Читать книгу: «Idothea oder Die ehrenwerte Täuschung»
Hans Leip
Idothea
oder
Die ehrenwerte Täuschung
Komödie
Saga
„Gespeist mit einem gar armseligen Täubelein“
Aischylos, Proteus
Mit eben diesem armseligen Täubelein gespeist, dem — nach Wilamowitz — einzig erhaltenen Vers aus dem verschollenen Satyrspiel des ersten großen Tragikers der Griechen, von dem uns Droysen eine ebenso anmutige wie vermutliche Inhaltsskizzierung gibt, hat Hans Leip dem uralten und die Dichter aller Zeiten traurig oder heiter anrührenden Helena-Stoff eine neue Formung und Erhellung verliehen und damit zugleich für das gegenwärtige deutsche Drama in seiner heiteren Gattung ein neues Spielfeld belichtet. Welche Wirkung diese Neuerschließung und -belichtung haben wird, muß und wird sie aus sich selbst beweisen. Uns kommt nur zu, in einem Augenblick, da eine wahrhaft leidenschaftliche Auseinandersetzung um das Drama entbrannt ist, uns zu fragen, ob hier eine Flamme entzündet wurde, die uns leuchten kann auf dem dem deutschen Drama vorbestimmten Weg.
Fühlen wir doch alle, in welch absonderlichem Maße die Gegenwart zum großen Drama berufen ist, und können kaum begreifen, daß uns Deutschen das 20. Jahrhundert noch keinen dramatischen Dichter geschenkt hat, ebenbürtig denen der beiden vorangegangenen Jahrhunderte. Nicht zuletzt aus der Ungeduld nach dem viel gerufenen großen Dramatiker unseres Zeitalters ist denn auch der Streit um das neue Drama hervorgebrochen, das in Curt Langenbeck seinen bewußtesten und zugleich unerbittlichsten Künder und Fahnenträger gefunden hat. Und daß ein fernab von aller theoretisch-programmatischen Erwägung, rein aus der Freude am Gestalten schaffender Dichter wie Hans Leip mit seiner „Idothea“ ein Werk vollendet hat, das schon durch den mythischen Stoff und nicht weniger durch die sehr gegenwärtige Vereinigung antiker und shakespearischer Elemente gleichsam auf diese Auseinandersetzung hin geschrieben erscheint, so wenig dies in Wirklichkeit der Fall ist, macht gerade bei aller Andersartigkeit der dichterischen Herkunft brennend klar, wie unausweichlich die Besinnung und Bemühung um das Drama geworden ist, gleich ob es sich um die Tragödie oder die Komödie handelt.
Die Komödie! Wann immer man sich, mit Aristoteles beginnend, bis zu Lessing, Schiller und Goethe, Hebbel, Schopenhauer und Nietzsche und darüber hinaus nachdenkend und nachdeutend mit dem Drama befaßt hat, immer blieb die Komödie zugunsten der Tragödie als zweitrangig links liegen, gleich als sei es des Menschen würdiger, ernst zu sein als heiter. Und doch hat schon Sokrates an jenem heraufdämmernden Morgen nach der eroserfüllten Nacht des Platonischen Symposions den Tragödiendichter Agathon und den Komödiendichter Aristophanes gezwungen, zuzustimmen, es sei ein und desselben Dichters Sache Tragödien und Komödien zu schreiben, und hat damit ihre schicksalhafte Brüderschaft ausgesprochen, kurz nachdem das junge zu sich selbst erwachte Europa die beiden Dichtungsformen geschaffen hatte. Und doch sind beide, die Tragödie und die Komödie, aus derselben Erde und Saat erwachsen, aus dem gewaltigen epischen Werke Homers, der frühsten Selbstbezeugung der Antike, jener ersten und ursprünglichen und in vollgültigen Zeugnissen erhaltenen Daseinsform nordisch europäischen Geistes, zu der es in Zeiten tiefer Erschütterung und notwendiger Besinnung den europäischen Menschen immer wieder mit gleicher Sehnsucht und Inbrunst zurückdrängt wie den Erwachsenen zu seiner Kindheit, in der das, was er später tut, erfährt und erleidet, geheimnisvoll vorgebildet erscheint.
In der antiken Frühe sieht sich der Mensch auf sich selbst gestellt und zugleich abhängig von scheinbar willkürlichen Göttern, verflochten in die unüberschaubaren Irrgänge und unheimlichen Gesetzlichkeiten eines übermächtigen Weltgefüges, einsam und an untergründige Gewalten ausgeliefert, die, so muß er glauben, zu unbegreiflichem Ergötzen ihr Spiel mit ihm treiben, sieht Blut, Leid, Haß, Gewalt und Vernichtung entbrennen, weil die Götter in eigensüchtiger Verfeindung die Menschen mißbrauchen und gegeneinandertreiben. Aus dem Gefühl solcher verlorener Schicksalsanheimgegebenheit bricht unter Schmerzen das Element des Tragischen auf, das niemals dort möglich ist, wo ein alliebender, allwissender und allmächtiger Gott weise und gütig die Geschicke der Menschen lenkt, väterlich vorsehend ihre Wege noch dort zum Besten führend, wo sie uns ungerecht und leidvoll erscheinen. Im Christentum gibt es keine Tragödie. Denn es macht das Wesen des Tragischen aus, daß das zum Besten Gewollte unversehens in der Hand des Menschen sich ins Verderben und Furchtbare verkehrt, daß er nach den Sternen greifend in den Abgrund stürzt und andere mit sich reißt in traumwandelnd unseliger Verblendung, unkundig der geheimsten Gesetze der Welt, denen keiner ungestraft zuwiderhandelt und die sich erst dann offenbaren, wenn sie nie wieder gut zu machend verletzt sind.
