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Henrik Tandefelt
Ultramarin
Roman
Aus dem Schwedischen von
Knut Krüger
Lindhardt und Ringhof
Dank
Mein Dank gilt allen, die mir so freundlich und geduldig geholfen und meine Fragen beantwortet haben. Allen voran Kaj Kytöpuro, mit dem ich gut vierzig Jahre lang befreundet war. Er sollte im Buch eigentlich vorkommen, starb jedoch während dessen Entstehung. Des Weiteren will ich danken: Lisbeth Morin, Lennart Eckerberg, Peter Floman, Anette Wennerlöv, Per-Håkan Laurin, Heikki Riikkonen, Outi und Ari Tolvanen, mehreren freundlichen Polizisten in St. Mickel, Stockholm und Jönköping, meinen Freunden Hans und Christina Samuelsson sowie verschiedenen Experten, unter anderem vom Nordischen Museum und vom Staatlichen Kunstmuseum in Helsinki.
Vorwort
Warnung! Ein Krimi enthält vor allem Sex und Gewalt. Die Sprache ist niveaulos, die Charaktere sind billig. Deshalb ist es nicht gesund, Krimis zu lesen!
Das lernte ich in der Schule.
Aber was tut man mit einem Krimi, in dem diese moralisch verworfenen, brutalen Ingredienzien nicht vorkommen?
Prolog
Natürlich habe ich richtig gehört, denkt er. Die Treppe zum Obergeschoss hat geknarrt. Ist da jemand? Wer soll das sein um diese Zeit? Dimitri? Ein Patient? Wohl kaum. Nicht so spät am Abend. Sicher nur die Katze. »Miez, miez ... komm, Mikko, na komm, mein Alter, bekommst noch ein bisschen Milch.« Er tastet im Dunkeln nach dem Lichtschalter. Der Regenschirm fällt von der Hutablage. Wo ist nur der Korb mit den Eiern geblieben, die er aus dem Hühnerstall geholt hat? Er ärgert sich, dass er in seinem Spareifer das Licht nicht angelassen hat, doch Geldverschwendung geht ihm prinzipiell gegen den Strich. Alles kommt einem irgendwann zugute. Früher oder später. Vor allem später, denkt er, aber das macht ihm nichts aus.
Da! Er spürt den Lichtschalter unter seinen Fingern, knipst die trübe 25-Watt-Birne im Flur an und dreht sich um.
Ein Schlag. Ein weiterer Schlag, ohne ein Wort. Jens Bäck, 85, fällt schwer zu Boden.
Ich sehe dich!, will er rufen, doch seine Stimme versagt ihm den Dienst. Ich sehe dich genau. Er kommt auf die Knie, sucht im Dunkeln nach einem Halt, streckt seine Hand nach dem Regenschirm aus, der auf dem Boden liegt, will sich verteidigen. Weitere Schläge treffen seinen Körper und seinen Kopf. Er fällt aufs Gesicht und bleibt liegen.
Wer nur? Verwirrende Gedanken. Ein Dieb? Ein gewöhnlicher Dieb, natürlich. Der glaubt wohl, dass ich immer noch Medikamente in meinem Haus aufbewahre. Verdammter Idiot! Ich bin zwar Arzt, aber mit Drogen kann ich nicht dienen. Ich bin längst im Ruhestand. Er versucht es auszusprechen, die Worte zu formulieren, bringt aber keinen Ton heraus. Fremde Schritte in seinem Haus. Jemand sucht etwas. Stößt gegen Einrichtungsgegenstände. Er selbst kann sich kaum bewegen. Langsam, unter Schmerzen, versucht er sich umzudrehen. Er will sehen, wer da ist. Bäcks Körper fühlt sich dumpf und schwerfällig an, doch er ist zäh. Dreh dich um, du Schwein!, knurrt er lautlos. Versucht alles. Kämpft. Schließlich gelingt es ihm, sich auf die Seite zu rollen.
Die Schritte nähern sich. Er bekommt einen Tritt. Bleibt wehrlos auf dem Rücken liegen. Die kleine Deckenlampe verlischt langsam, bis alles dunkel ist und seine Mutter ruft: »Komm, Jens, es gibt Frühstück!« Sie ruft aus der Küche. Draußen ist es Winter. Nein, Sommer. Der Lehrer hinter dem Katheder blickt ihn auffordernd an. »Was sagt dir die Reformation, Jens?« Oh, nein, nicht schon wieder. Gun ist so sanft. Sie riecht gut, aber ... Staffan riecht auch gut, sogar noch besser ... sein großes Geheimnis. Er denkt viel darüber nach. Kann man? Was? Wo ist Dimitri? Komm und hilf mir! Warum hilft Dimitri nicht? Ist er nicht zu Hause? Wer hat mich niedergeschlagen? Ist er immer noch da?
Langsam kehrt das Licht an der Decke zurück. Seltsam. Er dreht sich mühsam auf die Seite, winkelt die Beine an. Embryonalhaltung.
Wer? Warum? Er will nachsehen, ob etwas gestohlen wurde, doch er kann weder den Nacken bewegen noch den Kopf heben. Alles fällt so schwer. Nichts funktioniert. Hilflos liegt er auf dem Teppich im Flur. Verdammter alter Körper. Ich bin müde. Sehr müde. Hab keine Kraft mehr. Der Welpe, den er am Wochenende in Pension genommen hat, schleckt ihm das Ohr ab.
Verflixte Zeitungsstapel, verfluchte Dunkelheit. Er kann nichts erkennen. Ist der Dieb weg? Er horcht mit geschlossenen Augen und spürt die Kälte über den Boden kriechen. Das weiche Moos des Waldes. Eichhörnchen, Ameisen. Den Korb voller Beeren. Zum Dessert gibt es Heidelbeerkuchen, tröstet er sich, während sein Körper in der Zugluft von der Haustür taub wird.
Als sie ihn fanden, war er immer noch bewusstlos. Mit dem Taxi brachten sie ihn ins Krankenhaus. Das ging am schnellsten. Die Köchin der Schule begleitete ihn. Früher einmal hatte sie als Krankenschwester gearbeitet. Was sie in der Theorie nicht konnte, beherrschte sie in der Praxis. Im Krankenhaus kümmerten sie sich sofort um ihn. Sein Zustand sei gar nicht so schlimm. Sagten sie.
Ein paar Wochen später, kurz nach Weihnachten, war er plötzlich und unerwartet gestorben. Der pensionierte Arzt Jens Bäck war tot. Wenige Tage vor seinem sechsundachtzigsten Geburtstag erlag er seinen Verletzungen. Niemand folgte seinem Sarg.
1
Die Töölöbucht in der Morgensonne. Helsinki. Spaziergänger, Fahrradfahrer und Inlinescater. Manche tragen Aktentaschen, andere Rucksäcke. Autos, Busse, Straßenbahnen. Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Vereinzelt werden Außenbordmotoren angeworfen und legen von Broholmen ab. Während die Fähre aus Sveaborg in den Hafen einläuft, brausen immer neue Vorortzüge in die Bahnhofshalle. Auf dem Hägnastorg und dem Salutorg drängen sich die Marktverkäufer, während in den Saluhallen das Gewimmel der Kundschaft zunimmt.
In Erwartung eines schönes Tages strecke ich meine hundertneunzig Zentimeter und werfe einen Blick auf das Thermometer am Küchenfenster. Schon über zwanzig Grad.
Bella liest am Frühstückstisch Partitur und hört kaum, was ich sage. Sie summt, brummt und nickt, während sie sich Tee nachschenkt. Ich schnappe mir die Zeitung von der Fußmatte. Bella schminkt sich die Lippen vor dem Badezimmerspiegel. Ich küsse sie flüchtig auf die Wange. Sie lächelt und sieht mich im Spiegel an.
»Rot und schwarz, Herzdame und Pikkönig, wie im Kartenspiel«, sagt sie und fährt mir zärtlich durch das Haar. Da ihre eigenen Haare sorgfältig gekämmt sind, nehme ich davon Abstand, meine Finger durch ihre rote Mähne gleiten zu lassen. Sie würde sich nur verspäten. Und Bella hat es eilig, zur Arbeit zu kommen.
Sobald ihr süßer Hintern in der Jeans verschwunden ist, macht sie sich auf den Weg. Noch ein Kuss, dann schließen sich rasselnd die Gittertüren des Aufzugs. Zip, höre ich, als sie einen Reißverschluss hochzieht, während sich der Lift in Bewegung setzt. Schnell, schnell! Ihre leuchtend gelbe Bluse mit dem Silbermedaillon verschwindet vor meinen Augen.
Wir wohnen zurzeit in einer der kleinen Gastwohnungen der Finnischen Nationaloper in Töölö, nur einen Steinwurf vom Opernhaus entfernt. Sehr praktisch und quasi mitten in der Stadt. Nachdem ich monatelang fast rund um die Uhr an Modefotos gearbeitet habe, bin ich endlich hier. Jetzt nehme ich mir eine Weile frei. Ich habe meine Herzallerliebste viel zu lange entbehren müssen.
Als ich mich gerade mit unserem Hund Muffins aufs Bett gelegt habe, um zu lesen, klingelt das Telefon. Unnachgiebig, ein ums andere Mal, bis ich mich endlich aufraffe und abhebe. Lindström ist dran. Knut Sigurd Lindström, seines Zeichens Kriminalkommissar und ein alter Kumpel von mir.
»Wie ist die Lage, so fern der Heimat?«, will er wissen, und ich höre, dass er sich auf dem Revier in Västerås befindet. Nur öde, winzige Büromodule haben diese einzigartige Akustik.
»Tja, äh, danke ... und dir?«, entgegne ich abwartend.
»Immer derselbe Trott, aber ich will nicht klagen ...«
Ich ahne schon, dass er etwas auf dem Herzen hat. Wir haben gemeinsam so allerhand durchgemacht und kennen uns ziemlich gut. Vor gar nicht allzu langer Zeit ging es um Mordermittlungen, und so früh am Morgen bin ich nicht gerade scharf darauf, in einen neuen Fall hineingezogen zu werden. Schließlich bin ich Fotograf und kein Ermittler.
»Wie geht’s denn Ingbritt?«, frage ich, während ich ein Auge auf das ›Hufvudstadsbladet‹ werfe, das aufgeschlagen auf dem Frühstückstisch liegt. Ein Journalist namens Sandbacka hat einen politischen Kommentar geschrieben.
»Die überlegt gerade, sich selbstständig zu machen.«
»Also hat sie noch keine Stelle gefunden? Keine neue Schule in Sicht?«
»Nein, sieht nicht so aus. Es sei denn, sie will jeden Tag zwischen Boköping und Stockholm hin- und herpendeln. Bei uns in der Gegend tut sich gar nichts. All die vollmundigen Wahlversprechen, das Schulangebot zu erweitern, sind doch längst wieder vergessen. Was machen Bella und Muffins?«
»Denen geht’s ausgezeichnet.«
»Habe ich dir eigentlich schon erzählt, dass ich einen alten Freund und Kollegen in Helsinki habe?«
»Kann mich nicht erinnern«, antworte ich und befürchte, dass Lindström nun auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen kommt.
»Olli Mustonen. Ich habe ihn mal auf einer Konferenz der Nordischen Länder kennen gelernt. Er spricht fließend Schwedisch, und du kannst doch auch ein bisschen Finnisch, wenn ich mich recht erinnere.«
»Ich kann mich einigermaßen verständlich machen. Sag mal, willst du mich etwa wieder in irgendwelche Ermittlungen reinziehen?«
»Wie kommst du denn darauf?« Lindström klingt beinahe entrüstet. »Es geht nur um einen Hund. So einer wie dein Muffins. Olli hat mich gestern von seinem Sommerhaus aus angerufen. Er hat vor kurzem einen Hund in Obhut genommen, und jetzt hat sich herausgestellt, dass eines seiner Enkelkinder allergisch gegen Tierhaare ist – typisch. Jedenfalls kann er den Hund nicht behalten, sagte er mir. Und da habe ich an dich gedacht, rein zufällig gewissermaßen.«
»Ach, rein zufällig ...«
»Ja, ich dachte, du würdest vielleicht jemanden kennen, der ... du hast doch so viele Hundebekanntschaften. Vielleicht willst du Olli ja mal anrufen. Ist wirklich ein netter Kerl, hat ein Sommerhaus in der Gegend von Sysmä.«
»Warum hat Olli den Hund denn in Obhut genommen?«
»Ach, irgendwelche schwedischen Touristen, die ein Sommerhaus gemietet hatten. Die sind am Ende der Ferien einfach abgehauen und haben den Hund zurückgelassen wie einen Müllsack. Das ist genauso einer wie Muffins. Grüß ihn von mir, wenn du nach Sysmä fährst. Ist bestimmt eine schöne Gegend. Er sagt, man kann da auch angeln.«
»Hm.«
»Na, komm schon, ein kleiner Ausflug kann doch nicht schaden. Olli ist wirklich nett, und von Helsinki nach Sysmä ist es gar nicht weit, glaub ich. Bella ist doch so eingespannt, und du hast jede Menge Zeit. Außerdem hat Olli bestimmt eine Sauna, haben das nicht alle Finnen?«
Lindströms Argumente sind nicht von der Hand zu weisen, und meine Sehnsucht nach einer Sauna ist groß. Am besten eine mit Holzfeuerung. Vielleicht könnte Bella ja mitkommen. Keine so üble Idee. Ich sehe uns schon an einem einsamen See sitzen. Die Hummeln brummen, ich halte Bella im Arm ...
»Ich denk drüber nach. Könnte ja auch sein, dass ich zufällig mal dort vorbeikomme.«
Zwei kleine Zimmer und eine Miniküche, größer ist die Wohnung nicht, aber wir sind schließlich nicht als Touristen nach Helsinki gekommen. Bella hat ihre Arbeit, ihre Proben. Im Herbst soll Premiere sein. Dann folgen die Vorstellungen. Ich bereite zurzeit eine Fotoausstellung vor.
Bella hat eine Partie in ›Figaros Hochzeit‹ übernommen. Sie ist Mezzosopran und singt die Rolle des Cherubino, eines hoffnungslos verliebten Pagen. Es ist eine so genannte Hosenrolle, also eine Männerrolle, die traditionell mit einer Frau besetzt wird. Sie umfasst zwei bekannte Arien, die sie schon früher mit Bravour gesungen hat. Außerdem hat sie bereits zugesagt, in Stockholm mit Les Goûts-Réunis zu konzertieren, einem finnischen Ensemble, das sich auf Couperin, Monteclair und Rameau spezialisiert hat. Wann genau, steht noch nicht fest.
Falls ihr Gastspiel in Helsinki ein Erfolg wird, könnte sie Chancen auf ein längerfristiges Engagement an der finnischen Nationaloper haben. Wir werden sehen. Es hat natürlich auch seinen Reiz, in Europa umherzureisen und an den verschiedenen Opernhäusern zu gastieren, doch sehnen wir uns beide nach einem Ruhepol in unserem unsteten Dasein. Zwar haben wir uns auch im Obergeschoss von Signor Rossis Lebensmittelladen im kleinen Ort Palestrina südöstlich von Rom1 wohl gefühlt, aber inzwischen möchten wir ein richtiges Zuhause. Gerne im Norden. Wenn’s nach mir ginge, am liebsten in Schweden.
Gegen Helsinki ist wirklich nichts einzuwenden, dennoch fühle ich mich ein wenig einsam. Ich treffe hin und wieder meine Cousins und bereite meine Fotoausstellung vor; das ist alles, was ich tue. Die Ausstellung trägt den Titel ›Festung Europa‹ und findet im Laterna Magica statt, einer Mischung aus Antiquariat und Galerie. Während der beiden Jahre, die Bella und ich in Italien verbrachten, habe ich den Menschenhandel dokumentiert, der vor allem von Albanien und Gibraltar aus organisiert wird. Ein abenteuerliches und gefährliches Unterfangen, das mich meine liebste Leica kostete, eine abgenutzte schwarze M-6. Nach dem resoluten Eingreifen der italienischen Küstenwache liegt sie nun auf dem Grund der Adria. Den letzten Film hatte ich vorher rausgenommen. Aber die Fotos sind gut geworden.
