Читать книгу: «Wikinger - Die Entdecker Amerikas»
Knut Lindh
Vorwort
Es ist eine der spannendsten und abenteuerlichsten Episoden der nordischen Geschichte: Leif Eirikssohns gefährliche Seereise, die ihn vor über tausend Jahren nach Vinland führte. In einem offenen Boot durchquerten Leif und seine Männer eine der nördlichsten Wasserstraßen der Welt und waren somit die ersten Europäer überhaupt, die im später so benannten »Amerika« an Land gingen.
Die Wikinger bauten an der Nordspitze Neufundlands eine Siedlung und wollten sich in dem neuen Land niederlassen, doch dann kam es zu blutigen Zusammenstößen mit Indianern und Inuit (auch Eskimo genannt) – und die Neuankömmlinge zogen sich zurück. Doch wohin? Gingen sie allesamt wieder nach Grönland, oder haben einige vielleicht die amerikanische Ostküste in südlicher Richtung erforscht und sogar Vorstöße ins Innere des Landes gewagt? Haben sie sich mit Indianervölkern vermischt? Leben ihre Nachkommen vielleicht noch heute in Amerika?
Auch das Schicksal der nordischen Grönländer ist ein Mysterium, das Wissen über dieses Volk ist zum Teil in den Wirren der Zeiten verloren gegangen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt sind sie aus ihren kleinen Siedlungen auf Grönland verschwunden. Aber was war mit ihnen geschehen? Wurden sie von den Inuit ermordet? Zwangen die Notzeiten sie dazu, in das von Leif Eirikssohn entdeckte Land auszuwandern? Oder wurden sie von portugiesischen Seeräubern verschleppt und beendeten ihre Tage als Sklaven in Portugal und auf Madeira?
Schon als Kinder hörten wir die Geschichte von Christoph Kolumbus und seiner heldenhaften Seereise zu den karibischen Inseln – sie wurde uns in der Schule erzählt, und in zahllosen Filmen und Fernsehserien sind uns der Genueser Entdecker und seine Taten begegnet. Aber wo bleibt Leif Eirikssohn, der fünfhundert Jahre zuvor unter Einsatz seines Lebens den Weg über das Meer nach Vinland fand, ohne Karte oder Kompaß als Hilfsmittel?
Es ist behauptet worden, daß es sich bei den Berichten über die Fahrten nach Vinland einfach nur um Sagen handele. Der italienische Historiker Gianni Granzotto schreibt 1984 in seiner großen Kolumbus-Biographie, die Wikinger hätten »keine Spuren oder schriftliche Dokumentationen« über ihre Entdeckungen in Amerika hinterlassen: »Die Erinnerung daran, was sie getan oder nicht getan haben, ist kein Teil der Geschichte. Sie lebt nur durch Sagen und mündliche Überlieferung weiter, nur als Hinweis, als eine Vorstellung im Leerraum.«
Granzotto schrieb das zwanzig Jahre nachdem Präsident Lyndon B. Johnson dem einstimmigen Beschluß des US-Kongresses gefolgt war und den 9. Oktober zum Leif Erikson Day ausgerufen hatte.
Seine Formulierung steht außerdem im starken Widerspruch zu einem Artikel, den das US-amerikanische Magazin Time 1999 veröffentlichte, und in dem die Siedlung L’Anse aux Meadows als eine der größten Entdeckungen des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird. Der Artikel basiert auf den Arbeiten von Forschern aus aller Welt, in denen diese Siedlung als Beweis dafür angeführt wird, daß die nordischen Grönländer fast fünfhundert Jahre vor Kolumbus Amerika erreicht hatten.
In einem Interview mit der norwegischen Zeitung Aftenposten sagte der Autor Helge Ingstad im Jahre 1989: »Wir haben bewiesen, daß Kolumbus zu spät gekommen ist. Aber Leif Eirikssohn war zu früh. Seine Leute verfügten ungefähr über die gleichen Waffen wie die einheimische Bevölkerung. Pfeil, Bogen und Speer. Kolumbus hatte Feuerwaffen und war damit den Indianern im Kampf haushoch überlegen.«
Die Seereise des Kolumbus, die diesen zu den karibischen Inseln führte, sollte ganz andere und weiterreichende Konsequenzen für die Entwicklung des amerikanischen Kontinents haben als die von Leif Eirikssohn so viele Jahre zuvor unternommene Expedition nach Vinland. Das neue Land wurde kolonisiert, die dortige Bevölkerung wurde von ihren Jagdgründen vertrieben und weitestgehend ausgerottet, große Reichtümer wurden nach Europa geschafft und eine neue Nation wurde aufgebaut.
Leif Eirikssohns Entdeckung des neuen Landes im Westen hatte keine solchen Folgen. Die Vinlandfahrer wurden von Neugier getrieben, nicht vom Drang, sich neues Land zu unterwerfen. Sie waren Fischer und Bauern, die am nördlichsten Rand Europas ein hartes Dasein fristeten. Ihr einziger Wunsch war es, sich in einem milderen Klima niederzulassen.
Inzwischen können wir unzweifelhaft feststellen: die Vinlandfahrer waren die ersten Europäer, die den amerikanischen Kontinent betraten. Das macht sie zu den Hauptpersonen in einem der spannendsten Kapitel der nordischen Geschichte. Einem Kapitel, das von Reiselust und Neugier handelt, dem Antrieb, der jeder neuen Erkenntnis zu Grunde liegt.
Die Geschichte der Entdeckung Vinlands setzt an einem Sommertag gegen Ende des ersten Jahrtausends ein. Wir befinden uns auf einer Knorre, die von Island nach Grönland segelt. Der Kapitän heißt Bjarni. Er ist vom Kurs abgekommen und weiß nicht, wo er sich befindet. Willkommen an Bord.
Knut Lindh
Teil eins
Vieh stirbt,
Sippe stirbt,
und so sterben auch wir;
der Glanz des Wortes
stirbt nie
in ehrenvoller Nachrede.
aus dem Hávamál
(Sammlung von altnordischen Spruchweisheiten)
Für die altnordischen Eigennamen gibt es keine verbindliche deutsche Schreibweise. So taucht z. B. ein und dieselbe Person in der deutschen Wikinger- und Sagaliteratur auf als: Erich der Rote, Erik der Rote, Eirik der Rote, Eirik den Röde/Røde, Erik den Röde/Røde, Eirik Raudi und Eirik Rauði. (Die Laute þ und ð entsprechen in der Aussprache dem stimmlosen und dem stimmhaften »th« im Englischen.) Für dieses Buch wurde eine Schreibweise gewählt, die dem altnordischen Original möglichst nahekommt, die jedoch auf im Deutschen unübliche Schriftzeichen weitestgehend verzichtet.
Bjarni sieht Land im Westen
Seit drei Tagen hatten sie gute Wetterverhältnisse gehabt und die Insel im Osten war längst hinter ihnen im Meer versunken. Bald müßte das neue Land, das Eirik der Rote Grönland nannte, am Horizont in Sicht kommen.
Bjarni Herjolfssohn verließ sich auf die Anweisungen, die ihm auf Island erteilt worden waren. Er war Kaufmann und ein erfahrener Seemann, und er zweifelte nicht daran, daß seine Peilungen zutrafen und sie sich auf dem richtigen Kurs befanden.
Der Wind legte sich. Bjarni fluchte leise, als die Rah gegen den Mast schlug und eine Welle die Knorre von der Seite her traf. Er schickte die Männer an die Ruder. Es war wichtig, das Schiff quer zu den Wellen zu halten. Er wußte, daß ein Brecher das Schiff sonst sehr schnell mit Wasser füllen konnte.
So kämpften sie einige Stunden und vielleicht auch noch länger gegen die Naturkräfte an. Dann knallte das Rahsegel, das sich ohne Vorwarnung mit neuem Wind gefüllt hatte – der Wind kam von Norden und war kälter als der vorige.
Der Nordwind führte Nebel mit sich. Als Bjarni eine Weile später die Männer am Bug kaum noch erkennen konnte, spürte er, daß die Unruhe aus seinem Kopf in seinen Bauch gewandert war und er befahl, das Segel einzuholen.
Er sprach ein stilles Gebet, er wußte nicht, zu wem. Er hatte von dem neuen großen Gott gehört, den die Mönche aus dem Süden mitgebracht hatten, und der angeblich seine schützende Hand über Seefahrer in Not hielt–aber nur über die, die sich bekehrt hatten und die alten Gottheiten verleugneten.
Sie trieben umher, so, wie es Meer und Wind eben gefiel. Auch die Mannschaft wurde jetzt nervös. Hatte der Kapitän nicht behauptet, daß sie ihr Ziel bald erreicht haben würden? Und sie vor Eisbergen gewarnt? Aber sie konnten weder Eisberge noch Land oder unter Wasser liegende Felsen entdecken. Alle wußten, daß eine zu plötzliche Begegnung mit dem Land, das Grönland genannt wurde, ihren Tod bedeuten konnte. Einer der Männer schrie auf, als vom Bug her ein Knall zu hören war, doch der stammte von einer einzelnen Welle, die plötzlich aufgetaucht war. Tjolders Name stahl sich über Bjarnis Lippen. Keiner an Bord hatte sich zu dem neuen Gott bekehrt, weshalb sie aus dieser Richtung wohl kaum Hilfe erwarten konnten.
Der Tag wich der Nacht und sie wußten nicht mehr, in welche Richtung sie getrieben wurden. Einer der Männer hatte vom Meermann gehört, der angeblich über das Meer vor Grönland herrschte, einem riesigen menschenähnlichen Troll, der einen spitzen Helm auf dem Kopf trug. Einige von den anderen baten ihn, dieses Thema fallenzulassen, und eine Zeitlang schwiegen alle. Wie ein Gespensterschiff glitt die Knorre weiter über das Nebelmeer. Waren sie unterwegs zum Ginnungagap, dem Urraum, dem wilden Wasserfall, an dem die Welt endete? Oder würden sie durch dieses Schattenland treiben müssen, bis Hunger und Durst sie ums Leben brachten?
Ein neuer Tag. Bjarni war in eine Art Halbschlaf versunken, als die Stille von einem Aufschrei zerrissen wurde: Sonne!
Alle starrten in dieselbe Richtung. Dann durchbohrte ein Sonnenstrahl die Nebeldecke, dann noch einer ... und noch einer, bis endlich am Osthimmel die Sonne zu sehen war. Dann kam der Wind, und der Mißmut der Männer verdunstete mit dem Nebel.
Sie segelten den ganzen Tag und die ganze Nacht. Als der neue Tag graute, rief einer der Männer: Land! Alle fuhren herum. Der Rufende stand mittschiffs auf der Backbordseite und hatte die Hand ausgestreckt. Jetzt sah auch Bjarni einen Landstreifen, der sich vage am westlichen Horizont abzeichnete.
»Soll ich den Kurs ändern?«
Diese Frage hatte der Rudergänger gestellt.
Bjarni dachte nach und sagte dann: »Ich rate dazu, dicht an das Land zu segeln. «
Sie änderten den Kurs und näherten sich dem Land.
»Ist das Grönland, Bjarni?«
Der Mann, der diese Frage stellte, starrte eifrig auf die fremde Küste. Als keine Antwort kam, fragte er noch einmal. »Kann das Grönland sein?«
Bjarni schüttelte den Kopf. Dieses Land war nicht gebirgig, wie die Isländer Grönland geschildert hatten. Es war mit Wald bedeckt, und so weit das Auge reichte, sahen sie sanfte Hügelketten.
Dann verschwand diese Küste hinter ihnen, doch am nächsten Tag sahen sie neues Land. Die Männer wurden jetzt ungeduldig, und als sie sich dem Land näherten, fragten sie immer wieder: »Ist das Grönland, Bjarni?« Bjarni gab zur Antwort: »Ich glaube nicht, daß das hier Grönland ist, ebenso wenig wie das Land von gestern. Angeblich gibt es auf Grönland viele hohe Gletscher«. Und alle konnten ja sehen, daß diese Küste flach und bewaldet war.
