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Heike Meckelmann

Küstensturm

Kriminalroman


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Atemlos! Lotta Freimann wird kurz nach ihrer Ankunft auf der Ostseeinsel Fehmarn tot am Strand von Staberhuk aufgefunden. Ihre Freundinnen Tilda und Stina sind erschüttert. Sie wollten den gemeinsamen Urlaub nutzen, um den Liebeskummer von Stina zu bekämpfen – und nun kämpfen sie im Wald von Staberhuk um ihr Leben. Ein Mann, der die Waldhütte mit einem gefährlichen Geheimnis aus seiner Vergangenheit verbindet, beobachtet die Frauen und bedroht ihre Leben. Kurze Zeit später spürt der Polizeihund Watson eine weitere Leiche auf. Die Kommissare Westermann und Hartwig suchen fieberhaft nach dem Täter. Die Dritte der Freundinnen verlässt die einsame Hütte und wird unter Polizeischutz gestellt. Doch dann will sie ihren Aufenthalt abbrechen und ihre letzten Sachen aus der Hütte holen. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, als der Mörder sich erneut auf die Jagd nach der jungen Frau begibt, um an sein Ziel zu gelangen. Wird es Westermann und Hartwig, mit Unterstützung der Hobby-Ermittlerin Charlotte Hagedorn, gelingen, den Mörder rechtzeitig zu finden?

Heike Meckelmann wurde in der Nähe von Elmshorn geboren und zog vor mehr als 30 Jahren auf die Insel Fehmarn. Sie betrieb nach dem Studium der Betriebswirtschaft auf der Insel lange Zeit einen Friseurbetrieb und eine Hochzeitsagentur. Viele Jahre arbeitete sie als Fotografin und nahm als Sängerin ein eigenes maritimes Album auf, bevor sie mit ihrer Familie eine Pension auf der Insel übernahm. Seit 2016 arbeitet sie als freie Autorin auf Fehmarn und schreibt Kriminalromane, die überwiegend auf der Insel spielen, und Reiseliteratur. Über 17 Jahre mit einem Fehmaraner verheiratet, bezeichnet sie sich durch und durch als Insulanerin, die ihre Insel genauso liebt, wie die Geschichten, die sie auf der Sonneninsel schreibt.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Zeichnungen im Buch: © Kornelia Groll

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Dirk Hinz / photocase.de

ISBN 978-3-8392-6760-8

Zitat

Entzünde im Wald ein Licht für jede dort verborgene Seele … es wäre taghell.

(Heike Meckelmann)

Kapitel 0

Eiskalte Regentropfen peitschten wie Nadelstiche in sein Gesicht, als das Boot auf unbeherrschten Wellen mitten in der Nacht Richtung Strand schlingerte. Das Kribbeln nahm zu, als er daran dachte, wie er ihren Körper entsorgt hatte. Er wollte mehr …


»Lass uns Steine werfen«, rief Jonas seinem Vater zu. »Ja, such flache Stücke, damit kann man wunderbar ditschen.«

»Was ist ditschen, Papa?« Der achtjährige Blondschopf aus einem kleinen Dorf von der Ostküste Fehmarns sah seinen Vater von der Seite an. »Ditschen … das bedeutet, dass man einen Stein so auf die Wasseroberfläche wirft, dass er mehrmals wieder hochspringt, bevor er im Wasser verschwindet.«

»Aha, dann ditschen wir jetzt die Steine ins Wasser.« Aufgeregt lief er am Strand umher, um passende Stücke zu finden.

»Paaapa, da liegt eine Frau!«, brüllte Jonas und deutete auf den Fuß der Steilküste, die senkrecht nach oben ragte. Nicht weit entfernt der Leuchtturm von Staberhuk.

»Du tüddelst«, rief sein Vater und stapfte durch den Sand. »Das macht der Nebel, da kann man schon mal Gespenster sehen«, lachte sein Dad, dem das Lächeln gefror, als er die leblose Person entdeckte. Jonas hatte recht. Vor ihm am Strand lag eine Frau. Ihre langen blonden Haare hatten sich um ihr Gesicht ausgebreitet. Sie schaute mit starrem, gebrochenem Blick genau in ihre Richtung. Nico Weiland hielt seinem Sohn die Augen zu und zog ihn geschockt zur Seite. Der 40-Jährige war nicht leicht aus der Fassung zu bringen, aber das hier überstieg seine Toleranzschwelle. Er schluckte, zog sein Handy aus der Hosentasche und wählte die Nummer der Polizei. »Hier liegt eine tote Frau am Strand. Ja, die ist eindeutig tot. Staberhuk, unterhalb der Steilküste. Etwa 200 Meter vom Parkplatz entfernt. Gut, wir warten.«

Kapitel 1

Es sollte eine Reise der Heilung werden und endete in einer Katastrophe.


Stina drehte den Schlüssel im Schloss. Leise öffnete sie die Tür zu Marcels Appartement. Ein sanftes Kribbeln durchströmte ihren Körper, als sie sein unwiderstehliches Lächeln vor sich sah. Er war ihre große Liebe. Zehn Jahre waren sie zusammen. Sie war ein halbes Kind, zurückhaltend und verspielt, als er sie in ihrem Lieblingscafé ansprach, in dem sie mit ihrer besten Freundin oft Zeit verbrachte. Nachdem er am Nebentisch seinen Espresso genippt, sich mit der Hand selbstsicher durch die dunklen Haare gefahren und die Mädchen minutenlang durch gletscherblaue Augen fixiert hatte, kam er zu ihnen und lud sie und ihre Freundin zu einem Kaffee ein. Auf Anhieb hatte der Mann sie beeindruckt, und sie verliebte sich augenblicklich in ihn. Dass er wesentlich älter war, spielte in ihren Augen keine Rolle.

Der 37-jährige erfolgreiche Geschäftsmann verwöhnte sie, bereitete ihr mit jeder Geste und teuren Geschenken ein Leben, von dem andere in ihrem Alter nur träumen konnten. Sie wohnte zu Hause, bis sie mit dem Studium begann, und ihre Eltern beobachteten die Beziehung zuerst mit gewissem Argwohn, der sich schnell auflöste, weil sie ihre Tochter bei Marcel Andresen sicher aufgehoben wähnten. Dennoch baten sie Stina, bis zum Abschluss ihres Studiums in ihrer eigenen Wohnung zu bleiben.

Sie entwickelte sich zu einer attraktiven Frau, weshalb er sie wie einen kostbaren Schatz im Auge behielt. Er war nicht eifersüchtig, er wollte seinen Besitz schützen.

Zu ihrem 27. Geburtstag hielt er den Zeitpunkt für angebracht zu heiraten. Als Zeichen steckte er ihr einen funkelnden Diamantring an den Finger. Das alles klang nach einer fetten Seifenoper.

Heute wollte sie ihn überraschen. Stina hatte sich den Nachmittag freigehalten, obwohl sie für ihre Abschlussarbeit lernen musste. Die zierliche Studentin absolvierte ein Studium in Sport und Politik. Marcel hatte sie gebeten, nicht zu studieren. Er hielt es nicht für angebracht. Sie sollte als Frau an seiner Seite brillieren und brauchte in seinen Augen kein Studium. So schmeichelhaft sie es empfand, so verbissen stritt sie mit ihm um ihre persönliche Freiheit. Marcel war erfolgreicher Startupper und verdiente ein Vermögen mit seiner Marketingfirma im Bankenviertel von Frankfurt. Sie wollte ihm nicht nachstehen und ihre Unabhängigkeit bewahren. Aber heute hatte sie vor, ihn zu verwöhnen.

Lautlos schlich Stina voll Vorfreude in den Flur, zog das Haargummi aus ihren langen weizenblonden Haaren und schüttelte sie. Marcel liebte es, wenn sie ihre Haarpracht offen zur Schau stellte. Er nannte sie dann Rapunzel, was den eigentlichen Stand ihrer Beziehung offenbarte, las man zwischen den Zeilen. Diese Märchenfigur saß in einem Turm gefangen, genau wie sie, nur dass ihrer luxuriös war und sie nicht erkannte, dass er von dort alle Fäden zog.

Ihre blauen Augen strahlten, als sie den weitläufigen, mit schwarzem Marmor gefliesten Flur entlangschritt, um den Wohnbereich zu betreten.

Vor einer halben Stunde hatte sie in Marcels Firma angerufen. Seine Assistentin, die ihn besser kannte als jeder andere, hatte ihr mitgeteilt, dass er zu einem Termin sei und dann direkt nach Hause fahren wollte. Jetzt würde sie ihn überraschen. Ihr Blick wanderte zur modernen, ebenfalls mit schwarzen Fliesen und gleichfarbigen Hochglanzschränken ausgestatteten Küche, um dann beim Panoramablick der Frankfurter Skyline hängenzubleiben. Diese Aussicht würde in naher Zukunft ihr Zuhause sein. Ihr Herz schlug heftig. Sie warf einen Blick auf den funkelnden Verlobungsring, der an ihrem linken Ringfinger sein Feuer versprühte, wie Marcel es ausdrückte. Langsam zog Stina eine Flasche aus ihrer dunkelblauen Ledertasche … Dom Perigon … An diesem Abend wollte sie ihm zeigen, wie sehr sie ihn liebte. Dazu gehörte nicht nur der Champagner, sondern auch das rote Nichts aus hauchdünner Seide, das mehr zeigte als verhüllte und das sie in ihrer Tasche verwahrte. Marcel hatte nie verlangt, sie in Dessous zu sehen, was sie zur Kenntnis nahm, aber nicht beunruhigte. Er war eben anders als andere Männer. Sie drückte das weiche Leder der Tasche an sich, um diesen besonderen Schatz zu hüten, und bekam rote Wangen. Stina zog am Wasserfallkragen ihrer meerfarbenen Bluse, als hätte sie Atemnot. Sie öffnete den Kühlschrank, um die Flasche kaltzustellen, als sie im Hintergrund leise Musik wahrnahm. Stina blieb stehen und lauschte. Sie legte ihre Tasche auf die Kücheninsel, um nachzusehen, woher sie kam. Marcel hatte sicher vergessen, das Bluetooth-Gerät im Bad auszustellen? Sie wusste, dass dies vorkam, weil er ständig in Eile war. Ein Workaholic. Und zu Hause konnte er nicht sein, das hatte sie von seiner Assistentin erfahren.

Stina hielt noch immer die Flasche in der Hand und huschte auf dem Steinboden Richtung Schlafzimmertür, um in das angrenzende Bad zu gelangen.

Als sie die schweren schwarz lackierten Eichentüren aufschob, blieb ihr Herz für einen Augenblick stehen. Das Szenario, das sich ihr bot, ließ sie geschockt im Türrahmen verharren. Innerhalb eines Moments zersprang das Bild einer glücklichen Beziehung in 1000 Scherben. Sie war wie gelähmt und nicht in der Lage, ein einziges Wort herauszubringen. In ihr explodierte das Gefühl, jemand würgte sie und sie müsste sterben. Ihr wurde schwindelig. Ihr Blick war starr auf das Bild vor ihr gerichtet.

Auf dem Kingsizebett lag Marcel … nackt auf dem Rücken. Er hatte die Augen geschlossen und stöhnte erregt. Auf ihm hockte rittlings eine Frau mit schulterlangen, lockigen dunklen Haaren, die sich in Ektase wild mit den Fingern durch die Mähne fuhr. Seine Hände hatten ihre Hüften gepackt und gaben den ruckartigen Takt an. Sie stöhnte aufgegeilt und bewegte sich im vorgegebenen Rhythmus auf Marcels Lenden. Er schnaufte durch die Nase und befahl mit eiskaltem Ton: »Los, gib’s mir. Fick mich! Härter, du Schlampe.« Er rammte die Unbekannte wie einen Amboss auf seinen Schwanz und schien kurz vor dem Höhepunkt zu stehen. Stina sah sein verzerrtes Gesicht, dann glitt ihr Blick zum gläsernen Nachtisch. Dort lag ein Streifen mit weißem Pulver und ein zusammengerolltes Stück Aluminiumpapier. Sie wusste sofort, dass es sich um Kokain handelte.

Tränen stiegen in ihre Augen, als Marcel nach den Brüsten der Frau griff und sie hart durchknetete. In Ekstase schlug er die Augenlider auf.

Sein verzerrter Blick traf ihren. Ruckartig stieß er die stöhnende Person von sich und schnellte hoch. Seine Bettgefährtin landete neben Marcel auf der Matratze und sah ihn fassungslos an. Im gleichen Moment entdeckte sie, warum er sie heruntergestoßen hatte. Sie erfasste die Situation, lehnte sich lasziv auf die Seite und fuhr ihrem Liebhaber besitzergreifend mit den Fingerspitzen über seine nackte Brust. Lächelnd wischte sie mit der anderen Hand Pulverreste von ihren Lippen, um sie genüsslich vom Handrücken zu lecken.

»Stina, es ist nicht, wonach es aussieht«, war Marcels peinlicher Versuch, seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen, und der erniedrigende Satz, der 1.000-fach in derartigen Situationen benutzt wurde, um zu retten, was nicht mehr zu retten war. Er stieß die Frau erneut von sich, schnellte aus dem Bett, streifte eine am Boden liegende Hose über die Hüften und schoss auf seine Verlobte zu. Seine dunklen Haare hingen ihm vor den Augen. Stina holte aus, schlug Marcel die flache Hand ins Gesicht, drehte sich um und griff nach der auf dem Tresen liegenden Tasche. Sie war im Begriff, fluchtartig die Wohnung zu verlassen, als sie bemerkte, dass sie die Flasche Champagner noch immer in der Hand hielt. Sie holte tief Luft, und drehte sich um. Mit eiskaltem Blick ging sie zurück, sah Marcel mit wutverzerrtem Gesichtsausdruck im Raum stehen und schmetterte den Dom Perigon gegen die Wand über dem Bett. Die Fremde schrie auf und hielt schützend ihre Arme vor die Augen. Die Flasche zersprang in 1.000 Stücke, und die Scherben fielen auf die zerwühlten Seidenlaken. Der Champagner hinterließ einen riesigen Fleck an der Betonwand, der sich Richtung Fußboden ausbreitete. Stina drehte sich um und rannte zur Eingangstür. Sie hörte seinen Schrei durch das Loft hallen, als sie die Tür hinter sich schloss. Dann war ihre Kraft verbraucht.

Sie wollte ihn nie wiedersehen …

Kapitel 2


Der schlanke Mann sog die Luft tief in seine Lungen. Sie roch nach Freiheit. Er zog den verschlissenen Bundeswehrrucksack über die linke Schulter und setzte einen Fuß vor den anderen.

Er drehte sich nicht ein einziges Mal um. Mit jedem Schritt folgte er dem inneren Drang, dieser Gegend den Rücken zuzukehren. Er nudelte den winzigen silbernen Stecker in seinem Ohrläppchen, bis es rot anschwoll, dann steckte er eine Hand in die Hosentasche der verwaschenen Jeans, die locker auf seinen Hüften saß. Mit der anderen zog er die dunkle Kapuze seines Hoodies tief in die Stirn. Nachdenklich zog er die Hand wieder aus der Tasche und betrachtete die Innenfläche. 27 Euro 75. Für einen Moment blieb er stehen, zog die Augenbrauen hoch, begutachtete die Münzen und die beiden zerknitterten Zehn-Euro-Scheine. Emotionslos ließ er die Hand wieder in der Tasche verschwinden. Er hatte die leise Ahnung, dass ihm nichts anderes übrig bleiben würde. Er musste per Anhalter fahren. Das Geld brauchte er. Schließlich benötigte er heute noch irgendetwas Essbares. Ludger Hanke zog den Reißverschluss der schwarzen Bikerjacke hoch und stapfte weiter.

Trotz der prekären Finanzlage legte sich ein überlegenes Lächeln auf seine Lippen. Er stellte sich an den Straßenrand und hielt immer dann, wenn ein Wagen heranrollte, den Daumen hoch. Etliche Autos fuhren an ihm vorbei, ohne seiner Person Beachtung zu schenken. Wer will auch einen bärtigen Kerl mit finsterem Blick neben sich auf dem Beifahrersitz sitzen haben?, überlegte er und stiefelte weiter. Niemand hielt in der darauffolgenden Stunde an. So lief er eine gefühlte Ewigkeit und etliche Kilometer durch eisige Kälte. Der Januar forderte seinen Tribut, die Minusgrade drangen langsam durch seine Kleidung. Er war sich sicher, dass über kurz oder lang ein Wagen halten würde. Es hatte angefangen zu schneien. »Verdammt!«, murrte er, das Wetter war niederschmetternd und die Nässe setzte seiner Kleidung und dem Gemüt zu. Er fing an zu frieren. Häuser wurden mit jedem Kilometer seltener. Vom Winter kahl gefressene Bäume säumten stattdessen die Straßen. Zielstrebig folgte er der Allee. Es kann ja nicht ewig dauern, irgendein Idiot … seine positive Energie erhielt erste Kratzer. Seine Lippen liefen blau an und die Laune sank auf ein Minimum. So habe ich mir meine Freiheit nicht vorgestellt, dachte er und legte an Geschwindigkeit zu. Ich muss irgendwo unterkommen, wenn nicht bald …

In diesem Moment unterbrach tiefes Brummen seine Gedanken. Hanke blieb stehen und neigte seinen Kopf so, dass er das Fahrzeug trotz seiner Kapuze erkennen konnte. Mit pfeifendem Ächzen hielt neben ihm ein 40-Tonner. Ludger atmete erleichtert auf und öffnete die Beifahrertür. Der Fahrer, ein grauhaariger Mann um die 50, sah ihn durchdringend an und fragte: »Wo soll’s hingehen«?

»Richtung Küste?«

»Könnte was werden, wenn du nicht wählerisch bist. Ich muss über Kiel nach Flensburg.« Der Fahrer verzog seinen Mund und zuckte die Schultern.

»Flensburg, Kiel, perfekt!«

Kapitel 1


»Don’t lie to me, lie to me, promise me«, dröhnte es durch den Wagen, als Lotta und Tilda ihre Stimmen zum Besten gaben. Dann verstummte das Lied der Sängerin Lena. Lotta Freimann, die blonde OP-Schwester, die den Golf steuerte, schaltete das Radio aus. »Da, die Ostsee!« Johlend hob Tilda, die auf dem Beifahrersitz saß und ihre Füße auf das Armaturenbrett gelegt hatte, ihre Hand und deutete mit ihrem Finger Richtung Windschutzscheibe. »Geil, das ist ja so geil!«, rief sie und rutschte auf dem Sitz von einer Seite zur anderen. »Nun mach mal halblang. Das ist ja nun nicht so aufregend«, entgegnete Lotta, gähnte und rollte ihre grünen Augen. Sie war müde. Außerdem kannte sie die Insel seit ihrer Kindheit. Sie hatte oft mit ihren Eltern auf Fehmarn die Ferien verbracht. Für sie war die Ostsee eine vertraute Umgebung. Es war für sie wie nach Hause kommen. Wenngleich ihr Herz ebenso zu klopfen anfing, wie das ihrer Freundin, die vor Energie nur so strotzte. Sie freute sich darauf, Tilda und Stina ihre Insel näherzubringen. Stina Christiansen, die schweigsam im Fond des Wagens saß, beugte sich nach vorn und stützte ihre Ellbogen auf die Lehnen von Fahrer- und Beifahrersitz. Wortlos warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr und blies sich eine lange blonde Haarsträhne aus dem blassen, schmalen Gesicht. Es war kurz vor 15 Uhr. »Wow«, hauchte sie beeindruckt, als sich wie aus dem Nichts die Stahlbetonbrücke träge aus dem Nebel schälte. »Die wirkt unheimlich in diesem Dunst«, sagte Stina mit brüchiger Stimme. »Und die wollen sie abreißen? Eine Konstruktion, die die Geschichte dieser Insel entscheidend geprägt hat? Ein Wahrzeichen, das selbst wir in unserem Kaff kennen? Denen sollte man mal die Konsequenzen aufzeigen«, philosophierte Tilda, nahm ihre Füße von der Ablage. »Ich fass es nicht.« Sie quetschte ihre Nase gegen die Seitenscheibe.

»Ich hoffe sehr, dass sie bleibt. Ich liebe diesen überdimensionalen Kleiderbügel«, erwiderte Lotta nachdenklich, und eine Falte bildete sich auf ihrer Stirn. Sie hatte ihre taillenlangen weizenblonden Haare mit einem Gummiband stramm am Hinterkopf zusammengerafft, sodass ihr apartes Profil reizvoll zu Geltung kam. Der elfenbeinfarbene Rollkragenpullover aus Mohairwolle schmeichelte ihrem Teint, wodurch sie der amerikanischen Schauspielerin Gwyneth Paltrow noch mehr ähnelte. »Die Brücke steht außerdem unter Denkmalschutz. Aber wer kann schon voraussehen, was Politiker sich alles einfallen lassen, um sich der alten Lady zu entledigen. So viel ich vor Kurzem erst gelesen habe, wird sie wohl erhalten bleiben. Dafür soll jetzt unterm Sund ein weiterer Tunnel gebaut werden«, sagte Lotta. »Warum das denn?«, wollte Stina wissen. »Na, für die vielen Züge und die Lkws, die bisher über die Brücke rollten.« Die zierliche Freundin auf der Rückbank versank wieder in ihrer Sprachlosigkeit, spielte mit einer Haarsträhne. Sie starrte aus dem Fenster, um auf das graue Wasser zu schauen, das ihre Laune widerspiegelte. Lotta konzentrierte sich auf die zum Teil gefährlich rutschige Fahrbahn. Der Wagen rollte langsam über die Brücke. Lotta, die normalerweise zehn- bis zwölf- Stunden-Schichten als Operationsschwester schob, spürte die Müdigkeit in jedem Knochen. Sie gähnte zum wiederholten Mal und fing an zu reden, um nicht am Steuer einzuschlafen. »Der neueste Stand ist anscheinend, dass sie die Brücke für den langsamen Verkehr erhalten, und die Bahn, Laster und Pkws durch den Tunnel sollen. Dann gäbe es hier sogar zwei unterirdische Wege auf Fehmarn. Aber genau weiß ich es leider auch nicht. Niemand wird schlau aus den wenigen Informationen, die durchsickern.« Lotta schüttelte den Kopf. »Warum noch einen Tunnel? Gibt es schon einen auf der Insel? Und woher weißt du das alles? Wir leben in Frankfurt«, wollte Tilda wissen und nagte an ihrer Unterlippe und betrachtete ihre Fingernägel. »Nein, aber hätte mich auch gewundert, wenn du dich mit dem Weltgeschehen auseinandersetzt. Hör mal, Tilda, hier soll zwischen Puttgarden und Rodby immerhin der längste Tunnel Europas entstehen.«

»Und was ergibt das für einen Sinn?«, fragte Tilda. »Aha, jetzt kommen Tildas Sinnfragen. Aber mal ehrlich. Keinen, wenn du mich fragst! Hier ist alles wunderbar so, wie es ist. Niemand, außer einer Handvoll Leute, braucht dieses Megaprojekt. Aber da wirken sehr wohl andere Mächte, wenn du mich fragst. Oder was meinst du, Stina, brauchen wir einen Tunnel?«

Die Studentin zuckte die Schultern. »Ist mir, ehrlich gesagt, egal.« Sie lehnte sich in die Polster zurück und schloss die Augen. Sie sieht mitgenommen aus, überlegte Lotta, als sie in den Rückspiegel sah, und seufzte.

