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Hugh Lofting
Doktor Dolittles schwimmende Insel
Übersetzt
E.L. Schiffer
Saga
Doktor Dolittles schwimmende Insel ÜbersetztE.L. Schiffer
Original
The Voyages of Doctor Dolittle
Copyright © 1922, 2020 Hugh Lofting und SAGA Egmont
All rights reserved
ISBN: 9788726583878
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk
– a part of Egmont www.egmont.com
Vorrede
Alles‚ was ich bis jetzt über Doktor Dolittle geschrieben habe‚ habe ich‚ lange nachdem es geschehen war‚ von denen gehört‚ die ihn gekannt haben‚ — ja‚ ein großer Teil davon ist sogar vor meiner Geburt geschehen. Jetzt will ich von dem Lebensabschnitt des großen Mannes berichten‚ den ich selbst miterlebt habe.
Schon vor vielen Jahren hat mir der Doktor hierzu die Erlaubnis gegeben‚ aber damals waren wir beide so damit beschäftigt‚ um die Welt zu reisen‚ Abenteuer zu erleben und Notizbücher mit naturwissenschaftlichen Berichten zu füllen‚ daß ich niemals genug Zeit hatte‚ mich hinzusetzen und unsere Erlebnisse aufzuzeichnen.
Jetzt‚ da ich ein alter Mann bin‚ ist mein Gedächtnis natürlich nicht mehr sehr gut‚ aber immer‚ wenn ich etwas nicht mehr genau weiß‚ zaudern und nachdenken muß‚ frage ich den Papagei Polynesia.
Dieser wunderbare Vogel — er ist heute fast zweihundertfünfzig Jahre alt — sitzt auf meinem Pult‚ während ich dieses Buch schreibe. Meistens singt Polynesia Matrosenlieder vor sich hin. Wie jeder weiß‚ der Polynesia einmal getroffen hat‚ besitzt sie das erstaunlichste Gedächtnis der Welt. Wenn ich über etwas nicht mehr gut Bescheid weiß‚ ist sie stets imstande‚ mir ganz deutlich ins Gedächtnis zurückzurufen‚ wie es stattgefunden hat‚ wer dabei gewesen ist und alles‚ was damit zusammenhängt. Manchmal glaube ich wirklich‚ Polynesia hat dieses Buch geschrieben und nicht ich.
Aber nun will ich beginnen und euch zu allererst etwas über mich selbst erzählen und wie es kam‚ daß ich den Doktor kennen lernte.
1. Kapitel
DES SCHUHFLICKERS SOHN
Ich heiße Tommy Stubbins und bin der Sohn von Jacob Stubbins‚ dem Schuhflicker von Puddleby auf der Marsch. Damals war ich neuneinhalb Jahre alt und Puddleby eine ganz kleine Stadt. Ein Fluß floß mitten durch die Stadt‚ und über ihn wölbte sich eine alte steinerne Brücke‚ die auf der einen Seite zum Marktplatz und auf der anderen Seite zum Kirchhof führte.
Segelboote fuhren den Fluß vom Meer herauf und ankerten an der Brücke. Ich ging oft zu den Matrosen hinunter und sah zu‚ wie sie die Schiffe an der Uferböschung entluden. Die Matrosen sangen fremdartige Lieder‚ wenn sie die Taue hochzogen‚ und ich lernte diese Lieder auswendig. Ich saß auf der Flußmauer‚ ließ meine Füße übers Wasser baumeln‚ stimmte in den Gesang der Männer ein und spielte‚ auch ich sei ein Matrose.
Immer‚ wenn diese stolzen Schiffe ihr Heck der Puddlebyer Kirche zuwandten und wieder flußabwärts über die weiten einsamen Marschen zur offenen See hinabkrochen‚ sehnte ich mich‚ mit ihnen zu segeln‚ mit ihnen in die Welt zu fahren‚ um mein Glück in fernen Ländern‚ in Afrika‚ Indien‚ China und Peru zu suchen. Wenn sie hinter der Flußkrümmung waren und man das Wasser nicht mehr sah‚ konnte man über den Dächern der Stadt noch immer ihre riesigen braunen Segel erkennen‚ die sich langsam und geräuschlos‚ wie ein paar zwischen den Häusern wandernde Riesen‚ vorwärtsbewegten. Was für seltsame Dinge hatten sie wohl gesehen‚ wenn sie das nächste Mal zurückkamen‚ um wieder an der Königsbrücke vor Anker zu gehen? Von den Ländern träumend‚ die ich niemals gesehen hatte‚ saß ich auf der Mauer und blickte ihnen nach‚ bis sie außer Sicht waren.
Damals hatte ich in Puddleby drei gute Freunde. Der eine war Joe‚ der Muschelmann‚ der unter der Brücke am Rande des Flusses in einer winzigen Hütte wohnte. Es war wundervoll‚ was dieser Mann alles konnte. Kein Mensch hatte so geschickte Hände wie er. Er flickte mir meine Spielschiffe‚ die ich auf dem Fluß schwimmen ließ‚ und machte mir Windmühlen aus Faßreifen und Kistenholz.
Manchmal nahm mich Joe in seinem Boot mit‚ und wir paddelten mit der Ebbe den Fluß hinunter bis zum Meeresstrand‚ um Muscheln und Hummern für den Verkauf zu suchen.
Ein anderer Freund von mir war Matthäus Mugg‚ der Katzenfuttermann. Er war ein komischer Geselle‚ der böse schielte. Es war wirklich nett‚ sich mit ihm zu unterhalten‚ aber er sah recht fürchterlich aus. Er kannte jeden Menschen in Puddleby‚ auch alle Hunde und alle Katzen. Damals war es noch ein richtiger Beruf‚ Katzenfuttermann zu sein. Fast täglich sah man einen Mann mit einem hölzernen Tablett voller Fleischstücke‚ die auf Stäbchen steckten‚ durch die Straßen gehen und hörte ihn „Fleisch! Katzenfutterfleisch!“ rufen.
Es machte mir viel Spaß‚ mit dem alten Matthäus herumzugehen und zu sehen‚ wie die Katzen und Hunde ans Gartengitter gerannt kamen‚ wenn sie seinen Ruf hörten. Manchmal durfte ich den Tieren das Fleisch geben. Das machte mir viel Vergnügen. Matthäus wußte eine Menge über Hunde und nannte mir die Namen der verschiedenen Arten‚ wenn wir durch die Stadt gingen.
Mein dritter Freund war Lukas‚ der Einsiedler‚ doch von ihm will ich erst später erzählen.
Zur Schule ging ich nicht‚ dazu war mein Vater nicht reich genug. Aber Tiere liebte ich über alles. Ich verbrachte meine Zeit damit‚ Vogeleier und Schmetterlinge zu sammeln‚ im Fluß zu fischen‚ nach Blaubeeren und Pilzen zu suchen und dem Muschelmann seine Netze flicken zu helfen.
Ja‚ in jenen lang vergangenen Tagen führte ich ein schönes Leben — obgleich ich es damals natürlich nicht fand. Ich war neuneinhalb Jahre alt‚ und wie alle Jungens wollte ich gern erwachsen sein und wußte nicht‚ wie gut es mir ohne Sorgen ging. Ich sehnte mich immer nach der Zeit‚ da man mir erlauben würde‚ meines Vaters Haus zu verlassen und auf einem dieser stolzen Schiffe den Fluß durch das neblige Marschland hinunter zum Meer zu segeln — um in der weiten Welt mein Glück zu suchen.
2. Kapitel
ICH HÖRE VON DEM GROSSEN NATURFORSCHER
Als ich eines Frühlingsmorgens zwischen den Hügeln hinter der Stadt herumwanderte‚ sah ich einen Falken mit einem Eichhörnchen in den Klauen. Er saß auf einem Felsen‚ und das Eichhörnchen kämpfte verzweifelt um sein Leben. Der Falke erschrak so sehr‚ als ich plötzlich hervortrat‚ daß er das arme Geschöpf fallen ließ und fortflog. Ich hob das Eichhörnchen auf und entdeckte‚ zwei seiner Beine waren böse verletzt‚ und so trug ich es zur Stadt zurück.
An der Brücke ging ich in die Hütte des Muschelmannes und fragte ihn‚ ob er nicht etwas für mein Eichhörnchen tun könnte. Joe setzte seine Brille auf und untersuchte es sorgfältig‚ dann schüttelte er den Kopf. „Das eine Bein ist gebrochen und das andere recht zerbissen. Ich kann dir deine Schiffe flicken‚ Tom‚ aber weder habe ich das Werkzeug‚ noch hab’ ich gelernt‚ ein zerbrochenes Eichhörnchen wieder seetüchtig zu machen. Das ist eine Arbeit für einen Wundarzt —‚ und zwar für einen recht tüchtigen. Ich kenne nur einen Menschen‚ der dem Tier das Leben retten könnte‚ und das ist Johann Dolittle.“
„Wer ist Johann Dolittle?“ fragte ich‚ „ist das ein Tierarzt?“
„Nein“‚ sagte der Muschelmann‚ „Doktor Dolittle ist ein Naturforscher. Ein Mann‚ der alles über Tiere‚ Schmetterlinge‚ Pflanzen‚ Felsen und so weiter weiß. Johann Dolittle ist ein großer Naturforscher. Du hast nie etwas von ihm gehört und bist so wild auf Tiere? Er weiß eine Menge über Krebse und Muscheln‚ das weiß ich aus eigener Erfahrung. Er ist ein ruhiger Mann und spricht nicht viel‚ aber manche Leute sagen‚ er sei der größte Naturforscher der Welt.“
„Wo wohnt er?“ fragte ich.
„Hinter der Oxenthorp-Straße‚ auf der andern Seite der Stadt. Ich weiß nicht genau‚ welches Haus es ist‚ aber fast jeder wird es dir sagen können. Geh zu ihm hin‚ er ist ein großer Mann.“
Ich dankte dem Muschelmann‚ nahm mein Eichhörnchen und machte mich auf den Weg zur Oxenthorp-Straße. Das erste‚ was ich hörte‚ war‚ daß jemand „Fleisch‚ Fleisch!“ rief. Es war Matthäus Mugg‚ er mußte wissen‚ wo der Doktor wohnt. Matthäus kannte jeden Menschen. Ich lief über den Markt und bekam ihn gerade noch zu fassen.
„Matthäus“‚ fragte ich‚ „kennst du Doktor Dolittle?“
„Ob ich Doktor Dolittle kenne?“ rief er. „Weiß Gott‚ das sollte man glauben! Ich kenne ihn so gut wie meine Frau‚ manchmal sogar noch besser. Er ist ein großer Mann‚ ein sehr großer Mann. Ich geh jetzt grade zu seinem Hause. Komm mit‚ ich werd’ es dir zeigen.“
So machten wir uns beide auf den Weg. „Ich kenne Doktor Dolittle schon seit Jahren“‚ sagte er‚ als wir über den Marktplatz gingen‚ „aber ich glaube ziemlich sicher‚ er wird jetzt nich zu Hause sein. Er ist verreist‚ aber er kann jeden Tag zurückkommen. Ich werde dir sein Haus zeigen‚ und dann weißt du‚ wo du ihn finden kannst.“
„Wo ist er denn hingefahren?“ fragte ich.
„Das kann ich dir nicht sagen‚ kein Mensch weiß niemals nich‚ wohin er geht‚ noch was er tut‚ noch wann er zurückkommt. Er lebt allein mit seinen Lieblingstieren. Er hat ein paar große Reisen und wunderbare Entdeckungen gemacht. Als er das letzte Mal nach Hause kam‚ erzählte er mir‚ er habe im Stillen Ozean einen Stamm Indianer entdeckt‚ die auf zwei Inseln lebten‚ die Männer auf der einen und die Frauen auf der andern. Vernünftige Leute‚ diese Wilden. Sie kommen nur einmal im Jahr zusammen‚ wenn die Männer ihre Frauen zu einem großen Fest besuchen. Zu Weihnachten höchstwahrscheinlich. Ja‚ er ist ein wunderbarer Mann‚ der Doktor‚ niemand nich weiß von Tieren so viel wie er.“
„Woher weiß er so viel über Tiere?“ fragte ich.
Der Katzenfuttermann blieb stehen und beugte sich herunter‚ um mir etwas ins Ohr zu flüstern. „Er spricht ihre Sprache“‚ sagte er mit heiserer‚ geheimnisvoller Stimme.
„Die Tiersprache!“ rief ich.
„Ja‚ natürlich‚ alle Tiere haben eine Sprache. Einige sprechen mehr als die andern‚ und manche nur Zeichensprache wie Taubstumme‚ aber der Doktor versteht sie alle‚ die Vögel so gut wie die andern Tiere. Es ist ein Geheimnis‚ das nur er und ich wissen‚ denn die andern Leute lachen‚ wenn man davon spricht. Ja‚ er kann sogar die Tiersprache schreiben. Er liest seinen Tieren vor. Er hat Geschichtsbücher in der Affensprache geschrieben und Kanarienvogelgeschichten und lustige Lieder für Elstern. Das ist tatsächlich wahr. Jetzt ist er damit beschäftigt‚ die Sprache der Schaltiere‚ der Krebse‚ Muscheln und Schnecken‚ zu erlernen‚ aber er sagt‚ es sei sehr schwer‚ und er hat sich dabei schon oft erkältet‚ weil er seinen Kopf so viel unter Wasser halten muß. Er ist ein großer Mann.“
„Das muß er wirklich sein. Ich wünschte‚ er wäre zu Hause‚ damit ich ihn kennen lernte.“
Wir waren an den Rand der Stadt gelangt‚ und das Haus‚ auf das Matthäus zeigte‚ war klein und stand für sich allein. Ein großer Garten schien es zu umgeben‚ der lag viel höher als die Straße‚ so daß man einige Stufen hinaufsteigen mußte‚ ehe man hinein gelangte. Als wir zum Haus kamen‚ ging Matthäus die Stufen zur Vordertür hinauf‚ und ich folgte ihm. Ich dachte‚ er würde in den Garten gehen‚ aber das Tor war verschlossen. Ein Hund kam vom Hause herbeigerannt‚ nahm mehrere Stücke Fleisch und auch einige Tüten mit Korn und Kleie in Empfang‚ die der Katzenfuttermann durch die Gitterstäbe steckte. Ich bemerkte‚ dieser Hund blieb nicht stehen‚ um das Fleisch zu fressen‚ wie ein gewöhnlicher Hund‚ sondern er brachte alle Sachen zum Haus und verschwand. Er trug ein seltsames breites Halsband‚ das wie Messing aussah. Dann gingen wir wieder fort.
