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Janet Borgward
Das Mädchen mit dem Flammenhaar
Macht und Mächtige
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Die Herren von Kandalar
Neschwirr
Ein Meer von Fragen und leeren Karten
Rauch über Gullorway
Verbrannte Spuren
In den Sümpfen
Die Bowmen
Das Brandmal
Der Rat der Fünf
Jodee
Ein Treffen in den Baumkronen
Lebende Bilder
Angriff auf Greenerdoor
Amarott
Besucher in der Nacht
Entführt
Die Burg von Kandalar
Geheimgänge
Bücher
Durch die Lüfte
In meinem Kopf
Flugstunden
Nächtlicher Ausbruch
Versöhnliche Töne
Unliebsame Familienbande
Der Blutstein
Unter einem schützenden Dach
Verräterische Geschenke
Das Komplott
Handfeuerwaffen
Karten und andere Bilder
Unsichtbare Mauern
Bewegen was erstarrt
Die Schlacht bei Xellaris
Der Untergang
Gullorway
Nachwort
Danksagung
Bisher erschienen
Impressum neobooks
Die Herren von Kandalar
„Was hier gefunden wird, kann woanders auch gefunden werden. Was hier nicht gefunden wird, kann nirgends gefunden werden.“Aus Mahabharata, 1. Buch
Der Warnton aus dem Horn der Späher ließ meine dreckverkrusteten Hände innehalten. Alarmiert reckte ich den Kopf empor, suchte mit zusammengekniffenen Augen den Horizont ab, um den Grund dafür auszumachen. Eine kleine, dunkle Wolke wurde in der Ferne sichtbar, doch versprach sie nicht den lang ersehnten Regen. Ein Reiterheer der ‚Herren von Kandalar‘ nahte. Wie Heuschrecken zogen sie übers Land, eine Spur der Verwüstung hinterlassend. Vornehmlich auf der Suche nach Büchern. Niemand durfte eines besitzen und wenn doch rollte sein Kopf – denn Wissen bedeutete Macht und sie waren die Mächtigen, uneingeschränkt. Dieses Gesetz existierte seit Generationen.
Die Herren von Kandalar trieben Steuern ein, viel mehr als die meisten unseres Clans in der Lage waren zu geben. Wer nicht zahlen konnte, verlor Frau oder Kinder an die Herren von Kandalar als Pfand, bis die Schuld beglichen war – keiner kehrte je zurück. Im Laufschritt jagte ich über die staubigen Felder, sorgsam darauf bedacht, nicht die Setzlinge niederzutrampeln. Die Bewässerung des trockenen Ackerlandes verlangte ohnehin besonderen Einfallsreichtum. Geregnet hatte es seit Monaten nicht mehr und die zunehmenden Sturmböen dörrten den Boden zusätzlich aus. Überhaupt war das Wetter kaum noch vorhersehbar. Während es in einigen Gebieten unaufhörlich regnete, wie die Händler zu berichten wussten, herrschte in der Region von Kandalar größten Teils Dürre. Ein Kometensplitter, der unseren Planeten vor über zehn Jahren gestreift hatte, so klein wie ein Weinfass jedoch mit der Wirkung eines Vulkanausbruchs. Danach begann sich die Natur zu wandeln. Doch die meisten gaben den Herren von Kandalar die Schuld daran, da man ihnen dunkle Kräfte nachsagte und es leichter war, ihnen sämtliches Unheil anzulasten. „Wie viel Zeit bleibt uns?“, fragte Miles, ein Junge in meinem Alter. Leichtfüßig lief er neben mir her. Mit seinen sechzehn Jahren und gut einem Meter neunzig Körpergröße galt er fast schon als Mann. Sein durch die Arbeit auf dem Feld gestählter Brustkorb glänzte vor Schweiß, das um die Hüften geschlungene Hemd flatterte wie eine Fahne im Wind. „Keine Ahnung, lauf einfach!“ „Wer zuerst am Gemeindehaus ist“, stieß er aus und sprintete davon. Trotz der angespannten Situation stahl sich ein Lächeln auf meine Lippen. Miles schaffte es immer wieder, mich zum Lachen zu bringen. Wir waren wie Geschwister. Unter uns herrschte ein Einverständnis, auch ohne Worte. „Wenn du weiter so trödelst, werden sie dich mit auf die Burg nehmen.“ Sein brauner Haarschopf wirbelte kurz herum, gefolgt von einem jungenhaften Lachen. Mein Ehrgeiz war geweckt. Natürlich wollte ich Miles einholen. Ganz Gullorway war inzwischen auf den Beinen. Die Männer des Ältestenrates, denen auch mein Vater angehörte, trieben uns an. „Beeilt euch. Alle ins Gemeindehaus und wartet dort auf eure Anweisungen“, feuerte mein Vater uns mit vor Anstrengung rotem Kopf an. „Mit Mistgabeln gegen eine Reiterschar des Schreckens, aus deren Waffen Flammen und Blitze schießen“, stieß Miles atemlos hervor, als wir vor dem Gemeindehaus zum Halten kamen. „Ist doch sinnlos.“ „Avery könnte uns ja ein paar Wunderwaffen zeichnen, aber sie malt ja lieber Blümchen und Kräuter“, stichelte meine ältere Schwester Charise. Sie war achtzehn und wurde nie müde mich spüren zu lassen, wie erwachsen sie schon war. Sie klopfte sich die Handflächen an ihrer sauberen Hose ab, als wären diese Hände je mit Dreck in Berührung gekommen. Nicht eine Schweißperle glänzte auf ihrer makellosen Alabasterhaut. Ja, ich konnte recht gut zeichnen. In letzter Zeit spielte mir diese künstlerische Fähigkeit allerdings einen Streich. Was ich zeichnete wurde – lebendig. Manchmal war es mir gar, als verströmten die gezeichneten Kräuter einen realen Duft nach Rosmarin, Liebstöckel, Sommerblumen oder was auch immer ich gerade zu Papier brachte. Bisher hatte ich noch mit niemandem darüber gesprochen. Es war mir irgendwie peinlich und ich hatte Angst davor, für verrückt erklärt zu werden. Doch Charise schien etwas zu ahnen und weil sie selbst über keinerlei Talente verfügte, außer vielleicht den jungen Männern in unserem Dorf den Kopf zu verdrehen, zog sie mich jetzt damit auf. Zum Glück ging keiner darauf ein. Nur mein Vater warf mir einen alarmierten Blick zu, wobei seine blassblauen Augen wie frisches Quellwasser leuchteten. Wir drängten uns ins Gemeindehaus und ließen eine schmale Gasse für die Alten und Gebrechlichen frei. „Da sind ja meine Mädchen.“ Unsere Mutter betrat den Raum. Erleichterung stand ihr ins Gesicht geschrieben, als sie uns entdeckte. „Kommt. Wir gehen weiter nach hinten durch.“ Trotz der Gefahr, die in der Luft lag, verströmte sie Zuversicht und Ruhe. Sie war noch immer eine bildhübsche Frau. Hochgewachsen und schlankwüchsig, wenn auch ihr rabenschwarzes Haar allmählich Silberfäden sichtbar werden ließ und sich feine Linien um Mund und Augen abzeichneten, die nicht nur vom Lachen herrührten. Sie bog ihren schmalen Rücken durch, was ihr eine gewisse Würde und Größe verlieh. Die Menschen in Gullorway waren meist hochaufgeschossen. Für die Männer war eine Körpergröße von einem Meter neunzig bis zwei Meter nichts Ungewöhnliches. Selbst Frauen maßen rund einen Meter achtzig. Nur Alter und Gram ließ die Bewohner mit der Zeit schrumpfen, so schien es. Die harte Arbeit auf den Feldern tat ihr übriges. „Es ist stickig hier drin“, beklagte sich Charise als wäre dies unsere einzige Sorge. „Ich glaube, ich sehe Denian dort hinten“, unternahm ich den Versuch, meine Schwester fortzulocken. Denian war ihr aktueller Freund. „Ich will aber, dass ihr an meiner Seite bleibt“, war die Stimme meiner Mutter zu vernehmen, in der außer dem plötzlichen Befehlston noch etwas anderes mitschwang: Angst. Charise rollte mit den Augen, ein genervtes Stöhnen auf den Lippen. „Ich bin doch kein Kind mehr.“ „Eben“, setzte Mutter mit scharfem Tonfall hinzu. Ihr Blick verriet, dass es besser war, jetzt keine Widerworte zu geben. Unruhig trat ich von einem Fuß auf den anderen. Es machte mich nervös hier drin zu warten und nicht zu wissen, was draußen vor sich ging. In diesem geschlossenen Raum mit nur einer Fluchttür hätten etwaige Angreifer ein leichtes Spiel. Langsam begann die Beklemmung von mir Besitz zu ergreifen. Was, wenn die Herren von Kandalar meinen Lesestein fanden, schoss es mir plötzlich durch den Kopf. Mein Vater hatte ihn mir heimlich von einer seiner Handelsreisen mitgebracht, weil er wusste, dass ich leidenschaftlich gerne las. Ein Stein wäre unauffälliger als Bücher, so hatte er gesagt. „Dieser Stein ist etwas Besonderes. Niemand darf wissen, dass du ihn besitzt, niemand.“ Das gebündelte Wissen sämtlicher Bücher sollte sich darin befinden. Seitdem hatte ich das ein oder andere darin gelesen. Heimlich. Sogar im Dunkeln. „Du musst das Wissen des Lesesteins, wenn nötig mit deinem Leben vor den Herren von Kandalar, sogar vor jedem von uns, schützen“, ließ er mich schwören. Der Lesestein aus meisterlich geschliffenem schwarzem Onyx, war etwa so groß wie meine Hand und so dünn wie mein Ringfinger. Die ebenmäßig gearbeitete Frontseite wechselte von tintenschwarz zu einer milchig durchscheinenden hellen Lage, wann immer ich mit der Hand darüberstrich. Dann erschienen vollständige Texte, fast so wie in einem Buch, nur dass die äußeren Ränder ein bisschen ausgefranst wirkten. Bei erneuter Berührung war es, als würde ich eine Buchseite umschlagen. Die Energie zur Darstellung gewann der Stein aus dem Sonnenlicht, so meinte mein Vater. Ich hatte aber auch davon gehört, dass Onyx allein schon die Fähigkeit besaß, das Selbstbewusstsein seines Besitzers zu steigern, weswegen man ihn auch den ‚Stein des Egoisten‘ nannte. In den Händen seines Besitzers förderte er analytisches Denken und Durchhaltevermögen, um die eigenen Ziele unaufhörlich zu erreichen – wovon ich allerdings noch nichts gemerkt hatte. In den wenigen Augenblicken, in denen ich unbemerkt in dem Stein lesen konnte, versuchte ich mir dieses Wissen einzuprägen, doch war der Lesestoff einfach zu umfangreich. Hufgetrappel mehrerer Reiter war nun auf dem Vorplatz zu hören. Aufgeregte Stimmen wurden von barschen, fremd klingenden Befehlen übertönt. Etwas zischte oder knallte kurz hintereinander. Vielleicht das Leder einer Peitsche. Dann war ein unterdrückter Schmerzensschrei zu hören. Alle im Raum erstarrten. „Wer ist euer Anführer?“, fragte eine derbe Stimme mit fremdländischem Akzent und schleppendem Tonfall. „Das bin ich. Aris.“ „Ist euer Dorf plötzlich ausgestorben?“ Gelächter von weiteren Männern war zu hören. Ich reckte mich, um irgendetwas von dem erkennen zu können, was da außerhalb vor sich ging. „Bei drei sind alle hier auf dem Platz oder bleiben für immer in diesem maroden Bau! Schätze, das baufällige Haus brennt wie Zunder, wenn wir ein paar Fackeln hineinwerfen.“ Es wurde so still, dass man eine Nadel hätte fallen hören können. Fast schmerzhaft umschloss Mutter mein Handgelenk. „Was wollt ihr?“, vernahm ich die Stimme meines Vaters. Klar und fest. „Ich bin es, der hier die Fragen stellt! Also, bei drei. Eins …“ Die Tür des Gemeindehauses flog auf. Einer nach dem anderen hasteten wir nach draußen. Kaum war der Letzte auf den Dorfplatz hinaus gestolpert, stach bereits der beißende Geruch von Feuer in unsere Nasen. Angefacht vom böigen Wind brannte das Gemeindehaus bald lichterloh. Die Hitze war schier unerträglich, doch wagte niemand sich zu bewegen, um den Brand zu löschen. „Sind alle eure Gebäude so instabil?“ Der Mann ohne Namen lachte boshaft und trieb sein Pferd durch die Menge. Wie gebannt stierte ich zu der imposanten Erscheinung des Sprechers hinüber. Unmerklich versuchte meine Mutter Charise und mich hinter sich zu bringen und damit aus dem Blickfeld der Herren von Kandalar. Der hünenhafte Mann samt Begleiter waren komplett in schwarz gekleidet. Seine Reitstiefel reichten ihm in einer breiten Krempe bis übers Knie. Goldene Bänder oder Schlaufen waren an den Seiten angebracht. In einer dieser Schlaufen steckte ein Schaft mit einem reich verzierten Dolch. Der schwarze, schwere Umhang des Mannes schimmerte am Saum leicht grünlich, wenn sich der Wind darin verfing. Seine Hände steckten in schwarzen Lederhandschuhen, mit breiter Manschette. Eine Hand ruhte lässig auf dem Knauf eines seltsamen Stabes, der in seinem Gürtel steckte. Die andere hielt die Zügel seines pechschwarzen Pferdes. „Nun Aris, wo dein Clan endlich so hübsch versam …“ Ein lautes Krachen und Knarren verschluckte den Rest des Satzes. Die Holzbalken des Dachstuhls hielten dem Feuer nicht mehr länger stand. Funken stoben wie Glühwürmchen umher und versengten jedem, der zu nahe beim Feuer stand Haut und Haare. „… verlangen wir die Herausgabe der vereinbarten Steuern“, sprach der Hüne unbeirrt weiter. In schleppendem Tonfall leierte er Forderungen herunter. „Dreißig Säcke Getreide, zehn Rinder, fünf Schweine, zwanzig Hühner und – eintausend Platons.“ „Eintausend Platons?“, stieß mein Vater hervor, dabei jede Vorsicht außer Acht lassend. „Hast du damit ein Problem, alter Mann?“ „Seht euch dieses Land doch an. Es gibt kaum genug für uns zum Leben her. Und erst kürzlich haben wir fünfhundert Platons.“ „Willst du wirklich mit mir handeln?“, dabei beugte er sich zu meinem Vater herunter, während die Hand am Knauf seiner Waffe zuckte. „Wir haben nichts, was wir euch geben könnten“, die Stimme meines Vaters war nur noch ein Flüstern. Es zerriss mir das Herz, ihn so zu Kreuze kriechen zu sehen. „Ihr treibt doch regen Handel mit Timno Theben und selbst Perges ist euch nicht zu weit.“ Er trieb sein Pferd auf meinen Vater zu, der zurückwich. „Womit bezahlt ihr dann diese Waren?“ „Mit Medizin.“ „Lauter! Eure seichte Sprache erreicht mein empfindliches Ohr kaum.“ „Wir stellen Medizin im Tausch gegen Waren her.“ „Tatsächlich? Seltsam, dass wir nichts davon wissen“, spie er meinem Vater entgegen. Selbst von meinem Platz aus konnte ich erkennen, wie seine Augen diabolisch funkelten. Mit einer herrischen Geste wandte er sich an seine Reiterschar, die aus etwa zwanzig, dreißig düster dreinblickenden Männern bestand. Er bellte ihnen etwas in ihrer Sprache zu, woraufhin sie auszuschwärmen begannen und in unsere Häuser und Stallungen eindrangen. „Aber wir brauchen die Vorräte“, setzte mein Vater an. „Ihr solltet lernen, damit besser zu haushalten.“ Wenige Zeit später trieben die Männer ein paar Rinder und Schweine über den Dorfplatz von Gullorway. Einer der Herren von Kandalar näherte sich dem Wortführer und schien ihm etwas zu überreichen, was sein langer Umhang jedoch verbarg. „Und was ist das hier?“ Triumphierend hielt er ein Buch in die Luft. Die Gesichtszüge meines Vaters erstarrten augenblicklich. „Das – ist unmöglich“, brachte er hervor. „Und dennoch halte ich es in Händen, wie du siehst.“ Er warf meinem Vater das verbotene Buch wutschnaubend vor die Füße. „Mir scheint, du hast deinen Clan nicht unter Kontrolle. Sie arbeiten ungenügend und verbringen ihre Zeit offenbar mit l-e-s-e-n.“ Wie zähfließender Schleim flossen die Worte aus seinem Mund, sein eigenartiger Dialekt war nur mit Mühe zu verstehen. „Und jeder von euch weiß, was darauf steht“, wandte er sich dann an alle Dorfbewohner, nahm meinem Vater damit die Möglichkeit für weitere Rechtfertigungen. „Also, wem gehört das Buch?“ Es entstand eine unerträgliche Stille. „Mir“, ertönte unverhofft eine Männerstimme von weiter vorne. „Mir auch.“ „Und mir.“ Immer mehr Stimmen wurden laut und schwollen zu einem einzigen Rhythmus an. „Mir, mir, mir!“ Bis auch Frauen und Kinder in dem Singsang einstimmten. Plötzlich zog der Mann seinen Stab aus dem Gürtel und feuerte damit blindlings in die Menge hinein, woraufhin einige Bewohner schreiend zusammenbrachen. „Du!“, wies er aufs Geratewohl auf einen Jungen. Cyrian, wenn ich ihn richtig erkannt hatte. „Herkommen!“ Cyrian versteifte sich. Er hatte keine Chance gegen die berittenen Herren von Kandalar, die bereits aus ihren Sätteln gesprungen waren. In ihrer Mitte wirkte er geradezu schmächtig. Sie überragten ihn um fast zwei Kopflängen und ihre Schultern waren um ein Vielfaches breiter, muskulöser. Grob zwangen sie ihn auf die Knie. Es bedurfte nur eines kurzen Nickens ihres Anführers, dass einer von ihnen einen Säbel unter seinen Umhang hervorbrachte und mit einem einzigen Hieb Cyrians Kopf vom Rumpf trennte. Starr vor Entsetzen blickte ich auf Cyrians kopflosen Rumpf, unter dem sich bereits eine riesige Blutlache zu bilden begann, die gierig von dem staubtrockenen Boden aufgesogen wurde. Cyrian war gerade erst vierzehn Jahre alt geworden. „Gehört sonst noch jemandem das Buch?“ Mit unbeweglicher Miene sah er in die vor Schreck geweiteten Augen der Dorfbewohner. Niemand wagte auch nur zu Atmen. „G-u-t. Dann wäre d-a-s geklärt.“ Seine fremde Aussprache hallte wie ein abklingender Sturm in den Ohren nach. Er schloss zu seinen Männern auf, während sich die Menge vor ihm teilte. Hass, Mordlust, Resignation und vieles mehr las ich in den Gesichtern unseres Clans. Ein letztes Mal drehte er sich um, wobei seine ungnädigen Augen über die Köpfe der Menge hinweg nach etwas zu suchen schienen. Kurz bevor sich unsere Blicke trafen, stellte sich meine Mutter vor mich und nahm mir damit die Sicht. Und genauso schnell wie sie in Gullorway eingefallen waren, verschwanden die Herren von Kandalar auch wieder. Zurück blieben Trauer und Fassungslosigkeit.
