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Gudmund Vindland
Sternschnuppen
Roman
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Lindhardt & Ringhof
Gudmund Vindland, Jahrgang 1949, ist in Oslo aufgewachsen und lebt dort als freier Journalist und Autor. Als 1979 sein erster Roman »Der Irrläufer« (AtV 1819) in Norwegen erschien, sorgte er für großes Aufsehen und wurde zum Bestseller. 1989 kam der Roman »Stjerneskudd« (dt.: »Sternschnuppen«) heraus.
Voller Witz und Selbstironie, voller Leidenschaft und Furor erzählt der junge Yngve Vilde vom schwulen Leben im Norwegen der 70er und 80er Jahre. Hin- und hergerissen zwischen seiner Sehnsucht nach inniger Zweisamkeit und seiner unwiderstehlichen Lust an allem, was die Sinne erfreut, sucht er seinen Weg. Seine große Liebe heißt Øystein. Mit dem Sproß einer Industriellenfamilie lebt Yngve in einer bunten Land-WG, in der sowohl marxistisch-leninistischen Ideen als auch Alkohol, Nacktbaden und klassischer Musik gefrönt werden. Yngve und Øystein geben sich zwar ein Eheversprechen, doch als Øystein nach einem Besuch bei seinem dominanten Großvater zu Yngve zurückkehrt, ist nichts mehr wie früher. Obendrein veröffentlicht die Maoistische Partei ihren skandalösen Kommentar zur Homosexualität, so daß sich der überzeugte Marxist Øystein gänzlich von Yngve lossagt. Die Kommune zerbricht, und Yngve zieht nach Oslo, wo er in die Schwulenszene und ein Leben im Alkohol- und Drogenrausch eintaucht. Dann verliebt er sich aufs neue und verbringt himmlische Tage mit dem jungen Truls, bis er von dessen Mutter das wahre Alter des Jungen erfährt. Yngve flieht abermals und sammelt Frust und Kilos an. – Bis eines Tages Øystein wieder vor seiner Tür steht. Nach all den Enttäuschungen scheint Yngve nun doch noch sein Happy-End zu bekommen. Doch in dem Moment zeichnet sich eine neue, ungeheure Bedrohung ab ...
Mit Dank an Eli Håvard, Ivar, Øyvind und alle anderen in der Stiftung Stjärnsund
Für meinen geliebten Arne und alle anderen Positiven
Die Feuertaufe
Es war bereits hell. Das merkte ich, ohne die Augen zu öffnen. Dann fiel mir ein, wo ich war und warum, und ich kniff sie hart wieder zusammen, um die unbarmherzige Wirklichkeit so lange wie möglich auszuschließen. Aber die Angst kam von innen. Sie war immer da, wie ein Dorn in meiner Seele, um mich daran zu erinnern, wer ich war; ich konnte niemals ein anderer werden als Yngve Vilde, vierundzwanzig Jahre, Korrekturleser bei der Prawda, erst vor vier Monaten aus Norwegens meistgepriesenem Irrenhaus entlassen – eine Tatsache, die mich dazu brachte, mich hinter meinen zusammengekniffenen Augenlidern nur noch mehr zusammenzukrümmen. Seit Wochen fürchtete ich mich schon vor dem Licht und vor dem Tag da draußen. Es war der Morgen des ersten Mai, und ich würde zum ersten Mal an dem Platz, an den ich gehörte, an einer kommunistischen Demonstration teilnehmen – im Rosa Block. Ich streckte den Arm aus und tastete nach dem einzigen festen Haltepunkt, den es in meinem Dasein gab – nach meinem Liebsten –, und doch, er war da. Øystein Einhorn lag neben mir und schlief den Schlaf der Unschuldigen; er, der mich mit Lockungen und Drohungen dazu gebracht hatte, mich an diesem übermenschlichen Projekt zu beteiligen.
Ich hatte tierische Angst. Ich hatte Menschenmengen und Massenveranstaltungen noch nie ertragen können. Das einzige, womit ich mich zur Not abfinden konnte, waren die Schlangen im staatlichen Alkoholladen. Meine größte Leistung in dieser Hinsicht war eine Demo gegen EG und Inflation im Jahre 1972 – und dabei hatte ich einen Mann mit einem großen Löwenherzen kennengelernt –, aber das war anders gewesen. Erstens war mehr als die Hälfte der Bevölkerung derselben Ansicht wie ich. Zum anderen war es vor meinem totalen Zusammenbruch und der darauf folgenden Genesung. Diesmal aber sollte ich an der kommunistischen Maidemo teilnehmen, die höchstens zehn Prozent des Volkes mit Wohlwollen betrachtet. Außerdem sollte ich öffentlich als Schwuler auftreten – und ich war immer noch äußerst skeptisch denen gegenüber, die behaupteten, daß sich die allgemeinen Ansichten radikal zum Besseren änderten. Ich war davon überzeugt, daß sich die wachsende Toleranz auf die Theorie beschränkte. Ich war sicher, daß es gefährlich war, die Leute dadurch zu provozieren, daß wir ganz offen durch die Straßen der Hauptstadt trampelten. Deshalb hatte ich eine Scheißangst davor, unter wehenden und stolzen homopolitischen Fahnen zu marschieren. Aber es half kein Zappeln und kein Schrei’n. Øystein wollte, daß ich dabei war, und da hatte ich im Grunde keine Wahl.
Ich hatte an einigen Treffen des »Verbands von 1948«, der norwegischen Lesben- und Schwulenorganisiation, teilgenommen, der sich langsam zu einer starken Kampforganisation für homosexuelle Emanzipation entwickelt hatte, mit immer radikalerer Ausprägung. Natürlich gab es innerhalb des Verbandes starke Gegensätze. Zu ihm gehörten schließlich Mitglieder aller politischen Schattierungen – von Rechten bis zu Marxisten-Leninisten –, unsere sexuelle Orientierung war unsere einzige Gemeinsamkeit. Aber bisher hatten wir uns auf eine gemeinsame Linie einigen köönnen, die einzige Ausnahme bildeten die Anarchos. Die waren im allerhöchsten Grad mit dem Ausbrechen beschäftigt.
Durch Øystein war ich mit der ML-Fraktion des Verbandes bekannt geworden, die aus etwa zwanzig engagierten Knaben und wenigen Mädels bestand. Sie waren eine sympathische und anregende Gesellschaft, mit der ich mich immer stärker verbunden fühlte, aber ich war doch noch nicht bereit, in die Partei einzutreten und ein vollwertiger Teil der Bruderschaft zu werden. Daß Øystein Mitglied war, war für mich nicht automatisch ein Grund. Ich hatte mich bisher zu einem Dasein als Zaungast entschlossen – aber heute fühlte ich mich gezwungen, vom Zaun herunterzuspringen und an der Demo teilzunehmen. Ich biß die Zähne zusammen, öffnete die Augen und ging unter die Dusche.
Wir trafen uns zum Frühstück im Schwulencafé, und ich war so nervös, daß ich am ganzen Körper zitterte – und natürlich war ich stocknüchtern. Die Alkoholpolitik in unserer WG war äußerst gemäßigt, und ich hatte seit über einem halben Jahr schon keine beruhigenden Pillen mehr geknabbert. Deshalb fühlte ich mich vollkommen ausgeglichen und hatte Stacheldrahtnerven entwickelt.
Zu meiner großen Überraschung wurde zum Frühstück Bier serviert, und einen Moment lang spielte ich mit dem Gedanken an eine leichte Notlösung, nämlich, ein bis drei Halbe zu kippen. Aber da griff Über-Yngve ein und bestellte Kaffee. Mein frischrestauriertes Über-Ich ließ sich nicht zu einer Mäßigung seiner strengen Forderungen manipulieren: Wenn ich schon zu einer Demo ging, dann wollte ich das auch mit klarem Kopf erleben und nicht in tranigem Bierrausch herumwuseln. Basta! Leider machte mich der viele Kaffee durchaus nicht weniger nervös, aber zum Ausgleich törnte mich die starke Stimmung beim Frühstück total an. Wir waren mehr als sechzig Schwule und Lesben, die in die Welt ziehen und den Leuten klarmachen wollten, daß wir stolz darauf waren! Wir sangen Kampflieder und hielten Appelle und fühlten uns phantastisch, ehe wir uns zum Grønland-Platz begaben, wo die Demo anfangen sollte. Was danach passierte, registrierte ich mit glasklaren Sinnen, auch wenn ich mich nicht gerade bodennah fühlte.
Überall waren überwältigend viele Leute. In Brugata und Grønlandsleiret wimmelte es von Menschen, und der riesige Grønland-Platz war fast voll. Was mir als erstes auffiel, waren die vielen Trachten. Jede dritte Frau schien in Tracht zu gehen, und das ergab für mich keinen Sinn. Ich war zu einer radikalen Arbeiterdemonstration gekommen – nicht zu einem Spielmannstreffen. Ich konnte nicht fassen, daß es so viele radikale Bauerntöchter geben sollte. Erst vor einem Jahr hatte ich persönlich in der Prawda einige Artikel Korrektur gelesen, die sich mit der bizarren Tatsache befaßten, daß sich der Norwegische Bäuerinnenverband mit großer Mehrheit dagegen ausgesprochen hatte, unser königliches Reichserbhofgesetz auch auf Frauen auszudehnen. Jetzt kapierte ich den Zusammenhang überhaupt nicht mehr. Bis wir unsere munteren Mitbewohnerinnen trafen, Ragnhild und Inga, die ebenfalls in Tracht waren. Alle beide. Ragnhild war per Definition nach dem neuen Gesetz Anerbin, ihre Hedmarkstracht war also in Ordnung. Aber was war mit Inga? Sie war doch trotz allem auf Holmenkollåsen aufgewachsen. Unterstützt von ihrer energischen Körpersprache, die ihren Silberschmuck lustig klingeln ließ, klärte sie dieses Mysterium auf:
»Du brauchst doch keine Bäuerin zu sein, um eine Tracht zu haben, oder? Alle in meiner Familie haben eine. Ich glaube, auch alle Frauen in meiner Klasse. Das ist einfach so«, sagte Inga Lunde.
Ich traute mich nicht, sie zu fragen, was genau sie mit »Klasse« gemeint hatte, aber mir ging auf, daß die meisten Frauen aus dem guten Bürgertum ihre fleckenlosen Nationaltrachten trugen. Und warum nicht? Sie brachten jedenfalls Farbe in die Menschenmenge, aber ansonsten wirkten sie ein wenig eingeschnürt und schienen in der brennenden Sonne zu schwitzen, die Armen. Und sie waren nicht die einzigen. Bei näherem Hinsehen zeigte es sich, daß ein großer Prozentsatz der demonstrierenden jungen Männer in Anzug und Schlips angetreten war. Das begriff ich einfach nicht, nahm es aber ohne weiteres Nachdenken hin, auf dieser Welt ist eben kein Ding unmöglich.
An jenem Vormittag des ersten Mai war die Folklore auf Grønland mächtig vertreten. Mit Blaskapellen und Rockbands auf Lastwagen und starken Appellen aus unzähligen Megaphonen. Und jeder Zehnte der sechstausend Anwesenden verkaufte irgendein radikales Pamphlet; man brauchte einen Rucksack, um eine kleine Auswahl davon mit nach Hause nehmen zu können. Ich beschränkte mich darauf, einen Anstecker mit wehenden roten Fahnen zu kaufen, der auf meinem bescheidenen Jackenrevers, Marke Levi’s Cord, wunderhübsch aufleuchtete. Weiter mochte ich einfach nicht gehen. Ich weigerte mich kategorisch, mir irgendein Schwulenabzeichen anzupappen. Zum Ausgleich klammerte ich mich an Øystein, der Plaketten genug für uns beide hatte. Es war einfach notwendig für mich, körperlichen Kontakt zu ihm zu haben. Ich wußte, daß ich zerreißen würde, wenn ich in dieser lärmenden Menschenmenge auch nur eine einzige Sekunde auf eigenen Füßen stehen müßte.
Der Rosa Block war ungefähr in der Mitte der Demo angesiedelt, und bald wickelten die Enthusiasten Transparente mit stolzen Losungen auseinander:
Keine Unterdrückung von Homosexuellen mehr!
Homosexuelle Frauen und Männer – gemeinsam sind wir stark!
Schluss mit der gesetzlichen Diskriminierung von Homosexuellen!
Inzwischen sammelten sich an die hundert kampfesbereite Menschen unter diesen Fahnen. Wir standen in Sechserreihen, bewegt und entschlossen, und warteten auf den Abmarsch, als eine heulende Stimme allen anderen Lärm übertönte und mit gewaltiger Kraft mein inneres Ohr erreichte: »Tutta, Tuttaaa! Maaaine Güte, demonstrierste auch? So was habe ich ja noch nie gesehen! Vom Irrenhaus zur Demo! Halten deine Nerven das denn aus?«
Das war Terje, das hörte ich an seiner Stimme, aber ich konnte diese Stimme nicht mit dem Wesen in Verbindung bringen, das sie von sich gab. Vor mir stand nämlich eine Art Sennerin mit zwei langen blonden Zöpfen und rotweißblauen Schleifen. Sie war ganz schön üppig – oder, genauer gesagt, ausgestopft – und trug die fescheste Tracht, die ich an diesem Vormittag entdeckt hatte. Aber anstelle von Silber und Gold hatte die Dame sich haufenweise Plaketten und Anstecker mit den allerfrappierendsten Botschaften an den Busen geheftet, von »Kein Ausverkauf Norwegens!« bis zu »Legalize Erdbeereis!«. Ihr ganzer üppiger Busen sah aus wie eine Generalissimo-Uniform, was von zwei roten Wangen und einem schwarzgefärbten Vorderzahn noch betont wurde.
Diese freudige Überraschung mußte mir eine Art Schock verpaßt haben, ich brachte kein Wort heraus. Einerseits wäre ich ihm gerne um den Hals gefallen und hätte ihn herzhaft betatscht, andererseits war mir mit aller wünschenswerten Deutlichkeit klar, daß das hier nicht zum Programm gehörte. Er war einfach knatschverrückt. Wir sollten im Kampf für unsere sonnenklaren demokratischen Rechte durch die Straßen marschieren, und da tauchte Terje, mein bester Freund unter allen Menschen, von nirgendwoher auf – und auf so irrwitzige Weise. Er würde alles ruinieren.
»Das hier ist Ernst«, sagte Øystein und legte mir energisch den Arm um die Schultern. »Das hier ist kein Karneval!«
»O doch, Schwesterchen, das hier ist der internationale Festtag der Arbeiterklasse, damit du’s weißt, und ich hab mich in meinen feinsten Zwirn gezwängt – genau wie alle anderen Mädels in dieser Gaunerbande! Außerdem steht im Programm, daß alle unter ihren eigenen Prämissen oder so teilnehmen können, und da war’s doch höchste Zeit, daß ich die Mottenkugeln aus diesem Prachtwams herausschüttele; das hab ich übrigens von meiner Großmutter aus Homotal geerbt.«
Terje lief mit Speed – daran konnte kein Zweifel mehr bestehen –, deshalb war er vööllig unaufhaltsam, wenn auch nicht total unwiderstehlich. Ich hatte ihn zuletzt im Januar gesehen, als er seinen Job bei der Straßenbahn hingeschmissen hatte, weil er mit einem Porschefahrer nach München gurken konnte, aber jetzt war er also vom Kontinent heimgekehrt, um den großen Tag im Land seiner Mütter zu begehen. Ich versuchte, mich zu konzentrieren, um etwas Nettes und Lehrreiches zu sagen, aber daraus wurde nichts. Terje Falkenauge war natürlich nicht allein.
Eine kreischende Volksmenge von mindestens zwölf Personen wälzte sich hinter ihm her – und sie wirkten eher wie zwölf Dutzend. Sie trugen die unmöglichsten Damenkostüme dieses Jahrtausends – Seide und Straußenfedern, Krinolinen und Häubchen –, und sie trugen ein riesengroßes Transparent mit einer goldenen Inschrift auf schockrosa Grund:
Schwule sehen aus wie alle anderen!
Ich kann fast mit Sicherheit sagen, daß mich diese Behauptung vor einem totalitären Angstanfall rettete. Schließlich war es komisch! Es war eine so grenzenlose Übertreibung, daß sie dem großen Ernst, der mich fast bis zum Asphalt hinuntergedrückt hatte, den Stachel brach. Ich trippte turmhoch bei der Erkenntnis, daß Humor unsere wichtigste Waffe im Kampf gegen die Große Mehrzahl und ihre festgewachsenen Vorurteile ist. Mir ging auf, daß die Angst der Gesellschaft wie Reif in der Sonne verdampfen wird, wenn wir sie dazu bringen können, mit uns zu lachen. Ich begriff, daß wir unsere Existenz mit Humor sichern müssen.
Im Jahre 1974 hatten das vor mir zwölf Menschen verstanden und gewagt, es zu zeigen. Ich wurde der dreizehnte, Scheiß drauf, in der Hinsicht bin ich wirklich nie abergläubisch gewesen. Leider kapierte das von den restlichen hundert damals niemand. Sie waren wütend. Sie hielten das für eine verdammte Scheißprovokation – und das war es natürlich auch. Ein Wirrwarr von streitenden, gestikulierenden Menschen sammelte sich um diesen durchgetunteten Zuwachs zu unserem Block –, und ich beschloß, mich und Øystein aus dem Wortwechsel weit herauszuhalten, mit der Androhung augenblicklicher Desertion, falls er mich losließe. Aber gleichzeitig mußte ich einfach losprusten, und deshalb wußte er nicht so recht, was er machen sollte. Zum Glück beschloß er, daß ich mich wohl am Rande der Hysterie befand – was ja schließlich zutraf – und daß es deshalb seine erste Pflicht war, in diesem ganzen Chaos auf mich aufzupassen. Der Konflikt ließ sich weder durch Vergleich noch durch Richterspruch lösen. Den suffragettischen Mili-Tanten wurde ein Platz in der Demo oder zumindest in unserem Block brüsk verweigert, und sie wurden mit Lärm und Geschrei vertrieben. Terje verschwand zusammen mit ihnen im Gewimmel, und das machte mich ziemlich unglücklich.
»Wir müssen doch Platz für alle haben, Øystein! Und ich fand sie witzig.«
»Ja schon, aber vergiß nicht, daß wir schließlich der Welt zeigen wollen, daß wir – ja, daß wir wie alle anderen sind. Diese idiotischen Anarchos untergraben ja den ganzen Sinn unserer Demo – und jetzt geht’s endlich los.«
Ich achtete auf alles, als wir uns in Bewegung setzten und ein Teil der meilenlangen Demo wurden, die in die Innenstadt marschierte. Øystein und ich gingen mitten im Block, und ich ließ seine Hand nicht los. Daß wir uns an den Händen hielten, war an sich schon eine Provokation, aber ich hatte noch mehr Angst davor, mit meiner eigenen Angst isoliert zu sein. Denn unter den Pflastersteinen rummelte die ganze Zeit eine gewaltige brüllende Finsternis, und ich hatte immer noch eine Sterbensangst davor, den Gullideckel in meinem eigenen Kopf hochzuheben.
Wir fingen an, Schlagworte zu rufen, laut und rhythmisch.
Homos – Heteros – Solidarität!
Homos – Heteros – Solidarität!
Das half, fand ich. Zu hören und zu spüren, daß wir mehr als hundert starke Stimmen waren, die zum Chor wurden. Ich war nicht allein!
Als wir in die Storgata einbogen, erlebte ich etwas, was ich niemals vergessen werde, wovon ich nicht einmal in meinen positivsten Phantasien geträumt hatte. Denn dort drängten sich auf beiden Straßenseiten die Menschen, und ich dachte: Jetzt kommen die Hohnworte, jetzt kommt die Feuertaufe! – Aber sie fingen an zu klatschen! Applaus brach über uns herein. Eine riesige Menge lächelnder, froher Menschen stimmte mit uns ein, daß es durch die Stadt hallte:
Homos – Heteros – Solidarität!
Ich mußte glauben, daß das wirklich passierte, denn ich war ja dabei und erlebte alles mit jeder Faser meines Körpers und meiner Sinne – und das brachte mich total hoch! Mitreißende Schwingungen erfaßten uns. Ich spürte, daß die Zuschauer – Hunderte von Menschen – unseretwegen stolz waren. Und da war auch ich stolz. Sie gaben ihrer Bewunderung Ausdruck, weil sie uns mutig fanden. Und da ging mir mit einem Freudenschauer auf, daß wir das wirklich waren. Auch ich! Ich war nicht länger Yngve-Jammerlappen, der am liebsten unter einer warmen Decke hinter einer verschlossenen Tür in Embryostellung liegen wollte. Ich war dabei! Ich tat etwas. Auch wenn ich nicht auf den Barrikaden stand und mehr als mutig war, so sah ich doch endlich ein, daß es Sinn hatte, wenn ich meine irdische Hülle in einer demonstrierenden Menschenmenge unterbrachte. Denn zusammen manifestierten wir Willen. Und die Leute am Straßenrand, die uns so warmen Beifall spendeten, waren solidarisch mit uns. Es war ein überwältigendes Erlebnis. Es brachte mir eine große, warme Freude, die mir ihrerseits Stärke und Tatkraft gab. Wir wurden allesamt hochgezogen davon. Ich merkte, daß unser ganzer Block an Kraft und Mut wuchs – und auch an Anzahl, nicht zu vergessen. Die verbannten Suffragetten zeigten plötzlich, daß sie wirkliche Mili-Tanten waren; sie sprengten sich genau hinter unserem Block ihren Weg in die Demo, und nun versuchte niemand mehr, sie zu verjagen. Und so bekamen wir doch noch einen humoristischen Schwanz, der nur positiv wirkte, denn wir bestätigten ihre Behauptung: Schwule sehen aus wie alle anderen – und sind auch wie alle anderen.
Unser weiterer Weg durch Oslos Straßen erscheint in meiner Erinnerung als eine mit Schrecken vermischte Freude, denn wir ernteten nicht nur Applaus von den Zuschauern. Unten am Dom hatte sich eine ansehnliche Bande halb- und ganzvoller Individuen versammelt, die ich mit angeborenem Spürsinn als typische Arbeiterklasse kategorisierte, und von denen war nichts anderes zu hören als Schimpfworte und Drohungen. Aber wir waren viele und stark und übertönten sie rhythmisch:
Homos – Heteros – Solidarität!
Keiner von ihnen wagte einen physischen Angriff, und das war sicher nur zu ihrem Besten. Wir hätten sie garantiert zu Brei geschlagen.
Auch Karl Johan, die Osloer Prachtstraße, wimmelte nur so von Menschen, und wir ernteten positive und negative Reaktionen. Aber inzwischen waren wir so gut zusammengeschweißt, daß wir über jegliche idiotische Kleinlichkeit erhaben waren und nur das Gute aufnahmen. Und als wir vor das Haus der Konservativen Partei kamen, wo der verzärtelte Seidenpöbel stand und in Nazigrüßen und Schmährufen schwelgte, brüllten wir sie einfach in Grund und Boden:
Homos – Heteros – Solidarität!
Und plötzlich fand ich mich auf dem Friedhof-Nonsens-Plass beim Rathaus wieder und begriff, daß ich es geschafft hatte. Ich hatte am Langen Marsch durch Oslos Straßen teilgenommen. Zum ersten Mal in der Geschichte hatten wir uns öffentlich als norwegische Lesben und Schwule gezeigt, und es war gutgegangen! Wir waren weder angegriffen noch mißhandelt worden. Sie hatten uns zugejubelt! Und dadurch waren wir allesamt gewachsen. Wir lachten und umarmten uns in einem herrlichen Durcheinander – und dann wurde getanzt. Bis zum hellen Morgen!
Erster Teil
Die Jungen, Lebenden
Wir lagen am Rand des Sprungbrettes und wippten gemütlich auf und ab, mein Øystein und ich. Wir lagen dicht beieinander – nackt – und umarmten uns träge. Øystein lag auf dem Rücken und ich auf seinem rechten Arm. Er war unter der brennenden Sonne eingenickt. Ich lag neben ihm auf dem Bauch und drückte meinen Mund an seinen Oberarm, während ich meine Hand in dem schönen Haarstreifen auf seiner Brust spielen und dann bis nach unten weiterwandern ließ. Ihn anzusehen war ebenso schön wie ihn anzufassen, so, wie er im scharfen Sonnenlicht reflektiert wurde. Kleine Schweißperlen glitzerten in seinen kräftigen Bartstoppeln, und seine glatten, halblangen Haare hatten einen deutlichen blauen Schimmer. Hinter seinen Augenlidern waren auch die Augen tiefblau – wie der Himmel in der Dämmerung. Ich beugte mich vor und küßte ihn leicht auf die Nase, wobei mich seine kräftige Augenbraue an der Wange kitzelte. Ach, das Leben war herrlich.