Die Männer waren des Schiffes nach der langen Überfahrt langsam überdrüssig und sehnten sich danach, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Einige schlugen vor, an Land zu gehen. »Wir brauchen Holz und Wasser«, klagten sie.
Aber Bjarni war auf diesem Ohr taub. »Ihr seid für solche Unternehmungen nicht gerüstet«, sagte er und ließ sie Segel setzen.
Einige der jüngeren Männer murrten und einzelne widersprachen ganz offen, doch Bjarni ließ sich nicht beirren. Sie kehrten dem Land das Heck zu und segelten mit dem Südwestwind. Bald war die fremde Küste hinter ihnen im Meer versunken.
Drei Tage und drei Nächte vergingen. Die erschöpften Männer in dem offenen Holzboot faßten neuen Mut, als sich vor dem Westhimmel abermals Land abzeichnete. Dieses Land wies viele Berge und Gletscher auf. Und da mußte es sich doch um Grönland handeln?
Aber Bjarni rechnete damit, die grönländische Küste im Osten zu sehen, und deshalb sagte er: »Nein, wir fahren weiter. Dieses Land kommt mir ganz und gar unfruchtbar vor. «
Sie holten die Segel nicht ein, sondern fuhren an der Küste entlang und stellten fest, daß es sich bei diesem neuen Land um eine Insel handelte. Danach befahl Bjarni, ein weiteres Mal auf das offene Meer zuzuhalten. Diesmal mit Kurs nach Süden.
Nach einiger Zeit wurde der Wind wieder stärker, und Bjarni bat die Männer, die Segel zu reffen und nicht schärfer zu segeln, als Schiff und Geräte ertragen könnten. Erst nach vier weiteren Tagen und Nächten sahen sie wieder Land.
»Glaubst du, das ist Grönland, Bjarni?«
Die Männer starrten sehnsüchtig auf den Landstreifen im Osten und ihre Erleichterung war groß, als Bjarni antwortete: »Es hat Ähnlichkeit damit, was mir über Grönland erzählt worden ist, und deshalb werden wir hier an Land gehen.«
Eirik der Rote entdeckt Grönland
Eirik der Rote war außer sich vor Wut. Eyolf Saur hatte mehrere seiner Leibeigenen getötet, und kein Ehrenmann könnte die Motive für diese brutale Tat gutheißen. Die Leibeigenen hatten angeblich auf dem Hof von Valthjof, einem Verwandten Eyolfs, eine Lawine ausgelöst, aber war das noch lange kein Grund, sie wie Vieh abzuschlachten. Auf Island kam man nur schwer an neue Sklaven, und sie aus dem Ausland einzuführen, kostete ein Vermögen.
Eirik schwor Rache und brachte bald darauf Eyolf und Valthjofs Gefolgsmann Holmgang-Ravn um. Damit war die Schmach gerächt.
Eirik und seine Familie waren für ihr hitziges Temperament bekannt. Ihre Untaten waren Schuld daran, daß sie auf diesem Außenposten weit oben im westlichen Meer gelandet waren. Die Sagas berichten nicht viel darüber, aber Eirik und sein Vater Thorvald waren einige Jahrzehnte vor der Jahrtausendwende in einen Mord im westnorwegischen Jæren verwickelt gewesen und nach Island geflohen, um sich der Rache zu entziehen. Sie ließen sich in Drangar nieder und hausten dort bis zu Thorvalds Tod. Dann heiratete Eirik Thjodhild und zusammen reisten sie südwärts ins Haukatal, wo sie sich niederließen und Land urbar machten.
Eirik der Rote fühlte sich wohl auf Island, und eigentlich hätten er und Thjodhild sich dort in Sicherheit fühlen können. Sie bekamen drei Söhne. Den ersten nannten sie Leif, und er sollte später als erster Europäer Amerika betreten.
Während der ersten Neusiedlerzeit auf Island gab es keine Gesetze und keine Institutionen, um Konflikte zu lösen, die zwischen den Siedlern entstanden. Es galt das Prinzip Auge um Auge und Zahn um Zahn. Es galt als schmähliches Verbrechen, die Ehre eines anderen Mannes herauszufordern, und wer fürchtete, das Gesicht verloren zu haben, wurde oft zum Mörder.
In dieser Neusiedlergesellschaft, in der Gesetzlosigkeit herrschte und wo die Gefahren hinter jedem Berg und jeder Landzunge auf der Lauer lagen, konnten nur Sippe und Gefährten für Geborgenheit sorgen. Je mehr Verwandte und Freunde man hatte, um so besser stand man da, wenn eine Sippenfehde ausgerufen wurde. Die Pflicht, einen Verwandten zu rächen, kam seiner Sippe zu, und eine Sippe konnte sehr groß sein. Oft bestand enger Kontakt zu Verwandten bis zum siebten und achten Verwandtschaftsgrad.
Aber Eirik hätte eine andere Lösung finden können, als Eyolf Saur und Holmgang-Ravn zu erschlagen. Denn obwohl Island damals noch keine eigene Nation war, waren dort doch Gesetze erlassen und Gerichtshöfe eingesetzt worden, die dann eingreifen sollten, wenn die Inselbewohner ihre Konflikte nicht selber lösen konnten.
Es fing damit an, daß der Neusiedler Ulvljot nach Norwegen geschickt wurde, um sich über die norwegischen Gesetze zu informieren. Nach seiner Heimkehr wurden beim ersten isländischen Allting 930 die Ulvljots-Gesetze angenommen. Zugleich wurden eine gesetzgebende Versammlung einberufen, das sogenannte Lagrett, und ein gemeinsamer Gerichtshof geschaffen.
Doch Freunde und Verwandte blieben weiterhin wichtig, denn es gab keine Institution, die die Urteile durchsetzen konnte. Der Gerichtshof konnte einem Kläger Recht geben, doch sich das Recht zu verschaffen, war weiterhin Aufgabe des Klägers. Aus diesen Gründen war Island zur Zeit Eiriks des Roten weiterhin geprägt von blutigen Sippenfehden.
Sowohl Eyolf als auch Eirik hatten sich über Recht und Gesetz hinweggesetzt, doch Eyolfs Verwandte beschlossen, diesmal den Gerichtsweg zu gehen. Eirik wurde des Mordes an Eyolf und Holmgang-Ravn für schuldig befunden und mußte deshalb das Haukatal verlassen. Er und seine Familie zogen nach Westen und ließen sich in Öksney am Breiðafjord nieder.
Vor seinem Aufbruch jedoch verlieh Eirik seine Bankbretter noch an einen gewissen Thorgest, was zu neuen Streitigkeiten führte, bei denen Eirik im Mittelpunkt stand. Nach einiger Zeit wollte Eirik seine Bretter zurückhaben, doch Thorgest wollte sie nicht mehr herausgeben. Eirik zog mit seinen Männern zu Thorgests Hof und holte sich die Bretter mit Gewalt. Thorgest und dessen Leute setzten ihnen nach und wieder endete die Sache mit einem Blutbad. Zwei von Thorgests Söhnen wurden ermordet und mehrere andere Teilnehmer an der Schlägerei erlitten dasselbe Schicksal.
Es sind oft Kleinigkeiten, die den Lauf der Geschichte ändern – in diesem Fall einige Bankbretter, Bretter also, die vor die Bank gelegt wurden, die im Haupthaus eines altnordischen Hofes an der Wand entlanglief. Da die Bankbretter, um die es hier geht, die Gemüter dermaßen in Erregung versetzen konnten, müssen wir annehmen, daß es sich um ganz besonders schön geschnitzte Exemplare handelte.
Thorgest hatte danach offenbar genug vom Blutvergießen und brachte den Fall vor das Ting. Die Sache endete damit, daß Eirik und seine Männer für vogelfrei erklärt wurden. Das bedeutete, daß sie ihr Eigentum verloren und daß wer immer wollte sie töten durfte, ohne Strafe befürchten zu müssen. Wer ihnen half oder ihnen Unterkunft gewährte, galt danach ebenfalls als vogelfrei.
Es war ein hartes Urteil und Eirik wußte, daß Thorgest ihn überall in Island suchen ließ. Er mußte Island also verlassen, wenn ihm sein Leben lieb war, und er versteckte sich bei seinem Freund Eyolf auf Sviney, während in aller Heimlichkeit sein Schiff seefest gemacht wurde.
»Ich will die Gunnbjörnsschären finden«, vertraute er Eyolf an. »Wenn mir das gelingt, komme ich zurück.«
Eirik bezog sich auf einige Inseln, die Gunnbjörn Ulvssohn einige Jahre zuvor entdeckt hatte, als er den Kurs verloren hatte und nach Westen getrieben worden war. Vermutlich handelte es sich dabei um Inseln in der vor der grönländischen Südküste gelegenen und heute Ammassalik genannten Gegend.
Als das Schiff bereit war, hißten sie die Segel und hielten Kurs nach Norden. Einige von Eiriks Freunden begleiteten ihn bis hinter die Inseln vor Eiriksvåg. Als sie sich trennten, sagte Eirik: »Ich werde euch eine ebenso große Hilfe sein, wenn ich eine Gelegenheit dazu finde und ihr mich brauchen solltet.«
Eirik fand, wonach er suchte, ein Stück Land, das er Midjøkel nannte. Er segelte Richtung Süden an der Küste des neuen Landes entlang und untersuchte, ob es bewohnbar war.
Den ersten Winter verbrachten Eirik und seine Männer auf einer Insel vor der grönländischen Südküste. Das Land war kalt – ein großer Gletscher bedeckte damals große Teile des Binnenlandes. Doch an den Fjorden herrschte ein milderes Klima, und hier gab es ausgedehnte Weidegründe. Die Insel kam denen, die im Sommer vom offenen Meer aus auf sie zuhielten, wirklich grün vor.
Als der Frühling kam, segelten Eirik und seine Männer um die Südspitze des neuen Landes herum und fanden einen geeigneten Wohnplatz an einem Fjord, den sie Eiriksfjord nannten. Es war sehr schön dort, ein Grasteppich breitete sich zu Füßen des schneebedeckten Berges aus und erstreckte sich hinunter bis zum Fjord. Das Wasser war dunkel und tief und verbarg große Fischbestände. Hier war es möglich, sich niederzulassen und zu leben.
Das Wetter wurde wärmer und Eirik segelte ein Stück weit die Westküste hinunter. Unterwegs gab er den Orten, die sie passierten, Namen. Später erforschte er die Küste bis hinauf zum Snæfellsjökull im Norden. Den dritten Winter verbrachte er auf Eiriksinsel in der Mündung des Eiriksfjordes, und als dann der Sommer kam, kehrten sie nach Island zurück.
Die Sagas berichten, daß Eirik das neue Land Grönland nannte, um durch diesen schönen Namen neue Siedler anzulocken. Aber das muß nicht die zutreffende Erklärung sein. Anderen Quellen zufolge hat bereits 831 Papst Gregor in einem Brief an Ansgar, den Apostel des Nordens, der damals als päpstlicher Nuntius für die nordischen Länder fungierte, den Begriff »Groenlandia« benutzt. In diesem Brief teilt der Papst mit, Groenlandia solle dem Bistum Hamburg unterstellt werden. Wenn das zutrifft, dann waren vermutlich schon lange vor Eirik dem Roten Europäer auf Grönland.
Doch Eirik und seine Männer fanden bei ihrer Ankunft in Grönland weder Menschen noch Siedlungen vor – sie fanden nur Spuren der Inuit, die viel früher dort eingewandert waren. Die Vorfahren der heutigen Inuit, das Thule-Volk, erreichten die nordgrönländische Küste ungefähr zur selben Zeit, als Eirik der Rote sich im südlichen Teil des Landes niederließ. Das Thule-Volk kam aus Alaska, und die nordischen Siedler trafen sie später jedes Jahr auf der Jagd in einem Gebiet, das sie Norðrseta nannten, und das vermutlich in der Nähe der Diskobucht an der grönländischen Westküste gelegen hat.
