Читать книгу: «Der Russische Bürgerkrieg 1917–1922»

Шрифт:

Hannes Leidinger

Der Russische Bürgerkrieg 1917–1922

Reclam

Kriege der Moderne

Herausgegeben vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr


Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Fachbereich Publikationen (0870-01)

2020 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Coverabbildung: Bewaffnete Soldaten der Roten Armee auf einem Panzerzug. picture-alliance / Mary Evans Picture Library

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2020

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-961818-0

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-011308-0

www.reclam.de

Inhalt

  1 Höllenszenen

  2 Das Konfliktgemenge Die letzten Jahre des Zarenreiches Autoritätsverlust und Machtwechsel Föderalismus, Autonomie, Separatismus Die Intervention der Mittelmächte Die Intervention der Alliierten Die internen Konflikte und die Probleme der Weißen Die Stabilisierung der bolschewistischen Herrschaft

  3 Waffengänge und Wendepunkte Grundlinien Anfänge des »Bürgerkrieges« Die militärische Rolle der ausländischen Mächte Die großen Offensiven Staaten- und Nationalitätenkämpfe Der lange Weg zur Ruhe

  4 Leben in der Katastrophe Der Tod in Zahlen Der große Rausch Verfall, Elend, Hunger »Wir und die Anderen« Der Aufbau der neuen bolschewistischen Macht Feindbild Religion Die »alte Welt« Ist-Zustand und Zukunftsperspektiven

  5 Zusammenfassung und Ausblick Laboratorium der Gewalt – Konglomerat der Konflikte Begriffe und Definitionsversuche Der Sieg der Roten und die Folgen des »Bürgerkrieges«

  Anhang

  Zeittafel 1914 1917 1918 1919 1920 1921 1922

  Literaturhinweise

  Abbildungsnachweis

  Sachregister

[7]1 Höllenszenen


Kellerraum im Haus des Nikolaj IpatjewIpatjew, Nikolaj in Jekaterinburg, in dem die Zarenfamilie in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918 ermordet wurde

Er bat um eine Wiederholung dessen, was er gerade vernommen hatte. Mehr aber als ein verstörtes, stotterndes »Was?« brachte er nicht mehr hervor. Kurz darauf trafen Nikolaj RomanowRomanow, NikolajNikolaus II. (Nikolaj Romanow, russ. Zar), den früheren Zaren Nikolaus II.Nikolaus II. (Nikolaj Romanow, russ. Zar), gleich mehrere Kugeln. Der einst beinahe allmächtige Herrscher des russischen Imperiums sank taumelnd, mit leerem Blick und blutüberströmt zu Boden. Die bewaffneten Männer hatten seinen Tod beschlossen, mit Billigung ihrer Anführer und Vorgesetzten. Und nicht nur er, sondern auch seine Frau, seine Kinder und seine letzten Getreuen sollten sterben. Der Koch Iwan CharitonowCharitonow, Iwan, der Diener Alexej TruppTrupp, Alexej und die Hofdame Anna DemidowaDemidowa, Anna erlitten ebenfalls tödliche Verletzungen.

Die Barbarei der Exekutionen wurde durch ein infernalisches Durcheinander noch gesteigert. Einige der tödlichen Projektile flogen als Querschläger im Raum herum. Ein Schütze verletzte sich an der Hand. Der sich bekreuzigenden Zarin wurde in den Kopf geschossen. Hirnmasse und Blut spritzten aus ihrem zerschmetterten Schädel. Der Lärm [8]wurde ohrenbetäubend, Pulverdampf und Staubschwaden nahmen allen die Sicht. Jakow JurowskijJurowskij, Jakow, der Leiter des Hinrichtungskommandos, ordnete eine Unterbrechung an. Die Türen des Kellerraums, aus dem das Schluchzen, die Schreie und das Stöhnen der noch lebenden Opfer drangen, öffneten sich.

Kurz darauf setzten die Schützen ihr blutiges Treiben fort. Jewgenij BotkinBotkin, Jewgenij, der Leibarzt der kaiserlichen Familie, hatte sich noch einmal erhoben und fand nun den Tod. Weitere Schüsse prallten indes an den Kleidern der Zarenkinder ab, doch die in ihre Gewänder eingenähten Juwelen schützten sie nur kurz. Ein besonders rücksichtsloser Gehilfe JurowskijsJurowskij, Jakow stach mit dem Bajonett auf den dreizehnjährigen Zarewitsch AlexejZarewitsch Alexej (Sohn Nikolaus' II.) ein. Die noch unverletzten Töchter OlgaOlga (Tochter Nikolaus’ II.), TatjanaTatjana (Tochter Nikolaus' II.) und AnastasiaAnastasia (Tochter Nikolaus’ II.) klammerten sich schreiend aneinander. TatjanaTatjana (Tochter Nikolaus' II.) traf nun ein Schuss in den Hinterkopf, OlgaOlga (Tochter Nikolaus’ II.) ein weiterer ins Gesicht. Auf MariaMaria (Tochter Nikolaus’ II.) und AnastasiaAnastasia (Tochter Nikolaus’ II.) gingen die Mörder mit Bajonett und Pistolen los. Nach zehnminütiger Raserei glaubten die Mörder, alles sei vorüber. Doch beim Hinaustragen der Leichen begannen zwei Mädchen zu keuchen. Wieder kam das Bajonett zum Einsatz. Einige Täter übergaben sich, liefen davon. Jakow JurowskijJurowskij, Jakow, der unterdessen die Sicherung der Wertsachen, vor allem der Edelsteine, überwachte, konstatierte trocken, dass das Umbringen keine leichte Sache sei.

Um drei Uhr morgens, am 17. Juli 1918, verließ ein mit Leichen beladener Lastwagen das »Haus zur besonderen Verwendung«, wie die Täter den Schauplatz der Metzelei in Jekaterinburg im Ural nannten. Die sterblichen Überreste verschwanden im nahegelegenen Wald.