Neschwirr
Wie ein dunkler Schatten preschten die Reiter der Herren von Kandalar über magere Wiesen, vorbei an den schroffen Felsformationen der Ellar Hills, einer Gebirgskette in Merdoran. Nördlich des Massivs ragte dagegen ein einzelner graugrüner Bergkegel empor, auf dessen Gipfel ein monumentales Bauwerk thronte: die Burg von Kandalar. Eine Burg, so gewaltig und groß, dass eine Stadt darin Platz finden könnte. Mit zahlreichen spitzen Türmen, die wie Nadeln in den Himmel stachen, stets verborgen in einem dichten Wolkenkranz. Das gelblich schimmernde Mauerwerk aus Gold Quarzit überstrahlte die grobbehauenen stützenden Mauern aus Basalt und war bereits aus weiter Ferne sichtbar.
Die Reiter gaben ihren vor Anstrengung dampfenden Pferden die Sporen, um noch vor Einbruch der Dunkelheit auf die Burg zu gelangen. Wuchsen am Fuße des Berges noch Gräser, schneidend scharf wie Messerklingen, verlor sich der Boden zusehends in unwegsames Gelände. Knöchernes, mannshohes Dornengestrüpp zerrte an den Gewändern der Männer und erschwerte ihnen den Aufstieg. Kurz bevor die imposanten, schmiedeeisernen Tore der Burg nach unten gelassen wurden, stob die Reiterschar über den Burgplatz. Noch im Galopp sprang Manold, der Wachmann, aus dem Sattel. Unwirsch schlug er die helfende Hand eines herbeigeeilten Dieners beiseite.
In seinen schulterlangen schwarzen Haaren, haftete noch der Staub vergangener Tage. Schwungvoll stieß er die Tür zur Schenke auf und zog sich einen Stuhl heran.
„Bring mir einen großen Krug kühles Bier und einen Batzen Fleisch. Ich bin am Verhungern“, wies er ein dürres Dienstmädchen an. Achtlos warf er seinen schweren Umhang über einen Stuhl, der unter der Last umzukippen drohte. Eine Hand fing ihn mühelos auf.
„Manold. Schon so zeitig zurück von eurer Reise?“
Die Stimme des weitaus jüngeren Mannes klang schneidend scharf.
„Lange genug um eine anständige Mahlzeit und …“
„Mein Vater wartet ungern auf Neuigkeiten, die du sicher zu berichten hast. Wenn du also so freundlich wärst. Ich bin sicher, dass von seinem Abendessen noch ein paar Bissen für dich übriggeblieben sind. Und zieh dir frische Kleidung an.“
Nur mühsam beherrscht erhob sich Manold, um der Aufforderung Folge zu leisten.
„Wie Sie wünschen, junger Lord.“
Dabei verzichtete Manold bewusst auf die korrekte Anrede ‚Guhl‘, um ihm eine Lektion zu erteilen. Er, Manold hatte schon gekämpft, als dem Bürschchen noch der Rotz aus der Nase lief.
„Mir scheint, du hast deine guten Manieren beim Pöbel in den Dörfern gelassen.“
Die rabenschwarzen Augen des jungen Lords blitzten gefährlich auf. Viele waren schon für leichtere Vergehen getötet worden. Reumütig senkte der Wachmann seinen Kopf.
„Ich bitte um Vergebung, Neschwirr-Guhl. Hunger und Durst haben mir wohl die Sinne vernebelt.“
Kurze Zeit später stand Manold mit knurrendem Magen, frischer Kleidung und vom Bad noch feuchtem Haar vor Mahilo-Esch, dem herrschenden Lord von Kandalar. Der dürre betagte Mann saß am Ende einer ausladenden, hölzernen Tafel und schob gerade einen Teller mit den Resten eines Ochsenknochens beiseite.
„Zu zäh für meine alten Zähne. Aber wenn du magst?“
Eine Reihe Goldzähne trat hinter spröden Lippen zum Vorschein. Manold hatte verstanden.
„Zu gütig, Mahilo-Esch doch ich habe mir in der Schenke etwas zurückstellen lassen.“
„Wollen wir hoffen, dass es lange haltbar ist. Hast du Neuigkeiten für mich, Wachmann?“
Manold trat von einem Fuß auf den anderen. Von den engen Reitstiefeln waren seine Füße jetzt noch geschwollen. Wie gerne hätte er sich nach einem üppigen Mal auf einer bequemen Liege ausgestreckt, während ein junges Mädchen ihm die verkrampften Waden massierte. Doch der Alte bot ihm keinen Platz an.
„Wir haben Getreide und Vieh eingetrieben.“
„Und?“
„In Gullorway haben wir ein verbotenes Buch entdeckt. Sein Besitzer verlor den Kopf.“
Manold strich sich stolz über den dichten Bart. Scheppernd flog der Teller mit den Essensresten vom Tisch, als Mahilo-Esch ihn mit seinem sehnigen Arm fortwischte, Gift und Galle speiend.
„Hast du nicht was vergessen?“
Die Brust wurde ihm zu eng, als Manolds Herz dagegen zu hämmern begann. Der Alte wusste es. Wie hatte er in der kurzen Zeit …
„Und eintausend Platons.“ Schweißperlen rannen Manold über die Stirn. Sein Hunger war verflogen.
„Die du dir einstecken wolltest!“ Mahilo-Esch war aufgesprungen. Selbst im hohen Alter von fast achtzig Jahren überragte er Manold. „Also überlege dir gut, ob deinem versoffenen Hirn nicht noch etwas Wichtiges entgangen ist.“ Lauernd sah er Manold an.
Fieberhaft dachte dieser nach, was der Alte noch meinen könnte. Plötzlich stand Neschwirr neben seinem Vater, ohne dass Manold ihn hatte hereinkommen hören. Der Sohn, der einmal Mahilo-Eschs Nachfolger sein würde. Flüsternd beugte Neschwirr sich zu seinem Vater herunter, der inzwischen wieder Platz genommen hatte.
„Sag mir, Manold. Was soll ich mit einem obersten Wachmann, wenn dieser blind und gierig ist?“ Mahilo-Eschs Stimme war mit einem Male leise doch dröhnte sie laut in Manolds Ohren. Jeder auf der Burg wusste, wozu der alte Lord fähig war.
„Ich mag alt sein, Manold, aber meine Sinne sind noch jung. Eure dagegen scheinen abzustumpfen, wenn eure Augen junge Mädchen mit kupfernem Haar übersehen.“
Also war es doch keine Sinnestäuschung gewesen. Doch als er einen zweiten Blick gewagt hatte, waren die Köpfe in der aufgebrachten Menge verschwunden. Manold stand wie versteinert da, indes Neschwirr mit geschmeidigen, lautlosen Schritten zu ihm schlenderte und Mahilo-Esch ihn weiter unter Beschuss nahm.
„Wie ich sehe, kommt die Erinnerung langsam. Doch zu spät, Manold. Die Zeiten sind schlecht und Frauen, gesunde Frauen, rar. Du weißt, dass wir nach der einen suchen, dem Mädchen mit dem Flammenhaar. Dich noch weiter durchzufüttern erscheint mir sinnlos.“
Kaum hatte er die Worte ausgesprochen als Neschwirr, flink wie ein Geist, ein kleines juwelenbesetztes Langmesser unter seinem Überwurf hervorbrachte und Manold seitlich bis zum Heft in die Brust stieß. Ein sauberer Stoß. Absolut tödlich. Mit einer gereizten Grimasse quittierte Mahilo-Esch den Mord, der vor seinen Augen geschah.
„Lass ihn verschwinden und sorg dafür, dass nichts von seinem unreinen Blut weiterhin meinen kostbaren Boden besudelt.“
„Wie du wünschst, Vater.“
Neschwirr deutete eine Verbeugung an. Das Messer war wieder in den langen Ärmeln seines Gewandes verschwunden.
„Und ich will, dass du nach Gullorway reitest. Bring mir die Mädchen mit den roten Haaren. Eine von ihnen wird die Richtige sein und für die andere finden wir hier sicher auch noch Verwendung. Es ist mir egal, wie du das anstellst, aber sorge dafür, dass es niemanden aus dem Dorf mehr gibt, der darüber berichten könnte!“
„Eine einfache Aufgabe und ganz nach meinem Geschmack, Vater.“ Neschwirr richtete sich voller Stolz auf. Sein Vater hatte längst das Potential erkannt, das in ihm steckte. Mit seinen dreiundzwanzig Jahren war es für Neschwirr bald an der Zeit, dass er dessen Nachfolge übernahm.
„Enttäusche mich nicht“, setzte Mahilo-Esch nach.
Aufgebläht wie ein Gockel verließ Neschwirr den Raum. Er sprach zwei Männer aus seinem Gefolge an, auf deren Verschwiegenheit er vertraute. Kurze Zeit später war von dem törichten Manold nichts mehr zu sehen. Die dunklen Holzplanken aus geschliffenem Schiffsrumpf ließen nicht erkennen, was hier geschehen war.
Doch bevor Neschwirr aufbrach, gab es noch einiges zu regeln. Schlafen konnte er später.
„So spät noch auf den Beinen, Bruder?“
Neschwirr rannte geradewegs in seinen Halbbruder Amarott, dem Sohn einer jungen Hure, an der sein Vater Gefallen gefunden hatte und die zu eine der ersten Gelblinge mutierte, so erzählte man sich. Überall stand der siebzehnjährige im Weg herum.
„Genau das könnte ich dich fragen, Amarott. Ist es nicht schon längst Schlafenszeit für dich, kleiner Bruder?“
„Irgendetwas hat mich aus dem Schlaf gerissen.“ Amarotts buschige Augenbrauen warfen sanfte Wellen. Ein Anflug von Spott umspielte seine Lippen.
„Dann sieh zu, dass du dir von Benoe ein Schlafmittel geben lässt. Ein Aufguss mit Melisse soll Kindern bei Schlafstörungen helfen.“
Amarott ließ sich diesmal nicht provozieren. Zu groß war seine Neugierde, um zu erfahren, was es mit dem großen, zugeschnürten Bündel auf sich hatte, das ein paar von Neschwirrs Vertrauten aus dem Esszimmer seines Vaters herausgetragen hatten.
„Bei Kindern, mag sein. Aber Benoe hat noch andere Vorzüge, die einen schläfrig machen können.“
„Sieh zu, dass du in dein Zimmer kommst, und steh mir nicht im Weg, kleiner Bruder.“ Langsam verlor Neschwirr die Geduld.
Behände trat Amarott beiseite und ließ Neschwirr ziehen. Dieser schlug einige Umwege ein, um den Schatten seines Bruders abzuschütteln. Sein Weg führte ihn schließlich über den nun leeren Burghof, vorbei an den verschlossenen Fensterläden des Schmieds und weiter durch verschlungene Gassen, an den Mauern hochherrschaftlicher Häuser entlang.
Die Burg bot mehreren hundert Menschen Platz, fast ausschließlich Männern. Die Frauen von Kandalar hingegen fielen seit Jahren einer rätselhaften Seuche zum Opfer oder mutierten zu Gelblingen, schauderhaften Wesen mit vogelartigen kahlen Köpfen und Klauen. Mahilo-Esch hatte verfügt, dass diese geisterhaften Wesen in den Verliesen der Burg gehalten wurden, an einem Ort, zu dem nur einige Auserwählte Zugang hatten.
Auf leisen Sohlen und weiter im Schutz der Dunkelheit erreichte Neschwirr letztlich sein Ziel, das Haus des alten Färbers. Was er an ihm schätzte, war seine Verschwiegenheit, wenn auch sein Lohn immer unverschämter wurde. Aber ein in die Jahre gekommener Mann lebte schließlich nicht ewig.
„Was führt Sie zu so später Stunde noch in meine bescheidenen Räumlichkeiten, Neschwirr-Guhl?“
„Lassen wir das Theater. Du bist nicht bescheiden und ich bin in Eile. Ich brauche zehn Männer, die keine Fragen stellen und einen langen Ritt nicht scheuen. Vier Späher, die vorausreiten und das Gelände sichern. Dazu Gelblinge, die ihre letzten Gehirnzellen einzusetzen wissen und bedingungslos gehorchen. Kannst du mir da aushelfen?“
Neschwirr befingerte ein Stück frisch gegerbtes Leder, das so weich war wie die Haut eines jungen Mädchens.
„Der Zufall will es, dass mir einige Männer noch einen Gefallen schulden.“ Der Färber lächelte und ließ dabei ein paar faule Zahnstummel sehen. Das Gold der Zähne war nur den Lords von Kandalar vorbehalten. „Und bei den Gelblingen, nun ja. Sie werden immer nützlicher …“
„Gut.“ Neschwirr gab noch weitere Anweisungen und machte dann einen Treffpunkt aus.
„Da wäre noch eine Kleinigkeit, Neschwirr-Guhl.“
„Wie viel?“
„Nun, ich denke eintausend Platons wären eine angemessene Summe.“
„Überspann den Bogen nicht, Färber. Mein Vater könnte sich wundern, woher dein plötzlicher Reichtum stammt. Einhundertfünfzig Platons jetzt und weitere zweihundert, wenn der Auftrag ausgeführt ist und ich zurück bin.“
„Welche Garantie habe ich, dass ihr gesund zurückkommt, Neschwirr-Guhl? Die Herren von Kandalar sind nicht überall beliebt.“
„Das ist mein Preis. Nimm an, bevor ich es mir anders überlege.“
„Vierhundert jetzt und vierhundert nach eurer erfolgreichen Reise würden mein Gewissen beruhigen.“
Neschwirr griff in die Falten seines Umhangs und zählte dreihundert Platons ab, die er dem Färber auf den fleckigen Holztisch warf. Ohne sich noch einmal umzudrehen, verließ er den stickigen Raum. Es würde der letzte Gefallen sein, um den er den alten Halsabschneider bat.
Ein Meer von Fragen und leeren Karten
Ich saß im Schatten unter dem Vordach unseres einfachen Hauses. Auf meinen abgeschürften Knien ruhte ein vergilbtes Blatt Papier, den eingetrockneten Federkiel bewegte ich zwischen meinen Fingern wie ein Taschenspieler. Seit heute hatten die Pforten der Schule wieder geöffnet. Nach Cyrians Tod waren sie tagelang zum Zeichen der Trauer verschlossen geblieben.