Wenig später fuhren sie die Abfahrt Richtung Burg hinunter. »Zehn Minuten, dann haben wir es geschafft«, sagte die Krankenschwester und hielt sich erneut die Hand vor den Mund, weil sie das Gähnen nicht unterdrücken konnte. »Ich bin total müde.« Die Sportstudentin drehte den Kopf zum Fenster und kaute auf ihrem Nagel. Sie hing unübersehbar eigenen Gedanken nach. Ihr war es gleich, ob sie die Brücke abreißen würden oder Tunnel bauten. In ihrem Schädel drehte sich alles um das schrecklichste Erlebnis in ihrem Leben. In ihrem Blick offenbarte sich tiefe Traurigkeit, die selbst die vor ihnen auftauchende Altstadt von Burg nicht vertreiben konnte. Ein verräterischer Glanz bedeckte ihre Augen. Der immer dicker werdende Kloß im Hals erschwerte ihre Atmung.

Die Frage, was falsch gelaufen war in ihrer Beziehung, beschäftigte sie, seit sie Frankfurt verlassen hatten … eigentlich seit sie aus Marcels Loft geflohen war. Sie allein fühlte sich schuldig an der Trennung. Warum bin ich nicht mehr auf ihn eingegangen? Vielleicht habe ich ihm nicht genug gezeigt, dass ich ihn liebe. Vielleicht hätte ich …? Stina versank in Selbstvorwürfen und sah nach draußen, ohne auch nur irgendetwas wahrzunehmen. Tränen stiegen in ihre Augen und kullerten über ihre eingefallenen, blassen Wangen.

»Jede Menge Läden«, tönte Tilda und verwuschelte ihre langen dunklen Locken. In ihrem Gesicht zeichneten sich tiefe Grübchen ab, als sie Lotta grinsend von der Seite ansah. »Party und Shoppen fallen schon mal nicht aus.«

Lotta schüttelte den Kopf und drehte ihr Fenster einen Spalt herunter. »Du hast immer nur das eine im Sinn. Party und Shoppen. Wir wollen uns ausruhen, lesen und Stina aufmuntern, hast du das schon wieder vergessen? Und wie passt das alles nur mit deinen philosophischen Sinnfragen zusammen? Kneipen und Shoppen.« Sie deutete mit einer Kopfbewegung auf das Häufchen Elend auf der Rückbank. Tilda verzog den Mund und sah ihre Freundin beleidigt von der Seite an. »Männer hast du auf deiner Agenda vergessen. Hier ist sowieso der Hund begraben. Schau dich um. Wo man hinsieht, gähnende Leere. Hier sind so gut wie keine Menschen in diesem Kaff«, maulte Tilda und raufte sich die vom Kopf abstehenden Haare. Der Wagen rollte die Breite Straße entlang. »Da wird man ja wohl darauf hoffen können, dass nachts was abgeht. Wir müssen unser Stinalein zumindest ablenken.« Damit drehte Tilda sich um und zwinkerte der Studentin mit dem Liebeskummer aufmunternd zu.

Die junge Frau guckte ihre Freundin an und musste auf einmal lachen. »Das kann ja lustig werden. Ich freue mich auf die Woche mit euch. Und Party können wir auch in der Hütte veranstalten. Wein haben wir ja genug dabei. Außerdem siehst du schon aus, als wenn du gerade erst von einer Fete kommst.« Lotta hatte Burg längst verlassen und durchfuhr den Ort Staberdorf. »Nett«, stellte Stina fest und betrachtete die kleinen Häuser links und rechts der Straße. Dann wurden die Lichter und Gebäude immer spärlicher, und das milchig trübe Wetter zog wie eine Fahne über die vorbeiziehenden Felder. Es dämmerte. Wenig später lenkte Lotta ihren schwarzen Golf in einen schmalen Privatweg. »Darfst du da so reinfahren? Da war ein Verbotsschild!« Tilda deutete auf das nicht zu übersehende Schild. »Wir dürfen«, entgegnete Lotta und fuhr unbeeindruckt weiter. »Das habe ich mit der Eigentümerin des Gutshofes abgesprochen. Normalerweise darf kein Fremder hier reinfahren, Privatweg, aber als Mieter vom Ferienhaus …«, sie lächelte.

Kurz darauf bog die 28-Jährige in einen schmalen Waldweg ein. Sie stellte den Scheibenwischer an, weil der Nebel sich immer wieder schwerfällig auf die Frontscheibe legte und die Sicht erschwerte. Wenig später stoppte sie am Wegrand, der genau hier das Ende ihrer langen Fahrt bedeutete. Dahinter begann der Wald, das Staberholz, in dem sich die Ferienhütte befinden sollte. Groß und mächtig hatte er sich vor ihnen aufgebaut und wirkte nicht gerade vertrauenerweckend. Mittlerweile war es 15:30 Uhr. »Wird schon duster«, flüsterte Stina. »Wird Zeit, dass wir die Hütte finden.« Sie zog ihr Handy aus der Jackentasche, um die Taschenlampe anzustellen, warf einen Blick auf das Display und entdeckte unzählige WhatsApps und Anrufe in Abwesenheit. Der kann sich melden, bis er schwarz wird, dachte sie, zog die Augenbrauen zusammen und presste die Lippen aufeinander. Sie schaltete das Handy komplett aus und steckte es zurück in ihre Tasche. »Und wo ist jetzt die Hütte? Ich bin schon total gespannt«, wollte sie stattdessen wissen und verzichtete auf die Taschenlampe.

»Mitten im Wald, ist nicht mehr weit. Hat die Besitzerin am Telefon versprochen. Den Rest müssen wir von hier aus allerdings zu Fuß marschieren.«

»Also laufen. Bewegung hält den Geist wach und bringt den Körper in Wallung«, sinnierte Tilda, rutschte mit den Füßen in ihre derben Stiefel, band die Schnürsenkel zu und sprang aus dem Wagen. »Boah, ist das kalt«, rief sie und hechtete bibbernd in engen schwarzen Jeans und dunklem Pullover zum Heck des Golfs, um ihren dicken, wadenlangen rabenschwarzen Wintermantel aus dem Kofferraum zu ziehen. Sie öffnete die Klappe, zog den Mantel heraus und streifte ihn über. Dann griff sie nach der abgewetzten Ledertasche, in der sie ihre Sachen verwahrte. Lotta, ebenfalls in Jeans und Stiefeln, zog den Reißverschluss ihrer blauen Daunenjacke hoch, die auf dem Rücksitz gelegen hatte, und stieg ebenso aus. Gefolgt von Stina, die sich einen rosa Schal um Hals und Haare schlang, der in Kontrast zu ihren himmelblauen Augen stand. »Ist schon sehr einsam hier«, stellte sie leise fest und schluckte.

»Wieso, wir wollten doch eine Hütte im Wald, jetzt hast du sie. Bin echt gespannt, wie das Teil aussieht«, sagte Tilda, lachte, und es klang frech.

Alle drei schulterten ihre Rucksäcke, packten die Taschen. Dann stiefelten sie los. Auf Tildas Rücken, in ihrem Bundeswehrrucksack, klackerte es verdächtig. »Sag mal, hast du nur Flaschen mit?«, fragte Lotta und drehte sich zu ihrer Freundin um. »Nö, aber ein bisschen Flüssiges muss sein. Ich wusste ja nicht, wann wir einkaufen können, und bis dahin hält mein Bestand den Geist beieinander.« Sie zuckte grinsend die Schultern. Je weiter sie ins Innere des Gehölzes vordrangen, umso stiller und unheimlicher wurde es. Ein nicht zuzuordnendes Rauschen durchdrang die Bäume und ließ die Baumwipfel zittern. Stina war sich auf einmal überhaupt nicht mehr sicher, ob es eine gute Idee war, hier den Urlaub zu verbringen. In einer Hütte, in einem finsteren Wald, zumal das Wetter ihnen augenscheinlich einen dicken Strich durch die Rechnung machen könnte.

»Das ist spuki«, rief Tilda und sprintete voraus. »Hey, seht mal, da vorne ist sie.« Die dunkelhaarige 28-Jährige zeigte mit dem Finger auf die Hütte, die, umgeben von dicken Baumstämmen, eine furchterregende Kulisse gefunden hatte. »Das ist echt krass! Wie das Hexenhäuschen von Hänsel und Gretel. Da bekommt der Begriff Märchen eine völlig neue Bedeutung. Und ich bin die böse Hexe …« Sie eilte mit wehendem Mantel auf die Hütte zu, gefolgt von Lotta und Stina, die sich fragend ansahen. »Die tickt manchmal sehr sonderbar. Findest du, es war eine gute Idee hierherzukommen?«, flüsterte die Sportstudentin und betrachtete die milchigen Nebelschwaden, die wabernd über den Boden zogen. »Auf jeden Fall. Du sollst mal sehen, die Woche wird klasse, und du wirst keinen Gedanken mehr an – wie hieß der Kerl noch gleich? – verschwenden«, munterte Lotta ihre Freundin auf und verzog ihren Mund zu einem Lächeln. »Wirst sehen, wird toll!«

Stina seufzte und folgte den Freundinnen, die auf den Eingang der Hütte zutraten, der auf fünf knarrenden Stufen über eine kleine Veranda erreichbar war. Tilda hatte ihre Tasche fallen lassen, die aussah, als hätte sie bereits mehrere Kriege überlebt und wartete vor der Holztür darauf, dass irgendjemand die Haustür öffnete.

»Schlüssel?«, forderte sie Lotta mit einer lässigen Handbewegung auf.

»Der soll da unten hinter dem Stein versteckt liegen. Guck doch mal«, deutete die OP-Schwester mit dem Finger zurück zum Treppenabsatz.

Tilda ließ den Rucksack von den Schultern gleiten und stieg die Holzstufen wieder hinunter. Sie musste achtgeben, dass sie auf den zum Teil moosbewachsenen Stufen nicht ausrutschte. »Die hätten ruhig vorher saubermachen können, bevor man sich hier das Genick bricht. Das sieht alles schon ganz schön marode aus«, murmelte Tilda. Der genauso vermooste Findling drängte sich an die Hauswand, direkt unter einem von Holzläden verschlossenen Fenster, als müsste er die windschiefe Hütte vor dem Zusammenbruch schützen. »Hier ist ni… doch, hab ihn.« Sie zog eine verwitterte Dose hinter dem Stein hervor. »Da muss erstmal jemand drauf kommen«, sagte sie, zog die Augenbrauen hoch und hielt die verrostete Büchse in die Höhe. »Uhu«, tönte ein unheimlicher Ruf durch den Wald, der Stina eine Gänsehaut über den Rücken jagte.

»Was war das?«, fragte sie flüsternd und drehte sich eingeschüchtert um. »Das, meine Süße, war, wenn ich mich nicht täusche, eine Eule«, sagte Lotta.

»Woher willst du das wissen? Es hört sich gruselig an.« Stina verschränkte die Arme vor der Brust und verschanzte ihre Lippen hinter dem Schal.

Lotta schmunzelte, obwohl ihr der Eulenschrei genauso einen Schrecken eingejagt hatte. Sie wollte der Freundin Mut zusprechen und schob sie zur Tür. »Weil ich es weiß!« Tilda steckte gleichmütig und unberührt von dem Schrei des Vogels den Schlüssel in das Schloss und drehte ihn langsam herum. Sie öffnete die knarzende Tür und stieß sie mit dem Fuß auf. Ernüchtert stellte sie fest, dass es im Inneren der Hütte stockdunkel war und sie nichts erkennen konnte. Mit der Hand fuhr sie an der Wand entlang und suchte nach einem Lichtschalter. Ihre Finger ertasteten ihn und bewegten den Hebel. Die Birne einer Glaslaterne, die mittig über einem Holztisch hing, leuchtete dezent auf. »Boah, das ist ja traumhaft.« Sie trat zurück, griff Rucksack und Tasche und verschwand in der Hütte. Die Mädels folgten ihr. Stinas mulmiges Gefühl in der Magengegend breitete sich weiter aus, als es im hinteren Teil der Waldhütte leise knarzte. »Was war das?«, rief sie. Wäre ich bloß zu Hause geblieben …

*

Im Frankfurter Bankenviertel saß Marcel hinter seinem Schreibtisch und warf einen Blick aus dem bodentiefen Fenster über die Dächer der Stadt. Er trommelte mit den Fingerkuppen auf die dunkle Eichenplatte. Sein Gesicht war wutverzerrt und die Wangenknochen traten hart hervor. Unter seinen Augen lagen tiefe Schatten. Er hatte die letzten Nächte nicht geschlafen und über seine Nachlässigkeit nachgedacht. Seine Faust krachte hart auf die Schreibtischplatte, als seine Assistentin den Raum mit einem Becher Kaffee betrat. »Marcel, was ist? Kann ich dir helfen?« Sie kannte ihren Chef besser als jeder andere in diesem Büro. Heimlich verehrte sie ihn, hatte es ihm aber nie zu verstehen gegeben. Allein, dass sie an seiner Seite arbeiten konnte, machte sie glücklich. Vielleicht hat er sich von seiner Freundin getrennt, überlegte sie, und ihre Hoffnung, ihn doch eines Tages für sich zu gewinnen, stieg. Er drehte sich um und sah ihr in die Augen. »Raus! Ich hab ganz klar zu verstehen gegeben, dass ich von niemandem gestört werden will.« Anika Wortmann schluckte ernüchtert, bekam einen roten Kopf und stellte hastig den Kaffeebecher auf die Schreibtischplatte. Sie kämpfte mit den Tränen. Dann drehte sie sich um, um das Büro schnellstens wieder zu verlassen. Sie schloss leise die Tür hinter sich und bekam gerade noch mit, wie ihr Chef mit einem Schrei den Becher gegen die Tür schmetterte.

Marcel Andresen sprang von seinem Ledersessel auf und steckte die Hände in die Taschen seiner Hose. »Verdammt, wie konnte mir das passieren?«, murmelte er. »Wie konnte ich sie mit nach Hause nehmen? Ich hätte damit rechnen müssen.« Er presste seine Kiefer wütend aufeinander. Mich hat noch niemand verlassen, was bildet sie sich ein? In seinem Kopf arbeitete es ununterbrochen. Er erinnerte sich daran, dass er vor etlichen Jahren wegen seiner Frauengeschichten und seines Drogenkonsums schon einmal eine Beziehung zerstört und sogar seinen Job verloren hatte. Frankfurt sollte sein Neuanfang werden. Er hatte sein altes Leben komplett hinter sich gelassen, und dann traf er diese blonde bezaubernde Studentin, die ihn vom ersten Moment an faszinierte. Wie sie mich angelächelt hat … Marcel starrte über die Dächer der Stadt.

Die Frau, mit der Stina ihn erwischt hatte, war eine von vielen. Er hätte nur vorsichtiger sein müssen. »Verdammt.« Marcel konnte nicht aus seiner Haut und brauchte dieses andere Leben, um seine Neigungen auszuleben. Stina hingegen war die perfekte Frau, die ihm nie auf die Schliche kommen würde, weil sie gutmütig und lieb war. Sie war die Frau, die er heiraten wollte. Die künftige Mutter seiner Kinder, die seinem Leben die Ruhe gab, die er brauchte. Er hätte weiterhin seine Spielchen fortführen können, ohne dass sie es jemals erfuhr. »Hätte, hätte …«, schnaufte er und zerrte die Jacke von der Stuhllehne. Sie hatte ihn enttäuscht und er würde das nicht hinnehmen. Er entschied, wo und wann es endete. »Das macht man mit mir nur einmal«, knurrte er gefährlich leise und verschwand aus seinem Büro. Aufkeimende Wut und unsägliches Verlangen wüteten in ihm.

*

In der Hütte roch es nach Holz, Moos, gefolgt von einem Geruch, der nicht zuzuordnen war. »Macht mal sämtliche Fenster auf. Hier muss dringend gelüftet werden. Die scheint schon länger leer zu stehen«, murmelte Lotta pragmatisch, rümpfte die Nase und setzte ihre Tasche am Boden ab. Zielstrebig stakste sie zum Sprossenfenster, das sich über der Spüle befand, und versuchte, es mit beiden Händen zu entriegeln. »Das geht so nicht«, stellte sie fest. »Wir müssen zuerst die Fensterläden von außen öffnen. Die sind verhakt.« Sie trat vor die Tür. Draußen war es durch den dichten Baumbestand mittlerweile dunkel. Stina, die ihr gefolgt war, sog die feuchte Waldluft tief in ihre Lunge und half Lotta. Nacheinander öffneten sie die Läden aller drei Fenster und befestigten die angebrachten Haken an den Halterungen der Holzwand. Das unheimliche Rauschen, das sie vorhin im Wald wahrgenommen hatten, schwoll immer mehr an. Der Wind hatte zugenommen. Tilda, die die Freundinnen durch das Fenster beobachtet hatte, stieß den Fensterflügel von innen auf und rief mit einem Grinsen im Gesicht: »Knusper, knusper, knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen. Kommt nur herein, hier gibt es leckere Weinchen und ein wärmendes Feuer.« Sie kicherte. Lotta stand mit verschränkten Armen vor der Hütte, schüttelte den Kopf und schmunzelte. Stina eilte zurück ins Innere, zog das Handy aus ihrer Jackentasche, stellte es an und warf erneut einen Blick auf das Display. Jede Menge Mitteilungen waren dazugekommen. »Er soll in der Hölle schmoren«, schnaubte sie und schaltete das Telefon sofort wieder aus.

Die nach Moos riechende Waldluft drang durch das geöffnete Fenster in das Häuschen ein und durchzog den Raum.

»Das riecht schon wesentlich besser. Lasst die Tür auch einen Moment offen stehen. Wir werden erst mal die Hütte inspizieren«, sagte Stina. Sie zog ihre Jacke aus, legte sie über einen der leeren Stühle, sah sich um und schlich auf eine Tür zu, die sie anhand eines Emailleschildes als Badezimmer ausmachte. Sie öffnete die Tür. Enttäuscht starrte sie in den schmalen Raum, der einem Schlauch ähnelte. »Hier riecht es auch nicht gerade berauschend. Keine Badewanne, und die Dusche ist, ehrlich gesagt, eine Katastrophe.« Sie deutete auf das winzige Waschbecken und die Toilette, die direkt unter ein schmales Fenster gequetscht war. »Nicht gut!«

»Wir sind hier in einer Waldhütte. Was hast du erwartet? Badewanne mit Whirlpool? Hier geraten wir an die Basis des Lebens. Einfach und gediegen bringt es uns back to the roots.« Lotta lachte, als Tilda ihre Freundin beschwichtigte. »Ich glaube, wir werden hier jede Menge Spaß haben. Und sieh mal, wir haben hier sogar einen Kamin. Genügend Holz hab ich unter dem Dachvorstand gesehen. Wirst sehen, das wird richtig kuschelig«, sagte die praktisch veranlagte Lotta und versprühte Optimismus. »Und was ich noch anmerken wollte und ich hoffe, ich habe euren ungeteilten Zuspruch: Ab jetzt herrscht Handyverbot! Wir werden hier wirklich in der Natur mit der Natur leben und uns nur auf uns beschränken. Ich halte das für eine tolle Erfahrung.« Tilda streckte die Hand aus und forderte die Handys der Freundinnen ein. »Ich möchte nicht, dass uns in dieser Woche irgendetwas stört.« Lotta überreichte es ihr bereitwillig. Stina zögerte. Sie musste wissen, was Marcel … Widerwillig reichte sie Tilda ihr Telefon. Die Philosophiestudentin legte die Handys in die Schublade einer Kommode, die unter dem Spülbecken direkt unterhalb des Fensters eingebaut war. Stina umfasste ihre Schultern. »Ist ganz schön eisig hier«, murmelte sie und zog ihre Jacke wieder an. »Ich mach gleich Feuer«, kündigte Tilda an und ging auf die noch verschlossene Tür zu. »Da ist sicher unser Schlafzimmer«, lotste sie die Freundin von ihrem Handy weg.

»Uhu«, schallte der Ruf der Eule aus dem Wald. »Mach die Fenster zu«, rief Stina und hielt sich die Ohren zu.

Draußen war es stockdunkel. Tilda drehte den Türknauf in der Hand, um in das zweite Zimmer zu kommen, als der Fußboden im Nebenraum knarzte. Die drei Freundinnen fuhren zusammen. Stina schrie. Dann schlug die Haustür mit lautem Knall ins Schloss.

*

Der Lkw hielt auf einem Rastplatz an der A1. Der Fahrer stieg aus. »Bin gleich wieder da«, murmelte er und verschwand. Der Fahrzeugführer seiner Mitfahrgelegenheit steckte den Tankstutzen in die Öffnung und wartete. Es dauerte eine Weile, dann verschloss er sie wieder und stiefelte Richtung Kassenhäuschen. Ludger Hanke nutzte die Zeit, öffnete die Beifahrertür und schwang sich aus dem Führerhaus, um eine zu rauchen. Neben ihm hielt ein weiterer Lastwagen. Der schlaksige Mann mit dem langen Zopf und dem dichten Bart stand rauchend da und sah sich um. Der Fahrer stieg ebenfalls aus und grüßte. »Na, auch vollmachen?«, fragte er und deutete auf den Tank des Fahrzeugs. »Ne, nur ’ne Handvoll Wasser loswerden.«

Ein schwarzer Audi stand abseits und zwei Männer beobachteten die Lkws, zwischen denen sich der hagere Mann bewegte.

