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Friedrich Gerstäcker

Die Regulatoren in Arkansas

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2021 OK Publishing

EAN 4066338113535

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Der Leser macht die Bekanntschaft von vier würdigen Leuten und erfährt etwas Näheres über ihre Lebensverhältnisse

2. Mehrere neue Personen erscheinen auf dem Schauplatz. – Wunderbares Jagdabenteuer des »kleinen Mannes«

3. Der Indianer und der Methodistenprediger – Die Einladung zur Hochzeit

4. Die Regulatoren – Zank und Kampf

5. Brown und Marion

6. Die Bärenhetze – Der sonderbare Fund – Des Indianers Scharfsinn

7. Zwei echte Backwoodsmen – Bahrens' und Harpers Erzählungen

8. Ein Morgen in der Blockhütte – Die Blutspuren – Assowaum taucht nach dem Toten

9. Das vierblättrige Kleeblatt verhandelt eine Geschäftssache – Rowsons gerechte Entrüstung über den Mord

10. Die Sheriffwahl in Pettyville – Die Verfolger sind auf den Fährten

11. Assowaum, der Befiederte Pfeil, und seine Squaw – Weston und Cotton erwarten ungeduldig die Kameraden

12. List der Pferdediebe – Die Überraschung – Alapaha und Rowson

13. Der Prediger wird von der Indianerin entlarvt – Die gelungene Flucht

14. Brown auf dem Rückweg – Die geheimnisvolle Zusammenkunft – Der Indianer – Der alte Farmer – Kanufahrt

15. Die Betversammlung – Die Schreckensbotschaft

16. Die Totenwache

17. Das Begräbnis der Indianerin

18. Roberts' Abenteuer auf der Pantherjagd

19. Harpers Blockhaus – Cooks Bericht über die Verfolgung der Pferdediebe – Harpers und Bahrens' wunderbare Erzählungen

20. Rowson bei Roberts – Assowaum

21. Wilsons Geständnis – Die Wäscherin

22. Atkins Wohnhaus – Der fremde Besuch – Die Parole

23. Die Verbrecher – Unerwartete Gäste – Ein neuer Plan

24. Die Pionierfamilie – Der neue Regulator stellt sich selbst seine Falle

25. Harper und Marion – Ellens Ankunft bei Roberts

26 Die Regulatorenversammlung – Jones befindet sich in einer höchst unangenehmen Lage – List gegen List

27 Rückkehr von der Versammlung

28. Der Indianer auf Johnsons Fährten

29. Rowson bei Roberts – Die Truthühnerjagd – Ellen und Marion

30. Der Hinterhalt

31. Eine Damengesellschaft – Die Überraschung

32. Die Kreuzeiche

33. Der entlarvte Verbrecher

34. Die Belagerung

35. List und Gegenlist – Der Überfall – Assowaum und Rowson

36 Das Gericht der Regulatoren

37 Roberts' Haus

38. Die Rache des Befiederten Pfeils

39. Schluß

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Wenige Worte werden genügen, diese Erzählung aus den westlichen Wäldern Amerikas bei dem Leser einzuführen und ihn darauf vorzubereiten, was er überhaupt darin zu erwarten hat.

Arkansas, von den Vereinigten Staaten seit 1836 in die Union aufgenommen, hatte sich in früheren Jahren den Ruf erworben, daß alles Gesindel aus dem Osten und Süden in seinen weglosen Wäldern und Sümpfen einen Zufluchtsort gegen den strafenden Arm der Gerechtigkeit gesucht und gefunden habe und dort auf eigene, freie Hand sein Wesen treibe.

Solche Gerüchte waren nicht ohne Grund, Spruch und Gesetze aber machtlos in diesen Wäldern. Ehe der Sheriff einen Verbrecher fassen konnte, hatte sich dieser auf dem Rücken seines eigenen oder eines fremden Pferdes in ein anderes County geflüchtet und wurde nicht mehr gesehen. Aber auch wirklich ergriffen, blieb es eine fast noch schwierigere Aufgabe, den Gefangenen festzuhalten. Entweder brach er sich selbst Bahn aus dem Blockhaus, in das man ihn gesperrt, oder er sah sich von einer Bande seiner Freunde, die es vielleicht kaum für nötig hielten, ihre Gesichter zu färben und unkenntlich zu machen, in der ersten Nacht befreit und trieb nach wie vor sein Unwesen.

Auf den Pferdediebstahl legten sich die Verbrecher besonders, da nach der westlichen Sitte die Tiere und Herden der Pioniere frei im Walde selbst ihr Futter suchten und also keiner so genauen, ja oft nicht der mindesten Aufsicht unterworfen waren. Als nun noch überdies im Jahre 1839 die Todesstrafe für Pferdediebstahl aufgehoben wurde, machten in verschiedenen Teilen des Staates manche ein wirkliches Geschäft daraus, und die Hinterwäldler sahen sich endlich zu ernsten Maßregeln gezwungen.

Die Gesetze vermochten nicht, sie auf ihren einzelnen, oft viele Meilen voneinander entfernten Farmen zu schützen, die »Männer von Arkansas« traten daher zusammen und bildeten den Regulatorenbund, ergriffen, was ihnen verdächtig erschien, peitschten die Gefangenen, bis sie ihre Vergehen gestanden und ihre Mitschuldigen nannten, und hängten oder erschossen die Missetäter, sobald das Verbrechen nur erst einmal hinlänglich bewiesen werden konnte.

Daß bei diesem willkürlichen Verfahren auch manches Unrecht geschah, läßt sich denken. Mehrere Male wurden sogar Unschuldige aus ihrer friedlichen Hütte geschleppt und gezüchtigt. Deren freies arkansisches Blut empörte sich dann natürlich gegen die unverdiente Mißhandlung, die sie nicht auf dem Wege der Gesetze, sondern durch eigene Kraft wieder zu rächen suchten und ihre Richter heimlich oder öffentlich niederschossen. Im allgemeinen erreichte aber doch dieses ernste Durchgreifen der Pioniere seinen Zweck, und als das Lynchgesetz, wie die Regulatoren ihr Gerichtsverfahren nannten, an verschiedenen Orten des Staates angewendet worden war, fingen die Pferdediebe an einzusehen, daß es in Amerika noch sicherere und wohnlichere Plätze für sie gab als gerade Arkansas, und die meisten flüchteten nach Texas.

Meine Erzählung fällt nun in jene Zeit, wo das Unwesen seinen höchsten Grad erreicht hatte und Selbstschutz den Farmern und Jägern zur Notwendigkeit wurde. Der größte Teil der Ereignisse ist keineswegs erdichtet, sondern hat sich, wenn auch auf verschiedenen Plätzen und in ausgedehnterem Zeitraum, wirklich zugetragen, besonders ist der Methodistenprediger eine geschichtliche Figur. Ich selbst war Zeuge mehrerer Szenen und schrieb einst an Ort und Stelle die Namen von sechsundwanzig solcher Ehrenmänner nieder, die durch die Regulatoren mit Hilfe des schwarzen »Hickorys« einem der aufgegriffenen Verdächtigen entlockt wurden.

So möge sich denn der freundliche Leser auf kurze Zeit mit mir zurückversetzen in die schönen Wälder jenes herrlichen Landstriches, und wenn er auch nicht gleich nach Durchsicht des Buches sattelt und aufsitzt und nach den fernen Regionen des Westens, wie die Hinterwäldler sagen, »Fährten macht«, so hoffe ich doch, daß er, neben einigen weniger angenehmen Bekanntschaften, auch recht gute und liebe Leute kennenlernen wird, die ihn mit den Schattenseiten der übrigen aussöhnen mögen.

1. Der Leser macht die Bekanntschaft von vier würdigen Leuten und erfährt etwas Näheres über ihre Lebensverhältnisse

Inhaltsverzeichnis

Dem freundlichen Mai waren die wilden Frühlingsstürme gewichen. Blumen und Blüten drängten sich zwischen dem gelben Blätterlager hervor, das dicht den Boden bedeckte und nur hier und da von saftgrünen, lebensfrischen Grasflecken unterbrochen wurde. Aber Blüte an Blüte quoll auch aus den Zweigen der niederen Dogwoodbäume und Gewürzbüsche hervor. Blumen und Knospen hingen an den üppigen Lianengewinden, die sich von Baum zu Baum schlangen, nieder, verwandelten die Wildnis in einen Garten und erfüllten mit lieblichem Wohlgeruch den von riesigen Fichten-, Eichen- und Sassafrasbäumen überwölbten Waldesdom. Drängte sich die Sonne durch die dichtbelaubten Wipfel der gewaltigen Stämme, so ließ das Gewirr von Schlingpflanzen und Buschwerk kaum hier und da einen verstohlenen Strahl zur Erde nieder, und Dämmerung herrschte in diesem Teil der Niederung, während das Tagesgestirn schon hoch am Himmel glühte. Damit schienen übrigens die Gestalten, die sich hier am Fuß einer mächtigen Kiefer niedergelassen hatten, ganz einverstanden zu sein, denn der eine von ihnen reckte die Glieder und sprach, zu dem grünen Laubdach über sich emporschauend:

»Ein herrlicher Platz für vertrauliche Zusammenkünfte – ein ganz vorzüglicher Platz. Der Rohrbruch, nach dem Fluß hin, hält gewiß jeden vernünftigen Christenmenschen ab, seinen Weg in dieser Richtung einzuschlagen, und die dornigen Schlingpflanzen hier oben sind ebenfalls nicht so einladend, daß sich einer ganz nutzlos hineinwagen sollte – und nutzlos wär's, denn daß kein Wild mehr in der Nähe weilt, dafür, denk ich, hätten wir gesorgt,«

Der Sprecher war, soweit es seine behaglich auf dem Laub ausgestreckte Gestalt erkennen ließ, ein Mann von über sechs Fuß, mit muskulösem Körperbau und freien, offenen Zügen, sein Blick hatte aber etwas unheimlich Wildes und irrte unstet von einem Ort zum andern. Sein ganzes Äußere verriet einen hohen Grad von Nachlässigkeit. Der alte, löchrige Filzhut war ihm vom Kopf gefallen, und das Haar stand struppig und ungekämmt empor: der borstige Bart schien eine Woche lang vernachlässigt zu sein, und ein sehr abgetragenes blauwollenes Jagdhemd, an dem einzelne einst gelb gewesene Fransen wild herabhingen, war mit alten wie neuen Blutflecken überdeckt. Diese wurden übrigens durch ein frisch abgestreiftes Hirschfell an seiner Seite erklärt. Überhaupt schien der Bursche den Wald zum Hauptaufenthalt zu haben. Die Büchse lag neben ihm am Boden; die Beine staken in vielfach ausgebesserten ledernen Leggins oder Gamaschen, und ein Paar Mokassins aus Rindshaut vollendeten den keineswegs kleidsamen Anzug.

Sein Gefährte, der neben ihm, mit dem Rücken gegen den Baumstamm gelehnt, saß und mit einem langen Messer (in der Landessprache gewöhnlich »Arkansas-Zahnstocher« genannt) Holzspäne schnitzelte, unterschied sich etwas, und zwar zu seinem Vorteil, von dem rauhen Nachbarn. Seine Kleidung war sauberer, sein ledernes Jagdhemd, das, wenn auch alt und viel gebraucht, doch mit besonderem Fleiß gearbeitet schien, etwas besser gehalten als das des ersteren, und sein ganzes Aussehen bewies, daß er eine bessere Erziehung erhalten als der wilde Waldbewohner oder doch wenigstens erst kürzlich aus dem elterlichen Haus gekommen sei. Das letztere wurde noch durch seine Jugend so viel wahrscheinlicher, da er kaum mehr als siebzehn Jahre zählen konnte.

Der dritte war den beiden Beschriebenen total unähnlich, und was jene an Wildheit und Lebensmut besaßen, schien dieser durch Sanftmut und Leutseligkeit wieder ausgleichen zu wollen. Seiner Kleidung nach gehörte er der Klasse wohlhabener Farmer an. Der blaue, vom besten wollenen Stoff gefertigte Frack – die gewöhnliche Tracht der amerikanischen Landleute –, die saubere gelbe Weste, die sorgfältig geschwärzten Schuhe, der neue breitrandige Hut, alles bewies, daß er etwas auf sein Äußeres halte und, wenn auch in manchen anderen Stücken, doch keineswegs in jener Mißachtung jeder anständigen, reinlichen Kleidung mit der Gesellschaft, in der er sich gerade befand und zu der er offenbar zu gehören schien, harmoniere. Er lehnte, ein Bein übers andere geschlagen, an einer kleinen Eiche und sah sinnend zu dem Sprecher hinüber, der seinen Kopf wieder faul auf das die Wurzeln des Baumes bedeckende Moos zurücksinken ließ.

»Oder sorgt vielmehr jetzt noch dafür, Cotton«, beantwortete er dann mit etwas näselnder Stimme die Äußerung des Jägers, »wenn es auch nicht in Ordnung ist, daß Ihr selbst am heiligen Sabbat ohne dringende Not umhergeht und die friedlichen Tiere des Waldes erlegt.«

»O geht zum Teufel mit Eurer Predigt, Rowson!« fuhr der Jäger halb ärgerlich, halb lachend auf, während der junge Bursche einen spöttischen Blick auf die ernsthafte Gestalt des Mahners warf. »Spart die Moral, bis Ihr in die Ansiedlung kommt, und verschont uns hier mit dem Unsinn. Wo aber nur Rusch stecken mag – verdammt will ich sein, wenn ich mir das erklären kann. Er versprach, ganz bestimmt mit Sonnenaufgang hier zu sein, und jetzt ist die Sonne bald drei Stunden hoch – die Pest in seinen Hals!«

»Ihr werdet ihn mit Eurem gotteslästerlichen Fluchen nicht herbeirufen«, erwiderte kopfschüttelnd der andere: »aber«, fuhr er dann, etwas lebhafter werdend, fort, »auch mir dauert die Zeit zu lang. Ich muß um zehn Uhr in der Betversammlung sein und habe noch sechs Meilen bis dahin zu reiten.«

»Die beiden Geschäfte scheinen sich bei Euch sehr gut zu vertragen!« Der Jäger lächelte verächtlich. »Predigen und Pferde stehlen – hm, paßt wirklich recht gut zusammen, kann auch recht gut nebeneinander bestehen, denn der ›Sabbat‹, wie Ihr ihn nennt, ist doch ein schlechter Tag für unser Geschäft. Aber laßt die Faxen hier im Wald, wo wir unter uns sind. 's ist – das wenigste zu sagen – langweilig.«

»Nun, habt keine Angst, Ihr sollt nicht lange mehr damit belästigt werden«, entgegnete Rowson, während er mit Wohlbedacht eine Prise aus einer Muscheldose nahm. »Doch seht«, fuhr er dann lebhafter fort, »Euer Hund spitzt die Ohren – er muß etwas wittern.«

Ein grau- und schwarzgestreifter Schweißhund hatte sich, einige Schritte von den Männern entfernt, auf dem einzigen kleinen sonnigen Fleck zusammengeknäult, wo ein umgestürzter Baum in das dichte Laubdach eine Lücke gerissen. Vorsichtig windend hob der Hund jetzt die Nase einen Augenblick in die Höhe, knurrte dann leise, wobei er einen schwachen Versuch machte, mit dem Schwanz zu wedeln, und fiel wieder in seine alte Lage zurück. Sein Herr, der ihn indessen aufmerksam beobachtet hatte, sprang mit zufriedenem Blick auf und rief:

»Nun endlich – Zeit ist's, daß er kommt. Deik kennt ihn auch gut genug, mag aber seinen warmen Fleck dort nicht verlassen. Hallo – da ist er schon! – Nun, Rusch, Ihr glaubt wohl, man hält sich hier der Annehmlichkeit wegen zwischen den Moskitos und Holzböcken auf? Was, zum Henker, hat Euch abgehalten, zur rechten Zeit hier zu sein?«

Der Letztgekommene zeigte sich als ein Mann in mittleren Jahren und ging, wie der Prediger, anständig und reinlich gekleidet. Außerdem trug er aber, obgleich sonst gerade nicht jagdmäßig angezogen, eine Kugeltasche an der rechten Seite und eine lange gezogene Büchse auf der Schulter.

»Guten Morgen, Gentlemen«, wandte er sich jetzt an die ihn begrüßenden Männer, »guten Morgen, und seid nicht böse, daß Ihr habt auf mich warten müssen, aber – ich konnte nicht früher kommen. Der junge Laffe, der Brown, und der alte Harper mit der verdammten Rothaut krochen mir im Weg herum, und ich wollte mich nicht gern nach dieser Richtung zu sehen lassen. Die guten Leute fangen mir überhaupt an zu gescheit zu werden, und das schleichende Skalpiermesser schnüffelt in einem fort im Wald – umher. Höll' und Teufel, warum dulden wir den Indianer eigentlich hier in der Nachbarschaft! Ich habe fast so eine Ahnung, als ob die Kugel schon gegossen wäre, die ihm in seine Jagdgründe verhelfen mag.«

»Ich glaube selber, Rusch«, sagte Cotton, »daß das Stück Blei vortrefflich angewandt wäre.«

»Hört einmal, Cotton«, wandte sich der Neugekommene halb ärgerlich an den Jäger, »ich wollte, Ihr nenntet mich nicht immer bei dem verwünschten Namen. Er fährt Euch einmal heraus, wenn es Fremde hören, und dann käm' ich in des Teufels Küche. Sagt ›Johnson‹, wenn wir auch unter uns sind – Ihr gewöhnt Euch besser dran.«

»Nun meinetwegen«, erwiderte spöttisch der andere, »mir auch recht, Rusch oder Johnson, dem Strick entgeht Ihr doch nicht, sowenig wie wir anderen. Aber fidel wollen wir sein, solange wir noch beisammen sind, und dann ans Geschäft, denn wir haben in den letzten vierzehn Tagen keinen Cent verdient. Es wird Zeit, daß wir wieder anfangen.«

Er hatte bei diesen Worten eine kleine Whiskyflasche aus seiner wollenen Decke herausgewickelt, drehte den Stöpsel heraus und setzte sie dann mit einem zufriedenen »Prost« an die Lippen. Erst nachdem er einen tüchtigen Schluck genommen, hielt er sie dem ihm am nächsten stehenden Rowson hin und rief:

»Da – stärkt Euch zu Eurer Predigt heute morgen, Ihr werdet's brauchen können. Verdammt will ich sein, wenn ich nicht drei solche Flaschen im Leibe haben müßte, um ruhig zuhören zu können, und sogar dann würde ich noch die Bedingung stellen, daß ich eingeschlafen sein müßte, ehe Ihr angefangen hättet.«

»Danke«, sagte Rowson, den dargebotenen Trunk abweisend, »danke schön, ich möchte nicht gern heute morgen nach Whisky riechen. Gebt die Flasche an Johnson, der wirft ihr ohnedies schon sehnsüchtige Blicke zu.«

»Nichts besser als ein heißer Trunk am Morgen«, sagte der Neuankömmling, indem er ohne weitere Umstände dem Jäger Bescheid tat. »Aber Weston«, fuhr er dann, sich an den Jüngsten wendend, fort, »was habt Ihr denn, Ihr kratzt Euch ja, als ob Ihr wie eine Schlange die Haut abschälen wolltet; hat Euch ein Moskito gestochen?«

»Einer?« fragte der junge Mann ärgerlich, indem er hinzutrat und die Flasche aus Johnsons Hand nahm. »Einer? Die Luft ist hier dick voll von ihnen, und es kommt mir fast so vor, als ob Harper recht habe, der neulich behauptete, es wären so viele von diesen verwünschten, scharfgesichtigen Burschen hier, daß man bei Tisch, wenn man nur einmal mit dem Messer durch die Luft hiebe, den ganzen Teller voll Flügel und Beine hätte.«

»Hoho!« lachte Cotton. »Ihr gewöhnt Euch schon daran; kommt da freilich gerade aus den Missouri-Bergen herunter, wo, wie ich mir habe erzählen lassen, die Leute nachts ohne Rauch im Freien schlafen können; hier möchte ihnen das schwerfallen.«

»Gentlemen, denken Sie daran, weshalb wir hier sind«, bemerkte Rowson jetzt etwas ungeduldig, »die Zeit vergeht, und ich muß wahrhaftig fort. Überhaupt ist dies keineswegs ein so ungemein sicherer Platz, wenn Johnson wirklich den Indianer mit seinen Freunden hat in der Nähe herumkriechen sehen. Ich schlage also vor, daß wir ohne weitere Umstände ans Werk gehen und jetzt endlich verabreden, was wir eigentlich verabreden wollten.«

»Brav gesprochen, großer Prophet!« rief Cotton und schlug dabei dem Redner mit der Faust so kräftig auf die Schulter, daß dieser schmerzhaft das Gesicht verzog und dem Allzufreundlichen einen tückischen Seitenblick zuwarf, jedoch mit großer Selbstüberwindung seinen Ärger verbiß und, bedächtig die Männer ansehend, fortfuhr:

»Wir haben, dank den geschäftigen Schuften, die nicht allein in der Ansiedlung, sondern im ganzen County, ja im ganzen Staate umherstreifen und sich unter dem Namen ›Regulatoren‹ breitmachen, mehrere Wochen lang brachgelegen und nicht einen Pfennig verdient. Gestern ist, wie Ihr alle wißt, ein Botschafter von der Insel dagewesen, der dringend gute Pferde fordert, die zu einem Landtransport oder was weiß ich verwandt werden sollen, und wir kleben hier und legen die Hände in den Schoß. Das geht nicht länger. Ich brauche Geld, wie jeder von Euch, und mit Maisbau und Schweinezucht durch jahrelange Arbeit zu verdienen, was gewissermaßen auf dem Tischtuch vor uns liegt, wäre lächerlich; also zur Tat denn. Da ich durch den guten Ruf, den ich mir zu erwerben gewußt habe, obgleich ich doch eigentlich nur ein schwacher, sündhafter Mensch bin...«

»Höll' und Teufel, laßt den Unsinn!« unterbrach ihn Cotton, ärgerlich mit dem Fuß stampfend, »plappert Euren Gebetkram her, wenn Ihr bei Roberts seid, aber schenkt uns hier reinen Wein ein.«

»Da ich durch den guten Ruf, den ich mir zu erwerben gewußt«, wiederholte Rowson und machte eine besänftigende Gebärde gegen Cotton, »auf vielen, sehr vielen Farmen Zutritt erhalten habe, so hat mir das natürlich Gelegenheit gegeben, den Vieh- und besonders den Pferdestand der Eigentümer genau zu untersuchen. Meiner Meinung nach also gibt es für uns keine ergiebigere Gegend als Springcreek, an der anderen Seite vom Petite-Jeanne. Husfield dort hat herrliche Tiere, und ich bin fest überzeugt, daß wir von der einen Farm allein acht Pferde wegholen können, wobei ich noch zwei Tage Vorsprung garantiere.«

»Nicht so übel«, meinte Johnson, »aber bedenkt auch, daß uns das wieder fast fünfzig Meilen weiter vom Mississippi fortbringt.«

»Höchstens fünfunddreißig«, erwiderte Rowson, »und zwei Tage und zwei Nächte Vorsprung. Hier in der Gegend müssen wir gewärtig sein, daß sie uns noch in derselben Stunde auf der Fährte sind, und das ist denn doch, das wenigste zu sagen, störend.«

»Wie wär's, wenn wir den Zug bis auf nächste Woche verschöben?« meinte Johnson, »ich hätte gern einen kleinen Abstecher an den Washita gemacht.«

»Keine Stunde«, rief Rowson, »wozu die Zeit versäumen, die wir bald so sehr nötig brauchen werden.«

»Was, zum Henker, habt Ihr denn auf einmal für eine verwünschte Eile?« fragte Cotton verwundert, »das ist doch sonst nicht Eure Art.«

»Ich brauche Geld«, sagte Rowson lakonisch. »Mein Land ist vermessen, und wenn ich bis zum ersten Montag im Juni die volle Summe nicht einliefere, so kann es mir, wie Ihr alle recht gut wißt, vor der Nase weggekauft werden. Außerdem leben hier in der Gegend einige freundliche Seelen, die sich ein ganz besonderes Vergnügen daraus machen würden, mir diesen Gefallen zu tun. Da ist unter anderen dieser Mr. Harper – die Pest auf seinen Kopf!«

»Hahaha, Rowson«, Cotton lachte spöttisch. »Wenn Mrs. Roberts hörte, daß Ihr einem andern Christenmenschen die Pest auf den Schädel wünscht, ihre fromme Meinung von Euch würde ein bedeutendes Leck bekommen.«

»Spottet nur, Cotton, Ihr habt Euch das Recht dazu erworben, es ist ja Euer täglich Brot. Aber wenn ich nicht die Wahrheit rede, daß hier einige leben, denen ich selbst mit Wollust ein Messer..., doch das gehört nicht hierher«, fuhr er, sich schnell fassend, fort. »Sprecht Euch jetzt aus, wollt Ihr meinem Rat folgen, oder nicht? Wir können in acht Tagen jeder dreihundert Dollar verdienen, und das ist mehr, als sich auf ehrliche Art und Weise zustande bringen läßt.«

»Gut! Mir ist's recht«, rief Cotton, »diesmal geht Ihr beiden aber; wir zwei, Weston und ich, haben das vorige Mal den Hals riskiert.«

»Ja, ja«, stimmte Weston bei, »'s ist wahr – wir wären auch beinahe noch erwischt worden. Diesmal ist die Reihe auszuruhen an uns.«

»O halt! Nicht so schnell«, unterbrach sie Johnson, »vorerst müssen wir über den Plan einig werden, und dann bitt' ich, daß die beiden Herren bedenken mögen, welche Last wir mit dem Verkauf hatten, und daß ich selbst bis jetzt noch nicht einmal von jedem Verdacht frei bin. Erst also der Plan – wie hattet Ihr's Euch gedacht, Rowson?«

»Nun seht«, erwiderte dieser, indem er ein breites Bowiemesser unter der Weste vorzog und damit zu schnitzeln anfing, »zwei von uns – (mehr dürfen es auf keinen Fall sein, um nicht Verdacht zu erwecken, wenn sie zufälligerweise gesehen werden sollten) – also zwei von uns gehen mit ihren Büchsen, und jeder mit drei oder vier Zügeln, die er auf irgendeine Art an sich verbergen muß, von hier aus über den Petite-Jeanne nach der Mühle am Springcreek zu. Die Zügel erwähne ich deshalb, damit wir nicht wieder solchen Ärger beim Verkauf der Pferde haben, da das letztemal die scharfe Baumrinde den Tieren die Mäuler blutig gerissen hatte und die Seelenverkäufer auf der Insel am Preis mäkeln wollten. Von der Mühle aus ist es nicht mehr weit, ein paar Meilen höchstens, zu Husfield, und an der ersten Fenzecke angelangt, haltet Euch nur gleich links auf dem ersten Fußpfad, der scheinbar in den Wald wieder hineinläuft; er biegt aber nur deshalb aus, um ein paar umgestürzten Eichen Raum zu geben. nachher wendet er sich wieder der Farm zu und läuft gerade nach dem Pferdehof hin, der auf der andern Seite mit dem Haus selbst in Verbindung steht.

Husfield hat etwa siebenundzwanzig Pferde, alles gerechnet, mit Füllen und Hengsten, von denen er gewöhnlich acht füttert. Die letzteren aber dürfen wir nicht berühren, er würde sie schon am nächsten Morgen vermissen und ist ein zu guter Waldmann, als daß er uns nicht auf der Fährte bleiben sollte. Die übrigen weiden, unter der Führung eines jungen, dreijährigen Hengstes, draußen im Freien.«

»Er darf ja im Frühjahr keinen Hengst frei herumlaufen lassen«, unterbrach ihn Johnson.

