Читать книгу: «Ace in Space»
Judith & Christian Vogt
Ace in Space
Erstausgabe

Ach je Verlag
Traunstein – AT&Tlantis – Tschuri
https://ach.je
Inhaltswarnung
am Ende des Ebooks
Für Trin.
Princess and Prophet
//LOGGTUBE
KoCoCo – KobeniCorpCombat – Wähle deinen Lieblingscorp!
Drei schnittige Abfangjäger mit Rekrutinnen am Steuerknüppel fliegen eine Formation in der Atmosphäre. Am höchsten Punkt kippt ein Jäger um die eigene Querachse und zerschießt eine der Kameradrohnen. Die Pilotin fliegt dabei rückwärts und verlangt den Triebwerken das Äußerste ab, die Likes schnellen nur so in die Höhe, als sie sich im letzten Moment vor einem unvermeidlichen Absturz fängt und wieder in Formation begibt.
SCHNITT
Ein Ausbilder schreit sich an einer jungen Pilotin heiser. Dieses Manöver in der Atmosphäre beschädigt Konzerneigentum. Er faltet sie zusammen, beleidigt sie und verdonnert sie zu Strafübungen. Bevor sie sich abwendet, entgegnet sie ruhig: »Sir, im Handbuch wird auf Seite fünfundsechzig vom Manöver abgeraten, jedoch explizit darauf hingewiesen, dass es mit Maschinen wie der Slipstream grundsätzlich möglich ist, Sir!«
Beliebteste Kommentare:
Gramstar999: Haha, der Snack ist LITTTT! Schande, dass sie in der ganzen Show nur einmal gezeigt wurde.
Probro77: Die Slipstream hat zusätzlich Motivatorbooster! Was für Kackb00ns Hadronic beim Militär hat, dass sie die Kleine dafür ankacken, eh, ich lole so laut!
Die Triebwerke starteten mit einem tiefen, markerschütternden Wummern. Hände in Fingerhandschuhen um Griffe. Ernste Gesichter hinter Visieren. Die Jockeys sahen dem Highway entgegen. Dann katapultierte das Magnetfeld die Maschinen nach vorn, Stahl raste unter ihnen dahin, Markierungen verschwammen, und dann zischten ein, zwei, drei Jäger aus der Transitstation.
Die Triebwerke starteten mit einem tiefen, markerschütternden Wummern. Hände in Fingerhandschuhen um Griffe. Ernste Gesichter hinter Visieren. Die Jockeys sahen dem Highway entgegen. Dann katapultierte das Magnetfeld die Maschinen nach vorn, Stahl raste unter ihnen dahin, Markierungen verschwammen, und dann zischten ein, zwei, drei Jäger aus der Transitstation.
Es ging um den Highway, jede Sekunde zählte! Ein Ring aus Raumbojen markierte den Eintrittspunkt ins Wurmloch. In unmittelbarer Nähe dieser Highwayauffahrt hing die Transitstation im All. Aus dem Highway war eine Jägerstaffel geschossen und machte sich wie ein Rudel Wölfe über die Highwaystation her, Kian sah ihre Leuchtspurmunition selbst ohne Zoom.
Highwaystationen beschießen war nicht die feine Art. Er schnaubte.
Die Jäger von Crashdummy, Firebird und Blink mussten diese Bandits zu Klump schießen, bevor die die Highwayauffahrt in ihre Gewalt brachten.
»Smashsmashsmash!«, murmelte Kian, seine Linke begann über Tasten zu huschen. »Was für miese Lowbros attackieren eine Highwaystation?«
Die Gang der Intentionals und ihre Schützlinge in dieser Region des Freeturfs brauchten die Station, um zu überleben.
Das hier durfte nicht in die Hose gehen.
»Okay, Leute«, ertönte Firebirds Stimme in Kians Kopfhörern. Das Bild aus dem Cockpit heraus ins All verschwand und wurde durch Nneka Firebirds Gesicht hinter dem eckigen, durchsichtigen Visier ersetzt. Die tätowierten leuchtenden Punkte in ihren Augenbrauen – zwei links, vier rechts – glommen Kian geradezu hypnotisch entgegen, ebenso die phosphoreszierenden blauen Strähnen ihrer widerspenstigen, weißgrau gefärbten Mähne. »Wir brauchen eure Hilfe. Wir haben keine Ahnung, wer diese Bandits sind, aber falls sie streamen, könnt ihr sie finden. Durchsucht eure Abos, eure Channels, eure Feeds, und wenn ihr sie habt, haut mich an, Leute, es ist ernst. Wir müssen wissen, wie viele es sind, wer sie sind, wie gut sie bewaffnet sind – was sie draufhaben und vor allem: was sie vorhaben. Wir sitzen sonst hier abso-smashin’-lutely auf dem Trockenen!«
Firebird klang cool und beherrscht, wie immer, aber Kian hörte ihrer Stimme die Anspannung an. Er war einer dieser Leute, an die sie sich wandte – ein Zuschauer vor dem Bildschirm, gebannt von dem sich anbahnenden Raumkampf viele Highwayauffahrten entfernt.
Rasch sah er sich nach rechts und links um. In der rohen Betonhöhle des Loco Hana sah ihn niemand prokrastinieren, obwohl der Raum brechend voll war. Alle waren mit sich selbst, ihren Tablets oder ihren Bros beschäftigt. Aber was er hier tat, war nicht bloßes Zeit-Totschlagen! Firebird hatte ihn und all ihre Fans um Hilfe gebeten.
Die drei Cockpitkanäle der Intentionals schrumpften zu kleinen Fenstern in der oberen rechten Ecke, als Kian mit Schnellstartgesten auf dem aufgestellten Tabletbildschirm Loggtube, Pixxor und Yologram aufrief. Als sich die Fenster öffneten, überlagerten sie gnädig das Projekt, an dem Kian eigentlich gerade hätte arbeiten sollen – das Promotionvid, zu dem Marlene ihn verdonnert hatte.
Kians Finger huschten über die auf den etwas schmierigen Tisch projizierten Tasten – gleichzeitig behielt er die Streams im Auge. Wenn ausgerechnet ihm etwas auffallen würde, was niemandem von Nnekas Followern auffiele, dann …
Dann was?
Er war selbst nicht einfach irgendwer, er war kein Planetside-Kid, das sich nach einem Like von einer der größten Gramstar-Pilotinnen des Free-Turf sehnte. Er war eher Nnekas Kollege als ihr Follower, Tatsache! Er war nicht mehr der gelangweilte Navigationstrainee aus dem vorletzten Jahr, oder der halb obdachlose Typ aus dem letzten Jahr, der sich mit magerem Loggtube-Money über Wasser hielt, indem er die Videos erfolgreicherer Leute neu zusammenschnitt und auf seinen eigenen Account hochlud.
Das war letztes, vorletztes Jahr gewesen, es schien ihm ein halbes Leben her. Das war ein kurzes Tief gewesen, einfach eine Zeit, durch die er sich hatte durchbeißen müssen. Mittlerweile flog er wieder, und zwar als Jockey, nicht wie vorher als Navig-Copilot auf einem Frachter. Kian war Teil der Daredevils-Staffel, und auch wenn die noch keine von den ganz großen Nummern im Kobeni-Gürtel war, hatte er doch einen Riecher dafür, dass sich das bald ändern würde.
Okay, zugegeben: Er war bisher lediglich Anwärter – auf der Rückseite seiner Jacke leuchtete auf Schulterhöhe über dem Gang-Logo das Wort PROSPECT. In leuchtenden Großbuchstaben.
Es würde jedoch nicht mehr allzu lange dauern, dann würde Marlene ihn in die Ränge ihrer vollwertigen Jockeys aufnehmen – und dann konnte Nean, dieser N00b, die verdammten Promo-Vids zusammenschneiden, denn Kian – Kian war gekommen, um zu bleiben.
Diese Jacke – tiefschwarzes, beinahe lichtschluckendes Kunstleder mit Protektoren, Insignien der Daredevils und leuchtenden Großbuchstaben auf dem Rücken – war unbemerkt von der Rückenlehne seines Stuhls gerutscht, während er den Livestream der Intentionals verfolgt hatte. Die Hintertür vom Loco Hana, in deren Nähe er sich mit dem Tablet breitgemacht hatte, öffnete sich mit Schwung, zwei Personen stapften in die Stammkneipe, und bevor Kian erfassen konnte, um wen es sich handelte, traf ein Fuß in abgenutztem Stiefel auf seiner Jacke auf. Knirschend brach etwas in der Elektronik der Leuchtbuchstaben.
Doch statt sich zu beschweren oder der Person in dem Stiefel auf die Nase zu hauen, begriff Kian genau in diesem Moment und genau bei dem Gedanken an den Stiefel, wer die Transitstation der Intentionals angriff und fuhr wieder zum Bildschirm herum. Der Stiefel war nur die Kleinigkeit, die eine Kettenreaktion in Gang setzte: Was Kian da auf dem Bildschirm sah, war ein lupenreines Bootkick-Manöver! Einer der feindlichen Jäger übernahm für die ganze Banditgang die Defensivmaßnahmen. Als Firebird und ihre beiden Wingpals Raketen abfeuerten, zerstörte dieser eine, wendige, aber unauffällige Jäger jede einzelne mit einer Flakkanone oder lenkte sie mit zielgenau abgefeuerten Streukörpern aus der Bahn. Dieses Bootkick-Manöver war nur mit KI-unterstützten Systemen möglich. Das Reaper-Virus, ursprünglich geschaffen, um das Entstehen künstlicher Intelligenzen zu verhindern, war in fast allen Computersystemen der Menschheit fest eingenistet. Dieser Chopper wandelte auf einem schmalen Grat: seine Abwehrsysteme waren schlau genug, aber nicht so schlau, dass sie vom Virus lahmgelegt wurden.
Auch alle anderen Attribute, die Kian von hier aus erkennen konnte, passten zu diesem großkotzigen Arschloch Nerva Riz von der VantaVortex-Gang. Riz streamte nie, aber sein Wingpal Cloudburst sendete sogar Vids, wenn er sich splitternackt in einer shady Asteroidensauna herumtrieb.
Kian suchte mit fliegenden Fingern Cloudbursts Flygram-Account und ignorierte die Stiefel, die auf dem Weg in die Bar kleine Splitter des Schriftzugs hinterließen.
Offline! Der Hund war schon seit einundfünfzig Stunden offline, wie konnte das sein, er war niemals offline!
Kian klickte durch die letzten Vids. Tatsächlich war der Zwischenfall in der Asteroidensauna das jüngste – es brach mittendrin ab und seitdem war Cloudburst off. Das Vid wies Tausende Kommentare auf, ganze Geschichten entspannen sich darunter, die Gerüchteküche im Netz kochte hoch. Das Letzte, was bekannt war: alte Bekannte hatten Cloudburst aufgelauert, und das Ganze war hässlich geworden.
Irgendetwas musste da drin passiert sein, was Cloudburst unter Druck setzte. Keine Gang mit einem Funken Anstand zerstörte eine Transitstation an einem Wurmloch, das war eine boots Arschlochaktion!
Aber die Sache mit der Asteroidensauna war groß in den Medien gewesen, am Schluss war da eine Menge explodiert, und Vloggerix Gingko hatte ein Vid gepostet, in dem xier dargelegt hatte, dass es wahrscheinlich war, dass die ganze Provokation auf Mittelsmänner der Gater zurückging. Kian hatte nicht länger drüber nachgedacht, denn wenn es nach Gingko ging, war alles, was im Gürtel so geschah, eine Intrige der Gater.
Aber Tatsache war: Irgendwer hatte Cloudbursts und Riz’ Staffel in der Hand, hatte einen Gefallen eingefordert, unmoralisch viel bezahlt oder sie schlichtweg gezwungen. Nun führten sie den Willen dieser dritten Partei aus – offline und im Dunkeln, damit sie keine Follower verloren.
Es war alles völlig logisch.
Kians Finger zuckten zur Tastatur.
Und jetzt?
Ihm blieben nur Sekundenbruchteile für das kurze moralische Dilemma: Er wollte die VantaVortex-Staffel nicht von den Intentionals geschreddert sehen. Aber umgekehrt konnte er auch nicht mitansehen, wie die Vantas die Station in die Luft jagten.
Er markierte Riz’ und Cloudbursts Chopper in einem Screenshot.
Das sind Riz und Cloudburst von VantaVortex, schrieb er in die Kommentare unter Firebirds Livestream. Er packte den Screenshot dazu. Möglich, dass sie gezwungen werden.
»Marauder!«, hörte er hinter sich.
»Ja, ja!«
»Wenn ich sage alle, dann meine ich alle!«
Kian fuhr herum. Der Gedanke an das Schicksal der Intentionals machte es ihm schwer, aber Marlenes Stimme hatte Befehlsgewalt. Und ziemlich viel hing davon ab, welche Meinung sie von ihm hatte.
»Was macht das Vid, Marauder?«, bellte sie von der Theke, wo sie passend dazu den Cyborgköter – fünfundvierzig Prozent Fell, fünfundvierzig Prozent Chrom und zehn Prozent Sabber – kraulte. Bulldoxx, der Hauptsponsor der Daredevils, hatte ihr das Viech zukommen lassen. Kian schnappte sich das Tablet mit beiden Händen, faltete es zusammen und brach schließlich die Oberflächenspannung, sodass es sich wie ein Armband um sein Handgelenk legte.
CybeVee-Tab X07, heißer Scheiß.
Er bückte sich rasch nach seiner Jacke. Er wusste, dass Marlene wusste, dass das Vid gar nichts machte – nicht, wenn der, der es zusammenschneiden sollte, anderes im Kopf hatte.
Der Stiefel auf seiner Jacke hatte dort einen staubigen Abdruck hinterlassen. Zwei Buchstaben blinkten nur noch kläglich, was aus dem Schriftzug PRO PE T machte.
Yokai hatte sich am Tisch herumgedreht, an dem sie mit ihrer Schwester Kami ein knallbuntes Hologame gezockt hatte, und lachte laut los, als sie die Jacke samt Schriftzug erblickte. »Was steht da auf deiner Jacke? Propet? Bist du jetzt unter die Propheten gegangen, Kian? Hast du ein neues Callsign?«
Er zuckte mit den Schultern und hängte sich die Jacke über. Die Daredevils bildeten nun einen lockeren Halbkreis zur Theke, hinter der Purple stand und gerade Woqqa für alle einschenkte. Kurz wurde es so leise, dass Kian das Gluckern in der Flasche hören konnte, nur unterbrochen vom lockenden Gedudel des VR-Spielautomaten in der Ecke.
Bacon hatte sich auf einen Tisch gesetzt und so weit zurückgelehnt, dass er sich auf die muskelbepackten Unterarme stützen konnte. Die Tischbeine ächzten unter dem Gewicht des bärbeißigen Kerls mit dem zottigen Salz-und-Pfeffer-Bart, der eine hässliche Lederkappe über seine von Leberflecken übersäte Halbglatze gezogen hatte. Die letzten fettigen Haarsträhnen ragten darunter hervor. Rechts von ihm hatte Eyegle xiesen Stuhl zurückgezogen, vermutlich, um nicht im Falle des Falles vom zusammenbrechenden Tisch verletzt zu werden. Xier hatte die grün glimmenden, kybernetisch verstärkten Linsen auf Marlene und den Neuankömmling gerichtet, und auch die beiden Zwillingsschwestern Kami und Yokai sahen nach vorn. Neben den beiden saßen Nean und Tabs und sahen gerade von ihren Tablets auf. Beide waren wie Kian Prospects, aber das war auch schon das einzige, was sie gemeinsam hatten. Das, und das Bestreben, diesen Status vor den zwei anderen loszuwerden.
Kian setzte sich dazu.
Im schummrigen Licht des Hinterzimmers vom Loco Hana, der Stammkneipe der Daredevils, war die Gestalt hinter Marlene beinahe unsichtbar gewesen.
Sie war alles, was Marlene nicht war, und umgekehrt.
Sie war die Besitzerin des Stiefels.
Marlene, Callsign »Deardevil«, trug heute eine grauenhafte pinke Schirmmütze mit der Aufschrift QUEEN auf ihren lila gefärbten und teils etwas unmotiviert herabhängenden Locken. Marlene war weiß, ihr Gesicht faltig und um die Augen herum in einem nicht ganz treffsicheren Lilaton geschminkt. Ihre Lippen waren mit dem Alter schmal geworden, der rosa Lippenstift in den kleinen Fältchen darum geronnen. An einer Seite hing ihr Mundwinkel ein wenig, als spüre er noch dem Gewicht der Zigarette nach, die sie normalerweise darin zu tragen pflegte. Ihre Jacke zierte dieselbe Aufschrift wie die Kappe, und an einer goldenen Kette hing um ihren Hals ein weiterer Hinweis auf ihre Position innerhalb der Daredevils.
Marlene war nun einmal die Queen, die Staffelführerin im All und President der Gang auf festem Boden. Marlene war am ganzen Körper tätowiert, die Tattoos (einige davon stellten Königinnen der irdischen Vergangenheit dar), ragten aus ihrem tiefen Ausschnitt heraus und erstreckten sich bis auf die Finger, die in klassischen Fingerhandschuhen steckten. Ein kleiner Dolch war neben den rechten Augenwinkel tätowiert, ein Andenken an die Drunken Daggers, bei denen sie ihre Karriere begonnen hatte. An Marlenes Armgelenken klimperten Armreife und verzierte Lederbänder, an ihren Ohren baumelten zwei schwere goldene Totenköpfe und zogen ihre Ohrläppchen lang.
»Bros, ich will euch wen vorstellen«, raspelte ihre Stimme, und sie setzte den Chromköter, der auf den Namen MacGuffin hörte, ab. »Jeder von euch Schätzen kriegt ein Glas, aber pronto. Prospects, verteilen!«
Als Kian gehorchte, nach vorn ging und nach den von Purple gefüllten Woqqa-Gläsern griff, warf er einen Blick auf die Person neben Marlene. Sie war ein wenig kleiner und wirkte, als wolle sie unauffällig im Hintergrund bleiben, obwohl sie schon wusste, dass es ihr nicht gelingen würde.
Kurzer, schwarzer Afro. Kein Schmuck, keine Kybernetik – doch, halt: Als Kian sich zur Theke vorbeugte, sah er ein schwaches Glimmen im Kragen ihrer insignienlosen, schlichten Lederjacke. Reflexmodder in der Wirbelsäule, und sie war eitel und reich genug (gewesen?), um die beleuchtete Version zu nehmen, die durch die dunkle Haut schimmerte. Kian merkte sich das. Handelte es sich bei dem Neuankömmling um ein Corp-Turf-Kid?
Er drückte ihr ein Glas in die Hand. Sie lächelte nicht, nahm es aber an. Ihre Augen musterten ihn, die Lippen verzogen sich leicht. Sie war vielleicht Ende zwanzig, nicht viel älter als er, wenn überhaupt.
Als alle mit Gläsern ausgestattet waren, hob Marlene ihres vor ihr Gesicht.
»So, jetzt. Ich will euch meine Tochter vorstellen. Danai. Das hier ist meine Kleine, und ich bin sehr froh, dass sie uns … ich würde sagen, für längere Zeit besucht.«
Absolute Stille im Hinterzimmer. Die Türen waren so gedämmt, dass normalerweise kein Laut von draußen hereinkam und die Daredevils von außen nicht abgehört werden konnten, doch Kian konnte schwören, dass es so leise wurde, dass er von draußen angetrunkenes Lachen vernehmen konnte.
»Das ist deine Tochter?«, platzte Bacon schließlich mit einer Frage in die Stille, die sonst niemand zu fragen wagte. »Ich mein, no yolo, aber sie sieht besser aus, als du je ausgesehen hast, dear!«
»Ihr Vater ist ein Snack von einem Mann, Bacon, und jetzt lass deinen SSW-Laber, oder du siehst, was du davon hast. Ich bin stolz, dass Danai in meine Fußstapfen getreten ist und Pilotin geworden ist. Wir hatten eine Weile keinen … besonders innigen Kontakt, aber jetzt ist sie hier, und ihr werdet alle boots nett zu ihr sein, capice?«
»Corp-Pilotin ist deine Kleine geworden, was? Das ist ja eine lustige Berufswahl für das Kind der berüchtigten Deardevil«, ließ Yokai mit zuckersüßem Lächeln hören. »So sieht doch keine Free-Turf-Jockey aus, oder, Snack-Häschen?«
Beide Kommentare ließen Danais Miene gefrieren, aber sie sagte keinen Ton und reagierte auch sonst nicht nennenswert.
»Danai wird bei uns mitfliegen, und Yokai, du wirst noch froh sein, wenn sie dir den Arsch rettet, Schätzchen«, sagte Marlene eisig, und alles daran, ihre Stimme, ihre Mimik, ihr Blick, brachten Kami sofort zum Schweigen. Die fuhr sich nervös über die rasierte Seite ihres Sidecuts.
»Also, wie schon gesagt«, fuhr Marlene fort, »Danai fliegt bei uns mit, sie ist ab jetzt vollwertiges Mitglied, und ihr werdet hübsch und boots nett zu ihr sein, sie ist nämlich meine Tochter.«
Bei den Worten »vollwertiges Mitglied« schoss Kians Blick zu Nean, der ihn erwiderte. Da tauchte die Braut aus dem Nichts auf und musste sich nicht einmal von der Prospect zum Vollmitglied hochdienen? Als Tochter der Queen war sie automatisch eine Prinzessin? Nean verzog ebenfalls den Mund.
»Ist sie stumm?«, fragte Eyegle und deutete auf xiese Ohren und xiesen Mund. Kian wusste, dass die Frage nicht spöttisch gemeint war, Eyegle beherrschte die im Kobeni-Gürtel übliche Gebärdensprache, weil eines xieser Kinder gehörlos war. Danai wusste das nicht und verengte zornig die Augen.
»Bin ich nicht«, sagte sie, doch es klang, als müsse sie die Worte hervorzwingen.
»Noch eine Sache. Meine Kleine hat ein bisschen was angestellt, ihr werdet sie nicht filmen und ihr Gesicht nicht streamen, und sie wird auf keinem eurer smashwit Yologram- und Pixxor- und Wasweißich-Accounts auftauchen. Nur mit Helm oder in ihrer Maschine, also zügelt euren Durst nach Likes, Hundo P? Macht es ein bisschen mysteriös, so was mögen die Follis. So, jetzt trinken wir auf dich, Liebes«, sagte Deardevil, Queen und President, und alle hoben unter dem strengen Blick ihrer Anführerin die Gläser. »Auf meine Tochter, Danai, auf ihre Aufnahme in die Daredevils, darauf, dass sie eine von uns wird. Darauf, dass wir da draußen und hier drinnen auf ihre Sechs achten und ihre Wingpals sind.«
Sie sah Danai auffordernd an. Kian fragte sich, ob sie wusste, was von ihr erwartet wurde. Die beiden waren zusammen über seine Jacke gelatscht, Marlene hatte ihre Kleine sicher draußen schon gebrieft, wie sie sich zu verhalten hatte. Trotzdem zögerte Danai.
»Auf … auf die Daredevils«, stieß sie schließlich ein wenig verkrampft hervor und stotterte beim ersten Wort. Dann legte sie den Kopf in den Nacken und kippte den Woqqa, dieses Teufelszeug aus den Mecha-Werkstätten, das einem die Schleimhaut wegätzte. Kian erwartete, dass sie husten würde, während er seinen Schnaps in drei kleineren Schlucken trank, doch sie beherrschte sich und starrte ins geleerte Glas, als wolle sie allen Blicken ausweichen.