„Der Doktor ist noch nich zurück‚ sonst wäre das Tor nich verschlossen“‚ sagte Matthäus.
„Was war in den Tüten‚ die du dem Hund gegeben hast?“ fragte ich.
„Ach‚ das waren allerlei Nahrungsmittel“‚ sagte Matthäus‚ „Futter für die Tiere. Des Doktors Haus steckt voller Lieblingstiere. Wenn der Doktor nich zu Hause ist‚ gebe ich die Sachen dem Hund‚ und er bringt sie den andern Tieren.“
„Und was war das für ein seltsames Halsband‚ das er trug?“
„Das ist ein echt goldenes Hundehalsband. Vor langer Zeit‚ als er mit dem Doktor auf einer Reise war‚ hat man es ihm geschenkt. Er hat einem Menschen das Leben gerettet.“
„Wie lange hat der Doktor ihn schon?“
„Oh‚ sehr lange. Jip wird jetzt schon hübsch alt. Darum nimmt der Doktor ihn nich mehr auf Reisen mit. Er läßt ihn hier‚ damit er das Haus bewacht. Jeden Montag und Donnerstag bring ich ihm das Futter ans Gitter. Er läßt niemand in den Garten‚ wenn der Doktor fort ist. Nicht einmal mich‚ obgleich er mich gut kennt. Aber man weiß immer‚ ob der Doktor zurück ist oder nich. Wenn er wieder da ist‚ steht das Tor bestimmt offen.“
Ich ging also wieder zu meines Vaters Haus zurück und bettete mein Eichhörnchen in eine kleine mit Stroh gefüllte Kiste. Dort pflegte ich es selbst und versorgte es‚ so gut ich konnte‚ bis zu der Zeit‚ da der Doktor zurückkehren sollte. Täglich ging ich zum kleinen Haus am Rande der Stadt und sah nach‚ ob das Tor noch geschlossen war. Manchmal kam Jip‚ der Hund‚ ans Tor gelaufen‚ aber obgleich er mit dem Schweif wedelte und sich freute‚ daß ich kam‚ ließ er mich nie in den Garten.
3. Kapitel
DES DOKTORS HEIM
Es war an einem Montagnachmittag gegen Ende April‚ als mir mein Vater auftrug‚ Schuhe‚ die er geflickt hatte‚ in ein Haus der andern Stadthälfte zu bringen. Als ich sie zu Oberst Bellows‚ einem sehr unfreundlichen Herrn‚ gebracht hatte‚ fiel mir ein‚ ich könnte‚ bevor ich nach Hause ginge‚ noch einmal nachsehen‚ ob der Doktor zurück wäre. Ich war am Morgen schon dort gewesen‚ aber ich wollte gern noch einmal nachsehen. Meinem Eichhörnchen ging es gar nicht besser‚ und ich begann‚ mir Sorge zu machen. So bog ich in die Oxenthorp-Straße ein und ging zu des Doktors Haus. Unterwegs bemerkte ich‚ daß sich der Himmel bewölkte‚ als wollte es regnen.
Das Tor war noch verschlossen‚ was mich sehr entmutigte‚ denn eine Woche lang war ich nun täglich hergekommen. Traurig kehrte ich um‚ stieg die Stufen hinunter und machte mich auf den Heimweg.
Ich überlegte‚ ob wohl schon Abendbrotzeit wäre. Natürlich hatte ich keine Uhr‚ aber ich sah einen Herrn die Straße herunter kommen‚ und als er näher kam‚ sah ich‚ daß es der Oberst war. Ich bat ihn‚ mir zu sagen‚ wie spät es sei.
Er blieb stehen‚ brummte etwas und stierte auf mich herunter‚ sein rotes Gesicht rötete sich immer mehr‚ und als er sprach‚ hörte sich’s an‚ als ob ein Korken aus einer Ingwerbierflasche knallt.
„Hast du dir wirklich eingebildet‚ ich werde alle meine Mäntel aufknöpfen‚ um einem kleinen Jungen wie dir zu sagen‚ wie spät es ist?“ polterte er und stapfte die Straße hinunter‚ wobei er lauter als je vor sich hinbrummte.
Ich blieb einen Augenblick stehen und überlegte‚ wie alt ich wohl sein müßte‚ damit er sich die Mühe nähme‚ die Uhr herauszuziehen. Plötzlich begann es in Strömen zu gießen. Ich hatte noch nie einen solchen Regen erlebt. Es wurde dunkel wie die Nacht‚ der Wind blies‚ der Donner rollte‚ die Blitze zuckten‚ und im Nu waren die Rinnsteine zu Flüssen angeschwollen. Da ich in der Nähe keinen Unterschlupf fand‚ stemmte ich mich gegen den Sturm und begann mit gesenktem Kopf nach Hause zu laufen.
Ich war noch nicht sehr weit gekommen‚ als ich mit dem Kopf in etwas Weiches stieß und plötzlich auf dem Pflaster saß. Um zu sehen‚ in was ich gerannt sei‚ blickte ich auf. Vor mir auf dem nassen Weg saß ein kleiner dicker Mann mit einem sehr freundlichen Gesicht. Er trug einen abgeschabten Zylinderhut und in der Hand eine kleine schwarze Reisetasche.
„Ich bitte vielmals um Verzeihung“‚ sagte ich‚ „ich bin gebückt gelaufen und habe Sie daher nicht kommen sehen.“
Zu meinem großen Erstaunen fing der kleine Mann an zu lachen‚ anstatt ärgerlich zu sein‚ daß er niedergerannt worden war.
„Das erinnert mich an Indien“‚ sagte er. „Bei einem Gewitter habe ich dort einmal eine Frau über den Haufen gerannt‚ die einen Krug mit Melasse auf dem Kopf trug. Ich hatte das süße Zeug noch wochenlang nachher in den Haaren‚ so daß mich die Fliegen überall verfolgten. Ich habe dir doch nicht weh getan‚ nicht wahr?“
„Nein‚ durchaus nicht.“
„Es war genau so meine Schuld wie deine“‚ sagte der kleine Mann‚ „auch ich bin mit gesenktem Kopf gelaufen. Aber wir dürfen hier nicht sitzenbleiben und uns unterhalten. Du mußt ja durchweicht sein‚ ich bin es auch. Wie weit hast du es bis nach Hause?“
„Wir wohnen auf der andern Seite der Stadt“‚ antwortete ich‚ als wir uns aufrappelten.
„Herr im Himmel‚ das Pflaster ist aber naß gewesen“‚ rief er‚ „und bestimmt kommt noch viel mehr herunter! Komm mit mir nach Haus und laß dich trocknen. Ein solches Unwetter kann nicht lange dauern.“
Er nahm mich bei der Hand‚ und wir liefen zusammen wieder die Straße zurück. Unterwegs überlegte ich mir‚ wer dieser komische kleine Mann sein könnte und wo er wohne. Er kannte mich nicht‚ und doch nahm er mich mit nach Hause‚ damit ich meine Sachen trocknen könnte.
Wie anders war er als der alte rotnäsige Oberst‚ der mir nicht einmal sagen wollte‚ wieviel Uhr es sei! Plötzlich blieben wir stehen. „Hier wären wir“‚ sagte er.
Ich sah hoch und fand mich am Fuße der Stufen‚ die zu dem kleinen Haus mit dem großen Garten führten. Mein neuer Freund lief die Treppe hinauf und öffnete das Tor mit ein paar Schlüsseln‚ die er aus der Tasche zog.
Das ist nicht der berühmte Doktor Dolittle‚ dachte ich bei mir.
Nach dem‚ was ich von ihm gehört hatte‚ stellte ich ihn mir immer als einen großen‚ starken und prächtigen Mann vor. Dieser komische kleine Mann mit dem gutmütigen Lächeln konnte es nicht sein. Und doch war er es sogar ganz bestimmt. Er öffnete das Tor‚ vor dem ich so viele Tage gewartet hatte. Der Hund Jip kam gerannt‚ sprang mit Freudengebell an ihm hoch‚ und der Regen strömte stärker hernieder denn je.
„Sind Sie Doktor Dolittle?“ rief ich‚ als wir den kurzen Gartenweg hinauf liefen.
„Ja‚ ich bin Doktor Dolittle“‚ sagte er und öffnete die Haustür mit dem gleichen Schlüsselbund.
„Herein mit dir! Du brauchst nicht die Füße abzuwischen. Kümmre dich nicht um den Schmutz. Nimm ihn nur mit herein. Mach‚ daß du aus dem Regen kommst.“
Ich huschte hinein‚ beide folgten mir‚ und der Doktor warf die Tür hinter uns zu. Das Gewitter hatte draußen schon alles verdunkelt‚ aber im Haus bei geschlossener Tür war es schwarz wie in der Nacht. Und der merkwürdigste Lärm‚ den ich je gehört hatte‚ begann. Es klang‚ als ob alle Arten und Gattungen von Tieren und Vögeln zur selben Zeit riefen‚ quakten und kreischten. Ich hörte sie die Treppe hinuntertrudeln und Gänge entlang eilen. Irgendwo im Dunkeln schnatterte eine Ente‚ krähte ein Hahn‚ gurrte eine Taube‚ schrie eine Eule‚ blökte ein Schaf‚ und Jip bellte. Ich fühlte Vogelschwingen flattern und um mein Gesicht streichen. Andere Tiere liefen mir zwischen den Beinen durch und brachten mich beinahe zu Fall. Die ganze Halle schien sich mit Tieren zu füllen. Der Lärm‚ vermischt mit dem strömenden Regen‚ war ungeheuer‚ und ich fing an‚ mich etwas zu fürchten‚ als der Doktor meinen Arm nahm und mir ins Ohr schrie:
„Fürchte dich nicht‚ hab’ keine Angst. Es sind nur einige meiner Lieblingstiere. Ich War drei Monate fort‚ und sie freuen sich‚ daß ich wieder nach Haus gekommen bin. Bleib’ stehen‚ wo du bist‚ bis ich Licht mache. Herrgott‚ was für ein Unwetter! Hör nur den Donner!“
Da stand ich in tiefster Finsternis‚ während alle Arten Tiere‚ die ich nicht sehen konnte‚ sich um mich drängten und lärmten. Es war ein seltsames und komisches Gefühl. Wenn ich bisher durch das Gitter sah‚ hatte ich mir überlegt‚ was für ein Mensch der Doktor wohl sein möge‚ und wie das kleine Haus innen aussähe. Aber so hatte ich’s mir nie vorgestellt. Nachdem ich des Doktors Hand auf meinem Arm spürte‚ ängstigte ich mich nicht mehr‚ sondern war nur noch etwas verstört. Es schien alles wie ein seltsamer Traum‚ und ich begann gerade zu zweifeln‚ ob ich wach sei‚ als der Doktor wieder zu sprechen anfing. „Meine verflixten Streichhölzer sind alle naß‚ sie wollen nicht brennen. Hast du welche bei dir?“
„Nein‚ leider nicht“‚ rief ich zurück.
»Schadet nichts“‚ sagte er‚ „vielleicht kann uns Dab-Dab Licht machen.“
Der Doktor schnalzte einige Male komisch mit der Zunge‚ und ich hörte jemand die Treppe hinaufrollen und in den oberen Räumen umhergehen. Dann warteten wir eine ganze Weile‚ ohne daß irgend etwas geschah.
„Kommt bald Licht?“ fragte ich. „Ein Tier sitzt auf meinem Fuß‚ und meine Zehen fangen an einzuschlafen.“
„Nur eine Minute“‚ sagte der Doktor‚ „sie wird gleich zurück sein.“
Da sah ich grade den Schein eines Lichtes an der oberen Brüstung‚ und plötzlich schwiegen alle Tiere.
„Ich dachte‚ Sie wohnten allein“‚ sagte ich zum Doktor.
„Das tue ich auch“‚ erwiderte er‚ „Dab-Dab bringt das Licht.“
Ich sah die Treppe hinauf. Über das Geländer konnte ich nicht sehen‚ aber ich hörte wunderliche Tritte auf dem oberen Absatz. Es hörte sich an‚ als hopste jemand eine Stufe nach der andern herunter und gebrauchte dabei nur ein Bein.
„Ach endlich!“ rief der Doktor. „Die gute alte Dab-Dab!“
Und dann glaubte ich‚ daß ich wirklich träumte. Denn den Hals über die Windung des Geländers gestreckt‚ kam auf einem Fuß eine fleckenlos weiße Ente die Stufen heruntergehüpft. Und in ihrem rechten Fuß trug sie eine brennende Kerze!
4. Kapitel
DAS WIFF-WAFF
Endlich konnte ich mich umsehen. Die Diele war mit Tieren vollgestopft. Alle Arten schienen hier versammelt. Eine Taube‚ eine weiße Maus‚ eine Eule‚ eine Fledermaus‚ ein Maulwurf‚ sogar ein kleines Schwein kam vom verregneten Garten herein und wischte sich sorgfältig die Füße an einer Matte ab‚ während das Licht der Kerze auf seinem nassen rosa Rücken glänzte.