Cyrian war der einzige Sohn von Recking, dem Bauern. Er hatte aus einem groben Holzblock Figuren von erlesener Schönheit schnitzen können, die unsere Händler für ihn verkauften. Seine Hände hingegen waren zu ungelenk, um Felder zu bestellen. Als die Ernte nicht genug einbrachte, nahmen die Herren von Kandalar seine Mutter und die kleinere Schwester mit auf die Burg. Und jetzt war er tot. Es war nicht so, dass der Ältestenrat von Gullorway tatenlos zusah. Unzählige Male hatte er die Hilfe von Abylane, Alebas oder der Goldenen Stadt Timno Theben erbeten, die über bewaffnete Kohorten verfügten. Doch waren diese mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Stattdessen gemahnten uns ihre Clanführer zur Vorsicht und das wir eben die Augen offenhalten sollten. Es gab keine Unterstützung. Im Umkreis von mehreren Tagen gab es kein einziges Dorf, keine Stadt. Während sich im Westen der Fluss Mukonor in den undurchdringlichen Sümpfen von Greenerdoor verlor, gab es im Osten nur das Bergmassiv der Ellar Hills, mit dem unbesiedelten Merdoran und Kandalar. „Avery, träumst du wieder?“ Wie von weit her drang Charise’ ungehaltene Stimme zu mir ans Ohr, dabei stand sie nur zwei Schritte weit entfernt. Gebieterisch baute sie sich vor mir auf. „Hallo? Jemand zu Hause?“ Sie wedelte mit ihren grazilen Fingern vor meinen Augen, um meine Aufmerksamkeit endlich auf sich zu lenken . „Ja, du bist ja nicht zu überhören“, maulte ich. Ich zog die Hosenbeine wieder über die verschorften Knie. Das Blatt Papier, auf dem ich soeben noch einen Vogel gekritzelt hatte, ließ ich unauffällig in meiner Hosentasche verschwinden. „Ich könnte deine Hilfe auf dem Feld gut gebrauchen.“ Abwartend stand sie mit verschränkten Armen vor mir. „Wenn’s keine Umstände macht“, setzte sie schnippisch hinzu. Eine Dohle flog über Charise hinweg, einen Kotklecks auf ihrer Schulter hinterlassend. „Igitt!“, stieß sie angeekelt aus und blieb wie versteinert stehen. „Soll Glück bringen“, brachte ich hervor, dabei konnte ich meine Überraschung kaum verbergen. Mit dem zerknüllten Papier wischte ich ihr den Unrat von der Schulter. Charise schlug meine Hand fort, machte auf dem Absatz kehrt und stapfte davon. Ich ließ sie vorerst ziehen. Wenn sie in dieser Stimmung war machte es keinen Sinn mit ihr zu reden. Mit einem ausgeleierten Haarband versuchte ich meine störrische, kupferne Lockenpracht zu bändigen und unter dem abgewetzten Strohhut zu verbergen. Mutter hatte meiner Schwester und mir eingeschärft, unser rotes Haar nicht zur Schau zu tragen. Niemand sonst hatte rotes Haar und sie wollte nicht, dass man uns deswegen das Leben schwer machte. Wie gern hätte ich es mir einfach kurz geschnitten, damit es besser unter den Hut passte. Doch das würden meine Eltern und vor allem Charise, niemals zulassen. „Deine Haare hätte ich gern“, sagte sie oft, wenn sie vor dem Spiegel stand und wieder einmal trotzig versuchte, etwas aus ihren glatten, wie von Rost durchzogenen Haaren zu machen. Rasch erneuerte ich noch den Sonnenschutz auf meinen Armen mit Lehmpunsch, einem Gemisch aus Lehm und diversen Kräutern. Meine Erfindung. Der Brei kühlte die Haut und bewahrte sie vor dem Austrocknen. Außerdem hinterließ Lehmpunsch einen bronzefarbenen Teint, fast wie gebräunte Haut – was mir persönlich lieber war, als meine blasse Haut mit den versprengten Sommersprossen darauf. An der Konsistenz musste ich allerdings noch ein wenig feilen. „Da bist du ja endlich.“ Ihre Augen sprühten immer noch Funken, doch dann gab sie sich beherrschter. „An der Überleitung zum Verteilerding ist irgendetwas leckgeschlagen.“ Breitbeinig stand sie mit dem Rücken zum Maisfeld, die schweißnasse Stirn in Falten gelegt und auf den Fußballen wippend. „Es wird der Kippschalter sein, der den Zufluss zu den einzelnen Wasserrohren regelt“, überlegte ich kurz. „Sag ich ja, Kippschalter.“ Charise sah mich ungeduldig an. „Kannst du da was machen?“ Vermutlich. Schließlich hatte ich die Bewässerungsanlage ja entwickelt und mit aufgebaut. Ich flocht ein notdürftiges Band aus Schilf und Tampur, einer wasserabweisenden Großblattpflanze und surrte es um die defekte Leitung fest. „So müsste es eine Weile halten.“ „Meinst du wirklich?“ Charise blickte skeptisch auf die geflickte Stelle. Vorsichtig betätigte sie den Kippschalter, um das kostbare Wasser, welches wir dem Mukonor entnahmen, nicht zu vergeuden. Leitungen aus Bambusrohren führten vom Fluss zu den Feldern und verzweigten weiter zu mehreren Wasserreservoiren im Dorf. „Die Zeit wird knapp. Wir haben höchstens noch eine halbe Stunde zum Bewässern.“ Seit Monaten hatte es in Gullorway nicht mehr geregnet. Der Ältestenrat hatte daher das Wasser rationalisiert und für jede Familie genaue Zeiten für die Bewässerung festgelegt. Jeder Ausfall, aus was für Gründen auch immer, ging von der Bewässerungszeit der einzelnen Clanmitglieder ab, ließ die eigenen Felder damit fortwährend trockener werden. Die vorhandenen Brunnen waren mittlerweile auch größtenteils versiegt. Der Wasserstand des Mukonor sank zudem alarmierend. Als das Wasser wieder floss, gingen wir zu den bereits geschnürten Jutesäcken mit Sorghum, einer neuen Getreidesorte, die für die Gegebenheiten unserer trockenen Region optimal geeignet schien. Wir luden die letzten Säcke auf die bereitstehenden, altersschwachen Lastkarren und spannten die ausgemergelten Pferde davor. Mit erhobenem Daumen gab ich Miles das Zeichen, dass er abfahren konnte. Er ließ die Peitsche durch die Luft schnellen, dann setzten sich auch die anderen Karren in Bewegung Richtung Getreidesilo. „Kommst du heute Abend noch mit zu Denian und den anderen?“, fragte Charise mich. Sie verbrachten mehr Zeit miteinander, als es meinen Eltern lieb war. Aber Charise war schließlich erwachsen, wie sie nie müde wurde zu betonen. Wahrscheinlich würden Denian und sie heiraten, wenn Charise nur lange genug Gefallen an ihm fand. „Ich weiß noch nicht“, wand ich mich. „Ach komm schon, Avery. Es ist der siebte Tag der Woche und Miles wird sicher auch da sein.“ Miles wiederum war mein Freund. Wir gingen zusammen durch dick und dünn, wenn auch eher wie Bruder und Schwester. Heute jedenfalls war mir irgendwie nicht nach Gesellschaft zumute. Eine innere Unruhe hatte mich ergriffen, deren Ursprung ich mir nicht erklären konnte. Wie bei einem Gewitter, von dem man weiß, dass es Spuren in der Natur hinterlassen wird. Ich nahm mir vor, heimlich darin lesen. Seit dem Überfall der Herren von Kandalar hatte ich den Stein nicht mehr angerührt aus Angst vor Entdeckung. Doch hatte meine Mutter andere Pläne mit mir. Da Charise sich bereits geschickt aus dem Haus gestohlen hatte, blieb die Küchenarbeit mal wieder an mir hängen. Geduldig faltete ich mit meiner Mutter Wäsche zusammen, räumte das Geschirr in den Küchenschrank, schrubbte die derben Holzböden. Anschließend reparierte ich im Schuppen gemeinsam mit meinem Vater eine Dachlatte, damit es nicht hereinregnen konnte. Letzteres hätte sicher noch ein paar Wochen Zeit gehabt, da noch immer kein Regen in Sicht war. „So, jetzt kann der Regen kommen“, sagte mein Vater doch prompt, kletterte von der Leiter herunter und sah mich mit einem verschmitzten Lächeln an. „Wenn ich dich nicht hätte.“ Väterlicher Stolz breitete sich auf seinen Gesichtszügen aus. Ich zuckte nur mit den Schultern, wollte den Schober schon verlassen, als er mich zurückhielt. „Hast du noch einen Moment Zeit, Avery?“ Versonnen strich er sich über das immer noch volle Haar, fuhr sich mit der Zunge über die spröden Lippen. Was konnte es jetzt noch geben? „Setz dich doch.“ Seine Augen rollten unruhig hin und her. „Wir … der Rat braucht deine Hilfe.“ Prüfend sah er mich an. „Der Rat? Ist das Versammlungshaus renovierungsbedürftig?“ Er schüttelte lachend den Kopf. Es klang unsicher. „Nein, das nicht. Es ist eher etwas Politisches.“ „Inwiefern?“ „Wir brauchen deinen Rat.“ „Meinen Rat?“ Jeder andere hätte sich jetzt vielleicht geschmeichelt gefühlt, bei mir gingen jedoch sämtliche Alarmglocken an. Er fuhr sich mit der Hand über die Augen, als wolle er den Schlaf vertreiben. Mit einem Mal wirkte er sehr erschöpft. Dann, als hätte er eine Entscheidung getroffen, stellte er die Frage, die offensichtlich auf seinen Lippen brannte. „Könntest du für uns deine Karten legen?“ Das überraschte mich nun wirklich. „Wie sollten meine Karten gegenüber der Lebenserfahrung eurer Ältesten etwas voraushaben?“ „Sie – sind objektiver“, stieß mein Vater hervor. „Du, willst die Karten gelegt haben, nicht der Rat. Stimmt’s?“ Er sah mich lange an, bevor er antwortete. „Was bist du doch für ein kluges Köpfchen.“ „Hm. Was willst du wissen?“ „Sag du es mir durch deine Karten.“ Für mich sprach er in Rätseln. Irgendetwas schien ihn so stark zu beschäftigen, dass er es weder vor dem Rat noch vor meiner Mutter aussprechen konnte. Die Reparatur der Dachlatte war also nur ein Vorwand, mich unter vier Augen sprechen zu können. Das machte mir Angst und meine dunkle Vorahnung stellte sich wieder ein. „Ich brauche einen Anhaltspunkt, irgendwas.“ Er schüttelte nur den Kopf. „Ich kann dir nichts sagen. Aber“, er griff in seine Hosentasche und zog ein Päckchen mit abgegriffenen Karten hervor. Meine Karten. „Wo hast du die her?“, zischte ich ihn an. Ich mochte es nicht, wenn meine Eltern hinter meinem Rücken in meinen Sachen wühlten. „Tut mir leid, aber die Zeit drängt.“ „Du hättest mich fragen müssen“, blaffte ich ihn an. Sie gehörten nicht in andere Hände. Sie waren auf mich geprägt. Solche Karten hatte man ein Leben lang. Man spielte nicht mit ihnen um Geld beim Wein. Von ihnen ging eine besondere Kraft aus. Resigniert schloss ich die Augen, atmete tief durch. Langsam beruhigte ich mich wieder. „Wirst du sie mir legen, Avery?“ Fast flehend beschwor er mich. Was war nur in ihn gefahren? Ein Mann wie ein Baum. Mit allen Wassern gewaschen. Zu ihm schauten die Leute auf, fragten ihn um Rat und jetzt sollte ich, gerade mal sechzehn Jahre, ihm in einer Lebenskrise helfen? Danach sah es jedenfalls für mich aus. „Hast du eine andere Frau kennengelernt?“, fragte ich daher gerade heraus. „Was?“ Er sah mich entsetzt an. „Nein, natürlich nicht. Das hast du geglaubt?“ Er schien entrüstet, dass ich so etwas überhaupt in Erwägung ziehen konnte. „Was sonst sollte so furchtbar sein, dass du es noch nicht einmal vor Mutter sagen kannst, hm?“ „Avery, also wirklich. Das ist es nicht. Es geht um Politik.“ Mit verschränkten Armen stand er vor mir. Hatte er eben noch einen Moment der Schwäche gezeigt, so war dieser jetzt verflogen. „Wirst du mir jetzt die Karten legen, Avery? Bitte.“ Doch der Nachdruck, mit dem er seine Bitte aussprach, ließ sie eher wie einen Befehl klingen. „Aber nicht hier drin. Ich muss sie unter freiem Himmel auslegen.“ „Ist das nicht zu gefährlich?“ „Gefährlich? Vater, ich lege doch nur Karten.“ „Schon gut. Dann lass uns rausgehen. Hinter dem Schuppen sind wir ungestört.“ Er räumte rasch sein Werkzeug beiseite, dann folgte er mir nach draußen. Im Vorbeigehen hatte ich mir einen alten Besen gegriffen. Auf einer Fläche von etwa eineinhalb Metern begann ich sorgsam den ausgetrockneten, rissigen Lehmboden von Blattresten, zertrampelten Fußspuren und sonstigen Störfeldern zu befreien, bis eine glatte Ebene entstand. Die Karten mussten auf dem Boden ausgelegt werden, denn aus ihm gewannen sie einen Teil ihrer besonderen Kräfte. Den anderen Teil steuerte ich bei. Als ich die Karten zu mischen begann, zog mein Vater sich eine Holzkiste heran und nahm darauf Platz, ohne mich aus den Augen zu lassen. „Gibt es irgendeinen Anhaltspunkt? Ein spezielles Thema, zu dem ich die Karten befragen soll?“ „Nein. Leg sie einfach aus und sage mir dann, was sie bedeuten.“ Heute wurde ich einfach nicht schlau aus ihm. Für gewöhnlich wurden meine Kartenkünste nur vor Vermählungen benötigt, um dem Paar die Zukunft vorauszusagen oder um den Händlern den rechten Zeitpunkt für ihre Reise zu benennen. Ich mischte die Karten erneut. Dann ließ ich mich auf die Knie sinken. In einem einzigen Fächer, entgegen dem Uhrzeigersinn, legte ich sie mit der linken Hand und dem Bild nach unten auf den staubtrockenen Boden aus. Einen Moment verharrte ich in absoluter Unbeweglichkeit. Um mich herum verstummten die Geräusche. Nur das Rauschen meines eigenen Blutes konnte ich im Kopf hören. Dann öffnete ich die Augen wieder. Gerade, als ich den Kartenfächer von oben nach unten umschlagen wollte, vernahm ich ein herannahendes Grollen, wie von Gewitter. Ich blickte zum Himmel, doch es war kein einziges Wölkchen zu sehen. Mein Vater sah mich abwartend an. Ob er das Grollen auch gehört hatte? Dann schraubte sich mit einem Mal ein Wirbel direkt aus dem Inneren des Kartenkreises empor, wie ein Tornado im Herbst. Wie war das möglich? Die Zeit schien still zu stehen. Ich sah, wie die Karten in eben diesen Strudel gerieten, wie in einen Trichter. Immer schneller, empor zum Himmel und dann war der Spuk plötzlich vorbei, und sie fielen in einem letzten, wilden Tanz auf den Boden zurück. Nur die zerfurchte Erde unter ihnen strafte die anschließende Ruhe Lügen. Das hatte ich noch nie erlebt. Was war geschehen? Als ich die Karten umdrehen wollte, die seltsamerweise alle noch verdeckt auf dem Boden lagen, war ihre Bildseite verschwunden. „Avery, was hat das zu bedeuten?“ Die Stimme meines Vaters war nur noch ein Flüstern, als er auf die leeren Karten starrte. Endlich konnte ich mich aus meiner Starre lösen. Ich sah ihn an und schüttelte den Kopf. „Ich habe dafür keine Erklärung.“ „Aber warum sind die Bilder weg?“ „Ich weiß es nicht, Vater.“ Verwirrt sammelte ich meine Karten wieder ein. Jede einzelne prüfend, wie in Trance. Alle trugen nur auf der Rückseite ihr gewohntes Muster. Die Bilder auf der Vorderseite blieben jedoch verloren. Das Gesicht meines Vaters war inzwischen aschfahl geworden. „Hast du es gesehen?“, fragte ich ihn leise, als könnten wir belauscht werden. Ein Schatten huschte plötzlich über seine Augen, dann sah er mich fragend an. „Was meinst du?“ „Den Wirbelsturm und …“ „Wirbelsturm?“ Er rieb sich die Schläfen, als hätte er Kopfschmerzen. „Nein. Wo denn?“ Suchend blickte er sich um. „In den Bergen?“ Wollte er mich auf den Arm nehmen? Er hatte doch keinen Steinwurf weit entfernt auf seiner Holzkiste gesessen. „Avery, wo sind die Bilder auf den Karten?“ „Langsam, langsam. Wir müssen systematisch vorgehen.“ Mir schwirrte der Kopf. „Sag mir genau, was du gesehen hast, Vater.“ „Ab welchem Zeitpunkt?“ „Nachdem ich die Karten gemischt habe.“ Nervös nagte er an seiner Unterlippe. „Also, du hast sie gemischt, wie immer, bist in die Knie gegangen, danach waren die Bilder weg.“ „Und dazwischen, Vater? Was hast du gesehen, gehört?“ „Dazwischen? Wie meinst du das? Ich habe nichts gehört.“ Ja war er denn plötzlich senil geworden, oder was? „Vater, es war nicht zu überhören oder zu übersehen. Das Donnergrollen, der anschließende Wirbel.“ „Avery, Kind. Ich h-a-b-e nichts gesehen oder sonst was gehört! Sag mir lieber wie es möglich ist, dass die Bilder auf dem Kartenspiel auf einmal fort sind. Wie hast du das gemacht?“ Er schien es für einen billigen Zaubertrick zu halten, wollte schon nach den Karten greifen. „Ich?“ Rasch nahm ich die leeren Karten wieder an mich. „Du hast das Kartenspiel angefasst. Erinnerst du dich? Du hast die Karten aus meinem Schrank genommen. Woher wusstest du überhaupt, dass ich sie dort aufbewahre?“ Was spielte er mir bloß für ein seltsames Theater vor? So kannte ich ihn überhaupt nicht. „Vater. Warum sollte ich dir die Karten wirklich legen? Was wolltest du darin sehen? Ich muss es wissen!“ Mittlerweile schrie ich ihn an, spürte, wie ich kurz davor war, hysterisch zu werden. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Er dagegen schüttelte nur in einem fort den Kopf. „Sprich mit niemand darüber. Schwör es mir, sonst …“ Als meine Mutter, aufgeschreckt durch meine schrille Stimme, über den Hof gelaufen kam, stürmte er in die entgegengesetzte Richtung davon. Wie angewurzelt blieb ich stehen, mit einem Meer von Fragen und leeren Karten.
Rauch über Gullorway
„Wo warst du gestern?“, flüsterte Charise mir am Frühstückstisch zu.
„Später.“
Ich musste in die Schule. Charise blickte fragend zwischen meiner Mutter und mir hin und her. Vielleicht dachte sie, dass wir uns gestritten hatten. Sollte sie glauben, was sie wollte. Hauptsache sie hörte auf, mich weiter mit ihren Fragen zu löchern. Ich brauchte Zeit.