Ein Porträt von Nikolaus II.Nikolaus II. (Nikolaj Romanow, russ. Zar) und seiner Familie anlässlich des dreihundertjährigen Thronjubiläums der Romanows 1913

Am selben Tag, um 23 Uhr, wurden die erst kürzlich aus Jekaterinburg in den rund 160 Kilometer entfernten Bergbauort Alapajewsk gebrachten Verwandten des Zaren geweckt. Die sechs Angehörigen der Romanow-Dynastie ließen sich widerstandslos abführen, mit einer Ausnahme: Der Cousin des letzten Monarchen, Sergej MichailowitschSergej Michailowitsch, sträubte sich gegen sein Schicksal, das die anderen – ebenso wie die meisten Opfer von Jekaterinburg – ebenfalls erahnten. Ein Handgemenge entstand, ein Schuss in den Oberarm machte den Widerspenstigen gefügig. Der bereitstehende Pferdekarren brachte die Großfürstinnen und Großfürsten zu einer Eisenmine. SergejSergej Michailowitsch widersetzte sich erneut. Durch einen Kopfschuss starb er vor den Augen der übrigen Opfer. Anschließend wurden die Frauen mit Gewehrkolben niedergeschlagen [9]und in einen Schacht gestoßen. Danach widerfuhr den Männern dasselbe Schicksal. Die Täter aber erschraken: Anders als sie es erwartet hatten, lebten die Malträtierten noch. Stimmen waren zu hören. Also wurden Granaten in den Schacht geworfen. Doch nun drang der Psalm »Hilf deinem Volk« an die Ohren der Mörder. Schließlich füllten sie die Mine mit Holz und zündeten es an. Im dichten Rauch erklang nach wie vor der Gesang – bis es still wurde.

Um die Geschehnisse im Ural entstand eine oft pietätlose »Schaurigkeitsindustrie«, die mit Verklärungen und Idealisierungen der Opfer einherging. Zu Recht erinnern manche Historiker und Historikerinnen daran, dass damals sehr viele andere Menschen unter mindestens ebenso schrecklichen, wenn nicht schlimmeren Umständen zu Tode kamen. Dennoch sind die Vorgänge in Jekaterinburg und Alapajewsk aussagekräftig, weil sie das Ausmaß und den Charakter der Gewalteskalation in [10]jenen Jahren, speziell in den Regionen des untergegangenen Romanow-Imperiums, vor Augen führen. Der Furor der Revolutionäre traf unterschiedslos Frauen, Männer und Kinder, Gesunde und Gebrechliche, Junge und Alte. Die Qualen der gefolterten und ermordeten Zarenfamilie standen für den Massenterror, der letztlich zur Auslöschung ganzer Gesellschaftsschichten führte. Die Schicksale der Romanows waren beispielhaft, die Morde von Alapajewsk und Jekaterinburg keine Einzelfälle. Zuvor hatte man bereits Großfürst MichailMichail (Großfürst, Bruder Nikolaus’ II.), den jüngsten Bruder von Nikolaus II.Nikolaus II. (Nikolaj Romanow, russ. Zar), gemeinsam mit seinem Sekretär bei Perm erschossen. Monate später starben Cousins des Zaren in der Peter-und-Paul-Festung in Petrograd, dem heutigen Sankt Petersburg. Zwar konnten andere Mitglieder der einstigen Herrscherdynastie entkommen, doch die neuen Machthaber, die Bolschewiki unter der Führung von Wladimir Iljitsch LeninLenin, Wladimir Iljitsch, wollten die gesamte Großfamilie ausrotten.


LeninLenin, Wladimir Iljitsch (1870–1924) spricht vor Arbeiter- und Soldatenräten. Der Parteiführer der Bolschewiki hieß eigentlich Wladimir I. Uljanow und war seit dem Ende der 1890er Mitglied der russischen Sozialdemokratie. Bis 1917 befand er sich zumeist in der Emigration, zuletzt während des Ersten Weltkrieges in der Schweiz.

Die unter der Führung LeninsLenin, Wladimir Iljitsch stehende Partei der Bolschewiki bildete sich 1903 durch die Spaltung der 1898 gegründeten russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, die sich am Marxismus orientierte. Der Begriff »Bolschewiki« bedeutet im Deutschen ›Gruppe mit der Mehrheit‹ bzw. ›Mehrheitler‹ und ging auf ein knappes Abstimmungsergebnis beim Parteitag 1903 in Brüssel und London zurück. LeninsLenin, Wladimir Iljitsch Anhängerschaft hatte ansonsten keineswegs eine Majorität der russischen Sozialdemokraten hinter sich. 1918 entschieden sich die Bolschewiki für eine Umbenennung: Von nun an hießen sie Kommunistische Partei Russlands, ab 1925 Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU). Den Beinamen »Bolschewiki« führten sie noch bis 1952.

[11]Die Radikalität war gewiss einem ideologischen Extremismus geschuldet, der die Exzesse jener Jahre wesentlich verschärfte. Aber Fanatismus und ein ins Pathologische gesteigerter Machtmissbrauch allein genügen keinesfalls als Erklärung. Es waren nicht bloß LeninsLenin, Wladimir Iljitsch Gefolgsleute und einige seiner sadistischsten Vollstrecker, die jegliche Hemmungen verloren. Gegner wie Befürworter der alten Ordnung erfasste ein in weiten Teilen der Bevölkerung seit Langem verbreiteter Hass. Auch das veranschaulichen die Ereignisse von Jekaterinburg: Als die Zarenfamilie Ende April 1918 an ihrem letzten Internierungsort eintraf, erwartete sie eine wütende Menge. Schon damals wurde ihr Tod gefordert. Es ist keine Überraschung, dass viele der Romanows, die mit der ständigen Gefahr der Lynchjustiz konfrontiert waren, seit geraumer Zeit mit dem Schlimmsten rechneten.


Georgij LwowLwow, Georgij J. (Fürst) (1861–1925) war vor dem Ersten Weltkrieg unter anderem als liberaler Parlamentsabgeordneter aktiv. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Paris.