Ich habe nicht gewagt, Bella alle Details zu erzählen ...
Eine steife Brise kommt vom Finnischen Meerbusen herein, weht über die Festung Sveaborg hinweg, erfasst den Marktplatz und bahnt sich ihren Weg durch den Esplanade genannten kleinen Stadtpark. Am Schwedischen Theater hat sie drei Richtungen zur Auswahl. Für gewöhnlich bevorzugt sie den Mannerheimvägen.
Von unserer Wohnung aus spaziere ich durch das Zentrum. Die Straßencafés zeigen das junge, elegante Helsinki. Ich passiere die Storkyrkan in Richtung Fredsgata, in der sich das Laterna Magica befindet. Überprüfe ein letztes Mal die Hängung meiner Fotos. Das urige, verwinkelte Kellerlokal erschwert zwar manchmal die freie Sicht auf die Bilder, bietet aber andererseits einen reizvollen Kontrast. Ich kann es natürlich nicht bleiben lassen, in alten Zeitschriften zu blättern: ›Kotiliesi‹, ›Anna‹ und ›Uusi Nainen‹, vermutlich die einzigen linksorientierten Frauenzeitschriften des Nordens.
In einer Wochenzeitung aus der ersten Hälfte der vierziger Jahre finde ich eine Frontreportage aus dem so genannten Fortsetzungskrieg, die die Kampfmoral der finnischen Truppen stärken sollte. Sehe Bilder enthusiastischer Soldaten, die sich um einen Topf mit Ersatzkaffee scharen oder mit dem Schlachtruf »Uraliin!« (Zum Ural!) gegen die Rote Armee vorrücken.
Das Ergebnis ist bekannt.
Nachdem ich mich mit der Hängung einverstanden erklärt und weitere Zeitschriften durchgeblättert habe, schlendere ich gemächlich nach Hause. Betrachte die Schaufenster und lausche einer Gruppe russischer Straßenmusiker, die auf vier Xylofonen und im rasenden Tempo den Toreromarsch aus ›Carmen‹ hinfetzen. Ich lasse mich treiben und nehme einen kleinen Umweg durch die Mercators Passage in Kauf, um auf einen Sprung in Aamos Anderssons Kunstmuseum vorbeizuschauen. Plötzlich werden die Erinnerungen an Ritva wieder lebendig. Wie lange ist das her? Ob sie immer noch als Geheimagentin arbeitet? Sie könnte auch verheiratet sein, im Ausland wohnen – falls sie überhaupt noch am Leben ist. Ich ziehe es vor, diesen Gedanken zu verdrängen. Anziehend war sie ... und geheimnisvoll.
Schließlich gehe ich nach Hause und rufe Lindströms Kollegen an. Kriminalkommissar Olli Mustonen lädt mich spontan in sein Sommerhaus ein. Lindströms Freunde sind meine Freunde, sagt er. Ich frage ihn, wo Sysmä liegt. Ungefähr drei Stunden nordöstlich von Helsinki. Mindestens sechs Stunden hin und zurück. Das wird definitiv einen ganzen Tag in Anspruch nehmen. Auf der Straßenkarte sehe ich, dass Sysmä am Päjänne-See liegt, der sich von Lahti bis hinauf nach Jyväskylä erstreckt. Dort ist meine Karte zu Ende. Als Bella nach Hause kommt, schlage ich ihr für das nächste Wochenende einen kleinen Ausflug vor. Irgendwann müsse es sich doch mal auszahlen, dass wir unser Auto hierher mitgenommen haben, argumentiere ich. Sie protestiert zaghaft. Eigentlich hatte sie mit Les Goûts-Réunis proben wollen, doch schließlich ruft sie den Ensembleleiter Miikka Helasvuo an. Der ist total erkältet und erklärt krächzend und schniefend, dass er gegen eine Pause nichts einzuwenden habe. Zu husten und gleichzeitig Querflöte zu spielen sei ein Ding der Unmöglichkeit. Damit ist unser Ausflug beschlossene Sache.
Als wir am frühen Morgen in Richtung Lahti aufbrechen, ist weit und breit noch keine Straßenbahn zu sehen. Die Möwen am Marktplatz machen uns nur widerwillig Platz. Eine langweilige und hässliche Autobahn erwartet uns. Bella schläft, Muffins ebenfalls. Erst hinter Vääksy wird die Landschaft etwas abwechslungsreicher. Wir biegen auf eine schmale Landzunge ab, machen eine Pause und strecken im Grünen die Beine. Tauchen die Zehen ins Wasser, während Muffins ein Bad nimmt. Als wir in Sysmä ankommen, riecht das ganze Auto nach nassem Hund. Der Ort selbst ist zwar keine Schönheit, doch an der Landschaft gibt es nichts auszusetzen.
Mustonens Sommerhaus liegt ein paar Kilometer weiter östlich an einem See. Ein blauer Volvo mit mattem Lack aus den neunziger Jahren steht vor einer grauen Scheune. Durch die Ritzen kann man einen matten russischen Popeda erahnen – eine Automarke, die noch in den fünfziger Jahren in Finnland oft als Taxi benutzt wurde. Wir lassen den Wagen stehen und spazieren über eine Wiese auf ein kleines Haus zu. Im Hintergrund glitzert der See. Auf der Treppe wartet ein großer rostbrauner Hund. Ein Kollege von Muffins. Etwas unbedacht lasse ich Muffins von der Leine, und der schießt knurrend los.
Ein muskulöser, nur mit einer Badehose bekleideter Mann kommt uns über die Wiese entgegen. Eine Sense über der Schulter, abgeschnittene Stiefel an den Füßen. Offenbar unser Gastgeber. Blondes, zurückgekämmtes Haar und blaue Augen. Ziemlich hoch aufgeschossen und mit einem Lächeln, das man nur als strahlend bezeichnen kann.
»Hallo! Du musst Josef sein«, sagt er mit festem Handschlag.
»Richtig geraten, und das hier ist Bella. Muffins hast du ja schon gesehen.«
»Ja, der tollt mit Tipsa auf der Wiese herum. Sieht so aus, als hätten sie richtig Spaß«, entgegnet er und gibt Bella die Hand.
»Tipsa?«
»Ja. Der Name stand auf dem Halsband. Aber kommt nur herein ... ach nein, setzen wir uns lieber ans Wasser. Ihr könnt schon vorgehen, über die Wiese bis zur Sauna, ich hole den Kaffee«, sagt Olli. Wir schlendern auf dem leicht abschüssigen Pfad bis zum See. Wenige Meter vom Ufer entfernt befindet sich die kleine Sauna. Ein zwanzig Meter langer Steg führt mitten ins Blaue. An einem frei stehenden Pfahl liegt ein langes, schmales, sich an beiden Enden verjüngendes Ruderboot vertäut. Ein typisch schwedisches Binnenseemodell, das aussieht wie die Miniaturausgabe eines Wikingerschiffs. Es gluckert träge im Wasser, wie nur Holzboote das tun.
»Hab auch ein paar Teebeutel mitgenommen!«, ruft Olli, als er uns mit einem Tablett entgegenkommt. Er hat einen verwaschenen blauen Trainingsanzug angezogen.
»Da scheint Lindström ja was verraten zu haben«, entgegne ich, und Olli nickt lächelnd.
Bella lacht, die Sonne scheint, und wir setzen uns auf ein paar bequeme Gartenstühle vor die Sauna.
»War das eigentlich deine Idee oder die von Lindström?«, frage ich.
»Welche Idee?«, fragt Olli unschuldig, füllt die Becher und bietet uns Marmorkuchen an.
»Die mit dem Hund.«
»Ach, die ... auf die sind wir zusammen gekommen.«
»Wie das?«
»Angefangen hat alles damit, dass eine schwedische Familie hier in der Gegend ein Ferienhaus mietete. Sie hatten einen jungen Hund dabei, den sie bei ihrer Abreise einfach seinem Schicksal überließen. Zunächst haben sich dann die Nachbarn um ihn gekümmert. Vielleicht glaubten sie, er würde doch noch irgendwann abgeholt werden. Sie schrieben mehrere Briefe, bekamen aber nie eine Antwort. Schließlich wurde ihnen klar, dass der Hund absichtlich zurückgelassen worden war. Die hatten offenbar das Interesse an dem Tier verloren.«
»Pfui Teufel, was sind das nur für Leute!« Bella streichelt Tipsa, die versucht, ihr einen Hundekuss zu geben, ehe sie auf die Wiese prescht, um wieder mit Muffins zu spielen. Olli fährt fort:
»Die Nachbarn tauften sie auf den Namen Tipsa, konnten sich aber nicht ewig um sie kümmern, also wurde der Hund ein Fall für die Polizei. Irgendein Bürokrat verfügte schließlich, der Hund solle eingeschläfert werden. Ein Polizist wurde beauftragt, ihn zum Tierarzt zu bringen, doch sah er sich außerstande, den Auftrag auszuführen. Er brachte es einfach nicht übers Herz, einen gesunden, jungen Hund töten zu lassen. Da kam er auf die Idee, ihn mir zu überlassen, und dazu konnte ich einfach nicht Nein sagen. Schaut nur, wie sie spielen! Wie kommt man nur darauf, einen solchen Hund einzuschläfern?«
»Und jetzt kannst du ihn nicht länger behalten?«
»Mein Enkelkind ist allergisch gegen Tierhaare. Am Anfang haben wir nichts bemerkt, aber irgendwann begannen die Schwierigkeiten. Tipsa kann jedenfalls nicht hier bleiben, und in die Stadt mitnehmen kann ich sie auch nicht. Ich habe doch nur eine kleine Wohnung in der Runebergsgata, mitten in Helsinki. Dort ist einfach nicht genug Platz für einen so temperamentvollen Hund.«
»Wohnst du allein?«, fragt Bella.
»Ja, meine Frau Jaana ist vor ein paar Jahren gestorben. Sie hatte ... Krebs.«
Tipsa kommt angetrabt, als wolle sie ihr Herrchen trösten. Schmiegt sich an ihn und schleckt Ollis Ohr ab. Danach schnüffelt sie an mir herum, bevor sie ihren Kopf auf Bellas Knie legt. Muffins setzt sich hechelnd an ihre Seite.
»Tipsa hat mir ... bedeutet mir viel. Ich will, dass sie es gut hat. Sie ist daran gewöhnt, viel Platz zu haben und sich frei bewegen zu können.«
»Vielleicht findet sich ja eine nette Familie, die sie aufnimmt. Ich werde mich mal umhören«, verspreche ich.
»Wie wär’s mit meinen Eltern?«, schlägt Bella vor. »Meine Mutter hat oft davon gesprochen, wie schön es wäre, einen Hund zu haben. Sie hat sowieso das Gefühl, dass sie zu wenig draußen in der Natur ist. Ich frag sie mal«, sagt Bella, während sie ihren Bikini aus der Tasche zieht. »Kann man vom Steg aus ins Wasser springen?«
»Ja, da vorn ist das Wasser gut drei Meter tief«, antwortet Olli und zeigt ihr einen kleinen Raum neben der Sauna, in dem sie sich umziehen kann.
Ein paar Minuten später springt Bella ins Wasser, gefolgt von Tipsa und Muffins. Olli und ich beobachten schweigend, wie die Hunde an Land schwimmen, kurz über den Rasen toben und sich erneut ins Wasser stürzen, während Bella weit hinausschwimmt. Viel zu weit. Ich spüre eine gewisse Unruhe, bis sie kehrtmacht und uns wieder entgegenkommt. Ich wende meinen Blick von ihr ab und nehme unhöflich das letzte Stück Kuchen.
»Was für ein himmlischer Frieden«, seufze ich. »Der blaue See, die raschelnden Birken, eine eigene Sauna ...«
»Ja, das denkt man. Aber was meinst du, was hier los ist: Alkoholmissbrauch, Diebstahl, Körperverletzung – obwohl mich das eigentlich nichts angeht. Ich arbeite ja nicht hier.«
»Lindström hat mich doch wohl nicht nur wegen Tipsa hierher geschickt«, sage ich, während Bella mit den Hunden im Wasser spielt.
»Tja ... es gibt da noch dieses unaufgeklärte Verbrechen, das sich hier im Polizeidistrikt von St. Mickels ereignet hat. Natürlich ist das nichts Ungewöhnliches, aber dieser Fall interessiert mich, weil er diese Gegend betrifft ...« Dann erzählt Olli mir von dem Raubmord auf Hiitelä.
Ein pensionierter Arzt und Junggeselle namens Jens Bäck wohnte seit vielen Jahren auf einem kleinen Hof namens Hiitelä, unweit von Sysmä. Er war der langjährige Hausarzt vieler Leute aus der Umgebung, inzwischen schon über achtzig und seit Jahren im Ruhestand. Er züchtete Orchideen und kümmerte sich um seine Haustiere. Mit der Zeit wurde er ein bisschen sonderlich. Das Haus war irgendwann bevölkert von Enten, Katzen und Kaninchen, die überall frei herumliefen. Sauber machte er so gut wie nie. Im Stall stand ein Pferd, das sich die Koppel mit ein paar Kühen, einigen Ziegen und einem Esel teilte, auf dem die Kinder der Gegend reiten durften. Auf seine alten Tage wurde er immer mürrischer und unnahbarer. Ein paar alte Patienten hielten ihm noch die Treue, doch ansonsten wurde er immer mehr zum Eigenbrötler.
Sein Hof stammte aus dem späten 18. Jahrhundert. Neben dem Wohnhaus gab es ein Gebäude, in dem sein Gehilfe Dimitri wohnte, sowie ein weiteres, in dem sich die Praxis befand. Außerdem einen Stall und eine Scheune. Die Leute hielten ihn für vermögend, außerdem machte das Gerücht die Runde, er habe begonnen Kunst zu sammeln.
Im Dezember 1992 klopfte Bäcks Nachbar, der Autohändler Antero Myllylä, beim Arzt an die Tür, weil er von einer schweren Erkältung geplagt wurde. Ihm fiel auf, dass nicht abgeschlossen war. Da jedoch niemand auf sein Klopfen reagierte, beschloss er später wiederzukommen und dachte nicht weiter über die Sache nach. Ebenso wenig wie der Schornsteinfeger, der im Holzschuppen, wo sich der Heizkessel befand, seiner Arbeit nachging. Auch er nahm von Bäcks Abwesenheit keine Notiz. Satu Virtanen, der Enteneier kaufen wollte, holte die Eier wie üblich selbst aus dem Stall und steckte etwas Geld in die Sparbüchse.
Der Briefträger hingegen wunderte sich. Bäck hatte ein Päckchen mit Orchideen-Schösslingen nicht abgeholt. Damit nahm Bäck es normalerweise sehr genau. Also brachte der Briefträger es nach der Arbeit persönlich bei ihm vorbei, weil Bäcks Hof ohnehin auf seinem Weg lag. Er bemerkte, dass die Tür nicht abgeschlossen war, und trat ein, um das Päckchen in den Flur zu stellen. Dort fand er Bäck, verwirrt, aber immer noch am Leben. Er lag blutend im Flur auf dem Teppich.
Eine Weile suchte der Postbeamte vergeblich nach einem Telefon, dann lief er zum Auto und benutzte sein Handy. Er alarmierte die Polizei und einen Krankenwagen, der Bäck ins Kreiskrankenhaus nach St. Mickel brachte. Während des Transports erzählte Bäck, er sei erst mit einem massiven Gegenstand niedergeschlagen worden, dann hätte ihn jemand mit Tritten und Schlägen bearbeitet.