»Auch gut«, antwortete die schlanke Gestalt und zog an der Zigarette. »Wo geht’s denn hin?«, wollte er wissen. »Kopenhagen«, lautete die knappe Antwort.

»Da müssen Sie doch über Puttgarden.«

»Genau, mein Bester.«

»Können Sie mich mitnehmen? Ich muss genau dorthin.«

»Kein Problem. Steigen Sie ein. Ich bin gleich wieder da.« Der Raucher grinste und sah sich um. Keine Menschenseele zu sehen. Nur der Wagen, in dem die Männer saßen. Sie schienen ihn zu beobachten. Der Bärtige drückte die Zigarette am Boden aus und schlich auf das Auto zu. Ein dritter Mann stieg gerade in den schwarzen Audi mit Lüneburger Kennzeichen. Mit einem Satz stand er neben dem Wagen und sah die Männer durchdringend an. Dann verschwand er zwischen den Lkws, zerrte seinen Rucksack aus dem Führerhaus und öffnete die Fahrertür, sodass niemand mitbekam, dass er umstieg. Wenig später kam der Fahrer der neuen Fahrgelegenheit zurück, während der andere noch immer an der Kasse wartete, um sein Geld loszuwerden. Er grinste und wusste, dass er seinem Ziel näher kam. Die Männer in dem Audi sahen dem Lkw nach und warteten auf den Fahrer des ersten Lastkraftwagens, um die Verfolgung aufzunehmen.

*

Der nächste Morgen war wesentlich freundlicher. Der Nebel hatte sich verzogen, und die Sonne lugte zwischen dichten Wolken hervor. Der Wald lag in einem diffusen Licht und wirkte friedlich. Selbst der Wind hatte sich ausgetobt.

Die drei Freundinnen lagen auf ihren Matratzen und schliefen. Es war kurz nach 7 Uhr, als Lottas Lebensgeister erwachten. Sie reckte sich unter ihrer Decke. Ausgeschlafen blinzelte sie mit den Augen und warf einen Blick durch die Fensterluke, die direkt über ihrem Kopf im Dach eingebaut war. Vereinzelte Sonnenstrahlen, die es durch die Bäume hindurch geschafft hatten, kitzelten ihre Nasenspitze. Sie wunderte sich, dass sie überhaupt so lange geschlafen hatte. Als Krankenschwester war sie an weniger Schlaf gewöhnt. Es zeigte ihr, wie sehr sie die Ruhe brauchte. Als sie sich bewegte, um ihre Glieder auszustrecken, kam auch Leben in die anderen beiden. Tilda, absolut keine Frühaufsteherin, setzte sich auf und stieß mit dem Kopf gegen einen der dicken Dachbalken im Dachgeschoss. »Oh Mann, das gibt eine Beule«, jammerte sie, verzog das Gesicht und fuhr sich durch die zerzausten Haare. Die Freundinnen kicherten. Stina zog die Beine an und sah verschlafen in die Runde. Sie würde am liebsten unter der Decke liegen bleiben, obwohl sie normalerweise jeden Morgen joggte. Die Welt der drei jungen Frauen sah heute wesentlich freundlicher aus als gestern bei der Anreise.

Die am Vorabend unbehagliche Atmosphäre der Ferienhütte hatte sich nach dem Lüften der Räume und dem Entzünden des Feuers im Kamin aufgelöst. Selbst die Geräusche, die sie aus dem ungenutzten Nebenzimmer wahrgenommen hatten, stellten sich als Sinnestäuschung heraus. Ein Haken, der sich aus der Verankerung eines der Fenster gelöst hatte und vom Wind fortwährend knarzend gegen das Holz der Hütte schlug, war die Ursache und hatte beim Öffnen der Tür auch die Haustür zuschlagen lassen. Zwei Flaschen Wein später hatten sie die nötige Bettschwere und sich schlafen gelegt.

»So, Mädels, aus dem Bett. Der Tag wartet.« Lotta schlug ihre Decke zurück und begab sich auf die Knie. Leise kroch sie bis zum kleinen Sprossenfenster, das sich neben der Leiter befand. Die zusätzlichen Schlafplätze hatten sie gestern Abend unter dem alten Giebeldach des Holzhauses entdeckt. Blau-weiß gestreifte dicke Matratzen, die fast die gesamte Fläche des Raumes bedeckten, ergaben eine urige Schlafstätte. Sie beschlossen in ihrer Weinlaune, dass sie gemeinsam auf dem Dachboden schlafen wollten.

Stina lag wohlbehütet in der Mitte des Matratzenlagers und fühlte sich sicher aufgehoben. Ihre langen blonden Haare umrahmten ihr zerknautschtes Gesicht. Tilda hatte sich wieder unter die Decke verzogen und sie so weit über den Kopf gezerrt, bis nur noch dunkle Haaransätze wahrzunehmen waren. Stina drehte sich auf die Seite und stützte sich auf einen Ellenbogen. »Lass uns Frühstück machen, später erkunden wir den Wald«, flüsterte Lotta und erhob sich. »Wirst sehen, dann sieht die Welt gleich anders aus. Hier ist es sicher und niemand wird uns stören.« Die OP-Schwester kletterte die Stufen hinunter. Sie hatte für alles eine Lösung parat und packte an, wenn es nötig war. Stina schlug die Decke zurück und folgte ihrer Freundin, während Tilda sich murrend umdrehte.

Die 28-jährige Lotta Freimann entdeckte eine Kaffeemaschine, öffnete die Türen des einzigen Hängeschrankes und hielt Ausschau nach Filtertüten. Sie fand eine Dose mit Kaffeepulver, nahm sie heraus und schüttelte sie. »Die ist voll«, strahlte sie. »Ich hatte es gehofft. Den Kaffee hatte ich vergessen. Oder hast du?«

Stina schüttelte den Kopf. »Ich hab an gar nichts gedacht. Mein Kopf ist leer. Nicht mal Zahnpasta habe ich eingepackt.« Sie zuckte die Schultern, stand wie eine Porzellanpuppe vor ihrer Freundin. »Kannst du von mir haben. Hast du wenigstens eine Zahnbürste?« Stina nickte. »Na, dann ist das doch kein Problem. Was uns fehlt, besorgen wir später, wenn wir in Burg einkaufen.« Die Studentin war erleichtert.

Lotta, die Souveräne in dieser Runde, lächelte und stellte die Kaffeemaschine an. »Komm, Lütte, wir decken den Tisch. Tilda ratzt länger, so wie ich sie kenne.« Die Krankenschwester öffnete die Tür und trat auf die Veranda. Sie reckte sich in ihrem Jogginganzug, schüttelte die langen Haare und sah um sich. Die Sonne tauchte den Wald in ein stimmungsvolles Licht. Es herrschte eine unbeschreibliche Ruhe. Nicht einmal ein Vogel war zu hören. Hoffentlich bleibt das so, dachte Lotta und machte sich daran, die Fensterläden zu öffnen. Sie empfand die Ruhe als große Erleichterung, die sie für gewisse Zeit von ihrer schweren Arbeit abschalten ließ. Stina entriegelte die Fenster in allen Räumen von innen, bis frische Waldluft die Hütte durchwehte. Anschließend inspizierten sie die wenigen Schränke auf der Suche nach Geschirr. Zehn Minuten später war ein kunterbunter Frühstückstisch gedeckt. Lotta nickte und lächelte. Sie sah selbst ungeschminkt, mit zerwühlten Haaren und im Jogginganzug faszinierend aus. Sie zog ihre Tasche zu sich, die sie gestern Abend neben dem Sofa abgestellt, hatte und öffnete den Reißverschluss. Gelassen nahm sie Brot, Margarine, Marmelade und Obst heraus. »Das hast du alles besorgt?«, staunte Stina. »Ne, ich hab nur meinen Kühlschrank geplündert. Langt fürs Erste, oder?«

Die Freundin nickte und sog den Holzgeruch der Hütte ein.

Während sie gemütlich am Tisch saßen, Brot aßen und heißen Kaffee schlürften, schnupperte Tilda eine Etage höher den Duft des Wachmachers. Ausgeruht und gut gelaunt kletterte sie wenig später in langen Sporthosen und einem ausgeleierten Shirt die Stiege hinab. Ihre dunklen, ewig zerzaust wirkenden Haare legten sich um ihr blasses Gesicht und ließen es noch schmaler erscheinen. »Hm, das riecht aber lecker. Ich sehe schon, das wird ein geiler Tag«, sagte sie und kräuselte spitzbübisch die Nase, bis ausgeprägte Grübchen sich auf ihren Wangen zeigten.

Lotta zog die Augenbrauen hoch und grinste sie an.

Eine Stunde später stapften sie satt und fröhlich durch das Staberholz, um die Umgebung auszukundschaften, die für die kommende Woche ihr Zuhause sein würde. Es gab kaum Nennenswertes in dem Wald zu sehen, der mit seinen gerade mal fünf Hektar Fläche nicht groß herauskam. »Verlaufen können wir uns hier jedenfalls nicht«, frotzelte Tilda und sammelte einen dicken Ast vom Boden auf. »Nein, aber die Umgebung ist vielfältig. Ich bin mit meinen Eltern früher so oft hier gewesen. Der Wald liegt direkt an der Steilküste, das sehen wir uns nachher genau an. Und der Leuchtturm von Staberhuk ist nicht weit entfernt. Dazu kann ich euch interessante Geschichten erzählen. Aber lasst uns jetzt erst mal den Wald erkunden. Ist immer gut, wenn man weiß, wo man sich befindet und … wo das Auto abgestellt ist«, lachte Lotta.

Stina Christiansen knibbelte an ihrem Zopf. »Wieso müssen wir wissen, wo der Wagen steht? Im Dunkeln kriegen mich sowieso keine zehn Pferde aus der Hütte.« Sie schüttelte den Kopf. Das Ende ihres Zopfes schlug ihr dabei ins Gesicht. Sie zog den rosafarbenen Schal enger um ihren Hals. Ihre empfindlichen Wildlederstiefel rutschten über den feuchten Boden und verdreckten bei jedem Schritt mehr. »Die richtigen Schuhe hast du aber nicht eingepackt«, stellte Tilda belustigt fest. »Kein Problem, wir fahren heute Nachmittag in die Stadt und kaufen ein. Dann können wir uns mit Lebensmitteln eindecken und nach passenden Schuhen für Stinchen schauen«, sagte Lotta und erschrak plötzlich.

Es raschelte hinter ihr. Sie drehte sich um. »Das war sicher nur eine Taube. Ist dieses Idyll nicht wundervoll? Bringt unsere Seele ins Gleichgewicht«, lachte Tilda und sprang amüsiert zwischen den am Boden liegenden Ästen umher. »Ich hab keine Lust mehr, hier herumzustreunen. Du hast doch eben von einem Leuchtturm gesprochen. Lass uns mal da hinlaufen«, flüsterte Stina. Die Geräusche im Wald lösten Beklemmungen in ihr aus. Sie fühlte sich beobachtet. Das Staberholz verbreitete, trotz der Sonnenstrahlen, Unheimliches. Es herrschte kein Wind, wurde aber zunehmend diesiger. »Dieser verdammte Nebel, die merkwürdigen Laute«, stellte sie fest und suchte nach dem Ausgang. Sie kannte zwar die Umgebung, aber den Wald hatte sie nie wirklich ausgekundschaftet. »Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelpumpel heiß’ …«, johlte Tilda und tanzte wie ein Kind zwischen den Bäumen.

Bis Stina auf einmal schrie und ohne Vorwarnung Richtung Lichtung rannte. »Was ist denn?«, fragte Lotta.

»Da war ein Schatten!«

Kapitel 3


Hauptkommissar Dirk Westermann, Leiter der Oldenburger Mordkommission, saß am Schreibtisch seiner Dienststelle und las einen Bericht. Die Tür öffnete sich, und sein Kollege Thomas Hartwig betrat das Büro. Der Hauptkommissar sah ihn fragend an: »Wo ist dein Wolf?«

»Mein Wolf ist ein top ausgebildeter Polizeihund, was selbst dir nicht entgangen sein dürfte und wir haben soeben die letzte Prüfung absolviert.« Seine Augen leuchteten, und er wedelte mit dem Zertifikat in seiner Hand. »Unser Watson ist seit heute als staatlich geprüfter Polizeihund in Sachen Drogen und Leichen unterwegs.« Der durchtrainierte, smarte Kommissar konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, während er sich mit der Hand durch die dunklen, bis in den Nacken reichenden Haare fuhr. »Ich habe ihn hinten im Wagen und wollte wissen, ob du mit uns eine Runde durch den Wald laufen willst.«

»Welchen Wald?«, fragte Westermann, schob die Brille aus alter Gewohnheit in die nackenlangen, weißen welligen Haare, obwohl er die Lesebrille im letzten Herbst durch eine Gleitsichtbrille ersetzt hatte. Der schwarze Rahmen stand ihm gut zu Gesicht und ließ ihn markant erscheinen. Er warf einen Blick auf die Sportklamotten des jüngeren Kollegen. »Ich dachte, wir könnten Richtung Eutin, kurz vorm Kellersee ist ein Waldgebiet. Ich hab das Gefühl, ich muss unbedingt raus und eine Runde joggen. Hast du Lust?« Westermann nickte, stand auf und griff zu seinem Caban. »Ja, ich brauche auch dringend frische Luft. Dieser Mief hier drinnen macht mich zurzeit platt. Nur Routine ist nicht die große Herausforderung. Unendlich viel Aktenkram führt zur Stumpfsinnigkeit. Und bei den Cold Cases kommen wir auch nicht richtig voran. Außerdem habe ich, gelinde gesagt, riesigen Kohldampf.« Dirk Westermann rieb seine Hand über den flachen Bauch, dann kraulte er seinen weißen Dreitagebart. »Kohl, da sagst du was. Wenn wir gelaufen sind, können wir am Kellersee leckeren Kohleintopf essen. Ich kenne da ein nettes Lokal.«

»Kiek mol einer an. Du kennst ein nettes Restaurant am Kellersee?«

»Was dagegen? Komm!« Westermann stand auf, klappte die Akte zu und ging um den Schreibtisch. Er zog die Ärmel seines grauen Sweatshirts nach unten und schob ein Feuerzeug, das neben dem Computer lag, in die Tasche seiner Jeans.

Der Kommissar zog seine Jacke an, und die beiden Polizeibeamten verließen die Dienststelle. »Wir sind per Handy zu erreichen, wenn etwas sein sollte!«, rief Westermann seinem Kollegen Evert zu, der gerade auf den Eingang zukam. Der nickte. Thomas Hartwig öffnete die Heckklappe, Watson sprang heraus und lief mit wedelndem Schwanz auf den Hauptkommissar zu. Der einjährige tschechoslowakische Wolfshund hatte an ihm anscheinend einen Narren gefressen. Thomas Hartwig holte die Leckerlis aus der Tasche seiner verwaschenen Jeans und beobachtete die begeisterte Begrüßung zwischen Westermann und dem Diensthund. Seine Wangenknochen traten hart hervor. Ihm missfiel, wie der Hund an seinem Chef hing. Schließlich hatte er die komplette Ausbildung mit Watson absolviert und teilte mit ihm seine Junggesellenbude in Neustadt. »Vielleicht hättest du dir den Hund anschaffen sollen«, grummelte Thomas. »Steig ein, Verräter«, lotste er Watson zurück in den Hundekäfig.

»Wann fährst du nach Fehmarn?«, wollte Hartwig wissen, während er den Wagen lenkte.

»Am Wochenende. Katrin möchte zu einer Vernissage, und ich begleite sie. Nettes Event mit Kanapees und Champagner.« Thomas prustete los. »Soll ich dir Watson zur Verstärkung mitgeben? Der räumt mit Sicherheit den Laden auf.«

Dirk lachte und schüttelte den Kopf. Er hatte im eigenen Wagen miterlebt, dass der Hund, sobald er nicht unter Kontrolle war, ein Flegel seiner Zunft war und jede Menge Schaden anrichten konnte. »Ne, lass mal. Ich werde allein mit denen fertig. Außerdem haben wir ja Charlotte dabei, die wird uns schon rechtzeitig da rausholen.« Dirk Westermann dachte daran, wie er der Fotokünstlerin Charlotte Hagedorn das Leben gerettet hatte, während Hartwig und er gemeinsam auf Fehmarn ermittelten. Und er musste schmunzeln, als er daran dachte, dass er durch sie ihre Nichte Katrin kennen und lieben gelernt hatte. Es war damals sein erster Mordfall auf der Insel, und er würde den grausamen Überfall auf die Künstlerin niemals vergessen.

»Ich muss dringend tanken«, murmelte Hartwig und fuhr von der Straße ab. Westermann nickte und sie hielten an den Zapfsäulen. Auf dem Gelände standen nur zwei Pkws und ein Lkw. Der Hauptkommissar blieb im Wagen sitzen und unterhielt Watson, der sich fiepend bemerkbar machte. Neben dem Lkw stand ein Mann mit dichtem grauem Bart und Zopf, der den Rauch seiner Zigarette so intensiv inhalierte, als sei es die erste nach langer Zeit. Dirk beobachtete den schlanken, trotzdem muskulösen Mann, der Jeans trug, die ihm irgendwann mal gepasst haben mussten. Überhaupt sah er angeschlagen aus. Die blasse Haut und der ungepflegte Bart verstärkten die tiefliegenden Augenringe. Er hatte etwas an sich, das bedrohlich wirkte. Seine dunklen Augen hatten einen lauernden Blick, der Westermann an ein jagendes Tier erinnerte. Selbst Watson knurrte verhalten, als er den Mann aus dem Fond heraus beobachtete. »Westermann, du spinnst. In jedem Kerl siehst du einen potenziellen Mörder. Mensch, lass gut sein. Watson, sei ruhig, alles in Ordnung.« Hartwig kam zurück und stieg ein. Er reichte Dirk ein Eis und packte sich selbst eines aus. Im hinteren Teil des Wagens fing es an zu rumoren. Der Hund knurrte leise bei jedem Bissen, den die Männer sich genehmigten.

Auf einmal stand der Bärtige unmittelbar neben dem Wagen und starrte die Kommissare mit eisigem Blick an.

*

»Da hinten kann man den Leuchtturm sehen, zumindest seine Umrisse«, rief Stina und fing an, ihre Schritte zu beschleunigen, nachdem sie sich beruhigt hatte. Ihre Fantasie hatte ihr einen Streich gespielt, und sie war froh, auf einer Wiese zu stehen und nicht mehr im Wald umherirren zu müssen.

Lotta erreichte die Freundin, und sie stapften weiter Richtung Leuchtturm. »Müsst ihr so schnell gehen?«, maulte Tilda, die hinter ihren Freundinnen her stolperte. Ihr Mantel wehte bei jedem Schritt auseinander und sah aus wie schlagende Flügel, als sie sich um die eigene Achse drehte, um den Wind durch ihre Haare wehen zu lassen. Die schmale Straße zum Turm erschien ihr endlos, und sie verspürte überhaupt keine Lust mehr, noch weiterzugehen. Sie hätte es vorgezogen, sich auf eine Bank zu setzen. Sie steckte gähnend die Hände in die Manteltaschen und schlurfte hinterher.

Der Nebel wurde dichter und zog vom Wasser aus über die Felder ins Landesinnere. Es war zwar kein bisschen Ostsee zu sehen, aber das Rauschen der Wellen klar und deutlich zu hören. Um die Frauen herum entstand eine milchige Suppe, die sich zäh ausbreitete. Lotta und Stina hatten das Gelände des Leuchtturms erreicht und begutachteten die Umzäunung. Sie warteten auf Tilda. »Sag mal, hast du eigentlich noch andere Klamotten als deine Grufti Outfits?«, fragte Stina.

»Nö«, war die knappe Antwort. »Lass uns ums Grundstück rumlaufen, dann kommen wir runter ans Wasser. Direkt zum Turm können wir sowieso nicht«, schlug Lotta vor. Stina folgte ihr auf dem Wanderweg Richtung Strand. Hinter sich hörte sie leises Knarzen und drehte sich mit unsicherem Gefühl um. Dann sah sie erleichtert, dass Tilda über das grün gestrichene, hüfthohe Metallgeländer kletterte. »He, warum sind wir denn hier? Stellt euch nicht so an! Ihr wolltet doch zu diesem Leuchtfeuer der Historie.« Mit einem Satz landete sie auf der anderen Seite des Zauns. »Bist du wahnsinnig? Das ist verboten!«, fluchte Lotta. »Wenn uns hier jemand sieht. Das gibt richtig Ärger. Dieses Grundstück ist fast historisch. Hier hat der Maler Ernst Ludwig Kirchner einige Sommer verbracht, um seine Bilder zu malen. Unglaublich. Da springt man nicht mal eben über den Zaun.«

»Mann, nun stellt euch nicht an wie Püppchen. Ihr wolltet Abenteuer und Erholung. Wo erholt man sich besser als an einem Leuchtturm. Wir beschreiten den Weg der alten Seebären.«

Sie winkte ihre Freundinnen heran, die an einem kleinen Haus stehengeblieben waren, das sich auch auf dem Grundstück befand. »Ich geh da nicht rüber«, murmelte Stina. »Sei kein Frosch. Wir wollten was erleben oder etwa nicht? Tilda hat recht«, antwortete Lotta und zog ihre Freundin hinter sich her.