Der Doktor nahm der Ente den Leuchter ab und wandte sich zu mir: „Du mußt die nassen Kleider ausziehen. Übrigens: wie heißt du?“
„Thomas Stubbins“‚ sagte ich.
„Ach‚ bist du der Sohn des Schuhmachers Stubbins?“
„Ja“‚ antwortete ich.
„Dein Vater ist ein ausgezeichneter Schuhmacher“‚ sagte der Doktor. „Sieh dir mal die an.“ Er hielt mir seinen rechten Fuß hin‚ um mir die riesigen Stiefel zu zeigen‚ die er trug. „Die hat mir dein Vater vor vier Jahren gemacht‚ und seitdem habe ich sie immer getragen‚ wirklich herrliche Stiefel. Nun mußt du dir schnell die nassen Kleider ausziehen‚ Stubbins‚ wart’ einen Augenblick‚ bis ich noch ein paar Kerzen angezündet habe‚ dann werden wir hinaufgehen und uns trockene Kleider suchen. Du bekommst einen alten Anzug von mir‚ bis wir deine Kleider am Küchenfeuer getrocknet haben.“ Wir gingen nach oben‚ und der Rock des Doktors‚ den er mir gab‚ war so groß‚ daß ich in einem fort auf meine eignen Rockschöße trat‚ als ich Holz vom Keller hinauftragen half. Aber bald flackerte ein riesiges Feuer im Kamin‚ und wir hingen unsere nassen Kleider zum Trocknen auf.
„Nun wollen wir uns Abendbrot machen“‚ sagte der Doktor. „Du bleibst doch hier und ißt mit mir‚ Stubbins?“
Ich begann diesen komischen kleinen Mann bereits lieb zu haben, der zu mir ‚Stubbins‘ statt ‚Kleiner‘ oder ‚Tommy‘ sagte. (Ich haßte es so‚ ‚Kleiner‘ genannt zu werden.) Dieser Mann behandelte mich genau wie einen erwachsenen Freund. Und als er mich bat‚ bei ihm zu bleiben und mit ihm Abendbrot zu essen‚ war ich stolz und glücklich. Aber plötzlich fiel mir ein‚ ich hatte meiner Mutter nichts von einem so langen Fortbleiben gesagt. Daher antwortete ich traurig:
„Vielen Dank! Ich würde gern bleiben‚ aber ich fürchte‚ meine Mutter wird sich ängstigen‚ wenn ich nicht zurückkomme und sie nicht weiß‚ wo ich bin.“
„Ach‚ lieber Stubbins“‚ sagte der Doktor und warf ein neues Scheit Holz in das Feuer. „Deine Kleider sind noch nicht trocken‚ du mußt darauf warten‚ nicht wahr? Bis dahin haben wir uns Abendbrot gemacht und gegessen. Hast du vielleicht gesehen‚ wo ich meine Tasche hingestellt habe?“
„Sicher in die Halle‚ ich werde mal nachsehen.“ Ich fand die Handtasche an der Eingangstür. Sie war aus schwarzem Leder und sah alt aus. Eins ihrer Schlösser war entzwei und wurde mit einem Bindfaden zusammengehalten. „Vielen Dank“‚ sagte der Doktor‚ als ich sie ihm brachte.
„Ist dies das ganze Gepäck‚ das Sie auf der Reise mithatten?“ fragte ich.
„Ja“‚ sagte der Doktor‚ als er den Bindfaden aufschnürte‚ „ich halte nichts von vielem Gepäck. Es ist so eine Last — das Leben ist zu kurz‚ um sich damit abzuquälen. Und weißt du: es ist auch nicht nötig. Wo habe ich nur die Würstchen hingetan?“
Der Doktor suchte in der Tasche. Zuerst holte er ein frisches Brot‚ dann ein Glas mit einem seltsamen Metalldeckel heraus. Er hielt das Glas sehr sorgfältig ans Licht‚ bevor er es auf den Tisch setzte‚ und ich entdeckte darin ein seltsames kleines Wassertier. Zuletzt brachte der Doktor ein Pfund Würstchen hervor.
Während er eifrig die Würstchen über dem Herdfeuer briet‚ ging ich hin und sah mir das kleine Geschöpf an‚ das in dem Glas herumschwamm.
„Was ist das für ein Tier?“ fragte ich.
„Ach“‚ sagte der Doktor und drehte sich um‚ „das ist ein Wiff-Waff. Sein richtiger Name ist Hippocampus pippitopitus. Aber die Eingeborenen nennen es einfach Wiff-Waff‚ weil es beim Schwimmen immer mit seinem Schwanz hin und her wackelt. Um es zu bekommen‚ habe ich meine letzte Reise unternommen. Ich will nämlich die Sprache der Schaltiere lernen. Sie haben bestimmt eine Sprache. Ein bißchen Haifischsprache und etwas Tümmlerdialekt kann ich schon sprechen‚ aber ich möchte die Sprache der Schaltiere: der Muscheln‚ Krebse und Schnekken lernen.“
„Warum denn?“ fragte ich.
„Nun‚ einige Schaltiere sind die ältesten Geschöpfe der Welt‚ von denen wir wissen. Man findet ihre vieltausend Jahre alten Schalen versteinert in den Felsen. Wenn ich ihre Sprache sprechen könnte‚ würde ich sicher von ihnen erfahren‚ wie die Welt in uralten Zeiten gewesen ist.“
„Aber können Sie das nicht ebenso gut von anderen Tieren erfahren?“
„Ich glaube nicht“‚ sagte der Doktor und zerteilte die Würste mit einer Gabel. „Die Affen‚ die ich vor ein paar Jahren in Afrika kennen lernte‚ haben mir zwar geholfen und mir viel von vergangenen Zeiten erzählt —‚ aber ihre Kenntnisse reichten nur ungefähr tausend Jahre zurück. Nein‚ ich bin überzeugt‚ man kann nur von den Schaltieren die älteste Geschichte der Welt erfahren‚ einzig und allein von ihnen. Die meisten anderen Tiere‚ die in jenen uralten Zeiten gelebt haben‚ sind ausgestorben.“
„Können Sie schon etwas Schaltiersprache?“ fragte ich.
„Nein‚ ich habe grade erst angefangen. Ich mußte den besonderen Pfeifenfisch haben‚ der halb Muschel und halb Fisch ist. Ich bin ihm bis zum östlichen Mittelmeer gefolgt; aber ich fürchte‚ er wird mir nicht sehr viel helfen. Um die Wahrheit zu gestehen‚ enttäuscht mich sein Äußeres. Er sieht nicht sehr klug aus‚ nicht wahr?“
„Nein‚ wahrhaftig nicht“‚ stimmte ich bei.
„So“‚ sagte der Doktor‚ „die Würste sind grade gar‚ komm‚ reich mir deinen Teller‚ damit ich dir auftun kann.“ Wir setzten uns an den Küchentisch und begannen ein herzhaftes Mahl.
Es war eine wunderbare Küche — ich habe darin noch oft gegessen und aß dort lieber als in dem schönsten Speisesaal der Welt. Es war gemütlich‚ heimisch und warm‚ und alles war so bequem. Man nahm das Essen heiß vom Feuer‚ stellte es auf den Tisch und aß es. Während man seine Suppe löffelte‚ sah man sein Brot auf dem Rost liegen und konnte aufpassen‚ daß es nicht anbrannte. Wenn man Salz vergessen hatte‚ brauchte man nicht in ein anderes Zimmer zu gehen‚ sondern nur die große Holzbüchse von der Anrichte hinter sich zu nehmen. Der Herd‚ der größte‚ den ich je gesehen habe‚ war wie ein Zimmer für sich. Man konnte sich hineinstellen‚ selbst wenn die Scheite schon brannten‚ oder auf jeder Seite sitzen und sich Kastanien rösten‚ wenn das Mahl vorüber war. Man konnte dem Summen des Kessels lauschen‚ Geschichten erzählen‚ oder sich beim flackernden Feuer Bilder besehen. Es war eine herrliche Küche — sie war wie der Doktor. Bequem‚ vernünftig‚ freundlich und zuverlässig.
Während wir aßen‚ öffnete sich plötzlich die Tür und herein spazierten die Ente Dab-Dab und der Hund Jip‚ die Laken und Kissenbezüge hinter sich über den sauber gefegten Erdboden zogen. Der Doktor‚ der mein Erstaunen sah‚ erklärte mir‚ daß sie die Bettwäsche für ihn vor dem Feuer anwärmen wollten.
„Dab-Dab ist eine großartige Haushälterin. Ich hatte einst eine Schwester‚ die mir den Haushalt führte — arme‚ gute Sarah‚ ich möchte wissen‚ wie es ihr geht‚ ich habe sie viele Jahre nicht gesehen —‚ aber sie war nicht halb so gut wie Dab-Dab. Nimm noch ein Würstchen!“
Der Doktor blickte sich um und sprach in seltsamen Zeichen und Lauten einige Worte zu der Ente und dem Hund. Sie schienen ihn völlig zu verstehen.
„Verstehen Sie auch die Eichhörnchensprache?“
„ Ja‚ natürlich‚ sie ist ganz leicht. Du könntest sie auch ohne große Mühe lernen. Aber warum fragst du?“
„Weil ich zu Haus ein krankes Eichhörnchen habe. Ich rettete es vor einem Falken‚ aber zwei Beine sind schwer verletzt‚ und ich möchte‚ daß Sie sich’s mal ansehen. Darf ich’s Ihnen morgen herbringen?“
„Wenn es ein schwerer Bruch ist‚ wär’s besser‚ ich sähe es mir noch heute abend an. Es ist zwar schon zu spät‚ um noch viel zu tun‚ aber ich werde mit dir nach Hause gehen und es untersuchen.“
Wir besahen die Kleider am Feuer‚ und meine waren schon ganz trocken. Ich ging ins Schlafzimmer hinauf und zog mich um‚ und als ich hinunterkam‚ wartete der Doktor schon mit seiner schwarzen Tasche voll Medizin und Bandagen auf mich.
„Komm“‚ sagte er‚ „es hat aufgehört zu regnen.“
Draußen war es wieder hell geworden‚ der Abendhimmel war von der untergehenden Sonne gerötet‚ und die Drosseln sangen im Garten‚ als wir das Tor öffneten‚ um auf die Straße hinunterzugehen.
5. Kapitel
POLYNESIA
„Ihr Haus ist das interessanteste‚ das ich kenne“‚ sagte ich‚ als wir zur Stadt gingen. „Darf ich morgen wiederkommen?“
„Natürlich“‚ sagte der Doktor‚ „du kannst jeden Tag kommen‚ wenn du willst. Morgen zeige ich dir den Garten und meinen Zoo.“
„Ach‚ Sie haben auch einen zoologischen Garten?“ fragte ich.
„Ja‚ die vielen Tiere sind zu viel für das Haus‚ drum halte ich sie im Garten‚ es ist keine sehr große Sammlung‚ aber auf ihre Art ist sie interessant.“
„Es muß schön sein‚ die Sprachen dar verschiedenen Tiere sprechen zu können. Glauben Sie‚ ich könnte sie je lernen?“
„Sicherlich“‚ sagte der Doktor‚ „wenn du dir Mühe gibst‚ aber du mußt sehr geduldig sein. Du müßtest bei Polynesia die Anfangsgründe lernen‚ sie hat mir auch den ersten Unterricht gegeben.“
„Wer ist Polynesia?“ fragte ich.
„Polynesia ist ein westafrikanischer Papagei‚ der bei mir gewohnt hat. Jetzt ist sie nicht mehr hier“‚ sagte der Doktor traurig.
„Warum? Ist sie tot?“
„Ach‚ nein“‚ sagte er‚ „ich hoffe‚ sie lebt noch. Aber als wir nach Afrika kamen‚ war sie so glücklich‚ wieder in ihrer alten Heimat zu sein — sie hat vor Freude geweint‚ und als ich wieder nach Hause fuhr‚ hatte ich nicht das Herz‚ sie von ihrem sonnigen Lande loszureißen‚ obgleich sie mir anbot‚ mitzukommen‚ Ich hab sie in Afrika gelassen. Ja‚ ich vermisse sie schrecklich. Als wir abfuhren‚ weinte sie — aber ich glaube‚ ich habe das Richtige getan. Sie war einer der besten Freunde‚ die ich je gehabt habe. Sie hat mir vorgeschlagen‚ die Tiersprache zu lernen und ein Tierdoktor zu werden. Ich denke oft‚ ob sie in Afrika glücklich ist‚ und ob ich jemals ihr komisches altes würdevolles Gesicht wiedersehen werde. Gute‚ alte Polynesia! Ein ganz außerordentlicher Vogel. Ja! Ja!“
In diesem Augenblick hörten wir jemand hinter uns herlaufen‚ und als wir uns umdrehten‚ sahen wir den Hund Jip die Straße herabstürzen‚ so schnell‚ wie ihn seine Beine nur tragen konnten. Er schien über irgend etwas sehr aufgeregt zu sein‚ und sobald er bei uns war‚ begann er den Doktor auf eine besondere Weise anzubellen und anzuwinseln. Der Doktor geriet außer sich und sprach in seltsamen Zeichen auf den Hund ein. Schließlich drehte er sich mit glückstrahlendem Gesicht zu mir um.