Ich ließ meinen Blick über den glitzernden Oslofjord wandern, wo ein großes Kreuzfahrtschiff gerade den Leuchtturm zwischen Nesodden und Snarøya passierte. Viele kleine Boote waren schon unterwegs, und drüben vor Asker schien eine Regatta zu laufen, so viele Segel waren dort versammelt.
Ich war fröhlich und fühlte mich ziemlich sicher – aber doch nicht ganz. Meine ewige Angst lauerte immer noch im Hintergrund – und konnte mich in der alleralltäglichsten Situation plötzlich überwältigen. Aber inzwischen konnte ich mit meinen selbstzentrierten, selbstherrlichen Neurosen besser umgehen, weil ich endlich natürliche Hilfe dabei gefunden hatte, beängstigende Situationen zu analysieren und darüber zu sprechen. So lernte ich langsam, Kritik zu üben oder einzustecken, ohne Angst zu haben oder wütend zu werden. Die drei anderen in unserer WG neben Øystein hatten es fast als selbstverständlich hingenommen, daß ich Nervenprobleme hatte – wer hat die schließlich nicht? Kyrre und Inga und Ragnhild hatten ein handfestes und praktisches Verhältnis zu solchen Phänomenen, aber schließlich hatten sie ja auch die Universallösung zur Hand, Lenins – oder vielleicht Maos? – unsterbliche Worte: Es gibt keine Probleme, es gibt nur Aufgaben. Basta.
Dieses geflügelte Wort hatte mich wirklich weit in die richtige Richtung geführt. Jetzt wohnte ich schon fast ein halbes Jahr auf Nesodden, und ich mußte lächeln, wenn ich an den zitternden Geleeklumpen dachte, der zu Heiligabend hier angetrottet gekommen war. Schon bald danach hatte ich etwas Wesentliches über mein Leiden begriffen: Es ist gesund, sich vor Gewalt zu fürchten. Erst wenn diese Furcht zur chronischen Angst wird, entwickelt sich ein natürlicher Überlebensinstinkt zur Krankheit. Aber diese Erkenntnis in die Praxis umzusetzen, war nicht leicht. Vom Rat bis zur Tat ist es ein weiter Schritt. Deshalb hatte Øystein mich vor einem Monat vor die schwierigste Aufgabe meines Lebens gestellt, als er mich zur siegreichen Maidemo mitgeschleift hatte.
Nach dieser Feuertaufe konnte ich mich als gleichwertiges Mitglied der WG betrachten, und ich hatte jetzt das Gefühl, ebensoviel Einfluß zu haben wie die anderen – mit Ausnahme von Kyrre natürlich. Er war der eigentliche Anführer in unserer Gemeinschaft, auch wenn das niemand offen zugegeben hätte. Es hatte sich einfach in dem Jahr, in dem sie nun schon zusammenwohnten, so ergeben, ehe Øystein mich mit ins Bild gemalt hatte. Kyrre war nämlich Kader in der Arbeiterkommunistenpartei (marxistisch-leninistisch). Das war natürlich streng geheim, aber wir anderen wußten es ja und akzeptierten seine Führungsrolle ohne größere Einwände. Vielleicht kam es daher, daß er ein so tüchtiger Anführer war. Es war natürlich für ihn, ohne daß er dominierend gewirkt hätte. Er erteilte niemals Befehle. Statt dessen argumentierte er sich auf Grundlage des Dialektischen Materialismus an eine Lösung heran. Worin diese politische Philosophie eigentlich bestand, war mir immer noch ziemlich unklar, aber mein Unwissen machte mir keine großen Probleme. Für mich war Kommunismus synonym mit Progressivität – und da ich sehr progressiv war, mußte ich einfach Kommunist sein. So leicht war das – vor allem, wenn Kyrre eine logische Argumentationskette brachte, die interessant und leicht faßlich zugleich war. Ich hatte schon längst beschlossen, mich politisch zu bilden, war nur noch nicht recht in Gang gekommen.
Kyrre Eliassen kam aus Westnorwegen, wo er in einem typisch kleinbürgerlichen Milieu aufgewachsen war, wie er selber mit einem Schnauben erklärte. Nach dem Abitur hatte er aus politischen Gründen mit seinem Vaterhaus gebrochen, und jetzt studierte er in Oslo Soziologie – wozu sein aufreibendes Engagement in der Rot-Front-Leitung im nicht mehr so ehrwürdigen Studentenausschuß dazukam. Er war also ein vielbeschäftigter junger Mann. Er war drei Jahre jünger als ich, und das verwunderte mich oft, denn er hatte eine Selbstsicherheit und eine Autorität, die ich nur bewundern konnte. Hübsch war er auch – und ungewöhnlich charmant. Wir anderen waren insgeheim alle höchst angetan von Kyrre. Nicht nur die Frauen, sondern auch Øystein und ich – obwohl wir eine sehr schöne Beziehung hatten. Ich versuchte, Kyrre als eine Art großen Bruder zu betrachten, aber gleich unter der Oberfläche waren meine Gefühle entschieden inzestuös. Nicht nur, weil er so liebevoll war. Er sah andere mit einem warmen, offenen Lächeln an. Er faßte andere genauso natürlich an, wie das in südlichen Ländern der Fall ist, und das brachte alle in seiner Umgebung dazu, sich zu entspannen und eingefrorene Muskeln und norwegische Hemmungen freizuschütteln. Auf diese Weise waren wir eine äußerst handgreifliche WG. Alle verteilten großzügig Umarmungen und Wangenküsse, aber wenn Kyrre mich fest und lange mit dem jungenhaften Funkeln in den Augen umarmte, konnte ich oft kaum noch Atem holen. Das war ihm durchaus klar – und dann lachte er sein munteres Lachen. Er wollte nicht flirten – ein Wort, das übrigens vor allem in seinem politischen Vokabular auftrat, wenn von Koalitionsversuchen der anderen Parteien die Rede war. Er war einfach so offen, impulsiv und körperlich. Und wenn ich erwähne, daß er noch dazu ziemlich viel mit Christopher Reeve gemeinsam hatte – wenn der nicht gerade im Film Superman spielt –, dann verstehen sicher alle, daß er der natürliche Mittelpunkt unserer WG war. Er war wirklich ein seltenes Prachtexemplar, und das sage ich ohne Sarkasmus. Kyrre hatte eine warme, starke Ausstrahlung, die ich bei keinem anderen führenden Marxisten-Leninisten je erlebt habe. Wenn diese Darstellung zu einseitig erscheint, dann kann ich beruhigend hinzufügen, daß es durchaus viele Schattierungen in Kyrre Eliassens Strahlenglanz gab. Eine davon gab ein Riesenplakat mit dem Porträt Josef Stalins an der Wand seines Arbeitszimmers wieder. Als ich es zum ersten Mal sah, blieb ich stehen und wunderte mich ein Weilchen. Ich hatte nämlich »1984« gelesen, und deshalb wußte ich, daß dieses Porträt George Orwell zufolge in zehn Jahren jede Fassade in Oceania zieren würde – mit der fesselnden Unterschrift: »Big Brother is watching you!« Aber nachdem Kyrre uns zu der Erkenntnis argumentiert hatte, daß Orwell ein »Renegat übelster Sorte« war, der zum »gehorsamen Lakai der Teile-und-Herrsche-Ideologie des Monopolkapitals« geworden war und »dessen Bücher auf den Schuttplatz der Geschichte gehörten« – ja, danach machte ich mir keine Sorgen mehr wegen dieses Plakates. Denn Stalin hatte schließlich die junge, heroische Sowjetunion zum vollständigen Sieg über Hitler und den Nationalsozialismus geführt. Doch, Stalin war mir durchaus recht – vorerst jedenfalls. Auch das gehörte zu Kyrre, auch wenn er ein beinharter Politiker war.
Ich lag auf dem Sprungbrett und lächelte vor mich hin. Es war ein so gutes Gefühl, endlich ein Teil des großen Ganzen zu sein, mit der Sicherheit und den Herausforderungen, die das mit sich brachte. Vorläufig konnte ich mit den Herausforderungen gut fertig werden, auch wenn ich mich weigerte, auf der Straße zu stehen und die Parteizeitung zu verkaufen. Dazu hatte ich einfach keine Nerven, und die anderen akzeptierten das ohne saure Gesichter oder irgendwelche Ermahnungen. Sie gingen wohl davon aus, daß ich mich in Zukunft stärker engagieren würde. Aber heute hatten sich alle freigenommen, abgesehen von Kyrre, der wie immer in Oslo bei einer Besprechung war. Es war ein Samstagvormittag Anfang Juni, und es war der erste wolkenlose Sommertag, den wir unten an unserem Strand genießen konnten.
Ich blickte zu Ragnhild und Inga hinüber, die sich weiter hinten auf dem Steg sonnten, ebenso nackt wie Øystein und ich, aber natürlich nicht so eng umschlungen. Inga lebte mit Kyrre in einer Beziehung, die ausgesprochen in Ordnung wirkte. Sie teilten Bett und politisches Engagement, und letzteres war das erklärt Wichtigere. Nicht zuletzt von Inga aus, auch wenn es ihr schwerfiel, ein politisch aktives Dasein praktisch durchzuführen. Sie war auf dem richtigen Hügel geboren und aufgewachsen, und deshalb hatte sie Komplexe. Von unserem Haus aus konnten wir das Haus ihrer Eltern direkt unter Holmenkollen sehen – was manchmal zu heftigen Ausbrüchen führte.
»Der Teufel soll sie holen!« konnte sie dann rufen. »Verdammte Blutsauger!«
Inga Lunde litt unter dem harten Schicksal, aus dem allerbesten Bürgertum zu stammen, die Arme – vor allem, nachdem sie beschlossen hatte, im Kampf für die Diktatur des Proletariats fast ganz unten zu leben. Auch sie hatte nach dem Abi mit ihren Eltern gebrochen, wenn auch erst, nachdem sie ein Jahr in Amerika verbracht hatte. Die USA Nixons und des Vietnamkrieges hatten sie zur glühenden Antiimperialistin gemacht, und deshalb hatte ihr Weg sie nach ihrer Heimkehr zur AKP geführt, wo sie nun mit aller Kraft – und sie hatte viel – versuchte, sich zurechtzufinden. Sie war sehr blond und norwegisch und hatte eine hübsche Stupsnase in einem runden, munteren Gesicht. Ingas offenkundige Schwäche war, daß sie versuchte, die ihr innewohnenden Widersprüche in einem Sturzsee von Aktivitäten zu ertränken, die sie möglichst alle im selben Augenblick unternahm, vom Anlegen eines Küchengartens bis zum Häkeln doppelseitiger Wandbehänge. Und es ist kein Wunder, daß ein Mensch durcheinander gerät, wenn er gleichzeitig spült, Brotteig ansetzt, Gemüsesuppe kocht, das Rauchen aufgibt, Erdbeeren saubermacht, die Weltprobleme erörtert und außerdem noch in den unglaublichsten Schattierungen Stoff färbt.
Bei Inga kam es dann oft so weit, daß sich ihre gesunde Gesichtsfarbe unheilverkündend verdunkelte, bis sie aussah, als ob sie explodieren würde – und das geschah auch in der Sekunde, in der sie feststellte, daß sie die Übersicht verloren hatte. Dann schlug sie in wütenden Weinanfällen mit blinder Aggression sich selbst und nach allen Seiten. Der einzige, der dann mit ihr fertig wurde, war Kyrre, der mit verbalen Strafmaßnahmen wahre Wunder bewirken konnte.
»Na, hast du’s mal wieder geschafft? Was hast du diesmal alles auf einmal versucht? Was ist das für eine Schweinerei, die da qualmt? Das brennt! Und wieso ist unsere Bank grün und lila? Kannst du nicht endlich mal lernen, eins nach dem anderen zu tun?«
Und so weiter.
Nach einigen Minuten beruhigte sich Inga dann so weit, daß sie alles wieder in Ordnung bringen konnte.
Seltsamerweise stellten sich diese Anfälle nur ein, wenn Kyrre im Haus war. Es war natürlich praktisch, daß er zur Hand war, um die anfallenden Aufgaben zu lösen, aber mir ging bald auf, daß hier eine typische Wechselwirkung vorlag. Ich hielt es allerdings nicht für meine Aufgabe, eine Analyse zu erstellen, daß Inga durchdrehte, weil sie vor Kyrres abschätzendem Blick Angst hatte. Sollten sie das doch mit ihrem dialektischen Materialismus selber herausfinden! Außerdem hatte ich mich bereits einmal zuviel in ihre Privatangelegenheiten eingemischt.
Das begab sich an einem strahlenden Vormittag im Januar, nur zwei Wochen nach meinem Einzug. Ich hatte Nachtschicht bei der Prawda, und Inga und Kyrre mußten auch erst am Nachmittag nach Oslo. Ich saß allein im Eßzimmer und las die Parteizeitung, als ich plötzlich aus meinem mühsam erkämpften ausgeglichenen Gemütszustand herausgerissen wurde, weil in ihrem Schlafzimmer ein entsetzlicher Schrei ertönte. Ich erstarrte zu Eis und glaubte, in tausend Stücke zerrissen zu werden, als dem Schrei ein noch lauteres Brüllen folgte – und dann kam kurzes gutturales Stöhnen und Heulen. Da oben schien jemand in höchster Not um Hilfe zu schreien, und plötzlich ging mir auf, daß das Inga sein mußte. Aber was um Himmels willen war da oben los? Ob er sie schlug? Konnte Kyrre denn wirklich ein brutaler Chauvi sein, der seine Freundinnen verprügelte? Wieder ertönte da oben ein langgedehntes Brüllen – ganz bestimmt ein Todesröcheln, dachte ich –, und ich sprang auf und stüürzte die Treppe hinauf, wobei ich rief: »Inga? Ingaaa! Was macht er denn bloß mit dir?«
Drinnen wurde es einen Moment lang ganz still, dann brachen beide in ein gackerndes, verschwörerisches Lachen aus, das langsam zu immer lauterem Jauchzen wurde. Dann schien jemand an der Innenseite der Tür zu kratzen, die mit einem Krachen aufgerissen wurde und Inga sehen ließ, die unterwegs zum Bad auf den Treppenabsatz gekrabbelt kam. Und als sie mich erblickte, brachen ihr die Arme weg und sie blieb wie ein großer, hellroter Seehund da liegen und heulte vor Lachen, während Kyrre im Zimmer im Bett lag und stolz und munter herumbrüllte.
Und erst jetzt begriff ich, daß es Inga Lunde gekommen war. Sie hatte einen Orgasmus gehabt, so, wie es sich angehört hatte, bestimmt zum ersten Mal. Oder ob sie immer so ein Spektakel machte?
Ach, war mir das peinlich! Ich versuchte, eine Art Entschuldigung herauszustottern, aber nicht einmal das schaffte ich. Ich rannte einfach die Treppe hinunter und mußte erst einmal einen kleinen Spaziergang machen, ehe ich mich zurücktrauen und erklären konnte, daß ich noch nie einen so lauten Liebhaber gehabt hatte. Sie wollten jedoch nichts von Entschuldigungen hören, schließlich hatten sie selten etwas so Komisches erlebt wie meinen Gesichtsausdruck, als mir aufging, was da passiert war.
Und so hatte ich mit meiner Angst ein wenig Licht und Freude in den Alltag bringen können.
In diesem Moment sah ich jedoch, daß Inga hinten auf dem Steg zum Leben erwachte. Sie setzte sich mit einem Ruck auf und rief mit ihrem kräftigen Alt: »Oooooo, mir ist vielleicht heiß! Ich muß wohl eingenickt sein. He, Yngve, sind wir hier die einzigen Wachen? Kommst du mit ins Wasser?«
»Nein, das ist mir zu kalt.«
»Quatsch! Heute morgen hatten wir fünfzehn Grad – und jetzt sind es sicher siebzehn.«
»Ha! Wenn du noch drei Tage wartest, hast du vielleicht recht.«
»Du bist feige. Verpiß dich! Ich will springen.«
»Moment, Moment, wir müssen doch erst an Land – he!«
»Weg!«
Sie kam wie ein angreifendes Kamikazeflugzeug über den Steg gedonnert. Ich konnte gerade noch Øystein packen und uns platt auf den Boden drücken, ehe sie mitten auf dem Sprungbrett Anlauf nahm und über uns hinweg voll in den Fjord flog. Das Brett wackelte so sehr, daß wir um ein Haar denselben Weg genommen hätten. Aber ich konnte uns festhalten, und ich prustete los, als ich Øysteins Gesicht sah, der auf dem schwankenden Brett erwachte.
»Willkommen im Sommer. Das war die Eröffnung der Badesaison.«
»Himmel, hab ich mich erschrocken. Das war Inga, ja? Jetzt muß sie sich aber wirklich zusammenreißen. Stell dir vor, wir wären reingefallen – ich hätte jedenfalls einen Schock erlitten.«
»Du bist aber nicht reingefallen, mein Murmeltier. Ich wache, wenn du schläfst, und schütze dich vor jeder Gefahr.«
»Danke, aber ich glaube, ich ziehe festen Boden unter den Füßen vor. Von jetzt ab gibt’s für mich nur noch Beton.«
Er krabbelte rückwärts auf den Steg, und in diesem Moment rief Inga weit draußen in der Bucht: »Jetzt kommt schon, wir haben mindestens achtzehn Grad!«
»Genau wie in der Tiefkühltruhe!« rief Øystein zurück und setzte sich neben Ragnhild.
Sie lag lächelnd da und stützte den Kopf in die rechte Hand, sie hinterließ einen selten ästhetischen Sinneseindruck. Sie war brünett, und jedes Männermagazin hätte sicher tief ins Portemonnaie gegriffen, um sie als Titeldame zu bekommen. Aber nicht mit Ragnhild, nein! Statt dessen vergeudete sie ihre ganze vollendete Nacktheit an uns in der WG und an alle anderen Badegäste.
Ragnhild Farmandsen hatte das Aussehen ihrer Mutter und das Temperament ihres Vaters geerbt, und das machte ihr ernsthaft Sorgen. Ihre Mutter war vor vielen Jahren in die Nervenklinik gebracht worden und war nun als unheilbare Patientin abgeschrieben. Ihr Vater war Großbauer in Hedmarken, und er war es, der die Mutter zum Wahnsinn getrieben hatte. Er hatte schon eine Frau in einer kinderlosen Ehe verbraucht, und als er auf die Fünfzig zuging, hatte er sich noch einmal mit einer jungen Schönheit verheiratet, um es ein bißchen nett zu haben und um einen Erben zu bekommen. Einen Sohn natürlich. Als dann Ragnhild zur Welt gekommen war, war Hermann Farmandsen nicht gerade gnädig gewesen. Er machte sich energisch daran, diesen Fehler zu korrigieren, und bereits elf Monate später wurde der Anerbe geboren. Danach dauerte es zwei Jahre, bis der nächste Sohn erschien – es war immer gut, eine Reserve zu haben, wie Hermann sagte.
Er liebte und züchtigte Weib und Kind nach Art des Alten Testamentes, er war felsenfest von der Unfehlbarkeit des Strafenden Gottes überzeugt. Ragnhild brannte zu Hause durch, als ihre Mutter weggebracht wurde. Ragnhild war damals sechzehn und wohnte bei einer Tante in Oslo, während sie aufs Gymnasium ging. Jetzt war sie zweiundzwanzig und besuchte die Universität. Sie gehörte zu der Minderheit, die für ihre Fächer lernte und ihre Examen mit guten Noten bestand. Ansonsten war sie ebenso auf der Suche nach eigenem Wert und eigener Identität – politisch, sexuell und fachlich – wie ich. Wir standen beide auf der Schwelle zur ML-Bewegung. Ich war im Grunde von Øystein, meinem rettenden Engel, dort hingestellt worden, während Ragnhild in der turbulenten Uniszene selber ihren Weg gefunden hatte. Die Ideologie sprach sie in vieler, aber nicht in jeder Hinsicht an. Die Ideologie erklärte nämlich klar und deutlich, daß sie sich einen Mann zulegen müßte. Einen richtigen Kommunisten. Das Problem war nur, daß Ragnhild bereits diverse Kommunistenmänner kannte, ohne daß sie mehr waren als eben Genossen. Sie wollte nicht automatisch hinnehmen, daß Verliebtheit und Schwärmerei nur bürgerlicher, individualistischer Kitsch waren, und deshalb weigerte sie sich, mit dem Erstbesten in die Federn zu hüpfen, sie wollte etwas davon haben. Sie hatte es mehrmals versucht, und sie hatte sogar einen Orgasmus gehabt – schließlich war sie nicht frigide, ganz im Gegenteil, aber sie fand es einfach so schrecklich anstrengend. Ich verstand sie gut. Ich war in meiner verlorenen Jugend ja schließlich auch Bettgesell einiger äußerst aktiver Herren gewesen, ohne etwas davon zu haben, aber darüber redete ich nicht sehr oft mit meinen Mitbewohnern. Ich wollte kein mißverstandenes Mitleid auf mich lenken.
Im Gegensatz zu Ragnhild. Sie hatte ganz klare hypochondrische Züge, obwohl sie gesund und munter war – oder vielleicht gerade deshalb. Sie fürchtete sich vor allen möglichen Krankheiten, und sie äußerte immer wieder ihren Respekt vor den Japanern, die bei Erkältungen Mundbinden anlegen. Ansonsten machte ihr ihr Unterleib die allergrößten Sorgen, vor allem ihre Tage waren ekelhaft. Sie dauerten jeden Monat eine ganze Woche und nahmen ihr Kraft und Humor. Dann konnte sie für ihre nächste Umgebung eine Prüfung sein, aber niemand von uns machte ihr deshalb besondere Vorwürfe. Wir sahen ja, wie sehr sie leiden mußte, und ich sah einen ganz klaren Zusammenhang zwischen dieser Angst vor Krankheiten und dem Fehlen einer eigenen Identität. Sie war unsicher und auf der Suche, und damit wurde sie ängstlich. Sie hatte ihren Krankheitshaken gefunden, um sich daran aufzuhängen – genauso wie ich an meinem Haken mit dem Merkzettel »neurotische Angst vor Gewalt« hing. Millionen von Menschen zappeln an ihren selbstgewählten Haken und bleiben daran hängen, während sie in Wirklichkeit keinen Grund zur Angst haben. Und das ist eher tragisch als komisch.
Aber jetzt waren Sorgen und Kümmernisse ins Meer gejagt, wir genossen unseren ersten sonnigen Sommertag am Strand. Inga zog sich prustend auf den Steg und schüttelte sich ausgiebigst, damit wir alle begriffen, wie schön das Wasser war. Und es war wirklich schön. Plötzlich hatte auch ich Lust auf eine Runde Schwimmen und ließ mich, ohne nachzudenken, ins Wasser fallen. Øystein hatte recht, es waren wirklich achtzehn Grad minus. Aber als ich keuchend die Wasseroberfläche durchbrach, schwebte mir Ragnhild, gefolgt von Øystein, bereits entgegen. Es war herrlich!
Als wir wieder an Land gekommen waren, hatte Inga inzwischen ihr neues avanciertes Tonbandgerät aus dem Haus geholt. Sie legte »Satisfaction« den Stones ein, daß es nur so über den Fjord schallte – und dann tanzten wir uns trocken. Ich hätte mich niemals getraut, allein unter freiem Himmel so etwas zu machen, aber jetzt war es für uns vier eine Art gemeinsamer Herausforderung, unsere Hemmungen fallenzulassen und die Grenzen von Anstand und Ziemlichkeit zu durchbrechen. Ha! Sollen die Ziemlichen sich doch in ihre langen Winterunterhosen einnähen und darin verschimmeln! Hier kommt die junge, lebendige und emanzipierte Generation, die es wagt, munter mit Ärschen und Titten und Schwänzen herumzuwedeln – hoi!
Ich spürte eine große Freude, die in jedem einzelnen tanzenden Körperteil pulsierte: Ich würde doch nicht jung sterben! Es war fast nicht zu glauben, daß ich wirklich hier war, zusammen mit Inga der Üppigen und Ragnhild der Schönen und Øystein dem Wunderbaren – in einem spontanen Freudenausbruch zum Lob des Sommers und des Lebens. Wer hätte das vor nur einem halben Jahr geglaubt, als ich eingemauert auf der Station für die sehr, sehr Nervösen saß und mich von einem antiseptischen Team von Psychiatern schinden ließ? Aber dann kam Øystein zu Besuch und sagte, er hätte Lust, mich gern zu haben. Schlicht und ehrlich. Und genau das brauchte ich, um zu begreifen, daß ich einen eigenen Wert hatte. Und ich packte meinen Rucksack und kam hierher – und jetzt gehöre ich dazu.