Ist sie schüchtern?, fragte sich Kian. Oder hält sie uns einfach nur für Abschaum?
Wenn Letzteres der Fall war, dann musste sie einigen Dreck am Stecken haben, um von ihrem vermutlich sicheren Corp-Turf und ihrem offenkundig gut bezahlten Job hierher unter die Jetflügel ihrer Mutter zu flüchten. Kian juckte es in den Fingern – vielleicht würde das Netz ihm etwas über eine desertierte Pilotin verraten.
Turf-Rock-Gitarrenklänge erfüllten das Loco Hana und vermischten sich mit dem Stimmengewirr, dem Geruch nach Leder, Maschinenöl, Ozon, Schweiß und Bier zur schäbigen Atmosphäre einer Jockey-Bar des Kobeni-Gürtels.
Danai fühlte sich wie in einer schlechten Webshow: Die Leute redeten hier wirklich so, gaben sich knallhart, tranken zu viel und lachten zu laut miteinander. Sie steckten die Köpfe zusammen, um die neusten Vids anzusehen, stritten sich über Ausrüstung, Tuning und Kompetenz und ahmten mit ihren Händen besonders spektakuläre Chopper-Manöver nach, die sie vermutlich beobachtet und wohl kaum selbst gewagt hatten. Leder, Tattoos, Cyberware und Druckanzüge waren allgegenwärtig. Gleich ob Jockey, Enforcer oder Mecha – im Loco Hana entspannten sie sich zwischen den Runs.
Allerdings fühlte sich der Raum seltsam falsch an. Die Art, wie sich die Menschen bewegten und wie verschüttete Flüssigkeit über Tischplatten rann – es lag vermutlich nur an der Methode, wie die Gravitation auf diesem Gesteinsbrocken erzeugt wurde. Nicht allein mittels Manipulation von Gravitonen-Feldern, nicht ausschließlich durch die eiernde Rotation des Asteroiden, in dem sich die Bar befand, sondern aus einer Kombination dieser beiden Techniken. Auch das trug zu Danais Eindruck bei, sich in einer Show und nicht in einer skurrilen Episode ihres echten Lebens zu befinden.
Die meiste Aufmerksamkeit zogen gerade zwei knutschende Typen an einem der Tische auf sich, die so heftig zur Sache kamen, dass sie von einer dabeistehenden Frau im Mecha-Overall johlend gefilmt und wahrscheinlich live gestreamt wurden. Sie hielt ihr zusammengefaltetes Tablet als Aufnahmegerät in der einen Hand, in der anderen eine Bierflasche, und sie schwankte sichtbar.
Wer tat sich so einen Scheiß im Datanet an? Danai musste sich konzentrieren, um nicht unwillkürlich mit den Augen zu rollen.
Mama drängte sich an ihr vorbei, in eine Diskussion mit einer Frau um die vierzig verstrickt, die durch ihre langen Dreads und das riesige Tattoo eines Dämons auffiel, das vorn und hinten aus dem Ausschnitt ihres schmuddeligen Tanktops lugte. Danai tippte, dass es sich um ein Viech aus der irdisch-indonesischen Mythologie handelte. Mama hatte ihr vorhin gesagt, dass ihre Vice-President Garuda hieß, und der unmissverständlich missmutige Blick, den sie Deardevil zuwarf, ließ darauf schließen, dass es sich um das angekündigte Streitgespräch handelte. Mama hatte prophezeit, dass sie ein solches würde ausfechten müssen, wenn sie einfach aus dem Nichts ihre Tochter mit ins Loco Hana brachte.
Es war schließlich nicht Bring-dein-Kind-mit-zur-Arbeit-Tag.
Danai nippte an ihrem Bier. Sie hatte sich an einen kleinen Tisch in einer Ecke des Raums zurückgezogen – natürlich saß sie allein. Smalltalk schied in einer solchen Umgebung für sie aus. Selbst wenn das alles ihr vorkam wie eine Soap-Show im Netz: Sie musste es ernst nehmen und durfte es sich nicht erlauben, Schwäche zu zeigen. Einer der Gründe, aus denen sie bei genau einem Glas bleiben würde. Sich hier mit diesem wahrscheinlich selbstgebrannten Woqqa-Fusel abzuschießen wäre wohl ihre schlechteste Idee, seit sie aus dem Corp-Turf abgehauen war. Immerhin schmeckte das lokale Zeug erstaunlich gut, viel besser als das charakterlose Gesöff aus der Offiziersmesse.
Aber das tröstete sie kaum über die fremde Umgebung, die unbekannten Leute, die ungewohnten Sitten und diese sexuell aufgeladene und gleichzeitig irgendwie unkalkulierbar gewaltbereite Atmosphäre hinweg. Nicht, dass sie diese toxische Proll-Attitüde nicht von der Akademie kannte, aber damals waren sie wenigstens alle Neulinge gewesen, und die Regeln wurden ihnen von den Ausbildenden ständig ins Hirn geschrien.
Zu allem Überfluss hatte Mama sie bei ihrer Vorstellung zu einer vollwertigen Jockey befördert. Danai zweifelte keine Sekunde daran, dass sie das fliegerisch verdient hatte. Sie hatte es nun mal drauf, und das wusste selbst Mama. Aber diese retardierte Bande von likesüchtigen Alkis, die sich Daredevils nannte, wusste es nicht. Eigentlich mussten Anwärterinnen eine Phase der Demütigung und Selbstbehauptung durchstehen – einer Grundausbildung nicht unähnlich, kam ihr in den Sinn – und sie hatte das einfach übersprungen. Das würde man ihr nicht so leicht verzeihen.
Danai hatte Schutz gesucht, ja, ein verdammtes, neues Zuhause, nachdem sie Hadronic hinter sich gelassen hatte. Dass sie aber gleich mit fliegenden Fahnen in die Gang aufgenommen wurde, war nicht abgesprochen gewesen. Jetzt konnte Danai allerdings auch nicht zurückstecken. Weder konnte sie es mit ihrem Ego vereinbaren, sich selbst zum Prospect zu erklären, noch würde eine solche Bescheidenheit ihr Standing hier verbessern. Es wäre genau das Zeichen von Schwäche, auf das diese Raubtiere lauerten.
Sie wurde schon die ganze Zeit beobachtet, und es war nur eine Frage der Zeit bis … ja, da kam sie auch schon, die Quittung für die Anmaßung, die Mama ihr eingebrockt hatte: Die drei Prospects der Gang steuerten, nach einer Druckbetankung sichtlich angetrunken, von der Bar aus auf sie zu. Drei gekränkte Halbstarke, das bedeutete Ärger.
Danai blieben nur wenige Optionen. Sie konnte ihr kaum geleertes Bierglas stehenlassen und sich ins Quartier verkrümeln, das Mama ihr schon im ehemaligen Arbeiterkomplex des Minenasteroiden zugewiesen hatte. Aber jetzt einfach zu verschwinden würde die Konfrontation nur hinauszögern. Sie sah sich um. Von der President keine Spur. Letztlich war das gleichgültig. Wenn Danai jetzt nach ihrer Mama rief, wäre sie endgültig unten durch.
»Da ist es ja, unser neues Vollmitglied«, spottete die junge Frau in der Mitte des Trios. Ihre kleine Gestalt und die zarten Gesichtszüge standen im Kontrast zu ihrer Glatze und dem Tank-Top, das den Blick auf ihre kräftigen Arme frei ließ. Subkutane Stränge unter dunkler Haut verstärkten ihre Oberarmmuskeln und vermittelten zusammen mit Schlangentattoos den Eindruck eines wimmelnden Gewirrs auf ihrer Haut. Callsign »Tabs«, erinnerte sich Danai.
Zu Danais Linken beugte sich ein schmächtiger, weißer Kerl mit langer, platinblonder Haarmatte zu ihr herab und grinste herausfordernd. Eine neurologische Schnittstelle war seitlich an seinem Hals angebracht und in seine nackte Hühnerbrust waren zahlreiche Zierblättchen implantiert.
Dean, oder so? Nein, Nean. Noch ohne Callsign.
Ganz rechts und etwas abseits stand der dritte, auf dessen Jacke sie beim Eintreten gelatscht war, weil ihr Blick so angespannt von Gesicht zu Gesicht gewandert war. Mit verschränkten Armen und düsterem Blick musterte er sie. Er war stämmig und muskulös, bartlos, das lange Haar zu einem Dutt gebunden. Er war Navig oder wollte zumindest den Anschein erwecken, denn ein Geflecht von dunklen und dennoch fluoreszierenden Linien bedeckte Arme, Hände, Finger und Hals. Es breitete sich sogar im Gesicht übers Kinn und wie zwei stilisierte Flügel über die Stirn aus. Die Tätowierungen wirkten wie irgendetwas zwischen Datenleitungen und Beschwörungssymbolen einer vergessenen Religion. Kian, Callsign »Marauder«, oder war es »Prophet«? Zu viele neue Namen …
Die drei trugen, wie beinahe alle hier im Raum, ärmellose Kutten mit Projektionen des Ganglogos auf dem Rücken: dem Teufelsgesicht mit der Retro-Fliegerbrille. Alkoholgeschwängerter Atem schlug ihr entgegen.
Danai lehnte sich in ihre kunstlederbezogene Sitzbank zurück und gab sich Mühe, ganz entspannt zu wirken.
»Andere müssen hier hart arbeiten. Aber mit einer Mum, die zufällig Queen und President ist, erspart man sich jede Menge Drecksarbeit. Nicht wahr, Prinzessin?«, fragte Tabs, als befänden sie sich gerade bereits mitten im Gespräch.
Nean lachte dreckig, als hätte die Glatzentussi etwas besonders Schlagfertiges gesagt. »Ha! Genau – Prinzessin!«
»Leck mich«, antworte Danai nur und nahm demonstrativ gleichgültig einen Schluck Bier.
»Oh«, spottete Tabs und deutete eine fahrige Verbeugung an, »verzeiht, Eure Hoheit, dass das Fußvolk Eure Kreise stört. Dann lasst doch die Hose runter, damit ich der durchlauchtigsten Anweisung den königlichen Arsch betreffend besser nachkommen kommen!«
Nean überschlug sich vor Lachen und hämmerte mit der Faust auf den Tisch, immer noch nach vorn gebeugt. Er schien nicht die hellste Diode in der Konsole zu sein, wohingegen Tabs sich übertrieben gewählt ausdrücken konnte.
»Was denkst du dir, Frischling?«, hakte Kian ein. »Kommst hier ins Loco Hana, kriegst von deiner Mami ’ne boots Extrawurst gebraten, und anstatt uns ein Bier auszugeben wie ein Ehrenbro, kriegen wir von dir nur ein ›Leck mich‹? Aus welchem Grund hältst du dich für was Besseres, du Corp-Frakster?«
Danai beugte sich nach vorne, um zu antworten. Wie immer in Situationen dieser Art kämpfte sie darum, die passenden Worte aus ihrem Mund zu pressen und suchte nach alternativen Wegen: Wörter, die nicht mit Vokalen begannen. ›Arschloch‹, ›aber‹ und ›albern‹ fielen damit weg.
Wie sollte das für sie in dieser verdammt lächerlichen Jockey-Soap-Show funktionieren? Wäre sie in der Lage, einen coolen Spruch zu droppen, hätte sie dem Trio damit vielleicht schon den Treibstoff aus den Triebwerken nehmen können, aber dieser Pfad stand ihr wie üblich nicht offen. Natürlich war sie nervös, wenn drei mit Wut und Alkohol vollgetankte Free-Turfler vor ihr standen – wie es jeder andere Mensch, egal wie hart drauf, in dieser Situation auch wäre. Aber ihr Stottern versaute ihr jeden lässigen Spruch, und wenn das Stottern ihn nicht versaute, dann das Nachdenken darüber, ob das Stottern ihn versauen würde. Dieses Drecksstottern gesellte sich zu ohnehin schon vorhandener sozialer Anspannung wie die Follower zu einem Gramstar. Und die Hyänen vor ihr würden ihre Sprechweise als nackte Angst auslegen, was den Jagdtrieb nur noch mehr anstacheln würde.
»I–, nein, will keinen Stress, nur in Ruhe mein Bier trinken.« Alle Corp-Strategien, die sie kannte, um flüssig zu sprechen, waren vergessen. Andererseits hätte es hier auch kaum geholfen, wenn sie den Satz gesungen hätte. Also stotterte sie ihn.
Und so sicher wie das Prost in der Bar lachte Nean sie aus.
»Ru-ru-ru-ru«, äffte Tabs sie zeitgleich nach. »Jetzt hast du die Prinzessinnenhosen voll, was?«
Danai hasste nichts im Leben so sehr wie dieses Nachäffen. Für sie war es nicht einfach Spott, wie er eben unter Jockeys, unter Pilotinnen, unter Angetrunkenen üblich war; für sie war es wie das Aufstoßen einer Tür zu all den vergangenen Schmähungen, und schlimmer noch: zum Ärger über sich selbst, nicht einfach normal sprechen zu können, zur Frage, ob sie es nicht einfach genug wollen musste, damit es doch klappte. Irgendwo musste dieser Zorn jetzt hin. Pech für die erbärmlichen Prospects. Leider blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als diesen drei Affen die Fressen blutig zu schlagen. Tabs, auf die sich ihre Wut fokussierte, war allerdings außer Reichweite. Sie nahm das zweitbeste Ziel: den vorgebeugten Nean und sein fieses Lachen. Ihre Faust traf ihn voll; ohne auszuholen ließ sie die Rechte vorschnellen und pflanzte sie seitlich in seine Fratze, wie einen brutalen Kuss direkt auf den Wagenknochen. Die Wucht des Hakens riss den Kerl von den Beinen. Er knallte am Tischrand auf und glitt dann unkoordiniert mit den Armen rudernd zu Boden.
Noch in der Schlagbewegung war Danai aufgesprungen, aber Tabs hatte auch keine Sekunde gezögert. Sie packte Danai am gefütterten Kragen ihrer Fliegerjacke. Zum Glück verließ sich die Prospect dabei vor allem auf ihre verstärkten Cybermuskeln. Danai stieß einmal mit dem Kopf nach hinten, um den Reflexmodder einzuschalten und spürte dann das rauschartige Gefühl, als ihre körperlichen Reaktionen übermenschlich beschleunigten.
Dazu kam ihr Training im Hadrona, der bei Hadronic Inc. favorisierten und für alle Mitglieder der Streitkräfte obligatorischen Kampfkunst. Sie drehte sich seitlich und schlug in einer raschen Bewegung mit dem Ellbogen von oben auf die sie greifenden Arme. Schon war sie dabei um den Tisch, bekam Tabs’ Kopf zu fassen und drückte fest zu, ein Griff wie in einem Schraubstock. Danai fühlte die aus Schmerz und Orientierungslosigkeit geborene Panik ihrer Gegnerin. Die Frau tastete wild herum, griff sich eine Flasche und zerschmetterte sie auf der Tischplatte.
»Stopp!«, schrie Kian. Tatsächlich atmete Danai einmal tief ein und ließ von Tabs ab, bevor das hier in einer blutigen Sauerei für eine von ihnen beiden gipfeln würde.
Tabs hielt den Flaschenhals, der in messerscharfe Glassplitter auslief, in der rechten Hand, und rieb sich mit der anderen den Kopf. Nean hievte sich mühsam hoch, setzte sich auf den Tisch und hielt sich den Kiefer. Eine Menge Augenpaare aus dem Raum richteten sich auf das Geschehen. Marlene schlug einer Frau im Mecha-Overall das vermutlich immer noch filmende Tablet aus der Hand.
Keine Pics von ihrer Tochter.
Während Danai noch für einen Wimpernschlag dankbar für diese rasche Reaktion war, stellte sich Kian zwischen Tabs und Danai, hielt beide Kontrahentinnen mit den Armen auf Abstand.
»Stopp!«, wiederholte er. »Regt euch mal ab! Wenn ihr euch die Fressen einschlagt, wissen wir am Ende doch immer noch nicht, ob unser Prinzesschen den Jockeyposten verdient hat oder nicht. Wir klären das HOTAS, im Cockpit.«
Danai nickte, zufrieden mit der Entwicklung. » Ich gegen euch drei Witzfiguren.«
Tabs spuckte aus. »Lern du erstmal, ›Witzfiguren‹ graderaus zu sagen, Missy!«
Danai spürte den Zorn wieder in sich aufsteigen, diesmal aber kälter, geduldiger, berechnender. Kian funkelte seine Bro an. »Gegen uns drei gleichzeitig?«, wandte er sich dann an Danai. »Vielleicht besser, wenn du früh merkst, dass du nicht unbesiegbar bist. Wenn du die Abreibung unbedingt auf diese Weise kassieren willst, sind wir dir ergeben zu Diensten und verpassen sie dir morgen nach dem Frühstück. Wir treffen uns auf dem Flugdeck.«
Danai nickte. »Null Neunhundert?«
Kian pfiff verächtlich. »Corps-Gelaber. Ja, ungefähr. Kann auch was später werden, ich schlaf gern aus.«
»Wir werden sehen, Prophet«, sagte sie.
»Mein Callsign ist Marauder!«
»Schon klar, Prophet.« Jockeys konnten natürlich versuchen, ein Callsign für sich zu etablieren. Aber wenn sich eine Staffel einmal auf einen Rufnamen eingeschossen hatte, wurde man den nicht los, und Danai hatte ein Gespür dafür, wann ein Callsign dabei war, sich einzuschleifen. Kian wandte sich zum Gehen. Nean war schon verschwunden, vermutlich auf der Suche nach einem Beutel Eis, während Tabs immer noch unschlüssig herumstand. Die zerbrochene Flasche hatte sie zu Danais Erleichterung wieder auf den Tisch gelegt. Kian drehte sich um und richtete sich noch einmal an sie: »Apropos Callsign: ich will wissen, wen ich morgen in meiner Zieloptik haben werde, Frischling. Um Null Neunhundert. Epsilon-17, oder wie immer ihr euch in der Konzernfliegerei so nennt, is‘ hier nicht. Wie nennen wir dich unter Daredevils im Cockpit?«
Sie hatte sich bereits Gedanken dazu gemacht. Natürlich: Ein Callsign war essenziell in der Jockeykultur, sie kannte die Klischees.
Bisher war ihr nichts eingefallen.
Icarus, die mit brennenden Flügeln mit ihrer Flugkunst zwischen Sonne und Meer bestehen musste? So hatte ihre erste Freundin auf der Flugakademie sie genannt. Nein. Keine Worte mit I am Anfang.
Proton? Sie schüttelte den Kopf, das erinnerte zu sehr an ihre Hadronic-Vergangenheit.
Hummingbird, passend zu einigen ihrer besseren Manöver? Zu platt.
Vortex, die die Falschen in den Abgrund zieht? Nein, keine Lust auf ständige Gewissenbisse. Sie hatte nur Befehle befolgt.
Sie entschied sich spontan für etwas anderes – etwas, das die Staffel sicher problemlos akzeptieren würde.
»Princess«, antwortete sie. Sie sprach es aus, ohne zu stottern. Vielleicht ein gutes Omen. »Mein Callsign ist Princess.«
»Ernsthaft? Wie passend«, sagte Kian. »Den Rest klären wir morgen – im All!«
Dare to fly
//Wizzler
Feed von @GarudaDD // neueste Kommentare ihrer Fans
Gramstar999: Geile Stunts da draußen! Hast du jemals im blassen Mondlicht mit einem Daredevil getanzt? Dass es die Neue so drauf hat wie @GarudaDD bezweifle ich aber!
Tox-O-Meter: Ich habe gehört, jede Minute im Orbit um ein schwarzes Loch macht dich ein Jahr jünger. @Deardevil sollte das vielleicht mal versuchen, wenn sie weiter mithalten will.
Drei Maschinen jagten mit Vollschub auf Danai zu. Eine gegen drei – die armen Schweine hatten keine Chance.
Danai widerstand dem Impuls, beizudrehen, sich vorerst aus dem Staub zu machen und eine Gelegenheit zu suchen, bei der sie aus einem günstigeren Winkel würde angreifen können, der es ihnen nicht erlauben würde, sofort zurückzuschießen. Nein, durch Weglaufen machte man sich in einem Kurvenkampf nur zum Opfer. Sie war keins. Also drehte sie die Nase ihrer I-9 Slipstream den Kontrahenten entgegen und drückte den Schubhebel bis zum Anschlag nach vorn.
Sie grinste: Zum Glück saß sie im Cockpit! Anders als in der schmierigen Jockeybar wusste sie hier, was von ihr erwartet wurde, wie sie eine Auseinandersetzung überstehen konnte, ohne das Gesicht zu verlieren. Sie genoss die vertraute Beschleunigung, die sie in den Sitz presste, das Adrenalin, das der nahende Raumkampf durch ihre Adern jagte, genoss es, wie ihre Aufmerksamkeit sich wie durch das Drehen eines Reglers, der sich nur im Cockpit drehen ließ, aufs Äußerste steigerte. Danai, nein, Princess nickte mit dem Kopf nach hinten und spürte das Kribbeln im Nacken, ein Zeichen dafür, dass ihre Cyberware erwachte, um ihre Nerven wie Drahtseile zu spannen. Sie bildete sich ein, die Wärme der elektrischen Impulse zu spüren, die ihre Wirbelsäule entlangliefen und sich als wohlige Euphorie in ihrem Körper breitmachten, um ihren Reflexen diesen zusätzlichen Kick zu verleihen.
Mit einer Beschleunigung von mehreren tausend Metern pro Sekundenquadrat auf drei waffenstarrende Chopper zuzurasen war sicher nichts, was die meisten Menschen unter Spaß verstanden, zumindest dann nicht, wenn sie so etwas nicht lediglich mit VR-Brille konsumierten. Danai stand drauf. Bereits nach wenigen Sekunden waren die drei gegnerischen Daredevils auf Waffenreichweite heran und eröffneten das Feuer.
Ein Hagel aus Leuchtspurgeschossen sirrte an ihrem Chopper vorbei. Dieses Sperrfeuer musste den Munitionszähler der Prospects wie einen Kreisel gen Null drehen lassen.
Diese N00bs!
Schließlich betätigte auch Danai den Auslöser an ihrem Steuerknüppel. Kurze, fiese Feuerstöße. Ein Wirkungstreffer war unwahrscheinlich, da sie selbst ständig kleine Ausweichkorrekturen fliegen musste. Aber das war auch nicht nötig, sie wollte die drei bei diesem Tanz nur ein wenig aus der Ruhe bringen.
Die Raumjäger auf null Uhr – ihre Silhouetten erinnerten sie an Adler, groß und kraftvoll – waren schwerer gepanzert und spuckten ihre Verachtung für Danai aus einer größeren Anzahl Mündungsrohre. Ihre Slipstream war dagegen ein Falke. Sie war nur mit den Zwillingsläufen im Bug bewaffnet, aber sie konnte die geringere träge Masse ihres Abfangjägers agiler ausrichten. Außerdem verfügte sie über die Reflexe, Konstitution und Erfahrung, um auch bei abrupten Richtungswechseln ein Ziel anvisieren und treffen zu können.
Und genau das tat sie. Während die drei Chopper an ihr vorbeirasten und bereits in zu weiten Kurven zu einem zweiten Anlauf ansetzten, ließ sie ihren Slipstream-Abfangjäger mit kurzen Stößen aus den Manöverdüsen waagerecht um die Mittelachse rotieren und feuerte eine Salve in den leeren Raum – direkt in die erhoffte Flugbahn eines dieser Möchtegern-Jockeys.