„Polynesia ist zurückgekehrt“‚ rief er‚ „stell dir das nur vor‚ Jip sagt‚ sie sei soeben nach Haus gekommen. Meiner Seel! Es ist fünf Jahre her‚ seit ich sie nicht gesehen habe. Entschuldige mich eine Minute.“
Und er drehte sich um‚ als ob er nach Hause gehen wollte — aber der Papagei Polynesia kam uns bereits entgegengeflogen. Johann Dolittle klatschte in die Hände wie ein Kind‚ das ein neues Spielzeug bekommt‚ während ein Schwarm von Sperlingen mit aufgeregtem Piepen von der Straße zu den Zäunen aufflatterte. höchst entrüstet‚ daß ein grau und scharlachroter Papagei durch eine englische Gasse strich.
Polynesia kam gerade auf des Doktors Schulter zugeflogen‚ wo sie sofort begann‚ in einem gleichmäßigen Redefluß und einer Sprache zu sprechen‚ die ich nicht verstehen konnte. Sie mußte eine Menge zu erzählen haben‚ und bald hatte der Doktor mich‚ mein Eichhörnchen‚ Jip und alles andere vergessen‚ bis ihn schließlich der Vogel etwas über mich fragte.
„Ach‚ entschuldige‚ Stubbins“‚ sagte der Doktor‚ „ich war ganz davon in Anspruch genommen‚ meiner alten Freundin zuzuhören. Wir müssen weitergehen und uns dein Eichhörnchen ansehen. Polynesia‚ das ist Thomas Stubbins.“
Der Papagei auf des Doktors Schulter nickte mir ernst zu und sagte dann‚ zu meiner großen Überraschung‚ in klarem Englisch:
„ Wie geht es dir? Ich erinnere mich noch an die Nacht‚ als du geboren wurdest. Es war ein schrecklich kalter Winter. Du warst ein sehr häßliches Kind.“
„Stubbins möchte gern die Tiersprache lernen“‚ sagte der Doktor. „Ich hatte ihm gerade von dir und meinem Unterricht bei dir erzählt‚ als Jip gerannt kam und berichtete‚ daß du angekommen seist.“
„Nun“‚ sagte der Papagei und wandte sich zu mir‚ „wenn ich auch dem Doktor die erste Unterweisung gegeben habe‚ so ging das nur‚ weil er mir zuerst beigebracht hatte‚ das zu verstehen‚ was ich in der Menschensprache sage. Viele Papageien können wie Menschen sprechen‚ aber wenige von ihnen verstehen‚ was sie sagen. Sie sagen es nur — nun‚ weil sie es für hübsch halten‚ oder weil sie wissen‚ daß man ihnen dann Keks gibt.“
Unterdessen hatten wir uns umgewandt und gingen auf mein Vaterhaus zu. Jip lief voraus‚ und Polynesia hockte noch immer auf des Doktors Schulter. Der Vogel plauderte unaufhörlich und offenbar meist über Afrika — aber jetzt sprach er aus Höflichkeit gegen mich in der Menschensprache.
„Wie geht es Prinz Bumpo? “ fragte der Doktor.
„Oh‚ ich bin froh‚ daß du midi das fragst“‚ sagte Polynesia‚ „ich hätte es fast zu erzählen vergessen. Was glaubst du? Bumpo ist in England!“
„In England? Das ist nicht dein Ernst!“ rief der Doktor. „Was zum Himmel macht er hier?“
„Sein Vater‚ der König‚ hat ihm zum Studium in eine Stadt geschickt‚ Bullford oder so ähnlich hieß sie.“
„Bullford‚ Bullford“‚ murmelte der Doktor. „Von dieser Stadt habe ich nie etwas gehört. Oh‚ du meinst wohl Oxford.“
„Ja‚ so hieß sie“‚ sagte Polynesia‚ „ich wußte‚ es hatte irgend was mit Rindern zu tun. Oxford‚ ja‚ dahin ist er gegangen.“
„So‚ so“‚ murmelte der Doktor‚ „man denke: Bumpo studiert in Oxford. Ja‚ ja.“
„In Jolliginki sind große Dinge vor sich gegangen‚ bevor er abgereist ist. Er hatte eine Todesangst‚ hierher zu kommen; er war der erste Mann dieses Landes‚ der nach Europa fuhr; er glaubte‚ er würde von weißen Kannibalen gefressen‚ oder so was Ähnliches. Du kennst diese Neger und weißt‚ wie unwissend sie sind — aber sein Vater bestand darauf‚ daß er fuhr: er sagte‚ alle schwarzen Könige schickten jetzt ihre Söhne nach Oxford. Es sei Mode‚ und er müsse gehen. Bumpo wollte seine sechs Frauen mitnehmen‚ aber das erlaubte ihm der König nicht. Der arme Bumpo zog weinend fort‚ und der ganze Palast schwamm gleichfalls in Tränen. Ich habe noch nie ein solches Geheule gehört.“
„Weißt du‚ ob er je auf die Suche nach Dornröschen ausgezogen ist?“
„Natürlich“‚ sagte Polynesia. „Gleich nach deiner Abreise. Und das war gut für ihn‚ denn der König hatte von seiner Hilfe bei eurer Flucht gehört und war deswegen schrecklich wütend.“
„Und hat er Dornröschen gefunden?“
„Nun‚ er brachte ein Wesen mit‚ von dem er sagte‚ es wäre Dornröschen. Ich für mein Teil halte sie für eine weiße Negerin. Sie hat rote Haare und die größten Füße‚ die man sich nur denken kann. Aber Bumpo gefiel sie außerordentlich‚ und schließlich heiratete er sie unter großen Freudenfesten. Die Feierlichkeiten dauerten sieben Tage‚ sie wurde seine Hauptfrau‚ und man kennt sie jetzt nur als Kronprinzessin Bumpah‚ mit Betonung auf der letzten Silbe.“
„Und sag mir noch: ist er weiß geblieben?“
„Nur ungefähr drei Monate“‚ antwortete der Papagei‚ „dann bekam sein Gesicht langsam seine natürliche Farbe zurück. So fiel er auch zu sehr beim Baden auf mit dem weißen Gesicht und dem schwarzen Rest.“
„Und wie geht es Tschi-Tschi?“
„Tschi-Tschi“‚ fügte der Doktor erklärend hinzu‚ „war ein Lieblingsaffe‚ den ich vor Jahren gehabt habe. Ich habe ihn ebenfalls in Afrika gelassen‚ als ich abreiste.“
„Tschi-Tschi“‚ sagte Polynesia stirnrunzelnd‚ „Tschi-Tschi ist nicht sehr glücklich‚ ich habe ihn in der letzten Zeit ziemlich oft gesehen‚ er bat schreckliches Heimweh nach dir‚ dem Haus und dem Garten. Es ist seltsam: aber mir ist es ebenso gegangen. Du erinnerst dich noch‚ wie wild ich darauf gewesen bin‚ in die alte‚ liebe Heimat zurückzukehren‚ und Afrika ist ein wundervolles Land — ich geb’ nichts darauf‚ was andere Leute darüber sagen. Ich glaubte‚ ich würde es dort einfach großartig haben — aber ich weiß nicht warum: nach ein paar Wochen wurde es langweilig. Ich konnte nicht richtig zur Ruhe kommen. Nun‚ um es kurz zu machen‚ eines Abends beschloß ich‚ hierher zurückzukehren und dich aufzusuchen. Ich stöberte also den alten Tschi-Tschi auf und erzählte ihm davon. Er sagte‚ er könnte mich nicht im geringsten dafür tadeln‚ ihm ginge es genau so. In Afrika geschähe so unglaublich wenig‚ nach dem bunten Leben‚ das wir mit dir geführt hatten. Ihm fehlten die Geschichten‚ die du uns aus deinen Tierbüchern vorzulesen pflegtest‚ und unser Geplauder‚ wenn wir alle an den Winterabenden ums Küchenfeuer herumsaßen. Die Tiere in Afrika waren sehr nett zu uns und so weiter ...‚ aber diese guten Geschöpfe schienen etwas dumm zu sein. Tschi-Tschi sagte‚ er hätte das auch bemerkt. Aber ich glaube‚ nicht sie hatten sich verändert‚ sondern wir waren anders geworden. Als ich mich von ihm verabschiedete‚ brach der arme Kerl zusammen und weinte bitterlich‚ als ob sein einziger Freund ihn verließe‚ dabei hat er‚ wie du weißt‚ dort Millionen Verwandte. Er sagte‚ er fände es nicht gerecht‚ daß ich Flügel hätte und‚ wenn ich wollte‚ hierher fliegen könnte‚ während es für ihn keine Möglichkeit gäbe‚ mir zu folgen. Aber‚ paß auf‚ Doktor‚ ich wäre nicht ein bißchen überrascht‚ wenn er doch eines Tages einen Weg hierher fände. Tschi-Tschi ist ein feiner Kerl.“
Bei diesen Worten waren wir an unserem Hause angelangt. Meines Vaters Laden war bereits geschlossen und die Fensterläden zugemacht‚ aber meine Mutter stand in der Tür und sah die Straße hinunter.
„Ich fing gerade an‚ mich um ihn zu ängstigen“‚ sagte sie. „Ich danke Ihnen‚ mein Herr‚ daß Sie Tom nach Hause gebracht haben.“
„Keine Ursache‚ keine Ursache“‚ sagte der Doktor‚ „wir haben uns sehr interessant unterhalten.“
„Mit wem habe ich die Ehre?“ fragte meine Mutter und starrte den grauen Papagei an‚ der auf des Doktors Schulter hockte.
„Ich bin Johann Dolittle‚ ich glaube‚ Ihr Mann wird sich noch an mich erinnern. Er hat mir vor ungefähr vier Jahren ein Paar ausgezeichnete Stiefel gemacht.“
„Der Doktor will mein Eichhörnchen gesund machen‚ Mutter,“ rief ich. „Er weiß alles über Tiere.“
„Oh nein‚ Stubbins“‚ sagte der Doktor‚ „nicht alles. Keinesfalls alles.“
„Es ist sehr freundlich‚ daß Sie sich einen so weiten Weg machen‚ um nach seinem Tierchen zu sehen“‚ sagte meine Mutter. „Tom bringt immer seltsame Geschöpfe aus den Wäldern und Feldern nach Haus.“
„Wirklich?“ fragte der Doktor‚ „vielleicht wird er einmal Naturforscher‚ wenn er erwachsen ist‚ wer weiß?“
„Wollen Sie nicht hereinkommen?“ fragte meine Mutter‚ „es ist nicht alles in Ordnung‚ weil ich noch nicht mit dem Großreinemachen fertig bin‚ aber im Wohnzimmer brennt ein gutes Feuer.“
„ Vielen Dank“‚ sagte der Doktor‚ „was für ein reizendes Heim Sie haben!“
6. Kapitel
DAS VERWUNDETE EICHHÖRNCHEN
Drinnen‚ neben dem Feuer‚ übte mein Vater Flöte‚ das tat er jeden Abend nach der Arbeit.
Der Doktor begann sofort‚ mit ihm über Flöten‚ Piccoloflöten und Fagotte zu sprechen‚ und plötzlich fragte ihn mein Vater: „Vielleicht spielen Sie selbst Flöte‚ mein Herr‚ wollen Sie uns nicht etwas vorspielen?“
„Nun‚ es ist lange her‚ daß ich eine Flöte in der Hand hatte‚ aber ich würde es nachher gern einmal versuchen‚ wenn ich darf.“
Dann führte ich den Doktor in mein Schlafzimmer‚ das im Giebel lag‚ und zeigte ihm das Eichhörnchen in der Kiste voll Stroh.
Das Eichhörnchen schien eher erfreut als erschreckt‚ als der Doktor es nahm‚ seine Beine untersuchte und mit ihm zu plaudern begann.
Ich hielt die Kerze‚ während der Doktor das Bein in etwas legte‚ was er ‚Schienen‘ nannte‚ die er mit seinem Taschenmesser aus Streichhölzern geschnitzt hatte.
„Das Bein wird bald besser werden“‚ sagte er‚ als er seine Tasche schloß. „Laß das Tier mindestens zwei Wochen lang nicht herumlaufen‚ aber bring’ es an die frische Luft und deck’ es mit trockenen Blättern zu‚ wenn die Nächte kühler werden. Es hat mir erzählt‚ es fühle sich allein hier recht einsam und möchte gern wissen‚ wie es seiner Frau und seinen Kindern geht ... Ich habe ihm versichert‚ daß du ein Mann bist‚ dem man vertrauen kann‚ und ich werde ein Eichhörnchen aus meinem Garten auf die Suche schicken‚ damit es herausfindet‚ wie es seiner Familie geht und ihm Nachricht bringt. Es muß um jeden Preis bei guter Laune gehalten werden. Eichhörnchen sind von Natur aus eine vergnügte‚ bewegliche Rasse. Still zu liegen und nichts zu tun‚ ist sehr schwer für sie. Aber du brauchst dich nicht zu ängstigen: es wird bald gesund sein.“
Dann gingen wir ins Wohnzimmer zurück‚ und meine Mutter und mein Vater baten den Doktor um ein Stück nach dem andern‚ so daß er immerzu Flöte spielte‚ bis es längst zehn Uhr vorbei war.
Wenn auch meine Eltern Johann Dolittle vom ersten Augenblick an sehr gut leiden mochten und stolz waren‚ daß er zu uns gekommen war und uns vorgespielt hatte — denn wir waren wirklich furchtbar arm —‚ wußten sie doch nicht‚ was für ein großer Mann er eines Tages sein würde. Jetzt‚ wo fast jeder in der Welt von Doktor Dolittle und seinen Büchern gehört hat‚ würde man in dem kleinen Haus zu Puddleby‚ wo mein Vater seinen Schusterladen gehabt hat‚ über der altmodischen Tür in der Wand eine Tafel mit folgender Inschrift finden:
„Im Jahre 1839 spielte Johann Dolittle‚ der berühmte
Naturforscher‚ in diesem Hause Flöte.“
Und ich erinnere mich noch‚ wie wir‚ nachdem wir den Doktor bis an die Vordertür gebracht hatten‚ ins Wohnzimmer zurückgingen und uns über ihn unterhielten‚ bis es noch viel später geworden war. Und selbst nachdem ich im Bett lag — noch nie in meinem ganzen Leben war ich so lange aufgeblieben —‚ träumte ich von ihm und einem Orchester seltsamer‚ kluger Tiere‚ die die ganze Nacht hindurch flöteten‚ geigten und trommelten.