Entschlossen liefen sie zum Metallzaun und kletterten ihr nach. Erleichtert rannten sie Tilda hinterher, die mit verschränkten Armen vor dem Leuchtturm stand und ihre Fingernägel begutachtete. Prustend blieben sie vor dem zweifarbig gemauerten Bauwerk stehen. »Das sieht aber urkomisch aus. Ist denen das Geld für die anderen Steine ausgegangen?«, kicherte Stina und betrachtete die farblich unterschiedlichen Mauersteine. »Ne, soweit ich weiß, war der Turm anfangs komplett aus gelben Steinen. Die haben dem Wetter wohl auf der Westseite nicht standgehalten, sodass sie ausgetauscht werden mussten. Ich finde, das hat was«, lachte Lotta und stiefelte einmal um den Leuchtturm von Staberhuk herum. »Es ist toll, auf den Spuren Ernst Ludwig Kirchners zu wandeln, oder?« Stina sah sie fragend an und stapfte in ihren vom Dreck versauten Stiefeln weiter über das Grundstück. Sie entdeckte eine hölzerne Pforte, die auf ein Portal führte. Von dort aus hatte man einen fantastischen Blick über die Ostsee. Der Riegel des quietschenden Tores schlug, nachdem sie hindurchgeschlüpft war, in einem Schnappschloss ein. Die zarte Person betrat eine vorgelagerte Empore, die einem Balkon ohne Geländer glich und jetzt nur einen kleinen Ausblick auf Teile der Ostsee und den Strand bot. Sie war enttäuscht, dass sie nur einige Findlinge sehen konnte, die verstreut im Sand lagen. Das Meer war weitgehend vom Nebel verschluckt worden. »Das müsst ihr euch ansehen!«, rief sie. »Das ist der Hammer.« Sie trat einen Schritt zurück und setzte sich auf eine verwitterte Holzbank, die im geschützten Teil der etwa acht Quadratmeter großen Plattform vor einer Hecke aufgestellt war. Lotta und Tilda kamen über das Rasenstück angelaufen. Sie staunten, als sie die Freifläche betraten. »Wow, da kann man sicher weit gucken, wenn klare Sicht ist, und das Meer bis zum Horizont bestaunen«, flötete Tilda. Sie näherte sich der Felskante, die zum Strand hin senkrecht in die Tiefe abfiel, und wedelte mit den Armen, während Lotta bei Stina stehen blieb. »Halt Abstand, oder willst du den Abgrund runterfliegen«, mahnte sie und presste die Hand auf ihr Herz. Tilda grinste sie an und tänzelte weiterhin gefährlich nahe der Felsklippe herum. »Tanz auf dem Drahtseil«, flötete sie ausgelassen. Der Mantel flatterte wie Fledermausflügel. Es schien, als würde sie jeden Moment abheben. »Lass das! Findest du das cool?«, rief Stina und wurde blass. Ohne Vorwarnung geriet Tilda in ihrer unbekümmerten Art gefährlich ins Straucheln. Sie ruderte mit den Armen und schien das Gleichgewicht zu verlieren. Starr vor Angst standen die Freundinnen da, unfähig, sich zu bewegen und auch nur einen Schritt auf sie zu zu machen. Tilda riss erschrocken die Augen auf, als ein Stück des Bodens unter ihrem Fuß wegbrach. Ein markerschütternder Schrei hallte über die Ostsee.

Kapitel 4


Der Tag gefiel ihr. Es war genau diese Art von Stimmung, die sie mit ihrer Kamera einfangen wollte.

Das Wetter war kühl, neblig und wirkte geheimnisvoll. Charlotte Hagedorn trällerte, als sie, mit ihrem Rucksack auf den Schultern und in ihren dicken Wollmantel eingepackt, ihr Fahrrad über den Sandweg Richtung Staberhuk dirigierte. Sie kratzte sich mit einer Hand unter ihrer mit Delfinen bestickten Mütze. Die Künstlerin wusste aus Erfahrung, dass sie bei dem Wetter fast eine Stunde unterwegs sein würde, bis sie ihr Ziel erreichte. Sie kannte sich aus. Sie liebte es, auf der Insel Fotos zu machen, wenn keine Sonne schien. Sie inspizierte selbst Orte, die Insulaner nie vorher aufgesucht hatten. Unheimliche Orte, an denen Geheimnisvolles aufzuspüren war. Nicht umsonst nannte man sie die Miss Marple der Insel. Durch ihre manchmal etwas eigenwillige Art, Ereignissen nachzugehen, hatte sie den Kommissaren Dirk Westermann und Thomas Hartwig von der Mordkommission Oldenburg das eine oder andere Mal bei der Aufklärung einiger Mordfälle auf Fehmarn helfen können. Selbst wenn ihre Hilfe nicht immer erwünscht gewesen war.

Sie sah auf ihre Armbanduhr. Es war fast 9 Uhr, als sie die Spitze des Leuchtturms Staberhuk in weiter Ferne wahrnahm. Ihr Herz klopfte, und eine frische Röte überzog ihr Gesicht. Ob dies an der Vorfreude auf ihre Fotosafari im Nebel lag oder der fast 16 Kilometer langen Strecke geschuldet war? Wild entschlossen trat sie in die Pedale ihres roten Fahrrades und hatte nach weniger als zehn Minuten ihr Ziel erreicht.

Ein Leuchten trat in ihre Augen. Pfeifend fuhr sie den schmalen Sandweg entlang, bis sie nicht mehr weiter konnte. Die kleine Teerstraße, die den Radweg kreuzte, stoppte ihren Übereifer, und sie bremste quietschend den fast 20 Jahre alten Drahtesel aus. Sie sprang übermütig vom Rad und rückte ihren Rucksack zurecht. Der Blick nahm ihr wie immer den Atem.

Der 1903 massiv erbaute, jüngste Leuchtturm im Südosten der Insel, hatte es ihr von Anfang an angetan.

Der Turm thronte direkt an der Steilküste und lieferte nach wie vor eine strategisch wichtige Befeuerung der Seestraße. Charlotte Hagedorn kannte viele Geschichten um diesen Leuchtturm. Sie stellte ihr Fahrrad an einem wilden Rosenstrauch ab, der direkt am Hang gewachsen war und von dessen Blüten sie jedes Jahr wunderbar duftende Rosenmarmelade einkochte. Erleichtert kraxelte sie, das Ziel am Fuß der Steilküste im Auge, zwischen dem Buschwerk den Abhang hinunter, um für einen Moment an ihrem Geheimstrand auszuruhen. Sie wollte sich das Leuchtfeuer aus genau der Perspektive anschauen und Fotos schießen.

Charlotte strahlte, als sie den Turm hinaufblickte, der von den wenigen Sonnenstrahlen ausgeleuchtet wurde. Sie setzte sich auf einen der großen Findlinge und stellte das Objektiv ein. Dann richtete sie die Kamera auf das verschwommen wirkende Meer, das spiegelglatt und in Nebel getaucht vor ihr lag. Sie roch den Seetang, der sich zwischen den Steinen aufgehäuft hatte, und drückte ab.

Auf einmal hörte sie Gelächter und sprang auf. Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen und sie fühlte sich gestört in diesem Moment der Stille.

Unwirsch reckte sie ihren Kopf erneut. Die Neugier war größer als ein unheimlich anmutendes Foto. Sonst wäre sie nicht Charlotte Hagedorn. In dem Moment nahm sie eine Person auf dem vorgelagerten Portal des Leuchtturmgeländes wahr. Sie sammelte ihren Rucksack vom Boden, steckte die Kamera hinein und begab sich auf den Rückweg. »Warte«, grummelte sie und kraxelte den Weg zurück, den sie vor Kurzem erst heruntergeklettert war. Charlotte Hagedorn klopfte ihren Mantel ab, auf dem sich Sand und Äste verfangen hatten. »Na warte«, murmelte sie erneut und marschierte energisch auf den Eingangsbereich des Leuchtturms zu. Sie wusste, dass niemand sich auf dem Gelände aufhalten durfte, der keine ausdrückliche Berechtigung dazu hatte. Das Tor war verschlossen. Eigenartig, dachte sie und rüttelte daran, ohne dass es sich nur einen Zentimeter öffnen ließ. Wie war da jemand rein gekommen? Entschlossen rückte sie ihre Mütze zurecht, sah sich um, und kletterte mühelos über das Geländer. Eilig huschte sie am rot-gelben Leuchtturm vorbei, der sich wenige Meter hinter dem Tor emporstreckte, und verbarg sich hinter einer Hecke, die zur vorgelagerten Freifläche führte. Von dort schienen die Geräusche zu kommen. Zuerst vernahm sie leises Gekicher, dann wurde der Tonfall mit einem Mal ernst und angsterfüllt. Sie unterschied drei Stimmen. Charlotte lugte hinter dem Busch hervor und erfasste augenblicklich die Situation. Eines der Mädchen ruderte wild mit den Armen und drohte den Abhang hinunterzustürzen. Zwei andere standen regungslos vor der alten Bank. Charlotte setzte zum Sprung an.

Sie griff, ohne zu zögern, nach dem Arm des Mädchens und riss es von der bröckelnden Kante zurück. Beide fielen zu Boden. Tildas Beine hingen weit über dem Abhang und sie versuchte krampfhaft, sich mit ihren Fingern an der Hand der fremden Frau festzukrallen, um nicht wegzurutschen. Eine falsche Bewegung, sie würde den Halt verlieren und in die Tiefe stürzen. Mit der anderen grub sie sich immer wieder in den losen Sand, der keinen Halt gab. Charlotte hielt das Handgelenk des Mädchens so fest umschlungen, wie sie konnte. »Helft uns endlich!«, schrie sie wutentbrannt mit hochrotem Kopf den beiden anderen Mädchen zu. »Ich kann sie nicht mehr lange halten!«

*

Der Beifahrer stieg aus dem Führerhaus des Lkws.

Er hatte die Insel seiner Begierden erreicht. An Fehmarn hatte er viele Erinnerungen, die gerade in seinem Gedächtnis nach oben geschwemmt wurden.

Mit einem kurzen Gruß verabschiedete er sich von dem Fahrer. Es war Mittag, als er an der Ausfahrt Richtung Burg stand. Da er kaum Geld in der Tasche hatte, musste er sich zu Fuß auf den Weg zu seinem Ziel aufmachen. Er stöhnte. Der Fußmarsch würde ziemlich viel Zeit in Anspruch nehmen. Mit zwei Stunden rechnete er mindestens. Als er die Hauptstraße entlang stapfte, entdeckte er auf der rechten Seite eine Fastfood-Kette. Er schluckte und wollte sich einen Burger und ein Getränk leisten, weil sein Magen seit Stunden knurrte. 27 Euro 50 Cent waren nicht viel. Wo er schlafen konnte, wusste er. Das würde ihn nichts kosten. Er lächelte verhalten, kaufte drei Burger für je einen Euro und einen großen Becher Kaffee und machte sich wieder auf den Weg. Morgen würde die Welt ganz anders aussehen.

Burg ist echt tot zu dieser Zeit, überlegte er und wollte schon Richtung Sahrensdorf laufen, als ihm eine bessere Idee kam. Obwohl er ahnte, dass sich auf Fehmarn einiges verändert hatte, wusste er doch, dass im Hafen von Burgstaaken immer Boote im Wasser liegen blieben, die meist Anglern gehörten, die auch im Winter fischten, oder Seglern, die zu träge waren, ihre Schiffe einzuwintern. Er würde mit einem der Boote dorthin fahren, wo er sich verstecken konnte. Dieses Wissen entlockte ihm ein verächtliches Grinsen. Mit finsterer Entschlossenheit lief er den Staakensweg hinunter, um wenig später ins Hafengelände zu gelangen. Die Enttäuschung war allerdings groß, als er das fast leere Hafenbecken erblickte. Kaum ein seetüchtiges Wasserfahrzeug, das er für sich nutzen konnte. Drei einsame Segelboote, ein GFK Boot und ein Angelkutter. Otto, wer nannte sein Schiff Otto? Er strich mit der Hand über seinen Bart, betrat den Steg und begutachtete die offene Kunststoffschale, die am Ende des Bootsstegs lag. Vielleicht ein bisschen auffällig … aber es war ja bald dunkel. Alles gut, wenn genügend Sprit im Tank ist. Aber der Weg war nicht ohne, und wenn das Benzin ausging, hatte er im Dunkeln die Arschkarte gezogen. Er lief zurück zum Angelschiff mit dem merkwürdigen Namen. Der Aufwand, um in die abgeschlossene Kajüte zu gelangen, war für ihn ein Leichtes. Nur, wie kam er an den Strand? Dieses Boot konnte er nicht ans Land ziehen. Viel zu groß. Und zu dieser Jahreszeit vor Anker zu liegen und ins eiskalte Wasser zu müssen, um an den Strand zu kommen, war absolut keine gute Idee.

Er entschied sich für die einfachere Lösung der offenen Version, die höchstens sieben Meter lang war und sich bis an den Strand bringen ließ. Diese kleine offene Nussschale war genau das, was er suchte. Es dämmerte. Der Wind hatte aufgefrischt. Prüfend sah er sich um. Kein Mensch weit und breit. Lächelnd stieg er in das Kunststoffboot und hoffte, dass der Motor ansprang. Er öffnet den Benzinhahn, zog den Choke, dann das Zugband mit hartem Ruck. Kurzes Brummen, nichts. Vorsichtig sah er sich erneut um. Noch einmal griff er den Knauf, zog ihn ruckartig heraus, und endlich fing der Motor an zu blubbern. Erleichtert hob er den Tampen vom Holzpflock und fuhr an. Er guckte sich noch einmal um und stellte fest, dass niemand ihn bei der Aktion beobachtet hatte. Als er die Hafeneinfahrt hinter sich gelassen hatte, steuerte er Richtung Staberhuk. Der Wind kam aus Ost und blies ihm eiskalt ins Gesicht. Jetzt konnte ihn nichts mehr aufhalten. Ein paar Dosen rollten auf dem Boden des Bootes von einem Ende zum anderen. Es störte ihn nicht. Der einsetzende Regen umgab ihn wie ein unsichtbarer Mantel.

*

Aus ihrer Schockstarre gerissen, warf Lotta sich auf den Boden, um ebenfalls nach Tildas Hand zu greifen. Sie hing nach wie vor wie ein Sack mit den Beinen über dem Abgrund. Charlotte versuchte mit eiserner Kraft, sie zu halten. Stina rutschte auf Knien zur Kante und zerrte am Hosenbund der Freundin. Mit gebündelter Kraft zogen sie die schlanke Frau von der Felskante. Schweißgebadet saßen sie wenig später alle erschöpft nebeneinander auf dem kalten Boden und starrten sich an. »Was hast du dir dabei gedacht, junge Dame«, schalt Charlotte Hagedorn das schwarz gekleidete Mädchen, dem sämtliche Farbe aus dem Gesicht gewichen war. Lotta und Stina schauten verschämt zu Boden. »Und was habt ihr im Sinn gehabt, hier herumzulungern? Ihr wisst wohl, dass das Privatgelände ist und Zutritt strengstens verboten?«

»Und Sie, wohnen Sie etwa hier?«

Charlotte erhob sich. »Nein, aber ich kenne mich hier aus. Dies ist Privatgrund, auf dem niemand, außer dem Besitzer des Hauses am Eingang und dem Pächter des Leuchtturmwärterhäuschens, etwas zu suchen hat. Da hier zurzeit keine Menschenseele urlaubt, gehe ich davon aus, dass ihr hier eingestiegen seid, oder sehe ich das falsch?«

»Sie wohnen doch auch nicht hier, oder irre ich mich?« Tilda, die ihre Selbstsicherheit wiedergefunden hatte, stellte sich auf die Beine.

»Nein, ich wohne hier nicht und wollte euch nur vor gewaltigem Ärger bewahren. Glaubt es mir. Wenn die Eigentümer kommen, gibt es richtig Ärger.«

»Und was machen Sie dann hier?«, wollte Stina wissen und stand ebenfalls auf. »Ich hatte vor, Nebelfotos zu schießen. Das Licht war perfekt, und dieser Ort hat etwas Geheimnisvolles.«

»Das ist ja interessant«, entgegnete Lotta. »Dann können Sie mir vielleicht ein paar Tipps geben. Sind Sie denn Fotografin? Ich möchte unbedingt eine Fotoreihe erstellen und bin auf der Suche nach den passenden Motiven.« Charlotte sah die attraktive Blondine an und neigte den Kopf. »Haben Sie denn eine anständige Kamera dabei?«

»Ja, meine Nikon und … ich denke schon.«

»Ja, dann könnte das was werden. Aber nicht mehr heute. Mir ist die Lust für den Moment vergangen. Ich brauch erst mal ein Likörchen.«

»Oh, dann kommen Sie doch mit uns. Wir haben jede Menge in der Hütte. Das beruhigt unseren Geist«, murmelte Tilda versöhnlich.

»Wo seid ihr denn untergekommen?«, wollte die Fotografin wissen. »In der kleinen Holzhütte im Wald«, sagte Lotta und deutete hinter sich. Die Mädchen kletterten über den Zaun und verließen das Grundstück. Charlotte tat es ihnen gleich und quälte sich über das Geländer. Sie nickte zustimmend, als sie wieder festen Boden unter ihren Stiefeln hatte: »Das Angebot nehme ich gerne an. Ich muss nur mein Fahrrad holen.«

Sie eilte zurück zum Knick und holte ihr Vehikel. Gemeinsam spazierten sie Richtung Waldhütte.

»Oh, das ist ja gemütlich«, offenbarte Charlotte ihre Verwunderung, als sie eine halbe Stunde später in die Hütte eintrat. »Ich dachte immer, die steht längst leer.«

»Na ja, wir haben gebettelt, damit wir sie bekommen. Die Besitzer wollten sie über den Winter eigentlich gar nicht mehr vermieten, und wie ich die Besitzerin verstanden habe, im kommenden Sommer abreißen. Sieht ja nicht unbedingt nach Luxusresort aus. Aber wir haben es dringend gemacht und schwupp – hatten wir das Knusperhäuschen. Gerochen hat es hier drinnen auf jeden Fall, als wenn es ewig nicht mehr vermietet wurde. Voll modrig«, lachte Tilda und rümpfte die Nase.

»Wir mussten jedenfalls lange lüften, und der Geruch vom Holz im Ofen und der frischen Waldluft hat den Rest aus der Hütte verscheucht.«

»Es stank hier drinnen merkwürdig«, warf Stina ein und kräuselte die Nase.

»So nach Gruft. Eine Gruft an der Küste … Küstengruft. Wäre ein guter Titel für einen Thriller«, überlegte Tilda und zog eine Flasche aus ihrem Rucksack. »Schnaps?«

Charlotte lächelte wissend und nickte. »Warum lächeln Sie so eigentümlich?«, wollte Stina wissen. »Zum einen heißt es bei uns nicht einfach Schnaps, sondern Likörchen. Zumindest bei meinen Freundinnen und mir. Und zum anderen, wisst ihr um diesen Wald und das dazugehörige Gut? Hier gibt es jede Menge alte Schauergeschichten, die immer wieder gern erzählt werden.« Sie hielt inne. Tilda stellte ein kleines Glas vor Charlotte auf den Tisch und goss ihr von dem klaren Schnaps ein. »Oh, sehr interessant. Erzählen Sie.«

Die Künstlerin winkte ab und leerte ihr Glas. »Da gibt es die Geschichte der weißen Frau, die sich die Leute hier seit Jahrhunderten erzählen und die einem noch heute eine Gänsehaut über den Rücken laufen lässt. Sie handelt von einer jungen Frau, die im Kindsbett verstorben ist und noch heute als Geist ihr Kind auf dem Hof sucht. Immer wenn dort ein Kind geboren wurde, hat man alle Spiegel im Haus verhängt. Es hieß, man sollte nachts immer ein Licht im Haus brennen lassen, damit die weiße Frau das Kind nicht holt. Gesehen hat sie allerdings noch niemand. In den 50er Jahren ist dort sogar mal ein Kind im Teich vom Staberhof ertrunken. Aber ich denke, ihr sollt ein paar schöne Tage erleben und dürft euch die Laune nicht von Spukgeschichten vermiesen lassen.« Sie schüttelte ihre graue Mähne die, seit sie die Mütze vom Kopf genommen hatte, statisch aufgeladen um das Gesicht herum stand. »Wie – Spukgeschichten?«, fragte Tilda und klatschte begeistert in die Hände. »Dass dich das interessiert, hätte ich mir ja denken können«, griente Lotta. Charlotte Hagedorn betrachtete die schlanke, hoch gewachsene Studentin, deren Gesichtsfarbe selbst einer Geistererscheinung glich. »So, wie du daherkommst, könntest du die Rolle der Weißen Frau vom Staberhof sofort übernehmen.«

Die Künstlerin erhob sich. »Ein andermal. Ich muss wirklich los.« Sie klopfte sich auf die Oberschenkel. »Es wird dämmerig. Ist ziemlich früh dunkel und ich habe einen langen Heimweg. Wir sehen uns bestimmt noch einmal. Dann können wir darüber ausgiebig plaudern und dir kann ich einige Tipps für gute Fotos geben. Ich weiß ja jetzt, wo ihr untergekommen seid. Wie lange bleibt ihr?«

»Eine ganze Woche!«

»Na, dann ist jede Menge Zeit für Geistergeschichten!«

Kapitel 5


Der dunkelhaarige Marcel Andresen stand an den Tresen gelehnt, leerte sein Whiskyglas in einem Zug und stellte es zurück auf die Theke. Seine Freunde drängten sich angeheitert um die Bar und vernichteten eine Runde nach der anderen. Sie nannten es After-Work-Party, er wusste, dass sie sich hier mit Frauen für die Nacht verabredeten. Es war ein Spiel. Er steckte eine Hand in die Hosentasche seines teuren Designeranzugs und zog das Handy heraus. Ein kurzer Blick … keine Antwort. Seine Gesichtszüge verhärteten sich. Die Wangenknochen traten hart hervor und seine Haut wirkte bleich. Mit zusammengekniffenen Augen und stechendem Blick beobachtete er die Frauen, die zu laut lachten und um die Männertraube herumstanden, als hätten sie es mit Stars zu tun. Marcel sah sich als Tier in einem Wolfsrudel. Nur, dass er sich heute nicht am Fang der Beute beteiligen wollte.

Frankfurt war das ideale Pflaster für Startupper. Männer und Frauen, die über Geld und Macht verfügten. Sie nahmen sich, was sie wollten. Vorrangig die Wölfe unter ihnen.

Marcel stand als Zuschauer abseits der Horde. Er sah auf seine schwarze Uhr am Handgelenk. Ihn nervte dieser Abend gewaltig. Er wollte nach Hause, aber aus irgendeinem Grund konnte er sich nicht aufraffen. Marcel wollte nicht in die Wohnung, in der ihn alles an Stina erinnerte. Auf einmal richtete er sich auf. Dass mir das nicht früher eingefallen ist, dachte er, stieß sich vom Tresen ab und verließ, ohne dass jemand es bemerkte, die Kneipe.