Ihre Erwartung wurde nicht enttäuscht: Volltreffer! Der Chopper kreuzte die Bahn der Geschosse, die als blaue Mikro-Blitze über seine chromglänzende Oberfläche tanzten. Das Leuchten seiner Triebwerke erstarb, und er trudelte hilflos im All. In einem echten Gefecht wäre er bei einem solchen direkten Treffer aus nächster Nähe in Stücke gerissen worden – Panzerung hin oder her. In diesem Fall aber registrierten die Hüllensensoren der Maschine die elektrische Ladung der Übungsmunition, und eine Bordsoftware nahm Neans Maschine im Trainingsmodus für den Rest des Tanzes aus dem Spiel, indem sie alle nicht-lebenswichtigen Systeme herunterfuhr.
Dann waren es nur noch zwei – Tabs und Prophet.
Diese beiden hatten sich schnell vom Schreck erholt und die wenigen Sekunden genutzt, die Danai benötigte, um sich nach dem Manöver zu orientieren und sich von den Beschleunigungskräften, die der Trägheitsdämpfer nicht völlig hatte kompensieren können, zu erholen. Die beiden Jäger hefteten sich an ihr Heck und feuerten erneut aus allen Rohren. Danai flog ständig abrupte Kurswechsel, um einem Treffer zu entgehen, aber so würde sie sie nicht abschütteln.
Ein Aufblinken der Comm-Anzeige verriet ihr, dass sie gerufen wurde, aber Danai hatte keine Lust auf die Sprüche, Angebereien und Drohungen ihrer Verfolger. Sie ließ die Anlage stummgeschaltet. Sie war nun Princess, und Princess fühlte sich geradezu lächerlich selbstsicher – selbst mit zwei gegnerischen Schiffen am Heck. Sie wusste, dass Können von unten wie Arroganz aussah, aber sie war nun einmal gut. Verdammt gut. Vielleicht einfach die Beste.
Und dennoch: Auch im Trainingsmodus konnte diese arrogante Tollkühnheit sie das Leben kosten, warnte eine leise Stimme in ihrem Kopf. Das unkontrollierte Manöver hätte auch in einer katastrophalen Kollision enden können, und das alles nur für einen Fake-Abschuss, um zu klären, wer die dickeren Eier in Stock oder Hose hatte. Dennoch erlaubte sie sich ein kurzes Lächeln. Dieses archao-anarchische Umfeld ihrer lange ignorierten Mutter, die ebenso ungeschriebenen wie ihr unbekannten neuen Regeln, all das war hier und jetzt vergessen.
Zum Glück war ihre Konkurrenz entweder geil darauf, sie fertigzumachen, oder Danai hatte sie mit Neans schnellem Abschuss aufgestachelt: Sie konzentrierten sich jetzt ganz auf die Jagd und verschwendeten keinen Gedanken an Staffeltaktik. Einer der beiden hätte sie ablenken, sich als Ziel präsentieren oder sie in eine Serie von Scherenmanöver verwickeln können, während die andere ihre Maschine in Ruhe ins Visier nahm: ein klassisches Sandwich. Da sie das nicht taten, hatten sie zwar beide eine starke Position, aber damit konnten sie Danai weder überraschen noch aus der Reserve locken. Trotzdem durfte sie jetzt nicht zulassen, dass es sich die beiden Prospects dort hinten gemütlich machten. Früher oder später würden sie sich auf sie einschießen.
Wie, um das zu bezeugen, sah sie blaue Funkenentladungen auf der langgezogenen Nase ihrer Slipstream aufflackern. Nicht genug, dass das System sie als zerstört verbuchte, aber genügend Motivation, diese Sache rasch zu beenden. Sie setzte zu einer Fassrolle an: Während sie den Schubregler zu sich zog und am Steuerknüppel riss, feuerte sie die Bremstriebwerke und die Manöverdüsen. Die beiden Prospects versuchten, ihr zu folgen, aber sie gingen nicht so weit wie Danai, setzten ihre Körper nicht der Belastung eines derart heftigen Richtungswechsels aus. Die G-Kräfte, die trotz Kompensator zu ihr durchkamen, zogen an ihr, pressten die Luft aus ihren Lungen und das Blut aus ihrem Hirn. Die Welt wurde erst in ein blasses, dann ein tiefes Rot getaucht, Danai fühlte den Rand einer Ohnmacht locken und grinste: Keine große Sache, nichts, was sie nicht schon hunderte Male geübt hätte. Wenn sie ehrlich mit sich war, liebte sie diesen Moment, in dem sie den Grenzen ihres eigenen Körpers nah kam, er war etwas ganz und gar Außergewöhnliches – ihr Sichtfeld zog sich so weit zusammen, dass sie kurz davor war, sich selbst im All zu verlieren. Dann ließ der Druck in ihrem Schädel schlagartig nach. Sie sog die Luft ein, Euphorie und die Lust an der Angst vor dem Kontrollverlust fluteten ihre Adern. Und der Einsatz lohnte sich. Während sich die beiden Prospects noch in der Rolle befanden, setzte sich Danai hinter sie. Einer der beiden Chopper tauchte direkt im Fadenkreuz ihres Zielsystems auf.
Feuer.
Treffer!
Ziel zerstört.
Sie erlaubte sich ein erneutes Grinsen.
***
»Tabs? Melden, Tabs!« Das Comm schwieg ihn an. Tabs war raus.
Was für eine verdammte Killerpilotin! Wie konnte es sein, dass die ganze Sache noch keine Minute dauerte, in der sie bereits seine beiden Wingpals erledigt hatte? So etwas hatte Kian noch nie erlebt. Princess würde heute den Tag ihres Lebens haben, nachdem sie ihnen diese Abreibung verpasst hatte. Drei gegen eine – was bei allen verglühenden Sonnen war hier gerade passiert?
»Verdammte fick-smash Kackscheiße! Diese verfluchte Frakster!«, verbalisierte er seinen Frust ins Comm. Keine Antwort. Sowohl seine deaktivierten Flügelbros als auch seine Gegnerin schwiegen. Das war überhaupt das Schlimmste daran: Princess führte sie hier vor, schoss sie ab wie blutige Laien, vermieste ihnen die Aufnahme als Vollmitglied – und noch schlimmer: War es möglich, dass sie das Ganze nicht einmal streamte? Ein unglaubliches Beispiel an fliegerischem Können, undokumentiert? Die geistreicheren Spitzen, die Kian am Anfang des Kurvenkampfs vom Stapel gelassen hatte, waren ins Leere gesendet worden, unerwidert! Er konnte es nicht fassen.
Wenn dieses Vid getrendet wäre, hätte Kian trotz Niederlage davon profitiert. Aber diese Konzerngöre war nichts weiter als eine Frakster, die beiläufig Jäger aus dem All pustete – ohne Respekt für die Lebensart der Chopper-Jockeys. Ihr halsbrecherischer, angeberischer Scheiß hatte sie obendrein unnötig gefährdet – in einem Übungsduell. Und sie antwortete noch nicht einmal, immer noch nicht! Kian war außer sich, und das wurde auch nicht besser, als er das nur nachlässig abgekratzte Konzernlogo auf ihrer Hülle erkannte, während die Maschine über ihn hinwegschoss. Sie hatte nicht einmal genug … genug Spirit, um es richtig zu entfernen oder mit einem Paintjob zu verbergen (oder verbergen zu lassen, die Sterne wussten, dass sich die Zwillinge um so was rissen!).
Kians Manta war ein Aufklärer und leichter Bomber, kein Raumüberlegenheitsjäger. Ohne Flügelbro hatte er keine Chance gegen diese Pilotin und diesen wendigen Chopper. Resigniert nahm er die Hände von den Kontrollen und ließ sich im Sitz zurücksinken. Er wartete darauf, dass jetzt jeden Moment alle Systeme um ihn herum schwarz werden würden, vielleicht bis auf eine blinkende Nachricht, die ihn verhöhnen würde: »Du wurdest zerstört, Loser!« Aber die Sekunden verstrichen, ohne dass etwas geschah. Er blickte sich um. Überrascht entdeckte er Danai ganz nah: Sie flog rechts neben seinem Chopper, parallel zu seinem Kurs, und blickte in ihrem schlichten Druckhelm, an dem alles bis auf die auch hier abgekratzten Logos »Corp-Turf« schrie, zu Kian ins Cockpit.
Jetzt schaltete sie ihr Comm doch an. »Prophet«, hörte er ihre Stimme.
»Princess. Keine Lust auf einen weiteren Trainingssieg?«
»Nicht nötig. Ich denke, es ist jetzt klar, wer von uns das Ass im Ärmel der Daredevils ist. Es ist auch klar, warum auf meiner Jacke ›Jockey‹ steht und auf deiner ›Prospect‹. Und dass das nichts, aber auch gar nichts, mit meiner Mama zu tun hat. Haben wir uns verstanden?«
»Offensichtlich«, gab Kian zerknirscht zu. Er war nicht mal mehr wütend, eher fühlte er sich beschämt. Verlieren war eine Sache, aber wie hatten sie sich so vorführen lassen können?
»Hey, Princess! Warum hast du nichts davon gestreamt? Bist du ’ne Frakster, die es nicht nötig hat, oder was?«, setzte er noch nach.
Ein kurzes Schweigen. Dann, es klang beinahe nachdenklich: »Weißt du was, Typ, ich hab noch nicht mal einen verdammten Account.«
Danai starrte auf das Tablet.
Das flexible Polymer war bis auf einen schmalen schwarzen Streifen am linken Rand durchsichtig, sodass sie die Tischplatte darunter sehen konnte: Aluminium, irgendwann einmal glattpoliert, mittlerweile zerkratzt und von hässlichen Flecken übersät. Das war nun ihr Tisch. In ihrer Kabine. In einer Asteroidenstation, deren taumelnde Schwerkraft ihr immer noch ein mulmiges Gefühl gab, sobald sie die Schwerelosigkeit ihres Choppers hinter sich ließ und Hangarboden betrat. Eine schmale Tür führte in eine winzige Nasszelle, in der sich alles Notwendige aus den Wänden klappen ließ. Der Rest des Raums war nicht viel größer: ein Bett, das gleichzeitig als Schrank diente – gerade stand es aufgestellt an der Wand, aber mit dem Lösen zweier Hebel und einem kräftigen Ruck konnte sie es herabziehen und dann auf einer sich bedauerlicherweise nicht mehr auf ihre Körperform anpassenden Formschaum-Matratze auf der Rückseite des Schranks schlafen. Im Schrank befanden sich Gurte, um die Klamotten zu befestigen. Da sie erst nicht gewusst hatte, wozu diese gut waren, waren ihre wenigen Besitztümer durcheinandergepurzelt, als sie sich von der grimmigen Garuda hatte zeigen lassen, wie sie in diesem Albtraum von beengter Kabine schlafen konnte.
Garuda hatte sie zufällig im Korridor getroffen. Die hagere Frau mit den Dreadlocks und dem Dämonenvogel, der auf ihren Rücken tätowiert war und seine Arme um ihren Hals geschlungen hatte, hatte zwar mehr Abneigung für Mama übrig als für Danai, aber sie ließ auch Danai deutlich spüren, dass sie nicht wusste, was diese in der Gang zu suchen hatte.
Danai wusste es selbst nicht.
Zu den wenigen Gelegenheiten, zu denen sie sich »planetside« im Hadronic HQ befunden hatte, hatte sie ein Zimmer mit Fenster bewohnt. Klar, Papa hatte dafür gesorgt, nur das Beste für sie, nicht wahr?
Um gewisse Dinge hatte sich immer Papa gekümmert. Und jetzt kümmerte Mama sich um sie. Sie war einunddreißig, verdammt! Es war deprimierend.
Deprimierend wie das ausgeschaltete, durchsichtige Tablet vor ihr.
Sie presste den Daumen auf eine runde Markierung am schwarzen Rand, und so wie sich der Kleiderschrank in ein Bett verwandeln konnte, verwandelte sich das dünne Kunststofftablet, das eher einem durchsichtigen Tisch-Set ähnelte, in ein Fenster zur Galaxis.
Sie starrte hinunter und hinaus.
Der Browser machte ihr einige Angebote, doch sie hatte das Tablet neu erstanden und sich noch keine Accounts erstellt, keine Einkäufe getätigt und keine ID hinterlegt. Da sie weder Kopfhörer noch Zimmerboxen eingeloggt hatte, teilte es ihr lautlos mit, wer die Castingshow auf Arapnap Vee gewonnen hatte, und dass Digits AI eine neue Konzernkanzlerin gewählt hatte. Außerdem fragte es nach ihren Kaufinteressen. Von Gesichtslosen wie ihr wurden offenbar gerade die »MassAcc-Hawk-VI«, eine, so der Text, »handliche Schusswaffe für den Privatgebrauch«, und die »günstigsten Flugtickets auf allen gängigen Highways« bevorzugt, sodass sie dementsprechende Werbung erhielt.
Zögernd hob sie das Tablet an, knickte es leicht und stellte es auf. Es projizierte sofort eine Tastatur vor sie auf den Tisch und fragte, ob sie es per Stimmerkennung steuern wolle.
Vielleicht war es ein wenig paranoid, aber weder Stimmerkennung noch ein Einloggen in alte Accounts kam für Danai infrage, egal, wie abgelegen diese Highwayausfahrt lag. Sie schloss die Stimmerkennungsanfrage und öffnete stattdessen einen Browser. Schloss ihn wieder.
Öffnete LoggTube und starrte übellaunig auf die Startseite. Nein, bei allen interplanetaren Geistern der Vergangenheit: Sie würde nicht ihre Fresse in eine Kamera halten, sie würde nicht in irgendein Mic stammeln und sich dem Spott aussetzen, dass sie nur im Cockpit geradeaus sprechen konnte.
LoggTube schließen. Pixxor öffnen.
Die gängigsten Social Media waren schon vorinstalliert, gaben ihr einen kleinen Einblick in die Funktionen und lockten mit weiteren, sobald sie sich anmeldete. Je mehr du preisgibst, schienen sie zu wispern, desto toller wird es hier mit uns!
Sie biss die Zähne zusammen.
D-A-R-E-D-E-V-I-L-S. Der Gangname ergab nicht eben wenige Treffer. Es schien auch einen uralten Comichelden gleichen Namens zu geben, zu dem immer noch Fanart herumgeisterte. Ihr Finger schwebte über dem M, um den Namen ihrer Mutter einzutippen, doch dann entschied sie sich um. Kian, tippte sie. Sie wusste seinen Nachnamen nicht, nicht einmal, ob er sich denn jetzt Prophet oder Marauder nannte – und ob er überhaupt Entscheidungsgewalt in dieser Sache hatte.
Diese Einengung jedenfalls ergab einen Treffer – Kian Parata, Prospect der Daredevils.
Sie hielt sich selbst davon ab, das Gesicht in den Händen zu vergraben, aber die Foto- und Videogalerie provozierte zum Fremdschämen.
Vielleicht habe ich zu behütet vor mich hingelebt. Hier sind die Sitten rauer. Hier ist es vielleicht normal, dass man Tattoos postet, die normalerweise von der Hose bedeckt werden.
//Pixxor
Das Vid auf Pixxor läuft automatisch ab, eine Kamera folgt den Linien auf Kians Körper, während oben zwischen seinen Schulterblättern noch eine leere Stelle von einer ebenfalls am ganzen Körper tätowierten Frau gefüllt wird, die mit etwas hantiert, das nach einem traditionellen Tätowierwerkzeug aussieht. Es ist nicht zu sehen, wer die Kamera führt – vielleicht ist es eine Drohne, denn sie fährt den fluoreszierenden Linien auf Kians Körper mit einer Präzision nach, die das Ganze vielleicht doch trotz des nackten Hinterns, der sehr präsent in die Kamera ragt, zu einer Art Kunstform macht. Die Kamera gleitet nun von Kians Linien auf die Hände der Tätowiererin über, für die prompt Werbung eingeblendet wird, bei der schon allein die Schriftart Abzüge gibt, was die Seriosität angeht:
Traditionelle Navigtattoos Tā moko
einzigartig – schmerzhaft – nur für die Harten
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Beliebteste Kommentare
GloryToTheQuing: Arsch mit Tattoos. So was kann nur im Kobeni-Gürtel Kunst sein.
MarauderDD: *Mein* Arsch mit Tattoos ist überall Kunst.
Dass Kian der Legende der Navigatattoos aufsaß, schien Danai nicht verwunderlich. Sie sah dem Video fasziniert weiter zu: Die Frau öffnete mit einer sehr langen und sehr dünnen Klinge, die weiß und beinern glänzte, die Haut in vielen kleinen Rissen und gab dann mit zwei klauenartigen Fingernägeln der anderen Hand erst ein Pulver und dann eine Art Öl in die winzigen Wunden. Wann immer ihre Finger im Blickwinkel der Drohne wieder sichtbar wurden, glänzte das Öl bläulich schillernd an diesem einen Nagel. Danai runzelte die Stirn. Kian hatte vermutlich keine Ahnung, was er da unter seine Haut ließ, und erfreute sich einfach nur an der Optik.
Und den Likes.
Sie seufzte. Wegen der Likes war sie auch hier, oder?
Sie scrollte rasch durch Kians Pic-Galerien.
//Pixxor
Gallery MySweetChopper (13.051 Pics)
zeigt genau das: Kians Manta aus allen Perspektiven, im Hangar, im All, über einer öden Planetenoberfläche, das Cockpit von innen und außen. Manchmal Kian halbnackt mit ausgebreiteten Armen, auf einem Flügel des rochenartigen Jägers drapiert.
Gallery Manta Paintjobs und Tunings (5.735 Pics)
zeigt variierende Lackierungen der Manta, neue Teile, Chrom, immer mal wieder subtil ins Bild gerückte Politur der Marke Foamo oder den ROFL-Energydrink Lite.
Gallery Influence (604 Pics)
zeigt ROFL-Energydrinks Lite und Politur Foamo deutlich weniger subtil, meist in Kians Hand, während die andere einen Daumen nach oben zeigt. Manchmal krault er Deardevils Cyberdoggo MacGuffin.
Gallery Privat (7.406 Pics)
ist trotz des Namens nicht privat und zeigt Pics, in denen Kian wechselnde Leute umarmt, während beide Selfie-Posen machen oder sich übertrieben fotogen küssen. Kian mit anderen Daredevils. Kian erneut mit dem hässlichen Chromdoggo, Kian und Eyegle, die lachend versuchen, die Kamera zuzuhalten, während sie herummachen, Kian mit einer Stripperin. Und, die ältesten Pics: Kian achtzigmal hintereinander mit einer hübschen Frau, die Tücher in verschiedenen Rottö nen um ihr Haar geschlungen hat.
Die Likes, Danai!, ermahnte sie sich selbst. Sie war gerade dabei, in das bodenlose Loch des Pixxor-Stalkings zu fallen. Sie rettete sich, indem sie auf die Schaltfläche tippte, von der aus sie durch das Erstellen eines neuen Accounts gelotst werden sollte. Sie starrte das Tablet grimmig an.
Sie war jetzt Free-Turflerin. Wenn sie als Jockey über Wasser bleiben wollte, brauchte sie Kohle. Reichweite.
Likes.
Fünf Minuten später hatte »Princess Daredevil« ein Profil. Das Bild zeigte ihren Helm: das Visier abgedunkelt, das Logo abgekratzt, sicherheitshalber darüber noch eine rote Zeichentrickkrone gesetzt, die sich um sich selbst drehte. Am längsten hatte sie noch gebraucht, um ein Kronen-Meme zu finden, das als perlenbesetztes Amacubi durchgehen konnte. Nicht nur die Tätowiererin konnte sich mit ihrem irdischen Erbe brüsten, Danai hatte das auch drauf, oder nahm es sich zumindest vor. Im Corp-Turf war dein Corp Teil deiner Identität – ein großer und immens wichtiger Teil. Hier im Free-Turf brachte es Likes aka Reichweite aka Kohle, möglichst nicht ganz so zu sein wie alle anderen.
Sie gab allen Mitgliedern der Daredevils ein Follow, und weil sie übermütig geworden war, erstellte sie sich ein vorerst passives Konto auf Loggtube und abonnierte da ebenfalls ihre zukünftigen Wingpals, ebenso wie die einflussreichsten Jockeys des Kobeni-Gürtels. Sie wollte schließlich noch etwas lernen, bevor sie mit eigenen Inhalten online ging.
Danach lehnte sie sich zurück, beobachtete, wie die Daredevils ihr zurückfolgten und hatte ein merkwürdiges Gefühl zwischen Leere und Befriedigung, ganz so, als hätte sie gerade mit der falschen Person herumgemacht.
Die Daumen nach unten gaben Kian ein miserables Gefühl
Er hatte das Übungsgefecht mit der Prinzessin zwar aufgezeichnet, aber nicht live gestreamt, weil es ihm wenig ruhmreich erschienen war, zu dritt gegen eine einzelne Pilotin anzutreten. Selbst im Nachhinein hatte er es nicht zusammengeschnitten und hochgeladen – auch wenn es Interesse für die Neue wecken würde, nagte es doch zu sehr an seinem Stolz, wie sehr Danai Tabs, Nean und ihn nassgemacht hatte.
Nean hingegen kannte diese Zurückhaltung nicht. Er hatte das Gefecht erst aus der Ego-Perspektive aufgenommen und dann aus dem Cockpit Tabs’ Untergang und Kians Kapitulation dokumentiert. Ein ruhmloses Match: Das bisschen Social-Media-Fame, das sie für die geheimnisvolle Fremde in ihrem kennzeichenlosen Konzernjäger erhielten, wurde davon untergraben, dass diese sie so eiskalt abservierte.
Das Vid hatte mehr Dislikes als Likes, die Kommentare waren hämisch, und Kian hatte ein paar Dutzend Follower verloren, weil er von Nean markiert worden war.
»Mann, Nean, du Smashwit, danke für nichts«, grollte er als Sprachnachricht.
»Diese Princess und unsere Follower sind die Smashwits, Bro, man sieht doch, dass das eine freundschaftliche Begrüßung in der Gang ist. Ich versteh die Dislikes nicht. Undankbare Bande«, kam sofort zurück. Nean starrte anscheinend auch auf die Daumen unter dem Vid.
»Die Dislikes haben wir uns nicht mit irgendeiner netten Begrüßung verdient, sondern damit, dass wir voll ablosen, Nean!«, nahm er auf, doch bevor er es absenden konnte, meldete ihm sein Stalker-Programm, dass eine anonyme Person, die sich kurz darauf ein Profil namens »Princess Daredevil« erstellte, auf seinem Account herumwühlte, der natürlich öffentlich war, aber, verdammt, er fühlte sich trotzdem plötzlich, als hätte er die Hosen unten! Und dann, das Wildeste, gab sie ihm ein »Follow«.
Er sah zur Tür. Ihre Kabine lag gerade einmal fünf Meter den Korridor hinab. War sie auf seiner Sechs, scharf auf ihn, oder was? Er machte einen verächtlichen Laut zu seinem Tablet. Das sollte sie nur mal versuchen, für diese Art Mensch war er sich glatt zu schade.
Obwohl sie ein Snack war.
Kian schickte die Nachricht an Nean ab. Er musste an seiner Karriere als Gramstar arbeiten. Vielleicht werd ich ja irgendwann mit Princess geshippt, schoss es ihm durch den Kopf. Das bringt auch Fame.