Wir ließen uns, atemlos und lachlustig, wieder auf der Decke nieder, und Øystein legte mit einem langen, zufriedenen Seufzer seinen Kopf auf meinen Bauch. Ich legte mich bequemer hin und beschloß, das Gewicht dieses Kopfes zu genießen, der so viele schöne Gedanken und Eigenschaften enthielt.
Øystein Einhorn hatte einen bunten Hintergrund. Sein Vater war Musiker und Komponist – ein Mann, dessen einziges Prinzip war, daß er keine hatte. Prinzipien, meine ich. Er hatte es zur Lebenskunst erhoben, seinen Einfällen zu folgen, und die kamen oft und gern. Wenn er beschwipst war, trug er am liebsten mit großem Pathos Bellman und Taube oder norwegische Volkslieder vor, zur Begleitung irgendeines Instrumentes, das sich zufällig in Reichweite befand – und zum kopfschüttelnden Beifall seiner lieben Frau. Er hieß Magne, und sie hieß Rita, und sie waren ein ziemlich ungleiches Paar. Er war groß und dünn und schlaksig und hatte blonde Haare, während sie dunkel und fast ebenso groß und kräftig war. Sie war im Laufe der Zeit eine sehr energische Frau geworden – zweifellos, um Magnes viele Einfälle im Griff zu behalten –, aber sie war trotzdem auch munter und positiv. Sie war auf eine Weise überzeugte Christin, die selbst ich respektieren mußte, munter und offen und ohne den großen Missionswahn – und ohne ein Auge auf das sündhafte Tun und Lassen anderer. Gleich bei unserer ersten Begegnung schien sie mich ohne weiteres als Familienmitglied anzuerkennen, während Magne auf einem gründlichen, klärenden Gespräch mit Øystein und mir bestand. Dieses Gespräch gipfelte darin, daß er um drei Uhr morgens mit der Faust auf den Tisch schlug und uns folgenden väterlichen Segen gab: »Jaja. Wenn ihr das unbedingt so wollt, dann muß ich mich wohl damit abfinden. Aber wenn ich ganz ehrlich sein soll, dann muß ich zugeben, daß sich das ganz schön ... spannend anhört! Ich hatte einmal einen Klassenkameraden, mit dem ich ... einige Male übernachtet habe, aber ich konnte mir irgendwie nicht vorstellen, damit weiterzumachen, auch wenn ... Aber dann habe ich ja Rita kennengelernt, und damit war mein grausames Schicksal besiegelt. Also, Prost, auf euch beide! Willkommen bei uns, Yngve. – Ach, Rita? Du hast doch sicher noch zwei Flaschen Rotwein versteckt, was? Das müssen wir feiern.«
Øystein war der einzige in unserer WG, der engen und offenen Kontakt zu seinen Eltern halten konnte. Ich versuchte das auch mit meinen, aber wir entfernten uns immer weiter voneinander. Meinem Vater paßte es absolut nicht, daß ich mit »Kindern aus besserem Haus« zusammengezogen war, wie er das nannte, und daß ich in einer ML-WG wohnte, fand er noch viel schlimmer. Der solide Arbeiter verabscheute beides. Magne war anderer Ansicht: »Alles, was sich bewegt, ist gut – solange es links geschieht«, war eine Aussage, die seine Toleranzgrenzen so ungefähr umriß. Er haßte alles, was rechts von der Mitte angesiedelt war – und die Mitte lag für ihn mitten in der Sozialdemokratie. Ich mußte Magne und Rita einfach mögen.
Øystein war von dieser Szene geprägt und hatte von beiden Eltern etwas. Er hatte Aussehen und Gemüt seiner Mutter, aber auch viel von der künstlerischen Ader seines Vaters. Er hatte sich für Zeichnen und Malen entschieden und steckte voller bedächtiger und wohlüberlegter Einfälle, so seltsam sich das vielleicht anhört. Er hatte eine langsam expandierende Phantasie, die unaufhörlich unter seiner glänzend schwarzen Mähne arbeitete. Außerdem war er von seinem Talent überzeugt; darin hatte er Ritas gesunde Sicherheit geerbt. Während des ganzen Frühlings hatte er Ragnhild und mich in ziemlich vielen Varianten gezeichnet, und jetzt war er gerade an der Staatlichen Handwerks- und Kunstschule angenommen worden. Das hieß, daß er im Herbst seinen proletarischen Gesellschaftseinsatz bei der Straßenbahn aufgeben konnte – worüber er erleichterter war, als er zugeben mochte. Seine Selbstproletarisierung während des letzten Jahres hatte ihm außer Geld auf dem Konto nur wenig gebracht. In dieser Hinsicht war er eher theoretisch als praktisch veranlagt.
Außerdem hatte ihm Rita eine christliche Grundhaltung vererbt – was mich überraschte, als er es mir erzählte. Früher hatte ich die Begriffe »christlicher Sozialist« und »christlicher Homosexueller« als zwei äußerst lächerliche Etiketten betrachtet, die sich höchstens schizophrene Individuen in der mißverstandenen Zwangsvorstellung, daß man einfach alles mitnehmen muß, ankleben konnten. Aber Øystein war alles andere als verwirrt. Er schien körperlich und geistig kerngesund zu sein. Es war ein Mysterium, mit dem ich mich bis auf weiteres abfinden konnte. Ich war ausreichend damit beschäftigt, mit meiner materialistischen Neuorientierung auf der Welt fertig zu werden – und es machte mir auch nichts aus, daß er an Gott glaubte. Außerdem war er kein herkömmlicher Betbruder. Er meditierte jeden Tag eine halbe Stunde, und der WG war es recht. In dieser Hinsicht genossen wir große persönliche Freiheit – solange sie nicht mit unseren gemeinsamen Interessen kollidierte – und waren alles andere als ein marxistisch-leninistischer Musterbetrieb.
Øysteins väterliches Erbe dagegen war komplizierter, als es zunächst den Anschein hatte. Er hatte nämlich einen Großvater namens Kristoffer Gyldenhorn, und der lebte unbescheiden zurückgezogen im avanciertesten elektrischen Rollstuhl, der für Geld zu haben war, und von dort aus lenkte er sein Finanzimperium mit harter und sicherer Hand. Innerhalb der Familie hieß er nur »der Alte« und dominierte durch seine bloße Existenz. Er schien sie alle zusammen mit unsichtbaren Ketten an sich gefesselt zu haben, und ich ahnte ja nicht, welche Bedeutung dieser alternde Magnat für meine eigene Zukunft haben würde.
Der alte Gyldenhorn war, wie auch Hermann Farmandsen, von der alttestamentarischen Schule. Er hatte seinen Erstgeborenen nach dem großen Kaiser Carl Magne getauft und sein solides und weitverzweigtes Finanzkonsortium mit dem Ziel aufgebaut, daß sein Sohn es übernehmen und zu einem multinationalen Imperium erweitern würde. Und dann wollte der Sohn nicht! Dieser undankbare Waschlappen hatte Aufstand und Salto mortale gemacht und sein Leben der Musik gewidmet. Der Musik! Der Alte hatte gefleht und gedroht, aber das half alles nichts – und zum Schluß blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Drohungen wahrzumachen. Der verworfene junge Mann war ohne fünf Öre für Studien oder Lebensunterhalt in die Finsternis des Vergessens gestoßen worden. Aber dank der vielen demoralisierenden Stipendien, die diese widerwärtigen Sozialisten nach dem Krieg eingeführt hatten, um mittellose Studenten zu bestechen, hatte er es trotzdem geschafft. Und dann hatte er auch noch eine Frau gefunden, die viel zu gut für ihn war und die arbeitete und sie beide unterhielt. Eine Schande war das! Worauf dieser undankbare Verräter mit einem einzigen Federstrich das Gyldene in seinem stolzen Familiennamen getilgt und ihn noch vor seiner Hochzeit in »Einhorn« abgeändert hatte – wodurch er seiner Frau und seiner künftigen Nachkommenschaft die offenbare Verwandtschaft mit ihm, Kristoffer Gyldenhorn, raubte – ja! Nein, es war unverzeihlich! Und als Rita diesen ersten Sohn geboren und der Alte für sie ein Haus gekauft hatte, war sie so schamlos gewesen, dieses Geschenk anzunehmen. Glücklicherweise. Und sie hatte auch Carl Magne überreden können, dort zu wohnen. Gott sei Lob und Dank! So hatten sie ein Dach über dem Kopf – und auf dem Dach lag seine Hand. Gut.
Die Tatsache, daß Magne Einhorn sich langsam einen Namen als Komponist machte, ignorierte der Alte einfach. Es kam nie zu einer Versöhnung zwischen Vater und Sohn. Wenn es in Norwegen möglich wäre, seine Kinder ganz und gar zu enterben, dann hätte Magne nicht einmal einen Manschettenknopf bekommen.
Von den vier Enkelkindern war Øystein Kristoffer Gyldenhorns persönlicher Augenstern. Zur Konfirmation hatte er zehn Aktien der Norwegischen Creditbank bekommen, und seitdem noch viel mehr – zum Geburtstag und zu Weihnachten – so daß er jetzt Aktien zum Verkaufswert von einigen hunderttausend Kronen besaß. Die einzige Klausel, die der Alte bei diesen Geschenken festgesetzt hatte, war, daß sie in der Familie bleiben sollten. Wenn Øystein sie verkaufen wollte, dann mußte er sie an ihn verkaufen. Auf diese Weise gab der alte Gyldenhorn sich alle Mühe, seinen Enkelkindern die wunderbare Welt des Kapitalismus zu erschließen. Leider fiel seine Saat jedoch auf steinigen Boden – zumindest bei Øystein. Der nahm die Aktien an, weil er den Alten nicht kränken wollte, hatte jedoch durchaus nicht vor, dieses Geld jemals zu benutzen. Er hatte überhaupt ein rührendes Verhältnis zu dem ergrauenden Despoten. An jedem Donnerstag machte er einen Besuch auf Vettakollen, wo er aß und sich alle Mühe gab, ein wenig Licht und Freude ins Leben des Alten zu bringen. Ich war im Grunde ziemlich neugierig auf diese Graue Eminenz, und es sollte auch nicht mehr lange dauern, bis ich ihn aus nächster Nähe erleben konnte.
Das Allerbeste an Øystein Einhorn war, daß er mich liebte. Seit ich meine Füße in dieses Haus gesetzt hatte, hatte er sich um mich gekümmert und sich auf seine bedächtige, liebevolle Weise meiner angenommen. Ich hatte keinen Zweifel an seinen ernsten Absichten. Er hatte sich für mich entschieden, und deshalb engagierte er sich voll und ganz in unserer Beziehung. Inzwischen machte ich das auch, auch wenn es manchmal schwierig war. Seine andauernde Aufmerksamkeit konnte durchaus zur Plage werden, vor allem, wenn ich sie nicht entsprechend erwidern konnte. Dann schienen unsichtbare Zügel angezogen zu werden – die ich konsequent wieder ausdehnte. Unfreiwillige Verkettungen waren das letzte, was ich brauchte, und Øystein schien meinen Unabhängigkeitsdrang zu verstehen – fürs erste jedenfalls. Ich glaube, ihm war klar, daß ich keine traditionelle Ehe wollte, auch wenn ich mich auf eine feste Zweierbeziehung einlassen und soviel wie möglich von mir selber mit ihm teilen wollte – aber nicht alles. Ebenso, wie ich nicht mehr von ihm verlangen wollte, als er geben konnte. Aber Øystein hatte Probleme mit solchen Grenzziehungen. Er hatte übrigens kürzlich erst ein großes Porträt von mir beendet, das diese Problematik sehr gut zum Ausdruck brachte. Auf dem Bild setze ich mein rechtes Bein in ein schönes Messingbett und strecke den rechten Arm aus, als ob ich »Komm« sagen wollte. Statt dessen sage ich ganz deutlich ohne Sprechblase: »Wenn du jetzt nicht kommst, dann gehe ich eben schlafen.«
Die Veränderungen in meinem Ausdruck hatten sich während der Wochen, in denen er das Bild gemalt hatte, schrittweise ergeben. Ich stand jeden Abend vor dem Schlafengehen eine halbe Stunde Modell, und während dieser Zeit entpuppte Øystein sich als unverbesserliche Nachteule. Nach der halben Stunde war er so vertieft in seine Kunstausübung, daß er nicht einmal antwortete, wenn ich fragte, ob er nicht ins Bett kommen wollte. Und ich wurde sauer und befahl ihm, sein stinkendes Bild aus meinem Schlafzimmer zu entfernen, woraufhin er die ganze Staffelei packte und in seinem Atelier oben im Haus verschwand. Und ich war dazu verdammt, in beleidigter Einsamkeit zu schlafen, und wenn er endlich kam und ich nicht wach wurde, wurde er so verschmust und liebevoll, daß ich trotzdem aufwachen mußte, um ihm zu sagen, daß er jetzt mit Warten an der Reihe wäre. Dann endeten wir in der Regel in schöner Vereinigung – aber der Schlaf litt darunter. Es war der erste kleine Schönheitsfehler, den ich in seinem scheinbar grundsoliden Charakter entdeckte, aber ich schrieb alles der Kunst zu. Er war unverbesserlich, aber er war ein guter Maler.
In einer solchen Nacht versuchte ich, unsere Beziehung nüchtern auf den Punkt zu bringen. Ich sagte: »Du bist wichtig für mich, aber ich bin immer noch der wichtigste Mensch in meinem Leben. So wie du in deinem.«
»Zement mal! Meinst du, daß das unverrückbar feststeht? Findest du nicht, daß wir uns wenigstens das Ziel setzen sollten, füreinander gleich wichtig zu werden? Daß wir es anstreben sollten, eine Einheit zu werden?«
»Einheit? Wir sind trotz allem zwei Menschen, und jeder hat seinen Körper und seinen Geist. Wir können eine starke Allianz eingehen, ja – aber wir können nicht zu einer Einheit verschmelzen.«
»Du hast das Wichtigste vergessen, Yngve. Du hast die Seele vergessen.«
»Ach, ja. Gut, wir haben auch jeder unsere Seele.«
»Nein, da irrst du dich glücklicherweise.«
»Da siehst du’s! Wir werden nie zu einer Einheit!«
»Vielleicht nicht, aber trotzdem haben wir die Seele gemeinsam.«
»Wie bitte?«
»Alle Menschen haben dieselbe Seele, und die ist Gott, wenn du so willst.«
»Meinst du allen Ernstes, ich teilte meine Seele mit Nixon und Breschnew? Und mit Kåre Willoch? Da gibt’s jedenfalls nicht viel Einheit. Pfui Spinne!«
»Nein – so etwas läßt sich nicht mit Worten erklären. Ich wünschte, du würdest einmal mit mir meditieren. Dabei versteht man so vieles besser. Hättest du vielleicht Lust dazu?«
»Ehrlich gesagt, nein. Mir reicht’s auch so schon.«
»Na gut, ich will nicht nerven. Aber wenn du mal Lust hast, dann sag einfach Bescheid.«
»Ja. Mach ich. Gute Nacht. Du bist jedenfalls mein Liebster, weißt du.« Sagte ich und lag viel zu lange wach, ehe ich Schlaf fand.
Aber nun lag ich in der Sonne und hatte seinen Kopf auf meinem Bauch und merkte, daß mir dessen Gewicht überhaupt nichts ausmachte, auch wenn er schwer war. So gehörte es sich schließlich in einer guten Beziehung. Wir müssen einander ertragen können und lernen, im Guten wie im Bösen miteinander zu leben – ob wir nun eine gemeinsame Seele haben oder nicht. Alle haben ihre schlechten Seiten. Ich auch – und nicht zu knapp. Ich ließ die Finger durch seine widerborstige Mähne gleiten und lachte los – heimlich, hatte ich gedacht, aber trotzdem wurde Øystein so heftig durchgeschüttelt wie vorhin auf dem Sprungbrett.
»He, was ist denn jetzt los? Gehirnmassage?«
»Ja, die könntest du sicher brauchen. Ich hab mir nur gerade vorgestellt, ich wäre ein entführter Prinz und wäre hier in den Roten Berg verschleppt worden und müßte den Kopf des Trolls in meinem Schoß liegen haben und ihm die Filzläuse ablesen.«
»Filzläuse? Da bist du aber am falschen Ende. Obwohl, so klingt es viel plausibler – daß diese armen Prinzessinnen den Troll untenrum begrabbeln mußten. Wahrscheinlich haben die Märchensammler das einfach verschönert. ›Rapunzel, laß mich in deinen Schoß‹, das ruft der Prinz nämlich ursprünglich.«
»Vielleicht hatte die auch Filzläuse?«
»Ja, kann ja schließlich jedem passieren«, meinte Øystein, drehte sich auf den Bauch und vergrub sein Gesicht in meinem Schoß.
»Nein, ich will nicht. Nicht hier!«
»Prinzessin Willnicht?«
»Wenn du darauf bestehst. Frag Prinzessin Ragnhild dahinten.«
Ragnhild hob den Kopf und betrachtete uns aus zusammengekniffenen Augen: »Ach, bist du jetzt geil, du Superstier? Dann geh doch rauf und fick den Kühlschrank, und dann kannst gleich ein paar Liter von deinem erregenden Eistee mitbringen. Mich dürstet nach einem kühlen Trunk, nicht nach einem Mannsbild.«
»Alles klar. Will sonst noch jemand irgendwas?«
»Ja, bring mir doch ein Schmalzbrot mit – und mein Strickzeug. Ich glaub, das liegt irgendwo im Wohnzimmer.«
»Jawohl. Inga Lunde im sandgeblasenen Isländer mit Schmalzmuster?«
»Das ist kein Pullover, das ist eine Mütze.«
»Eine Mütze? Mittsommernachtsgeschenk für den Schmalzheini?«
»Jetzt hau schon ab. Ich hab Hunger!«
»Ja, beeil dich ein bißchen. Du hast doch so einen schönen Gang.«
Ich zündete mir eine Zigarette an und blickte hinter Øystein her. Ragnhild hatte recht. Er hatte einen schönen Gang – und war gelenkig und schlank und nackt. Aber Nacktheit ist ja eigentlich immer schön – wenn man sich erst daran gewöhnt hat. Jedenfalls in der richtigen Umgebung – und die hatten wir jetzt.
Villa Wolkenwild
Der Weg führte vom Strand in weitem Bogen über zwei Steintreppen zum Plateau, auf dem unser Haus lag. Und es war durchaus kein normales Haus. Es war groß und phantasievoll aus weißgestrichenem Holz gebaut und hatte witzige Giebel und haufenweise Balkons. Es war ein richtiges Krähenschloß, und die anderen hatten es Villa Wolkenwild getauft, lange, ehe ich es zum ersten Mal gesehen hatte. Es stand mitten an einem steilen Hang, der aus einem fünf Hektar großen Grundstück zwischen einer Bergkuppe im Norden und Flaskebekken im Süden bestand. Und ganz unten lag unser kleiner Sandstrand mit Steg und Sprungbrett. Das ganze Grundstück war eine Perle. Und nun soll niemand einen falschen Schluß ziehen und das für die Privilegien der Kinder besserer Leute halten, denn wir hatten das Haus ganz normal gemietet. Inga hatte auf viele Hausangebote in Aftenposten geantwortet, und dieses Mal hatte ihre Geschäftigkeit vollen Erfolg bei einem Zahnarztehepaar gehabt, das seine Pflicht in Nordnorwegen abdiente und das nichts gegen kollektive Ideen hatte, solange die für sie Zins und Zinseszins brachten.
Das Haus war in T-Form gebaut und hatte zwei Etagen. Der Haupteingang lag im Süden, aber wir benutzten nur die Küchentür, weil ich die große Diele besetzt hatte. Die Küche war sehr eng, und deshalb aßen wir im Wohnzimmer, das nun wiederum groß wie ein Saal war und wo Fenstertüren auf den größten der Balkons hinausführten. Von diesem Balkon schaute man nach Westen über den Fjord auf Asker und Baerum. Im Südflügel lag ein noch größeres Wohnzimmer mit Kamin und Doppeltüren, die in meine Diele führten. Im Norden befand sich ein Erker, in dem wir die Glotze untergebracht hatten, und daneben lagen Ragnhilds Gemächer mit Klo und Dusche. Im ersten Stock lag das große Badezimmer neben Ingas und Kyrres Schlafzimmer, Arbeitszimmer und Balkon. Und dann gab es noch einen riesigen Dachboden über dem ganzen Südflügel, den Øystein sich als Atelier eingerichtet hatte. Es sah eher wie ein Hippienest aus und nicht wie der Arbeitsplatz eines malochenden kommunistischen Künstlers – was übrigens für das ganze Haus galt. Kaum etwas an Villa Wolkenwild verriet, daß sich hier die Speerspitze des Proletariats verbarg – abgesehen natürlich von den Plakaten und dem riesigen gemeinsamen Bücherregal, das von Hunderten von Taschenbüchern über Kommunismus und Sozialismus und Frauenbewegung und so weiter dominiert wurde. Ansonsten war das Haus mit sicherem Geschmack modern und praktisch eingerichtet – hoch über Ikea-Standard. Es gab sogar eine Spülmaschine in der Küche, und sie machte einen Lärm wie ein Traktor. Nicht einmal Kyrre war so prinzipientreu, daß er etwas dagegen hatte, geräumig und angenehm zu wohnen – was übrigens nur ich genug zu schätzen wußte. Niemand von den anderen ahnte, was es heißt, in einem Zimmer von zwölf Quadratmetern aufzuwachsen, das zur Hälfte einem unordentlichen älteren Bruder gehört. Also fühlte ich mich sauwohl in den riesigen Zimmern mit ihren hohen Decken, in denen ich dreizehn Meter in eine Richtung gehen konnte, ohne aus dem dritten Stock zu fallen.
Øystein hatte sich ein großes Himmelbett mit goldenen Veloursportieren gebastelt, das oben auf seinem Boden stand. Ich hatte mich zuerst, als ich zu Weihnachten hier hereingeschneit war, dort oben einquartiert, aber dann bekam ich ein Problem, das jeden Tag schlimmer wurde. Ich konnte den Terpentingeruch nicht vertragen, und deshalb war ich nach einer Woche im ansonsten so himmlischen Bett des Barons zum kleinen Rotauge geworden, und überall juckte es mich. Also mußte ich gleich meine erste Aufgabe in diesem Haus lösen. Ich übernahm die Diele, die ansonsten nur zur Zier gedient hatte, und begann, sie nach meinem eigenen Geschmack einzurichten. Es war nämlich so, daß Chlorwegens Gesundheitswesen mir während der Monate, als ich mich bei den sehr, sehr Nervösen in sicherem Verwahr befunden hatte, volles Krankengeld bezahlt hatte. Und da es selten etwas bringt, das Tun und Lassen dieses Wesens zu hinterfragen, nahm ich das Geld an, ohne mit der Wimper zu zucken – und ich möchte mich, besser spät als nie, herzlich dafür bedanken. Auf meinem Konto hatten sich also einige tausend Kronen angesammelt, die in jeder Minute an Wert verloren. Man kann über die siebziger Jahre sagen, was man will, aber Sparen lohnte sich jedenfalls nicht. Wir konnten uns zwar aus der EG heraushalten, aber die Inflation kam trotzdem. Nicht zuletzt bei Oslos Gebrauchtwarenhändlern und Antiquitätenläden. Die Preise waren so französisch, daß es billiger gewesen wäre, gleich in Paris einzukaufen – inklusive Flugschein. Aber ich brauchte nicht so weit zu fahren, ich kannte nämlich zwei Trödelläden, einen in Toten und einen in Hedmarken, und deshalb lieh ich mir Kyrres VW-Bus und ging mit Ragnhild auf Requisitionstour.
In Toten konnten wir, ohne zu feilschen, ein prachtvolles englisches Messingbett für vierhundertfünfzig Kronen kaufen. In Oslo hätte das mindestens zweitausend gekostet. Außerdem erstanden wir zwei blankgesessene Ohrensessel aus rotem Leder, einen Teewagen, einen hübschen Couchtisch mit vier Stühlen, zwei Alabasterlampen, einen soliden Garderobenständer mit Messingbeschlägen – und einen total hinreißenden Kerzenlüster aus gegossener Bronze, der jeweils sechzig Kerzen verbrauchte. Der landete über dem Eßzimmertisch und löste Alarm beim Nordkommando der NATO aus, als sie ihn mit ihrem feinfühligen Radar anpeilten.