Der Unternehmer schlug den Kragen seines Mantels hoch und stiefelte in eleganten Lederschuhen durch den Regen zum Parkplatz. Er drückte auf den Schlüssel in seiner Hand und stieg in den schwarzen Porsche. Jetzt wusste er, was er zu tun hatte. Er würde zu Stinas Wohnung fahren und sie zur Rede stellen. Wie kann sie es wagen, meine Anrufe zu ignorieren, wütete er innerlich. Mit starrem Blick drückte er den Schlüssel in seiner Hand, stieg ein und zog die Tür so heftig zu, dass es knallte. Marcel startete den Motor und verließ mit durchdrehenden Reifen das Gelände.

Eine halbe Stunde später hielt er vor dem Haus, in dem seine Verlobte ihr Appartement hatte. Stina wohnte dort seit zwei Jahren und war nicht dazu zu bewegen, bei ihm einzuziehen. Sie wollte zuerst in Ruhe ihr Studium abschließen. Auf eigenen Beinen stehen, hatte sie gesagt. Marcel lächelte verächtlich, als er den Altbau hinauf sah. Es brannte kein Licht in ihrer Wohnung.

Auf der anderen Seite hatte ihre Weigerung ihm neue Möglichkeiten aufgezeigt. So konnte er, wann immer er Lust hatte, willige Frauen in sein Bett holen. Er liebte es, sie zu benutzen, hart mit ihnen umzugehen, und nicht selten verließen die unbedarften Mädchen weinend seine Wohnung. Ihm war es egal. Sie waren austauschbar. So konnte er Neigungen nachgehen, von denen niemand etwas ahnte, Stina schon gar nicht. Sie hatte damit nichts zu tun, und so sollte es bleiben. Sie war sein unschuldiger Engel, die Mutter seiner zukünftigen Kinder. Marcel presste die Zähne aufeinander und stieg aus dem Wagen.

»Scheiße. So kommst du mir nicht davon«, fluchte er und trat in den Hauseingang. Marcel klingelte mehrmals bei Stina, bis er sich sicher war, dass sie nicht zu Hause war. Dann kam ihm der Gedanke an die Nachbarin und er drückte auf deren Klingel. Der Türsummer brummte, und er eilte die wenigen Stufen hinauf. »Ach, Marcel, du bist es«, murmelte die sportliche Mittzwanzigerin nicht erfreut. Er sah, wie sie mit der Hand durch ihre kurzen dunklen Haare fuhr. Eilig zog sie ihr Höschen zurecht und hielt die Arme verschränkt vor ihre Brüste, über denen sie nur ein durchsichtiges Trägerhemd trug. Sie schien geradewegs aus dem Bett zu kommen. »Dass du dich hier überhaupt noch her traust!« Die Frau funkelte ihn böse an und wollte die Tür zuschlagen. Marcel stellte den Fuß dazwischen. »Wo ist sie? Ich muss sie sprechen. Ist sie hier?« Er sah sie durch verengte Augen an und wurde noch blasser. Die Frau, die halbnackt vor ihm stand, fühlte sich plötzlich unwohl. »Ich werde dir ganz sicher nicht erzählen, wo sie hingefahren sind.« Sie hielt inne und wurde sich augenblicklich ihrer Worte bewusst. Sie wurde rot und biss sich auf die Lippen. Marcel sah sie entgeistert an und schnaubte gefährlich. »Wer ist der Kerl? Rede!«, schrie er so laut, dass Speichel in ihre Richtung spritzte. Mit Wucht stieß er die Tür auf und drängte Hanna Westphal in den Flur ihrer Wohnung. Mit einem derartigen Angriff hatte sie nicht gerechnet. »He, was willst du? Ich weiß nicht, wo sie hin sind.«

»Mit wem ist sie weg? Wie heißt er?«, schrie er noch einmal. Sie schüttelte den Kopf. »Nein, das tue ich nicht! Wenn ich dir das erzähle, spricht sie nie wieder ein Wort mit mir.« Marcels Blick ließ sie erschrocken zusammenfahren. Schweißperlen traten auf seine Stirn. Er nahm den Arm hoch, legte seine Hand um ihren Hals und würgte sie. Hanna wollte schreien, aber ihre Stimme erstarb. »Wenn du mir nicht augenblicklich verrätst, was ich wissen will, mache ich dich kalt«, flüsterte er eisig und drückte fester zu. Die junge Frau keuchte, versuchte zu atmen und verzweifelt seine Hand von ihrem Hals zu befreien. Ihr Gesicht wurde tiefrot und ihre Augen quollen aus den Augenhöhlen hervor. »Rede!«

»Sie sind ans Meer … ans Meer, eine Insel auf Feh… Fehmarn … lass endlich los.« Marcel lockerte erstaunt den Griff. »Sie machen Urlaub in einer Hütte im Wald«, krächzte sie und versuchte mit letzter Kraft, seine Hand von ihrem Hals zu lösen. Ihr wurde schwindelig und sie hatte Angst, die Besinnung zu verlieren.

Marcel ließ los, holte aus und stieß sie gegen die Wand. »Wer ist sie? Rede!«, schrie er. Sie sackte zusammen. Am Boden kauernd, hielt sie mit der Hand ihren Hals und sog gierig Luft ein. Im Rachen brannte es, als hätte jemand ätzende Flüssigkeit hineingeschüttet. »Mit ihren Freundinnen. Nur mit Freundinnen«, röchelte sie. »Wenn du mich belogen hast, komme ich zurück und … töte dich«, sagte Marcel gefühllos, sah auf sie hinunter, stieß ihr seinen Schuh mehrfach brutal in die Seite und verschwand.

Sie lag mehrere Minuten am Boden und konnte sich nicht bewegen. Schmerzen und Panik erfassten ihren Körper. Die Verletzungen lähmten sie und sie hatte Angst aufzustehen. Sie wusste, dass sie ihre Nachbarin in Gefahr gebracht hatte. Sie musste Stina warnen. Der Typ ist zu allem fähig, dachte sie verzweifelt. Mit schmerzverzerrtem Gesicht quälte sie sich hoch, bis sie auf wackeligen Beinen stand. Sie hielt sich am Türrahmen fest, hangelte sich an der Wand entlang, bis sie in der Küche war. Immer wieder griff sie mit einer Hand an ihren Hals. Sie riss ein gelbes Post-it vom Kühlschrank. Ihr Handy lag auf dem Küchentisch. Sie schleppte sich hin und ließ sich ächzend auf einen Stuhl fallen. Schwer atmend griff sie nach dem Telefon und wählte mit zittrigen Fingern die Nummer, die Stina auf dem Zettel notiert hatte, bevor sie losgefahren war. »Für alle Fälle«, hatte sie gesagt. Hanna wartete. »Dieser Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar … dieser Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar …«

*

Charlotte huschte durchs Wohnzimmer und strich mit dem Finger über den Sockel der Vitrine. »Heiland Mailand. Ich glaube, ich muss mal wieder sauber machen, ist schon eine Weile her.« Sie betrachtete ihre Fingerkuppe und pustete den darauf liegenden Staub herunter. Katrin sah von ihrem Buch auf und blickte ihre Tante fragend an. »Na, dann hast du ja jetzt jede Menge Zeit. Im Januar sind keine Veranstaltungen, die du sprengen könntest, und auch sonst ist es mehr als ruhig auf der Insel, oder?«

»Was soll das heißen?«, sagte Charlotte und stopfte eine Haarsträhne zurück in ihren Zopf. »Ich sprenge schon mal gar nichts, und du könntest mir ja vielleicht beim Saubermachen behilflich sein. Was hältst du davon?«

»Ehrlich gesagt, nichts! Man sieht den Staub doch gar nicht. Es ist dunkel! Ich möchte sehr gern noch einen Moment weiterlesen und später nach Oldenburg fahren. Ich will mich mit Dirk treffen. Wir haben uns seit zwei Wochen nicht mehr gesehen. Ich habe wirklich Sehnsucht nach ihm«, flüsterte sie und schniefte. Charlotte sah Katrin an und erkannte Traurigkeit in ihren Augen. »Weinst du?«

»Nein, ich glaube, mich hat eine Erkältung erwischt. Ich muss mal wieder Ingwertee trinken.«

»Hast du von diesem Virus gehört? Nele hat mir davon erzählt, dass in einer Stadt in China Fälle von schwerer Lungenentzündung aufgetreten sind. Da sind sogar schon Menschen gestorben. Stell dir das mal hier vor«, sagte Charlotte und schüttelte den Kopf.

»Das will ich mir gar nicht vorstellen. Außerdem ist das weit weg«, entgegnete ihre Nichte. »Ich will jetzt auch los.« Katrin legte ihr Buch aus der Hand.

»Hm, hast recht. Ist weit weg. Wuhan, ich weiß nicht mal, wo das ist. Dann hole ich mir mal mein Putzzeug, und du gehst kuscheln«. Ihre Nichte schüttelte den Kopf. »Anstatt sich beim Putzen zu verausgaben, solltest du dich lieber ausruhen. Du siehst irgendwie blass aus, Tantchen. Mach mal halblang.«

Charlotte Hagedorn fühlte sich tatsächlich seit Tagen schlapp. Sie empfand keinerlei Antrieb. Deshalb hatte sie sich aufs Fahrrad geschwungen, um an die frische Luft zu kommen, und war zum Leuchtturm Staberhuk gefahren. Die kühle Brise tat ihr gut und das Zusammentreffen mit den jungen Frauen hatte ihr wieder frischen Auftrieb gegeben. Das ist der Winterblues, dachte sie und machte sich auf den Weg, um ihren Putzeimer aus dem Schrank zu holen.

*

Am gleichen Abend hatte sich das Innere der Hütte in wohlige Atmosphäre verwandelt. Im Ofen knisterte ein behagliches Feuer, und die Stimmung war gelöst. »Wollen wir zusammen kochen? Ich habe einen Bärenhunger«, fragte Stina. »Na, das ist ja mal eine Ansage«, erwiderte Lotta und sprang vom Sofa. Sie hatte sich in eines ihrer mitgebrachten Bücher vertieft. »Jeder macht, was er am besten kann. Ich setze Wasser für Spaghetti auf.«

»Ja, und ich mache die Tomatensoße. Jemand etwas dagegen?« Tilda sah beide unbeeindruckt an. »Und ich sorge dann mal für die Getränke.«

»Nein, du kannst Zwiebeln und Speck würfeln und braten.«

»Jaja, damit meine Tränen fließen, wenn ich diese runden Titanen besiege«, sprach Tilda mit weinerlicher Stimme, hielt eine Zwiebel in ihren Händen und streckte sie zur Decke. »Aber sie werden mitnichten in Edelsteine verwandelt. Das werden die Götter nicht zulassen. Es werden keine Freudentränen sein.«

»Oh Mann, unsere Philosophin«, lachte Lotta. »Okay, dann brauche ich auf jeden Fall einen anständigen Küchenwein. Wer ist dabei?«, grunzte Tilda. Die Frauen nickten. Die Studentin zog eine Rotweinflasche aus ihrem Rucksack und öffnete sie. Sie setzte die Flasche an die Lippen und nahm einen tiefen Schluck. Grinsend stellte sie sie auf den Tisch. »Aber sonst geht’s noch, oder?«, entgegnete Lotta und sah sie fragend an. »Wir sollen doch jetzt wohl nicht alle aus dieser Flasche trinken.«

»Mann, stellt euch nicht so an. Das haben wir früher immer so gehalten, und da hat es niemanden gestört. Und wir haben mehr als eine Pulle genauso leer gemacht.« Tilda zog weitere Zutaten aus der Einkaufstasche. Sie suchte nach einem Brett und fing an, Speck und Zwiebeln mit einem scharfen Küchenmesser zu zerhacken. »Sei nicht beleidigt. Ist alles gut. Und lass den Speck, der ist schon tot«, griente Lotta und griff nach der Rotweinflasche. Sie nahm einen tiefen Schluck, bis sie prustete, weil Tilda mit heraushängender Zunge die Lebensmittel bearbeitete. Sie hielt Stina die Flasche entgegen, die es ihr gleichtat. Und auf einmal gackerten alle drei, bis Lotta zusammenfuhr und ihren Blick abwandte. »Habt ihr das auch gesehen?«, wollte sie wissen und rieb sich die Hände. »Was?«, fragte Stina verunsichert. »Ne, ich dachte, ich hätte einen …« Sie schüttelte den Kopf und lenkte das Gespräch wieder auf das Essen.

Die Frauen alberten herum, bis die Spaghetti in einer großen Emailleschüssel mit Tildas Speck-Zwiebel Gemetzel dampfend auf dem Tisch standen. Die zweite Flasche Wein wurde geköpft, und Stinas Liebeskummer schien für den Moment vergessen. »Nun sagt mal, wir haben es doch hier nett getroffen, oder?«, wollte Lotta wissen. »Ja, du hast recht. Diese Abgeschiedenheit lässt uns entschleunigen. Mir tut das nach den Gesprächen mit unserem Professor wirklich gut.«

»Ja, du bist doch bald fertig mit deinem Studium. Und hast du schon einen Praktikumsplatz?«, wollte Stina wissen. »Ich werde aller Wahrscheinlichkeit nach in den Journalismus gehen. Das interessiert mich am meisten. Da kann ich mich entfalten! Praktikum? Darum kümmere ich mich, wenn wir wieder zu Hause sind.«

»Was hast du da hinten eigentlich für ein Buch liegen?«, fragte Lotta und deutete auf die interessant anmutende Lektüre, die auf dem kleinen Tisch neben dem Sessel lag.

»Das ist von Kant Kritik der reinen Vernunft. Ich lese es gerade zum dritten Mal«, erklärte Tilda und sprach weiter, »das ist eines der weltweit meistbeachteten Werke der Philosophie.«

»Und worum geht es?«, wollte Stina wissen. »Kant widmet sich darin einer philosophischen Schlüsselfrage: Was kann ich wissen? Oder anders ausgedrückt: Kann es Urteile unabhängig von Erfahrung geben? Ist sehr aufschlussreich. Sollte jeder gelesen haben.«

»Aber im täglichen Leben hilft es mir nicht unbedingt«, murmelte Lotta. »Mein Fokus ist auf die Pflege und Betreuung kranker Menschen gerichtet und auf die tägliche Unterstützung der Ärzte. Der Wille, zu helfen und Leben zu retten, ist in meinen Augen reine Philosophie.«

»Was habe ich es als Sportstudentin doch leicht«, seufzte Stina und drehte eine Haarsträhne zwischen den Fingern. »Na ja, als leicht würde ich es nicht bezeichnen, den ganzen Tag Kindern Sportunterricht zu geben. Das erfordert absolute Disziplin. Ich möchte in der heutigen Zeit kein Lehrer sein. Du bekommst nicht unbedingt einen leichten Beruf«, entgegnete Lotta und ließ ihre Gabel sinken. »Na ja, die erste Hürde ist wohl, dass man Freude am Umgang mit Kindern und Jugendlichen haben sollte. Und das ist für mich schon ein riesiger Motivator. Ich liebe Kinder. Ich denke, ich habe genügend Durchsetzungskraft, Geduld und ein sicheres Auftreten. Das braucht man, wenn man auf Lehramt im Sport studiert. Und sportmotorische Vorkenntnisse habe ich auf jeden Fall durch meine eigenen Sportarten. Ich weiß, das ist für mich genau der richtige Beruf … meine Berufung, um es zum Abschluss auch philosophisch auszudrücken.«

»Ich kann nicht mehr.« Tilda folgte ihr und legte ihr Besteck aus der Hand. »Ich bin so satt, ich mag kein Blatt.

Und genau aus diesem Grund lasst uns endlich ankommen, alles Berufliche loslassen und … Party machen. Deshalb sind wir doch hier, oder?« Tilda zog die Schublade auf, nahm ihr Handy heraus, obwohl Lotta gerade Zweifel anmelden wollte, und legte es mitten auf den Esstisch. Sie hatte ihre Playlist angestellt, weil sie wusste, dass sie kein Netz in diesem Wald empfangen konnten, und erhöhte die Lautstärke. Übermütig schob sie den Stuhl beiseite und rief: »Los, Mädels, jetzt wird sich vom Alltag losgelöst. Kommt schon.« Sie zog Stina hoch und forderte Lotta mit eindeutiger Geste auf, sich ebenfalls zu erheben. Tilda zuckte und sprang im Rhythmus der Musik. Sie schüttelte ihre Haare und wirbelte wie im Rausch durch die Hütte. Stina lachte und fing an, im Takt durch den Raum zu tänzeln. Sie griff Lottas Hände, und am Ende sprangen die drei Frauen, wie Hexen ums Feuer, durch das Zimmer. Der Partymix, den sie heruntergeladen hatte, brachte die Freundinnen von ihren negativen Gedanken ab. Vor der Hütte war es dunkel. Ein Reh, das unweit der Holzhütte nach Nahrung suchte, verharrte still und beobachtete das Treiben in der Hütte mit aufgestellten Ohren und starrem Blick aus dem sicheren Versteck.

»Ich muss mich einen Augenblick setzen, ich kann nicht mehr«, prustete Lotta und ließ sich mit hochrotem Kopf auf einen der Stühle sinken. Die beiden anderen kicherten und schleuderten ihre Haare durch die Luft. Die OP-Schwester sah ihnen dabei zu. Sie spürte einen kalten Luftzug im Nacken und hatte den Eindruck, jemand würde ihr etwas zuflüstern. Lotta drehte sich erneut um, weil die Empfindung, beobachtet zu werden, immer intensiver wurde. Allerdings behielt sie ihr Gefühl für sich, um Stina nicht zu ängstigen, die gerade alle Probleme vergessen zu haben schien. Sie stand auf und trat ans Fenster.

Im Wald war es stockdunkel. Das Licht aus dem Raum erhellte nur eine kleine Fläche vor dem Haus. Sie riss sich zusammen und gesellte sich zurück zu den Freundinnen. In Gesellschaft war ihr eindeutig wohler.

»Ist hier schon ein bisschen unheimlich mitten im Wald«, hauchte sie Tilda ins Ohr, die verschwitzt um sie herumtanzte. Die Philosophiestudentin warf einen Blick zum Sprossenfenster und rief, als hätte Lotta sie aufgefordert: »Geisterstunde! Was hat die Alte erzählt? Hier gibt es jede Menge Geschichten über den Wald und den Staberhof. Hat sie doch gesagt, oder?« Stina blieb augenblicklich stehen, sah sie an und nestelte nervös an ihren Haaren herum. »Lass das Thema endlich mal ruhen. Wir sind hier, und alles ist bestens. Mach mir nicht immer Angst.«

»Das ist doch um einiges besser, als über deinen Kerl zu reden, oder?« Lotta ging entschlossen zum Tisch und drückte auf das Handy, bis die Musik verstummte. Sie wollte sich lieber setzen, um sich weiter zu unterhalten. »Hey, was soll das?«, rief Tilda und blieb verschwitzt stehen.

»Dann eben Geisterstunde. Was haltet ihr von Gläserrücken? Ich finde, wir sollten die Stimmung nutzen, um ein bisschen Spaß zu verbreiten«, sagte Tilda und änderte ihre Meinung so schnell, wie Lotta das Handy ausgeschaltet hatte. »Brauch ich nicht, auf keinen Fall«, erwiderte Stina, setzte sich und zog ihre Füße auf die Stuhlkante, als hätte sie Angst, etwas könnte um ihre Beine schleichen. »Schisser!«, tönte die quirlige Freundin.

»Bin ich überhaupt nicht.« Sie nagte auf ihrer Unterlippe. »Dann machen wir das eben. Ich will hier nicht immer als Spielverderber dastehen. Ist doch sowieso alles nur fauler Zauber.« Stina rollte mit den Augen und täuschte Gleichgültigkeit vor. Sie stand auf, stapelte die Teller aufeinander und machte Anstalten, sie in die Spüle stellen. Dabei stolperte sie über die Kante des Sisalteppichs, der unter dem Küchentisch ausgelegt war, und ließ sich zurück auf ihren Stuhl fallen, bevor ihr die Teller aus den Händen gleiten konnten. Tilda zog die Augenbrauen hoch, als sie ein Stück wesentlich helleren Holzboden unter dem Teppich entdeckte. Sie sprang zum Tisch und sank davor auf die Knie. Sie hatten vielleicht einen geheimnisvollen Platz aufgespürt. Tilda zerrte am Teppich und schlug ihn zurück, soweit es möglich war. Begeistert stellte sie fest, dass der Holzboden darunter anders aussah als im Rest des Raumes. Sie klopfte gegen das Holz und sah die Mädchen an. »Klingt das nicht merkwürdig hohl?« Tilda presste das Ohr auf den Boden und lauschte den Geräuschen, die sie selbst verursachte. Lotta sah Stina kopfschüttelnd an.

»Was vermutest du denn unter dem Tisch?«, fragte sie ihre Freundin.

»Vielleicht ist darunter ein Keller. Und da liegen Schätze vergraben«, flüsterte Tilda verschwörerisch. »Wir sind hier in einer Hütte, tief im Wald.

Da könnte sich wer weiß was befinden …«

»Was sollte jemand in dieser Waldhütte mit einem Keller? Völlig unpraktisch«, entgegnete Lotta und zog das Haargummi aus ihren Haaren. »Es klingt aber hohl. Hört ihr das nicht? Vielleicht gibt es da tatsächlich einen Keller oder ein Verlies, und da unten liegt eine Leiche … uahh …« Lotta lachte, und Stina zog die Beine noch enger an ihren Körper. Ihre Miene verfinsterte sich immer mehr.

»Blödsinn! Ein Keller in einer Hütte im Wald.« Lotta schüttelte erneut den Kopf und zog die Augenbrauen hoch. »Du mit deiner Fantasie. Da ist nichts als Erde unter dem Holz. Du spinnst!« Tilda klopfte, lauschte und untersuchte den Boden auf einen Verschluss. Sie verzog das Gesicht, schmollte und sah ein, dass die Freundin recht hatte. Ernüchtert zuckte sie die Schultern und zog den Teppich wieder zurück. »Dann eben nicht. Lass uns endlich mit dem Gläserrücken anfangen«, murrte sie.