»Hey«, kam eine neue Nachricht von Nean. »Die Prez hat gerade Infos zu einem neuen Run auf den Server geladen. Du Kackn00b bist dabei, Prophet. Tabs auch. Zeit für dich, nicht abzulosen.« Kurze Zeit später kam eine zweite. »Du musst unseren guten Ruf wiederherstellen, my boy. Verkack das nicht!«
Kian lachte laut auf und öffnete mit einer Geste den Server mit den Details zum Run. Er nahm dabei eine weitere SpraNa auf: »Egal, ob verkackt oder gerockt, ich mach das nur für mich, Nean, Bro. Such dir deine eigenen Likes! Meine kriegst du nicht.«
Offenbar hatten das Leben als Konzernpilotin und das als Chopper-Jockey eine wesentliche Gemeinsamkeit: Kurze Phasen lebensbedrohlicher Action wechselten sich mit langen Phasen ab, die nur aus Warten bestanden. Mit Warten begann auch Danais erster Run für die Daredevils.
Die Staffel versteckte sich im Bouman-Asteriodenfeld, zwischen den Überresten eines Planeten, der von der Gravitation eines Schwarzen Lochs im Zentrum des Systems auseinandergerissen worden war und nun langsam, aber unaufhaltsam auf spiralförmigen Bahnen in das masseverschlingende Ungetüm stürzte. Danai drängte sich der Vergleich mit einem gefräßigen Bengel auf, der sich eine Lakritzschnecke reinzog.
Sie blickte aus dem Cockpitfenster, dessen Scheiben nahe der Stahlverstrebungen leicht beschlagen waren, auf das kosmische Spektakel, das wie für sie veranstaltet wurde: das Schwarze Loch, durch den Gravitationslinseneffekt von einem Halo aus Licht umgeben, davor ein glitzerndes Meer zwischen den Asteroiden, hervorgerufen durch zahllose Eiskristalle, die das Licht des Halos reflektierten. Das Wechselspiel der Gravitationsfelder des Schwarzen Lochs und der größeren Asteroidenbrocken würde einen Flug Richtung Zentralgestirn zu einem Höllenritt machen, lange bevor die Zeitdilatation irgendwelche Schweinereien mit dem eigenen Alter anstellte. Zum Glück hielten sich die Daredevils bei diesem Job nur in den Randbereichen der Anomalie auf.
Sie lauerten versteckt im Sensorschatten von Asteroiden nahe der Förderstation Kruger XXIV, von der aus die Minkowskium- und Gravitoniumvorkommen des Asteroidenfelds gefördert wurden – die beiden wertvollsten Rohstoffe der Galaxis, die nur in der Nähe von außergewöhnlich starken Gravitationsfeldern oder Wurmlöchern vorkamen. Das zähflüssige Minkowskium erlaubte nach der Raffinerie das Reisen auf Highways, also durch Wurmlöcher, während Gravitoniumerz essenziell zum Erschaffen künstlicher Schwerkraftfelder auf Raumstationen war und auch in den Trägheitsdämpfern ihres Choppers mitwirkte.
Kruger Cybernetics verlegte heute sein Hauptquartier mit mehreren Konvois in eine schicke, nigelnagelneue Raumstation drei Highwaytransits von ihrem alten HQ entfernt. Die Konzernleitung hatte versucht, das genaue Datum geheim zu halten, aber so eine große Aktion ließ sich nicht wasserdicht verschleiern, wenn man wusste, wen man bestechen musste. Einer dieser Konvois nahm bei Kruger XXIV auf dem Weg noch eine große Ladung Gravitonium an Bord eines ihrer Frachter auf, bevor er über den Highway den neuen Firmensitz ansteuerte.
Bei Kruger Cybernetics handelte es sich um den Hauptkonkurrenten von Bulldoxx, des wichtigsten Sponsors der Daredevils. Das hässliche Logo der Firma prangte nun auch auf dem Flügel ihrer Slipstream: eine fiese, vercyberte Bulldogge – identisch mit dem Bulldoggenmodell, das Mama ständig mit sich rumschleppte. Ekel überlief Danai, wenn sie daran dachte, wie Mama das sabbernde Werbegeschenk ständig auf die Schnauze küsste. Zum Ekel gesellte sich das ungute Gefühl, dass Danai selbst, beziehungsweise ihre Abwesenheit in früher Kindheit, vielleicht die Ursache für dieses merkwürdige Verhalten war. Hatte Mama vielleicht am Ende doch noch mütterliche Instinkte entwickelt? Hatte sie einen Ersatz für ihr verlorenes Mädchen gesucht? Marlene hatte den Köter selbst im Cockpit ihrer Starstallion in einem eigens angefertigten Sitz und einem albernen winzigen Druckanzug an ihrer Seite.
Beide Firmen, Bulldoxx und Kruger Cybernetics, waren jedenfalls groß im Geschäft kybernetischer Körpermodifikationen, die Tiere stellten bei Bulldoxx nur einen Nebenzweig dar. Einen Umzug des Hauptkonkurrenten konnte sich Bulldoxx natürlich nicht entgehen lassen.
Der Konvoi machte sich gerade daran, von Kruger XXIV abzudocken und am Asteroidenfeld vorbei den Kurs Richtung Highway-Auffahrt zu nehmen, dem Eintrittspunkt des Wurmlochs.
»Okay, meine Schätze, gleich geht es los!«, sendete Deardevil mit guter Laune und geringer Signalstärke, um ihren Hinterhalt nicht auffliegen zu lassen. »Angriffsrotte bereit?«
»Garuda bereit, fühlt sich aber von ›Schatz‹ nicht angesprochen«, ließ sich die Vice-President vernehmen, und Danai witterte ein altes Spiel zwischen den beiden.
»Bacon schön knusprig«, antwortete eine raue Männerstimme.
»Yokai und Kami hier. Kann jederzeit losgehen«, bestätigte Yokai, die Pilotin des Zweisitzers.
»Sehr schön. Scan-Team?«, fragte Deardevil weiter.
»Eyegle unsichtbar, aber anwesend«. Eyegle prahlte immer ein bisschen mit xieser sensorabweisenden Tarnbeschichtung.
»Prophet bereit.« Kian war mit von der Partie, im Gegensatz zum callsign-losen Nean, der wohl noch nicht so weit war. Kians Chopper verfügte über die leistungsstärksten Sensoren. Seine Teilnahme machte also durchaus Sinn, auch wenn es bei einem eher riskanten Einsatz wie diesem hier für den Prospect gefährlich werden konnte.
»Was macht das Partyboot?«
»Purple bereit«, antwortete die Sergeant-at-arms. Sie führte die Enforcer des Enterkommandos an Bord eines Kanonenboots an.
»Und wie sieht es mit dem Backup aus?«
»Princess bereit«, meldete Danai ordnungsgemäß.
Eine kleine Pause trat ein. »Tabs hier, äh …, Tabs tritt gleich in ein paar Ärsche dank ihres brandneuen Zielcomputers!«
Ausgerechnet Tabs. Deardevil hielt es für eine gute Idee, Danai mit Tabs zu versöhnen, indem sie sie in eine Zweier-Rotte steckte. Ganz tolle Idee. Danai war zwar die Queen dieses Backups und Tabs ihre Flügelbro, aber ob Tabs irgendwelche Befehle befolgen oder ihr sogar den Rücken decken würde, blieb zweifelhaft. Danai konnte wohl schon froh sein, wenn Tabs sie nicht rein zufällig mit einem Bandit verwechselte und abschoss.
»Hier kommt der Konvoi. No Yolo, wir lassen sie passieren. Alles wie besprochen. Und jetzt, meine Schätze: Funkstille«, ertönte die Stimme ihrer Mutter aus dem Comm.
No Yolo – Danai kannte den Ausdruck nur außerhalb des Cockpits, wo er offenbar bedeutete, dass man etwas nicht anzüglich oder sexuell meinte.
»Staffelführerin bitte kommen. No Yolo? Befehl unklar, bitte spezifizieren«, sagte sie und erhielt als Antwort Tabs’ ungläubiges Lachen aus dem Comm. »Dass wir kein unnötiges Risiko eingehen sollen – also, das, was dir dein Konzern eh immer eingebläut hat!«
Danai verdrehte die Augen. Wie konnte diese Mission ohne jegliche Disziplin ein Erfolg werden? Sie beobachtete – die Sicht nur von wenigen Gesteinsbrocken behindert – wie die Jäger der gegnerischen Vorhut an den lauernden Daredevils vorbeischossen. Etwas später schoben sich die massigen Rümpfe der Frachter schwerfällig ins Sichtfeld. Etwa ein Dutzend Transporter zog an ihnen vorbei wie eine Walschule der alten Erde auf ihren Wanderungen. Dann ertönte Deardevils Stimme erneut.
»Angriffsrotte … und Action!«
Die Sensoren ihrer Slipstream registrierten, wie die Systeme von vier Choppern zum Leben erwachten. Triebwerke und Waffensysteme wurden hochgefahren, und auch der Livestream ins Datanet wurde freigeschaltet. Neben dem Gravitonium winkten ein paar Likes als Beute, was auch ihrem Sponsor ein paar Verkäufe als Nebeneffekt einbringen sollte. Danai selbst übertrug natürlich noch nichts live ins Datanet, um ihre verdeckte Position nicht an Follower zu verraten, die ihnen nicht wohlgesonnen waren. Streamsniper lauerten überall und durchforsteten auch für Konzerne das Datanet, um die Positionen gegnerischer Parteien zu verraten.
Nun konnte Danai das Triebwerksglühen der vier Jäger auch schon visuell ausmachen, als sie sich aus dem Asteroidenfeld katapultierten und wie Raubvögel auf die Jägereskorte am hinteren Ende des Konvois stürzten. Ein Schwarm Raketen löste sich von Deardevils Starstallion, und eine Explosion zeugte von einem ersten Abschuss – Danai sah das Notsignal des Schleudersitzes. Sie hatte sich immer schwer vorstellen können, dass ihre Mutter in ihrem sichelförmigen Raumüberlegenheitschopper als Ass mit weit über hundert Abschüssen bekannt war, doch jetzt fragte sie sich, wie sie daran hatte zweifeln können.
Die Daredevils hatten ihre Gegner wie geplant völlig überrumpelt und schnell die Oberhand gewonnen. Der Weltraum war erfüllt von Leuchtspurgeschossen, abgefeuert von sich gegenseitig jagenden Maschinen. Dazu gesellten sich Explosionen der Flugabwehrgranaten der großen Schiffe. Aber nur wenige Frachter waren bewaffnet, ihre Ziele waren ohnehin zu klein und das Risiko war zu groß, mit Schüssen ins Getümmel die eigenen Jäger zu treffen.
»Jetzt der Scan, identifiziert das Paket!«, befahl Deardevil, woraufhin sich Eyegel und Prophet auf den Weg machten, um den Frachter mit der Gravitonium-Ladung zu suchen.
Die vier Jäger der Vorhut hatten beigedreht und tauchten nun viel früher als erwartet auf Danais passiven Sensoren auf. Die Angriffsrotte war noch mit der Eskorte beschäftigt. Solche Eskortstaffeln waren normalerweise nicht gerade mit der Crème-de-la-Crème einer Konzern-Top-Gun-Akademie oder mit hochbezahlten Leuten besetzt, sondern mit im Schnellverfahren ausgebildeten Schmalspurpiloten, Masse statt Klasse. Aber auch unter diesen befand sich dann und wann ein Naturtalent, das ein paar Chopper-Jockeys ins Schwitzen bringen konnte.
Wenn das so weiterging, würden Eyegel und Prophet ohne Bedeckung durch die anderen auf dem Präsentierteller sitzen. Die vier Bandits würden jeden Moment an Danais Position vorbeiziehen.
»Princess an Staffel. Greife ein. Tabs, schnapp dir den vordersten Bandit, dann zurück an meinen Flügel!«
»Äh … ja, klar. Ich … mach ich!« Danai hoffte, dass Tabs die Anweisung verstanden hatte, irgendwie hatte sie ein ungutes Gefühl nach dieser Antwort.
Princess’ Finger glitten eilig über die Kontrollen, um die Systeme ihres Choppers hochzufahren, und streiften dabei das daran geschraubte Pik Ass. Nur einen Augenblick später tauchte ihre Jagdmaschine hinter dem Gesteinsbrocken auf, in dessen Sensorschatten sie sich verborgen hatte, und schoss in dem Moment aus dem Asteroidenfeld, als die vier Bandits sie passierten. Rechtzeitig fiel ihr noch ein, das neue Feature ihres Choppers durch Umlegen eines Kippschalters zu aktivieren, den sie gestern erst selbst ins Cockpit eingebaut hatte: den Stream in ihren neuen Datanet-Channel, den sie jetzt, da ihre Position ohnehin nicht mehr verborgen war, aktivieren konnte – nein: sollte.
Kaum hatte sie das Asteroidenfeld hinter sich gelassen, deckte sie die hinterste Maschine mit Salven aus ihren Bordgeschützen ein. Einige schrappten über die Panzerung, aber ein paar Projektile schlugen ins Innere ein. Ihr Ziel begann zu trudeln.
Die vier Konzernjäger, Sparrows – günstige Standard-Mehrzweckjäger und Massenware – stoben auseinander wie ein Schwarm Fische vor einem zubeißenden Hai. Danai ließ sich nicht abschütteln, blieb am Heck ihres beschädigten Gegners kleben und traf das Triebwerk. Die Maschine brach auseinander, aber der Pilot wurde in letzter Sekunde von der Sicherheitsautomatik aus dem explodierenden Raumjäger geschleudert. Ihr erster Abschuss als Chopper-Jockey!
Danai schob in solchen Situationen den Gedanken beiseite, dass das hier keine Übung war und Menschen sterben konnten. Sie hob sie sich für später auf, für die tiefsten Stunden der Nacht, in denen die Schutzschilde aus Rationalität und Abgebrühtheit heruntergefahren waren.
Zwei Jäger drehten bei und kamen auf sie zu, der verbliebende dritte schoss Richtung Frachterkonvoi davon.
Wo zur Hölle steckte Tabs?
»Tabs? Brauchst du ’ne Extra-Einladung? Dein Ziel macht sich gerade davon, um deine Bros aus dem All zu blasen. Und mir kleben zwei Bandits am Arsch!«
»Ich … kann nicht! Versmashter Dreck! Meine Systeme fahren nicht hoch!« Die Stimme klang panisch. Danai glaubte nicht, dass das irgendein abgekartetes Spiel war, um sie in Schwierigkeiten zu bringen. Tabs hatte eben schon zögerlich geantwortet. Sie hatte mit einem neuen Zielcomputer geprahlt, also hatte sie offensichtlich vor kurzem an ihrem Chopper herumgeschraubt und etwas eingebaut, das ein bisschen zu gut war, um wahr zu sein. Das Reaper-Virus musste in ihrem Zielcomputer eine potenzielle Gefahr erkannt haben und hatte ihren Chopper lahmgelegt. Wahrscheinlich wollte sich Tabs keine Blöße geben und hatte Deardevil trotz ihrer Systemausfälle Einsatzbereitschaft signalisiert – und Danai musste es nun ausbaden. Dies Gehabe manövrierte sie alle in die Scheiße!
»Bleib, wo du bist. Ich lock sie von dir weg!«
Sie öffnete einen Kanal zum Rest der Staffel und wurde mit einem Geschnatter aus Funksprüchen empfangen.
»Ziel markiert.«
»An meiner Sechs, könnte mir den jemand vom Hals schaffen?«
»Passt auf dieses Flakfeuer auf! Ich schnapp mir das Geschütz, damit du einen Angriffsvektor findest.«
»Friss das, du Corp-N00b! Yeah! Hab ihn! Siebter Abschuss! Mein Like-Zähler dreht sich wie irre, werte Bros!«
»Rock Drei. Torpedo unterwegs … und Treffer! Ziel manövrierunfähig.« Das war Prophets Stimme.
»Partyboot: Los geht’s, schnappt euch das Paket!«, antwortete Deardevil.
Danai warf ein »Hier Princess. Ein Bandit auf dem Weg zu euch, ich beschäftige den Rest!« in die Runde.
Sie war wieder ins Asteroidenfeld abgetaucht, um ein wenig Deckung vor den stetig spuckenden Bordgeschützen ihrer beiden Verfolger zu finden. Sie musste die gesamte Aufmerksamkeit dieser Smashwits binden, damit sie nicht Tabs’ hilflos im All hängenden Chopper entdeckten. Also tauchte Danai noch tiefer ins Asteroidenfeld ein, mit direktem Kurs aufs Schwarze Loch.
Jetzt bemerkte sie die unvorhersehbaren, aus verschiedenen Richtungen zerrenden Anziehungskräfte der Gravitationsanomalien ihrer Umgebung. Das Gravitoniumerz wechselwirkte auf rätselhafte Weise mit dem schwarzen Loch und erzeugte ein unberechenbares physikalisches Chaos aus hin- und herziehender Schwerkraft. In letzter Sekunde konnte sie einem großen Brocken, der unvermittelt vor ihr auftauchte, ausweichen. Eine Kollision mit einem der kleineren schüttelte ihre Slipstream durch und zog eine große Schramme über die linke Seite. Die plötzlichen Richtungswechsel und verrücktspielenden G-Kräfte nahmen ihren Orientierungssinn in die Mangel. Es war eine verdammt riskante Vorgehensweise, um die beiden Verfolger loszuwerden, aber sie wirkte. Ihre Sensoren registrierten in diesem Moment einen Feuerball auf ihrer Sechs, kurz gefolgt von einem zweiten.
Das war’s. Sie drehte ihre Maschine in einem weiten Bogen und machte sich unbehelligt auf den Rückweg. Ausmanövriert – Treffer und versenkt.
Als sie den Konvoi erreichte, war die Schlacht vorbei: keine Verluste. Erst war es ihr unsinnig erschienen, mit einem zusammengewürfelten Haufen aus Choppern und Jockeys mit so unterschiedlichen Stärken und Schwächen eine koordinierte Konzerneskorte anzugreifen, deren baugleiche Jäger einander optimal unterstützen konnten. Aber die Daredevils wussten, was sie taten. Auf dieser Seite eines Überfalls von Free-Turflern gegen Corp-Turfler hatten sie eindeutig mehr Erfahrung.
Der Zieltransporter war von Purples Enforcern aufgebracht worden. Danai hatte diese Leute als irgendetwas zwischen Schlägertrupp und Ex-Konzernmarines kennengelernt, die nun gerade die Ladung auf eine eigene Transportfähre schafften. Das waren die harten, kantigen Leute gewesen, die im Loco Hana weniger geprahlt und dafür mehr getrunken hatten.
Außerdem schien Danai mit ihrem Abschuss und dem Stunt im Asteroidenfeld einen fulminanten Start ihrer Gramstar-Karriere hingelegt zu haben. Ihr Stream, mit quantenverschränkter AnsVi-Tech-Kommunikation ohne Zeitverzögerung durchs Datanet an die Endgeräte in der ganzen von Menschen besiedelten Galaxie gesendet, wies bereits tausende Likes und hunderte Kommentare auf.
Ihr Sponsor würde wahrscheinlich sehr zufrieden sein.
»Unser Sponsor ist noch nicht zufrieden«, sendete Deardevil an die Staffel auf einem geschlossenen Kanal. »Bulldoxx hat entschieden, dass das Saubermann-Image nicht genug Aufmerksamkeit erzeugt. Ein bisschen Tabubruch muss her, ein bisschen Schock.« Sie schwieg kurz. »Wir sollen die anderen Transportschiffe aus dem All schießen.«
Die schwerfälligen Frachter waren ohne Geleitschutz leichte Beute. Danai sah sie in ihrer Zieloptik, und ihr wurde schlecht.
Wehrlose Beute ohne wertvolle Fracht. Bei einem Umzug dieser Art befanden sich neben kostbaren Gütern auch sicherlich eine Menge ausgebeutete Angestellte und deren Familien an Bord.
»Princess an Staffelführerin. Befehl bitte bestätigen. Wir sollen das Feuer auf Wehrlose eröffnen?«
Sie stotterte leicht beim letzten Wort, was ihr im Cockpit sonst nicht passierte. Nein, sie mochte als Ex-Konzernass das Ausführen von Befehlen strenger sehen als die anderen Jockeys der Staffel, aber diesen würde sie verweigern. Sie war doch nicht bei Hadronic von der Fahne gegangen, um nun Unschuldige abzuknallen! Und sie würde auch nicht zulassen, dass ihre Wingpals das taten.
Nicht schon wieder.
»Spinnst du, Liebes? So was machen die Daredevils nicht«, knurrte ihre Mutter zurück. »Im Disclaimer steht, wir streamen orange! Ich begeh doch keinen Datanet-Selbstmord!«
Danai verstand den letzten Teil nicht ganz, gab es eine Altersfreigabe für die Daredevils-Streams? Orange … wie in ab 16? Sie erlaubte es sich aber bereits, erleichtert auszuatmen.
»Wir sagen einfach, dass wir abhauen mussten, weil Verstärkung unterwegs war. Da konnten wir nichts machen.«
»Nein«, wiederholte Princess, »da konnten wir nichts machen.«
»Dann, Daredevils, Schätze. Schöner Run, Mission erfolgreich. Schleppt jemand Tabs ab? Bacon führt uns über den Highway wie immer. Ab nach Hause!«
Kian scrollte sehr zufrieden durch die Liste seiner neuen Follower. Der Run hatte einiges gebracht, obwohl oder vielleicht sogar weil sie bei der Orange-Freigabe geblieben waren. Danach warf er einen Blick auf das Programm, das ihn über die Unfollows informierte, und ihm klappte die Kinnlade herab: PrincessDD war ihm entfolgt!
Was denkt sie sich dabei? Er rief Details auf. Sie war ihm nicht einfach entfolgt. Sie hatte ihren Account gelöscht – nach der Rückkehr vom Run! Er starrte auf den leeren, ausgegrauten Account, und in diesem Moment rief seine Ex an.
Das Videocall-Symbol in der rechten oberen Ecke blinkte auf, und die Boxen unterbrachen das Basswummern des Jockeybeats für einen nervigen Klingelton.
Er lehnte die Anfrage der im undurchsichtigen Rand des Tablets integrierten Kamera ab und nahm den Anruf nur per Audio entgegen. Neval wusste, wie sehr er Videochats hasste, konnte sie ihm nicht wie jeder normale Mensch eine Message diktieren?
»Yo, Neval«, sagte er. Die Antwort dröhnte so laut aus den viel zu hoch geregelten Lautsprechern in jeder Zimmerecke, dass er zusammenzuckte: »Kian. Kannst du nicht die Kamera anmachen?«
Mit schmerzverzerrtem Gesicht verringerte er die Lautstärke. Ihr Gesicht war auf seinem Bildschirm erschienen, eine steile Falte stand zwischen ihren ausdrucksstarken Augenbrauen, vermutlich, weil sie statt seines Gesichts nur ein Pic seines neusten Tattoos sah.
»Mach du sie doch einfach aus«, schlug er mürrisch vor.
Sie seufzte. »Hätte dich gern gesehen, das ist alles.«
Er seufzte ebenfalls und schaltete die Kamera nun doch an. Die Falte zwischen Nevals Augenbrauen verschwand nicht ganz, glättete sich aber etwas. Kurz musterten sie einander.