Aber es zeugt für die Kraft und wahrhaft heroische Größe des antiken Menschen, und wohl des europäischen Menschen überhaupt, daß er in solcher Schau seiner dem Verhängnis verhafteten Existenz nicht nur die Tragödie erschuf, die in den Schauern von Furcht und Mitleid durch die Einsicht in die gemeinsame menschliche Seinslage dennoch eine Lösung bewirkte, sondern auch zu seiner Errettung die Heiterkeit entdeckte, die die Griechen mit chaire, freue dich, einander zum Gruße zuwünschten, die schon, so sonderbar es scheinen mag, für Homer sprichwörtlich geworden ist, jene Heiterkeit, mit der Sokrates in so vollendeter Gelassenheit den Tod auf sich nahm und nach der zuletzt alle antiken Philosophenschulen auf ihre Weise fahndeten, jene Heiterkeit, die sich in immer wechselnden Formen und Möglichkeiten, Farben, Lichtern und Tönen das Gegenspiel und Geschwister der Tragödie, die Komödie, erweckte.
Zunächst hat es der antike Mensch wohl aus einfacher Notwehr gegen sein als tragisch erkanntes Los auf die ursprünglich kräftige Art des Lebensrausches gegen den Tod versucht: im faschingshaften Treiben ältester Zeiten tollt er sich aus und treibt und wirbelt nach der Entstehung der Tragödie weiter, wenn nach der tagfüllenden Aufführung der tragischen Trilogien voll Leid und Haß, voll Göttergrausamkeit, Menschenirrnis und Schicksalsverkettung, voll der tiefsten und herzrührenden Erkenntnisse die plumpen Satyrn im burlesken Spiel über die Szene trampeln, in einem Ausbruch vitaler Gewalt die Menschen mit sich hinwegreißend aus der Nähe des für jedermann dunkel drohenden Untergangs und Todes. Die Übergänge vom Satyrspiel zur Komödie verschwimmen im Unbestimmten. Saftig auftrumpfende Angriffslust, Spott, Gelächter, Aufreizung, Neckerei und Witz in allen Spielarten sind jedenfalls früh im heiteren Drama hochgewuchert. Als es uns mit Aristophanes unlöslich verbunden unter dem Namen Komödie entgegensprüht, ist es schon eine ungebärdig gesteigerte, mit allen Gnaden der Phantasie begabte, aber gleich der Tragödie in sich gefestigte und geregelte Kunstform geworden; doch ist der Wille, durch Ausgelassenheit und Wildheit die drohende tragische Nähe zu überbrausen, noch sehr spürbar in dem Ausbrechen praller Lebenslust, wie sie seit jenen Zeiten niemals mehr so unverhüllt, saftig, von aller Scham absehend natürlich sich darbot. Zugleich ist die Komödie dem freien dichtenden Spiel aufgetaner als die Tragödie in der Erfindung von Gestalten, Lagen und Vorgängen, weniger ehrfürchtig als jene strebt sie über alle überkommenen Grenzen des Mythos hinaus und überschlägt sich in wirbelnden Einfällen und einer wahren Inbrunst am Leben in seinen ursprünglichsten Offenbarungen und hält sich doch näher an die Wirklichkeit in angriffslustiger Auseinandersetzung mit ihr. Dieses zeitkritische und -satirische, ethisch politische Element kommt, herausgefordert durch die besonders gefährdete politische Situation des Peloponnesichen Krieges, in der Komödie immer stärker zum Durchbruch, und als sie, mit den Jahrzehnten sanfter geworden, weniger heftig in Wolken und himmlische und unterirdische Kuckucksheime bis vor die Tore der Götter vorstürmt, bleibt ihr doch der ethische Impuls und die in der griechischen Philosophie beheimatete Überzeugung, die die Tragödie nicht immer teilen konnte, daß das Böse zugleich das Unwissende und Lächerliche ist, das notwendig zu Schaden kommt, während dem Guten, welche Irrungen und Schmerzen er auch durchqueren muß, endlich die Errettung wird. So geht die Komödie das Böse vernichtend an, indem sie es lächerlich macht und ihm seine Macht nimmt, da in ihr der Halunke sich selber die Stricke spannt, über die er zur Erheiterung der anderen stolpern wird, und sie unterstützt das Gute, indem sie ihm durch alle Täuschungen den Weg zur Rettung weist, durch die Hinführung zur Erkenntnis. Diese Erkenntnis, die seit Aristoteles berühmt gewordene Anagnorisis, hat die Komödie mit der Tragödie ebenso gemeinsam wie den Schicksalsumschwung im Verlauf der Handlung, aber während sie dort den Menschen das Verderben gewahr werden läßt, das er sich bereitet, erblickt er hier die Rettung, die ihm geworden, und nur der Bösewicht sieht, daß er selbst in dem Netz zappelt, in dem er die anderen fangen wollte.