Lotta folgte einem Instinkt, bewegte sich zur Tür und trat nach draußen. Sie nahm leise Geräusche wahr, die sich im Gehölz verbreiteten. Äste knackten, und ein undefinierbares Pfeifen tönte zwischen den Bäumen. Angestrengt blinzelte sie in die Dunkelheit und hatte erneut das Gefühl, als würde sie beobachtet werden. Schnell drehte sie sich auf dem Absatz um und schloss die Tür.

Eine Gänsehaut jagte über ihren Rücken.

*

Marcel raste mit über 200 Stundenkilometern über die Autobahn Richtung Fehmarn. Er hatte sich, als er Stinas Nachbarin aufgesucht hatte, auf den Weg machen wollen, um sie zu suchen. Allerdings hatte sein anschließender Alkohol- und Kokainkonsum ihn völlig aus der Bahn geworfen. Er touchierte mit seinem Porsche einen Baum und war nach Hause gefahren, um wenigstens ein paar Stunden Schlaf zu finden. Heute, drei Aspirin und zwei Liter Wasser später, klärte sich das Chaos in seinem Kopf. Mit dem Restalkohol im Blut setzte er sich frisch geduscht hinter das Steuer des schwarzen Wagens. Der Startupper wunderte sich über die Beule auf der Beifahrerseite. Es war nicht das erste Mal, und morgen würde er den Wagen in die Werkstatt bringen. Aber jetzt musste er handeln. Er würde seinen Charme einsetzen. Das hatte bei Stina bisher immer gewirkt. Er lächelte, und im nächsten Moment erstarrte sein Blick. Und wenn sie nicht funktioniert, wird sie mich kennenlernen, dachte er verbissen. Seine Hände umkrampften das Lenkrad. Die Knöchel traten bleich hervor. Ein Blick in den Rückspiegel zeigte ihm sein wutverzerrtes Gesicht. Die Anspannung steigerte sich mit jedem Kilometer. Was bildete die sich ein? Er trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Mit der rechten Hand öffnete er das Handschuhfach und wühlte sich durch Pfefferminzbonbonpapier und missachtete Strafzettel. Dann ertastete er mit seinen Fingerspitzen ein kleines silbernes Päckchen. Er brauchte jetzt etwas, um herunterzukommen. Marcel öffnete das gefaltete Silberpapier mit zwei Fingern, während er sich weiter auf die Fahrbahn konzentrierte. Weißes Pulver kam zum Vorschein. Marcel warf einen Blick darauf, lächelte und hielt sich das Kokain unter die Nase. Dann sog er den Staub tief in seine Nasenlöcher. Die Geschwindigkeit des Wagens behielt er bei. Das Papier fiel achtlos zu Boden. Marcel zog noch einmal gierig Luft durch die Nasenflügel und schloss für den Bruchteil einer Sekunde die Augen. Dann drehte er die Musik im Radio auf und hielt weiterhin das Gaspedal bis zur Bodenplatte durchgedrückt. So raste er dahin. Die Lichter der Autos zogen rote Fäden und verschwammen vor seinen Augen.

*

Eine halbe Stunde später saßen die Freundinnen um den hölzernen Couchtisch. Tilda breitete einen Bogen Papier aus, den sie aus einer alten Einkaufstüte gebastelt hatte, und kritzelte mit einem Kugelschreiber sonderbare Zeichen, Buchstaben und Zahlen darauf. In der Mitte des Papierbogens stand ein umgestülptes Wasserglas. Sie sah sich um und entdeckte auf dem Fenstersims eine Kerze. Lächelnd stellte sie die auf den Tisch zu den anderen Sachen. »Die ist zwar halb heruntergebrannt, aber das dürfte reichen.« Sie entzündete sie. »Stinchen, mach bitte das Fenster auf.«

»Und wozu soll das gut sein?«, wollte sie wissen und biss sich auf die Lippen. Ihre Hände schwitzten, und ihr Mut hatte sie längst verlassen. Sie hatte keine Lust mehr, Gläser zu verrücken, traute sich aber nicht, dies kundzutun. »Damit die Seelen der Verstorbenen, falls wir welche erreichen, auch wieder raus können.« Tilda holte einen Salzstreuer vom Regal und fing an, einen Salzkreis auf den Tisch streuen. »Was soll das denn werden?«, wollte Lotta wissen. »Um bösartige Geister fernzuhalten, die es nicht unbedingt gut mit uns meinen«, antwortete sie. »Und die weiße Kerze?«, fragte Stina mit glasigem Blick. »Damit wir nur Kontakt zu positiven Wesen bekommen«, flüsterte sie mit ernster Miene. »Und – nicht lachen. Das ist respektlos. Passt auf, dass das Glas nicht umkippt.« Die Mädchen sahen Tilda schweigend an. Lotta spürte erneut einen kalten Luftzug ihren Nacken streifen und war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob dies alles hier eine gute Idee war. Jetzt hat sie mich mit ihrem Gerede über Geister völlig eingelullt. »Is was?«, wollte Tilda wissen. Lotta antwortete nicht und schüttelte nur den Kopf.

»So, es kann losgehen. Und bitte bleibt ganz cool, egal, was passiert.« Die Krankenschwester glaubte weder, dass man Geister rufen konnte, noch an den Hokuspokus, den Tilda gerade veranstaltete. Aber sie war schon zu betrunken, um energisch einzuschreiten. Die ganze Veranstaltung ging ihr gehörig gegen den Strich.

Stina schien ebenso angetrunken zu sein wie sie selbst. Sie saß gleichmütig auf ihrem Stuhl und folgte dem Spektakel ohne einen Anflug von Angst. Stinas Blick wirkte abwesend. Tilda löschte das Licht der Deckenlampe und setzte sich zu ihren Freundinnen.

»Gebt mir eure Hände«, flüsterte die dunkelhaarige Studentin und reichte den Mädchen die Hände. Die drei schlossen einen Kreis. »Bist du da? Ist irgendjemand hier?«, fragte Tilda mit ernster Miene, während Lotta sich das Lachen kaum verkneifen konnte. Die Einzige, die angetrunken versuchte, der Vorstellung zu folgen, war Stina. »Ist jemand hier? Geist, wenn du da bist, melde dich«, murmelte Tilda mit lallender Stimme. Ihre Augenlider verengten sich, und sie schüttelte vielsagend den Kopf.

Es folgte Schweigen. Lotta zog einige Minuten später ihre Hand zurück, lächelte und wollte aufstehen. »Das darfst du nicht. Du sollst den Kreis nicht unterbrechen.« Tilda sah sie wütend an. »Ach, du mit deinem Hokuspokus«, sagte Lotta und stand auf. Sie zog ihre Jogginghose hoch und trollte sich Richtung Badezimmer. Sie drehte sich um und murmelte: »Lass uns endlich schlafen gehen. Der Unfug hier nervt, und ich habe keine Lust mehr. Morgen können wir weiter auf Geisterjagd gehen. Sieh dir Stinchen an. Sie ist grottenmüde, und wir sind alle drei ziemlich betrunken, wenn du mich fragst.« Sie öffnete die Tür zum Badezimmer, als mit lautem Knall das Fenster zuschlug.

»Da siehst du, was du angerichtet hast«, rief Tilda und wurde bleich.

Kapitel 6


Marcel erwachte, und sein Schädel drohte zu platzen. Was war das für ein scheiß Zeug?, fragte er sich und hielt sich den Kopf. Ich muss hier augenblicklich weg. Sein Haar wirkte ungekämmt. Seine Gesichtsfarbe glich einem Berg Asche und ließ ihn erbärmlich aussehen. Er öffnete die Wagentür, stieg aus und schleppte sich zum Toilettenhäuschen, um wenigstens Wasser über sein Gesicht laufen zu lassen.

Benommen startete er wenig später den Wagen. Er hatte einen üblen Geschmack im Mund und wusste nicht, wo genau er sich befand. Nur, dass er auf einem Rastplatz gelandet war. Marcel warf einen Blick auf die Digitalanzeige des Armaturenbrettes. Es war 16 Uhr. Mann, das Zeug hatte es in sich. Hat mir völlig den Kopf weggepustet. Er ließ den Porsche langsam auf die Fahrbahn rollen. Es dämmerte. Marcel wartete, bis ein Hinweisschild ihm zeigte, wo er gelandet war, und schaltete das Radio ein. Er öffnete das Seitenfenster und sog die eiskalte Nachtluft ein. Dann griff er zur Wasserflasche, die neben ihm in einer Halterung stand. Marcel leerte die Flasche in einem Zug. Ihm war übel, aber er wollte das zu Ende bringen. Nichts würde ihn davon abhalten, Stina zurückzuholen. Heiligenhafen: er war kurz vor der Insel. Ein verächtliches Grinsen zog über sein Gesicht. An Fehmarn hatte er Erinnerungen. Er war viele Sommer zum Surfen auf der Insel gewesen. Und wo gesurft wurde, war auch jede Menge hübscher Mädchen. Er leckte sich die Lippen.

Jetzt musste er nur herausfinden, wo seine Freundin untergetaucht war.

*

Nächster Abend

»Warum willst du denn nicht mit?«, fragte Tilda und sah Lotta verständnislos an. »Ich habe einfach keine Lust auf eine Liebesschmoranze und ich halte es auch nicht unbedingt für sinnvoll, Stina so eine Schnulze vorzuführen. Ich dachte, wir wollten gemeinsam hier etwas in der Hütte unternehmen.«

»Was willst du hier denn machen? Mensch ärgere dich nicht spielen? Die Séance hast du ja bereits gekillt.« Tilda

streifte ihren Mantel über. »Wir können uns doch unterhalten. Da gibt es so viele Themen, über die es sich zu philosophieren lohnt«, versuchte Lotta, das Ruder herumzureißen und Tilda zu locken. »Reden können wir noch die ganze Zeit, die wir hier verbringen. Ich habe jedenfalls Lust auf einen romantischen Film, und du, Stinchen?«

»Ne, ist schon in Ordnung. Ich möchte auch lieber einen Film anschauen, als ständig ins Grübeln zu geraten oder nochmal diesen Geisterscheiß zu erleben. Mein Handy habt ihr mir schon abgenommen. Ich brauche Abwechslung, sonst drehe ich in dieser Einsamkeit durch. Und reden, da hat Tilda recht, können wir die ganze Zeit über.«

Lotta Freimann gab sich geschlagen. Gegen die Argumente der Freundinnen hatte sie nichts mehr einzuwenden und überlegte, ob sie nicht doch mitfahren sollte. Wenn sie genau darüber nachdachte, fand sie es aber auch ganz prickelnd, für ein paar Stunden sich selbst überlassen zu sein. Tilda vereinnahmte Menschen um sich herum, und oft war sie ziemlich anstrengend. Sie würde ihr angefangenes Buch weiterlesen und fand, es war genau die richtige Atmosphäre, alleine in der Hütte, im Wald … Lotta lächelte. Dann wieder dachte sie an die Ablenkung in Burg. Hinterher vielleicht noch einen Cocktail trinken …

Stina hatte ein schlechtes Gewissen und sah sie fragend von der Seite an. Sie drehte sich noch einmal um, während Tilda längst die Hütte verlassen hatte. »Fahrt ihr nur los. Ich bleibe hier und mache mir einen gemütlichen Abend. Wein haben wir ja genug.«

»Nun komm mit«, bettelte Stina. Lotta war hin und her gerissen. Sie setzte sich auf, als wollte sie aufstehen, um sich dann doch wieder ins Sofa zurückfallen zu lassen. Dann hatte sie sich entschieden. »Alles bestens, mach dir keinen Kopf. Habt einen schönen Abend«, zwinkerte sie Stina zu. »Du passt aber bitte gut auf meinen Wagen auf«, mahnte sie ihre Freundin und reichte ihr den Wagenschlüssel, der vor ihr auf dem Tisch gelegen hatte.

»Was glaubst du?«

Dann war sie verschwunden.

Es fing an zu regnen, und der Wind nahm zu.

Kapitel 7


Das Boot schlug bei jeder kurzen, harten Welle gnadenlos auf die Wasseroberfläche auf. Er hatte Mühe, den Küstensaum zu erkennen, weil der Regen sich zu einem undurchdringlichen Vorhang verdichtet hatte, der ihm die Sicht erschwerte. Seine Lippen waren zu schmalen Strichen zusammengepresst, als erneut eine wuchtige Welle das GFK Boot gefährlich von der Seite erfasste und Gischt in sein Gesicht peitschte. Er war dankbar, als die letzte Woge, die ihn an den Strand drängte, sich hinter ihm brach. Mit steif gefrorenen Fingern drückte er den roten Knopf, der den Motor des Außenborders zum Schweigen brachte. Die Küstenlinie lag direkt vor ihm. Das etwa sechs Meter lange Boot schob sich mit der letzten Welle Richtung Strand. Er zog den Motor hoch und wischte sich mit der Hand über das Gesicht, um das Salzwasser aus den Augen zu entfernen. Kaugummi kauend kletterte er aus dem Kunststoffboot. Mit dunkler Regenjacke und Wathose bekleidet, die er im Boot neben einem Anker und mehreren Dosen gefunden hatte, watete er mit unsicheren Schritten durch das knöcheltiefe Wasser. Konzentriert zog er das Schiff an einem Tampen hinter sich her, griff nach dem Anker und warf ihn in die Ostsee. Er musste schließlich irgendwie wieder zurück zum Hafen kommen und wartete, bis sich das Boot in den Wind gelegt hatte. Angespannt zerrte er den Rucksack aus der offenen Schale und schulterte ihn. Mühsam stapfte er an den Strand, um durch den feuchten Sand den Fuß der Steilküste zu erreichen. Er warf einen Blick nach oben und hoffte, dass der Aufstieg nicht zu anstrengend würde. An einer nicht einsehbaren Stelle kletterte er den zum Teil weggebrochenen Hang hinauf, bis er das freie Feld erreichte. Mit schweren Schritten stapfte er an Knicks entlang. Ein missbilligendes Lächeln umspielte den Mund in seinem finster aussehenden Gesicht. Es war sehr viel leichter gewesen, als er für möglich gehalten hatte. Niemand hatte seinen Weg und seine lang ausgegrübelten Pläne bisher durchkreuzt, und so steuerte er unerkannt sein Ziel an. Die Dunkelheit spielte ihm hervorragend in die Karten.

Der Mann setzte seinen Weg Richtung Lichtung fort, zog den Kragen der Watjacke hoch, die ihm um den Körper schlotterte, damit nicht noch mehr Kälte und Feuchtigkeit den Nacken hinunter kriechen konnte. Seine Bewegungen wirkten mechanisch und schleppend, als wäre er angetrunken. Jeder seiner Schritte erzeugte ein glucksendes Geräusch, wenn der Stiefel im morastigen Grund versank. Dann sah er durch den zunehmenden Regen den düsteren Umriss des Waldes. Die kühlen Böen peitschten unentwegt in sein Gesicht. Eine Gänsehaut überzog seinen Körper und er stiefelte weiter. Sein Ziel lag direkt vor ihm, und er würde es zu Ende bringen. Die Gestalt versuchte, die Kälte zu ignorieren, die sich eisig um seinen Körper schloss, und zog den Rucksack fester an sich. Bindfadenartiger Regen rieselte zwischen dunklen Baumstämmen hindurch. Jeder Schritt knatschte. Angespannt erreichte er das eng gedrängte Gestrüpp, das für ungeübte Spaziergänger einen undurchdringbaren Eingang darstellte und durch das er in das Innere des Waldes gelangte. Als wäre der Regen nicht genug Behinderung, dröhnte einsetzendes, fernes Donnergrollen neben der Brandung. Zusammen ergab es eine unheimliche Atmosphäre, die ihm perfekt erschien, um nicht durch Geräusche auf sich aufmerksam zu machen. Niemand würde ihn bei seinem Vorhaben stören.

Er zog die Augenbrauen hoch, als er weiter in den Wald eindrang. Dann suchte er mit seinen Blicken die Dunkelheit ab. Irgendwo hier musste die verdammte Hütte sein. Ich kann mich nicht so in der Richtung geirrt haben. Erleichtert blieb er stehen, als er einen kaum wahrzunehmenden Lichtschein entdeckte. Der Mann stapfte weiter und hoffte, dass das Licht nicht aus der Hütte kam. Dort konnte, nein, durfte niemand sein. Nicht zu dieser Jahreszeit. Die Erkenntnis, dass er seinem Ziel verdammt nah war, ließ seinen Herzschlag beschleunigen, aber trotz allem ein ungutes Gefühl in ihm aufsteigen und seinen Puls weiter nach oben schießen. Bei jedem seiner Schritte zerbrachen Äste unter seinen Füßen. Die Taschenlampe in seiner Jackentasche ließ er ausgeschaltet. Er wollte unter keinen Umständen gesehen werden und schlich weiter durch die schützende Dunkelheit. In seinen Ohren dröhnte die Brandung, und im zunehmenden Donnergrollen ging das Geräusch seiner Schritte unter. Er liebte die anschwellende Geräuschkulisse, deren Intensität immer mehr zunahm, je länger er sich hier aufhielt.

Das Szenario rief ein Ereignis aus seiner Jugendzeit in ihm wach. Er hatte mit einem Freund in einem Waldstück ein neues Zelt ausprobieren wollen. Es war eine Nacht, an die er sich sein Leben lang erinnern würde. Die Angst hatte ihn und seinen Freund damals fast wahnsinnig werden lassen. Die unheimlichen Geräusche hatten die beiden 14-Jährigen in Angst versetzt und die ganze Nacht wachgehalten. Sie hatten in dem Zelt gekauert und bei jedem unerklärlichen Laut gedacht, dass Monster sie holen würden. Nie wieder würde er im Wald kampieren. Wie konnte ich das vergessen? Er schüttelte sich und sah das fahle Licht direkt vor ihm durch die Bäume schimmern.

Der Schein dieser Lichtquelle beunruhigte ihn. Nur noch wenige Meter, dann hatte er sein Ziel erreicht. Schlagartig fragte er sich, ob es eine gute Idee gewesen war, ohne Vorbereitungen hier aufgekreuzt zu sein. »Verdammt, ich hätte mich vorab informieren sollen.«

Ein Blitz erhellte den Himmel, und er zuckte zusammen. Hinter einem Baum, direkt vor der Hütte, stoppte er. Sein Hals war ausgetrocknet und er schluckte, während er sich mit der Hand über die von Wasser getränkte Kapuze fuhr.

Dann donnerte es wieder, und ein Blitz folgte. Das Gewitter rückte näher. Er zerrte am Kragen der wattierten Jacke. Ihm wurde heiß, obwohl es eisig kalt war. Er überlegte, wie er sich jetzt, wo er das Ziel direkt vor Augen hatte, verhalten sollte. Was würde er vorfinden? Entschlossen schlich er zur Treppe.

Sein Kiefer knirschte, als er mit zusammengebissenen Zähnen die Treppe hochschlich. Er wandte den Kopf. Alles um ihn herum war dunkel und ruhig, nur eine Krähe flog mit einem unheimlichen Schrei dicht über seinem Schädel hinweg. Er verbarg sich im Dunkeln neben der Tür, lehnte sich gegen die Wand und drehte den Kopf Richtung Fenster. Mit einem Blick erfasste er die Situation im Inneren der Hütte.

Eine Frau saß auf dem Sofa und hatte es sich mit einer Wolldecke und einem Buch gemütlich gemacht. Der kleine Kaminofen brannte, und ein Glas Rotwein stand, halb geleert, auf dem flachen Holztisch vor ihr. Die ist jung, vielleicht Mitte 20. Ihre langen blonden Haare betonten die dunklen blauen Augen. Sie trug einen Jogginganzug. Er schnaubte und riss den Kopf zurück. Ein weiterer Blitz zuckte über den nachtschwarzen Himmel, und unmittelbar darauf hallte ein Donnerschlag. Schnell presste er seinen Körper gegen die Holzfassade und hoffte, dass sie ihn nicht bemerkt hatte. Entschlossen schlich er auf der Veranda um die Hütte. Wut breitete sich in seinem Körper aus. Ihm war kalt. Er hatte sich vorgenommen, seinen Plan umzusetzen. Die Frau, die allein auf dem Sofa saß, hatte ihm einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht. Das war nicht das, was er vorzufinden gehofft hatte.

Er warf einen Blick ins Innere des zweiten Raumes. Niemand hält sich da auf, so viel ist schon mal sicher. Also ist sie offensichtlich alleine. Oder ist noch jemand im Dachgeschoss? Ich muss es riskieren. Vorsichtig fasste er an das marode Sprossenfenster. Leise fluchend rüttelte er daran, als er das Licht einer Taschenlampe auf sich zukommen sah.