Dem kurzen Verhör zufolge, das die zuständigen Beamten am nächsten Tag führten, war Bäck gegen acht Uhr abends mit seiner Taschenlampe zum Stall gegangen, um nach seinen Tieren zu sehen. Als er zurückkam, habe ihn jemand von der Treppe zum Obergeschoss aus angegriffen. Bäck habe den Eindringling nicht sehen können. Es sei ein dunkler Dezemberabend gewesen, und Bäck habe nichts weiter erkennen können, als dass es sich um einen Mann handelte.
Wenige Wochen später starb Bäck plötzlich und unerwartet, den Ärzten zufolge an einem »subduralen Hämatom«. Vom Täter keine Spur, ebenso wenig von der Tatwaffe – vermutlich ein schwerer Gegenstand, eine Art Schlagholz. An dieser Stelle macht Olli eine kurze Pause, ehe er hinzufügt:
»Der einzige Hinweis auf den Täter ist ein dreißig Zentimeter langer Fußabdruck eines groben Schuhs oder Stiefels, dessen Sohle ein wenig aussagekräftiges Muster hinterließ. Er fand sich in einem Schneefleck auf dem Hof; an einer Stelle, wo eigentlich niemand hinkommt, es sei denn, man will durchs Fenster schauen. Zirka Größe vierundvierzig. Aber der Abdruck könnte von jeder x-beliebigen Person stammen, vom Schornsteinfeger, vom Autohändler – oder vom Mörder. Der Schornsteinfeger hat Größe dreiundvierzig. Der Autohändler trägt Größe fünfundvierzig. Viel klüger ist man also dadurch auch nicht«, sagt Olli und schaut mich an.
»Wovon geht die Polizei aus?«, frage ich.
»Die hat ihre übliche Theorie: dass Bäck einen Einbrecher überrascht hat, der ihn niederschlug und danach die Flucht ergriff. Keine unwahrscheinliche Annahme«, seufzt Olli.
»Und die Ermittlungen haben keine weiteren Erkenntnisse gebracht?«, frage ich.
»Eine heiße Spur gibt es nicht, aber es besteht ein vager Verdacht, der Dieb könnte mit Bäcks russischem Gehilfen Dimitri bekannt sein. Dimitri versorgte die Tiere auf dem Hof und ist seit der Tat spurlos verschwunden. Von ihm weiß man nur, dass er bei Bäck wohnte und arbeitete. Illegal. Er besaß kein Visum für Finnland. Ein paar Stiefel, die er zurückließ, belegen, dass er Schuhgröße vierundvierzig trägt. Das Muster der Sohle stimmt mit dem Fußabdruck überein. Die lokale Polizei hat nach ihm gefahndet, doch ohne Erfolg«, seufzt Olli.
»Auch nicht in Russland?«
»Nein, keine Spur, was an sich nicht verwunderlich ist. All seine Sachen, auch seine Kleider, hat er hier gelassen – und das mitten im Winter. Vielleicht ist er überstürzt mit dem Auto aufgebrochen. Man hat Reifenspuren entdeckt, die vermutlich von einem Lieferwagen stammen. Fragt sich nur, wem der Wagen gehört. Er könnte natürlich auch den Bus genommen haben ... wer weiß. Seltsame Geschichte.«
»Ein Russe, sagst du? Gibt es hier viele russische Touristen?«
»Ja, eine ganze Menge. Da Russland im Gegensatz zu Finnland nicht am Schengen-Abkommen beteiligt ist, benötigen russische Staatsbürger zur Einreise ein Visum. Offiziell werden jedes Jahr vierhunderttausend Visa ausgestellt, und es scheinen ständig mehr zu werden.«
»Ihr seid über eure russischen Besucher also gut informiert?«
»Ja, wir wissen, wer ins Land kommt oder sich auf der Durchreise befindet. Schwieriger ist es herauszufinden, wo sich jemand aufhält. Wer ein bisschen Geld hat, fährt in der Regel nach Helsinki zum Einkaufen. Die Gegend hier ist nicht gerade ein Touristenmagnet«, sagt Olli.
»Liegt gegen Dimitri ein konkreter Verdacht vor?«
»Nein. Aber er ist vermutlich am selben Tag verschwunden, an dem Bäck überfallen wurde. Er wohnte seit längerem auf dem Hof, und niemand kann sagen, wie er dorthin gekommen ist. Er scheint keine sozialen Kontakte gehabt zu haben.«
Der Wind ist abgeflaut, der See liegt unbeweglich da. Zwei Prachttaucher gleiten majestätisch in den Schatten einer mit Fichten bewachsenen Insel. Es ist später Nachmittag. Wir sollten langsam an die Heimfahrt denken.
»Bleibt doch noch zum Abendessen. Nachher könnt ihr die Sauna benutzen, und wenn euch danach ist, übernachtet ihr einfach hier und fahrt erst morgen früh«, schlägt Olli vor.
»Vielen Dank für das Angebot, aber ich glaube, wir machen uns lieber gleich auf den Weg. – Sag mal, weiß man eigentlich, worauf es der Dieb abgesehen hatte? Was ist denn gestohlen worden?«
»Verschiedene kleine Gegenstände, silberne Kerzenleuchter und so was. Wir haben keinen genauen Überblick, du hättest das Chaos sehen sollen ... aber ein paar Gemälde fehlen. Leider gibt es kein Inventar und keine Fotos, weder Verwandte noch ein schriftliches Testament. Drei Gemälde gelten in jedem Fall als vermisst. Sie stammen vermutlich von einem gewissen Ajvazovskij oder so ähnlich. Eine frühere Patientin, die inzwischen verstorben ist, konnte sich an Segelschiffe auf dem Meer erinnern. Das gesamte Inventar ist später versteigert worden.«
»Und es gibt keine Erben?«, frage ich.
»Nein.«
»Habt ihr noch mehr über die Gemälde herausfinden können?«
»Nein, eigentlich nicht. Dass sie tatsächlich gestohlen wurden, sah man an der Tapete: Drei 40 x 50 cm große Rechtecke hatten sie da hinterlassen. Ein Elektriker und der Briefträger haben bestätigt, dass es sich um Ölgemälde aus dem 19. Jahrhundert handelt, alles Seestücke. Verstehst du was von Kunst?«, fragt Olli.
»Nun, ein klein wenig ...«
Plötzlich steht Bella, gehüllt in einen viel zu großen Bademantel, hinter uns. Wir hatten sie gar nicht kommen gehört.
»Gibt es denn niemand, der sich genauer an die Bilder erinnert? Er könnte sie doch mal einem Patienten oder einem Freund gezeigt haben«, sagt Bella, während sie ihre kupferfarbene Mähne mit einem großen Frotteehandtuch abrubbelt.
»Sehr unwahrscheinlich. Bäck machte wenig Aufhebens um sich. Er war wohl eher ein stiller Sammler, der sich ein Bild kaufte, wenn er gerade mal etwas Geld übrig hatte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Gemälde besonders teuer oder ausgefallen waren. Vielleicht mit Ausnahme der verschwundenen Bilder. Warum wären sie sonst gestohlen worden? Eine der befragten Personen meinte, sich erinnern zu können, dass Bäck einmal von diesen drei Bildern gesprochen hat. Er hat sie wohl geschenkt bekommen. Irgendwie gehörten die Bilder zusammen, jedenfalls waren auf allen Segelschiffe«, sagt Olli.
»Aber die Ermittlungen hast du nicht geleitet, oder? Du arbeitest doch in Helsinki?«
»Stimmt, mit den Ermittlungen hatte ich nichts zu tun, jedenfalls nicht offiziell. Mit denen war ein Kollege von mir betraut, mit dem ich manchmal angeln war. Veli Tuominen. Leider kam er vor einem guten Jahr bei einem Autounfall ums Leben. Er wohnte hier in der Gegend. Ich glaube, ich werde Lindström mal eine Kopie der Unterlagen schicken. Vielleicht hat er ja noch eine Idee. Der Fall interessiert mich, und wir beide pflegen seit Jahren einen informellen Austausch«, sagt Olli, indem er sich Bella zuwendet.
»Hast du zufällig gesehen, ob ein paar Hechte in der Reuse sind?«
»Hechte in der Reuse? Ich hab gar keine Reuse gesehen.«
»Ihr seid direkt daran vorbeigeschwommen. Eigentlich wollte ich Hecht zum Abendessen machen. Mit jungen Kartoffeln und Salat. Dann könnten wir nachher noch in die Sauna und den Mond anschauen, ein paar Biere trinken ... wie man das eben so macht in Finnland.«
»Hört sich sehr verlockend an, aber wir sollten jetzt wirklich bald aufbrechen. Bella muss morgen zur Probe und ...«
Weiter komme ich nicht, weil Bella mich unterbricht:
»Ich hab doch morgen keine Probe! Außerdem liebe ich Hecht.«
»Na also. Dann ist die Sache klar. Ihr bleibt. Wie wär’s, wenn ihr noch einen Ausflug nach Hiitelä zum Hof von Jens Bäck macht? Währenddessen hole ich den Hecht und kümmere mich ums Essen. Der Hof steht übrigens leer«, klärt Olli uns auf.
Ich schaue Bella an, sie zwinkert mir zu.
Der Weg ist voller Schlaglöcher und auch sonst in erbärmlichem Zustand. Auf den letzten dreihundert Metern wird er von mächtigen Ulmen gesäumt, was der Zufahrt dann doch einen herrschaftlichen Charakter verleiht. Die Hunde freuen sich über den Ausflug. Die niedrig stehende Sonne lässt das Laub glitzern und die Schatten über das Pflaster tanzen. Das Wohnhaus ist in kühlem Hellblau gestrichen, mit weißen Eckbalken und Fenstern, ein anderthalbgeschossiges Haus im Empirestil. Zu beiden Seiten befinden sich zwei asymmetrisch angeordnete Gebäude. In dem einen hatte sich Bäcks Praxis befunden, das andere war von seinem russischen Gehilfen Dimitri bewohnt gewesen.
Im Rondell vor dem Hauptgebäude wuchern Blumen und Büsche. Auch der angrenzende Rasen ist verwildert. Hinter dem linken Nebengebäude sieht man eine Scheune, in der möglicherweise das Vieh untergebracht wurde. Der auf einer Anhöhe gelegene Hof wird von fruchtbaren Wiesen umgeben, auf denen hoher Wiesenkerbel blüht. Zur Rechten schlängelt sich ein Bach zum See hinunter, der in der Ferne zu erahnen ist.
Als wir das Wohnhaus erreichen, werfe ich zunächst einen Blick durch die Fenster. Die Räume sind in gutem Zustand. Jemand muss hier renoviert haben. Danach schauen wir durch die Fenster der Nebengebäude. Eines ist ebenfalls von sämtlichen Möbeln befreit und gründlich gereinigt worden. Wir machen schweigend kehrt. Verlassene schöne Häuser machen mich immer traurig. Bella wechselt das Thema.
Tipsa schläft bei uns im Gästehaus. Mitten in der Nacht kommt sie angeschlichen, kratzt an der Tür und drängt sich, sobald ich sie hereingelassen habe, neben Muffins, der zwischen Bella und mir liegt. Ich streichele sie und versichere ihr, dass sie bei uns bleiben darf. Tipsa schnauft zufrieden.
»Wir kümmern uns schon um dich, Tipsa, schlaf gut ...«
Sie scheint so wohlig zu schlummern, dass sie gar nicht merkt, wie Bella und ich uns wenig später davonschleichen, um ein nächtliches Bad zu nehmen. Wir lassen uns nackt ins Wasser gleiten, während die Mücken im Mondlicht tanzen.
2
Der robuste Olli Mustonen hat Tränen in den Augen, als wir uns verabschieden. Er umarmt und tätschelt Tipsa, ehe sie willig in den Wagen springt und sich neben Muffins legt, um uns nach Helsinki zu begleiten.
»Lass uns in Kontakt bleiben«, sagt er mit belegter Stimme.
»Aber klar«, entgegne ich, »und denk an die Unterlagen. Ich werde dafür sorgen, dass Lindström sie sich gleich ansieht.«
Olli verspricht, alles zu schicken, was er über den Fall auftreiben kann. »Und sag ihm, dass er sich ruhig mal wieder hier blicken lassen kann«, fügt er hinzu.
Er winkt uns hinterher, während er im Rückspiegel immer kleiner wird. Es ist sicher nicht einfach, sich von seinem Hund zu trennen. Er muss sich einsam vorkommen.
In unserer engen Wohnung in der Töölögata findet sich Tipsa rasch zurecht. Liegt die meiste Zeit auf Bett oder Sofa, wo sie kaum mehr Platz beansprucht als Muffins. Bella widmet sich ihrer Arbeit, und ich habe jetzt zwei Hunde, mit denen ich spazieren gehen kann. Unsere Ausflüge werden immer länger und immer grüner. Der ›Helsingin Sanomat‹ bringt eine positive Ankündigung meiner Ausstellung. Das ›Hufvudstadsbladet‹ hat noch keine Zeile geschrieben. Noch nicht. Wenn die Ausstellung vorbei ist, sollen die Fotos abgehängt und nach Hause transportiert werden. Das organisiert die Galerie, doch wenn ich noch ein bisschen warte, kann ich sie genauso gut in meinem eigenen Auto mitnehmen.
Die Vernissage verläuft zur allgemeinen Zufriedenheit. Leena Saraste, Niina Tuittu, Matti Kaleva, Ben Kaila, Stefan Bremer und ein paar andere finnische Fotografen sind anwesend, und es dauert nicht lange, da verschwinden wir alle ins Restaurant Kolme Kruunua. Es wird ein feuchter Abend, doch nach dem einstündigen Spaziergang nach Hause bin ich einigermaßen wiederhergestellt. Zumindest so weit, um zu begreifen, dass ich in Helsinki eigentlich nichts mehr zu tun habe. Ich kann mich schließlich nicht ewig nur um die Hunde kümmern; außerdem möchte ich gern wissen, wie es in der Firma läuft.
Noch am selben Tag küsse ich Bella zum Abschied, nehme Muffins mit, dessen Impfausweis ohne Fehl und Tadel ist, und schlage Kurs Richtung Åbo ein. In Salo machen wir eine kleine Pause, ehe wir an Bord der gemütlichen »Seawind« gehen – mein Lieblingsboot, vor allem, wenn ich einen Hund dabeihabe. Die arme Tipsa muss in Helsinki bleiben, bis die Grundimmunisierung gegen Tollwut, Leptospirose und andere Krankheiten gewährleistet ist und die Wiederholungsimpfungen durchgeführt sind. Das dauert mindestens fünf bis sechs Monate. Bella wird also sämtliche Verpflichtungen einer Hundebesitzerin kennen lernen, aber so schlimm ist das auch wieder nicht. Ihre Arbeit mit dem Korrepetitor findet für gewöhnlich zwischen elf und fünfzehn und zwischen neunzehn und zweiundzwanzig Uhr statt. Dazwischen bleibt ihr genug Zeit zum Spazierengehen. Leider haben Hunde an der Oper keinen Zutritt. Später, wenn Bella einmal eine berühmte Operndiva sein wird, wird das natürlich alles anders. Doch Gott sei Dank hat sie in dieser Hinsicht keine Ambitionen.
Am frühen Morgen legt das Boot in Stockholm an. Wir steigen ins Auto und fahren in Richtung Boköping. Ich werde die Gelegenheit nutzen, um Jurek aufzusuchen, meinen Freund und Mitarbeiter, der mit seiner Freundin Louise in meinem Haus wohnt. Eigentlich wohnen sie im Obergeschoss, doch wenn ich nicht da bin, benutzen sie selbstverständlich auch das Untergeschoss. Normalerweise kündige ich mich telefonisch an, aber jetzt bin ich eh schon fast da. Er ist völlig überrascht, als ich plötzlich im Flur stehe und Muffins sich auffordernd in die Küche setzt.
»Hallo, ist da jemand? Ach, Josef ... ich hatte dich glatt für einen Einbrecher gehalten. Obwohl es ja nicht viele gibt, die so groß sind wie du.« Jurek steigt die dunkle Treppe aus dem Obergeschoss hinab.