Eirik besaß keinen Hof mehr auf Island, konnte aber den Winter bei Ingolf auf Holmlåt verbringen. Als der Frühling kam, wollte er mit Thorgest abrechnen. Es kam zum Kampf, Eirik wurde besiegt, kam jedoch mit dem Leben davon. Nach diesem Kampf, so heißt es, haben die beiden dann Frieden geschlossen.
Doch Eirik hatte nicht vor, auf Island zu bleiben. Er wollte zu den reichen Weidegründen am Eiriksfjord zurückkehren und er fuhr nicht allein. Insgesamt stachen in diesem Sommer fünfundzwanzig Schiffe von Island aus in westlicher Richtung in See. Vielleicht hatten sich bis zu dreihundert Menschen von Eiriks wunderschönen Beschreibungen von Grönland verlocken lassen. Sie mußten alles mitbringen, was sie im neuen Land für ihren Lebensunterhalt brauchten – Ziegen und Kühe, Pferde, Schweine und Proviant.
Die isländischen Neusiedler begaben sich auf eine gefährliche Reise, und das war ihnen auch bewußt. Im »Königsspiegel«1 wird vor vielen Gefahren im gröndländischen Meer gewarnt. Die nordischen Seeleute waren angeblich dort auf einen Troll gestoßen, den sie havstramb nannten, den Meermann. Es handelte sich um einen riesigen Seetroll, der vor hohem Wellengang und harten Stürmen senkrecht aus dem Wasser auftauchte. Er hatte Schultern, Hals und Kopf eines Mannes, sein Unterleib jedoch wurde von seinen Hüften abwärts immer schmaler. Die einen behaupteten, das Ungeheuer habe einen Fischschwanz, die anderen wollten wissen, daß sein Körper unten spitz zulaufe wie ein Pfahl.
Andere Seefahrer wollten auf margyger gestoßen sein, die im »Königsspiegel« als Meerfrauen beschrieben werden: »Sie waren vom Gürtel nach oben beschaffen wie Frauenzimmer, denn sie hatten große Brustwarzen wie eine Frau, dazu lange Arme und lange Haare, und Hals und Kopf waren in jeglicher Hinsicht denen der Menschen gleich. Die Hände dieses Trollwesens schienen groß zu sein, doch ihre Finger konnten sie nicht trennen, sie waren verbunden durch eine Art Schwimmhaut, wie sie zwischen den Zehen der Seevögel sitzt. Unterhalb des Gürtels sahen diese Wesen aus wie Fische, mit Schuppen, Fischschwanz und Flossen.«
Diese Variante der Meerfrauen hat sich angeblich so verhalten wie der Meermann und ist fast nur vor großen Stürmen aufgetaucht.
Der »Königsspiegel« beschreibt auch die havgjerdinger, die »aussehen wie alle Meeresstürme und alle Wellen, die es in diesem Meer gibt, sie treffen sich an drei Stellen, und dabei entstehen drei Wellen. Diese drei sperren das ganze Meer ab, die Menschen sehen nirgendwo eine Öffnung, und sie sind höher als große Berge und ähneln meist steilen, spitzen Berggipfeln«.
Wir wissen nicht, ob Eirik der Rote und die anderen Auswanderer sich diesen Wesen stellen mußten. Wir wissen aber, daß nur vierzehn Schiffe Grönland erreichten, die anderen erlitten Schiffbruch oder mußten umkehren. Doch die, die Grönlands Küsten erreichten, fanden, was sie gesucht hatten – saftige Weiden, Fjorde voller Kabeljau, Flüsse und Seen reich an Saibling, zeitweise wimmelte es nur so von Vögeln und in Eiriks Land gab es mehr Wild, als sie zu träumen gewagt hatten: Wal, Seehund, Walroß, Rentier und Eisbär. Die Walroßjagd gewann schließlich große Bedeutung – die langen Walroßzähne waren in Europa ebenso begehrt wie Elfenbein und aus der Haut stellten die Siedler Schiffstrossen von hoher Qualität her.
Grönlands neuer Bevölkerung fehlte es nur an einem, nämlich an Holz. Schon damals gab es auf Grönland keine Wälder, nur Weidengestrüpp und vereinzelte Birken, weshalb sie ihre Häuser aus Steinen und Grassoden bauen mußten. Holz für Dachstühle und Pfosten lieferte ihnen vermutlich Treibholz, das an den Stränden angeschwemmt wurde. Der einzige Brennstoff, den sie hatten, war ebenfalls Treibholz, das sie auf ihren Jagdausflügen entlang der Küste sammelten.
Sie ließen sich in der Ostsiedlung im Süden und in der Westsiedlung im weiter nördlich gelegenen Fjordgebiet nieder. Die Siedler wollten am liebsten im Fjordinneren wohnen. Dort herrschte ein milderes Klima als am offenen Meer und es gab die besten Weidegründe. Doch nicht alle dachten so. Einige siedelten sich trotzdem an der Küste an, und auch oben unter dem Eis im Binnenland sind Hausruinen gefunden worden.
In den folgenden Jahren stieg die Bevölkerung an, bis schließlich zwischen dreitausend und sechstausend nordische Siedler dort hausten, verteilt auf etwa dreihundert Gehöfte. Dänische Archäologen haben Überreste von fast all diesen Höfen und außerdem die Ruinen von neunzehn Kirchen und zwei Klöstern gefunden.
Auch Brattahlið, der Hof Eiriks des Roten, und die Kirche, die Thjodhild der Saga nach errichten ließ, nachdem sie sich zum Christentum bekehrt hatte, sind von Archäologen entdeckt worden. Auf dem Friedhof wurden hundertvierundvierzig Skelette gefunden, weshalb wir wissen, daß die nordischen Grönländer gesund und stark waren und für die damalige Zeit auf Grönland offenbar auch ein gutes Leben führten. Ihre Zähne waren arg strapaziert, wiesen aber keine Spuren von Karies auf, und die Männer waren kräftig gebaut und hatten gutentwickelte Muskeln. Die höchste Lebenserwartung lag damals für Männer und Frauen bei etwa fünfzig Jahren, was der allgemeinen Lebenserwartung der nordischen Bevölkerung Skandinaviens jener Zeit entsprach.
Vom Grönland war es nicht weit nach Amerika. Die Davis-Straße, die Grönland und den amerikanischen Kontinent trennt, mißt an ihrer schmalsten Stelle nur zweihundertfünfzig Seemeilen, was für die nordischen Seeleute, die die mindestens fünfzehnhundert Seemeilen lange Überfahrt von Grönland nach Norwegen gewohnt waren, wirklich keine große Herausforderung bedeutete.
Doch ehe Bjarni Herjolfssohn auf dem Weg nach Grönland vom Kurs abgekommen war, wußte in Europa offenbar niemand, daß es noch weiter im Westen ebenfalls Land gab.
Leif Eirikssohn
Das breite Handelsschiff gleitet langsam in den Eiriksfjord. Die Menschen an Land, im Fjordinneren, beobachten es schon, seit es um die Landzunge gebogen ist. Ein untersetzter Mann mit üppigem kohlschwarzen Bart steht am Bug. Als das Schiff das Land fast erreicht hat, wirft er die Trosse einem bereitstehenden Knaben zu.
Ein Handelsschiff aus Norwegen! Darauf haben sie den ganzen Sommer gewartet und die Hoffnung fast schon aufgegeben. Ihr letzter Kontakt mit dem Festland liegt schon nahezu zwei Jahre zurück. Im Vorjahr hat einmal ein isländisches Schiff eine Ladung Korn und Salz gebracht, doch es stach schon zwei Tage später wieder in See, voll beladen mit Walroßzähnen und Fuchs- und Eisbärfellen. Die Waren sollten auf den Märkten weiter südlich in Europa verkauft werden und das Schiff mußte vor Einsetzen der Herbststürme Dänemark erreichen.
Es fällt nicht schwer, sich den jungen Leif vorzustellen, wie er über den Anlegesteg unterhalb von Brattahlið läuft, eifrig bestrebt, Gerüche und Eindrücke aus einer Welt jenseits der Polarinsel in sich aufzusaugen. Sein Vater ist der Neusiedler schlechthin, eine mächtige Person auf Grönland, und wenn Reisende am Eiriksfjord eintreffen ist er derjenige, der bereitsteht, um sie zu empfangen und ihnen Unterkunft zu gewähren.
Worüber sprechen sie wohl am Feuer im Haupthaus des Gehöfts, die nordischen Grönländer und die Kaufleute, die zu Besuch gekommen sind? Sie tauschen Neuigkeiten aus, wie die Menschen das zu allen Zeiten getan haben. Vielleicht erzählt Eirik der Rote von dem reichen Kabeljaufang und den vielen Walrössern, die sie im vergangenen Winter in Norðrseta erlegt haben. Die Weitgereisten berichten von der Christianisierung Islands und davon, wie die grönländischen Waren in den Ländern im Süden aufgenommen werden. Sie erzählen, daß Schiffstrosse aus grönländischer Walroßhaut noch in Spanien verwendet werden, und daß die weißen Falken, die sie bei ihrem letzten Besuch mitgenommen haben, für schwindelerregende Summen an arabische Scheichs veräußert werden konnten.
Leif und seine Geschwister sitzen im Schatten hinter dem Feuer und lauschen. Das hier ist ihre Märchenstunde. Vielleicht hat der Sohn des Neusiedlers schon an der Walroßjagd bei Norðrseta teilgenommen oder die weißen Falken gefangen, die in den warmen Ländern so begehrt sind. Die reiche Tierwelt seiner Heimat ist ein Teil seines Lebens. Schon mehrere Male hat er große Wildrenherden von der Küste durch die Berge ziehen sehen, und Brattahlið wird von Wölfen und Eisbären besucht, weshalb er längst gelernt hat, Achtung vor diesen gefährlichen Tieren zu haben.
Walfang ist nichts für Kinder. Leif hat am Strand gestanden und seinen Vater und dessen Männer mit den riesigen Meeressäugern im Schlepp an Land kommen sehen. Aber am Kabeljaufang darf er sich bereits beteiligen. Manchmal stehen die Fische im Eiriksfjord so dicht, daß sie schon beißen, wenn die Schnur noch nicht ganz im Wasser hängt, und die Flüsse und Seen im Binnenland wimmeln nur so von Saiblingen, die nie gelernt haben, sich vor den Ködern in Acht zu nehmen, die die Grönländer an ihren Haken aus Knochenstücken befestigen.
Die Reisenden finden eine gut organisierte Gemeinschaft vor. Das Haus Eiriks des Roten ist nicht schlechter eingerichtet, als sie es von zu Hause her gewohnt sind. Es ist aus Stein errichtet und mit soliden Wällen aus Grassoden umgeben, die die Kälte aussperren. Das Haus ist lang und rechteckig und hat mehrere Feuerstellen. Eine liegt an der Längswand gegenüber der Tür, und an dieser Feuerstelle sitzen an diesem Abend Eirik, seine Familie und die Kaufleute.
Die Gastfreundschaft ist groß und die Besucher werden mit Rentierfleisch, Seehund, Schneehuhn und Hase traktiert. Zu trinken gibt es skýr, eine Art Quark aus Schafsmilch, der in großen Holzschüsseln aufgetischt wird. Den Gästen wird ungesalzene Butter und Käse angeboten und am Ende gibt es den größten Luxus des Landes – Brot. Auf Brattahlið ist vereinzelt versucht worden Getreide anzubauen, viel dabei herausgekommen ist jedoch nicht. In guten Sommern wächst manchmal im geschützten Teil der Bucht Hafer, aber eine große Ernte ist dabei nicht zu erwarten. Klima und Erdreich sorgen nicht für die nötige Nahrung und nur die Reichsten können sich einige Säcke Mehl kaufen, wenn die Handelsschiffe aus Island und Norwegen vor Anker liegen.