Mein Vater war erst spät in der Nacht nachhause gekommen, und hatte uns kurz nach Sonnenaufgang wieder verlassen. Ohne ein Wort. Ich verstand sein Verhalten nicht, meine Mutter verstand mich nicht, und sagen durfte ich zu niemandem etwas. Aber ich musste mit jemandem darüber reden, was gestern geschehen war, sonst würde ich verrückt werden. Miles, fiel es mir ein. Er wäre der Richtige. Ich würde mit ihm angeln gehen. Dann würde ich ihn fragen, was er von der Angelegenheit hielt. Mit ihm konnte ich über alles reden. Aber die Schule … „Charise? Heute gehst du mir mal zur Hand, hm?“ Die Stimme meiner Mutter holte mich aus meinen Tagträumen zurück und rief bei meiner Schwester ein genervtes Augenrollen hervor. „Und wir sprechen uns nach der Schule noch, Avery“, wandte Mutter sich dann mit durchdringendem Blick an mich. Ich griff nach meinem Lederrucksack, packte die nutzlosen Karten hinein, ein Messer mit meinen Initialen im Knauf und meinen Lesestein. Doch mein Ziel war nicht die Schule. In Gedanken versunken hetzte ich durch die staubigen Straßen von Gullorway. Alles schien wie immer. Kein Gewitter am Horizont. Vor einem frisch getünchten Haus in safrangelb, mit schiefen, schneeweißen Fensterläden, hielt ich an. Miles wohnte hier mit seinen Eltern, zwei jüngeren Schwestern und seinem zehn Jahre älteren Bruder. Als hätte er gespürt, dass ich zu ihm wollte, öffnete sich die Eingangstür. „Nanu? Du kannst es wohl gar nicht erwarten in die Schule zu kommen.“ „Vergiss die Schule, ich muss etwas Wichtiges mit dir besprechen.“ Zwei strahlend blaue Augen schauten mich erwartungsvoll an. Auf dem markant geschnittenen Gesicht mit dem kleinen Grübchen im Kinn zeichneten sich bereits erste Stoppeln eines Bartes ab. Charise behauptete immer, Miles sähe ausgesprochen gut aus. In wenigen Jahren würden ihm die Frauen unseres Dorfes reihenweise zu Füßen liegen, aber ich wäre ja offensichtlich blind für solche Dinge. „Gehen wir angeln“, sagte ich zu ihm, bevor er sich anders entscheiden konnte. Er zog die Tür hinter sich ins Schloss und sah zum Himmel auf, als würde der voller Fische hängen. „Echt? Du willst die Schule sausen lassen fürs Angeln? Dann hast du deine aber zu Hause vergessen genauso wie deinen Hut.“ Er stupste mich an, wollte noch einen Scherz hinzusetzen, wie ich von seinem Gesicht ablas, hielt sich dann aber zurück. „In Ordnung. Du kannst eine von meinen nehmen. Brauchen wir Köder?“ Unentschlossen zuckte ich mit den Schultern. „Du bist heute nicht sehr gesprächig, was? Stress mit deinen Eltern?“ „Lass uns gehen“, sagte ich nur und eilte voraus, in Richtung des Mukonor. Ich wusste, er würde mir folgen. Kurz darauf schloss er zu mir auf. Zwei Angeln in der Hand und eine kleine Büchse, wahrscheinlich randvoll gefüllt mit wimmelnden Ködern. Eine Weile gingen wir schweigend nebeneinander her. Die Luft war drückend heiß. Schon jetzt. Kein Vogelgesang war zu hören. Seltsam. „Ist was passiert?“ „Wieso?“ „Du wirkst so komisch. Du willst nicht in die Schule und gestern bist du auch nicht mehr vorbeigekommen.“ „Ich musste meinem Vater noch helfen.“ „Sicher, aber du solltest dich nicht ausnutzen lassen. Es war schließlich der siebte Tag, der einzige freie Tag in der Woche. Mit der flachen Hand schlug er eine Fliege auf dem Oberschenkel platt, die eine ekelige Blutspur hinterließ. Seine Hand wischte er am Hosenboden ab. Ich blieb stehen und sah ihm fest in die Augen. „Ich lasse mich nicht ausnutzen“, fuhr ich ihn an. „Außerdem hast du gerade einen fetten Köder plattgemacht“, setzte ich wieder versöhnlicher hinzu. Wir gingen weiter, über dürre Hügel, die einst mit saftigen grünen Gräsern bewachsen waren. Die Luft flirrte vor Hitze und verschwamm am Horizont zu einem diffusen Licht. Wir schlenderten nicht auf unserem gewohnten Pfad zum Fluss, sondern bogen ein Stück weiter rechts in den Wald hinein ab, der uns Schutz vor der Sonne bot. Miles schien es ganz recht zu sein, der Schule fernzubleiben. Wir hatten eh nur noch wenige Wochen bis die Ausbildung begann, die unsere Eltern für uns vorgesehen hatten. Bei einem Sattler, Glasmacher, Zimmermann oder mit viel Glück bei einem Händler. Letzteres würde ich bevorzugen, wenn ich denn wählen dürfte. Doch für Mädchen blieb nur eine Schneiderlehre und Heirat. Vor Jahren hatte es eine dunkelhäutige Heilerin in Gullorway gegeben, doch diese war irgendwann nicht mehr von ihrer Kräutersuche zurückgekehrt und hatte ihr Wissen mitgenommen. Von da an war es uns Mädchen verboten über die Grenzen Gullorways hinaus zu gehen. Miles schien es nicht zu stören, dass ich heute so schweigsam war, denn er redete umso mehr. „Du hast gestern echt was verpasst. Cole und Trevor hatten was Selbstgebranntes, Hochprozentiges dabei. Nachdem sie etliche Flaschen herumreichten und selbst davon am meisten tranken, konnten sie sich anschließend kaum noch auf den Beinen halten. Dabei machte Trevor Shannon schöne Augen. So“, er klimperte mit den Wimpern wie ein Mädchen, „die ihn in dem angetrunkenen Zustand jedoch kühl abblitzen ließ. Und dann deine Schwester und Denian. Ich dachte, sie vernascht ihn gleich an Ort und Stelle. Ist sie so wild darauf Mutter zu werden, oder warum bietet sie sich ihm so an?“ Mitunter war Miles wie ein Waschweib. Aber es entging ihm nichts. „Vielleicht. Dann könnte sie von zu Hause ausziehen und müsste sich von unseren Eltern nichts mehr sagen lassen.“ „Ach was.“ Er machte eine wegwerfende Bewegung. „Das kann doch nicht ihr Ziel sein, oder? Dann steht sie doch wieder am Herd, bloß, dass es dann der eigene ist.“ Miles lachte herzhaft über seinen eigenen Witz. Es tat gut, ihn lachen zu hören. Langsam wich meine innere Anspannung. „Und du, was willst du später mal machen?“, fragte ich ihn nach einer Weile, als hätte er eine Wahl. „Du meinst, wenn ich mal groß bin?“ Er sah mich sorgenfrei an. Fast vergaß ich, weswegen ich ihn von der Schule fernhielt. „Tja, was werde ich wohl machen?“ Sein Lächeln verschwand augenblicklich. „Wahrscheinlich werde ich edles Mobiliar herstellen, wie mein Vater und davor sein Vater und dessen Vater schon.“ Miles blieb plötzlich stehen, als hätte er etwas gehört. Unwillkürlich lauschte auch ich in den Wald hinein. „Hörst du das?“ Er hielt sich eine Hand hinters Ohr. „Die Ferne ruft mich. Sie lockt mich über die Grenzen von Gullorway hinaus, in die goldene Stadt von Timno Theben, oder übers Meer hinaus nach Perges.“ Seine Augen begannen plötzlich vor Begeisterung zu leuchten. Mit der Hand griff er nach einem imaginären Ziel, hinter dem Horizont. Ich schüttelte belustigt den Kopf. Wir gingen weiter, folgten auf einem Trampelpfad dem Bachlauf, der in den Mukonor mündete, einem grünlich schimmernden Fluss, sonst reich an Fischbeständen und Flusskrebsen, jetzt kaum noch einen Meter tief. Schwatzend traten wir aus dem Wald hervor. „Komm, wir gehen zum Steg. Von dort aus beißen die Fische besser.“ „Nein, lass uns hierbleiben, Miles. Hier ist mehr Schatten.“ „Du hättest deinen Hut mitnehmen sollen“, wies er mich zurecht. Ich ärgerte mich darüber, so übereilt das Haus verlassen zu haben. Miles kramte in seiner Dose nach dem passenden Köder für unsere Angelruten, dann warfen wir die Schnüre in hohem Bogen in den friedlich dahinziehenden Mukonor. Selten wagten wir uns so weit entfernt von Gullorway hinaus. Man wusste nie ob nicht die Herren von Kandalar das Gebiet durchstreifen. „Was werden wir fangen?“, fragte Miles und zog die Spule etwas nach, bevor er die Rute in den Boden stieß. „Ich denke Karpfen.“ „Nein, glaube ich nicht. Du fängst einen dünnen Aal, so dünn wie mein kleiner Finger, höchstens.“ „Wir werden ja sehen.“ Er riss einen langen Grashalm aus und kaute darauf herum. „Also, wirst du es mir erzählen?“, fragte Miles. „Was erzählen?“ Er hielt mit dem Kauen inne und spuckte den Halm wieder aus. „Weswegen du mit mir Angeln wolltest.“ „Brauche ich dafür einen Grund? Wir gehen doch sonst auch angeln.“ „Ja, aber nach der Schule.“ Ausweichend blickte ich auf das sich kräuselnde Wasser des Mukonor. „Da war gestern so ein Donnergrollen“, begann ich. „Wo, bei uns? Es war doch strahlend blauer Himmel.“ „Ja, ich weiß, aber bei uns auf dem Hof …“, ich schrak zusammen, als ich herannahende Schritte hörte. „Habe ich euch erwischt!“ Triumphierend kam Charise auf uns zu. Wie hatte sie uns hier gefunden? „Solltet ihr nicht in der Schule sein? Du musst nicht gleich rot zu werden, Schwesterherz.“ „Ich werde nicht rot.“ Natürlich wurde ich das. Wahrscheinlich war das Leuchten noch auf der anderen Seite des Flusses zu sehen. Miles stöhnte auf. „Oh Mann, Charise. Du kommst in einem denkbar ungünstigen Moment. Gerade wollte Avery mir ihr Herz ausschütten. Hast du nichts anderes zu tun als uns nachzulaufen? Entzückende Kleidchen nähen oder mit Denian knutschen, wie gestern Abend?“ „Und warum sitzt du hier mit meiner hübschen, kleinen Schwester und bist nicht in der Schule?“, herausfordernd sah sie ihn an. „Wolltet ihr etwa …“ „Charise, du nervst. Wie hast du uns überhaupt gefunden?“ Ohne zu antworten ließ sie sich zu uns ins Gras nieder. „Och, das war leicht. Viel Auswahl gibt es hier ja nicht. Mutter hat mich geschickt, damit ich dich zur Schule zurückbegleite.“ „Ganz sicher“, murmelte ich. „Miles, ich glaube, bei dir hat ein Fisch angebissen.“ Charise blickte mit todernster Mine zum Fluss.“ „Lenk nicht ab, Charise. Warum bist du uns gefolgt?“ „Doch, da war was“, beharrte sie. „Na prima, dann kannst du uns gleich beim Ausnehmen der Fische helfen“, neckte Miles sie, da er wusste, dass sie sich davor ekelte. Tatsächlich bog sich nun seine Angel durch. Miles sprang plötzlich auf, zog mit einem Ruck an der Angelrute und spulte die Schnur auf. Ein zuckender, silbern schimmernder Fisch tanzte über dem Wasser. Ein Barsch? Nein, dafür war er zu klein. Seine Schuppen schimmerten wie eine auf Hochglanz polierte Rüstung. Die Rückenflossen waren indigoblau. „Was ist denn das für ein Fisch? Kennt den einer?“ Miles keuchte vor Anstrengung. Der kleine Fisch schien über ungeheure Kräfte zu verfügen. „Da fragst du die Richtigen“, stieß Charise hervor. Dabei sah es nicht wirklich so aus, als würde der Fisch um sein Leben kämpfen. Vielmehr spielte er mit Miles, wenn da nicht der Angelhaken in seinen Kiemen stecken würde. In den nun immer größer werdenden Augen des seltsamen Fisches trat ein rotglühender Schimmer, wie das Flackern von Feuer und er sah mich an. Es war, als wollten mich diese Augen in ihr Innerstes ziehen. Rauch quoll in kleinen Schlieren hinter den Kiemen hervor, vorbei an dem Angelhaken, der noch darin steckte. Die nun ungewöhnlich rot flammenden Augen des Fisches stierten mich weiter an. Ob das an der Hitze lag? Ich hätte den Sonnenhut mitnehmen sollen. Doch etwas an der Art, wie dieser Fisch mich weiterhin in seinen Bann zog, versetzte mich in äußerste Alarmbereitschaft. Ich konnte es nicht erklären, aber ich wusste, dass wir in Gefahr waren. „Gib ihn frei, Miles! Schnell!“, rief ich, plötzlich von einer unerklärlichen Unruhe erfasst. „Was? Bist du wahnsinnig geworden? Sieh ihn dir an, er ist ein Prachtexemplar.“ Plötzlich einsetzende Kopfschmerzen umspannten meinen Schädel wie einen zu eng sitzenden Helm. „Avery, schrei doch nicht so! Ich lass ihn ja schon vom Haken. Siehst du? Er schwimmt wieder friedlich davon. Du meine Güte, du benimmst dich ja wie ein Baby.“ Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich schrie. Dann war der Kopfdruck schlagartig fort. Wütend rollte Miles den letzten Rest der Angelschnur auf. Charise war bleich wie die Wand. Mit offenem Mund starrte sie mich an. „Was?“, fragte ich sie unwirsch. Miles sah von Charise zu mir. „Habe ich irgendetwas nicht mitbekommen?“ „Hast du einen Sonnenstich, oder was? Und überhaupt: Wo ist dein Hut?“, fragte sie, als sie sich wieder in der Gewalt hatte. „Ich kann es euch jetzt nicht erklären, aber wir müssen diesen Platz sofort verlassen! Irgendetwas geht hier vor, wir müssen nach Hause!“ Ich sah gerade noch, wie Miles den Zeigefinger vor dem Kopf zu kreisen begann, um Charise klarzumachen, dass ich offensichtlich völlig durchdrehte. Ärgerlich schulterte ich meinen Rucksack und verfiel bereits im Laufschritt. Hinter mir hörte ich Miles rufen. „Avery, verdammt so warte doch!“ Ich schlug einen anderen Weg ein als den, den wir heute Vormittag genommen hatten. Während ich rannte, als wäre ein Dämon hinter mir her, versuchte ich meine Gedanken neu zu ordnen. Es war ähnlich gewesen wie gestern, als ich die Karten legte. Da waren auch die Geräusche um mich herum mit einem Mal verstummt. Und der Fisch, der mich mit roten Augen angesehen hatte. Ob es eine Warnung war, fragte ich mich in dem kurzen Moment, in dem mein Verstand wieder funktionierte, oder wurde ich langsam verrückt? Aber der Vogel, den ich gezeichnet hatte und der kurz darauf tatsächlich auf Charise‘ Schulter … „Avery, können wir kurz mal anhalten? Ich habe Seitenstiche. Wir können die Strecke doch nicht in einem durchlaufen“, stöhnte Charise hinter mir. Sie blieb, nach vornübergebeugt, schnaufend stehen, die Hände in die Seiten gestemmt. „Ich renne vor, ihr kennt ja den Weg.“ In gleichbleibendem Tempo jagte ich durch den Wald, begleitet von unterschwelligem Donnergrollen aus der Ferne. Unter mir schien die Erde zu beben. Ich war mir nicht sicher, ob das an meinem energischen Laufschritt lag, oder ein Erdbeben Gullorway erschütterte. Hätte ich geahnt, was uns erwartete, ich hätte mir Flügel gewünscht. Rauch war das erste, was mir in die Nase stieg. Dann gegrilltes Fleisch, nein, verbranntes Fleisch. Der Himmel färbte sich schwarz, braungelb und rotflackernd. Als würde ein unvorstellbares Unwetter aufziehen. Eine Katastrophe musste Gullorway heimgesucht haben, da war ich mir sicher. Verdammt, wie weit war der Weg denn noch? Ich lief die Strecke nicht zum ersten Mal, aber heute schien sie nicht enden zu wollen. Keuchend stolperte ich aus dem Wald heraus und sah überall niedergebrannte Felder. Als ich näher kam wurde der Brandgeruch so unerträglich, dass ich würgen musste. Tierkadaver von Pferden und Rindern lagen überall verstreut und dazwischen – menschliche Überreste. Wie in Trance taumelte ich vorwärts, doch je näher ich Gullorway kam, umso unwirklicher wurde das Szenario. Ganz Gullorway stand in Flammen, die Hitze war selbst am Rand des Dorfes noch zu spüren. Das Feuer wütete überall. Ob ein Blitz eingeschlagen war? Das hätte das Donnern erklärt doch ohne Wolken? Warum war niemand da, um dieses Inferno zu löschen? Beißender Rauch machte mir das Atmen schwer und hinderte mich daran, weiter in das Dorf zu gelangen. Verzweifelt überlegte ich, wo sich die Brunnen befanden. Alles sah so anders aus. Glas zersplitterte, Holzbalken und Dächer krachten zischend und donnernd zusammen und begruben alles unter sich. Leichen, überall verkohlte Leichen und dazu dieses Tosen in den Ohren. Alles wurde unklar, mir wurde schwarz vor Augen. „Miles, schnell! Hilf mir mal!“ Dumpf hörte ich vertraute Stimmen um mich herum. „Ist sie tot?“ Eine schlanke Hand tastete nach meinem Puls. „Nein. Sie lebt zum Glück.“ „Was ist mit Gullorway passiert?“, fragte ich benommen und hatte doch Angst vor der Antwort. „Ganz Gullorway brennt. Wir haben dich hier regungslos liegen sehen.“ Miles schluckte, ihm versagte die Stimme. Von Weinkrämpfen geschüttelt lagen wir uns in den Armen, er und ich. Charise stand einfach nur da. „Denkst du, dass du gehen kannst?“, fragte Charise nach einer Weile. Sie wirkte seltsam emotionslos. Vielleicht war es der Schock. Miles half mir auf. Sein Gesicht eine einzige Maske. Wie Schlafwandler stolperten wir gemeinsam durch das Chaos, das die Flammen angerichtet hatten. So schnell, so gründlich. Die ehemals bunten Fassaden, die den Charme unseres Dorfes ausmachten, waren nun einheitlich schwarz, rußig. Unter den Trümmern die Menschen begraben. Niemand hatte entkommen können. Die Flammen wurden kleiner, fanden kaum noch Nahrung. Schließlich schwelten nur noch vereinzelte Brandherde. Eine eiserne Tür hing seltsamerweise noch in den Resten eines Rahmens. War hier nicht die Schmiede gewesen? Ein Kettenschloss baumelte noch davor, mit grob ineinander verschlungenen Ringen, wie unser Schmied niemals eines angefertigt hätte. Gerade als ich mir das Kettenschloss genauer ansehen wollte hörte ich, wie Miles und Charise sich hinter mir übergaben. Dumpf vor fassungslosem Schmerz blickte ich mich um. Charise war auf die Knie gesunken, ihren Körper vor und zurück wiegend. Wimmernd stierte sie auf einen verkohlten Leichnam mit ausgerissenem Arm. Kein Feuer brachte so etwas fertig. Ich wollte sie beruhigend in die Arme nehmen, doch sie trat nach mir. „Geh weg, du Beschwörerin des Unglücks! Du und Vater, ihr habt es gewusst, deswegen seid ihr fortgelaufen.“ Ihre letzten Worte gingen unter in ersticktem Schluchzen. „Wie sollte ich so etwas erahnen können?“ Charise presste die Lippen fest aufeinander und sah mich voller Hass an. „Du warst es doch, die Vater die Karten gelegt hat, danach ist er fortgegangen.“ Ich war so durcheinander, dass ich sie gar nicht fragte, woher sie das wusste. „Müsst ihr euch ausgerechnet jetzt streiten, während um uns herum nur …“ Miles brachte die Worte nicht über seine Lippen. Alles war so surreal. „Wir müssen nachsehen, ob es Überlebende gibt“, brachte ich hustend hervor. Der Rauch des fast erloschenen Brandes lag wie bitteres Gift auf der Zunge und drang weiter die Kehle herunter. „Sie sind tot, Avery. Sie sind alle tot“, redete Charise mit einer Stimme so kalt wie Eis auf mich ein. „Woher willst du das wissen? Es muss doch Überlebende geben. Vielleicht ist Mutter verletzt und braucht unsere Hilfe.“ „Sieh dich doch um!“, fauchte sie. „Niemand hat dieses Inferno überlebt.“ Entschlossen machte ich mich auf, stolperte über rauchende Trümmer und menschliche Überreste auf der Suche nach unserem Haus. Hinter mir hörte ich Miles wimmern. Ich blickte mich zu ihm um und sah ihn sich über einen verkohlten Leichnam beugen. Zitternd und würgend führte ich ihn von seinem Elternhaus fort und strauchelte dabei über eine Eisenstange. Für einen flüchtigen Moment hatte ich den Gedanken, dass diese Stange nicht hätte hier sein sollen, genauso wie das Kettenschloss. Wir irrten durch Gullorway auf der Suche nach Überlebenden, Charise in sicherem Abstand zu mir. Fast hätte ich es übersehen, unser Zuhause. Dabei war es das einzige Gebäude weit und breit, das noch nicht völlig zerstört war. Hoffnung keimte in mir auf. Doch als ich versuchte ins Innere zu gelangen, stürzten die verbliebenen Wände wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Funken stoben umher und rieselten als heißer Regen auf uns herab, fraßen sich durch die leichte Kleidung bis auf die Haut. Panisch wälzten wir uns auf dem Boden, um die Funken zu ersticken. Die Karten, fiel es mir wieder ein. Warum hatten sie mir dieses Unglück nicht vorausgesagt? Charise hatte recht, vielleicht hätte Gullorway gerettet werden können. Wütend riss ich mir den Rucksack herunter, suchte darin die abgegriffenen Karten. Ein letztes Mal sah ich sie mir an, die Vorderseite immer noch weiß, dann warf ich sie entschlossen ins Feuer. Plötzlich war Charise an meiner Seite und versuchte mich mit aller Macht daran zu hindern. „Nein, Avery, das darfst du nicht tun!“ Hastig begann sie die schmauchenden Karten wieder aus dem Feuer zu ziehen, obwohl die Flammen zischend nach ihren Fingern leckten. „Bist du noch ganz dicht? Eben noch wolltest du mich und meine Karten für das Unglück verantwortlich machen und jetzt willst du sie …“ Dann passierte alles gleichzeitig. Charise schrie wie am Spieß. Mit vor Schreck geweiteten Augen sah sie an mir vorbei zu Miles, der von drei, vier, gelblich aussehenden Kreaturen umzingelt war. Nie zuvor hatte ich derartige Wesen gesehen. Groß wie ein Mensch doch seltsam verformt. Nichts passte zusammen. Mit vogelartigem kahlem Kopf doch den kalten Augen eines Reptils. Auf dem Rücken verhornte bewegliche Platten wie ein Schutzschild. Die Schultern schmal, mit kümmerlichen Klauen und langen Krallen daran. Der restliche Körper dagegen muskulös, getragen von zwei kräftigen Beinen, deren sichelartige Krallen, wie Messer in die verbrannte Erde schnitten auf der Suche nach Halt. Während sie Miles taxierten, ruckte ihr birnenförmiger Kopf ständig vor und zurück, das Maul mit den rasiermesserscharfen Zähnen weit aufgerissen. Fiepend und fauchend stritten sie um Miles, bissen sich gegenseitig in die harten Rückenpanzer oder schnappten nach den langen Hälsen. Hastig gruben sich meine Hände in den staubigen Grund. Dann stürmte ich auf Miles und seine gelben Angreifer zu. „Lauf!“, schrie ich. Miles flüchtete unter meinem Arm hindurch, indes ich den Wesen Dreck entgegenschleuderte. Ungelenk versuchten sie diesen aus den Augen zu entfernen. Dabei waren ihnen ihre überlangen Krallen nur hinderlich. Den Moment ihrer Verwirrung ausnutzend, suchte ich hektisch den Boden nach meinem Rucksack ab. Da lag er, praktisch vor Miles Füßen. Blitzschnell griff ich danach und tastete fast fiebrig im Inneren nach meinem Dolch. Inzwischen hatte sich einer der Gelben schon fast von dem Dreck befreien können. Schnüffelnd ruckelte sein Kopf zu mir herüber. Dann kam er in gekrümmter Haltung langsam, federnd auf mich zu. Einerseits starr vor Schreck, war ich zum anderen fasziniert von seiner Andersartigkeit. Die gelbliche Haut umspannte den kahlen Schädel, als wäre sie irgendwie zu eng. Sie war überzogen mit blauen, wulstigen Äderchen, die wie Flüsse auf einer Weltkugel aussahen. Seine irisierenden Augen, die mal gelb, mal grün oder rot schimmerten, fixierten mich dabei völlig unabhängig voneinander. Den Kopf zum Angriff gesenkt, schnappte er nach mir. Blitzartig stieß ich zu. Doch aus meiner ungünstigen Position am Boden heraus streifte ich ihn nur unterhalb seines weit aufgerissenen Mauls. Mit einem Ruck wollte er seinen Kopf zurückziehen, dabei schlitzte mein Dolch ihm den Kiefer auf, spaltete ihn geradezu in zwei Hälften. Irre vor Schmerz jaulte er in einem ohrenbetäubenden Pfeifton. Im Todeskampf wand er sich einmal um seine eigene Achse, versuchte erneut nach mir zu treten, bevor er zuckend zu Boden ging und zu Asche zerfiel. Nun umkreisten mich auch die anderen drei Gelben. Mit federnden Schritten kamen sie auf mich zu. Panisch versuchte ich auf den Rücken des Gelben einzustechen, der mir am nächsten war. „YEMAHL!“, hörte ich die verzweifelte Stimme meiner Schwester hinter mir rufen. „Du musst den Dolch bei seinem Namen rufen, YEMAHL!“ „YEMAHL!“, schrie ich und da begann der Dolch in meiner Hand zu leuchten. Heller als jede Fackel. Sogar heller als die Sonne. Und, als wäre der eben noch harte Rückenpanzer des Reptils plötzlich aus Butter, glitt die Klinge auf einmal bis zum Heft hinein. Das Wesen bäumte sich unter Schmerzen windend auf, bevor es ebenfalls zu Asche zerfiel, die der Wind in alle Richtungen verwirbelte. Fauchend zogen sich die beiden verbliebenen gelben Geschöpfe hüpfend in langen Sätzen zurück und verschwanden schließlich in den Rauchschwaden von Gullorway. „Wir müssen weiter. Bevor die Nacht kommt, werden sie nach uns suchen“, hörte ich Charise mit Bestimmtheit sagen. „Sie? Wer sind sie? Weitere Gelbe?“ Allein der Gedanke daran ließ mich frösteln. Ob der seltsame Fisch mit den roten Augen mich davor hatte warnen wollen? Doch behielt ich meine Gedanken für mich. „Gelblinge. Sie gehören zu den Herren von Kandalar und diese werden nicht eher ruhen, bis sie uns gefunden haben.“ „Dann haben sie Gullorway angezündet? Aber warum? Sie haben doch mehr als genug bekommen und dazu noch eintausend Platons.“ „Sie haben nach uns gesucht. Nach dir und mir.“ „Woher willst du das wissen, Charise?“, fragte Miles. „Und wie hast du mein Messer genannt, bevor es so seltsam glühte?“ Charise überging meine Frage und sah Miles an. „Frag Avery doch mal, warum ihre Karten plötzlich keine Bilder mehr haben, aber Bilder, die sie malt, lebendig werden.“ Charise griff in ihre zerrissene Hosentasche und zog ein zerknülltes Papier heraus. Als sie es entfaltete, erkannte ich den von mir gezeichneten Vogel darauf.