»Ich weiß wohl«, fuhr Rowson fort, »er tut's aber doch. Jetzt wenigstens, dessen bin ich sicher, ist der Hengst noch draußen und kommt jeden Abend regelmäßig an die Fenz der Umzäunung – zu ein paar Stuten, denen er, außen herumtrabend, wiehernd seine Liebeserklärung macht, und kehrt dann wieder in den Wald, nach seinem gewöhnlichen Schlafplatz zurück. Ihm folgt der ganze Trupp, und das ist der Zeitpunkt, sich der besten zu bemächtigen, denn die Bewohner des Hauses achten nicht viel auf die Tiere. Ich bin zweimal dort eingekehrt, um dessen auch gewiß zu sein.«

»Wenn man die Stuten aus der Umzäunung holen könnte«, meinte Weston schmunzelnd, »dann hätte man nachher die ganze Herde und könnte so schnell reiten, wie die Tiere laufen wollten.«

»Ja, und hätte am nächsten Morgen etwa zehn oder zwölf von den Schuften, mit Büchsen und ellenlangen Messern, auf einer Fährte hinter uns her, der ein Blinder mit dem Stock folgen könnte«, rief Rowson. »Nein, wir müssen sichergehen, denn wir wollen nicht allein nicht erwischt werden, sondern auch jeden Verdacht vermeiden, und das können wir nur dadurch bezwecken, daß wir die Sache so vorsichtig wie möglich anfangen. An der Mühle dürfen die, welche die Pferde entführen sollen, sich ebenfalls nicht blicken lassen. Am besten ist's, man geht gleich da, wo die Straße den Springcreek berührt, hindurch ans andere Ufer, was zufällig des Weges Kommende zu der irrigen Meinung veranlassen wird, die Reiter hätten hinüber nach Dardanella gewollt. An der Ecke der Fenz, eben da, wo der Weg links abbiegt, ist noch dazu ungemein steiniger Boden, und eine Fährte, über den Weg zurück, kann kaum bemerkt werden. Was nachher zu tun ist, wenn man sich erst einmal an Ort und Stelle befindet, brauche ich Euch nicht weiter zu sagen, das wißt Ihr gut genug.«

»Wer geht aber?« brummte Cotton unwillig. »Ihr gebt uns so gute Lehren, als ob Ihr selbst gar nicht mit zur Partie gehörtet. Wir haben's das letztemal riskiert, es ist nicht mehr als recht und billig, daß jetzt zwei andere ihren Hals dransetzen.«

»Noch dazu, da Ihr so sehr gut dort in der Gegend bekannt seid«, warf Weston ein. »Andere, die alle jene beschriebenen Pfade erst suchen müssen, würden sehr viel Zeit dabei verlieren.«

»Wahr – wahr, in vielen Stücken«, meinte Rowson lächelnd, »aber, junger Mann, Johnson und ich haben, wie schon gesagt, das letztemal fast mehr Angst und Gefahr ausgestanden als Ihr beiden, die Ihr bloß die Pferde abholtet. Doch es sei – ich biete mich als einen der ›Abholer‹ an, bestimmt Ihr den andern; doch nur unter der Bedingung, daß ich bloß verpflichtet bin, die Tiere bis an die Mamelle zu schaffen, das heißt bis auf den Bergrücken, der die Wasser der Mamelle vom Fourche la fave trennt. Dort an den Quellen des Creeks wollen wir zusammentreffen, und von da an mögen die anderen beiden die Pferde nach der Insel befördern.«

»Dann wär's das beste, daß Ihr und Johnson den ersten Teil übernähmt; Weston und ich wollen sie dann schon in Sicherheit bringen.«

»Halt!« rief Johnson, »dem schurkischen Husfield gehe ich nicht freiwillig aufs Land. Ihr wißt vielleicht nicht, daß wir vor vierzehn Tagen einen Streit miteinander hatten, in dem ich... das verdammte Pistol schnappte, und der Schuft schlug mich nieder. Ich bin der Kanaille dafür etwas schuldig«, fuhr er zähneknirschend fort, »möchte das aber nicht auf seinem eigenen Grund und Boden abmachen, das spräche nachher vor Gericht gegen mich. – Nein, laßt lieber das Los bestimmen, wer gehen soll, wir können ja Grashalme ziehen.«

»Ach was, Grashalme«, brummte Cotton, »die Jagd soll entscheiden. Wir wollen morgen früh alle vier, oder vielmehr drei, da Rowson diesmal Freiwilliger ist, nach verschiedenen Revieren aufbrechen, und kommen hier am Dienstagmorgen wieder zusammen. Wer morgen die meisten Hirsche schießt oder überhaupt die beste Jagd macht, ist frei.«

»Einverstanden!« rief Rowson, »das ist ein guter Einfall, da gehe ich auch mit, und wenn es nur des Spaßes halber wäre.«

»Meinetwegen«, sagte Johnson, »wir sind alle gute Jäger, und das Glück mag entscheiden, wer von uns diesseits oder jenseits der Mamelle Pferdefleisch zu befördern bekommt; also morgen früh. Wir müssen aber auch eine Gegend bestimmen, daß wir einander nicht in die Schußlinie laufen. Ich meinerseits will den Fluß ein Stück Weg hinaufgehen und in der Niederung jagen.«

»Da kommt Ihr mir in mein Revier«, entgegnete Weston, »ich muß dort hinauf, denn ich habe mein Lager noch, mit Decke, Kochgeschirr und zwei Hirschhäuten, da oben.«

»Gut – dann gehe ich hinüber an den Petite-Jeanne; Jones von drüben sagte mir gestern, er hätte Unmassen von Fährten gesehen.«

»Und ich gehe ebenfalls nach der Gegend zu«, sagte Rowson, »werde aber nicht den ganzen Tag jagen können, weil ich der Mrs. Laughlin versprochen habe, gegen Abend hinüberzukommen und Betstunde zu halten.«

»Und wo tut Ihr indessen Eure Büchse hin?« fragte Johnson.

»Nun, zu Mrs. Fulweal, denk' ich. Dort ist ja auch Cottons Schwester, und wenn ich abends nach Hause reite, nehme ich sie wieder mit.«

»Rowson, Rowson«, rief Cotton, lachend mit dem Finger drohend, »mit der Witwe Fulweal ist mir die Sache nicht so ganz geheuer. Ihr kriecht und schwänzelt in der Gegend umher, und wie ich neulich einmal so unverhofft zu Eurer Betversammlung kam, da knietet Ihr beide mir sehr verdächtig nahe zusammen.«

»Unsinn!« sagte Rowson, schien aber doch ein wenig verlegen zu werden und wandte sich jetzt schnell an Weston, dem er zurief: »Apropos, junger Mann, die beiden Felle, die Ihr schon im Lager habt, zählen aber nicht mit.«

»O bewahre«, erwiderte dieser, »ehrliches Spiel – morgen früh, wenn es hell genug wird, das Korn auf der Büchse zu erkennen, geht die Jagd an.«

»Jetzt ist es aber Zeit aufzubrechen«, sagte Rowson, die Hände in die Tasche schiebend, »also Gentlemen, auf ein fröhliches Wiedersehen!«

»Halt, noch eins«, rief ihm Cotton zu, als er sich schon nach der Richtung hin, wo er an der Außenseite des Dickichts sein Pferd angebunden hatte, entfernen wollte, »wir dürfen nicht auseinandergehen, ehe wir nicht einen festen Entschluß gefaßt haben, wie wir uns verhalten wollen, falls die vermaledeiten Regulatoren uns auf die Spur kämen. Hölle und Gift, ging's nach mir, so lebte morgen abend um diese Zeit keiner von den Schuften mehr.«

Rowson kehrte wieder um und blieb, an den Nägeln kauend, neben Cotton stehen. »Ich hätte bald vergessen, Euch etwas mitzuteilen«, sagte er dann nach einer kleinen Pause, indem er einen Seitenblick auf seinen stämmigen Nachbarn warf, »da Cotton aber gerade von den Regulatoren anfängt, fällt es mir wieder ein.«

»Und was ist das?« fragte Johnson eifrig.

»Nichts mehr und nichts weniger, als daß der Sheriff von Pulasky County einen Verhaftsbefehl für unsern guten Cotton in der Tasche trägt.«

»Der Teufel!« fuhr dieser auf, »und weshalb?«

»Oh – ich weiß nicht, ob gerade irgend etwas Besonderes erwähnt ist, es waren aber so verschiedene Sachen. Ich hörte etwas von einer Fünfzigdollarnote munkeln, und von einem Heiratsversprechen in Randolph County, und von einem Menschen, den man eine Zeitlang vermißt habe und dessen Leichnam dann später aufgefunden sei, und so mehrere Kleinigkeiten.«

»Die Pest!« rief mit dem Fuß stampfend der Jäger, »und das hättet Ihr beinahe vergessen? Mich ganz arglos in die Ansiedlung hineintraben lassen? Ja, es wird Zeit, daß ich mich hier fortmache – Arkansas möchte mir ein wenig zu warm werden, oder ich bekomme vielmehr zu viele Bekannte hier.«

»Habt wohl eine recht ausgebreitete Bekanntschaft?« schmunzelte Rowson.

»Ja, leider«, entgegnete nachdenklich der Jäger. »Aber was tut's«, fuhr er dann plötzlich, sich hoch aufrichtend, fort, »was tut's, in wenigen Tagen ist unser Geschäft beendet, und mit dem Geld kann ich bis an den Mississippi und von da aus bequem nach Texas kommen.«

»Warum geht Ihr nicht lieber von hier zu Land? Da kostet's Euch keinen Cent und ist nicht den zehnten Teil so weit.«

»Wohl recht, ich habe aber meine Gründe, den nördlich lebenden Indianern nicht so besonders nahe zu kommen.«

»Alle Wetter, Cotton, erzählt uns die Geschichte«, bat Weston, »ich habe schon so viel davon reden hören und möchte gar zu gern wissen, wie das alles zusammenhängt. Was hattet Ihr mit den Cherokesen?«

»Jetzt wär' die Zeit dazu, eine Geschichte zu erzählen«, brummte der Gefragte.

»Man soll an Euren Armen«, sagte Rowson spöttisch, »noch die Spuren von eisernen...«

»Geht zum Teufel mit Eurem Kindergeschwätz – wir haben jetzt wichtigeres zu tun. Nicht allein auf mich ist's gemünzt, sondern auf euch alle. Die Regulatoren haben durch irgendeinen Schuft Wind bekommen und uns alle auf dem Korn!«

»Mich nicht«, erwiderte Rowson, »in dem frommen, gottesfürchtigen Methodistenprediger sucht keiner den Wolf.«

»Keiner?« Cotton lächelte ihn höhnisch an. »Keiner? Was meinte denn neulich Heathcott, als er Euch einen Lügner und Schurken nannte?«

Rowsons Antlitz entfärbte sich, und Totenblässe vertrieb die frühere Röte; seine Hand fuhr krampfhaft nach dem verborgenen Messer.

»Was für Beschuldigungen brachte er da zum Vorschein?« flüsterte der Jäger leise weiter, dem vor Wut und Ingrimm Erbebenden einen Schritt näher tretend. »He? Kam da nicht auch das Wort Seelenverkäufer vor? Und Ihr ließet Euch das alles ruhig gefallen? Pfui! Ich schämte mich damals in Eure eigene Seele hinein!«

»Cotton«, sagte Rowson, »Ihr habt die rechte Saite berührt, der Mensch ist uns gefährlich. Er hat nicht allein eine Ahnung, wer ich bin, sondern er ließ auch neulich verdächtige Worte über Atkins fallen.«

»Was, Atkins, der noch nie die Hand in einem Diebstahl gehabt hat und nur ruhig auf seiner Farm sitzt und uns unterstützt?«

»Eben der Atkins. Weiß der Teufel, wie der Schuft darauf kommt, nach dieser Seite hin zu winden, wahr ist es aber, und daß ich damals den Lügner und Schurken hinnahm, hatte seine wohlweislichen Gründe. Wäre ich als Prediger aufgefahren und hätte ihm den Schuft zurückgegeben...«

»... so hätt' er Euch zu Boden geschlagen«, unterbrach ihn Cotton lachend.

»... so hätte das mir und meinem sonstigen gottesfürchtigen Wandel einen gewaltigen Stoß gegeben«, fuhr Rowson, ohne sich irre machen zu lassen, fort.

»Jawohl, Stoß«, sagte Cotton, »an den Schädel oder zwischen die Augen.«

»Laßt das Necken, zum Teufel«, fuhr jetzt Johnson auf, »wir sind doch nicht hier, um Eure Narrenpossen mit anzuhören. Rowson hat ganz recht; wenn er nun einmal predigt, so muß er sich auch wie ein Prediger betragen.«

»Und Pferde stehlen!« ergänzte der unverbesserliche Cotton.

»Wollt Ihr jetzt ernsthaft die ernste Sache betreiben oder nicht? Sagt es, denn ich habe Euer Gewäsch satt«, rief Rowson ärgerlich. »Wir sind hierher gekommen, um an einem gemeinsamen Plan gemeinsam zu wirken, und nicht, um uns zu entzweien. – Mir ist übrigens noch mehr bekannt: Die Regulatoren werden heute oder morgen hier zusammenkommen.«

»Hier? Wo?« fragten alle schnell.

»Bei Roberts oder Wilkins oder sonst jemandem, was weiß ich; aber daß sie kommen, ist sicher. Und dann haben sie im Sinn, das allbeliebte Lynchgesetz wieder in Aufnahme zu bringen.«

»Das dürfen sie nicht!« rief Cotton. »Die Gesetze sind erst kürzlich deswegen verschärft.«

»Was dürfen sie hier in Arkansas nicht«, fragte Rowson spöttisch, »wenn zwanzig oder fünfundzwanzig zusammentreten und ernsthaft wollen. Glaubt Ihr, der Gouverneur ließe Soldaten gegen sie anrücken? Nein, wahrhaftig nicht – und wenn er's täte, hülfe ihm das ebensowenig. Sie dürfen alles, was sie nur ordentlich wollen, und sie wollen unser Geschlecht (ich rede nicht von unseren stillen, freundlichen Familienkreisen), unser Geschlecht, sage ich, ausrotten, auf daß ihre Pferde abends vollzählig nach Hause kommen und sie den Leuten nicht mehr aufzupassen brauchen, die unter der Weste ein Bowiemesser, ein paar Pistolen und einen leichten Trensenzaum tragen.«

»Im Grunde genommen kann ich ihnen das auch eigentlich nicht so sehr verdenken«, meinte Johnson, »da es sich aber keineswegs mit den Ansichten verträgt, die wir selbst vom Leben haben – was hat das Tier da? Es hebt schon seit ein paar Minuten die Nase so sonderbar in die Höhe – sollte etwa jemand kommen?«

»Nein, es ist nichts«, sagte Cotton, den Hund von der Seite ansehend, der sich jetzt wieder ruhig zusammenknäulte, »er bekam vielleicht Witterung von einem Truthahn, und den zeigt er wohl an, folgt ihm aber nicht.«

»Da sich dies also nicht mit unseren Ansichten verträgt, so müssen wir mit Gewalt oder List dagegen wirken. Zur Gewalt sind wir zu schwach, denn gälte es Ernst, so würden uns nur wenige beistehen, also muß uns List retten, und ich denke, daß wir mit Atkins Hilfe, der auf keiner besseren Stelle wohnen könnte, sie alle noch bei der Nase herumführen, und wenn sie diesen dummstolzen Heathcott auch zum Anführer haben.«

»Heathcott ihr Anführer?« fuhr Rowson schnell auf.

»Ja! So sagte mir Harper wenigstens neulich, als ich ihn an der Mühle traf.«

»Dies müssen die letzten Pferde sein, die wir hier aus der Nachbarschaft holen«, murmelte Rowson sinnend vor sich hin. »Es ist doch zu gefährlich. Die nächsten, denke ich, beziehen wir aus Missouri. Weston macht da den Führer, ich selbst bin am Big Black und um Farmington herum gut bekannt, und die Leute haben mich dort alle meines gottesfürchtigen Wandels wegen liebgewonnen.«

»Die Pferde auch«, spottete Weston. »Als er von da fortging, folgten ihm drei der guten Tierchen aus purer Anhänglichkeit.«

Diesmal stimmte Rowson in das Gelächter, das dieser Bemerkung folgte, mit ein, war aber auch gleich wieder ernsthaft und rief laut:

»Gentlemen, das geht nicht länger so, bedenkt, daß unser Hals auf dem Spiel steht; es hat alles seine Zeit, Possen und Ernst – hört also jetzt meinen Plan. Ich habe mir die Sache anders überlegt. Wir wollen die Pferde nicht in gerader Richtung nach der Insel schaffen, es wäre doch möglich, daß man uns trotz all unserer Schlauheit auf der Spur bliebe, und nachher brächten wir nicht allein uns, sondern auch die Flußleute in Gefahr; wartet daher oberhalb Hoswells Kanu, etwa eine halbe Meile weiter oben, da, wo der Hurrikane anfängt, auf mich. Von dort aus habe ich einen Plan, wie wir die Verfolger herrlich an der Nase herumführen und selbst sicher fort können. Ich will sie nämlich auf eine falsche Fährte bringen, und das kann nur am Fluß geschehen. Doch davon später, zuerst müssen wir sehen, wer sich morgen frei jagt.«

»Wenn sie uns nun aber zu Atkins folgen und damit unsern letzten Zufluchtsort entdecken?« fragte Cotton mißtrauisch.

»Wir brauchen vielleicht gar nicht zu Atkins zu gehen«, erwiderte Rowson, »ich habe lange genug im Walde gelebt, um ein paar kläffende Hunde von der Fährte zu bringen. Einigt euch nur jetzt darüber, wer noch mit mir gehen soll; ihr anderen seid dann richtig an dem bezeichneten Platze, und mein Name soll nicht Rowson sein, wenn ich mein Wort nicht löse.«

»Das ist ein gewaltiger Schwur!« Cotton lachte. »In wenigen Wochen gebt Ihr vielleicht Gott weiß was darum, wenn Euer Name nicht Rowson wäre. Nun, ich habe wenigstens den Trost, daß ich nicht mehr riskiere als ihr alle. Jetzt aber noch den Schwur, einander in Not und Tod nicht zu verraten. Ein Schuft, wer nur mit einem Blick, nur mit einem Atemzug falsch ist, und die Rache der anderen treffe ihn, wo er sich auch hinflüchten mag, und sei's in den Armen seiner Mutter.«

»Blutigen Tod dem, der zum Verräter wird«, rief Weston, das breite Messer aus der Scheide reißend, »und möge sein Arm und seine Zunge verdorren und sein Auge erblinden!«

»Das ist ein Kraftschwur«, sagte Johnson. »Ich stimme aber mit ein!«

»Auch ich«, sprach Rowson, »doch hoffe ich, der Schwur wird nicht nötig sein, uns eng und fest zu verbinden; der eigene Nutzen tut es bis jetzt, und der hält stärker als Schwur und Bürgschaft. Sollte sich das freilich einmal ändern, dann will ich wünschen, daß ich in Texas wäre!«

»Ihr werdet doch nicht glauben, daß einer von uns niederträchtig genug sein könnte, die Freunde zu verraten?« fiel Weston, hitzig ein, »schon der Gedanke wäre Verrat und Treubruch an unserer Freundschaft.«

»Gut, gut, ich wills glauben, daß Ihr es aufrichtig meint, Weston«, sagte Rowson, ihm die Hand reichend. »Ihr seid aber noch jung, sehr jung, und wißt gar nicht, in welche Lage ein Mensch kommen kann.«

»Selbst die Tortur sollte mir keine Antwort auspressen, die...«

»Es freut mich, daß ihr so denkt, doch jetzt good bye, Gentlemen; adieu, Johnson, wo treffen wir uns denn morgen früh zur Jagd?«

»Da wo Setters Creek aus den Hügeln kommt; es stehen dort auf einer kleinen Erhöhung eine Menge Walnußbäume.«

»Ich kenne den Platz.«

»Gut, dort also – bis dahin gute Geschäfte. Macht's den armen Leuten nur nicht gar zu rührend!«

»Und der Witwe!« rief ihm Cotton nach. Rowson hörte aber nicht weiter darauf, sondern verschwand bald in dem den kleinen lichten Fleck eng umschließenden Dickicht, dessen Zweige sich wieder hinter ihm zusammenbogen.

Cotton sah ihm eine lange Weile schweigend nach, endlich schulterte er, ohne ein Wort weiter zu sagen, die Büchse und wollte sich ebenfalls entfernen.

»Ihr traut Rowson nicht recht?« fragte Johnson jetzt, ihn scharf ansehend.

Cotton blieb noch einmal stehen, blickte wenige Sekunden lang forschend dem Fragenden in die Augen und sagte dann derb und entschieden:

»Nein! – aufrichtig geantwortet, nein! Das schleichende Wesen, das selbst bei den gröbsten Beleidigungen freundliche Gesicht kann kein Vertrauen erwecken. Gift und Tod, der Bursche haßt Heathcott wie die Sünde. Halt!, das Gleichnis war nicht gut gewählt, wie die Tugend, wäre hier besser am Platz, und doch sah ich, wie sich die beiden wieder versöhnten; das heißt, Rowson ging zu Heathcott hin, schüttelte ihm die Hand und versicherte ihm, daß er weiter keinen Groll gegen ihn hege. Lebendig will ich mich in Stücke hacken lassen, wenn mir das möglich gewesen wäre. Mein Messer, aber nicht meine Hand hätte der Hund zu fühlen bekommen. Doch meinetwegen, es gilt hierbei seinen eigenen Nutzen, und da glaub' ich, daß er treu ist; auf keinen Fall brächt' es ihm Vorteil, uns zu verraten, denn noch ist kein Preis auf meinen Kopf gesetzt. Hahaha, hoffen die Tintenlecker den Cotton im Walde zu fangen? Das möchte schwerhalten und könnte wahrhaftig auch nur durch Verrat geschehen.«

»Ihr denkt zu schlimm von Rowson«, beruhigte ihn Johnson, »er hat natürlich seine Fehler, nun, die haben wir ja alle, sonst ist er aber treu, und ich bin fest überzeugt, die Regulatoren können ihn schinden, ehe sie ihm einen Namen seiner Freunde über die Lippen preßten.«

»Ja, und dann müßte erst noch bewiesen werden, daß ich zu denen gehörte«, fügte Cotton hinzu. »Doch ade, Johnson – Ihr meint's gut, das weiß ich, und auf Euch kann man auch einmal im Notfall rechnen –, gehabt Euch wohl. Übermorgen früh finden wir uns hier wieder zusammen, und haben wir erst einmal ein paar Dollars in den Taschen, dann lebt sich's auch schon besser und sicherer. Es gibt manche hier unter den Ansiedlern, die jetzt das Maul auf eine entsetzliche Art aufreißen und über Diebstahl und Sünde schreien, denen doch mit einer einzigen Fünfdollarnote die Lippen zusammengeheftet werden könnten, daß sie sich nur noch zum freundlichsten Lächeln wieder öffneten. – Doch die Zeit drängt – auf baldiges und frohes Wiedersehen.«

Die Männer trennten sich jetzt, Cotton und Weston gingen zusammen dem Ufer des Flusses zu, Johnson aber wandte sich in gerader nördlicher Richtung durch die Büsche, überschritt die ausgehauene Countystraße und verschwand zwischen den steilen, kieferbedeckten Hügeln.

Der Versammlungsort der »Pferdehändler«, wie sie sich selbst nannten, lag nun ruhig und verlassen in Sabbatstille da. Wohl eine Viertelstunde wurde diese auch durch nichts unterbrochen als durch das einfache Schirpen des Eichhorns und das muntere Geschrei des Hähers, als sich die Büsche wiederum, ohne jedoch das geringste Geräusch zu verursachen, teilten und die dunkle Gestalt eines Indianers den kaum verlassenen Platz betrat.

Vorsichtig horchte er nach allen Seiten hin, ehe er den lichten Fleck überschritt – gerade wie ein Hirsch, der, aus dem Waldesdunkel tretend, einen Pfad zu kreuzen im Begriff ist, fast stets stehenbleibt und zuerst rechts und links hinüberblickt, ob ihm keine Gefahr drohe –, und glitt dann lautlosen Schrittes, die Augen auf den Boden geheftet, darüber hin. Plötzlich aber, und sehr wahrscheinlich durch die vielen Fußstapfen aufmerksam gemacht, blieb er stehen und überschaute spähend den Platz. Besonders genau betrachtete er die Stelle, wo der Hund gelegen hatte, und umging dann in weiterem Kreise die kleine Lichtung, als ob er die Spuren zählen wolle, die von hier fortführten.

Er hatte eine kräftige, schöne Gestalt, dieser rote Sohn des Landes, und das dünne buntfarbige baumwollene Jagdhemd, das seinen Oberkörper bedeckte, konnte, an vielen Stellen von Dornen zerrissen, nicht ganz die breiten Schultern und sehnigen Arme verhüllen, die darunter hervorschauten. Dieses Hemd wurde um den Leib durch einen ledernen Gürtel zusammengehalten, der zugleich einen kleinen scharfen Tomahawk und, nach der Sitte der Weißen, ein breites Messer trug. Seine Beine staken in dunkelgefärbten ledernen Leggins, mit dem wohl zwei Zoll breiten Saum nach außen, und um den Hals trug er eine große silberne Platte, schildartig ausgeschnitten, auf der sehr einfach, aber nicht ungeschickt ein Rentier graviert war. Sonst hatte er keinen Schmuck an sich, und selbst die Kugeltasche, die an seiner rechten Seite hing, war aller Glasperlen und bunten Lederstreifen bar, mit denen die Eingeborenen sonst so gern ihre Jagdgerätschaften schmücken. Der Kopf war ebenfalls unbedeckt, und die langen schwarzen, glänzenden Haare hingen ihm bis auf die Schultern hinunter. Seine Büchse war eine der gewöhnlichen langen amerikanischen Rifle.

Mehrere Minuten lang hatte der Indianer seine Untersuchung fortgesetzt, dann richtete er sich hoch auf, strich die Haare aus der Stirn, warf noch einen prüfenden Blick umher und verschwand im Dickicht.

2. Mehrere neue Personen erscheinen auf dem Schauplatz. – Wunderbares Jagdabenteuer des »kleinen Mannes«

Inhaltsverzeichnis

Auf der Countystraße zogen an demselben Morgen, und kaum fünfhundert Schritt von dem im vorigen Kapitel beschriebenen Dickicht, zwei Reiter hin, die augenscheinlich der besseren Farmerklasse des Landes angehörten. Sosehr sie übrigens in ihrem ganzen Wesen und Aussehen voneinander abstachen, sosehr schienen sie dagegen im übrigen miteinander zu harmonieren, denn sie unterhielten sich auf das beste. Der junge schlanke Mann auf einem braunen feurigen Pony, das sich nur mit augenscheinlichem Unwillen und oft versuchter Widersetzlichkeit dem langsamen Schritt fügte, in den es sein Herr zurückzügelte, lachte oft und laut über die Späße und Bemerkungen, die sein kleiner wohlbeleibter Gefährte zum besten gab.

Dieser war ein Mann etwa in den Vierzigern, mit sehr vollem und sehr rotem Gesicht und dem freundlichsten, gemütlichsten Ausdruck in den Zügen, der sich nur möglicherweise in eines Menschen Gesicht hineindenken läßt. Seine runde, stattliche Gestalt entsprach dabei seiner Physiognomie auf eine höchst liebenswürdige Weise, und die kleinen lebhaften grauen Augen blitzten so fröhlich und gutgelaunt in die Welt hinein, als hätten sie in einem fort sagen wollen: Ich bin ungemein fidel, und wenn ich noch fideler wäre, wär's gar nicht zum Aushalten. Er war von Kopf bis zu Füßen, die schwarzen und spiegelblank gewichsten Schuhe ausgenommen, in schneeweißes Baumwollzeug gekleidet. Die kleine baumwollene Jacke aber, die er trug, hätte er trotz größter Anstrengung nicht mehr vorn zuknöpfen können, so war sie entweder in der Wäsche eingelaufen oder, was wahrscheinlicher, so hatte sich sein runder Leib ausgebreitet und »verburgemeistert«, wie er es selbst gern nannte. Ein hellgelber Strohhut beschattete sein Gesicht, und ein hellgelbes dünnes Halstuch hielt seinen offenen Hemdkragen vorn zusammen, zwischen dem ein Teil der breiten sonnverbrannten Brust sichtbar wurde. Nicht ohne etwas Stolz oder wenigstens Eitelkeit zu verraten, lugte dabei der Zipfel eines brennendroten Taschentuches aus der rechten Beinkleidertasche, die wohl geräumig genug gewesen wäre, ein halbes Dutzend derselben zu verbergen.

Sein Begleiter war ein junger, stattlicher Mann mit freiem, offenem Blick und dunklen, feurigen Augen. Seine Tracht ähnelte der der übrigen Farmer im Westen Amerikas und bestand aus einem blauwollenen Frack, ebensolchen Beinkleidern und einer schwarzgestreiften Weste. Den Kopf bedeckte ein schwarzer, ziemlich abgetragener Filzhut, und in der Hand hielt er eine schwere, lederne Reitpeitsche. Schuhe trug er jedoch nicht, sondern nach der indianischen Sitte sauber, aber einfach gearbeitete Mokassins, und dies sowohl wie der ruhige, aber fortwährend umherschweifende und auf alles achtende Blick verriet den Jäger. Übrigens führte er keine Büchse bei sich, sowenig wie sein Begleiter.