Thjodhild und zwei leibeigene Frauen sind die ganze Zeit am Werk und sorgen für das Wohlbefinden der Gäste. Die Frauen auf Grönland sind an harte Arbeit gewöhnt. Sie bereiten das Essen zu, hüten die Kinder und bessern Kleidungsstücke und Segel aus. Sie spinnen und weben alle Stoffe selbst, sie nähen Stiefel aus Seehundsfell und Wintermäntel aus Rentierfell. Außerdem melken sie die Kühe, buttern und stellen Käse her.
Die Männer liegen allerdings auch nicht auf der faulen Haut. Sie bringen Lebensmittel ins Haus, und wenn sie nicht fischen oder jagen, stellen sie Werkzeuge und Waffen her. Sie gewinnen Eisen aus Erz und schmieden Äxte, Messer, Sensen, Schafscheren, Speere und Pfeilspitzen. Sie haben auch Vorkommen von Speckstein gefunden und verarbeiten diesen zu Töpfen, Kannen, Tranlampen, Schüsseln, Spinnwirteln2 und Webstuhlgewichten.
Große Teile des Sommers werden zum Sammeln von Futter für die Tiere genutzt. Der Winter ist lang und die Kühe müssen in der Regel neun Monate im Stall stehen. Deshalb muß während des kurzen Sommers Futter genug ins Haus geschafft werden.
Frauen und Männer sammeln gemeinsam Treibholz. An den Stränden unterhalb Brattahliðs wird nicht viel angeschwemmt, reichere Beute ist an der Fjordmündung und an der Küste zu finden. Doch Thjodhild sieht, daß sie jeden Tag mehr Holz verbrauchen, als am Strand zu finden ist, und das macht ihr Sorgen.
In dieser Nacht wird nicht viel geschlafen. Sie dürfen ihre Zeit nicht vergeuden, wo sie jetzt endlich einmal Besuch aus Norwegen haben. Vielleicht erzählen sie den Gästen von dem Land im Westen, das Bjarni Herjolfssohn einige Jahre zuvor entdeckt hat? Die Gäste lauschen und staunen. Ist es denn wirklich möglich, daß es dort draußen ein Land gibt, von dem sie noch nie gehört haben? Und warum ist dieser Bjarni nicht an Land gegangen, um sich genauer umzusehen?
Leif hört zu. Viele haben Bjarni seinen Mangel an Wissensdurst vorgeworfen, der ihn von einem Landgang abgehalten hat, und Leif stimmt ihnen zu. Doch niemand auf Grönland bezweifelt, daß Bjarni die Wahrheit sagt, wenn er von diesem Land im Westen erzählt. Er ist ein solider und wahrheitsliebender Kaufmann und hat keinen Grund, Lügen zu verbreiten.
Vielleicht wußten die Grönländer auch, daß Bjarnis Geschichte zutraf, da sie selber das Land auf der anderen Seite des Meeres gesehen hatten – bei gutem Wetter ist es nämlich möglich, von der grönländischen Westküste aus die hohen schneebedeckten Gipfel von Baffin Island zu erkennen.
Wir wissen wenig über Leifs Kindheit und Jugend. Er ist ein erwachsener Mann, als er zum ersten Mal in der Saga Eiriks des Roten erwähnt wird. »Leif war nach Norwegen gesegelt und wohnte dort bei Olav Tryggvassohn. Doch als Leif im Sommer Grönland verließ, wurden sie zu den Hebriden abgetrieben. Sie konnten erst nach langer Zeit wieder loskommen, verbrachten dort also einen Großteil des Sommers.«
Dann wird ausführlich dargestellt, wie Leif sich in eine Frau verliebte, die von hoher Geburt war und Thorgunna hieß. Doch Leif stellte fest, daß sie auch eine begabte Zauberin war, und als sie ihn auf seiner Weiterreise begleiten wollte, war er deshalb skeptisch.
»Leif fragte, ob ihre Verwandten diese Reise denn gestatten würden. Sie erwiderte, das habe nichts mit der Sache zu tun. Leif sagte, er könne keine Frau von hoher Geburt aus einem fremden Land entführen, denn »wir sind nur wenige Männer.« Thorgunna sagte: »Es ist nicht sicher, ob deine Entscheidung so weise ist, wie du glaubst.« – »Das muß ich riskieren«, sagte Leif. »Dann sage ich dir«, erklärte Thorgunna, »daß ich nicht allein bin, denn ich erwarte ein Kind und das ist deine Schuld. Ich gehe davon aus, daß ich einen Sohn gebären werde, wenn es soweit ist. Und obwohl dich das nicht weiter kümmert, werde ich den Knaben aufziehen und zu dir nach Grönland schicken, sobald er zusammen mit anderen Männern auf Fahrt gehen kann. Aber ich sehe voraus, daß dieser Sohn dir genauso viel Nutzen bringen wird wie ich, so, wie wir uns jetzt trennen. Und ich werde nach Grönland gelangen, ehe ich sterben muß.«
Der Saga zufolge setzte Thorgunna ihre Drohung in die Tat um und schickte den Sohn, den sie Thorgils genannt hatte, später nach Grönland. Leif hat ihn angeblich gut aufgenommen und sich zu seiner Vaterschaft bekannt, doch danach wird Thorgils nicht wieder erwähnt.
In der Saga Eiriks des Roten heißt es dann, Leif habe Thorgunna auf den Hebriden verlassen und sei im Herbst in Norwegen eingetroffen. Dort wurde er in die Leibgarde des Königs, Olav Tryggvassohns, eingegliedert, der dem jungen Grönländer große Achtung entgegenbrachte. Einmal soll der König gefragt haben: »Hast du vor, im Sommer nach Grönland zu segeln?« Leif erwidert: »Das werde ich tun, wenn es Euer Wunsch ist.« Der König sagt: »Ich glaube, es wäre gut so. Du sollst in meinem Auftrag fahren und Grönland das Christentum bringen.«
Leif sagt, er werde es versuchen, doch daß dies auf Grönland möglicherweise nicht leicht sein werde. Doch der König sagt, er wisse niemanden, der für diese Aufgabe besser geeignet sei als Leif. »Das Glück wird dich begleiten«, sagt der König. »Dann müßte es so sein, daß Euer Glück auch mir zur Seite steht«, erwidert Leif.
Leif verläßt Norwegen im Frühling und erreicht schließlich auch den Eiriksfjord, doch vorher kommt er vom Kurs ab und findet ein Land, von dem er vorher nichts gewußt hat. Dort wachsen auch Weizen und Reben, die sich selbst gesät haben. Außerdem gibt es Bäume von der Art, die masur genannt wird, und sie nehmen einige Proben mit.
Die Saga berichtet auch, daß Leif auf dem Rückweg nach Grönland einige Männer in einem Schiffswrack findet. Er nimmt sie an Bord und läßt sie den Winter über bei sich wohnen. »Auf diese Weise zeigte er Großmut und guten Willen: er brachte das Christentum ins Land und rettete diese Männer, und deshalb wurde er Leif der Glückliche genannt.«
Wir müssen uns der Grönlandsaga zuwenden, um mehr über Leif Eirikssohns Entdeckung von Vinland zu erfahren, denn in der Saga Eiriks des Roten steht nur, was hier bereits erzählt worden ist. Viele Historiker halten deshalb diesen Teil der Saga Eiriks des Roten für die pure Räuberpistole, die vermutlich ein Geistlicher zweihundert Jahre nach Leif Eirikssohns Landgang in Nordamerika geschrieben hat und die vor allem klarstellen soll, daß die Ehre für die Christianisierung Grönlands Olav Tryggvassohn zukommt.
In der Saga Eiriks des Roten wird die Entdeckung Vinlands nur kurz erwähnt, dann kommt wieder das Hauptthema zur Sprache: die Christianisierung Grönlands. Wir lesen, daß Leif bei seiner Heimkehr nach Brattahlið freundlich aufgenommen wurde und sogleich zur Tat schritt: »Er verkündete das Christentum und den allgemeinen Glauben im Land, zeigte den Menschen König Olav Tryggvassohns Botschaft und erzählte, wieviel Ehre und Herrlichkeit mit den neuen Sitten einhergehe.«
Eirik der Rote scheint sich von seinem alten Glauben nur ungern getrennt zu haben. Thjodhild dagegen bekehrte sich sofort und ließ in Brattahlið eine Kirche errichten, die Thjodhildskirche genannt wurde. Hier trafen sie und die anderen Frischbekehrten sich zum Gebet, das berichtet die Saga, die außerdem erzählen kann, daß Thjodhild nach ihrer Bekehrung ihre ehelichen Beziehungen zu Eirik einstellte, was dem Ehemann natürlich nicht besonders behagte.
Die Saga Eiriks des Roten berichtet weiter, daß Leifs Bruder Thorstein den Versuch unternahm, im Westen Land zu finden, doch daß er und seine Männer vom Kurs abkamen und unmittelbar vor Einbruch des Winters zum Eiriksfjord zurückkehrten. Erst einige Zeit später wurde abermals nach diesem Land im Westen gesucht. Ein Grönländer namens Thorfinn Karlsefni hatte Erfolg und gilt seither als Gründer der ersten nordischen Siedlung in Vinland. Leifs Name wird in diesem Teil der Saga kaum erwähnt.
Vinland, das gute Land
Das Schiff liegt abfahrbereit am Ende des Eiriksfjords. Die Mannschaft ist schon an Bord und wartet darauf, die Leinen loszumachen. Bjarni Herjolfssohn steht am Bug und späht hinüber zu den dunklen Wolken, die den Westhimmel bedecken und in ihre Richtung kommen. Seine buschigen Augenbrauen ziehen sich über seiner Nasenwurzel zusammen. Leif betrachtet ihn vom Land her. Ob Bjarni seine Zusage bereut, sich der Expedition in das neue Land anzuschließen, oder ärgert er sich nur, weil er sich zum Verkauf seines Schiffes hat überreden lassen?
Leif hört hinter sich erregte Stimmen und fährt herum. Zwei Jungen kommen schreiend angelaufen, er kann jedoch kein Wort verstehen. Als sie noch näher kommen, befiehlt er ihnen, zu schweigen. Die Jungen ringen keuchend um Atem und treten dann dicht an ihn heran. Leif schüttelt den Kopf, als er hört, was sie ihm zu sagen haben, er will seinen Ohren nicht trauen: Eirik ist vom Pferd gestürzt und hat sich verletzt. Er wird sie nun doch nicht auf die große Reise begleiten können.
Leif sagt nichts, er dreht sich um und geht mit langen Schritten zum Hof zurück. Dort sitzt sein Vater auf dem Boden und läßt sich von einem Leibeigenen den Fuß massieren. Eirik ist bleich und sieht ziemlich niedergeschlagen aus. Leif denkt, daß sein Vater vielleicht doch recht hatte, als er sich der Reise gen Westen nicht anschließen wollte. Er sei zu alt und solchen Strapazen nicht mehr so gut gewachsen wie früher.
Doch Leif hatte ihn überreden können. »Du bist noch immer derjenige in unserer Sippe, dem das Glück am günstigsten gesonnen ist«, hatte er gesagt und mit dieser Schmeichelei bei Eirik Erfolg gehabt.
Vater und Sohn schauen einander lange an. Schließlich bricht der Alte das Schweigen: »Es ist mir nicht bestimmt, mehr Land zu finden als das, welches wir jetzt bewohnen. Wir werden wohl nicht länger alle zusammen fahren.«
Leif hilft seinem Vater auf die Beine. Eirik legt den Arm um Leifs breite Schulter. Auf den Sohn gestützt hinkt er zu dem Haus, in dem Thjodhild ihn schon erwartet.
Eine halbe Stunde später heißt es: »Leinen los!« Bjarni wirkt jetzt weniger bedrückt. Er lächelt kurz, als der Wind sich dreht, und Leif läßt die Männer das Rahsegel setzen. Schon bald darauf steuern sie in schneller Fahrt auf die Mündung des Eiriksfjords zu.