Verbrannte Spuren
Aus der Ferne beobachteten Neschwirr und sein Gefolge, wie Gullorway von den Flammen niedergerungen wurde. Schwarzbrauner Rauch verhüllte die Sonne und trug die Schreie der eingeschlossenen Opfer zu ihnen herüber. Er hatte keine Gnade walten lassen. Niemand dieser törichten Bewohner hatte ihnen sagen wollen, wo sich die beiden rothaarigen Mädchen befanden. Selbst dann nicht, als er ihnen gedroht hatte, ihr Dorf anzuzünden. Er hatte so handeln müssen. Wenn er von seinen Männern respektiert werden wollte, musste er sich unnachgiebig zeigen. Daher hatten Neschwirr und seine Männer sämtliche Fenster und Türen versperrt, verbarrikadiert und mit Schlössern verriegelt. Sollten sie doch in der Hölle schmoren für ihren Eigensinn. Aber die Mädchen hatten sie nirgends gefunden.
Bevor sie selbst Gefangene des Feuers wurden, traten die Herren von Kandalar den Rückzug an. Jetzt konnte er nur hoffen, dass die Mädchen nicht unter den Opfern waren. Aus diesem Grund hatte er die Gelblinge zurückgeschickt, um sie in den Trümmern nach ihnen suchen zu lassen.
„Da, schau Neschwirr-Guhl. Dahinten bewegt sich etwas.“
Neschwirr blickte in die Richtung und sah, wie sich zwei Gestalten aus dem Rauch hervortaten. In kurzen, hüpfenden Sätzen kamen sie auf ihn zu. Gelblinge. Warum nur zwei? Sie fiepten ängstlich und hielten ihre unansehnlichen Schädel demütig gebeugt.
„Wo sind die anderen beiden? Was ist mit den Mädchen?“
Neschwirr war außer sich vor Wut. Als sie in das Dorf einfielen war er davon ausgegangen, dass das Ganze ein Kinderspiel werden würde. Den verängstigten Menschen ein wenig drohen, ihnen saßen ja der Schrecken vom letzten Mal noch in den Knochen. Dann mit den beiden Mädchen zurück auf die Burg von Kandalar. Und jetzt? Wie sollte er dies seinem Vater erklären? Er konnte unmöglich mit leeren Händen zurückkommen noch dazu, wo zwei der Gelblinge unter Umständen im Feuer umgekommen waren.
Er zückte seine Peitsche aus den Stiefeln, ließ sie durch die Luft sausen und dem Gelbling, der ihm am nächsten war um den Hals schlingen.
„Wo sind sie?“, fragte er, als könnten sie ihn verstehen. Der Färber hatte ihm versichert, diese Gelblinge seien folgsam, sie würden jedes Wort begreifen und Befehle befolgen. Sie könnten nur nicht mehr sprechen. Verdammte Mutationen. Was wollten sie mit solchen Wesen, wenn sie ihnen nicht gefällig waren? Er würde seinem Vater berichten müssen, dass sie noch nicht optimal zu kontrollieren waren aber ohne die Mädchen würde Mahilo-Esch kein Ohr dafür haben.
Neschwirr schlängelte die Peitsche von dem Hals des Gelblings, bevor auch dieser noch sein Leben aushauchte.
„F-ü-h-r-t mich zu ihnen und ich verspreche euch gegenüber Gnade walten zu lassen.“
Schnüffelnd und mit ruckenden Köpfen suchten sie den Boden ab. Die Spuren führten um Gullorway herum. Langsam folgten Neschwirr und seine Männer den Gelblingen, selbst die Häupter geneigt beim Ausspähen nach Fußspuren. Doch die Hufe ihrer Pferde hatten bereits das meiste verwischt. Den Rest hatte der Brand erledigt. Sie würden warten müssen bis Feuer und Rauch vollständig verschwunden waren und ihre Suche erneut starten. Diesmal durfte ihm kein Fehler unterlaufen.
In den Sümpfen
Erst als uns völlige Dunkelheit umhüllte wie ein dichter Mantel machten wir halt. Wie weit wir gelaufen waren oder ob nur im Kreis vermochte ich nicht zu sagen. Der Rauch verbrannter Felder und verkohltem Fleisch hielt mich noch immer gefangen. Er war überall. In unseren Haaren, unserer Kleidung, sogar auf der Haut. Was wir gesehen hatten, würde sich tief in unsere Seele einbrennen und Narben hinterlassen. Für immer.
Keiner wagte etwas zu sagen. Unfassbar war das Erlebte. Dennoch benötigten wir einen Plan. Irgendetwas, das uns Halt gab.
Charise war es schließlich, die ihre Stimme als Erste wiederfand. Dabei klang sie steif, förmlich.
„Wir werden unsere Kräfte noch brauchen. Daher sollten wir versuchen zu schlafen.“
Als hätte sie mit ihren Worten einen Hebel umgelegt, sprudelte es auch schon aus mir heraus. „Wie kannst du nur so kalt sein, Charise? Berührt es dich kein Stück, dass Mutter, unsere Freunde und alle die wir kannten und liebten massakriert wurden? Kannst du dich einfach schlafen legen, wie nach einem fetten Essen? Willst du nicht wissen, warum dieses Massaker geschah?“
„Ich habe es dir schon einmal gesagt, Avery. Sie werden nach uns suchen. Und wenn sie uns finden, haben wir keine Chance mehr über irgendetwas nachzudenken, außer, um unser Leben zu rennen. Du hast uns das doch überhaupt erst eingebrockt!“
Ich sprang auf, brauchte ein Ventil, mit dem ich all meine Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit entladen konnte. Ich wollte ihr die Augen auskratzen, sie verletzten für die Worte, die nicht die ihren zu sein schienen, sondern die einer Fremden.
„Ich? Du spinnst ja!“
„Hört auf! Sofort!“, mischte sich Miles ein, der bisher kein einziges Wort gesagt hatte. „Sie hat Recht, Avery. Wir sollten versuchen zu schlafen, wenigstens ein paar Stunden. Keiner von uns kann im Moment mehr klar denken.“
Gekränkt wandte ich mich ab. In diesem Augenblick begann ich Charise zu hassen und es sollte nicht das letzte Mal sein.
Wie Fremde, die das Schicksal zwang zu bleiben, rauften wir uns vorerst zusammen, wagten uns bei der Dunkelheit jedoch nicht weiter in den Wald hinein. Rücken an Rücken ließen wir uns an Ort und Stelle nieder und hofften, dass keine Blut saugenden Insekten oder Schlimmeres uns heimsuchten. Dazu verspürte ich einen Bärenhunger und schämte mich dafür. Eben noch hatte ich Charise für ihre Gefühlskälte getadelt, wie konnte ich da selbst ans Essen denken? Jetzt bereute ich, dass ich Miles genötigt hatte, den Fisch, den er noch vor Stunden an der Angel hatte, in den Fluss zurückzuwerfen. Wenigstens besaßen wir unsere Angelruten noch und mein Messer. Besser als nichts.
Neben mir zuckte Miles im Schlaf. Ich dagegen hatte Angst einzuschlafen. Ich wusste, wenn ich mich der Müdigkeit hingab, würden die alptraumhaften Gedanken zurückkommen, die ich mit aller Macht versuchte zu verdrängen. Selbst im wachen Zustand ließen sie mich nicht los. Etwas, das Charise gesagt hatte, als die Gelblinge uns angriffen, geisterte in meinem Kopf herum. Aber so sehr ich mich auch bemühte, es wollte mir nicht mehr einfallen. Irgendwann musste ich dann wohl doch eingenickt sein.
Als ich die Augen öffnete, war es noch dunkel. Wie spät es wohl war? Hunger und Durst plagten mich. Ich begann, Spucke in meinem Mund zu sammeln und dann hinunterzuschlucken. Ein armseliger Trost. Meine Kleidung fühlte sich vom feuchten Waldboden ganz klamm an, lag schwer auf der geschundenen Haut.
Wieder zuckte Miles. Dann spürte ich, wie er seine Muskeln anspannte.
„Hast du was gehört?“, raunte ich ihm zu.
Er schüttelte seinen Kopf, schwieg. Kurz darauf war er wieder eingeschlafen. Zwischen den Baumkronen zwang die Morgensonne bereits ihr spärliches Licht hindurch, in dampfenden Balken. Noch eine gute Stunde dann würden wir genug Licht haben, um weitergehen zu können.
Bohrende Gedanken hielten mich weiterhin wach. Vater. Was sollte ich für ihn aus den Karten lesen? War es etwa genau das, was gestern mit Gullorway geschah? Aber warum war er dann fortgelaufen? Wäre es nicht seine Pflicht gewesen, die Dorfältesten zu warnen, um Alarm zu schlagen? Seine Familie zu schützen? Es war feige, seine eigene Haut zu retten. Er hatte nichts unternommen, um das Unglück abzuwenden, außer, mich nach meinen Karten zu fragen. Ob er noch lebte?