»Ich bin zufällig hier vorbeigekommen und hatte die Schlüssel in der Tasche. Eigentlich war ich auf dem Weg zu Lindström. Wollte nur mal kurz Hallo sagen und eine Runde mit dem Hund drehen, bevor ich wieder verschwinde.«
»Ist ja schon eine ganze Weile her«, bemerkt Jurek ein wenig spitz.
»Ich war die ganze Zeit in Helsinki. Bei Bella. Sie arbeitet dort.«
»Bella, ach ja, den Namen hast du schon mal erwähnt ...«
Jurek und Louise habe ich also die Hälfte meines Hauses vermietet, weil ich nicht wusste, was ich sonst damit tun sollte. Es ist mit unangenehmen Erinnerungen verbunden und von Nachbarn umgeben, die ich nicht einzuschätzen vermag. So, wie die Dinge liegen, könnten sie gut und gerne auch das ganze Haus mieten. Aber irgendwo muss mein alter Plunder ja schließlich bleiben, der sich im Laufe der Jahre angesammelt hat. Wie lange das noch so gehen soll? Ich weiß es nicht. Vielleicht wollen ja Bella und ich eines Tages ... oder werden wir im Ausland leben?
Viele offene Fragen.
»Komm, lass uns mit dem Hund spazieren gehen. Was machst du eigentlich zu Hause um diese Uhrzeit? Solltest du nicht auf dem Weg zur Arbeit sein? Du bist doch nicht etwa krank?«, frage ich.
»Nein, aber wir haben gestern Überstunden gemacht. Lass uns erst mal eine Tasse Tee trinken und ein paar Brote essen«, entgegnet Jurek, ehe er in die Küche verschwindet.
Eine halbe Stunde später, nachdem wir das Frühstück beendet haben, machen wir einen kleinen Waldspaziergang. Ich erzähle von meinem Leben in Helsinki und frage Jurek, ob ihm ein Maler namens Ajvazovskij bekannt sei, aber er verneint. Kurz darauf verabschiede ich mich von ihm, um mich endgültig auf den Weg zu meinem Freund Lindström zu machen.
In Boköping bekomme ich eine weitere Tasse Tee und noch mehr belegte Brote serviert. Ich spüre, dass ich gezwungen bin, das Mittagessen sausen zu lassen. Wieder erzähle ich vom Einbruch auf Hiitelä, vom Eigentümer des Hofes und von den gestohlenen Bildern.
»Noch was?«, fragt Lindström.
»Nicht dass ich wüsste, aber Olli hat versprochen, alle verfügbaren Unterlagen zu schicken. Er hat sicher gute Kontakte. Soweit ich ihn verstanden habe, herrschte am Tatort ein schier unglaubliches Chaos, was die wenigen Leute bestätigen, die Bäcks Haus einmal von innen gesehen haben. Niemand kann mit Sicherheit sagen, was früher vorhanden war und nun, nach dem Überfall, fehlte. Es gab keine nennenswerten Spuren. Inzwischen ist das Haus gründlich auf Vordermann gebracht worden und soll anscheinend verkauft werden.«
»Und was soll ich Ollis Meinung nach tun? Natürlich kann ich mich ein bisschen umhören. Kann versuchen herauszufinden, was es mit diesem ... zovskij auf sich hat. Ich werd gleich mal unseren Kunstexperten in Stockholm fragen, obwohl ich nicht glaube, dass viel dabei herauskommen wird.«
»Ajvazovskij.«
»Sag ich ja.«
Ich halte ihn nicht davon ab, als er seine Hand nach dem Telefon ausstreckt. Lindström bleibt ewig in der Leitung hängen. Wird hierhin und dorthin verbunden, weil die üblichen Kontaktpersonen nicht erreichbar sind. Die Telefonvermittlung der Polizei scheint professionell und effektiv, aber wenig hilfreich zu sein.
In der Zwischenzeit nehme ich sein Bücherregal unter die Lupe. Schaue mir seine Pflanzen an. Gieße mir eine weitere Tasse Tee ein. Tätschele Muffins, der sich ungeniert auf Lindströms Sofa breit gemacht hat. Erkläre ihm, das sei sehr schlechtes Benehmen. Mir egal, entgegnet er. Betrachte eine Wolke, die von Ost nach West am Fenster vorübertreibt. Lasse mich neben Muffins auf das Sofa sinken und blättere in der Zeitung. Bis endlich ...
»Fehlanzeige! Von irgendwelchen gestohlenen Bildern, die mit diesem Fall in Verbindung stehen könnten, ist nichts bekannt. Dieser russische Maler scheint in Schweden weitgehend unbekannt zu sein. Das meint jedenfalls das Auktionshaus Bukowskis, und die müssten’s dort ja eigentlich wissen.«
»Hm ...«
»Stimmt. Aber wir sollten die Flinte noch nicht ins Korn werfen. Es gibt doch folgende Möglichkeiten:
Erstens: Falls die Gemälde wirklich gestohlen wurden, heißt das noch lange nicht, dass der Dieb auch versucht, sie zu verkaufen. Und warum sollte er das auch ausgerechnet in Schweden versuchen? Zweitens: Wenn der Dieb vom wahren Wert der Bilder keine Ahnung hat, ist es durchaus möglich, dass er sie an den Erstbesten verscherbelt hat. Hast du dich eigentlich mal bei Kunsthändlern in Finnland umgehört? Drittens besteht natürlich ein gewisses Risiko, dass jemand weiß oder zumindest ahnt, was die Gemälde wert sind. Viertens ist das ein Fachgebiet, von dem ich offen gestanden keine Ahnung habe, und fünftens gibt es mindestens noch neununddreißig weitere Möglichkeiten.«
»Danke, jetzt hast du mir wirklich sehr geholfen.«
»Keine Ursache. Der Schmuggel, Verkauf und Besitz von gestohlener Kunst kennt offenbar zahlreiche Spielarten. Soweit ich verstanden habe, ist das ein wachsender Markt.«
»Vielleicht ist der Dieb ja ein wahrer Schöngeist.«
»Wohl kaum, aber der Handel mit Raubkunst nimmt ebenso zu wie der mit Kunstfälschungen. Erst kürzlich wurde in London ein falscher Carl Larsson verkauft, natürlich an einen Schweden, haha ... Kunst ist heute ein Spekulationsobjekt, mit dem sich auch Geld waschen lässt. Du erwirbst ein illegales Kunstwerk, wartest den richtigen Zeitpunkt ab und machst bei passender Gelegenheit einen schönen Reibach. Die Einbrüche bei Privatsammlern häufen sich. Und selbst in den offiziellen Sammlungen befinden sich einige Kuckuckseier, liest man ja ständig in der Zeitung. Signaturen werden gefälscht, und Porzellan wird hergestellt, das angeblich aus der Ming-Dynastie stammt.«
»Willst du damit andeuten, dass es nahezu unmöglich ist, ein gestohlenes Gemälde wiederzufinden?«
»So in etwa. Zumindest, wenn der Raub professionell organisiert wurde. Was den Erwerb von Kunstwerken angeht, gibt es übrigens seit neuestem eine Gesetzesänderung. Wie wirkungsvoll die ist, wird sich zeigen.«
»Und wie sieht die aus?«
»Bevor du ein Kunstwerk kaufst, musst du dir einen überzeugenden Beweis vorlegen lassen, dass es sich nicht um Raubkunst handelt. Tust du das nicht, riskierst du, sowohl das Kunstwerk als auch dein Geld dauerhaft los zu sein, es sei denn, es gelingt dir, den Verkäufer auf Schadenersatz zu verklagen.«
»Was ist, wenn sie irgendwo im Osten gelandet sind, zum Beispiel in Russland? Wer könnte dann überhaupt noch an sie herankommen? «
»Tja, die Wege der Kunstmafia sind unergründlich, und Russland ist ein riesiges Land. Die meisten Sammler scheint es jedoch im Westen zu geben. Du solltest einen Experten fragen. Ein gewöhnlicher Polizist wie ich ist da überfordert«, seufzt Lindström.
»Aber die Bilder könnten doch auch bei irgendjemandem gelandet sein, der sie einfach behalten will, weil sie ihm gefallen. Jemand, der sich gar nicht fragt, was sie eventuell wert sein könnten.«
»Ich sagte ja, möglich ist alles ...«
Ich fahre nach Hause. Lade mein weniges Gepäck bei mir ab und schlendere in Begleitung von Muffins zum Haus meiner Mutter hinüber. Ich setze mich in ihre Bibliothek, in der sich Tausende von alten und neuen Kunstbüchern befinden. Gott sei Dank ist sie nicht zu Hause. Ich wäre jetzt auch nicht zu einer Plauderei aufgelegt. Ich will Fakten, und zwar schnell. Als Erstes greife ich zur Nationalenzyklopädie, finde jedoch keinen Eintrag. Merkwürdig. Gehörte er nicht zu den angesehensten Malern seines Fachs? Vielleicht wird sein Name anders geschrieben. Ich suche unter verschiedenen Varianten: Aivasovsky, Aiwazowski, Ajvazowski. Ohne Erfolg. Auch das Wälzen zahlreicher Kunstbücher bringt mich nicht weiter.
Die einzelnen Bände sind leider nach sehr persönlichen Kriterien angeordnet. Meine Mutter findet natürlich immer alles auf Anhieb. Nach einer Weile stoße ich dann doch auf einen kurzen Text über den Künstler Ivan Ajvazovskij:
Ajvazovskij, Ivan Konstantinovitsh. Bedeutender Marinemaler. Dokumentierte in seinem Werk die Geschichte der russischen Flotte. Seine Motive fand er auf der Krim und im Ausland.
Bei den verschwundenen Gemälden soll es sich ja um Seestücke gehandelt haben, obwohl er sich auch mit biblischen Motiven und dem Leben in der Ukraine auseinander gesetzt hat. Einen zweiten Künstler gleichen Namens scheint es nicht zu geben. Nur diesen einen: Ivan Konstantinovitsh Ajvazovskij, den geschätzten und produktiven Marinemaler.
Ein interessantes Objekt für einen Dieb.
Für einen Dieb, der sein Handwerk versteht.
Gut möglich, dass Dimitri, der russische Gehilfe Bäcks, seine Hände im Spiel hat. Zumal er ja ungefähr zum Zeitpunkt des Diebstahls verschwunden ist. Dennoch weiß ich, wie schwierig es sein wird, ihn ausfindig zu machen. Wie viele Menschen leben heutzutage in Russland? Hundertfünfzig Millionen? Falls er sich denn dorthin abgesetzt hat.
Aber einen Versuch ist es wert. Ich rufe meine ... äh ...meine ehemalige, sehr temporäre russische Freundin an. Sie wohnte damals in einem Vorort von Moskau, und ich habe noch ihre damalige Telefonnummer. Wer weiß ...
»Allo?«
»Hallo, hier ist Josef.«
»Da? Kto vam nada?«
»Hier ist Josef Friedmann. Kann ich bitte mit Ritva sprechen?«
» ? «
»R-I-T-V-A?«
In der Leitung wird es still, doch die Verbindung bleibt bestehen. Ich höre Schritte, gefolgt von einem russischen Wortwechsel, dem ich keine Silbe entnehmen kann. Es klingt wie eine kurze Diskussion. Erneute Schritte. Dann ist sie am Apparat, Ritva. Sie spricht Englisch.
»Ja, hier ist Ritva ...«
»Ich bin’s, Josef. Josef Friedmann aus Schweden.«
»Josef ... das ist aber lange her. Bist du in Moskau?«
»Nein, ich rufe von zu Hause aus an.«
»Kommst du hierher?«
»Nein, äh ... ich denke nicht. Vermutlich nicht. Ich wollte dich fragen, ob du zufällig jemanden kennst, den ich suche. Es geht um jemanden, der illegal nach Schweden eingereist ist und in der Nähe von Helsinki eine Weile auf einem Hof gearbeitet hat. Leider weiß ich nur seinen Vornamen: Dimitri.«
»Nein, sagt mir nichts. Was ist mit ihm?«
»Er hat bei einem alten Arzt auf dem Land gewohnt und sich um Kühe, Pferde, Hühner, Kaninchen und so weiter gekümmert. Ohne Visum, schwarz also. Ist vermutlich schon eine Weile her«, erkläre ich.
»Ein Russe namens Dimitri, der schwarz auf einem Hof bei Helsinki gearbeitet hat ...«
»Ja, ich weiß, die Anhaltspunkte sind lächerlich, aber ich hatte einfach Lust, dich anzurufen ...«
»Wie nett von dir, nach, warte mal ... drei, vier Jahren?«
»Ich war viel unterwegs.«
»Hm ... herzlichen Glückwunsch übrigens.«
»Wozu?«
»Zu deiner neuen Freundin.«
»Danke, äh ... woher weißt du denn das?«
»Sagtest du ›Dimitri‹? Gib mir noch ein paar Details, dann sehe ich, was ich tun kann. Hab’s gerade etwas eilig.«
Ich erzähle ihr alles, was ich weiß, ehe sie sich hastig verabschiedet. Für Smalltalk hat sie jetzt keine Zeit, will mich aber zurückrufen, wenn ich ihr meine Nummer gebe. Das tue ich, obwohl ich mir sicher bin, dass sie sie noch von früher hat.
Ritva konnte sich an mich erinnern und schien nicht einmal sonderlich verärgert zu sein. Hat sie irgendwelche Informationen über mich? Woher wusste sie von Bella? Ach, wahrscheinlich hat sie nur geraten ...
Durch das Fenster sehe ich, wie ein Auto durch das breite Einfahrtstor rollt und vor dem Haus anhält. Ein Taxi. Der Fahrer hilft meiner Mutter aus dem Wagen, ehe er mehrere Tüten für sie hineinträgt. Sie sieht mich am Fenster stehen und winkt. Ich eile nach draußen, um ihr zu helfen.
»Josef, wie schön! Komm, hilf mir, die Sachen ins Haus zu tragen. Dann zeige ich dir, was ich gefunden habe.«
Ich trage die Plastiktüten in die Küche, während sie den Mantel auszieht und ihre Stiefel unter die Garderobe stellt. Sie kommt mit einem kleinen Paket herein und platziert es mit großer Geste auf dem Küchentisch.
»Jetzt pass auf! Simsalabim!« Mit diesen Worten rollt sie das Packpapier auseinander, worauf ein großer, massiver Silberlöffel zum Vorschein kommt. Ich nehme ihn in die Hand. Wieder mal eine von Mamas Entdeckungen. Ich suche nach einer Gravur, finde jedoch keine.
»Das ist ja gerade der Clou! Es gibt keine Gravur, dabei ist er aus Silber. Sehr interessant. Hier in Europa gibt es ja seit dem sechzehnten Jahrhundert quasi kein Silberbesteck ohne Gravur mehr. Im südöstlichen Russland hingegen ...«
»Hast du also mal wieder in Antiquitätenläden gestöbert«, sage ich und verkneife mir höflich die Frage, was der Löffel gekostet hat.
»Nicht nur dort. Die professionellen Antiquitätenhändler wissen in der Regel, was sie verkaufen, und sind ziemlich teuer. Andere kennen sich mit ihrer Ware weniger aus. Den zum Beispiel«, sagt sie, indem sie den klobigen Löffel hin und her schwenkt, »habe ich billiger bekommen, weil ich darauf hingewiesen habe, dass er eben keine Gravur hat.« Sie kichert.
»Wie viel Zeit verbringst du eigentlich in solchen Läden?«, frage ich, ohne eine Antwort zu erhalten.
»Sag mal, habt ihr schon was gegessen?«
Muffins leckt sich die Schnauze.