Ein anderer Prominenter, der in Jekaterinburg festgehalten wurde, war Fürst Georgij LwowLwow, Georgij J. (Fürst). Er hatte es für kurze Zeit sogar zum russischen Premierminister gebracht. Nach seiner Amtszeit verzweifelte er an der um sich greifenden Brutalität, die das Land heimsuchte. LwowLwow, Georgij J. (Fürst) wollte darin die Rache der über Jahrhunderte Unterdrückten erkennen. Und er war nicht der einzige, der so dachte. Der Schriftsteller Maxim GorkiGorki, Maxim betrachtete die meisten Russen als »Sklaven von gestern«, die erst spät von der Leibeigenschaft befreit worden waren und sich nun, da sie Macht über andere erlangt hatten, einer zügellosen Gewaltherrschaft hingaben. Gerade Gebildete und Angehörige der russischen Oberschicht [12]trugen auf solche Weise den gängigen Klischees vom »Moskowiterreich« Rechnung. Die jahrhundertealte Gegenüberstellung von der höheren Zivilisation des Westens und der Rückständigkeit und Brutalität, dem Schmutz und der Anarchie des Ostens hatte in den Augen vieler Zeitgenossen sowohl in Russland als auch im Ausland durchaus ihre Berechtigung.

Die Entwicklungen ab 1917 schienen unzählige vorhandene Ressentiments zu bestätigen. Diese konnten sich mit nationalistischen und rassistischen Strömungen verbinden und beeinflussten letztlich auch die späteren nationalsozialistischen Mordfantasien vom »slawischen Untermenschentum«.

Parallel dazu steigerte sich ein bereits allgegenwärtiger Judenhass. Die Pogrome der Vergangenheit lebten auf dem Territorium des untergegangenen Zarenreiches in neuen, bislang ungekannten Dimensionen wieder auf. Nicht wenige glaubten, die »Mosaischen« hätten den Monarchen und seine Familie abgeschlachtet. Jakow JurowskijJurowskij, Jakow, hieß es, sei der Jude »Jankel JurowskijJurowskij, Jakow«. LeninsLenin, Wladimir Iljitsch Schergen hielt man für Exponenten der jüdischen Weltverschwörung.


[13]Langlebige und grenzüberschreitende Stereotypen des Antisemitismus, verbunden mit dem Feindbild des »jüdischen Bolschewismus«: ein Plakat zur Ausstellung »Der ewige Jude« in München, eröffnet am 8. November 1937

[14]Das Schreckbild des »jüdischen Bolschewismus«, das weit über Russland hinaus Wirkung zeigte, entbehrte jedoch jeder Grundlage. Zwar hatten sich angesichts des offenen Antisemitismus im früheren Zarenreich zahlreiche Juden Reformen erhofft, und manche hatten sich deswegen oppositionellen und revolutionären Kräften angeschlossen. Abgesehen von einigen prominenten Parteiführern blieben Juden aber auch in diesen Bewegungen in der Minderheit. Vielmehr wurden die meisten Angehörigen der jüdischen Bevölkerung als politisch Unbeteiligte vollkommen unschuldige Opfer von Gerüchten, Vorurteilen und Feindseligkeiten. JurowskijJurowskij, Jakow und die meisten anderen wiederum, die im »Haus zur besonderen Verwendung« Dienst getan hatten, waren ethnisch gesehen Russen und hielten übrigens – trotz ihrer Hinwendung zu den atheistischen LeninLenin, Wladimir Iljitsch-Anhängern – noch mehrheitlich am christlich-orthodoxen Glauben fest. Dass bis heute maßgebliche Kirchenkreise in Russland die Schreckenstat von Jekaterinburg als Beispiel eines »jüdischen Ritualmordes« deuten und damit antisemitischen Verschwörungstheorien Vorschub leisten, erscheint daher absurd.

Ein Körnchen Wahrheit steckt hingegen in der oft kolportierten Behauptung, die Gräueltaten seien Fremden bzw. Ausländern anzulasten. Es dienten ungarische Soldaten in jenen Wachmannschaften, die die Zarenfamilie im Auge behalten sollten. Auch spricht manches dafür, dass sich ein Österreicher dem Mordkommando JurowskijsJurowskij, Jakow angeschlossen hatte. Wie aber waren Staatsbürger der Habsburgermonarchie in den fernen Ural gelangt? Und wie war es möglich, dass sich vor den Toren Jekaterinburgs 1918 vor allem Tschechen als militärische Gegner der Bolschewiki formierten? Darauf wird in der Folge genauer einzugehen sein.

Offensichtlich wirkten sehr viele verschiedene Faktoren in jenen Sommertagen des Jahres 1918 zusammen. Innere Aufstände bedrohten LeninsLenin, Wladimir Iljitsch Regime ebenso wie ausländische Kräfte. Wenige Tage nach dem Zarenmord eroberten die erwähnten Tschechen Jekaterinburg. Ein ohnehin zur Gewalt neigendes, nun um sein Überleben kämpfendes kommunistisches Regime schreckte jetzt erst recht nicht mehr vor äußerstem Terror zurück. Die Grausamkeiten trugen dabei bisweilen Züge eines finalen Racheaktes vor dem befürchteten eigenen Untergang. Auch das ist eine durchaus berechtigte Lesart der Jekaterinburger Mordnacht.

[15]Aber wie steht es mit den nicht zuletzt von gebildeten Russen vertretenen Ansichten über einen im eigenen Land besonders verbreiteten Hang zur Barbarei? Entsprechende Mythen ranken sich gerade auch um das Ende der Zarenfamilie und die Gewalt der Bolschewiki. Dennoch ist das gefährliche Gemisch aus Vorurteilen, Aggressionen und Katastrophennachrichten, das sich unter anderem im Sommer 1918 offenbarte, wohl weniger auf eine bestimmte Mentalität, sondern auf allgemeine Eskalationsdynamiken und Gewaltspiralen zurückzuführen. Dergleichen ist auch andernorts gerade für bewaffnete Auseinandersetzungen mit einer starken Einbindung der Zivilbevölkerung und namentlich für Bürgerkriege mit bisweilen drastischen Tendenzen zur weltanschaulichen Polarisierung typisch gewesen.

»Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.« Dieser Satz des preußischen Generals und Militärtheoretikers Carl von ClausewitzClausewitz, Carl von ist wohl einer seiner meistzitierten. Daraus lässt sich ableiten, dass der Griff zu den Waffen kaum jemals von sozialen Einwirkungen zu trennen ist. Der Krieg ist eben »nie ein isolierter Akt«, wie ClausewitzClausewitz, Carl von gleichfalls festhielt. Vielleicht konnte er noch nicht ahnen, wie sehr er mit Blick auf die Welt nach ihm Recht behalten sollte. Der industrialisierte »Volkskrieg« der Massenheere, der fast alle gesellschaftlichen und materiellen Ressourcen in den betroffenen Ländern verschlang, mutierte tendenziell zu einem »totalen Krieg«. Aus ihm – das darf niemals vergessen werden – gingen in der »europäischen Urkatastrophe« des Ersten Weltkriegs ab 1914 Revolutionen hervor. Damit begann in Russland eine der schlimmsten Menschheitstragödien, die sich schwerlich zu einem einheitlichen Bild zusammenfügen lässt: Das einstige Zarenreich versank in Chaos und enthemmter Gewalt.

Mehr noch als der ohnehin kaum begrenzbare Schlagabtausch regulärer Armeen auf dem eigentlichen Schlachtfeld ist jeder Bürgerkrieg dazu prädestiniert, die Grenzen zwischen zivilen und militärischen Bereichen zu verwischen. Allerdings lässt sich das Geschehen im untergehenden bzw. untergegangenen Zarenreich bis 1922 nur unzulänglich mit den Worten »Russischer Bürgerkrieg« erfassen. Auch das wird genauer zu behandeln sein.

Kenner der Ereignisse sprechen oft lediglich von der »Zeit der Wirren«, da sich die Konflikte nicht auf eine Konfrontation zwischen »Roten« und »Weißen« reduzieren lassen. Rote, das waren zunächst die [16]Bolschewiki und jene, die sich der Regierung LeninsLenin, Wladimir Iljitsch anschlossen bzw. ihr zuarbeiteten. Letztere gehörten auch anderen sozialistischen Parteien an, die den neuen Machthabern zumindest zeitweilig folgten, bis sie gleichfalls zu Opponenten wurden. Die Weißen wiederum schlugen im Kern einen scharf antibolschewistischen Kurs ein. Die damit gemeinten Gruppierungen setzten sich vorwiegend aus ehemaligen Offizieren der Zarenarmee zusammen und vertraten reaktionäre, konservative und nationalliberale Positionen. Daneben gab es aber auch »rötliche« antibolschewistische Streitparteien, »grüne« Bauernrebellen, Bauernarmeen, Agrarsozialisten, Autonomisten und Separatisten, jeweils mit ihren regionalen und nationalen Farben, Banden und Warlords, die sich bisweilen unter den schwarzen Fahnen des Anarchismus sammelten. Die politische Farbpalette veranschaulicht das bunte Gemisch des Konfliktgemenges.

[17]Zu dieser vorwiegend internen Fragmentierung kamen häufig noch Akteure aus dem Ausland hinzu. Im (ehemaligen) Zarenreich, und vor allem in seinen Randgebieten, waren am »Bürgerkrieg« neben den genannten Tschechen, Ungarn und Österreichern auch Nachbarstaaten wie das Deutsche Reich und einstige Verbündete Russlands wie Frankreich und Großbritannien beteiligt. All dies muss mit berücksichtigt werden, gerade vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges und seiner Folgen.

Darüber hinaus ist die globale Wirkung der Ereignisse in den Gebieten des früheren Zarenreichs relevant. Die Russische Revolution von 1917 und die Machtergreifung LeninsLenin, Wladimir Iljitsch sind von weltgeschichtlicher Bedeutung, denn der Kommunismus wurde auf längere Sicht zu einer der einflussreichsten Ideologien des 20. Jahrhunderts. Staaten, deren Herrschaftssysteme sich auf ihn beriefen, prägten über Jahrzehnte das internationale Geschehen. Die Folgen sind bis heute spürbar. Zugleich erinnern die bewaffneten Auseinandersetzungen nach dem Ersten Weltkrieg an gegenwärtige, schwer durchschaubare Konflikte mit vielen staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren.


LeninLenin, Wladimir Iljitsch bei der Einweihung des MarxMarx, Karl-EngelsEngels, Friedrich-Denkmals in Moskau 1918. Rechts neben ihm Jakow SwerdlowSwerdlow, Jakow, ein hochrangiges Mitglied der bolschewistischen Partei, der als Vorsitzender des Zentralexekutivkomitees der Räte und formelles Staatsoberhaupt Sowjetrusslands ebenfalls in die Ermordung der Zarenfamilie verwickelt war

Im Folgenden soll dieser vielschichtige »Bürgerkrieg« auf drei Ebenen beleuchtet werden. Erstens gilt es einen Überblick über die politisch-ideologischen Auseinandersetzungen zu geben (Kapitel 2). Zweitens sollen die militärischen Kontrahenten, das Kriegsbild und die Waffengänge einer Analyse unterzogen werden (Kapitel 3). Schließlich kommt die Perspektive »von unten« zur Sprache, damit die Leserinnen und Leser ein plastisches (Schreckens-)Bild vom Alltag in diesen blutigen Zeiten gewinnen können (Kapitel 4). Eine chronologische Darstellung gibt das Buch also zugunsten dreier thematischer Längsschnitte auf. Einige bedeutende Geschehnisse und Entwicklungen werden in den drei Kapiteln daher wiederholt, aber aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet.

[19]2 Das Konfliktgemenge


»Schlag die Weißen mit dem roten Keil« – Das Plakat des russischen Avantgardisten El LissitzkijLissitzkij, Eliezer »El« aus dem Jahr 1919 vereinfacht trotz unterschiedlicher Rezeption eine in Wahrheit komplexe Mischung verschiedener politischer, sozialer und militärischer Auseinandersetzungen.