Und Charise mit ihren gemeinen Anschuldigungen. Wie kam sie darauf, dass die Herren von Kandalar ausgerechnet uns suchten? Ich verachtete sie dafür, dass sie hatte schlafen können, als wäre nichts passiert und mir die Schuld an dem Unglück gab. Miles kam als erster auf die Beine und streckte sich. Dann bot er mir seine Hand, um mir aufzuhelfen. Meine Schwester dagegen lehnte seine Hand ab und stand ungelenk auf. „Wie soll es jetzt weitergehen? Hast du einen Plan, wo du ja so gut Bescheid weißt über alles?“, frotzelte ich und sah Charise aus müden Augen an. Trotz oder gerade wegen des Schlafmangels hatte ich immer noch genügend Gift in mir, dass ich nur zu gern bereit war, ihr entgegen zu sprühen. „Wir sollten nach einem Bach suchen. Vielleicht gibt es da Fische oder andere, essbare Tiere“, versuchte Miles die Situation zwischen uns zu entschärfen. Er hatte ja Recht. Doch ich fühlte mich dermaßen desillusioniert, dazu dieser nagende Hunger und unsägliche Durst, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte „Gehen wir“, sagte Charise knapp und machte sich auf den Weg, ohne auf uns zu warten. Wir waren etwa zwei Stunden gelaufen, als sich die Vegetation um uns herum zu verändern begann. Das vertrocknete Laub der Bäume wich allmählich einer Graslandschaft auf offenem Gelände. Charise zögerte. Hier würden wir wie auf dem Präsentierteller laufen. Doch auch die Sonne war unser Feind. Ohne einen Tropfen Wasser und der Aussicht auf Nahrung würden wir nicht lange durchhalten. „Irgendeine Idee, wo wir hier sind?“, fragte Miles an uns beide gerichtet. Ich zuckte mit den Schultern, Charise schüttelte den Kopf. „Könnte es Alebas sein?“, bohrte er weiter. „Zu weit weg.“ „Kandalar?“ „Nein. Außerdem wäre das gar nicht gut, dann würden wir den Herren von Kandalar direkt in die Arme laufen.“ „Woher willst du das wissen, oder warst du schon mal da?“, fragte ich sie. „Nein, ich habe einfach in der Schule aufgepasst.“ Selbst in dieser Situation versuchte sie, sich aufzuspielen. Charise blickte zum Himmel, folgte dem Lauf der Sonne, als würde sie sich mit den Himmelsrichtungen auskennen. „Nein, ich denke nicht, dass wir Kandalar vor uns haben. Vorher müssten wir auf Abylane treffen.“ „Liegt das nicht weiter nördlich?“, beharrte Miles seinerseits. „Was auch immer, lasst uns irgendwie versuchen aus der Sonne zu kommen“, stöhnte ich. Meine Haut brannte wie Feuer. Schatten gab es nirgendwo nur endlose Steppe. Kein Wasser, geschweige denn irgendetwas, das wir essen konnten. Mittlerweile knurrte mein Magen unerhört laut. Charise warf mir jedes Mal einen genervten Blick zu, dabei musste es bei ihr und Miles doch genauso sein. „Kandalar oder nicht, müssten wir nicht irgendwann mal auf ein verdammtes Dorf oder eine größere Siedlung treffen?“, fragte Miles nun erschöpft. Momentan konnte ich nicht einmal mehr sagen, wie lange wir schon gelaufen waren. „Sollten wir wirklich Richtung Kandalar unterwegs sein, dann wäre Alebas der nächste Ort, aber noch Stunden entfernt“, stellte Charise klar. „Von mir aus Alebas oder was auch immer. Ich habe die Landkarte nicht auswendig gelernt.“ Na prima. Ging das jetzt wieder von vorn los? Mein Gefühl sagte mir, das wir weiter westlich unterwegs waren. Aber ich war zu erschöpft und resigniert, um etwas zu erwidern. Wir liefen weiter, ohne Plan. Die Stimmung war inzwischen auf den Nullpunkt gesunken, wenn es denn noch tiefer ging. Da sahen wir in der Ferne ein dunkelgrünes Band am Horizont flimmern. Entweder wieder ein Waldgebiet oder eine Siedlung. Jedenfalls hoffte ich, dass wir dort endlich Schatten vorfinden würden und vor allem Essen und Trinken. Wenn mein Gesicht so aussah, wie es sich anfühlte und bei Charise zu sehen war, dann würden wir beide zum Abend mehr als nur einen kräftigen Sonnenbrand haben. Miles dagegen schien die Sonne nicht so viel auszumachen. Er sah bestenfalls leicht gebräunt aber nicht verbrannt aus, soweit ich das unter dem Schmutzfilm auf seiner Haut erkennen konnte. Der Streifen am Horizont entpuppte sich als weiteres Waldgebiet, doch anders als die Wälder, an denen wir bisher vorbeigekommen waren. Auch war die Luft jetzt nicht mehr heiß und trocken, sondern feuchtwarm, schwül. Aber es gab endlich Schatten, vielleicht auch Wasser, einen See, irgendetwas. Wir stolperten hinein. Es roch modrig, wie etwas das verrottet. Der Boden war weich, nass. Also musste es hier Wasser geben. Hoffnungsvoll gingen wir weiter. Um uns herum nur Gras, Büsche und hohe Bäume. An den Ästen hingen braungrüne Flechten wie löchrige Tücher, die jemand zum Trocknen aufgehängt hatte. Kein Wasser weit und breit. Erschöpft ließen wir uns auf einem umgekippten Baumstamm nieder und sahen uns um. Plötzlich aufziehende Nebelschwaden erlaubten uns höchstens dreißig, vielleicht vierzig Meter weit zu sehen. Die Konturen um uns herum verschwammen. „Hier muss es doch verdammt nochmal Wasser geben.“ Miles sprach aus was wir alle dachten. Doch der Nebel nahm uns jegliche Orientierung. Wir konnten kaum den Pfad erkennen, den wir soeben gegangen waren. Wir standen wieder auf, hielten uns bei den Händen, um uns nicht zu verlieren. Charise ging voran, dann Miles und ich bildete das Schlusslicht. Mittlerweile liefen wir durch knietiefes Gras, der Boden federte bei jedem unserer Schritte und hinterließ schmatzende Geräusche. Und plötzlich war da noch ein anderer Laut. „Wartet mal. Ich habe was gehört.“ Ich blieb stehen und lauschte. „Da folgt uns etwas.“ Miles flüsterte nur noch. „Was sollte uns denn hierhin folgen? Wir laufen seit Stunden, ohne einer Menschenseele begegnet zu sein.“ Charise wollte weiter. „Scht. Hör doch mal.“ Es kam näher. Platschende Geräusche und Fiepen. Wo hatte ich dieses Fiepen schon einmal gehört? Gelblinge, schoss es mir durch den Kopf. So hatten sich die Gelblinge in Gullorway angehört. „Ich glaube, die Gelblinge sind uns gefolgt. Wir müssen hier weg. Los! Lasst uns den Pfad verlassen!“, versuchte ich sie zu bewegen. „Warte, warte. Wir wissen nicht von welcher Seite sie …“ Miles brach ab. Jetzt hörten wir aus der Ferne Stimmen. Männerstimmen in einer fremden Sprache, mit gedehnten Wörtern. Die Herren von Kandalar. Wir saßen in der Falle. Wenn doch bloß dieser verdammte Nebel nicht wäre – aber vielleicht war auch genau das unser Glück, verbarg uns vor den Feinden. Die Stimmen schienen aus allen Richtungen zu kommen, umherzuwehen. Ich gab Miles und Charise ein Zeichen mir zu folgen und hoffte, den Herren von Kandalar nicht direkt in die Arme zu laufen. Der Boden unter uns schmatzte bei jedem Schritt, wurde breiiger und zerrte an unseren Schuhen. Mannshohes Schilf umgab uns nun und bot neben dem Nebel zusätzlichen Schutz. Wir warteten, während der Untergrund immer schwammiger wurde. Charise wollte etwas sagen, unterließ es jedoch als das Fiepen und die Männerstimmen wieder näherkamen. „Sie m-ü-s-s-en hier irgendwo sein. Ich kann sie spüren. Le marin de Schtedoor.“ Sie verfielen wieder in ihre unverständliche Sprache, entfernten sich ein wenig. Das Fiepen der Gelblinge folgte ihnen. Dann der markerschütternde Schrei eines Tieres. „Das ist Moorgebiet, Neschwirr-Guhl. Die Gelblinge sinken schon ein, wir können nicht …“ „Sag m-i-r nicht was wir können und was nicht.“ Die restlichen Worte gingen unter im Gekreische der Gelblinge. „Habt ihr das gehört?“, flüsterte Miles. „Wir stecken im Moor. Wir müssen hier fort, bevor wir auch versinken.“ Angst schnürte mir die Kehle zu. Als wir uns fortbewegten war es, als ob der Boden uns für sich behalten wollte, an unseren Beinen zog. Wir bekamen einen kräftigen Zweig zu fassen und konnten uns befreien. Lauschten, warteten und gingen in kleinen Schritten vorwärts, hoch konzentriert und fiebrig vor Panik. Das Stimmengewirr entfernte sich immer weiter, bis es schließlich ganz erstarb. Wir wagten uns kaum von der Stelle aus Angst, sie wieder auf unsere Spur zu bringen. Aber wir mussten weiter. Langsam setzten wir uns wieder in Bewegung. Wir waren eine gefühlte Ewigkeit unterwegs, als sich der Nebel etwas lichtete. „Da vorne, seht ihr das?“ Miles war ganz aufgeregt. „Ein See, jedenfalls sieht es so aus.“ Er rannte fast. Jede Vorsicht außer Acht lassend stolperten wir ihm hinterher. Plötzlich brach Miles durch den Boden, versank knietief im Moor. Und je mehr er versuchte sich zu befreien, desto tiefer geriet er hinein. „Miles! Nicht bewegen!“, forderte ich ihn voller Panik auf. Dabei hielt ich ihm unsere Angel hin, zog sie gleich wieder zurück, weil der Angelhaken noch daran baumelte. Mit zittrigen Fingern schnitt ich ihn ab. „Avery, was machst du denn? Tu doch endlich was, verdammt!“ Charise stand schreckensbleich neben mir, selbst unfähig irgendetwas zu unternehmen. Ich hielt Miles nun das dicke Ende der Angel hin, damit er besser danach packen konnte, doch durch die nebelfeuchten Hände bekam er keinen Halt und die Angel entglitt ihm. Stattdessen sackte er weiter ein, nun bis zu den Hüften. Auch ich war ein Stück nach vorne gerutscht in das Moor, konnte mich jedoch mit einem rückwärtigen Schritt befreien. „Warte Miles. Wir versuchen etwas anderes.“ „Aber macht schnell. Irgendwie ist dieses eklige Zeug verdammt kalt.“ „In Ordnung, aber versuch, dich nicht zu bewegen.“ „Du hast Humor.“ Wieder war er ein Stück tiefer gesunken. Charise und ich suchten fieberhaft nach etwas, womit wir ihn herausziehen konnten. Wir schleppten Zweige an, doch die waren zu dünn. Wir trugen einen kleinen Baumstamm zu ihm, nach dem Miles griff und zogen mit vereinten Kräften, doch wir bekamen ihn nicht frei. Charise und ich schleppten ein, zwei längere Baumstämme herbei. „Hilf mir, Charise. Wir müssen sie rechts und links von Miles legen, wie eine Leiter. Vielleicht kann er sich dann mit den Armen darauf abstützen und sich etwas nach oben ziehen.“ „Aber das Moor ist doch überall, wie sollen denn die Stämme …“ „Ich dachte ja nur, weil Holz schwimmt und so.“ „Könntet ihr jetzt mal aufhören zu debattieren? Mir ist echt saukalt!“ Seine Stimme bebte und allmählich ließen wohl auch seine Kräfte nach. „Hier drin ist es so kalt wie in einem Grab.“ „Miles, hör auf so etwas zu sagen!“ Tränen der Hilflosigkeit liefen mir übers Gesicht. Da. Etwas bewegte sich in den Sümpfen seitlich von Miles, kam auf ihn zu. Entsetzt blickte ich in die Richtung. „Miles, nicht bewegen. Da kommt …“ „Ich kann mich eh nicht mehr bewegen. Oh, verdammt. Was ist das denn?“ Doch Charise schrie schon wie am Spieß. „Ein Krokodil. Es kommt …“ „Halt endlich die Klappe, Charise! Prima. Jetzt hat es uns entdeckt.“ In Windeseile ging ich gedanklich die Möglichkeiten durch, die uns blieben. Wir mussten das Tier irgendwie von Miles ablenken. Ich zog die Blechbüchse aus dem Rucksack und schwenkte sie hin und her. Davon abgelenkt drehte das Reptil seinen flachen Kopf und steuerte langsam auf mich zu. Ich bewegte mich immer weiter von Miles und Charise fort, um sie aus der Gefahrenzone zu bringen. Dabei hoffte ich, nicht selbst im Moor zu versinken. Jetzt konnte ich den schlammbraunen Kopf des Krokodils erkennen, sein Maul mit den messerscharfen Zähnen. Fast sah es aus, als würde es mich anlächeln. „Avery, spiel jetzt nicht die Heldin!“, rief Miles mit angstvoller Stimme und mein Ablenkungsmanöver verfehlte seinen Zweck. Das Krokodil ließ von mir ab und schwamm geradewegs wieder auf Miles zu, der nun in wilder Panik zu strampeln begann. Ich schrie, Charise schrie, doch diesmal war das Reptil nicht zur Umkehr zu bewegen. Dann war es nur noch wenige Meter von Miles entfernt. Ein letzter, kraftvoller Stoß und es schoss aus dem Moor hervor. Das Wasser schien zu brodeln. Arme, Beine und das schnappende Maul des Krokodils gerieten in einen wilden Strudel, bevor sie im Sumpf versanken und nicht mehr auftauchten. Fassungslos starrte ich auf die Stelle, wo Miles verschwunden war. Vor unseren Augen einfach verschwunden. Es war, als wäre ich mit ihm in die Tiefe gezogen worden. Starr vor Entsetzen haftete mein Blick auf die Stelle, konnte sich nicht lösen. Ich fiel auf die Knie, geschüttelt von Weinkrämpfen. Charise nahm mich in die Arme, steif, unbeholfen. Ihr fehlten die Worte ebenso wie mir. Dafür gab es keine Worte. Mein Freund Miles war getötet worden. Ich fühlte mich schuldig, weil ich ihn nicht hatte retten können. Alles brach mit einem Mal über mir zusammen. Ich heulte wie ein Tier. Stundenlang. Ohne Tränen, denn dafür hatte ich keine Flüssigkeit mehr in mir. Es war mir egal, ob die Herren von Kandalar mich hören konnten. Mir war alles egal. Als das Tageslicht zu schwinden begann, war es schließlich Charise die mit leiser, kratziger Stimme sprach. „Wir müssen weiter, Avery.“ Ich nickte matt und kam wieder auf die Beine. War es das, was das Leben für mich vorgesehen hatte? Einfach weiterlaufen bis zum Umfallen? Wer würde als Nächstes sterben? Charise oder ich? Wir machten uns auf. Dumpf vor seelischem Schmerz. Links, rechts, rechts, geradeaus, links. Eine Ewigkeit. Die Angelruten benutzten wir inzwischen als Wanderstab, stachen in den Boden vor uns und um uns, damit wir nicht wieder ins Moor gezogen wurden. Aber wer konnte schon wissen, was sonst noch für Überraschungen auf uns lauerten? Der Boden wurde fester, trittsicherer. Dafür nahm die schwüle Luft zu, trieb uns den Schweiß aus den Poren, quetschte uns aus wie eine Zitrone. Ein leichtes Rauschen, wie von Wind, war in der Ferne zu hören, dabei bewegte sich kein Lüftchen. Charise schien es auch gehört zu haben, doch reichte unsere Spucke nicht einmal mehr zum Sprechen. Ich nickte stumm in die Richtung, aus der das Rauschen kam. Wir gingen weiter bis das Geräusch zu einem Donnern anwuchs. Ein feiner, kühlender Sprühnebel benetzte unsere Haut und plötzlich tat sich vor uns ein steinernes Wasserbecken auf, gespeist von einem tosenden Wasserfall. Etwas derartig Gewaltiges hatte ich noch nie gesehen. Wie aus dem Nichts stürzten die Wassermassen über moosige Felsvorsprünge und bildeten einen dichten Vorhang. Rechts und links oberhalb der Felsen reckten sich üppig grüne Baumkronen in den Himmel. Der Durst trieb uns zum Wasser, doch versperrten uns scharfkantige, moosbewachsene Findlinge den Weg. Wie Betrunkene strauchelten wir weiter, stolperten und fielen, schürften Knie und Hände auf, bis wir endlich einen Zugang zum Fluss fanden. Schließlich ließen wir uns völlig entkräftet am Uferrand nieder, schöpften mit bloßen Händen das rettende Wasser. Ich trank und würgte, würgte und trank, bis der Durst fürs Erste gestillt war. Vorsichtig wusch ich mir anschließend den Schmutz von der Haut, kühlte die sonnenverbrannten Stellen und die Mückenstiche. Am liebsten wäre ich direkt in den Fluss hineingesprungen, um ein Bad zu nehmen. So viel Wasser. Niemand hatte uns in der Schule gelehrt, dass es westlich von Gullorway so etwas Fantastisches gab. Man sprach immer nur von den Sümpfen und dass sie undurchdringlich wären, dass ein seltsam kriegerisches Volk mit Pfeil und Bogen darin lebte. Ein Stück weiter, wo der Boden wieder ebener zu werden begann, stieß ich auf Flusskrebse. Blau schimmernd und sie waren viel größer und fetter, als bei uns am Mukonor. Bevor das Tageslicht völlig erlosch, griff ich nach den zappelnden Krebsen, zerdrückte sie auf einem Stein und aß sie roh. Charise sah mir zu und würgte, doch versuchte sie es kurze Zeit später selbst. Wenn wir nicht verhungern wollten hatten wir keine andere Wahl. Wir bekamen noch ein paar dieser Krebse zu fassen, bis die restlichen das Weite suchten. „Und jetzt? Was essen wir jetzt?“, fragte Charise und hatte wieder diesen anklagenden Unterton in der Stimme. „Ich schätze, für heute war das alles. Das Tageslicht schwindet bereits und wir brauchen ein Lager für die Nacht. Morgen suche ich nach Kräutern und angle was für uns.“ „Und damit kennst du dich aus?“ „Wir werden sehen.“ Kaum das die ersten Sonnenstrahlen am nächsten Morgen erschienen, begab ich mich auf die Suche nach einem passenden Köder für die Angel. Ich fing ein paar von den bläulichen Krebsen und steckte sie in Miles Dose. Während ich Charise mit dem Sammeln von Holz beauftragte, warf ich die Angel aus und hoffte, dass in dem tosenden Strom überhaupt Fische schwammen. Für die atemberaubende Umgebung mit dem wundersamen Wasserfall hatte ich kaum ein Auge. Ich war nur damit beschäftigt Nahrung zu finden, irgendetwas, das wir jetzt gleich essen konnten, damit der bohrende Schmerz in meinem Magen endlich aufhörte. Der Schmerz in meinem Herzen hingegen würde bleiben. Immer wieder stellte ich mir die Frage, warum Gullorway und warum hatte es Miles treffen müssen? Wie hatten uns die Herren von Kandalar gefunden und hatte Charise am Ende Recht mit ihrer Behauptung, dass sie nach uns suchten? „Wie viel Holz soll ich denn noch heranschleppen? Außerdem ist alles nass“, maulte sie. Wortlos nahm ich ihr den Stapel ab, hin und wieder einen Blick auf die Angel werfend. Dann schabte ich mit dem Messer die feuchte Rinde ab, legte sie zum Trocknen auf einen der Steine und schnitzte kleine und größere Späne. In eines der flacheren Hölzer bohrte ich mit dem Messer eine Mulde hinein und fixierte das Holz dann mit dem Fuß auf dem Boden. Schließlich wählte ich einen kleinen, runden Stock, steckte ihn in die geschnitzte Vertiefung und begann ihn zwischen meinen Händen zu zwirbeln. Charise wies ich unterdessen an, kleinere Hölzer und Holzschnitzer aufzuschichten. „Wozu soll das gut sein?“ Sie schüttelte den Kopf, befolgte aber meine Anweisungen. „Vielleicht, um Feuer zu machen?“ Mir stand inzwischen der Schweiß auf der Stirn in dem Bemühen, das Holzstück wenigstens zum Rauchen zu bringen. „Du hättest ihn retten können“, stieß sie unvermittelt hervor, mit einem verkniffenen Ausdruck um die aufgesprungenen Lippen. Sie hockte auf einem Stein, ein Bein baumelte im Wasser. Missmutig folgte sie meinem Tun. Und als ich nicht antwortete setzte sie nach, „Du hättest irgendetwas zeichnen können, um ihn aus dem Moor herauszuholen.“ „Du vertreibst die Fische“, sagte ich mit nur mühsam unterdrücktem Beben in der Stimme, bemüht, ihre Worte nicht an mich herankommen zu lassen. Miles retten? Wie hätte ich etwas zeichnen sollen, ohne Papier und Stift? Heiß gruben sich die Schuldgefühle in meine Seele. „Ach ja? Welche Fische denn?