fangen an zu zittern, als ich nach meinem Telefon greife, in der grossen Erwartung es Oliver könnte sein, der sich bei mir meldet.
Umso grösser ist die Enttäuschung, nachdem ich den Namen des Anrufers auf meinem Display gelesen habe. Ich möchte mich nicht mit Ron unterhalten, weil er sicherlich merken würde, dass mich etwas bedrückt und ich kann ihm keine Erklärung liefern, ohne dass ich Oliver verrate. Daher lege ich es wieder auf den Pult zurück.
Ich habe keine Lust irgendjemandem eine Rechenschaft über meine Gemütsverfassung abzugeben. Weder meiner Schwester noch Ron. Erstere wurde ich verschont, da heute ihr freier Tag ist, den sie mit ihrem Ehemann zusammen geniesst und Ron konnte ich mit Leichtigkeit wegdrücken.
Die Türklingel schallt vom Empfangsraum hinüber in mein Büro. Ich stehe auf und gehe den näher kommenden Schritten entgegen.
Draussen erwartet mich ein schlanker Mann, mit widerspenstigen roten Haaren, der unsicher um sich sieht, als wisse er nicht, was er hier verloren hat.
„Sie müssen Herr Landert sein.“ Ich strecke ihm meine Hand entgegen und lächle ihm aufmunternd zu.
„Sind Sie Frau Verena Rapone?“
Ich nicke ihm zu. „Folgen Sie mir doch bitte in mein Büro. Also Herr Landert, wie kann ich Ihnen behilflich sein?“ frage ich ihn, als wir uns an meinen Schreibtisch gesetzt haben.
„Ich suche meinen Bruder.“
„Das haben Sie bereits am Telefon gesagt. Ich brauche den Namen Ihres Bruders. Die vollständige Adresse, an der er zuletzt wohnte und alles was Sie sonst noch von ihm haben und wissen.“
Der Mann auf der anderen Seite des Tisches teilt mir alles mit, was ich wissen möchte. Er ist nicht mehr zu bremsen, als er aus der gemeinsamen Kindheit von ihm und seinem Bruder zu erzählen beginnt und lasse ihn sprechen, so lange bis er von sich aus endet.
Aus Erfahrung weiss ich, dass es wichtig für meine Suche sein kann, die Klienten aussprechen zu lassen. Was immer sie sagen wollen, sollen sie es tun, auch wenn es nur dazu dient, um ihrem Kummer Luft zu machen.
„Haben Sie ein Foto von ihm?“ möchte ich von ihm wissen, als er aufgehört hat zu reden.
Herr Landert zieht ein kleines Stück Papier aus seiner Hosentasche und schiebt es mir über den Tisch hinweg zu.
Ich betrachte eingehend das Bild darauf und kann einige Gemeinsamkeiten zwischen dem Mann, der vor mir sitzt und dem, der mir auf dem Foto zulächelt, erkennen.
„Was glauben Sie, hat Georg dazu bewegt, von zu Hause wegzulaufen?“
„Ich zerbreche mir schon während den letzten Monaten jeden Tag darüber den Kopf. Ich nehme an, es hat mit einem Streit zwischen ihm und meinem Vater zu tun. Aber beide schweigen eisern darüber, was bei ihrem Wortgefecht vorgefallen ist.“
„Hatten Sie viel Kontakt mit ihrem Bruder, als er, mild ausgedrückt, ausgezogen ist?“
„Anfangs schon. Er wurde jedoch immer stiller, ruheloser und wollte mir nichts mehr erzählen. Irgendwann bin ich zu seiner Wohnung gegangen. Ich vermisste ihn und wollte ihn sehen. Als ich dann....“ seine Stimme bricht ab.
„Als Sie dann?“ hacke ich nach.
„Als ich dann in seine Wohnung trat, wusste ich, warum er sich so seltsam verhält. Überall lagen leere Bierflaschen und Drogenutensilien herum. Ich erkannte Georg kaum wieder. Früher war er das genaue Gegenteil von dem, was ich an jenem Nachmittag sah. Er war immer perfekt gekleidet, sah gesund und fit aus. Aber an jenem Tag war er unrasiert, ungeduscht und sass in einem Haufen von Essensresten. Danach habe ich mich über eine Woche nicht mehr gemeldet. Ich glaube ich war zu schockiert von seinem Anblick. Es hätte mich nicht davon abhalten sollen, mich bei ihm blicken zu lassen, denn es war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen oder gehört habe. Er ist aus seiner Wohnung ausgezogen. Keine Ahnung wohin oder zu wem er gegangen ist. Bitte helfen Sie mir ihn zu finden.“ Nils Landert sieht mich flehend an. „Ich habe grosse Angst, dass er früher oder später irgendwo in einer Gasse liegen könnte.“
„Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um Georg zu finden.“ versichere ich dem rothaarigen Mann.