Die letzten Jahre des Zarenreiches

Nicht wenige Beobachter sagten das Ende des Zarenreichs bereits vor dem Ersten Weltkrieg voraus, und noch mehr empfanden den Nieder- und Untergang des Reichs im Nachhinein als unvermeidlich und folgerichtig. Gegen diese Sichtweisen spricht allerdings die Tatsache, dass geschichtliche Entwicklungen selten zwangsläufig sind. Der Sturz des letzten Zaren Nikolaus II.Nikolaus II. (Nikolaj Romanow, russ. Zar) war keine ausgemachte Sache. Die Agrarkrise seit der Abschaffung der Leibeigenschaft 1861 sowie die Unruhen in den wachsenden Städten und insbesondere unter der Arbeiterschaft wiesen jedoch auf die Schwäche des Staatsapparates hin.

Außen- und innenpolitische Probleme erschütterten das Regime von Nikolaus II.Nikolaus II. (Nikolaj Romanow, russ. Zar) in den Grundfesten. Infolge der Niederlage im Krieg [20]gegen Japan 1904/05 war Russland in seine erste große Revolution von 1905 bis 1907 geschlittert. Sie endete mit halbherzigen und anschließend oft in Frage gestellten Zugeständnissen an die Aufständischen, die politische Teilhabe und Reformen verlangten. Zugleich trat dabei ein außerordentliches Aggressionspotenzial zutage. Dieses beruhte unter anderem auf den Alltagserfahrungen der vorwiegend ländlichen Bevölkerung, die drakonische Strafen sowohl seitens der eigenen Dorfgesellschaft als auch der »Herrschaft« und der staatlichen Institutionen gewohnt war. Gruppendynamische Prozesse und Rachegefühle trugen zur Eskalation gleichermaßen bei wie die großen sozialen Gegensätze und vorhandenen Feindbilder. Pogrome mit unzähligen jüdischen Opfern wurden zum Merkmal einer Gewaltperiode, die nicht bloß den Zeitraum von 1905 bis 1907 umfasste und deren Beginn genauso schwer zu benennen ist wie ihr Ende.


Eine friedliche Demonstration in Sankt Petersburg Anfang 1905. Ihre gewaltsame Auflösung führte zur ersten großen Revolution in Russland.

Trotz gewisser Ähnlichkeiten zwischen den Erschütterungen der ersten Russischen Revolution und jenen am Ende des Ersten Weltkrieges führte jedoch keine direkte Linie bis zum Sturz von Nikolaus II.Nikolaus II. (Nikolaj Romanow, russ. Zar) Gewiss: Die Aufstände wurden ab 1905 brutal unterdrückt. Gestaltungsmöglichkeiten in der konstitutionellen Monarchie blieben einer kleinen Gesellschaftsschicht vorbehalten. Ebenso wenig konnten [21]Industrialisierungsmaßnahmen und Verbesserungen der Agrarproduktion die Kluft zwischen Regierung und Opposition, zwischen den reichen und den armen Bevölkerungsgruppen überbrücken. Unter anderem verschärfte die Radikalisierung der Regimegegner die Gegensätze. Allerdings musste das angeschlagene System nicht zwangsläufig zusammenbrechen, als der ZarNikolaus II. (Nikolaj Romanow, russ. Zar) im Sommer 1914 seine Soldaten gegen die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn zu den Waffen rief.

Der Hurrapatriotismus zu Beginn des Ersten Weltkrieges, der jedoch lediglich Teile der Stadtbevölkerung erfasste, sowie die »vaterländische Gesinnung« des Parlaments, der Duma, täuschten nur kurzfristig über die Probleme des Landes hinweg. Die Krise verschärfte sich bald über das Maß der bekannten Unzulänglichkeiten hinaus. Strategische und kriegswirtschaftliche Entscheidungen entzweiten die Gesellschaft. Die zivile und militärische Führung des zerbrechlichen Reiches verlor an Einfluss und Gestaltungsspielraum. Um der Kritik an der Unfähigkeit der Zarenherrschaft und ihres Behördenapparates etwas entgegenzusetzen, gründete man Komitees und Spezialausschüsse. Mit ihnen wollten vor allem die lokalen Selbstverwaltungskörper Materialknappheit und Versorgungsengpässe beseitigen. Die höheren Gesellschaftskreise, hieß es in diesem Zusammenhang, hätte man zur Rettung des Reiches schon früher heranziehen sollen. Tatsächlich arbeiteten jedoch die neu gebildeten Gremien vielfach eher gegen- als miteinander. Die Zersplitterung des gesamten Wirtschaftslebens erschwerte die Versorgung zusätzlich. Auf die benötigten Waren warteten Abnehmer oft vergeblich, zumal auch das Transportwesen marode war.

Wirtschaftliche und organisatorische Defizite gingen mit sozialen und politischen Unmutsäußerungen, der Verfolgung von Sonderinteressen und einer schleichenden Auflösung des Reichsgefüges einher. Der ZarNikolaus II. (Nikolaj Romanow, russ. Zar), die Armee und die Minister waren 1916/17 weitgehend diskreditiert. Die Opfer, die Soldaten und Zivilisten im Krieg gleichermaßen bringen mussten, verloren in den Augen der Bevölkerung angesichts der Organisationsmängel, der Niederlagen an den Fronten, der steigenden Lebenshaltungskosten, der schlechten Güterverteilung und des Mangels an Nahrungsmitteln endgültig jeden Sinn. Die Desillusionierung vergrößerte sich, als immer mehr Nachrichten über Fehlentscheidungen, Korruption und »Kriegsgewinnlertum« Verbreitung fanden. Hinzu kamen Gerüchte und Meldungen über die Verhaftung von [22]Unruhestiftern, die es gewagt hatten, ihrer Empörung Ausdruck zu verleihen. Unzufriedenheit und Widerstandsgeist wuchsen, zunächst speziell in den urbanen Zentren. Die Bereitschaft, in den Fabriken zu streiken oder auf den Straßen zu demonstrieren, nahm zu. Sie mischte sich mit einer fundamentalen Systemkritik.