Merkwürdig im Lebensgang der Komödie war dabei nur das eine, was vielleicht die Schuld daran trug, daß ihr nicht das gleiche Ansehen wurde wie der Tragödie: War der Tragödie schon von ihrer Geburtsstunde an der Welthorizont zu eigen, ihr Hintergrund Himmel und Hölle und Tod, und ging es ihr immer schon um letzte, tiefste und steilste Daseinsdeutung, um die Aufdeckung der geheimsten Weltgesetze, so brauchte die Komödie, die sich zunächst dieseitsbegierig ans kräftig sprießende Leben klammerte, verhältnismäßig lang, bis auch sie vom Ewigkeitsatem großer Dichtung erfüllt wurde. Sie hat sich wohl erst in dem Augenblick zur weltweiten Dichtung aufgetan, als sie sich — bei Shakespeare — mit der Poesie vereinigte; denn Poesie im eigentlichen Sinne war bislang der Komödie fremd geblieben, so kühn, phantasievoll, vielfältig und genial ihre Einfälle auch waren, so tapfer sie dem Bösen und Dummen auf den Leib rückte und für den Guten in die Bresche sprang. In der Komödie Shakespeares erst atmet das Innere der Welt, hier ist auch in der dichterischen Höhe die Nähe der Tragödie erreicht, hier erst die Heiterkeit in jenem tiefsten Sinne erfahren, den schon Homer, aber seither unter den Dichtern keiner mehr erahnt hatte, so daß es kein Zufall ist, daß Shakespeare neben Homer als die elementarste Kraft in der europäischen Dichtung empfunden wird. Beide haben dieses gemeinsam: die heitere Überwindung einer als furchtbar erkannten und von allem Grauen erfüllten Welt.
Uns Deutschen ist das heitere Drama, das sich allmählich fast alle europäischen Völker, wenn auch in sehr verschiedener Form, geschaffen haben (seine Mannigfaltigkeit ist weit größer, bunter, bestürzender als die des ernsten Dramas), immer besonders schwergefallen, und unser Hinweis auf die „Minna von Barnhelm“ und den „Zerbrochenen Krug“, ja noch auf Raimund und Nestroy kann vor allem angesichts der Größe, Tiefe, Vielfalt und Bedeutung unserer Tragödie und unseres Schauspieles am wenigsten uns selber rccht überzeugen. Um so dankbarer müssen wir jeden Versuch begrüßen, der es unternimmt, gerade im Bereich der eigentlichen Komödie gegenüber den zahlreichen Bemühungen um die Belebung des Lustspiels uns eine neue und uns gemäße Ebene zu eröffnen, jener Komödie, deren Schicksalsgewebe zwischen der Antike und Shakespeare ausgespannt ist, die Götter und Menschen und ihre Geschicke ineinanderfädelt und wieder entwirrt, die den Mythos durchleuchtet und ins Menschliche abwandelt, die in allen Gründen und Untergründen der Seelen zu Hause ist und in allen heimlichen und offenkundigen Weisen der Heiterkeit, die in Leichtigkeit und Anmut des Weges kommt und doch im scheinbaren Leichthin und Darüberhinweg das Tiefe und der Tragik Verwandte anrührt und enthüllt, die wieder den Ursinn und das innerste Wesen der Komödie offenbart: die Errettung des Menschen vor den ihn bedrohenden Mächten, die freilich mehr in den Tiefen der eigenen Seele als in denen des Schicksals wohnen.
Dies ist zuletzt der erlösende Sinn von Hans Leips „Idothea oder Die ehrenwerte Täuschung“. Es ist wohl mehr als Zufall, daß er im Bilde jener Helena sich entfaltet, die als erstes Schicksalszeichen in der europäischen Dichtung die Abhängigkeit und Tragik des Menschen verkündete, indem sie nach dem Willen der Götter, schuldig schuldloses Werkzeug, den ersten zehn Jahre währenden Krieg des Abendlandes entzündete. Früh schon hat man sich bemüht, die Ehre der schönsten Frau Griechenlands zu retten, was freilich zu einer weiteren Belastung der Götter wurde. Stesichoros sang als erster einen Widerruf, dessen heitere Elemente Aischylos in seinem „Proteus“ als versöhnenden Abgesang zu seiner schaurigen Agamemnon-Trilogie darbrachte. Euripides, der in den „Troerinnen“ der unnachsichtigste Ankläger der Helena geworden war, folgte ihm nach, in seiner „Helena“ ist uns ihre Rechtfertigung erhalten: Nicht sie, sondern ein von den Göttern gesandtes Trugbild, völlig ihr gleichend, sei dem Paris nach Troja gefolgt, während Helena treu und unberührt in Ägypten auf den endlich rückkehrenden Gatten gewartet habe.