»Ein verfluchter Kerl, mein Bruder«, lachte der Kleine, in irgendeiner begonnenen Erzählung fortfahrend, »und eine Wut hatte er, alte Sachen zu kaufen, rein zum Rasendwerden! Wie ich vorigen Herbst in Cincinnati war, klagte mir seine Frau ihre Not: Das ganze Haus stand voll alter Möbel und Hausgeräte und Kochgeschirre, von denen sie nicht den zehnten Teil gebrauchen konnte, und alle Abende lief trotzdem der Sappermenter noch auf den Auktionen umher, um alles, was nur irgend billig war, aufzukaufen. Was er einmal hatte, sah er nachher nicht wieder an. Da gab ich denn meiner Schwägerin den Rat, sie solle einen Teil des Plunders heimlich auf eben diese Auktionen schaffen lassen, um es nur loszuwerden, das Geld könne sie nachher hinlegen und später einmal etwas Nützliches dafür anschaffen. Der Plan war gut, ich bestellte einen Karrenführer, besorgte, als mein Bruder nachmittags im Geschäft war, die ganze Bescherung selber hinunter nach Frontstreet, und ehe es dunkel wurde, war alles aus dem Haus. Meiner Schwägerin fiel ein Stein vom Herzen, und als ihr Mann abends halb zehn Uhr, zu seiner gewöhnlichen Stunde, höchst aufgeräumt heimkam, machte sie uns noch einen kapitalen Punsch. – Apropos, Bill, Punsch müssen wir uns einmal hier brauen, das verwünschte Volk in dieser Gegend gehört fast sämtlich zum Mäßigkeitsverein. Also – wo war ich doch stehengeblieben, ja, beim Punsch. Bei dem Punsch blieben wir bis elf Uhr zusammensitzen, und mein Bruder erzählte eine Schnurre nach der andern, er konnte merkwürdige Schnurren erzählen, mein Bruder! Ich fragte ihn ein paarmal, weshalb er so lustig sei, er wollte aber nicht mit der Sprache heraus, geht am nächsten Morgen wieder um sechs Uhr fort, und denke dir, was bringt er auf drei Wagen nach Haus? Den ganzen Plunder, den ich am Abend vorher fortgeschafft hatte. Kein Stück fehlte, und dabei prahlte er, was er für einen unmenschlich guten Handel gemacht hätte.«

»Nicht übel, Onkel«, sagte der junge Mann lächelnd und warf dem Älteren einen schnellen Seitenblick zu. »Vortrefflich sogar – wenn es wahr wäre.«

»Ei du Sappermentsjunge, hab' ich dir schon jemals etwas vorgelogen? Nie! Wenn ich dir übrigens künftig eine Tatsache erzähle, so brauchst du nicht zu feixen und das Maul von einem Ohr zum andern zu ziehen; hörst du, Musjö?«

»Aber, bester Onkel, Sie müssen mir das nicht so übelnehmen. Wenn Sie anfangen, freu' ich mich immer schon aufs Ende, denn gewöhnlich ist etwas Komisches dabei – und da mag ich dann wohl manchmal ein wenig zu früh lachen.«

»Komisches? Da hör' einer den Laffen an. Ich erzähle nie komische Geschichten – hast du schon je eine komische Geschichte von mir gehört? Ernst war das Berichtete, bitterer, trauriger Ernst; mein Bruder wird sich auch noch mit der verdammten Leidenschaft zugrunde richten – er muß sich ruinieren.«

»Ihr Bruder soll doch aber ein sehr gewandter Geschäftsmann sein, und wenn er in dieser Hinsicht auch eine freilich etwas sonderbare Liebhaberei hat, so bringt er das sicherlich auf andere Art zehnfach wieder ein.«

»Gewandter Geschäftsmann? Gott segne dich, Junge – es gibt keinen pfiffigeren Kaufmann als meinen Bruder; nur zu pfiffig manchmal, nur zu pfiffig! Ich erinnere mich noch recht gut daran, wie wir zusammen in Kentucky jagten und wie er die Krämer immer übers Ohr hieb mit alten Opossumfellen, denen er Waschbärenschwänze annähte und sie nachher als besonders wertvolle Felle verkaufte. Manches Quart Whisky haben wir auf die Art zusammen vertrunken. Aber einen Streich muß ich dir doch erzählen, den er mir einmal am Cane-See spielte. Wir ruderten zusammen in einem alten Kanu auf dem See herum, teils um Fische zu harpunieren, teils um Hirsche zu schießen, die des kühlen Tranks wegen an den Wasserrand kamen. Es war merkwürdig heiß, und die Sonne brannte auf eine sträfliche Art; um's mir daher bequemer zu machen, wollt' ich mein Jagdhemd ausziehen. Wie ich aber mein Pulverhorn vorher abnehme (ein kapitales hörnernes Pulverhorn mit luftdichtem Stöpsel), bleib' ich mit dem Finger in der Schnur hängen, und wie der Blitz rutscht es über Bord und hinunter ins Wasser.

Da saß ich. Der See war klar wie Kristall, und obgleich er etwa fünfzehn Fuß tief sein mochte, so konnt' ich das Horn unten so deutlich liegen sehen, als ob ich's mit den Händen zu ergreifen vermöchte. George war nun immer ein sehr guter Sprinter, Läufer und auch Schwimmer und Taucher gewesen; als er daher meine Verlegenheit bemerkte, erbot er sich unterzutauchen und sprang auch ohne weitere Umstände über Bord. Pulver war damals in der Gegend unmenschlich teuer und überdies schwer zu bekommen. Als er auf den Grund und in den weichen Schlamm kam, wurde das Wasser ein wenig trübe, und er mußte einen Augenblick warten, bis es wieder klar wurde. Ich zog indessen mein Jagdhemd aus und setzte mich darauf; wie er mir aber doch endlich zu lange da unten blieb und ich ein wenig ängstlich über Bord hinuntersah, was meinst du, was er da machte, he?«

»Ja, ich weiß wahrhaftig nicht, was einer in solcher Lage anders machen könnte als den Versuch, so schnell als möglich wieder an die Oberfläche zu kommen.«

»Fehlgeschossen!« rief der Alte und hielt in der Erregung des Augenblicks, wie von der Erinnerung überwältigt, sein Pony einen Augenblick an, »fehlgeschossen! Unten stand er, ruhig, als wenn er sich auf ebener Erde befände, und beugte sich vornüber, daß ich nicht sehen sollte, was er machte, ich sah's aber gut genug- Der Spitzbube ließ mein Pulver heimlich in sein eigenes Horn laufen, und als er nachher wieder heraufkam, war mein Horn halbleer. – Nun, du brauchst nicht zu lachen, als ob du vom Pferde fallen wolltest. Das ist am Ende auch nicht wahr? Hat dir dein alter Onkel schon jemals eine Lüge erzählt? – He?«

»Nein, Onkel Ben, seien Sie nicht böse, ich glaube jede Silbe; aber – ha – sehen Sie das Rote dort? – da drüben – hinter der umgestürzten Fichte – gerade dort zwischen dem Maulbeerbaum und der Eiche hindurch?«

»Wo denn? ach da – ja, das ist ein Hirsch; wenn Assowaum mit seiner Büchse hier wäre, könnt' er ihn bequem schießen; hinter den Bäumen würde man sicher bis auf fünfzig, sechzig Schritt herankommen.«

»Wo nur Assowaum bleibt?« sagte der junge Mann jetzt, sich etwas ungeduldig im Sattel aufrichtend und auf die Straße zurückschauend, als ob er dort die Gestalt des Indianers zu sehen erwartete; »er schlich auf einmal in den Wald hinein, und ich glaubte, er sähe ein Stück Wild, weiß aber der liebe Gott, was ihn wieder abgehalten hat. Welch herrlichen Schuß er von hier aus hätte«, fuhr er jetzt etwas leiser fort, »ich wollte, ich hätte meine Büchse mitgenommen.«

»Roberts würden dich schön bewillkommt haben, wenn du ihnen am Sabbat mit dem Schießeisen gekommen wärst; will's die Frau doch nicht einmal von dem Indianer leiden, und dem – aber hol' mich dieser und jener, das Tier ist ordentlich zahm, es muß uns gar nicht hören.«

Die beiden Männer waren indessen, die Straße ruhig hinaufreitend, dem Hirsch sehr nahe gekommen. Dieser stand in einer der unzähligen Salzlecken, die sich an beiden Ufern des Fourche la fave, besonders reichhaltig aber am nördlichen finden, und schien keine Ahnung von einer nahenden Gefahr zu haben. Einmal hob er zwar den Kopf, das mochte aber mehr sein, um Atem zu schöpfen, als daß er irgend etwas Außergewöhnliches fürchtete. Die Männer sahen nämlich, daß er in einem tiefen, in dem Lehmufer des kleinen Baches befindlichen Loch geleckt hatte, das durch häufigen Gebrauch von Pferden, Kühen, insbesondere aber Hirschen, ausgehöhlt worden. Wenige Sekunden blieb er in dieser Stellung und peitschte, den Rücken unseren beiden Freunden zugewandt, mehrere Male mit dem Wedel die ihn umschwärmenden Fliegen fort, dann aber senkte er wieder den Kopf, um aufs neue den Salzgeschmack des fetten Erdbodens zu genießen. Er hatte erst frisch aufgesetzt. Das kaum vier Zoll lange Gehörn hinderte ihn deshalb nicht sehr in der Verfolgung seines Zweckes, so daß er bald darauf den Kopf, ihn seitwärts herumbiegend, wieder in die Höhlung hineinschob, um mit der langen Zunge die salzigsten Teile aus dem Innern herauszuholen.

»Wo nur der Indianer stecken mag, Bill!« sagte jetzt Harper leise und mit schlecht verhehlter Jagdlust. »Ich glaube, man könnte sich bis auf fünf Schritt an das dumme Ding heranschleichen, es merkte nichts. Ach, Bill, wie ich jung war, da hättest du mich sollen schleichen sehen, ich bin einmal...«

»Wenn Sie sich hinter der Hickorywurzel hielten, Onkel, ich glaube, es ginge«, flüsterte ihm lächelnd der junge Mann zu.

»Unsinn, Junge! Glaubst du, ich will mit meinen alten Knochen sonntags im Walde herumkriechen und unschuldiges Viehzeug erschrecken? Ich denke nicht dran.«

Trotz der abweisenden Worte war Harper aber doch vom Pferd gestiegen, das geduldig und regungslos stehenblieb, und auf den Zehen schlich jetzt der kleine, dicke, weißgekleidete Mann mit immer röter werdendem Gesicht auf das Wild zu, augenscheinlich nur in der Absicht, seinen Spaß an den gewaltigen Sätzen des Tieres zu haben, wenn dieses ihn endlich, und so ganz in der Nähe, wittern würde. Der Hirsch schien ihn aber nicht zu wittern, da er gerade gegen den Wind stand, denn wieder hob er den Kopf, streckte sich einen Augenblick und begann seine leckere Mahlzeit aufs neue.

William Brown oder Bill, wie ihn sein Onkel der Kürze wegen nannte, fing jetzt selbst an, sich für die Sache zu interessieren, denn unbeweglich auf seinem Pferde sitzenbleibend, um auch das geringste Geräusch zu vermeiden, schaute er mit gespannter Aufmerksamkeit dem Vorrücken seines Onkels zu, der in diesem Augenblick die Hickorywurzel erreichte und sich jetzt kaum zehn Schritt hinter dem Hirsch befand. Hier blieb er einen Moment stehen und sah nach seinem Neffen zurück, verzog aber das Gesicht dabei zu einem komischen Grinsen, als wenn er hätte sagen wollen: Na, Bill, bin ich nicht ein verfluchter Kerl? Hier zögerte er aber wenige Sekunden, denn entweder war er selbst über die unbegreifliche Sorglosigkeit des jungen Hirsches erstaunt, oder er scheute sich, mit seinen sauberen Schuhen weiter vorzutreten, da dort die wirkliche sogenannte »Lick« oder Salzlecke begann und der kleine Bach, der durch den weichen Lehmboden rieselte, von unzähligen Wildfährten und Viehspuren zu einem weichen Schlamm zusammengetreten war. Die alte Jagdlust überwog jedoch zuletzt alle Bedenken, denn jetzt schien sich ihm zum erstenmal die Möglichkeit, aufzudrängen, daß er das Wild wirklich ergreifen könnte, und ohne sich weiter zu besinnen, trat er leise und vorsichtig in den Schlamm, den Glanz seiner wohlgeschwärzten Sonntagsschuhe auf eine wahrhaft unverantwortliche Weise vernichtend. Näher und näher kam er dem Tier, Brown hob sich, atemlos vor gespannter Erwartung, im Sattel in die Höhe, und das Herz des alten Mannes schlug, wie er später wohl hundertmal erzählte, so laut, daß er mit jedem Augenblick fürchtete, der Hirsch müßte ihn hören. Da hob dieser den Kopf; ehe er aber nur, über die Nähe des weiß scheinenden Gegenstandes erschreckt, mit einer Muskel zucken konnte, warf sich Harper auch, Sabbat und Sabbatkleider vergessend, vorwärts und ergriff ihn gerade in demselben Augenblick mit beiden Händen an den Hinterläufen, als das entsetzte Tier versuchte, mit einem Sprung der gefährlichen Nachbarschaft zu entgehen. Es war zu spät, der Mann hing wie mit eisernen Klammern an dem Hirsch. Von den verzweifelten Kraftanstrengungen des Tieres mitgerissen, wurde Harper in voller Länge durch den Schlamm geschleift. Vergebens hob er, soweit es ihm der kurze dicke Nacken erlaubte, den Kopf, um diesen wenigstens dem Schlammbad zu entziehen. Hochauf spritzte die dünne Masse, als er, einem Schiff gleich, das vom Stapel gelassen wird, hineintauchte.

»Haltet fest«, schrie Brown, hoch aufjauchzend und seinen gewöhnlichen Jagdschrei ausstoßend, »haltet fest, Onkel – hurra für den alten Burschen, das nenne ich eine Jagd!«

Der Zuruf war aber keineswegs nötig, denn nichts fiel dem alten Mann weniger ein, als jetzt loszulassen, wo er nicht allein seinen ganzen Sonntagsstaat, sondern sogar sich selbst total preisgegeben hatte. Um Hilfe zu rufen, durfte er freilich nicht wagen, denn unter diesen Verhältnissen den Mund aufzumachen hätte mit höchst unangenehmen Folgen verknüpft sein können; aber fest hielt er, als ob seiner Seele Heil daran hinge. Gewiß lag in diesem Augenblick der Ausdruck eiserner Willenskraft und Entschlossenheit in seinen Zügen, als er mit fest zugekniffenen Augen ruckweise durch die Salzlecke gezogen wurde, doch hatte ihm die Heimaterde die ganze Physiognomie mit einer solchen Kruste überzogen, daß an das Erkennen irgendeines Ausdrucks gar nicht zu denken war.

Brown sprang zwar schnell zu seiner Hilfe herbei, der Anblick war aber so komisch, daß er sich am Rande der Lick ins Laub niederwarf und so krampfhaft lachte, daß ihm große Tränen die Wangen herunterliefen und er sich wohl eine Minute lang nicht erholen konnte. Wie er aber endlich wieder emporsprang, hörte er den scharfen Krach einer Büchse, zum letztenmal zuckte das schwer getroffene Tier im Todeskampfe empor und stürzte dann, die gefesselten Läufe dem Griff des alten Mannes entreißend, verendend in den Schlamm zurück.

Den Knall der Büchse hatte Harper aber gehört, und sich aufraffend, rief er mit wilder Stimme: »Wer hat geschossen?« wobei er sich, da er die Augen nicht öffnen konnte, nach der falschen Seite, auf der niemand stand, wandte und dadurch Browns Lachlust aufs neue unwiderstehlich erregte.

Der verborgene Schütze ließ jedoch nicht lange auf sich warten, denn aus einem kleinen Sassafrasdickicht trat der Indianer und stieß, als er die traurige Gestalt des sonst so ernsten und ehrbaren Mannes erblickte, wie er mit weitgespreizten Fingern und geschlossenen Augen dastand, in komischer Verwunderung ein lautes »Wah!« aus.

»Bill – Bill – verfluchter Junge – Bill – komm her und führ mich an die Quelle. Donnerwetter, soll ich denn hier den ganzen Tag stehenbleiben, bis der Lehm so hart wird, daß ihn kein Teufel wieder abkratzen kann? Bill, sag' ich – Schurke, willst du deinen alten Onkel hier im Stich lassen?«

Bill brauchte aber wirklich erst einige Sekunden, bis er sich sammeln konnte, dann trat er an das äußerste Ende des weichen Schlammes und reichte dem kleinen Mann einen gerade dort liegenden trockenen Zweig hinüber, den dieser auch schnell ergriff, und von seinem gehorsamen Neffen gleich darauf an den Bach geführt wurde, wo er sich vor allen Dingen die Augen auswusch, um sehen zu können, was um ihn her vorgehe.

Das erste, was seinem Blick begegnete, war die Gestalt des Indianers, der, ohne weiter eine Miene zu verziehen, seine Büchse wieder lud.

»So, Mr. Rotfell, also Ihr glaubt, ich krieche sonntagmorgens im Schlamm herum und halte Euch die Hirsche bei den Hinterläufen, bis es Euch gefällig ist, näher zu treten und sie nach Bequemlichkeit niederzuschießen, he? Wenn ich einen Hirsch mit Lebensgefahr lebendig fange, habt Ihr dann ein Recht, ihn totzuschießen? Warum geht Ihr denn nicht auch nach meinem Hause und schießt Kühe und Schweine über den Haufen?«

»Aber, Onkel, wir kommen zu spät in die Kirche!«

»Die Kirche mag zum – glaubst du, ich ginge in einem solchen Aufzug in die Kirche? Nein, dieser Rothaut will ich erst noch ordentlich meine Meinung geigen. Ist das Sitte, sich leise und nach der verdammten indianischen Art an einen Gentleman heranzuschleichen und ihm das Wild aus den Händen herauszuschießen?«

»Aber, Onkel, Sie hätten den Hirsch ja keine zwei Sekunden länger halten können!«

»Keine zwei Sekunden länger? Und was weiß denn der Gelbschnabel davon, wie lange ich ihn hätte halten können? Hat mein Bruder doch einmal einen Bären eine ganze Nacht hindurch...«

»Lebendig wollten Sie sich den Hirsch doch nicht aufheben?« unterbrach ihn der Neffe, der nicht mit Unrecht eine der langen Geschichten befürchtete.

»Und warum nicht? Hab' ich nicht eine Fenz, die hoch genug ist, ein Rudel Hirsche drin zu halten, und geht das die Rotjacke etwas an, was ich mit meinem Eigentum zu tun beabsichtige? Nun, was gibt's dabei zu grinsen, he?«

Der Indianer, gegen den diese zornigen Reden geschleudert wurden, war indessen ruhig, und ohne ein Wort zu erwidern, mit dem Laden der Büchse beschäftigt gewesen, die er zuerst etwas ausgewischt und gereinigt hatte. Dabei verzog sich aber sein Gesicht zu einem breiten, freundlichen Lächeln, das zwei Reihen blendendweißer Zähne sehen ließ, und er erwiderte in gebrochenem Englisch:

»Mein Vater ist sehr stark, aber ein Hirsch ist schnell, und einmal aus den Händen des weißen Mannes, würde er nie wieder seine Fährten in den weichen Boden des Fourche la fave gedrückt haben. Mein Vater wollte Fleisch – hier ist es.«

»Der Teufel ist dein Vater«, brummte Harper vor sich hin; »wenn ich das Fleisch jemandem zu verdanken habe, so ist's diesen beiden Knochen«, und er zeigte dabei seine kräftigen Arme. »Aber nicht wahr, Junge!« fuhr er, in der Erinnerung an seine Heldentat wieder freundlich werdend, fort, »nicht wahr, das macht mir so leicht keiner nach? Ein Glück ist's übrigens, daß ihr beide es gesehen habt, denn hol' mich dieser und jener, wenn Roberts mir allein ein Wort davon geglaubt hätten. Schändliches Volk das, als ob ich jemals eine Lüge erzählte! Aber da feixen sie und feixen und sehen sich einander an und stoßen sich in die Rippen, als wenn sie in einem fort sagen wollten: ›Du – das ist wieder einmal eine göttliche Geschichte.‹ Doch jetzt muß ich mich waschen, das Zeug wird sonst trocken.«

»Wir werden zu spät zur Predigt kommen«, sagte Brown, etwas ungeduldig nach der Sonne sehend.

»O geh mit deiner Predigt, wohin du willst – was liegt daran, den Schleicher, den Rowson, predigen zu hören! So gut kann ich's auch, und was des Burschen Frömmigkeit...«

»Wollen Sie denn erst wieder nach Hause reiten?«

»Versteht sich – geh nur immer voran, ich komme schon noch zur rechten Zeit.«

»Was wird aber mit dem Wildbret?«

»Was mit dem Wildbret wird, Musjö Naseweis? Das ist sehr leicht zu sagen, das marschiert auf meinem Pony in meine Küche, ich denke, ich hätt' es redlich genug verdient. – So, Assowaum, das ist recht«, wandte er sich jetzt an den Indianer, der das erlegte Wild an dem kurzen Gehörn hinab zum Bache zog, um den dicken Lehm abzuspülen, »wasch ihn ab, daß ihn ein ehrbarer Christenmensch mit Anstand aufs Pferd nehmen kann; aber hallo – was ist das, Mr. Skalpiermesser – was, zum Henker, machst du?«

Der Ausruf bezog sich auf das Beginnen des Indianers, der mit größter Kaltblütigkeit den Hirsch aufbrach und anfing eine Keule abzustreiten. »Ich will das Fell nicht herunter haben, hörst du? – Der Kerl ist taub.«

Assowaum ließ sich aber nicht irre machen, sondern löste höchst ruhig und gelassen eine Keule aus dem Wildbret, hing sich diese mit einem Streifen Hickoryrinde über die Schulter und erwiderte erst dann ganz ruhig:

»Der weiße Mann ist allein in seinem Wigwam, und Assowaum ist hungrig.«

»Oh! Nimm meinetwegen die Hälfte vom Wildbret. Ich werde ja aber ganz blutig.«

»Aber nicht mehr schmutzig«, antwortete der Indianer lakonisch, nahm seine Büchse wieder auf die Schulter und schritt schnell die Straße hinauf, den beiden Männern die weitere Sorge für ihr Wild überlassend. Brown half seinem Onkel den angebrochenen Hirsch aufs Pferd heben, der sich dann dahinter in den Sattel schwang und, bald wieder guter Laune, seinen Neffen nun vor allen Dingen beschwor, die Geschichte bei Roberts nicht eher zu erzählen, als bis er selbst nachkäme. Er wolle nur schnell nach Hause reiten und seine Kleider wechseln und bliebe nicht lange. Brown versprach ihm das und trabte hinter dem Indianer her, der inzwischen einen großen Vorsprung gewonnen hatte.

3. Der Indianer und der Methodistenprediger – Die Einladung zur Hochzeit

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Assowaum, der Befiederte Pfeil, gehörte zu einem der Stämme aus dem nördlichen Missouri und war vor mehreren Jahren, da das Wild immer seltener in den dichter und dichter bevölkerten Jagdgründen der Seinigen wurde, mit den beiden Weißen Harper und Brown bekannt geworden und nach dem Süden gewandert. Aber nicht des Wildes wegen allein hätte er seinen Stamm verlassen, sondern er war auch gezwungen worden, der Rache seiner Feinde zu entgehen, da er einen Häuptling erschlagen, der, von dem Feuerwasser der Europäer berauscht, seine Squaw überfallen hatte, während ihr Hilferuf den Retter und Rächer herbeirief. Mit dieser hatte er sich jetzt unfern von Harpers Wohnung einen kleinen Wigwam erbaut und lebte von der Jagd. Sein Weib aber flocht aus dem schlanken Schilf, das in den Niederungen des Südens wächst, zierliche Körbe und aus der geschmeidigen Rinde des Papaobaumes weiche Matten, die Assowaum dann mit seinen Fellen den Fluß hinunter nach Little Rock schaffte und an die Handelsleute der noch jungen Stadt gegen Pulver und Blei oder sonstige Lebensbedürfnisse, auch wohl, aber freilich sehr selten, gegen bares Geld eintauschte.

Hier nun war sein Weib von dem Methodistenprediger oder sogenannten »Circuit Rider« (da er abwechselnd fast in allen Ansiedlungen dieses wie des benachbarten County predigte) zur christlichen Religion bekehrt worden. An Assowaum dagegen scheiterten alle derartigen Versuche, und vergebens bemühte sich Rowson fortwährend, den Verstockten, wie er ihn nannte, dem Glauben seiner Väter abwendig zu machen und in die Arme der »alleinseligmachenden Kirche« der Methodisten zu führen. Der Indianer beharrte darauf, in jenem sterben zu wollen, und ließ sich durch all die Ermahnungen und Drohungen des fanatischen Priesters nicht irre machen.

Alapaha, die Squaw Assowaums, war schon am frühen Morgen zur Ansiedlung des weißen Mannes aufgebrochen, um dort den Geistlichen predigen zu hören, und Assowaum selbst folgte ihr jetzt dahin, teils um sie von dort abzuholen, teils um eine Partie Otterfelle nach seinem Wigwam mitzunehmen, die er vor mehreren Wochen in der dortigen Gegend erbeutet und in Roberts' Haus aufbewahrt hatte. Der größte Teil der Ansiedler war übrigens den beiden Indianern freundlich gesinnt, denn sie betrugen sich ordentlich und waren gefällig, wo sie nur jemandem einen Dienst leisten konnten. Doch blieb der Krieger stets viel ernster und zurückhaltender als sein Weib, das sich gern mit den Kindern beschäftigte und ihrer tollen Spiele nie müde zu werden schien.

»Bist du schon je einer solchen Figur begegnet, wie sie mein Onkel eben darstellte?« fragte der junge Mann lachend, als er den Indianer endlich einholte.

»Sah aus wie eine Schlammschildkröte«, antwortete dieser grinsend, »nur noch viel schmutziger. Der alte Mann wird dann eine große Geschichte erzählen, wenn er zu den Hütten der Freunde kommt.«

»Und ob der eine große Geschichte erzählen wird! Sonderbar war's aber doch, daß er das Tier so lange halten konnte; ich würd's ihm selbst nicht glauben, wenn ich's nicht mit eigenen Augen gesehen hätte.«

»Seine Knochen sind eisern«, erwiderte Assowaum. »Aber der Hirsch ist auch stark, und wäre Assowaum eine Minute später gekommen, so hätte er weiter kein Fleisch in der Salzlecke gefunden als den kleinen Mann.«

»Mag sein, das bestreitet er jedoch gewaltig, er schwört jetzt sicherlich darauf, daß er den Hirsch hätte die ganze Nacht halten können.«

»Der alte Mann hat dicke Worte«, sagte der Indianer.

»Kennst du den alten Bahrens, der kürzlich das kleine Haus am Petite-Jeanne gebaut hat?«

Assowaum lächelte und sah seinen Begleiter von der Seite an.

»Hast du schon mit ihm gesprochen?« fragte dieser.

»Er erzählt von seinen Jagden an der Bay de view und am Cashriver – neunzehn Hirsche hat er an einem Tag geschossen, und die kleinste Haut wog elf Pfund, getrocknet, ohne den Pelt.«

»Ja, er ist stark in solchen Sachen«, erwiderte Brown lachend, »ich möchte Onkel und Bahrens einmal zusammen sehen.«

»Ich auch«, sagte Assowaum, dem der Gedanke sehr wohl zu tun schien. Schweigend zogen die beiden Männer jetzt, ohne irgend jemandem zu begegnen, auf der breiten Straße fort, bis ihnen aus der Ferne die langgezogenen schrillen Töne eines geistlichen Liedes entgegenschallten. Diesen lauschte der Indianer erst einige Sekunden lang mit gespannter Aufmerksamkeit, dann aber schritt er wieder ruhig weiter, indem er nur sagte:

»Der blasse Mann (so nannte er Rowson seiner auffallend bleichen Gesichtsfarbe wegen) hat eine sehr laute Stimme; er ist wie ein junger Wolf. Die alten mögen noch so gut heulen – du hörst stets den jungen.«

»Du kannst den Priester nicht leiden, Assowaum?«

»Nein! Alapaha liebte den Großen Geist, sie betete zu dem Manitu, der ihre Väter beschützt hatte, und war ein folgsames Weib. Sie kreuzte nie Assowaums Pfad, wenn er auf die Jagd ging, und zog sie in der ersten dunklen Nacht ihre Matchecota um das frischgepflanzte Maisfeld, so mieden es die Würmer und Raubtiere, und die Frucht war gesegnet. Alapaha lacht jetzt über den Großen Geist Assowaums, und das Wild weicht aus seinem Pfade, wenn er in den Wald geht.«

Der Indianer schien nicht weiter zum Reden aufgelegt. Er schritt schweigend und schnell vorwärts, bis sie an die äußere Fenz von Roberts' Farm kamen. Von hier aus lief ein breiter Weg, zwischen zwei Maisfeldern hinführend, nach dem Hauptgebäude zu, aus dem jetzt klar und deutlich der schon lange gehörte Gesang heraustönte. William Brown hing, am Hause angekommen, den Zügel seines Pferdes über eine Fenzstange und trat in das Zimmer, wo sich die Andächtigen versammelt hatten.

Der Gesang war eben beendet, und sämtliche Zuhörer lagen, den Rücken dem Prediger zugekehrt und sich auf die Sitzfläche ihrer Stühle stützend, auf den Knien. Rowson aber, dem wir schon früher unter ganz anderen Verhältnissen im Walde begegneten, stand aufrecht in der Mitte und sprach mit andächtig geschlossenen Augen und scharfer, abstoßender Stimme ein lautes Gebet, worin er die entsetzliche Sündhaftigkeit der Anwesenden dem Allmächtigen ans Herz legte und nicht um die so reichlich verdiente Strafe, sondern um Gnade und Erbarmen bat.

Brown, der einer anderen Sekte angehörte und sich zu dem Knien nicht verstehen wollte, blieb mit gefalteten Händen und andächtig zuhörend auf der Schwelle der Tür stehen, trat aber nicht näher. Vergebens winkte ihm Rowson mehrere Male freundlich zu, den Platz an seiner Seite einzunehmen; er schien es nicht zu beachten und starrte schweigend vor sich nieder. Endlich schloß jener sein Gebet, alle standen auf, und der Gottesdienst war beendet.

Brown begrüßte jetzt mehrere der Anwesenden, mit denen er bekannt war und die sich aus der ganzen Nachbarschaft hier zusammengefunden hatten.

»Sie sind recht spät gekommen, Mr. Brown«, sagte Marion Roberts, des alten Roberts Tochter und seit sechs Monaten die Braut des frommen Predigers Rowson.

»Haben Sie mich vermißt, Miß Roberts? Dann bedaure ich freilich, den größten Teil des Gottesdienstes versäumt zu haben.«

»Aber, Mr. Brown, das ist nicht schön gesprochen. Ich habe eine zu gute Meinung von Ihnen, als daß ich glauben könnte, Sie wohnten nicht der Sache selbst wegen einer so heiligen Handlung bei«, sagte Marion.

»Ich bin nicht Methodist.«

»Und schadet das etwas? Sind wir nicht alle Christen?«

»Ihr Bräutigam denkt darüber anders.« Brown betonte das Wort »Bräutigam« besonders und schaute dem schönen Mädchen dabei forschend ins Auge.

Dieses aber mied seinen Blick und erwiderte: »Er mag wohl auch manchmal ein wenig zu strenge Ansichten haben; ich meinerseits denke darüber viel milder und – Vater ebenfalls. Mutter ist freilich sehr streng, besonders in dieser Hinsicht. Mutter und Mr. Rowson haben überhaupt sehr ähnliche Ansichten.«

»Diesmal lag auch die Schuld nicht an mir, mein Fräulein, ich war zeitig genug auf dem Wege, aber mein Onkel – ein Zufall hielt ihn auf, und er mußte wieder nach Hause.«

»Er ist doch nicht krank geworden?« fragte schnell und ängstlich Marion.