Soldaten der Petrograder Garnison verbünden sich im Zuge der Februarrevolution 1917 mit den Demonstranten.

Bei Protestkundgebungen im Februar bzw. März 1917 in der Hauptstadt Sankt Petersburg, die seit 1914 Petrograd hieß, riss die Befehlskette schließlich an ihrer wichtigsten Stelle. Teile der Garnison weigerten sich, weiter auf ihre »rebellierenden Brüder und Schwestern« zu schießen. Auch die Duma widersetzte sich den Anordnungen von Nikolaus II.Nikolaus II. (Nikolaj Romanow, russ. Zar) und gründete ohne seine Zustimmung ein selbstständiges Komitee zur Bewältigung der schwierigen Situation. »Bauernsoldaten« entledigten sich des Öfteren gewaltsam »lästiger« Kommandeure und verbrüderten sich mit der Bevölkerung. Die Räte (russ. sowjet für ›Rat‹), die erstmals im Rahmen der Revolution von 1905 gebildet worden waren, traten erneut in Erscheinung. Während ihre Leitungsorgane Kontakt mit den Parlamentariern und mit deren Komitee aufnahmen, [23]dankte der ZarNikolaus II. (Nikolaj Romanow, russ. Zar) angesichts seines vollständigen Machtverlusts am 15. März 1917 ab. Potenzielle Nachfolger des bisherigen Monarchen verfügten über einen geringen gesellschaftlichen Rückhalt. Der Thron blieb vakant. Die rund dreihundertjährige Herrschaft der Romanows fand ihr Ende.

Autoritätsverlust und Machtwechsel

Die Februarrevolution von 1917 war im Großen und Ganzen eine elementare Erhebung gegen die Monarchie gewesen. Im Augenblick des Thronsturzes begann aber zugleich ein noch umfassenderer Auflösungsprozess. Die neue Provisorische Regierung unter dem liberalen Fürsten Georgij J. LwowLwow, Georgij J. (Fürst) war mit einer Unzahl von auseinanderstrebenden Kräften konfrontiert. Sie bewirkten in der Summe allmählich ein fast völliges Zerfallen der Gesellschaft.

Bezeichnenderweise ging die Zahl der Streiks nach der Wende vom Frühjahr 1917 nicht zurück. Vielmehr wuchs mit den Ansprüchen und Erwartungen der Betriebsbelegschaften das Selbstvertrauen des »Proletariats«. Die Entstehung von Fabrikkomitees offenbarte eine bedeutende Machtverschiebung. Von Direktoren und Arbeitern der Betriebe gleichermaßen der Parteilichkeit verdächtigt, sah sich das Kabinett LwowLwow, Georgij J. (Fürst) vor allem durch die Gewalt des Widerspruchs herausgefordert. Der Einfluss der Bolschewiki stieg. Die seit Februar existierenden »Roten Garden« untergruben die Autorität der städtischen Milizen im Bereich des Sicherheitswesens. Außerdem wurden die Menschen in einer nicht enden wollenden Aneinanderreihung von Versammlungen zunehmend politisiert.


Eine Gruppe revolutionärer Milizen in Petrograd 1917

Das Bestreben, im Zuge der Umwälzungen gewonnene Freiheiten beizubehalten, beherrschte nicht zuletzt auf dem Land die weitere Entwicklung. Im Unterschied zu autarken Einzelhöfen, die unter dem ZarenNikolaus II. (Nikolaj Romanow, russ. Zar) vor 1914 gefördert worden waren, erlebte im Jahr 1917 die Dorfgemeinde als Landumverteilungs- und steuerliches Solidarhaftungskollektiv einen Aufschwung. Die Provisorische Regierung, der schließlich die vor allem agrarische Interessen vertretenden »Sozialisten-Revolutionäre« angehörten, registrierte unter anderem in den zentralen Gebieten eigenmächtige Abholzungen von Wäldern in bisher nicht [24]dagewesenem Ausmaß. Besetzungen und Zerstörungen von Herrenhöfen häuften sich. Die Anarchie war nicht mehr aufzuhalten. Da die Revolutionäre oft von Frontheimkehrern oder Deserteuren angestachelt wurden, kam es ab der Jahresmitte 1917 zu einer weiteren Radikalisierung. Aus den Provinzen Tambow, Pensa, Woronesch, Saratow, Orjol, Tula und Kasan meldete man Fälle von Lynchjustiz an Großgrundbesitzern – teilweise handelte es sich um Racheaktionen für die Hinrichtungen von Bauernrebellen im Gefolge der Revolution von 1905. Allein im September und Oktober legten Bauern außerdem ungefähr 250 Herrenhäuser, also ein Fünftel aller Gutsbesitze dieser Regionen, in Schutt und Asche.

Die Sozialisten-Revolutionäre gehen auf die Bewegung der Narodniki in den 1860er Jahren zurück. Letztere versuchten, in Distanz zum Marxismus einen russischen Weg zum Sozialismus zu finden, der vor allem dezentral auf die Dorfgemeinde aufbaute. Die radikale Intelligenzija, Vertreter der gebildeten Gesellschaftsschicht, war dabei federführend. Sie wollte »ins Volk gehen«, scheiterte aber zunächst mit dem Versuch einer politischen Aufklärung der Agrarbevölkerung.

1902 schlossen sich Vertreter dieser wiederbelebten Richtung in der geheim gegründeten Partei der Sozialisten-Revolutionäre zusammen. Deren Kampforganisationen bevorzugten den individuellen Terror gegen die Repräsentanten der alten Macht. Die Parteistrukturen blieben allerdings schwach. 1917 spaltete sich die PSR primär in einen rechten und linken Flügel. Letzterer hielt zeitweilig zu den Bolschewiki. Schließlich verschwanden jedoch alle und damit auch die sozialistischen Parteien aufgrund der schrittweisen Errichtung der KP-Alleinherrschaft.