Merkwürdigerweise hat sich niemals ein Dichter näher mit dem Trugbild befaßt, das doch zehn Jahre lang an der Seite des Paris in Troja residierte und alle Schauer des Krieges miterlebte und nach Trojas Fall schließlich noch von Menelaos als rechtmäßige Helena in Empfang genommen wurde. Hans Leip, von dessen Annäherung an die schöne Helena von vornherein Ungewöhnliches zu erwarten stand, nimmt sich als erster auch des Trugbilds an und unternimmt im Gegensatz zu den modernen Gestaltern, die alle der schuldigen Helena den Vorzug geben, wohl die ritterlichste und anmutigste Ehrenrettung, die ihr bisher zuteil geworden, indem er die wahre und die falsche Helena einander gegenübersetzt (es dem Zuschauer überlassend, ob er in solchem Doppelgängertum die Tag- und Nachtgestalt derselben Seele sehen will).
Helena und Idothea tauschen Namen und Geschick und tauschen sie zurück nach dem Gesetz ihres Wesens, das allein sich nicht auswechseln ließ. Menelaos, der in echter Liebesverblendung allzu leicht die eine für die andere nimmt, muß diese Täuschung büßen, war sie gleich ehrenwert, nicht minder wie Helena die ihre, so will es die Komödie, die hier leise an das Tragische hinführt in ihrem Glauben an die tiefste und innerlichste Gerechtigkeit als geheimes Gesetz der Welt. Aber langsam werden Helena und Menelaos gleich denen, die mit ihnen in das mannigfach bezaubernde Spiel der zarten und kräftigen Liebesirrungen und -wirrungen verstrickt sind, der Anagnorisis, der Wiedererkennung und Lösung von der Täuschung zugeführt.
Nur zwei Gestalten sind solcher Wiedererkennung enthoben: Proteus, der ewig sich wandelnde, schicksalsweisende Gott, der die Gesetzlichkeit der Menschen nicht teilt und vor ihren Wirrnissen und Süchten wieder in die von ihnen unberührte Ferne und Weite flieht, und — Herr Potiphar. Mit ihm ist Hans Leip eine bleibende Komödienfigur geglückt von den Gnaden und Graden des aristophanischen Prügelknaben Kleon, eine Gestalt von jener durch nichts und niemals zu erschütternden Sicherheit, die nur die vollendete Beschränktheit verleiht. Während der Held Menelaos ob des gleichen Geschickes, das ihm geschah, eine Welt und sich selbst dem Tode nahebringt, nimmt Potiphar gelassen den Tausch der wahren Helena gegen die falsche hin in der verblendeten Sicherheit, daß ihm eine Täuschung und Enttäuschung nie jemals widerfahren könne, was denn, in einem unheimlichen Sinne allerdings, den Tatsachen entspricht. Ihm ist das nichtverlöschende Gelächter sogar noch derer sicher, die, selbst Potiphar, im Zuschauerraum sitzen, notwendig immer ahnungslos, daß sie es sind, die hier gespielt werden.
Vor solch heilloser, aber wirklichkeitsgetreuer Verzerrung des ursprünglichen Menschenbildes wird erst deutlich, daß des Menschen Los und Möglichkeit, einer Täuschung zu erliegen, ist sie nur ehrenwert, nicht des Menschen schlechtester Teil ist, wenngleich sie ihn den Schmerzen ausliefert, ohne die ihre Wiederaufhebung nicht möglich ist. Schmählich, schlecht und jeder Verspottung würdig ist nur, keine Fähigkeit zu haben zu irren, zu leiden und zu begreifen. Was die Tragödie als das schlechthin Tragische empfindet, das Ausgeliefertsein des Menschen an die Verblendung, an den „unaufhebbaren Widerspruch der Dinge“, hier ist es aufgehoben und das Irren selbst noch einbezogen in den notwendigen Kreislauf menschlicher Ordnung, in dem die Götter, so willkürlich und grausam sie scheinen, doch keinem zumessen können, was in einem tiefen Sinn nicht sein Teil ist. Hat die Tragödie den Menschen dem Schicksal anheimgegeben, so will ihn die Komödie wieder auslösen aus solcher Verkettung, nicht mehr wie in ihrem Beginn durch die bloße leidenschaftliche Beschwörung des Lebens und seiner Gewalt, sondern immer mehr durch jenen Glauben, daß eine immanente Gerechtigkeit in der Welt wirke und daß doch endlich siege, was tausendfach mißbraucht, verkannt, verachtet, verstoßen, verzerrt und mißhandelt wird — das Gute.
Sind wir Deutschen schon dabei, andere europäische Völker einholend, jene neue Komödie zu schaffen, die der Weltgültigkeit unserer Tragödie ebenbürtig wäre? Wer sollte zweifeln, daß der Nation Mozarts auch das gelinge? Und vielleicht sind wir, da wir aufbrachen, uns in der Welt die Stellung zu sichern, die uns gebührt, der Erfüllung jenes Nietzche - Wortes „Lust, tiefer noch als Herzeleid“ näher, als sich schon abhandelnd zeichnen läßt, jener heiteren Erhebung über das Dasein in die Unberührtheit und Unanfechtbarkeit, an die kein Grauen mehr reicht: dem leuchtenden Morgen einer neuen Zeit.