Sie halten Kurs nach Norden und bleiben dabei die ganze Zeit in Sichtweite zum Land. Leif hat oft mit Bjarni über den Kurs gesprochen und sie sind einer Meinung: Sie werden auf Bjarnis Route zurücksegeln. Wenn sie an der grönländischen Küste entlang die Hälfte der Strecke nach Norðrseta segeln, dann ist die Entfernung zu dem neuen Land jenseits des Meeres nicht mehr groß, meint Bjarni.
Die nordischen Seefahrer hielten sich auf ihren Reisen am liebsten immer in Landsicht. Ihre Navigationskenntnisse erlaubten es ihnen nicht, sich unbesorgt auf das offene Meer hinauszubewegen. Bei klarem Wetter konnten sie mit Hilfe der Sterne stetigen Kurs längs der Breitengrade halten. Eine Reise in Nord-Süd-Richtung dagegen war ein Vabanquespiel, da sie keine Methoden kannten, um die Längengrade zu bestimmen.
Leiv Eirikssohn hatte keinen Kompaß, dieses Gerät wurde in Nordeuropa erst zwei- bis dreihundert Jahre später bekannt, doch immerhin kannte er die Himmelsrichtungen. Die Wikinger teilten das Himmelsgewölbe in rechtwinklige Achsen ein, die wiederum die vier Hauptrichtungen bildeten – Norden, Süden, Osten und Westen. Zwischen diesen Achsen hatten sie vier weitere Richtungen eingefügt, so daß sie sich bei der Navigation an insgesamt acht Richtungen orientieren konnten. Tagsüber hielten sie sich darüber hinaus an die Sonne, nachts an die Sterne. Besonders wichtig für sie war der Polarstern, dieser klare kleine Stern im Kleinen Bären.
Vielleicht hatten Leif und seine Männer eine sogenannte Peilscheibe als Hilfsmittel. Im Jahre 1948 wurden auf Grönland Reste eines Gegenstandes gefunden, bei dem es sich um eine solche Scheibe gehandelt haben könnte. Das Fundstück hatte ein Loch in der Mitte und möglicherweise war ursprünglich ein Handgriff durch die Scheibe geführt worden, der sie horizontal hielt, so daß man sie drehen konnte. Reste eines solchen Handgriffs sind allerdings bisher nicht aufgetaucht, weshalb diese Theorie nur wenig verläßlich ist. Am Rand der Scheibe waren 33 ½ Kerben angebracht, die möglicherweise die Himmelsrichtungen markieren sollten.
Falls die nordischen Seefahrer wirklich solche Peilscheiben benutzten und Leif noch dazu die Tabellen besaß, die irgendwann im 11. Jahrhundert in einem Schriftstück namens Oddi-Tala erwähnt worden sind, konnte er ziemlich genau entlang den Breitengraden navigieren. Eine dieser Tabellen zeigt die Sonnenhöhe im Meridian während eines Jahres, eine andere zeigt die Richtungen von Sonnenaufgang und -untergang. Die Tabellen haben sich als überraschend zutreffend erwiesen. Der Fehlerspielraum betrug lediglich zwei Grad.
Doch in der hellen Sommerzeit war der Sternenhimmel keine große Hilfe und bei Nebel oder bewölktem Wetter ließen sich die Himmelskörper auch nicht zur Navigation nutzen. In der Saga wird als weiteres Hilfsmittel der Sonnenstein erwähnt, ein Stück Kalkspat. Lange Zeit hieß es, die Seefahrer hätten den Stein senkrecht in die Luft gehalten und damit das polarisierende Licht der Sonne eingefangen, um damit die Sonnenrichtung ermitteln zu können. Kritische Forscher heute zweifeln jedoch den ganzen Bericht über den Sonnenstein an. Auf keinen Fall hat es sich dabei um ein sonderlich weit verbreitetes Navigationswerkzeug gehandelt, und wir haben kaum Grund zu der Annahme, daß Leif Eirikssohn und seine Leute über einen solchen Stein verfügten.
Bald sehen sie südlich von Norðrseta vertrautes Land. Bisher hatten sie guten Wellengang und sind von der Strömung an der grönländischen Westküste entlang nach Norden getrieben worden. Bjarni sagt, daß hier die Stelle sei, und Leif befiehlt seinen Männern zu wenden und Kurs auf das offene Meer zu nehmen. Er verspürt die Unruhe im Leib, die Spannung, die Seeleute immer empfinden, wenn sich vor ihnen unbekanntes Fahrwasser auftut.
Niemand weiß, wer zuerst das Land gesehen hat, aber nach einer weiteren kalten Nacht in den Ledersäcken, die nachts als Schlafsack genutzt werden und tagsüber als Aufbewahrungsort für Waffen und andere Habseligkeiten dienen, erwachen alle zum Leben.
Als sie sich dem Land nähern, sehen sie überall hohe Gletscher, und vom Meeresgrund bis zu den Gletschern scheinen sich ununterbrochene Felswände aufzutürmen. Einer der Männer lacht verächtlich. Dieses Land sollte reich an Wäldern und üppigem Weideland sein? Trotzdem hält Leif klaren Kurs auf die Gletscher und bald darauf gehen sie an Land.
Doch das Land ist karg und scheint nichts zu bieten außer Eis und Steinen, weshalb Leif alle wieder an Bord befiehlt. Er lächelt Bjarni spöttisch an und sagt: »Uns geht es mit diesem Land offenbar anders als Bjarni, denn wir gehen immerhin an Land. Ich aber will diesem Land einen Namen geben, und ich nenne es Helluland« (Flachsteinland).
Dann segeln sie wieder aufs Meer hinaus, können jedoch steuerbords die ganze Zeit die nackte, kalte Küste erkennen. Wieder folgen sie der Strömung. Zweimal verlieren sie die Landsicht, doch Bjarni versichert ihnen, daß alles weiterhin seine Richtigkeit hat. Und er soll recht behalten, denn bald kommt neues Land in Sicht. Sie nehmen an, daß es sich bei dem ersten Land um eine Insel gehandelt hat, und nun glauben sie, eine weitere Insel vor sich zu haben. Sie haben noch keine Ahnung, daß sie einen riesigen Erdteil erreicht haben.
Abermals steuern sie das Land an und werfen Anker. Sie setzen ein Boot aus und rudern zum Strand. Hier ist alles ganz anders als in dem Land, das sie Helluland genannt haben. Schon vom Meer aus haben sie Walrösser und Seehunde gesehen und jetzt entdecken sie am Strand eine Herde äsender wilder Rentiere. In mehreren Männern erwacht der Jagdeifer; das muß das Land sein, das sie gesucht haben. Das Terrain ist flach und bewaldet, und so weit das Auge reicht, kann man weiße Sandstrände und seichtes Wasser sehen. Doch Leif schüttelt den Kopf. Hier gibt es doch kein Weideland. Er sagt: »Wir werden dieses Land nach seinem Wesen benennen, und deshalb soll es Markland heißen.« (Waldland) Danach rudern sie zu ihrem Schiff zurück und setzen ihre Reise fort.
Der Wind kommt von Nordosten und schiebt sie an der bewaldeten Küste entlang immer weiter in Richtung Süden. Das Rahsegel strafft sich. Es ist aus Filz genäht, bleibt in der Gischt jedoch trocken. Es ist mit Extrakten aus gekochter Birkenrinde, Pferdefett und roter Farbe imprägniert. Sie halten ein gutes Tempo, bisweilen erreichen sie an die zwölf Knoten, aber das wissen sie nicht, denn sie verfügen über keinerlei Gerät zum Messen der Geschwindigkeit.
Das Meer wird jetzt stürmischer und schlägt gegen die Eichenbretter, die Knorre gleitet jedoch weich über die Wellen. Die Bretter unter der Wasserlinie sind mit Weidenruten und dünnen Baumwurzeln an den Spanten festgebunden und sorgen dafür, daß Boden und Kiel sich allen Bewegungen des Schiffes anpassen und trotzdem nicht undicht werden. Die Bretter oberhalb der Wasserlinie sind mit Eisennägeln befestigt, jedes Brett an der Außenseite des nächst tiefergelegenen, so, wie vernietete Schiffe noch heute konstruiert werden. Auch das unterste Brett ist mit Nägeln befestigt, und zwar am Kiel, nicht an den Spanten.
Bjarni schaut nach vorn. Er wird langsam nervös. Nach seinen Berechnungen müßten sie jetzt Land vor dem Bug haben. Können Sie sich geirrt haben und zu weit hinaus geraten sein oder haben sie die nächste Insel bei Nacht vielleicht unbemerkt passiert?
Eine Sturzwelle schlägt backbords über den Bug. Der Rudergänger umklammert die Ruderpinne, um das Schiff auf geradem Kurs zu halten. Er hat das schon oft gemacht und damit keine Probleme. Auch das Steuerruder ist aus Eichenholz, es ist in einem konischen Block angebracht, der seinerseits am Schiffsrumpf befestigt ist. Durch den Block zieht sich ein Tau – und das wiederum ist auf der Innenseite verankert und hält das Steuerruder vor dem Block fest. An der Reling wird das Steuerruder außerdem durch einen Lederriemen gehalten. Nichts ist dem Zufall überlassen worden.
Der Wind wird stärker. Der Mast ächzt, hält aber stand. Er ruht solide auf der »Alten«, einem festen Eichenblock, der auf den Spanten am Kiel befestigt ist. Außerdem wird er vom »Mastfisch« gestützt, einem Eichenblock, dessen Aussehen seinem Namen entspricht. Er liegt auf den Querbalken und hat in der Mitte Löcher für den Mast.
Leif wird aus dem Schlaf gerissen, als Wasser in seinen Ledersack strömt. Er schüttelt einen Jungen, der neben ihm schläft, und bittet ihn, nachzusehen, ob alle Ruderlöcher dicht sind. Leif folgt ihm mit Blicken, während der Junge die offenen Löcher mit kleinen runden Holzplatten verschließt. Dann schläft er wieder ein.
Als er erwacht, sieht er im Süden Land. Sein Magen knurrt, aber er mag nicht viel essen. Er hat Dörrfisch und Pökelfleisch satt und verzehrt deshalb nur zwei Bissen, die er mit Sauermilch hinunterspült. Er freut sich darauf, an Land zu kommen und Feuer zu machen. Vielleicht wird es an diesem Abend Rentierbraten geben.
Sie erreichen eine Insel, die nördlich des Landes liegt, auf das sie während der vergangenen Stunden zugehalten haben, und werfen Anker. Abermals freuen sie sich auf festen Boden unter den Füßen. Der Wind hat sich gelegt, die Sonne scheint und die Männer sind guter Laune. Einer läßt die Hand über das vom Tau feuchte Gras gleiten und steckt die Finger in den Mund. Etwas so Süßes hat er noch nie gekostet. Die anderen tun es ihm nach und sind ganz seiner Ansicht. Dieses Land, in dem der Tau wie Honig schmeckt, muß etwas ganz besonderes sein.
Aber sie müssen weiter. Hier draußen am offenen Meer gibt es keinen Schutz vor Wind und Wetter. Also segeln sie weiter und erreichen einen Sund, der zwischen der Insel und einer nach Norden zeigenden Landzunge liegt. Sie steuern einen Punkt im Westen dieser Landzunge an, doch hier ist das Wasser zu seicht, und sie bleiben ein gutes Stück vom Land entfernt im Sandboden stecken, obwohl die Knorre nur knapp einen Meter tief im Wasser liegt. Doch jetzt können sie einfach nicht mehr warten, bis die Flut das Schiff wieder flottmacht. Einer nach dem anderen springt über die Reling und läuft auf den Strand zu, wobei das Wasser wild ihre Beine umstiebt.
So weit das Auge reicht strecken sich grüne Wiesen dahin und im Fluß, der in das Meer mündet, wimmelt es nur so von Lachsen. Ein Junge hält stolz einen Fisch hoch. Den hat er mit bloßen Händen gefangen.