*

Lotta Freimann war nicht anwesend. Zumindest nicht im Geiste. Vertieft in ihren mystischen Thriller hatte sie Raum und Zeit um sich herum vergessen. Draußen prasselte der Regen unaufhörlich gegen das Fenster. Der Wind ließ die Äste eines Baumes an der Scheibe entlang schaben. Es klang wie die passende Untermalung zu ihrem Buch und hörte sich an, als tobte die Ostsee direkt an der Hütte vorbei. Sie empfand keine Angst, als ein Blitz das gemütliche Zimmer der Waldhütte erhellte. Im Gegenteil. Ein wohliger Schauer stellte ihre Nackenhaare auf, der genau zur Stimmung der Handlung in ihrem Buch passte. Eine Frau, die sich vor einem Killer in einem Wald versteckt hatte, beflügelte ihre Fantasie. Sie sah auf und zählte nach dem Blitz die Sekunden, bis zum Einschlag des ersten Donners. Eins, zwei, … das Gewitter muss direkt über der Hütte sein, mutmaßte sie, beugte sich nach vorn und griff zur Rotweinflasche. Langsam füllte sie ihr Glas und hielt es gegen die weichen Lippen, um einen Schluck zu sich zu nehmen. Lotta stellte das Weinglas zurück auf den Holztisch und schlang die rote Wolldecke um ihre Füße, die sie entspannt auf dem Sofa ausgestreckt hatte. Ihre langen, glatten Haare fielen weich auf die Schultern. Die behagliche Wärme des Kaminofens erfüllte all ihre Sinne mit Geborgenheit. Zumal sie genügend Holz im Korb hatte, der ihr Gewissheit verschaffte, zumindest solange in dieser gemütlichen Stimmung verbringen zu können, bis ihre Freundinnen zurückkehrten. Sie räkelte sich unter ihrer Decke. Ein weiterer Blitz erhellte den Raum und sein Inventar. Ihr Blick fiel auf den hüfthohen Tisch aus verwittertem Holz, der das Zentrum der Hütte bildete. Lotta hatte diverses Obst aus ihrer Tasche hervorgezaubert, und nun lag es dekorativ in einer getöpferten Schale und lockte zum Verzehr. Die attraktive Krankenschwester fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, stand auf und huschte zum Tisch. Mit wenigen Schritten erreichte sie den Sisalteppich, der unter dem Holztisch lag, und stolperte, genau wie vorher Stina, über die gesäumte Kante. Jetzt, wo sie allein war, wollte sie selbst ein Auge auf den Holzboden werfen, der beim Abendessen für Gesprächsstoff gesorgt hatte. Sie rückte den Stuhl zur Seite, schlug den Teppich zurück und begutachtete den Boden. »Da ist nichts«, murmelte sie und klopfte mit der Faust gegen die Dielenbretter. Es klang zwar hohl, dennoch konnte Lotta keinerlei Verriegelung entdecken, die auf eine Luke hinwies. »Zu viele Geistergeschichten. Alles nur Einbildung.« Sie schüttelte den Kopf und erhob sich. Sie rollte mit ihrem Fuß den Teppich in seine vorherige Position, griff zur Obstschale und nahm sich einen Apfel heraus. Gutgelaunt begab sie sich zurück auf ihr gemütliches Sofa.

Fortwährend kratzten die Äste der alten Buche wie magere Finger an der Fensterscheibe, als wollten sie sie warnen. Lotta mochte diese gruselige Atmosphäre, die sie nicht mit dem spannendsten Kinoabend hätte tauschen mögen. Was sollte sie im Kino, wenn die Umgebung dieser Waldhütte genügend Raum für Fantasie bot? Leises Knarzen an der Eingangstür ließ sie aufhorchen.

*

Als Marcel auf dem Parkplatz stand, überkam ihn plötzlich bleierne Müdigkeit. Der Alkohol und das Kokain hatten ihn zermürbt. Dennoch ließ er nicht locker.

Niemand würde ihn davon abhalten, sich selbst von der Lage zu überzeugen. Und wenn sie ihn betrog, dann …

Er zog sein Handy aus der Tasche und suchte nach der Tourismusinformation. Die mussten wissen, wo diese verdammte Hütte stand. Tatsächlich befand sich das Büro unweit der Stelle, an der er gerade parkte.

Marcel grinste. »So einfach ist das!«

Zehn Minuten später verließ er zufrieden den Infokiosk. Ein smartes Lächeln, eine freundliche Geste … und er hatte die gewünschte Information in der Hand. Er wusste, wie er seinen Charme einzusetzen hatte.

Eilig lief er zurück zum Wagen. Der Regen hatte die Jacke in der kurzen Zeit völlig durchnässt. Er zog sie aus und legte sie auf die Rückbank. Gott sei Dank trug er einen dicken Pullover, der ihn zumindest nicht frieren ließ. Marcel sah auf sein Navi und gab die Wegbeschreibung ein. Zwölf Minuten, das ist ja ein Witz. Marcel Andresen startete den Motor und fuhr die Kopfsteinpflasterstraße bis zum Ende. Er folgte den Anweisungen des Navis und befand sich nach der angegebenen Zeit auf einer Privatstraße. Ungeachtet des Fahrverbotes fuhr er weiter. Er ahnte, dass ihn niemand bei diesem Wetter von seinem Vorhaben abhalten würde … und auch nicht könnte. »Sie haben das Ziel erreicht. Das Ziel befindet sich auf der linken Seite.«

Da ist gar nichts. Marcel sah sich um. Sein Kopf dröhnte. Er konnte kaum etwas erkennen, außer dem Waldgebiet, das direkt vor ihm lag. Er parkte den Wagen am Straßenrand, nahm die Taschenlampe aus dem Handschuhfach und stieg aus. Aus dem Kofferraum holte er seine Steppjacke, die er bei seiner letzten Sauftour durch die Kneipen dort vergessen hatte. Marcel zog die Jacke über, zog die Kapuze des Pullovers über den Kopf und machte sich auf den Weg. Er würde sie zurückholen, so viel war sicher.

*

Erneut zuckte ein Blitz durch die Fenster. »Eins, …«, zählte Lotta, als krachend der Donner folgte, um in der Dunkelheit ohrenbetörend seinen Schrecken zu verbreiten. Sie legte das Buch auf ihren Schoß, zog die Decke bis zum Kinn und warf einen letzten Blick in den Raum, der nur durch das Kaminfeuer und die Deckenlampe erhellt wurde. Dann schüttelte sie den Kopf, leerte ihr Glas und vertiefte sich wieder in ihr Buch. Sekunden später hielt sie die Geschichte erneut gefangen.

Der Regen trommelte unaufhörlich auf das Dach der Hütte, während draußen direkt über ihr das Gewitter tobte. Wie schon an den Tagen zuvor überkam sie auf einmal wieder das mulmige Gefühl, beobachtet zu werden. Ihre Stimmung kippte, und sie bereute bereits, nicht doch mit den Mädels in die Stadt gefahren zu sein. Lottas Gesichtsausdruck wurde zunehmend ernster. Sie zog sich schützend die Decke über den Körper und wandte sich wieder ihrem Thriller zu, der jetzt weitaus mehr Angst verursachte, als sie abzulenken. Lotta schlug das Buch zu. Sie legte es auf ihren Schoß und lauschte zur Tür, bis … sie aus den Augenwinkeln einen dunklen Schatten auf sich zuspringen sah und zwei eiskalte Hände von hinten ihren Hals packten.

*

Zufrieden verließen sie das Filmtheater in der Altstadt von Burg. Es goss nach wie vor in Strömen. Tilda zog die Kapuze ihres schwarzen Ledermantels über den Kopf und hakte sich bei Stina unter, die vorsorglich einen Schirm in ihre Tasche gesteckt hatte, ihn aufspannte und über sie beide hielt. Tilda grinste. »Das war ein toller Film, aber das Ungetüm in deiner Hand kannst du vergessen«, sagte sie, als plötzlich eine Windböe den Regenschirm erfasste und ihn nach außen stülpte. Stina stemmte sich gegen den Wind und raffte den Schirm, so gut es ging, zusammen. »Der ist hin!« Sie zuckte die Schultern und klemmte das Ungetüm unter ihren Arm. »Aber das Kino in Burg ist auch wirklich superschön. Hab lange nicht mehr so gemütlich gesessen.« Sie stiefelten den Kinogang entlang, der sie wieder auf die Breite Straße führte.

»So, wie ich gelesen habe, ist es eines der schönsten Filmtheater im Norden. So etwas wie ein Kulturzentrum«, erklärte Tilda. »Ne, war okay«, sagte sie und hakte sich bei Stina unter »Wollen wir noch einen trinken?«

»Ach, ich weiß nicht. Ist schon 22.30 Uhr. Ich finde, wir sollten Lotta nicht zu lange alleinlassen.« Sie stieß einen kleinen Stein mit dem Fuß beiseite. »Ich hätte jede Menge Schiss ohne euch in dieser Hütte. Mich gruselt’s schon, wenn ihr bei mir seid. Alleine wäre ich niemals hergekommen. Lass uns heimfahren.«

»Ach, sei kein Frosch. Was soll denn passieren? Ist doch easy und cool in der Hütte.« Tilda grinste ihre Freundin von der Seite an. Tiefe Grübchen zeichneten sich in ihren Wangen. »Okay, wir fahren bald zurück. Aber einen Absacker musst du uns genehmigen. Pack den Schirm ins Auto und dann los.« Stina nickte, wenngleich sie überhaupt keine Lust hatte, sich in eine Kneipe zu setzen. Dennoch wollte sie nicht schon wieder die Spielverderberin sein. Sie lief auf die andere Straßenseite, öffnete das Auto und legte den kaputten Regenschirm auf die Rückbank. »Ich habe da vorhin ein Schild gesehen, nur ein paar Häuser weiter. Ein Gläschen und dann fahren wir sofort zur Hütte.« Wenig später betraten sie eine Diskothek, wenn man sie überhaupt so nennen konnte, die sich abseits der Hauptstraße in einer Gasse befand. Sie öffneten die Tür, und deutsche Schlager jaulten ihnen unüberhörbarer entgegen. »Oh, mein Gott. Hier ist ja der Hund begraben«, maulte Tilda, als sie sich in der fast leeren Kneipe umsah. Am Tresen saßen zwei Gestalten, die sich augenblicklich umdrehten, als die Mädchen den Raum betraten. Die Philosophiestudentin verzog das Gesicht. »Altersheim hier, oder was meinst du?«, flüsterte sie Stina zu, die erleichtert schien, dass in dieser sogenannten Diskothek nichts los war. »Alles leer, und die Musik ist nicht auszuhalten.«

»Draußen Sauwetter, hier drinnen saublöd«, feixte Tilda. »Lass uns verschwinden. Mir ist der Appetit auf ein Getränk vergangen.« Sie schob ihre Freundin zurück auf den Gehweg. Sie hasteten durch den Regen über die menschenleere Kopfsteinpflasterstraße. Stina öffnete im Näherkommen mit dem Schlüssel das Auto, das auf der anderen Straßenseite parkte. Beide waren froh, als sie endlich im trockenen Wagen saßen. »Ist doch klar. Wir haben Januar. Was erwartest du denn? Die dicken Partys sind längst vorbei. Ich schätze, dass der Laden gerammelt voll ist, wenn Saison ist, wetten?«

»Ja, nur dann haben wir nichts davon. So schnell sieht mich hier keiner mehr.« Tilda starrte aus dem Fenster in die Dunkelheit, als Stina den Parkplatz verließ und Richtung Staberdorf fuhr. »Zumindest bin ich hier weit weg von … von Marcel«, flüsterte sie, und sofort waren die Traurigkeit und ihre Wut zurück.

*

Lotta schrie auf. Sie schaffte es, sich dem Würgegriff der eisigen Pranken zu entwinden, ließ das Buch fallen und sprang entsetzt vom Sofa auf. Ohne sich umzusehen, schoss sie panisch auf die Tür der Hütte zu. Sie hoffte, dass sie den Angreifer für einen Moment erschreckt hatte und er stehen geblieben war. So blieb ihr ein Vorsprung von wenigen Augenblicken. Panisch riss sie die knarrende Holztür auf und lief, nur in Jogginghose, leichtem Sweatshirt und auf Socken, in die Dunkelheit hinaus. Die Haare wehten ihr ins Gesicht und hingen ihr wenig später in nassen Strähnen vor den Augen. Lotta hörte, dass, wer auch immer sie angegriffen hatte, ihr folgte. Sie vernahm ächzendes Stöhnen unmittelbar hinter sich. Weiter, ich muss weiter. Sie stolperte durch den Wald. Es blitzte, sie erschrak und blieb wie erstarrt stehen. Weiter, Lotta, du musst dich verstecken. Jeder Baum, der genügend Deckung bot, wurde zum Schutz gegen den vermeintlichen Eindringling, der ihr dicht auf den Fersen schien. Ihr Körper zitterte und sie presste die Faust an die Lippen, um ihren keuchenden Atem zu verdecken. Tränen rannen über ihre eiskalten Wangen. Die Brandung und das Donnergrollen, die sie vorhin noch wohlwollend zur Kenntnis genommen hatte, dröhnten jetzt schmerzhaft in ihren Ohren. Ich muss mich auf näher kommende Geräusche und knackende Äste konzentrieren. Wieder hielt sie die Luft an. Dass es ein Mann war, hatte sie sofort erkannt, auch wenn sie sein Gesicht nicht gesehen hatte. Das tiefe Atmen, die schweren Schritte, der männliche Geruch.

Wie von einem Tier und … diese großen Hände. Alles ging so schnell. Sie hielt den Atem an und lauschte, während ihr Herz bis zum Hals schlug.

In kürzester Zeit war sie komplett durchnässt. Lotta lehnte sich zitternd gegen einen dicken Baumstamm. Hinter ihr brach Holz. Sie hielt den Atem an.

Ein weiterer Blitz erhellte die jetzt furchterregende Umgebung. Zweige bogen sich bedrohlich in ihre Richtung, und sie hatte das Gefühl, als würden sie nach ihr greifen wollen. Realität und Fiktion verschmolzen. Sie zitterte so stark, dass ihre Zähne klapperten, und befürchtete, der Verfolger könnte es hören. Ihre Füße waren nass und schmerzten. Sie wagte kaum mehr, Luft zu holen. Was will der? Es gibt nichts, was …

Lotta liefen fortwährend Tränen über die Wangen. Ihre Haut glühte, obwohl sie erbärmlich fror. Ihr Körper zitterte unkontrolliert. Sie musste es bis zur Straße schaffen, um Hilfe zu finden. Hier im Dickicht war sie dem Angreifer schutzlos ausgeliefert. Vorsichtig wandte sie ihren Kopf und sah sich um. Nichts! Es waren keine Schritte mehr zu hören. Vielleicht ist er in die andere Richtung gelaufen? Lotta nahm all ihren Mut zusammen und rannte los. Sie lief um ihr Leben. Die Dunkelheit machte es unmöglich, den Weg zu erkennen, der aus dem Wald herausführte. Sie stolperte immer wieder über dicke Äste, spitze Zweige und Steine bohrten sich in ihre Fußsohlen. Humpelnd hastete sie in die Richtung, in der sie die Straße vermutete. Ich muss hier raus! Lotta streng deinen Kopf an. Weg, ich muss weg!

Als sie den Waldrand erreichte, hatte sie vollständig die Orientierung verloren. Und – es gab keine Straße!

Sie weinte verzweifelt, beugte ihren Oberkörper, um zu verschnaufen. Sie hielt sich die Seite, weil Schmerzen ihr den Atem nahmen. Sie musste einen anderen Weg einschlagen. Sie richtete sich auf und rannte los, als sie plötzlich gegen ein Hindernis prallte. Aufschreiend sprang sie einen Schritt zurück, strauchelte und fiel zu Boden. Hastig versuchte sie, wieder auf die Beine zu kommen. Mit schreckgeweiteten Augen erkannte sie den riesigen dunklen Schatten, der sich vor ihr aufgebaut hatte. Ihr Peiniger war ihr gefolgt und hatte sie eingeholt. Lotta ließ entmutigt die Schultern sinken. Sie wusste, dass sie verloren hatte. »Was wollen Sie?«, flüsterte sie und hielt sich den Handrücken vor ihre Augen, weil das einer Taschenlampe Licht in ihren Augen schmerzte. Ich muss ihn beruhigen, dachte sie. »Ich gebe Ihnen, was sie wollen, und meine Freunde kommen gleich. Bitte, lassen Sie mich gehen!« Sie vermied es, von ihren Freundinnen zu sprechen. Dann würde er sofort wissen, dass er mit ihnen leichtes Spiel hatte. Sie konnte nicht erkennen, wer sie verfolgt hatte. Lotta blieb bewegungslos stehen. Sie hoffte, dass er sich wieder verzog. Aber sie wusste, dass es nicht so sein würde. Sie hatte nur eine Chance. Sie öffnete die Lippen zu einem Schrei, als er mit einer Hand ihren Arm packte und die andere auf ihren Mund presste. Sie schmeckte nach Gummi. Er hat Handschuhe an …

Die dunkle Gestalt hielt inne, Regentropfen krochen seinen Nacken hinunter, als er die zitternde Frau betrachtete. Er neigte den Kopf, sah ihre entsetzt geweiteten Augen. Sie wusste, wenn nicht jemand ihren Schrei gehört hatte, war sie verloren. Sie wand sich unter seinem Arm.

»Pst, ganz ruhig, ich möchte dir nicht wehtun«, warnte er. Er drückte ihre Schultern hinunter, bis sie auf die Knie sank. »Leg dich hin«, befahl er mit ruhigem Ton. Langsam beugte Lotta ihren Oberkörper Richtung Boden. »Dreh dich um«, befahl er. Gebrochene Äste bohrten sich in ihren Rücken. Sie presste die Lippen zusammen, um keinen Laut von sich zu geben. Übelkeit stieg in ihr auf.

Der Unbekannte hielt den Strahl der Lampe auf ihr Gesicht gerichtet, sodass seines im Dunkeln blieb. Er wusste genau, was er tat. In aller Ruhe zerrte er ihr die Hose bis zu den Knien herunter und schob anschließend ihr Shirt hoch. Lotta hörte sein erregtes Schnaufen. Sie fühlte die gierigen Blicke auf ihrem Körper. Sie schämte sich. Die Finger des Angreifers fuhren sanft über ihren Venushügel hinauf bis zu den Knospen ihrer Brüste. Er stöhnte. Dann nahm er die Hand zurück, als schreckte er vor irgendetwas zurück. »Nur ansehen, ich will dich nur ansehen.«

Lotta blieb wie versteinert liegen.

*

Ungefähr zur selben Zeit fuhren die Freundinnen mit laufendem Scheibenwischer den schmalen Feldweg hoch, der vor dem Wald endete. Tilda knipste die kleine Taschenlampe an, die sie in der Schublade der Küchenkommode entdeckt und vorsorglich mitgenommen hatte. »Für alle Fälle«, kicherte sie. Ein schmaler Lichtschein erhellte die Baumkronen, als Tilda den Lichtstrahl in die Höhe lenkte. »Lass das, das sieht unheimlich aus«, wisperte Stina, und ihre Laune kippte von einer Sekunde auf die andere. »Ich glaube, wir sollten uns sputen, wenn wir nicht komplett nass werden wollen«, murmelte Tilda und schloss den obersten Knopf ihres Mantels. Schlecht gelaunt zog sie die Kapuze wieder über den Kopf. Stina nickte und sie setzten sich in Bewegung, so schnell es ihnen im dichten Unterholz möglich war. Im Wald regnete es zwar nicht so heftig wie vorhin auf der Straße, dennoch fielen dicke Tropfen von den Blättern auf ihre Köpfe, was die Sache nicht angenehmer machte. Tilda fuchtelte mit dem Lichtstrahl ihrer Lampe unkonzentriert durch den Wald. »Da vorn … gleich sind wir da.« Erleichtert stapften sie durch das dunkle Gestrüpp. »Wenigstens das Gewitter hat aufgehört«, stellte Stina fest. Hinter ihr knackte es. Erschrocken fuhr sie zusammen und blieb regungslos stehen. Tilda hielt ebenfalls inne und lauschte. »Ist da wer?«, fragte sie in die Dunkelheit. Dann sah sie einen Hasen zwischen den Baumstämmen davonlaufen. Sie schüttelte beruhigend den Kopf, zog Stina am Jackenärmel und sie marschierten weiter. »Los, komm, Angsthase.« Endlich erreichten sie die Hütte. »Sieht aus, als wäre sie schon schlafen gegangen. Alles ist dunkel«, sagte die Sportstudentin und wollte klopfen, während sie zeitgleich die Klinke herunterdrückte. Mit ungutem Gefühl bemerkte sie, dass die Tür nicht verschlossen, sondern nur angelehnt war. »Die ist nicht abgesperrt?« Ihre Augenlider flatterten ängstlich, und sie warf Tilda einen fragenden Blick zu. »Die hat sie für uns aufgelassen, du Dummerchen. Wie hätten wir ohne Schlüssel reinkommen sollen?«

»Aber nicht einfach so. Das ist doch verrückt!«

Tilda schob sich an der Freundin vorbei, trat als Erste in die Hütte und schaltete die Deckenbeleuchtung ein. »Irgendetwas stimmt hier nicht. Der Ofen brennt, und Lottas Buch liegt am Boden«, wisperte Stina, während sie sich hinter Tilda verschanzte.

»Die schläft längst, wetten? Der ist der Thriller aus der Hand gefallen, das hat sie geweckt, und sie ist todmüde auf die Matratze«, grinste Tilda und öffnete die Tür zum Bad. Alles war dunkel. »Ich schau oben nach. Die liegt längst in den Federn.« Die dunkelhaarige Studentin knöpfte ihren Mantel auf, streifte ihn ab und legte ihn über die Stuhllehne. Sie schlüpfte aus ihren Stiefeln, ließ sie achtlos am Boden liegen und stieg die knarrenden Stufen der Dachgeschossleiter hoch. Stina verharrte stocksteif in Jacke und Mütze, als müsste sie die Hütte gleich wieder verlassen. »Komisch, sie ist nicht da!«

»Vielleicht ist sie in dem Schlafzimmer unten, damit sie ihre Ruhe hat. Ich sehe mal nach«, stotterte Stina, wickelte den Schal vom Hals und war im Begriff, die Zimmertür zu öffnen, als Tilda sie mit gedämpfter Stimme zurückhielt. »Dann lass sie schlafen. Vielleicht möchte sie einfach nur ihre Ruhe haben und war deshalb nicht mit. Wollen wir die zusammen leer machen?« Sie blieb neben der Leiter stehen und deutete auf die halb volle Flasche, die noch immer auf dem Tisch stand. »Ne, ich möchte eigentlich auch zu Bett, ich bin todmüde.« Sie hielt sich demonstrativ die Hand vor den Mund, um zu gähnen. Als sie die Klinke erneut herunterdrücken wollte, um sich zu vergewissern, dass Lotta wirklich im Bett lag, fauchte Tilda: »Untersteh dich. Lass sie in Ruhe«, Stina zog die Hand zurück.

Eine halbe Stunde später lagen sie unter warmen Decken und schliefen beide tief und fest.

*

Der schlanke Mann betrachtete die hilflos am Boden liegende Frau, die sich zitternd die Jogginghose hochzog und das Shirt über die Brust zerrte. Er setzte sich rittlings auf Lottas Schoß. Befriedigt streichelte er mit behandschuhten Händen ihren nackten Bauch, während sein Gewicht ihr den Atem nahm. Wimmernd liefen Tränen über ihr Gesicht, als die Pranke des Angreifers sich bleischwer auf ihren Mund legte. »Pst, nicht weinen. Ich tue dir nicht weh.« Er griff mit seiner anderen Hand in die feuchte Jackentasche. Ihr Peiniger schwitzte und wischte sich Schweißperlen von der Stirn. Langsam zog er ein Tuch heraus. Mit Daumen und Zeigefinger zwang er Lottas Lippen auseinander, die weiter mit schwindender Kraft versuchte, sich aus der Umklammerung zu befreien.