“, konterte sie. Sie nahm den Fuß aus dem Wasser und lief unruhig auf und ab. Sie machte mich wahnsinnig damit, doch sagte ich es ihr nicht. Schließlich war sie die Einzige, die ich jetzt noch hatte. Ich rieb und rieb den Stock zwischen meinen Händen und – tatsächlich stieg ein kleines, dünnes Rauchfähnchen auf. Mit neuem Eifer setzte ich meine Arbeit fort und schließlich brachte ich eine winzige Flamme zustande. „Es funktioniert“, jubelte ich. Stolz hielt ich das glimmende Holz an den aufgeschichteten Stapel und kurz darauf fing dieser Feuer. Eilig brachten wir jede Menge abgestorbener Zweige, trockene diesmal und schichteten sie auf das Feuer. Wir legten Steine darum, um es beisammen zu halten. Wieder kontrollierte ich die Angel. Kein Fisch, dafür war der Köder abgefressen. Also musste es hier Fische geben. Während Charise das Feuer in Gang hielt, suchte ich eine seichtere Stelle im Wasser und dort fand ich tatsächlich ein paar Fische. Ich formte einen neuen Köder aus einem kleinen Stück Rinde und Flusskrebse und diesmal hatte ich Erfolg. Ein dicker Fisch mit Fransen am Maul, wie bei einem Bart, biss an. Miles wäre beeindruckt. Miles. Sofort wurde ich wieder von Trauer erfasst und Tränen brannten in meinen Augen. „Was ist los? Ist der Fisch nicht genießbar?“ Charise sah mich skeptisch an. „Doch. Es ist nur …“ Mechanisch nahm ich den Fisch vom Haken und tötete ihn mit einem Fausthieb. Ausgenommen und entschuppt bohrte ich ihn anschließend auf einen angespitzten Stock, den ich über dem Feuer hielt. Ungeduldig warteten wir bis er gar war und bissen dann gierig Stücke heraus, lutschten an den Gräten, bis diese blank waren. „Was nun?“ Charise wische sich den Mund ab und stierte in die Glut des Feuers. „Lass uns die Gegend erkunden. Vielleicht können wir eine Weile hierbleiben. Wir haben alles, was wir brauchen. Wasser, Fische, Kräuter. Wenn wir eine Falle bauen, können wir vielleicht größere Tiere darin fangen.“ „Du bist ja die geborene Jägerin“, stellte Charise fest. Doch diesmal meinte sie es anerkennend. Ich las die Kräuter auf, von denen ich wusste, dass sie genießbar waren. Später fing ich noch zwei weitere Fische, die wir über dem Feuer grillten und mit Heißhunger vertilgten. Endlich ließ der Hunger etwas nach und ich konnte wieder einigermaßen klar denken. Ich ließ das Feuer ausgehen, dann griff ich nach meinem Rucksack und der Angel und ging auf den Wasserfall zu. Fasziniert beobachtete ich, wie die Sonne darin einen kleinen Regenbogen entstehen ließ, lauschte auf das Tosen des Wassers und spürte die Kraft, die darin steckte. Ich lief einfach immer weiter bis ich Charise hinter mir rufen hörte. „Avery, wo willst du denn hin? Warte auf mich!“ Sie holte mich ein und gemeinsam gingen wir weiter. Kurze Zeit später trafen wir auf einen verwilderten schmalen Pfad, der in schlängelnden Linien zum Wasserfall führte und dann urplötzlich endete. Hier war das Gestrüpp so dicht, als wollte es uns mit Gewalt davon abhalten weiter zu gehen. Entschlossen zückte ich mein Messer und versuchte einen Durchgang zu schneiden, doch ließ der Wildwuchs dies kaum zu. Dornige Zweige kratzten über Arme und Beine, verfingen sich in meinen Haaren, doch ich beachtete sie kaum. Dann kam mir eine Idee. „Wie hast du mein Messer genannt?“ „Dein Messer? Ich weiß nicht was du …“ „In Gullorway, als ich den Gelbling abwehren wollte. Wie hast du mein Messer da genannt?“ „Lass uns zurückgehen, Avery. Wir wissen nicht, ob sie uns immer noch verfolgen oder Schlimmeres auf uns lauert.“ „Charise, wie hast du mein Messer genannt?“ „YEMAHL.“ „Genau, das war es. YEMAHL!“ Diesmal glitt die Klinge, durch das verwachsene Gestrüpp, als wäre es aus Papier. „Funktioniert das eigentlich auch bei dir?“, fragte ich erstaunt. Charise war bleich geworden und schüttelte den Kopf. „Probiere doch mal. Ich will wissen, ob es bei dir auch diese Kraft entwickelt.“ Ich hielt ihr den Griff meines Messers hin. Mit zitternden Fingern fasste sie danach. Aufmunternd nickte ich ihr zu. Zögernd sprach sie kaum hörbar, „YEMAHL.“ Nichts geschah. „Vielleicht musst du es lauter aussprechen. Versuche es noch einmal.“ „Nein. Es ist dein Messer.“ Entschieden hielt sie mir den Knauf wieder hin. „Aber du kennst seinen Namen. Woher?“ Charise schien mit sich zu ringen, schließlich antwortete sie. „Bevor Vater es dir geschenkt hat, gab er es mir mit diesen Worten und bat mich es auszuprobieren.“ Ihr Gesicht wurde zu einer undurchdringlichen Maske. „Es ist dein Messer. Können wir jetzt wieder gehen?“ Sie wandte sich abrupt um. „Nein. Erst will ich wissen, wohin dieser Weg führt.“ Energisch setzte ich meinen Dolch abermals mit den magischen Worten ein, wenn ich auch nicht wusste, wie es funktionierte und warum nur bei mir. Ob das auch so eine Geschichte war wie die mit den Bildern, die ich zum Leben erwecken konnte? Inzwischen hatte ich das Gestrüpp soweit zurückgeschnitten, dass ich den Weg fortsetzen konnte. Und tatsächlich führte der Pfad nun weiter zu einer kleinen Plattform hinter dem Wasserfall. „Charise, das musst du dir ansehen!“, rief ich begeistert und verstaute den Dolch wieder im Rucksack. Was war das für ein fantastisches Schauspiel, sich hinter dem Wasserfall zu befinden. Weiß schäumend stürzten die Massen hinab in einem breiten, undurchdringlichen Vorhang aus Wasser. Charise folgte mir vorsichtig über den glitschig steinernen Weg. Ein Stück weiter rechts, hinter einem Vorsprung tat sich plötzlich der Eingang einer Höhle auf. „Da willst du doch jetzt wohl nicht hinein?“ „Warum nicht? Vielleicht bietet sie uns Schutz und wir können eine Weile hierbleiben.“ „Und wenn es darin wilde Tiere gibt, die auf uns lauern? Das Krokodil kam auch aus dem Nichts.“ Sofort fühlte ich mich wieder an das schreckliche Erlebnis erinnert, sah Miles vor mir, wie er mit dem Reptil im Moor um sein Leben kämpfte und versank. Die Luft zum Atmen wurde mir mit einem Mal knapp und ich musste mich an der Felswand abstützen. „Wäre ein Tier darin, hätte es uns schon lange aufgespürt.“ „Vielleicht schläft es am Tag und jagt in der Nacht“, räumte Charise ein und hatte damit nicht ganz Unrecht. „Aber es muss doch einen Sinn haben, dass dieser Weg direkt hierhin führt“, beharrte ich. „Ein Weg, den schon lange niemand mehr genommen hat. Ich bleib jedenfalls nicht hier. Draußen können wir noch einigermaßen weit schauen aber hier drin? Was ist, wenn es dunkel wird?“ Entschlossen trat sie den Rückweg an, ich dagegen blieb. Nach einiger Zeit kam sie mit hastigen Schritten wieder zurück. „Ich habe was gesehen an unserem Lagerplatz“, stieß sie atemlos hervor. „Ein Tier!“ Jetzt trieb sie mich geradezu in die Höhle. „Was denn für ein Tier?“ „Keine Ahnung. Nicht sehr groß. Vielleicht ein Hund. Nein, kein Hund. Irgendwie – ach ich weiß auch nicht. Lass uns weitergehen, bevor es uns findet.“ Vorsichtig betraten wir die Höhle. Tastend, zunächst völlig im Dunkeln. Ein Stück weiter machte die Höhle eine kleine Biegung, an deren Ende ein Streifen Licht sichtbar wurde. Als wir darauf zugingen, entpuppte sich das Licht als ein von der Natur geschaffenes Tor, das zum Ufer eines Bachlaufs führte. An dieser Stelle war der Wasserfall kaum noch zu hören. Hier gab es jede Menge kleinere Wasserzuläufe, die in glasklaren Adern zu einem einzigen Fluss fanden. Ich steuerte darauf zu und prüfte die Tiefe. Das Wasser reichte mir hier bis knapp unterhalb des Knies. „Was hast du vor?“, fragte Charise. „Lass uns ein Stück durch den Fluss waten. Vielleicht können wir so unsere Spuren verwischen, falls uns das Tier folgen sollte.“ „Wenn du meinst.“ Doch zuvor säuberte ich mit dem klaren Wasser die Wunden, die mir die Dornen in die Haut geritzt hatten. Erst jetzt bemerke ich, wie seltsam heiß und geschwollen sie sich anfühlte. Auch meine Wade schmerzte, als hätte mich etwas gestochen. „Wo hast du dir das denn eingefangen?“, Charise bemerkte es auch. Doch ich hatte keine Zeit darüber nachzudenken, falls uns tatsächlich irgendetwas verfolgte. So liefen wir eine ganze Weile durch den eiskalten Fluss und warfen immer wieder einen Blick zurück, ob uns etwas folgte. „Können wir jetzt mal wieder auf einem festen Weg gehen?“, maulte Charise. „Mir frieren fast die Füße im Wasser ab.“ Mir dagegen wurde es immer heißer und ich hatte das Gefühl, als besäßen meine Arme inzwischen den doppelten Umfang. Auch fühlten sich mein Mund trocken und die Zunge geschwollen an. Vielleicht waren die Dornensträucher giftig gewesen. „Das sieht aber gar nicht gut aus, Avery.“ Ängstlich betrachtete Charise meine angespannte Haut. Schweiß rann mir übers Gesicht und brannte in den Augen. „Du glühst ja. Verdammt. Was sollen wir denn jetzt tun?“ „Kühlen, ich muss die Haut kühlen.“ Das Sprechen fiel mir schwer. Der Rucksack schien plötzlich mehr als das Doppelte zu wiegen. Ich ließ ihn zu Boden gleiten und setze mich daneben. Dann wühlte ich mit zittrigen Fingern darin herum. Bei den Kräutern, die ich gesammelt hatte, war auch Arnika gewesen. Nicht viel aber vielleicht würde ich eine kleine Paste daraus zubereiten können, die ich mir auf die Haut auftragen konnte. Ich zerrieb die Blütenteile der Arnika zwischen den Fingern und ließ sie in die Blechdose bröseln, wo ich sie im Wasser aufquellen ließ, bis ein dünner Brei entstand. Doch ich hatte viel zu wenig gesammelt. Die Menge reichte kaum für einen Arm aus, selbst wenn ich die Tinktur sparsam auftrug. Von den Pflanzen, die hier wuchsen, kannte ich sonst keine und verspürte auch keine Lust auf weitere Experimente. Mittlerweile stellte sich auch wieder Hunger ein. Wir würden etwas jagen müssen, doch wie? Von Fisch allein konnten wir uns nicht alle Zeit ernähren. Ich versuchte einen Speer zu schnitzen, doch zitterten meine Hände so stark, dass er krumm und unbrauchbar wurde. Daraufhin hielt ich die Angel in den Fluss, doch ohne Köder war sie nutzlos. Jeder Gedanke fiel mir von Minute zu Minute schwerer. Ich konnte mich nicht konzentrieren, hatte keinen Plan und die Hitze schien mich nun auch von innen her zu verbrennen. „Lass uns einen Moment ausruhen, Charise. Es ist so verdammt warm hier, so schwül.“ Charise hielt ihre Hand an meine schweißnasse Stirn. „Du hast Fieber.“ „Ich weiß.“ „Sollen wir zurück zum Wasserfall?“ Ich schüttelte matt den Kopf. „Nein. Nur eine kleine Pause, dann lass uns nach einem Lager für die Nacht suchen.“ „Und dann?“ „Ich weiß es doch auch nicht.“ „Dann können wir genauso gut hierbleiben.“ Trotzig verschränkte sie die Arme vor die Brust. Wir hörten das Krächzen einer aufgeschreckten Vogelschar über uns. Dann kehrte wieder Ruhe ein. Charise sah mich resigniert an. „Na gut. Gehen wir weiter, wenn ich auch keine Ahnung habe, wonach wir eigentlich suchen.“ Ich schulterte meinen bleischweren Rucksack und wir machten uns auf, immer am Fluss entlang, bis dieser sich schließlich irgendwo zwischen seltsamen Farnen und Wurzeln im Boden verlor. Ich weiß nicht, wie lange wir unterwegs waren, aber ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Bald musste ich mir eingestehen, dass jeder Platz so gut oder so schlecht wie der nächste war. „Mir reicht es. Ich gehe kein Stück mehr weiter. Ich komme um vor Hunger und du siehst von Minute zu Minute schlechter aus“, zeterte Charise. „Vielen Dank.“ „Im Ernst, Avery. Es macht keinen Sinn, wenn du zusammenklappst. Ich habe keine Ahnung von Kräutern, der Jagd oder so etwas. Außerdem steigt dein Fieber, du redest schon wirres Zeug.“ „Tu ich das?“ „Ja.“ Tatsächlich hatte ich das Gefühl nicht mehr zu wissen, ob ich wach war oder träumte. Und wenn ich mir Charise so besah, schienen Mückenstiche und Sonnenbrand ihr auch ganz schön zuzusetzen. Sie kratzte sich ständig und hinterließ blutige Striemen auf ihrer Haut. „Dann lass uns wenigstens nach etwas Essbarem suchen“, gab ich kraftlos von mir und schob einen Zweig beiseite, der sich über unseren Weg bog. „Tun wir das denn nicht schon die ganze Zeit?“ „Sicher aber …“ Ohne Vorwarnung gab es ein surrendes Geräusch, dann wurden wir von den Beinen gerissen. Die Welt begann sich zu drehen und stand plötzlich Kopf. Ich glaubte, Charise schreien zu hören, doch es war meine eigene Stimme. Dann baumelte ich in einer Art Netz. Mein Rucksack war mir über den Hinterkopf gerutscht, die Verschlussschnalle drückte dagegen. Panik schnürte mir den Brustkorb zu. Stimmengewirr umgab uns. Während ich immer noch leicht hin und her schaukelte, sackte ich unvermittelt ein Stück dem Boden entgegen. Dann erhielt ich einen schmerzhaften Schlag und um mich herum wurde es dunkel …
Die Bowmen
Als ich aufwachte, tat mir alles weh. Mir war kalt und dennoch glühte mein Körper wie unter Feuer. Ich hatte Fieber, fühlte mich völlig entkräftet und mir war speiübel. Irgendetwas steckte in meinem Mund. Als ich einen Brechreiz verspürte, glaubte ich daran ersticken zu müssen und zappelte wie wild.
„Die hier ist wach“, vernahm ich eine raue, männliche Stimme.
Mein Kopf wollte in die Richtung rucken, aus der die Stimme kam. Sogleich durchfuhr mich ein stechender Schmerz im Nacken. Nur mit Mühe konnte ich mich bewegen. Arme und Beine waren gefesselt und meine Augen verbunden. Unter mir bewegte sich etwas, blieb dann aber abrupt stehen.
„Was sollen wir mit ihnen anstellen?“
Offensichtlich lebte Charise auch noch. Sie sprachen in der Mehrzahl, stellte ich erleichtert fest.
„Ich hätte da schon eine gewisse Verwendung für sie.“ Eine andere Stimme jetzt. Sie klang anzüglich.
„Doch nicht in dem Zustand, Rhett.“
Gelächter erklang. Vor Angst war ich wie gelähmt.
„Nein. Wir nehmen sie mit.“ Ein herrischer Ton diesmal.
„Die Dinger sind doch halb verhungert. Vielleicht sind sie auch krank. Wir sollten sie …“
„Eben hattest du noch etwas anderes mit ihnen im Sinn.“ Wieder diese energische Stimme.
„Ich dachte ja nur.“
„Lasst uns weiterreiten. Wir werden später entscheiden, was mit ihnen zu tun ist.“
Mürrisches Stimmengewirr, dann setzten wir uns wieder in Bewegung. Das Ding unter mir ebenfalls. Mir war immer noch übel. Ein gurgelndes Geräusch entwich meiner Kehle, ich konnte es nicht mehr zurückhalten, wand mich in Panik.
„Halt! Mit der stimmt was nicht.“
Es war die gebieterische Stimme von soeben. Hoffnung keimte in mir auf. Ob ich ihm wohl vertrauen konnte? Wir stoppten. Ich hörte etwas schnaufen, wie von einem Tier und roch dessen Ausdünstungen. Dann zerrten mich zwei starke Arme grob nach unten. Meine Arme brannten wie Feuer. Ich wollte Schreien aber …
„Ein Ton von dir, und ich schneide dir deine dreckige Kehle durch, Rotschopf“, klang die Stimme nun ganz dicht an meinem Ohr. Jegliche Freundlichkeit war daraus verschwunden. Er riss den Knebel fort, die Augenbinde blieb. Augenblicklich erbrach ich mich. Ein zweiter Mann trat neben ihn.
„Wir sollten sie hierlassen, Woodrow. Sieh sie dir doch an. Sie ist krank.“
„Schweig, Gore. Wenn ich dich auf ein Pferd mit dem Kopf nach unten binden würde, müsstest du auch kotzen.“
Die anderen lachten schallend, diesmal nicht über mich. Also war es ein Pferd, auf das sie mich gepackt hatten.
„Ich habe Durst“, krächzte ich. Es dauerte eine Weile bis ich Gehör fand. Dann spürte ich, wie mir ein Wasserschlauch an den Mund gedrückt wurde.
„Trink!“
In gierigen Schlucken leistete ich der Aufforderung Folge.
„Gebt der anderen auch was. Dann müssen wir weiter.“
Abermals wurde ich über den Pferderücken festgegurtet, dann setzte sich der Tross wieder in Bewegung. Der Knebel blieb mir diesmal erspart.
Allmählich versank ich wieder in einen Dämmerzustand, irgendwo zwischen Realität und Traum. Gelbe Wesen tanzten darin um mich herum und spielten mit Karten. Meinen Karten. Als sie diese umdrehten, sah ich auf jeder einzelnen das Gesicht eines Verstorbenen aus Gullorway. Onkel, Tanten, Nachbarn und – Miles. Ein Feuer. Es verbrannte die Karten und mich.
Wieder wurde ich vom Pferd gehoben, sanfter diesmal. Eine Hand strich mir vorsichtig über den Kopf, befühlte meine schweißnasse Stirn.
„Gib Acht, Woodrow. Sie könnte das Fieber haben.“
„Sie hat Fieber, weil sie verletzt ist“, brummte dieser.
„Wir hätten diesen Weg nicht nehmen sollen. Ich habe euch gleich gesagt …"
„Schweig, Gore. Wir können von Glück sagen, dass sie uns in die Falle gegangen sind.“
Ich zuckte zusammen.
„Mir wäre es jedenfalls lieber gewesen, einen fetten Murlor, anstatt zwei halb verhungerte Dschellas im Netz zu haben. Skyler wird rasen vor Zorn.“
Ich hörte einen dumpfen Schlag und dann einen unterdrückten Fluch. Offensichtlich hatte der, den sie Woodrow nannten, ihn zum Schweigen gebracht.
„Wenn du dich nicht zurücknimmst, werde ich dir zeigen, was mir lieber ist.“ Er klang drohend. „Du bist ein Dummkopf, Gore. Wir haben nicht mehr genug Frauen. Vielleicht können uns diese hier dienlich sein.“
Was hatte das jetzt wieder zu bedeuten? Doch bevor ich diesen beängstigenden Gedanken zu Ende verfolgen konnte, verfiel ich wieder in einen fiebrigen Schlaf.
Als ich diesmal erwachte, befand ich mich in einem Raum ohne Fenster, mit nur einer Türöffnung. Trotz des wenigen Lichtes konnte ich erkennen, dass der Boden aus einer geflochtenen Grasmatte bestand. Ich lag auf einer schmalen, für meine langen Beine viel zu kurzen Pritsche.
„Hallo, wen haben wir denn da?“
Obwohl seine Stimme freundlich klang, zuckte ich ängstlich zurück.
„Ich dachte schon, du wachst überhaupt nicht mehr auf.“
Ich glaubte diese Stimme schon einmal gehört zu haben, in einem Traum.
Er hockte ein gutes Stück von mir entfernt auf den Fußballen. Dennoch konnte ich eine Art Waffe in seiner Hand ausmachen. Sie war wie ein Bogen geschwungen. Lauernd sah er mich an. Es fiel mir schwer, die Augen offen zu halten. Erschöpft schloss ich sie daher wieder.
„Oh nein. Du wirst nicht wieder einschlafen, Dschella!“
Mit einem Satz sprang er auf, war plötzlich neben mir.
Entsetzt riss ich die Augen auf und schnappte nach Luft.
„Du hast lange genug geschlafen. Steh auf“, zischte er.
Drohend baute er sich vor meiner Pritsche auf. Sein muskulöser Oberkörper spannte die lederne Weste, die er trug und dehnte die überkreuzten Schnüre, die sie zusammenhielt. Braune Augen blitzen mich aus einem bartlosen Gesicht an, das jünger zu sein schien, als es die harsche Stimme vermuten ließ. Ich schätzte ihn auf neunzehn, zwanzig Jahre. Er trug bequem aussehende Ledermokassins. Seine langen Beine verloren sich in einer weiten Hose, deren Bund von einem reich verzierten Gürtel gehalten wurde, in dem mein Dolch steckte.