3
An der Fotofront sieht es mau aus. Zu wenig Aufträge. Hin und wieder ein Gelegenheitsjob, aber die Aussichten sind nicht rosig. Da ich einige finanzielle Reserven habe, komme ich noch eine Weile über die Runden. Aber ich habe viel Zeit übrig. Und viel Energie. Warum würde ich mich auch sonst mit diesem lächerlichen Projekt abgeben, das nicht den geringsten Gewinn abwirft? Ein toter alter Mann, den ich nicht kannte. Gestorben in Finnland. Wie viele alte Männer sind nicht schon gestorben, ohne dass mich das im Geringsten interessiert hätte. Ganz zu schweigen von alten Frauen, Jugendlichen und Kindern. Was habe ich damit zu schaffen? Wieso sollte ich mich engagieren?
Ich engagiere mich ja gar nicht! Das habe ich letztes Mal auch gedacht, und was ist daraus geworden?
Es sind Olli und Lindström, die sich in den Kopf gesetzt haben, die Person ausfindig zu machen, die Jens Bäck getötet hat. Das ist ja schließlich ihr Job. Meiner aber nicht. Überhaupt nicht. Ich bin Fotograf. Ich habe ein kleines Unternehmen, um das ich mich kümmern muss. Olli und Lindström sind Polizisten, sie bekommen ihr Engagement sogar bezahlt.
Und nur weil ich einen Hund besitze, bin ich noch lange kein Hundepsychologe, was vermutlich erforderlich wäre, um den einzigen Zeugen, unseren neuen Hund Tipsa, zum Reden zu bringen. Man kann sich ausmalen, wie das vonstatten ginge: Tipsa liegt ausgestreckt auf dem bequemen Ledersofa eines finnischen Hundepsychologen und leckt sich die Schnauze, bevor sie sagt: »Es war keine Absicht. Ich habe alles genau gesehen. Wenn ich einen Sack Hundefutter kriege, fällt mir vielleicht noch mehr ein...«
»Na, Sie haben vielleicht Manieren.«
»Es war ein Kerl, ein Ausländer.«
»Dimitri? Das kann ich mir nicht vorstellen. Warum sollte er das tun? Vor allem, da er sich illegal in Finnland aufhielt und allen Grund zur Vorsicht hatte.«
»Er wollte ihn bestehlen, aber er wollte ihn nicht umbringen.«
»Warum ausgerechnet die Bilder? Es hätte doch ganz andere Dinge gegeben. Soweit ich weiß, sind keine weiteren Gegenstände verschwunden.«
»Woher wollen Sie das wissen?«
Natürlich weiß keiner genau, ob der Dieb oder die Diebe noch andere Gegenstände gestohlen haben. Auch über Dimitri ist so gut wie nichts bekannt. Warum war er über die Grenze gekommen? Warum hatte er sich von Bäck als Gehilfe einstellen lassen? Womit hat er sich noch beschäftigt?
Bäck war bewusstlos geschlagen worden. Daraufhin waren drei kleine Bilder verschwunden, Format zirka vierzig mal fünfzig Zentimeter, also klein genug, um sie sich einfach unter den Arm zu klemmen. Was gab es für einen Grund, gerade diese Gemälde zu entwenden? Gewiss, Ajvazovskij ist in Fachkreisen bekannt, aber bei hergelaufenen Ganoven?
Ob Bäck eine Hausratversicherung besaß? Fragen kostet nichts, denke ich, doch vermutlich sind solche Informationen nicht jedermann zugänglich. Außerdem wird die Polizei das sicher schon geprüft haben.
Abteilung für dämliche Fragen.
Ich sollte zusehen, dass ich aus dem Bett komme.
Ich stelle die Waschmaschine an, benutze mein Deo, tausche Strümpfe und Unterhose, rasiere mir ein paar störende Bartstoppeln ab – der Nachteil, wenn man einen schwarzen Bart hat. Praktischerweise wird er langsam grau.
In eine Aftershavewolke gehüllt, gehe ich die Treppe hinunter in Jureks und mein gemeinsames Fotostudio. Ein verborgenes Schmuckstück, das wir mithilfe einiger Freunde im Laufe der Jahre in dem Gebäude errichtet haben, das früher einmal als Stall, Traktorgarage und Werkstatt diente. Seit ein paar Jahren befinden sich hier Fotostudio und Dunkelkammer sowie eine kleine Wohnung im ersten Stock, direkt über dem Büro, die ich bei Bedarf nutze. Doch als wir mit dem Umbau fertig waren, verlor ich die Lust am Fotografieren im Studio, das wir manchmal für Projekte vermieten, an denen wir beteiligt sind. Aber darum kümmert sich Jurek mehr als ich. Eine Goldgrube ist unsere Firma keineswegs. Ich nehme ein paar Filmrollen aus dem Kühlschrank und gehe dann an die frische Luft. Schlendere über die Rasenfläche, um den Abend bei meiner Mutter zu verbringen.
»Was riecht denn hier so nach Marzipanschweinchen?«, fragt sie zur Begrüßung und schnuppert in die Luft, als ich zur Tür hereinkomme. Das ist der Dank dafür, dass ich mich rasiert habe.
Wir reden über dieses und jenes, während wir das Essen machen. Später am Abend zeigt sie mir, was sie in letzter Zeit zustande gebracht hat: acht neue Bilder. Sie ist sehr fleißig gewesen. Ich habe ihre Versicherungen, es im Alter etwas ruhiger angehen zu lassen, nie sonderlich ernst genommen, also bin ich nicht überrascht. Drei Ausstellungen sind geplant: eine große in Budapest, eine in Oslo und eine kleinere in London, die fast ausschließlich neue Werke zeigen soll. Sie erwägt, nach Budapest zu reisen, ist sich aber noch nicht sicher. Ihr Gesundheitszustand wird darüber entscheiden – und ihr Terminkalender. Ist ja nicht gesagt, dass ich dann auch Zeit habe, meint sie.
»Sag mal, kennst du einen russischen Künstler namens Ajvazovskij?«, frage ich unvermittelt. »Ivan Konstantinovitsh Ajvazovskij.«
»Ja, ein wenig. Hat sich vor allem als Marinemaler einen Namen gemacht. Einige seiner Arbeiten habe ich gesehen. Aber wenn du mehr über ihn erfahren willst, dann ruf doch einfach meine alte Freundin Hella Vuotila an. Ich glaube, sie wohnt immer noch in der Nähe von Helsinki, in Kottby.«
»Ist sie Expertin für russische Kunst?«
»Ja. Sie kennt sich sehr gut aus«, antwortet meine Mutter.
Und wenn sie das sagt, dann wird es wohl stimmen.
Am nächsten Tag rufe ich auf der »Seawind« an und frage, ob es noch einen Platz gibt, doch leider ist das Boot schon voll. Dasselbe gilt für die »Silja«, aber die »Viking« ist noch nicht ausgebucht. Ich ergattere ein Ticket ohne Kabine für die Morgenfähre nach Åbo. Für den Rest des Tages arbeite ich im Studio.
Früh am Morgen fahre ich mit Muffins zum Stockholmer Hafen, wo wir im geräumigen Bauch des Schiffes verschwinden. An Bord herrscht ein einziges Gedränge. Ich ziehe mich mit Muffins in eine ruhige Ecke zurück, um zu lesen. Da sich ganz in der Nähe die große Bar mit der Tanzfläche befindet, dauert es jedoch nicht lange, bis stampfende Bässe aus den Lautsprechern dröhnen. Jedes Mal, wenn ich gezwungen bin, tagsüber das Boot zu nehmen, ist es eine Qual. Ich ärgere mich, aber was soll ich machen? Um 19.50 Uhr werden wir in Åbo einlaufen.
Ich lese, warte und warte. Wie auch immer, bald werde ich bei Mirabella sein, bei meiner Bella.
In Åbo angekommen, spuckt die Fähre langsam Lkws und Busse aus sowie eine schier unüberschaubare Zahl an Pkws, Motorrädern und Fahrrädern.
Nach einem kurzen Abendspaziergang am Hafen nehmen wir die öde Strecke nach Helsinki in Angriff. In Lahnajärvi machen wir Rast. Das hat Tradition.
Als wir Helsinki erreichen, ist es dunkel. Ich frage mich kurz, ob ich den Schlüssel dabeihabe. Der Aufzug knarrt. Nur Tipsa ist zu Hause. Erst starrt sie mich misstrauisch an, bevor sie mich wiedererkennt und uns stürmisch willkommen heißt. Nachdem ich meine Sachen ausgepackt habe, gebe ich den Hunden was zu fressen. Dann unternehmen wir einen kurzen Ausflug in Richtung Opernhaus. Mit ein wenig Glück können wir das Frauchen mit nach Hause nehmen. Wir spazieren durch das immer noch warme und immer noch grüne Helsinki.
Ich stecke meine Nase ins Opernhaus und frage nach Bella.
Fünf, vielleicht zehn Minuten später kommt sie. Ich versuche, die Hunde daran zu hindern, an ihr hochzuspringen, aber es gelingt mir nicht. Tipsa hat einfach keine Manieren. Sie lässt ihrer Spontaneität stets freien Lauf und verleitet den um ein paar Jahre älteren Muffins meist zu denselben Dummheiten. Ich kann mich kaum auf den Beinen halten, wenn diese Bestien zur Liebesattacke übergehen.
»Oh, was für eine feuchte Überraschung! Was macht ihr denn hier? Ich hatte dich noch gar nicht zurückerwartet, Josef.«
»Hab kurzfristig umdisponiert.«
»Wie schön! Das Bett war so leer. Na ja, relativ leer«, fügt sie hinzu, indem sie Tipsa tätschelt.
»Ich werde wohl demnächst für ein paar Tage in Ollis Sommerhaus wohnen, um in der Gegend zu recherchieren, aber erzähl du erst mal. Wie laufen denn die Proben?«
»Ich habe ein richtig gutes Gefühl. Hier in Helsinki wird jedenfalls noch Wert auf gründliche Probenarbeit gelegt. Jeder kann sich in Ruhe mit dem Korrepetitor vorbereiten, das gefällt mir. Und so viele Diven wie an anderen Häusern scheint es ja auch nicht zu geben.«
»Dabei habe ich immer gedacht, dass es an Opernhäusern von Intrigen und Machtspielen nur so wimmelt.«
»Natürlich gibt es auch Intrigen und einen gewissen Starrummel, aber hier in Helsinki hält sich das Gott sei Dank in Grenzen. Jedenfalls hab ich davon noch nicht viel mitbekommen.«
»Ach, wie schön, dass du so ein Glück hattest!«
»Das kann man wohl sagen. Wir haben doch eine schöne Wohnung, und alles in allem gefallen mir die überschaubaren Verhältnisse. Hast du eigentlich meinen Korrepetitor, den Pianisten Otto Erström, mal kennen gelernt?«
»Nein, noch nicht. Du kannst ihn mir ja ein anderes Mal vorstellen. Leider fahre ich schon morgen weiter zu Ollis Sommerhaus.«
»Aber die Nacht verbringst du doch in meinem Bett, oder?«
Später am Abend fragt mich Bella beim Tee, was ich bei Olli eigentlich vorhabe und ob es möglicherweise etwas mit dem verstorbenen Arzt zu tun habe. Ich bin zu einem Geständnis gezwungen.
»Typisch!«, seufzt Bella.
»Was ist typisch?«
»Dass dich dieser unaufgeklärte Mord nicht loslässt. Du kannst es einfach nicht lassen, deine Nase in Dinge zu stecken, die dich nichts angehen. Ich kann ja verstehen, dass es dich langweilt, tagein, tagaus mit den Hunden spazieren zu gehen, während ich arbeite. Aber meinst du nicht, dass du dich auf gefährliches Terrain begibst? Versprich mir, dass du kein Risiko eingehen wirst. Versprich es mir!«
»Okay, okay, ich verspreche es. Ich werde weder meine Nase noch andere Körperteile irgendeiner Gefahr aussetzen. Außerdem steht ja gar nicht fest, dass es sich um einen Mord handelt. Vielleicht ... war es ja nur Körperverletzung.«
Die Nacht war weich und warm, was nur zum Teil an uns selbst lag: Gewisse Kreaturen wollten partout das Bett mit uns teilen. Der Morgen kam allzu rasch, doch er war freundlich und sanft, meldete sich mit dem leisen Surren des beginnenden Verkehrs und dem Schreien der Elstern, die jetzt im Baum auf dem Hof sitzen. Da ich ohnehin schon wach bin, kann ich mich auch zeitig auf den Weg machen, denke ich unromantisch und schwinge meine Beine aus dem Bett, ohne Bella zu wecken. Ich drehe eine kurze Runde mit den Hunden und schleiche mich dann in die Wohnung zurück, um Tee zu machen. Bella schläft immer noch. Wie ein Murmeltier, könnte man sagen, aber das passt nicht zu ihr. Tja, wie dann? Wie eine Meerjungfrau? Eine Putte? Wie schlafen die? Als das Teewasser zu sieden beginnt, schlägt sie die Augen auf.
Wie eine erblühende Heckenrose, denke ich mäßig originell, ehe sie sich streckt und von den Hunden mit rücksichtslosen Zärtlichkeiten überhäuft wird.
»Ein bisschen Tee gefällig?«, frage ich und decke den kleinen Nachttisch.
»Wie spät ist es?«
»Viertel nach sieben.«
»So früh ...«
Sie steht auf, makellos, anmutig, lieblich und nackt. Stülpt eine Haube über die Teekanne, wackelt mit dem Po und verschwindet ins Badezimmer. Als sie wieder herauskommt, ist sie angezogen. Auch gut, denke ich und werfe einen verstohlenen Blick auf die Uhr.
»Willst du wirklich in dieser Herrgottsfrühe aufbrechen?«
Ich nicke. Sie murmelt etwas Unverständliches. Danach frühstücken wir schweigend. Durch das Fenster, das ich geöffnet habe, hören wir die Vögel im Hinterhof zwitschern. Bella holt das ›Hufvudstadsbladet‹ aus dem Flur. Die erste Seite ist voller Anzeigen. Während sie blättert, schmiere ich ihr ein weiteres Brot, ohne dass sie davon Notiz nimmt. Aber sie isst folgsam auf.
»Ich bin ja bald wieder zurück«, sage ich tröstend.
»Irgendeine Ritva hat gestern Morgen angerufen und nach dir gefragt. Sie sprach Englisch, sagte, sie sei in Moskau, und bat mich auszurichten, dass sie nichts über diesen Dimitri wüsste, sich aber weiter um die Sache kümmern würde. Sie wollte sich später wieder melden. Wer ist denn diese Ritva?«
»Oh, hat sie angerufen? Sie war früher eine Art Geheimagentin ... ist sie vielleicht immer noch. Ich habe sie vor ein paar Jahren kennen gelernt, aber seitdem nichts mehr von ihr gehört. Ich hatte sie angerufen, um zu fragen, ob sie irgendetwas über diesen Dimitri in Erfahrung bringen könnte«, entgegne ich, ohne auf ihren eifersüchtigen Unterton einzugehen, den ich herauszuhören glaube. Mir gefällt dieser Ton nicht. Es besteht gar kein Anlass dafür.
»Wirst du sie treffen?«
»Nein, ich denke, das wird nicht nötig sein. Ich habe sie nur angerufen, weil eine klitzekleine Chance besteht, dass sie mir helfen könnte.«
Um von Helsinki nach Sysmä zu kommen, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Der direkte Weg führt über Lahti und ist definitiv der langweiligste. Von Lahti aus hat man die freie Wahl. Ich fahre über Borgå, um in Forsby auf kleinere Landstraßen in Richtung Norden auszuweichen; das macht die Strecke abwechslungsreicher. Da ich nicht mit leeren Händen ankommen will, kaufe ich in Kouvola ein paar Flaschen Rotwein, ehe ich mich in nordöstliche Richtung weiter vorarbeite und schließlich Ollis Sommerhaus erreiche.
»Was für ein weit gereister Gast!«, begrüßt er mich. »Wo möchtest du wohnen? Bei mir im Haus oder im Gartenhäuschen? Hast du eigentlich Tipsa mitgebracht?«, fragt er, während er seinen Wagen wäscht.