Stuttgart, im Juli 1941
Kläre Buchmann
Personen
Hermes
Menelaos, König von Sparta
Helena, seine Frau
Xetis, ihre Dienerin
Knysos, deren Mann
Proteus
Idothea, Önone, seine Töchter
Silen, Oberster der Satyrn
Potiphar, ein ägyptischer Bierbrauer
Sabo, sein Sklavenaufseher
Nymphen, Satyrn, Sklaven, Seehunde
Helena und Idothea sind gegebenenfalls als Doppelrolle zu spielen
Handlungsort:
Die Insel Pharos in mythischer Zeit
I. Aufzug
1. Bild
Südliche felsige Strandlandschaft. Windiger Morgen.
Brandung
Muschelhorn
1.
Proteus. Silen
Proteus
Huihui, du Blasebalg!
Du großes Maul der See!
Gib endlich Ruhe, Brandung!
Silen
Warum denn, Proteus?
Proteus
(immer, ohne Silen zu beachten, aufs Meer blickend)
Unzählig ungezähmter Mähnenschüttler
unsinnig zäher Trotz,
verlorenes Aufbegehren,
seit Urzeit nutzlos hohles Toben,
urewig unbelehrt!
Silen
Wie lieblos, Proteus!
Die dicke Welle da,
war sie nicht einst dein Liebchen?
Proteus
Verrückte Unrast,
taumeltolle Flut,
du allzu feiles Stück,
von jedem Wind ergeilt,
gib Ruh!
Silen
Die lustige Bewegung
hat dir sonst doch viel Spaß gemacht.
Proteus
Spaßvogel Meer, spaß mehr, mein Vögelchen!
Verpuffte Mühsal, prahlerischer Lärm!
Gezügelt kaum und schon aufs neu gestachelt,
zerstörend landverfreßne Gier,
du Menschenfresserin,
du nimmersatter Schlund,
schling weg, schling weg!
Was schlingst du sie nicht alle?
Der Griechen ganze Flotte,
schluck sie weg!
Verschone nicht den einen,
schon nicht Menelaos,
den armen Seufzerhelden schone nicht!
Nur meine Tochter gib mir wieder,
nur Idothea!
Silen
Was Idothea!
Das ist lange her!
(Er bläst schwermütig auf der Pansflöte)
Proteus
Ist lange her, daß ich hier hause,
Poseidons Seehundshirte ich.
Was flüsterst du mir jetzt von Wandlung,
verfluchtes, wandelbares Meer!
Sei leise damit,
wandelbares Meer!
Nicht guten Willens will ich gehn
von dieser Insel,
bis mir nicht die Heimkehr ward,
die Heimkehr Idotheas,
meiner Ältesten.
Silen
Laß doch, laß doch!
Mir ist die Jüngste lieber. (Er bläst weiter)
2.
Die Vorigen. Önone
Önone
(kommt leichtfüßig herzu, Blumen in der Hand)
Was flötest du so süß, Silen?
Silen
Pst!
Deinem Vater hat der Wind
ein Löckchen ins Gehirn gedreht.
Er ist mal wieder spinnig
und weint nach deiner Schwester.
Önone
Mein Vater, lieber Vater,
sieh, hier hab ich Blumen,
und Erdbeern stehn im Wald.
Ich kam weit ab vom Weg,
fast bis zum Landhaus im Gebirg.
Silen
Komm nicht mit Menschendunst,
Önone!
Proteus (ihrer nicht achtend)
Du Mittagsglitzerin,
silbergewirkter Sonnenspiegel,
mehr liebt ich dich schon immer insgeheim.
Seidiges Hochgewand der Erde,
mild sich der Rundung schmiegend,
in schönen Falten fließend
auf den Fuß der Küsten,
von Mondes Kuß gestrafft,
uratmend mit den Sternen.
Önone
Sprichst du von mir, mein Vater?
Silen
Hei, der Styx!
Geliebte Eitelkeit!
Proteus
Uratmend mit den Sternen,
vollauf genug der Wunder,
des Lebens voll,
gewölbter Schoß des Fischfangs,
der Schiffahrt wackrer Rücken,
Lobes voll!
Verführerin,
der Knaben alte Sehnsucht,
der Männer Abenteuer und Verderb,
was mußtest du auch sie verderben?
Was flüstertest du ihr ins Ohr,
da sie die holde Fratze spiegelte,
die du ihr nicht zu Scherben schlugst,
was schürtest du die kleine Flamme,
wispernd, daß sie noch schöner sei
als Helena, die allerschönste,
die hehre Königin zu Sparta?
Verfluchtes Meer!
Verfluchte mütterliche Flut!
Verfluchte Kupplerin!
Önone
Was meint er?
Meint er Idothea?