»Herzlichen Dank für die Teilnahme, mit der Sie sich für ihn interessieren«, erwiderte der junge Mann treuherzig, »es wird dem alten Onkel wohl tun, wenn er es erfährt. Er hält sehr viel von Ihnen.«

Marion errötete und sagte ausweichend: »Warum kam er aber nicht mit Ihnen?«

»Es war ein Abenteuer«, lächelte Brown, »das er mir verboten hat zu erzählen da er es selbst mitteilen will. Sie kennen seine Leidenschaft für Erzählungen.«

»Oh, ich freue mich schon darauf«, rief Marion, in die Hände klatschend, »das wird herrlich!«

»Und darf man wissen, was herrlich werden wird?« fragte Mr. Rowson hinzutretend und den jungen Mann freundlich grüßend.

»Ein Spaß, der meinem Onkel passierte, oder vielmehr eine Heldentat, die er ausübte und...«

»Haben Sie es auch selber gesehen?« fragte Marion lächelnd. »Sie wissen, Ihr guter Onkel...«

»Aber, Marion«, unterbrach sie ernst ermahnend Rowson, »ist es recht, dich, so kurz nachdem du deinem Gott gedient, mit irdischen, profanen Gegenständen zu beschäftigen? Es würde deiner Mutter sehr leid tun, wenn sie das hören müßte.«

»Mr. Rowson«, sagte Brown, in dem unangenehmen Gefühl, Zeuge eines Tadels zu sein, der das Blut stärker als je in die Wangen des Mädchens trieb, »Sie sind der Bräutigam von Miß Roberts und der Prediger dieses County, haben also ein doppeltes Recht über die junge Dame. Ich sollte aber doch denken, ein unschuldiger Scherz, ein heiteres Wort könnte dem lieben Gott nicht mißfällig sein. Alles zu seiner Zeit – fromm beim Gebet und froh beim Mahl.«

Rowson würde sicher etwas darauf erwidert haben, aber in diesem Augenblick trat der alte Roberts zu ihnen und, dem jungen Brown herzlich die Hand schüttelnd, rief er aus: »Das ist brav, mein Junge, daß Ihr auch einmal herüberkommt; hol's der –« Es ist möglich, daß er seine Rede auf eine keineswegs sabbatmäßige Art beendet hätte, wäre er nicht noch zur rechten Zeit dem Blick des Predigers begegnet, der ernst und streng auf ihm haftete, und einlenkend fuhr er fort: »Seit vier Wochen – wie lange seid Ihr eigentlich jetzt in Arkansas?«

»Sieben Wochen«, antwortete Brown.

»Nun ja, seit ungefähr vier Wochen habt Ihr Euch kaum zweimal blicken lassen, und in der ersten Zeit waret Ihr alle Tage hier – 's ist doch meiner Seel gar nicht so sehr amüsant hier, auf dem einsamen Fleck Landes, daß man gute Gesellschaft so leicht entbehren könnte. Da kommt Harper noch öfter – wo steckt denn der heute?«

»Er wird gleich hier sein.«

»Apropos, Brown, daß ich's nicht vergesse – für heute über vier Wochen lade ich Euch zur Hochzeit meiner Tochter ein, Euch und Euren Onkel. Ihr müßt dabeisein, sonst geht's nicht, und da...«

»Verzeiht«, erwiderte Brown schnell, indem er sich halb von ihm wandte, »in – vier Wochen werde ich – schwerlich mehr in Arkansas sein.«

»Nicht mehr in Arkansas – was? Ich dachte, Euer Onkel hätte sich Land gekauft und wollte ganz hier bleiben?«

»Ja, mein Onkel wird das auch, aber ich – ich werde mich den Freiwilligen anschließen, die nach Texas ziehen. Wie ich vor einigen Tagen in Little Rock gehört habe, will es sich von Mexiko frei machen und braucht amerikanische Arme.«

»Torheiten«, rief Roberts, freundlich dabei des jungen Mannes Hand ergreifend, »laßt die in Texas ihre eigenen Kriege kämpfen und bleibt Ihr hier bei uns. Wir brauchen am Fourche la fave auch tüchtige, brave Kerle, die den vielen Schuften in hiesiger Gegend die Waage halten, und zur Hochzeit kommt die ganze Mädchenwelt zusammen, da müßt's ja mit dem T..., müßt's ja ganz sonderbar zugehen, wenn sich nicht etwas für Euch darunter finden sollte. – Oh, habt keine Angst«, fuhr er lachend fort, als er sah, daß Brown den Kopf schüttelte, »es gibt wackere Mädchen hier, sie wohnen nur so zerstreut. Ein Mensch wie Ihr freilich, der nirgends hingeht und keinen einzigen Besuch macht, bekommt sie nicht zu sehen. Aber wahrhaftig, da kommt Harper: Blitz und – hm, wie rot er aussieht!«

Es war wirklich dieser würdige Gentleman, der in scharfem Trabe ankam. Wahrscheinlich hatte er befürchtet, Bill würde plaudern, und schon von weitem rief er diesem zu: »He, Junge, reinen Mund gehalten?«

»Keine Silbe erwähnt, Onkel.«

»Nun, das ist brav! – Kinder, heute morgen habe ich einen Spaß erlebt – eine Jagd gemacht...«

»Eine Jagd, Mr. Harper?« rief vorwurfsvoll Mrs. Roberts aus, die hinzugetreten war und die beiden Männer freundlich begrüßte, »eine Jagd am heiligen Sabbat?«

»Ohne Büchse, Mrs. Roberts, ohne Büchse, ganz unschuldig. Aber das muß ich von vorne an erzählen, denn so was erlebt man nicht alle Tage. – Bill – halt – hiergeblieben, Junge, du bist mein Zeuge – wo ist Assowaum?«

»Er ging dort ins Feld zu dem brennenden Baumstamm, wahrscheinlich, um sich ein Stück Fleisch zu braten.«

»Gut, der muß später auch her. Zeugen muß ich haben, sonst glaubt's das Volk nicht – alles wollen sie selbst sehen, selbst mitmachen. Da hättet Ihr einmal sollen meinen Bruder erzählen hören.«

»Oder den alten Bahrens!« warf Roberts lachend ein.

»Puh! Wer ist der alte Bahrens? Höre in einem fort von dem alten Bahrens; ich muß ihn doch einmal besuchen. Das ist wohl ein Wundertier?«

»Wir wollen Dienstag in jene Gegend, um nach wild gewordenen Schweinen zu sehen«, sagte Roberts; »wenn Ihr Lust habt, Harper, so könnt Ihr mitkommen. Wir bleiben dann bei Bahrens über Nacht.«

»Topp!« rief Harper, »jetzt aber meine Geschichte.«

Während der Kleine nun mit vielem Wohlbehagen den aufmerksam Zuhörenden sein wunderbares Abenteuer vortrug, ging Rowson, der es seiner Würde nicht für angemessen hielt, nach kaum beendigter Predigt in die allgemeine Fröhlichkeit mit einzustimmen, durch die Hintertür des Hauses in das Feld oder eigentlich urbar gemachte Land, denn noch war kein Mais angebaut und auch das umgeschlagene Holz noch nicht einmal alles aus dem Wege geschafft. Um aber die großen Stämme am besten zu beseitigen, hatte Roberts unter einige Feuer gelegt, und Assowaum benutzte jetzt eine solche Stelle, dort mehrere Stücke des von Harper gefangenen Hirsches zu braten. Hier aber bemerkte ihn Alapaha und bereitete für ihn, der indianischen Sitte gemäß, das Mahl.

Nachlässig auf seine ausgebreitete Decke hingestreckt, aus einer kurzen selbstverfertigten Rohrpfeife den Tabakrauch einziehend und langsam wieder ausstoßend, lag ausgestreckt die kräftige Gestalt des roten Waldsohnes neben dem riesigen Stamm einer Eiche, dem Sinnbild seiner eigenen Rasse. Noch vor kurzer Zeit überschauten die Indianer stolz und kühn das weite Land als Eigentum, und jetzt, gefällt am Boden, wußte der weiße Eindringling nicht einmal gleich, auf welche Art er sie am schnellsten und sichersten aus dem Weg schaffen könne. Wie am Stamm des Baumes die Glut, so wirkte am Stamm der indianischen Krieger das Feuerwasser, und langsam erst, dann aber immer weiter und reißender um sich greifend, vernichtete es die stattlichen Lebensfasern, das gesunde Mark des Baumes und ließ nur Asche und Kohle zurück. Das Grab der Krieger düngte den Boden, den der Weiße mit seinem Pflug aufriß, und die Herdsteine ihrer Beratungsfeuer wurden zu ebenso vielen Grabsteinen ihres gesunkenen, geschwundenen Ruhmes.

Es mochten wohl das Hirn des wackern Assowaum ähnliche Gedanken durchkreuzen, als er träumend in die zerfallenden Holzscheite starrte; da stand sein Weib plötzlich von ihrer Arbeit auf und ging dem Haus zu. Sie sah die sich nähernde Gestalt des Predigers und eilte ihm entgegen. Der aber reichte ihr die Hand und sprach ein langes, salbungsvolles Gebet über sie. Unterdessen zischte das Fleisch auf den Kohlen und verbrannte auf der einen Seite.

Alapaha war eine jener wenigen indianischen Schönheiten, denen die sonstigen, für das Auge des Weißen nicht angenehmen Unterscheidungszeichen ihrer Abstammung zur Zierde gereichten. Die vorstehenden Backenknochen verloren sich unter den vollen, von Gesundheit strotzenden Wangen, die reifen Lippen waren üppig geschwellt, die schwarzen Augen blitzten mit einem kaum zu unterdrückenden Feuer aus dem dunklen Teint der Waldschönheit hervor, der Elfenbeinglanz ihrer Zähne hätte eine Negerin beschämen können, und die schlanke Gestalt wurde keineswegs durch die Falten des feingegerbten ledernen Gewandes oder Überwurfs genügend verhüllt, um nicht ihre schönen Formen wenigstens ahnen zu lassen. Die zierlichen Füße staken in sorgfältig gearbeiteten Mokassins, das Haar wurde durch ein brennendrotes Tuch zusammengehalten, und Glaskorallen schmückten ihre Ohren und ihren Hals.

»Alapaha!« rief Assowaum jetzt in nicht unfreundlichem, aber ernstem Ton, »Alapaha – sagt dir der Große Geist der Christen, daß du die Pflichten vernachlässigen mußt, die du deinem Mann und Häuptling schuldig bist?« Alapaha floh mit schnellen Schritten zu ihrer Arbeit zurück, und Rowson nahte sich dem roten Krieger, der, ihn nur leicht mit dem Kopfe grüßend, ruhig liegenblieb.

»Zürnt Eurer Frau nicht, Bruder Assowaum«, redete er den Indianer salbungsvoll an, »zürnt ihr nicht, wenn sie den Worten des Herrn lauscht. Es ist ihr einziges Seelenheil, dem sie entgegeneilt, und Ihr solltet der letzte sein, der ihr dabei hemmend in den Weg träte.«

»Assowaum zürnt nicht und hindert sie in der Ausübung ihres Glaubens nicht«, antwortete der Indianer, »aber er ist hungrig, und das Fleisch verbrennt. Alapaha ist das Weib des roten Mannes.«

»Ich habe lange die Gelegenheit wieder einmal herbeigewünscht«, sagte Rowson mit freundlichem Blick, »Euch den Segen des Christentums recht anschaulich zu machen. Ihr wichet mir aber stets aus. Darf ich die jetzige Gelegenheit benutzen?«

Der Indianer erwiderte nichts, sondern nahm nur das Fleisch, das ihm Alapaha auf einem roh gearbeiteten hölzernen Teller darreichte, und begann seine Mahlzeit. Der ehrwürdige Prediger rief ihm nun aufs neue alle jene Kraftstellen der Heiligen Schrift ins Gedächtnis zurück, die auf die Sünden der Menschen und die Gnade des dreieinigen Gottes aufmerksam machen, wobei er nicht vergaß, ihm die vielen Wunder zu erzählen, die Christus in seinem Lebenslauf getan, bis er zur Versöhnung alles Fleisches am Kreuze gestorben sei. Wahrscheinlich glaubte Rowson durch diese bilderreichen Erzählungen am leichtesten auf die sinnliche Natur des Waldsohnes einwirken zu können. Der Indianer aß ruhig fort; aber selbst als er sein Mahl beendet hatte, unterbrach er dennoch den Redner mit keiner Silbe, mit keinem Blick, und lauschte aufmerksam dessen Worten, so daß Rowson, hierdurch ermutigt, immer eifriger fortfuhr, die christliche Religion stets nur durch solche Sachen hervorzuheben, die, wie er nicht ganz mit Unrecht glaubte, in den Augen seines Zuhörers den meisten Wert haben mußten.

»Hat der blasse Mann geendet?« fragte Assowaum endlich, als jener erschöpft stillschwieg.

»Ich habe«, antwortete der Priester. »Und was sagt mein Bruder dazu?«

Assowaum warf die Decke von sich, die er halb um sich herumgeschlagen hatte, richtete sich auf und sprach, dicht vor den Christen hintretend:

»Vor alten Zeiten hat der Große Geist, den Ihr Gott nennt, die Welt erschaffen, und er machte Menschen – Indianer. Sie kamen nicht über die See. Er deckte etwas über die Erde und steckte die Menschen darunter; alle Stämme waren dort versammelt. Ein Stamm von ihnen aber sandte einen seiner jungen Leute hinauf zu sehen, was es oben gäbe, und dieser fand alles sehr hell und freute sich über die Schönheit des Ganzen. Ein Hirsch lief vorbei, und ein Pfeil stak in seiner Seite; der Indianer folgte ihm und kam zu dem Platz, wo er gestürzt und verendet war; andere Fährten sah er noch, und bald kam der Mann, der das Tier angeschossen hatte. Es war der Schöpfer selbst, und er zeigte ihm jetzt, wie er die Haut des Hirsches abstreifen und das Fleisch zerschneiden sollte. Gott befahl ihm dann, ein Feuer zu machen, aber der Indianer wußte nicht wie. Gott mußte es selber tun. Gott hieß ihn nachher ein Stück des Fleisches auf einen Stock stecken und es braten: der Indianer wußte aber nicht wie und ließ es auf der einen Seite verbrennen, während die andere roh blieb.«

Rowson machte eine Gebärde, als ob er sprechen wollte, der ernste Blick Assowaums hielt ihn jedoch zurück.

»Nachdem er den roten Mann also gelehrt hatte, das Wild zu erlegen und das Fleisch und seine Haut zu nutzen, rief er die anderen hervor aus der Erde, und sie kamen Stamm nach Stamm und erwählten jeder einen Häuptling.

Gott machte auch das Gute und Böse – es waren Brüder. Der eine ging aus, um Gutes zu tun, der andere, um seines Bruders Werke wieder zu zerstören. Dieser machte steinige, kiesige Stellen, ließ giftige Früchte wachsen und stiftete Unheil. Der Gute wollte den Bösen gern vernichten, aber nicht mit Gewalt, schlug ihm also vor, daß sie einen Wettlauf anstellen wollten, wonach der Verlierer das Feld räumen sollte. Der Böse willigte ein und...«

»Halt!« rief der Methodist jetzt, indem er sich in seinem Eifer von dem Stamm erhob, auf dem er gesessen, »nicht geziemt es mir, am heiligen Sabbat solchen Erzählungen zu lauschen. Armer, verblendeter Heide – das ist dein unseliger Aberglaube, der dich an diesem Gewebe der Lüge hängen läßt – scheuche ihn von dir! Jesus Christus...«

Der Indianer sprach, während der Methodist diese Warnung schnell ausstieß, kein Wort, er unterbrach ihn mit keiner Silbe, aber er heftete einen so wilden Zorn und Ingrimm sprühenden Blick auf den Prediger, daß dieser erschrocken in seiner Rede einhielt und scheu nach dem nicht weit entfernten Hause zurücksah. Assowaum bezwang jedoch den in seiner Brust tobenden Sturm, und nur finster den fremden Apostel betrachtend, sprach er, als dieser plötzlich schwieg, mit fester, wenn auch leiser Stimme:

»Ich habe Euren Worten gelauscht. Ihr habt mir von dem Häuptling erzählt, der Stöcke in Schlangen verwandelte und Wasser aus dem Felsen preßte; von dem Fisch, der den Menschen tagelang in seinem Bauch aufbewahrte und dann wieder ans Land spie; von dem Propheten, der auf einem feurigen Wagen in den Himmel fuhr, und von dem, der geopfert wurde und starb und doch wieder lebendig auf die Erde kam. Assowaum hat alles geglaubt. Ich erzähle Euch jetzt, wie der Große Geist in diesem Teil der Welt seine Kinder erschaffen habe, und Ihr nennt mich einen Lügner. Geht!« sagte er, seinen Arm dabei gegen den etwas beschämten Prediger ausstreckend, »das Auge des blassen Mannes sieht nur auf die Seite, auf der sein eigener Wigwam steht – alles andere ist schwarz.«

Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, schritt Assowaum, das Nachbringen des Gepäcks seiner Squaw überlassend, dem Hause zu.

Hier hatte Harper indessen seine Geschichte unter dem Gelächter und den Beileidsbezeigungen der übrigen vollendet, die sich, als Mittag heranrückte, größtenteils wieder nach ihren verschiedenenen Wohnorten zerstreuten, um dort ihre Mahlzeiten nicht zu versäumen. Nur Harper und Brown waren von der alten Mrs. Roberts als so »gar seltene Gäste« eingeladen worden, an dem einfachen Mahl teilzunehmen.

Ehe der Tisch gedeckt wurde, winkte Roberts noch einmal dem jungen Brown zu, mit ihm zu der Einfenzung zu kommen, wo er seine guten Pferde hielt, denn auf sie konzentrierte sich sein ganzer Stolz und Ehrgeiz. Niemand im Staat durfte bessere Pferde haben als er, und wer mit dem alten Roberts tauschte, konnte sicher sein, daß er den kürzeren zog, denn keiner hatte ein sicheres Auge für die Fehler oder Tugenden des edlen Tieres als gerade dieser.

Ehe wir übrigens mit dem alten Mann näher bekannt werden, möchte es vielleicht nötig sein, eine kleine Schwäche zu erwähnen, die er sich in seinen Reden angewöhnt hatte. Er kam nämlich stets aus dem Hundertsten ins Tausendste, das heißt: Er vermochte nie den Satz, von dem er ausgegangen, festzuhalten. Die, welche näher mit ihm bekannt waren, wußten das schon und unterbrachen ihn immer zur rechten Zeit, wo er sich dann augenblicklich zu seinem ersten Satz zurückfand. Ließ man ihn aber ungestört reden, so verlor er die Bahn und kam endlich, ohne sich auch nur mit einem Worte noch an das erinnern zu können, was er hatte sagen wollen, zu einem plötzlichen Halt.

In dem sogenannten »Lot« angelangt, machte er nun den jungen Mann auf die einzelnen Tiere besonders aufmerksam, pries ihm, wie billig er dieses, wie teuer er das gekauft, was für Wetten jenes gewonnen, in wieviel Minuten ein anderes die Bahn durchlaufen. Er befand sich auch hier so recht in seinem Element, noch dazu, da ihm Brown nicht undeutlich zu verstehen gab, er gedenke in diesen Tagen selbst ein Pferd von ihm zu kaufen, und zwar ein starkes, kräftiges, das für den texanischen Freiheitskampf tauglich sei.

»Das könnt Ihr bei mir bekommen, Brown, das könnt Ihr bekommen!« rief der Alte freudig, in dem Augenblick ganz vergessend, daß er dadurch den jungen Mann aus der Nachbarschaft verlieren würde. »Dort der Fuchs ist ein Mordspferd – nicht totzumachen – abends so munter wie morgens und erst vier Jahre alt – aber – wie ist mir denn? Ihr wollt nach Texas? Zum Henker, das leiden wir nicht – ich verkaufe gern ein Pferd, doch soll mich...« Er sah sich unwillkürlich um, ob seine Frau nicht zufällig in der Nähe wäre und sein Fluchen hören könnte. »Nein, Brown, das ist nichts. Texas ist ein Land, wo es keinem Christenmenschen gut geht.«

»Dieses ruhige Leben hier sagt mir aber nicht zu; ich muß mich ein wenig in der Welt umsehen«, sagte der junge Mann, »später komm' ich wieder zurück.«

»Von Texas, eh? Von dort kommt niemand mehr zurück – kein ordentlicher Kerl wenigstens –, alle Schufte und Spitzbuben gehen ja jetzt dorthin, und das Sprichwort ›Geh in die Hölle‹ ist ganz abgekommen, man wird noch boshafter und wünscht den Leuten eine Reise nach Texas. Der Boden dort ist auch nicht besser als der unsere; ich habe unten im Canebottom Land, das ich nicht für zehn Dollar den Acker verkaufen möchte, und die Mast – Sie sollen einmal im nächsten Winter meine Schweine sehen; ich habe mir auch von Atkins eine neue Art gekauft – die mit ungespalteten Hufen. Atkins ließ mir zwei ab, und ich hätte noch mehr genommen, sein Bruder aber, der Advokat in Poinsett County, der sich erst neulich dort niedergelassen hat, denn das wißt Ihr doch, daß jetzt eine Menge Menschen dort in den Sumpf gezogen sind?«

»Bei Euch wird es jetzt auch recht still im Hause werden«, sagte Brown, der einen Augenblick in tiefen Gedanken vor sich hingestarrt hatte. »Euer Sohn ist nach Tennessee, und wenn – Marion heiratet...«

»Ja, das ist wahr; wird mir sonderbar vorkommen. Nun, ich bin auch nicht schuld daran, habe genug dagegen geschimpft. Ich weiß nicht, ich kann den Prediger nicht leiden.«

»Er scheint sonst ein ordentlicher, stiller Mann zu sein!«

»Still? Ja – sehr still; aber – unter uns – er kommt mir gar nicht wie ein Mann vor. Neulich hat ihm Heathcott Sachen gesagt, nach denen ich ihm ein Messer durch den Leib gerannt hätte, Rowson erwiderte aber nichts. Der Heathcott ist zwar ein wilder Bursche, sein Vater war noch einer von den alten Virginiern, die damals...«

»Wie Ihr mir sagtet, ist die Hochzeit in vier Wochen, nicht wahr?«

»In vier Wochen – ja – ich hab' ihm gesagt, daß er meine Tochter nicht eher bekommen kann, bis er das Land gekauft, auf dem er wohnt, und sich überhaupt so eingerichtet hat, daß er eine Frau anständig ernähren kann. Man braucht hier im Walde gerade nicht viel, aber ein kleines Kapital ist doch nötig: bar Geld ist überhaupt etwas sehr Seltenes...«

»Wovon ernährt sich Rowson eigentlich? Für sein Predigen empfängt er doch kein bares Geld?«

»Nein – bewahre, er hat aber noch ein kleines Vermögen in Tennessee, acht- oder neunhundert Dollar, wie er mir gesagt hat. Einen Teil von dem erwartet er in drei Wochen, und dann hab' ich meine Einwilligung zugesagt – die Mutter ist ganz versessen auf die Verbindung. Ich hätte auch nichts dagegen, aber der Blick von dem Menschen gefällt mir nicht. Es ist sonderbar, was der erste Blick manchmal für einen Eindruck macht. In Tennessee, wo ich doch früher wohnte und wo mein Vater am Wolfriver achtzig Acker Land hatte – Sie kennen doch den Wolfriver? –, herrliches Land, und in Memphis, kaum eine halbe Meile davon, ist auch ein vorzüglicher Markt für alle Produkte. – Wie lange ist's nun her, daß ich nicht in Memphis war? Lieber Gott, wie die Zeit vergeht, das war damals, als das erste Dampfboot vorbeikam – die ›New Orleans‹. Ja, ja, das muß 1811 gewesen sein – 1811. Nachher kam der Krieg wieder, und wir marschierten hinunter nach Louisiana, kamen aber zu spät; Old Hickery hatte die Britischen schon geklopft. Dann später, 1815, war der starke Frost, der uns damals die ganze Frucht verdarb – so ein Frost ist mir auch im Leben noch nicht wieder vorgekommen. Aber, Brown – an was denkt Ihr denn eigentlich? Ihr seht ja so starr vor Euch nieder, fehlt Euch etwas? – wovon sprach ich doch gleich?«

»Mir? nein – nichts – ich habe etwas Kopfschmerz und glaube, ich habe heute morgen zuviel über Onkel Bens Abenteuer gelacht. Ja, wir sprachen von unserem Pferdehandel.«

»Oh, das hat noch Zeit! – Aber hallo – wer kommt da? Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs Mann zu Pferde, und alle mit Büchsen und Messern? Nun, das ist eine gute Empfehlung bei meiner Frau. Heathcott und Mullins und Smith und Heinze, der Herr segne uns, das sind die Regulatoren, da brennt's wieder irgendwo. Nun, wir werden ja gleich hören.«

Der alte Mann öffnete schnell die Pforte, und Brown folgte ihm hinaus, die Reiter zu begrüßen, die jetzt in kurzem Trab den breiten Weg zwischen den Feldern von westwärts herkamen.

4. Die Regulatoren – Zank und Kampf

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Das Lynchgesetz, das heißt die Ausübung der Gerechtigkeit von nicht dazu befugten Personen, das Bestrafen von Verbrechern durch die einzelnen Bürger des Staates selbst, hatte in Arkansas wieder einmal seit kurzem recht überhand genommen. Um das zu verhindern, waren die Gesetze verschärft, ja sogar schwere Strafen auf die Bildung von eigenmächtigen Geschworenengerichten gesetzt worden. Wenig half das aber in einem Staate, wo noch kaum ein Weg die Wildnis durchschnitt und der Arm der Gerechtigkeit nicht über die nächsten Ansiedlungen hinausreichte. Arkansas war dabei in jener Zeit der Sammelplatz aller der Raubbanden geworden, die sonst in Missouri, Illinois, Kentucky, Tennessee und Mississippi ihr Unwesen getrieben hatten, und mit Recht traten die Ansiedler zusammen und zogen gemeinschaftlich gegen den Feind zu Felde, der ihnen den Frieden ihrer Wohnungen zu zerstören drohte. Wie aber jede Sache ihre Licht- und Schattenseiten hat, so auch hier. Wo einesteils mancher Schurke plötzlich und unerwartet vor Gericht gezogen und seiner gerechten Strafe überantwortet wurde, ohne daß man Friedensrichter oder Sheriff deshalb bemühte, traf es sich auch manchmal, daß persönlicher Haß und Rachgier die Erbitterung der Menge gegen einzelne Unschuldige lenkte, um diese die Macht fühlen zu lassen, die für den Augenblick in die Hände ihrer Feinde gegeben war. So rissen in White County die Regulatoren eines Tages einen ehrbaren, fleißigen Farmer aus der Mitte seines Familienkreises, banden ihn vor den Augen seiner Frau, die noch glücklicherweise durch eine Ohnmacht dem Schrecklichsten entzogen wurde, unter dem Jammern und Wehklagen seiner Kinder an einen Baum und peitschten den Unglücklichen auf eine entsetzliche Art, um ihm das Geständnis eines Verbrechens zu erpressen, das er nicht begangen hatte. Zwar bewies er später seine Unschuld und erschoß den Rädelsführer jener Bande, seine Frau hatten der Schreck und die Angst aber so angegriffen, daß sie in ein hitziges Fieber verfiel und wenige Monate danach starb. Man sagte auch, daß Heathcott damals mit unter jenen Regulatoren gewesen sei und er deshalb White County habe verlassen müssen. Auf jeden Fall war er ein wilder, roher Bursche, mit dem niemand gern etwas zu tun hatte – ein echter Kentuckier voller Prahlerei und Rauflust, wenn auch sonst ehrlich und brav.

Die übrigen Männer waren größtenteils Farmer aus der Nachbarschaft und alle in ihre Jagdhemden gekleidet, mit Büchsen, Bowiemessern und Pistolen bewaffnet. Heathcott war besonders mit Gewehren und Dolchen ausgerüstet und rechtfertigte den Ausruf Roberts', der zu Brown sagte, er sehe aus wie ein Kaperschiff, das seine Waffen an Deck geschafft habe und entern wolle.

»Hallo, Gentlemen«, rief der alte Mann jetzt, »wohin soll die Reise gehen? Kommen die Indianer, daß Sie sich auf eine so entsetzliche Art mit Messern und Schießgewehren versehen haben?«

»Indianer? Nein!« rief Heathcott, »aber etwas viel Schlimmeres: Die Pferdediebe sind wieder los; oben am Arkansas haben sie dem Richter Rowlove vier Stück gestohlen, und die Fährten führten südöstlich. Der verdammte Regen vorgestern nacht hat sie aber verwaschen, und wir konnten nicht mehr erkennen, ob sie nach den heißen Quellen zu oder weiter östlich gingen. Vergebens haben wir gestern den Wald nach allen Richtungen durchsucht, es ließ sich weiter nichts mehr tun, als daß wir Hostler den Fluß hinunter und Bowitt nach Hot Spring County hinüber schickten. Wir anderen wollten jetzt hinunter zu Wilkins, um weitere Schritte für die Zukunft zu bereden. Geht einer von euch mit?«

»Danke schön!« sagte Roberts, »macht das untereinander aus, ihr jungen Burschen. Meine alten Knochen sind das Waldlaufen nicht mehr gewohnt.«

»Ihr habt aber ebenfalls viele Pferde. Wer weiß, wann euch die Schufte einmal einen Besuch abstatten; nachher werdet Ihr schon kommen«, entgegnete Heathcott.

»Wollen's abwarten, ich muß ihnen aber doch an keiner recht bequemen Stelle hier liegen, sonst wäre mir schon etwas weggekommen. Mich verschonen sie wirklich merkwürdig.«

»Sollte beinahe verdächtig aussehen«, meinte der Kentuckier grinsend.