7. Kapitel
DIE SPRACHE DER SCHALTIERE
Obgleich ich so spät schlafen gegangen war‚ stand ich am nächsten Morgen sehr früh auf. Die ersten Sperlinge begannen gerade‚ schläfrig auf dem Dach vor meinem Giebelfenster zu piepen‚ als ich aus dem Bett sprang und in meine Kleider schlüpfte.
Ich konnte es kaum erwarten‚ zu dem kleinen Haus mit dem großen Garten zurückzukehren und den Doktor und seinen privaten Zoo zu sehen. Als ich an des Doktors Gartentür angelangt war‚ fiel mir plötzlich ein‚ daß es vielleicht zu früh wäre und der Doktor noch schliefe. Ich sah in den Garten — niemand schien in der Nähe zu sein. Leise öffnete ich die Pforte und ging hinein. Plötzlich hörte ich ganz dicht neben mir eine Stimme:
„Guten Morgen! Wie früh du kommst“‚ und auf der Spitze einer Ligusterhecke saß der graue Papagei Polynesia.
„Guten Morgen“‚ sagte ich‚ „ich komme recht früh. Schläft der Doktor noch?“
„O nein“‚ antwortete Polynesia‚ „er ist schon anderthalb Stunden auf. Er muß irgendwo im Hause stecken. Die Vordertür ist offen‚ drück nur auf die Klinke und geh hinein. Er macht sich sicher in der Küche Frühstück‚ oder vielleicht arbeitet er auch‚ in seinem Studierzimmer. Geh nur hinein! Ich will warten‚ bis die Sonne aufgeht. Aber‚ weiß Gott‚ ich glaube‚ sie hat das Aufgehen vergessen. Ein entsetzliches Klima! Wenn ich jetzt in Afrika wäre‚ würde zu dieser Morgenstunde die Welt vom Sonnenlicht erstrahlen. Sieh nur‚ wie der Nebel über die Kohlköpfe rollt. Vom bloßen Hinsehen kann man das Reißen bekommen! Ein ekelhaftes Klima‚ wirklich! Ich weiß wahrhaftig nicht‚ warum es irgendwer‚ außer einem Frosch‚ in England aushält. Nun‚ ich will dich nicht aufhalten. Lauf zum Doktor!“
„Danke schön“‚ sagte ich‚ „ich will ihn suchen.“
Endlich fand ich den Doktor in seinem Studierzimmer. Ich wußte nicht‚ daß dies sein Studierzimmer genannt wurde. Es war ein sehr interessantes Zimmer‚ mit Fernrohren‚ Mikroskopen und allen Arten seltsamer Gegenstände‚ von denen ich leider nichts verstand. An den Wänden hingen Abbildungen von Tieren‚ Fischen‚ merkwürdigen Pflanzen und Sammlungen von Vogeleiern und Seemuscheln in Glaskästen.
Der Doktor stand in seinem Schlafrock am Mitteltisch. Zuerst glaubte ich‚ er wüsche sich das Gesicht. Er beugte sich über einen viereckigen Glaskasten voll Wasser und hielt ein Ohr unters Wasser‚ während er das andere mit der Hand zuhielt. Als ich hereinkam‚ richtete er sich auf.
„Guten Morgen‚ Stubbins“‚ sagte er. „Wird ein schöner Tag werden‚ nicht wahr? Ich habe gerade dem Wiff-Waff zugehört. Aber er enttäuscht mich sehr‚ wahrhaftig‚ sehr!“
„Warum?“ fragte ich‚ „hat er überhaupt keine Sprache?“
„O doch“‚ sagte der Doktor‚ „er hat schon eine Sprache‚ aber sie ist so ärmlich. Nur ein paar Worte wie ja und nein‚ heiß und kalt — das ist alles‚ was er sagen kann. Er ist eine große Enttäuschung. Weißt du: er gehört zu zwei verschiedenen Fischfamilien‚ und ich hatte geglaubt‚ er würde mir viel nützen können. Ja‚ ja.“
„Wahrscheinlich“‚ sagte ich‚ „hat er nicht viel Verstand‚ wenn seine Sprache nur aus zwei oder drei Worten besteht.“
„Ja‚ ich glaube‚ das ist der Fall. Vielleicht kommt es von dem Leben‚ das er führt. Wiff-Waffs sind jetzt außerordentlich selten und leben sehr einsam. Sie schwimmen in den größten Tiefen herum und immer ganz allein. Ich nehme daher an‚ sie brauchen wirklich nicht viel zu sprechen.“
„Vielleicht würde ein größeres Schaltier mehr sprechen“‚ sagte ich‚ „schließlich ist er doch sehr klein‚ nicht wahr?“
„Ja‚ das stimmt“‚ sagte der Doktor‚ „ich glaube‚ es gibt Schaltiere‚ die viel sprechen. Aber die großen Schaltiere‚ die allergrößten‚ sind schwer zu fangen. Man findet sie nur in größter Meerestiefe‚ und da sie nicht viel schwimmen‚ sondern fast die ganze Zeit auf dem Meeresboden herumkriechen‚ bekommt man sie selten ins Netz. Ich wünschte‚ ich könnte etwas entdecken‚ wodurch ich auf den Meeresgrund gelangte — ich würde dort eine Menge lernen. Aber wir vergessen ganz unser Frühstück. Hast du schon gefrühstückt‚ Stubbins?“
Ich sagte‚ ich hätte es ganz vergessen‚ und der Doktor führte mich sofort in die Küche.
„Ja“‚ sagte er‚ als er das heiße Wasser in die Teekanne goß‚ „wenn es ein Mensch fertig bekäme‚ auf den Meeresgrund zu gelangen und dort eine Weile leben könnte‚ dann würde er wunderbare Dinge entdecken — Dinge‚ von denen nie jemand geträumt hat.“
„Aber Menschen gelangen doch auf den Meeresboden‚ nicht wahr?“ fragte ich ihn‚ „Taucher und solche Leute?“
„Ja‚ sicherlich“‚ sagte der Doktor‚ „Taucher steigen hinunter. Ich bin selbst in einem Tauchanzug hinuntergestiegen. Aber das geht nur dort‚ wo das Meer seicht ist. Wo es wirklich tief ist‚ kommen sie nicht hin. Ich möchte gern in die großen Tiefen hinunter‚ dort‚ wo das Meer Meilen und Meilen tief ist. Nun‚ ich werd’ es schon eines Tages fertig bringen. Komm‚ ich gieße dir noch eine Tasse Tee ein.“
8. Kapitel
BIST DU EIN GUTER BEOBACHTER?
Gerade in diesem Augenblick kam Polynesia ins Zimmer und sagte etwas in der Vogelsprache zum Doktor. Er legte sofort Messer und Gabel hin und eilte aus dem Zimmer.
„Es ist wirklich ein Skandal“‚ rief der Papagei‚ sobald der Doktor die Tür hinter sich geschlossen hatte. „Kaum ist er nach Hause gekommen‚ so wissen das die Tiere der ganzen Gegend‚ und jede kranke Katze und jedes räudige Kaninchen kommt meilenweit her‚ ihn um Rat zu fragen. Jetzt wartet eine große dicke Häsin mit ihrem quieksenden Jungen an der Hintertür. ‚Kann ich vielleicht den Doktor sprechen? Glaube‚ es hat Krämpfe.‘ Wahrscheinlich hat das dumme Ding wieder giftigen Nachtschatten gegessen. Der arme Mann hat nie Ruhe. Ich habe ihm mal gesagt‚ er soll sich für die Tiere besondere Sprechstunden einrichten. Aber er ist zu freundlich und rücksichtsvoll. Niemals weigert er sich‚ jemand zu sehen‚ wenn ihm wirklich was fehlt. Er sagt‚ dringende Fälle dürfe man nie warten lassen.“
„Warum gehen die Tiere nicht zu anderen Ärzten?“ fragte ich.
„O mein Gott!“ rief der Papagei und schüttelte verächtlich den Kopf‚ „es gibt ja keinen anderen Tierdoktor‚ wenigstens keinen richtigen. Natürlich gibt es gewöhnliche Tierärzte‚ aber‚ meiner Seel’‚ die sind nichts wert. Sie verstehen nicht die Tiersprache‚ und wie kann man dann erwarten‚ daß sie irgend etwas nützen können. Stell dir nur vor‚ du gehst mit deinem Vater zu einem Doktor‚ der kein Wort von dem versteht‚ was ihr sagt‚ und euch nicht einmal in eurer eigenen Sprache sagen kann‚ was ihr tun müßt‚ um gesund zu werden. Pah‚ diese Tierärzte! Du ahnst nicht‚ wie dumm sie sind. Stell des Doktors Speck aufs Feuer‚ damit er warm bleibt.“
„Glaubst du‚ ich könnte die Tiersprache lernen?“ fragte ich und stellte den Teller auf den Herd.
„Das kommt darauf an“‚ sagte Polynesia. „Bist du gut in der Schule?“
„Das weiß ich nicht“‚ antwortete ich beschämt‚ „ich bin nie zur Schule gegangen — mein Vater ist zu arm‚ um mich hinzuschicken.“
„Da versäumst du nicht viel“‚ sagte der Papagei‚ „wenigstens nach dem‚ was ich von Schuljungens weiß. Aber hör einmal‚ beobachtest du gut? Angenommen: du entdeckst zwei Stare auf einem Apfelbaum‚ und siehst sie dir genau an — würdest du einen vom andern unterscheiden können‚ wenn du sie am nächsten Tage wiedersiehst?“
„Ich weiß nicht‚ ich habe es nie versucht.“
„So etwas“‚ sagte Polynesia und bürstete mit ihrem linken Fuß ein paar Krumen von der Tischdecke‚ „so etwas nennt man Beobachtungsgabe. Die kleinen Dinge bei Vögeln und Tieren beobachten‚ die Art‚ wie sie gehen und ihre Köpfe bewegen‚ mit den Flügeln und Schwänzen schlagen‚ wie sie schnüffeln und sich die Bärte streichen und mit den Schwänzen wackeln — all diese kleinen Dinge mußt du beobachten‚ wenn du die Tiersprache lernen willst‚ denn die meisten Tiere sprechen kaum mit der Zunge‚ sie brauchen statt dessen ihren Atem‚ ihre Schwänze oder ihre Füße dazu. Das kommt daher‚ weil viele von ihnen in alten Zeiten‚ als es noch mehr Löwen und Tiger gab‚ sich fürchteten‚ irgendein Geräusch zu machen‚ aus Angst‚ die wilden Bestien könnten sie hören. Den Vögeln war es natürlich gleichgültig‚ sie hatten immer Flügel‚ um wegzufliegen. Aber das erste‚ woran du denken mußt‚ ist‚ ein guter Beobachter zu werden‚ denn das ist ungeheuer wichtig‚ wenn man die Sprache der Tiere lernen will.“
„Es hört sich ziemlich schwer an“‚ sagte ich.
„Man muß sehr geduldig sein“‚ sagte Polynesia‚ „es dauert lange Zeit‚ bis man nur ein paar Worte richtig sagen kann‚ aber wenn du oft herkommst‚ werde ich dir Stunden geben. Und hast du erst einmal angefangen‚ wirst du erstaunt sein‚ wie schnell du vorwärtskommst. Es wäre gut‚ wenn du es lerntest‚ dann könntest du dem Doktor etwas Arbeit abnehmen. Ich meine die leichtere Arbeit‚ wie Verbände machen und Pillen geben. Ja‚ ja‚ das ist eine gute Idee! Es wäre großartig‚ wenn der arme Mann etwas Hilfe und Ruhe bekäme. Es ist ein Skandal‚ wieviel er arbeitet. Ich sehe nicht ein‚ warum du nicht imstande sein solltest‚ ihm eine Menge zu helfen — das heißt: wenn du dich wirklich für Tiere interessiert.“
„Ach‚ ich würde es von Herzen gern tun!“ rief ich. „Glaubst du‚ der Doktor wird mir’s erlauben?“
„Sicherlich! Sobald du etwas von Medizin verstehst. Ich selbst werde ihm davon erzählen. Ich höre ihn kommen. Schnell‚ stell seinen Speck wieder auf den Tisch!“
9. Kapitel
DER GARTEN DER TRÄUME
Als wir mit dem Frühstück fertig waren‚ zeigte mir der Doktor seinen Garten. War das Haus schon interessant gewesen‚ so war es der Garten noch hundertmal mehr. Von allen Gärten‚ die ich je gesehen‚ war dies der herrlichste und schönste. Zuerst sah man gar nicht‚ wie groß er war‚ und wenn man endlich glaubte‚ daß man alles gesehen hätte‚ blickte man über eine Hecke oder Wegbiegung oder sah einige Stufen hinauf‚ und vor einem lag ein ganz neuer Teil‚ den man nie erwartet hatte.