Silen
Komm, stör ihn nicht!
Er hat Gesichte.
Önone
Gesichte lieb ich nicht.
Silen
Du liebst nur deins, genau wie Idothea.
Önone
Hu!
Silen
Still! Wer weiß, ob nicht ein Honigtropfen
der Weisheit für uns abfällt.
Önone
Und wär es Honig kannenweise,
in deinem Schädel würd’s doch gleich zu Schnaps.
Silen
Puh!
Önone
Mein Vater, hörst du mich?
Zu Mittag gibt es junge Möwen,
Seegurken, Tangsalat und Quallenpudding.
Silen
Heihei!
Proteus
(immer noch abgewendet)
Du gleißnerische Muschel,
Perlenzauberin,
der Täuschung Meisterin,
du hast es sie gelehrt,
betrügerische See!
Silen
Nun, etwas wird sie auch von ihm
geerbt und mitbekommen haben.
Önone
Still, du Dachs!
Grad sprach er über mich.
Proteus
Ach, Idothea, einmal noch
laß mich dein keckes Antlitz sehn,
noch einmal dich ans mürbe Herz hier pressen.
Erzähle mir die wilden Sachen,
die du so kühnlich ausgeheckt
zum Tort der Menschheit
und zu deinem Ruhm,
o Idothea!
Silen
Jaja, er spricht von dir, Önone.
Önone
Sei nicht so schadenfroh.
Wenn jemand ihn enttäuscht,
dann wird es Idothea sein
und du!
Silen
Ich küß dich gleich zu Mus,
du dreister Vogel!
Önone
Oh, solche Küsse such ich lange!
Proteus
Nach Troja segelten der Helden viele.
Önone
Troja? Vater?
Ich sah Troja auch von weitem.
Proteus
Und Troja ward zerstört,
die wunderschöne Stadt,
um eines Weibes willen.
Hui!
Um eines schönen Weibes willen!
Huihui!
Wie hieß die allerschönste Frau?
Es wackeln alle Götterbäuche
hohnlachend über den Betrug.
Ja, Helena hieß sie!
So sagt man, Helena,
die Paris raubte.
Önone
Paris?
Was stockt mein Herz?
Welch ferner weher Klang!
Silen
War Paris nicht dein Mann?
Önone
Der schöne, kluge, starke Paris!
Wo ist er? Warum bin ich hier?
Silen
Bemüh dich nicht, Önone!
Gedächtnis ist dein schwächster Teil,
geborene Welle, die du bist.
Rroteus
Seit Paris Aphroditen einst den Apfel zusprach,
ward es sein Ruhm, der Schönheit nachzujagen.
Schon glaubte er, die Krone allen Weibes
flußaufwärts eines Tages zu erspähn,
als er, ein Hirt wie ich, jedoch zu Land,
geruhsam flötend seine Herden tränkte.
Neugierig hatte dort Önone sich verirrt,
begleitend mich auf meiner Seehundssuche.
Önone
Nun spricht er doch von mir.
Ganz recht, mein Vater!
Ich folgte einem fetten Lachs,
der eben laichreif ins Gebirge klomm.
Proteus
Indes ich mühsam tief am Meeresstrande
Poseidons Lieblingsrobbe suchte.
(Jetzt sich zu Önone wendend)
Und du, was tatest du da oben?
Önone
Ich hab’s vergessen, lieber Vater.
Silen
Natürlich!
Proteus
Verliebt alsbald warst du in jenen Burschen.
Kein Muschelhorn rücklockte dich zu mir.
Du wurdest seine Frau.
Bis daß er eine andre sah,
die ihm noch schöner deuchte,
zu Sparta eben jene Helena.
Silen
Heihei, da war die Liebe aus!
Önone
Oh, jetzt entsinn ich mich.
Ich hörte, daß er treulos sei,
mein Hirt, mein Paris;
flußab floh ich ins Meer zurück,
ich wollt ihn nicht mehr sehn,
hab ihn auch gleich vergessen
und kam zurück nach Pharos,
nach unsrer lieben Insel,
zu dir zurück, mein Vater.
Silen
Was blieb dir übrig!
Proteus
Zu mir zurück.
Jawohl, wenn nichts mehr hilft,
dann sind die Väter gut.
Wenn andre Männer wie geplatzte Schläuche,
wie Schweine oder Esel sich benehmen
und das geliebte Kleinod gar verachten,
das sie uns einst vom Herzen rissen,
dann oftmals sehnen Töchter sich nach Haus,
dann sucht die schnöd zertretene Verwöhnung
den letzten Anhalt an des Vaters Brust,
doch nicht, um etwa zu bereuen, nein,
nur um die Spur Rechtfertigung dort zu finden,
an jener ehrenwerten Wand,
für ihren Irrtum, des sie Opfer wurden.
Silen
Ich will doch Junggeselle bleiben!
Önone
Wie geht’s ihm nun, dem lieben Jungen?
Proteus
Windbeutel Paris ist verreckt zu Troja.
Silen
Das war die Strafe.
Önone
Weh, der Arme!