Beim Trödler in Hedmarken flippten wir abermals aus und stopften den VW voll mit Teppichen und Gobelins und Schlafröcken und Weinballons – und einer Hütekollektion, bei der Kronprinzessin Sonja mit den Zähnen gefletscht hätte. Ragnhild bekam ein Kostüm samt Sonnenschirm, und ich gönnte mir ein Rauchjackett aus weinrotem Spiegelsamt und eine in Silber eingefaßte Meerschaumpfeife. Am Ende erwarben wir noch zwei gediegene Messingleuchter und eine Landschaftsmalerei mit breitem Goldrahmen – es war fast zuviel für den armen alten Volxwagen. Aber als wir dann endlich nach Hause kamen, brach gewaltiger Jubel aus, und in den folgenden Tagen gingen alle im Hute – während ich mich in meiner Strandhalle einrichtete, wie ich mein neues Domizil nannte. Und dort war es intim und nobel und sicher genauso gemütlich wie in der Kammer der Großherzogin von Gerolstein.
Gleichzeitig begab es sich, daß die weitsichtige Redaktionsleitung der Prawda es für angebracht hielt, mit der Zeit zu gehen und die alten Büromöbel durch neue, funkelnde zu ersetzen, in einem Design, das so entsetzlich war, daß es ein Vermögen kostete. Und so bekamen Ragnhild, Kyrre und ich wunderschöne Eichenschreibtische mit Drehstühlen sowie zwei riesige Aktenschränke aus Birkenholz, in denen Kyrre siebzehn Kartons politischen Sprengstoff unterbringen konnte.
Jetzt hatte ich eine sichere, ungestörte Schreibecke, die ich oft benutzen wollte. Aber das war leichter gesagt als getan. Immer, wenn ich Zeit und Möglichkeit hatte, mich hinzusetzen und zu schreiben, fiel mir etwas anderes ein, was ich statt dessen tun konnte. Es gab wirklich mehr als genug zu tun. Meine Strandhalle wurde niemals fertig eingerichtet, aber sie war schließlich auch über dreißig Quadratmeter groß. Die Decke war mahagonibraun gestrichen, und auf dem Boden lag ein moosgrüner Teppichboden, deshalb strich ich die Wände weiß und dekorierte sie mit zwei großen Gobelins und ausgewählten Werken von Einhorn und Munch. In der hintersten Ecke stand das Messingbett und funkelte einladend, während der Schreibtisch vor dem Südfenster einstaubte, dort, wo ich einen Zimmerwein dazu brachte, zu wachsen und zu gedeihen. Ansonsten enthielt mein Zimmer noch den roten Teesalon für zwei und eine abgegriffene Truhe anno 1755, die ich als verfrühtes Erbstück von meiner Mutter bekommen hatte. Ich hatte es hell und luftig und schön – und das war wichtig für mich. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nicht behaglich gewohnt, wie so viele andere im prahlerischen Ölnorwegen auch nicht.
Ich setzte mich auf, als Øystein mit eiskaltem Hagebuttenund Zitronentee und einer Ladung von Ingas besonders wohlgelungenen Rosinenbrötchen vom letzten Abend den Weg herunterkam. Kyrre war bereits gestern zu seiner Besprechung gefahren, und wir hatten es harmonisch und nett gehabt. Jetzt erwarteten wir ihn und ein größeres Kontingent Rot-Front-Leute, die eine siegreiche Sitzung im Studentenausschuß feiern wollten. Wir aßen Rosinenbrötchen und sammelten Kräfte und diskutierten, was wir am Johannistag machen wollten. Wir standen nämlich vor einer gewaltigen Veränderung in unserem Dasein, die gründlich geplant werden mußte. Wir würden in vier Wochen in einen griechischen Tempel umziehen.
Unsere Vermieter waren clever genug gewesen, sich das Wohnrecht im Haus während der Sommerferien zu sichern. Dann kamen sie fröstelnd aus dem Eismeer angereist und wollten Sonne tanken und Kohlrabi und andere Südfrüchte essen – und deshalb mußten wir vorübergehend ausziehen. Im letzten Jahr waren alle einzeln verreist, aber in diesem Jahr hatte Inga noch einen Goldvogel geschossen, und zwar keinen geringeren als den Besitzer des Nachbargrundstückes. Auf dem Südufer von Flaskebekken lag nämlich eine strahlende Offenbarung. Ein echter griechischer Tempel. Direkt aus der Antike geholt und mit behutsamer Aphroditehand auf den Felsen des Inneren Oslofjords plaziert.
Unzählige Menschen mußten sich die Augen gerieben und staunend den Mund aufgerissen haben, wenn sie am Tempel vorbeigesegelt kamen, denn man erwartet hier oben bei uns keine griechischen Tempel. Aber er liegt ganz unangefochten oberhalb von drei halbkreisförmigen Balustraden, und ursprünglich waren auf jeder Seite symmetrisch Urnen und Statuen aufgestellt. Ganz oben führt eine breite Treppe mit neunzehn Stufen zum Haus selber, dessen Dach von vier eleganten symmetrischen Säulen mit erlesenem Kapitell getragen wird. Und es ist durchaus keine Mussolinische Zuckerbäckerei. Es ist eine genaue Kopie eines Tempels in der Ägäis – wenn auch nicht in vollem Maßstab, leider. Das Innere besteht aus einem Wohnzimmer mit grünem Belag, einem schwedischen Kachelofen und schlummerndem Lüster sowie einem neun Quadratmeter großen Eßzimmer und einer noch kleineren Küche mit Elektroherd und fliegenden Ameisen. Im ersten Stock gibt es ein brauchbar großes Schlafzimmer für die Herrschaft mit restlos ramponierten Betten und ein unentbehrliches Mädchenzimmer von dreieinhalb Quadratmetern, in dem eine verrostete Waschschüssel in der Ecke steht.
Es war Ingas Verdienst, daß wir bald umziehen würden, von einer Idylle in die andere, wie die Made im norwegischen Speck. Und falls irgendwer denkt, daß wir in einem Traumschloß wohnten, dann muß ich wohl teilweise zustimmen. Obwohl wir alle ausgeprägte Tatmenschen waren, umschwebten uns doch unleugbar einige große und schöne Träume. Über die Revolution. Über ein sozialistisches Chlorwegen. Über volle Gleichberechtigung. Über eine offene und positive Sexualmoral. Kurz gesagt, über eine bessere Gesellschaft. Ich persönlich träumte immer noch vom Ruhm, aber am liebsten träumte ich in Øysteins Armen – seinem Einheitsideal so nahe, wie ich nur kommen konnte.
Gedankenpolizei
Die Fähre aus Oslo brauste draußen in der Bucht an uns vorbei, und Kyrre stand an der Spitze des Roten Tornados auf dem Vorderdeck. Er schien an die dreißig Leute mitgebracht zu haben, und Inga rannte ziellos auf dem Steg herum, während sie versuchte, das mentale Kostüm der perfekten Wirtin überzustreifen – aber sie fand nicht einmal ihren Bikini. Ragnhild versuchte, die Vorstellung abzubrechen.
»Jetzt setz dich doch erst mal wieder, Inga. Die bringen doch Huhn und Salat und Baguettes und Getränke mit, und sie sind schließlich allesamt ans Organisieren gewöhnt, nicht wahr? Wenn sie nicht selber mit allem fertig werden, dann kannst du dir immer noch einen Weg durch den Brei bahnen, aber nicht vorher.«
»Ich kann ja wohl unsere Gäste begrüßen!« antwortete Inga heftig und trampelte den Weg hinauf.
»Ach ja. Wir sollten uns wohl ein bißchen anziehen, Knaben, sonst halten die uns am Ende für Anarchisten oder Trotzkisten oder Nudisten. Jetzt hält die Schicklichkeit ihren Einzug!«
Ragnhild war, gelinde gesagt, wütend über die neopuritanische Moralwelle, die über die ML-Bewegung hereingeschwappt war. Es wurde im Grunde gefordert, daß sich alle anständig benahmen und zu jeder Gelegenheit gute Manieren und passende Kleidung vorweisen konnten. Wenn die Arbeiterklasse in Anzug und Sonntagskleid auftrat, sollten die ML-Leute ihr den Respekt erweisen, daß sie desgleichen taten – was ja eigentlich nicht so umwerfend revolutionär war. Das war einfach normale bürgerliche Höflichkeit, die meine klassenbewußten, arbeitenden Eltern sicher zu schätzen gewußt hätten – aber sie würden deshalb trotzdem nicht AKP wählen. Und hier haben wir den Kern der Sache. Die neue Linie lief eigentlich darauf hinaus, daß die Arbeiter nicht unnötig durch äußerliche Kleinigkeiten provoziert werden sollten, damit man mit ihnen ins Gespräch kommen und sie zu Maos Jüngern machen konnte. Wie man weiß, klappte das nicht. Ich selber hatte keinen Anzug und wollte mir auch keinen zulegen. Ich ziehe mich weiterhin lieber bequem und leger an, auch wenn ich es ab und zu witzig finde, im Smoking herumzustolzieren.
Was Ragnhild so empörte, war, daß die AKP anfing, diese neue Linie zu formalisieren. Sie machten es zu einer Regel, daß es wünschenswert war, sich Moralbegriffe und Werte der Arbeiterklasse zuzulegen – ohne dem eine qualitative Bewertung zugrunde zu legen. Sie übernahmen ganz einfach alles, und das war so dumm, wie es ein Fehlschlag war.
Sie wollten jedoch weder verstehen noch zugeben, daß sie einen Fehler machten, und deshalb kamen mir die ersten zaghaften Zweifel an der Vernunft dieser Leute. Sie hatten beschlossen, volkstümlich zu sein, sich der Arbeiterklasse zu nähern und sich in deren eigener Sprache mit ihr zu verständigen. Das war die Theorie. Und dann haben wir die Praxis. In der Praxis steigerten sie ihre Volkstümlichkeit bis zur Parodie und machten sich und nicht zuletzt auch ihre Botschaft dadurch lächerlich. Außerdem waren in den unteren Volksschichten nicht wenige einfach stocksauer über diese Grünschnäbel aus dem Westend, die versuchten, Proletarier zu spielen. Damit erzielten sie genau das Gegenteil des Gewünschten. Sie verjagten die Menschen mit dem Mittel, das sie anziehen sollte. Und das wollten sie einfach nicht einsehen.
Leider interessierte die AKP sich in den siebziger Jahren nicht nur für Sprache und Kleidung. An diesem Abend in Wolkenwild wurde mir in dieser Hinsicht eine heftige Lektion verpaßt. Unter unseren feiernden Rot-Front-Gästen befand sich nämlich ein großer dünner Bursche mit Brille und Adamsapfel, der soviel mißtrauische Antipathie ausstrahlte, daß die Hälfte auch als Viertel durchgegangen wäre, um mit meinem Vater zu sprechen. Er schlich im Haus herum und sah sich alles mit kurzsichtiger Skepsis ganz genau an. Als er den Erker erreicht hatte, blieb er stehen und schluckte wie zur Bestätigung mehrmals. Denn dort hatten wir ja die Glotze in die Ecke gestellt und Matratzen auf den Boden gelegt und überall Kissen verteilt. Und ich hatte einen nicht mehr ganz taufrischen Gobelin aus Hedmarken und üppige Vorhänge aufgehängt, um die Abendsonne auszusperren – das Ganze konnte also haarscharf unnorwegisch wirken, um nicht zu sagen, haremssklavisch.
»Du!« sagte Adamsapfel zu mir, als ich an ihm vorbeischlüpfen wollte. »Was meinste denn, was die dazu sagen?«
»Wer sagt was wozu?«
»Arbeiter! Wenn die herkommen und das da sehn, meinen die doch, ihr feiert hier Orgien.«
»Tun wir ja vielleicht.«
»Ach. So einer biste. Scherzkeks, wa? Denkste nich’ dran, daß ihr dem ganzen Proletariat als gutes Beispiel vorangehn sollt? Ein einfacher Arbeiter würd sich hier nie zu Hause fühlen. Arbeiter sitzen auf Stühlen!«
Mir war natürlich klar, daß Genosse Adams sich so ekelhaft aufführen wollte, wie er aussah, aber er gehörte zufällig zu der Sorte Mensch, vor der ich keine physische Angst habe. Und deshalb gab ich dem Drang nach, diesem Nervbolzen ordentlich vor den Latz zu treten.
»Wenn du dich gütigerweise kurz umdrehst, dann kannst du vielleicht hinten den Salon erkennen, wo mindestens acht Menschen auf Sofas und Stühlen sitzen. Das hier ist unser Fernsehzimmer, verstehst du, und da ist es praktisch und bequem, sich hinhauen zu können, wo man will. Gruppensex läuft bei uns normalerweise am Strand.«
»Ja, das glaub ich gern. Aber sieh dir doch das Zimmer mit Glas- und Messingtischen und diesen niedrigen Sofas an, das is ja wohl nur was für Leute wie dich, Arbeiter können sich so was nich’ leisten! Die würden sich hier nich’ zu Hause fühlen!«
»Meine Eltern schienen sich hier jedenfalls sauwohl zu fühlen, als sie zu Besuch waren. Mein Vater hat da in der Ecke gesessen und über die Nachrichten geschimpft, genau wie zu Hause.«
»Ich red hier von Arbeitern!«
»Mein Vater arbeitet in der Fabrik – am Fließband –, und meine Mutter ist Köchin in einem Altersheim.«
»Ha! Gelogen! He, Genossen, hört her! Wir haben einen Provokateur unter uns! Dieser Typ versucht, dekadente Ideen zu verbreiten und behauptet auch noch, seine Eltern wären Arbeiter. Jetzt fragen wir ihn doch mal, wie diese Eltern heißen und wo sie wohnen und ob sie im Telefonbuch stehn und ob es sie überhaupt gibt.«
Er brüllte so laut und triumphierend, daß alle verstummten, und ich ließ mich ausnahmsweise bis zum äußersten provozieren, ehe ich explodierte.
»Ja, hört, Leute, hört! Hier steht ein Dussel, der so paranoid ist, daß er findet, wir hätten ein unmoralisches Fernsehzimmer und zu schöne Möbel. Und mich hält er für einen CIA-Agenten, weil ich anderer Meinung bin als er und weil mein Vater Eisenarbeiter ist. Wo wollt ihr den denn nach der Revolution einsetzen, zum Teufel? Bei der Gedankenpolizei?«
Das letzte hätte ich mir wohl verkneifen sollen – um meinetwillen. Das gefiel nämlich niemandem. Große Unruhe erhob sich unter dem Himmel, bis Inga sich zu mir durchkämpfte und die Unruhe noch vergrößerte.
»Was soll denn das bloß, Yngve? Du brauchst doch nicht so böse zu werden, weißt du ...«
»Geh doch mit diesem kurzsichtigen Frosch ins Arbeitszimmer und zeig ihm, daß Petrus und Maria im Telefonbuch stehen und in Lambertseter wohnen. Und dann kannst du ja bezeugen, daß sie wirklich hier zu Besuch gewesen sind, nicht Kronprinz und Kronprinzessin, die sich verkleidet hatten und Volk spielten.«
»Jetzt reg dich ab! Du auch, Roy. Kommt beide her, dann setzen wir uns zusammen und lösen diesen Widerspruch unter Genossen.«
Roy Adams sah sie verächtlich an und verkündete:
»Glaub ja nich, ich würd auch nur einen Fuß in diesen Puff setzen!«
Nun endlich erlebten meine inneren Spannungen eine willkommene Auslösung in Form eines schallenden Lachens, das die arme Inga nur noch verwirrter machte.
»Was ist denn bloß los mit euch? Ich versuche doch nur, euch zu helfen ... aber dann schlagt euch eben die Zähne ein! Macht schon! Ich werd euch nicht daran hindern, verdammt noch mal!« brüllte Inga Lunde, ehe sie rasch in ihre perfekte Wirtin-Rolle zurückfand und weiter in der Gesellschaft zirkulierte. Genosse Roy imitierte einen Polizeihundblick und versuchte, unmerklich zu schlucken, ehe er leise, aber durchdringend sagte:
»Diesmal hastes geschafft, aber fühl dich bloß nich zu sicher, du. Von jetzt an werden wir dich im Auge behalten ...«
Ja, das sagte er tatsächlich, ehe er zwischen den anderen verschwand. Ich zuckte die Schultern und ließ ihn gehen, um mir weitere Idiotien zu ersparen, aber seine Worte hatten bei mir eine Langzeitwirkung, mit der nicht zu spaßen war. Er hatte jedenfalls genug Spürsinn, um mich an meinem schwächsten Punkt zu treffen.
Ich brachte die Sache bei der nächsten Hausversammlung zur Sprache und erklärte, was passiert war und was der Typ gesagt hatte. Kyrre schüttelte den Kopf und versicherte, daß Genosse Roy übernervös war und in jeder Ecke einen Spitzel sah. Er würde ihm auf die Finger hauen. Auf meine direkte Frage, ob die Partei wirklich andere überwachte, antwortete Kyrre wortwörtlich: »Du glaubst wohl nicht, ich wäre blöd genug, um mit einem Provokateur zusammenzuwohnen?«
Ja, das sagte Kyrre Eliassen, ehe er zum nächsten Punkt auf der Tagesordnung überging. Ich saß da mit meinen unbestätigten Meldungen, die ich wie folgt deutete: Kyrre weiß, daß ich kein Provokateur bin, und deshalb wird er dafür sorgen, daß weder Zeit noch Kräfte vergeudet werden, um das zu beweisen. Und danach beschloß ich, mich sicher zu fühlen, und das gelang mir auch ganz gut – aber nicht vollständig. Orwells Gedankenpolizei zeigte sich immer wieder und überall, vor allem in kleinen alltäglichen Situationen, die ich unter anderen Umständen für einen witzigen Zufall gehalten hätte. Wenn ich zum Beispiel zweimal hintereinander dasselbe Gesicht auf der Straße sah. Oder einen Mann mit einer Zeitung in einem parkenden Auto, der mir bekannt vorkam. Oder wenn es besonders laut im Telefon klickte. Oder wenn zwei Männer in einem Motorboot draußen in der Bucht herumdümpelten und das Haus mit dem Fernglas betrachteten. Wurde man dann überwacht oder nicht? Und wenn ja, von wem?
Und so schaffte es der paranoide Genosse Adams, mir lange und spürbar das Leben zu vergällen. Er streute ganz bewußt Zweifel und Argwohn aus, die leicht Wurzeln schlagen und zu giftigem Verfolgungswahn erblühen konnten. Aber nicht bei mir. Gott sei Dank. Nie mehr! Ich hatte soviel darüber gelernt, wie Menschen sich in solchen geistigen Irrwegen verlaufen können, daß ich den verlockenden Fallen ausweichen konnte. Und obwohl ich Kraft und Aufmerksamkeit aufbringen mußte, um nicht wieder wahnsinnig zu werden, konnte ich doch damit leben – wie mit allem anderen. Also konnte der gedankenpolitische Roy Adams keine bleibenden Schäden anrichten. Bei mir, wohlgemerkt.
Ansonsten wurde mir, soviel ich weiß, noch zweimal in meinem Leben die Ehre zuteil, mich im Brennpunkt seines intensiven Interesses zu befinden. Im folgenden Jahr trotzte ich abermals allem, was Phobie und Noia hieß, nahm höchstpersönlich an der Maidemo in Oslo teil und zeigte mich stolz und Glad to be Gay. Und unter den Zuschauern – wo sonst? – entdeckte ich plötzlich einen bebrillten Adamsapfel mit forschender Miene, die sich zu hochmütigem Grinsen verzog, als er mich erkannte. Er war wohl doch nicht so kurzsichtig, wie mir nun aufging, während das, was er gerade begriffen hatte, wie Gorgonzola aus seiner ganzen Gestalt dampfte: »Ach, schwul bist du! Ja, hab ich’s mir nich’ gedacht!«
Zum letzten Mal sah ich ihn mehrere Jahre später ausgerechnet im Café Engebret. Damals zählte es zu Oslos besten Fischrestaurants, und ich hatte drei Schwule aus den USA mitgeschleift, um sie eine bessere norwegische Kabeljaumahlzeit mit viel französischem Rotwein genießen zu lehren. Wir wurden zu einem Fenstertisch geführt, und ich hatte noch nicht einmal den Aperitif bestellt, als ich den Gorgonzoladuft der Gedankenpolizei bemerkte. Am anderen Ende des Lokals hüpfte der Adamsapfel wie ein Yo-Yo auf und ab, während er klebrige Sprechblasen mit folgendem Klartext aussandte: »Aha! Du bist so dekadent, daß du hier verkehrst! Und was sind das für Agenten, diese aufgetakelten Schwulen, die mit dem Geld um sich schmeißen?«
Als der Kellner uns einen Dry Martini brachte, prostete ich ihm mit einem förmlichen kleinen Nicken zu, und dann konnte ich ihn zum Vorteil des Kabeljaus vergessen – der trotz allem ein viel angenehmerer Fisch war.
Hier und jetzt befinde ich mich in der hervorragenden Lage, hinterher klüger zu sein, und deshalb möchte ich gern eine letzte Runde für Genossen Adams schmeißen. Es stellte sich nämlich heraus, daß er allen Grund hatte, sich verfolgt zu fühlen, der Arme. Inzwischen ist gründlich belegt worden, daß Sicherheits- und Überwachungspolizei in den siebziger Jahren ganz schön viel Dreck am Stecken hatten, was abgehörte Telefone und allgemeine Registrierungen von Linksradikalen im Königreich Chlorwegen betrifft. Inzwischen haben sie ja exotischere Jagdgründe aufgetan. Jetzt sind es Phänomene wie dunkle Hautfarbe und grüne Haare – und alles andere, was auf rechte Politiker und ihre weißen Kaninchen anstößig wirkt –, die ausübende Macht und erzieherische Tätigkeit der Bullerei anregen. Aber die Sicherheitspolizei hat die politischen Archive, die sie damals so emsig angelegt hat, sicher nicht zerstört. Sicher haben sie immer noch ein liebevolles und vielleicht ein wenig nostalgisches Auge auf uns. Und wer und wieviele im großen Erinnerungsbuch einen Ehrenplatz einnehmen – ja, das weiß wohl nicht einmal der König.
Die AKP wußte sicher schon zu Anfang der siebziger Jahre viel mehr als Seine Majestät und gab sich alle Mühe, immer ein oder zwei Schritte vor ihren Überwachern zu liegen. Sie beschäftigten sich fast manisch mit der sogenannten Sicherheitsfrage, und natürlich waren alle Kader auf der Hut vor Spionen und Provokateuren, von denen es sicher eine Menge gab. Und wenn man irgendwelche Zweifel hatte, weil man irgendwas nicht sicher wußte, dann gab es genug phantasievolle Vorstellungen, die Roy Adams and His Apple Bugs schluckten und schluckten und schluckten, ehe sie sie wie eine Viruspest weiterverbreiteten.
Der Sauberkeitsgrad in der ML-Bewegung war deshalb ganz schön hoch, und mitten in dieser trügerischen Wirklichkeit war Genosse Adams mit seinem angeborenen Argwohn gelandet. Im Grunde waren Roy Adams und seine Gesinnungsgenossen sehr zu bedauern, denn die ganze Welt muß ja von seinem kurzsichtigen Standpunkt aus in jeder Einzelheit äußerst bedrohlich ausgesehen haben. Viele konnten den Druck, den der Machtapparat auf die ML-Bewegung ausübte, nicht ertragen, und einige sind durch rücksichtslose politische Schikanen einfach kaputtgegangen. Das geschah nicht zuletzt durch unsere Freie und Unabhängige und Wahrheitssuchende Presse, die ein für allemal beweisen konnte, daß die Massenmedien die wirksamste Waffe der Systembewahrer sind. Niemals haben sich so viele Presseleute gegenüber einem so lebensgefährlich bedrohten Machtapparat als so unterwürfig und loyal erwiesen, wie man auf allen ersten Seiten und Kilometern von Spalten nachlesen konnte. Wir müssen schon nach Süd-Korea, um eine ähnlich hysterische Kommunistenjagd zu erleben.
Bloody Lord Nelson!
An diesem Abend in Wolkenwild hob sich der Säuregrad nach Roy Adams’ ätzenden Spekulationen über meine heimlichen Agenturen in gefährliche Höhen, bis Kyrre in die Hände klatschte und die volle Aufmerksamkeit aller erheischte. Wichtige Meldung also.
»Wie ihr alle wißt, wohnen Inga und ich jetzt schon über ein Jahr zusammen, und so soll es auch bleiben. Und deshalb können alle, die Lust dazu haben, zu unserer Hochzeit am Mittsommerabend kommen – oder am Johannisabend, wie es hier als christliches Relikt heißt –, in drei Wochen also. Das Fest wird im Nachbarhaus stattfinden – im Tempel, wie wir das nennen ...«
Der Rest der Einladung ertrank in Gratulationsovationen. Ich blickte zu Ragnhild hinüber, die nur resigniert den Kopf schüttelte und offenbar genauso überrascht war wie ich, während Øystein zusammen mit allen anderen johlte und applaudierte. Ich verstand nur noch Bahnhof. Gehörte das auch zu den Sicherheitsmaßnahmen? Sollte die Hochzeit geheimgehalten werden?