»Nein, nein«, sagte gutmütig lachend der alte Mann, »das gerade nicht. Aber wollt ihr denn nicht ins Haus gehen, Gentlemen, und einen Bissen essen? Guten Morgen, Heinze, guten Morgen, Mullins, hallo, Peter, das ist wohl ein neues Pferd, das Ihr da reitet? Das hab' ich noch nicht gesehen – hübsches Tier.«

»Wir nehmen Euer Anerbieten an«, sagte Heathcott, vom Pferd steigend, während die übrigen seinem Beispiel folgten. »Wilkins hat überdies nie etwas zu essen, und da ist's doch besser, wir versehen uns hier bei Euch. Aber nur keine Umstände – die Pferde mögen inzwischen ein bißchen ruhen.«

Brown hatte indessen einige der Männer, mit denen er in der kurzen Zeit seines Aufenthaltes bekannt geworden war, begrüßt und schritt mit ihnen dem Hause zu, wo das kleine Negermädchen emsig bemüht war, für die unerwarteten Gäste Maisbrot zu backen und Schweinefleisch zu braten.

»Und Ihr, Mr. Brown?« fragte Heathcott jetzt, sich an den jungen Mann wendend, »habt Ihr keine Lust, der guten Sache Euren Arm und Euer Auge zu leihen? Es können unserer gar nicht zuviel sein, da wir, mit dem Gesetz gegen uns, dem Staat beweisen müssen, wie sehr es uns ernst um die Sache ist.«

»Ich muß bitten, mich zu entschuldigen«, erwiderte Brown; »erstlich bin ich nur ein sehr flüchtiger Besuch in dieser Gegend, mit dem Wald und der ganzen Lage des Landes noch nicht einmal recht bekannt, und dann will ich Euch auch aufrichtig gestehen, habe ich keine Freude an dem Richtwesen der Regulatoren, das nur zu oft zum Unwesen wird.«

»Sir!« sagte der Kentuckier etwas gereizt, »Ihr werdet uns doch wohl zugestehen, daß wir hier am besten wissen, wo uns der Schuh drückt?«

»Natürlich – natürlich«, erwiderte Brown freundlich. »Ich maße mir auch weiter kein Urteil darüber an, behalte mir aber dafür auch meine eigene Handlungsweise vor.«

»Mit Euch Herren, wie Ihr nur immer von einem Staat zum andern huscht, weiß man nie, woran man ist«, sagte Heathcott, einen keineswegs freundlichen Blick nach dem jungen Mann hinüberwerfend. »Einmal seid Ihr in Missouri, einmal in Texas und habt überall Bekannte und Freunde. Ihr tretet vielleicht aus Rücksicht gegen Eure Freunde den Regulatoren nicht bei?«

»Mr. Heathcott«, erwiderte Brown sehr ernst, aber auch sehr höflich, »ich will diese Anspielung von Eurer Seite nicht verstehen, denn ich kann mich dadurch nicht getroffen fühlen. Was mein Betragen, meine Reisen aus einem Staat in den anderen betrifft, so bin ich darüber keinem Menschen Rechenschaft schuldig.«

Die anderen Farmer mischten sich aber jetzt in das Gespräch und duldeten nicht, daß Heathcott noch etwas sagte, das die Gefühle des jungen Mannes verletzen konnte. Sie hatten ihn alle liebgewonnen, fürchteten dagegen ihren Führer mehr, als sie ihn achteten.

»Herein, Gentlemen, herein hier!« rief ihnen Roberts aus der offenen Haustür zu. »Ihr müßt fürlieb nehmen, ich habe euch schnell etwas herrichten lassen, damit ihr nicht bis zum Mittagessen zu warten braucht. Also setzt euch.«

Die Leute ließen sich das nicht zweimal sagen, und nachdem sie die Frauen im Hause begrüßt, setzten sie sich ohne weitere Umstände, ja ohne alle die vielen Gewehre, mit denen sie umsteckt waren, abzulegen, an den reichlich gedeckten Tisch. Eben wollten sie auch zulangen, als Rowson, der neben Mrs. Roberts am Feuer gestanden hatte, an die Tafel trat, die Hände faltete und ein Tischgebet zu sprechen begann.

Die Farmer, die einesteils selbst Methodisten waren, andernteils die Sitte des Hauses ehrten, legten die schon ergriffenen Messer wieder nieder und sahen, andächtig auf die Teller hinunter; Heathcott hingegen blickte ärgerlich zu dem Prediger hinüber, der ihn übrigens gar nicht zu bemerken schien und ruhig in der Ausübung seiner Pflicht, wie er es nannte, fortfuhr.

Wären die Damen nicht gegenwärtig gewesen, so hätte sich der Zorn des rauhen Mannes wohl schon bei dieser Gelegenheit Luft gemacht, so aber unterdrückte er ihn und begann sein Mahl, während der Betende noch das Amen sprach. Daß solches Betragen Mrs. Roberts auf das tiefste verletzte, braucht wohl nicht erwähnt zu werden. Sie setzte sich höchst erbittert in ihren Schaukelstuhl und murmelte etwas von »rohen sündhaften Menschen«, was jedoch nur zu dem Ohr des Priesters gelangte, der wieder an ihre Seite getreten war und jetzt seufzend dazu mit dem Kopf nickte.

»Mrs. Roberts, Sie führen wohl nicht einen Schluck Whisky im Hause?« fragte Heathcott nach einer kleinen Pause, sich dabei mit dem Ärmel seines ledernen Jagdhemdes den Mund wischend. »Wir haben da drüben bei Bowitts so verdammt scharfes Zeug getrunken, daß es einem die Eingeweide fast verbrennt.«

»Ich halte keinen Whisky«, erwiderte Mrs. Roberts, durch diese Frage aufs neue erregt. »Mrs. Bowitt täte ebenfalls besser, solches Getränk nicht in ihrem Hause zu dulden.«

»Ja, das hab' ich auch gesagt«, rief Heathcott lachend, der entweder die alte Dame nicht verstand oder nicht verstehen wollte, »es ist eine Schande. Bei dem Krämer am Petite-Jeanne könnte sie, für einen Dollar die Gallone, das beste Gebräu in der Welt bekommen – echten Monongahela-Whisky.«

»Mr. Heathcott sollte doch eigentlich sehen«, sagte Rowson milde, »daß ein Gespräch über Whisky den Ohren der Mrs. Roberts nicht gerade angenehm ist.«

»Mr. Rowson täte wohl, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern«, antwortete Heathcott scharf.

»Ich habe den Pferden etwas Korn geben lassen, Gentlemen!« rief jetzt der alte Roberts, der eben mit Harper und Brown aus dem Pferdestall zurückkehrte, zur Tür herein.

»Dank Euch! Dank Euch!« riefen Smith und Heinze, froh, eine Ausrede zu haben, vom Tisch aufzustehen und ein Gespräch zu unterbrechen, das nur unangenehm enden konnte.

Smith blieb noch einen Augenblick zurück, als die anderen Männer hinausgingen, und sagte freundlich zu Mrs. Roberts:

»Sie müssen Heathcott die rauhe Rede nicht so übelnehmen, Madame. Wir sind scharf geritten heute morgen, und wie wir zu Bowitts kamen, trank er wohl eigentlich ein wenig mehr, als sich gehörte.«

Die alte Dame erwiderte nichts und schaukelte nur heftiger, Rowson dagegen dankte dem Nachbar freundlich für seine gute Meinung und versicherte ihm, er hege nicht den geringsten Groll gegen Heathcott. »Er ist ein rascher, junger Mann«, fuhr er gutmütig lächelnd fort, »und meint auch wohl nicht alles so bös, als es bei ihm herauskommt.«

»Ich werde ihm sehr verbunden sein, wenn er mein Haus nicht wieder mit seiner Gegenwart beehrt«, platzte Mrs. Roberts endlich heraus. »Ich erziehe mein Kind gottesfürchtig und will weder, daß dieses in meinen eigenen vier Wänden ein böses Beispiel sieht, noch...«

»Aber, Mutter!« bat Marion.

»... noch, daß fromme Leute«, fuhr die alte Frau, ohne sich unterbrechen zu lassen, fort, »die das reine Gotteswort predigen, unter meinem Dache beleidigt werden – sagen Sie das dem Mr. Heathcott.« Und aufs neue begann sie heftig in dem Stuhl zu schaukeln.

Smith, ein ruhiger, friedliebender Mann und selbst Methodist, war zu sehr mit alledem, was Mrs. Roberts eben gesagt hatte, einverstanden, um etwas dagegen einzuwenden, und folgte schweigend den übrigen vor die Tür. Dort hatten sich die meisten teils auf Stühlen, teils auf Baumstämmen und Trögen niedergelassen und sprachen von dem, was ihnen allen am nächsten lag; von den immer mehr und mehr um sich greifenden Pferdediebstählen.

»Die Schufte müssen hier im County einen Hehler haben, sonst begreif' ich nicht, wie es möglich ist, daß sie uns immer irreführen«, sagte Mullins.

»Ja, und wohin sie die gestohlenen Pferde schaffen, bleibt mir auch ein Rätsel«, rief Roberts, »ein Gaul ist doch kein Vogel, der über die Erde geht, ohne Spuren zu hinterlassen.«

»Nur Geduld!« beteuerte Heathcott, »nur Geduld, es hat jedes sein Ziel, und wir erwischen die Burschen einmal, wenn sie sich's am wenigsten versehen. Aber dann will ich verdammt sein, wenn ich einem von den Hunden das Leben schenke. Lumpig ist's, daß sie im vorigen Jahr die Todesstrafe auf Pferdediebstahl hier in Arkansas abgeschafft haben, das hieß dem Volke mit klaren Worten sagen: Jetzt helft euch selber – wir wollen's nicht mehr.«

»Ich weiß nicht, hart bleibt's immer, eines Pferdes wegen ein Menschenleben zu nehmen«, warf Brown ein.

»Hart? Zum Teufel auch!« rief Heathcott, sein großes Messer neben sich in die Rinde des Stammes stoßend, auf dem er saß, »wer mir ein Pferd stiehlt, stiehlt einen Teil meiner selbst. Ich habe jetzt drei verkauft und trage das Geld davon bei mir, es ist sozusagen mein ganzes Vermögen, mit dem ich mich anzubauen gedenke. Wer mir die Pferde gestohlen, hätte mir damit auch zugleich meinen ganzen künftigen Lebensplan zerstört und das ist schlimmer, als wenn er mich über den Haufen geschossen. Nein, Tod den Schuften! Laßt sie nur sehen, daß es uns ernst ist, und wir werden sie, das heißt die, die wir nicht gehängt haben, bald aus Arkansas lossein.«

»Euch scheint an einem Menschenleben wenig zu liegen«, warf Brown ein.

»Sehr wenig«, antwortete Heathcott, sein Spiel mit dem Messer wiederholend.

»Ihr taxiert dann das Eure auch nicht besonders hoch?« meinte Harper lachend, »sonst würdet Ihr's nicht mit dem jedes Lumps in die Waagschale legen.«

»Hoch genug, um den neun Zoll langen Stahl den schmecken zu lassen, von dem ich glauben müßte, daß er mir gefährlich werden könnte«, rief Heathcott, sich wild im Kreise umsehend. »Dies ist ein freies Land, und jeder hat seine Ansichten, ich will aber verdammt sein, wenn ich die meinigen nicht oben behalte – soviel ist sicher. Aha, da ist auch der Mr. Rowson wieder«, fuhr er höhnisch fort, als er die ehrwürdige Gestalt dieses Mannes, mit dem Hut auf dem Kopf und dem Gebetbuch unter dem Arm, in der Tür bemerkte. »Auch einer von den Schleichern, die mit dem Schafsfell prahlen und den Fuchs nur zuweilen durchschauen lassen.«

Rowson wandte sich an den Negerknaben, der eben zum Haus kam, und bat ihn, sein Pferd zu holen. Heathcott aber, durch die Nichtachtung des Predigers, der sich stellte, als ob er die Worte gar nicht gehört hätte, erbost, sprang auf und rief drohend:

»Nun, Meister Höllentreter, ich dächte, ich wäre einer Antwort wert, wenn ich auch ein Sünder bin.«

Ehe aber Rowson nur ein Wort erwidern konnte, sprang Brown auf, faßte Heathcott an der Brust und schleuderte ihn mit so gewaltigem Griff zurück auf seinen Platz, daß er über den Stamm hinwegflog und sich im Fall blutig schlug. Alle anderen sprangen erschrocken empor, mit ihnen aber auch der Kentuckier. Das Messer ergreifend, das neben ihm heruntergefallen war, setzte er mit einem Sprung über den umgestürzten Baum hinweg und wollte sich eben auf seinen Angreifer werfen, als dieser ihm, ohne einen Zollbreit von seiner Stelle zu weichen, ein gespanntes Terzerol entgegenhielt. Heathcott, der keine Waffen bei ihm vermutet hatte, fuhr zurück und wollte seine Büchse ergreifen. Die übrigen Männer fielen ihm aber in den Arm und riefen einstimmig, daß sie keinen Mord hier dulden wollten.

»Zurück mit Euch«, schrie Heathcott, »zurück! Laßt mich an den Buben – das fordert Blut. Sein Herzblut muß ich haben – verdamm' Euch.«

»Laßt ihn los«, sagte Brown jetzt, das Terzerol einsteckend und ein ebensolches Messer, wie es Heathcott führte, unter der Weste hervorziehend, »laßt ihn los, und wir können dann gleich sehen, wer der beste Mann ist.«

»Um Gottes willen, Mr. Harper, dulden Sie das Schreckliche nicht –« bat Marion, die mit totenbleichem Gesicht die Hand des alten Mannes ergriff, »der böse Heathcott bringt ihn um.«

»Seien Sie ruhig, liebes Kind«, beschwichtigte Harper die Flehende, »und gehen Sie vor allen Dingen ins Haus zurück. Dies ist jetzt kein Platz für ein junges Mädchen – hat die Kugel erst einmal das Rohr verlassen, so weiß niemand, wohin sie geht.«

»Er wird ihn töten«, klagte das Mädchen.

»Wen? Ihren Bräutigam? Nein. Er hat ja den Streit mit meinem Neffen.«

Marion barg schluchzend das Gesicht in ihrem Tuch und ließ sich willenlos von Rowson, der zu ihr getreten war, ins Haus geleiten.

»Zurück! Sag' ich«, schrie Heathcott in höchster Erregung, »gebt mir meine Büchse, ich muß den Hund über den Haufen schießen.«

»Laßt ihn los«, wiederholte Brown in schnell auflodernder Kampflust. »Laßt ihn frei, er hat Messer genug an sich stecken, einen ehrlichen Kampf zu wagen – weg da, Männer von Arkansas!«

»Gut!« sagte Mullins, »Ihr mögt es ausfechten, aber die Büchse bekommt er nicht. Wir wollen keinen Mord dulden; ein Kampf ist etwas anderes.«

Heathcott sah sich im nächsten Augenblick frei, und die Männer bildeten einen Kreis um die beiden. Der eben noch so wilde Kentuckier schien jedoch durch den festen, furchtlosen Blick seines Gegners gewaltig abgekühlt, und wenn er auch krampfhaft das Messer mit der Hand umschloß und dem ihn unerschrocken Erwartenden wütende Blicke zuschleuderte, so blieb er doch wie festgebannt auf seiner Stelle stehen und griff nicht an. Eine peinliche Stille trat ein, die Männer umstanden die Feinde und wagten kaum zu atmen, während Marion von der Tür des Hauses ängstlich hinüberstarrte nach dem Kreis und in krampfhafter Aufregung, die Hände fest auf die Brust gefaltet, zitternd und bangend den Ausgang des Gräßlichen erwartete.

Heathcott befand sich in einer peinlichen Lage, er fürchtete augenscheinlich den Stahl des Feindes, aber mehr fast noch den Spott oder das höhnische Lächeln der Kameraden, das er glaubte erwarten zu müssen, wenn er den dargebotenen Kampf nicht annähme; da schlugen sich die Freunde ins Mittel, und zwischen die Männer tretend, trennten sie die Streitenden.

»Kommt Heathcott«, sagte Heinze, »Ihr habt beide unrecht, und es ist eine Sünde und Schande, daß sich zwei ordentliche Kerle zerfleischen wollen, wo es noch Lumpengesindel genug im Walde gibt, an dem sie ihre Wut auslassen könnten. Kommt, es wird Zeit, daß wir aufbrechen, und es ist auch nicht recht, den Sonntag der Leute hier zu stören, die uns freundlich aufgenommen haben.«

»Das ist alles, was mich bis jetzt abgehalten hat, jenen Gelbschnabel zu züchtigen«, knirschte Heathcott, »aber warte, Bursche, ich finde dich, und Gnade dir Gott, wenn du mir einmal vors Rohr kommst.«

»Heathcott – Heathcott«, warnte Mullins, »das sind böse, gefährliche Reden, sehr gefährliche Worte.«

»Laßt ihn«, lachte Brown verächtlich, das Messer in die Scheide zurückstoßend, »laßt ihn prahlen; es ist der einzige Genuß, den er vom Leben hat.«

»Komm, Bill«, sagte Harper, den Widerstrebenden ins Haus ziehend, »komm, Bill, laß die Burschen erst fort, du hast deiner Ehre genügt, und es freut mich, daß sich meiner Schwester Sohn so brav benommen hat. Das tut's aber nun auch, denk an die Frauen, Marion ist vorhin schon ohnmächtig geworden.«

»Marion ohnmächtig?« fragte Brown schnell, indem er dem Hause zu lief. »Ja so«, sagte er aber dann und blieb wieder stehen, »ihr Bräutigam ist ja bei ihr, daran dacht' ich nicht. Sie wird sich wohl wieder erholen.«

Die Regulatoren hatten indessen den Platz verlassen, und auch Rowson schickte sich an, heimzureiten. Harper folgte dagegen der Einladung Roberts' und blieb in dessen Haus, um am nächsten Morgen die versprochene Jagd mitzumachen und den alten Bahrens zu besuchen, von dem er soviel gehört hatte.

Rowson sprach noch ein langes Gebet, ehe er sein Pferd bestieg, teils um die Vergebung des Höchsten für die entsetzliche Entweihung des Sabbats zu erflehen, teils um ihm zu danken, daß dieser Kelch ohne Blutvergießen vorübergegangen war. Ehe er sich jedoch aufs Pferd schwang, ging er zuerst noch auf den jungen Brown zu und sagte:

»Ihr habt Euch heute meiner angenommen, und ich danke Euch. Wenn aber jener Bube auch auf Rache sinnt, fürchtet nichts, der Himmel wird Euch beschirmen, baut auf dessen Schutz.«

»Ich dank' Euch, Mr. Rowson«, erwiderte Brown ruhig; »ich baue aber mehr auf des Burschen Feigheit und meine eigene Kraft als auf irgend etwas anderes. Der geht mir schon aus dem Wege, das hat keine Not, und streitsüchtig bin ich auch nicht. So werden wir denn schwerlich wieder zusammenkommen.«

5. Brown und Marion

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Rowson war fortgeritten, um, wie er sagte, »das Wort des Herrn in einer andern Ansiedlung zu predigen«, und Marion lehnte bleich und erschöpft in einem Sessel. Harper, Roberts und Brown saßen am Kamin, in dem die Negerin wohl mehr der Gewohnheit als der wirklich kühlen Luft wegen ein Feuer entzündete, und Mrs. Roberts stand neben ihrer Tochter und streichelte ihr das Haar.

»Komm, Kind – laß das Sorgen und Träumen«, sagte sie beruhigend zu dem Mädchen, »sieh, es ist ja alles vorbei. Mr. Rowson kann den Männern heute unmöglich mehr begegnen, er hat ja eine ganz entgegengesetzte Richtung eingeschlagen. Geh hinaus an die frische Luft, dann wird dir besser; Mr. Brown begleitet dich vielleicht und führt dich ein wenig spazieren. Ich wollte wirklich, Mr. Rowson hätte heute bei uns bleiben können, aber freilich – der Dienst Gottes geht vor.«

Brown war schon bei der ersten Andeutung, daß seine Begleitung erwünscht werde, aufgesprungen und näherte sich jetzt etwas verlegen der Tochter des Hauses, ihr seinen Arm anzubieten.

»So, das ist recht, mein Kind«, ermunterte sie die Mutter, »das ist brav, Kopf hoch, draußen wird dir besser werden, und laufen Sie tüchtig, Mr. Brown, daß sie ordentlich in Bewegung kommt. Gott verzeih es den bösen Leuten, solchen Streit und Unfrieden in die ruhigen Häuser seiner Diener zu tragen.«

Harper war indessen sehr nachdenklich geworden und starrte schweigend auf das knisternde, nasse Holz, während Roberts, der ein Gespräch über den letzten Streit begonnen, dann auf den Revolutionskrieg gekommen war und eben eine Anekdote aus Washingtons Leben erzählen wollte, als die beiden jungen Leute das Haus verließen und langsam und schweigend den breiten Fahrweg entlanggingen, der den Fluß hinauf nach den oberen Ansiedlungen führte.

Die Sonne neigte sich dem Untergang zu, und der Schatten der riesengroßen Bäume fiel über den Weg hinüber; Scharen von munteren Papageien flatterten kreischend von Baum zu Baum, graue Eichhörnchen sprangen in kühnen Sätzen über die Zweige hin oder knabberten an irgendeiner Nuß, deren Schale dann raschelnd in das Laub hinunterfiel. Vorsichtig den schönen Kopf erhebend, schritt leise eine Hirschkuh mit ihrem Kalb über den Weg, blieb einen Augenblick, die breite Straße hinauf- und hinabschauend, stehen und verschwand dann langsam im Dickicht, als ob sie wisse, es drohe ihr von den Nahenden keine Gefahr. Stiller Friede lag auf der Landschaft, und majestätisch rauschten die gewaltigen Wipfel der Kiefern und Eichen im darüber hinstreichenden Südostwind.

»Wir sind Ihnen eigentlich großen Dank schuldig, Mr. Brown«, brach endlich Marion das peinlich werdende Schweigen. »Sie nahmen sich so freundlich und tapfer meines – des Mr. Rowson an und setzten sich selbst so großer Gefahr aus.«

»Nicht so großer, als Sie vielleicht glauben, mein Fräulein«, erwiderte Brown zögernd, »der Bursche ist ein Feigling und suchte nur mit Mr. Rowson Streit, weil er von diesem – weil dieser als Prediger nicht darauf eingehen konnte.«

»Sie wollten etwas anderes sagen? Sprechen Sie es aus – Sie halten Mr. Rowson für feig?«

»Er ist Prediger, Miß Roberts, und es würde ihm einen gar schlechten Namen in der Gemeinde machen, wollte er Händel suchen.«

»Nicht suchen, aber – es bleibt sich gleich – Sie nahmen sich seiner an. Es ist mir ein recht wohltuendes Gefühl, daß Sie so gut miteinander befreundet sind. Wo haben Sie sich eigentlich kennengelernt?«

»Kennengelernt? Befreundet? Miß Roberts, ich kenne Mr. Rowson gar nicht, wir haben heute die ersten Worte miteinander gewechselt.«

»Und Sie setzten Ihr Leben für ihn aufs Spiel?« fragte Marion schnell, während sie stehenblieb und den jungen Mann erstaunt anblickte.

»Ich hörte, daß – er Ihr Verlobter sei – ich sah Sie erbleichen und – ich bin etwas heftiger Gemütsart. Der Zorn übermannte mich über den rohen Burschen; ich war wohl etwas rascher, als ich eigentlich hätte sein sollen; aber mein Gott, Miß Roberts, Sie werden wieder unwohl, wollen wir uns nicht einen Augenblick auf diesen Stamm setzen?«

Marion ließ sich von ihm zu einem der Bäume führen, die beim Aushauen der Straße gefällt und auf die Seite gerollt waren. Wieder trat eine lange Pause ein, und Marion fragte endlich leise:

»Sie wollen uns verlassen, Mr. Brown? Vater sagte vorhin, daß Sie in den Freiheitskampf nach Texas ziehen werden.«

»Ja, Miß Roberts, es wird besser für mich sein, wenn ich eine derartige Beschäftigung finde. Ich möchte manches vergessen, und dazu ist ein Kampf wohl das passendste Mittel. Vielleicht kommt dann auch eine mitleidige – ich werde wahrscheinlich einen Pferdehandel mit Ihrem Vater machen.«

»Sie scheinen nicht glücklich zu sein«, sagte leise das Mädchen, indem es ernst und sinnend zu ihm aufsah. »Sie lebten lange in Kentucky?«

»Ich verließ Kentucky mit leichtem Herzen!«

»Und hat Arkansas Ihnen solchen Schmerz bereitet? Das ist nicht schön, ich habe das Land bis jetzt so liebgehabt.«

»Sie werden es auch liebbehalten. In wenigen Wochen feiern Sie die Verbindung mit dem Manne Ihrer Wahl, und mit dem Herzen, das man liebt, muß ja die Wüste zum Paradies werden, wieviel mehr denn der schöne Wald, das liebliche Klima von Arkansas. Ach, es gibt doch noch recht glückliche Menschen auf der Erde!«

»Und wen zählen Sie dazu?«

»Rowson!« rief der junge Mann, und erschrak dann selbst über die Kühnheit dieses Wortes.

»Die Moskitos sind arg an dieser Stelle«, sagte Marion, indem sie schnell aufstand, »lassen Sie uns weitergehen, Mr. Brown. Wir werden auch bald wieder umkehren müssen, die Sonne steht nicht mehr hoch.«

Aufs neue verfolgten sie schweigend eine Zeitlang ihren beschwerlichen Weg.

»Sie wohnen mit Ihrem Onkel ganz allein, nicht wahr, Mr. Brown?« fragte endlich Marion wieder nach langer Pause, »Mutter sagte mir wenigstens so.«

»Ja, mein Fräulein, wir führen eine Junggesellenwirtschaft, es ist ein rauhes Leben.«

»Ihr Onkel ist ein wackerer Mann, immer heiter, immer zu einem Scherz aufgelegt, und hat dabei so etwas Ehrliches, Offenes im Blick. Ich war ihm vom ersten Augenblick an gut, als ich ihn sah; so ernst wie heute hab' ich ihn übrigens noch nie gesehen. Aber auch Sie kommen mir heute recht ernst vor; die bösen Menschen sind an dem allen schuld.«

»Mr. Rowson wird sich wohl hier in der Gegend ankaufen? Ich hörte, daß Mr. Roberts sagte, er erwarte erst einen Teil seines Vermögens.«

»Ja«, flüsterte Marion, »Vater wollte es so – Vater war überhaupt gegen diese Verbindung.«

»Das ist nicht recht von Ihrem Vater, Miß, er darf dem Glück des eigenen Kindes nicht im Wege stehen.«

»Er behauptet aber, daß ich nicht glücklich werden würde«, sagte Marion, wehmütig lächelnd.

»Ist die Liebe nicht das größte Glück?«

»Man sagt so.«

»Man sagt so? Lieben Sie denn nicht Ihren Bräutigam?«

»Mutters ganzes Herz hing an dieser Verbindung. Durch den gottesfürchtigen Wandel des frommen Mannes eingenommen, glaubte sie für mich nicht besser sorgen zu können, als wenn sie mich vermochte ihm meine Hand zu reichen. Ich bekam hier im Walde wohl manchen Mann zu sehen, aber keiner hatte Eindruck auf mich gemacht. Die wilden, rauhen Streifschützen, die zügellosen Floßleute, die Otterfänger und selbst die Farmer, die sich hier in unserer Nähe niederließen, waren alle nicht geeignet, mein Herz zu gewinnen. Mr. Rowson war der erste, der sich durch sein gesittetes, freundliches Betragen meine Achtung erwarb. Er kam öfter in diese Gegend, predigte häufig hier, und – Mutter lernte ihn schätzen. Sie selbst beredete ihn, sich unter uns niederzulassen und ein Weib zu nehmen, er bat um meine Hand, und Mutter – sagte sie ihm zu.

Ich hatte bis dahin nie an eine Verbindung mit ihm gedacht«, fuhr Marion nach einer Weile zögernd fort, »immer mehr den väterlichen Freund als den möglichen Geliebten in ihm gesehen, und der Antrag überraschte mich. Dabei hatte – Ihnen kann ich es vielleicht gestehen – sein Auge etwas, das mir Grauen einflößte, wenn ich schnell und unerwartet zu ihm aufblicke; sah ich ihn aber recht ernst und fest an, so lag wieder etwas so Mildes, Sanftes in den Zügen, das mich endlich selbst für ihn einnahm. Durch Mutters nicht endende Vorstellungen getrieben, gab ich zuletzt mein Jawort. Aber Vater wollte nicht einwilligen; er mochte den stillen, ruhigen Mann nicht leiden und hatte darüber mit Mutter ein paar recht ernste Auftritte. Aufrichtig gestanden, war es mir ziemlich gleich, wer von ihnen recht behielt, denn ich glaube wohl, mit Mr. Rowson glücklich, ohne ihn aber auch nicht unglücklich zu werden. Wie daher Vater sich entschloß, der Mutter das Feld zu räumen, und nur noch darauf bestand, daß Mr. Rowson ein Eigentum haben müsse, welches ihm die Hoffnung gebe, eine Frau zu ernähren, ohne bloß auf das Predigen angewiesen zu sein, versprach ich Mr. Rowson sein Weib zu werden. – Wie er uns nun heute sagte, hat er die Hoffnung, in wenigen Wochen eine hinreichende Geldsumme zu erhalten, um nicht allein das Land, auf dem er wohnt, zu kaufen, sondern sich auch noch einen Anfang zur Viehzucht, wie alles übrige nötige Ackergerät, anzuschaffen. Dann steht der Erfüllung seines Wunsches weiter nichts im Wege und – ich werde die Seine.«

Marion sprach diese letzten Worte mit so leiser, zitternder Stimme, daß Brown unwillkürlich stehenblieb und auf sie hinabsah. Sie hatte den Kopf gewendet, und das Bonnet, das sie trug, verbarg ihm ihr Gesicht.