Er lächelte. »Pssst …« Langsam schob er ihr das Stück Stoff in den Rachen, das er in der Tasche der Watjacke gefunden hatte. Es roch nach Öl und Motorschmiere. Ihre angstgeweiteten Augen starrten in seine Richtung und sie stieß einen erstickten Schrei aus. Lotta würgte. Der Wind hatte den Himmel an einigen Stellen aufgerissen und nur wenig Mondlicht erhellte die Gegend unwirklich. Sie konnte sich nicht bewegen. Sie war gefangen in einem menschlichen Schraubstock. Die Schockstarre und der unsägliche Schmerz im Hals bissen sich in ihr fest. Ihr Peiniger beugte sich zu ihr herunter, anscheinend wollte er ihr angsterfülltes Gesicht besser sehen. Dann hob er den Kopf wieder und sah sie verächtlich lächelnd an. »Geile Sau … schade, dich nicht gefickt zu haben. Aber das wäre nicht klug … sehr schade.« Bedächtig legte er beide Hände um ihren Schädel und führte eine schnelle ruckartige Bewegung aus …

Der regungslose Körper der jungen Frau lag mit weit aufgerissenen Augen vor ihm.

Seine Erregung stieg erneut. Er schob das Shirt wieder hoch und stöhnte. Dabei massierte er seine Hosenwölbung lange und hart, bis er in seiner Hose zum Orgasmus kam. Zufrieden zog er das Stoffknäuel aus ihrem Mund und verstaute es in seiner Jackentasche. Dann stand er auf, zerrte ihren Körper in die Höhe und wuchtete ihn auf seine linke Schulter. Befriedigt stapfte er über freies Feld, bis er die Klippe erreicht hatte. Ein kurzer Blick Richtung Strand, dann hob er sie mit beiden Händen und einer erstaunlichen Leichtigkeit in die Höhe. Wie eine Puppe warf er sie den Abhang hinunter. Ein dumpfes Geräusch zeigte ihm, dass sie etwa vier Meter unterhalb am Fuß der Klippe aufgeschlagen war. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er zufrieden den Weg zurück zur Hütte antrat.

*

Nico Weiland zog seinen Sohn außer Sichtweite und forderte ihn auf, sich in den kalten, feuchten Sand zu setzen. Der Junge war geschockt. »Du bleibst hier sitzen, und ich schau nach, ob sie nicht vielleicht noch lebt. Verstanden?« Der schlaksige Jonas nickte und zitterte am ganzen Körper. Der einen Meter 70 große Vater fuhr sich durch die kurz geschnittenen blonden Haare, öffnete seine dunkle Jacke, weil er anfing zu schwitzen, und eilte zurück zu dem Platz, an dem die vermeintliche Tote lag. Doch schon, als er sich der Stelle näherte, wusste er, dass ihr nicht mehr zu helfen war. Der gebrochene Blick hatte sich nicht verändert und er sah sofort, dass er hier nichts mehr tun konnte. Einige Ungereimtheiten störten ihn: Warum liegt sie mit dünner Kleidung und nur in Socken am Fuß der Steilküste? Er kniete sich neben die Frau und tastete nach ihrer Halsschlagader, um festzustellen, ob vielleicht doch noch ein schwacher Puls tastbar war. Doch sie fühlte sich ebenso kalt an wie der Sand unter seinen Knien. Sie muss schon länger hier liegen, vermutete er und erhob sich. Was für eine hübsche Frau, stellte er fest, betrachtete sie und verspürte einen dicken Kloß im Hals. Ihre schlanke Figur, ihr hüftlanges hellblondes Haar und ihre grünen Augen. Er schüttelte sich und eilte zurück zu seinem Sohn, der vor Angst und Aufregung schlotterte. »Papa, ich will nicht mehr ditschen, ich will nach Hause«, schluchzte der Achtjährige.

Kapitel 8


Jasper Veit öffnete die Tür zum Büro von Olaf Schütt. »Na, was gibt’s?«, fragte der Dienststellenleiter und sah den Kommissar mit dem akkuraten Kurzhaarschnitt an. Er, den sie hinter vorgehaltener Hand einen harten Hund nannten und der nicht jedermanns Sache war, trat vor den Schreibtisch seines Vorgesetzten und sagte mit finsterer Miene: »Die haben am Strand von Staberhuk eine Frauenleiche gefunden.«

»Nein! Nicht schon wieder. Wer?«

»Nico Weiland. Er ist mit seinem Sohn am Strand.«

»Nein, ich wollte fragen, ob du weißt, wer die Frau ist.«

»Weiß ich nicht.«

»Jo, denn lass uns los. Hat er irgendwas gesagt?«

»Nein, nur dass sie tot ist. Er hat ihren Puls nicht mehr fühlen können, und sie soll seiner Meinung nach schon länger am Strand liegen. Und dass ihm das Ganze nicht geheuer vorkommt.«

»Wieso nicht geheuer?«

»Sie hat wohl nicht allzu viel an, wenn du verstehst.« Veit zog den Reißverschluss seiner Jacke hoch.

»Nackt?«

»Nein, aber ohne Schuhe, wie ich das verstanden habe. Und keine Jacke.« Der Dienststellenleiter sah ihn fragend an, stand auf und stöhnte. »Ich dachte, dass zumindest im Januar mal alles ruhig bleibt. Verdammt!« Er zog die Dienstjacke vom Haken und folgte Jasper Veit zum Ausgang.

Jan Becker sah von seinem Schreibtisch auf. »Gibt’s was Besonderes?«

»Ne, nur eine Leiche am Strand«, sagte Veit trocken und marschierte Richtung Parkplatz. »Zieh die Jacke an!«

Entschlossen liefen sie 20 Minuten später den unebenen Weg hinunter zum Strand. Schütt zog den Kragen seiner Jacke zusammen und rückte die Dienstmütze zurecht. Sein Kollege Becker folgte ihm auf dem Fuß. Der Dienststellenleiter ließ den Blick über den Strand streifen. Am Saum zur Wasserkante türmten sich Unmengen Algen, die einen mörderischen Gestank verbreiteten.

»Das sieht alles aus, als hätte jemand die Farbe aus allem rausgezogen«, sagte er, als er Sand, Wasser und Himmel betrachtete.

»Mann, bei dem Schietwedder kannst dich auch nur die Klippen runterstürzen. Aber so ist wenigstens der Strand leer«, grummelte Becker und stapfte dorthin, wo Nico Weiland aufgeregt winkte. »Fischkopp! … Jaja, wir kommen ja schon«, brummte Schütt und starrte den Kollegen kopfschüttelnd an. Man sah, dass er nicht erfreut darüber war, einen Ort aufzusuchen, an dem sich eine Leiche befand.

Als sie Nico und seinen Sohn erreichten, schlotterte der Junge noch immer erbärmlich. »Mann, Nico, de Jung muss in die warme Stube«, stellte Schütt fest. »Das hält der aus. Wie sollte das denn gehen? Ich musste schließlich auf euch warten.« Er deutete Richtung Leiche.

»Na, deine Frau hätte ihn ja abholen können.«

»Du kannst doch nicht allen Ernstes erwarten, dass ich ihr den Anblick hier antue, oder?

Reicht schon, dass der Lütte …«

Nico Weiland streichelte Jonas mit der Hand über den Kopf, der sich eng an seinen Vater gedrängt hatte und immer noch Rotz und Wasser heulte.

Unweit der Stelle, an der sie gewartet hatten, nahm Schütt eine Erhebung wahr. Zügig schritt er mit Veit darauf zu.

»Verdammt, das ist ja ’ne ganz junge Deern«, bemerkte Olaf Schütt, zog die Augenbrauen zusammen und schnaufte. Eine steile Falte bildete sich zwischen seinen Augen, und er ballte die Hände zu Fäusten. Mit hochrotem Gesicht kniete er sich neben sie. Die Tote lag circa zwei Meter vom Fuß der Steilküste entfernt. Das linke Bein lag merkwürdig verrenkt und unnatürlich vom Körper weggedreht. Ein Arm war abgespreizt und lag so neben ihrem Kopf, als würde sie winken. Der andere Arm lag verdeckt unter ihrem Rücken, ihr Blick war starr zum Himmel gerichtet. Fassungslos presste Schütt seine Fingerspitzen gegen ihren Hals und schüttelte den Kopf. »Nichts mehr zu machen.« Er sah den Kollegen an und verzog den Mund. Mit einem wütenden Schnauben zog der Hauptkommissar seine Schultern hoch und hielt den Schädel gesenkt. Der Dienstellenleiter wirkte wie ein Stier kurz vor dem Angriff. Es machte ihn zornig, dass es immer die Falschen traf, die ihr Leben lassen mussten. So oder so. »Wenn meiner Tochter so etwas passieren würde, ich würde es nicht überleben«, flüsterte er gefährlich leise. Er wollte der Toten gerade eine Haarsträhne aus dem bleichen Gesicht streifen, als ihm schlagartig klar wurde, dass er Spuren verwischen könnte. Er riss die Hand zurück. »Es sieht nicht so aus, als wäre sie ertrunken und angespült worden. Es wirkt aber auch nicht, als hätte jemand sie ermordet.« Schütt schüttelte irritiert den Kopf und erhob sich schwerfällig. Sein Gesicht glühte trotz der Kälte. Schweißperlen traten unter seiner Dienstmütze hervor. »Ich glaube, die Deern hat sich die Steilküste runtergestürzt.« Veit steckte die geballten Hände in die Taschen und presste die Zähne zusammen. Sein Blick schien emotionslos und sein Kinn wirkte kantig, als er die Tote durch graue Augen betrachtete. Der Cop, wie sie ihn auf der Wache nannten, rückte die Dienstmütze zurecht, sodass sie an seinen Brauen aufsaß, umrundete das Areal, schritt um die Leiche, zog sein Handy aus der Jackentasche und schoss erste Fotos. Schütt sah sich um. Er hoffte, irgendetwas zu entdecken, was mit dem Tod der jungen Frau in Verbindung zu bringen war. »De Deern hät ja nich mal Scho an«, sagte er monoton. »Die muss entweder hier aus der Gegend gekommen sein und hat sich die Steilküste heruntergestürzt oder – ist schlimmstenfalls hier abgelegt worden. Was ich nicht glaube. Ich denke, die Deern hatte Liebeskummer, wie das oftmals so ist.« Jasper Veit fotografierte beharrlich weiter und sprach kein Wort. »Ich habe die Befürchtung, wir müssen unsere Freunde aus Oldenburg herzitieren und dann den Bestatter rufen«, murmelte Schütt. »Mir wird ganz übel, wenn ich sie hier so liegen sehe.«

»Was brauchen wir die aus Oldenburg? Das war Suizid. Das können wir alleine regeln.« Veit war einer der Sorte, die ihre Sachen ohne fremde Hilfe von außen erledigten und ihren Zuständigkeitsbereich mit der vollen Härte des Gesetzes sauber hielt. Es passte ihm nicht, dass sich seit einigen Jahren ständig Kollegen aus Oldenburg und Lübeck hier einmischten. »Jasper, das muss ich dir doch nicht erklären. Wenn wir nicht sicher sind und kein eindeutiger Suizid erkennbar ist, müssen wir mit der Kripo zusammenarbeiten. Das ist eine ungeklärte Todesursache, da können wir nicht … Das war einmal. Das Risiko gehe ich nicht ein. Ich denke, wir sollten da nicht lang Rummanövern. Lass das die Kripo klären. Angespült wurde sie jedenfalls nicht. Sie ist komplett trocken.« Schütt deutete auf ihre Haare. Er zog ebenfalls sein Handy aus der Tasche und rief die Dienststelle in Oldenburg an. Dann stöhnte er. »De arme Deern!«

*

»Moin, Schütt. Na, das ist ja eine nette Überraschung. Habe schon länger nichts mehr von dir gehört. Soll alles ruhig sein auf der Insel. Was hast du denn auf dem Herzen? Klingst nicht gerade fröhlich.«

Dirk Westermann stand auf, lauschte, was der Kollege aus Burg zu berichten hatte, zog die linke Augenbraue hoch, strich sich über den akkurat getrimmten Bart und sah Thomas Hartwig, der gegen die Fensterbank gelehnt stand, an. »Ja, dann wollen wir mal. Hast du die Spusi … okay, dann mach ich das. Ja tschüss, bis später.« Westermann beendete das Gespräch und legte das Handy auf seinen Schreibtisch. Unverwandt sah er Thomas und dann Watson an, der neben seinem Herrchen auf dem Boden lag und schlummerte.

»Nun red schon, was ist los? Haben sie wieder jemanden umgebracht auf deiner Sonneninsel?«

»Blöde Frage, was glaubst du, ist passiert, wenn die Burger Dienststelle sich meldet? Kaffeekränzchen ganz sicher nicht. Zieh dich an, wir müssen. Sie haben eine junge Frau am Strand vom Staberhuk aufgefunden. Mehr weiß ich auch nicht. Unklare Verhältnisse. Pack deinen Hilfssheriff ein und dann ab nach Fehmarn.«

Hauptkommissar Dirk Westermann griff nach seiner Jacke und der Pfeife, die in einem Aschenbecher auf dem Schreibtisch lag. Watson öffnete ein Auge und beobachtete den Kommissar. Als er sah, dass der seine Jacke anzog, schnellte er hoch. »Du bist schneller als dein Herrchen. Willst auf Verbrecherjagd, oder?« Er lächelte, steckte die kalte Pfeife in den Mund und öffnete die Tür. Im Gehen zog er die dunkelblaue Mütze über den Kopf. »Los, oder brauchst du eine Extraeinladung, Jungchen?«

Knapp eine halbe Stunde später lenkte Hartwig den schwarzen Kombi auf den Parkplatz am Marinestützpunk Staberhuk. »Nächstes Mal schaffst du garantiert den Rekord, so wie du rast.«

»Wieso, das war doch normal.« Hartwig grinste und stieg aus, um Watson aus dem Hundekäfig zu lassen. Er war gerade dabei, die Schutzkleidung überzustreifen, als er noch einmal innehielt. »Komm, mein Freund. Wir wollen zuerst eine Runde spazieren gehen.« Damit steckte er Füßlinge und Handschuhe in die Jackentasche und nahm Watson an die Leine.

»Ihr geht nicht spazieren. Was erzählst du ihm denn da?« Westermann schüttelte den Kopf. »Hat deine Trainerin dir das so beigebracht? Glaube ich nicht!« Watson machte einen Satz aus dem Wagen und sprang aufgeregt an seinem Herrchen hoch. »Ist ja gut, mein Bester«, knurrte Hartwig. Sein Vorgesetzter knöpfte seine Jacke zu, stieg in den weißen Overall und streifte Handschuhe und Füßlinge über. Schütt hatte ihm mitgeteilt, wo sie sich aufhielten. Ein Blick genügte, dann hatte er die Kollegen entdeckt. Der Fundort der Leiche war mittlerweile großräumig mit Flatterband abgesperrt. Schütt und Veit standen mit einem Mann und einem etwa neunjährigen Jungen vor der Absperrung. »Geh du mal mit Watson voran. Lass ihm seinen Auslauf, und ich schau mir die Geschichte schon mal aus der Nähe an.« Hartwig nickte, versperrte die Wagentür und stapfte hinter dem Hund her, der wie ein Wirbelwind durch den Sand tollte. Immer wieder hielt Thomas ihn zurück und kraulte sein grau-weißes Fell. Der Hund reichte ihm bis zu den Schultern, wenn er sich auf die Hinterbeine stellte, und schleckte mit großer Hingabe über sein Gesicht. Dirk Westermann stiefelte zwischenzeitlich allein den Sandweg zum Strand hinunter.

»Na, Olaf, was gibt’s?«, wollte der Hauptkommissar wissen nachdem er die Kollegen begrüßt hatte. »Jasper …«

»Junge Frau, circa 20 − 30 Jahre alt. Die Todesursache konnten wir ohne genaue Untersuchung der Leiche nicht erkennen und wir wollten auch nichts vorwegnehmen. Ich nehme an, sie ist die Steilküste heruntergestürzt oder hat sich herunter… du weißt schon.

Keine sichtbaren Verletzungen, bis auf das anscheinend gebrochene Bein. Die beiden hier haben sie gefunden.« Olaf Schütt zeigte auf Nico Weiland und seinen Sohn, der immer noch zitterte und sich mit verweinten Augen an seinen Vater klammerte. »Brauchen Sie uns noch oder können wir endlich gehen? Sie sehen ja, der Junge muss ins Warme. Der steht total unter Schock.«

»Hat er die Frau gefunden?«, wollte Westermann wissen. Weiland nickte und sah den blonden Jungen an. »Habt ihr die Aussage?«, wandte er sich an Schütt. Der bejahte und stieg unter der Absperrung hindurch, gefolgt von Jasper Veit. »Dann können Sie gehen. Ihre Adresse haben wir?«, sagte er, an den Mann gewandt.

»Haben wir. Alles notiert.

Außerdem kennen wir uns seit … eigentlich schon immer!«, bestätigte Schütt.

»Gut, dann können Sie den mutigen jungen Mann nach Hause bringen. Der muss in die warme Badewanne.« Westermann beugte sich zu dem blonden Jonas und strich ihm mit der Hand über den Kopf. »Wahrscheinlich war die Frau krank, und es ist sehr gut, dass du besonders aufmerksam warst und sie gefunden hast.« Er reichte dem Jungen, der aufgeregt und stolz zu ihm aufblickte, die Hand, und Vater und Sohn verließen den Fundort. »Papa, hast du gehört? Ich war besonders aufmerksam!«

»Ja, mein Junge. Das warst du.«

»Die Spurensicherung ist unterwegs. Wird aber eine gute Stunde dauern. Habt ihr ein Zelt, damit wir den Fundort absichern können? Sieht verdammt nach Regen aus, wenn ihr mich fragt.«

Westermann guckte zum Himmel, schon spürte er erste Tropfen auf seiner Stirn. Mit dem Ärmel seiner Jacke wischte er sie ab. Veit nickte und lief zurück zum Parkplatz. Der Hauptkommissar aus Oldenburg hockte sich vor die Leiche und betrachtete sie eingehend. Auch er konnte außer dem verdrehten Bein keine sichtbaren Verletzungsspuren erkennen. Den Bruch könnte sie sich beim Sturz zugezogen haben, vermutete er, zur Sicherheit zog er aber den Ausschnitt des Shirts ein wenig nach unten. Sie wies keine Würgemale auf. Vorsichtig drehte er sie auf die Seite, um zu sehen, ob auffällige Verletzungen an Hinterkopf oder Rücken erkennbar waren, die auf Fremdeinwirkung schließen ließen. Westermann konnte nichts erkennen. Dass sie keine Schuhe trug und ihre Socken verdreckt waren, ließ nicht den Schluss zu, dass sie hier abgelegt wurde. Sie hatte sich auf jeden Fall draußen bewegt. Die Frage war, woher kam sie ohne Schuhe? Westermann registrierte die kleinen Zweige, die sich an ihren Socken und der Jogginghose verfangen hatten. Die Sohlen der Strümpfe wiesen getrocknetes Blut auf. Sie musste sich beim Barfußlaufen verletzt haben. Vielleicht gab es einen Streit mit ihrem Mann oder Freund? Sie war weggelaufen. Hatte im Dunkeln die Klippe nicht gesehen und war abgestürzt. Aber warum war sie barfuß durch die Gegend gelaufen? In einem der Socken entdeckte er ein spitzes Stück Holz, das vermutlich in der Fußsohle steckte. Er sah sich um. Im Umkreis von mindestens zwei Metern lagen keine Äste dieser Art im Sand. Richtig klar war die Situation nicht. Sie brauchten die Rechtsmedizin. Das konnten sie nicht allein entscheiden. Westermann erhob sich und zog das Handy aus der Tasche.

Hartwig kam mit Watson an der Leine zum Fundort der Leiche. »Thomas, gib dem Hund einen Hinweis und lass ihn suchen. Vielleicht führt er uns.«

Der Kommissar, den er aus Neustadt nach Oldenburg geholt hatte, nickte und ließ Watson für einen Moment die Witterung der Toten aufnehmen. Unruhig verfolgte der Hund eine Spur, die Richtung Steilküste führte, dann zurück zur Leiche und wieder zum Fuß der Klippe. »Er läuft im Kreis. Was immer passiert ist, sie ist nirgends entlang gelaufen. Wahrscheinlich tatsächlich gesprungen oder gestoßen worden«, folgerte Hartwig. Westermann nickte. »Wenn sie sich runtergestürzt hat, musst du am oberen Rand der Steilküste weitersuchen«, entgegnete sein Chef. »Da könnten Spuren sein.«

»Glaubst du wirklich, dass hier noch irgendwelche Hinweise zu finden sind? Das ist alles vom Regen zerstört«, mutmaßte der Kommissar und machte sich mit Watson auf den Weg.

Am Strand unweit des Fundortes stand ein Mann und warf wie zufällig Steine ins Wasser. Ab und zu wandte er den Kopf, als beobachtete er genauestens, was sich dort, wo die Polizisten sich aufhielten, abspielte. Er zog unauffällig mit einer Hand sein Handy aus der Hosentasche und zeichnete, so wie es aussah, ein Video der Szenerie auf. Westermann schüttelte den Kopf und erhob sich. Er kannte sie, die Neugierigen, die immer wieder versuchten, einen Blick auf den Ort eines Verbrechens und die beteiligten Opfer zu erhaschen und Videos von Unfällen oder Tatorten ins Netz stellten.

Sensationslust hatte bedenklich zu- und die Hemmschwelle erschreckend abgenommen. Das war Fakt und keine positive Entwicklung. Es war eine der negativen Seiten der Polizeiarbeit.

Außer diesem Mann waren keine weiteren Leute am Strand von Staberhuk. In Westermann kochte es.

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Дата выхода на Литрес:
26 мая 2021
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422 стр. 37 иллюстраций
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9783839267608
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