»Ich weiß, daß das für die meisten von euch überraschend kommt, aber wenn ich die Wahrheit sagen soll, wir haben uns auch erst gestern dazu entschlossen«, rief Kyrre freudestrahlend durch das Getöse.
Aber gestern war er doch gar nicht zu Hause gewesen! Um alles möglichst nett auszulegen, ging ich davon aus, daß er vorgestern meinte. In diesem Moment entdeckte ich Inga im Gewimmel, und wenn sie genauso überrascht war wie ich, dann jedenfalls positiv; sie lächelte und errötete und wirkte richtig glücklich. Verschwunden war die blödsinnige Wirtin-Rolle, und übrig war eine errötende Braut, die zu glauben schien, daß die Ehe all ihre Probleme lösen würde. Die Umstehenden schienen auch dieser Ansicht zu sein. Also Prost auf das Brautpaar, Genossen!
Welches Recht hatte ich denn aber, so kritisch zu sein? Vorauszusehen, daß Ingas Ehe zu einem unendlichen Hindernisrennen von unlösbaren Aufgaben in einer hitzigen Szene werden würde, wo Freizeit und Ferien Schimpfworte waren, wenn sie nicht Treffen und Lager bedeuteten? O nein. Jung-Vilde hatte keine gediegene Grundlage für seine Skepsis – und bei weitem nicht genügend Gewicht, um sie zum Ausdruck zu bringen. Statt dessen stellte ich mich ins Glied der Gratulierenden und umarmte die Braut und ihren Gam, und dann überließ ich die ganze Gesellschaft sich selber.
Ohne Zögern stahl ich zwei Flaschen Liebfrauenmilch – übrigens der scheußlichste Weißwein, den ich mir vorstellen kann – und ging damit in Øysteins Atelier, wo ich mich in seinen bequemen Sessel setzte und mir in melancholischer Einsamkeit in aller Ruhe einen antrank. Die Alkoholpolitik in unserer WG war, wie gesagt, recht streng, es gab Sauermilch im Alltag, und bei Festen war Maßhalten angesagt, und so war es kein Wunder, daß ich die Gelegenheit ausnutzte, um mich ein bißchen in Schwung zu bringen. Das fand ich immer noch herrlich – von Zeit zu Zeit. Damals war ich mit dem Maßhalteprogramm einverstanden. Ich war wild entschlossen, mich nicht zu Tode zu saufen, und verglichen mit meinen früheren alkoholischen Leistungen waren meine Mitbewohner die besten und gesündesten Freunde, die ich gehabt hatte, seit ich zu Hause ausgezogen war. Eben deshalb war es besonders schön, ihnen für ein Weilchen zu entkommen, und ich kippte den zuckersüßen Scheißwein und konzentrierte mich gewaltig auf alles zwischen Nase und Nabel.
Und es muß mir gelungen sein, ziemlich blau zu werden, denn ich erwachte davon, daß Øystein mein Gesicht leckte und lachte und sich freute, weil ich da war. Und dann schleppte er mich zum Himmelbett und zog mich aus und faselte davon, daß wir auch heiraten sollten und so.
»Aber sicher«, sagte ich. »Natürlich. Im Kölner Dom. Alle müssen ab und zu heiraten, weißt du.«
Und dann brachten wir noch eine verdammt gute Nummer.
Am Montagmorgen klingelte um Viertel vor sechs der Wecker, und Øystein und ich standen sofort auf, um vor Ragnhild im Badezimmer zu sein. Sie brauchte immer sehr lange im Badezimmer und wollte es am liebsten für sich haben. Ich genieße lieber das Frühstück, deshalb war es mir recht, so früh aufzustehen. Wir wollten alle mit der Fähre um sieben Uhr in die Stadt, und ich setzte Kaffee- und Teewasser auf, ehe ich hinter Øystein her unter die heiße Dusche rannte, wo wir uns den gemeinsamen Schweiß der Nacht abspülten. Ich fühlte mich frisch und gut gelaunt und legte eine muntere Haydn-Symphonie auf, während ich helle und luftige Sommerklamotten anzog. Ich mußte der Morgensonne in der Küche zulächeln, während ich fünf Eier viereinhalb Minuten lang kochte und auf dem Tisch im Wohnzimmer ein üppiges Frühstück auftischte. Jetzt erwachte auch der erste Stock zum Leben.
»Wo zum Teufel hast du meinen Rasierapparat gelassen?« brüllte Kyrre.
»Den hab ich überhaupt nicht angefaßt, ich rasier mir die Beine nicht mehr!« antwortete Inga. Die ehelichen Erwartungen hatten sich also schon dem alten Lied angepaßt. Die beiden Auserwählten machten morgens immer ein schreckliches Chaos. Egal, wie früh sie aufstanden, am Ende waren sie immer gräßlich unter Druck und mußten wie die Besessenen nach Sjøstrand hinunterwetzen, um die Fähre noch zu erwischen.
Weiche Eier und selbstgebackenes getoastetes Graubrot waren damals mein Lieblingsfrühstück – vor allem, wenn es dazu noch schwarze Oliven gab –, und auch Øystein mochte es inzwischen gern. Wir genossen das Essen und Haydn und einander, und ich führte mir schon die erste Zigarette des Tages und eine Tasse Kaffee zu Gemüte, als Inga die Treppe heruntergestürzt kam, um Müsli und Pflaumenjoghurt und entrahmte Sauermilch einzuwerfen – und dann erschien Kyrre und stopfte sich in aller Eile zwei Brote mit Ziegenkäse in den Mund. Ich begrüßte beide und konnte gerade noch registrieren, daß jemand fehlte, als Ragnhilds Tür gegen die Wand geschlagen wurde und sie mit dem folgenden erbaulichen Tagesmotto ins Zimmer getrampelt kam: »Ich blute!«
»Naja«, sagte ich und versuchte, aufrichtig mitfühlend zu sein. »Dein Ei wartet schon auf dich ...«
»Kümmer dich um deine eigenen Eier! Ich kann jetzt nichts essen. Und du kapierst überhaupt nichts. Ich bin krank. Mir ist so schlecht! Und ich muß zur Uni. Meine Frauengruppe trifft sich. Oooooooo!«
Die gute Stimmung verklang zusammen mit Haydn. Ragnhild tat mir wirklich leid, weil ich ihre Angst in ganz anderen Variationen gesehen und gefühlt hatte. Aber auch wenn ich meine eigenen Angelegenheiten immer besser unter Kontrolle bekam, so hatte ich doch kein Rezept, um ihr zu helfen – außer miteinander über alles zu reden. Im Moment war das ausgeschlossen. Sie bedachte alle, die sich ihr auf fünf Schritte näherten, mit mörderischen Blicken.
Øystein und ich räumten den Frühstückstisch ab und schalteten die Spülmaschine ein, die ich Schwester Diesel getauft hatte, und die am nettesten war, wenn sie allein zu Hause sein durfte. Als wir gehen wollten, hörte ich Kyrre von oben brüllen: »Wo zum Teufel ist der rote Ordner?«
Das Boot würde in genau sechs Minuten gehen, und bis zum Anleger waren es mindestens zwei.
Draußen war es noch schöner als drinnen, und Øystein und ich holten tief Luft. Selbst Ragnhild schien etwas milder gestimmt zu sein, als wir sie unten am Hang einholten.
»Ach, es ist beschissen, an so einem prachtvollen Tag zu bluten!«
Ein Hauch von Optimismus also. Unten am Anleger hatten sich zehn, fünfzehn weitere zufriedene Bootpendler versammelt, und dann tutete die gute alte Prinsen, als sie um die Landzunge bog. Das war das allerletzte Signal für Inga und Kyrre. Sie hatten schon einmal erlebt, daß die Fähre ihnen vor der Nase weggefahren war, um den Fahrplan einzuhalten, und wir anderen hatten uns geweigert, weiterhin zu versuchen, die Mannschaft zum Warten zu überreden. Øystein war der letzte, der über die Laufplanke ging – es war Niedrigwasser –, und erst jetzt rief Inga oben am Hang. Die beiden Matrosen schüttelten den Kopf, warteten aber, bis sie sicher an Bord war.
»Bitte, nur noch eine halbe Minute, er kommt ja gleich!« bettelte Inga. Aber sie zogen die Laufplanke ein und begannen, zurückzusetzen – und nun kam er. In verzweifelten Sprüngen, in dicker Lederjacke und Winterstiefeln, und seine vollgestopfte Proletariertasche schlug ihm kräftig gegen die Beine. Sie hielten das Tor auf, und er konnte sich vom Rand des Anlegers aus an Bord werfen – und natürlich gelang ihm eine elegante Landung an Deck mit einem munteren und volksnahen »Mahlzeit« für jeden einzelnen. Worauf eine leise Salve gegen Inga folgte.
»Was zum Teufel hast du mit meinen Turnschuhen gemacht?«
So war es jeden Morgen, mit kleinen, überraschenden Variationen.
An diesem Tag wurde die Überfahrt jedoch ereignisreicher als sonst. Ostklo-City bereitete sich nämlich auf britischen Marinebesuch vor, und ein ansehnliches Kontingent schmutziggrauer Schiffe aus Her Majesty’s Imperial Fleet hatte bereits Tangen passiert und glitt nun langsam durch den Fjord auf Honnørbrygga zu. Aber dorthin wollten wir auch mit unserem kleinen Prinzen, und der Kapitän gab Vollgas und jagte zwischen den Todesmaschinen hindurch, von denen eine größer war als die andere und häßlicher als die dritte.
Wir standen auf dem Achterdeck und betrachteten diese überlegene Machtdemonstration »eines unserer engsten und wichtigsten NATO-Verbündeten«, wie oben immer in der Öffentlichkeit gebrabbelt wird.
»Ich wette meinen Kopf, die haben Atomwaffen an Bord«, sagte Inga.
»Und vergeßt nicht, was die sich in Nordirland alles erlauben!« fügte Ragnhild hinzu.
Als wir am allergrößten und allerscheußlichsten Schiff vorbeifuhren, das vor Kanonen und Radarmasten und Raketenrampen nur so strotzte, und das Lord Nelson oder Lady Hamilton oder God knows how hieß, hatten sich die feschen Matrosen in einer Reihe an der langen Reling postiert, um sich so richtig zu zeigen, und dieser Anblick veranlaßte Ragnhild zu einem schäumenden Wutanfall. Sie schrie laut und schrill:
»Hooray for IRA! Hooray for IRA!« Und beim dritten und vierten Mal stimmten die meisten auf dem Achterdeck der Prinsen ein und brüllten der verdammten Höllenmaschine, die uns umgab, ihre ohnmächtigen Aggressionen entgegen:
»Hooray – IRA – Hooray – IRA – Hooray – IRA!«
Und so weiter.
Das war die schönste spontane Demonstration, an der teilzunehmen ich je das Glück gehabt habe, um mich gebildet auszudrücken. Es war einfach stark, dazustehen und Teil eines vielstimmigen Menschenchores zu sein, der sich ausnahmsweise einmal einig war und den verdammten Krieg dahin zurückschicken wollte, wo er hergekommen war. Wir waren so viele und brüllten so laut und waren Herrn Nelson so nah, daß das ordentlich aufgereihte Kanonenfutter uns sicher ganz deutlich hören konnte. Und das war das Beste von allem.
Das Zweitbeste war Ragnhild, die endlich einen Auslauf für ihre blutige Frustration und ihre glutige Wut fand. Die restliche Woche sah ich sie nie ohne ein unbewußtes Lächeln, und sie schien trotz allem sehr mit sich zufrieden zu sein.
Sie hatte für eine gute Sache geblutet.
Der alte Adam
Die Tage vor Mittsommer vergingen mit Arbeit und Hochzeitsvorbereitungen für uns alle wie im Flug – wenn ich mich aus den Hochzeitsvorbereitungen auch konsequent heraushielt. Sie durften sich ruhig ohne meinen Enthusiasmus verheiraten. Nicht, daß das eine Rolle gespielt hätte. Alle hatten genug zu tun.
Der folgende Sonntag war aber trotzdem für die allgemeine Planung reserviert, die wir bei dem schönen Sommerwetter an den Strand verlegten. Wir hatten gebadet und geplant und waren weit geschwommen und hatten noch viel mehr geredet, als Inga uns mit der folgenden Tatsache konfrontierte: »Verdammte Pest, da sitzt so ein verdammter Spanner hinter dem Nachbarsteg. Ich hab ihn eben schon mal gesehen. Ein echter Spanner!«
Wir waren ja wie gewöhnlich nackt, und das hatte wirklich ein neugieriges Gesicht herbeigelockt, das am Nordende des Strandes zu sehen war. Inga erhob sich in all ihrer Pracht und Kraft und rief: »He, du da! Wenn dich das so interessiert, dann komm doch einfach! Komm her und sieh dich gründlich um. Wie du siehst, sind wir ganz unbewaffnet, und wir beißen auch nicht.«
Und dann geschah das Erstaunliche, daß wirklich ein Typ zum Vorschein kam. Zögernd und unsicher zuerst, dann kam er aber ganz munter über den Strand auf uns zu. Sofort wurde ich innerlich zum Rasierapparat, denn irgendwas stimmte hier einfach nicht. Er trug Shorts und ein T-Shirt, war kräftig und gut gebaut, war in unserem Alter und hatte kurze dunkle Haare. Damals kannte ich niemanden mit kurzen Haaren. Er blieb zehn Meter von uns entfernt stehen und glotzte, und jetzt hatte ich keine Zweifel mehr. Mit diesem Menschen stimmte einwandfrei etwas nicht. Inga war immer immun gegen schlechte Vorzeichen gewesen, und sie behielt ihre überschwengliche Einladung einfach aufrecht: »Setz dich doch zu uns, Genosse, aber dann mußt du dich auch ausziehen. Wir haben hier keine Geheimnisse voreinander, verstehst du?«
Ich konnte gerade noch denken, daß sie vergessen hatte, daß diese Aussage sich auf physische Angelegenheiten begrenzte, als etwas Verblüffendes passierte. Der Junge grinste plötzlich breit und stieß einen gutturalen Laut aus, der zweifellos »vielen Dank für diese nette Einladung« bedeuten sollte. Dann zog er sich sein Hemd über den Kopf, warf die Schuhe beiseite, ließ Shorts und Badehose fallen und erhob sich mit einem entzückenden Lächeln und einer großen, kräftigen Latte, die genau auf uns zeigte. Die Szene hatte etwas Phantastisches. Mir war sofort klar, daß die Frauen jetzt Angst bekamen, aber ich sah ihm gleichzeitig an, daß er nicht gefährlich war. Er stand einfach vertrauensvoll und munter und im wahrsten Sinne des Wortes entblößt da und zeigte uns, was er für uns empfand: Er fand uns einfach toll! Und deshalb war ich dieses eine Mal derjenige, der die Situation rettete – ich prustete los. Jetzt begriff auch Ragnhild, und sie lachte ihr warmes, beruhigendes Lachen, in das unser feuriger Gast mit einer unbeschreiblich hemmungslosen und ohrenbetäubenden Atemübung einstimmte. Er lachte immer weiter, während er die letzten Meter bis zu uns hinter sich brachte, und dann setzte er sich im Schneidersitz mit aufragendem Schwanz auf den Steg und lächelte uns alle der Reihe nach an, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Ich musterte ihn ausgiebig, um festzustellen, was ihm fehlte, anzusehen war es ihm nämlich nicht. Er war ein bißchen zu dick und hatte bleiche Winterhaut, aber er hatte ein hübsches Gesicht mit einem strahlenden Lächeln und braune Augen – und jetzt sah ich es. Er hatte einen etwas fremden und verwirrten Gesichtsausdruck. Er gab sich schreckliche Mühe, um zu begreifen, in was für eine Situation er hier geraten war. Ich ertappte mich dabei, daß ich nach dem Wort suchte, dem richtigen Wort, dem Etikett, und endlich konnte ich aus meiner überlegenen Schädelfüllung »Gehirnschaden« herausfischen. Auch Inga hatte die Diagnose gestellt – mit Hilfe ihrer sozialwissenschaftlichen Studien –, und deshalb eröffnete sie das Gespräch mit einer überraschend professionellen Kinderfunkstimme: »Hallo! Wie heißt du denn eigentlich?«
»Børre!« Wie schön er das R rollen konnte!
»Und wo wohnst du denn?«
»Dahinten.« Er zeigte unsicher so ungefähr in die Richtung, aus der er gekommen war.
»Machst du hier vielleicht Ferien?«
Er nickte eifrig und sagte: »Oma und Opa.«
»Aha. Du machst mit deinen Großeltern Ferien auf Nesodden?«
Er nickte und lachte, zeigte auf sich selber und sagte: »Børre. Sechsundzwanzig.« Dann zeigte er auf Inga, die uns alle der Reihe nach vorstellte: »Inga, einundzwanzig. Ragnhild, zweiundzwanzig, Kyrre, einundzwanzig, Yngve, vierundzwanzig und Øystein, zwanzig. Ja?«
Er tauschte mit uns allen ein Lächeln und Geräusche des Wohlbefindens, ehe er auf Inga zeigte und das umwerfende Kompliment brachte: »Schöne Titten!«
Wir lachten, und sie setzte den Kinderfunk fort: »Ach, tausend Dank, Børre. Da muß ich dir aber auch sagen, daß du einen hübschen Schwanz hast, ja? Der ist wirklich toll.«
Er gurgelte hingerissen und zupfte stolz an seinem Gerät. Und dann – mit einem einzigen langen Sprung – warf er sich auf sie. Es ging so schnell, daß alle einfach einige Sekunden wie gelähmt dasaßen, dann brüllte Inga los, und alles war nur noch wildes Chaos. Als ich wieder auf die Beine kam, stand Kyrre schon über ihnen und versuchte, den Typen von Inga herunterzuziehen, und Ragnhild schrie, und Kyrre brüllte: »Jetzt helft mir doch, zum Teufel! Der ist stark!«
Øystein war als erster bei ihnen und stürzte sich in das kurze Handgemenge, das damit endete, daß sie Børre von Inga weg- und ein Stück über den Steg zerrten. Inga setzte sich auf und schien einen leichteren Schock davongetragen zu haben, aber dann fand sie die Sprache wieder, und ich kann wirklich garantieren, daß der Kinderfunk unwiderruflich zu Ende war.
»Was zum Teufel erlaubst du dir, du verdammtes Schwein! Bilde dir bloß nicht ein, du könntest einfach herkommen und hier herumgrabschen, auch wenn du noch so schwachsinnig bist! Wir leben schließlich nicht in der Steinzeit!«
Da erlitt ich einen Anfall von totalem Durchblick und sagte:
»Vielleicht sehen wir so aus!«
In diesem Moment stieß unser spontaner Ehrengast ein herzzerreißendes Geheul aus, und dann riß er sich los und floh in die Richtung, aus der er gekommen war. Und weg war er.
»Was ist denn bloß passiert?« fragte Inga.
»Was hast du gesagt?« wollte Kyrre von mir wissen.
»Er hat gedacht, er wäre in der Steinzeit gelandet.«
»Was zum Teufel meinst du damit?« fragte Ragnhild.
»Hört mal. Er sieht fünf nackte Menschen in freier Wildbahn. So was hat er noch nie gesehen – im Heim, meine ich. Dann rufen wir ihn zu uns und laden ihn ein, und er strippt und hat einen stehen, was wir ohne saures Gesicht akzeptieren. Das hat er auch noch nie erlebt, das kann ich euch schwören. Und alles ist nur Lächeln und Idylle. Habt ihr sein Gesicht nicht gesehen? Er hat sich den Kopf zerbrochen, um zu kapieren, was hier eigentlich abläuft. Es war eine ganz neue Erfahrung, versteht ihr? Dann sagt er etwas Nettes über Ingas Busen, und du sagst, er hätte einen hübschen Schwanz – und das hat ihm jedenfalls noch nie jemand gesagt. Also hat er gedacht, es wäre vielleicht erlaubt, einen Versuch zu machen. Armer Teufel!«
»Ach, Gott! Immer soll ich an allem schuld sein!« Jetzt heulte Inga los, und Ragnhild tröstete, und während ich anfing, mich anzuziehen, war Kyrre derjenige, der nickte und meinte: »Ich glaube, da hast du die richtige Analyse gebracht.«
»Ja«, sagte ich und zog meine Schuhe an. »Aber jetzt müssen wir ihn finden und versuchen, ihm das irgendwie klarzumachen. Er hat ja seine Klamotten und Schuhe und alles hiergelassen. Wir können ihn hier nicht nackt durch die Gegend düsen lassen. Kommt irgendwer mit? Ich geh verdammt noch mal nicht allein!«
Øystein hatte sich schon angezogen, und so machten wir uns auf den Weg, um den armen Jüngling aus der Not zu retten.
Das war nicht so leicht, obwohl wir ihn sofort fanden. Er hatte sich hinter dem Nachbarsteg versteckt. Dort saß er eingequetscht zwischen Beton und Fels, und als er uns erblickte, heulte er gleich wieder los. Er blutete an beiden Knien und hatte sich überall mit Blut eingeschmiert, so daß er aussah wie geschlachtet.
»Hallo, Børre. Wir tun dir doch nichts! Wir bringen deine Kleider!« Jetzt veranstaltete ich die Kinderstunde, und ich hatte das Gefühl, mich genauso falsch anzuhören wie die Kinderfunkonkel meiner Kindheit.
Børre heulte und schlug sich die Hände vors Gesicht, aber er schien weder fliehen noch angreifen zu wollen. Er saß einfach nur da und heulte. Ich sah Øystein an: »Geh den Erste-Hilfe-Kasten holen und bring auch ein Handtuch und einen Eimer mit sauberem Wasser mit. Und Seife. Ich versuche, ihn ein bißchen zu beruhigen. Und sag den anderen, sie sollen uns in Ruhe lassen.«
»Alles klar, ich beeile mich«, sagte Øystein und fuhr mir durch die Haare, ehe er ging.
Ich wandte mich wieder Børre zu, und nun musterte er mich sorgfältig durch seine Finger hindurch, ehe er rief: »Ihr schmust!« Und dann fing er an zu weinen. Ein piepsendes, wehes Weinen, bei dem ich mich innerlich krümmte.
»Aber Børre! Sei doch nicht so traurig. Niemand ist böse auf dich. Es war bloß ein Mißverständnis, weißt du. Ich verstehe das gut. Es ist doch kein Wunder, daß du gedacht hast, das wäre in Ordnung. Und jetzt macht es doch nichts mehr.«
Ich entdeckte zu meiner großen Freude, daß ich mich nicht mehr anhörte wie ein Kinderfunkonkel. Der Junge betrachtete mich durch seine Finger und sagte: »Ihr schmust – ich nicht!« und dann piepste er weiter. Ich setzte mich auf einen Stein und hätte am liebsten mit ihm zusammen geweint. Wie sollte ich sein Vertrauen erwecken, ohne allzu sehr in diese Geschichte hineinzugeraten? Denn ich wollte mit diesem Fall nichts zu tun haben. Meine Aufgabe und meine Verantwortung waren lediglich, ihn zu verbinden und nach Hause zu schaffen. Ich wollte mir kein lahmes Entlein aufhalsen, weil ich wußte, daß mich das binden würde. Ich mußte mich hart machen.
»Hast du denn keine anderen zum Schmusen, Børre?«
»Nein. Sagen Pfui, und ich krieg einen Klaps.«
»Ja, aber was willst du denn eigentlich?«
»Schmuuuuusen!« Ein gequältes Piepsen.
»Børre! Jetzt ist Øystein unterwegs und holt Pflaster und Salbe und so was. Wenn er zurückkommt, dann waschen wir dich und machen dich wieder richtig fein. Das ist doch fast wie Schmusen, meinst du nicht?«
Überraschenderweise schniefte Børre und nickte energisch.
Er gehorchte wie ein guttrainierter Musterpatient, während Øystein und ich ihn wuschen und verbanden. Als ich sein Gesicht wusch, lächelte er wieder und sagte: »Schmuuuus!« Ich setzte ihm einen kleinen Schmatz auf die Wange – worauf seine Latte sich gleich wieder hob. Darum kümmerte Øystein sich und sagte: »Du, Børre? Weißt du, daß wir dich anfassen und so, bedeutet nicht, daß wir Lust haben, irgendwas sexuell mit dir zu tun zu haben, weißt du. Das dürften wir auch gar nicht, selbst wenn wir Lust hätten. Jetzt kriegst du noch Pflaster auf die Knie – mach mal das Bein gerade –, und dann ziehst du dich wieder an, ja?«
Øystein war absolut kein Kinderfunk. Er war eher Volkshochschule. Børre beugte sich mit widerstrebendem Nicken der Autorität, und dann zog er mit unserer Hilfe Badehose und Shorts an.