»Nein, leider nicht. Die Hunde sind bei Bella in Helsinki geblieben. Dafür habe ich ein paar Flaschen Rotwein dabei. Ich dachte, das könnte nicht schaden ...«
»Ausgezeichnet! Dann können wir uns ja eine schöne Zeit machen: zusammen essen, in die Sauna gehen, schwimmen, über Gott und die Welt reden – falls du nichts dagegen hast.«
4
Das Haus war leer. Eine Lampe leuchtete über der Tür. Ein riesiges Haus, dachte Mikko und schaute sich schweigend um. Ein richtiger Hof. Alle Fenster waren dunkel.
»Und hier soll ein Arzt wohnen«, brummte Mikko. »Ist wohl gerade zu einem Patienten gefahren.«
Ihr Auto, einen geräumigen Mitsubishi Spacewagon, hatten sie im Schutz eines Fliederbuschs in einiger Entfernung abgestellt. Robban und Andrej blieben im Wagen sitzen. Betrachteten den Schneefall, der in diesem Moment einsetzte. Es sollte Mikkos letzte Station sein. Danach wollten sie in Lahti das Auto tauschen, nach Helsinki weiterfahren und am nächsten Abend die Fähre nach Stockholm nehmen.
Sollte jemand zu Hause sein, wollte Mikko sich für die Störung entschuldigen und eine unverfängliche Frage stellen, zum Beispiel, ob er einmal das Telefon benutzen dürfe. Doch falls niemand öffnete ...
Er klopfte. Wartete eine Weile. Niemand zu Hause. Er klopfte erneut, diesmal kräftiger. Keine Reaktion.
Das altmodische Schloss zu öffnen war kein großes Problem, doch dauerte es ein wenig, weil es abgeschlossen war. Als er auf den Flur trat, schaltete er die Taschenlampe ein – und stutzte. »Wenn Mutter das sehen könnte«, flüsterte er. So ein Chaos hatte er schon lange nicht mehr gesehen. Nicht einmal im Kino. Die Frage war, ob hier überhaupt jemand wohnte. Doch, natürlich, das Haus war beheizt.
Auf dem Boden türmten sich Zeitschriftenstapel, man konnte kaum treten. Fluchend tastete er sich vorwärts. Hier hätte ein Räumkommando tagelang zu tun. Er ging in alle Räume und schaute sich um. Suchte nach Wertgegenständen. Fand zwei alte Kerzenleuchter und eine Silberschale. Hinter einem Berg von Gerümpel entdeckte er einen Sekretär. Er schob den Krempel so weit beiseite, dass er zumindest die oberste Schublade öffnen konnte. Er steckte die Hand hinein und zog altes Silberbesteck heraus. Immerhin etwas. Das musste reichen. Im Auto war nicht mehr viel Platz. Er ging in Richtung Haustür.
Verdammt, da kommt jemand! Die Treppe hinauf und keinen Laut. Flach atmen. Rausschleichen kann ich mich später, denkt er. Mikko findet ein Stück eines Eisenrohres auf den Stufen. Ich schlage ihn nieder, bevor er das Licht anknipst. Gesagt, getan. Was für ein zäher Typ. Er muss ihm noch ein paar Fußtritte versetzen, ehe der Alte endlich verstummt. Ein letzter Tritt.
Es gelingt ihm noch, drei kleine Gemälde zu erbeuten, ehe er über den Alten steigt, der bewusstlos auf dem Boden liegt. Was für schöne Goldrahmen, schießt es ihm durch den Kopf.
Robban tastete nach seiner Zigarettenschachtel. Mikko war schon eine ganze Weile im Haus. Schien ja alles glatt zu gehen. Sie wechselten die Plätze im Auto. Andrej war mit dem Fahren dran. Sie mussten vorsichtig sein und sich an die Verkehrsregeln halten. Niemand war ihnen auf den Fersen. Alles war nach Plan verlaufen, soweit sie einen Plan gehabt hatten. Niemand hatte sie gesehen, und alle Häuser waren leer gewesen.
Andrej ließ den Motor an, als Mikko die Wagentür öffnete und die Tasche hineinwarf, in der es vielversprechend klirrte. Kleinkram, vor allem Silber, das sich rasch und problemlos verscherbeln ließ. Dann schob Mikko ein paar Bilder ins Auto.
»Ist ja nicht die Welt. Willst du noch mal rein, oder sollen wir losfahren?«, fragte Andrej.
»Das reicht. Der alte Knacker hat mich überrascht, als ich gerade gehen wollte. Hab ihm eine verpasst. Er kann jederzeit zu sich kommen, also sollten wir sehen, dass wir von hier verschwinden«, antwortete Mikko kurzatmig.
»Wenn sich’s lohnt, braten wir ihm eben noch eins über ...«
»Nein, lohnt sich nicht. Fahr schon! Das war der größte Saustall, den ich in meinem ganzen Leben gesehen habe. Wäre fast nicht durchgekommen, unglaublich! Ich habe mir noch diese drei Bilder geschnappt, viel mehr war da nicht zu holen. Die Rahmen sahen gut aus, und vielleicht kriegen wir ja ein paar hundert für die Gemälde ...«
»Was? Hast du etwa Kunst geklaut? Na ja, irgendwann ist immer das erste Mal. Und du bist sicher, dass der Alte dich nicht erkannt hat?«
»Ja! Jetzt gib Gas, verdammt noch mal!«
»Okay, okay, Stockholm, here we come ...«
Das Auto setzte sich leise in Bewegung, während der Schneefall dichter wurde. Immer größere Flocken fielen vom Himmel und bedeckten den Boden rasch mit einer dünnen weißen Schicht.
Andrej fuhr aufmerksam in Richtung Lahti, während Robban die erbeuteten Gegenstände in Seidenpapier einschlug und in Reisetaschen verstaute. Doch den geklauten Gemälden gegenüber blieb er skeptisch. Kunst war verdammt schwer abzusetzen. Immerhin sah man den Bildern ihr Alter an, und die Rahmen wirkten sehr stilvoll. Während er sie in eine Decke einschlug, brummte er:
»Wenn die Bilder nichts wert sind, verhökern wir halt die Rahmen.«
»Vielleicht sind die Bilder im Ausland ja was wert«, verteidigte sich Mikko. Ihm gefielen die Bilder, aber was verstand er schon davon?
Das Auto rollte in aller Ruhe Helsinki entgegen. Vielleicht sollten sie versuchen, die Bilder so schnell wie möglich loszuwerden.
5
Am Morgen erwache ich unnötig früh, als Olli sich in der Küche zu schaffen macht. Er summt gut gelaunt eine Melodie, die ich nicht kenne. Ich stehe etwas neben mir. Man sollte einen schönen Abend in Finnland nicht damit verbringen, in der Sauna über das Leben zu philosophieren. Jedenfalls nicht bis zwei Uhr nachts.
Wir wollen auf der Veranda frühstücken. Obwohl ich keinen Appetit habe, decke ich mit schwerem Kopf den Tisch. Ich bin ja selber schuld. Am Horizont auf der gegenüberliegenden Seeseite türmen sich Wolkenberge auf, aber die interessieren mich jetzt nicht. Ich habe genug mit meinen Kopfschmerzen zu tun.
Als ich mit dem Decken fertig bin, gehe ich zum Wasser hinunter. Ich dachte, die frische Luft würde mir gut tun, aber das war ein Irrtum. Aus der Ferne dringt dumpfes Grollen über den See. Mal sehen, ob die dunklen Wolken näher kommen.
Ein Stück vom Haus entfernt hat ein Auto angehalten. Vermutlich bekommen wir Besuch. Der Mann wirkt nicht besonders groß und trägt eine weiße Mütze. Schwer zu sagen, wie alt er sein mag, doch er wirkt ziemlich jung, keinesfalls über dreißig. Er scheint mich nicht gesehen zu haben und geht sofort in die Küche. Zwei Minuten später kommen er und Olli auf die Veranda.
»Im Wald wurde eine männliche Leiche gefunden. Wenn wir uns beeilen, kommen wir noch vor den Sachverständigen aus St. Mickel an«, erklärt Olli. »Kommst du mit, Josef?«
Ich schaue die beiden fragend an.
»Das ist übrigens Taisto, Taisto Virtanen, ein Polizist aus Sysmä. Dort teilt er sich ein Büro mit seinen beiden Kollegen Reijo und Rauno.«
Während wir uns die Hand geben, denke ich, dass er wirklich nicht älter als dreißig sein kann. Ich schnappe mir noch rasch meine Kamera, bevor wir uns auf den Weg machen. Taisto nimmt uns in seinem Wagen mit und gibt mächtig Gas.
»Wer hat das entdeckt?«, frage ich. Wörter wie »Toter« oder »Leiche« wollen mir an einem so schönen Sommermorgen nicht über die Lippen.
»Ein schwedischer Tourist. Vielleicht hatte er ein menschliches Bedürfnis. In diesem Wald geht man eigentlich nicht spazieren«, entgegnet Taisto, während er auf einen größeren Weg abbiegt und das Tempo erhöht. »Mehr weiß ich auch nicht.«
»Wie heißt der denn?«, frage ich.
»Rolf Nodén, ein Rentner aus Uppsala.«
Wenn ich mich nicht irre, sind wir in Richtung Norden unterwegs. Nach ungefähr zwölf Kilometern halten wir an, steigen aus und folgen Taisto, der links in den Wald einbiegt. Nachdem wir uns eine Weile durch von Mücken bevölkertes und fast undurchdringliches Gestrüpp gekämpft haben, erreichen wir das Ufer eines Weihers. Dort steht ein Mann und wartet auf uns. Taisto begrüßt ihn, dann führt der Mann uns zum Fundort.
Von dem Körper ist nicht mehr viel zu erkennen. Neben einem Ameisenhügel unter einer Fichte liegen mehrere Zweige. Darunter ist ein Schädel zu erahnen, der aus einem ausgebleichten Nylonhemd herausschaut. Von der Hose sind nur noch Reißverschluss, Gürtel und Knöpfe übrig geblieben. Dort, wo sich vermutlich die Hosentaschen befanden, liegen ein paar Münzen, finnische Mark, sowie eine große, altmodische goldene Taschenuhr mit Deckel und Kette. Auf der Rückseite ist in finnischer Sprache eingraviert: Für Dimitri von Jens mit ewigem Dank.
Einige Knochen liegen in der Gegend verstreut, wahrscheinlich von Tieren verschleppt. Bei näherem Hinsehen findet man unter den Zweigen noch Stoffreste, die einst die Leiche bedeckten. Wir ziehen uns zurück, um keine Spuren zu verwischen.
Natürlich können wir nicht völlig sicher sein, aber fünfundneunzig Prozent sind ja auch schon was. Es ist Dimitri, der gefunden wurde, doch wie er hierher kam, ist eine offene Frage. Hatte man ihn misshandelt und einfach aus einem fahrenden Auto geworfen? War er daraufhin in den Wald gekrochen?
»Wo ist der Mann, der ihn gefunden hat?«, fragt Olli.
»Auf dem Heimweg nach Uppsala. Wir haben seine Aussage schon zu Protokoll genommen.«
Während wir auf die Polizisten warten, die mit dem Auto aus dem entfernten St. Mickel kommen, durchstreife ich ein wenig die Gegend. Kämpfe mich durch den Wald, bis ich die nächste Straße erreiche. Überlege, wer wohl die Ermittlungen in diesem nicht ganz frischen Fall übernehmen wird.
Weder Pfade noch Wege, kein Haus weit und breit. Ein vergessenes, unberührtes, nahezu undurchdringliches Waldstück, das offenbar keinem Forstwirtschaftsunternehmen gehört. Sicherlich wird auch dieser alte Fall, in dem es weder Spuren noch Zeugen gibt, rasch zu den Akten gelegt werden.
Nahe der Straße, ein paar Kilometer weiter nördlich, glaube ich, stoße ich auf ein Haus. Ein unansehnliches Haus mit ebenso hässlichen Nebengebäuden und einer Garage. An Wohnlichkeit oder architektonische Finessen war hier kein Gedanke verschwendet worden. Auf dem Briefkasten an der Straße steht Suominen. Der Schornstein raucht. Ich klopfe an. Eine Frau mittleren Alters schaut aus dem Fenster. Offenbar sehe ich halbwegs vertrauenswürdig aus, denn sie öffnet tatsächlich. Ich berichte in aller Kürze, was geschehen ist, und frage sie, ob sie etwas Verdächtiges gehört oder gesehen habe.
Sie bittet mich wortlos herein. Sie greift nach einem Notizblock, und noch während wir den Flur hinuntergehen, notiert sie darauf etwas auf Finnisch:
Vor fünf oder sechs Jahren hat ein fremder Mann sein Fahrrad in der Nähe des Hauses stehen lassen. Vielleicht ist er es, der gefunden wurde. Er ist nie zurückgekommen, um sein Fahrrad zu holen. Mindestens ein halbes Jahr lang war es unter dem Schnee begraben. Dann habe ich es in den Schuppen gestellt, damit es nicht völlig verrostet.
Wir setzen uns in ein überraschend gemütliches Wohnzimmer. Jedenfalls steht das Innere des Hauses in deutlichem Kontrast zu seinem Äußeren. Ich will gerade etwas sagen, da geht mir durch den Kopf, dass sie möglicherweise auch taub ist und mir jedes Wort von den Lippen abliest. Ich wende mich ihr zu, damit sie meinen Mund sehen kann, zucke die Schultern und sage, dass die Identität des Mannes noch ungeklärt sei. Dann frage ich sie, ob sie irgendetwas beobachtet hat, das sie in der Vermutung bestärkt, dass wir tatsächlich den Mann mit dem Fahrrad gefunden haben. Während ich die Frage formuliere, bemerke ich, dass sie meine Lippen nicht anzusehen braucht. Sie hat mich verstanden, nickt und notiert:
Ich bin mir nicht sicher, aber kurz nachdem der Mann sein Fahrrad hier abgestellt hatte, fuhr ein Auto vorbei. Dort, wo das Fahrrad stand, verlangsamte es seine Fahrt. Vermutlich hielt er hinter der nächsten Kurve an, denn eine Stunde später hörte ich beim Holzholen, wie ein Motor angelassen wurde. Andere Autos sind während dieser Zeit nicht vorbeigefahren.
Sie gibt mir den Block, nimmt ihn jedoch sogleich wieder zurück und schreibt weiter:
Ich habe nichts gehört, und bisher hat keiner nach ihm gefragt, aber manchmal höre ich Schüsse im Wald. Ich glaube, da jagt jemand Kleinwild auf unserem Grund.
Gut. Dann brauche ich danach nicht mehr zu fragen. Jetzt sollen sich erst mal die Polizisten aus St. Mickel der Sache annehmen. Dann sehen wir weiter. Ich frage sie, ob sie sich an die Marke des Autos erinnert, das hinter der Kurve anhielt.
Ja, es war ein Dodge Van. Ein älteres Modell. Hellgrau, aber da kann ich mich irren. Er war sehr schmutzig und könnte auch beige oder weiß gewesen sein. Ich weiß nicht, wie viele Personen in dem Auto waren.
Ich frage sie, ob ich ihre schriftlichen Antworten mitnehmen darf, und sie bejaht. Dann sage ich ihr, dass sie vermutlich bald Besuch von ein paar Polizisten bekommen wird, die sie befragen werden. Sie nickt und sieht dabei ziemlich fröhlich aus. Wahrscheinlich bekommt sie nicht oft Besuch, denke ich mitleidig.
Kommen Sie an einem Samstag wieder, wenn Sie wollen. Dann ist Antero, mein Mann, auch hier. Er arbeitet derzeit in der Nähe von Kajanu, kommt aber am Wochenende nach Hause. Ihm gehört der alte Wald. Seit ich ihn kenne, also in den letzten dreißig Jahren, hat er dort keinen Finger gerührt, aber nun ist es wohl an der Zeit.