Proteus
Verwundet flehte er nach dir, Önone,
wohl wissend, daß du Wunden heilen kannst,
was er der neuen Gattin nicht zutraute,
der Dummkopf!
Önone
Ach, nicht mal Wunden heilen kann sie,
die so berühmte Helena?
Silen
Die ganz bestimmt nicht,
die kann selber nur verwunden,
ganz Troja und halb Sparta hat sie umgebracht,
die so berühmte Helena.
Proteus
Und doch war’s nur ihr Name.
Silen
Hei?
Proteus
Des Namens hohler Zauber,
weiter nichts!
Der spie Vernichtung, Tod und Sieg,
ein Name nur und doch gewaltig.
Önone
Nun wirst du rätselhaft, mein Vater.
Silen
Nun erst?
Proteus
Kleingläubige, behemmter Unverstand!
So hört die mulmige Geschichte:
Es war zu Sparta, dahin Paris kam
und zufällig die Helena im Tempel sah,
geblendet gleich von ihrer holden Schönheit,
nicht achtend, daß sie schon verehelicht
mit König Menelaos sei,
der grade fern auf Reisen weilte,
nichtachtend ihrer Treu und Ehre,
nichtachtend, daß er selbst gebunden,
ja, dieser Paris, dieser Heißsporn,
beschloß, die hohe Frau zu rauben.
Jedoch sie floh voll Tugend und voll List.
In ihrem Bett zur Nacht,
da frevelnd er die Tür einbrach,
lag eine andere, mühelos vertauscht,
der Schönsten ähnlich, göttlicher als sie,
obschon nicht ganz so tugendhaft,
von Hermes aus der Mägdeschar bestimmt,
in die sie sich mit Fleiß gereiht,
angeblich, Zucht und Ordnung dort zu lernen
und die spartansche Küche.
Silen
Ein leckrer Braten! Hei!
Proteus
Die leckre Magd, nur diese also
erwischte ahnungslos Herr Paris
und brachte sie entzückt nach Troja,
entzückt, weil sie sich wenig sträubte,
obschon sie sonst nicht sänftlich war
und seine Nase nach Belieben bog,
entzückt, weil er in eitlem Fürwitz,
wie Menschen sind, den höchsten Preis
in ihr für sich errungen glaubte.
Silen
Das fühl ich ihm fast nach,
wenn ich, bescheidner zwar als er,
so kläglich nach dir seufzen muß, Önone!
Önone
Und nannte sie sich frech denn Helena,
die mich betrog, die Neidenswerte?
Proteus
Wie sonst denn wohl? Betrug kennt keine Grenzen,
wenn sich Betrüger und Betrogne kreuzen.
Sie ging als Helena, die Flatterhafte,
und fühlte kein Gewissen schlagen,
daß sie die Schwester mit dem Mann betrog.
Silen
Was? Wie war das? Sie war also
die Schwester jener Helena,
die sie zu sein vorgab?
Önone
Du Schafbock, nein, ich hab’s heraus:
Das freche Stück war meine Schwester.
Silen
Hei! Idothea?
Proteus
Erstaunen ist den Göttern unbekannt.
Gleichmütig nimmst du’s hin, Önone.
Ja, Idothea ward dem Paris
statt Helena zur Beute.
Silen
Hei, der Styx!
Doch wer ist schuld?
Nur du, Önone!
Dein Vorbild hat sie weggelockt.
Wenn sich die Jüngste auf die Socken macht,
dann will die Ältere auch was erleben.
Önone
Was blökst du so, Silen?
Es blieb in der Familie.
Sag, Vater, hat sie ihn geliebt
den lieben Knaben?
Weint sie nun an seinem Grab?
Proteus
Sie nimmt die Dinge nüchterner,
noch nüchterner als du, Önone.
Als Troja nun genommen ward,
stand unsre wackre Idothea
hoch auf den Trümmern unerschüttert.
Sieh da, wer nahte da?
Mit Blut bespritzt und prächtig?
Heil, großer Held!
Heil, Menelaos!
König von Sparta, Helenas Gemahl,
der nun zehn Jahr vor Trojas Mauern
gestritten und gelitten hatte
und sich nach ihr gebangt,
nach Helena, sie zu befrein.
Als er nun Idothea sieht,
da stutzt er nicht.
Er eilt in Frohbegierde zu ihr,
er schließt sie in die Arme,
lobjauchzend: Helena!
Silen
Wenn Götter tarnen,
tun sie’s gründlich.
Önone
Nun trifft mich doch der Neid.
Nicht Paris nur, auch Menelaos
fiel meiner Schwester in den Schoß?
Das geht zu weit!
Silen
Ich möchte dran erinnern, Proteus,
daß deine heißgeliebte Idothea,
mit mir verlobt war.
Ich ergreife die Gelegenheit
und sag mich von ihr los.
Önone
Ich komm vielleicht darauf zurück.
Silen
Erraten!
Und ich möchte gleich
hier um Önonens Hand ...
Önone
Nur nicht so eilig!
Eines, Vater, muß sonderbar gewesen sein:
Als nämlich Menelaos,
heimkehrend mit der falschen Helena
zu Sparta auf die echte stieß.