»Und jetzt noch die Schuhe, und dann bringen wir dich nach Hause zu deinen Großeltern, ja?« sagte ich.
»Neeeein«, widersprach Børre. »Selber gehen.«
»Aber wir bringen dich gern hin. Ich möchte sehen, wo du wohnst, und ich würde auch gerne deinen Großeltern guten Tag sagen und so.«
»Nein, schaff ich selber. Wiedersehn!« sagte Børre und stürzte davon. Oben auf dem Felsen drehte er sich um und rief: »Ihr seid lieb!« Wir ließen ihn laufen, sahen uns an und atmeten auf.
»Wir haben wahrscheinlich noch mehr Grund, froh zu sein, als uns klar ist«, sagte Øystein. Ich nahm seine Hand, und dann schlenderten wir zu unserem eigenen Steg zurück.
Am nächsten Morgen mußten alle anderen in die Stadt, und deshalb hatte ich am Vormittag den Strand für mich. Das Wetter hatte sich definitiv zu einem anhaltenden Hochdruck stabilisiert, und ich beschloß, mit gutem Gewissen faul zu sein. Also machte ich es mir unten am Steg mit allem gemütlich, was das Herz an Eistee, Lektüre und Mozarts Klavierkonzerten begehrte, legte mich nach einer langen Runde Schwimmen in die Sonne und ließ mich wärmen.
Ich zuckte schrecklich zusammen, als sich plötzlich ein Mensch über mich beugte. Im scharfen Sonnenlicht war ich fast blind, und im folgenden Angstanfall konnte ich nicht atmen. Dann aber sagte die Person: »Hallo! Mach Besuch bei dir.«
Als ich begriff, daß es Børre war, stieß ich ein erleichtertes Keuchen aus, dem sofort akute Gereiztheit folgte.
»Was willst du denn jetzt schon wieder? Du willst ja wohl nicht jeden Tag zu Besuch kommen? Und du darfst dich nicht so anschleichen wie eben – du hast mir ja einen Todesschrecken eingejagt! Das ist gefährlich, verstehst du?«
»Nicht gefährlich. Børre ist lieb.«
Er setzte sich neben mich und nickte so überzeugend, daß ich es einfach nicht über mich brachte, ihn abzuweisen.
»Ja, ja. Aber wenn du hier sein willst, dann darfst du nicht zuviel quatschen. Ich will meine Ruhe haben und es mir in der Sonne gemütlich machen.«
»Schmuuuusen?«
»O nein! Kein Schmusen. Geh und spring in den Fjord, das kühlt dich ein bißchen ab. Das Wasser ist herrlich.«
Er nickte energisch und zog sich im Nu aus – und tatsächlich prunkte er auch heute wieder mit seiner Latte. Und genau das gefiel mir überhaupt nicht. Er mußte ja schließlich als Kind betrachtet werden, und ich finde nun wirklich, daß Kinder mit ihrer Sexualität in Ruhe gelassen werden sollen.
»Zeig mal, ob du dich traust zu springen. Nimm Anlauf und rein mit dir!«
Er warf mir ein strahlendes Lächeln zu, als er ungefähr wie Inga losrannte und mit einem Riesensprung im Wasser landete. Mir fiel ein, daß ich überhaupt nicht wußte, ob er schwimmen konnte, aber dann sah ich ihn mit kräftigen Zügen davonkraulen. Im nassen Element war er jedenfalls nicht beschränkt. Ich versuchte, die Situation abzuschätzen. Natürlich konnte ich ihn verjagen und ihm das Wiederkommen verbieten, aber das wäre einfach herzlos. Er brauchte doch nicht unbedingt eine Plage zu sein, wenn wir lernten, ihn richtig zu behandeln. Er tat ja immer, was man ihm auftrug. Ich mußte ihm eben zu verstehen geben, daß bei uns von »Schmus« nicht die Rede sein konnte, dann würde er vielleicht von selber verschwinden. Ich legte Mozarts Klavierkonzert Nummer vierundzwanzig in c-Moll ein – das gehört zum Schönsten, das ich mir vorstellen kann – und legte mich bequem auf den Bauch. Ich wollte mich jedenfalls von einem zudringlichen Bengel nicht aus dem Gleichgewicht bringen lassen.
Kurz vor Ende des zweiten Satzes kam er aus dem Wasser – und, Gott soll mich schützen, er hatte immer noch einen stehen. Die Großeltern hatten wohl vergessen, ihn mit Salpeter zu füttern, was sie in Pflegeheimen ins Essen mischen, um die Potenz der glücklich Unwissenden zu verringern. Ich wußte, daß das üblich war, und deshalb hielt ich seine Erektion für eine natürliche Reaktion, die ich ihm gönnen mußte. Also lächelte ich und reichte ihm das Handtuch. Er bedankte sich und trocknete sich Haare und Schritt – und dann holte er sich vor meinen Augen einen runter. Das war gelinde gesagt verwirrend. Es war sogar entsetzlich aufregend – nicht nur, weil er sexy und gutgebaut war, wie es in Kontaktanzeigen heißt. Aber ich durfte jetzt nicht die Kontrolle verlieren und mich mit diesem großen Kind einlassen. Reiß dich zusammen, Yngve! Sieh in eine andere Richtung ...
»Du auch! Schmuuusen!« sagte er plötzlich. Er hatte wohl mitbekommen, daß ich ein immer mehr zum Bersten bereites Geheimnis ausbrütete.
»Nein, bleib weg. Das mußt du schon allein schaffen.«
Da erschien in seinem Gesicht ein nahezu triumphierendes Lächeln, das ganz deutlich sagte, daß er mich durchschaute und genau wußte, was von mir zu halten war. Und er tat etwas, das ziemlich ernste Folgen haben sollte. Er nahm die Sonnencremetube, gab sich eine große Portion auf die rechte Hand, kniete sich hin und schmierte sich von hinten ein, glatt und routiniert mit zwei Fingern im Enddarm. Mein Gehirn war so blockiert, daß es sich weigerte zu begreifen, was er da machte. Aber dann legte er sich mit gespreizten Beinen auf den Bauch und sagte mit seinem entzückten Lächeln: »Jetzt kannst du schmuuusen. Ficken!«
In diesem Moment schien etwas in mir zu platzen, und nachher begriff ich, daß es Über-Yngve gewesen war, der die Kontrolle verloren hatte. Daß er, den ich als eine Art infantiles und unterentwickeltes Wesen betrachtete, dort lag und sich anbot, machte mich wahnsinnig geil. Es weckte in mir etwas Uraltes und Unwiderstehliches, von dessen Existenz ich bisher nichts gewußt hatte. Es war der Alte Adam, dessen sabberndes Grinsen zum ersten Mal in meinem Bewußtsein auftauchte. Daß Børre mich aufforderte, mit ihm zu machen, was ich wollte, verschaffte mir die bohrende Lust, in einem wütenden Egotrip über ihn herzufallen. Er machte sich zu meinem Sklaven – und deshalb mußte ich sein Herr werden. Ich versank hilflos in einem Abgrund tierischer Lust, ihn zu ficken, und kniete schon neben ihm, als Über-Yngve es schaffte, mir die große und grundlegende Frage einzuhämmern, die mich wieder in die Wirklichkeit riß: Wo hat er das gelernt? Wer hat ihn bisher benutzt?
Damit konnte ich mich losreißen, und im nächsten Moment rannte ich über den Steg und sprang ins Wasser.
Ich schwamm lange und länger als lang in dem Versuch, meine neue Erkenntnis über mich selber abzuschütteln – was natürlich nichts half. Als ich die Treppe zum Steg hochkletterte, hatte ich mich aber doch genügend gesammelt, um mein eigenes Chaos ordnen zu können. Børre saß immer noch da und sah mich ein bißchen ängstlich an, und ich ergriff die Gelegenheit zusammen mit dem Handtuch.
»Was du eben gemacht hast, darfst du nicht tun, Børre! Hörst du?«
Er krümmte sich wie ein gescholtenes Kind.
»Ich bin nicht böse auf dich, aber du mußt doch begreifen, daß du bei anderen Menschen Dinge auslösen kannst, über die niemand Kontrolle hat, und das kann gefährlich sein. Deshalb darfst du es nie wieder tun. Verstehst du das?«
Jetzt nickte er widerwillig, sah aber immer noch nicht auf. Seine Erektion war jetzt verschwunden.
»Dann finde ich, wir sollten beide unsere Hosen anziehen, und dann gebe ich dir ein Glas Eistee.«
»Børre jetzt nach Hause«, sagte er und zog sich an.
»Du brauchst nicht zu gehen, weißt du. Ich will dich doch nicht verjagen.«
»Doch!« sagte Børre mit einem Blick, der alles andere war als kindlich. Es war der Blick eines abgewiesenen und verletzten jungen Mannes. Ich erkannte ihn, weil ich ihn vor nicht allzu vielen Jahren im Spiegel gesehen hatte.
Und dann ging er – und ich hatte zwei neue Lasten auf meinem Gewissen. Nicht genug, daß ich im tiefsten Innersten ein stinknormales Schwein von einem Chauvi war. Jetzt trampelte ich auch schon auf den Gefühlen junger Knaben herum.
Jaja. Wenn ich mit den Neuerwerbungen dieses Tages leben konnte, dann würde ich wohl alles überstehen.
Braut und Bräutigam
»Hektik« war einfach eine Untertreibung. Die wenigen Tage bis zum Johannistag waren der reine Sturm. Ingas und Kyrres Sommernachts-Traumhochzeit erforderte viel zuviel Planung und praktische Arbeit – und Kyrre hatte absolut keine Zeit, sich daran zu beteiligen. Er hatte auf dem politischen Schlachtfeld sehr viel Wichtigeres zu erledigen. Aber es gab ja noch vier andere, die sich um die Komplikationen kümmern konnten, die nun massenhaft auftraten.
Wir hatten zum Beispiel mit dem alten Mors jr. verabredet, daß wir am dreiundzwanzigsten Juni »nach dem Lunch« in den Tempel einziehen würden, während die Eismeerzahnärzte erwarteten, daß wir am selben Morgen früh Wolkenwild verlassen haben würden. Aber was sollten wir in der Zwischenzeit mit unserem irdischen Hab und Gut anfangen? Die Lösung war, möglichst viel von unserem persönlichen Besitz zusammenzutragen und einzupacken und zu verstauen; alles, was wir im Tempel nicht brauchten. Es ist einfach unfaßbar, wieviel Schrott fünf Menschen im Laufe eines Jahres anhäufen können. Ich war übrigens der Schlimmste in dieser Hinsicht. Ich hatte nur einige Monate gebraucht, um die ganze Strandhalle mit mehreren Wagenladungen Tand und Pontifikalien zu füllen, und deshalb mußte ich alles in den Kartons zusammenquetschen und im Vorratshaus stapeln. Außerdem mußte ich noch mit Kyrres Papiermühle kämpfen. Die Aktenschränke, die ich ihm besorgt hatte, konnten nämlich nicht abgeschlossen werden, und er konnte doch die detaillierten Pläne für die Weltrevolution nicht offen herumliegen lassen. Nein, die mußten mit in den Tempel kommen – und ich kann euch sagen, es waren gewichtige Pläne. Meine Güte, was für eine Plackerei!
Wir packten und organisierten und machten alles für die große Umzugsaktion am Johannistag bereit. Aber an diesem Morgen mußten Kyrre und Inga doch nach Ostklo ins Rathaus – und Ragnhild war natürlich Ingas Trauzeugin –, und plötzlich fügten sich alle Teile wunderbar in das große Puzzlespiel. Denn auf diese Weise fanden Øystein und ich eine vom Himmel gesandte Möglichkeit, aller Welt zu beweisen, daß der Mythos von Schwulen als schwachen kleinen Jammerlappen bedeutend übertrieben ist.
»Na gut«, sagte ich. »Den Umzug übernehmen wir. Alles klar. Aber was ist mit der Hochzeit? Wer soll für hundertfünfzig Gäste den Tisch decken? Was sollen sie essen – und wovon und womit und worauf?«
»Darum kümmere ich mich«, antwortete Kyrre mit Großer-Bruder-Stimme. »Meinst du denn, die Bewegung wäre nicht imstande, Fünfzigtausend zu speisen, wenn es sein muß?«
Er hatte wirklich auch Humor, unser Traumprinz.
»Swisch!« sagte er – und damit war der Rote Tornado für den heimlichsten Auftrag des Sommers mobilisiert, der den Decknamen »Shirley Temple« trug. Der erste Trupp erschien Montagmorgen in LKWs und Lieferwagen und war getarnt als chinesische Akrobaten, die hundertfünfzig Mingvasen auf einmal jonglieren konnten. Stühle und Tische stapelten sich zu architektonisch vollendeten Pagoden auf, die bis zur Hälfte des Himmels reichten, und die geschmeidigen Kader liefen lachend und tanzend in den schönsten Formationen hin und her – während die jungen lächelnden Frauen revolutionäre Walzer summten und Blumendekorationen hervorzauberten, die noch beim König selber Ovationen erzielt hätten.
Ja, es war eine Freude.
Ich kam mir vor wie eine Maus im Porzellanladen, als ich Kartons und Kisten mit irdischem Plunder schleppte und stemmte, die ich einfach nicht zum Schweben bringen konnte und wenn ich noch so viele Mao-Zitate murmelte.
»Wenn wir nur genug sind, dann können wir Berge versetzen!« sagte ich so mahnend, wie das durch zusammengebissene Zähne möglich war. Aber Øystein und ich waren ja in jeder Hinsicht zu zweit, und wir schleppten unseren Berg weiter dahin, mitten in dem eleganten Gewimmel der fliegenden Chinesen mit Augen so blau.
Aber der alte Mao sollte dann doch recht behalten. Wir schafften es schließlich, und als wir endlich all unseren Krempel verstaut hatten, hatte der Tempel sich in einen riesengroßen Hochzeitskuchen verwandelt, für den Mussolini ein ganzes Königreich und drei sizilianische Prinzessinnen gegeben hätte. Es gab hängende Gärten und Springbrunnen und Sonnensegel und Lampions und wandelnde Buffetts. Und unten am Strand war ein strahlendweißes Team von Köchen mit dem Braten von drei sympathischen Schafen beschäftigt. Man konnte kaum atmen.
Und als der Brautzug auf der Prinsen über die klargrünen Wogen geglitten kam, standen wir alle am Anlieger, und die lustigen Musikanten bildeten in ihren farbenfrohen Jammertalstrachten die Vorhut, und während die Brautmärsche über den Fjord kreischten, zogen wir paarweise in stattlicher Prozession zum reichgeschmückten Tempel empor, wo allen ein delikater Willkommenstrunk gereicht wurde, der nichts Geringeres enthielt als – Saft! Kyrre und Inga hatten sich nämlich für ein alkoholfreies Hochzeitsfest entschieden.
Und es blieb kein Auge trocken.
Der Hauptgrund für diese historische und epochemachende Entscheidung hieß Frau Adele Lunde und war die leibliche Mutter der glücklichen Braut.
Anfangs wollte Inga ihre Eltern überhaupt nicht dabeihaben. Sie erklärte vehement, daß diese verdammten Blutsauger auf ihrer Hochzeit nicht das geringste verloren hätten. Sie wären so gemein zu ihr gewesen und hätten ihr das Leben immer so sauer gemacht, daß sie ihr jetzt nicht auch noch ihren großen Tag ruinieren sollten. Außerdem waren sie verdammte Kommunistenfresser, und ihr Vater würde sicher mit halbbesoffenen Anzüglichkeiten um sich werfen. Und ihre Mutter war eine heimliche Säuferin und medikamentensüchtig und hatte schon massenhaft Zusammenbrüche und Selbstmordversuche hinter sich, und sie war aggressiv, unzurechnungsfähig und machte immer Skandale.
»Nie im Leben lad ich die ein! Da lass’ ich nicht mit mir reden!« erklärte Inga Lunde ein für allemal. Nun räusperte sich ihr zukünftiger Ehemann, dem sie alsbald in Lust und Not Liebe und Gehorsam erweisen sollte, und faßte die Lage folgenderweise zusammen: »Mir ist’s egal, ob die kommen oder nicht – ich lad meine ja auch nicht ein, weil ich weiß, daß mein Vater nicht kommen würde, aber du hast hier eins vergessen, und zwar, daß sie es sicher für eine Beleidigung halten würden, wenn sie hier mit Leuten, die sie so sehr verachten, zusammen feiern müßten. Es wäre doch entsetzlich für sie, sich mit Leuten wie uns vermengen zu müssen – und ganz und gar zu deinen Bedingungen. Überleg dir das mal, Inga!«
»Ja, verdammt, du hast vielleicht recht! Es ist bestimmt ganz schön bitter für sie, wenn sie zusehen müssen, daß ich einen verdammten Kommunisten heirate. Nein, es geht doch nicht. Mams würde sich sicher mit ein paar schrecklichen Szenen im Suff rächen. Ich kenn sie doch!«
»Aber da weiß ich eine Lösung! Wir schenken uns den Alk – total. Ich hab mir das schon lange überlegt. So ein Entschluß würde völlig mit der Enthaltsamkeitspolitik der Partei übereinstimmen. Dann können wir ein wirklich schönes Fest ohne Suff veranstalten – ohne Suff, aber mit viel guter Kultur. Was haltet ihr davon?« fragte Kyrre Eliassen enthusiastisch.
»Nein, ehrlich gesagt, jetzt mußt du ...« brachte ich heraus.
»Ja!« rief Inga Lunde – und natürlich bestimmte sie und keine andere über ihre eigene Hochzeit.
So kam es, daß wir uns im festlichen Kreis versammelt hatten, während nichts Stärkeres als Kefir im Haus war. Das machte mir nichts aus, auch wenn ich es ein bißchen verschroben fand, aber ich sorgte mich, daß es vielleicht ein bißchen zu verkrampft festlich zugehen könnte. Und was war mit dem Ehepaar Lunde? Wenn sie so gern ein oder fünf Gläschen wegknasperten, dann war das eine ziemlich schlaue Beleidigung. Aber ich kannte sie ja nicht – und auf ihre Reaktion war ich geradezu gespannt.
Bald stellte sich heraus, daß niemand Niels Adolf Lunde kannte, und da Inga ihn zu kennen glaubte, hatte sie ihn gröblich unterschätzt. Er und seine Gnädige kamen im größten Cabincruiser an, den ich je aus der Nähe gesehen hatte und den eine tadellos gekleidete Mannschaft, bestehend aus zwei jungen Herren, die ich nicht genauer anzusehen wagte, aus Angst, restlos abgelenkt zu werden, unten am Anleger vertäute. Das Boot hatte keinen geringeren Namen als »Seagull« und hatte zweifellos genausoviel Schnaps geladen wie Kronprinz Harald. Ich rede selbstverständlich nicht von SKH, Seiner Königlichen Hoheit, sondern von SMS, der Fähre Kiel-Oslo nämlich.
Mams und Paps Lunde waren im Rathaus erschienen und hatten auf der Ehre bestanden, ihre einzige Tochter und deren charmanten ersten Ehemann in ihrem bescheidenen privaten Fahrzeug zu Wasser nach Nesodden zu bringen – wenn die jungen Leute damit einverstanden waren? Aber das waren sie nicht. Ich war sauer, weil ich nicht miterleben durfte, wie Kyrre seinem Schwiegerpaps klarmachte, daß sie zusammen mit »allen anderen, die sich nicht in soviel dekadentem Luxus suhlen können«, Bundefjordens Dampfschiffahrtsgesellschaft vorzögen. So konnte Kyrre bereits ganz zu Anfang jeglichen Versuch von Klassenzusammenarbeit abbügeln, was Paps aber nicht daran hinderte, noch weitere Versuche zu unternehmen.
Als das Ehepaar Lunde am Anleger des Tempels an Land ging – er im weißen Seglerdress und sie in einem rosa Seidentraum –, brachten sie eine vereiste Magnumflasche Champagner mit, mit einem so blendenden Etikett, daß es im Sonnengeflimmer einfach nicht zu entziffern war. Und damit war es Inga – nicht Adele – Lunde, die die erste Szene des Abends improvisierte. Sie stürzte sich auf ihren Ursprung, daß Silber und Gold an ihrer echten Oslo-City-Tracht nur so klirrten, und informierte sie mit einem Flüstern, das noch auf dem dritten Tempelabsatz zu hören war, über die alkoholpolitischen Maßnahmen des Abends: »Schafft diesen Dreck sofort wieder an Bord! Hier ist der ganze Abend alkoholfrei – das hat in der Einladung gestanden –, und wenn ich merken sollte, daß ihr versucht, heimlich auch nur einen Tropfen zu trinken, dann jage ich euch sofort wieder auf See. Ist das klar?«
Paps nahm das so jovial hin, als ob ihm gerade ein Millionengeschäft durch die Lappen gegangen wäre.
»Aber liebes Kind, Inga, es war doch nur nett gemeint. Wir würden doch so gern auf dich und deinen Mann anstoßen, das kannst du dir ja denken, aber natürlich soll alles so sein, wie du willst. Ich stoße auch gern mit Obstsaft an!«
Ich stand auf dem ersten Absatz und beobachtete Mams während dieses Auftritts, und mir fiel auf, daß sie dabei nicht eine Miene verzog. Sie schien unverrückbar guter Laune zu sein. Sie sah auch sonst richtig gut aus, professionell konserviert, mit einer hellblonden Sonjafrisur, die ihr sehr gut stand. Sie sah keinen Tag älter aus als die Kronprinzessin, die damals vielleicht neunundzwanzig war. Und da war es doch umsichtig von Mams gewesen, daß sie ihre gemeinsame Frisur gebleicht hatte, damit niemand behaupten konnte, sie ähnelten einander wie ein Ei dem anderen.
Der Champagner wurde von einem der Matrosenanzüge wieder an Bord gebracht, und Inga schob ihre Eltern die vielen Treppen und Absätze bis zu der großen Terrasse hinauf, wo wir alle mit funkelndem Apfelsaft in garantiert keimfreien Plastikgläsern anstießen. Ich muß zugeben, daß ich ziemlich beeindruckt war, als ich Niels Adolf Lunde die Hand schüttelte. Er hatte eine frische, korkbraune Hautfarbe, die von viel Sonne und Segeln und Golf und so erzählte, und einen strammen, fast unmerklich zitternden Händedruck, der von einer nahezu übermenschlichen Selbstkontrolle zeugte. Inga überließ ihre Eltern sofort Ragnhild und mir. Wir fungierten als eine Art Reservegastgeber, während Øystein sich der kulturellen Belange annahm.
»Ihr habt hier ja wirklich einen phantastischen Ort gefunden«, plauderte Paps und nippte an seinem Saft. »Ist das über Bekannte gelaufen?«
»Nein, Inga hat das alles durch ihre großen Überredungskünste geschafft«, sagte ich, so höflich ich konnte. Mams warf einen langen Blick über den ganzen Putz und kommentierte mit milder Stimme: »Inga war immer schon wie ihr Vater in bezug auf Temperament und ... Geschmack.«
»Ja, die hält wirklich die Ohren steif!« erwiderte Paps. Er war sichtlich zufrieden mit dieser Bemerkung, aber Mams war auch nicht schlecht drauf:
»Du weißt genau, daß sie meine Ohren geerbt hat«, sagte sie tatsächlich, ehe sie sich an uns wandte: »Ansonsten sieht sie meiner Mutter als jungem Mädchen sehr ähnlich. Nach ihr ist sie auch getauft.«
»Das hat dein seliger Vater so entschieden, Liebe. Die Mutter meiner Frau ist verwitwete Pröpstin!« erklärte Paps mit klarer Aussprache, und danach sagte Mams lange gar nichts mehr.
»Wie ist denn so das Wohnen in ... einer Wohngemeinschaft?« fragte er Ragnhild. Sie trug ein schlichtes meergrünes Kleid, das all ihre Qualitäten betonte – nicht zuletzt auch ihre offene Freundlichkeit, die sie mit ihrem intelligenten Witz kombinierte.
»Es ist ungefähr so, wie ununterbrochen sturmfreie Bude zu haben. Es ist lustig, weil niemand über uns bestimmt, und anstrengend, weil keine Mutter für Ordnung im Haus sorgt.«
Das kam an.