»Du hast noch mehr Tinte im Gesicht«, sagte sie schließlich. Er musterte sie, das runde stupsnasige Gesicht mit den drei Leberflecken auf der rechten Wange. Die schwarzen Haare waren zurückgebunden und verschwanden unter einem dunkelroten Tuch, das sie um ihren Hinterkopf gewickelt hatte. Sie sah gut aus, aber auch ein bisschen staubig. Der Hintergrund war dunkel, er konnte nichts erkennen. Für eines jedoch reichte das Licht, das die Kamera fing: »Du hast Sommersprossen. Wusste gar nicht, dass du Sommersprossen kriegst. Sweet. Bist du irgendwo, wo es Sonne gibt?«
»Ich bin auf Valoun II«, brachte sie hervor und strich sich kurz über die Augen, als müsste sie sich wieder unter Kontrolle bringen. Als hätte sie sich gerade an seiner Schulter ausgeweint.
»Immer noch auf deiner humanitären Mission, ja?« Er wollte eigentlich nicht spotten. Sie hatten die Akademie beide verlassen, sie hatten beide einen Grund gehabt, und ihrer war objektiv weit, weit besser als seiner, das war ihm klar. »Klingt mir langsam nicht mehr nach einem Sabbatical.«
»Ist es auch nicht mehr. Hab das Studium geschmissen.«
Das wusste er natürlich. Er stalkte schließlich auch ihren Account.
»Ist was passiert?«, tastete er sich vorsichtig vor.
»Ja. Ja, es ist was passiert. Guckst du die Videos von SisX auf PolitiX nicht mehr?«
»Hab … also … schon, die haben sich aber etwas angesammelt.«
»Zu viel Jockey-Kram zu tun, was? Gramstar werden und so?« Der Spott war nun unüberhörbar. Nein, es war nicht mal richtiger Spott. Es war Enttäuschung, ganz so, wie seine Gramma geklungen hatte, als er das Navigstudium geschmissen hatte.
»Urteile ich über deine Lebensentscheidungen?«, knurrte Kian.
»Weiß ich nicht. Jedenfalls: Falls du Mainstream-Medien guckst – da reden sie nicht über Valoun II. Aber der PolitiX-Kanal hat von uns allen die Vids angefordert, alles an Bildmaterial, und sie analysieren, was das Zeug hält.«
»Okay, soll ich mich erst durch SisX’ neuste Verschwörungstheorien klicken, oder fasst du mir kurz zusammen, warum du mich anrufst?«, fragte er, mittlerweile mehr besorgt als genervt.
»Wir sind bombardiert worden. Aus dem Nichts, Kian.«
»Was, wir, im Sinne von ›Leute auf Valoun II‹, oder wir, im Sinne von ›du und der Ort, an dem du dich gerade aufhältst‹?«
»Fervintown, wo ich zwei Jahre gelebt hab! Vierunddreißig Tote! Wir sind in die Berge geflohen, haben hier einen Haufen Verletzte, drei Schwangere und ein paar Kinder, die keine Eltern mehr haben.«
»Was? Scheiße!« Was wurde das hier? Warum rief sie ihn an? »Werdet ihr evakuiert? Organisiert PolitiX einen Transport?«
»Die Schwerverletzten werden morgen hoffentlich wegtransportiert. Wir anderen … Kian, dass wir evakuieren, ist doch genau das, was der Angriff bewirken sollte. Das war ein chirurgisches Bombardement, wenige Detonationen, aber wirkmächtig. Die sollten uns nicht ausradieren, die sollten uns eine Scheiß-Angst einjagen, damit wir die Siedlungen verlassen.«
»Wer?«
»Was weiß ich, wer! Wir sind auf eine Rohstoffmenge gestoßen, Kian, die uns von armen Schluckern, die nur das Nötigste haben, zu einer autarken Gemeinschaft machen könnten! Entweder, wir haben Zorn auf uns geladen, weil wir autark sein wollen, oder Leute haben es auf die Rohstoffe abgesehen!«
»Von welchen Rohstoffen reden wir, Neval?«
Sie presste kurz die Lippen zusammen und schaute in die untere Ecke ihres Tablets. Vermutlich lief gerade parallel eine Verschlüsselungssoftware. »Die Staffel, für die du fliegst. Ihr seid okay, oder? Ihr macht Kunstflüge mit Sponsoring, Schmuggel, so was?«
»Hm«, machte Kian und befand selbst, dass das alles bedeuten konnte.
»Also, hab gehört, ihr habt so einen okayen Ruf im Datanet. Keine Attentate, Menschenhandel oder so was. Streamt maximal in orange.«
Kian hoffte, dass sie ihn nicht nach Lokkers Drogengeschäften fragte, denn sie schnitten zwar momentan im Sponsoring auch nicht schlecht ab, aber Deardevil hätte sich das Loco Hana und den Unterhalt der Gang ohne Lokkers Skywards-Tropfen wohl kaum leisten können. Die brachten die wahre Kohle, das war ein offenes Geheimnis.
»Wieso? Was soll das?«
»Kian, sag es mir einfach: Wenn ich euch dafür bezahle, herzukommen, dann schleift ihr nicht irgendwann die Hälfte der Leute hier in einen Transporter, um sie auf irgendeiner Minenkolonie als ›unfreiwillige Arbeitskräfte‹ zu verkaufen, oder?«
»Nee, so was machen wir nicht.«
»Okay, dann Folgendes: Ich rufe an, weil ich euch anheuern will.«
Er starrte in den Bildschirm. Ihre Augen begegneten sich nicht, weil sie beide rechts von der Kamera aufs Tablet starrten. Sie sah vollkommen ernst aus, ihr hübsches, ein bisschen niedliches Gesicht strahlte all die Ernsthaftigkeit aus, die zum Ende ihrer Beziehung geführt hatte.
»Das … das muss ich mit Deardevil besprechen«, sagte er langsam.
»Ich würde gern selbst mit ihr sprechen. Wenn du uns kontakten würdest.« Plötzlich so businessmäßig. Er atmete tief durch.
»Neval, wie geht es dir denn? Bist du verletzt?«
»Hab eine Metallstange durchs Bein gekriegt, aber es geht schon wieder. Ich hab Gehstützen, aber die Nanos wirken flott. Kian – wir sprechen später. Die versuchen, die Daten, die wir von Valoun aus senden, abzufangen, ich hab nicht viel Zeit. Wenn deine First Lady gerade verfügbar ist, würde ich gern die Details mit ihr besprechen.«
»Okay«, sagte Kian. »Ich … ich geb dir ihre Kontaktdaten.« Und als er diese mit dem Finger ins Chatfenster gezogen hatte, erlosch der Anruf so unvermittelt, wie er begonnen hatte. Mit einem Gefühl des plötzlichen Verlusts starrte er auf sein Tablet, während die Boxen wieder auf die Playlist umschalteten und den neusten Track von Gramsterkink durch seine winzige Kabine wummern ließen.
Planetside
//Yologram
Pic von @CowpersonYeeha
User CowpersonYeeha mit bläulich verschmierten Fingern, übers ganze Gesicht strahlend.
CowpersonYeeha:
Leute, das ist WAHNSINN!!!! Mink-Öl!!! Jede Menge! Direkt unter meiner Farm! Wenn ich das nächste Mal poste, bin ich entweder reich … oder tot, falls die Gater schneller sind als das Konzernshuttle!
Eine Faust hämmerte an Danais Tür.
Danai hörte am Klirren des Schmucks am Handgelenk, dass es ihre Mutter war. Sie hatte nie eine Kindheit gehabt, in der Marlene wütend an ihre Zimmertür gehämmert hätte – das hatte alles Danais Vater übernommen, oder eine der immer wieder wechselnden privaten Betreuungspersonen, denn als Teil des gehobenen Managements hatte Efhosa Nhira nicht immer Zeit für Gespräche mit einer bockigen Pubertierenden gehabt.
Danai drehte sich in ihrem Stuhl um, in dem sie im Schneidersitz hockte und rief: »Herein!«
Die Tür entsperrte sich. Hier im Devil’s Rock mochte es nicht viel stimmgesteuerte Technik geben, aber Türschlösser mit Stimmerkennung waren überall an der Tagesordnung.
Nicht nur Mama stand mit dem Cyberköter auf dem Arm im Türrahmen, sondern auch der breitschultrige Kian, der zwar in Mamas Schatten zu verschwinden versuchte, dem das aber nicht gelang. Was auch an seinen verdammten leuchtenden Tattoos liegen konnte. Einfach lächerlich.
»Yo, Mama«, sagte Danai, und ihre Mutter presste die heute tieflilafarbenen Lippen aufeinander.
»Kian hier wird deinen Account wiederherstellen. Mit den Likes, Danai, und ich dulde keinen Widerspruch.«
»Als meine Mama oder als meine Queen?«, fragte Danai gedehnt.
»Als deine versmashte President, junge Frau!«, zischte Mama. »Was fällt dir ein, den Account zu löschen?«
»Was fällt euch ein, ihn so zu pushen? Ich hab keinen Bock auf Likes-Melken, ich hol mir keinen drauf runter wie ihr!«
Sie sah, dass Kians vorher leicht betretener Gesichtsausdruck hart wurde. Solange beim Wort Runterholen nichts anderes an ihm hart wird. Marlene nutzte die Tatsache, dass sie sich an einem Wort verhakt hatte, um sie zu unterbrechen, statt abzuwarten, bis das Stottern vorbei war, wie es jede höfliche und normale Person tun würde.
Wie es vielleicht zwanzig Prozent höflicher und normaler Personen tun …
»Danai, du bist jetzt …«
Danai hatte sich wieder gefangen. »Es ist mir zu gefährlich. Ich hab keinen Bock da drauf. Die Konzerne haben meine ganze Laufbahn über Flugmustererkennungsdaten gesammelt. Mein Ex-Arbeitgeber, aber auch die wichtigen Konkurrenzfirmen. Setzen Headhunter drauf an, die Talentiertesten …« Diesmal wartete Mama das Stottern ab, das unweigerlich vor dem Vokal A wartete. »… abzuwerben. Oder Spectres, um sie runterzuschießen. Wenn ich fliege und das streame, dann habt ihr die bald hier. Und mich dann nicht mehr lange.«
Mama ließ den Köter runter, tätschelte ihm kurz über den Kopf, als vergäße sie dabei die Unterhaltung, und verschränkte dann die Arme.
»Hier? Im Free-Turf?« Sie lachte spöttisch mit ihrer rauchigen Stimme. »Mach dich nicht lächerlich. Die kommen hier nicht an dich ran. Nicht mit den Daredevils als Wingpals!«
»Mama«, seufzte Danai. »Ich will lieber …« – anonym fängt mit A an – »… unerkannt bleiben!«
»Dich hier bei uns aufzuspüren wäre selbst für Spectre-Ops eine Selbstmordmission«, ließ sich nun Kian verlauten, der bislang geschwiegen hatte. Seine Stimme wollte nicht so ganz zu seiner Erscheinung passen, er klang jünger, als er aussah. Da sie vor wenigen Minuten noch seine Stimme in einem seiner Vids gehört hatte, wurde ihr bewusst, dass er sie dort offenbar ein wenig modifizierte.
Damit sie tiefer klingt. Als harter Ganger willst du dir doch nicht nachsagen lassen, du hättest eine Jungenstimme.
»Kian«, sagte sie langsam und vielleicht so, als spräche sie mit jemandem, der jünger war, als Kian es tatsächlich war. »Du hast gesehen, wie ich fliege. Du hast gesehen, wieviel besser als ihr ich bin, ja? Weißt du, warum ich so viel besser bin?«
Er versuchte, nicht zu reagieren, wenn sie stotterte, aber seine Augenlider zuckten nervös.
»Weil du Marlenes Tochter bist. Es kotzt mich zwar an, das zu sagen, aber: du fliegst verdammt geil.«
»Ach, du bist ein Schatz, Kian, dear«, kicherte Mama und sah ihn auf eine so … zärtliche Weise an, als habe sie ihn adoptiert und vergessen, es Danai zu sagen.
»Nein. Weil ein Haufen Geld in meine Ausbildung, meine Ausrüstung und meine Nervenmods gepusht wurde, Kian, dear«, äffte Danai ihre Mutter nach. »Deshalb fliege ich so verdammt geil.«
»Talent war nicht dabei? Wieso waren diese Konzernjäger dir dann so unterlegen beim Run?«
»Weil unterschiedliche Mengen an Credits in uns hineingepumpt wurden. Talent spielt auch eine Rolle, aber nicht so viel, wie du meinst.«
»Ich bin selbst Pilot!«, stieß er hervor und musterte sie wütend, wie sie da – hoffentlich äußerlich gelassen – im Schneidersitz auf ihrem Stuhl saß.
»Ja, dann siehst du ja, was Geld ausmacht«, erwiderte Danai und wusste nun wirklich nicht, inwiefern sein Argument ein Gegenargument sein sollte.
»Schluss jetzt, Kinder. Ich bin die President. Du hast deine Accounts gelöscht. Die wir brauchen, Schätzchen. Kian stellt sie wieder her, und dann pushen wir sie noch ein bisschen mit NetCoins nach oben. Und es gibt keine Widerrede, weil du Angst um deine Anonymität hast. Die ist im Moment gut für dich, die ganze Jockeywelt rätselt schon, wer du bist, dieses mysteriöse Supertalent, das drei Abschüsse in einem Run hingekriegt hat!« Danai wollte widersprechen, aber Marlene hatte sich den letzten Rest gutmütiger Mütterlichkeit aus dem Gesicht gefegt. »Kian, leg los. Gib ihm Zugriff auf dein Tablet, oder du bleibst am Boden, Princess, Abschüsse hin oder her.«
»Soll mir das Angst machen?«
»Du kannst nicht zu mir kommen, irgendwelche Gefallen einfordern und keine Gegenleistung erbringen.«
»Ich habe drei Konzernn00bs a–… runtergeknallt!«
»Aber das ist lange nicht alles, was ich von dir erwarte. Wenn du nicht anfängst, so zu ticken wie die anderen Devils, dann fliegst du, und zwar ohne Jäger. Wenn du Schiss hast, dass irgendjemand sich an deine Fersen heftest, hau die Zwillinge an, die modden deine Slipstream, bis du quasi unkenntlich bist. Die können dir limitierte KIs einbauen, die deine Flugmuster so verändern, dass du safe bist.«
»Ich will einfach nur keine versmashten Social-Media–…« Bevor sie das Wort »Accounts« hervorgebracht hatte, hatte Marlene sich umgedreht und den Raum verlassen. Danai schrie ihr einen wortlosen Laut der Frustration hinterher.
Kian stand näher als vorher.
»Also, ich soll deine Accounts wiederherstellen«, sagte er betont unbeteiligt und sah über ihre Schulter hinweg auf ihr Tablet. »Kann dich natürlich nicht zwingen, Bro.« Der Köter saß auf dem Boden und starrte sie mit leicht rötlich glühenden Augen an. Danai fragte sich, ob Mama ihn hiergelassen hatte, weil sie sie durch seine Augen hindurch beobachten konnte.
Danai entsperrte mit ihrem Daumen das Tablet und fühlte sich auf einmal kindisch und naiv – wie hatte sie denken können, sie könne über ihre eigenen Accounts bestimmen, über das, was sie sendete. Über ihr Leben!
»Yo, mach’s halt«, knurrte sie.
»Ich guck mir auch nicht die Ordner mit dem Schmuddelkram an«, grinste er im Versuch, die Stimmung aufzulockern.
»Ist das eine Anmache? Willst du mich klarmachen, oder was? Das Tablet ist brandneu, ich war sicher nicht dumm genug, da was Persönliches draufzuladen.«
»Okay. Worauf stehst du so? Bin ich dein Beuteschema?«, fragte Kian nachdenklich, während er in den Untiefen von Pixxor nach den Wiederherstellungsoptionen buddelte.
»Willst du mich verarschen?«
»Ich dachte, du willst vielleicht nicht bis in alle Ewigkeit hier in der Bude hängen. No fomo, ich steh zu deiner Verfügung.«
Sie starrte ihn an. Er hob den Blick und starrte zurück, aber die Linien auf Kinn und Stirn bewegten sich ein wenig – gut sichtbar in der mangelhaften Beleuchtung der Kabine –, als wäre er nervös.
»Was?«, fragte Danai.
»Was?«, fragte er zurück und schüttelte dann den Kopf. »Okay, eigentlich bist du nicht mein Typ.«
»Schläfst du lieber mit meiner Mutter, Kian, dear?«
Kian lachte auf und wandte sich wieder dem Tablet zu. Er antwortete aber nicht. Danai gab einen angeekelten Laut von sich.
»Was, nein, ich hab nicht mit deiner Mutter geschlafen! Also, zumindest noch nicht«, sagte er und grinste hinterlistig, als hätte er sie absichtlich so lange zappeln lassen. »Aber ernsthaft: Ich hab nicht mit allen in der Gang geschlafen.«
Er setzte sich in Ermangelung einer zweiten Sitzgelegenheit auf ihren Tisch und sah sie über das Tablet hinweg immer wieder an.
»Lass mich raten: Du erzählst mir gleich, wie du … no-fomo-mäßig eine Nummer mit den Zwillingen geschoben hast, zu der’s auf WhiteHub ein Vid in den Top Ten gibt.«
»Nee.« Er zögerte kurz. »Also, nicht, dass ich die Zwillinge nicht heiß fände, sie sind heiß. Aber erstens … Schwestern, das ist mir ein bisschen zu weird. Und zweitens stehen die Zwillinge nicht auf mich. Eyegle ist eher Yokais Fall. Was Kami heiß findet? Keine Ahnung, sie redet nicht drüber, aus ihr kriegt man selten was raus. Die mysteriöse Kami. Also, mit Eyegle hatte ich mal was, falls du das wissen willst.«
»Hab ich mir gedacht, es gab Fotos auf deinem und xiesem Profil.«
»Angezogene, hoffe ich. Für deine unschuldigen Corp-Augen.«
»Angezogen, aber eindeutig.«
»Weißt du, wir hängen halt in der Gang zusammen rum. Brokrastinieren.« Sie lachte kurz über diese typische Free-Turf-Wortschöpfung, die sie nur aus AnsVee-Shows kannte. »Haben Spaß. Mal so, mal so. Alle, wie sie mögen, weißt du. Gilt auch für dich. Wenn du willst. Nichts hilft vor einem heiklen Flug so sehr wie eine Runde Abschalten. Ist sogar gut fürs Teamwork. Ich sag’s nur. Falls du das auch als Beinahe-Ass mal nötig hast.«
Sie hob die Augenbrauen und schüttelte den Kopf.
»Okay. Muss ja nicht mit mir sein. Purple steht übrigens nur auf Frauen, falls das von Belang ist für dich.«
Danai entknotete ihre Beine und lehnte sich im Stuhl zurück. »Vielleicht«, sagte sie und lächelte kühl. Sein Blick irrte einmal an ihren Körperformen entlang und dann wieder aufs Tablet.
»In meinem alten Job war’s nicht verboten, aber ziemlich schlecht angesehen, wenn innerhalb der Staffel gevögelt wurde. Wenn ein Wingpal wegen irgendeiner Beziehungskiste sauer ist, wirkt sich das mies auf die ganze Staffel aus.«
Kian lachte. »Klar. Weil Corp-Turfler wie du alles viel zu eng sehen. Ist doch bloß ein bisschen Gevögel, warum denkt ihr da direkt dran, dass jemand sauer ist. Vielleicht ist auch jemand so richtig gut drauf, weil sie gerade die Bettgeschichte ihres Lebens erlebt.«
»Wäre vielleicht auch mies für die Konzentration.«
»Für welchen Konzern bist du eigentlich geflogen?«
»Gar nicht«, sagte Danai eisig. »Ich war Controllerin. Rechnungswesen.«
Er starrte sie kurz an, und sie versuchte, mit keiner Wimper zu zucken.
»Du … du hast doch gerade was von Staffel gesagt?«
»Ich habe nicht gesagt, meine Staffel.«
»Du verarschst mich. Du bist eine Jockey! Du hast doch sogar die Reflexmodder!«
»Dann verarsch ich dich wohl.«
»Okay, und sagst du mir, für wen du geflogen bist?«
»Ich war Controllerin«, wiederholte sie eisern. Sie würde diesem Smashwit sicherlich nichts über ihre Vergangenheit erzählen. Wenn er beschloss, das zu NetCoins zu machen, war sie die Gearschte.
»Hundo P, dann eben nicht, Prinzessin.« Er sah auf den Bildschirm herab und lächelte sie dann an. Seine Tattoos waren wirklich irritierend in diesem Halblicht. »So, da sind die Accounts wieder. Vergiss nicht, mein neues Channel-Video zu faven, kay?«
»Hundo … P«, bestätigte sie gedehnt, er gab ihr einen Daumen nach oben und schob sich dann vom Tisch. Kurz stand er fast an ihren Knien.
Sie sah sitzend zu ihm auf. Was jetzt, wollte er es drauf ankommen lassen? Wenn er noch näherkam, würde ihr Knie sich gleich ganz woanders befinden!
»Und wenn du mal nicht im Dunkeln auf deinen Screen starren willst – deine Mit-Daredevils sind für dich da. Muss ja nichts Körperliches sein, wir können auch ’ne Runde pokern oder so was. Ein Hologame. Tetherball. Einfach abhängen mit einem Bier oder zwei.«
Damit ging er zur Tür, ohne es drauf ankommen zu lassen.
»Kein Interesse«, knurrte Danai. Vielleicht sollte ich irgendeine von ihnen flachlegen. Einfach mal ausprobieren, ob es macht, was er sagt. Aber nicht ihn. Sie dachte ein paar Sekunden nach, während sich die Tür hinter Kian schloss. Sie alle nicht, stellte sie dann fest. Sie stand eben einfach nicht auf Gang-Jockeys.
Danai strich mit dem Daumen zufrieden über die drei Sparrow-Silhouetten, die sie außen an ihrem Chopper, direkt unterhalb der Cockpitkanzel und neben ihrem Callsign Princess aufgesprayt hatte. Drei Abschüsse im ersten Einsatz. In ihrer Zeit beim Konzert hatte sie bereits deutlich mehr angesammelt, obwohl es in ihrem Job seltener zu echten Kampfhandlungen gekommen war als das im Umfeld von Jockey-Staffeln offensichtlich der Fall war. Mit fünf Abschüssen galt eine Pilotin als Ass, und sie hatte diese Marke bereits vor sieben Jahren hinter sich gelassen. Aber das war in ihrem alten Leben gewesen. Hier fing sie von vorne an.
Immerhin war der Run kein schlechter Start in diese morbide Art von Wettbewerb gewesen. Es war ein Spiel mit dem Tod, das alle, ob Chopper-Jockey oder Corp-Turf-Kampfpilotin, zu gern mitspielten.
»Na? Stolz?«, erklang eine Stimme hinter ihr. Sie wandte sich um und erblickte eine der Zwillingsschwestern. Sie war in einen Mechanikerinnen-Overall gekleidet und sah aus, als wäre sie in ein Fass mit Schmieröl gefallen. Die kleine, zierliche Frau reinigte gerade mit einem Lappen das Induktionsphalanxelement einer Bordkanone und sah zu Danai hoch. Sie trug ihr glattes schwarzes Haar als Sidecut. Ihr Callsign Yokai kam aus dem Japanischen, wenn Danai sich nicht irrte – zumindest den Namen von Yokais Schwester, Kami, hatte sie schon einmal von einem ehemaligen Kollegen gehört, der Shintōist war.
Yokai war die Schwester mit dem Cyberbein, das unter dem Overall zwar nicht zu erkennen war, sich aber durch die Art verriet, wie die junge Frau sich bewegte. Beide Zwillinge hatten sich bei einem Crash schwere Verletzungen zugezogen, hatte Deardevil erzählt, als sie die einzelnen Jockeys vor ihrer ersten Vorstellungsrunde einmal durchgegangen waren.