Proteus
Huihui!
Du Kind,
du Wellenkind Önone,
du, kaum beschwert von der Vergangenheit,
laß deine Finger von der Zukunft Spinnweb
Heimkehrend auf die echte stieß?
Huihui!
Du fängst nicht Grillen gern,
du fängst auch keine Schwärmerlinge!
Silen
Nun hast du ihn gestört
mit deinen dummen Fragen!
Önone
Sag doch noch weiter, Vater!
Proteus
Zu Sparta, weh,
welch Mordgeschrei und Klagen,
doch nicht von ihr und ihm.
Öd ist das Haus.
Die echte ist nicht dort,
die falsche kam nicht an.
Huihui, es bläst von Nord.
Die eine ist weit fort,
die andere an Bord
bei deren Mann.
(Proteus ab)
Önone
Ei, Vater, Idothea?
Sie ist auf einem Schiff?
Mit Menelaos?
Sag doch schnell!
Ach, nun ist er hinab!
3.
Önone, Silen
Silen
Das ist der Weisheit Reiz,
daß sie noch etwas offen läßt.
Önone
Als Walfisch rauscht er ärgerlich davon.
Nur zu, nur zu!
Doch Paris, wo bliebst du? (Fernes Muschelhorn)
Silen
(Bläst schwermütig auf der Pansflöte)
Önone (im Sprechgesang)
Die kleinen Tritonen
blasen ihr Muschelhorn
unterm Korallendorn,
darin sie wohnen.
Wo bist du verschwunden?
Blaufisch und Silberaal
spiegeln im Wellental
verliebte Stunden.
So schall mir doch wieder,
wölb dich herauf vom Grund!
Zu dir, du schöner Mund,
beug ich mich nieder.
Silen
Mit wem puschelst du da?
Önone
Bist du eifersüchtig? Mit Paris!
(Sie beginnt, ihn mit einem Zweig zu necken)
Silen
Hartherzige, Scherz treibe nicht mit Toten!
Önone
Dein Geschrei lockt. Ungeziefer auf die Wiese.
(Satyrn kommen neugierig herzu)
Silen
Huschhusch! Sonst reiß ich euch
die Ohren und die Schwänze aus!
(Satyrn ziehen sich zurück)
Önone
Liebst du noch Idothea?
Silen
Elf Sommer sind’s genau,
o teure Sonne,
da Idothea eines Morgens
entwischt war. Weg war sie.
Sie hat uns alle roh begaunert,
mit Paris beide uns, Önone,
und obendrauf mit Menelaos.
Önone
Ich will ein wenig drüber trauern.
Silen
Mein Herzblatt!
Komm, nicht weinen!
Geteilte Schmach ist halbe Schmach.
Önone
Ich hab es schon verwunden.
Finger weg!
Silen
Bequemes Erbteil, das dir zufiel,
nie lang zu wissen und zu leiden,
mit Unschuld ewig neu zu prangen,
wiewohl und trotz und was da auch geschah.
O zartes Blümlein!
Önone
Du liebst mich dennoch.
Silen
Dein Vater als ein Felsblock
erbuhlte dich mit einer Woge
genau wie deine Schwester.
Ihr seid wie eure feuchte Mutter
stets wieder glatt und schier,
bald schmeichlerisch, bald toll
und stets gefährlich,
bald gut, bald garstig,
je nach dem.
Önone
So? Je nach wem, meinst du.
Silen
Mein launiges, mein Flöckchen Gischt!
Önone
Sei lustig, Faun!
Blas ungemeinere Lieder!
Komm mit hinauf zum Landhaus!
Vielleicht ist es bewohnt.
(Das Muschelhorn ertönt)
Das Muschelhorn!
Mein Vater mahnt dich an dein Geschäft!
(Sie entschlüpft ihm)
Silen
Kein Kuß?
Nicht mal ein Wort, Önone?
Önone
Doch!
Sei du erst frei!
(Sie entflattert)
4.
Silen. Satyrn. Seehunde
Silen
Frei? Ich?
Ich bin so frei!
He, Faunsgesindel, an die Arbeit!
Laßt eure faulen Hufe rasseln!
Heihei! Herbei!
Treibt mir die Hündlein zu!
(Satyrn treiben voller Possen widerspenstige Seehunde auf den Strand)
Hü, Hündlein, hü,
ihr seegesalznen Köter!
Schlickrutscher, schlüpfrig blöde Meute,
hepphepp in Reih und Glied!
Wollt ihr?
Ich prügle euch zu Tran,
Tranfunzeln, Speckpfannkuchen!
Verflixtes Bocksvolk, nennt ihr das getrieben?
Ihr, nichts als Unfugtreiber, treibt!
Der Alte kracht sonst Donnerwetter
auf eure lahmen Bürzel hin!
Los, kommt in Reihe!
Hündlein, hurtig!
Der Alte will euch zählen
und sich die dicksten wählen,
Poseidons finstrer Knecht,
Proteus, der Rauschebart.
Бесплатный фрагмент закончился.