Beide lachten und schienen sich ein kleines bißchen zu entkrampfen. Paps sah sie aufgemuntert an: »Aber, sag mal, ich hab immer gedacht, bei sturmfreier Bude würden unweigerlich Vaters Barschrank und Weinkeller geleert. Hat meine Tochter sich von den Guttemplern einfangen lassen, oder hab ich etwas Wesentliches mißverstanden?«
»Nein, wir sind keine Antialkoholiker, aber ... normalerweise trinken wir ja nichts, aber ... also, unsere Bewegung vertritt die sogenannte Maßhaltelinie.«
Ragnhild sandte mir eine lächelnde Bitte um Hilfe, während ich ebenfalls lächelte – nicht ohne eine gewisse Schadenfreude – und die Gelegenheit wahrnahm, die halbe Wahrheit zu erzählen.
»Heute ist ein ganz besonderer Abend, weil das Brautpaar gemeinsam beschlossen hat, eine alkoholfreie und kulturelle Hochzeit zu feiern. Wir waren anderer Ansicht, aber heute haben ja schließlich nicht wir zu bestimmen.«
»Es ist ja beruhigend zu hören, daß Adele und ich heute abend nicht die einzigen Dissidenten sind. Und deshalb lade ich euch gleich zu einem Drink auf die Seagull ein, wenn hier die schlimmsten Formalitäten überstanden sind. Denn an Bord bestimme ich, wer was trinken darf. Nicht wahr, meine Schöne?«
Mams’ Lächeln war um ein, zwei Millimeter abgesackt, wurde jedoch sichtbar strammer, als sie sagte: »Du mußt doch einsehen, daß Inga sich das nur ausgedacht hat, um mich zu demütigen – und dich, Nisse!«
»Aber, aber ...«
»Ich möchte am liebsten sofort wieder an Bord gehen. Es ist doch offensichtlich, daß diese Menschen uns überhaupt nicht hierhaben wollen. Ach, verzeiht mir, das war unverschämt von mir. Ich meine ja auch nicht euch beide, wirklich nicht. Ich weiß eure Offenheit und Höflichkeit zu schätzen. Ihr seid herzlich willkommen an Bord. Das meine ich wirklich ehrlich.«
»Wir können nicht einfach gehen, meine Liebe. Wir müssen uns wenigstens verabschieden.«
»Sofort, Nisse, sonst schreie ich!«
Sie lächelte immer noch genauso steif, aber ein gejagter Ausdruck trat in seine Augen, die er auf mich richtete, während er schnell sagte: »Dann schlage ich vor, daß dir unser junger Freund Yngve hier seinen Arm bietet und dich aufs Boot zurückgeleitet, meine Liebe.«
»Das ist ein hervorragender Vorschlag, Nisse. Gehen wir!« sagte sie und setzte uns beide elegant in moderate Bewegung auf eine Seitentreppe zu. Nisse wollte offenbar noch eine Weile herumnisseln, denn er nahm ebenso elegant Ragnhilds Arm, um sich herumführen zu lassen.
Frau Adele Lund und der junge Yngve Vilde müssen ein selten schönes Paar gewesen sein, als wir an jenem Nachmittag über die Balustraden des Tempels schritten. Sie sah aus wie ein leichter, flatternder, rosa Schmetterling, während ich ganz in Weiß war, abgesehen von meinem burgunderroten samtenen Rauchjackett aus dem Trödelladen, das Ragnhild für mich geändert hatte. Mir kam das alles etwas unwirklich vor, und auch wenn ich keine besondere Angst davor hatte, daß meine Begleiterin schreien oder explodieren könnte, war ich sehr gespannt, was auf dem Boot passieren würde.
Als Mams die Reling packte, um an Bord zu gehen, sah ich, daß ihr wie aus einem Schwamm der kalte Schweiß über die Stirn lief, und der Matrosenanzug, der hilfsbereit da stand, erhielt folgenden zitternden Befehl: »Mix vier Dry Martinis. Tout de suite! Ich komm’ allein zurecht.«
Damit schwang sie sich an Bord, irgendwo in ihrer unmittelbaren Nähe machte es »ritsch«, und sie verschwand im Inneren der Seagull wie ein Geist durchs Schlüsselloch. Ich stand auf dem Anleger und war einen Moment ziemlich verärgert, um es so zu sagen, aber dann dachte ich: Jaja, vielleicht ist’s besser, sie los zu sein! Nun erschien der zweite Matrosenanzug auf dem Vorderdeck und bat mich mit steinerner Miene, ihm zu folgen – und jetzt begriff ich überhaupt nichts mehr. Denn den, der in diesem Anzug steckte, hatte ich schon einmal gesehen. In einem Schwulenclub. Er konnte sich offenbar auch an mich erinnern, denn er versuchte, mir vielsagend zuzuzwinkern, und sagte dann ganz diskret: »Du brauchst nicht zu zeigen, daß du uns kennst. Dag und ich arbeiten in dieser Branche, und wir sind für diesen Abend hier gemietet. Hübschen Anzug hast du da an.«
»Danke gleichfalls, Schwester!« brachte ich heraus und konnte sogar fast einen Kicheranfall unterdrücken. »Noch strammer als in der Marine?«
Er führte mich den weiten Weg zum Achterdeck, wo Adele sich gerade einen Dry Martini zu Gemüte geführt hatte – und es war offenbar nicht ihr erster gewesen. Ihr kühles und lächelndes Äußeres war wiederhergestellt, und sie atmete erleichtert auf.
»Meine Güte, wie schön ist das, all diesen Leuten entronnen zu sein. Komm her und setz dich und trink auch etwas, Ingvar. Das hast du ehrlich verdient. Dag, Sie können uns noch eine Runde mixen.«
»Guten Abend, der Herr«, sagte Dag mit servilem Lächeln, während er Beefeater in einen Silbershaker goß. Ich hatte nie mit ihm geschlafen, aber wir waren einmal nahe daran gewesen. Diese Situation kam mir eher absurd als beunruhigend vor, und ich hatte wirklich Lust auf einen Drink.
»Er ist sehr trocken«, erklärte Adele. »So schmecken sie mir«, und sie nippte an ihrem fünften in fünf Minuten. Ich tat es ihr nach, und ich verschluckte mich auch nicht dabei. Ich hatte schon öfter Golden Cock pur aus der Flasche getrunken. Dag stand neben mir und füllte abermals mein Glas mit größter Selbstverständlichkeit – und nun ging mir auf, daß unsere Nummer damals geplatzt war, weil ich so blau gewesen war, daß er sich verdrückt hatte.
»Du hast wirklich ein leckeres Rezept – und einen ... tüchtigen Barmann. Shake it, baby!« sagte ich, und nun konnte Adele endlich natürlich und entspannt lachen.
»Ich hätte nicht erwartet, in dieser Gesellschaft einen – Kenner zu finden«, sagte sie und wurde ein bißchen rot. Sie meinte sicher einen »Gesinnungsgenossen«, aber es ist nicht immer leicht, im rechten Moment das richtige Wort zu finden, das weiß ich. »Kannst du mir nicht ein bißchen über dich erzählen? Das hier wirkt alles etwas erschreckend auf mich, die Politik und alles, was Inga so wichtig ist. Ich nehme an, du teilst ihre Ansichten, wo du doch mit in dieser ... Wohngemeinschaft lebst?«
»Ja, wir schwören alle auf die progressive Bewegung, aber ich glaube nicht, daß das ein Grund zur Besorgnis ist. Alle Generationen sind in ihrer Jugend wohl idealistisch und wollen die Welt verändern. War das bei Ihnen nicht auch so, gnädige Frau?«
»Aber mein Lieber, du mußt mich Adele nennen. Ich nenne dich ja auch Ingvar.«
»Jaja«, sagte ich und dachte, daß sie das ruhig weiter tun dürfte, die Arme. »Prost, Adele!«
»Prost, Ingvar! Du ahnst ja nicht, wie schön ich es finde, junge Menschen kennenzulernen, die ... mit denen man vernünftig reden kann. Ich verstehe ja, daß wir Alten auf euch ziemlich verknöchert wirken können, aber wir haben doch auch unsere Werte, die wir uns erarbeitet haben und die wir so gut wie möglich bewahren wollen.«
»Das verstehe ich nur zu gut. Ich hätte auch gerne so einen Cabincruiser zum Rumsausen. Wie heißt er doch noch, Seegold?«
»Naja. Das ist doch das kleine Spielzeug meines Mannes«, sagte Adele. Ich weiß nicht, ob sie aus Höflichkeit meinen Witz überhört hatte oder ob sie überhaupt nicht mehr zuhörte. »Es wäre phantastisch nett, wenn du mich einmal in der Villa besuchtest. Da fühle ich mich am wohlsten. Du nimmst doch sicher noch einen?«
Ich hatte Lust, ihr zu erzählen, daß ich immer schon schrecklich gern gesehen hätte, wie die Leute ganz oben in der Hitparade so leben, aber das mit den Drinks brachte mich in eine ziemlich elende Bedrängnis. Ich hatte zwar bei den Feierlichkeiten an Land keine direkten Aufgaben zu erledigen, aber ich fühlte mich moralisch verpflichtet, mich daran zu beteiligen. Ich war trotz allem ein Fünftel der Gemeinschaft. Andererseits hatte ich auch die hohe Verpflichtung auferlegt bekommen, mich um die Mutter der Braut zu kümmern – und das schien mir ja hervorragend zu gelingen. Drittens merkte ich plötzlich, daß die beiden Drinks mir bereits ein prickelndes Lustgefühl in den Beinen verschafft hatten, und das bedeutete, daß Inga und Kyrre meinen Schwips sicher bemerken würden. Das wäre nicht so gut, auch wenn ich es nicht darauf angelegt hatte. Also nickte ich eifrig und unbescheiden, als die schöne Adele mir einen dritten von den Trockenen anbot – mein Kopf sollte mit meinen Beinen um die Wette prickeln. Meine schweigende und ungebrauchte Nummer im Matrosenanzug mußte brav einschenken, und in diesem Moment legten die Musikanten oben auf der Tempeltreppe eine flotte Polka hin. Inzwischen waren sie ans Stromnetz angeschlossen. Wirklich fetzig, die Jungs. Adele hüpfte auf ihrem Kalbsledersessel hoch.
»Meine Güte«, brachte sie heraus. »Das ist ja schlimmer als Ragnarok!« Sie meinte wahrscheinlich das jährliche Rockkonzert auf Holmenkollen – oder redete sie wirklich von der Götterdämmerung, was weiß ich?
Jedenfalls war auf dem Festland der Bär los, und ich mußte mich breitbeinig hinstellen, um die ganze Folklore mitzubekommen. Die drei Martinis führten dazu, daß ich alles erlebte wie einen amerikanischen Musicalfilm in den knallenden Farben der fünfziger Jahre, was die Qualität dieses sinnlichen Genusses aber nicht minderte. Es sah einfach stark aus! Oben auf der Terrasse und auf den Plateaus und den Balustraden wimmelte es nur so von tanzenden, wirbelnden Paaren, und Silberschmuck und Spangen funkelten so sehr, daß ich mich auf ein Volkstanzfest in Delphi halluzinierte – obwohl unser Tempel an diesem Abend das Orakel völlig in den Schatten stellte. Niemals haben sich so viele mit so wenig Promille so amüsiert.
»Aber das ist doch geradezu vulgär!« schrie mir plötzlich Adele ins Ohr. Sie hielt sich krampfhaft an der Reling aus - mindestens - achtzehnkarätigem Gold fest.
»Das ist das ärgste Sammelsurium von Stilarten und Kulturen und Traditionen, das ich jemals erlebt habe! Das ist ja direkt lächerlich!«
Vielleicht hatte sie wie ihre unechte Zwillingsschwester Kunstgeschichte studiert, aber ich fand es taktlos, sie danach zu fragen, und so versuchte ich, ihr klarzumachen, daß sie doch einfach den Film genießen sollte, wo sie nun schon einmal im Kino war. Unglaublicherweise verstand sie genau, was ich meinte, und sofort begann sie unseren gemeinsamen kulturellen Beitrag zum Fest mit einem albernen Backfischlachen, von dem ich sofort angesteckt wurde. Und wir kakelten, was das Zeug hielt.
Auf diese Weise fand ich eine Busenfreundin vom Holmenkollåsen, die ich zwei geschlagene Stunden und bedeutend mehr und steifere Gin-Tonics lang behalten durfte. Ich glaube nicht, daß Adele enge Freundinnen hatte, denn die Arme hatte einiges auf dem Herzen. Sie vertraute mir so viele Seltsamkeiten an, daß ich bestimmt von Holmenkollens Freunden und den Freimaurertöchtern wegen Verleumdung und übler Nachrede vor Gericht gezerrt würde, wenn ich etwas davon verriete. Und dazu habe ich wirklich keine Zeit. Ich hoffe nur, das wird mir verziehen.
Wir vergaßen Zeit und Ort und andere weltliche Dinge wie zum Beispiel Essen. Ich habe nie erfahren, wie die sympathischen Schafe geschmeckt haben. Aber dann wurde ich von anderen lebhaften Klängen in die Wirklichkeit zurückgezwungen. Sie spielten »Zorba«, und ich wollte sehen, was da oben auf dem Hochzeitskuchen ablief. Und richtig: Die Herren Parteispitzen hatten sich, mit Kyrre in der Mitte, in einer demokratisch zentralisierten Reihe aufgestellt und gaben vor, griechischen Volkstanz mit derselben Eleganz zu beherrschen, mit der ihre Untergebenen Mingvasen durch die Luft schweben ließen.
»Komm her, Adele! Das mußt du sehen, wo du Stilrichtungen doch so gern hast! Jetzt tanzen sie griechisch im griechischen Tempel. Sie versuchen, sich zusammenzureißen und Ordnung ins Sammelsurium zu bringen.«
Mams kam an meine Seite geschwankt und mußte sich jetzt mit beiden Händen festhalten. Wir waren beide ziemlich blau, aber mit mir ging’s immer noch aufwärts.
»Sieh sie dir an, Adele. Siehst du? Die Buben tanzen, und die Madeln weinen.«
Ach, das saß! Wir krümmten uns vor Lachen – boshaft und gemein – und konnten endlich auch unsere bezaubernde Mannschaft mitreißen, die das alles sicher viel besser begriff als die arme Adele.
Leider wurde das Ganze einfach zuviel für sie. Auf einmal hatte sie jemanden, dem sie sich anvertrauen, mit dem sie sich betrinken und sogar köstlich amüsieren konnte – während ihre Tochter an Land in die kommunistische Partei einheiratete. Plötzlich sah alles schwarz für sie aus, und sie stürzte ab ins Down des Jahres.
»Hilf mir! Ooooo, hilf mir! – Ich halt es nicht mehr aus!« jammerte Adele Lunde, und ich begriff plötzlich, daß die Lage äußerst ernst war. Sie stand am Rande eines grausamen Zusammenbruchs, und den wünsche ich niemandem. Ich hielt ihre Hand und versuchte, auf eine rettende Idee zu kommen, aber leicht war das nicht. Dag brachte ein großes Glas Cognac, das wir ihr einflößen konnten, aber sie jammerte immer weiter. Sie heulte noch lange, ehe sie sich langsam beruhigte. Ich war blau und müde und hatte alles satt und versuchte, mich zum Aufbruch zu entschließen, aber sie wollte mich nicht loslassen. Sie umklammerte meine Hand, und dann sagte sie plötzlich klar und deutlich: »Du mußt mir eine Frage beantworten, Ingvar, und zwar ganz ehrlich. Glaubst du an das mit der ewigen Verdammnis?«
Ich wurde ziemlich schnell ziemlich nüchtern, denn das war die schlimmste Frage, die mir jemals gestellt worden war. Ich sah plötzlich Adele Lunde ganz deutlich. Das erstarrte Lächeln für den Festgebrauch verdeckte nicht nur Langeweile und Verwöhntheit – sie hatte Angst. Was hatte Paps noch gesagt? Ihre Mutter ist eine verwitwete Pröpstin. Ergo mußte Adele eine Pastorentochter sein, und Gott und ich auch konnten uns vorstellen, was ihr mit dem Rohrstock eingebleut worden war. Sie hatte Angst vor dem Tod. Sie hatte Angst vor der Hölle. Ach, die arme Adele.
»Nein!« sagte ich so fest und überzeugend, wie ich nur konnte. »Ich glaube nicht an die ewige Verdammnis. Ich glaube überhaupt nicht an die Hölle. Und du solltest das auch nicht tun, damit schaffst du dir doch bloß deine eigene Hölle hier auf Erden, und das macht dich nur kaputt.«
Sie sah mich mit unsicherem, flackerndem Blick an und preßte meine Hand.
»Ich würde dir so gerne glauben. Eigentlich will ich das ja auch, verstehst du. Ich will nicht immer an ... an den Teufel und all das denken müssen, aber ich schaffe es nicht. Ich kann mich von meinem Kindheitsglauben nicht befreien.«
»Ich dachte, der Kindheitsglaube sollte licht und froh sein? Daß Jesus auf uns aufpaßt und uns vergibt und so?«
»Aber ich habe so schrecklich gesündigt, verstehst du? Ich habe gegen den Heiligen Geist gesündigt, und dafür gibt es keine Vergebung. Ich bin verurteilt. Ich habe mich selbst zur Ewigen Verdammnis verurteilt.«
In diesem Moment brach eine energische Männerstimme in mein Bewußtsein ein, während eine noch energischere Hand mich von Adele wegzog und in einen Sessel drückte.
»Jetzt ist’s genug mit dieser ewigen Frage für heute, meine Liebe. Ich hab dir doch gesagt, daß du dir darüber nicht den Kopf zerbrechen sollst. Du erfährst die Antwort schon noch früh genug!«
Niels Adolf Lunde hatte offenbar große Routine darin, seine Frau zurechtzuweisen, denn sie riß sich augenblicklich mit nicht unbedeutender Kraftanstrengung zusammen.
»Tut mir leid, Nisse. Es war nicht so gemeint. Ich ... jetzt geht’s mir wieder gut. Jetzt ist alles in Ordnung.«
»Ausgezeichnet, meine Liebe. Meine Güte, jetzt wird mir ein Drink schmecken! Einen doppelten Glenfiddich bitte. Pur. Ja, großer Gott. Was man in diesem Leben aber auch alles erlebt. Und ihr seid gute Freunde geworden, sehe ich. Du hast wohl auch lieber einen Drink als all diese Kultur, oder, Yngve? Ja, da sind wir uns wohl alle drei einig. Was trinkst du denn?«
»Er heißt Ingvar, Nisse.«
»Was sagst du da? Ingvar? Kann ich mich denn so verhört haben?« Er blickte mich fragend an.
»Ingvar« bestätigte ich mit dem Mund voll von lahmer Zunge, und in diesem Moment stellte Dag noch einen Drink vor mich hin. Ich wollte protestieren, aber das gelang mir nicht.
»Prost, Ingvar, und willkommen an Bord. Ich bin sehr froh, daß wenigstens einer von euch unsere Gastfreundschaft nicht verschmäht. Deine Freundin Ragnhild hat sie eben abgelehnt.«
Ich nahm einen soliden Schluck aus meinem Glas, um etwas nüchterner zu werden, und dieses Mal blieb er mir fast im Halse stecken. Dag hatte Gin und Tonic im Verhältnis vier zu eins gemixt, bestimmt aus purer Bosheit.
»Ach, wie das schmeckt! Ich nehm gleich noch einen«, sagte Nisse, und dann fügte er reichlich grimmig hinzu: »Jaja, meine Liebe. Jetzt steht es ein für allemal fest. Ich habe eine Schlange an meinem Busen genährt.«
Diese Aussage kam mir so aufsehenerregend vor, daß ich mich in meinem Sessel aufrichtete und ihm ins Gesicht sah.
»Oder stimmt das vielleicht nicht?« fragte er mich aggressiv. Es war klar, daß er mehr volkstümliche Kultur auf einmal abbekommen hatte, als ihm guttat – und sicher mehr, als er in seinem ganzen Leben bisher erlebt hatte. Ich hatte gerade einen lichten Moment in meinem Rausch und war Manns genug, um zu verkünden:
»Aber klar doch. Wir sind die reine Schlangengrube!«
Da platzte Niels Adolf. Er sprang von seinem Sessel auf und wollte mich wohl am liebsten mit einem einzigen Hieb über Bord werfen. Ich danke der Vorsehung für die feinen Umgangsformen des Bürgertums.
»In diesem Fall, junger Mann, schlage ich vor, daß Sie machen, daß Sie an Land kommen, so rasch Ihre Beine Sie tragen können – falls Sie überhaupt noch gehen können, nachdem Sie sich hier meinen guten Alkohol zu Gemüte geführt haben. Ich will weder Schlangen noch anderes Ungeziefer hier an Bord haben. Dag und Pål! Helfen Sie diesem Herrn bitte an Land. Augenblicklich!«
Hiermit danke ich der Vorsehung auch für diesen letzten Befehl, denn ich hätte ohne die freundliche Unterstützung meiner mitverschworenen Matrosenanzüge niemals mit heiler Haut die Seegold verlassen können. Sie waren richtig lieb zu mir und stellten mich ordentlich auf den Anleger, wo ich mich dann sofort hinsetzte.
Und auf diese Weise konnte ich dann auch noch Paps’ avancierte Navigationskunst beobachten, als er zurücksetzte, wendete und mit einem Motorengebrüll wie von hundert verendeten Volkswagen davonbrauste. Und so verschwand leider auch Adele Lunde aus meinem Leben.
Wie auch Dag und Pål. Die beiden Seegoldstücke wurden aus meiner Saga entführt – in intakten Matrosenanzügen.
Das Lusthaus
»Ich kapier einfach nicht, wie man sich so besaufen kann. Kannst du den Blick fixieren, oder hast du die Augen bloß aufgemacht, um dich ein letztes Mal von mir zu verabschieden?«
Das war Øystein. Gott sei Dank. Weder sauer noch böse, sondern mich liebevoll neckend, wie er das so gern tat. Über ihm sah ich blauen Morgenhimmel zwischen viel Grünem, und dann entdeckte ich, daß ich mich aus irgendeinem Grund verpuppt in einen roten Schlafsack unter freiem Himmel aufhielt.
»Hallo, mein Junge. Meine Güte. Wo sind wir denn hier? Ich hab irgendwie das Gefühl, als ob du mich vor einem Schicksal, schlimmer als der Tod, bewahrt hättest!«
»Ja, was hast du eigentlich intus – in der Birne, meine ich? In der letzten Stunde hast du dich hier herumgewälzt und was von ewiger Verdammnis vor dich hingemurmelt ...«
»Ach, Herrgott. Das war Adele. Ingas Mutter. Sie lebt in der Hölle. Sie sind weg, ja? Sie ist im Boot geblieben?«
»Aber sicher, im Gegensatz zu dir. Ich hab dich mit Müh und Not hierher bugsieren können, ehe du völlig zusammengebrochen bist. Wir sind im alten Lusthaus, falls du dich daran erinnern kannst, und ich habe sogar dein Festgewand gerettet – o, wenn du wüßtest, was ich danach mit dir gemacht habe! –, aber du hast ja nicht mal gekotzt. Ich habe eine Barfußärztin um Rat gefragt, ob dir der Magen ausgepumpt werden müßte, aber sie hat bloß den Kopf geschüttelt und gesagt, daß du ihr leid tun wirst, wenn du aufwachst. Und das tust du jetzt ja. Was macht denn Ihr Kopf? Sie hat übrigens versprochen, nichts zu verraten, aber das war früh am Abend.«
»Sie wissen also nichts?«
»Nein, kein Grund zur Panik. Außerdem haben nach und nach ziemlich viele ihre Flachmänner ausgepackt, und deshalb mußte Kyrre sein gesamtes Enthaltsamkeitsprojekt aufgeben. Er war am Ende übrigens auch ganz schön beschwipst.«
»Stark! Da haben sie zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Sie haben Adele so gedemütigt, daß sie fast einen Zusammenbruch erlitten hätte, und außerdem hatten sie danach noch ein richtiges Fest. Clever.«
»Naja. Du hättest auch deinen Teil an diesen Gütern genossen, wenn du imstande gewesen wärst, noch mehr in dich hineinzukippen. Ich habe mich neulich übrigens auch selber in den Schnapsladen geschlichen, für den Fall, daß wir zwischendurch mal allein sein könnten, so wie jetzt.«
»Stimmt das? Willst du behaupten, ich wäre das einzige Ferkel hier, das dieses Enthaltsamkeitsgefasel ernst genommen hat? Und das dann als erstes den Drinks der Person zum Opfer gefallen ist, die eigentlich als Opfer ausersehen war, oder wie auch immer das zusammenhängt? Herrgott, was für ein Wirrwarr. Und ich hatte da auf dem Kahn ein rabenschwarzes Gewissen, weil ich der Brautmutter Gesellschaft geleistet habe – wie hast du das übrigens gemeint? Hast du noch was zu trinken oder was?«
»Aber sicher. Ich hab hier in der Kühltasche zwei Flaschen Liebfrauenmilch.«
»Neeeinn!«
»Hä? Ich dachte, du trinkst den gern. Hast du den nicht neulich getrunken, als wir es uns so gemütlich gemacht haben?«
»Doch. Schon. Ist in Ordnung. Ach, du bist mein Liebster! Hörst du? Ich muß nur schnell pissen und mir ein bißchen Wasser in die Visage spritzen und so. Wie spät ist es denn?«
»Halb fünf morgens. Du bist ja gestern abend schon um halb acht weggesackt, du hast also neun Stunden geschlafen. Ich sitze schon seit einer Stunde hier und meditiere – mit dir, und ich bin kein bißchen müde. Du solltest aber an den Strand gehen, um dich frisch zu machen, wenn du keine Lust hast, dem harten Kern guten Tag zu sagen, der noch immer im Tempel zugange ist. Ansonsten pennen überall haufenweise Leute. Ich hab’s geschafft, das Lusthaus zur Privatverwendung abzusperren, damit wir ein bißchen Ruhe haben können.«
»Mein Øystein! Ich komm so schnell wie möglich zurück.«
»Hier ist dein Trainingsanzug. Ich konnte ihn dir gestern abend einfach nicht anziehen, deshalb hab ich dich in der Unterhose in den Schlafsack gestopft. Und im Moment ist es ein bißchen kühl.«
»Ich hab dich so lieb – aber jetzt muß ich einfach pissen.«
Es war so seltsam, die gute Atmosphäre, in der ich bei Øystein aufgewacht war, zu verlassen. Überall leuchtete die Sommernacht. Der Fjord lag spiegelglatt da und gab den goldenen Nordhimmel und die blauen Ewigkeiten im Süden wieder. Es war wirklich Mittsommernacht, und seltsamerweise war ich nicht besonders verkatert. Ich fühlte mich ein bißchen schwindlig und mitgenommen, aber es half, einen Liter Ameisensäurekonzentrat von mir zu geben und mein Gesicht im frischen Seewasser zu waschen.