Parallel zur Abrechnung mit der Aristokratie bildeten sich in den jeweiligen Kreisen und Orten eigene Sowjets, die als »Dorfgemeinde in revolutionärer Form« das alte Ideal der dörflichen Selbstverwaltung verkörperten. Bisweilen riefen lokale Räte sogar Dorfrepubliken mit eigenen Hoheitszeichen und Fahnen aus. Nicht wenige stellten außerdem Polizisten oder Richter ein, bildeten Rote Garden und Milizverbände aus Freiwilligen.

Konkurrenz zu den dörflichen Vertretungsgremien gab es auf dem Lande unter derartigen Bedingungen seltener. In der Provinz setzte man eher auf Kooperation. Der Einfluss der Zentralinstanzen blieb in den [25]meisten ländlichen Gebieten begrenzt. In Petrograd wiederum hätte der Arbeiter- und Soldatenrat jederzeit die Herrschaft an sich reißen können. Viele erblickten in ihm die höchste Autorität, zumal sich die Regierung trotz pazifistischer Grundstimmung in der Bevölkerung zur Weiterführung des Krieges gegen die Mittelmächte entschlossen hatte.

Das Fass zum Überlaufen brachte Außenminister Pawel N. MiljukowMiljukow, Pawel N.: Er sprach sich nicht nur für den Fortbestand des Kriegsbündnisses mit den Westmächten aus, sondern schien sogar von Gebietsgewinnen und einem »Siegfrieden« zu träumen. Ein Sturm der Entrüstung fegte MiljukowMiljukow, Pawel N. aus dem Amt. Eine Regierungsumbildung folgte. Alexander F. KerenskijKerenskij, Alexander F. übernahm das Kriegsministerium. Er hatte bislang, als einziger Repräsentant der Linken im Kabinett LwowLwow, Georgij J. (Fürst), das Justizwesen geleitet. An der Seite KerenskijsKerenskij, Alexander F. traten weitere sozialistische Politiker in die Regierung ein. Sozialisten-Revolutionäre und sozialdemokratische Menschewiki, die sich eigentlich auf die Räte stützten, halfen der schwächelnden Staatsführung auch deshalb, weil sie selbst auf die Übernahme der Macht schlecht vorbereitet waren.

»Menschewiki« bedeutet im Russischen ›Gruppe der Minderheit‹ oder ›Minderheitler‹, eigentlich richtigerweise eher eine Bezeichnung für ihre Gegner, die Bolschewiki. Tatsächlich waren die Menschewiki als gemäßigtere Richtung der russischen Sozialdemokraten zunächst Lenin und seinen Mitstreitern keineswegs unterlegen. Allerdings verloren die alles andere als einheitlich auftretenden Menschewiki im Laufe des Jahres 1917 gegenüber den Bolschewiki beträchtlich an Boden. Im Sowjetkommunismus letztlich in die Illegalität gedrängt, gründeten sie die teilweise bis nach 1945 bestehende Parteiorganisation im Exil. Ähnliches galt für die Sozialisten-Revolutionäre und die Konstitutionellen Demokraten.

Marxistische Kreise hielten in diesem Zusammenhang außerdem eine »bürgerliche« Phase der Revolution für notwendig. Unter den [26]gespaltenen Sozialdemokraten schwor allein LeninLenin, Wladimir Iljitsch seine Partei der Bolschewiki auf eine neue Taktik ein. Nach seiner von den feindlichen Mittelmächten unterstützten Rückkehr aus dem Exil orientierte er sich mit Friedenslosungen und der Forderung, die Räte an die Spitze des Staates zu stellen, an populären Vorstellungen von der Zukunft des Landes. LeninLenin, Wladimir Iljitsch präsentierte auf diese Weise eine Alternative zu dem von den übrigen Sozialisten mitgetragenen Regierungskurs. KerenskijKerenskij, Alexander F. und seine Ministerkollegen schienen unterdessen die Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung nicht zu erkennen. Sie starteten im Juli 1917 eine neue große Offensive gegen die Mittelmächte, die sogenannte KerenskijKerenskij, Alexander F.-Offensive. Der Angriff endete in einem Desaster: Nicht nur war dem Vorstoß an den Fronten kein Erfolg beschieden, sondern es meuterten nun auch ganze Regimenter. Die Armee befand sich in Auflösung.


Kriegsminister Alexander KerenskijKerenskij, Alexander F. (1881–1970, links) bei den Truppen im Juli 1917

Teile der Streitkräfte stellten sich klar gegen die Staatsführung. Ein Maschinengewehrregiment in Petrograd und die Matrosen der Kronstädter Marinebasis, des bedeutenden Flottenstützpunktes an der Ostsee, zeigten sich entschlossen, die Provisorische Regierung aus dem Weg zu schaffen. Gemeinsam mit ihnen lehnte sich im Juli 1917 eine wachsende Zahl von Demonstranten gegen die bisherige Kriegspolitik auf. Der Gewaltpegel schnellte nach oben – die Februarereignisse schienen sich zu wiederholen. Erneut kamen viele Menschen zu Tode, bis schließlich die Proteste nachließen, ohne einen Systemwechsel bewirkt zu haben. Neben dem Einsatz von Kampfverbänden, die sich gegenüber der bedrängten Regierung loyal verhielten, [27]entschied insbesondere die Haltung der Bolschewiki über den Ausgang der Ereignisse. Noch zögerten sie, den bewaffneten Aufstand herbeizuführen. Eine vorzeitige Erhebung könnte mit einer Niederlage enden, warnte LeninLenin, Wladimir Iljitsch.


Demonstrationen in Petrograd im Juli 1917. Immer mehr Menschen lehnten die bisherige Kriegspolitik der Provisorischen Regierung ab.