»A… Beginnerglück«, rief Danai von oben. Sie stand auf der Leiter, mit der man das Cockpit erreichen konnte.
»Schon klar. Anfängerglück. Ziemlich krasses Anfängerglück. Wo lernt man das?«
Danai schüttelte nur ihre Locken und kletterte die Leiter hinab. Sie standen jetzt auf Armeslänge Abstand und mussten nicht mehr schreien, um sich über die Distanz und die üblichen Hintergrundgeräusche auf dem Flugdeck hinweg verständigen zu können.
»Geht mich ja nichts an«, sagte Yokai und wechselte das Thema auf ein noch Persönlicheres: »Dein Sprachfehler … wenn ich dich über die Commleitung vom Cockpit höre, merk ich nichts davon. Wie kommt das?«
Danai presste die Lippen aufeinander. Konnten sie nicht weiter über ihre Flugkünste sprechen? Oder gar nicht reden? Wollte Yokai was auf die Nase? Aber da lag keine Gehässigkeit in ihrem Blick, auch keine Arroganz – im Gegenteil, sie strahlte Danai geradezu an, mit offener Freundlichkeit, vielleicht ein bisschen schelmisch.
Danai entschied, das so hinzunehmen. Sie zuckte nur mit den Schultern und lächelte sogar andeutungsweise zurück. Yokai fuhr fort: »Deardevils Tochter. Ich wusste nicht, dass unsere President ein Kind hat. Okay, sie ist schon der mütterliche Typ irgendwie. Habt euch nicht oft gesehen in deiner Kindheit, was?«
»Du bist ganz schön neugierig, Yokai!«
»Neugierig-Sein ist sozusagen mein Signature Move. So wie es offenbar deiner ist, wilde Stunts in verzerrten Gravitionsfeldern abzuziehen.« Sie nahm einen Kondensatorring von einem kleinen Tisch und flanschte ihn an das Bauteil in ihrer Hand an. Dabei sagte sie, ohne von ihrer Tätigkeit aufzusehen: »Komm schon, wir sind doch jetzt in einer Gang und sollten zusammenarbeiten. Dazu es ist gut, was übereinander zu wissen. Wingpals müssen sich doch aufeinander verlassen können. Selbst dort, wo du herkommst. Jetzt, wo du brofessionell fliegst, ist gegenseitiges Vertrauen noch wichtiger!«
Danai prustete. »Brofessionell? Das ist nicht dein Ernst! Soll ich mir in Punkto Slang eine Scheibe Bro-t von euch Jockeys abschneiden?« Das war doch einfach nur lächerlich. Jetzt flammte kurz Unmut in Yokais Miene auf.
Vielleicht wäre es schlau, die Lebensweise der Leute hier ernster zu nehmen, wenn sie künftig mit ihnen Flügel an Flügel fliegen würde? Die Daredevils stellten schließlich ihre letzte Zuflucht vor der Vergangenheit dar. Sie waren jetzt eben genau das: ihre Bros.
»Wir!«, betonte Yokai, wie um Danais Überlegung zu bestätigen. »Wir Jockeys. Das wolltest du doch sagen. Du gehörst jetzt zu uns.« Sie lächelte wieder breit. »Lernen wir uns doch besser kennen.«
Die Tüftlerin spannte ein Element des neumontierten Teils ihrer Bordkanone mit einem Varo-Schlüssel. Dabei sprach sie zum Bauteil, nicht zu Danai: »Hier, so läufst du wieder rund. Lass mich im nächsten Kurvenkampf nicht mehr im Stich, hörst du!« Dann wandte sie sich wieder Danai zu.
»Guck mal, es ist ganz einfach: Yokai ist mein Callsign, meine Zwillingsschwester rufst du Kami. Wir sind eineiig und uns häufig einig, in der Kuppelstadt Atara-Edo aufgewachsen, wo sich unsere Mutter immer noch mit dem Verkauf von Synthfleisch über Wasser hält – wir nennen das Zeug liebevoll Beyond Snail. Wir fliegen immer gemeinsam in einer Maschine – ich als Pilotin, Kami als Sozia –, schrauben gern an Choppern rum. Kami behauptet, ich fliege besser, sie schraubt besser, aber ich schraube auch boots gut, danke der Nachfrage. Meine Lieblingsfarbe ist mattschwarz, Kamis ist eisblau-metallic.«
Danai seufzte und ließ sich auf das Spiel ein. »Na gut. Ich komme aus dem Corp-Turf, keine Details. Bin bei meinem Vater aufgewachsen. Mama hat uns ab und zu besucht, einmal im Jahr vielleicht. Sie hatte es nicht so mit dem Familienleben, und Papa hat sein Bestes getan, mich von …« Danai machte eine umfassende Geste. »… all dem hier fernzuhalten. Alles in allem ziemlich langweilig. Mehr gibt es da nicht zu erzählen.«
So langweilig die Ausbildung in einer Elite-Raumpilotenakademie von Hadronic Inc. eben sein konnte. Aber Yokai musste ja nicht alles wissen.
»Ach ja, Schwarz ist keine Farbe und meine Lieblingsfarbe ist Türkis … was war das?«
Ein Geräusch von Metall auf Metall – ihr Blick fuhr zu ihrem Chopper. Eine weitere Person im Mecha-Overall hatte eine Leiter an ihr Triebwerk gelehnt und war mit dem Oberkörper komplett darin verschwunden.
»Was bei Immelmanns Arsch soll das?«, fragte Danai und rief dann lauter in Richtung des Geschehens: »Hey! Was glaubst du, was du da tust? Das ist mein Chopper! Sieh zu, dass du da rauskommst!«
»Keine Sorge, das ist nur Kami. Und die Brüllerei wird dir nichts bringen. Sie schaltet ihre Audioimplantate immer stumm, um konzentriert arbeiten zu können.« Danai erinnerte sich, bei Yokais Schwester ein eisblau schimmerndes Cochlea-Implantat hinter einem Ohr gesehen zu haben, sichtbar gemacht durch den Sidecut, den Kami genau wie ihre Schwester trug. Seit dem Unfall, der ihre Schwester ein Bein gekostet hatte, war sie gehörlos.
Eine Mischung aus Fassungslosigkeit über die Dreistigkeit und Sorge um ihre Slipstream überkam Danai, gemischt mit der Wut, die in diesen Tagen immer so nah unter der Oberfläche lauerte. Als Kami tatsächlich nicht auf die Rufe reagierte, packte Danai die Leiter, um diese N00b eigenhändig an den Füßen aus ihrem Triebwerk zu ziehen, aber Yokai ergriff sanft ihren Arm und hielt sie zurück.
»Warte! Sie stellt nichts an. Wir kümmern uns genauso wie die Deckcrew ein wenig um die Chopper unserer Pals.«
»Bescheid sagen wäre eine gute Idee gewesen! Und was soll das überhaupt werden, wenn es fertig ist?«
»Der Überhitzschutz ist ab Werk normalerweise zu konservativ eingestellt und riegelt früher ab, als es wirklich nötig wäre. Kami rejustiert das und kitzelt damit noch ein Quäntchen Extraleistung aus den Triebwerken heraus. Glaub mir, du wirst glücklich damit sein, bei den Runs, die wir vorhaben.«
Danai war alles andere als glücklich, aber sie hielt sich zurück. In ihrem alten Job hatte sie den Vogel auch immer Profis überlassen, und Yokai und Kami wussten sicherlich, was sie taten. Sie gab ein Schnaufen von sich, gleichzeitig Unzufriedenheit und zögerliche Zustimmung. »Hab aber keine Lust drauf, beim nächsten Flug zu explodieren«, knurrte sie.
»Guck ihr einfach auf die Finger, wenn du willst. Ist schließlich dein Chopper«, sagte Yokai.
Danai hielt jedoch noch inne. »Was meintest du mit ›bei den Runs, die wir vorhaben‹? Was steht an?«
Yokai blickte finster, als sie antwortet. »Deardevil will es nachher allen mitteilen, aber die Info macht schon die Runde, weil es ein Vid von Bulldoxx dazu gibt. Die Frakster waren unzufrieden mit der Ausführung des letzten Runs. Scheiße unzufrieden. Sie haben unsere Ausrede nicht geschluckt und den Geldhahn komplett zugedreht – natürlich erst, nachdem sie die Ladung Gravitonium entgegengenommen hatten. Vertrag aufgekündigt, Credits futsch. Die waren unser wichtigster Sponsor. Das tut richtig weh in der Gangkasse. Um das auszugleichen, werden wir riskante Aufträge annehmen müssen. Oder durch krasse Aktionen auf uns aufmerksam machen, um einen Ersatzsponsor zu finden. Das ist jedenfalls das, was üblicherweise in solchen Fällen geschieht. So oder so wird es ungemütlich.«
»Blöd«, sagte Danai, obwohl für sie, die ihr Standing in dieser Staffel verbessern musste, eine Herausforderung gerade recht kam, um sich zu beweisen.
»Blöd«, bestätigte Yokai.
»Gibt’s auf diesem Felsen eigentlich auch Gelegenheit für ehrliche A… Tätigkeit?«, fragte sie interessehalber.
»Na klar. Willst du umsatteln? Im C-Bezirk der Minen wird immer noch Erz abgebaut, aber kein Gravitonium mehr. Was sie da an seltenen Erden finden geht in die Platinenwerkstätten auf Delay-6. Dann haben wir hier ein bisschen was an Casinos und Kaschemmen für Durchreisende. Aber die meisten hier arbeiten in der Chemie: Du hast sicher schon von Lokkers Skywards-Küche gehört?«
»Ehrliche Tätigkeit in der Drogenküche?«, fragte Danai spöttisch.
»Nee, dafür ist Lokkers Labor zu klein, und er lässt sich nicht gern über die Schulter schauen.« Yokai lachte. »Lokker nutzt dafür Räume und Apparaturen von ROFL, die haben hier ihren Hauptsitz.«
»ROFL? Energydrink-ROFL? Den gibt’s sogar auf Corp-Turf in jedem Kiosk!«, entfuhr es Danai.
»Klar, Baby! Aber hier sind die Mieten günstiger!«, erwiderte Yokai, bevor sie sich alle daranmachten, ihre Chopper für die anstehenden Runs aufzumotzen.
Fire and Brimstone
Spacebook
Debatte um Altersfreigabe und Kennzeichnung auf Loggtube
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Tox-O-Meter: @SexualSalvationWarrior Ich will halt mal mehr sehen als nur ein bisschen Feuerwerk. Lass Feuer und Tod vom Himmel regnen! Das wird man doch wohl noch sagen dürfen.
Fervin hatte die Hände in die Hüften gestemmt, als Neval den Raum wieder betrat. Ihre informelle Anführerin hatte sie gebeten, noch einen Versuch der Kontaktaufnahme mit Deardevil zu unternehmen, doch weder sie noch Kian hatten auf Nevals Anruf reagiert. Von Kian war immerhin ein »Ich kann gerade nicht, melde mich« gekommen, doch sie begann zu glauben, dass er einfach keine Möglichkeit sah, seine President von diesem Einsatz zu überzeugen und deshalb das Gespräch mit ihr mied. Das hieß, sie mussten eine andere Gang bezahlen, denn mehr als ein paar Kriminelle aus dem Free-Turf würden sie sich als Luftunterstützung kaum leisten können. Aber Neval kannte nur einen Chopper Jockey, und das war nun einmal Kian. Wenn sie andere Leute bezahlten, wie konnte sie sich sicher sein, dass sie dabei nicht irgendwelchen Menschenhändlern die Tür aufstießen?
Neval hatte seit einigen Jahren die Hoffnung gehegt, dass es ihnen vielleicht sogar gelingen würde, so etwas wie eine unabhängige Ratsregierung für Valoun II zu etablieren. Es gab bereits eine Art Gremium, eine Interessensvertretung, in der die größten auf dem Mond siedelnden und grabenden Parteien Konflikte ohne Gewalt ausbügelten.
Ihre Siedlung war noch nicht Teil davon geworden. Zu klein, zu unbedeutend, auch wenn Neval immer wieder Anträge gestellt hatte, sich in ihrer Freizeit mit Regelungen anderer besiedelter Planeten herumgeschlagen und diese als Argumente zusammengesucht hatte. Ihre Bemühungen waren nie von Erfolg gekrönt gewesen, die Konzernvertretungen verständigten sich im Gremium über die Köpfe der zivilen Siedelnden hinweg. Damit war die Gefahr wieder groß, dass sich dieser Free-Turf auf kurz oder lang in Corp-Turf verwandeln würde – die einzige Frage war: In wessen Corp-Turf?
Neval presste grimmig die Kiefer zusammen. Sie hatte Konzernrecht studiert wie alle Jurastudiengänge des Kobeni-Gürtels, es gab keine andere Variante mehr. Dass sie Gerechtigkeit abseits davon suchte, war einer der Gründe, warum sie das Studium geschmissen hatte. Und jetzt war der einzige Nutzen, den sie für Fervins Gemeinschaft hatte, der, dass sie diesen einen Ex-Freund-Kontakt zu einer Chopper-Gang hatte.
Fervin, Deen, Leron, Mera und Vaya standen um das Tablet herum, das aufgestellt das Gesicht von SisX von PolitiX zeigte.
»Sollten wir als die Hauptleidtragenden da nicht auch gefragt werden?«, fragte Fervin das Hologramm von SisX.
»Ich kann es dir nicht sagen, ich bin nicht auf eurem Mond – warum werdet ihr nicht gefragt?«, entgegnete SisX. Ihr androgynes, silbernes Gesicht war ein Avatar, im politischen Dark Datanet weltenbekannt, aber unidentifizierbar. Niemand wusste, wer SisX war, aber sie stellte eine verlässliche Verbündete im Kampf gegen Konzerne dar.
»Wir sind nicht Teil des Gremiums. Das ist über die Köpfe der kleineren Siedlungen hinweg gegründet worden. Neval hier hat sich für eine Reformation starkgemacht, aber daran scheint ihnen nichts zu liegen.«
»Das offizielle Statement lautet, dass die Gater für den Angriff verantwortlich sind.«
»Aber die Gater verfügen doch nicht über Jagdflugstaffeln!«, stieß Fervin hervor.
»Dann haben sie sie vermutlich angeheuert«, sagte SisX. »Was ihr im Übrigen auch tun solltet.«
»Wir versuchen es! Es ist nicht einfach, wir sind wirklich nicht in der besten Position.« Fervin warf Neval einen Blick zu, und diese schüttelte den Kopf. Sie hatte nichts Neues erreicht.
»Jedenfalls sagt meine Quelle, dass sie sich zu militärischen Gegenschlägen gegen die Gater bereithalten. Das kann gut für euch sein«, erläuterte SisX.
»Es kommt mir fishy vor, dass sie die Gater verantwortlich machen. Ich würde meinen linken Arm verwetten, dass das Corp-Flieger waren, die uns angegriffen haben!«, sagte Deen, dessen linker Arm wesentlich teurer war als der rechte, denn nach einem Unglück mit Minengerät hatte die Gemeinschaft zusammengelegt, um ihm einen kybernetischen Ersatz zu finanzieren.
»Vielleicht kriegen die Gater Corp-Unterstützung«, gab Vaya zu bedenken und blickte in der provisorischen Kommandozentrale umher. Außer den fünf Menschen um den Tisch herum saßen noch einige auf Decken oder Klappstühlen, und Sherin bastelte gerade an der Beleuchtung, die immer wieder ausfiel. Immerhin war das Datanet stabil.
»Kein Corp steht auf der Seite einer fundamentalistischen Sekte.« Die Frau auf dem Tabletbildschirm schüttelte den Kopf. Sie hielt inne, nein – ihr Avatar fror ein. Offenbar war sie kurz abwesend oder in einem anderen Programm aktiv. Das, oder das Datanet kämpfte nun auch mit Schwankungen.
SisX kehrte zurück. »Unangenehme Neuigkeiten.«
Fervin lächelte grimmig. »Na klar. Was ist es?«
»Eine unserer Hackerinnen hat sich ins Gremium einschalten können. Horcht durch ein schlecht gesichertes Tabletmikro mit.« Wieder hielt der Avatar inne. Vielleicht war eine unserer Hackerinnen auch einfach SisX selbst, vielleicht bestand PolitiX nur aus ihr und sie machte sich und ihren Channel größer, als sie waren.
»Die Gater sind in Fervintown eingedrungen. Eure … eure Siedlung ist in ihrer Hand.«
»Tod noch mal!« Fervin rang mit den Händen, beherrschte sich offenbar mühsam und tauschte einen Blick mit Leron, der bereits argumentiert hatte, dass sie sich nicht auf die Konzerne als Gegner einschießen solle – die Gater stellten die größte Gefahr dar. Die Mink-Öl-Sekte war in den vergangenen Monaten immer gewaltbereiter geworden, hatte Gegenden vermint und eine Community etwa zweihundert Kilometer südlich durch Heckenschützen so zermürbt, dass diese ihren Claim aufgegeben hatten.
Aber sie haben keine Jagdmaschinen.
Offenbar waren auch diese Freaks jetzt in der Lage, Geld auf Gang-Konten zu überweisen.
»Das können wir nicht dulden!«, stieß Leron jetzt auch hervor. Er hasste die Gater, hatte in der Vergangenheit schon schlechte Erfahrungen mit ihnen gemacht, über die er sich ausschwieg. »Die setzen sich ins gemachte Nest! Wir sind auf ein großes Reservoir gestoßen, das ist unser Claim! Sie nutzen vermutlich sogar unsere Bohrtürme und Fördermaschinen, diese Eiterhirne!«
»Natürlich tun sie das. Was das angeht, waren sie immer schon schlecht ausgestattet«, knurrte Vaya. »Das war vermutlich das Ziel der ganzen Übung.«
»Aber jetzt haben sie keine Jäger mehr«, murmelte Neval. »Das war eine Aktion für genau eine Nacht.«
Die anderen sahen sie an, sogar SisX suchte sie durch die Kamera.
Mera, die bislang nichts gesagt hatte, nickte heftig. »Sie hat recht. Wenn wir uns drauf verlassen, dass das Gremium da irgendwelche Schritte einleitet, dann sind das die falschen Schritte. Dann nehmen die den Gatern unseren Claim weg und behalten ihn für sich. Wenn wir unseren Besitz zurückwollen, müssen wir ihn uns nehmen. Die Gater sind zu wenige, um unser eigenes Gelände gegen uns zu halten. Wir hauen ihnen diese Nacht aufs Maul.«
Dabei legte sie eine Hand auf das Gewehr, das sie umgeschnallt trug, und alle im Raum wussten, dass sie Tödlicheres als einen Faustkampf meinte.
»Das können wir nicht zu sechst entscheiden!«, wehrte sich Fervin.
»Nee. Das kannst du ganz allein entscheiden, Fervin«, sagte Vaya. »Es ist dein Claim, und wir sind deine Leute.«
»Wir haben immer als Gemeinschaft gehandelt.«
»Und wir sind noch zweihundertachtzehn Erwachsene hier oben. Frag uns, wenn es dir dann besser geht – und dann holen wir uns zurück, was uns gehört!«
Fervin sah über das Tablet hinweg in Nevals Richtung, als bräuchte sie deren Genehmigung. Sie sieht mich immer noch als Instanz irgendeiner interstellaren Gerechtigkeit, die es nicht gibt und nie gab. Neval war der Gedanke zuwider, den Claim gewaltsam von den Gatern zurückzuerobern. Sie schielte auf ihr eigenes, zusammengefaltetes Tablet, das weiterhin schwieg. Weder Kian noch Marlene hatten sich gemeldet.
Sie nickte Fervin zu und gleichzeitig ging das Licht flackernd wieder an, heller als zuvor. Vielleicht brauchen wir die Daredevils nicht.
»Ihr habt recht«, seufzte Fervin. »Wir müssen ihnen das Gebiet wieder wegnehmen, bevor sie sich da einnisten und die Lebensformen gegen uns verwenden können.«
SisX’ Avatar erwachte wieder zum Leben. »Ich informiere euch, wenn ich noch weitere Informationen herausfinde, über das Gremium oder anderweitig. Aber ich unterbreche jetzt meine Verbindung zu euch. PolitiX bleibt in gewaltsamen Konflikten neutral.«
»Danke«, sagte Fervin und streckte die Hand aus, um das Fenster zu schließen. »Dann … dann sollten wir jetzt …« Sie sah etwas ratlos in die Runde. »Wie bereitet man einen Krieg vor?«
Vaya lachte nervös, und Deen runzelte die Stirn. Seine beiden Kinder, beides Teenager, vielleicht fünfzehn und sechzehn, traten an seine Seite und versuchten, entschlossen auszusehen. Beide waren bewaffnet, wie alle, die sich jetzt noch in den Bergen aufhielten und nicht evakuiert worden waren.
»Kein Krieg«, sagte Neval in die Runde, als könnte das die Gemüter beruhigen. »Wir schmeißen diese Eiterhirne nur aus unserem Dorf. Wenn wir es gut planen, geht es schnell und sauber.«
»Sie werden nicht freiwillig gehen. Dann kann es langsam und schmutzig werden«, wandte Deen ein.
»Dann wird es das!«, stieß Leron hervor. »Ich übergebe denen ganz sicher nicht mein Leben und versauere hier oben in den Bergen!«
»Und ich übergebe ihnen nicht unser Mink-Vorkommen, damit sie sich damit ihr Hirn wegbrennen.« Fervin hatte sich entschieden.
»Informieren wir das Gremium über unseren Angriff?«, fragte Neval. »Vielleicht unterstützen sie uns.«
»Nein.« Leron schüttelte den Kopf. »Wenn doch ein Corp mit den Gatern zusammenarbeitet und ihnen die Jäger gestellt hat, dann sitzen wir tief in der Scheiße.«
»SisX hat gesagt, dass kein Corp mit Gatern zusammenarbeiten würde! Und sie hat sie immerhin abgehört.«
»SisX kann sich auch irren. Wer weiß, wer da wen für seine Zwecke nutzt? Wir machen eine effiziente, schnelle Aktion draus. Und lassen die Gater nicht am Leben. Diese Freaks sind wie die Schmeißfliegen, wenn wir sie nur vertreiben, kommen sie wieder. Für sie riecht Minkowskium unwiderstehlich, wie Scheiße für Fliegen.«
Neval starrte Leron an. Der Mittfünfziger erwiderte den Blick gelassen, bis sie es nicht mehr aushielt und beiseite sah. Er tätschelte herausfordernd das Gewehr an seinem Schulterriemen.
Das Problem war, dass er recht hatte.
Vor wenigen Wochen hatten sie endlich ein großes Reservoir entdeckt, und ersten Schätzungen nach war es nicht das einzige in dieser Gegend. Ein gewaltiges Vorkommen, größer als alle bisherigen Reserven des Planeten zusammengenommen, konzentriert in geologischen Sattelstrukturen unterhalb ihrer Heimatdörfer. Das war bei weitem genug, um ihr karges Dasein auf dieser Welt dauerhaft zu verändern. Aber diese Mengen weckten natürlich Begehrlichkeiten – seitens der Konzerne und seitens religiöser Spinner, die glaubten, dass ihnen eine übernatürliche Macht die alleinige Verfügungsgewalt über den begehrten Rohstoff der Sternenreisenden zugesprochen hatte. Wenn die Gater nun dort waren, wussten sie bereits von diesem Vorkommen. Und würden ihren neuen Besitz bis aufs Blut verteidigen.
Aber selbst, wenn wir ihn zurückerlangen, wie lange können wir etwas behaupten, das so sehr Segen und Fluch gleichzeitig ist?