»Sie werden glücklich werden«, flüsterte er, und ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust.

»Wir müssen umkehren, Mr. Brown«, sagte Marion nach einer kleinen Weile, »sehen Sie nur, die Wipfel der Bäume röten sich schon, die Sonne ist bald untergegangen, und in diesen dichten Wäldern wird es gleich Nacht. Mutter wird sich ängstigen.«

Die beiden jungen Leute wandten sich stumm zum Heimweg. Nach einigen Minuten nahm Marion das Gespräch wieder auf:

»Ich habe Ihnen jetzt meine ganze Lebensgeschichte in wenigen Worten erzählt und dadurch erstaunlich viel Vertrauen bewiesen; Vertrauen aber, wie Mr. Rowson sagt, erweckt Vertrauen, und es wäre jetzt nicht mehr als recht und billig, daß ich ein gleiches von Ihnen forderte. Das heißt – wenn Sie keine Geheimnisse zu bewahren haben, die ein geschwätziges Mädchen, wie ich bin, natürlich nicht erfahren dürfte.«

»Mein Leben ist ziemlich einfach verflossen«, erwiderte Brown, »fast zu einfach. Ich bin in Virginien geboren, doch zog mein Vater, als ich noch ein Kind war, mit uns nach Kentucky, wo er mit Daniel Boon die ersten Ansiedlungen gründete. Ich war kaum stark genug, die Büchse zu tragen, als ich schon mit gegen die Indianer kämpfen mußte, die uns damals Tag und Nacht beunruhigten. Lange trotzten wir ihrer Hinterlist und Übermacht, einmal aber doch, in einer unglückseligen Nacht, hatten sie meinen Vater überfallen und erschlagen. Mit Tagesanbruch weckte uns ihr Schlachtgeschrei und das Prasseln der Flammen, die unsere Blockhütte zerstörten. Alle die Meinigen fielen unter dem Tomahawk, und nur wie durch ein Wunder entging ich ihren Blicken. Ich floh und erreichte die nächste Ansiedlung. Von da an aber trieben wir kämpfend die Wilden aus ihren Schlupfwinkeln und zwangen sie, uns in Frieden zu lassen. Es ist in jenen Zeiten viel Blut – viel unschuldiges Blut vergossen, und ich weiß noch nicht, ob die weißen Männer damals ein Recht hatten, so hart und grausam von Anfang an gegen die Eingeborenen aufzutreten. Freilich rächten sich die Indianer dann auch wieder auf eine entsetzliche Art.

Später zog ich zu meinem Onkel nach Missouri, wo wir mehrere Jahre lebten und dann von dem herrlichen Lande und dem gesunden Klima am Fourche la fave hörten; wir beschlossen hierher auszuwandern. Onkel hatte mich nun immer angetrieben zu heiraten, denn die Junggesellenwirtschaft, die wir führten, war wohl beiden schon zur Last geworden, nie aber fand ich ein Mädchen , das der Vorstellung entsprach, die ich von meinem künftigen Weibe hatte. Ich konnte mich nicht entschließen, eine Frau zu nehmen, ohne daß ich mich von Herzen zu ihr hingezogen fühlte. Ach, ich ahnte wohl die Liebe, aber ich kannte sie noch nicht. Da ritt ich eines Abends spät – es war noch in Missouri – durch eine Gegend, die mein Fuß früher nicht betreten hatte, Wolken verhüllten den Himmel, ich verlor meine Richtung und kam an eine Hütte, von der aus ich zwar meinen Weg wiederfand, meine Ruhe aber und meinen Frieden auf ewig verlor.

Ich sah ein Mädchen in dieser Hütte – ich sah – doch wozu einen Engel schildern, den ich nur finden mußte, um die Gewißheit zu bekommen, daß ich ihn nie besitzen könnte. Jenes Mädchen, Miß Roberts, war verlobt. Ich blieb nachdem nur noch wenige Tage in Missouri und ging nach Texas – ging nach Arkansas; daher mag denn wohl mein oft verstörtes Wesen kommen, was Sie, mein Fräulein, freundlich entschuldigen müssen. Es tut weh, wenn man einmal sein Glück gefunden zu haben glaubt und sieht es dann in Nebelbilder zerrinnen.«

Marion hatte den Kopf gesenkt, und heiße Tränen quollen unter den langen Wimpern hervor, aber Brown sah sie nicht, denn neben ihnen, im dichten Gebüsch von Sumach und Sassafras, rauschte und rasselte es, ein leiser Tritt war im dürren Moos zu hören, und in demselben Augenblick, als der junge Mann, eine mögliche Gefahr befürchtend, stillstand und mit der Hand nach der Waffe fuhr, öffneten sich die dichten Zweige gerade vor ihnen, und ein gewaltiger Panther trat in den Weg und schaute, keineswegs ängstlich, sondern eher wild und frech zu den beiden Menschen empor, die es gewagt hatten, seine Einsamkeit zu stören. Mit einem leisen Schrei warf sich das erschrockene Mädchen in die Arme Browns, der es mit seiner Linken umfaßte, während die Rechte das Terzerol aus der Tasche zog, das er schon einmal heute auf den wilden Kentuckier gerichtet hatte.

Der Panther schwang indessen den langen Schweif halb zornig, halb spielend in der Luft und schlug sich die Flanken damit, als ob er noch unschlüssig sei, was er tun solle – angreifen oder den Platz verlassen. Brown zielt ruhig auf den Kopf des Tieres, das sich eben, wie zum Sprung, niederbog, und drückte ab. Durch das Zittern des schönen Mädchens aber, das er in seinem Arm hielt, vielleicht selbst durch die süße Last zu aufgeregte, verfehlte er den Kopf, und die Kugel fuhr über der rechten Schulter der Bestie in die Weichen. Hoch auf sprang das Tier vor Schmerz, dann aber, als ob die Kugel jede weitere Kampflust vernichtet hätte, stieß es einen durchdringenden Schrei aus und floh mit mächtigen Sätzen in das Dickicht.

»Die Gefahr ist vorüber, Miß Marion – wenn uns überhaupt eine Gefahr gedroht – das Tier ist entflohen«, sagte Brown leise, »mein Schuß hat es verscheucht – Marion – was ist Ihnen – Marion, fassen Sie sich – um Gottes willen – Marion!« Die lange verhaltenen Gefühle brachen sich aber jetzt mit Gewalt Bahn. Schluchzend lehnte das Mädchen an der Schulter des Geliebten und flüsterte leise, aber in tiefem, bitterem Schmerz:

»Oh, ich bin sehr, sehr unglücklich!«

»Marion – Sie töten sich und mich!« rief, von wildem Schmerz erfüllt, der junge Mann; »Oh, daß die glücklichste Stunde meines Lebens auch die sein muß, die mich mein ganzes Elend mit einem Blick überschauen läßt! Ja, Marion, ich liebe dich, liebe dich mit all der Glut eines Herzens, das auf Erden weiter kein Glück kennt, als dich zu besitzen!

Es ist Zeit, daß wir scheiden« fuhr er dann mit leiser, unterdrückter Stimme fort, »ich darf nicht hier bleiben; meine Gegenwart würde nur Unheil stiften, nur dich und mich elend machen. Morgen schon verlasse ich Arkansas, und im wilden Schlachtenlärm will ich das Andenken an dich zu betäuben versuchen. Vergessen, Marion – vergessen kann ich dich nie!«

Schluchzend lehnte das Mädchen an seiner Brust, und lange hielten sich die Liebenden schweigend umfaßt.

»Liebst du den Mann, dem du dich zugesagt?« fragte Brown endlich leise, indem er ihre Hand ergriff, »hast du ihn je geliebt?«

»Nie – nie!« beteuerte Marion, »ich hatte keinen Willen, kannte niemand, dem ich freundlicher gesinnt gewesen wäre als ihm, weil meine Mutter mit wahrer Verehrung an ihm hing, und alle anderen Leute sagten, daß er ein braver, guter Mann sei. Ich glaubte, es wäre Liebe, was ich für ihn empfand. Da kamen Sie, da sah ich Sie, sah Ihr freies, offenes Benehmen, lernte Ihr redliches, treues Herz kennen und – wurde elend. In Trauerbildern stieg meine Zukunft vor mir empor; ein Leben endlosen Jammers an der Seite des Mannes, den ich nun nicht mehr lieben konnte, hätte er sich auch nicht heute so feig und unmännlich benommen; ein dunkler Nebel umhüllte alle meine Träume von Glück und Zufriedenheit, und mit Ihnen nimmt das schöne Leben von mir Abschied. – Aber Abschied muß sein«, fuhr sie entschieden fort, »selbst unser Zusammensein hier ist Sünde. Ich bin dem fremden Manne verlobt – bin seine Braut – lassen Sie also dies das letztemal sein, daß wir uns sehen – es ist besser für uns beide.«

»Sie haben recht, Marion, wir müssen scheiden, ich bin das Ihrem Herzen, Ihrer Ehre schuldig. Ich will Sie nur noch zurückgeleiten zu den Ihrigen, dann kreuze ich Ihren Pfad nie mehr.«

Er umschlang in heftigem Schmerz die Geliebte, und ihre Lippen begegneten sich zum erstenmal im langen Abschiedskuß; dann riß sich Marion aus seinem Arm. Harper und Roberts begegneten ihnen gleich darauf; sie hatten den Schuß gehört und gefürchtet, es könne ihnen etwas geschehen sein. Roberts nahm seiner Tochter Arm, und Harper und Brown folgten ihnen in geringer Entfernung.

»Onkel«, sagte Brown, nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander hergeschritten waren, »Onkel – ich reise morgen früh!«

»Unsinn!« rief Harper und blieb, seinem Neffen ins Auge sehend, erschrocken stehen. »Unsinn!« sagte er noch einmal, aber mit ungewisser, nur noch halb zweifelnder Stimme, »und wohin willst du?«

»Nach Texas.«

»Willst deinen alten Onkel hier allein auf dem trockenen sitzen lassen? Ist das recht?«

»Ich muß fort, Onkel!«

»Du mußt? Und wer zwingt dich?«

Brown schwieg und wandte sein Gesicht ab, drückte aber krampfhaft des alten Mannes Hand.

»Und da soll ich wirklich hier zurückbleiben, trübselig und einsam in meiner Hütte? Bill, das ist hart – das ist nicht recht von dir. Ich werde dich enterben, Bill!« fuhr er nach einigen Sekunden wehmütig lächelnd fort, »ich enterbe dich wahrhaftig!«

Brown ergriff seine Hand. Der alte Mann war arm, und alles, was beide jetzt an Land, Vieh und Geld besaßen, gehörte eigentlich dem Neffen.

»Haben Sie keine Angst, Onkel – Ihr Alter ist gesichert. Sie wissen ja, daß ich vor acht Tagen einen Brief von meinem Advokaten aus Cincinnati erhielt. Mein Prozeß ist gewonnen, und die Auszahlung der Gelder kann nicht mehr lange dauern; heute abend noch schreibe ich an Wolfey und gebe ihm den Auftrag, alles an Ihre Adresse zu befördern. Sie werden es dann verwalten, bis ich zurückkehre, und – kehr' ich nicht zurück – nun – doch darüber sprechen wir noch. Ich will morgen früh an den Petite-Jeanne und von da nach Morrisons Bluff am Arkansas hinüber, wo ich Geschäfte zu besorgen habe. In acht Tagen komm' ich dann auf meinem Wege nach Texas noch einmal an Ihrem Hause vorbei. Inzwischen erhandeln Sie den Fuchs für mich von Mr. Roberts.«

»Hallo da!« rief Roberts jetzt vom Haus aus, das er mit seiner Tochter indessen erreicht hatte, »hallo da! – ihr geht ja, als ob ihr Blei an den Sohlen hättet – kommt, Brown – das Abendessen ist fertig.«

»Und du willst wirklich fort?«

»In diesem Augenblick brech' ich auf. Ich muß noch den Brief schreiben und Kugeln gießen, auch etwas Brot backen, um einigen Proviant mitnehmen zu können.«

»Kommst du aber auch gewiß in acht Tagen wieder hier vorbei?«

»Hier meine Hand darauf – ich muß ja auch das Pferd abholen; bis dahin – leben Sie wohl, Onkel, in acht Tagen bin ich sicher wieder da. Sagen Sie aber Roberts nichts davon, daß Sie mich zurückerwarten – ich – ich könnte dann keine Zeit haben, ihn zu besuchen, und er möchte das übelnehmen.«

»Heda, Brown! – Was will den Brown im Stall, Harper?« fragte Roberts, als dieser allein ins Haus kam, »das Essen wird kalt, meine Alte hat schon gebrummt.«

»Er will fort«, meinte Harper traurig, »weiß der liebe Gott, was ihm in den Schädel gefahren ist.«

»Fort? Heut abend?« riefen Mr. und Mrs. Roberts, »aber weshalb denn?«

»Er hat Geschäfte morgen am Petite-Jeanne und muß erst noch vorher nach Hause. Da würde es zu spät werden, wenn er heute nacht hierbliebe.«

»Sonderbar, daß ihm das so auf einmal eingefallen ist«, sagte Mrs. Roberts, »heute nachmittag war er doch ganz damit einverstanden, den Abend hier zuzubringen.«

»Er hat mit mir schon unterwegs davon geredet«, sagte Marion, während sie sich abwandte, ihr Bonnet abzulegen, »und daß es ihm leid sei, nicht bei uns bleiben zu können. Er muß wohl dringende Geschäfte haben.«

»Ja, und ich will ihn lieber begleiten«, warf Harper ein, »wir haben keine Köchin weiter zu Hause als mich, und da muß ich doch für Proviant sorgen. Es könnte sein, daß er einige Tage wegbleibt.«

»Aber, Mr. Harper!« rief Mrs. Roberts halb beleidigt, »ich begreife Sie beide gar nicht, das Abendbrot ist angerichtet. So essen Sie nur wenigstens erst einen Bissen!«

»Danke schön, Mrs. Roberts – danke schön – morgen früh, wenn Sie nichts dagegen haben, lad' ich mich zum Frühstück ein, denn die Jagd mach' ich mit, Roberts. – Jim, bring mir mein Pferd auch – aber schnell«, unterbrach er sich, einem kleinen Negerjungen den Befehl gebend. »Also um sechs Uhr bin ich hier. Soll ich den Indianer mitbringen?«

»Der kann uns beim Aufsuchen der Schweine von wesentlichem Nutzen sein«, meinte Roberts.

»Aber, Mr. Harper – nur eine Tasse Kaffee, ehe Sie gehen. Sie haben doch nichts Warmes, wenn Sie nach Hause kommen.«

»Das ist eine unbestrittene Wahrheit, Mrs. Roberts«, erwiderte der alte Mann, während er zum Tisch trat und die dargebotene Schale heißen Kaffees leerte, »leider wahr – 's ist ein elendes Leben, so eine Junggesellenwirtschaft – ich denke, ich heirate!«

»Hahaha!« rief Roberts lachend, »das ist ein gescheiter Einfall. Reitet hier in der Nachbarschaft herum und macht den Mädchen den Hof. Dazu müßt Ihr aber den neuen hellblauen Frack anziehen, den Euch der Schneider in Little Rock gemacht hat, wie? Ihr habt mir noch nicht einmal gesagt, was er kostet. Ja, die Schneider sind merkwürdig teuer in Little Rock. Neulich, wie ich unten war...«

»Gute Nacht, Mr. Roberts – gute Nacht, Ladys!« rief Brown vor dem Hause, wo er mit dem Pferd hielt.

»Aber, Mr. Brown – so kommen Sie wenigstens einen Augenblick herein und trinken Sie eine Tasse Kaffee – Ihr Onkel...«

»Danke herzlich, Madame – habe gar keinen Durst – gute Nacht nochmals allen!«

»Halt da, Bursche, ich komme mit«, rief Harper.

»Sie, Onkel?«

»Jawohl, – da ist schon das Pferd. – Nun also morgen früh, und, Roberts, nehmt nicht etwa wieder die kleingebohrte Büchse mit, gießt lieber heut abend Kugeln für die andere, 's ist ein elendes Schießen mit einem so erbärmlichen kleinen Blei. Gute Nacht allen denn«, fuhr er fort, als er aufstieg und sich im Sattel zurechtsetzte, »gute Nacht!«

Mr. und Mrs. Roberts standen in der Tür – hinter ihnen Marion.

»Gute Nacht!« rief Brown noch einmal und schwenkte den Hut – noch einmal sah er die Gestalt der Geliebten, zum letztenmal rief er den Gruß hinüber und stieß dann dem Pferd den Hacken so wild in die Seite, daß dieses mit jähem Seitensprung in die Höhe fuhr und in wenigen tollen Sätzen aus dem Lichtschein verschwand, der aus der offenen Tür des Hauses drang.

»Halt da!« rief Harper dem Neffen zu, »bist du toll – willst du Hals und Beine brechen? Hübsch langsam, wenn ich Schritt halten soll – toller Bursche...« Und noch lange hörte man den alten Mann schimpfen und räsonieren, wie er sein Pferd antrieb, um das unruhig galoppierende Tier seines Neffen wieder einzuholen.

»Seltsam!« sagte Mrs. Roberts, als sie sich zum Abendessen mit ihrem Mann und ihrer Tochter niedersetzte, »seltsam! Das war doch ein ganz absonderliches Betragen von den beiden – hätten den heiligen Sabbat auf eine würdigere Weise beschließen können als heimzureiten und...«

»Torheit Alte!« unterbrach sie Roberts, »dem Jungen, dem Brown, geht die Geschichte mit dem Lump Heathcott noch im Kopf herum; kann's ihm nicht verdenken. Der Bube drohte sehr unzweideutig, ihn über den Haufen zu schießen, wo er ihn finden würde, und er ist schlecht genug dazu, in dieser Hinsicht sein Wort zu halten.«

»Glauben Sie wirklich, Vater?« fragte Marion, leichenblaß werdend.

»Nun, der Junge wird schon seinen Mann stehen«, fuhr der Alte fort, »ein tüchtiger, braver Bursche ist's, hat das Herz auf dem rechten Fleck. Seit der Zeit, wo er mit seinem Onkel herkam – das sind nun jetzt etwa sechs Wochen; nicht wahr? Ich dächte, ich hätte damals gerade das neue Stück Land eingefenzt, wo uns noch das eine Stück wieder abbrannte. Ja, die Tagelöhner soll der Henker holen, und wenn es aus einem fremden Säckel geht...«

»Trinkst du noch eine Tasse Kaffee, Roberts?« fragte seine Frau.

»Nein, danke schön.«

»Nun, dann wollen wir unser Abendgebet halten«, sagte die Matrone und holte vom kleinen Gesims die sorgsam aufbewahrte Heilige Schrift herunter.

6. Die Bärenhetze – Der sonderbare Fund – Des Indianers Scharfsinn

Inhaltsverzeichnis

Der nächste Morgen brach klar und hell herein. Im Osten stahl sich der erste lichte Schein über die Berge; der Whip-poor-will sang noch seine wehmütig-monotone Weise, die Eulen riefen aus dem dichten Oberholz der Niederungen, und hier und da antwortete ihnen das Kollern eines balzenden Truthahns. In den Büschen wurden die kleineren Singvögel munter, und weit im Walde drinnen krähte auf einem einsam liegenden Farmhof ein wackerer Haushahn seinen durchdringenden Weckruf in die frische, erquickende Morgenluft hinaus. Tau war reichlich gefallen, an jedem Grashalm hing eine Reihe klarer Kristalle, und von den Zweigen fielen die großen hellen Tropfen auf das feuchte Laub nieder. Dabei strömten Blumen und Blüten so erquickende Wohlgerüche aus, daß die Brust sich freier hob und mit Entzücken den balsamischen Wohlgeruch einsog.

Zwei Reiter ritten langsam auf der Countystraße hin. Es waren Harper und Brown, beide heute in der Tracht der westlichen Jäger, ledernes Jagdhemd, Leggins und Mokassins, gekleidet mit Büchsen auf den Schultern und ihre breiten Jagdmesser an der Seite. Brown hatte seinem Onkel alles gestanden; es würde ihm das Herz abgedrückt haben, hätte er es dem väterlichen Freunde verschweigen sollen, und ohne ein Wort zu wechseln, waren beide, jeder mit seinen eigenen ernsten Gedanken beschäftigt, bis nahe zu der Salzlecke gekommen, wo Harper am vorigen Tage den Hirsch gefangen hatte. Von dort aus zog sich ein kleiner Seitenpfad rechts über den Gebirgsrücken nach dem Zypressenfluß und dem Petite-Jeanne hinüber, und Brown hielt hier, um von seinem Onkel Abschied zu nehmen.

»Nun lebe wohl, mein Junge!« sagte dieser endlich, nachdem sie sich die Hände herzlich geschüttelt hatten, »besorg deine Geschäfte und kehre dann mit heiterem Sinn zurück. Du wirst das Mädchen schon vergessen lernen. – Nun ja, ich glaub' dir's, es wird schwerhalten, aber, du lieber Gott, man vergißt ja so vieles. Ich könnte dir darüber auch eine recht traurige Geschichte erzählen, doch sind wir beide schon verstimmt genug ohne ein zweites Jammerlied. Ich besorge dir indessen hier alles, was du haben willst: Den Fuchs werde ich kaufen, die Decken will ich dir übermorgen selbst von Little Rock holen oder doch durch sichere Hand beschaffen lassen, die Kugeltasche sollst du auch bekommen, und Alapaha muß bis dahin die Felle zum neuen Jagdhemd fertig gegerbt haben. Es hat ja bis jetzt auch nur an Hirschgehirn gefehlt, sie fertig zu machen, und vier Hirsche werden wir doch wohl noch schießen. Also – behüte dich Gott, mein Junge – und komm bald wieder und hab wohl acht auf dich, und kommst du den Regulatoren in den Weg – die Kerle sind dahinauf geritten – so fange keinen neuen Streit mit ihnen an. Es nutzt nichts, und du hast keine Ehre davon.«

»Haben Sie keine Angst, Onkel, der Bursche geht mir schon aus dem Wege, und drängt er sich mir wirklich entgegen, nun, so werde ich mir sicherlich Raum zu verschaffen wissen. Doch jetzt ade – sollte in meiner Abwesenheit das Geld von Cincinnati kommen, dann wissen Sie, was Sie damit zu tun haben – ade. In acht Tagen bin ich wieder da und – nicht wahr? einen Gruß bestellen Sie noch an Marion – den letzten Abschiedsgruß – dann will ich mich daran gewöhnen, sie zu vergessen. Good-bye, Onkel, wenn wir uns wiedersehen, hoff' ich, daß wir beide die alte fröhliche Laune wiedergewonnen haben.«

Die Männer schieden, und Harper hielt noch so lange auf der Straße, bis die schlanke Gestalt seines Neffen auf dem kleinen rauhhaarigen Pony hinter dem scharfkantigen Bergrücken verschwunden war. Dann verfolgte er, mit dem Kopfe schüttelnd, seinen Weg wieder, pfiff aber auf eine entsetzlich falsche und gellende Weise ein altes Lied, ohne dabei eine Idee von Takt oder Tonart zu beachten. Nur seine Gesichtsmuskeln arbeiteten gewaltig, und es war augenscheinlich, daß der alte Mann seinen Schmerz- übertönen wollte. Bald darauf erreichte er Roberts' Haus wieder.

Hier herrschte ein reges Leben; noch zwei Jäger aus der Nachbarschaft waren eingetroffen, und Harper wurde mit einem lauten Hallo begrüßt. Die Männer jubelten, die Hunde heulten, die Gänse und Enten schnatterten, und es war ein Spektakel, daß der alte Haushahn erschrocken auf das Dach flatterte und, höchst verwundert den Kopf wendend, auf die Lärmenden niederblickte.

Das Frühstück stand bereit: heißer Kaffee mit Sahne und braunem Zucker, gebratener Speck und Bärenrippen, etwas Hirschfleisch, saure Gurken, Honig und Butter. Die Männer ließen sich auch nicht lange nötigen, und bald verrieten die geleerten Schüsseln, wie gut es ihnen geschmeckt hatte. Jeder hing dann seine Kugeltasche um, nahm die Büchse und bestieg sein vor der Tür wartendes Pferd; Harper nur trat noch, ehe er den übrigen folgte, zu Marion, die sinnend am Kamin saß, und drückte schweigend ihre Hand. Das Mädchen blickte erschrocken zu ihm auf, als es aber seinem Blick begegnete, las es in diesem den Abschiedsgruß des Geliebten.

In der nächsten Minute waren die Jäger beritten. Der Ton des an Roberts' Seite hängenden kleinen Horns brachte die Hunde alle zur Stelle, die heulend und winselnd an den Pferden emporsprangen, und fort ging's mit dem fröhlichen Jagdgeschrei, hinein in den grünen blühenden Wald.

Harpers Trauer schwand in dem Augenblick, als sein Pferd den dunklen Schatten der Bäume betrat; er war nur noch Jäger, und ein Jäger in Arkansas hat nicht Zeit für Sorge, Not und Kummer. Wenn ihn der grüne Wald umfängt, wenn das Roß selbst, das ihn trägt, wiehernd wie in toller, freudiger Lust freiwillig über Bäche und umherliegende Stämme hinwegsetzt, wenn die Hunde in wilder Hast nach der warmen Fährte des Bären oder Panthers zu suchen anfangen, spielend manchmal hinter einem aufgescheuchten flatternden Volk Truthühner hersetzen oder heulend mit gesträubtem Haar neben den Spuren des Wolfes stehenbleiben, wenn endlich die Meute mit wildem Gebell dem aufgescheuchten Wild folgt: Wer denkt da noch an Schmerz und Gram, wen drücken da noch quälende Sorgen? Vorwärts! ist der einzige Gedanke, dessen er sich bewußt ist.

Die Jäger schlugen sich rechts über den Bergrücken, der die Wasser des Fourche la fave von denen des Zypressenflusses trennt, ritten in diesem kleinen Flüßchen bis zu seiner Quelle stromaufwärts und folgten dann dem Bergrücken, den Petite-Jeanne hinauf, bis sie in das breite fruchtbare Tal dieses Flusses niederstiegen.

»Wo nur der Indianer stecken mag, Harper?« fragte Robert endlich. »Wie Ihr sagtet, wollte er uns doch am Petite-Jeanne treffen?«

»Weiß der Himmel, wo sich der Bursche aufhält. Na, unsere Fährten sind breit genug, denen kann er folgen. Aber, Curtis – was hat Eddy dort? Seht einmal, wie er mit dem Schwanze wedelt. Wenn nur Poppy hier wäre; die verwünschten Köter treiben sich auf der falschen Fährte umher.«

Roberts sprang bei diesen Worten vom Pferd und eilte zu dem Platz, wo Eddy, ein junger Hund; augenscheinlich mit der sehr interessanten Besichtigung einer noch frischen Fährte beschäftigt war. Ein Bär hatte an diesem Morgen seinen Weg hier vorbei nach dem etwa zwei Meilen entfernten Fluß genommen und mochte an dieser Stelle wahrscheinlich eine kurze Zeit gesessen haben, denn der Hund ließ sich gar nicht wieder von der Stelle fortbringen.

»Pest und Donner!« rief Curtis, der jetzt ebenfalls vom Pferd gestiegen war, »das muß ein derber Bursche sein und scheint auch gar nicht so leicht – seht nur, wie er die Ballen eingepreßt hat. Und hier – das hier ist gar keine Bärenfährte – da ist ein Mann gegangen vielleicht der Indianer – und da noch einer; Assowaum konnte das nicht sein. Wo, zum Henker, stecken nur die Hunde? Der Bär ist schwerlich schon über den Fluß gegangen. Blast einmal das Horn, Roberts.«

Dieser blies ein paar laute, schrille Töne auf dem einfachen Instrument, und nicht lange währte es, bis er ein Keuchen in den Büschen, ein Rascheln hörte, und gleich darauf sprang Poppy auf den kleinen freien Platz, an dessen Rand die Männer hielten. Ihm folgten bald die übrigen Hunde, denn Poppy war der Leiter der Meute, und winselnd fuhren sie auf dem Platz umher, wo sie die Spuren ihres Feindes witterten. Da kam ein junger Bracke auf die warme Spur, stieß ein scharfes Geheul aus und schoß wie ein Pfeil in den Wald hinein, den Hügeln zu. Poppy, zum erstenmal seit langen Jahren irregeleitet, ließ sich anführen und flog dem jüngeren Hund nach. Die anderen waren natürlich jetzt nicht mehr zu halten, und mit wildem 'Toben verschwanden sie bald in dem Dickicht, das sich mehrere hundert Schritt breit am Fuße der Hügel hinzog.

Vergebens schrie Roberts und stieß in sein Horn, daß es ihm die Halsadern zu zersprengen drohte; vergebens vereinigten die anderen Jäger ihr Geschrei mit dem seinen, die Meute hörte es nicht.

»Giftpilze und Klapperschlangen«, rief der alte Roberts jetzt wütend und schleuderte seine Jagdmütze mit wildem Ingrimm auf die Erde, »hol der Teufel die Kanaillen, rennen sie auf der Rückfährte fort – nein, so was ist noch gar nicht dagewesen. Nun können wir uns mit unserer Jagd abmalen lassen!«

»Was den verrückten Hunden nur einfiel?« brummte Curtis.

»Das rote Vieh war dran schuld«, sagte der andere Jäger, ein Krämer aus den östlichen Staaten, der gerade bei Curtis angekommen war und gern einmal eine ordentliche Jagd in Arkansas mitmachen wollte, »das rote Vieh kratzte zuerst wieder nach den Bergen zu aus.«

»Das rote Vieh!« rief Roberts in höchstem Unmut. »Curtis' Hund – die Kanaille hat nicht mehr Begriff von einer Bärenfährte wie ein Schaf. Curtis – wenn der Hund mein wäre, schöß' ich ihn weiß Gott über den Haufen.«

»Na, ich wünschte mir weiter nichts, als daß Mrs. Roberts und Mr. Rowson Euer Beten hier mit anhörten!« Harper lachte.

»Mr. Rowson soll sich um seine eigenen Geschäfte kümmern, ich würde mich auch nicht besonders genieren, wenn er da wäre.«

»Auch nicht vor Mrs. Roberts?«

»Die kommt nicht an den Petite-Jeanne-Sumpf. – Es ist aber wahr, jetzt stehen wir hier wie ein Bär im Pflaumengarten und wissen nicht, nach welcher Seite wir zuerst hin sollen. Daß die Hunde nicht vor drei, vier Stunden wiederkommen, darauf könnt Ihr Euch verlassen, und nachher sind sie müde wie – wie die Hunde.«

»Euer Poppy war aber doch auch dumm genug zu folgen«, rief Curtis nun selbst ärgerlich.

»Nun ja, weil eine solche Bestie vornweg Bahn bricht und einen Spektakel macht, als ob sie Gott weiß was gefunden hätte! Na, freu' dich, Poppy – die Schläge!«

»Pst!« machte Harper plötzlich, indem er seinen linken Arm schnell vorstreckte und die rechte Hand – nachdem er die Büchse vor sich auf den Sattelknopf gelegt – trichterförmig an das Ohr hielt. »Pst – ich hörte etwas, das nicht wie Hundebellen war. Da noch einmal – das ist Assowaum, und jetzt wollt' ich meinen Hals darauf verwerten, er hat die Kanaillen aufgehalten und schickt sie zurück. – Blast, Roberts – er weiß noch nicht, wo wir eigentlich sind.«

Roberts ließ wiederum sein Horn schallen, und deutlich wurde der Ton jetzt durch einen langgezogenen Schrei beantwortet, der von dem nicht fernen Bergrücken herunterzukommen schien.

»Hurra! Das war Assowaums Stimme, und wenn der den Hunden begegnet ist, so bringt er sie auch wieder mit zurück – Poppy kennt ihn zu gut.«

Harper hatte recht gehabt, nach einer kurzen Viertelstunde erschien der Indianer und vor ihm her, immer noch suchend, die Meute; Poppy brachte er jedoch an einem dünnen Lasso aus gedrehtem Lederriemen geführt.

»Hallo, Rothaut, wo hast du die Hunde gefunden?« rief ihm Roberts freudig entgegen.

»Über den Berg kam ein großer Bär«, sagte der Indianer, »tiefe Fährten und nicht hungrig; keinen Stein hat er unterwegs aufgehoben, um nach Würmern zu sehen, kein faules Holz umgedreht oder zerkratzt; seine Spur führte gerade dem Fluß zu. Im Rohrdickicht dort ist ein ruhiges Lager und nicht viel Moskitos. Assowaum kennt die Stelle.«

»Aber wie kamst du zu den Hunden?«

»Wenn Assowaum die Fährte eines Bären findet, so weiß er auch, auf welcher Seite er die Nase trägt; Poppy begegnete mir, und als er an mir heraufsprang, hielt ich ihn fest; wenn die Bienen schwärmen, so folgen sie immer einer, der größten, der gescheitesten – so machen's auch die Hunde. Wenn der Führer die Fährte verläßt; halten sie auch die anderen nicht lange mehr warm. Assowaum hat manches Stück Hirschfleisch in der Hütte – sie kennen ihn – Wah!« und er breitete seinen Arm aus und zeigte ringsherum auf die Meute, die sich jetzt, einige junge Tiere ausgenommen, um die Jäger versammelt hatte.

»Kapitaler Bursche, der Assowaum«, sagte Harper, sich vergnügt die Hände reibend, »kapitaler Bursche. Jetzt die Köter auf die rechte Fährte gebracht, und wie ein Blitz...«

»... laufen sie wieder nach den Bergen zurück«, unterbrach ihn Assowaum. »Nein – ich führe Poppy – die anderen folgen – haben wir sie erst im Gange, nachher verlassen sie die rechte Richtung nicht mehr.«

Der Rat des Indianers wurde augenblicklich angenommen, und schon nach wenigen Schritten schien Poppy begriffen zu haben, daß er vor kurzer Zeit einen sehr dummen Streich gemacht, denn er ließ den Schwanz hängen und schaute trübselig zu seinem Führer empor. Dieser traute ihm jedoch noch immer nicht, bis er ihm wohl zweihundert Schritt auf der Fährte gefolgt war und nun sah, daß er ihn kaum mehr an der Schnur halten konnte. Da ließ er ihn los, und von seinem wilden Jagdschrei, der gellend durch den Wald hin schallte, angefeuert, sprang das große, schöne Tier mit Winseln und Heulen der Spur nach und verschwand bald, von der laut klaffenden Meute gefolgt, im Dickicht.

»Jetzt heißt's auf den Pferden sitzen geblieben«, rief der alte Roberts, der in diesem Augenblick um zwanzig Jahre verjüngt schien, »hussa! Poppy ahu – pi!« Und er stieß die letzte Silbe mit solcher Kraft hervor, daß selbst die Pferde, von der Jagdlust angesteckt, hochsprangen und dem Ruf Folge leisteten.

Durch Dickicht und Sumpf, über Bäume und Lachen hinweg, in Stellen hinein, wo der ganze Wald nur durch ein einziges Gewebe von Greenbriars, einer dornigen Schlingpflanzenart, verbunden schien, bis an das Rohrdickicht, das den Fluß etwa dreihundert Schritt breit umgab, ging die Jagd. Bis hierher hatten sich auch alle ziemlich gut im Sattel gehalten, nur der Krämer war von den Schlingpflanzen vom Pferd gestreift worden. Sein klägliches Schreien rief die Jäger zurück, und Harper griff im ersten Augenblick seinem Pferd in die Zügel. Doch im nächsten Moment gab er dem Tier schon wieder den Hacken zu spüren. Das wäre kein Arkansas-Jäger, der auf einer warmen Bärenfährte neben einem gestürzten Kameraden bliebe.

Am Rand des Rohrdickichts mußten jedoch auch die anderen von den Pferden. Sie sprangen mit einem Satz aus dem Sattel und brachen sich durch das tolle Gewirr von Schlingpflanzen und Rohr, das an manchen Stellen dichte Wände bildete und erst mit dem Messer durchhauen werden mußte, Bahn. Wohl hatten aber auch die Jäger Ursache, so schnell wie möglich vorzudringen, denn mitten im Dickicht und gar nicht mehr weit von ihnen entfernt, erhob sich jetzt der fürchterlichste Lärm, der sich nur in einem Rohrbruch denken läßt. Die Hunde heulten und bellten, das dürre Rohr krachte, das Laub raschelte, und die Männer schrien, um die Kämpfenden noch mehr anzufeuern, daß man ebensogut hätte glauben können, ein Hurrikan käme durch den Wald gebraust.

Der Bär war gestellt, die Hunde hatten ihn im Lager überrascht, wo er sich wahrscheinlich erst vor kurzer Zeit niedergelassen, und so spät mußte er aufgestiegen sein, daß ihm die vordersten, Poppy und Eddy, schon dicht auf den Pelz gerückt waren, ehe er sich vom ersten Schrecken erholen konnte.

Eddy war nur ein Bracke und auf einer Fährte ausgezeichnet, beim wirklichen Kampf aber nicht viel wert, Poppy dagegen, eher etwas schwerfälliger gebaut, kannte keine größere Wonne als einen Bären bei den Keulen zu nehmen, wobei er sehr geschickt den gefährlichen Vordertatzen auswich. Als sich der Bär daher mit wildem Sprung, die Nase dicht am Boden, damit er unter all den Schlinggewächsen hindurchschlüpfen konnte, empfehlen wollte, hatte ihn Poppy, ehe er sich's versah, am Fell und packte ihn so derb, daß er sich brummend umwandte, um den Zudringlichen mit kräftiger Klaue zurückzuweisen. Hierauf wartete Poppy aber keineswegs. Sobald er nur sah, daß der Bär stehenblieb, sprang er blitzschnell zur Seite und entging dadurch dem gefährlichen Schlag; er wiederholte aber das Spiel von neuem, sobald der Verfolgte ihm wieder die Kehrseite zuwandte. Lange hätte er ihn freilich nicht auf diese Art zurückhalten können, doch jetzt kamen auch die übrigen Hunde herbeigestürmt, und nun mußte der Bär ernstlich an Flucht denken, wollte er nicht die Hetze mit seinem Pelz bezahlen.

Er floh also dem nicht mehr sehr fernen Fluß zu, nach welcher Richtung hin das Dickicht auch am undurchdringlichsten war; doch immer wieder warf sich ihm die Meute entgegen, die ihn wie rasend umschwärmte. Endlich sah er sich genötigt, einen offenen Teil des Waldes zu wählen und den Strom hinab eine seichte Slew zu benutzen, deren etwas steile Ufer die Hunde hinderten, ihm näher zu kommen. Im Fall eines Angriffs hätten sie ihm nicht ausweichen können. Hierdurch erwehrte er sich zwar eine Zeitlang der Zähne seiner Verfolger, die Jäger bekamen aber auch zugleich Gelegenheit, ihm den Weg abzuschneiden, da sie am Geheul der Meute merkten, wohin sich die Jagd wandte. Als der Bär daher, keineswegs in der besten Laune, eben wieder ausweichen wollte, um einen zweiten Versuch zu machen, zum Fluß zu kommen, brach Roberts dicht neben ihm aus dem Dickicht, legte an und feuerte. In demselben Augenblick krachte eine zweite Büchse, und auch Curtis' Kugel traf das Tier. Aber beide Kugeln schienen wenig Wirkung zu haben. Der Bär sprang einmal hoch, stieß ein schwaches Stöhnen aus, das fast wie ein Seufzer klang, erreichte dann aber mit einem gewaltigen Satz den Rand der Slew, streckte hier den Rüden, der sich ihm entgegenwarf, mit einem Schlag seiner fürchterlichen Tatze zu Boden und floh dem Fluß zu.

Roberts hatte unterdessen seine Zeit ebenfalls genutzt; mit einem Sprung, der einem Panther Ehre gemacht haben würde, setzte er über die Slew und war mit seinem Messer dicht hinter dem Bären, als er den Rand des Flusses erreichte. Hier krachte eine dritte Büchse, und in demselben Augenblick kam auch Roberts bei dem tödlich verwundeten Tier an und stieß ihm den breiten Stahl in die Flanke. In der Hitze des Nachsetzens hatte er aber nicht darauf geachtet, wo er sich befand. Der Bär fuhr noch mit letzter Kraftanstrengung, im Todeskampf in die Höhe, wehrte nicht einmal die beiden Hunde ab, die sich auf ihn warfen, sondern sprang die steile Uferbank hinab in den Fluß. Der Bär, Roberts und die beiden Hunde verschwanden gleichzeitig in dem über ihnen zusammenschlagenden, trüben Petite-Jeanne.

»Wah!« sagte Assowaum lachend, als er, sich mit der Linken an einem jungen Stamm festhaltend, über den Uferrand hinabschaute, »der weiße Mann hält merkwürdig fest.« Ehe jedoch einer der übrigen Jäger den Kampfplatz erreichen konnte, tauchten die Untergesunkenen wieder empor, und Roberts, keineswegs durch den freilich etwas unerwarteten Sprung aus der Fassung gebracht, zog den jetzt verendeten Bären mit den beiden Hunden, die ihre Beute selbst unter dem Wasser nicht hatten fahrenlassen, ans Ufer und nahm sich erst dann Zeit, zu der Stelle hinaufzusehen, von der er so plötzlich und keineswegs freiwillig heruntergekommen war. Hier begegnete er dem Blick Harpers, der verwundert zu ihm hinabschaute und ausrief:

»Holla, Roberts, was, zum Henker, macht Ihr da unten mit der Bestie? Wie wollen wir sie denn jetzt wieder heraufbekommen?«

»Ja, wenn ich selbst nur erst oben wäre«, erwiderte lachend der Gefragte, »herunter ging's' merkwürdig leicht, jetzt möcht' es aber seine Schwierigkeiten haben.«

»Warten!« rief Assowaum, »ich schaffe Rat.«

»Warten?« meinte Roberts mit komischer Wehmut, »ich möchte wissen, was ich anderes tun könnte als abwarten; wer in so einer Falle sitzt wie ich hier, hat gut warten.«

»Ist denn der Bär fett?« fragte Harper.

»Ziemlich!« erwiderte Roberts, das Tier, das neben ihm noch halb im Wasser lag, befühlend. »Wollt Ihr Euch nicht selbst überzeugen?«

»Danke schön«, wehrte Harper lachend ab, »ich glaube Euch aufs Wort, habe auch wirklich keine so gewaltige Eile.«

Assowaum hatte indessen einen kleine Hickorybaum abgehauen, den er dort, wo er zuerst auszweigte, abhackte und nun den ganzen obern Teil von den Ästen befreite, aber doch noch so viele stehenließ, daß sie eine Art Leiter bildeten. Dann erkletterte er eine kleine Weißeiche, die an einer Zypresse in die Höhe wuchs, und hieb von dieser eine dünne Weinrebe ab. Zuerst ließ er nun den schlanken Stamm zu Roberts hinunter, und dann reichte er ihm das eine Ende der Rebe, wobei er ihm bedeutete, die Hunde einen nach dem andern daran festzubinden. Mit Hilfe des Gürtels und Taschentuchs war das leicht geschehen, und die Tiere, durch die vereinten Kräfte der Männer hinaufgezogen, waren bald oben auf der Uferbank.

»Wie bekommen wir aber jetzt den Bären herauf?« fragte Harper, »der Kerl wiegt wenigstens seine dreihundert Pfund, und ohne Stricke werden wir ihn wohl unten lassen müssen!«

Assowaum nickte.

»Das ist richtig. Seht Ihr die zwei Stücke faulen Holzes hier am Wasserrand? Die wälzen wir ins Wasser – binden den Bären daran fest, und Assowaum geht mit, den Fluß hinunter. Einundeinehalbe Meile von hier wohnt Mr. Bahrens. Ihr anderen nehmt die Pferde und reitet am Rohrbruch hinunter. Mit Sonnenuntergang sitzen wir alle bei Mr. Bahrens.«

»Ein guter Einfall, Assowaum«, rief Roberts, der jetzt mit großer Gewandtheit an dem dünnen Stamm emporstieg und bald wieder bei den übrigen war, »ein guter Einfall. Bahrens hat überdies einen Weg bis zum Fluß hinunter gegraben, und da können wir unsere Beute mit größter Bequemlichkeit aufs Trockene legen.«

»Aber höre, Assowaum!« rief Curtis, als sich der Indianer schon mit großer Geschicklichkeit an die Ausführung seines Vorschlages machte, »wenn du bei Bahrens ankommst, da, wo wir im vorigen Sommer den Honigbaum fällten, dann binde doch dein Fahrzeug eine Weile dort irgendwo an und komm erst ohne den Bären zum Haus. Bahrens prahlt immer so fürchterlich mit der Menge von Wild, das er erlegt, und wir wollen doch einmal sehen, was er für Lebensmittel im Haus hat. Sei also vorsichtig, daß er dich nicht mit deiner fetten Ladung bemerkt.«

Der Indianer lächelte und nickte mit dem Kopf, äußerte aber nichts mehr und war bald emsig beschäftigt, die zwei Baumteile in den Fluß zu rollen und den Bären dann mit abgeschälten Stücken Hickory-Rinde festzubinden. In kaum einer Viertelstunde hatte er diese Arbeit beendet, legte seine Büchse auf den Bären, der durch die leichten Holzstücke über Wasser gehalten wurde, und stieß, teils hinterher schwimmend, teils watend, das sonderbare Fahrzeug vor sich den Fluß hinunter.

»So ein Indianer ist im Walde gar nicht so übel«, meinte Harper endlich, als Assowaum hinter einer Biegung des Flusses verschwunden war, »höchst praktische Einfälle haben die Burschen, und was sie sich erst einmal in den Kopf gesetzt, führen sie auch aus. – Aber hallo! Da kommt Hartfort, der Krämer; hol' mich dieser und jener, wenn ich den nicht ganz vergessen hatte.«

»Nun sagt mir nur, was ihr für kuriose Dinge treibt?« rief dieser, während er sich durch die Büsche hindurchzwängte, »wo ist denn der Bär?«

»Assowaum stößt ihn den Fluß hinunter, bis zu Bahrens' Haus«, antwortete ihm Roberts. »Wir selber wollen aber zurück zu unseren Pferden gehen und am Schilfbruch hinabreiten, bis wir an den schmalen Weg kommen, der zu des alten Jägers Wohnung führt. Auf die Art erreichten wir sie am besten, denn sie liegt so tief im Dickicht versteckt, daß man sie sonst nur durch Zufall oder morgens, wenn die Hähne krähen, finden kann.«

»Ja, was hilft mir denn da aber meine Bärenjagd?« klagte Hartford, »wenn ich nicht einmal den Bären zu sehen bekomme!«

»Sollt ihn schon sehen, Mann«, rief Harper, »aber jetzt vorwärts! Die Sonne ist keine Stunde mehr hoch, und aus diesem Dickicht möcht' ich doch gern heraus, ehe es dunkel wird. Hallo da, ihr Hunde – auf mit euch, heut abend sollt ihr auch ordentliches Fressen haben – so recht, Watch, so schön, Poppy – geht den anderen mit gutem Beispiel voran!«

Die Hunde, die sich erschöpft gelagert hatten, sprangen, von Harpers Stimme ermuntert, in die Höhe und folgten den Jägern. Diese benutzten eine am Fluß hinabführende lichte Stelle und hielten dann erst, gegenüber den Hügeln, als der Krämer plötzlich stehenblieb und Roberts' Arm faßte.

»Pst – seht ihr dort nicht – das da?« rief er mit unterdrückter Stimme.

»Was denn? Wo denn?« fragte Roberts.

»Dort im Busch – das Rote!«

»Ah – wahrhaftig, ein Hirsch – er ist eben aufgestanden. Schießt, ehe ihn die Hunde wittern, sonst ist's zu spät!«

Der Krämer hob schnell die Büchse, zielte einen Augenblick, und beim Krach sprang der Hirsch in die Höhe und floh mit gewaltigen Sätzen in das Dickicht.

»Der hat's – der hat's!« jubelte der Krämer, der schnell nach der Stelle hingelaufen war, wo er glaubte, daß der Hirsch gestanden habe.

»Seht Ihr? Da ist Blut, und Poppy, das gute Tier, spürt ihn auch schon – er wittert das Blut.«

Die Hunde benahmen sich übrigens sehr sonderbar dabei. Eddy und einige der übrigen folgten allerdings dem flüchtigen Hirsch. Watch dagegen schnupperte höchst eifrig und aufmerksam in den Büschen herum, ohne auf das einladende Geheul der anderen Hunde zu achten, und Poppy setzte sich gar nieder, hob die Nase in die Höhe und heulte, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen.

»Was, zum Teufel, haben denn die Viecher?« rief Roberts, verwundert näher kommend. »Der heult wohl, weil Ihr den Hirsch gefehlt habt?«

»Gefehlt?« sagte der Krämer höchst entrüstet, »schaut her – sieht das aus wie gefehlt? Und da – und hier? Und dort, nennt Ihr das gefehlt?«

»Wahrhaftig, da ist Schweiß genug«, sagte Curtis verwundert, »aber – wie ist mir denn, lief der Hirsch nicht dort hinüber, wohin die Hunde auch folgten? Mir war's doch, als wenn ich seinen weißen Wedel zwischen jenen Greenbriars hätte durchschimmern sehen?«

»Jawohl«, antwortete Harper, »da zwischen den beiden Zypressen ist er verschwunden.«

»Nun, dann ist dies hier auch anderer Schweiß«, rief Curtis, »dieser führt nach dem Fluß zu.«

»Nicht möglich – war denn der Bär hier?«

»I bewahre – ein gut Stück weiter oben.«

»Kann man denn keine Fährte erkennen?«

»Nein – doch ja – hier ist der Jäger gegangen, da ist der Fuß eines Mannes«, rief Curtis, sich hinunter zur Erde beugend, »und da noch einer – es müssen zwei gewesen sein, und sie haben sich sorgsam an beiden Seiten vom Schweiß gehalten, um die Zeichen nicht zu verwischen.«

»Was heißt denn das nur?« brummte Roberts vor sich hin, »der Boden ist doch weich genug hier, und ich kann nicht eine einzige Fährte im Schweiß erkennen!«

»Glaub's gern«, lachte Harper, »das ist kein Wild mehr, das sie verfolgt, sondern ein Tier, das sie erlegt haben. Seht Ihr denn nicht, wie tief hier ihre Fersen eingedrückt sind! Zum Fluß haben sie's getragen, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn es Bahrens gewesen wäre und wir heut abend ein gut Stück Wildbret in seinem Hause fänden.«

»Bahrens trägt nie etwas anderes als Mokassins«, meinte Curtis kopfschüttelnd, »aber der eine hier hat grobe Schuhe angehabt und der andere ein Paar von den Ladenstiefeln, wie sich Brown kürzlich welche von Little Rock mitbrachte. Aber trotzdem kann es sein, daß sie ihre Beute nach Bahrens' Hause hingeschafft haben.«

»Oh, kommt, Leute, laßt die Fährte in Ruhe«, rief Roberts jetzt, »die Sonne ist bald untergegangen, und wir müssen wirklich machen, daß wir aus diesem verwünschten Schilfbruch herauskommen. Haben sie das Wild nach Bahrens' Haus geschafft, und ist der alte Bahrens wirklich dabeigewesen, so finden wir sie dort heut abend und werden eine gewaltige Geschichte anhören müssen, das ist sicher; also vorwärts!«

»Aber so seht nur, wie sonderbar sich der Hund beträgt«, sagte Harper. »Poppy – schämst du dich denn nicht? Das ist ja ein Geheul zum Rasendwerden.«

Poppy schien aber diesmal wirklich gar nicht auf seinen Herrn zu achten, sondern beschnupperte nur von Zeit zu Zeit die Schweißflecke und fing dann wieder so jämmerlich an zu heulen, daß sich die von der nutzlosen Hirschjagd zurückkehrenden Hunde um ihn sammelten und, ebenfalls die Schnauzen emporhebend, in das schauerliche Klagelied mit einstimmten.

»Gentlemen!« rief Roberts, plötzlich stehenbleibend, indem er seinen Hund scharf ansah, »hier ist etwas nicht in Ordnung. Poppy ist ein zu gescheites Tier, um unnütz solche Gefühle zu verraten, mit dem Schweiß dort ist's nicht richtig, – das ist kein Schweiß, das ist Menschenblut!«

»Den Teufel auch!« sagte Curtis und sah ängstlich den Gefährten an.

»Laßt uns der Fährte bis zum Fluß folgen«, fuhr Roberts fort, »dort werden wir Aufklärung erhalten oder wenigstens den Platz kenntlich machen können, an dem wir morgen früh die Untersuchung fortsetzen werden. Hier geht die Spur – deutlich genug – alle kleineren Büsche sind niedergetreten, der Körper muß schwer gewesen sein. Bei einem Stück Wild wären die Träger vorn und hinten gegangen, also in einer Reihe, und hier sind die Spuren auf beiden Seiten der Last.«

»Mir graust's, wenn ich das Blut sehe«, sagte der Krämer und wandte sich schaudernd ab.

»Das kommt davon, weil Ihr noch nicht lange in Arkansas seid«, meinte Curtis; »lebt Ihr erst einmal wie ich, Eure zehn Jahre im Staate, denn werdet Ihr gleichgültig gegen derartige Sachen. Ich habe manche Leiche gesehen, seit ich hier bin, manchen Ermordeten mit begraben helfen – man gewöhnt sich wirklich dran. Nur einmal – einmal war mir's doch bald zuviel...«

»Jetzt hört auf mit Eurer Geschichte«, unterbrach ihn Roberts unwillig, »wir haben hier Schreckliches genug vor Augen, als daß Ihr noch mit Eurer großen ›Leichenschau‹ herauszurücken hättet – laßt die Toten ruhen.«

»Die Geschichte müßt Ihr mir erzählen«, rief der Krämer, »ich höre so etwas für mein Leben gern.«

»Ein andermal«, erwiderte Curtis, »aber dort ist der Fluß, nun werden wir wohl finden, was wir suchen.«

»Hier haben sie ihre Last abgelegt«, sagte Roberts, auf einen etwas niedergedrückten Platz deutend. »Hirsch oder Mensch, von da aus muß er in den Fluß geschafft sein.«

Curtis kniete neben die Stelle hin und bog sein Gesicht tief hinunter, aufmerksam den geringsten Eindruck im weichen Boden untersuchend. Plötzlich sprang er auf und rief:

»Es war ein Mensch – da – da ist der Eindruck eines Knopfes. Ihr könnt es deutlich erkennen – dort – gleich neben dem schwarzen Blutstreifen – vor dem gelben Blatt da.«

»Ja wahrhaftig«, sagte Roberts, der die Stelle ebenfalls betrachtet hatte, »es war ein Mensch – hier ist auch die Stelle, wo seine Hand gelegen hat. Gentlemen, hier ist ein Mord verübt – das unterliegt keinem Zweifel mehr, und morgen müssen wir hierher zurückkommen, die Sache genauer zu untersuchen. Heute ist's zu spät. Bleiben wir noch zehn Minuten länger im Rohrbruch, so sind wir gezwungen, die Nacht hier zu kampieren, denn im Dunkeln wär's unmöglich, durch das Dickicht zu dringen. Morgen aber mit Tagesanbruch wollen wir sehen, ob wir nicht das Opfer oder den Täter ermitteln können. Jetzt fort von hier; mir graust's an der Stelle.«

Die Männer bedurften weiter keiner Aufforderung, den Platz zu verlassen. Schweigend hieben sie sich mit ihren breiten Jagdmessern Bahn durch das Rohr, erreichten bei schon einbrechender Dämmerung ihre Pferde wieder, schwangen sich in die Sättel, trabten, den ziemlich offenen Wald zwischen dem Rohr und der dicht mit Büschen bewachsenen Bergreihe benutzend, scharf weiter und erreichten noch vor völliger Dunkelheit die Furt des Petite-Jeanne, an dessen anderem Ufer die kleine Hütte des alten Bahrens stand, der den nicht gerade ehrenhaften Beinamen »Lügen-Bahrens« in der Nachbarschaft trug.

7. Zwei echte Backwoodsmen – Bahrens' und Harpers Erzählungen

Inhaltsverzeichnis

Der Alte stand vor der Tür und blickte, augenscheinlich die Jäger erwartend, nach der Stelle hinüber, auf der sie jenseits des Flusses aus dem Walde treten mußten. Neben ihm kauerte Assowaum und zog seine Mokassins wieder an, die er bei der Wasserpartie abgelegt und neben der Büchse festgebunden hatte.

»Hallo da drüben«, schrie Roberts, »ist die Furt seicht genug?«

»Ay, ay!« war die Antwort, »knietief.«

Die Männer hielten die Versicherung für genügend und trieben die Pferde die Bank hinunter und in den Fluß. Curtis aber, der voranritt, wäre der Spaß beinahe übel bekommen, denn er sank augenblicklich unter, und sein Pferd mußte mit ihm ans andere Ufer schwimmen.

»Verdammt Eure schwarze Seele.« rief er ärgerlich aus, als er wieder festen Boden erreicht hatte, »was, zum Teufel, jagt Ihr einen denn mit Euren verdammten Lügen ins Wasser! He – ist das knietief?«

»Nun, versteht sich«, erwiderte Bahrens lachend, »seht Ihr dort nicht das Zypressenknie in der Mitte vom Fluß? Dem geht's noch nicht einmal an den oberen Rand, 's ist freilich sieben Fuß hoch.«

Roberts hatte augenblicklich gehalten, als er Curtis so Hals über Kopf in die Fluten eintauchen sah, und dieser rief ihm jetzt vom andern Ufer zu:

»Reitet noch ein Stückchen den Fluß hinunter, Roberts, dort, wo Ihr den Kies seht, da werdet Ihr trocken durchkommen.«

»Wenn Ihr den Weg so gut kennt«, rief Bahrens, »warum seid Ihr denn nicht selbst weiter hinuntergeritten?«

»Weil ich Narr genug war, Euch auch nur ein Wort zu glauben«, erwiderte ihm dieser, galoppierte die steile Uferbank hinauf, sprang vom Pferd und schüttelte dem Alten die Hand, der ihn herzlich willkommen hieß.

Bahrens war einer von den echten Pionieren oder Squattern des Westens. Vor fünf Jahren etwa hatte er sich in Poinsett County, in den fürchterlichsten Sümpfen und zwanzig Meilen von jeder menschlichen Wohnung entfernt, niedergelassen. Dort hatte er auch eine Zeitlang höchst zufrieden von der Jagd gelebt. Dann aber war etwas vorgefallen, von dem er nicht gern sprach und das er »Familienverhältnisse« nannte, was ihn zwang, jene Gegend zu verlassen. Die Bewohner des Fourche la fave munkelten zwar etwas von Pferdefleischliebhaberei, das war aber grundlos. Erstlich kannten sie die Gegend nicht, denn was sich bis zu seiner Hütte verlief, war ohnedies wild geworden und der Büchse des Jägers verfallen, und zweitens hatte sich Bahrens stets als ein ehrlicher Mann bewiesen, und keiner seiner Nachbarn konnte ihm etwas Böses nachsagen. Daß er manchmal die »Wahrheit ein wenig zerhackte«, wie sich Roberts ausdrückte, wurde freilich von den meisten seiner Bekannten bestätigt, er selbst aber leugnete auch dies hartnäckig und war stets bereit, jede seiner Geschichten zu beschwören, nur – wetten wollte er nicht darauf, obgleich er sich sonst nie lange zu einer Wette bitten ließ. Hauptsächlich trieb er Viehzucht und bebaute nur ein sehr kleines Stück Land, etwa fünf Acker, um Mais für sich und die Seinen zu ziehen; auch hatte er mehrere Pferde, doch nicht viele. Er meinte, die Luft in Arkansas sage den Pferden nicht zu. Seine Familie bestand aus seiner Frau, zwei Töchtern und einem Sohn, der aber nicht bei den Eltern lebte, sondern vor zwei Jahren fortgewandert war und natürlich, da er weder schreiben noch lesen konnte, nichts weiter von sich hatte hören lassen.

Das Haus selbst war eine der im Westen Amerikas gebräuchlichen Blockhütten, aus rohen, unbehauenen Stämmen errichtet, deren Dach, grobgespaltene, kurze Bretter, durch schwere Stangen, sogenannte weightpoles, festgehalten wurde. Dem aus rohem Lehm und Balken aufgeführten Schornstein entstieg ein dünner blauer Rauch, und Bahrens war eben damit beschäftigt, Feuerholz für den Abend zu hacken, um eine freundliche Flamme im Kamin zu unterhalten. Nur eine kleine niedere Fenz hielt eine Masse von jungen Ferkeln ab, die friedliche Einsamkeit der Wohnung zu stören, und quietschend und grunzend umrannten sie die hindernde Einfriedung, als ob sie das gewöhnliche Abendbrot, ein paar Maiskolben, erwarteten. In einer kleinen Einzäunung dicht daneben melkte die älteste Tochter, ein hübsches, schwarzäugiges Mädchen, eine große weiße Kuh, während die jüngere ein kleines Kalb an einem Strick zurückhielt, daß es die Schwester nicht in ihrer Arbeit stören und warten sollte, bis die Reihe an ihm sein würde. Neben dem Haus aber, auf den gewaltigen, durch die Axt des Farmers geschlagenen Stämmen, saßen eine Unmenge Aasgeier, als ob sie entweder von ihrem Raub verscheucht wären oder diesen nur verlassen hätten, um mit dem nächsten Morgen ihr ekles Mahl wieder zu beginnen.

Die drei Jäger ritten jetzt ebenfalls zum Haus hin, und Roberts rief dem Alten schon von weitem zu:

»Ich hab' Euch doch wohl unrecht getan, Bahrens. Wir glaubten, wir würden Euch ohne Fleisch antreffen, die Aasgeier da oben zeigen aber, daß irgendwas vorhanden sein muß, wenn nicht etwa eine Kuh gefallen wäre.«

»Guten Abend, Boys, guten Abend – recht so, daß ihr den alten Bahrens auch einmal aufsucht – Kuh gefallen? Roberts, kein Fleisch in meinem Hause? Da kennt Ihr den alten Bahrens schlecht. Wie ich noch am Cashriver wohnte, konnte ich täglich, das heißt im Durchschnitt, zwischen acht- und neunhundert Pfund Fleisch erlegen. Curtis weiß es, nicht wahr, Curtis?«

»Ja gewiß«, bestätigte dieser lachend – »zahmes!«.

»Zahmes? Wilde Tiere – Büffel und wild gewordenes Rindvieh natürlich eingerechnet; aber steigt ab, macht's Euch bequem. Betsy, wirf den Tieren jedem einen Armvoll Mais in den Trog – hörst du –, bleib aber bei ihnen stehen, bis sie fertig sind, und wehre die Schweine ab, daß die Bestien den Trog nicht wieder umwerfen wie gestern.«

»Bahrens, hier muß wahrhaftig ein Aas in der Nähe liegen!« rief Roberts, nachdem die ersten Begrüßungen vorüber waren. »Es riecht, meiner Seel', nach faulem Fleisch.«

»Nach faulem Fleisch?« wiederholte Bahrens, »Ihr habt gute Nasen. Hier in der Nähe liegt nichts – die Kanaillen, die Aasgeier, kommen immer, wenn man schlachtet.«

»Schlachtet?« fragte Curtis entsetzt, »das, was Ihr geschlachtet habt, riecht so? Was hast du denn, Assowaum? Der Bursche zieht ja ein Gesicht, als ob er lachen wollte.«

»Mr. Bahrens hat ein kleines Schwein geschlachtet«, sagte der Indianer, und es war augenscheinlich, wie sehr es ihn ergötzte, »die Aasgeier sind aber dumme Tiere; das Schwein ist erst vor acht Tagen umgebracht, und heute kommen sie schon!«

»Und das sollen wir essen?« rief Roberts lachend. »Wo sind denn die Hirsche?«

»Welche Hirsche?«

»Nun, die, die Ihr alle Tage schießt, wie Ihr es neulich erzähltet.«

»Oh, ich habe mir den Fuß verstaucht und seit drei Tagen nicht auf die Jagd gehen können.«

»Bahrens – hier ist ein Freund von mir, Mr. Harper, einer meiner Nachbarn, der gern Eure Bekanntschaft machen wollte. Harper, das ist Mr. Bahrens, der Mann, von dem ich Euch so viel erzählt habe. Ich denke, Ihr werdet wohl Freunde werden.« Die Männer schüttelten einander die Hand, und Bahrens schwor, er wollte verdammt sein, wenn Harper nicht ein merkwürdig gutmütiges Gesicht hätte.

»Aber, Bahrens«, unterbrach ihn Curtis jetzt, »morgen früh müssen wir mit Tagesanbruch zu der kleinen Slew hinauf. Dort, wo die drei dürren Zypressen stehen, ist ein Mord verübt; es sieht wenigstens ganz danach aus.«

»Ein Mord? Das wäre schrecklich!«

»Es kann nicht anders sein; wir fanden die Spuren zu deutlich, doch hatten wir keine Zeit, die Sache näher zu untersuchen. Es ist übrigens gar nicht weit von hier, und morgen früh läßt sich's leicht ermitteln. Die Täter zu verfolgen wäre heute doch unmöglich.«

»Alle Wetter, das ist seltsam!« rief Bahrens, »ich bin erst heute morgen da vorbeigekommen und habe gar nichts bemerkt!«

»Ich dachte, Ihr hättet Euch ein Bein verstaucht?« erinnerte ihn Curtis lachend.

»Nun ja – vor drei Tagen – Holzkopf! Glaubt Ihr, daß ich deshalb mein Lebenlang hinken müßte? – Aber kommt herein, Boys, der Nebel fällt merkwürdig feucht heut abend, und am Kamin sitzt sich's behaglicher.«

»Nein, altes Haus!« sagte Roberts, ihm auf die Schulter klopfend, »wenn du so schlecht mit Proviant versehen bist, so wollen wir unsern Vorrat heranschaffen; Assowaum, laß uns den Bären holen. Jetzt dürfen wir nicht länger mehr damit hinter dem Zaun halten, sonst müssen wir dafür hungern. Überdies wird es dunkel.«

Mit vereinten Kräften schleppten die Männer den fetten Braten zum Haus, und in kurzer Zeit wurden den Frauen einige der besten Stücke zur Bereitung übergeben.

»Guten Abend, Mrs. Bahrens«, sagte Roberts, in das Haus tretend, »wie geht's? Lange nicht gesehen; immer noch munter?«

»Muß ja wohl, Mr. Roberts«, erwiderte die Frau freundlich, das große Kattunbonnet, das sie beim Kochen trug, um die Hitze von den Augen abzuhalten, aus dem Gesicht zurückschiebend. »Das ist recht, daß Sie uns besuchen, nächstens komm' ich einmal zu Ihnen herüber. Mein Alter ist aber gar nicht von zu Hause fortzubringen.«

»Meine Alte hat Sie und die Töchter schon lange erwartet, Mrs. Bahrens«, erwiderte Roberts, ihr die dargebotene Hand schüttelnd, »wie geht's den Mädchen hier im Busch – eh? Sind aber das einsame Leben schon gewohnt, denn in den Cashsümpfen war's wohl auch nicht lebhafter. Schreckliches Land, die Cashsümpfe, als ich das letztemal dort war und bei Strong vorbeiritt... Sie kennen doch Strong, der die große Farm besitzt? Hat sich dort wahrhaftig an der besten Stelle niedergelassen und wird...«

»Halt ihn auf! – Um Gottes willen, halt ihn auf!« schrie Bahrens jubelnd, »da trabt er wieder hin mit verhängten Zügeln; wenn man ihn laufen läßt, ist er in fünf Minuten beim Revolutionskrieg. Gott sei uns gnädig, Roberts, mit Euch ist gar kein vernünftiges Wort mehr zu sprechen. – Aber, Kinder, daß Ihr so trefflich für Proviant gesorgt habt, verdient eine Belohnung; hier, Lucy – reich einmal die Kruke unter dem Bett vor – nimm dich in acht, Blitzmädel, wenn du sie zerbrichst, sei dir Gott gnädig! Jetzt, Boys, wollen wir einen fidelen Abend feiern, Bärenfleisch und Whisky – hu pi!« Und der alte Mann stieß seinen Jagdschrei aus, daß die Hunde draußen unruhig wurden und zu heulen anfingen.

»Bahrens, die Bestien beißen sich draußen«, sagte Curtis endlich, »unsere sind auch hungrig; wo habt Ihr denn das Schweinefleisch? Wir wollen's den Tieren geben, für Menschen ist es doch nicht genießbar.«

»Mein gutes Fleisch?«

»Ih, geht zum Teufel mit Eurem Fleisch. Ich dachte, Ihr könntet so viele Hirsche schießen?«

»Ja, aber mein Bein!«

»Jetzt kommt er wieder mit seinem Bein, göttlicher Kerl! Aber, Harper, Ihr sitzt ja so stumm da und sagt gar keine Silbe Ihr denkt wohl an den Mord?«

»Ja! Aufrichtig gesagt, kann ich die Blutflecke nicht aus dem Gedächtnis bringen. Es sah zu schauerlich aus!«

»Schauerlich, Mr. Harper? Da hätten Sie einmal sollen im vorigen Jahre am Cashriver wohnen«, erwiderte Bahrens; »verdammt will ich sein, wenn nicht dort alle Tage zwei oder drei Leichen vorbeigeschwommen kamen – und was für Leichen! Manche ohne Kopf.«

»Wo kamen aber die Menschen alle her?« fragte Harper halb erschreckt und halb ungläubig, »ich dachte, es wäre eine so menschenleere Gegend gewesen?«

»Die Menschen? Nun, da sollt' ich mich doch wohl nicht drum kümmern? Und was ging das mich an?«

»Halt – spart Eure Gespräche bis nach Tische auf«, sagte Roberts lachend, »laßt uns vor allen Dingen nach den Pferden sehen, nachher schmeckt auch das Essen besser.«

Dem Rat wurde augenblicklich Folge geleistet, als sie aber von den Futtertrögen zurückkehrten, rief die Frau schon zum Abendbrot, und bald saßen die Männer auf umgestülpten Fässern, hingerückten Kästen, Klötzen und roh gearbeiteten Stühlen um den schmalen Tisch herum, auf dem eine mächtige Schüssel voll gebratener Bärenrippen und in Scheiben geschnittenen Fleisches den Mittelpunkt bildete, während Maisbrot, eingekochter Kürbis, etwas Honig und Milch die übrigen Bestandteile des Mahles ausmachten. Die Whiskyflasche ging indessen im Kreise herum, und wenn auch kein Wort weiter gesprochen wurde, bewiesen doch die klappernden Messer und die überall sichtbar werdenden, blank abgenagten Rippen, wie den Hungrigen die delikate Mahlzeit schmeckte.

Als sie geendet, standen sie einzeln, wie sie zuerst fertig wurden, vom Tisch auf, und die Frauen, die sich wohlweislich einige Stücke aufbewahrt hatten, nahmen, ohne es der Mühe wert zu halten, die benutzten Teller mit reinen zu vertauschen, die leer gewordenen Sitze ein.

Mrs. Bahrens, etwa in den Vierzigern, zeigte noch Spuren früherer nicht unbedeutender Schönheit, ihre schlanke Gestalt war aber von einem keineswegs saubern baumwollenen, einst weiß gewesenen Kleid umhüllt, ihre schönen, braunen Haare hatte sie ziemlich nachlässig um den Kopf herumgesteckt, und ihre großen, dunklen Augen verloren viel von ihrem Glanze durch die keineswegs brillante Fassung des etwas rauh und schmutzig aussehenden Gesichts. Die Töchter trugen sich schon besser und reinlicher, aber auch ihr Teint würde durch etwas warmes Seifenwasser nur gewonnen haben.

Als das Essen oder vielmehr das Geschirr abgeräumt war, denn das Essen verschwand spurlos, schob Bahrens den Tisch ein wenig zurück, daß die verschiedenartigen Sitze wieder in einen Halbkreis um den Kamin gerückt werden konnten, und rief dann fröhlich aus:

»Nun, Gentlemen, kommt das Beste – der Stew.«

»Du hast ja keine Butter«, sagte seine Frau.

»Alle Wetter, das ist wahr – aber hallo – was brauchen wir Butter, wir haben ja Bärenfett – Whisky und Bärenfett werden sich noch viel besser miteinander vertragen. Gentlemen, dies ist das Land, um drin zu leben. Es geht nichts über Arkansas!«

»Ih nun, Mr. Bahrens«, meinte Harper, der, als er die Vorbereitungen zu seinem Lieblingsgetränk bemerkte, aufzutauen begann, »ih nun, ich weiß doch nicht; Missouri ist auch nicht zu verachten, ich habe lange dort gelebt, und...«

»Missouri?« rief Bahrens verwundert. »Missouri? Da sei uns Gott gnädig; und das vergleichen Sie mit Arkansas?«

»Nun, es grenzt doch dicht genug daran?«

»Grenzen? Es ist gerade so, als ob der liebe Gott den Finger genommen und einen Strich zwischen den beiden Staaten durchgezogen hätte, daß der eine fruchtbar und der andere unfruchtbar werden sollte. Missouri! Na, nu hört alles auf; wie lange sind Sie denn eigentlich schon in Arkansas?«

»Etwa sechs Wochen.«

»Ach, dann ist es etwas anderes, dann wissen Sie's noch nicht besser; Herr, hier ist das Land so fett, daß wir, wenn wir Lichter gießen wollen, den Docht nur in die Pfützen tauchen – es brennt ebensogut. Wenn ein Mann in Arkansas sein Feld mit Fleiß und Aufmerksamkeit bestellt, so kann er darauf rechnen, hundert Bushel vom Acker zu ernten.«

»Das wäre viel!«

»Viel? Das ist gar nichts! Wenn er sich keine Mühe mit dem Land gibt und den Mais nur so roh aufwachsen läßt, so bleiben ihm immer noch fünfundsiebzig Bushel gewiß; und wenn er gar nicht pflanzt, so – so wachsen doch noch fünfzig – das Land ist nicht totzumachen!«

Harper rückte ein wenig auf dem Kasten herum, auf dem er saß, und Roberts und Curtis warfen sich verstohlene Blicke zu.

»Und was noch ein Vorteil ist«, sagte Bahrens, »wir brauchen immer erst im Juni zu pflanzen, der Mais wächst so merkwürdig schnell. Denken Sie nur, im letzten Jahr hat er mir die Bohnen, die ich dazwischengesteckt habe, mit der Wurzel aus dem Boden gezogen; und die Kürbisse – zehn Menschen können um einen herumstehen.«

»Erstaunliches Land!« sagte Harper, »dann ist aber wohl alles großartig darin, denn die Moskitos und die Holzböcke sind noch gar nicht dagewesen.«

»Alles großartig?« fragte Bahrens, jetzt ganz auf seinem Steckenpferd, mit dem Lande zu prahlen, in dem er lebte. »Alles großartig? Das will ich meinen; die Moskitos fliegen in heißen Sommertagen so dick, daß sie oft durch den Schweiß zusammenkleben und klumpenweise aus der Luft herunterfallen. Die Holzböcke hab' ich mit meinen eigenen Augen beobachtet, wie sie mit den Vorderbeinen sich an irgendeinem Stück Holz aufrichteten und nach den Kuhglocken horchten, und die Flöhe gehen abends ordentlich zu Wasser an den Fluß, wie anderes Viehzeug auch. Und was für Flüsse haben wir! Der Herr sei uns gnädig – die See drängen sie mit aller Gewalt ein ganzes Stück Weges zurück, wenn sie hineinkommen.«

»Sie kommen aber nicht hinein«, meinte Harper.

»Kommen nicht hinein? Wo gehen sie denn hin?« fragte Bahrens entrüstet, »sie verschwitzen sich wohl, he? Wo läuft denn der Petite-Jeanne hin?«

»In den Arkansas.«

»Nun, und der Arkansas?«

»In den Mississippi.«

»Und der Mississippi?«

»In den Golf von Mexiko.«

»Als ob das nicht alles eins wäre. – Da nehmen Sie einmal den südlichen Teil von Missouri. Ist schon jemand im südlichen Teil gewesen?«

»Wahrscheinlich wir alle«, erwiderte Roberts.

»Auch am Elevenpointsriver oben? – Gentlemen, ich will nicht übertreiben, aber dort war's so felsig, daß wir die Schafe bei den Hinterbeinen einzeln aufheben mußten, damit sie nur zwischen den scharfen Steinen das bißchen Gras herausholen konnten; die Wölfe wurden so mager, und schwach, daß sie sich an einen Baum lehnten, wenn sie heulen wollten. Nun seh' einer den Unterschied zwischen Missouri und Arkansas. Was fingen wir zum Beispiel im Winter an, wo wir nichts für das arme Viehzeug zu fressen hatten? Nun? Raten Sie einmal.«

»Ließt es doch wohl im Walde herumlaufen?« fragte Curtis.

»Was hätte ihm denn das für Nutzen gebracht, das möcht' ich wissen? Der Boden war ja so dürr, daß nicht einmal Rinde an den Büschen und Bäumen wuchs – nein, ich verfiel auf ein ganz anderes Mittel. Ihr kennt Tom, Roberts, der später in aller Eile eine Geschäftsreise nach Texas machen mußte – ih – der große Tom, erinnert Euch doch nur, er war so lang, daß er jedesmal niederknien mußte, wenn er sich auf dem Kopfe kratzen wollte. – Gut, der war früher einmal, in Philadelphia glaub' ich, Mechanikus gewesen und hatte noch eine ganze Menge Handwerkszeug mitgebracht; der mußte mir eine Partie großer grüner Brillen anfertigen, die setzt' ich den Kühen auf, gab ihnen Hobelspäne zu fressen, und verdammt will ich sein, wenn sie's nicht für Gras fraßen und fett wurden.«

»Gott sei uns gnädig!« rief Harper.

»Da haben wir's hier besser«, fuhr Bahrens entzückt fort, »hier sitzen wir gewissermaßen im Moos drin, und die Jagd...«

»Hallo!« rief Harper jetzt dazwischen, »auf die laß' ich, was Missouri anbetrifft, nichts kommen. Die kann nirgends besser sein.«

»Besser sein?« lachte Bahrens höhnisch, »besser? Wenn ein Bär hier nur drei Zoll Fett auf dem Rücken hat, heißt er mager, die Hirsche...«

»... fängt man bei den Beinen!« lachte Roberts. Bahrens sah ihn verwundert an, und Harper schnitt ein außerordentlich freundliches Gesicht.

»Nun, Roberts, das müßt Ihr selber sagen«, fuhr Bahrens fort – »aber, Betsy, das Wasser kocht; nun brau das Getränk, mein Mädchen, du weißt, wie wir es gern haben – das müßt Ihr selber eingestehen, Roberts, im Jagen tut mir's hier keiner gleich. Kleines Wild schieß' ich gar nicht mehr, da hab' ich so meine eigenen Manieren, das zu fangen!«

»Wie bei uns die Jungen«, sagte Harper, »die fangen auch die Kaninchen in Fallen.«

»Fallen!« Bahrens lächelte verächtlich, »da braucht's auch noch Fallen dazu? Kommt nach Arkansas, wenn Ihr etwas lernen wollt. Liegt ein bißchen Schnee, dann geh' ich hinaus in den Wald, nur weit genug, daß ich das Haus nicht mehr sehen kann...«

»Das ist nicht weit«, meinte Curtis.

»Gut – dort steck' ich kleine Stücke rote Rüben in den Schnee und streue Schnupftabak darauf – morgens liegen die Kaninchen tot daneben.«

»Fressen sie denn den Schnupftabak?« fragte der Krämer verwundert.

»Fressen? Nein, sie riechen daran und niesen so stark, daß sie sich den Hals brechen.«

»Bei dem Halsbrechen«, sagte Harper, »fällt mir ein, wie ich's neulich mit einer Eule machte. Die Kanaille hatte mir drei Nächte hintereinander jede Nacht ein Huhn fortgeholt, und ich war immer vergebens hinausgeschlichen. Endlich, am vierten Tage, kommt sie morgens früh, es regnete ein wenig, ans Haus geflogen. Ich merkt' es gleich an den Hühnern, die flatterten so sonderbar hin und her. Schnell griff ich nach der Büchse und lief hinaus, fand auch bald, daß die Eule in einem kleinen, dichtbelaubten Hickory saß, ich konnte aber nur den Kopf von ihr sehen, und da ich sie nicht gleich totschießen, sondern den Hunden auch noch einen Spaß lassen wollte, so ging ich im Kreise herum, um eine passende Stelle zum Schießen auszusuchen. Überall waren aber die Blätter gleich dicht, und die Eule guckte mich indessen mit ihren großen rollenden Glotzaugen fest an. Dreimal war ich auf die Art, mit der Büchse im Anschlag, um den Baum herumgegangen, als auf einmal etwas in den Zweigen raschelte und die Eule herunterkam. Hol' mich der Böse, wenn sie sich nicht dadurch, daß sie mich immer im Auge behielt, ganz in Gedanken den Kopf abgedreht hatte.«

»Das ist keine Kunst!« rief Bahrens, der nicht daran dachte, die Wahrheit der Erzählung zu bezweifeln. »Wie ich noch ein junger Bursche war, konnt' ich's mit jedem Truthahn im Rennen aufnehmen, und wenn er zu fliegen anfing und stieg nicht zu hoch, so hatt' ich ihn gewiß.«

»Was das Laufen anbetrifft«, – meinte Harper, »so hätt' ich gewünscht, daß Sie meinen Bruder gesehen hätten, wenn er hinter Rebhühnern her war!«

»Sie wollen uns doch wohl nicht etwa hier erzählen, daß er Rebhühner im Fliegen gefangen hätte!« rief Bahrens erschrocken aufspringend.

»Nein«, sagte Harper, »das nicht, aber verdammt will ich sein, wenn er ihnen nicht bei jedem Sprung eine Handvoll Federn aus dem Schwanze riß.«

»Gentlemen, hier kommt der Stew! Gott segne es, Betsy, Sie haben ihn stark gemacht!« rief Roberts. »Nein, ich danke, kein Wasser mehr drunter, das nimmt ihm den würzigen Geruch, es muß mitgekocht werden. Aber, Bahrens, Ihr hattet wahrhaftig recht – das Bärenfett schmeckt ausgezeichnet darin; so etwas Mildes und doch so feurig!«

Das Gespräch wurde jetzt für einen Augenblick unterbrochen, und die Männer gaben sich ganz dem Genuß des Getränkes hin. Endlich brach Curtis das feierliche Schweigen und sagte schmunzelnd:

»Mrs. Roberts und Mr. Rowson sollten nur den gestrengen Herrn Roberts hier sitzen und Whisky-Stew trinken sehen, die würden schöne Gesichter schneiden.«

Roberts, der schon beim dritten Glase war und anfing warm zu werden, setzte ab und rief aus:

»Mr. Rowson mag... Jedenfalls weiß ich, daß er mir in nichts hineinschwatzen soll, was mich angeht! Mit meiner Frau und Tochter mag er's machen, wie er will, oder – wie die wollen vielmehr.«

»Ich glaube, die wollen ziemlich, wie er will«, sagte Curtis.

»Leider Gottes – der glatte, geschmeidige Schleicher ist mir von jeher ein Dorn im Auge gewesen – schimpft immer auf die Römisch-katholischen – hol's der Henker, wenn ich glaube, daß er um eine Prise Schnupftabak besser ist!«

»Der Rowson ist wohl höllisch in das Mädchen, in Eure Tochter, verschossen?« fragte Curtis.

»Nun natürlich – in vier Wochen wollen sie zum Friedensrichter und halbpart machen – mir recht!«

»Hört, Roberts, ich war auch einmal unmenschlich verliebt«, sagte Bahrens schmunzelnd. »Es war ein Mädchen aus der Stadt – aus Saint Louis. Ich handelte damals mit den Osagen oben, nach dem Missouri- und Yellowstoneriver hinauf, und lagerte etwa drei Meilen westlich von der Stadt. Wollt Ihr's wohl glauben? Alle drei Tage bekam ich einen großen Brief, in dem gewiß von lauter Liebe und Treue geschrieben stand. Nur schade, daß ich es selbst nicht lesen konnte, und die Indianer, mit denen ich zusammen lebte, wußten an einem Brief nicht das Inwendige vom Auswendigen zu unterscheiden. Eine Liebesglut muß aber in den Dingern gesteckt haben, das war fürchterlich – ich band sie zusammen und schob sie, als ich fortging, in einen ledernen Beutel, und wie ich nach Hause kam und machte ihn wieder auf, hatt' ich weiter nichts als Asche drin.«

»Aber, Leute, ich dächte, wir gingen zu Bett!« rief der Krämer gähnend, »morgen früh müssen wir doch mit der ersten Dämmerung aufbrechen, und mir ist's fast, als ob ich müde würde.«

»Ja, 's wird spät«, sagte Roberts, der vor die Tür getreten war und nach den Sternen sah, »es muß schon zehn Uhr vorbei sein.«

»Nur noch einen Augenblick!« wandte Harper mit schon etwas schwerer Zunge ein; »da wir gerade von Liebe sprechen, so fällt mir da eine Geschichte von meinem Bruder ein, wie er noch ein junger Bursche war. Den hättet Ihr kennen sollen – ein verfluchter Kerl; achtzehn Jahre alt, und schon drei Mädchen die Ehe versprochen. Kommt auch in Philadelphia zu einem Quäker, und das ist sonderbarerweise gerade der Bruder des einen Mädchens. Der erkennt ihn, ist aber ganz freundlich und lädt ihn ein, bei ihm zu Tische zu bleiben; doch nach dem Essen steht er auf, schützt einige Geschäfte vor und verläßt das Haus, um die Constabler zu holen und meinen Bruder einstecken zu lassen. Was meint Ihr aber, was er fand, als er wieder nach Hause kam?«

»Nun, Euer Bruder hatte sich wahrscheinlich aus dem Staube gemacht!«

»Ja – aber nicht allein, er war mit des Quäkers Frau durchgegangen.«

»Nee, kann der Mensch lügen!« flüsterte Bahrens heimlich Curtis zu, der neben ihm stand.

»Also zu Bett jetzt! Wo werden wir denn schlafen, Bahrens?«

»Ja, das müssen wir einteilen. Drei Betten sind nur da, eins müssen die Mädchen behalten, eins ich und meine Alte, und das dritte sollte dann wohl den Ältesten bleiben, also Roberts und Mr. Harper – Mr. Harper wird nach all den Geschichten recht gut schlafen –, und die anderen drei Gentlemen, Curtis, Mr. Hartford und Assowaum, nun für die finden sich Felle genug. So, das ist brav, Betsy, mach ihnen das Lager zurecht, und morgen brechen wir mit dem frühesten auf.«

Assowaum, der den ganzen Abend keine Silbe gesagt, sich bei den Erzählungen der beiden Männer aber sehr amüsiert zu haben schien und dem Whisky später keineswegs unbedeutend zugesprochen hatte, rollte sich jetzt ebenfalls in seine Decke. Als er aber nach dem Platz, wo er sich niederlegen wollte, ging und dicht an der Kaminecke, nahe beim Feuer vorbeikam, stolperte er und wäre beinahe gefallen.

»Hallo, Indianer!« sagte Harper lachend, »hast du zuviel Whisky im Kopf? Das ist nicht gut.«

»Ist nicht gut, von irgend etwas zuviel«, sagte der Befiederte Pfeil, indem er sich lang ausstreckte, und einen dort liegenden Klotz unter seinen Kopf schob. »Zuviel Whisky aber ist gerade genug!« Und mit dieser philosophischen Bemerkung legte er sich auf die Seite und war auch schon in wenigen Minuten eingeschlafen.

»Gebt Ihr irgendeiner besonderen Stelle des Bettes den Vorzug, Roberts?« fragte Harper, als sie sich entkleidet hatten.

»Nein«, sagte dieser in aller Unschuld.

»Nun, dann mögt Ihr Euch drunter legen«, meinte Harper lachend, indem er unter die darauf ausgebreiteten gegerbten Hirschhäute kroch.

Roberts schien aber doch mit dieser Stelle nicht ganz einverstanden, denn er lag bald an Harpers Seite, und in kurzer Zeit war weiter nichts als das leise Knistern des Feuers und das tiefe, regelmäßige Atmen der Schlafenden zu hören.

Die Nacht ging ruhig und ungestört vorüber; einmal ausgenommen, als Curtis aufsprang und mit wildem Fluchen sämtliche Hunde hinaustrieb. Diese hatten sich nämlich, einer nach dem andern, hereingeschlichen und sich auf und neben die am Boden ausgestreckten Jäger gelagert.

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05 февраля 2026
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540 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
4066338113535
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