Alles war in diesem Garten‚ was in einem Garten drin sein kann oder je drin gewesen ist. Schöne Rasenflächen mit grün bemoosten behauenen Steinsitzen‚ über den Rasen hingen Trauerweiden‚ und wenn der Wind sie bewegte‚ strichen die gefiederten Spitzen ihrer Zweige über das samtene Gras. Die alten‚ mit Fliesen belegten Pfade wurden auf jeder Seite von Eibenhecken eingefaßt‚ so daß sie wie enge Straßen einer alten Stadt aussahen. In die Hecken waren Torbogen und über den Torbogen aus den lebenden Bäumen waren Vasen‚ Pfauen und Halbmonde geschnitten. Auch einen wundervollen marmornen Fischteich gab es‚ mit goldenen Karpfen und blauen Wasserlilien und großen grünen Fröschen. Eine hohe Ziegelmauer längs des Küchengartens war mit gelben und rosa Pfirsichen bedeckt‚ die in der Sonne reiften‚ auch eine herrliche‚ große Eiche mit hohlem Stamm stand hier‚ groß genug‚ daß vier Menschen sich darin verstecken konnten. In einer Ecke stand zwischen Gestein und Farnkräutern ein Herd‚ auf dem der Doktor sich Leber mit Speck briet‚ wenn er Lust hatte‚ im Freien zu speisen. Auch ein Ruhebett gab es dort‚ auf dem er anscheinend in warmen Sommernächten‚ wenn die Nachtigallen am schönsten sangen‚ zu schlafen pflegte. Unter dem Ruhebett waren Räder‚ so daß es unter jeden Baum geschoben werden konnte. Aber was ich am allerschönsten fand‚ war ein winzig kleines Häuschen hoch oben in den Zweigen einer Ulme‚ zu dem eine lange Strickleiter hinaufführte. Der Doktor sagte mir‚ daß er von da aus den Mond und die Sterne durch ein Fernrohr betrachte.
Es war ein Garten‚ in dem man tagelang herumwandern konnte und immer wieder etwas Neues entdeckte und immer wieder glücklich war‚ die alten Stellen wiederzufinden. Es war ein Traumgarten.
Gleich als ich hereinkam‚ war mir etwas Besonderes aufgefallen‚ und das war die Unzahl Vögel‚ die darin herumflogen. Auf jedem Baum schienen zwei oder drei Nester zu sein‚ und eine Menge anderer Tiere hatten sich ebenfalls dort heimisch gemacht. Hermeline‚ Schildkröten und Haselmäuse fühlten sich hier ganz zu Hause und waren nicht ein bißchen scheu. Kröten von verschiedener Farbe und Größe hüpften über das Gras‚ als ob es ihnen gehörte. Grüne Eidechsen‚ die in Puddleby sehr selten waren‚ saßen im Sonnenschein auf den Steinen und blinzelten uns an. Ja‚ selbst Schlangen sah man.
„Du brauchst dich nicht vor ihnen zu fürchten“‚ sagte der Doktor‚ der bemerkt hatte‚ daß ich etwas ängstlich wurde‚ als sich eine große Schlange gerade vor uns über den Weg schlängelte. „Diese Schlangen sind nicht giftig‚ sie tun viel Gutes‚ indem sie manches Gartenübel unterdrücken. Abends spiel ich ihnen manchmal auf der Flöte vor. Das haben sie sehr gern. Sie richten sich auf und machen unendlich viel Wesens davon. Komisch‚ ihr Sinn für Musik.“
„Warum kommen alle diese Tiere hierher und leben hier?“ fragte ich‚ „ich habe noch niemals einen Garten mit so viel Tieren gesehen.“
„Ich glaube‚ weil sie hier das Futter bekommen‚ das sie gern haben‚ und weil niemand sie quält und stört‚ und dann kennen sie mich natürlich auch. Und wenn eins von ihnen oder ihren Kindern krank ist‚ finden sie es sicherlich sehr bequem‚ in eines Doktors Garten zu wohnen. Sieh nur einmal den Sperling dort auf der Sonnenuhr‚ der auf die Schwarzdrossel herabschimpft. Er kommt seit vielen Jahren jeden Sommer hierher. Er ist aus London. Die Feldsperlinge von Puddleby lachen ihn aus. Sie sagen: er zwitschert Londoner Dialekt. Er ist der ulkigste Vogel‚ den ich kenne‚ tapfer‚ aber frech. Streit liebt er über alles‚ und zum Schluß wird er immer unverschämt. Er ist ein richtiger Stadtvogel. In London lebt er bei der St. Pauls-Kathedrale. Wir nennen ihn Schandschnabel.“
„Kommen alle diese Vögel aus unserer Gegend?“ fragte ich.
„Die meisten ja“‚ sagte der Doktor‚ „aber jedes Jahr besuchen mich ein paar seltene Vögel‚ die sonst nie nach England kommen. Zum Beispiel der hübsche kleine Kerl‚ der dort über der Löwenmaulblüte lauert‚ ist ein rotbrüstiger Kolibri. Er kommt aus Amerika. Genau genommen hat er überhaupt nichts in diesem Klima zu suchen — es ist viel zu kalt für ihn. Nachts laß ich ihn darum in der Küche schlafen. Im August‚ ungefähr in der letzten Woche des Monats‚ kommt ein purpurner Paradiesvogel den ganzen Weg hergeflogen‚ um mich zu besuchen. Er ist ein sehr vornehmer Vogel. Aber komm‚ jetzt muß ich dir den Zoo zeigen.“
10. Kapitel
DES DOKTORS ZOO
Ich glaubte‚ ich hätte alles in diesem Garten gesehen‚ was es gab‚ aber der Doktor nahm mich beim Arm und ging mit mir einen kleinen engen Pfad entlang. Nach vielen Biegungen‚ Drehungen und Krümmungen standen wir vor einer kleinen Tür in einer großen steinernen Mauer. Der Doktor stieß sie auf. Hier begann noch ein anderer Garten. Ich hatte erwartet‚ Käfige mit Tieren zu finden — aber statt dessen gab es hier und da kleine Häuser‚ und jedes Haus hatte ein Fenster und eine Tür. Als wir den Garten betraten‚ öffneten sich viele Türen‚ und Tiere‚ die augenscheinlich Futter erwarteten‚ kamen auf uns zugelaufen.
„Haben die Türen keine Schlösser?“ fragte ich.
„O ja‚ jede Tür hat ein Schloß‚ aber in meinem Zoo sind die Türen von innen zu öffnen‚ nicht von außen. Die Schlösser sind nur daran‚ damit die Tiere sich einschließen können‚ wann immer sie von anderen Tieren und von den Leuten‚ die hierher kommen‚ belästigt werden. In diesem Zoo bleibt jedes Tier‚ weil es mag‚ und nicht‚ weil es muß.“
„Sie sehen alle sehr glücklich und sauber aus — könnten Sie mir vielleicht von einigen sagen‚ wie sie heißen?“
„Gern. Die beiden kleinen Tiere‚ die im Teich ihre Possen treiben‚ sind russische Nerze — mir fällt ein‚ heute schließen die Geschäfte früh‚ und ich muß noch am Vormittag zur Stadt gehen‚ um ihnen ein paar Heringe zu holen. Das Tier‚ das gerade aus seinem Haus tritt‚ ist eine Antilope‚ eine von den kleineren südafrikanischen Arten‚ und das Tier mit dem Panzer auf dem Rücken ist ein südamerikanischer Armadillo. Nun wollen wir zu dem Gebüsch hinübergehen‚ da werde ich dir noch mehr zeigen.“
„Sind das dort drüben Rehe?“ fragte ich.
„Rehe?“ fragte der Doktor‚ „wo denn?“
„Drüben“‚ erwiderte ich und wies mit den Fingern hin‚ „die dort den Grasstreifen am Blumenbeet abknabbern — dort die zwei.“
„Ach so“‚ sagte der Doktor lächelnd‚ „das sind nicht zwei Tiere. Das ist ein Tier mit zwei Köpfen‚ das einzige zweiköpfige Tier der Welt. Es heißt Stoßmich-Ziehdich. Ich habe es aus Afrika mitgebracht. Es ist sehr zahm und eine Art Nachtwächter für den Zoo. Es schläft nur mit einem Kopf auf einmal‚ und der andere bleibt die ganze Nacht über wach.“
„HabenSie hier auch Löwen und Tiger?“ fragte ich‚ als wir weitergingen.
„Nein“‚ sagte der Doktor‚ „es wäre nicht möglich‚ sie hier zu halten — selbst wenn idi’s könnte‚ würde ich’s nicht tun. Wenn’s nach mir ginge‚ Stubbins‚ würde es nicht einen gefangenen Löwen oder Tiger in der ganzen Welt geben. Sie gewöhnen sich niemals daran. Sie werden hier niemals glücklich‚ sie denken immer an die großen Länder‚ die sie verlassen haben. Man kann es ihnen von den Augen ablesen. Stets träumen sie von den riesigen weiten Ebenen‚ in denen sie geboren sind‚ von den dichten‚ dunklen Dschungeln‚ wo ihre Mutter sie zuerst gelehrt hat‚ den Hirsch zu wittern und seine Fährte zu verfolgen. Und was kriegen sie dafür . . .?“ fragte der Doktor‚ blieb stehen und wurde ganz rot und zornig‚ „was gibt man ihnen für die Pracht eines afrikanischen Sonnenaufgangs‚ für den Abendwind‚ der durch die Palmen weht‚ für die grünen Schatten der verflochtenen und verschlungenen Ranken‚ für die Kühle der großen sternbesäten Nächte‚ für das Gemurmel des Wasserfalls nach der Jagd eines harten Tages — was gibt man ihnen für das alles? Einen nackten Käfig mit eisernen Stäben‚ ein häßliches Stück totes Fleisch‚ das ihnen einmal am Tage hineingeschoben wird‚ und eine Menge von Narren‚ die sie mit offenen Mäulern anstarren. Nein‚ Stubbins‚ Löwen und Tiger‚ diese großen Jäger sollte man nie in einem Zoo sehen.“ Der Doktor schien sehr ernst‚ fast traurig geworden zu sein‚ aber plötzlich veränderte er sich wieder und nahm mich mit dem alten freundlichen Lächeln beim Arm.
In diesem Augenblick kam Polynesia zu uns geflogen und sagte: „Doktor‚ an der Hintertür stehen zwei Meerschweinchen. Sie sagen‚ sie seien ihren kleinen Herren fortgelaufen‚ weil sie kein richtiges Futter bekommen hätten. Sie möchten wissen‚ ob du sie aufnehmen willst.“
„Gern“‚ sagte der Doktor‚ „zeig ihnen den Weg zum Zoo und gib ihnen das Haus links an der Tür‚ das der schwarze Fuchs gehabt hat‚ nenn ihnen die Aufnahmebedingungen und reich ihnen eine gute Mahlzeit. Nun‚ Stubbins‚ wollen wir ins Aquarium gehen‚ und zu allererst will ich dir meinen großen Seewasserbehälter zeigen‚ worin ich das kleine Schalentier aufbewahre.“
11. Kapitel
MEINE LEHRERIN POLYNESIA
Ihr könnt euch denken‚ daß dann nicht viele Tage vergingen‚ an denen ich meinen neuen Freund nicht besuchte. Tatsächlich war ich nun jeden Tag bei ihm‚ so daß mich meine Mutter eines Abends im Spaß fragte‚ ob ich nicht mein Bett mit hinübernehmen und ganz in des Doktors Haus wohnen wollte. Mit der Zeit erwies ich mich dem Doktor ganz nützlich. Ich fütterte seine Lieblingstiere‚ half ihm neue Häuser und Zäune für den Zoo machen‚ assistierte ihm bei den kranken Tieren und verrichtete Gelegenheitsarbeiten aller Art. Mir machte es ein ungeheures Vergnügen — es war‚ als lebte ich in einer neuen Welt; aber ich glaube‚ auch der Doktor hätte mich vermißt‚ wenn ich nicht so oft gekommen wäre.
Überall‚ wohin ich auch ging‚ begleitete mich Polynesia und lehrte mich die Vogelsprache und die Zeichensprache der Tiere. Zuerst dachte ich‚ ich würde das nie lernen können‚ so schwer erschien es mir; aber der alte Papagei war sehr geduldig mit mir‚ obgleich ich manchmal merkte‚ daß es ihm schwer fiel‚ nicht aufzubrausen.
Bald begann ich‚ das seltsame Gezirp der Vögel und die komischen Gebärden der Hunde zu verstehen. Nach dem Schlafengehen übte ich mich‚ indem ich die Mäuse hinter der Täfelung belauschte. Und ich beobachtete die Katzen auf den Dächern und die Tauben auf dem Marktplatz von Puddleby.
Die Zeit verging so schnell‚ wie sie immer vergeht‚ wenn das Leben schön ist. Die Tage wurden zu Wochen und die Wochen zu Monaten‚ und schon verloren die Rosen in des Doktors Garten ihre Blüten‚ und gelbe Blätter lagen auf dem grünen Rasen‚ denn der Sommer war fast vorüber.
Eines Tages unterhielt ich mich mit Polynesia in der Bibliothek. Das war ein schöner großer Raum mit einem herrlichen Kaminsims‚ und die Wände waren von der Decke bis zum Erdboden mit Bücherregalen bedeckt‚ die mit Geschichtsbüchern‚ Büchern über Gärtnerei‚ Medizin und Reisebeschreibungen vollgepfropft waren. Die Reisebeschreibungen liebte ich am meisten und besonders des Doktors großen Atlas mit seinen Karten von den verschiedenen Ländern der Welt.
„Polynesia‚ ich möchte dich einmal etwas Wichtiges fragen.“
„Was ist es denn‚ mein Junge?“ fragte sie und glättete die Federn ihres rechten Flügels. Polynesia sprach oft sehr gönnerhaft mit mir‚ aber ich nahm es ihr nicht übel; schließlich war sie beinahe zweihundert und ich erst zehn Jahre alt.