Sie sind am Ziel, sie haben das Land erreicht, von dem sie in langen Wintern auf Grönland geträumt haben: vor ihnen liegen Weideflächen mit saftigem Gras für das Vieh, endlose Wälder, Rentierherden, im Meer schwimmt Kabeljau und in den Flüssen Lachs. Hier können sie ein gutes Leben führen, ein viel besseres als in ihrer Heimat.
Sie warten die Flut ab, dann rudern sie zum Schiff hinaus und steuern es in den Fluß und dann weiter zu einem nicht weit vom Strand gelegenen See.
Jetzt folgt eine geschäftige Zeit. Es ist viel zu erledigen, ehe der Winter einsetzt. Zuerst bauen sie sich »Buden«, kleine Grashütten, danach machen sie sich an die Errichtung von wirklichen Häusern. Sie schneiden Grassoden aus, die acht bis zehn Zentimeter dick sind, und legen diese dann aufeinander. Die Wände sind solide, an die anderthalb Meter dick, und halten die Wärme sehr gut. Von festen Balken getragene Baumstämme bilden den Dachfirst, der mit den niedrigen Längswänden durch aus kleineren Baumstämmen gefertigte Querlieger verbunden ist. Das Dach wird mit Rinde isoliert, die dann wiederum mit Grassoden bedeckt wird.
Für das Vieh bauen sie eigene Ställe und legen sich Heuvorräte an. Jetzt kann der Frost kommen, sie sind darauf vorbereitet. Doch zu ihrer Überraschung bleibt er aus. Es ist ein milder Winter, das Gras welkt kaum und das Vieh kann weiter draußen weiden.
Als die Häuser fertig sind, sagt Leif: »Jetzt sollten wir die Mannschaft in zwei Gruppen teilen und dann das Land untersuchen. Die eine Gruppe bleibt hier bei den Häusern, die andere erforscht die Umgebung, darf sich aber nur so weit von der Siedlung entfernen, daß sie abends wieder zu Hause sein kann, und niemand darf tagsüber seine Gruppe verlassen.«
Leif findet es spannend, das neue Land zu erforschen, und wann immer er kann, schließt er sich den Wanderungen an den Stränden entlang und in die tiefen Wälder an. Er zieht gern zusammen mit dem »Türken« los, einem Südländer, den er seinen Pflegevater nennt, und der schon in Leifs Kinderjahren auf Brattahlið gewohnt hat. Niemand weiß genau, woher der Türke stammt. Vielleicht kommt er ja wirklich aus der Türkei und ist ein Nachkomme des Nomadenvolkes, das fünfhundert Jahre zuvor große Teile Zentralasiens unterworfen hat. Vielleicht kommt er auch aus Deutschland, schließlich spricht er ja Deutsch.
Leif mag den Türken sehr, denn der Mann aus der Fremde hat sich liebevoll um ihn gekümmert, als Leif noch ein Kind war. Deshalb ist er sehr besorgt, als sein Pflegevater eines Abends nach einem Ausflug ins Binnenland nicht zur Siedlung zurückkehrt. Leif macht den anderen aus der Gruppe Vorwürfe, weil sie ihn einfach so verloren haben, und er macht sich auf den Weg, um zusammen mit einigen anderen Männern den verschollenen Gefährten zu suchen. Doch sie sind noch nicht lange unterwegs, als der Türke ihnen entgegenkommt. Leif ist erleichtert, erkennt dann aber, daß mit seinem Pflegevater etwas nicht stimmt. Er fragt: »Warum kommst du so spät, und warum hast du die anderen aus den Augen verloren?«
Der Türke redet zunächst länger auf Deutsch, verdreht die Augen und grinst. Die anderen verstehen natürlich nicht, was er sagt. Schließlich wechselt er in die altnordische Sprache über: »Ich bin nicht viel weiter gegangen als ihr. Ich kann euch etwas Schönes erzählen. Ich habe Weinstöcke und Trauben gefunden.«
»Kann das denn stimmen, Pflegevater?« fragt Leif.
»Ja, natürlich stimmt das, denn dort, wo ich geboren wurde, fehlte es weder an Weinstöcken noch an Trauben.«
Die in der Saga erwähnten Trauben in Vinland, dem »Weinland«, haben im Laufe der Jahrhunderte allen großes Kopfzerbrechen bereitet, die versucht haben herauszufinden, wo genau in Nordamerika Leif Eirikssohn und seine Begleiter ihre Häuser errichtet hatten. Wenn sie wirklich Weinstöcke gefunden haben, dann müssen sie, so der Forscher Helge Ingstad, sehr viel weiter nach Süden gelangt sein, als die Reisebeschreibungen in der Saga Eiriks des Roten annehmen lassen. Ingstad weist darauf hin, daß die nördliche Grenze für den Wuchs wilder Weintrauben in Nordamerika in Massachusetts bei ungefähr fünfundvierzig Grad nördlicher Breite liegt.
Aber das stimmt nicht. Die Autorin Vera Henriksen zitiert in ihrem Buch Mot en verdens ytterste grense (»Zur äußersten Grenze einer Welt«) den Franzosen Jacques Cartier, der in den Jahren zwischen 1534 und 1541 dreimal die an der Mündung des St. Lorenz-Stromes unmittelbar im Westen von Neufundland gelegenen Gebiete besucht hat. Er schreibt über »so viele Weinstöcke am Flußufer, daß sie fast aussehen wie von Menschen gepflanzt. Doch da sie weder veredelt noch beschnitten sind, sind ihre Trauben nicht so groß und süß wie unsere.«
Das paßt nun wiederum zu den Erkenntnissen, zu denen Thor Heyerdahl in seinem zusammen mit Per Lilliestrøm verfaßten Buch Ingen Grenser (»Keine Grenzen«) gelangt. Darin erzählt Heyerdahl, daß er auf einer Konferenz auf Island die Frage der in der Saga erwähnten vinländischen Trauben angeschnitten habe, worauf allgemein die Ansicht vertreten wurde, das Wort »vin«3, so, wie es in den Sagas verwendet wird, beziehe sich tatsächlich auf gegorenen Traubensaft und nicht auf Weideland. »Es wurde darauf hingewiesen, daß das Wort ganz anders betont wird, wenn von einer Weidefläche die Rede ist«, schreibt Heyerdahl.
Er berichtet, daß die isländischen Tagungsteilnehmer davon überzeugt waren, daß die Vinlandreisenden wirklich wilde Trauben gefunden hatten. Er erzählt, der Historiker Páll Bergþórsson habe ihm einen Bogen aus seinem Herbarium geschenkt, auf dem wilde Trauben gepreßt waren, die er selber im August 1996 in der St. Lorenz-Bucht gepflückt hatte. Diese Trauben hatte er als Vitis riparia identifiziert, eine wilde Traubenart, die auf Englisch »Riverbank Grape« genannt wird. Dies stimmt mit botanischen Fachbüchern überein, die angeben, daß diese Trauben in so weit nördlichen Gegenden wie der Provinz Québec vorkommen. Aber so weit im Osten wie Neufundland sind sie niemals registriert worden. Das muß jedoch nicht heißen, daß Heyerdahl sich geirrt hat. Vor tausend Jahren herrschte in Neufundland ein milderes Klima als heute und deshalb können die Vitis riparia durchaus vor tausend Jahren, als Leif Eirikssohn in L’Anse aux Meadows an Land ging, dort heimisch gewesen sein. Es ist natürlich auch möglich, daß die Vinlandfahrer die St. Lorenz-Bucht erforscht und dort Weintrauben gefunden haben, auch wenn die Sagas das nicht erwähnen.
Daß so dicht bei den »Leifsbuden« (wie die Häuser der Siedlung später genannt wurden) wilde Trauben gefunden worden sind, ist noch kein Beweis dafür, daß die anschauliche Beschreibung der Sagas über den Traubenfund zutrifft. Es kann jedoch möglicherweise zu neuen diesbezüglichen Untersuchungen anregen.
Aber auch Helge Ingstad bringt gute Argumente für seine Theorie. Er beruft sich unter anderem auf einen Artikel, den der schwedische Sprachwissenschaftler Sven Söderberg 1910 in der Zeitung Sydsvenska Dagbladet veröffentlicht hat. Laut Söderberg gibt es keinerlei Zusammenhang zwischen Weintrauben und dem Namen Vinland, diese Assoziation beruhe auf einem sprachlichen Mißverständnis. Söderberg führt die Silbe »Vin-« in Vinland zurück auf das altnordische Wort vin, das Grasfläche oder Weideland bedeutet.
Ingstad, möglicherweise der Norweger, der zu diesem Thema die Saga am gründlichsten studiert hat, weist in seinem Buch Oppdagelsen av det nye land (»Entdeckung des neuen Landes«) daraufhin, daß es in Norwegen ungefähr tausend Ortsnamen gibt, in denen die Silbe vin in der genannten Bedeutung auftaucht, zum Beispiel Bjørgvin (der alte Name der Stadt Bergen) oder Vinje. Ingstad schreibt: »Der Name Grasland war bei den altnordischen Auswanderern, für die Weideland für ihr Vieh eine Lebensnotwendigkeit darstellte, von höchster Bedeutung.«
Der Name Vinland wird erstmals von dem deutschen Historiker Adam von Bremen erwähnt, der in seinem umfassenden Werk Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum (»Die Geschichte des Bistums Hamburg«), das er vermutlich um das Jahr 1075 vollendete, folgendes schreibt: »Außerdem hat er« (der dänische König Svein Estridssohn) »eine weitere Insel erwähnt, die in jenem großen Meer von vielen aufgesucht worden ist, und die Vinland genannt wird, weil dort Weinreben wachsen, die köstlichsten Wein ergeben.«
Das Werk Adams von Bremen gilt als eine ungeheuer wichtige Quelle für die Geschichte Nordeuropas, in der es jedoch auch zu nachweislichen sprachlichen Mißverständnissen kommt. Adam schreibt unter anderem, die Insel Grönland habe ihren Namen erhalten, weil die dort wohnenden Menschen vom Meer grün gefärbt würden, und die Silbe kvæn im Landschaftsnamen Kvænland sei vom Wort kvinne (norwegisch für »Frau«) abzuleiten, während wir heute wissen, daß sie von den Kvenen herstammt, einer westfinnischen Volksgruppe.
Da Adam von Bremens Buch das erste uns bekannte Schriftstück ist, in dem die Reisen nach Vinland erwähnt werden, ist es möglich, daß seine Fehldeutung von den isländischen Saga-Verfassern übernommen wurde.
In der Wikingerzeit gab es viele Städte in Norwegen, die vin im Namen trugen, und da bedeutete es Gras. Dies kam auch auf Jæren vor, wo Eirik der Rote herstammte. Eirik muß diese Bedeutung des Wortes also gekannt haben und es ist denkbar, daß er sie mit nach Grönland genommen hat.