»Ich werde es versuchen«, entgegne ich. »Und die Polizei wird sich in jedem Fall mit Ihrem Mann in Verbindung setzen.« Mit diesen Worten stehe ich auf und ziehe mich in den Flur zurück.
Mögen Sie vielleicht eine Tasse Kaffee?, schreibt sie, doch leider habe ich keine Zeit mehr. Sonst riskiere ich noch meine Mitfahrgelegenheit. Außerdem werden die Beamten aus St. Mickel bald kommen.
Ich verabschiede mich und trete den Rückweg an, immer die Straße entlang. Denke an Bella, die allein in Helsinki ist. Ich gehe an der Stelle vorbei, an der vermutlich der Dodge gestanden hat. Als ich wenig später Taisto begegne, erzähle ich ihm von meinem Gespräch mit der Frau. Darum würden sich seine Kollegen aus St. Mickel kümmern, sagt er.
Nach weiteren zwanzig Minuten sind sie da, seine Kollegen. Taisto, der offenbar einige von ihnen persönlich kennt, geht voraus. Ich folge in gemessenem Abstand. Nach einer Weile lassen wir sie am Fundort allein.
»Tja, jetzt kann uns wohl niemand mehr helfen, das Verbrechen an Bäck aufzuklären«, seufzt Olli auf dem Rücksitz. Taisto fährt schweigend.
»Das ist alles vor meiner Zeit passiert. Ich bin vor zirka zwei Jahren hierher gekommen. Hast du Bäck eigentlich gekannt?«, fragt Taisto, während er Olli im Rückspiegel anschaut.
»Alle hier in der Gegend wussten, wer er ist, doch kaum jemand kannte ihn näher. Soweit ich weiß, hatte er auch keine Verwandten. Kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass das bei den Ermittlungen eine Rolle spielte«, antwortet Olli.
»Aber gekannt hast du ihn doch, oder?«, wiederholt Taisto seine Frage.
»Ich war ein paar Mal bei ihm in der Praxis. Einmal, als meine Jüngste von einer Schlange gebissen worden war; sonst waren es Masern oder andere Kinderkrankheiten, die immer während der Sommerferien ausbrachen. Zu Kindern war er immer sehr nett«, sagt Olli.
»Und zu dir?«, fragt Taisto.
»Nun, er war nicht direkt unfreundlich, aber ziemlich mürrisch«, entgegnet Olli.
»Dacht ich mir’s doch.«
»Hatte er irgendwelche Feinde, ich meine Leute, die ihn so hassten, dass sie in der Lage gewesen wären, bei ihm einzubrechen und ihn zu misshandeln?«, frage ich ins Blaue hinein.
»Glaub ich nicht. Die meisten Leute hielten sich von ihm fern«, brummt Olli, fährt die Scheibe hinunter und entlässt eine fette Bremse nach draußen, ehe er weiterspricht: »Der einzige Verdächtige ist Dimitri – obwohl sie so nah beieinander wohnten, aber was weiß ich, was für ein Verhältnis sie zueinander hatten. Die Leute hatten Angst vor Jens Bäck. Er muss seine erwachsenen Patienten ziemlich schroff behandelt haben und war allgemein bekannt für sein ungehobeltes Auftreten. Dennoch war er ein geschätzter Arzt, der sicher den meisten Leuten in dieser Gegend irgendwann mal geholfen hat.«
»Stimmt, er war ein bekannter, nahezu legendärer Griesgram«, bestätigt Taisto. »Das hab sogar ich gehört, obwohl ich noch nicht lange hier wohne.«
»Griesgram ist vielleicht der falsche Ausdruck«, entgegnet Olli, »aber unbequem und stur soll er gewesen sein. Legte wohl auch wenig Wert auf Kontakte mit anderen Menschen und pflegte keine Freundschaften, soweit mir bekannt ist.«
»Weder männliche noch weibliche?«
»Nein. Nur die Kinder mochte er außerordentlich gern und war wie ein Engel zu ihnen. Die Ermittlungen haben jedoch keinen einzigen erwachsenen Bekannten in dieser Gegend zutage gefördert. Allerdings war er ziemlich viel auf Reisen und pflegte seine sozialen Kontakte möglicherweise woanders. Vielleicht gab es befreundete Ärzte?«
»Was ist mit dem Internet? Hatte er einen Computer?«
»Das haben wir natürlich überprüft. Er hatte zwar einen Internetzugang, hat ihn jedoch nie zum Surfen benutzt. Dabei ist es an sich schon ungewöhnlich, dass Leute in seinem Alter einen Computer haben. Er war wohl in jeder Hinsicht ein Original, was ja auch der absolute Mangel an Einrichtungsgegenständen in seinem Haus zeigt. Das allein hätte viele Leute doch schon abgeschreckt. Er war wirklich sehr speziell.«
»Und wie sah seine Praxis aus?« Der schrullige Arzt interessiert mich immer mehr.
»Ziemlich normal, soweit ich mich erinnere. Der Ermittlungsbericht geht darauf nicht ein. Doch sein Wohnhaus muss schier unglaublich ausgesehen haben«, fügt Olli kopfschüttelnd hinzu und erzählt ein paar Einzelheiten. Das meiste hört sich zwar nach Klatsch und Tratsch an, aber immerhin ...
Bäck hatte nahezu sein gesamtes Berufsleben auf seinem Hof Hiitelä verbracht. Von einer Frau, Verlobten oder Freundin hatte man nie etwas gehört oder gesehen. Das Ambiente seines Hauses gab Anlass zu manchen Gerüchten, die jedoch niemand aus eigener Anschauung bestätigen konnte. Auch rätselte man, woher Bäck ursprünglich gekommen war. Die Ermittlungen der Polizei ergaben schließlich, dass er aus Helsinki kam. Er galt allgemein als tüchtiger und erfahrener Arzt, daran bestand nicht der geringste Zweifel. Wer ihn als Patient aufsuchte, dem wurde geholfen. Dennoch gingen viele Leute aus der Gegend zu anderen Ärzten, auch wenn sie dafür eine längere Fahrt in Kauf nehmen mussten. Je älter er wurde, desto mehr Angst flößte er den Menschen ein. Seine Zunge wurde immer spitzer, sein Humor schärfer, die Umgangsformen wurden rauer. Nur die Kinder bekamen davon nichts zu spüren. Sie behandelte er weiterhin mit derselben Fürsorglichkeit und Behutsamkeit wie eh und je. Die Kinder liebten ihn.
»Er hätte Kinderarzt werden sollen, aber wie dem auch sei, das Merkwürdigste, vor allem auf seine alten Tage, war doch sein Lebensstil. Meterhohe Zeitungs- und Bücherstapel, dazwischen nur noch schmale Gänge. Ab und zu erkannte man Teile der einstigen Einrichtung, die obere Kante einer Standuhr, einen schmutzigen Vorhang oder die Ecke eines Bilderrahmens. Und durch all dieses Chaos watschelten die Enten, wenn man den Spuren glauben darf«, berichtet Olli.
»Das ganze Haus war in einem erbärmlichen Zustand«, bestätigt Taisto. »Die Käufer haben wohl unterschätzt, was da auf sie zukommt, und es bald wieder abgestoßen. Jetzt steht es schon seit Jahren leer. Sie hätten es an mich verkaufen sollen«, seufzt er. »Ich hätte es gerne instand gesetzt.«
»Woher weißt du, wie es bei ihm innen aussah?«, frage ich Taisto.
»Weil meine Eltern Bäck mal besucht haben, ungefähr zwei Jahre vor seinem Tod. Mein Vater ist Immobilienmakler. Bäck hatte damals mit dem Gedanken gespielt, den Hof zu verkaufen und nach Lahti zu ziehen. In eine Wohnung nahe dem Altersheim. Er sagte, er wolle auf alles vorbereitet sein. Er war ja auch schon fast achtzig«, erklärt Taisto hinter dem Steuer.
»Es war also nicht dein Vater, der sich um die Auflösung des Haushalts gekümmert hat?«, frage ich sicherheitshalber.
»Nein, Gott sei Dank nicht«, entgegnet er, worauf Olli den Bericht fortsetzt:
»Der gesamte Hausrat wurde versteigert, der Rest landete auf der Müllhalde. Zunächst war der Hof von einer Familie gekauft worden, die ihn restaurieren wollte. Aber sie waren noch nicht weit gekommen, als sie es aufgaben und ihn wieder verkauften. Die nächsten Eigentümer werkelten ebenfalls ein bisschen herum, bis auch sie das Handtuch warfen.«
»Heute gehört er der Kommune. Wenn ich richtig informiert bin, soll auf dem Grundstück ein Kunst- und Kulturzentrum entstehen. Die Lage ist ja wirklich sehr schön«, ergänzt Taisto.
»Gibt es jemanden aus der Gegend, der etwas vom Hausrat ersteigert hat?«, frage ich.
»Aber ja!«, antwortet Taisto stolz. »Für zehn Kronen habe ich einen hübschen schwarzen Spazierstock gekauft. Und jetzt halt dich fest! Zu Hause hat meine Frau entdeckt, dass es sich gar nicht um einen gewöhnlichen Spazierstock handelt: Der hat eine eingebaute Klinge. Eine richtige Mordwaffe ist das«, sagt er lachend.
»Eine Klinge?«
»Ja, man kann das Ende abschrauben und eine siebzehn Zentimeter lange Klinge herausziehen. Die ist nicht nur blank und scharf, sondern auch sehr hübsch, hergestellt in Toledo, mit einer Unmenge von Verzierungen. Ich zeig sie dir, wenn wir bei mir sind«, sagt Taisto.
»Wird höchste Zeit, dass wir was in den Magen kriegen«, grummelt Olli. »Wegen deines Totenkopfs haben wir noch nicht mal frühstücken können ...«
»Keine Sorge, ich kümmere mich schon.« Taisto ruft seine Frau an und erklärt ihr, wir seien alle fürchterlich ausgehungert. Kurz vor Sysmä biegt er auf einen kleinen Weg ab und parkt vor einem Neubau. Das Haus steht nahezu einsam im Wald. In einiger Entfernung sieht man zwei Nachbarhäuser durch die Bäume schimmern. Es ist eine hübsche kleine hellgraue Villa mit weißen Eckbalken. Davor befinden sich ein gepflegter Rasen, eine Fahnenstange sowie eine Doppelgarage, in der ein älterer Ford Escort steht.
»Virpi ist Krankenschwester und arbeitet meist nachmittags und abends. Kann also sein, dass sie’s ziemlich eilig hat ... kommt rein, Jungs!«
Wir treten uns sorgfältig die Füße ab und stellen unsere Schuhe auf den Flur. Taistos Frau streckt den Kopf aus der Küche. Sie muss ein paar Jahre jünger sein als er.
»Essen ist gleich fertig!«, sagt sie und begrüßt uns, bevor wir von Taisto ins Wohnzimmer geführt werden.
In einem Bücherregal, in dem überwiegend gähnende Leere herrscht, ruht auf einem kleinen schwarzen Holzgestell der elegante Spazierstock. Taisto nimmt ihn herunter, dreht an einem Ende, und schon hat er einen kleinen Degen in der Hand.
»Nicht schlecht, oder? War bestimmt mal zur Selbstverteidigung gedacht«, mutmaßt er.
»Oder um zu töten«, sagt Olli.
»Das Alter lässt sich nur schätzen. 18. Jahrhundert, würde ich sagen«, meint Taisto stolz.
Ich selbst tendiere eher zum ausgehenden 19. oder beginnenden 20. Jahrhundert. Aber wer weiß. Im Grunde habe ich keine Ahnung. Eine Verteidigungswaffe hatte Bäck jedenfalls besessen, doch vermutlich lag der kleine Degen unter Zeitungsstapeln und Gerümpel verborgen oder befand sich in einer unerreichbaren Kommodenschublade, als er ihn gebraucht hätte.
Nachdem wir Taistos Auktionserwerb ausgiebig bewundert haben, ist auch schon das Essen fertig. Virpi bittet um Entschuldigung für ihre Eile, aber sie muss gleich zur Arbeit. Daher isst sie auf die Schnelle. Wir anderen plaudern in Seelenruhe, doch auch Taisto sitzt ein Termin im Nacken. Er muss die Kinder von der Schule abholen und zu ihrer Oma bringen. Er tut das mehr aus Spaß, erklärt er. Die Großmutter wohnt ganz in der Nähe der Schule. Wir begleiten ihn und lernen die Kinder, zwei gesprächige Mädchen, kennen, ehe uns Taisto zu Ollis Sommerhaus zurückfährt. Zum Müßiggang hat er keine Zeit, jetzt, da eine Leiche in seinem Distrikt aufgetaucht ist.
»Als Dimitri starb – falls es sich bei dem Toten wirklich um Dimitri handelt –, gehörte diese Gegend zum Polizeidistrikt von St. Mickel«, erklärt Olli. »Deshalb sind die Polizisten von dort gekommen. Heutzutage sind eigentlich die Kollegen aus Heinola zuständig.«
»Warum Heinola?«, frage ich in Unkenntnis des finnischen Polizeiwesens.
»Weil alles neu organisiert worden ist. Wenn’s dich interessiert, erkläre ich dir gern die Paragrafen und Reichstagsbeschlüsse.«
»Nicht nötig, ich frage mich nur, wer für den Fall eigentlich zuständig ist. Wenn ich mich nicht irre, liegt Heinola doch ein gutes Stück weiter südlich. Die Polizisten kamen aber aus St. Mickel, das noch weiter weg ist, in Richtung Osten.«
»1996 sind die Bezirksgrenzen neu gezogen worden, nachdem man dreißig Jahre darüber diskutiert hat und mit tausend Kompromissen lebte. Vor der Reform gab es in Finnland über zweihundert Polizeidistrikte, davon sind sechsundneunzig übrig geblieben. In Schweden sind es, glaube ich, einundzwanzig«, sagt Olli und fügt beiläufig hinzu, dass die Aufklärungsquote in Finnland erheblich höher sei als im westlichen Nachbarland. Mein Erstaunen veranlasst ihn zu einem ausschweifenden Bericht.
»In Finnland werden gut 59% aller Verbrechen aufgeklärt, in Schweden ungefähr 26«, erklärt Olli und präzisiert: »Ich spreche von Verbrechen gegen das Strafgesetzbuch. Nimmt man alle Vergehen als Maßstab, ist die Aufklärungsquote noch besser und dürfte bei gut 70% liegen. Frag mich nicht, wie das errechnet wird«, lacht er, »damit habe ich nichts zu tun.«
»Ist ja ein ganz schöner Unterschied. In Finnland Verbrecher zu sein ist offenbar kein Vergnügen.«
»Ach, wer weiß, vielleicht geht auch alles auf einen Rechenfehler zurück. Wie die Zahlen zustande kommen, weiß ich wirklich nicht, aber die Relation wird schon ungefähr stimmen. Nein, Ganoven haben’s wirklich nicht leicht bei uns.«
»Hoffen wir, dass sich das rumspricht. Aber wer ist nun für diesen Fall zuständig?«
»Offiziell wohl St. Mickel, aber ein Großteil der praktischen Arbeit wird sicher von den Kollegen vor Ort erledigt.«
6
Manchmal muss man sich schon wundern, was man alles mitmacht. Zumindest für mich war es das erste Mal, dass ich ein Skelett im Wald gesehen habe.
Doch selbst ein Profi wie Olli wirkt ein wenig bedrückt. Er steht schweigend am Herd und bereitet unser Abendessen zu: Hechtfrikadellen nach Art des Hauses.
Der Nachmittag war strahlend schön gewesen. Wir hatten nichts Bestimmtes getan. Gebadet. Gefaulenzt. In der Zeitung geblättert. Ein bisschen über Dimitri geredet und über sein Ende im Wald spekuliert.