»Meine Mutter findet es nicht richtig‚ daß ich immer zu euch komme und bei euch esse. Ich wollte dich nun fragen‚ ob ich nicht ganz hier wohnen könnte‚ wenn ich noch viel mehr für den Doktor arbeite. Weißt du‚ anstatt mich wie einen Gärtner oder Arbeiter zu bezahlen‚ würdet ihr mir Wohnung und Kost für meine Arbeit geben. Was hältst du davon?“
„Du meinst‚ du willst ein richtiger Gehilfe des Doktors werden‚ nicht wahr?“
„Ja‚ ich glaube‚ so nennt man das“‚ antwortete ich.
„Nun“‚ — sie dachte einen Augenblick nach — „warum nicht? Aber willst du denn Naturforscher werden‚ wenn du erwachsen bist?“
„ Ja“‚ sagte ich‚ „das will ich‚ lieber als irgendwas andres in der Welt.“
„So‚ so“‚ sagte Polynesia‚ „dann wollen wir zum Doktor gehen und mit ihm darüber sprechen. Er ist in seinem Arbeitszimmer‚ öffne leise die Tür‚ vielleicht will er nicht gestört Werden.“
Ich öffnete leise die Tür und blickte hinein. Das Erste‚ was ich sah‚ war ein riesiger schwarzer Hühnerhund‚ der mit gespitzten Ohren in der Mitte des Kaminvorlegers saß und dem Doktor zuhörte‚ der ihm einen Brief vorlas.
„Was tut der Doktor?“ fragte ich flüsternd Polynesia.
„Ach‚ der Hund hat einen Brief von seiner Herrin bekommen und hat ihn zum Doktor gebracht‚ damit er ihm den vorlese. Das ist alles. Er gehört einem komischen kleinen Mädchen‚ das Minnie heißt und auf der andern Seite der Stadt wohnt. Zwei Zöpfe hängen ihr den Rücken herab. Sie und ihr Bruder sind den Sommer über an die See gefahren‚ und der alte Hühnerhund hat große Sehnsucht‚ darum schreiben sie ihm Briefe‚ und da der alte Hund sie nicht versteht‚ bringt er sie hierher‚ und der Doktor übersetzt sie ihm in die Hundesprache. Der Hund ist so aufgeregt‚ sie werden wohl geschrieben haben‚ daß sie zurückkommen. Sieh nur‚ wie er sich aufführt. Die Ergebenheit‚ die er für die Kinder hat‚ geht mir über den Verstand. Du solltest einmal Minnie sehen: sie ist die eingebildetste kleine Göre‚ die ich kenne — und außerdem schielt sie.“
12. Kapitel
MEINE GROSSE IDEE
Plötzlich blickte der Doktor auf und sah uns in der Tür stehen.
„Ach, du bist es, Stubbins, komm herein, willst du etwas von mir? Komm herein und nimm dir einen Stuhl.“
„Doktor“, sagte ich, „wenn ich erwachsen bin, möchte ich Naturforscher werden wie Sie.“
„So, wirklich?“ murmelte der Doktor. „Nun ja, — aber, hast du schon mit deinen Eltern gesprochen?“
„Nein, noch nicht“, sagte ich. „Ich habe gedacht, Sie könnten zu meinen Eltern gehen und ihnen sagen, ich dürfte bei Ihnen wohnen, aber ich müßte hart arbeiten, und Sie wären bereit, mir Lesen und Schreiben beizubringen. Meine Mutter möchte sehr gerne, daß ich lesen und schreiben lerne, und außerdem könnte ich sonst kein richtiger Naturforscher werden, nicht wahr?“
„Oh, darüber weiß ich nicht so viel“, sagte der Doktor. „Natürlich ist es gut, wenn man lesen und schreiben kann, wie zum Beispiel dieser junge Bursche Charles Darwin. Aber der allergrößte Naturforscher kann weder seinen eigenen Namen noch das Abc lesen.“
„Wer ist denn das?“ fragte ich.
„Eine geheimnisvolle Persönlichkeit. Er heißt der Große Pfeil und ist der Sohn des Goldenen Pfeils — ein Indianer.“
„Haben Sie ihn je gesehen?“ fragte ich.
„Nein“, sagte der Doktor, „ich habe ihn noch nie gesehen, kein Weißer hat ihn je gesehen. Ich glaube, Herr Darwin weiß nicht einmal, daß er existiert. Er lebt fast nur mit Tieren und verschiedenen Indianerstämmen zusammen. Gewöhnlich hält er sich in den Bergen von Peru auf. Er zieht meistens von Stamm zu Stamm — als eine Art Indianer-Landstreicher.“
„Woher wissen Sie so viel über ihn, wenn Sie ihn nie gesehen haben?“
„Der purpurne Paradiesvogel hat mir von ihm erzählt: er sagt, er sei ein geradezu wunderbarer Naturforscher. Als der Vogel das letztemal hier war, gab ich ihm für den Großen Pfeil eine Botschaft mit. Ich erwarte ihn jeden Tag zurück, und kann kaum abwarten, was er mir für eine Antwort bringt. Wir haben schon fast die letzte Woche im August — ich hoffe, es ist ihm nichts auf der Reise geschehen. Das Hauptgebiet des Großen Pfeils ist Botanik — Pflanzen und ähnliches. Allerdings weiß er auch eine Menge über Vögel und Tiere, besonders über Bienen und Käfer. Aber nun sage mir noch, Stubbins: bist du dir auch ganz klar, daß du Naturforscher werden willst?“
„Ja“, sagte ich, „ich bin fest dazu entschlossen.“
„Du mußt wissen: zum Geldverdienen ist es kein guter Beruf. Die meisten großen Naturforscher verdienen überhaupt kein Geld — sie geben nur Geld dafür aus, Schmetterlingsnetze und Behälter für Vogeleier und so weiter zu kaufen. Erst jetzt, nachdem ich so viele Jahre Naturforscher bin, beginne ich, durch die Bücher, die ich schreibe, etwas Geld zu verdienen.“
„Ich mache mir nichts aus Geld“, sagte ich, „ich will Naturforscher werden. Wollen Sie nicht so gut sein und am nächsten Donnerstag bei meinen Eltern Abendbrot essen? Ich habe es ihnen schon gesagt — dann können Sie mit ihnen darüber sprechen. Es handelt sich nämlich noch um etwas andres: wenn ich bei Ihnen wohne und gewissermaßen zu Ihrem Haus und Beruf gehöre, — darf ich Sie dann das nächste Mal auf einer Reise begleiten?“
„Ach so“, sagte er lächelnd, „du willst auf meine Reisen mitkommen? Aha!“
„Ich möchte auf alle Reisen mit. Es wäre viel leichter für Sie, wenn Sie jemand hätten, der Ihnen behilflich wäre, die Notizbücher und Schmetterlingsnetze zu tragen, nicht wahr?“
Eine lange Zeit blieb der Doktor nachdenklich sitzen und trommelte mit den Fingern auf das Pult, während ich ungeduldig darauf wartete, was er wohl sagen würde. Endlich zuckte er mit den Schultern und stand auf.
„Gut, Stubbins“, sagte er, „ich werde am nächsten Donnerstag mit deinen Eltern sprechen, und dann wollen wir weiter sehen. Empfiehl mich, bitte, deinen Eltern, und ich lasse ihnen für ihre Einladung danken.“
Ich flog schnell wie der Wind nach Hause und erzählte meiner Mutter, daß der Doktor versprochen hätte, Donnerstag zu kommen.
13. Kapitel
EIN REISENDER TRIFFT EIN
Am nächsten Nachmittag saß ich nach dem Tee auf des Doktors Gartenmauer und unterhielt mich mit Dab-Dab. Ich hatte jetzt so viel von Polynesia gelernt, daß ich mich mit den meisten Vögeln und Tieren ohne Schwierigkeiten unterhalten konnte. Ich fand, Dab-Dab war ein netter mütterlicher Vogel, obgleich nicht halb so klug und interessant wie Polynesia. Sie war schon viele Jahre Haushälterin beim Doktor. Plötzlich hörte ich von der Stadt her ein seltsames Geräusch. Es hörte sich an, als riefen eine Menge Leute Hurra. Ich stellte mich auf die Mauer, um zu entdecken, was sich heranbewegte. Bald erschien um eine Biegung der Straße eine große Menge Schulkinder, die einer zerlumpten seltsamen Frau folgten.
„Was in aller Welt kann das nur sein?“ rief Dab-Dab. Alle Kinder lachten und schrien, und die Frau, der sie folgten, sah wirklich höchst seltsam aus. Sie hatte sehr lange Arme und besonders abfallende Schultern. Ein Strohhut mit Mohnblumen saß ihr schief auf dem Kopf, und ihr Rock war zu lang und fegte wie die Schleppe eines Ballkleides auf der Erde. Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen, weil sie ihren Hut tief über die Augen gezogen hatte, — aber als sie näher kam und das Lachen der Kinder lauter wurde, bemerkte ich, daß ihre Hände und Arme braun und haarig waren wie bei einer Hexe.
Plötzlich erschreckte mich Dab-Dab, indem sie neben mir mit lauter Stimme schrie: „Das ist ja Tschi-Tschi! Endlich ist Tschi-Tschi zurückgekommen! Ich werde die kleinen Frechdächse lehren, zu lachen!“
Sie flog von der Mauer auf die Straße und grade auf die Kinder zu, quakte schrecklich und kniff sie in Füße und Beine. Die Kinder flohen, so schnell sie nur laufen konnten, zur Stadt zurück. Die seltsame Gestalt im Strohhut sah ihnen einen Augenblick nach und blickte dann müde zum Tor hinauf. Sie bemühte sich nicht, das Tor aufzuklinken, sondern kletterte über den Zaun, als bereitete er ihr kein Hindernis. Sie hielt sich dabei mit den Füßen an den Stäben fest, hatte also in Wirklichkeit vier Hände zum Klettern. Aber erst, als ich endlich einen Blick auf ihr Gesicht unter dem Hut werfen konnte, wußte ich sicher, daß es ein Affe war.
Tschi-Tschi — denn er war es — sah mich mißtrauisch und stirnrunzelnd an, als glaubte er, ich würde ihn wie die andern Kinder auslachen. Er riß den Strohhut in zwei Stücke und warf ihn auf die Straße, dann zog er sein Mieder und seinen Rock aus, sprang wütend auf ihnen herum und stieß sie vor sich her durch den Garten.
Plötzlich hörte ich ein Kreischen aus dem Hause, Polynesia kam herbeigeflogen, und der Doktor und Jip folgten ihr.
„Tschi-Tschi, Tschi-Tschi“, rief der Papagei, „endlich bist du da — ich habe dem Doktor immer gesagt: du wirst einen Weg finden! Wie hast du es nur fertiggebracht?“
Sie umringten ihn alle, schüttelten ihm seine vier Hände, lachten und fragten ihn Millionen Fragen auf einmal. Dann gingen sie alle ins Haus zurück.
„Lauf in mein Schlafzimmer, Stubbins“, rief der Doktor mir zu, „in der kleinen linken Schublade des Schreibtisches liegt eine Tüte mit Erdnüssen. Ich habe sie immer aufgehoben für den Fall, daß er eines Tages unerwartet zurückkommen würde, und — warte einen Augenblick: sieh nach, ob Dab-Dab ein paar Bananen in der Speisekammer hat. Tschi-Tschi sagt mir eben, er hätte zwei Monate keine Banane gesehen.“
Als ich zur Küche zurückkam, hörten alle dem Affen aufmerksam zu.
14. Kapitel
TSCHI-TSCHIS REISE
Nachdem Polynesia Afrika verlassen hatte, war Tschi-Tschis Heimweh nach dem Doktor und dem kleinen Haus in Puddleby größer als je zuvor. Schließlich entschloß er sich, Polynesia um jeden Preis zu folgen. Eines Tages sah er am Strand eine Menge schwarzer und weißer Leute auf ein Schiff steigen, das nach England fuhr. Er versuchte hinaufzugelangen, aber man jagte ihn fort. Da bemerkte er eine große Familie komischer Leute, die auf das Schiff gingen, und ein Kind dieser Familie erinnerte ihn an eine Kusine, in die er einst verliebt war. Er sagte daher zu sich selbst: ‚Dieses Mädchen gleicht ebenso einem Affen, wie ich einem Mädchen gleiche. Wenn ich nur ein paar Kleider bekommen könnte, wär’s kinderleicht, mich mit dieser Familie aufs Schiff zu schleichen — die Leute würden mich für ein Mädchen halten. Eine gute Idee!‘
Tschi-Tschi eilte also in die Hafenstadt, sprang durch ein Fenster, stahl sich Kleider und zog sie an. Dann ging er zum Strand zurück, mischte sich unter die Menge und schlich sich auf das Schiff. Dort hielt er es für besser, sich zu verstecken, denn er fürchtete, die Leute könnten ihn allzu genau betrachten. Während der Fahrt nach England blieb er versteckt und kam nur nachts, wenn alles schlief, hervor, um sich etwas Nahrung zu suchen.
Als er bei der Landung in England das Schiff verlassen wollte, sahen die Matrosen, daß er nur ein Affe in Mädchenkleidern war, und wollten ihn bei sich behalten. Aber es gelang ihm, zu entfliehen, und einmal an Land, tauchte er in der Menge unter und entkam. Freilich war er noch weit von Puddleby entfernt, denn um dahin zu kommen, mußte er quer durch ganz England wandern.
Das war eine schwere Zeit für ihn. Sobald er durch eine Stadt kam, rannten ihm die Kinder schreiend nach, und oft fingen ihn dumme Leute und versuchten, ihn festzuhalten, er mußte Laternenpfähle und Schornsteine erklettern, um ihnen zu entkommen. Nachts schlief er in Heuschobern, oder wo er sich sonst verstecken konnte. Er lebte von Beeren, die er sich von den Hecken pflückte, und Haselnüssen, die er im Unterholz fand. Endlich nach vielen Abenteuern sah er den Turm der Puddlebyer Kirche und wußte, jetzt war er in der Nähe seines alten Heims.