Neval wusste es nicht. Sie sah noch einmal auf ihr Tablet. Keine Nachricht. Ihr Kiefer schmerzte, so angespannt war sie.
Dann wurde das hier also ein Bodengefecht.
Marlene hatte schon einiges intus, und nicht nur Alkohol, das merkte Kian sofort. Für eine Frau, die der Kampf gegen einen Haufen Rückschläge dahin gebracht hatte, wo sie jetzt war, steckte sie Rückschläge ganz schön schlecht weg.
Bevor sie sich entschied, etwas dagegen zu unternehmen, beschloss sie meistens erst einmal, sich die Situation einige Tage lang schönzusaufen und -vögeln. Swosh war sicherlich auch im Spiel, zumindest sahen Marlenes Nasenlöcher entzündeter aus als ihre Augen, sodass davon auszugehen war, dass sie die Finger von Lokkers Skywards gelassen hatte.
Ob sie den Cyberköter aus Versehen oder absichtlich mit dem Fuß erwischte, wusste Kian nicht. Der Hund zog sich jedenfalls winselnd hinter die Theke zurück.
Kian setzte sich im Loco Hana an den Tisch, an dem Princess mit Kami saß. Die beiden wirkten nicht so, als wären sie einander bewusst, beide starrten auf ihre Tablets; Kami auf ihre in sich versunkene Art und Weise, Danai so, als wolle sie sich vor allen Dingen vom Anblick ihrer Mutter ablenken, die sich gerade im sehr kurzen Kunstlederrock auf die von Woqqa-Pfützen übersäte Theke gesetzt hatte.
Kian war in einer Großfamilie aufgewachsen, dreiundfünfzig Leute auf einem kleinen Navig-Boot, auf der Suche nach neuen Wurmlöchern. Seine Familie folgte schon seit Generationen als Teil einer kleinen, chaotischen Flotte den Sternbildern. Sie waren Herumziehende, die sich selbst als Pioniere und Forscherinnen betrachteten, aber für den Rest der bewohnten Galaxis Freaks und Smashwits waren. Er wusste nur zu gut, wie es sich anfühlte, wenn sich jemand, mit dem man verwandt war, vor anderen lächerlich machte. Dann sah man genau so aus, wie Danai gerade aussah. Er setzte sich zu ihr, das löste Danais Blick vom Tablet, und auch Kami regte zwei Finger in einer faulen Grußgeste.
»Hey«, sagte Kian. »Deine Accounts laufen gut, oder?«
»Hab die Mitteilungen ausgeschaltet. Es nervt.«
»Siebenhundert Kommentare seit gestern Abend.«
»Und du antwortest drauf«, knurrte sie.
»Wingpals.« Er lächelte. »Ich halte sie nur bei der Stange. Deine Follower sind Gold wert. Oder können es zumindest sein. Ich dachte, du hättest die Notifs ausgeschaltet?«
»Hab ich auch. Hab aber trotzdem nachgeguckt.« Sie grinste schief, ein schmaler Streifen auf ihren dunklen Lippen war golden geschminkt, als hätte sie sie mit einer in Gold getunkten Fingerspitze berührt, und das gab ihr einen charmant-verschmitzten Ausdruck, der jedoch ihre Augen nicht erreichte. Diese wanderten noch einmal kurz zu ihrer Mutter herüber, bevor sie Kian entschlossen fixierte, als wolle sie mit ihm den Anblick der sturzbesoffenen President vertreiben.
»Sie will uns jetzt sagen, dass wir den Sponsor verloren haben.«
»Jau«, erwiderte Kian.
»Was wir alle schon wissen.«
»Sie ist ganz schön low deswegen.«
»Low im Sinne von down?«
»High, aber down, ja. Low halt.«
Wieder irrte ihr Blick zu ihrer Mutter. Familie war etwas Seltsames. Eigentlich konnte man nichts dafür, was ihre Mitglieder taten und wie sie sich gaben. Es gab keinen Grund, sich für Familie zu schämen. Aber man tat es doch. Kians Leute schämten sich sicher auch für ihn. Danai und Marlene waren so gegensätzlich wie Feuer und Wasser, Gang und Corp; nicht nur im Aussehen, sondern auch im Verhalten.
»Ich wusste nicht, dass sie immer noch ein Drogenproblem hat«, murmelte Danai.
»Ach, Drogenproblem ist übertrieben«, murmelte Kian, und sie sah ihn strafend an. Sie war eben immer noch durch und durch Corp-Turf, und dort gab es eine klare Linie zwischen der legitimen und der falschen Art, sich abzuschießen. Marlenes Art war die falsche. Kian fragte sich kurz, wie sie früher gewesen war, bevor sie ihrem … Snack, ihrem Kind und dem Corp-Turf den Rücken gekehrt hatte, um sich in einer Jockey-Gang hochzuarbeiten. Es hieß, dass sie als Frachterpilotin für Konzerne ihre ersten Manöver gelernt hatte.
Und Danais Dad ist vermutlich Controller.
»So, jetzt hört mir alle zu, versmashter Scheiß«, brachte Marlene sie alle zum Schweigen. Yokai beendete noch stumm den Kartentrick, mit dem sie Eyegle gerade abzog, dann sahen alle nach vorn zur Theke. »Wir haben Bulldoxx als Sponsor verloren, ihr wisst das wahrscheinlich schon, aber jetzt mach ich es offiziell. Weil wir den Corp-Transporter nicht abgeknallt haben. Sie haben den Vertrag beendet.«
Kian rutschte ein wenig nervös auf dem Stuhl hin und her, der sein Gewicht knarrend zur Kenntnis nahm. Er wusste nicht, welche Beträge Nevals Leute zahlen würden – aber vielleicht war es Karma, dass dieses Angebot zu dieser Zeit gekommen war!
»Sie haben sich die Firestarters eingekauft. Sponsern jetzt die. Kein Wunder, dass sie die ausgesucht haben, diese Brofucks machen für Geld alles!«
Kian und alle anderen hatten das schon auf ihren Kanälen verfolgt. Die Firestarters hatte er nur abonniert, um ihnen Hate zu geben, und in den vergangenen Tagen hatte er das nicht zu knapp getan. Den Firestarters war das große Bulldoxx-Logo vor ihren neusten Videos und auf ihren Maschinen gut bekommen: Sie hatten ein Viertel mehr Follower als zuvor. Und bei den Daredevils stagnierte die Lage. Da die Prospects für die Verwaltung der Channels zuständig waren, hatte Kian den Überblick. Er träumte nachts nur noch in Emojis, Kudos und Daumen hoch oder runter.
Bacon tat als einziger so, als wäre er überrascht. Oder er war es tatsächlich – er ließ seine Accounts von Nean verwalten, denn er sagte, der Scheiß mache ihn depressiv. Dav aus der Deckcrew saß mit ihm an der Theke und versuchte, möglichst unbeteiligt dreinzublicken. An einem Tisch hinter Dav hockten noch die Mechas Wanda und Scream mit dem vierzehnjährige Gear, den Bacon vom Unterdeck der Asteroidenstation geholt hatte, wo Gear mit Sabotage an den Lebenserhaltungssystemen und damit zusammenhängender Erpressung an Drogen gekommen war. Da die Sabotageakte nicht schlecht gelungen waren, hatte Bacon den Kleinen für die Deckcrew rekrutiert. Er arbeitete immer noch für nicht viel mehr als seine tägliche Dosis.
»Passma auf, diese Smashwits, diese N00bs, diese Muddoballs von Firestarters, ich glaub, da müssen wir mal ein paar Ärsche aufreißen!«, brüllte Bacon und sprang auf. Von der Theke aus hatte er das Endspiel vom Lowgrav-Wrestling mit einer VR-Brille beobachtet und lautstark kommentiert. Die Brille riss er sich erst nach seinem Fluch vom Kopf.
»Ja, Bro, du sagst es, Bacon!«, stimmte Deardevil ein und hob ein gut gefülltes Woqqaglas. »Prophet hier findet raus, wo im Kobeni-Gürtel sich die Scheißer aufhalten, und dann will ich Blut sehen, Leute, Blut!«
Kian warf Danai einen Blick zu. Sie sah angespannt aus. Für Bandenkriege war Kian auch noch nicht lange genug dabei, aber er war schon Prospect gewesen, als sie den Wheelbreakers vor Enki IV aufgelauert hatten. Das hatten sie nicht gestreamt, und es war eine schmutzige Angelegenheit gewesen, die Kian bis auf seltene Gelegenheiten wie diese hier zu verdrängen pflegte. Ja, Danai hatte Grund, angespannt auszusehen.
Und er hatte einen Grund, zu verhindern, dass sie – und er – in Schlimmeres als in die Sache mit den Wheelbreakers reingezogen wurden. Kian hielt sich nicht für zimperlich, immerhin war er Mitglied einer Jockey-Gang (auch wenn sie meist mit Jugendfreigabe agierte), aber er glaubte an eine unbestimmte Art von Ehrenkodex, von der er sich nie die Mühe gemacht hatte, ihn irgendwo festzuhalten. Ein flexibler Ehrenkodex. Eher eine Art innerer Kompass, wie es sich für den Spross einer Navig-Familie gehörte.
»Ich hab einen anderen Vorschlag. Also, vorerst«, sagte er daher laut, diesem Kompass folgend. Deardevil klappte den Mund so wütend zu, dass ihre Zähne aufeinander krachten. Ihn durchfuhr die Erkenntnis, dass es nicht der günstigste Zeitpunkt war, um auf humanitäre Mission zu gehen. Dafür hatte Marlene gerade sicher am allerwenigsten übrig, sie wollte irgendetwas brennen sehen. Aber jetzt konnte er nicht mehr zurückrudern.
»Ich hab dir den Kontakt zu Neval Toprak geschickt. Langfristig ist das kein Sponsoring oder so was. Aber kurzfristig bringt es etwas Kohle.«
Alle starrten ihn an. Garuda lachte abgehackt, natürlich, als VP sägte sie an Marlenes Ast, und alles, was Marlene schwächte, trieb Garudas Säge voran.
»Prophet, setz dich wieder hin«, knurrte Deardevil.
Er bemerkte erst jetzt überhaupt, dass er aufgestanden war.
»Sie bezahlt uns, um zu fliegen. Was willst du mehr?«, erwiderte er.
»Sie kann den Preis nicht zahlen, den wir wert sind.« Marlene wirkte auf einmal recht nüchtern. »Du musst deine Schulden bei ihr wohl irgendwie anders begleichen, dear.«
»Ich hab keine Schulden bei ihr!«
»Aber offenbar kann sie dich kneten wie weiche Hundescheiße, und hältst du mich für Hundescheiße, Kian?«
»Ich halte dich nicht für Hundescheiße. Und mich auch nicht«, stieß Kian anspannt hervor.
»Warum lässt du dich dann wie welche kneten?«
»Bist du bald fertig? Es sind Credits, Leute, ich dachte, wir tun Dinge für Credits. Ein paar Gater abknallen, Credits einsacken, fertig. Danach kannst du immer noch den Firestarters den Arsch aufreißen.«
»Du und die Kleine, ihr hattet eine Fomo-Kiste, ich lasse mich doch nicht von dir verarschen! Denk nicht, wir helfen dir dabei, wieder in ihr Bett zu kommen.«
Kian spürte, dass er nervös wurde. Yokai musterte ihn von der Seite. Eyegle grinste zu breit. Selbst Purple gab ein boshaftes Kichern von sich.
»Das ist drei Jahre her!«, rechtfertigte er sich. Bei den Sternen von Matariki, er würde jetzt sein Liebesleben auf der Akademie nicht mit Marlene diskutieren. »Darum geht es doch jetzt überhaupt nicht! Ich hab einen Vorschlag gemacht, wie du Leuten aufs Maul geben und Kohle machen kannst!«
Sie rutschte vom Tresen, das hohe Woqqa-Glas in ihrer Hand ging zu Bruch. Die leicht ölige Flüssigkeit darin schwappte über den Boden, einen Hocker und Davs Schoß.
Marlene wankte an Dav und Bacon vorbei – der Boden des Glases und ein langer Splitter lagen noch in ihrer Hand. Kian wurde klar, dass sie auf ihn zu kam.
»Was soll das, hey, wir machen es, wie du es willst!«, sagte er sofort und hob die Hände.
Auch Danai sprang auf, er sah aus den Augenwinkeln, dass sie in eine Art Kampfgrundstellung ging, wie jemand, die bereit ist, bei Ärger dazwischen zu gehen und wusste, wie sie das anstellen konnte. Konzernselbstverteidigung oder so ein Scheiß. Er hatte so etwas nie gelernt, hatte sich immer einfach so geprügelt – aber noch nie mit seiner President. Und würde Danai sich etwa mit ihrer eigenen Mutter schlagen?
»Lass den Jungen in Ruhe«, sagte Garuda in die angespannte Stille, in die nun viel zu laut das Wrestling-Match aus Bacons abgelegter Brille dudelte. »Du bist nicht beieinander, Marlene, geh dich ausschlafen, und dann reden wir weiter.«
Das reichte immerhin, damit Marlene nicht weiter auf ihn zu kam. Sie fuhr zu Garuda herum und keifte: »Halt’s Maul! Ich lasse mir von euch nicht sagen, was ich tun und lassen soll! Von dir nicht, von Prophet erst recht nicht!«
»Er hat einen Vorschlag gemacht, du hast ihn abgelehnt. Fein. Dann denken wir uns was anderes aus. Überlass das Denken denen, die sich nicht gerade die Hirnzellen weggeswosht haben.«
»Wir hauen den Firestarters aufs Maul!«, beharrte Marlene und drohte mit ihrer Scherbe.
Garuda stieß sich von dem Tisch ab, auf dem sie breitbeinig gesessen hatte und kam mit all ihrer hemdsärmeligen, ledertragenden, tätowierten Imposanz auf sie zu, die Dreadlocks zu einem dicken Bündel wie Kabelstränge im Triebwerk eines Choppers zusammengebunden. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt, und wenn sie schlau war, versteckte sie dabei irgendeine Waffe, falls Deardevil doch ausrastete. Garuda warf Kian einen nachdrücklichen Blick zu.
Er konnte die Vice Prez eigentlich nicht besonders leiden, aber gerade war er froh, dass sie die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.
Danai kämpfte sich durch das Stottern: »Mama, nimm dir ein neues Glas und trink noch was.«
Marlene fuhr zusammen, als würde sie gerade erst bemerken, dass ihre Tochter im Raum war.
»Wir brauchen einen verfickten Sponsor!«, knurrte Marlene ein wenig besänftigt und nahm das Glas an, das Danai von ihrem eigenen Tisch nahm und ihr entgegenstreckte. Kian zog sich ein paar Schritte zurück. Er atmete heftiger, als er wollte. Kami beobachtete ihn, Eyegle ebenso. Hätten sie ihm geholfen, wenn es hart auf hart gekommen wäre?
»Den kriegen wir nicht so einfach. Wir brauchen einen Plan. Aber erst morgen«, sagte Danai mit einer so ausdruckslosen und flachen Stimme, dass er sie kaum wiedererkannte. Jetzt stotterte sie nicht einmal.
Sie kennt das, schoss es ihm durch den Kopf. Für Danai mochte all das hier neu sein – aber nicht der Zustand ihrer Mutter und wie sie sich verhalten musste. Die Erkenntnis drehte ihm den Magen um.
Marlene ließ sich auf einen Stuhl fallen und kippte den Inhalt des Glases in sich hinein. Das zerbrochene legte sie auf dem Tisch ab.
»Wir kriegen das hin«, sagte auch Garuda versöhnlich und bedachte Kian dabei mit einem Nicken und einem schmalen Lächeln, bei dem ein goldener Zahn aufblitzte. Er wusste, was das hieß – er schuldete ihr etwas.
»Whisky«, deklamierte Bacon. »An besonders beschissenen Tagen muss man besonders geiles Zeug trinken!«
Und das taten sie. Sie tranken, als würde sie das näher zueinander bringen. Aber zwischen Wingpals lag immer kaltes All.
»Ich wünschte, wir hätten Luftunterstützung«, stieß Leron hervor, er befand sich so nah an Neval, dass sie sein zitterndes Atemholen hörte. Sie mussten in der Nacht etwa zehn Kilometer zu Fuß zurücklegen, in fünf Gruppen, die von Fervin und vier weiteren Leuten mit der notwendigen Orientierung angeführt wurden. Neval war Lerons Trupp zugeteilt. Es war wichtig, dass sie in kleinen Gruppen und zu Fuß aus den Bergen in die Tiefebene hinabstiegen, denn die Gater hatten die Straßen abgeriegelt, und offroad gab es keine Möglichkeit, mit den Fahrzeugen unbeschadet an den Formen vorbeizukommen.
Die Formen – dieser gänzlich fantasielose Name hatte sich für die Lebensformen eingebürgert, die auf Valoun II entstanden waren. Es waren simple Einzeller, die auf Silicium statt Kohlenstoff beruhten und noch vor dem Terraforming des Monds für einiges Aufsehen gesorgt hatten. Doch nachdem man den spektakulären Fund einmal gründlich erforscht hatte, war nicht viel von der Faszination geblieben: Letztlich waren es korallenartige, gigantische Einzeller, die – nicht Pflanze, nicht Tier – fest am Boden verankert bis in zwanzig Meter Höhe wuchsen. Unten am Boden begannen sie zu verhärten und abzusterben und waren größtenteils staubig grau, während sie weiter oben in Farben von Ultramarinblau bis Korallenrot variierten.
Das Problem war nicht, dass die Formen feindlich waren. Neval bezweifelte, dass sie irgendeine Einstellung gegenüber irgendetwas hatten. Das Problem war, dass sie wie Erdrutsche in sich zusammenfielen, wenn sie an der Basis abstarben und dabei ganze Straßenzüge unter sich begraben konnten. Noch dramatischer war, dass sie sich mittels Zellteilung fortpflanzten. Dabei platzten sie in einer regelrechten Splitterexplosion auseinander. Eine Hälfte blieb stehen, die andere verstreute sich in Trümmern auf dem Boden. Dort, wo der Teil mit dem Zellkern auftraf, verwurzelte sich eine neue Form. Die Splitter der Formen waren wie große Brocken aus Glas: hart, teils scharfkantig und heimtückisch.
Die menschlichen Besiedlungen hatten lernen müssen, mit den Formen und ihrer Zellteilung umzugehen. Die Siedelnden wussten, wann Formen reif waren und lösten kontrollierte Zellteilungen aus oder fällten alte Formen in eine bestimmte Richtung, bevor sie größeren Schaden anrichten konnten. Die Formen ganz aus dem Weg zu räumen war zu mühselig. Man musste sie sprengen, und der Zellkern war selbst dann beinahe unzerstörbar und fasste erneut auf dem splitternden Fels des Untergrunds Fuß.
Leron führte seine Truppe aus dreihundert Leuten durch ein Wäldchen aus jungen Formen, die alle noch nicht platzen würden. Dennoch waren sie vorsichtig und berührten nichts, selbst wenn Neval sich manchmal gern aufgestützt hätte. Obwohl sie körperliche Arbeit mittlerweile gewöhnt war, strapazierte der nächtliche Marsch Muskeln, die dagegen protestierten. Lerons Hund ging an einer Leine voraus – zwar war er nicht ausgebildet, Sprengstoff zu erschnüffeln, aber Leron hatte ohne mit der Wimper zu zucken gesagt, dass Sprengfallen lieber den Hund als Menschen erwischen sollten.
Das war nur logisch, trotzdem kam es ihr auf einem Mond, auf dem es nur Menschen, die Formen und das eine oder andere mitgebrachte Haustier gab, wie eine besondere Grausamkeit vor. Eigentlich sollte sie froh sein. Die anderen Gruppen hatten keine Hunde. Zwei von ihnen führten von Vaya eilig gebastelte Detektoren mit sich, die funktionieren konnten oder auch nicht.
»Wenn wir Luftunterstützung hätten, könnte die den drecksverfickten Gatern einheizen und die reifen Formen wären schon mal geplatzt, bevor wir durchkommen!«, knurrte Leron zu niemand Bestimmtem.
Deardevil hatte ihr ein knappes »Kein Interesse« gesendet, und Kian eine wortreiche Nachricht, in der er erzählte, wie leid es ihm täte. Sie wollte es gar nicht hören. Es war einfach nicht ihre beste Idee gewesen, ihn zu fragen. Sie waren als Studierende einige Monate lang ein Paar gewesen. Es war dumm und naiv von ihr gewesen. Damals und jetzt.
SisX hingegen hatte ihnen noch Informationen zukommen lassen: Das Verwaltungsgremium aus verschiedenen Konzernen, das die Interessen seiner Mitglieder auf Valoun II miteinander in Einklang brachte, hatte einen Luftschlag auf die Gaterstellungen auf der Medianhöhe weiter im Norden genehmigt, und SisX’ Abhörkünste hatten außerdem in Erfahrung gebracht, dass das Gremium davon ausging, dass Fervins Vertriebene versuchen würden, ihre Siedlung zurückzuerobern. Einem Antrag von Hadronic Inc. auf Bodentruppen war nicht stattgegeben worden.
Wir können davon ausgehen, dass sich sechshundert bis achthundert Bewaffnete in den Tunneln im Gebirge befinden. Bodentruppen dürften sich daher erübrigen, hatte die abgehörte Nachricht gelautet, die SisX ihnen weitergeleitet hatte. Sie waren also billige – und zahlenmäßig weit überschätzte – Bodentruppen für einen Konzern, der mit ihrer Entschlossenheit rechnete, ohne dafür zahlen zu müssen.
Aber es stimmte: Fervintown war ihre Heimat, und sie wollten keine dreckigen Corpcredits, um wieder dort leben zu können. Außerdem war es ihr Claim, und wenn die Corps Bodentruppen entsetzten, dann würden sie den Claim vielleicht durch irgendeinen militärisch im Gremium legitimierten Streich danach für sich beanspruchen.
»Wir haben Luftunterstützung. Wenn wir die Bodentruppen der Corps sind, sind sie die Luftunterstützung für uns«, sagte Neval, und Leron lachte grimmig.
»Hoffen wir, dass diese Info korrekt ist. Hoffen wir, dass das Timing stimmt.«
»Hoffen wir, dass sie Fervintown nicht bombardieren, sondern wirklich nur die Stellungen im Norden!«, warf eine grimmige Frau ein, die Seite an Seite mit ihrer Teenagertochter direkt hinter Neval her stapfte. Ihnen allen schlugen beim Gehen die umgeschlungenen Gaußgewehre gegen Schultern und Hüften.
Neval hasste es, das Gewicht der Waffe zu spüren. Sie alle besaßen eine, seit die Gaterangriffe immer häufiger geworden waren. Aber sie hatte ihre noch nie eingesetzt. Sie hoffte, dass sie das Gewehr mit den magnetischen Spulen, die Eisengeschosse auf verheerende Geschwindigkeiten beschleunigten, auch heute nicht benutzen musste.
Selbst wenn sie einen Schuss hätte abfeuern wollen, hätte es auf der Flucht bisher nicht einmal ein Ziel gegeben. Die schwarzen, leisen, leichten Jäger hatten sie mitten in der Nacht erwischt und als eigentlichen Feind einstürzende Häuser zurückgelassen – nichts, worauf man feuern konnte. Neval spürte immer noch die Wunde im Bein, wie ein Mahnmal dafür, dass der nächste Gegner nicht aus Schutt und Metallstangen bestehen würde.