Wir wissen nicht mehr von ihm, als dass er bei Bäck gewohnt und gearbeitet hat. Sich um den Hof, die Tiere und den Wald gekümmert hat. Bäcks rechte Hand. Bis er verschwand. Niemand kennt die näheren Umstände, doch liegt ein Zusammenhang mit Bäcks Tod auf der Hand. Glauben wir zumindest. Mit dem Fahrrad, mitten im Winter? Zumindest das Warum scheint geklärt zu sein. Bleibt die Frage nach dem Wohin.
Wohin wollte er mit dem Fahrrad? Hatte er jemanden treffen wollen?
»Ist schon ein komisches Gefühl für einen Polizisten«, sagt Olli, um seine Wortkargheit zu erklären. »Da wird jemand ganz in deiner Nähe umgebracht, und mit den Ermittlungen hast du nichts zu tun.«
»Warten wir ab, was deine Kollegen aus St. Mickel herausfinden. Und wer verbietet uns denn, eigene Überlegungen anzustellen? Soviel ich weiß, ist es nicht verboten, einen Mörder zu finden, auch wenn man nicht mit der Suche beauftragt wurde.«
»Stimmt schon ...«
»Sag mal, hältst du es eigentlich für möglich, dass die Uhr gestohlen wurde? Dass der Tote ein anderer war? Weiß irgendjemand, wo Dimitri herkam? Vielleicht gibt es Verwandte, die benachrichtigt werden sollten.«
»Nicht dass ich wüsste. Bisher ist rein gar nichts über ihn bekannt. Niemand weiß, wie lange er sich ohne Visum ihn Schweden aufgehalten hat. Diese Gegend ist ja nicht sonderlich dicht besiedelt. Da sollte es einem nicht so schwer fallen unterzutauchen«, entgegnet Olli und stellt die Hechtfrikadellen auf den Tisch.
»Vielleicht hatte er eine Freundin oder ist mal zum Zahnarzt gegangen. Irgendjemand wird ihn doch wohl gekannt haben.«
»Wir wissen es nicht. Und ich glaube auch nicht, dass der Gerichtsmediziner aus dem Skelett noch viele Erkenntnisse ziehen kann. Soweit ich das erkennen konnte, hat er eine Kugel in die Brust bekommen. Vermutlich eine Hinrichtung. Eine Kugel direkt ins Herz. Zwei Rippen sowie das Brustbein waren gebrochen. Wenn er erschossen wurde, wie ich glaube, dann starb er vermutlich an Ort und Stelle«, sagt Olli.
»Vielleicht konnte er sich dort hinschleppen, wo wir ihn gefunden haben.«
»Mit einer Kugel im Herzen?«
»Was ist mit Selbstmord?«
»Glaub ich nicht. Warum hätte er dann so weit mit dem Fahrrad fahren, sich durch das Gestrüpp kämpfen und unter einer Fichte verstecken sollen? Nein, nein, Selbstmord sieht anders aus.«
»Aber all seine Sachen? Wenn er bei Bäck auf dem Hof wohnte, dann muss er doch auch persönliche Dinge besessen haben.«
»Was glaubst du eigentlich, was die Polizei getan hat, nachdem Dimitri verschwunden war? Natürlich sind seine Sachen durchsucht worden, Stück für Stück. Das hat ungefähr drei Minuten gedauert. Wenige Kleidungsstücke, ein paar Bücher, Zeichnungen, Seife, Handtücher – nichts, was auch nur im Geringsten Aufschluss über seine Identität geben könnte. Allerdings war er ein ziemlich begabter Zeichner.«
»Was hat er gezeichnet?«
»Tiere, die Natur, den Hof, Stillleben, Porträts von Jens Bäck.«
»Wie merkwürdig«, murmele ich, während ich den Tisch decke.
»Und doch hat er keinerlei Spuren hinterlassen. Wir haben natürlich schon damals bei unseren russischen Kollegen angefragt, aber das hat auch nichts gebracht. Als hätte er nie existiert, und doch scheint ihn jemand gut genug gekannt zu haben, um ihm eine Pistole auf die Brust zu setzen und eine Kugel ins Herz zu jagen. Da kriecht man nirgends mehr hin. So, und jetzt will ich nicht mehr darüber reden. Lass uns einfach essen und an etwas anderes denken. Vielleicht kommt ja was Schönes im Fernsehen heute Abend ...«
Das Thema zu beenden fällt mir zwar nicht leicht, aber die Hechtfrikadellen sind wirklich nicht zu verachten, sie schmecken sogar ausgezeichnet. Und was das Fernsehprogramm angeht, haben wir ebenfalls Glück: ›Alarm im Weltall‹, ein Film von Fred M. Wilcox aus dem Jahr 1956. Vor vielen, vielen Jahren habe ich ihn schon mal gesehen. Ein amerikanischer Astronaut findet im Jahr 2200 auf einem fernen, technisch fortschrittlichen Planeten einen dort gestrandeten wahnsinnigen Wissenschaftler, dessen Gedanken zerstörerische Wirkung haben. Er verliebt sich in dessen Tochter und kann sich mit ihr auf die Erde retten. Ich glaube, das war der erste Film mit rein elektronischer Musik. Über die Qualität des Films lässt sich streiten, aber er macht uns Spaß und bringt uns auf andere Gedanken.
Nach dem Weltraumabenteuer trinken wir Tee, und ich sage Olli, dass ich morgen früh nach Hause fahre. Im Moment bleibt uns doch nichts zu tun. Bella und die Hunde brauchen mich, außerdem kann ich ja jederzeit wiederkommen.
Ich spüre, dass der Fall Bäck und Dimitris Tod mich so schnell nicht loslassen werden. Ich muss recherchieren. Jedenfalls ein bisschen.
Am nächsten Morgen verabschiede ich mich, steige ins Auto und trete die Heimreise an. Fahre auf dem kürzesten und schnellsten Weg nach Helsinki, wo ich in den Hägnashallen noch ein paar Blätterteigpasteten kaufe, ehe ich zu Hause aufkreuze. Die kleine Wohnung wirkt verdammt leer. Ich lege meine Einkäufe in den Kühlschrank und mache mir rasch etwas zu essen. Haferflocken mit Sauermilch, die ein kaltes Gefühl im Bauch hervorruft.
Dann denke ich nach.
Zwei Menschen sind tot. Zwei Menschen, die auf demselben Hof lebten und wohl ungefähr zur selben Zeit starben. Das konnte kein Zufall sein. Und warum war Dimitri überhaupt verschwunden? Vermutlich hatte er alles mit angesehen. Hatte sie beobachtet und glaubte oder wusste ... wusste, dass eigentlich er das Opfer sein sollte. Dass er ermordet werden sollte und Bäck dem Mörder nur in die Quere kam und deshalb mit dem Leben bezahlen musste. Was sollte es denn für einen Grund geben, einen mürrischen alten Landarzt zu töten? Auch war es ja im Grunde kein Mord, sondern zunächst Körperverletzung gewesen. Vielleicht hatte man aus Bäck herausprügeln wollen, wo Dimitri sich aufhielt. Vielleicht hatte er die Antwort verweigert. Dann stahl der Täter die Bilder, um einen Einbruch vorzutäuschen. Lebte Dimitri bei Bäck das Leben eines Eremiten mit Pferden, Hühnern und Enten, weil er hatte untertauchen müssen? Weil er vor der russischen Mafia geflüchtet war? Es fällt mir schwer, daran zu glauben. Wer würde sich schon jahrelang auf dem einsamen Hof eines exzentrischen Arztes verstecken?
Wir wär’s mit Dimitri als desertiertem Geheimagenten oder entlaufenem Novizen eines orthodoxen Klosters in Karelien? Haha, träum weiter, Josef!
Als ich gerade erwäge, zum Hörer zu greifen und Olli anzurufen, stürmen die Hunde samt Bella und einem Italienisch sprechenden Herrn in die Wohnung. Verdattert stelle ich mich vor, während Muffins und Tipsa begeistert über mich herfallen. Wenige Minuten später geben sie mir dann Gelegenheit, mich unserem Gast zuzuwenden.
»Enrico Malipiero, Violine ...«
Er ist rundlich und kurz gewachsen. Reicht Bella gerade bis zu den Achseln. So um die sechzig, würde ich schätzen. Er schüttelt mir strahlend und temperamentvoll die Hand.
»Bella on puhunut teistä«, sagt er mit kräftigem italienischem Akzent. Sein Finnisch ist noch schlechter als meines.
Er fährt mit einer Mischung aus Italienisch und Englisch fort und erklärt, er habe Bella schon vor langer Zeit in Italien kennen gelernt.
»Sie hat mir den Tipp gegeben, mein Glück im Norden zu versuchen, und hier bin ich! Drei interessante Jahre habe ich bereits hinter mir. Und sogar Finnisch habe ich gelernt. Als ich Bella plötzlich singen hörte, habe ich meinen Augen, äh, meinen Ohren nicht getraut ... sie hat eine wundervolle Stimme.«
Enrico hat eine kleine Wohnung in der Nähe und war von Bella zu einer Tasse Tee eingeladen worden. Nächste Woche will er endlich mit seiner Freundin zusammenziehen, die der eigentliche Grund dafür ist, dass es ihn nach Finnland verschlagen hat. Und bald sollen die Hochzeitsglocken läuten.
Er redet davon, wie schön es doch sei, alten Bekannten zu begegnen, noch dazu, wenn sie Italienisch sprächen. Bella verdankt ihre Italienischkenntnisse ihren Engagements an italienischen Opernhäusern. Ich selbst bin nur weniger Worte mächtig; vorwiegend solcher, die man beim Einkaufen braucht und die ich während unserer Zeit in Palestrina aufgeschnappt habe.
Wir haben kaum zu reden begonnen, geschweige denn Tee gekocht, als er darauf besteht, uns in seine Wohnung einzuladen. Wir lassen die Hunde zu Hause und gehen den kurzen Weg zu Fuß. Er serviert uns italienische Köstlichkeiten: Ciabatta, kleine Würstchen, Schinken, Oliven, Bel Paese und Ruccola. Mehrere Stunden später kehren wir mit dicken Bäuchen und mehr als vergnügt wieder in unsere eigenen vier Wände zurück.
»Die perfekte Methode, seine Figur zu ruinieren«, seufzt Bella, und ich gebe ihr Recht.
»Und ausgerechnet heute Abend wollte ich dich zum Essen einladen. Ich hatte eigentlich ans Lehtovaara gedacht, aber ich glaube, das können wir uns schenken«, stelle ich nüchtern fest.
»Übermorgen werde ich einen Riesenhunger haben, das verspreche ich dir!«
»Warum übermorgen?«
»Weil morgen Premiere ist. Das hast du doch nicht vergessen?«
»Nein, natürlich nicht ... und nach der Premiere?«
»Du weißt doch: Premierenfeier. Aber es wird schon nicht so spät werden, vielleicht halb eins, eins – oder so ungefähr«, fügt sie sicherheitshalber hinzu.
Ich hatte tatsächlich die Premiere vergessen. Es ist reiner Zufall, dass ich in Helsinki bin. Ich schäme mich leise und frage mich, ob ich mir eine Karte hätte besorgen sollen.
»Übrigens bin ich dir dankbar, dass du mich nicht um eine Premierenkarte gebeten hast. Ich bin schon nervös genug. Wenn ich wüsste, dass auch du noch im Publikum sitzt ...«, sagt Bella, und ich bin gerettet.
»Ich weiß, aber ich werde mich um dich kümmern, wenn du nach Hause kommst. Vielleicht hole ich dich auch mit den Hunden von der Premierenfeier ab, dann brauchst du jedenfalls nicht mitten in der Nacht allein durch Helsinki zu wanken.«
»Ach du ...«
Die Nacht war sanft. Der Abend lau. Ich liege auf meiner Seite des Bettes und lese im Schein einer kleinen Lampe. Bella schläft. Die Hunde dösen vor sich hin und warten darauf, dass ich aufstehe oder das Licht lösche und einschlafe, damit sie das Fußende des Bettes in Besitz nehmen können.
Morgen war also Premiere. Verdammt noch mal, wie konnte ich das nur vergessen?
In Gedanken sehe ich Smokings und elegante Abendkleider. Oder sind es die Kostüme, die ich mir vorstelle? Das alles hat so wenig mit meiner eigenen Welt zu tun. Bis jetzt habe ich Bellas Arbeit immer als ganz normale Beschäftigung wahrgenommen. Habe sie zur Probe gehen und Unterricht geben sehen. Habe aus der Ferne verfolgt, wie sie an verschiedenen Häusern gastierte und kleinere Rollen übernahm, oft weit von zu Hause entfernt. Den Wirbel um eine Premiere habe ich noch gar nicht kennen gelernt, doch wie meine Mutter stets sagt: Man muss sich auf die Gegebenheiten einzustellen wissen. Und da ich schon von meiner Mutter spreche: Die würde sich auf jeder Premierenparty wie ein Fisch im Wasser fühlen.
Mit diesem Gedanken muss ich eingeschlafen sein, denn als ich das nächste Mal die Augen öffne, liegen zwei erwartungsvolle Hunde neben mir, und Bella steht unter der Dusche. Versucht, ihre erhitzten Nerven abzukühlen.
Nachdem wir gefrühstückt und die Hunde ausgeführt haben, will Bella sich für die Feier am Abend etwas Hübsches zum Anziehen kaufen. Das fällt ihr ja früh ein ... Ich soll sie beraten.
»Leider weiß ich nicht richtig, wo ich hingehen soll. Du kennst dich doch so gut in der Stadt aus, Josef. Geschmackvoll soll es sein, aber nicht zu teuer. Du weißt schon, eher was Modernes, aber vor allem individuell ...«
»Woher soll ich wissen, wo es elegante Kleider gibt?«
»Du kennst jedenfalls mehr Geschäfte als ich. Komm schon, denk nach!«
»Wir könnten es ja bei Marimekko an der Nördlichen Esplanade probieren ...«
»Ach nein, nicht Marimekko. Ich will doch etwas Schickes, keine Baumwolle ... etwas, das was hermacht, ohne gleich ein Vermögen zu kosten.«
»Aber so was gibt es auch bei Marimekko«, protestiere ich zaghaft, doch sie hört mir nicht zu.
Wir stapfen auf die Straßenbahnhaltestelle am Mannerheimvägen zu. Wir wollen ins Zentrum, wo sich in der Regel alle teuren und vermutlich auch feinen Geschäfte befinden. Nachdem wir ausgestiegen sind, wissen wir zunächst nicht, welche Richtung wir einschlagen sollen. Da sich das Stockmanns, ein großes Kaufhaus, ganz in der Nähe befindet, versuchen wir zunächst dort unser Glück. Wir treten ein und kommen uns völlig verloren vor. Bella entert in ihrer Verzweiflung sofort eine Boutique, die sehr exklusiv sein muss, wenn man die gelangweilte Unnahbarkeit des Personals zum Maßstab nimmt. Ich schnappe mir dreist die nächstbeste Verkäuferin und kümmere mich nicht darum, dass sie so tut, als sei sie beschäftigt. Als ich ihr unsere Notlage erkläre – eine ausländische Operndiva, heute Abend Premiere –, verändert sich ihre Haltung, und nach nur einer Stunde fleißiger Anprobe findet Bella, wonach sie gesucht hat: das klassische kleine Schwarze mit wenigen geschmackvollen Applikationen. Seriös und intelligent. Nicht zu protzig. Außerdem findet Bella sich in Schwarz besonders schlank. Es muss noch ein wenig gekürzt werden, sonst ist alles perfekt.
»Sitzt wie angegossen«, stellt Bella fest. »Ich darf nur nicht zu viel essen heute Abend.«
»Na, wie ich dich kenne, hältst du dich ja ohnehin mehr an den Champagner.« Ich grinse frech.
Um achtzehn Uhr kann das Kleid abgeholt werden. Ich darf es höchstpersönlich zur Oper fahren, mich zum Künstlereingang hineinschleichen und es dort für sie abgeben.
Näher kann ich der Party nicht kommen.
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