Als Tschi-Tschi seine Geschichte beendet hatte, aß er hintereinander sechs Bananen und trank eine ganze Schüssel Milch, ohne anzuhalten.
„Ach, du lieber Gott“, sagte er, „warum bin ich nicht wie Polynesia mit Flügeln geboren! Dann hätt’ ich auch hierher fliegen können. Ihr macht euch keine Vorstellung, wie ich mit der Zeit meinen Hut und meinen Rock gehaßt habe. Noch nie hab’ ich mich so unbehaglich gefühlt. Auf dem ganzen Weg von Bristol hierher fiel mir entweder der elende Hut vom Kopf, wenn er sich nicht grade in den Bäumen verfangen hatte, oder ich trat mir auf den ekelhaften Rock, der sich um alles herumwickelte. Warum in aller Welt tragen bloß die Frauen solche Dinger? Weiß der liebe Himmel: heute morgen, als ich über den Hügel bei Bellabys Gehöft kam, war ich ordentlich froh, das gute alte Puddleby wiederzusehen,“
„Dein Bett auf dem Tellerschrank in der Speisekammer steht für dich bereit“, sagte der Doktor. „Wir haben es nie fortgeräumt, für den Fall, daß du einmal zurückkämst.“
„Und du kannst auch, wenn du heute Nacht frieren solltest“, fiel Dab-Dab ein, „die alte Hausjacke vom Doktor bekommen, die du immer als Decke gehabt hast.“
Dann gingen wir alle mit in die Speisekammer und sahen Tschi-Tschi zu, als er den Geschirrschrank wie ein Matrose einen Mast enterte. Oben angelangt, rollte er sich zusammen, zog sich die alte Hausjacke übers Gesicht, und nach einer Minute schnarchte er friedlich.
„Der gute alte Tschi-Tschi“, flüsterte der Doktor, „ich freue mich, daß er zurückgekommen ist.“
„Ja, der gute alte Tschi-Tschi“, echoten Dab-Dab und Polynesia.
Dann schlichen wir uns alle auf Zehenspitzen aus der Speisekammer und schlossen die Tür leise hinter uns.
15. Kapitel
ICH WERDE DES DOKTORS GEHILFE
Als wir am Donnerstagabend mit dem Abendbrot fertig waren, begannen der Doktor und mein Vater Duette zu spielen, denn diesmal hatte der Doktor seine eigene Flöte mitgebracht. Sie waren so in ihr Flötenspiel vertieft, daß ich fürchtete, sie würden niemals über meine Angelegenheit sprechen, — aber endlich fing der Doktor an:
„Ihr Sohn hat mir gesagt, er möchte gern Naturforscher werden“ — und dann begann eine lange Unterhaltung, die sich weit in die Nacht hineinzog. Zuerst waren meine Eltern sehr gegen diesen Gedanken, wie sie es von Anfang an gewesen waren. Sie sagten, es sei nur eine knabenhafte Laune, und ich würde es bald satt bekommen. Aber nachdem man die Angelegenheit von allen Seiten betrachtet hatte, wandte sich der Doktor zu meinem Vater und sagte:
„Angenommen, Herr Stubbins, Ihr Sohn bleibt die nächsten zwei Jahre bei mir, so lange, bis er zwölf Jahre alt ist. Während dieser beiden Jahre haben wir Zeit genug, zu sehen, ob es ihm über wird oder nicht. Ich verspreche Ihnen, ihm während dieser Zeit das Lesen und Schreiben, vielleicht auch ein bißchen Rechnen beizubringen. Was sagen Sie zu diesem Vorschlag?“
„Ich weiß nicht“, sagte mein Vater und schüttelte den Kopf. Aber zum Schluß gab er nach, und es wurde abgemacht: zwei Jahre lang sollte ich bei bei dem Doktor wohnen und für ihn arbeiten und dafür lesen und schreiben lernen, und für meine Wohnung und Kost würde gesorgt werden.
„Natürlich kleide ich Tommy auch, wenigstens solange ich Geld habe“, fügte der Doktor hinzu. „Aber Geld ist bei mir eine unregelmäßige Sache — manchmal habe ich welches und manchmal nicht.“
„Sie sind sehr freundlich, Herr Doktor“, sagte meine Mutter und trocknete sich die Tränen, „ich glaube, Tommy ist sehr glücklich.“
Und dann lehnte ich kleiner gedankenloser, selbstsüchtiger Frechdachs mich zum Doktor hinüber und flüsterte ihm ins Ohr: „Bitte, vergessen Sie nicht, etwas über das Reisen zu sagen.“
„Übrigens“, begann darauf Johann Dolittle, „natürlich erfordert meine Arbeit, daß ich gelegentlich verreise. Sie haben doch sicherlich nichts dagegen, wenn ich Ihren Sohn auf meine Reisen mitnehme?“
Meine Mutter blickte scharf auf bei dieser neuen Wendung. Sie sah unglücklicher und ängstlicher aus denn je, während ich hinter des Doktors Stuhl stand und mit klopfendem Herzen auf die Antwort meines Vaters wartete.
„Nein“, sagte der langsam nach einer Weile, „ich finde, wenn wir den andern Dingen zustimmen, haben wir nicht das Recht, dagegen etwas einzuwenden.“
Sicherlich hat es nie in der Welt einen glücklicheren Jungen gegeben als mich in diesem Augenblick. Mein Kopf ragte in die Wolken, ich schwebte in der Luft und konnte mich kaum davon zurückhalten, im Zimmer herumzuspringen. Endlich sollte der Traum meines Lebens wahr werden, endlich wurde mir Gelegenheit gegeben, mein Glück zu machen und Abenteuer zu erleben, denn ich wußte bestimmt, der Doktor würde sich in allernächster Zeit auf eine neue Reise begeben. Polynesia hatte mir gesagt, er bliebe kaum jemals länger als sechs Monate hintereinander zu Haus. Daher würde er sicherlich binnen vierzehn Tagen wieder abreisen, und ich, Tommy Stubbins, würde mit ihm reisen, das Meer durchkreuzen, an fernen Küsten wandern und die Welt durchstreifen.
16. Kapitel
DIE MANNSCHAFT DES BRACHVOGELS
Von diesem Tag an hatte sich meine Stellung in der Stadt natürlich sehr geändert. Ich war nicht mehr der Sohn des armen Schuhflickers. Ich steckte die Nase hoch in die Luft, wenn ich, Jip mit seinem goldenen Halsband zur Seite, die Hohe Straße entlangging. Und einige kleine Jungen, die mich früher verachtet hatten, weil mein Vater nicht reich genug war, mich zur Schule zu schicken, zeigten mich jetzt ihren Freunden und flüsterten: „Das ist des Doktors Gehilfe — er ist erst zehn Jahre alt.“
Aber ihre Augen wären vor Erstaunen noch größer geworden, wenn sie gewußt hätten, daß ich mit dem Hund neben mir sprechen konnte.
Zwei Tage, nachdem der Doktor bei uns zum Abendessen gewesen war, erzählte er mir traurig, er müsse den Versuch aufgeben, die Sprache der Schaltiere zu lernen, wenigstens für die Gegenwart.
„Ich bin sehr entmutigt, Stubbins“, sagte er, „ich habe es mit den Miesmuscheln, den Venusmuscheln, den Austern, den Kinkhörnern, den Herzmuscheln, den Kammuscheln, mit sieben verschiedenen Sorten Krabben und mit der ganzen Hummerfamilie versucht. Ich glaube, ich werde es für den Augenblick sein lassen und später wieder darauf zurückkommen. Ich denke jetzt sehr daran, zu verreisen, Stubbins — es ist schon eine ganze Zeit her, seit ich fortgewesen bin, und drüben erwartet mich eine Menge Arbeit.“
„Wann wollen wir aufbrechen?“ fragte ich.
„Ich muß abwarten, bis der purpurne Paradiesvogel kommt, und ob er mir eine Botschaft vom Großen Pfeil bringt. Er hat sich sehr verspätet. Er hätte schon vor zehn Tagen hier sein müssen. Wenn ihm nur nichts zugestoßen ist!“
„Sollten wir uns inzwischen nicht lieber um ein Schiff kümmern? Der Paradiesvogel wird in wenigen Tagen hier sein, und dann werden wir mit Reisevorbereitungen viel zu tun haben, nicht wahr?“
„Ja, du hast Recht. Wir wollen zu deinem Freund Joe, dem Muschelmann, gehen. Er wird wissen, wo eins zu haben ist.“
„Ich möchte gern mitkommen“, sagte Jip.
„Schön, komm mit“, sagte der Doktor, und wir gingen los.
Joe sagte, er hätte grade ein Schiff gekauft, aber das könnte nur von drei Mann gesegelt werden. Wir antworteten, wir wollten es doch auf jeden Fall sehen. Der Muschelmann führte uns ein Stück den Fluß hinunter und zeigte uns das hübscheste kleine Schiff, das je gebaut worden war. Es hieß ‚Brachvogel‘. Joe wollte es uns sehr billig verkaufen. Aber das Dumme war, daß zur Bedienung des Schiffes drei Mann nötig waren, und wir waren nur zwei. „Natürlich nehme ich Tschi-Tschi mit,“ sagte der Doktor, „aber obgleich er sehr schnell und klug ist, hat er doch nicht die Kräfte eines Menschen. Wir müssen noch jemand mitnehmen, um ein so großes Boot wie dieses zu segeln.“
„Ich kenne einen guten Matrosen, Herr Doktor“, sagte Joe, „einen erstklassigen Matrosen, der gern diesen Posten übernehmen würde.“
„Nein, danke, Joe“, sagte der Doktor, „ich will keine Matrosen. Ich könnte nicht den Lohn für sie aufbringen. Und dann lähmen mich Seeleute, wenn ich auf See bin. Sie wollen immer, daß alle Dinge auf die richtige Art gemacht werden, und ich tue sie gern auf meine Art. Wir wollen einmal überlegen: wen könnte man wohl mitnehmen?“
„Vielleicht Matthäus Mugg, den Katzenfuttermann?“ schlug ich vor.
„Nein, das geht nicht — Matthäus Mugg ist ein netter Kerl, aber er spricht zu viel, meistens über seinen Rheumatismus. Man muß sich mit Leuten, die man auf eine lange Reise mitnimmt, sehr vorsehen.“
„Wie wäre es mit Lukas dem Einsiedler?“ fragte ich.
„Das ist ein guter Gedanke — herrlich, wenn der mitkäme! Wir wollen sofort hingehen und ihn fragen.“
17. Kapitel
LUKAS DER EINSIEDLER
Der Einsiedler war ein alter Freund von uns. Er war ein seltsamer Mensch und wohnte in einer kleinen Hütte weit draußen in den Marschen, ganz allein mit seiner getigerten Bulldogge. Niemand wußte, woher er kam, noch kannte man seinen Namen. Die Leute nannten ihn einfach Lukas, den Einsiedler. Er kam nie in die Stadt, hatte offenbar nie den Wunsch, Menschen zu sehen und zu sprechen, und sein Hund Bob trieb sie fort, wenn sie sich seiner Hütte näherten. Als wir an diesem Nachmittag über die Marschen gingen, blies uns aus Osten ein kalter Wind entgegen. In der Nähe der Hütte spitzte Jip die Ohren und murmelte vor sich hin: „Das ist aber seltsam.“
„Was ist seltsam?“ fragte der Doktor.
„Daß Bob nicht herauskommt und uns entgegenläuft. Er müßte uns längst gehört oder gerochen haben.“
Wir gingen zur Hütte und sahen hinein, aber es war niemand da.
„Ist Lukas nicht zu Hause?“ fragte ich. „Vielleicht ist er spazierengegangen.“
„Lukas ist immer zu Hause“, sagte der Doktor und runzelte die Stirn, „und selbst wenn er spazierengegangen wäre, hätte er seine Tür nicht offen gelassen. Hör, wie sie im Winde klappert! Da muß etwas Seltsames geschehen sein.“
Als wir unsre Mäntel zuknöpften und heimwärts gingen, rannte Jip voraus und gab vor, nach Wasserratten zu suchen.
„Er weiß etwas“, flüsterte der Doktor. „Ich glaube, er weiß, was geschehen ist. Merkwürdig, daß er’s mir nicht erzählt. In elf Jahren hat er das noch nie getan. Seltsam, höchst seltsam.“
„Glauben Sie, er weiß etwas über den Einsiedler, das große Geheimnis, von dem man immer flüstern hört?“
„Ich wäre nicht erstaunt, wenn er es wüßte“, antwortete der Doktor langsam. „Ich habe gesehen, was für ein Gesicht er machte, als wir die Tür offen und die Hütte leer fanden. Und wie er den Fußboden abgeschnüffelt hat — der muß ihm was erzählt haben. Er hat Zeichen gesehen, die wir nicht gesehen haben. Ich möchte nur wissen, warum er’s mir nicht sagt. Ich will ihn einmal fragen. Jip, komm her, Jip! Wo ist denn der Hund? Ich dachte, er wӓr’ uns vorausgelaufen.“
„Das ist er auch“, sagte ich. „Er war noch eben da — ich habe ihn in voller Lebensgröße gesehen. Jip! Jip! Jip! ...“
Aber Jip war fort. Wir riefen und riefen und gingen sogar wieder zur Hütte zurück, aber Jip blieb verschwunden.
„Höchstwahrscheinlich ist er nach Haus vorausgelaufen“, sagte ich. „Das tut er oft. Wenn wir nach Hause kommen, wird er schon da sein.“
Der Doktor schlug den Mantelkragen höher, schritt weiter gegen den Wind und murmelte vor sich hin: „Seltsam, höchst seltsam.“
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