Immer wieder ist die Frage gestellt worden, woher die anschauliche Beschreibung, die die Saga vom Traubenfund liefert, denn stammen mag, wenn in Vinland gar keine Trauben wachsen konnten. Ist das dichterische Freiheit? Nein, meint Helge Ingstad: »Wenn die Autoren der Sagas von den vinländischen Weintrauben berichteten, dann galt das bei ihnen nicht als Dichtung, sondern als Tatsache, die sich auf ein anerkanntes und gelehrtes europäisches Werk berufen konnte. Die Isländer waren von solchen Informationen sicher begeistert. Nicht nur gelangte ihre Entdeckung damit gewissermaßen zu akademischen Weihen, sondern erhielt auch noch den romantischen Nimbus einer Art Schlaraffenland mit Weintrauben, Mengen von wildwachsendem Getreide und anderen Gütern. Für die Isländer gewannen damit die Unternehmungen ihrer Vorfahren noch einmal neuen Glanz.« Ingstad fügt hinzu: »Es lag sicher auf der Hand, daß diese willkommenen Mitteilungen aus anerkannter Quelle auch zu Unterhaltungszwecken herangezogen wurden. Natürlich fühlten isländische Autoren sich angesichts dieser fesselnden Motive dazu verlockt, ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen.«
Die Diskussionen über den Namen Vinland sind nicht mehr so wichtig, seit das Ehepaar Anne Stine und Helge Ingstad die altnordische Siedlung bei L’Anse aux Meadows freigelegt und damit ein für allemal die genaue Lage Vinlands nachgewiesen hat. Doch die Vinland-Debatte zeigt, welche Bedeutung der korrekten Saga-Interpretation zukommt. Ein Teil der dort beschriebenen Ereignisse und Zustände trifft absolut zu, anderes ist unklar, wiederum anderes ist nachweislich reine Erfindung. Die Verfasser der Sagas waren selber keine Augenzeugen der von ihnen beschriebenen Ereignisse. Ihre Aufgabe war, das, was sie gehört und gelesen hatten, aufzuschreiben, nachdem die handelnden Personen längst verstorben waren. Aber wir dürfen nicht alles glauben, was wir hören oder lesen, schon gar nicht dann, wenn diese Berichte über Generationen von Mund zu Mund weitergereicht worden sind. Außerdem sollten wir nicht vergessen, daß die Verfasser der Sagas manchmal durchaus ein Interesse daran hatten, bestimmte Personen oder bestimmte Ereignisse in einem gewissen Licht zu schildern.
Der erste Winter in Vinland geht dem Ende entgegen. Leif und seine Männer sind mit dem bisher Erreichten durchaus zufrieden. Sie sind an der von Bjarni entdeckten Küste an Land gegangen und haben die Umgebung erforscht. Und sie sind zu einem großartigen Ergebnis gekommen: Hier können wir leben! Jetzt will Leif nach Hause fahren und denen, die auf Grönland warten, die gute Nachricht mitteilen.
Er schaut sich um, als sie die Landspitze am Auslauf des kleinen Fjords umrunden. Er wirft einen letzten Blick auf die Grashäuser oberhalb des Strandes und auf die grünen Wiesen, die sich bis zum Wald im Hintergrund ziehen. Er weiß, daß er eine Leistung vollbracht hat, von der noch lange die Rede sein wird, und er fühlt sich endlich als Mann. Er ist nicht mehr nur der Sohn Eiriks des Roten, des Neusiedlers. Jetzt ist er selber der Entdecker eines neuen Landes. Und er weiß, wie er es nennen wird: Vinland, das gute Land.
Neue Vinlandfahrten
Die Saga hat über das, was Leif Eirikssohn nach dem Verlassen der vinländischen Leifsbuden erlebt hat, nicht mehr viel zu berichten. Wir erfahren lediglich, daß er fünfzehn Schiffbrüchige rettete, die auf einer Schäre vor der grönländischen Küste gestrandet waren, und daß er später als Leif der Glückliche bekannt wurde. Vielleicht liegt das daran, daß Eirik der Rote im Winter nach der Heimkehr der Vinlandfahrer starb, und daß Leif danach von der Leitung des väterlichen Hofes Brattahlið ganz und gar in Anspruch genommen wurde. Es ist jedoch auch möglich, daß Leif sich auch an späteren Expeditionen nach Vinland beteiligt hat, selbst wenn es für diese Annahme keinerlei schriftliche Quellen gibt.
Als die Grönlandsaga die Vinlandfahrten das nächste Mal erwähnt, stehen Leifs Geschwister im Mittelpunkt. Zuerst stellt der jüngere Bruder Thorvald klar, daß er findet, im neuen Land gebe es noch allerlei zu erforschen. Worauf Leif antwortet: »Du kannst mit meinem Schiff fahren, Bruder, wenn du so gern nach Vinland willst.«
Thorvald rüstet das Schiff aus und nimmt dreißig Mann mit. Die Saga erzählt nichts über die Überfahrt, sondern berichtet, daß Thorvald und seine Leute die Leifsbuden erreichen und die Umgebung erforschen, so, wie sie es geplant hatten. In der Grönlandsaga heißt es: »Sie fanden ein schönes, waldreiches Land vor, wo Wald, Meer und weiße Sandstrände nicht weit voneinander entfernt lagen. Es gab viele Inseln und seichtes Fahrwasser. Sie fanden keine Spuren von Menschen oder Tieren, doch auf einer weiter im Westen gelegenen Insel stießen sie auf einen hölzernen Getreidespeicher. Anderes Menschenwerk konnten sie nicht entdecken; sie kehrten um und erreichten die Leifsbuden später im Herbst.«
Thorvald untersucht das neue Land sehr viel gründlicher als Leif das getan hatte. Er und seine Leute überwintern in den Leifsbuden, und im folgenden Sommer segelt dann Thorvald mit einigen Begleitern ostwärts die Nordküste der Insel hoch. Doch sie werden von einem Unwetter überrascht und der Kiel bricht, als sie auf eine Landspitze auflaufen. Als das Schiff repariert ist, sagt Thorvald: »Jetzt wollen wir den Kiel auf dieser Landspitze aufbauen und sie Kjalarnes (Kielspitze) nennen.«
Sie lassen den zerbrochenen Kiel liegen als Denkmal des ersten ernsthaften Unfalls, der ihnen im neuen Land widerfahren ist.
Sie segeln weiter ostwärts an der Küste entlang und steuern den ersten Fjord an, den sie entdecken. Sie finden eine bewaldete Landspitze und legen am Ufer an. Thorvald gefällt, was er sieht, und er sagt: »Hier ist es schön, hier würde ich gern meinen Hof errichten.«
Diese Aussage weist darauf hin, daß Thorvald nicht in erster Linie eine Entdeckungsreise machte, sondern einen Ort suchte, an dem er sich später niederlassen konnte. Er wollte zu einem Neusiedler werden, wie es die Norweger einige Generationen zuvor auf Island gewesen waren, und wie sein Vater es auf Grönland wiederholt hatte. Vermutlich wollte er nach Grönland zurückkehren, um Verwandte und Freunde zu holen und mit ihnen in dem neuen Land eine lebensfähige Gemeinschaft zu gründen. Sein Bruder Leif besaß ja schon einen Hof auf der anderen Seite der Insel, die jedoch noch viele andere Menschen ernähren könnte.
Die Reisebeschreibung, die wir in der Grönlandsaga vorfinden, stimmt durchaus mit der Topographie der neufundländischen Ostküste überein. Bei der von Thorvald Kjalarnes benannten Landspitze kann es sich um Cape Bauld an der Nordspitze der Insel handeln, und wer von dort nach Südwesten segelt, erreicht zunächst einen und später noch einen weiteren Fjordarm.
Doch die Idylle auf der schönen Landspitze nimmt ein jähes Ende, als sie auf den weiter zum Inselinneren hin gelegenen Sandstränden drei seltsame Gegenstände entdecken. Laut der Grönlandsaga gingen sie hin und stellten fest, daß es sich um drei aus Häuten hergestellte Boote handelte, unter denen jeweils drei Männer lagen. Sie teilten sich in Gruppen auf und nahmen alle gefangen, bis auf einen, der mit seinem Boot entfliehen konnte. Sie töteten die acht Gefangenen und kehrten danach auf die Landspitze zurück; von dort sahen sie weiter hinten am Fjord einige Erhöhungen, bei denen es sich durchaus um Wohnstätten handeln konnte.
Das war die erste Begegnung der nordischen Seefahrer mit dem Volk, das sie später »Skrälinger« (Schwächlinge) nannten. Es bleibt nicht bei dieser ersten Konfrontation, denn schon bald tauchen aus dem Fjordinneren Unmengen solcher Boote auf und gehen zum Angriff über. Thorvald fürchtet offenbar ein Blutbad, denn er sagt: »Wir müssen die Brustwehr auf der Bootsseite befestigen und uns nach besten Kräften verteidigen, dürfen aber nur wenig zurückschlagen.« Die Männer gehorchen, und die Skrälinger beschießen sie eine Weile mit Pfeilen, dann ziehen sie sich zurück.
Thorvald fragt, ob jemand von ihnen verwundet sei, doch die Pfeile der Skrälinger haben nur ein einziges Opfer gefunden, nämlich Thorvald, wie sich nun herausstellt. »Ich habe eine Wunde unter dem Arm«, sagt er. »Zwischen der Schiffsseite und meinem Schild flog ein Pfeil unter meinen Arm, hier ist er. Er kann durchaus zu meinem Verhängnis werden. Deshalb befehle ich, daß ihr euch so rasch wie möglich zur Abfahrt bereit macht, daß ihr mich jedoch zu der Landspitze bringt, auf der ich mich so gern niedergelassen hätte. Mag sein, daß eine gewisse Wahrheit in den Worten lag, die mir dort entschlüpft sind, nämlich daß ich mich für eine Weile dort aufhalten werde. Dort sollt ihr mich begraben und mir zu Häupten und zu Füßen je ein Kreuz errichten und den Ort sollt ihr dann auf ewige Zeiten Krossanes (Kreuzspitze) nennen.«
Thorvald stirbt und seine Männer erfüllen seinen letzten Willen. Danach segeln sie zu den Leifsbuden zurück und verbringen dort den Winter. Im folgenden Frühling kehren sie nach Grönland zurück, voller neuer Eindrücke, jedoch ohne ihren Anführer.
Die Saga Eiriks des Roten, die als die dichterisch freizügigere der beiden Sagas über die Vinlandfahrten gilt, enthält eine dramatischere Version der Ereignisse um Thorvald Eirikssohns unerwarteten Tod. In dieser Saga steht nichts darüber, daß Thorvald seine eigene Expedition nach Vinland ausgerüstet habe, sondern er erscheint hier als einer der vielen Teilnehmer an der Reise, die zwei Jahre später unter der Leitung von Thorfinn Karlsefni stattgefunden hat. Obwohl der historische Gehalt dieser Saga eher zweifelhaft ist, können wir ihrem Autor seine literarischen Fähigkeiten nicht absprechen:
Seiner Darstellung nach entdeckten eines Morgens Karlsefni und seine Leute oberhalb der Rodung einen Flecken, der sie anzufunkeln schien; sie riefen hinüber, und der Flecken bewegte sich. Es handelte sich um einen Einfüßler, der sich auf sie zuschob. Thorvald, der Sohn Eiriks des Roten, saß am Steuer, und der Pfeil des Einfüßlers traf ihn im Dünndarm. Thorvald zog den Pfeil heraus und sagte: »Fett sind meine Eingeweide, wir haben ein gutes Land gefunden, doch es ist die Frage, ob wir daran Freude haben werden.« Gleich darauf erlag Thorvald seiner Verletzung. Der Einfüßler jagte gen Norden davon. Sie nahmen die Verfolgung auf und erhaschten von Zeit zu Zeit einen Blick auf ihn, während er zu entkommen versuchte; am Ende sprang er in eine Bucht. Sie drehten um, und einer der Männer verfaßte folgendes Lied:
Männer folgen
– das ist wahr –
dem Einfüßler
bis an die Küste.
Ein seltsamer Mann
suchte die Flucht,
groß war sein Eifer,
hör dies, Karlsefni!
Der Einfüßler wird in der europäischen Erzählkunst hier nicht zum ersten Mal erwähnt. Bereits im 7. Jahrhundert finden wir ihn in den Werken eines mittelalterlichen Gelehrten, nämlich in denen des Erzbischofs Isidor von Sevilla. Auch Adam von Bremen erwähnt ihn in einem seiner Werke an die vierhundert Jahre später: »Es gibt die Wesen, die Solinus ›Ymantopedes‹ nennt (einfüßige Menschen), die auf einem Fuß einherspringen und Menschenfleisch fressen. Man sollte ihnen aus den Weg gehen und ihre Existenz verschweigen.«
Adam von Bremen bestätigt hiermit, daß der Mythos des Uniped – des Einfüßlers – alt und zählebig ist, denn er bezieht sich auf den römischen Historiker Solinus, der in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts n. Chr. gelebt hat.