„Meiner“, krächzte ich.
„Was, deiner?“ Ich wies mit dem Kinn auf den Dolch, da meine Hände gefesselt waren. „Der Dolch.“ Spöttisch blickte er auf mich herab. Argwöhnisch nahm ich meinen Bewacher weiter in Augenschein. Seine Haut war leicht gebräunt, wie bei jemandem, der sich viel an frischer Luft bewegte. Sein rechtes Ohrläppchen schmückten kleine goldene Kreolen, Stecker und dornenartige Stifte. Die pechschwarzen, glatten Haare wurden von einem ledernen Stirnband gehalten. Während sie ihm links in langen Strähnen bis weit über die Schulter fielen, waren sie rechts kurz geschoren, was seinen Ohrschmuck besonders zur Geltung brachte und seinem Äußeren etwas Wildes verlieh. Seine Unterlippe zierte ebenfalls ein kleiner Ring, den er spielerisch mit der Zunge hin und her tanzen ließ. Meine Angst sichtlich genießend, beugte er sich gefährlich nah zu mir herunter. Dabei löste sich eine Haarsträhne aus dem Stirnband und streifte mein glühend heißes Gesicht. Alarmiert stellten sie meine Nackenhaare bei dieser Berührung auf. Ich fühlte mich erbärmlich, wehrlos. „Nichts gehört dir, Dschella, außer deinem armseligen Leben.“ Wenn er seine Macht hatte demonstrieren wollen, so war ihm das gelungen. Er trat zurück und verließ mit großen Schritten die Hütte. Draußen vernahm ich Stimmengewirr, das in eine Auseinandersetzung überging. Kurz darauf kam er mit einer Frau zurück. „Bring sie ins Bäderhaus, Ella.“ „Sie ist halb verhungert, Rhett.“ Dann war er also derjenige, der mich vom Pferd gehoben hatte. „Sie müsste eigentlich was essen“, wagte Ella vorsichtig einzuwenden. „Siehst du nicht, dass sie nur noch Haut und Knochen ist?“, fügte sie dann mutiger hinzu. „Dann füttere sie, Ella!“ Rhett, fast einen Kopf größer als die zierliche Frau, neigte seinen Kopf leicht zu ihr herunter und spie ihr die Worte förmlich ins Gesicht, bevor er gebieterisch die Hütte verließ. Eine Frage, wichtiger als Hunger oder Durst, plagte mich. Ich musste sie einfach stellen. „Wo ist Charise, meine Schwester?“ „Ah, sie ist deine Schwester. Bei all dem Dreck ist die Ähnlichkeit schwer zu erkennen. Jedoch das rote Haar …“ Abschätzend glitt ihr Blick über meine zerrissene Kleidung und meine geschundene Haut. Eine Antwort bekam ich jedoch nicht. Sie hielt mir einen schmalen Streifen Trockenfleisch vor den Mund, das sie zuvor aus einem handtellergroßen Pflanzenblatt gewickelt hatte. „Langsam, langsam. Du beißt mir ja die Finger ab“, schnauzte sie mich an. Kurz darauf hielt sie mir eine sichelförmige, gelbe Frucht hin, die erst aus einer Umhüllung geschält werden musste. Sie schmeckte zuckersüß. Wahrscheinlich war es eine Banane. Während sie mich wie ein Kind fütterte, beobachtete ich sie voller Neugier. Sie schien etwas älter zu sein als Rhett. An ihr sah ich keinerlei Waffen. Ihre blauschwarzen Haare fielen ihr in seidigen Strähnen auf die schmalen Schultern. Zu einer ärmellosen, knielangen Tunika trug sie eine schmal geschnittene leichte Hose mit einem kunstvoll bestickten Gürtel um die schlanke Taille. Zwei schlangenförmige, goldene Armreifen zierten ihre Unterarme, durch die ihre bronzefarbene Haut hindurch schimmerte, als hätte sie meinen Schlammpunsch aufgetragen. Ihre Handrücken waren mit filigranen rötlichen Mustern bemalt. Eine etwa zehn Zentimeter lange Narbe an ihrem rechten Oberarm zerstörte das ansonsten makellose Erscheinungsbild. Als ich genauer hinsah erkannte ich Pfeil und Bogen daraus. Ein Brandmal. „Was glotzt du mich so an, Dreckling?“ Ihre dunkelbraunen, leicht schräg stehenden Augen, blitzen mich feindselig an. Beschämt war ich mir plötzlich meines dreckverkrusteten Körpers bewusst und senkte den Blick. Sie hielt mir einen Trinkbecher an die Lippen, bei dem der Henkel abgeschlagen war. Gierig nahm ich einen tiefen Schluck und spie ihn gleich wieder aus, als ich bemerkte, dass es kein Wasser war. „Spinnst du? Das ist Ananassaft. Aber wenn du lieber verdursten möchtest …“ „Was ist denn da bei euch los?“ Rhett steckte mürrisch seinen Kopf durch die Türöffnung. „Diese Wilde spuckt das Beste aus, was wir hier zu bieten haben.“ Drohend trat er näher. Und sie nannte mich eine Wilde? Dann sollte sie sich diesen Rhett mal genauer ansehen. „Trink, Dschella!“ Und an Ella gewandt: „Sieh zu, dass ihr fertig werdet!“ Dann stapfte er wieder hinaus. Meine Güte, war der unruhig. „Also, zweiter Versuch.“ Sie sprach mit mir, als wäre ich schwachsinnig. „Wieso wächst hier Ananas?“ Sie lachte aufgesetzt. „Wo kommst du her – Dschella? Vom grauen Stein?“ „Ich komme jedenfalls nicht vom Mond.“ „Mond? Hältst dich wohl für schlau, was?“ Hass loderte auf einmal in ihren Augen auf. Ich wusste nicht, womit ich ihren Zorn erregt hatte. Vor der Türöffnung hörte ich Rhett lachen. Wütend verließ sie die Behausung und stürmte an ihm vorbei. „Stopp, Ella! Falsche Richtung.“ Seine Worte klangen wie das Knurren eines Raubtieres. Es war mir schleierhaft, wie er von einer Sekunde auf die andere so die Stimmung wechseln konnte. Vor ihm würde ich mich besonders in Acht nehmen müssen. „Zum Bäderhaus geht es nach links.“ „Soll ich sie auch noch waschen, oder was?“ „Dein Ton gefällt mir nicht, Ella.“ Die beiden standen in der Türöffnung und fochten mit Blicken einen stummen Kampf aus, den Ella verlor. Mit gesenktem Kopf kam sie wieder zu mir zurück und blaffte mich an: „Steh auf! Mitkommen!“ Dann ging sie einfach los. Keuchend erhob ich mich. Mir wurde schwindelig. Ich konnte kaum stehen, wollte mir aber nicht die Blöße geben, vor Rhetts Augen zusammenzubrechen, der betont lässig am Türrahmen lehnte. Als ich schwankend an ihm vorbeischlurfte achtete ich darauf, ihn nur ja nicht zu berühren. Angewidert rümpfte er die Nase und wich einen Schritt zurück. „Bäh, also du trägst ein Aroma mit dir herum, Dschella." „Ich heiße Avery.“ Mit dem letzten Funken Würde, der mir geblieben war, schlurfte ich weiter in die Richtung, in die ich Ella verschwinden sehen glaubte und blieb jäh stehen. Der Boden war plötzlich zu Ende und ich starrte vom Rand eines Baumhauses in die Tiefe. Wie hoch mochte das sein? Ich hatte noch nie so hohe Bäume, geschweige denn ein Baumhaus gesehen. Hinter mir hörte ich Rhetts schallendes Lachen. Dann stand er neben mir. „Du kannst dich glücklich schätzen für deine Reflexe. So manch einer ist weitergelaufen.“ Er griff nach meinem Dolch, der nun ihm gehörte und durchtrennte meine Fesseln. Dann ging er mit donnerndem Lachen endgültig davon. „Willst du da drüben festwachsen oder was?“ Ella stand am anderen Ende einer Hängebrücke, auf der Plattform eines weiteren Baumhauses. Hinter ihr befand sich eine Art Käfig aus Bambusrohren. Sie hielt ein dickes Seil aus Lianen in den Händen. Schweißgebadet ging ich über die Brücke, ohne den Blick auch nur ein einziges Mal in die Tiefe zu werfen. Seltsame Geräusche umfingen mich, die ich bisher gar nicht wahrgenommen hatte. Ein vibrierendes Zirpen, Gekreische und durchdringende Vogelstimmen dröhnten laut in meinen Ohren. „Willkommen im Dschungel. Keine Angst, wenn wir fallen, fallen wir gemeinsam.“ Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen und ließ sie fast sympathisch aussehen. Der Käfig, in den wir stiegen, bot Platz für mehrere Menschen oder Lasten. Ohne großen Kraftaufwand ließ Ella das Seil durch ihre Hände gleiten und wir bewegten uns lautlos nach unten. Weil ich vor Schwäche kaum noch stehen konnte, sank ich einfach auf den Boden. Blätter unbekannter Art zogen an uns vorbei. Ebenso weitere gewundene Seile, die geradezu aus den Bäumen heraus zu wachsen schienen. Relativ sanft kam der Kasten auf dem Boden zum Stehen. Dennoch kippte ich zur Seite und scheuerte dabei an der Bambuswand entlang. Es war ein Gefühl, als würde jemand auf meine eh schon geschwollenen Arme einschlagen. Die feuchtwarme Luft der Wildnis umgab mich wie ein heißer Atem. Fast schien es, dass Ella mir aufhelfen wollte, dann zuckte sie jedoch zurück. Zu groß schien ihre Angst, sich irgendeine Krankheit von mir einzufangen. Beschämt versuchte ich mich aufzurichten. „Danke“, zischte ich sie an, als ich wieder stand. Mit wackeligen Beinen trottete ich hinter ihr her über einen Platz mit mehreren Langhäusern, die auf Baumstämmen errichtet waren. Ein Palisadenzaun umgab das gesamte Areal. Ich sah ein großes Doppeltor, dass in sich eine weitere kleinere Tür barg. Zwei mürrisch wirkende Männer patrouillierten davor. Als sie uns bemerkten, machten sie ein paar anzügliche Bemerkungen und wandten sich dann lachend ab. „Wenn wir Glück haben, ist um diese Tageszeit noch nicht viel los im Bäderhaus.“ Sie sah mich skeptisch an und schritt voraus. Vor einem dieser lang gezogenen Häuser mit einer kleinen Leiter davor stiegen wir nach oben. „Ist das hier das Bäderhaus?“ „Habe ich doch eben gesagt, oder?“ Wieder diese Feindseligkeit in ihrer Stimme. Hier schienen wohl alle unter diesen Stimmungsschwankungen zu leiden. Vielleicht waren die schwüle Hitze und die alles überlagernden Geräusche des Dschungels schuld daran. Ella führte mich zu einem großen Trog, der bereits zur Hälfte mit Wasser gefüllt war. Über ein paar Stufen gelangte man hinein. Fragend sah ich sie an. Genervt rollte sie mit den Augen. „Deine Lumpen. Hast du gedacht, du kannst mit ihnen baden? Los, zieh sie aus und steige endlich in das Fass. Du wirst schon nicht darin ertrinken.“ „Gut, dass ich schwimmen kann“, murmelte ich. „Was hast du gesagt?“ „Gibt es was, womit ich mich waschen kann?“ „Mit der Pumpe da kannst du dir frisches Wasser dazu nehmen. Links davon findest du Seife. Na los!“ Doch ich bewegte mich nicht von der Stelle. „Was ist denn jetzt noch?“, blaffte sie. „Ich müsste mal …“ „Hättest du das nicht vorher sagen können?“ Mürrisch griff sie hinter sich nach einem rauen Stoff, den sie mir zuwarf. Ein einfach geschnittenes weites Kleid, mit seltsamen Taschen darauf. Ich streifte es hastig über und folgte Ella. „Da hinten. Aber sieh zu, dass die Trittflächen sauber bleiben.“ Wir gingen an zwei nicht wesentlich älteren Frauen vorbei. Eine von ihnen trug einen kleinen Jungen auf dem Arm. Ihre neugierigen Blicke folgten uns. Der Abort lag hinter einer Tür und bestand aus einem bloßen Loch im Boden, umgeben von derben Holzlatten. Stehend musste ich meine Notdurft verrichten, während Moskitos die Latrine umschwirrten. Ich blickte mich um nach etwas, womit ich mich säubern konnte. Eine kleine Schale und ein paar große Blätter sollten wohl diesen Zweck erfüllen. Besser als nichts. Danach kletterte ich vorsichtig in den Trog und – es war göttlich. Das Wasser umspülte mich mit angenehmer Kühle. Balsam für meinen geschundenen Körper und meine erhitzte Haut. Ein unverhofft blumiger Duft entstieg dem Wasser. Ewig hätte ich darin zubringen können. „Na, wenigstens bist du nicht wasserscheu. Hier.“ Ella reichte mir eine Bürste, doch über die angegriffene Haut konnte ich damit nicht fahren. Nachdem sich der Dreck zu lösen begann, konnte ich sehen, dass die Wundränder rot und schwammig waren. Ich brauchte unbedingt … „Bist du bald soweit? Wir haben nicht ewig Zeit.“ Ungeduldig hielt sie mir ein Tuch hin, mit dem ich mich abtrocknen sollte. Aber ich wollte diesen Trog noch nicht verlassen. Irrsinniger Weise fühlte ich mich hier sicher. Ich sank tiefer. Hielt meinen Kopf noch einmal unter Wasser und seifte mir die Haare ein. Ein zarter Hauch nach Zitrone umgab mich wie eine duftende Wolke. Ich spülte die Seife so gut es ging aus und folgte Ella mit triefend nassen Haaren in meinem sackähnlichen Kleid. „Wo sind wir hier eigentlich?“ „Was meinst du?“ Sie blickte starr geradeaus. „Der Ort hier.“ „Greenerdoor, Dschella. Du bist in Greenerdoor. Was dachtest du denn?“ Also gab es sie wirklich. Die Bowmen. In Gullorway wussten die Ältesten haarsträubende Geschichten über diese Wilden zu berichten. Und ausgerechnet ihnen mussten Charise und ich in die Hände fallen. Ella lenkte mich in die entgegengesetzte Richtung, zu einem Langhaus, das um ein Vielfaches größer als das Bäderhaus war. Es hatte ein Dach aus Palmblättern. Die Seitenwände waren aus geflochtenen Grasmatten und mit Bambusrohren verstärkt. Kleine quadratische Öffnungen dienten als Fenster. Der Boden bestand aus stabilen Baumstämmen. Neben der geöffneten Tür waren zahlreiche Tongefäße abgestellt. Ella schob mich ins Innere des Haues. Mit Schrecken registrierte ich, dass dieses bis auf den letzten Platz voll besetzt mit Leuten war. Düster dreinblickende Männer saßen rechts und links an reich gedeckten Tischen. Die Gespräche verstummten. Doch als Ella mich durch eine Gasse zum Ende des Raumes führte, ging ein Raunen durch die Menge und ihre Blicke folgten uns. Weit vorne entdeckte ich das rote Haar meiner Schwester, die mit gefesselten Händen auf dem Boden vor einem kleinen Podest kniete. Ella stieß mich neben Charise und verschwand durch eine Seitentür. Während ich zu dem Podest hochstierte wurden mir abermals die Hände hinter dem Rücken gefesselt. Als könnte ich vor versammelter Mannschaft einen Fluchtversuch in Erwägung ziehen. Rasch sah ich zu meiner Schwester herüber. „Geht es dir gut?“ „Schweig, Gefangene“, ertönte eine harsche Stimme hinter mir. Charise sah mich flehentlich an. Ihre Augen schienen sagen zu wollen, dass ich nicht ungefragt weitersprechen sollte. Starr blickte ich wieder geradeaus. Obwohl mir der grobe Stoff über die entzündete Haut scheuerte, versuchte ich mich so aufrecht wie irgend möglich zu halten. Der Schweiß stand mir auf der Stirn, lief mir in die Augen und den Hals hinunter. Der kurze Moment von Frische war verflogen. Vor uns auf dem Podest saßen fünf Männer auf kunstvoll geschnitzten, schweren Holzstühlen. Ich blickte von einem zum anderen und erhielt für meine Neugier sofort einen Stoß in den Rücken. Fünf furchteinflößende Augenpaare fokussierten uns. „Sieh erst auf, wenn du dazu aufgefordert wirst“, hörte ich eine barsche Stimme. Du meine Güte. Was war das hier? „Nun. Sind wir also endlich vollzählig?“ Die Stimme glaubte ich als die von Woodrow zu erkennen. „Du. Wie lautet dein Name?“ Wir schauten beide auf. Gemeint war meine Schwester. „Charise.“ „Lauter, damit auch die hinteren Reihen dich hören.“ Während er Charise nach Alter, Herkunft und dem Grund unseres Eindringens in ihr Hoheitsgebiet ausfragte, beobachtete ich verstohlen die Männer vor uns. Woodrows rechtes Ohrläppchen war genau wie das von Rhett, gespickt mit Ringen und Stiften. Seine rechte Augenbraue wurde von einer rosa schimmernden Narbe unterbrochen, die sich im Ansatz seines dichten, dunkelbraun gewellten Haares verlor. Sein Blick war hart und unergründlich, wohingegen die fein geschwungenen Lippen ihm etwas Sanftes verliehen. Er trug eine rostbraune Lederweste und eine ähnliche Hose wie Rhett, die ihm aus den Stiefeln gerutscht war. Aufmerksam lauschte er den Ausführungen meiner Schwester und ließ sie dabei nicht aus den Augen. Rechts von ihm saß Rhett. Als mein Blick weiter zu dem Platz in der Mitte wanderte, erstarrte ich. Leuchtend grüne Augen waren abschätzend auf mich geheftet, nicht auf Charise. Mit einer Intensität, die mich erschaudern ließ. „Dein Name, Rotlocke!“ Woodrows Aufforderung war nun eindeutig an mich gerichtet. Errötend sah ich zu ihm auf. Aus unerfindlichen Gründen konnte ich vor Aufregung kaum sprechen. Dicke Schweißperlen tropften mir von der Stirn zum Kinn. „Avery. Charise ist meine Schwester.“ „Alter?“ „Sechzehn.“ „Hm. Und wie lautet deine Geschichte?“ „Genauso. Wir waren zusammen unterwegs.“ „Wir wollen sie aber von dir hören.“ „Wir, wir waren zu dritt angeln. Als wir uns auf dem Heimweg machten, gab es Gullorway nicht mehr.“ Mir versagte die Stimme. Alles begann sich vor meinen Augen zu drehen. Ich konnte einfach nicht mehr weitersprechen. Alle Schreckensbilder waren auf einmal wieder präsent. „Wie habt ihr zu uns gefunden? Was ist mit der dritten Person?“ Woodrow ließ nicht locker. Ein Zittern durchfuhr mich, meine Haut brannte wie Feuer, dann spürte ich den Boden näherkommen und verlor das Bewusstsein.
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