KerenskijKerenskij, Alexander F. und die Provisorische Regierung 1917

Alexander KerenskijKerenskij, Alexander F., der Fürst LwowLwow, Georgij J. (Fürst) im Juli als Premierminister ablöste, brandmarkte LeninLenin, Wladimir Iljitsch sowie dessen Parteigenossen inzwischen als Putschisten und »verräterische Agenten der Deutschen«. Die Bolschewiki, erklärten Vertreter der Regierung, seien im Auftrag Berlins damit befasst, Russland ins Chaos zu stürzen. Etwa 800 Gefolgsleute von LeninLenin, Wladimir Iljitsch wurden daraufhin verhaftet. LeninLenin, Wladimir Iljitsch selbst hatte zwar beträchtliche Finanzmittel aus Deutschland erhalten, war aber keineswegs ein willfähriges Instrument von Kaiser WilhelmWilhelm II., dt. Kaiser und dessen Generälen. Er floh schließlich nach Finnland. Von dort aus plante er den Machtwechsel. Ein Streit über die weitere Vorgehensweise spaltete zwar die Anhänger LeninsLenin, Wladimir Iljitsch. Dieser profitierte aber von der zunehmenden Destabilisierung des Landes. Der Staat, bemerkte der Schriftsteller Konstantin PaustowskijPaustowskij, Konstantin, »zerfiel wie ein Klumpen feuchten Lehms«, und »an der Front schmolz die Armee unaufhaltsam hinweg«.

Während die Gesamtlage auch die Gremien der sozialistischen Regierungsparteien in eine noch tiefere Krise stürzte, verlor das Kabinett [28]KerenskijKerenskij, Alexander F. weiter an Boden. In entscheidenden Fragen der Außen-, Friedens-, Sozial- und Agrarpolitik legte es keine Tatkraft an den Tag. Vielmehr gerieten sich der Premier und der neue Oberste Befehlshaber des Heeres, Lawr G. KornilowKornilow, Lawr G., darüber in die Haare, welche Rolle ihnen bei der Wiederherstellung der Ordnung zufallen solle. KerenskijKerenskij, Alexander F. gelang es schließlich, den Rivalen loszuwerden.


Demonstration gegen den »KornilowKornilow, Lawr G.-Putsch« 1917

Sein erfolgreiches Auftreten gegen den sogenannten »KornilowKornilow, Lawr G.-Putsch« erwies sich jedoch als Pyrrhussieg. Die »sozialistische Einheitsfront«, die KerenskijKerenskij, Alexander F. gegen die Militärs bildete, half letztlich nur den Bolschewiki, die speziell in den hauptstädtischen Räten bald den Ton angaben. Der wichtigste Mitstreiter LeninsLenin, Wladimir Iljitsch zu jener Zeit, Leo TrotzkiTrotzki, Leo, wurde zum Vorsitzenden des Petrograder Sowjets gewählt. TrotzkiTrotzki, Leo [29]lenkte außerdem ab Oktober 1917 ein Militärrevolutionäres Komitee zur Verteidigung gegen vorrückende deutsche Truppen und zur Abwendung der »Konterrevolution«. Damit verfügte er über einen »Generalstab«, dem sich die Garnison der Hauptstadt unterstellte. KerenskijKerenskij, Alexander F. bekam kaum mehr Unterstützung, um sich gegen den Angriff der Bolschewiki zu verteidigen.


Das Ankleidezimmer der Zarin im Winterpalais nach dem Machtwechsel. Die wichtigsten Gebäude wurden von den Bolschewiki und ihren Anhängern in Petrograd handstreichartig und ohne größere Gefechte besetzt.

Russland war im Oktober 1917 reif für einen neuerlichen Machtwechsel. In Petrograd vollzog er sich im Umfeld des zweiten Sowjetkongresses vornehmlich als Staatsstreich. Anderswo, vor allem in Moskau, konnte die Räteherrschaft erst nach tagelangen Kämpfen etabliert werden. Dass LeninLenin, Wladimir Iljitsch obendrein den Umsturz im Namen der Räte zur Etablierung der bolschewistischen Einparteiendiktatur nutzte, vertiefte die Differenzen unter den Linken zusätzlich. Die mächtige Eisenbahnergewerkschaft verlangte daraufhin einen Interessenausgleich [31]zwischen den sozialistischen Kräften und drohte, andernfalls das Transportwesen zum Erliegen zu bringen. Angesichts der Gefechte in Moskau willigte die bolschewistische Parteileitung in Gespräche mit den Menschewiki und den Sozialisten-Revolutionären ein.

Dann aber wendete sich das Blatt. Militärisch gewannen die Bolschewiki vor allem auch in Moskau die Oberhand. KerenskijKerenskij, Alexander F. stand als Verlierer fest. Die neu geschaffene Regierung, der Rat der Volkskommissare unter der Leitung von LeninLenin, Wladimir Iljitsch, setzte sich durch. Daraufhin brach LeninLenin, Wladimir Iljitsch die Verhandlungen ab, um unverzüglich mit den Eisenbahnern hart ins Gericht zu gehen und ihre Gefangennahme zu fordern. Parallel dazu nahm er die parteiinternen Gegner ins Visier, deren Kompromissbereitschaft gegenüber den sozialistischen »Verrätern« er anprangerte. Die Attackierten verließen aus Protest das bolschewistische Zentralkomitee. Fünf Volkskommissare stellten überdies ihre Posten zur Verfügung. Sowohl in der Provinz als auch in der Hauptstadt herrschten Uneinigkeit und Zwietracht.


Panoramagemälde (Ausschnitt). Die »Oktoberrevolution« als opferreiche Massenerhebung war speziell in Bezug auf die Ereignisse in Petrograd ein Mythos der Sowjetführung. Verbreitung fand er in der Retrospektive vor allem durch visuelle Medien. Neben Gemälden waren es insbesondere die Szenenbilder von Sergej EisensteinsEisenstein, Sergej Film Oktober, die international Wirkung zeigten.

Nie war Russland der vollständigen Anarchie näher als in den Tagen der Machtergreifung LeninsLenin, Wladimir Iljitsch und in den darauffolgenden Monaten. Der Umsturz hatte unmittelbare Folgen und verlief mancherorts spektakulär. Zum großen Wendeereignis wurde die Oktoberrevolution letztlich aber erst in der Nachbetrachtung, als ihre mittel- und langfristigen Auswirkungen bereits bekannt waren.

Бесплатный фрагмент закончился.

1 433,67 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
13 февраля 2025
Объем:
189 стр. 82 иллюстрации
ISBN:
9783159618180
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги