Читать книгу: «Systemische Therapie»
Die Autorin

Christina Hunger-Schoppe ist Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Universität Witten/Herdecke. Studium der Psychologie (Dipl.-Psych.), Universität Koblenz-Landau (2000–2006); Studium der Psychologischen und Psychiatrischen Anthropologie (M.Sc.), Brunel University West London, England (2006–2008). Binationale Promotion im Deutsch-Chilenischen Graduiertenkolleg, Universität Heidelberg, Pontificia Universidad Católica de Chile, Universidad de Chile (2007–2010): Religiosität und Spiritualität bei Depression im interkulturellen Vergleich. Akademische Mitarbeiterin (Post-Doc), Universitätsklinikum Heidelberg (2010–2020). Habilitation in Medizinischer Psychologie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Heidelberg (2018): Wirksamkeit Systemischer Therapie und Entwicklung systemtherapeutischer Diagnostik. Mitglied Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie (WBP), Vorstandmitglied Systemische Gesellschaft (SG), Mitherausgeberin »Familiendynamik«.
Forschungsschwerpunkte: Klinische Psychologie und Psychotherapieforschung; Prävention; Diagnostik: Patienten-, System- und Therapeutenperspektive; Moderatoren und Mediatoren: Persönlichkeit, Bindung, soziale Netzwerke, linguistische Marker, Kultur; Meta-Analysen: mehrpersonale Psychotherapien; Qualitätssicherung: therapeutische Adhärenz.
Psychologische Psychotherapeutin (Schwerpunkt Verhaltenstherapie; Zusatzbezeichnung Systemische Therapie), Systemische Beraterin und Therapeutin (Systemische Gesellschaft, SG; Deutsche Gesellschaft für Therapie, Beratung und Familientherapie, DGSF), Lehrende für Systemische Therapie (SG, DGSF).
Christina Hunger-Schoppe
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-036837-8
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-036838-5
epub: ISBN 978-3-17-036839-2
mobi: ISBN 978-3-17-036840-8
Geleitwort zur Reihe
Die Psychotherapie hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich gewandelt: In den anerkannten Psychotherapieverfahren wurde das Spektrum an Behandlungsansätzen und -methoden extrem erweitert. Diese Methoden sind weitgehend auch empirisch abgesichert und evidenzbasiert. Dazu gibt es erkennbare Tendenzen der Integration von psychotherapeutischen Ansätzen, die sich manchmal ohnehin nicht immer eindeutig einem spezifischen Verfahren zuordnen lassen.
Konsequenz dieser Veränderungen ist, dass es kaum noch möglich ist, die Theorie eines psychotherapeutischen Verfahrens und deren Umsetzung in einem exklusiven Lehrbuch darzustellen. Vielmehr wird es auch den Bedürfnissen von Praktikern und Personen in Aus- und Weiterbildung entsprechen, sich spezifisch und komprimiert Informationen über bestimmte Ansätze und Fragestellungen in der Psychotherapie zu beschaffen. Diesen Bedürfnissen soll die Buchreihe »Psychotherapie kompakt« entgegenkommen.
Die von uns herausgegebene neue Buchreihe verfolgt den Anspruch, einen systematisch angelegten und gleichermaßen klinisch wie empirisch ausgerichteten Überblick über die manchmal kaum noch überschaubare Vielzahl aktueller psychotherapeutischer Techniken und Methoden zu geben. Die Reihe orientiert sich an den wissenschaftlich fundierten Verfahren, also der Psychodynamischen Psychotherapie, der Verhaltenstherapie, der Humanistischen und der Systemischen Therapie, wobei auch Methoden dargestellt werden, die weniger durch ihre empirische, sondern durch ihre klinische Evidenz Verbreitung gefunden haben. Die einzelnen Bände werden, soweit möglich, einer vorgegeben inneren Struktur folgen, die als zentrale Merkmale die Geschichte und Entwicklung des Ansatzes, die Verbindung zu anderen Methoden, die empirische und klinische Evidenz, die Kernelemente von Diagnostik und Therapie sowie Fallbeispiele umfasst. Darüber hinaus möchten wir uns mit verfahrensübergreifenden Querschnittsthemen befassen, die u. a. Fragestellungen der Diagnostik, der verschiedenen Rahmenbedingungen, Settings, der Psychotherapieforschung und der Supervision enthalten.
Nina Heinrichs (Bremen)
Rita Rosner (Eichstätt-Ingolstadt)
Günter H. Seidler (Dossenheim/Heidelberg)
Carsten Spitzer (Rostock)
Rolf-Dieter Stieglitz (Basel)
Bernhard Strauß (Jena)
Die Buchreihe wurde begründet von Harald J. Freyberger, Rita Rosner, Ulrich Schweiger, Günter H. Seidler, Rolf-Dieter Stieglitz und Bernhard Strauß
Geleitwort
Wie jedes Buch, so spiegelt auch dieses die historische Konstellation seines Entstehungszeitpunkts wider. Die Systemische Therapie blickt im Jahr 2021 auf zwei im Rückblick unterscheidbare Entwicklungsphasen zurück. Die erste lässt sich beschreiben als eine ca. 30-jährige Pionierphase bis etwa 1990. Wichtig war ihr die Abweichung vom damaligen psychotherapeutischen Mainstream. Ihr Ergebnis waren sehr vielfältige Innovationen in System- und Erkenntnistheorie, therapeutischer Haltung, Gesprächsführung und Interventions-Methodik. An deren Ende schrieben Arist von Schlippe und ich die erste Version (1996) unseres Lehrbuchs, um all diese bis dahin verstreuten Innovationen zusammenzuführen. Ab da begann eine weitere, bis heute ebenfalls etwa 30 Jahre dauernde Durchsetzungs- und Verankerungsphase. In den Fokus rückten nun die Qualität systemtherapeutischer Weiterbildungen, die empirische Demonstration der Wirksamkeit Systemischer Therapie und das verbands- und berufspolitische Ringen um ihre langfristige, auch institutionelle Verankerung vor allem in der Jugendhilfe und in der Psychotherapie. Die Jahre 2018 bis 2020 markieren (in Deutschland) ihre endgültige Etablierung im Kreis der »mit Brief und Siegel« sozialrechtlich anerkannten und zu finanzierenden Psychotherapieverfahren im Gesundheitswesen. Zu diesem Zeitpunkt schreibt Christina Hunger-Schoppe nun dieses Buch, das wiederum viele Entwicklungen kompakt zusammenführt.
Was der Systemischen Therapie bevorsteht, ist naturgemäß ungewiss. Ganz aktuell ist es der Aufbau neuer Approbationsaus- und (künftig) -weiterbildungen. Als Herausforderung stellt sich dabei, den unglaublichen Mehrwert der bislang berufsgruppenübergreifenden Weiterbildungen mit diesen leider rein berufsständisch zu organisierenden Lehrgängen irgendwie zu verknüpfen. Möglicherweise werden sich nun (allmählich) universitäre Forschung und Lehre in Systemischer Therapie und Beratung intensivieren. Beide sind an den Hochschulen für Angewandte Forschung bereits weiter fortgeschritten. Vorhersagbar scheint mir, dass der Dialog zwischen psychotherapeutischen Schulen »auf Augenhöhe« sich weiter intensivieren wird. Dazu müssen m. E. die humanistischen Therapien als »Vierte im Bunde« noch hinzugeladen werden, nicht nur deren Bestandteile »ausgeschlachtet« werden. Insbesondere hoffe ich, dass auch die zahlreichen wertvollen Beiträge der Systemischen Therapie aus ihrer Frühphase – besonders zu den Mehrpersonensettings der Paar- und Familientherapie und zur Erkenntnistheorie – mitgenutzt werden für die allmähliche Entwicklung einer integrativen Psychotherapie auf systemtheoretischer Grundlage. Der Weg dahin scheint mir noch weit.
Christina Hunger-Schoppe ist eine dynamische, kluge, hellwache Kollegin der »Generation X«. Ich hatte das Glück, zehn Jahre lang mit ihr zusammenzuarbeiten. Sie hat das Feld der Systemischen Therapie in vielen eigenen Zugängen erforscht, sich deren Errungenschaften gedanklich und in ihrer persönlichen Haltung intensiv angeeignet und vermag nun in sehr kompakter Weise dieses Feld synoptisch darzustellen. Ihre vielen eigenen Zugänge und Fähigkeiten spiegeln sich in diesem Buch wider. Als Forscherin hat sie in kontrollierten Studien zu Systemaufstellungen und zur Systemischen Therapie sozialer Ängste deren Wirksamkeit erforscht. Als Entwicklerin von Diagnostica hat sie mit dem Fragebogen zum Erleben in Sozialen System (EXIS), der Burden Assessment Scale (BAS) und der Sozialen Netzwerkdiagnostik (SozNet) Neues geschaffen. Als Therapeutin hat sie sich parallel in Systemischer Therapie und in kognitiver Verhaltenstherapie ausgebildet und auch die Entwicklung in anderen Psychotherapieverfahren sorgsam verfolgt. Ihre Weiterbildungspraxis am Wieslocher Institut für Systemische Lösungen und ihre dortige Zusammenarbeit mit genialen Praktizierenden wie Diana Drexler und Andreas Kannicht sind in diesem Buch vielerorts spürbar. Auch die Überblicke, die sie sich im Herausgebergremium der »Familiendynamik« gemeinsam mit Hans Rudi Fischer, Ulrike Borst und Arist von Schlippe, im Vorstand der Systemischen Gesellschaft und im Wissenschaftlichen Beitrat Psychotherapie fortlaufend über viele aktuelle Facetten der Entwicklung der Systemischen Therapie verschafft, tragen zur hohen Informations-Sättigung dieses Buches bei.
Der Autorin gelingt es, in beeindruckender Vollständigkeit die wichtigsten Wissensbestände der Systemischen Therapie aus den beschriebenen ca. 60 Jahren sehr kompakt und gut verständlich zusammenzufassen und diese Synopsis zugleich mit ihren persönlichen Beiträgen einschließlich einer eigenen Kasuistik anzureichern. Das Buch ist gut lesbar, sogfältig ausgewählte »Leitgedanken« und kursive Textteile ermöglichen auch den schnellen Durchgang durch den Text. Ich glaube es wird insbesondere »Neulingen« in der Systemischen Therapie eine prima Übersichtslandkarte anbieten.
Jochen Schweitzer, Herbst 2020
Inhalt
1 Geleitwort zur Reihe
2 Geleitwort
3 Vorwort
4 Begriffswahl
5 1 Ursprung und Entwicklung des Verfahrens
6 1.1 Frühe Modelle: Familientherapie und Mehrgenerationenperspektive (ca. 1950–1980)
7 1.1.1 Unsichtbare Bindungen und Kontenausgleich
8 1.1.2 Delegation und Bezogene Individuation
9 1.1.3 Mehrgenerationalität
10 1.1.4 Selbstwerterleben und Freiheit
11 1.2 Kybernetik 1. Ordnung: Kommunikation (ca. 1960–1980)
12 1.2.1 Reziprozität
13 1.2.2 Strukturen und Grenzen
14 1.2.3 Hierarchien und Macht
15 1.2.4 (Gegen-)Paradoxon
16 1.3 Kybernetik 2. Ordnung: Reflexion von Wirklichkeitskonstruktionen (ca. 1980–1990)
17 1.3.1 Metakommunikation und Expertise des Nicht-Wissens
18 1.3.2 Autopoiese
19 1.3.3 Potential und Lösung
20 1.3.4 Herrschende und unterdrückte Geschichten
21 1.4 Nachfolgende Modelle: Bindung, größere Systeme und Ordnungen (ab ca. 1990)
22 1.4.1 Bindung und Emotion
23 1.4.2 Ökosystemik und größere Systeme
24 1.4.3 Ordnungen
25 2 Verwandtschaft mit anderen Verfahren
26 2.1 Historisches
27 2.2 Gemeinsamkeiten
28 2.2.1 Transdisziplinarität in systemtherapeutischen Ansätzen
29 2.2.2 Psychologische Ansätze in Systemaufstellungen
30 2.3 Abgrenzungen
31 2.4 Allgemeine Wirkfaktoren
32 3 Wissenschaftliche und therapietheoretische Grundlagen
33 3.1 Soziale Systeme
34 3.2 Grundprinzipien der Systemischen Therapie
35 3.2.1 Wahrheit @ Sozial verhandelte Realitäten
36 3.2.2 Expertentum @ Therapeutische Beziehung auf Augenhöhe
37 3.2.3 Ursache-Wirkung @ Zirkularität
38 3.2.4 Steuerbarkeit @ Selbstorganisation
39 3.2.5 Defizitdenken @ Ressourcendenken
40 3.2.6 Eigenschaften @ Kontextbezug
41 3.2.7 Fakten @ Denkkollektive
42 3.3 Synergetik
43 3.4 Soziologie
44 3.4.1 Systemtheorie
45 3.4.2 Kontextsensibilität
46 3.5 Anthropologie
47 3.5.1 Strukturfunktionalismus
48 3.5.2 Teilnehmende Beobachtung
49 3.6 Philosophie
50 3.6.1 Radikaler Konstruktivismus und KybernEthik
51 3.6.2 (Nicht-)Störungsorientierung
52 4 Kernelemente der Diagnostik
53 4.1 Besonderheiten
54 4.2 Diagnostik und Intervention
55 4.3 Soziale Interaktionsstörungen
56 4.4 Erhebungsverfahren
57 4.4.1 3-Ebenen-Modell
58 4.4.2 Fragebogen
59 4.4.3 Interview und szenische Methoden
60 4.4.4 Rating
61 5 Kernelemente der Systemischen Therapie
62 5.1 Transparenz: Reflektierendes Team
63 5.2 Systemtherapeutische Grundhaltung
64 5.2.1 Vielgerichtete Parteilichkeit (Allparteilichkeit)
65 5.2.2 Neutralität
66 5.3 Gesprächssteuerung
67 5.3.1 Fokussieren
68 5.3.2 Zuhören
69 5.3.3 Positionieren
70 5.4 Auftragskonstruktion
71 5.4.1 Leitideen
72 5.4.2 Telefonischer Erstkontakt
73 5.4.3 Perspektiven: Anlass, Anliegen, Auftrag, Übereinstimmung
74 5.5 Prozesssteuerung: Bühnenmodell
75 5.5.1 Hintergrund: Transgenerationalität
76 5.5.2 Gegenwart: Zirkularität
77 5.5.3 Lösung: Wunder und Ausnahmen
78 5.6 Experimente: Arbeiten mit Symptomen und Ambivalenzen
79 5.6.1 Positive Konnotierung
80 5.6.2 Lösung-Problem-Zirkel
81 5.6.3 Symptomverschreibung (Paradoxe Intervention)
82 5.6.4 Externalisierung
83 5.6.5 Systemaufstellung
84 5.7 Abschlüsse
85 5.7.1 Erfolgreicher Abschluss und Nicht-Beginn von Therapien
86 5.7.2 Abbruch in Therapien
87 5.7.3 Beendigung im Konsens
88 5.7.4 Konsolidierung
89 6 Klinisches Fallbeispiel
90 6.1 Konstruktion von Aufträgen, Therapiesystem und Hypothesen (Phase 1)
91 6.2 Systemtherapeutisches Intervenieren (Phase 2)
92 6.3 Abschied in ein Leben ohne Therapie (Phase 3)
93 6.4 Konsolidierung und Nachsorge (Phase 4)
94 7 Hauptanwendungsgebiete
95 7.1 Indikationen
96 7.2 Kontraindikationen
97 8 Settings
98 8.1 Einzel-, Paar- und Familientherapie
99 8.1.1 Einzeltherapie
100 8.1.2 Paar- und Familientherapie
101 8.1.3 Welches Setting wann mit wem?
102 8.2 Gruppentherapie
103 8.3 Aufsuchende Therapie
104 8.4 Multifamilientherapie
105 8.5 Co-Therapie
106 9 Therapeutische Beziehung
107 9.1 Therapeutisches Bündnis (Allianz)
108 9.2 Kommunikative Beziehungs(!)angebote
109 9.2.1 Beschwichtigungen, Anklagen, Rationalisierungen, Ablenkungen
110 9.2.2 Besuchende, Klagende, Kundige
111 10 Evidenz
112 10.1 Systemische Forschung
113 10.2 Evidenzbasierte Medizin
114 10.2.1 Mehrere RCT-Studien (Stufe Ia)
115 10.2.2 Eine RCT und eine naturalistische Studie (Stufe Ib, II, III)
116 10.2.3 Qualitative Studien und Expertenmeinungen (Stufen IV, V)
117 11 Ausblick auf Weiterentwicklungen
118 11.1 Integrative Systemische Therapie
119 11.2 Systemorientierte Psychotherapie
120 11.3 Systemtherapeutische Gemeinschaftsleistungen
121 11.3.1 Psychiatrische Akutversorgung (SYMPA)
122 11.3.2 Bedürfnisangepasste Behandlung (Offener Dialog)
123 12 Institutionelle Verankerung
124 12.1 Deutschland
125 12.1.1 Private Institute und Dachverbände
126 12.1.2 Universitäten
127 12.1.3 Wissenschaftliche und sozialrechtliche Anerkennung
128 12.2 Europa
129 12.3 Amerika
130 12.4 Systemtherapeutische Zeitschriften
131 13 Infos zu Aus-, Fort- und Weiterbildung
132 13.1 Approbation Systemische Therapie
133 13.1.1 Rahmenbedingungen bis 2020
134 13.1.2 Rahmenbedingungen ab 2020
135 13.2 Zusatzbezeichnung Systemische Therapie
136 13.3 Weiterbildung Systemische Therapie
137 13.4 Weiterbildung Lehrende Systemische Therapie
138 Literatur
139 Stichwortverzeichnis
Vorwort
»Symptome drücken aus, wie es in Beziehungen geht: zu anderen, zur Welt, zu mir!« Dies ist sicherlich nur eine der Quintessenzen der Systemischen Therapie, die mich in meiner ersten Begegnung mit ihr faszinierten. Von früh an erlebte ich mich am kraftvollsten, wenn ich mich mit anderen vernetzt und mit mir selbst gut im Kontakt fühlte, inkl. meiner natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt. Den Menschen als genuin soziales Wesen, und damit Gesundheit als Gemeinschaftsleistung zu verstehen, fiel mir stets leichter, als Menschen losgelöst von ihrem sozialen Kontext, und damit Krankheit als individuelle Herausforderung, zu denken. »Symptome verkörpern Sinnkonstruktionen und ›eigen-artige‹ Qualitäten eines sozialen Feldes!« Dies wurde sehr schnell eine weitere Quintessenz, die mich in meinem professionellen Verständnis grundständig beseelte. Es ist bis heute die unbedingte Wertschätzung gegenüber den engagierten Lösungsversuchen von als existenziell erlebten Herausforderungen an bedeutsamen Schwellenphasen im Leben betroffener sozialer Systeme, die mir die Systemische Therapie zu einer Herzensangelegenheit werden ließen. Ihre Grundhaltung ist geprägt von einem fundamentalen Vertrauen in eine demokratische (Psychotherapie-)Kultur, in der Gesundheit als Gemeinschaftsleistung und Störung als die kontextbezogen für den Moment beste Möglichkeit verstanden wird, individuellen sowie kollektiven (Seelen-)Bewegungen eines betroffenen sozialen Systems und seiner konstituierenden Mitglieder Ausdruck zu verleihen. Stets auf Augenhöhe und in mitmenschlicher Verbundenheit ermöglicht sie v. a. durch zirkuläre und mit den Symptomen sich ausprobierenden Interventionen eine (Neu-)Kontextualisierung der sozialen Rollen und Interaktionen der bedeutsamen Systemmitglieder in mehrpersonalen bis Einzelsettings.
Die Anfrage der Herausgebenden dieser Reihe Psychotherapie kompakt zu einem fachlich fundierten, praxisnahen sowie evidenzbasierten und damit grundlegenden Überblick zur Systemischen Therapie hat mich daher besonders gefreut. So gibt dieses Buch Einblicke in die Geschichte, Erkenntnistheorie, Kernelemente der Diagnostik, Therapie sowie therapeutischen Beziehung, Anwendungsgebiete und Settings der Systemischen Therapie, veranschaulicht durch ein Fallbeispiel und abgerundet durch Informationen zur Aus- und Weiterbildung sowie ihrer institutionellen Verankerung. Das Buch ist mit großer Begeisterung entstanden und ich hoffe, es begeistert auch die einen oder anderen, die es lesen werden!
Meine Begeisterung für die Systemische Therapie dauert nun seit mehr als zehn Jahren an. Seither fühle ich mich ihr und ihren Akteuren von Grund auf verbunden, sowohl in meinen Forschungen, der Lehre als auch meiner therapeutischen Praxis. Dabei bin ich vielen Menschen begegnet, die die Gestaltung dieses Buchs in hohem Maße mit beeinflusst haben! Insbesondere möchte an dieser Stelle Jochen Schweitzer-Rothers nennen, der mich mit der Systemischen Therapie am Universitätsklinikum Heidelberg nicht nur bekannt, sondern vielfach in gemeinsamer Reflexion vertraut machte und der mich alle Jahre sowohl mit fachlichem Input als auch einem wohlwollenden Maß an Freiheit zur Forschung begleitete. Seiner Förderung und Wertschätzung ist es zu verdanken, dass ich zur Wirksamkeit Systemischer Therapie und ihrer Interventionen, und damit zu meiner Herzensangelegenheit, habilitieren konnte. Ein großer Teil dieses Buches wurde in stiller Kommunikation mit ihm geschrieben! Die Forschung brachte mich in Kontakt mit Diana Drexler als Inhaberin des Wieslocher Instituts für Systemische Lösungen, die mich eines Tages zu meiner großen Freude fragte, ob ich mir eine Weiterbildung zur Lehrenden in Systemischer Therapie an ihrem Institut vorstellen könnte. Ihrer Offenheit und ihrem unermüdlichen Zuspruch ist es zu verdanken, dass ich sowohl mein erkenntnistheoretisches Wissen als auch meine didaktischen Konzepte zur Vermittlung systemtherapeutischer Inhalte und Methoden grundlegend erweitern konnte. Bis heute bietet sie mir eine reichhaltige Plattform zu Lehrangeboten in Systemischer Therapie, gestaltet für sowohl Berufserfahrene als auch Studierende und Berufseinsteigende. Über sie lernte ich Andreas Kannicht kennen, der schließlich mein weiterbildender Lehrtherapeut sowie Supervisor wurde und dem sicherlich der größte Anteil in der Konzeption dieses Buches zukommt. In der Begegnung mit ihm konnte ich das, was ich bereist in meiner grundständigen Weiterbildung als Systemische Therapeutin durch v. a. Rüdiger Retzlaff, Liz Nicolai und Mechthild Reinhardt erfahren hatte, erkenntnistheoretisch sowie lehrdidaktisch und -praktisch fundamental erweitern. Was zuvor ein fasziniertes Hören und erste Schritte in der Umsetzung systemtherapeutischer Praxis betraf, wurde in den Jahren mit ihm zu einer nochmal verstärkt identitätsstiftenden Erfahrung. Offensichtlich wird dies in der konzeptionellen sowie sprachgebundenen Darstellung v. a. der Grundprinzipien und Kernelemente der Systemischen Therapie. Sie sind dem von Andreas Kannicht, Rudolf Klein und Kordula Richelshagen am Wieslocher Institut für Systemische Lösungen entwickelten Curriculum zur Vermittlung der Theorien und Methoden entlang der Rahmenrichtlinien zur Weiterbildung Systemische Therapie, wie von den beiden deutschen Dachverbänden der Systemischen Gesellschaft (SG) und Deutschen Gesellschaft für Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) formuliert, in vielen Teilen entnommen. Daher seien an dieser Stelle zwei Publikationen genannt, die ebenfalls kompakt und fundiert Einblicke in die Systemische Therapie geben. Sie erweitern die genannten Aspekte v. a. in den Kapiteln 3 und 5 um spezifische Inhalte, folgen jedoch einem alternativen Aufbau:
• Kannicht A & Schmid B (2015) Einführung in systemische Konzept der Selbststeuerung. Heidelberg: Carl-Auer.
• Klein R & Kannicht A (2011) Einführung in die Praxis der systemischen Therapie und Beratung. Heidelberg: Carl-Auer.
Eine kompakte Reihe hat den Vorteil, Bedeutsames überblicksartig darzustellen. Sie impliziert gleichfalls die Notwendigkeit, weiteres Bedeutsames außen vor zu lassen. Daher sei an dieser Stelle auf drei große Lehrbücher sowie das Lexikon Systemischer Therapie, ein Praxislehrbuch und die Reihe Störungsspezifische Systemtherapie für die weiter interessierten Leserinnen und Lesern verwiesen:
Lehrbücher
• Schweitzer J & v. Schlippe A (2016) Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung II: Das störungsspezifische Wissen (3. Ed.). Göttingen: V & R.
• v. Schlippe A & Schweitzer J (2016) Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I: Das Grundlagenwissen (3. Ed.). Göttingen: V & R.
• Wirth J & Kleve H (Hrsg.) (2012) Lexikon des systemischen Arbeitens: Grundbegriffe der systemischen Praxis, Methodik und Theorie. Heidelberg: Carl-Auer.
Lexikon
• Levold T & Wirsching M (Hrsg.) (2016) Systemische Therapie und Beratung – das große Lehrbuch. Heidelberg: Carl-Auer.
Praxislehrbuch
• v. Sydow K & Borst U (Hrsg.) (2018) Systemische Therapie in der Praxis. Weinheim: Beltz.
Reihe Störungsspezifische Systemtherapie
• Lieb H (2013) Störungsspezifische Systemtherapie. Konzepte und Lösungen. Heidelberg: Carl-Auer.
Abschließend sei betont, dass mit diesem Buch die große Hoffnung verbunden ist, die Systemische Therapie fruchtbar und konsistent in ihren Grundzügen darzustellen. Fruchtbar insofern als es mich freuen würde, wenn für den einen oder anderen Leser etwas Überraschendes und Neues erfahren wird. Konsistent insofern, als es sich um ein kompaktes Buch handelt, welches mit einem Minimum an Grundbegriffen agiert. Das Buch richtet sich an Ärztliche und Psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowie Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in Ausbildung und Praxis, Studierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, und Dozentinnen und Dozenten, sowie jeden darüber hinaus interessierten Leser1. Damit es ein im systemtheoretischen Sinne »Super-Buch« wird, braucht es die Möglichkeit, reflexiv über sich nachzudenken, die Leserschaft im Kontakt mit der Autorin einzubeziehen und Kritiken so zu behandeln, wie wir es uns im Diskurs voneinander und mit unseren Mitmenschen wünschen. Insofern freue ich mich über jede kritische Rückmeldung und Anregung zum weiteren Denken und Verändern!
Christina Hunger-Schoppe, im Dezember 2020
E-Mail: Christina.Hunger@mail.de
1 Zugunsten einer lesefreundlichen Darstellung wird an manchen Stellen des Buchs die neutrale bzw. männliche Form verwendet. Diese gilt für alle Geschlechtsformen (weiblich, männlich, divers).
Familie ist das Ein- und Ausatmen einer zu lebenden Geschichte
Für meinen Ehemann Gunther und meine Tochter Asmin Lisa Melek
Begriffswahl
Betroffenes soziales System, Therapeutensystem, Therapiesystem, Reflektierendes Team
Die Begriffswahl in der Systemischen Therapie ist manchmal etwas komplex. Daher sei bereits an dieser Stelle auf vier zentrale Begriffe eingegangen. Betroffene soziale Systeme bezeichnen Klientensysteme, in der Sprache der Krankenkassen sogenannte Patientinnen und Patienten. Dabei kann ein betroffenes soziales System ein mehrere Mitglieder umfassendes soziales System mit seinen interpersonalen Beziehungen bezeichnen, ebenso wie eine einzelne Person mit ihrer intrapersonalen sozio-psycho-biologischen Systemkonfiguration (
Kap. 11.2). Soziale Systeme werden als intimes (Bezugspersonen-)System durch Einschluss aller für die Entwicklung, Aufrechterhaltung und Veränderung einer beschriebenen Symptomatik bedeutsamen Elemente (Mitglieder) definiert (
Kap. 3.1). Das Therapeutensystem bezeichnet gleichfalls eine einzelne Person ebenso wie ein Team aus mehreren Therapeutinnen und/oder Therapeuten (Co-Therapie). Das Therapiesystem verkörpert den interaktionalen Raum, der sich in der Kommunikation von betroffenem sozialem System und Therapeutensystem aufspannt. Unter Berücksichtigung des Reflektierenden Teams komplettiert sich der Aufbau eines systemtherapeutischen Settings (
Abb. 5.1).
1 Ursprung und Entwicklung des Verfahrens
»Die Feststellung, dass Patienten Familien haben, ist wie die Feststellung, dass ein krankes Organ Teil eines Menschen ist. Beides scheint zu offensichtlich zu sein, als dass es diskutiert würde, doch wurde lange keine dieser Feststellungen durch medizinische Berufe anerkannt.« (Richardson 1945)
Mit diesem Zitat machte Henry B. Richardson als Direktor der Joshia Macy Jr. Foundation in New York, der ersten US-amerikanischen Stiftung zur Aus- und Weiterbildung im Gesundheitswesen, die Bedeutung des familiären Systems in der gesundheitlichen Versorgung deutlich (Richardson 1945). In einer ersten Kooperationsstudie arbeiteten multiprofessionelle Teams mit dem Ziel zusammen, die gesundheitsbezogene Versorgung von Patientinnen und Patienten und ihren Familien als betroffene soziale Systeme zu verbessern. Gesundheit und Krankheit wurde erstmalig explizit als Teil komplexer Wechselwirkungen zwischen einzelnen Menschen und familiären sowie gesellschaftlichen (Sub-)Systemen verstanden. In diese Zeit fallen auch die frühen Modelle der Familientherapie. Sie orientieren sich stark an psychoanalytischen, humanistischen und kognitiv-verhaltensbezogenen Strömungen. Das heutige Verständnis der Systemischen Therapie entwickelte sich etwas später in den 1960/70er Jahren. Die Systemische Therapie grenzte sich dabei zunehmend von der z. T. Teil stark pathologisierenden Haltung der frühen Familientherapeutinnen und -therapeuten ab, öffnete sich verstärkt der Frage der Sinngebung und damit der Funktion spezifischer Interaktionsmuster in betroffenen sozialen Systemen i. S. systemtheoretischer sowie konstruktivistischer Ansätze und kybernetischer Modelle.
1.1 Frühe Modelle: Familientherapie und Mehrgenerationenperspektive (ca. 1950–1980)
Leitidee: Das Individuum wird ergänzt um seine Familie.
In der ersten Hälfte der 1950er Jahre dominierte in den US-amerikanischen und europäischen Ländern die Psychoanalyse. Jedoch gab es auch immer wieder Personen, denen nicht ausreichend geholfen werden konnte. Erste alternative Veränderungen zeigten sich im Einbezug des Herkunftssystems, um über den bis dato stark individuumszentrierten Ansatz hinaus bedeutsame Unterschied in der Erklärung und Behandlung dysfunktionaler Dynamiken zu setzen.
1.1.1 Unsichtbare Bindungen und Kontenausgleich
Der ungarische Arzt und Psychotherapeut Iván Böszörményi-Nagy (1920–2007) beschäftigte sich zusammen mit Geraldine Spark und Barbara R. Krasner (Böszörményi-Nagy und Krasner 1986; Böszörményi-Nagy und Spark 2015) v. a. mit dem (transgenerationalen) Konzept der unsichtbaren Bindungen i. S. familiärer Loyalitäten und dem Konzept des Kontenausgleich i. S. eines ausgewogenen Gebens und Nehmens. Unsichtbare Bindungen werden als Beziehungsexistenzialitäten verstanden, in denen es darum geht, wer was für wen bereit ist zu tun. Daraus resultieren sogenannten Beziehungskonten, auf denen (imaginär) verbucht wird, wer wem was gegeben hat und wer wem was schuldet. Ein ausgewogenes Geben und Nehmen, d. h. eine gleichwertige und altersangemessene Verteilung von Verantwortlichkeiten, und damit wiederum Loyalitäten, lässt ein soziales System in Balance bleiben und spricht für dessen salutogenetische Beziehungsgestaltung. Symptome entstehen in der eher unbewussten Weitergabe nicht gelöster familiärer Entwicklungsaufgaben. Wenn das Geben dauerhaft überfordert, Kinder dauerhaft Parentifizierungen unterliegen oder Anerkennung für Geleistetes ausbleibt häufen sich Ungerechtigkeiten, auch über Generationen hinweg, und streben nach Ausgleich und Entschädigung (Emlein 2017).
1.1.2 Delegation und Bezogene Individuation
In enger Auseinandersetzung mit Böszörményi-Nagy und vielen anderen systemtherapeutischen Theoretikerinnen und Theoretikern sowie Praktizierenden entwickelte der deutsche Psychiater und Psychoanalytiker Helm Stierlin (*1926) das Konzept der Delegation und Bezogenen Individuation (Stierlin 1976, 2007). Delegationen dienen einerseits der Orientierung und Sinngebung, indem sie Familienmitglieder (transgenerational) über Loyalitätsbande miteinander verbinden (z. B. Lineage, Kinship). Sie können entgleisen, wenn Eltern ihre Lebensziele nicht verwirklichen konnten und ihre Kinder (unbewusst) beauftragen, ihre Lebensziele stellvertretend für sie zu verwirklichen. Dabei zeigen sich gebunden Delegierte in einer Dynamik, die dem Leitsatz »Kind, bleib bei uns und versorge uns!« folgt. Ausgestoßen Delegierte sind eingebunden in eine Dynamik, die mit dem Leitsatz »Kind, geh hinaus und bewirke, was wir nicht bewirken konnten!« beschrieben wird. Delegationen wirken umso pathologischer, je größer die Diskrepanz ist zwischen den für die Erfüllung der Lebensziele notwendigen und den von der zu erfüllenden Person mitgebrachten Bedürfnissen und Fähigkeiten. Die Verhandlungen von Delegationen und bezogener Individuation stehen dabei in enger Verbindung. Eine erfolgreiche bezogene Individuation ermächtigt, das Eigene zu wagen und gleichfalls der Familie verbunden zu bleiben. Bezogenheit sowie Individuation stehen in ausgeglichener Wechselwirkung und beziehen sich auch auf die Familie als Ganzes. Ihre Verhandlung und Ausbalancierung wird an jeder familiären Schwellenphase erneut bedeutsam. Zu unterscheiden sind dabei eine zu starke Individuation mit, und damit einhergehend eine zu starke Bezogenheit, von einer zu starken Individuation gegen und damit einhergehend eine zu starke Abgrenzung von wichtigen Systemmitgliedern oder einem sozialen System als Ganzem.
1.1.3 Mehrgenerationalität
Um über mehrgenerationale Beziehungen nicht nur sprechen, sondern sie auch visualisieren zu können, entwickelten die irisch-US-amerikanische Psychotherapeutin Monica McGoldrick (*1943) und der US-amerikanische Psychotherapeut Randy Gerson (1950–1994) die Genogrammarbeit (McGoldrick et al. 2016) (
Kap. 5.5.1). Sie ermöglicht die Darstellung von Beziehungsmustern über mehrere Generationen in der Annahme, dass die Bindung an die eigene Familie Menschen ein Leben lang mitbestimmt. Je mehr eine Person über ihre Geschichte weiß, desto mehr Freiheiten gewinnt sie für die Wagnisse ihres Lebens. Die Genogrammarbeit schließt die guten wie auch die weniger guten Gestalten einer Familie ein. Jede Einzelheit einer Familienbiografie gilt als Teil eines vielschichtigen Musters, welches die Identität der Familie als Ganzes und jedes einzelnen Familienmitglieds mitbestimmt. Dabei wird die Vergangenheit zum Prolog. Das Aussperren und die Nicht-Beschäftigung mit der familiären Geschichte bindet Energie im negativen Sinne, kann zu vielfachem Verlusterleben führen und steigert die Wahrscheinlichkeit dysfunktionaler Wiederholungen in der zu gründenden Gegenwartsfamilie. Die Genogrammarbeit dient der Darstellung familiärer Kommunikations- sowie Interaktionsmuster und der Hypothesenbildung darüber, welche Einflüsse an dem Lebensentwurf rund um die aktuelle Problematik beteiligt waren und (noch) sind. Sie dient ebenso der Analyse der Konstellationen, die ein Fortwirken dieser Einflüsse in aktuellen und zukünftigen Lebensentwürfen bedingen.
1.1.4 Selbstwerterleben und Freiheit
Das Streben nach Freiheit ist ebenfalls eines der Kernkonzepte der US-amerikanischen Sozialarbeiterin und Psychoanalytikerin Virginia Satir (1916–1988) (Satir 2018). Sie versteht Störung bzw. Ver-rücktheit als Hilferuf eines gekränkten Menschen. In Vertretung eines grundlegend humanistischen Menschenbildes, in dem der Mensch von Grund auf gut erscheint, nach Wachstum und einem gesunden Selbstwert strebt, war ihr die Ermächtigung von Menschen zur Entfaltung ihres Grundpotenzials und gesteigerter Freiheit ein besonderes Anliegen. Die von ihr beschriebenen fünf Freiheiten bilden dabei die Grundlage einer kongruenten Kommunikation und stehen im Zentrum ihres Kommunikationsmodells rund um die vier Beziehungsangebote inkongruenter Kommunikation zum Schutz des Selbstwerts, wenn dieser als bedroht erlebt wird (
Kap. 9.2.1).
Die fünf Freiheiten menschlicher Kommunikation
1. Die Freiheit zu sehen und zu hören, was im Moment wirklich da ist, anstatt das, was sein sollte, gewesen ist oder erst sein wird.
2. Die Freiheit, das auszusprechen, was gefühlt und gedacht wird, und nicht das, was scheinbar erwartet wird.
3. Die Freiheit, zu den eigenen Gefühlen zu stehen, und nicht etwas anderes vorzutäuschen.
4. Die Freiheit, um das zu bitten, was gebraucht wird, anstatt immer auf die Erlaubnis durch andere zu warten.
5. Die Freiheit, in eigener Verantwortung Risiken einzugehen, anstatt immer auf Nummer sicher zu gehen und nichts Neues zu wagen.
1.2 Kybernetik 1. Ordnung: Kommunikation (ca. 1960–1980)
Leitidee: Die Systemische Therapie wird systemischer und direktiver.
Mit der erstmaligen Verwendung des Adjektivs systemisch in der deutschsprachigen Zeitschrift der Familiendynamik (Selvini Palazzoli et al. 1977) offenbarte sich der bereits begonnene Paradigmenwechsel. Dass die Arbeit mit der ganzen Familie eine bedeutsame Neuerung darstellte, erschien geklärt. Nun ging es verstärkt um die Verdeutlichung der Teilhabe der Systemmitglieder an der Entstehung, Aufrechterhaltung und Veränderung der beschriebenen Symptomatik. Dazu wurden reziproke Kommunikations- und Interaktionsmuster innerhalb und zwischen Subsystemen (z. B. Eltern, Geschwister) beobachtet und mit direktiven Interventionen zu verbessern versucht. Die Kybernetik 1. Ordnung (Synonym: Beobachtung 1. Ordnung) als Wissenschaft von der Steuerung und Regelung von Maschinen und ihre Analogiebildung auf Verhaltensweisen lebender Organismen in sozialen Systemen galt als handlungsleitend. Ziel war es, Stabilität i. S. des Gleichgewichts innerhalb eines sozialen Systems wiederherzustellen.
1.2.1 Reziprozität
Der österreichische sowie US-amerikanische Kommunikationstheoretiker, Psychotherapeut und Philosoph Paul Watzlawick (1921–2007) veröffentlichte zusammen mit seinen Kollegen des Mental Research Instituts (MRI; Palo Alto, Kalifornien) die Idee, dass es zwar gestörte Beziehungen, jedoch keine gestörten Individuen gibt (Watzlawick et al. 2011). Ähnlich physikalischen Regelkreisläufen kann menschliche Kommunikation als Rückkoppelungskreislauf im Dienste der Stabilisierung des Gleichgewichts eines sozialen Systems verstanden werden. Vorlage zur Analogiebildung ist z. B. das Heizthermostat, welches für einen Ausgleich bei Diskrepanz zwischen einem Ist-Zustand (z. B. 18° Raumtemperatur) und einem Sollzustand (z. B. 22° Raumtemperatur) sorgt (Kypbernetik 1. Ordnung). Vielfach bekannt wurde die Beschreibung des schmollenden Mannes und der nörgelnden Ehefrau, die sich gegenseitig in ihrer Symptomatik hochspielen, je mehr der eine oder die andere das tut, was sie oder er tut, nämlich nörgeln und schmollen. So wird die scheinbare Reaktion (Wirkung) einer Interaktion zum Auslöser (Ursache) einer weiteren Interaktion innerhalb des sozialen Systems (Zirkularität) (
Abb. 1.1). Die Interpunktion und damit der Beginn der Beschreibung einer an sich reziproken, d. h. rückgekoppelten Interaktion muss dabei (un-)willkürlich gewählt werden und in jedem Fall ist die Setzung des Beginns der Erzählung auch anders möglich. Diese Grundgedanken sind in den fünf Axiomen menschlicher Kommunikation zusammengefasst (
Tab. 1.1). Die Frage danach, wer welche Schuld an der vermeintlichen Misere hat, löst sich auf, denn in reziproken Beziehungen hat niemand allein Schuld und niemandem gehört eine Störung allein (Borst 2017). Soziale Interaktionen brauchen immer mindestens zwei miteinander interagierende Elemente. In betroffenen sozialen Systemen konstruieren alle Systemmitglieder zusammen ein Störungsgeschehen und sind insofern gemeinschaftlich verantwortlich für seine Entstehung sowie Aufrechterhaltung und damit auch handlungsmächtig zur Veränderung.

Abb. 1.1: Menschliche Kommunikation als Regelkreislauf (nach Watzlawick et al. 2011)
Tab. 1.1: Fünf Axiome menschlicher Kommunikation (nach Watzlawick et al. 2011)

AxiomBeschreibung
1.2.2 Strukturen und Grenzen
Der argentinische Kinderarzt und Psychiater Salvador Minuchin (1921–2007) beschreibt in seinem familiären Organisationsmodell Störungen als Ausdruck verschobener Strukturen und Grenzen innerhalb eines betroffenen sozialen Systems (z. B. Familie) sowie des es umgebenden sozialen Kontextes (z. B. Gesellschaft) (Minuchin 1972). In seiner Arbeit mit Waisenkindern und benachteiligten Familien in den New Yorker Slums der 1950er Jahre bemerkten er sowie seine Kolleginnen und Kollegen, dass Familien für gelingende Entwicklungsphasen eine passende Struktur (Organisation der Interaktionen), d. h. angemessene und durchlässige aber nicht zu flexible Grenzen brauchen (Minuchin et al. 1967). Diese Grenzen gilt es nach Innen (inter- und intragenerational) und Außen (kontextbezogen) zu bewahren und für sie einzustehen statt problemerzeugenden Verstrickungen Raum zu geben (
Kap. 10.2.2). Klare Strukturen und klare Grenzen zwischen Generationen ermöglicht Familien, elternbezogene fürsorgliche Autorität sowie Verantwortungsübernahme und kindbezogene wachstumsfördernde Rechte sowie altersangemessene Pflichten zu leben (Strukturelle Familientherapie) . Dabei wird stark handlungsorientiert interveniert, i. S. von »Reden allein reicht nicht aus!«. Die systemische Problemaktualisierung (Enactment) nimmt einen zentralen Platz in der Analyse und Veränderung zirkulär sich bedingender familiärer Kommunikations- und Interaktionsmuster ein. Ziel ist die Stärkung der Familie, indem die einzelnen Mitglieder gemeinsam ermächtigt werden, Bedeutsames miteinander zu klären und Lösungen, auch im Kompromiss, zu entwickeln. Wichtig in diesem Ansatz ist die Berücksichtigung des Therapeutensystems als eines zugehörigen und mit dem betroffenen sozialen System und seinen Umwelten interagierenden ebenfalls sozialen Systems. Chronifizierungen von Symptomen werden als Ausdruck einer nicht gelungenen Abstimmung zwischen dem Therapeutensystem und dem betroffenen sozialen System verstanden. Dadurch rückt das Therapeutensystem, das sich so oder so einbringt und damit den Kontext zur (Nicht-)Veränderung mitbedingt, als wichtiges Interventionsinstrument in den Vordergrund.
1.2.3 Hierarchien und Macht
Auch die US-amerikanischen Psychotherapeuten Jay Haley (1923–2007) und Cloé Mandanes (*1940) fokussierten stark auf die therapeutische Beziehung und das Therapeutensystem als wichtige Wirkfaktoren (Haley 1977, 2011; Madanes 2018). In Supervisionen berücksichtigten sie stets die therapeutische Beziehung in der Reflexion von Verstrickungen sowohl innerhalb eines betroffenen sozialen Systems als auch desselben mit seinen sozialen Umwelten. Störungen werden als Ausdruck von (oftmals geheimen) Koalitionen zwischen zwei Parteien mit unterschiedlichem Status verstanden, d. h. einem höherstehenden Systemmitglied (z. B. Mutter, Therapeutensystem) und einem Mitglied niedrigerer Hierarchiestufe (z. B. Sohn, Praktikantin) gegen eine gleichrangige, jedoch ausgeschlossene dritte Partei (z. B. Vater, Reflektierendes Team) (Perverse Dreiecke). Symptome bilden den Kristallisationspunkt eines sozial eingebundenen und bedeutungsvollen Geschehens (z. B. Ersatz des Vaters, Ersatz der Meta-Perspektive). Die systemische Problemaktualisierung (Enactment) erlebt hier ihren Höhepunkt. Ebenso greift das Therapeutensystem stark steuernd in das Therapiegeschehen ein. Es nutzt sein Wissen und seine Reflexion über reziproke Interaktionen in dem betroffenen sozialen System, von dem es sich selbst als Teil begreift, um überlegt zu agieren und festzulegen, was wann wie in der Therapie geschehen soll. So können Schlüsselmomente durch Unterbrechungen, Innehalten und deutliches Konnotieren herausgegriffen und zur Analyse gestellt und interventive Eingaben, wie z. B. zwischen den Therapiesitzungen zu erledigende Aufgaben, gemacht werden (Strategische Familientherapie; Ordeal Therapy), die das System verstören und damit für Veränderungen öffnen sollen.
1.2.4 (Gegen-)Paradoxon
Strategisches Denken ist ebenfalls eine Kernkompetenz des Mailänder Teams um die Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker Mara Selvini Palazzoli (1916–1999), Luigi Boscolo (1932–2015), Gianfranco Cecchin (1932–2004) und Giuliana Prata (Selvini Palazzoli et al. 1975). Sie schließen an die bereits beschriebenen Kommunikations- und Interaktionstheorien ihrer Zeit sowie dem Verständnis eines Therapeutensystems als mit dem betroffenen System interagierend an. Auch für die Mailänder Gruppe besteht das entscheidende soziale System weniger aus einer Ansammlung an Individuen als vielmehr aus einer Einheit von Bedeutungsgebungen, d. h. Kommunikations- und Interaktionsmustern nach bestimmten Regeln. Sehr deutlich wird die Idee der Störung als einem dritten Element, welches die Beziehungsqualität der Systemmitglieder anzeigt. Es entwickelt sich über mindestens drei Generationen durch einen Kampf (Spiel) um die Definition der Beziehung: z. B. wird die Bestätigung des Partners oder der Partnerin als Schwäche erlebt, da die bestätigende Person ihren eigene Standpunkt dazu aufgegeben muss und somit das Selbstwerterleben existenziell bedroht erscheint; gleichfalls droht die eigene Definition der Beziehung durch den Partner oder der Partnerin abgelehnt zu werden; so wertet sich die Person eher selbst bzw. ihre Definition der Beziehung ab, versucht dem Partner oder der Partnerin dabei zuvorzukommen und damit der drohenden Niederlage sowie existenziellen Bedrohung zu entgehen. Die Einführung eines bedeutsamen therapeutischen Unterschieds wird daher nicht in der negativen, sondern konsequent positiven Konnotation der beschriebenen Symptomatik (
Kap. 5.6.1) und ihrer Verschreibung (
Kap. 5.6.3) gesehen. Um Verstrickungen beim Joining und im therapeutischen Prozess möglichst früh zu erkennen, arbeiteten die Mailänder im Team zu viert: zwei Therapeuten in Interaktion mit der betroffenen Familie und zwei Therapeuten als Reflektierendes Team (
Kap. 5.1) in einem durch eine Doppelglasscheibe mit dem Therapieraum verbundenen Nebenraum. Unterbrechungen des Therapiegeschehens dienten der Einholung von Beobachtungen und Reflexionen durch die beiden Therapeuten bzw. Therapeutinnen im Nebenraum sowie der Vorbereitung von Abschlusskommentaren zur Symptomverschreibung (
Kap. 5.6.3).
1.3 Kybernetik 2. Ordnung: Reflexion von Wirklichkeitskonstruktionen (ca. 1980–1990)
Leitidee: Die Systemische Therapie beginnt, ihre Beobachtungen zu beobachten.
Um der Wehrpflicht in den Jahren des Ersten und Zweiten Weltkriegs zu entgehen, reisten viele Anthropologinnen und Anthropologen zu Forschungszwecken in entlegene Länder wie z. B. Indonesien. Zunehmend machte sich die Sorge breit, inwiefern ihre Interpretationen als Beobachtungen 2. Ordnung mit der z. B. im Ritual verkörperten Bedeutungszuschreibung als Beobachtungen 1. Ordnung übereinstimmten (Bateson 1941; Sullivan 1999). Diese Überlegungen legten einen der Grundsteine für die progressive und intellektuelle Bewegung der Kybernetik 2. Ordnung (Synonym: Beobachtung 2. Ordnung). Sie ist eng verbunden mit dem österreichischen Physiker, Kybernetiker und Philosophen Heinz von Förster (1911–2002), den Fragen der Selbst-Referenz und Selbst-Rückbezüglichkeit Zeit seines Lebens umtrieben. Wenn wir die Kommunikations- und Interaktionsmuster sozialer Systeme untersuchen, dann kommunizieren und interagieren wir stets bereits mit ihnen. Die Idee einer objektiven Realität wird ersetzt durch den Eigenwert rekursiv-denkender Systeme (v. Förster 1948). Es geht zunehmend um das, wie etwas in einem sozialen System passiert (Kybernetik 2. Ordnung), und weniger um das, was in einem sozialen System passiert (Kybernetik 1. Ordnung), vielmehr also darum, wie sich menschliche Kommunikation reziprok regelt und weniger darum, dass sie es tut, und dass wir sowohl für das eine als auch das andere Verantwortung übernehmen müssen (v. Förster und Ollrogge 2008).
1.3.1 Metakommunikation und Expertise des Nicht-Wissens
Der angloamerikanische Biologe, Anthropologe und Strukturfunktionalist, Sozialwissenschaftler, Kybernetiker und Philosoph Gregory Bateson (1904–1980) beschäftigte sich schon früh mit Beschreibungen von der Welt, die er gleichzeitig als Interpretation unserer Wahrnehmung (Beobachtungen 1. Ordnung; Kommunikation) verstand (Bateson 1941, 1983). In ihrer Übertragung auf das Therapiegeschehen stellen Beschreibungen von Therapeutensystemen über die Welt von betroffenen sozialen Systemen daher Interpretationen von Interpretationen (Beobachtungen 2. Ordnung; Metakommunikation) dar. Notwendigerweise stellt sich die Frage, was wir über unser Gegenüber wirklich wissen können (objektive Realität). Wissen erscheint auf der Basis stets individuell interpretierter Wahrnehmungsphänomene stets auch sozial konstruiert (subjektive Realität). Systemischen Therapeutinnen und Therapeuten ist bewusst, dass im Gespräch mit betroffenen sozialen Systemen in ihnen selbst auch eine Wirklichkeit entsteht, die (meist) nicht deckungsgleich ist mit der Wirklichkeit ihres Gegenübers. Es ist ihnen bewusst, dass sie mitverantwortlich sind in der Erschaffung einer mit dem betroffenen sozialen System geteilten Realität. Daher wird der therapeutische Prozess i. S. des Radikalen Konstruktivismus (
Kap. 3.6.1) und der Kybernetik 2. Ordnung als eine Begegnung zweier Expertensysteme verstanden: das betroffene soziale System als Experte für sein Leben und wie es dieses gestalten möchte; das Therapeutensystem als Experte für den Prozess und die Auswahl geeigneter Frage- sowie Interventionstechniken. Wichtig ist, die therapeutische Expertise (professionelle Expertise des Nicht-Wissens) als eine anregende Wirklichkeitskonstruktion zu rahmen, um mit dem betroffenen sozialen System in einen offenen, professionell neugierigen und wertschätzenden Dialog zu kommen. Ziel ist die Einführung eines Unterschieds, der als bedeutsam wahrgenommen wird. Metakommunikation dient der Erfüllung dieses Ziels, indem sie die Aufmerksamkeit aller Beteiligten, inkl. des Therapeutensystems, auf eine höhere Ebene richtet. Dabei ist explizite Metakommunikation (z. B. lautsprachliche Reflexion des aktuellen Beziehungsgeschehens) von impliziter Metakommunikation (z. B. räumlich: Sexualität im elterlichen Schlafzimmer, Spielen mit den Kindern im Wohnzimmer) zu unterscheiden. Die Bedeutsamkeit eines eingeführten Unterschieds misst sich an seiner Relevanz (Nützlichkeit) für das betroffene soziale System.
1.3.2 Autopoiese
Lebewesen als Systeme produzieren und reproduzieren sich und ihre Bestandteile (Elemente) über Stoffwechselprozesse selbst. In der Logik der Selbstorganisation erscheinen sie immer geordneter, je mehr sie sich selbst überlassen werden. In dieser Feststellung vereinen sich zwei Traditionen des systemischen Denkens: die organismische Biologie mit ihrem Interesse an den biologischen Formen von Lebewesen und die Kybernetik mit ihrem Interesse an der Steuerung von Systemen. Historisch richtungsweisend sind in diesem Zusammenhang die Arbeiten der chilenischen Biologen und Neurowissenschaftler Umberto Maturana (*1928) und Francisco Varela (1946–2001). Sie schlugen die Analogie von den Prozessen des Lebens zu den Prozessen der Kognition, und wechselten den Fokus von der Frage nach dem Sein, d. h. der Existenz einer objektiven Realität unabhängig vom Beobachter, zur Frage nach dem Tun, d. h. den (bedeutsamen) Unterscheidungen, die Beobachter wahrnehmungsbezogen treffen (Maturana 1985). Auch psychische Systeme können als aus sich selbst heraus bestehend (Reifung), in Rückbezug jeder Operation auf sich selbst (Selbstreferenz) und somit als in sich geschlossene Systeme verstanden werden (Autopoiese). Autopoietische Systeme haben klare Grenzen (z. B. Familie), bestehen aus konstitutiven Elementen (z. B. Systemmitglieder, Gedanken, Gefühle, Neurotransmitter), deren Wechselwirkungen die Eigenschaften des Gesamtsystems bestimmen (z. B. unsicher-ängstliches System) und deren Komponenten reziprok aus Komponenten der Einheit selbst oder durch Transformation von externen Elementen durch interne Komponenten hergestellt werden (z. B. der Vater blickt skeptisch auf die Berufswahl seines Sohnes, der Sohn ebenfalls; beide wollen im Guten auch mit Blick auf den Anderen entscheiden, nur haben sie bisher wenig darüber gesprochen, was »gut« für den Anderen bedeutet). Kommunikation in sozialen Systemen dient der Verhaltenskoordination durch strukturelle Koppelung der beteiligten Elemente untereinander und mit den sie umgebenden Umwelten. Jede Kommunikation wird als wirksame Handlung verstanden, mit dem Ziel, den Fortbestand eines Systems in seiner Umgebung zu sichern, um so einen Raum zu schaffen, die systemimmanente Welt weiter hervorbringen zu können. Gleichfalls erscheint damit die Unterscheidbarkeit einer objektiven Realität von subjektiver Illusion unlösbar, und auch nicht länger zielführend. Es stellen sich Zweifel an einer gezielten und planmäßigen Veränderbarkeit von Systemen. Umso bedeutsamer werden kommunikative Austauschprozesse.
1.3.3 Potential und Lösung
Der US-amerikanische Sozialarbeiter, Musiker und Psychotherapeut Steve de Shazer (1940–2005) und die US-amerikanische Psychotherapeutin Insoo Kim Berg (1934–2007), ein Ehepaar, setzten mit ihrem lösungsorientierten Ansatz (Berg und Steiner 2003, de Shazer und Berg 1994) eine radikale Gegenbewegung zu der historisch lang fokussierten Problemorientierung, die zumeist auf der Hintergrundbühne (
Kap. 5.5.1) geführt wurde. Konsequent blickten sie in ihrer therapeutischen Arbeit mit den betroffenen sozialen Systemen in die Zukunft. Leitidee ist, dass die Erzählung einer persönlichen Geschichte auf unseren Geisteszustand wirkt: sprechen wir über Probleme, erzeugen wir Probleme; sprechen wir über Lösungen, erzeugen wir Lösungen. Das ist bereits in den Konzepten der neuronalen Plastizität verankert (Hebb 1949). So wird Erzählen positiver Geschichten eine zentrale systemtherapeutische Interventionsmöglichkeit und eröffnet wichtige therapeutische Erfahrungen (
Kap. 1.3.4). Um Lösungen zu finden, braucht es keine Ursachenerklärung. Verstehen hilft nur begrenzt: Wer in einem brennenden Haus steht fragt weniger, wie das Feuer entstanden ist, als vielmehr nach dem Fluchtweg. Menschen verfügen bereits über alle Ressourcen, die sie zur Problemlösung brauchen. Oftmals braucht es nur ein genaueres Hinschauen, um sie zu finden, eine Frage zu ihrer Versprachlichung oder eine Erlaubnis zu ihrer Nutzung (Potentialhypothese).
1.3.4 Herrschende und unterdrückte Geschichten
Die Wegbereiter des Narrativen Ansatzes, der australische Sozialarbeiter und Psychotherapeut Michael White (1948–2008) und der neuseeländische Psychotherapeut David Epston (1944), folgten der Grundannahme, dass jede Geschichte (Narration) einen Erfahrungsgehalt verkörpert und Erfahrungen durch Geschichten erinnert werden (Bruner 1992). Es ist nicht die Erfahrung an sich, die Menschen prägt, sondern die Erzählung, die sie um eine Erfahrung konstruieren, ein sozialer Prozess, der Aufmerksamkeit von wichtigen Systemmitgliedern binden will (z. B. sexuelle Belästigung). Wirklichkeit besteht aus miteinander geteilten Geschichten (soziale Realitäten), Erzählungen organisieren Beziehungen und damit die Wahrnehmung von scheinbaren Wirklichkeiten. Wie Familienmitglieder miteinander klarkommen ist in hohem Maße davon abhängig, ob die erzählten Geschichten gemeinsam geteilt oder gegenseitig bekämpft werden. Insofern bilden Geschichten systemspezifische interne Erfahrungsmodelle. Die therapeutische Arbeit mit Geschichten ermöglicht, verändernde Erfahrungen zu machen. Es geht darum, aus welchen Geschichten welche familiären Glaubenssätze (Familiencredo) entstehen, wie diese Geschichten das eigene und familiäre Leben beherrschen und wo sie stärken sowie schwächen. Professionelle Neugierde und eine unbedingte Haltung des Nicht-Wissens dienen dazu, auch in vertrauten Geschichten Momente zu finden, in denen nicht alles wie erwartet gelaufen ist. Sie können als mögliche Ausgangspunkte für eine alternative (Lösungs-)Erzählung dienen.
1.4 Nachfolgende Modelle: Bindung, größere Systeme und Ordnungen (ab ca. 1990)
Leitidee: Familien werden ergänzt um andere Familien, und die Systemische Therapie wird emotionaler.
Mit den 1990er Jahren erschienen die größten theoretischen Debatten geführt und die Systemische Therapie konsolidiert. Es beginnt eine Zeit einerseits der Rückbezüglichkeit auf Kernannahmen der Psychotherapie, z. B. die Bindungstheorie, und andererseits der Erweiterung systemischer Grundkonzepte, z. B. in der Arbeit mit größeren Systemen wie in der Multifamilientherapie (
Kap. 8.4) oder den Systemaufstellungen (
Kap. 5.6.5). Es zeichnete sich eine »emotionale Wende« (v. Schlippe und Schweitzer 2016, S. 64) ab, die sowohl das Therapiegeschehen als auch Transferleistungen in den lebenspraktischen Alltag eines betroffenen sozialen Systems betraf.
1.4.1 Bindung und Emotion
Bereits die frühen Modelle der systemischen Therapie beinhalteten psychoanalytisch geprägte Bindungskonzepte (
Kap. 1.1). Daran anknüpfend, die Bindungstheorie von John Bowlby (1969, 1973, 1980), Konzepte der Emotionsfokussierten Therapie nach Leslie Greenberg (Auszra et al. 2016) integrierend und das therapeutische Vorgehen strukturell-strategisch rahmend, entwickelten die US-amerikanischen Psychotherapeuten Guy Dimanond, Lynne Siqueland und Gary Dimanond die Attachment Based Family Therapy (ABFT) (Diamond et al. 2003) (
Kap. 2.2). Sie arbeitet mit der gesamten Familie, auch wenn v. a. über Jugendliche die Eintrittskarte (ticket to admission) (Goldberg und Bridges 1988) gezogen wird. Im Fokus steht die bewusste Adressierung bindungsrelevanter Themen und emotionaler Zustände, die von den verschiedenen Systemmitgliedern als noch nicht passend gelöst und mitverantwortlich für aktuelle familiäre Konflikte verstanden werden. Zentral erscheint die Erfragung der oftmals diversen intra- und interpersonalen Strategien zur Emotionsregulation (z. B. bindungsorientiere Frage an einen Vater: »Welche Erfahrungen haben Sie in Ihrer Familie im jugendlichen Alter gemacht, wenn sie Distanzierungs- ebenso wie Kontaktwünsche ihnen bedeutsamen Menschen gegenüber gezeigt haben?«; emotionsorientierte Frage an einen Sohn: »Wenn Dein Vaters sich bei trotzigem Verhalten Deinerseits zurückzieht, wie geht es Dir dann? Was fühlst Du? Was würdest Du gerne machen oder ihm sagen?«). Ziel ist die Stärkung eines bezogen-autonomen Selbstverständnisses und daraus resultierender passender Verhaltensweisen jedes Familienmitglieds im Kontakt mit den anderen Mitgliedern des betroffenen sozialen Systems.
1.4.2 Ökosystemik und größere Systeme
Mit dem sich zunehmend wandelnden Verständnis von Familie wurde immer mehr die moderne Familie als zu kleine Einheit wirksamer Veränderung gesehen. Zunächst durch den US-amerikanischen Familientherapeuten Peter Laqueur (1972) und später in Europa durch die deutschen Psychotherapeuten Eia Asen (*1946) und Michael Scholz (*1941) entwickelt, machte die Multifamilientherapie (Asen und Scholz 2019) (
Kap. 8.4) verstärkt die ökosystemische Eingebundenheit von Familien explizit. Sie basiert auf der Annahme, dass Menschen sich solidarisieren, wenn sie erleben, dass andere mit ähnlichen Hoffnungen, Wünschen und Problemen leben. Probleme, die einen Gegensatz zur wahrgenommenen Norm darstellen, werden oft als scham- und schuldbesetzt erlebt. Die Entwicklung eines Zugehörigkeitsgefühls und die Normalisierung eines für den Fortbestand des sozialen Systems zentralen Themas stabilisieren den Selbstwert des betroffenen sozialen Systems. Die Entwicklung einer gemeinsamen Sprache für das Erlebte, die Spiegelung eigener Sichtweisen und gegenseitige Unterstützung werden als Wirkmechanismen zur Flexibilisierung betroffener sozialer Systeme verstanden. Im therapeutischen Geschehen macht eine Familie den Anfang und bringt sich mit einem Problem ein. Durch Intensivierung der Interaktionen zwischen den Gruppenfamilien, durch Erkennen, Fokussieren und Bearbeiten anknüpfender intra- und interfamiliärerer Prozesse, Subsystembildungen (z. B. Mütter) bis zum Herausnehmen einzelner Individuen wird jedoch nicht nur das eingebrachte Anliegen bearbeitet, sondern profitieren multiple Familien von der Gruppe als einem neue Erfahrungen ermöglichenden Ökosystem.
1.4.3 Ordnungen
Bindung an größere Systeme spielte auch für den deutschen Ordenspriester und Psychoanalytiker Bert Hellinger (1925–2008) eine bedeutsame Rolle. In der Auseinandersetzung mit der Frage, warum ein Mensch etwas tut, was einem anderen schadet, und sich (scheinbar) gut dabei fühlt, beschrieb er Ursprungsordnungen, die in sozialen Systemen wirken. Sie wurden von dem deutschen Psychoanalytiker und Psychotherapeuten Gunthard Weber (*1940) verschriftlicht (Hellinger 1995) und in ihrer Weiterentwicklung systemisch-konstruktivistisch ebenso wie phänomenologisch gerahmt (Weber et al. 2005). Zugehörigkeit wird zum ersten Ordnungsprinzip (Heuristik), um den Fortbestand eines sozialen Systems zu sichern. Das Konzept erscheint eng verbunden mit dem historisch geprägten Bindungsbegriff in den frühen Modellen (
Kap. 1.1), erweitert diesen aber deutlich systemisch, in dem nicht nur biologische und legale Familienverständnisse betrachtet werden, sondern auch solche, die an der Entstehung eines Systems beteiligt waren. So machten (verstorbene) Herzensbindungen (vielleicht) Platz für die aktuelle Ehefrau. Ebenso werden Verhältnisse einbezogen, die sich besonders um den Systemerhalt verdient gemacht haben, wie z. B. Pflege- und Adoptivfamilien. Bei Ausschluss bedeutsamer Systemmitglieder entsteht eine Lücke im System, die zumeist von Mitgliedern nachfolgender Generationen versucht wird zu schließen (z. B. wütendes Verhalten einer Tochter gegenüber dem Vater in (un-)bewusster Loyalität zur Mutter, die nicht voll und ganz geliebt wird). Zeitliche Reihenfolge wird zum zweiten Ordnungsprinzip und berücksichtigt generationsbezogene Strukturen und Grenzen, ähnlich den strukturell-strategischen Ansätzen der Kybernetik 1. Ordnung (
Kap. 1.2). So erscheint z. B. Partnerschaft vor Elternschaft, Eltern vor Kindern, ältere vor jüngeren Geschwistern. Aber auch die inverse Zeitfolge zwischen (Sub-)Systemen ist wichtig, wenn jüngere Systeme Vorrang vor älteren Systemen erhalten, wie z. B. in der Phase einer Familiengründung. Ausgleich von Geben und Nehmen wird zum dritten Ordnungsprinzip und erinnert an Konzepte des Kontenausgleichs und der Delegation in den frühen Modellen (
Kap. 1.1). Reziprozität und soziale Austauschbeziehungen sichern den Fortbestand eines Systems, mit der Schwierigkeit, dass der Wert der ausgetauschten Güter (z. B. Materielles, Leistungen, Gefühle) sehr unterschiedlich eingeschätzt werden kann. Mehr Geben als Nehmen, ebenso wie mehr Nehmen als Geben, bedingt zwar Bindung, jedoch im Schlechten. Kargheit im Geben und Nehmen bedingt Einsamkeit und Isolation. Hellinger (1995) hat eine Vielzahl weiterer Ordnungen beschrieben. Seine starre Vertretung dieser Ordnungen rief jedoch viele Kontroversen hervor (Haas 2009). Umso bedeutsamer erscheint ihr modernes Verständnis als Heuristiken vs. universelle Gesetzmäßigkeiten (
Kap. 5.6.5).
2 Verwandtschaft mit anderen Verfahren
2.1 Historisches
Die Geschichte der Psychotherapie ist bis in die 1950er Jahre v. a. geprägt durch die Psychoanalyse, mit vielfacher Verwandtschaft zur Existentiellen und Humanistischen Psychotherapie (Hunger und Schweitzer 2020). Neben vielen Erfolgen gab es aber auch immer Patientinnen und Patienten, die nicht profitierten. So entwickelten sich ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit der Systemischen Therapie und Verhaltenstherapie alternative Psychotherapieverfahren. Während die Verhaltenstherapie sich auf die Forschungsergebnisse der Allgemeinen Psychotherapie, speziell der Lernpsychologie, konzentrierte, widmete sich die Systemische Therapie familiendynamischen Prozessen in Abgrenzung und Ergänzung der zuvor im Mittelpunkt psychoanalytischer Arbeit stehenden psychodynamischen Prozessen, in denen auch die Vertreterinnen und Vertreter der frühen Modelle (
Kap. 1.1) noch grundständig professionalisiert worden waren. So ergibt sich historisch sinnstiftend die Erweiterung psychoanalytischer Ideen über die Psyche eines Individuums auf die sozial-kollektive Psyche einer Familie als mehrpersonalem sozialen System und unter Einbezug transgenerationaler bis hin zu gesellschaftsdynamischen Prozessen. Eine stärkere Grenzziehung systemtheoretischer Erkenntnistheorien und Interventionen zu andern Psychotherapieschulen erfolgte erst ab den 1960er und 1980er Jahren, v. a. in den Ansätzen der Kybernetik 1. und 2. Ordnung und der nachfolgenden Modelle (
Kap. 1.2,
Kap. 1.3,
Kap. 1.4).
2.2 Gemeinsamkeiten
2.2.1 Transdisziplinarität in systemtherapeutischen Ansätzen
Die Systemische Therapie verkörpert einen transdisziplinären Ansatz und ist seit jeher offen für Einflüsse anderer Psychotherapieverfahren. Insbesondere spiegeln sich Aspekte der psychoanalytischen Bindungstheorie, der Lerntheorie bis hin zu sozial-ökologischen und entwicklungspsychologischen Aspekten in den verschiedenen systemtherapeutischen Ansätzen wider. Im Folgenden seien einige ausgewählte Beispiel zur Verdeutlichung dargestellt. Eine umfassende Übersicht ist bei von Sydow et al. (2007) zu finden.
Die Attachment Based Family Therapy (ABFT) (Diamond et al. 2003) integriert Aspekte der Bindungstheorie (Bowlby 1969, 1973, 1980), Emotionsfokussierten Therapie (Auszra et al. 2016) und Kontextuellen Familientherapie (Böszörményi-Nagy et al. 2015) (
Kap. 1.1.1). Sie richtet sich an Familien mit Jugendlichen, die unter einer depressiven Störung leiden. Zunächst wird auf die Identifikation und Bearbeitung bindungsrelevanter Familienkonflikte aus Vergangenheit und Gegenwart fokussiert. Aufbauend auf einem verbesserten Bindungsstatus der Familie als Ganzem wird anschließend die Bezogene Individuation (
Kap. 1.1.2) des betroffenen sozialen Systems gestärkt. Themen der ABFT umfassen u. a. die Arbeit mit übermäßiger elterlicher Kritik, fehlender Motivation der Jugendlichen, elterlichem Stress, ineffektivem Erziehungsstil, dysfunktionaler Affektregulation und negativem Selbstkonzept spezifischer Familienmitglieder sowie der Familie als Ganzem.
Mehrzählige Beispiele existieren mit Bezügen zu lerntheoretischen und verhaltenstherapeutischen Ansätzen. Die Behavioral Family Systems Therapy (BFST) (Robin und Foster 1989) wurde zur Behandlung von Familien mit Jugendlichen, diagnostiziert mit einer Essstörung, entwickelt und wird inzwischen auch bei Diabetes genutzt. Sie fokussiert darauf, (sub-)systemische Verstrickungen und Hierarchieumkehr innerhalb eines betroffenen sozialen Systems zu erkennen und zu verändern. Es wird mit Problemlöse- sowie Kommunikationsfertigkeitstrainings, Reframings und mit kognitiven Dysfunktionen einzelner Systemmitglieder sowie der Familie als Ganzem gearbeitet. Unrealistische Überzeugungen bzgl. des Essverhaltens sowie fehlgeleiteter Körperwahrnehmungen werden durch kognitive Restrukturierungen bearbeitet. Strategische Interventionen dienen der Modifizierung von Beziehungsmustern. Die Funktional Family Therapy (FFT) (Sexton 2009) verbindet systemisch-strukturelle Familientherapie mit behavioristischen Ansätzen. Erneut werden dysfunktionale Kommunikations- und Interaktionsmuster eines betroffenen sozialen Systems insgesamt erarbeitet und verändert. Die FFT geht davon aus, dass jedes Familienmitglied über tief verinnerlichte Erfahrungen verfügt, die sein Verhalten in Beziehung zu anderen Menschen positiv wie auch negativ prägen. Das betroffene soziale System wird dabei unterstützt, soziale Negativität in den familiären Interaktionen zu minimieren und die Kommunikationen positiver sowie funktionaler zu gestalten. Verschiedene Settings (z. B. Klinik, Wohnung) dienen der kontextsensiblen Erprobung sowie Stabilisierung veränderten Verhaltens und Steigerung seiner ökologischen Validität. Die FFT ist einer der ältesten schulenintegrativen Ansätze. Gleichzeitig ist ihre Zuordnung zur Familientherapie in der Systemischen Therapie vs. Verhaltenstherapie am wenigsten eindeutig. Die Systemic Behavioral Family Therapy (SBFT) (Brent et al. 1997) ist eine Kombination der FFT und BFST, mit Fokus auf der Identifikation dysfunktionaler Verhaltensmuster analog der FFT in der ersten Therapiephase und Training adaptiver Kommunikations- und Problemlösefähigkeiten analog der BFST in der zweiten Phase.
Ein Beispiel für die Verbindung systemtherapeutischer, verhaltenstherapeutischer und sozial-ökologischer Ansätze verkörpert die Multisystemic Therapy (MST) (Henggeler und Borduin 1990, Henggeler und Schoenwald 1998, Henggeler und Swenson 2005). Die Bedingungen der beschriebenen Probleme werden multikausal rekonstruiert und in ihren verschiedenen sozialen Kontexten angegangen. So bezieht sie über den familiären Kontext hinaus soziale Umwelten wie Schule und Peers in den Therapieprozess ein, ganz i. S. des ökosystemischen Ansatzes (Bronfenbrenner 1981), der sozial-ökologischen Theorie (Henggeler et al. 1990) und der sozialen Lerntheorie (Bandura 1977, Rotter 1954). Die MST arbeitet primär systemtherapeutisch und nutzt Elemente der anderen Ansätze zu ihrer Ergänzung. Es handelt sich um ein ambulantes Therapieangebot, welches ähnlich hochfrequent wie die Bedürfnisangepasste Behandlung im Offenen Dialog (
Kap. 11.3.2) mit einem 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche erreichbaren Therapeutensystem v. a. in der natürlichen Umgebung des betroffenen sozialen Systems und damit ausgesprochen ökologisch valide stattfindet.
Die Multidimensional Family Therapy (MDFT) (Liddle 2002) ist ein Beispiel für die Integration systemtherapeutischer, verhaltenstherapeutischer, sozial-ökologischer und entwicklungspsychologischer Ansätze. Störungen werden im Kontext verschiedener Einflussfaktoren verstanden und deren Reduktion in verschiedenen sozialen Kontexten und mit verschiedenen Mechanismen über multiple Pfade angestrebt. Es werden individuelle Faktoren (z. B. Kognition, Emotionsregulation; Geschwister-, Eltern-Kind-, Paar-Beziehung, elterliches Erziehungsverhalten; psychosoziale Belastung), innerfamiliäre Beziehungsqualitäten (z. B. emotionale Unverbundenheit) und bedeutsame außerfamiliäre soziale Kontexte (z. B. Schule, Arbeitsplatz, Peers, Strafbehörden) einbezogen. Nach Exploration der Symptomatik werden neue Kommunikations- sowie Problemlösefähigkeiten und Ausdrucksmöglichkeiten für emotionale Erfahrungen im direkten Kontakt mit wichtigen Systemmitgliedern zur Reduktion sozialer Negativität und Verbesserung der Beziehungsqualität vermittelt. In vier Modulen werden die Jugendlichen, Eltern, familiäre Interaktionen und extrafamiliäre Beziehungen adressiert und über die Therapie hinweg zu einem größeren Ganzen der beschriebenen Symptomatik und ihrer Lösungsmöglichkeiten integriert.
2.2.2 Psychologische Ansätze in Systemaufstellungen
Die Systemaufstellungen (
Kap. 5.6.5) sind ein gutes Beispiel für die Verflechtung klassischer psychologischer Theorien in systemtherapeutischen Interventionen. Die vier Dimensionen Zugehörigkeit, Bezogene Individuation, Einklang und Zuversicht des Fragebogens zum Erleben in sozialen Systemen (EXIS) (Hunger et al. 2017), der v. a. der Evaluation von Systemaufstellungen dient (
Kap. 10.2.2), basieren auf Grundsätzen (Sparrer und Varga v. Kibèd 2008) sowie Ordnungsprinzipien (Schneider 2006; Weber 1993) (
Kap. 1.4.3) von Systemaufstellungen und finden sich in Erfahrungsberichten von Aufstellungsteilnehmenden besonders salient (Rogers 2010, Schneider 2006, Sparrer 2006) (
Kap. 10.2.3). Zugehörigkeit und Bezogene Individuation (
Kap. 1.1.2) verkörpern die beiden ersten und wichtigsten Prinzipien, die in sozialen Systemen wirken. In ähnlicher Weise werden Zugehörigkeit und Bezogene Individuation in der Psychologie als zwei fundamental menschliche, kognitive, emotionale und verhaltensbezogene Motivationen beschrieben. Als übergeordnetes Metaprinzip in Systemaufstellungen gilt, dass Neues nur Erfolg haben kann, wenn das, was ist bzw. sich nicht ändern lässt, auf intra- wie interpersoneller Ebene akzeptiert wird. Dieses Metaprinzip wird gegenwartsgerichtet im Erleben von Einklang und zukunftsbezogen im Erleben von Zuversicht in sozialen Systemen beschrieben. Einklang gilt in der Psychologie als ein Zustand, in dem sich die Interessen von Personen so zueinander verhalten, dass sie i. S. von Selbstakzeptanz und Akzeptanz anderer nicht widersprüchlich einander gegenüberstehen. Zuversicht ist ähnlich dem Zukunftsvertrauen, Zukunftsglauben und der Zukunftsperspektive das feste Vertrauen auf eine gute zukünftige Entwicklung.
2.3 Abgrenzungen
Im Unterschied zu den anderen Psychotherapieverfahren verlangt die Systemische Therapie einen Paradigmenwechsel: vom individuumszentrierten Ansatz hin zu einem systembezogenen Ansatz und vom kindzentrierten Modell (v. a. Kinder- und Jugendhilfe, -psychiatrie und -psychotherapie) sowie erwachsenenzentrierten Ansatz (v. a. Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und Psychoanalytische Psychotherapie) hin zu einem Therapierational, in dem alle wichtigen Akteurinnen und Akteure in ihrer Beteiligung an der Entwicklung, Aufrechterhaltung und Veränderung einer Störung innerhalb eines betroffenen sozialen Systems gleicher Maßen wertgeschätzt und als Expertinnen und Experten ihrer Lebensgestaltung mit gleichen Rechten und Pflichten in den Therapieprozess einbezogen werden. Dabei wird schon jetzt klar: Systemische Therapie ist mehr als nur ein Treffen mehrerer Personen: es braucht eine spezifische Erkenntnistheorie (
Kap. 1,
Kap. 3), Diagnostik (
Kap. 4), therapeutische Haltung, Beziehungsarbeit, Interventions- und Settinggestaltung (
Kap. 5,
Kap. 8,
Kap. 9,
Kap. 11). Insofern ist die Systemische Therapie von der Vielzahl paar- und familientherapeutischer Ansätze abzugrenzen, die zwar ebenfalls im Mehrpersonensetting, jedoch nicht systemtherapeutisch arbeiten, wie z. B. die Cognitive Behavioral Couple Therapy (CBCT) (Epstein und Zheng 2017). Darüber hinaus wurden bereits originär systemtherapeutische Interventionen, wie z. B. die Symptomverschreibung (
Kap. 5.6.3) im Verhaltenstherapiemanual (Hand 2011), von anderen Psychotherapieverfahren integriert, jedoch ohne Bezugnahme zur systemtherapeutischen Erkenntnistheorie. Die Positive Konnotierung (
Kap. 5.6.1) erscheint technisch der kognitiv-verhaltenstherapeutischen Umstrukturierung verwandt, jedoch ist die systemtherapeutische Haltung (
Kap. 9) fundamental verschieden. Einen Überblick wesentlicher Merkmale der Störungstheorie und Therapieziele der Systemischen Therapie in Abgrenzung zu anderen Psychotherapieverfahren gibt Tab. 2.1 (
Tab. 2.1).
Tab. 2.1: Wesentliche Merkmale psychotherapeutischer Grundorientierungen (modifiziert nach Strauß 2021)


Störungstheorie
2.4 Allgemeine Wirkfaktoren
Das Medizinische Modell (
Kap. 10.2) psychischer Störungen beschreibt ein stark störungsspezifisches Vorgehen und fokussiert in seiner Wirksamkeitsmessung v. a. auf die Überlegenheit eines Psychotherapieverfahrens oder einer psychotherapeutischen Methode. Die Erkenntnis, dass psychotherapeutische Angebote stets unter bestimmten sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen erfolgen, wird, wenn überhaupt, nur marginal reflektiert: Technik wird vor Kontext gesetzt (Borst 2019). Das Medizinische Modell begünstigt Abgrenzungen bis z. T. fundamental anmutende Grabenkämpfe zwischen Psychotherapieverfahren und -methoden. Im Gegensatz dazu beschreibt das Kontextuelle Modell psychischer Störungen (Wampold und Imel 2015) störungsrelevante allgemeine Wirkfaktoren (Common Factors). Sie basieren auf einer umfassenden Zusammenschau aus Meta-Analysen und erklären mit ca. 30 % mehr Varianz im Therapieergebnis als spezifische Wirkfaktoren mit ca. 15 % (Lambert 2013). Auch zeigen sich deutlich größere Effektstärken für die im Kontextuellen Modell berücksichtigten Faktoren (
Tab. 2.2). Dabei ist anzumerken, dass die klassische Definition des therapeutischen Bündnisses (Allianz) (Bordin 1979) ebenso auf die Systemische Therapie zutrifft, wenn sie als positive emotionale, vertrauensvolle Beziehung (bond) zwischen dem betroffenen sozialen System und dem Therapeutensystem in Bezug auf Aufgaben (tasks) und Ziele (goals) formuliert wird. Sie erweitert diese jedoch um die Vielfältigkeit therapeutischer Allianzen im Mehrpersonensetting (Friedlander et al. 2011) (
Kap. 9.1). Sowohl spezifische als auch allgemeine Wirkfaktoren bedingen gemeinsam positive Therapieergebnisse. Die Frage ist daher nicht, ob eher spezifische Techniken oder allgemeine Wirkfaktoren therapeutische Veränderungen bewirken, sondern wie sie im Veränderungsprozess mit weiteren Merkmalen des Therapiesystems (z. B. Ressourcen, Beziehungsverhalten, Setting) interagieren.
Die Systemische Therapie schließt an das Kontextuelle Modell und die Berücksichtigung allgemeiner Wirkfaktoren v. a. in der Theorie komplexer dynamischer und sich selbst organisierender Systeme (Synergetik) an (Haken und Schiepek 2005) (
Kap. 3.3). Sie macht deutlich, wie Veränderung in der Systemischen Therapie ebenso wie in anderen Psychotherapieverfahren angeregt wird: durch Erzeugung von Instabilität (Fluktuationsverstärkung) im Rahmen einer Sicheren Basis (Metastabilität ). Fluktuationsverstärkung beschreibt die verstärkende Destabilisierung bestehender Kognitions-, Emotions- und Verhaltensmuster. Es geht um Verstärkung, da die Ahnung, etwas am Lebenskonzept ändern zu wollen, betroffene soziale Systeme in Therapie bringt und die Destabilisierung somit schon vor Aufsuchen der Therapie stattgefunden hat (
Kap. 5.4.2). Der Erzeugung von Instabilitäten zur Fluktuationsverstärkung dienen v. a. Experimente im Rahmen systemtherapeutischer Interventionen (
Kap. 5.6).Metastabilität gründet in einer guten sowie sicheren therapeutischen Beziehung und bildet die Voraussetzung jeder
Tab. 2.2: Effektstärken therapeutischer Faktoren (modifiziert nach Wampold et al. 2015)
Kontextuelle WirkfaktorenSpezifische Wirkfaktoren
therapieprozessorientierten Fluktuationsmodifikation. Der Erzeugung von Metastabilität dienen das Joining, eine unbedingte Wertschätzung sowie Empathie, Ressourcen- sowie Lösungsorientierung, affektive und äußere Rahmung (z. B. Zeit, Raum, Kontrakt) (Borst 2019). Im Gegensatz zu Phasenmodellen, die der Eigendynamik menschlicher Entwicklungsprozesse eine normative Schrittfolge unterstellen (Howard et al. 1993, Stulz und Lutz 2007), lassen sich Generische Prinzipien als Bedingungen zur Gestaltung selbstorganisierender Entwicklungen in komplexen dynamischen Systemen beschreiben. Sie spielen in Therapien permanent eine Rolle, erhalten jedoch in unterschiedlichen Phasen unterschiedliche Bedeutung (
Tab. 2.3).
Tab. 2.3: Generische Prinzipien (Borst 2020)
Generisches PrinzipOperation des TherapeutensystemsLeitfragen
3 Wissenschaftliche und therapietheoretische Grundlagen
3.1 Soziale Systeme
Ein System beschreibt in seiner ursprünglichen, aus dem Altgriechisch stammenden Wortbedeutung ein aus mehreren Einzelteilen zusammengesetztes Ganzes, in dem die einzelnen Elemente reziprok in Verbindung stehen und das sich in seiner Charakteristik von den umgebenden Systemen unterscheidet (Schweitzer und Hunger 2020). In der Systemischen Therapie wurden historisch zumeist Familien anhand biologischer oder legaler Verwandtschaftsverhältnisse (Kannegießer und Rotax 2016) als soziale Systeme definiert. Dabei variieren die Beschreibungen dessen, was als Familie zu verstehen ist, je nach wissenschaftlicher Disziplin (Cierpka 2008, 2012). Systemische Therapeuten und Therapeutinnen definieren die Familie als intimes Beziehungssystem, welches einem gemeinschaftlichen Lebensvollzug folgt und als soziales System durch Kriterien der Abgrenzung, Privatheit, Dauerhaftigkeit, Nähe und Emotionalität von anderen sozialen Systemen unterschieden werden kann (Schneewind 1999). Eine solche Definition ist offener für auch alternative Familienkonstellationen bis hin zu erweiterten sozialen Bezugssystemen (Holland und Crowley 2013) und berücksichtigt die Vielfältigkeit interpersonaler Zusammensetzungen dyadischer und triadischer Beziehungen innerhalb eines sozialen Systems (ich-du; z. B. Vater-Kind, Geschwister; Vorgesetzter-Mitarbeiter, Kollegen), aus der Meta-Perspektive auf das soziale System (wir; z. B. Familie; Team) und eines Systemmitglieds innerhalb des sozialen Systems (ich-innerhalb-des-Systems) (
Kap. 4.4.1).
3.2 Grundprinzipien der Systemischen Therapie
Grundprinzipien der Systemischen Therapie wurden historisch vielfach als Antagonisten und in Abgrenzung zu erkenntnistheoretischen Annahmen anderer Psychotherapieverfahren formuliert. Im modernen Verständnis verkörpern sie jedoch eher sich ergänzende (@) Wirklichkeitskonstruktionen (Kannicht und Schmid 2015, Klein und Kannicht 2011, Schweitzer und v. Schlippe 2016, v. Schlippe et al. 2016).
3.2.1 Wahrheit @ Sozial verhandelte Realitäten
Der Radikale Konstruktivismus (v. Förster 1997, v. Förster et al. 2008) (
Kap. 3.6.1) und die Systemtheorie (Luhmann 1984, 2017) (
Kap. 3.5.1) bilden die erkenntnistheoretischen Grundlagen der Systemischen Therapie. Aus einer Fülle möglicher Erklärungen wählt das menschliche Gehirn im Dienste der Komplexitätsreduktion einige wenige Erklärungen aus (Wahr-Nehmungen). Gleichfalls bestimmen wir (unbewusst) mit, wie wir auf Anregungen unserer Umwelt reagieren (Wahr-Gebungen). Die uns umgebenden sozialen Systeme reagieren ebenso reziprok auf ihre Art und Weise und rückgekoppelt auf die von uns gezeigte Reaktion. In diesem Verständnis zwischenmenschlicher Interaktion eröffnet sich ein mehrperspektivischer Blick auf die Konstruktion geteilter und über Kommunikation sozial verhandelter Realitäten (KybernEthik) (
Kap. 3.6.1). Sinngebung wird zum Bindeglied des interaktiven Geschehens, denn erst wenn das Gegenüber die von der anderen Person gesendeten Mitteilungen als sinnhaft und damit nützlich enkodiert, entsteht eine sozial erlebbare Begegnung. Um Sinn zu stiften braucht es immer zwei Sinnelemente innerhalb eines sozialen Systems. Insofern ist Sinn nur systemisch zu haben (Emlein 2010), und das gilt auch für das sich zwischen einem betroffenen sozialen System und dem Therapeutensystem entwickelnde Therapiegeschehen.
3.2.2 Expertentum @ Therapeutische Beziehung auf Augenhöhe
Die Systemische Therapie versteht den therapeutischen Prozess i. S. des Radikalen Konstruktivismus (v. Förster 1997, v. Förster et al. 2008) (
Kap. 3.6.1) und der Kybernetik 2. Ordnung (Bateson 1941, 1983) (
Kap. 1.3.1) als eine Begegnung zweier Expertensysteme: das betroffene soziale System als Experte für sein Leben und wie es dieses gestalten möchte; das Therapeutensystem als Experte für den Prozess und die Auswahl geeigneter Frage- sowie Interventionstechniken. Betroffene soziale Systeme tragen die Verantwortung, Anregungen und Interventionen nur dann zu folgen, wenn sie für sie selbst in ihrem Leben zumindest angenommen einen Mehrwert beinhalten (Sinnhaftigkeit, Nützlichkeit). Therapeutinnen und Therapeuten tragen die Verantwortung für das Navigieren im therapeutischen Prozess und damit für die Gestaltung eines sicheren und geschützten Raums, den Aufbau einer tragfähigen und belastbaren therapeutischen Beziehung und für die Choreographie der eingebrachten systemtherapeutischen Methoden.
3.2.3 Ursache-Wirkung @ Zirkularität
Ursache-Wirkung-Zusammenhänge wie z. B. »Er trinkt, weil er seinen Vater nachahmt« oder »Er trinkt, weil er sich mehr Nähe zu seinem Sohn wünscht« beschreiben lineare Interaktionen im Dienste der Komplexitätsreduktion. Ein zirkuläres Wirklichkeitsverständnis (Reziprozität) (Watzlawick et al. 2011) (
Kap. 1.2.1) wie z. B. »Das Trinken des Einen ermöglicht die Nähe zum Anderen, und umgekehrt« erweitert oftmals zu eng fokussierte Wahrnehmungen. Zirkuläre Fragen und Arbeiten auf der Gegenwartsbühne (
Kap. 5.5.2) dienen einem besseren Verständnis der sich wechselseitig bedingenden Kommunikations- und Interaktionsmuster. Dazu bedarf es der Beschreibung dessen, was erlebt wurde, und diese muss an einem bestimmten Punkt beginnen, so wie sie an einem anderen Punkt endet. Was als Beginn (Ursache) und als Folge (Wirkung) beschrieben wird, ist dabei Ergebnis (un-)willkürlicher, jedoch oft interessengeleiteter Interpunktionen (
Kap. 1.2.1). So mag es einfacher erscheinen, die Geschichte mit einer Anschuldigung des Partners oder der Partnerin zu beginnen wie z. B. »Du lässt immer Deine dreckige Wäsche im Schlafzimmer liegen!«, anstelle eine Veränderungsmotivation bei sich selbst wahrzunehmen wie z. B. »Ich möchte gesehen werden und sehe dabei nicht, dass Du die Zeit, in der Du nicht auf Deine Socken schaust, nutzt, um mir an anderer Stelle eine Freude zu bereiten!«.
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