Auch wenn ich ihm etwas von seiner Sorge nehmen konnte, so plagt ihn doch eine undefinierbare Unruhe, die er nicht von sich schieben kann. Auch wenn die beiden Männer sich eine längere Zeit weder gesehen noch gehört haben, kann ich den unsichtbaren Faden, der die Brüder zusammenhält spüren, was mir eine gewisse Zuversicht verleiht, den vermissten Bruder zu finden.
Gerade als ich Nils Landert verabschiede taucht Ron in der Tür auf. Etwas überrascht über seinen Besuch gehe ich wieder in mein Büro zurück und bitte ihn, mir zu folgen. Ich sammle die verstreuten Blätter, die ausgebreitet auf meinem Schreibtisch liegen, zusammen und lächle meinem besten Freund zu, den ich schon beinahe mein ganzes Leben kenne.
Wir besuchten dieselben Schulen, lebten bis vor kurzem in derselben Strasse und haben uns nie aus den Augen verloren. Ron, Kimi und ich galten als das sonderbarste und unzertrennliche Trio, in unserer Gegend. Niemand, aber auch wirklich niemand konnte uns etwas anhaben. Bis vor drei Jahren.
Ron unterbricht meine abschweifenden Gedanken, wofür ich ihm sehr dankbar sein kann. „Bist du beschäftigt?“
„Kann man wohl sagen. Was willst du hier?“
„Ich habe gerade Mittagspause und wollte mal nachsehen, wie es meiner Lieblingsfreundin so geht? Du meldest dich nicht mehr, hast keine Zeit und nimmst nicht einmal das Telefon ab. Ich habe schon mehrmals versucht dich anzurufen, aber jedes Mal ertönt die Computerstimme auf deinem Smartphone. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht. Ich melde mich bei Ihnen, so schnell es geht.“ imitiert Ron gekonnt die Stimme auf meinem Anrufbeantworter. „Also meine Süsse, was hält dich so sehr gefangen, dass du keine Zeit mehr für mich hast?“
Ein schlechtes Gewissen ergreift mich, als sich die ozeanblauen Augen von einem überaus charmanten Mann in meine Gedanken brennen, während ich Ron ansehe.
„Sorry. Ich habe gerade viel um die Ohren. Ich werde es wieder gut machen.“
„Dann gehst du heute Abend mit mir aus? Wir könnten zuerst etwas essen und danach in die Burg gehen. Was hältst du davon?“
„Ich weiss nicht...“
„Warum zögerst du? Es ist Freitag. Du solltest dir auch etwas gönnen und dich amüsieren. Wann waren wir das letzte Mal aus?“
„Wir waren doch eben erst in Rheineck und haben bis zum Morgengrauen durchgetanzt.“
Ron lächelt mich an. „Das ist bereits über einen Monat her. Also, was meinst du?“
Mein Telefon, das neben mir auf der Tischplatte liegt, klingelt und dreht sich durch die Vibration im Kreis. Ich habe grosse Mühe meine Verwunderung zu verbergen, nachdem ich einen kurzen Blick auf das Display geworfen habe und den Namen des Mannes lese, der meine Gedanken in den letzten Tagen zu dominieren scheint.
Nur wann habe ich den Namen in meiner Kontaktliste gespeichert? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er mir seine Privatnummer gegeben hat.
„Ich muss kurz ran.“ entschuldige ich mich bei Ron. Nehme mein Telefon in die Hand und gehe ans Fenster.
„Hallo?“ frage ich in den Hörer. Absichtlich nenne ich den Namen nicht. Ich möchte nicht, dass Ron etwas von Oliver erfährt. Jedenfalls jetzt noch nicht, da ich selber keine Ahnung habe, wohin unsere Bekanntschaft uns bringt.
„Ist die Überraschung gelungen?“ fragt mich die tiefe und überaus männliche Stimme, die mir in den letzten Tagen sehr vertraut wurde.