Auch der Bericht über den Pfeil, den Thorvald Eirikssohn sich eigenhändig aus dem Körper zieht, ist älter als die Saga Eiriks des Roten. In der Saga Olavs des Heiligen ist die Rede von einem gewissen Thormod Kolbrunarsskalden, einem Gefolgsmann des Königs, der während der Kämpfe gegen das Bauernheer von einem Pfeil getroffen wird. Der Pfeil steckt in seiner Brust, und danach heißt es: »Darauf nahm Thormod die Zange und riß den Pfeil heraus. Der Pfeil hatte Widerhaken, und an denen hingen Fasern seines Herzens, einige waren rot, andere weiß. Als er das sah, sprach er: ›Gut hat der König uns genährt, noch bin ich fett an den Herzwurzeln.‹ Als er das gesagt hatte, ließ er sich zurücksinken und starb.«
Wir können getrost davon ausgehen, daß sich diese weitgehenden Übereinstimmungen zwischen beiden Episoden damit erklären lassen, daß der Verfasser der Saga Eiriks des Roten sich einen kleinen literarischen Diebstahl gestattet hat, was unter den Erzählern der damaligen Zeit durchaus nicht unüblich war.
Eirik der Rote hatte noch einen dritten Sohn, Thorstein. Als Thorstein vom dramatischen Ende seines Bruders erfuhr, wollte er nach Vinland reisen und dessen Leichnam nach Hause holen. Auch er durfte Leifs Schiff benutzen, und er machte sich mit fünfundzwanzig Gefolgsleuten sowie seiner Frau Gudrid Thorbjörnstochter auf den Weg.
Doch auch Thorstein war das Glück nicht günstig gesonnen. In der Grönlandsaga heißt es: »Sie irrten den ganzen Sommer hindurch auf dem Meer umher und wußten nicht, wohin es sie führte. Als eine Woche des Winters vergangen war, gingen sie am Lysefjord in der grönländischen Westsiedlung an Land.«
Sie können am Lysefjord überwintern, Thorstein und Gudrid werden bei einem gewissen Thorstein dem Schwarzen einquartiert. Doch das Glück ist ihnen noch immer nicht hold. Viele der Männer Thorstein Eirikssohns werden von einer Seuche dahingerafft, schließlich erleidet Thorstein ebenfalls dieses Schicksal.
Damit ist die Saga der Vinlandreisen jedoch noch nicht zu Ende, denn im folgenden Sommer trifft ein Schiff aus Norwegen ein. Der Kapitän ist ein Isländer namens Thorfinn Karlsefni, der wohlhabend ist und einer vornehmen Sippe entstammt. Er verliebt sich in Gudrid, Thorstein Eirikssohns Witwe. Es kommt zu keiner langen Verlobungszeit, denn noch im selben Winter findet die Hochzeit statt.
Karlsefni ist eigentlich Kaufmann, entwickelt aber bald Interesse an den Vinlandreisen, von denen auf Grönland immer wieder die Rede ist. Die Grönlandsaga berichtet, daß Gudrid und die überlebenden Männer ihn überreden wollen, eine Reise nach Vinland zu unternehmen: »Die Reise wurde also vereinbart, und er suchte aus, wen er mitnehmen wollte, sechzig Männer und fünf Frauen. Karlsefni und seine Männer kamen überein, etwaige Beute gleich unter alle aufzuteilen. Sie nahmen alle Arten von Haustieren mit, denn sie wollten sich nach Möglichkeit im neuen Land niederlassen. Karlsefni bat Leif um dessen in Vinland gelegene Häuser, doch Leif erwiderte, er könne sie gerne benutzen, schenken wolle er sie ihm jedoch nicht.«
Dann segelte auch Karlsefni gen Westen und im Gegensatz zu Thorstein Eirikssohn fand er ohne große Probleme den Weg zu den Leifsbuden. Wenn wir der Saga Glauben schenken wollen, dann nahm das neue Land sie gastlich auf. Gleich unterhalb der Häuser war ein Wal gestrandet, von dem sie sich ernährten. Deshalb litten sie während des ersten Winters keine Not. Die reiche Natur bot ihnen genug Fisch, Wild und andere Güter.
Karlsefni hatte von den Skrälingern gehört, die Thorvald Eirikssohns Leben auf dem Gewissen hatten. Vielleicht behielt er deshalb die Ruhe bei, als eines Tages plötzlich eine Schar von Eingeborenen aus dem Wald zum Vorschein kam, wie es in der Grönlandsaga beschrieben wird:
Demnach stand das Vieh gleich in der Nähe und die Ochsen brüllten gewaltig los, was den Skrälingern solche Angst einjagte, daß sie mit ihren Waren, nämlich allerlei Fellen und Lederwaren, die Flucht ergriffen. Sie rannten auf Karlsefnis Siedlung zu und wollten in die Häuser eindringen, doch Karlsefni hatte an den Türen Wachen aufstellen lassen. Keine Seite konnte auch nur ein Wort dessen verstehen, was die anderen sagten. Daraufhin ließen die Skrälinger ihre Bündel fallen, öffneten sie und boten an, ihre Waren gegen Waffen einzutauschen, doch Karlsefni verbot es seinen Männern, ihre Waffen herzugeben. Er ersann einen anderen Ausweg, er bat die Frauen, den Skrälingern ihre Milchprodukte zu zeigen. Als sie diese gesehen hatten, wollten die Skrälinger diese und nichts anderes mehr erhandeln. Und so kam es, daß die Skrälinger ihre Einkäufe in ihren Mägen davontrugen. Karlsefni und seine Leute dagegen behielten die Felle und Lederwaren der Skrälinger. Nach diesem Handel zogen die Skrälinger sich zurück.
Wer waren diese Einheimischen, die die Fremden aus dem Osten so verächtlich als »Schwächlinge« bezeichneten? Es gibt zwei mögliche Erklärungen: Bei den Skrälingern handelte es sich entweder um Beothuk-Indianer oder um Inuit. Stuart J. Fiedel schreibt in seinem Buch Prehistory of the Americas, es habe sich bei den Skrälingern aller Wahrscheinlichkeit nach um Beothuks gehandelt. Er begründet diese Ansicht vor allem mit der Schilderung, die die Saga von den Eingeborenen gibt, die Thorvald Eirikssohn auf der bewaldeten Landspitze im Osten Neufundlands mit einem Pfeil getötet hatten. Fiedel weist daraufhin, daß die Einheimischen unter ihren Booten schliefen, als Thorvald in den Fjord einsegelte: »Bei einem Kajak wäre das, anders als bei einem Kanu aus Birkenrinde, nicht möglich. Vielleicht hatten die Wikinger aus der Entfernung Rinde mit Haut verwechselt.«
Helge Ingstad, der mehrere Jahre bei Indianern in Nordkanada und bei Inuit in Nordalaska gelebt hat, ist anderer Ansicht. Er schreibt in Oppdagelsen av det nye landet, daß die Inuit unter Kajaks und Frauenbooten ebenso schlafen könnten wie Indianer unter Kanus, und sie hätten das auch getan. Er hält die Behauptung der Saga, die Einheimischen hätten unter »Lederkähnen« geschlafen, für ausschlaggebend: »Es liegt doch auf der Hand, daß die Grönländer, die selbst die Kunst des Bootsbaus aus Holz meisterlich beherrschten, sich vor allem das Material einprägen würden, mit dem die ihnen noch unbekannten Boote der Fremden überzogen waren. Hätte es sich dabei um Birkenrinde gehandelt, so wäre das eine Sensation gewesen, die in der Saga bestimmt erwähnt worden wäre.«
Ingstad kommt zu dem Schluß, daß Thorvald Eirikssohn aller Wahrscheinlichkeit nach von den Inuit getötet wurde, da die Inuit ihre Kajaks mit Haut beziehen, während die Indianer für ihre Kanus Rinde nehmen. Er weist auch darauf hin, daß Thorvald und seine Leute im Fjordinneren Hügel sahen, die sie für Wohnstätten hielten. »Auch diese Erwähnung bringt uns zu den Inuit. Ihre aus Stein und Grassoden angelegten Hütten können aus der Entfernung durchaus wie Hügel aussehen, was bei den hohen, spitzen Zelten der Indianer nicht möglich wäre. Daß es sich um eine Inuitsiedlung gehandelt haben muß, erklärt sich außerdem aus der Tatsache, daß bald darauf eine große Anzahl von Skrälingern in Hautbooten zum Angriff überging.«
Ingstad vertritt darüberhinaus jedoch die Ansicht, daß es sich bei den Einheimischen, mit denen Thorfinn Karlsefni zu Hause bei den Leifsbuden Waren tauschte, um Beothuk-Indianer gehandelt haben muß. Er begründet diese Annahme mit der Tatsache, daß diese Gruppe von Eingeborenen im Wald Pelztiere gejagt hatte, daß sie aus dem Wald kamen und später dort auch wieder verschwanden.
Ingstads Ansicht spiegelt sich im Buch The First Peoples of the Northeast von Esther K. Braun und David P. Braun ebenfalls wider. Dort lesen wir allerdings, daß es damals in Neufundland keine seßhaften Inuit gegeben habe. Das bedeutet, daß die Inuit, von denen Thorvald Eirikssohn getötet wurde, von der Labradorküste stammten. Das ist nicht unwahrscheinlich, denn diese Inuit hätten mit ihren schnellen, seetüchtigenen Kanus die schmale Straße von Belle Isle, die Neufundland und Labrador trennt, problemlos überwinden können.
Thorfinn Karlsefni war sicher erleichtert, als die erste Begegnung mit den Skrälingern ohne Blutvergießen von statten ging. Er war Kaufmann, kein Krieger, und er hielt den Handel mit den Einheimischen sicherlich für vielversprechend. Dicke Fellbündel im Tausch gegen Käse, Butter und Sahne, das war doch ein gutes Geschäft. Aber er fühlte sich durchaus nicht sicher und ließ deshalb um seinen Hof einen kräftigen Palisadenzaun errichten.
Erst zu Beginn des Winters ließen sich die Einheimischen das nächste Mal blicken. Sie tauchten mit ihren Fellbündeln bei den Leifsbuden auf, waren diesmal jedoch um vieles zahlreicher. Worauf Karlsefni zu den Frauen sagt: »Geht jetzt hinaus und bringt ihnen die Kost, die sie das letzte Mal so mochten – und nichts anderes.«
Diesmal jedoch geben sich die Gäste mit den Milchprodukten nicht zufrieden. Einer versucht, einigen von Thorfinns Männern die Waffen wegzunehmen, weshalb der Sünder auf der Stelle getötet wird. Die anderen Skrälinger fliehen Hals über Kopf und lassen dabei ihre Kleidung und ihre Waffen liegen.
»Jetzt müssen wir uns die Sache gut überlegen«, sagt Karlsefni, »denn ich gehe davon aus, daß sie ein drittes Mal zurückkehren werden, und das in großer Zahl und ohne friedliche Absichten. Zehn von unseren Männern sollen zu dieser Landspitze laufen und sich dort zeigen. Die anderen gehen in den Wald und schlagen eine Rodung, wo wir unser Vieh verstecken können, wenn das feindliche Heer aus dem Wald kommt. Und wir nehmen unseren Ochsen und lassen ihn vor uns hergehen.«
Karlsefni behält recht. Die Einheimischen kehren in großer Zahl zurück und es kommt an der von ihm dafür ausersehen Stelle zum Kampf. Viele der Angreifer fallen und nach einer Weile fliehen die anderen zurück in den Wald.
Der Saga zufolge erleiden Thorfinn und seine Leute bei diesem Kampf keine Verluste. Aber Thorfinn hat offenbar genug. Als der Frühling kommt, stellt er klar, daß er zurück nach Grönland möchte, und später im Sommer laufen sie wohlbehalten zu Hause in den Eiriksfjord ein.
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