Als ich mich unten am Strand umdrehte, erschien mir der Tempel im Gegenlicht wie ein Palast aus Tausendundeiner Nacht, und als ich mich wieder dem Lusthaus näherte, mußte ich einfach stehen bleiben und glotzen. Denn auch dort hatte der Rote Tornado zugeschlagen, ohne daß es mir bisher besonders aufgefallen war. Was vorher ein drei Meter hohes undurchdringliches Dornengestrüpp mit verrosteten Eisenstangen gewesen war, hatten die fliegenden Chinesen – die sicher auch die Landwirtschaftsschule absolviert hatten – in ein richtiges Häuschen mit Wänden und einem Dach aus Rosen und gotischem Portal und kleinen, mit weißem Segeltuch ausgeschlagenen Fenstern verwandelt. Quer über den Eingang hatte Øystein ein breites Band mit dem abschreckenden Wort privat geklebt, was sogar in dieser Gesellschaft akzeptiert wurde. So anti-individualistisch sie auch sein mochten, sie hatten doch den Respekt vor dem Eigentum bewahrt. Gott sei Dank.
Ich mußte auf die Knie fallen, als ich den Ort, der bald bei mir und Øystein den Namen Rosengarten tragen sollte, zum ersten Mal betrat. Unseren Rosengarten. Øystein wartete dort mit zwei von den grünen Römern des Tempels und einer frisch geöffneten Liebfrauenmilch, die mir niemals besser geschmeckt hat. Als wir einander zugeprostet hatten, gestand er mir leicht verlegen, daß er sich den ganzen Abend nüchtern gehalten hatte, denn wenn er überhaupt etwas trinken wollte, dann nur mit mir und keinem anderen. Unter anderen Umständen hätte mich dieses Geständnis ziemlich runtergezogen, aber nun konnte ich verstehen, was er meinte, und sagte – ohne Vorwürfe und ohne Vorbehalte: Er wollte nur mit mir zusammen trinken, und danach wollte er mit mir schlafen. Und ich auch mit ihm! Ich war warm und geil, was mir sehr oft im ersten Katerstadium passiert, und wir hatten Zeit und Kräfte für unser Liebesspiel.
Die chinesischen Gartenarchitekten waren so avanciert gewesen, daß sie einen Boden aus mit Schilfmatten bedeckten Isoporplatten gelegt hatten, eine ganz treffliche Unterlage. Vor allem, als ich mit Øystein da lag. Gott, was war er doch gut! Zu allem Überfluß hatte er daran gedacht, meinen Tabak in einer Ecke zu deponieren, ehe er mein Festgewand gerettet hatte, und deshalb konnte ich mir danach eine drehen. Øystein schenkte uns mehr Wein ein und lachte:
»Eine von deinen ganz besonderen Eigenschaften ist, daß du deine Laster genießen kannst, so sieht es wenigstens aus. Wenn ich dich so sehe, kriege ich tatsächlich auch Lust aufs Rauchen. Mit Trinken hab ich ja schon angefangen. Prost, mein Liebster!«
»Prost. Das sieht bloß so aus. Richtig genießen kann ich das nicht. Ich rauche schon, seit ich sechzehn war, über acht Jahre also, und deshalb wird’s langsam gefährlich. Aber darüber reden wir jetzt nicht, ja?«
»Nein, alles klar. Wie lange bist du schon schwul? Ich meine, wie alt warst du, als dir das zum ersten Mal aufgegangen ist?«
»Ach, das war früh. Mit elf, zwölf Jahren. Als ich mich in Magnus verliebt hatte. Stell dir vor, das ist schon über zwölf Jahre her. Und du?«
»Das weiß ich noch genau. Ich war sechseinhalb.«
»Hä?«
»Es war im Sommer, bevor ich in die Schule gekommen bin. Ich war im Kino und habe ›Peter Pan‹ gesehen – und hab mich Hals über Kopf in diesen phantastischen Typen verknallt. Nicht bloß, weil er fliegen konnte, er war noch dazu so hübsch, weißt du.«
»Aber sicher. Rote Haare und grüne Kleider – er hatte etwas von einem Fuchs, nicht wahr? Und war zäher als der Zar. Ich fand ihn ein bißchen unheimlich – ich war nämlich ein ängstliches Kind. Aber ich weiß noch, daß ich mir so eine kleine Tinker Bell gewünscht habe, die Sternenstaub hinter sich ausstreut. Sie ist einmal fast von einem Fisch gefressen worden, der plötzlich aus dem Wasser schnellte, und ich habe geheult: Paß auf, paß auf! Die beißen!«
»Ja, die war süß. Und außerdem war sie auf diese Tussi eifersüchtig, in die Peter Pan verliebt war. Das war ich auch, konnte sie einfach nicht ausstehen. Aber das war nicht so wichtig, meine Beziehung zu ihm war viel wichtiger. Es war eine total physische Verliebtheit, verstehst du. Ich hab nachts von ihm geträumt, und beim Wichsen hab ich an ihn gedacht. Hab ihn sogar in mein Abendgebet eingeschlossen. Er wurde wichtiger für mich als Jesus, schließlich war er lebendiger. Ich hatte ihn ja gesehen, nicht wahr?«
»Ja, natürlich.«
»Ich hab den Film sechsunddreißigmal gesehen, aber die Entwicklung ist in meiner Birne weitergegangen. Ich habe viele Jahre mit Peter Pan gelebt – bis ich in die Pubertät kam und festgestellt habe, daß ich rothaarige Jungs nicht mochte. Sie waren ja bei weitem nicht so toll wie er. Das waren aber zwei von den anderen, vor allem einer, der Leif hieß und zufällig blonde Locken hatte. Erst da konnte ich mir den Film so weit aus dem Kopf schlagen, daß ich wieder auf dem Boden landete. Und da blieb ich dann auf beiden Füßen stehen, denn dieser süße Leif traute sich nicht. Stell dir das vor: Wir sind drei Jahre lang in dieselbe Klasse gegangen, und er mochte mich genausosehr wie ich ihn, aber er hat uns beiden verweigert, den körperlichen Aspekt unserer Beziehung zu erleben. Er hat sich einfach nicht getraut. Ach, ich habe lange gebraucht, um ihm das zu verzeihen. Der arme Leif. Mit Mädchen war er auch nicht zusammen. Ist immer noch nicht verheiratet.«
»Lebensangst heißt das. Aber was ist mit dir? Warst du mit Mädchen zusammen?«
»Naja, das kann ich nicht gerade behaupten. Zuerst wurde ich zum Mönch. Total abstinent. Ich entschied mich fürs Sublimieren und wollte alle Sexualenergie auf die Schule und aufs Zeichnen und Klavierspielen und so richten. Dann hab ich Heidi kennengelernt und versucht, mit ihr zu schlafen, aber das hab ich nicht geschafft, weißt du. Und dann hab ich dich kennengelernt. Stell dir vor, das ist erst drei Jahre her.«
»Was willst du damit sagen?«
»Daß ich siebzehn war und mich zum Schwulentreff geschlichen habe. Und da saßt du allein hinter einer Flasche Wein und einem Tisch und warst gerade noch nüchtern genug, um mich anzusehen – und mit diesem Blick hast du mich festgehalten.«
»Hab ich das? Aber du bist doch freiwillig mitgekommen?«
»Ja, sicher. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch kein Angebot bekommen, und dann hast du gesagt: Hei. Ich heiße Yngve. Ich find dich niedlich. Ich hab hier gleich um die Ecke eine Wohnung. Hast du Lust, mit mir zu schlafen?«
»Meinst du das im Ernst?«
»Aber sicher. Das mußt du doch noch wissen? Ich hab nicht einmal nachgedacht. Ich brauchte mir das nicht mal zu überlegen. Ich hab bloß ›alles klar‹gesagt, und dann sind wir gegangen. Und dann haben wir miteinander geschlafen. Und es war hundertmal stärker als Peter Pan. Und du warst so warm und gut – und viel zu blau –, und du hast mir einen geblasen, bis es mir gekommen ist. Und das war das erste Mal, daß ich mit irgendwem zusammen war.«
»Øystein. Das wußte ich nicht. Das hab ich nie kapiert. Daß ich dein erster war ...«
»Das weiß ich. Ich hab’s ja nie erzählt. Dachte, ich sollte auf die passende Gelegenheit warten. Und die ist jetzt. Prost!«
»Ach, Prost, mein Junge.«
»Und jetzt frag ich dich – zum dritten Mal – in vollem Ernst und mit den edelsten Absichten: Willst du mich heiraten?«
»Du hast versprochen, damit nicht mehr rumzunerven.«
»Aber warum nicht, Yngve? Du liebst mich doch? Wir leben doch zusammen und sind uns treu? Warum hast du solche Angst davor, ein Versprechen abzulegen, wenn du weißt, wieviel das für mich bedeutet?«
»Hör zu. Jetzt sag ich dir etwas Wichtiges, was ich sicher viel früher hätte sagen sollen, aber ich habe eben auch etwas für eine passende Gelegenheit aufbewahrt. Ich liebe dich, Øystein Einhorn. Und das werde ich für die überschaubare Zukunft weiter machen, so gut ich kann, mit meinem Kopf und mit meinem Körper. Aber ich kann dir nicht versprechen, daß es bis in alle Ewigkeit so sein wird, denn über die Ewigkeit habe ich keinen Überblick. Den hast du auch nicht. Ich will kein Versprechen von dir, das gelten soll, bis daß der Tod uns scheidet; bis dahin kann es noch lange dauern. Ich hoffe sogar, daß es noch lange dauert. Weil du mir dabei hilfst, meine Lebensangst zu verjagen, und dafür bin ich dir sehr dankbar, weißt du. Aber gerade deshalb darfst du mich nicht weiter bedrängen. Das ist einfach gefährlich!«
»Aber ich will dich doch nicht zwingen. Ich kann einfach den Gedanken an solche lockeren Bindungen nicht ertragen. Ich will nicht in amerikanischen Verhältnissen landen, mit Dreiecksbeziehungen und Partnertausch und nebenbei jede Woche oder jeden Tag neuen Liebhabern.«
»Wenn du davor Angst hast, dann solltest du mich gut genug kennen, um zu wissen, daß ich davon nie viel gehalten habe und das auch nie tun werde. Obwohl ich immer das Recht der anderen verteidigen werde, genau das zu tun. Du darfst für niemanden außer für dich selber moralische Gesetze aufstellen, Øystein. Und für mich schon gar nicht. Ich will dich unter meinen eigenen Prämissen lieben, und dazu gehört auch das Tolerieren unterschiedlicher Meinungen. Diesmal sind wir uns in der Praxis einig, in der Theorie aber nicht.«
»Du reservierst dir also das Recht zum Ausflippen, falls du irgendwann Lust dazu hast und mit sechzehn Leuten pro Woche schlafen willst? Das läßt sich machen, weißt du. Und es gibt viele, die das tun. Hier, auf dieser Erde. In diesem Moment!«
»Solange die das freiwillig tun, geht das weder dich noch mich etwas an. Aber ich persönlich habe durchaus nicht vor ...«
»Du hast doch den Artikel in ›Gay News‹ über die Saunas in New York gelesen? Über den Typen, der damit geprotzt hat, daß er mit über dreitausend Individuen geschlafen hat? Stell dir das vor! Denk dir doch bloß die Zahl tausend. Das bedeutet zehn Jahre lang zwei pro Woche. Was ist denn das für ein Leben! Was soll das alles? Kannst du mir das erzählen?«
»Nein, kann ich nicht. Aber es heißt Promiskuität und ist durchaus kein neues Phänomen. Don Juan ist doch gerade wegen seiner Eroberungen wie ein Held verehrt worden – also ist offenbar alles in Ordnung, solange man nicht schwul ist.«
»Das sind deine Worte.«
»Nein, das sind die Worte der Gesellschaft.«
»Okay, du hast recht. Es ist klar, daß heterosexuelle Promiskuität genauso destruktiv ist wie homosexuelle.«
»Und mindestens genauso verbreitet. Du hast doch selber oft mit Crosby, Stills und Nash gesungen: ›If you can’t be with the one you love, love the one you’re with.‹ Gott soll mich schützen, aber das ist wirklich kurzgefaßt die ganze große Botschaft unserer Generation. Neunzig Prozent von uns ficken wie die Ratten. Und mir macht das im Grunde nichts aus. Es stört mich nicht, auch wenn ich im Moment versuche, mich aus diesem Rattenrennen herauszuhalten. Während du dich über einen schnöden Artikel über die Schwulensaunas in New York aufregst, der uns zu Sündenböcken stempelt, weil er verschweigt, daß alle auf demselben Trip sind.«
»Aber daß die Mehrheit sich falsch verhält, kann doch wohl nicht bedeuten, daß ausgerechnet du sie verteidigst?«
»Erstens verteidige ich die Mehrheit nicht. Ich versuche, uns Schwule gegen die moralinsauren Angriffe von Sexisten in aller Welt zu verteidigen, die sich im selben Tempo wie unser Befreiungsprozeß verstärken werden. Zweitens verteidige ich keine promiskuöse sexuelle Praxis als solche – aber ich will sie auch nicht verdammen! Was zwei oder mehr Menschen aus freiem Entschluß miteinander machen, ohne sich gegenseitig weh zu tun, ist ihre Sache. Solange sie niemandem Schaden zufügen ...«
»Aber das ist es ja gerade, Yngve. Sie schaden sich und anderen. Sie nehmen Schaden an ihrer Seele.«
»Wenn es so ist, dann sind sie auch dafür selber verantwortlich. Außerdem möchte ich wetten, daß die meisten von denen, um die es hier geht, nein sagen würden, wenn du sie fragtest, ob sie eine Seele haben – und dann ist die Seele doch wohl von Anfang an schon ziemlich lädiert, oder?«
»Und was ist mit dir – hast du keine Seele?«
»Aber sicher doch. Um die brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ich glaube nicht, daß ich daran Schaden genommen habe, bis jetzt nicht. Ich brauche jedenfalls für keinen meiner Liebhaber Absolution.«
»Wie viele hast du denn gehabt?«
»Ich?«
»Du, ja. Mit wie vielen hast du in wie vielen Jahren geschlafen?«
»Ach, da muß ich erst nachzählen: Magnus, Janne, Wildwein ...«
»Zähl in Gedanken!«
»Okay, einen Moment noch. Du bist Nummer fünfzehn – das war vor drei Jahren, und inzwischen sind noch vier dazugekommen, von denen ich dir schon erzählt habe. Neunzehn insgesamt. Sagen wir zwanzig, dann zählst du doppelt. In elf Jahren. Das macht im Durchschnitt ein halbes Jahr pro Mann – keine halbe Stunde, du Dussel! Ich kann gut zugeben, daß es oft meine Schuld gewesen ist, wenn diese Beziehungen zu Bruch gegangen sind. Aber ich habe wirklich versucht, mein Bestes zu tun. Und das versuche ich jetzt auch, Øystein. Zusammen mit dir. Aus ganzem Herzen. Und wir haben die Zukunft vor uns. Aber nicht in Ketten.«
»So hab ich das nicht gemeint – ich wollte dich nicht mit diesen Amis vergleichen –, aber ich bin froh, daß du mir das erzählt hast. Daß es nicht mehr waren. Jetzt weiß ich das. Und ich will dich nicht binden!«
»Großer Gott, du bist genauso eifersüchtig auf meine Vergangenheit wie damals auf diese Tussi von Peter Pan, die übrigens Wendy hieß und total in Ordnung war. Ohne sie hätte es überhaupt kein Märchen gegeben. Keinen Pan. Und du mußt noch etwas kapieren. Im Gegensatz zu ihm bin ich wirklich. Du kannst mich immer noch anfassen. Aber wenn du ein Kapitän Hook wirst, der versucht, mich gefangenzuhalten, dann fliege ich weg.«
»Nein!«
»O doch. Ich kann so leicht wie ein Füllen über alle Berge fliegen.«
»Ja, das hast du letztes Mal ja auch getan.«
»Ich oder Peter Pan?«
»Du natürlich. Nach dem ersten und einzigen Mal wolltest du nichts mehr mit mir zu tun haben.«
»Aber das war doch nicht deine Schuld! Ich wollte mich nicht verpissen. Ich war doch impotent von all dem Dope, das ich damals eingeworfen habe. Das hab ich doch sicher gesagt?«
»Du hast gesagt: Geh und such dir einen jungen virilen Typen in deinem eigenen Alter, ich schaff’s ja doch nicht mehr!«
»Ja, genau. Und das stimmte damals ja auch. Ich sah keine Lösung für meine eigenen Probleme, und deshalb wollte ich dich nicht an mich binden.«
»Das hattest du doch schon gemacht.«
»Was?«
»So leicht bis du mich doch nicht losgeworden. Ich bin jetzt hier, nicht wahr?«
»Meinst du, daß ...«
»Glaubst du, ich wäre deinem leichtfertigen Rat gefolgt? Glaubst du wirklich, ich war damals bloß auf Sex aus?«
»Ja, aber ...«
»Ich glaube, du hast intuitiv begriffen, daß ich es ernst meinte – so zugedopt und besoffen du auch warst. Du hast gefühlt, daß du mir vom ersten Blick an im wahrsten Sinne des Wortes wichtig warst, und den Gedanken konntest du nicht ertragen – seriöse Gefühle annehmen und selber zeigen zu müssen. Da war es leicht, alles auf die Potenz zu schieben und zu fliehen – in ein inneres Exil, ja? Hinter Scheuklappen und Spiegelglasbrillen und schlaf in himmlischer Ruh!«
»Øystein, ich ...«
»Und wo du schon Parallelen zu Peter Pan ziehst, also bitte: Ich hab dasselbe gemacht wie damals. Ich habe mich fürs Warten entschieden. Aber diesmal wußte ich, daß du erreichbar warst, denn ich hatte dich ja einmal erlebt. Und da habe ich etwas begriffen, was ich eigentlich nicht sagen wollte, aber jetzt bittest du ja geradezu darum! Nicht dein Dope hat dich impotent gemacht, sondern deine Angst vor meinen Gefühlen! Ich hatte dasselbe mit Heidi erlebt – daß ich Angst davor hatte, in etwas hineinzurutschen, auch wenn ich Lust hatte. Hör also auf, alles mögliche andere verantwortlich zu machen. Trotz allem bist du verantwortlich für das, was du tust, und für das, was dabei herauskommt. Ich auch. Ich habe gewartet. Ich bin ganz schön stur, weißt du. Ich habe auf die Chance gewartet, dir aus deinem Exil herauszuhelfen. Dann habe ich gehört, du wärst mit Jonas Löwenherz zusammen, und da dachte ich, das überlebst du nicht. Aber ich habe nicht aufgegeben. Ich durfte einfach nicht aufhören, zu hoffen und an das Gute zu glauben. Und dann habe ich erfahren, daß du in Liseberg saßt, und mein Vater war auch dort gewesen, und deshalb wußte ich, daß ich jetzt dran war. Denn dort konntest du nicht im inneren Exil bleiben – nicht in einem norwegischen Verhaltenstherapie-Asyl. Deshalb habe ich dich besucht und dir einen Brief geschrieben – und dann bist du hergekommen. Und du bist immer noch hier. Und du sollst hier sein. Das ist der Sinn von allem. Du bist der einzige, den ich je gehabt habe und jemals haben will. Ich bin nicht auf deine anderen eifersüchtig, da mußtest du eben durch. Aber jetzt gibt es nur noch uns beide. Von jetzt an gibt es nur uns, in alle Ewigkeit, ob dir das nun paßt oder nicht. Das ist unser Karma, Yngve. Es steht in den Sternen geschrieben. Und ich liebe dich auch.«
Später habe ich oft an das gedacht, was an diesem Morgen in unserem Lusthaus passiert ist, denn es war für uns beide eine Schicksalsstunde. Und damals weigerte ich mich kategorisch, an das Schicksal und Gott und den Teufel und diesen ganzen Müll zu glauben. Als deshalb Øystein vom Karma lossülzte, was immer das sein mochte, und von Sternenschrift – als ob die irgendwer deuten könnte! –, war ich äußerst skeptisch und reichlich genervt. Denn ich wußte ja, daß er kein bißchen geistig daneben war. Ich wußte, daß er das, was er sagte, wirklich meinte und glaubte – aber ich konnte diesen Glauben einfach nicht teilen, auch wenn ich im tiefsten Herzen den heißen Wunsch dazu verspürte. Ich beschloß, die Situation aus materialistischer Sicht auszulegen, und natürlich hatte Øystein recht, wenn ich mir die historischen Tatsachen überlegte. Wir hatten uns vor drei Jahren scheinbar durch Zufall kennengelernt, und er war mit mir nach Hause gekommen. Und er hatte meine ganze Situation restlos durchschaut, denn er hatte etwas – eine intensive Zärtlichkeit –, womit ich einfach nicht umgehen konnte. Denn dann hätte ich mich zusammenreißen müssen. Deshalb versuchte ich, ihm kurz ein nettes Erlebnis zu verschaffen, um ihn dann loszuwerden. Aber nein – er hatte also an mir festgehalten, ohne daß ich das wußte, und am Ende war ich derjenige gewesen, der zu ihm gekommen war. Und da sah ich es endlich klar: Ich hatte mich damals auch in Øystein verliebt, aber ich hatte meine Grenzen erkannt. Ich hätte es nicht geschafft, mich zusammenzureißen, und dadurch hätte ich unsere Beziehung zerstört. Sobald ich jedoch reif genug war, um ihn ernst zu nehmen und mich ganz und gar in unsere Beziehung einzubringen, war ich freiwillig gekommen. So einfach war das. Nix mit Magie oder – Karma! Gott sei Dank. Aber sollte ich ihm in dieser Heiratsfrage nachgeben? Er wollte unsere Beziehung wohl vor Gott und den Menschen legalisieren.
»Aber wie sollen wir denn überhaupt heiraten? Vom Standesamt sind wir ausgeschlossen, und du bildest dir ja wohl nicht ein, der Bischof würde uns im Dom trauen?«
»Natürlich nicht. Aber ich kenne einen Pastor, der uns in seiner Kirche trauen würde. Vor unseren Familien und Freunden.«
»Lieber Øystein. Verlang das nicht von mir. Bitte, setz mich nicht unter Druck! Ich habe einfach nicht die Nerven, um eine der Hauptpersonen in einem norwegischen Kirchenstreit über Homosexualität zu werden. Es war schon schlimm genug, an der Maidemo teilzunehmen.«
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