„Ich wusste doch, dass ich sie nicht habe. Wie konntest du meinen Code knacken?“
„Das war ganz einfach.“ Ich kann sein Grinsen, das sich auf sein Gesicht gestohlen haben muss, deutlich in seiner Stimme hören, was jedoch gleich wieder verschwindet, als er weiterspricht. „Verena,“ Er klingt ernst und nachdenklich, was mir eine Gänsehaut verursacht. „Ich reise in zwei Stunden nach Dortmund, da wir morgen ein Testspiel gegen die deutsche Nationalmannschaft haben.“
„Das weisst du bestimmt schon länger, oder?“
„Ja.“ ist seine einfache Antwort darauf.
„Warum hast du es mir dann nicht schon gestern mitgeteilt?“
„Unser Abschied war auch so schon genug getrübt. Da wollte ich nicht noch mehr Salz in die offenen Wunde streuen.“
„Denkst du nun, es ist besser so?“ Meine Laune droht in den Keller zu fliegen und nehme nur knapp das Geräusch hinter mir wahr.
„Ruf mich an, wenn du Zeit hast. Ich muss zurück zur Arbeit.“ verabschiedet sich Ron von mir.
Doch bevor er aus meinem Büro verschwindet, rufe ich ihm nach. „Holst du mich um acht Uhr ab?“
„Geht klar.“ Er dreht sich um und verlässt meine Räumlichkeiten.
Hat er meine Nervosität und die gleichzeitige Freude über den unbekannten Anrufer bemerkt? Seine Mimik wirkt verschlossen und etwas bedrückt, als er aus meinem Sichtfeld tritt.
„Verena?“ ertönt Olivers Stimme aus meinem Smartphone. „Bist du noch da?“
„Ja, natürlich. Ich musste nur noch eben jemanden verabschieden.“
„Wer war das?“
Höre ich da etwa eine gewisse Eifersucht heraus oder wünsche ich mir das vielleicht nur zu sehr? War das möglicherweise sogar meine Absicht, als ich Ron zugesagt habe, mit ihm auszugehen? „Ron.“
„Wer ist dieser Ron?“ Seine Stimme klingt jetzt etwas verärgert und verletzt zugleich.
„Er ist mein bester Freund.“
„Läuft da etwas zwischen euch?“
„Nein. Wir gehen nur zusammen aus. Gib mir einen Grund, warum ich zu Hause bleiben sollte?“ Etwas genervt füge ich hinzu. „Warum sollte ich mich nicht amüsieren?“
„Du kannst alles machen, was du willst. Aber lass mir dir eines sagen. Auch wenn wir nur eine Affäre haben, werde ich mit keiner anderen Frau, als mit dir, ins Bett gehen. Was ich ebenfalls von dir erwarte.“
Mir verschlägt es beinahe den Atem. „Das hältst du also von mir?“ fahre ich ihn enttäuscht an. „Du glaubst also, dass ich allen Männern, die meinen Weg auf irgendeine Weise kreuzen, die Beine breit mache?“ entrüste ich mich und atme heftig ein und aus.
„So etwas habe ich nie behauptet.“
„So hat es aber geklungen.“
„Ich wollte dir nur verdeutlichen, dass es während unserer Beziehung keine andere Frau für mich geben wird.“ versucht er mich zu beschwichtigen, was ihm auch gelingt.
„Ron und ich sind nur gute Freunde.“ beteuere ich ihm ein weiteres Mal. Näher möchte ich nicht darauf eingehen.
„Ich vertraue dir.“ Er klingt ruhig und gefasst, aber seine warnende Drohung, die darin mitschwingt, entgeht mir nicht.
Es bleibt einen Augenblick lang still. Niemand von uns sagt etwas und trotzdem halte ich den Hörer fest an mein Ohr, um ja nichts zu überhören, wenn er etwas sagt.
„Weisst du, was ich jetzt gerne tun würde?“ unterbricht Oliver mit seiner herzbrecherischen Stimme das angespannte Schweigen.
„Sag es mir.“ flüstere ich beinahe.
„Ich würde gerne über deine betörenden Lippen streichen. Sie küssen und schmecken. Dich an mich drücken und an dir schnuppern. Lange deinen Duft einatmen, damit ich für die folgenden Tage deinen Geschmack immer an mir habe.“
Ich bin hin und weg über seine Worte. Wenn mir jemand gesagt hätte, dass dieser weltberühmte Fussballer solche Gedanken haben kann, hätte ich laut herausgelacht. Aber jetzt klopft mein Herz so fest, dass ich schon glaube, es müsse vor Glücksgefühlen zerspringen.
„Wie lange bist du weg?“ Ich versuche unser Gespräch auf eine andere Bahn zu lenken.
„Wir kommen am Sonntagabend zurück.“
„Darf ich dich bei dir zu Hause besuchen?“ frage ich etwas nervös und halte meinen Atem an, während ich auf seine Antwort warte.
„Ich freue mich darauf. Wirst du dir den Match ansehen?“
„Sollte ich?“
„Es würde mir viel bedeuten, wenn ich wüsste, dass du zusiehst.“
„Dann habe ich morgen Abend ein Rendezvous mit meinem Fernseher.“
„Mitchell wird dich am Sonntagnachmittag abholen.“
„Ich brauche keinen Fahrer. Ich werde mit Sicherheit den Weg ein zweites Mal nach Küssnacht finden, auch ohne deinen Bodyguard. Und ausserdem, wer beschützt dich, wenn du unnötigerweise Mitchell zu mir schickst?“ füge ich neckisch hinzu.
Ohne auf meine scherzhafte Bemerkung einzugehen, antwortet mir Oliver in einem ernsthaften Tonfall. „Mitchell ist nicht mein einziger Leibwächter.“
„Ach so. Wie viele sind es denn?
„Das erfährst du noch genug früh.“
Vor nicht einmal einer Stunde bin ich nach Hause gekommen. Mein letzter Termin, oder besser gesagt Treffen, dauerte länger, als ich angenommen habe. Zwar war es anfangs etwas holprig zwischen meiner Kundin und ihrer Tochter, aber mit der Zeit verlief es relativ entspannt. Es bleibt mir nicht mehr viel Zeit, bis Ron kommt.
Ich war schon nahe dran, mein Telefon in die Hand zu nehmen, um Ron für heute Abend abzusagen. Lieber würde ich jetzt einen gemütlichen Abend zu Hause verbringen. Mir ist plötzlich nicht mehr nach feiern und tanzen zumute und trotzdem mache ich mich für den Ausgang fertig. Denn ich möchte Ron nicht noch mehr Dynamit liefern, um auf mich wütend und enttäuscht zu sein.
Schnell ziehe ich mir ein schwarzes Sommerkleid über, das meiner Figur schmeichelt und lege etwas Schminke auf. Gerade als ich meine Haare fertig frisiert habe, läutet es an der Tür. Ich schnappe mir noch kurz meine Handtasche und begrüsse Ron, der schon ungeduldig vor meiner Wohnung wartet.
„Wow, du siehst hinreissend aus.“ Ron lässt seine Blicke auf und ab wandern, als hätte er mich noch nie so gesehen.
„Ich sehe doch aus wie immer?“ und schliesse meine Wohnungstür ab.
„Nein.“ lautet seine schlichte Antwort. „Du strahlst förmlich vor Wohlbefinden.“
Es wird mir etwas bang ums Herz, als ich einen besonderen Glanz in seinen Augen entdecke. Ich wende mich schnell ab und packe spielerisch seinen Arm, wie in alten Zeiten. „Lass uns endlich gehen. Ich habe richtigen Kohldampf.“
„Dann habe ich genau im richtigen Restaurant reserviert.“
Die thailändischen Speisen waren köstlich und wie immer völlig genug. Danach fuhren wir nach Rheineck in unser Lieblingslokal, wo ich nun an der Club Bar stehe und gerade an meinem Cocktail nippe, als ich ein Paar Augen auf mir spüre. Ausnahmsweise nicht die von Ron. Denn der kann heute Abend kaum die Augen von mir lassen, was mich etwas beunruhigt.
Ich blicke mich im Club um und entdecke ihn, am anderen Ende der Bar. Keine Ahnung wer das sein könnte, ich habe ihn vorher noch nie gesehen. Sein Gesichtsausdruck verrät keinerlei Regung, als er bemerkt, dass er mir aufgefallen ist. Er wirkt gross, muskulös und hat etwas düsteres an sich. Ich drehe meinen Kopf weg und hoffe inständig, dass Ron bald wieder auftauchen wird, aber lasse den Typ nicht aus meinem Blickfeld. Es entgeht mir keine Bewegung von ihm, was auch nicht schwer ist, da er nur ab und zu sein Glas an die Lippen führt und mich ununterbrochen beobachtet.
Ich atme auf, als ich Ron sehe, der wieder auf mich zukommt.
„Gehen wir etwas auf die Tanzfläche?“ fragt er mich, als er bei mir angekommen ist.
„Ich habe heute keine Lust.“
„Was ist los mit dir? Sonst kannst du es kaum erwarten, dein Tanzbein zu schwingen. Komm schon.“
„Also gut. Es schadet ja nichts, die vielen Kalorien, die ich vorhin zu mir genommen habe, wieder wegzutanzen.“
„Ganz meine alte Freundin.“ Ron lächelt mir zu, nimmt mich an der Hand und zerrt mich mit ihm. Besiegt gehe ich auf die Tanzfläche und bewege mich im Takt zur Musik. Ich schwinge meine Hüften und bewege meine Arme zu den heissen Beats, die der DJ in voller Lautstärke durch den Club dröhnen lässt. Ich fühle mich wohl. Jedenfalls solange, bis Ron anfängt mich ständig an sich zu ziehen. Es nervt mich und macht mich wütend, dass er seine Hände nicht bei sich lassen kann, obwohl er weiss, dass zwischen uns nichts mehr laufen wird.
Irgendwann habe ich genug und entschliesse mich eine Erfrischung zu holen. Ron folgt mir an die Bar. Kaum bin ich an der Theke, spüre ich ganz genau dieselben starren Augen auf mir, wie schon vor einigen Minuten.
„Siehst du den Typ, der in der anderen Ecke steht?“ frage ich Ron, als wir uns auf einen Barhocker niederlassen. „Er hat ganz kurze Haare, dunkel gekleidet und sieht sehr muskulös aus.“
„Ja, warum? Gefällt er dir?“
„Kennst du ihn?“ möchte ich von Ron wissen ohne auf seine Bemerkung einzugehen.
„Nein. Es sieht nicht so aus, als würde er sich gerade prächtig amüsieren.“
„Er beobachtet mich schon die ganze Zeit, seit wir hier sind.“
„Hat er vielleicht etwas mit einem deiner Fälle zu tun?“
„Das glaube ich nicht.“ Ich sehe abermals zu diesem Typen hinüber und überlege angestrengt, weshalb er mich so unverhohlen beobachtet. „An meiner Arbeit kann es nicht liegen. Es muss einen anderen Grund geben, warum er mich so in sein Visier genommen hat.“
„Soll ich zu ihm gehen und ihn fragen, was er von dir möchte?“ Ron macht bereits einen Schritt auf ihn zu, aber ich halte ihn schnell am Arm zurück.
„Das werde ich schon selbst machen.“
„Soll ich dich begleiten?“
„Nein. Aber bleib in der Nähe. Ja?“
„Na sicher doch.“
Mit einem Kloss im Magen, der sich immer mehr verhärtet und mir mein Unwohlsein noch bestärkt, gehe ich ans andere Ende der Theke. Kurz vor meinem Ziel bleibe ich stehen und sehe ihn unverwandt an, was mich selber sehr überrascht.
Seine Augen wirken noch kühler, als von Weitem. Sein Gesicht verrät keine einzige Gefühlsregung. Er scheint kalt und unnahbar wie ein Stein zu sein. Seine Augen bohren sich in meine und sieht überhaupt nicht überrascht aus, dass ich zu ihm hinübergekommen bin. Mir läuft es kalt den Rücken hinunter, als ich mir sicher bin, dass er etwas von mir möchte. Dass er es tatsächlich auf mich abgesehen hat.
„Was wollen Sie von mir?“ platzt es ohne Vorwarnung aus mir heraus.
„Ich erledige nur meine Arbeit, Frau Rapone.“
Woher zum Teufel weiss er meinen Namen? Hat das alles doch mit einem meiner Fälle zu tun? Ich kann es mir wirklich nur schwer vorstellen. „Woher kennen Sie meinen Namen?“ frage ich ihn mit einer derart ruhigen Stimme, wie es mir nur möglich ist und versuche meine Empörung zu unterdrücken.
„Von meinem Arbeitgeber.“
Ich kann mich kaum beherrschen. Dieser selbstgefällige Ausdruck in seinen Augen gefällt mir gar nicht. „Und wer, verdammt nochmal ist ihr Arbeitgeber?“
„Oliver Falk.“
Habe ich ihn richtig verstanden? Oliver? Sagte er wirklich Oliver? Mir wird beinahe übel, als ich die Worte richtig zusammengereimt habe und stütze mich an der Bar ab.
„Aber...“ mehr kommt nicht über meine Lippen. Tausend Fragen rasen in meinem Kopf umher, aber keine davon erhält in diesem Augenblick eine Stimme. Ich starre den unbekannten Mann entsetzt an, bis ich mich wieder einigermassen gefangen habe.
„Wer sind Sie und warum beobachten Sie mich?“
„Luc Müller.“ Er hält mir seine Hand entgegen.
„Mich brauche ich ja nicht vorzustellen. Sie wissen ganz bestimmt mehr über mich, als dass mir lieb ist.“ und greife nach seiner ausgestreckten Hand. Zum ersten Mal zeigt sich so etwas wie ein freundliches Lächeln auf seinem Gesicht.
„Herr Falk hat mich beauftragt, auf Sie aufzupassen. Das ist alles.“
„Warum?“
„Vermutlich macht er sich Sorgen, dass Ihnen etwas zustossen könnte, wenn wir Sie nicht beschützen.“
„Das brauchte ich bis anhin auch nicht. Warum sollte ich jetzt einen Bodyguard brauchen?“
„Sie treffen sich mit einer sehr berühmten Person. Wenn Sie wüssten, was Menschen unternehmen, um jemandem wie Oliver Falk Schaden zuzufügen, würden Sie meinen Schutz nicht mehr hinterfragen.“
„Es weiss doch gar niemand, dass wir uns treffen? Dass wir uns überhaupt kennen.“
„Wenn Sie sich da mal nicht täuschen. Und ausserdem...“
Als er nicht weiterspricht, sehe ich ihn aus zusammengezogenen Augen an. „Was ausserdem?“
„Ausserdem würde meinem Boss gar nicht gefallen, wenn er sie so gesehen hätte, wie sie eben mit diesem Kerl getanzt haben.“
Ich schüttle nur meinen Kopf. Was bildet sich dieser Mann überhaupt ein? Voller Hochspannung verlasse ich den Club, ohne mich nochmals umzudrehen und nehme mein Smartphone aus meiner Handtasche.
Nach nur dreimaligem Klingeln hebt er ab. „Was fällt dir ein?“ schreie ich in den Hörer. Ich gebe ihm nicht einmal die Gelegenheit mir Hallo zu sagen. Ich bin viel zu wütend und traurig darüber, dass er mich beobachten lässt. „Warum hetzt du mir Meier auf die Versen? Hast du mir nicht noch vor wenigen Stunden gesagt, dass du mir vertraust?“ Meine Stimme klingt sogar in meinen Ohren schneidend kalt und äusserst fremd. Ich entferne mich etwas vom Club, um den neugierigen Blicken der anderen Gäste, die vor dem Gebäude ihre Zigaretten rauchen, auszuweichen und bemerke nicht, dass mir Olivers Bodyguard in sicherem Abstand folgt.
„Hast du Luc also bereits kennengelernt?“
„Was für eine blöde Frage. Natürlich habe ich das. Warum ist er hier?“
„Ich möchte dich in Sicherheit wissen?“
„Vor was? Was sollte schon geschehen? Ich bin mein ganzes Leben lang ohne einen Leibwächter zurechtgekommen. Warum sollte sich das jetzt plötzlich geändert haben?“
„Weil du deine Freizeit mit mir verbringst.“
„Wer sollte schon von uns beiden wissen?“ schreie ich ihn an. „Niemand.“ gebe ich gleich selbst die Antwort auf meine Frage. „Denn wenn wir uns sehen, sind wir die meiste Zeit in meiner Wohnung und vögeln uns um den Verstand. Das ist es doch, was du willst und sonst nichts. Und kaum hast du das bekommen, was du willst, steigst du aus meinem Bett und verlässt mich.“ Keine Ahnung, was in mich gefahren ist. Ich habe kein Recht, Oliver so anzufahren und doch glaube ich, dass ich all meinen aufgestauten Gefühlen freien Lauf lassen musste, die sich in mir angesammelt haben. Vielleicht hätte ich etwas zurückhaltender sein sollen, aber jetzt ist es schon zu spät für irgendwelche Reue.
„Verena, was ist los mit dir? Warum bist du so aufgebracht?“ Oliver klingt äusserst ruhig und beherrscht.
„Ich dachte du vertraust mir.“ schleudere ich ihm abermals an den Kopf. „Du wolltest doch nur wissen, was ich mit Ron mache. Wie wir uns unterhalten, wie wir uns gegenüber benehmen, wie wir miteinander umgehen. Stimmt's? Aus diesem Grund hast du Meier auf mich angewiesen. Warum machst du dir überhaupt solche Mühe? Wir haben nur eine Affäre. Das ist alles. Und wie lange die geht, eine Woche, einen Monat, vielleicht auch länger, das bestimmst du! Du allein.“
„Was habe ich dir angetan Verena?“ Seine Stimme klingt nicht mehr so beherrscht und selbstsicher wie ich es von ihm kenne. Eher bedrückt. „Wirfst du mir vor, dass ich hier in Dortmund bin und nicht bei dir in der Schweiz?“
„Vielleicht.“
„Ich bin Fussballer, verdammt noch mal!“ Jetzt ist er es, der in den Hörer brüllt. „Wir sind in den letzten Vorbereitungen für die Weltmeisterschaft und in gut einem Monat reise ich mit der Schweizer Nationalmannschaft nach Brasilien. Was erwartest du von mir?“ Er macht eine kurze Pause und wartet vergebens auf eine Antwort. „Denk nicht einmal daran, dass ich dich dem Fussball vorziehen könnte.“ fährt er weiter, als ich nichts auf seine Frage erwidere. „Denn das wird nämlich nie geschehen. Dieser Sport ist alles für mich. Entweder du siehst das ein oder wir lassen es gleich bleiben.“
Niedergeschlagen setzte ich mich auf einen der Steine, die den Parkplatz von dem Vorplatz des Clubs voneinander trennen. Er hat völlig Recht. Es steht mir nicht zu ihn dafür zu bestrafen, dass er nach Deutschland reisen musste. Wahrscheinlich bin ich zu sehr bedrückt, dass er mir nicht früher mitgeteilt hat, dass er übers Wochenende verreisen musste. Zu enttäuscht, dass ich ihn drei Tage nicht sehen werde. Deprimiert, dass er mir nicht vertraut, obwohl er mir versichert hat, dass er dies tut. Aber gesagt, ist gesagt. Daran kann ich nichts mehr ändern. Um es nicht noch schlimmer zu machen, beende ich am besten schnell unser Telefonat.
„Gute Nacht Oliver.“ bringe ich gerade noch heraus, ohne dass er die Tränen, die sich einen Weg aus meinen Augen stehlen, in meiner Stimme hören kann.
„Was läuft zwischen dir und Ron?“
„Frag doch deinen Bodyguard.“ Ich drücke die rote Taste und starre noch lange auf mein stilles Telefon, als könnte es mir mitteilen, was ich tun soll.
Ich versuche das ganze Gespräch nochmals in meinem Gedächtnis Revue passieren zu lassen. Aber die Schmerzen in meinem Herzen, trüben meine Sinne so sehr, als dass ich noch einen klaren Gedanken fassen könnte.
Ich wollte Oliver zur Rechenschaft ziehen. Dafür, dass er mich von einem seiner Bodyguards beschatten lässt. Aber wann hat die Unterhaltung eine ganz andere Wendung angenommen? Ich wollte mich nach unserem Gespräch besser fühlen und nicht so fürchterlich einsam, wie in diesem Moment. Ich wollte ihm klar machen, was ich von seiner Kontrolle halte. Dabei habe ich alles kaputt gemacht. Es ist lange her, seit ich mich in den Armen eines Mannes geborgen gefühlt habe. Bei Oliver hatte ich von Anfang an diese wunderbaren Empfindungen. Doch jetzt sollte das schon wieder zu Ende sein? Ich lasse meinen Tränen freien Lauf und bleibe auf dem harten Stein, der sich in meine nackten Beine bohrt, sitzen.
„Was machst du hier draussen in der Dunkelheit? Ich habe dich überall gesucht.“ Ron kniet sich vor mich hin. Schnell wische ich die letzten Spuren meiner vergossenen Tränen von meinen Wangen ab und versuche meinen besten Kumpel anzulächeln, was mir nicht richtig gelingen möchte.
„Bring mich bitte nach Hause.“
Er sagt nichts, sieht mich nur an bevor er mir seine Hand entgegenstreckt und mich auf die Füsse zieht.
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