Schließlich verließen sie das Wäldchen. Unter Plastikplanen lag ein Meer aus Hochbeeten vor ihnen. Das spärliche Licht der Taschenlampen fing sich auf der Folie.
»Hervorragend«, murmelte Leron grimmig und faltete sein Tablet ein Stückweit aus, um die Karte zu begutachten. »Dann erreichen wir die Nordwestseite vom Agrargebiet genau dann, wenn Vaya da drüben alles anzündet.«
Das war nicht wörtlich gemeint. Vayas Trupp würde die Spähposten am Siedlungsrand und die Fahrzeuge mit Sperrfeuer eindecken. Das würde die dort positionierten Gater dazu bringen, sich zu bewegen.
Wer dann alles anzünden würde, wären sie – denn auf der Nordwestseite warteten ein paar schöne reife Formen auf die Zellteilung.
Wenn Neval Glück hatte, musste sie nicht einmal auf jemanden schießen.
Der Luftschlag der Konzerne erfolgte mit geradezu beängstigender zeitlicher Präzision. Während Neval hinter einem Hochbeet verborgen das Peitschen der Gaußgewehre hörte – Vayas Trupp, der hinter jüngeren und hoffentlich noch unteilbaren Formen im Norden aus der Deckung schoss – hörte sie bereits das Dröhnen schwerer Maschinen jenseits des hügeligen Horizonts.
Bomber, schoss es ihr durch den Kopf. Sie hatte keine Ahnung von Militärmaschinen, aber die Triebwerke klangen so anders, so viel schwerer und massiger als das Flüstern der schwarzen nächtlichen Jäger, die mit ihren Raketen und Bordkanonen Dächer zersiebt und Mauern zum Einsturz gebracht hatten. Sie sah auf ihr zusammengefaltetes Tablet, auf dessen Vorderseite Benachrichtigungssymbole blinkten. Inmitten des Feuergefechts rief sie neugierig eine Nachricht von Fervin auf – eine Weiterleitung von SisX. »Information fließt auch gegen den Strom«, las sie, und kurz musste sie grinsen. Ohne Zweifel hatte SisX auch das Gremium mit Details versorgt, damit die Angriffe aufeinander abgestimmt wurden und die Konzerne nicht ihre unfreiwilligen Bodentruppen bombardierten.
Die Gater hingegen waren ahnungslos. Sie hatten noch nie auf Feinheiten wie Informationen und Timing gesetzt, sondern auf Skrupellosigkeit und Ideologie. Neval hörte die Alarmrufe aus den beschädigten Baracken und Fördertürmen von Fervintown, dann heulten Motoren auf, obwohl Vayas Team die Fahrzeuge mit einem Kugelhagel eindeckte. Neval spähte über das Hochbeet, Adrenalin brannte in ihren Adern bis in die Fingerspitzen. Lerons Leute waren diszipliniert oder ängstlich genug, um hinter den Hochbeeten verborgen zu bleiben. Sie hatten die Taschenlampen ausgeschaltet und wurden Zeugen, wie sich ein Jäger von den nahenden Staffeln absetzte – ein kleineres, wendigeres Ding – und drei, vier, fünf Lenkraketen auf die Medianhöhen abschoss.
»Nimmt ihre Flugabwehr auseinander. Eine Stellung fehlt ihm noch, die da hinten«, flüsterte Adila hinter ihr, die eine große Leidenschaft für Karten und eine geradezu unheimlich Orientierungsgabe hatte. Eine weitere Rakete aus dem Bauch des Jägers. »Diese da meinte ich. Gut«, sagte Adila. Neval drehte sich zu ihr um, konnte sie aber kaum erkennen. Der Planet, auf dessen Mond sie sich befanden, strahlte auch nachts grünliches Licht ab. Dieses übermalte fast das gesamte Sternenlicht bis auf die größten und hellsten Sonnen der Nachbarsysteme, spendete aber nachts nur sehr wenig Licht. Die Sicht wurde besser, als in Fervintown alle Lampen und Scheinwerfer aufflammten. Die Gater stürmten in ihren gepanzerten Militäruniformen wie hässliche, graue Camouflage-Käfer aus den Häusern. Niemand von ihnen verließ eines der Gebäude ohne eine Uniform – vielleicht schliefen diese haarlosen Nacktschnecken sogar in den Dingern, um nicht zu erfrieren.
Leron zog sich gerade mit fünf Leuten, die sich besonders auf das kontrollierte Zellteilen der Formen verstanden, von der wuchtig aufragenden Reihe aus nicht-ganz-Fels-und-nicht-ganz-Koralle in der Nähe der Straße zurück. Er gab aufgeregte Handsignale, die Neval nicht verstand. Vermutlich wusste er selbst nicht genau, was er damit sagen wollte. Ein junger Mann namens Arin hielt sein Tablet auf kleinste Größe gefaltet in der Hand. Neval erkannte die App darauf nicht, wusste aber aus der Besprechung, dass er den Fernzünder für die kleinen Sprengladungen bediente. Wenn man die grau-felsige Basis beschädigte, an der die Formen abgestorben und verknöchert waren, mussten sie befürchten, dass ihr Ende bevorstand und initiierten dadurch noch rasch eine letzte, verzweifelte Teilung, um weiterzuleben.
Oder so interpretierte Neval es – sie wusste natürlich, dass die Formen weder Furcht noch Verzweiflung kannten.
Bei den Gatern war sie sich auch nicht so sicher. Fanatismus war ein guter Ersatz für beides, und so heulten Motoren auf und die schweren, dick bereiften Pick-ups, mit denen die Gater Fervintown eingenommen hatten, schossen vorwärts. Auf dem glasig-felsigen Untergrund quietschten die Reifen.
»Jetzt«, stieß Leron hervor, und Arin setzte die Sprengung in Gang. »Runter!«, rief seine Schwester neben ihm – im Chaos der Schüsse, der berstenden punktuellen Explosionen und der nahenden Bomberstaffel mussten sie nicht mehr leise sein. Neval warf sich hinter ihrem Hochbeet auf den glatten Boden, spürte Bröckchen kostbarer Erde unter ihren Handflächen, bevor sie sich ganz zusammenkauerte und den Kopf mit den Ellbogen schützte.
Sie sah nichts, aber sie spürte das Dröhnen der Erde, schmeckte und roch den seltsam scharfen Geruch, den die Formen bei der Zellteilung verströmten, hörte das Bersten von Silicium und fühlte den feinen Regen aus trockenen Bröckchen, als die Formen in etwa hundert Metern Entfernung aufplatzten. Ihre Teilung war zwar fachkundig so initiiert worden, dass sich das Hervorschleudern der Zellkerne und der berstenden Stücke der Formen Richtung Straße wandte, doch was in größerer Höhe abplatzte, prasselte auch auf die Hochbeete herunter.
Es donnerte, sie spürte es bis in die Knochen, als die Trümmer der geteilten Form auf der Straße auftrafen.
Was für ein orgastischer Akt der Fortpflanzung mit sich selbst, dachte Neval und fand den Gedanken völlig unpassend dafür, dass sie unter Lebensgefahr auf dem Boden kauerte. Das wiederum brachte sie zum Lachen, sie kicherte leise in ihre Arme und fragte sich gleichzeitig, ob Adila neben ihr nun glaubte, dass sie weinte oder einen Nervenzusammenbruch hatte.
Vielleicht hab ich das ja auch.
Und dann ging es weiter, als hätte die Explosion der Zellteilung das Signal für eine ganze Kettenreaktion von Detonationen gegeben: In weiter Ferne, zu ihnen getragen zunächst durch die Schallwellen im Untergrund und dann in der Luft, wurden die Stellungen und Camps der Gater in langgezogener Linie bombardiert. Dumpfes Dröhnen, berstendes Knirschen von Stein und Gemäuer.
Gleichzeitig setzten erneut Schüsse ganz in der Nähe ein, und Leron schrie: »Gewehre hoch! Feuert auf die Straße, auf die Straße!«
Als hätten sie woandershin feuern wollen – erneut grinste Neval, zu breit, vielleicht doch ein Nervenzusammenbruch, und richtete die Mündung zur Straße hin aus, wo drei der vier Fahrzeuge in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Eins war unter Siliciumtrümmern zerquetscht, die anderen beiden lagen auf der Seite, aus allen dreien sprangen Gater hervor und richteten ebenfalls sofort Waffen aus. Die Gaußgewehre spien Salven aus Leuchtspurgeschossen. Gelbliches Licht illuminierte die zerstören Formen, zerborsten und rauchend ragten sie an der Straße auf. Neval und Adila eröffneten hinter den Hochbeeten das Feuer. Nur Hartplastik und Erde als Deckung gegen massebeschleunigte Kugeln, wie lange würde das für sie gutgehen?
In einer langen Reihe schossen sie Richtung Straße, Nevals Ohren pulsierten protestierend unter dem Lärm der Schüsse und sandten Schmerzen in ihr Hirn. Sie wusste nicht, ob sie jemanden traf, ob sie jemanden tötete. Sie schoss blindlings, und vor ihr wurde ein Hochbeet nach dem anderen von Schüssen zerwühlt und zerfetzt. Arin schrie auf und wurde zurückgeworfen, ein Geschoss hatte sich in seine Brust gegraben, die leuchtende Spur war bereits verloschen und ließ ein grelles Nachbild zurück, in dem Arin als bloßer Schemen zusammenbrach. Leron und zwei andere zogen ihn eine Hochbeetzeile weiter zurück in Deckung. Dort keuchte schon jemand den Schmerz einer Verletzung heraus, aber Arin war still.
Neval schrie gegen den Schmerz in ihren Ohren an, und dann packte jemand sie an der Schulter und brüllte: »Zurück, zurück!« Adila riss sie rückwärts.
Oder die Explosion warf sie zurück, Neval wusste es nicht genau. Sie flog kurz durch die Luft, doch es kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Fetzen der Plane, Splitter der Verschalung, Brocken Muttererde und zerbrechliche Pflänzchen wirbelten durch die Luft, von etwa Größerem als Schüssen getroffen – einer Granate?
Sie sah in den Himmel, sah vor dem grünlichen Glanz des Gasriesen die Brocken über sich hinwegschweben. Wie in Zeitlupe. Wie in einem Action-Vid.
Doch mit einem Mal prallte sie hart gegen das nächste Hochbeet und die Trümmer hagelten auf sie herab. Adila kniete über ihr.
»Neval! Neval!« Sie sah, wie Adila die Worte formte, doch sie hörte sie kaum. Es fiepte in ihren Ohren.
Sie nickte, doch ihr Nacken schmerzte.
Vielleicht bin ich tot und weiß es noch nicht?
Adila zerrte sie weiter, und Neval wurde schwarz vor Augen.
Dann kam sie inmitten um sich schießender Menschen wieder zu sich, sie sah an den sie umstehenden Beinen hoch in den Himmel.
Sie war dadurch vielleicht die erste, die es sah.
Über der Hügelkette schwenkten die Bomber in eine sanfte Kurve, um sich vom Gebiet zu entfernen.
Drei Bomber jedoch flogen einen engen Bogen und kehrten zurück.
Neval sah sie vor dem grünen Leuchten von Valoun.
Sie hob eine Hand.
»W-was«, flüsterte sie, aber die anderen hörten nicht, deckten die angreifenden – verteidigenden? – Gater mit Dauerfeuer ein.
Die Bomber wurden größer und größer, als sie in Windeseile näherkamen und niedriger sanken.
»Da!«, brachte Neval hervor, sie hörte ihre eigene Stimme nur dumpf, und mehr Wörter kamen ihr nicht über die Lippen. Niemand hörte auf sie, Schüsse peitschten, Leute auf beiden Seiten schrien – und dann lösten sich die Bomben aus dem Bauch der Konzernflieger, in grausamer Regelmäßigkeit, eine nach der anderen, dutzende kleine Dinger, von hier unten sahen sie aus wie Spielbälle.
Wie Satzzeichen, dachte Neval. Punkt, Punkt, Punkt …
Als die erste Bombe einschlug, kam der Blitz zuerst an, nur Sekunden danach der zweite, dann der dritte, und dann die Schallwelle der ersten Detonation, bis alles nur noch Chaos aus herabfahrenden Satzzeichen war, die alles Gesagte zerhackten, als wollten sie lediglich Regeln befolgen.
Die Schreie um sie herum steigerten sich zu Panik auf beiden Seiten. Die Erschütterungen, der Lärm, die Hitze. Ein Hochbeet zerbarst, Neval spürte fingerlange Polymersplitter zwischen ihre Rippen dringen, und dann war alles Hitze und Schmerz und Schwärze.
Ta moko
//Yologram
Hauptaccount der Daredevils
>> als Spam markierte Nachrichtenanfragen
Tox-O-Meter: Die Neue ist jetzt nicht wirklich so eine verdammte Frakster? @PrincessDaredevil mag es ja draufhaben, soll uns einfachem Volk an den Endgeräten aber was Show gönnen, sonst gibt es auch keine Likes! #FuckAllFraksters
REDBULLet: Kennst du schon unsere neuen, spiritistisch besprochenen Projektile? Shamammo™ trifft immer ins Ziel und hält dein Karma-Konto sauber. KLICK HIER!
»Ich hab eine Idee«, funkte Kian von seiner Manta zu ihr hinüber.
Er hatte Danai gebeten, ihn auf einem Patrouillenflug um den Devil’s Rock zu begleiten. Deardevil hatte befohlen, dass sich ständig zwei Maschinen im All befinden sollten. Es sei nicht auszuschließen, dass die Firestarters Marlenes Animositäten vorausahnen und zuerst angreifen würden.
»Was betreffend?«, fragte Danai und bewunderte in seiner spiegelnden flachen Cockpitscheibe die neuen fluoreszierend türkisen Streifen auf dem schwarzen Lack ihrer Slipstream.
Eigentlich glaubte sie nicht, dass er sie beide freiwillig zu einem Patrouillenflug gemeldet hatte, weil er sich Sorgen um die Firestarters machte. Kians streamte nicht, und auch sie hatte ihr Tablet und die Cockpitkamera ausgeschaltet. Er wollte reden. Mit ihr. Und sie hoffte inständig, dass es nicht um Mama ging.
»Die Sache mit den Firestarters. Kann sein, dass ich deine Unterstützung gebrauchen könnte.«
Sie beschleunigte über ihn hinweg, zog den Jäger in eine steile Kurve und überließ sich dem Rausch der G-Kräfte. Träge pulsierend erwachte ihr Reflexmodder, sie gab sich den Empfindungen hin und fragte sich dabei am Rande, wie Sex mit Kian wohl sein mochte. Sie mochte das Türkis in seinen Tätowierungen. Wie die Streifen an ihrer Slipstream.
»Wie stellst du dir meine Unterstützung vor?«, fragte sie, als sie wieder Atem holen und geradeaus denken konnte.
»Genau so«, kam seine Stimme aus dem Lautsprecher. »Du fliegst einfach geil, und ich habe eine Idee, für die das unerlässlich ist.« Er bewegte sich auf ihre Acht, lag aber weiter zurück.
»Schon klar, deshalb bin ich hier.« Sie beschleunigte erneut, einfach weg von den Asteroiden des Kobeni-Gürtels und in die Schwärze, in der Sterne wie Nadelstiche auf sie warteten. »Du bist Navig, oder?«
»Was hat mich verraten, waren es die Hautbilder?«, knisterte seine Stimme – sie war fast schon zu weit weg für die Kurzstreckenübertragung, die gerade von Sonneneruptionen gestört wurde. Sie ließ den Schubhebel los und schaltete stattdessen auf die Übertragung per AnsVi um. Ihr Tablet glühte in der Halterung kurz auf, dann war Kians Stimme wieder klar.
»Kann sein.«
»Tā moko«, sagte er. »Polynesische Tradition.«
»Schon lustig, wie sich so was hält. Sinnstiftend, selbst hier draußen.«
»Hier draußen noch mehr. Wir navigieren zwischen den Sternen. Während alle anderen Menschen weiter weg von ihren Gottheiten und Legenden sind.«
Danai starrte hinaus in die Schwärze. Sie hatte die Slipstream in einen Winkel gelenkt, der es ihr erlaubte, nur Sterne zu sehen und nichts von Menschen Berührtes. »Das würde ich so nicht unterschreiben. Alle Kulturen haben zu den Sternen aufgesehen.«
»Aber wir wussten immer schon, wie man nach ihnen steuert.«
»Gut für euch. Ich hoffe, die Sternbilder haben sich auf eurer Reise nicht verschoben!«, spottete sie.
»Natürlich haben sie das. Aber wir waren geistig flexibel genug.«
»Zurück zu deiner Idee, du geistig flexibler Prophet.«
Das Tablet zeigte neue Benachrichtigungen an, sie ließ sich kurz ablenken und schaute darauf. Die Schlagwortsuche nach den Aktivitäten ihres alten Arbeitgebers vermeldete sehr viel mehr Treffer als sonst. Sie ließ ihren Blick wieder nach draußen schweifen, aber sie konnte sich nicht mehr davon lösen, dass ihr Herz nicht wegen der G-Kräfte schneller schlug, sondern weil ein plötzliches, ungutes Gefühl sie überkam.
»Ja, genau …« Er klang auch abgelenkt. Er musste sein Tablet wieder eingeschaltet haben, um die Kommunikation aufrechtzuerhalten. Seine schwere Manta beschleunigte langsamer, und Danai war mittlerweile ganz aus der Funkreichweite gedonnert. Aber warum war er auch abgelenkt? Er konnte unmöglich dieselbe Suche laufen haben wie sie. Es sei denn, er hatte beim Wiederherstellen der Accounts mehr mitbekommen, als sie beabsichtigt hatte.
»Ich dachte, wir fordern die Firestarters heraus«, begann er.
»Kian, du siehst den Satelliten, auf den du zuhältst?« Sie konnte durch den Lautsprecher den Näherungsalarm hören, der im Cockpit der Manta losging.
»Ja, ja …« Kian zog die Maschine bäuchlings am Scansatelliten vorbei. »Ich dachte an eine Challenge, einen Kunstflug…« Er verstummte, und dann fluchte er, sie verstand die Wörter kaum, weil gleichzeitig seine Hand auf das Armaturenbrett hämmerte.
Mit schlechtem Gefühl drosselte sie den Schub weiter und griff nach dem Tablet in der Halterung. Rief die Suchergebnisse auf. Es handelte sich um die immer gleiche Meldung in leicht anderem Wortlaut, diese Smashwits von Nachrichtendiensten schrieben nur voneinander ab.
»Massaker an Zivilisten. Hadronic Inc. verwandelt Vergeltungsschlag gegen Gater-Sekte in Luftangriff auf Zivilsiedlung.« – »Angriff auf fundamentalistische Sekte verwandelt sich in Bombardement auf Siedler.« – »Hadronic Inc. setzt sich durch und verleibt sich zivile Claims mittels Luftschlag ein.«
Kians Flüche verwandelten sich in ein grässlich klingendes Luftholen. Heulte er?
»Prophet, alles klar?«, fragte sie, und auch ihre Stimme klang etwas wacklig. Dann kam ihr der Gedanke, dass er natürlich nicht ebenfalls eine Schoogle-Suche nach Hadronic laufen ließ. Der Vorschlag am Tag zuvor – das hier waren die Leute, von denen er einen Auftrag hatte annehmen wollen. »Scheiße, Kian, das … das ist …« Sie stotterte im Cockpit nie. Gerade fehlten ihr einfach die Worte. »Die Nachricht von deiner Ex-Freundin … kam von Valoun II?«
»Ja. Ja, verdammt«, stieß er hervor, sie hörte, dass er die Zähne zusammenbiss.
Ihr wurde heiß und kalt gleichzeitig, unter der schweren Pilotenjacke stellten sich die Härchen an ihren Armen und im Nacken auf und ließen ein vom Reflexmodder noch verstärktes Gefühl des Unbehagens, eine Art Fluchtimpuls, durch ihre Nerven schießen.
Sie war ihren letzten Einsatz auf Valoun II geflogen.
Nachts.
Gegen Gater-Stellungen.
Das ist keine Nachricht zu meinem Einsatz, das ist zu spät, viel zu spät!
Sie starrte in die Leere da draußen. Lag Valoun II in dieser Richtung oder in einer anderen? Kian wusste es vielleicht. Sie nicht.
Das ist keine Nachricht zu meinem Einsatz. Das ist eine neue. Sie haben das gleiche Spiel nochmal gespielt. Diesmal sogar mit offenen Karten. Diesmal, ohne zu verschleiern, was für Absichten sie hegen.
Sie hätte es wissen sollen. Sie hätte Kian gestern nach Details fragen sollen, hätte eins und eins zusammenzählen sollen – aber er hatte das Loco Hana recht schnell verlassen und war in die Muckibude gegangen, um sich abzureagieren vielleicht, oder sich vor Marlene in Sicherheit zu bringen, sie hatte seine Fotos auf Yologram gesehen.
»Hast du von ihr gehört? Geht es ihr gut?«, fragte sie mit hohler Stimme.
»Keine Ahnung, ich hab hier nur den Zusammenschnitt von PolitiX laufen, keine Nachricht von ihr.« Er holte Luft, sagte aber nichts weiter.
»Vielleicht gibt es schon irgendwo Meldungen. Wie war … ist doch gleich ihr Name?«
»Neval. Toprak«, murmelte er stockend.
»Hast du ihre Accounts gecheckt?«
»Ich bin gerade dabei, verdammt!«
»Sollen wir zurück?«
»Nein, bloß nicht, ich muss das hier erst sortieren, ich muss …« Er brach ab, und dann wurde ihr klar, dass er die Verbindung unterbrochen hatte.
Sie hatte keine Ahnung, was sie tun sollte. Obwohl ihre Triebwerke sie beschleunigten, gaben ihr die umliegenden Sterne und die so weit entfernte Sonne des Systems den Eindruck, dass sie sich gar nicht bewegte. Dass sie erstarrt in der Finsternis lag. Sie drosselte den Schub und flog eine harte Wende, und wenn es nur war, um sich zu beweisen, dass sie sich doch noch regen konnte, dass sie etwas bewegen konnte in dieser schwarzen Leere, und wenn es nur ihr eigener Jäger war.
Sie kehrte zu Kians schwerem Aufklärungschopper zurück und schwenkte mit einer präzisen Fassrolle an seiner linken Flügelspitze ein. Mit wenigen Metern Abstand blieb sie dort und musterte die Lackierung der Manta. Sie war dunkelblau, die Tā-moko-artigen Muster darauf waren in Vantablack gezeichnet und schienen beinahe wie Risse, die dunkle Materie hindurchließen. Sie konnte aus diesem Winkel nicht in sein Cockpit sehen.
Irgendwann öffnete er den Kanal wieder. »Warum bist du immer noch da?«, fragte er, nur scheinbar gelassen.
»Wingpal«, gab sie als Antwort zurück.
Sie schwiegen beide, dann sagte er schließlich: »Hätten wir deine Mom gestern noch überreden können?«
Sie wusste, was er hören wollte, aber es war ohnehin die Wahrheit: »Nein. Sie stand doch völlig neben sich.«
Er antwortete nicht. Sie tippte auf ihrem Tablet herum und fand Neval Toprak unter Kians Spacebook-Freundschaften. Es war die, mit der er so viele Pärchenfotos in seinem Album hatte, eine Frau von vielleicht Mitte zwanzig, eine Vorliebe für bunte Tücher ums Haar, etwas hellere Haut als Kian, keine markante identitätsstiftende Kleidung außer dem Tuch, das sie manchmal als Hijab trug und manchmal nur wie ein Band um ihre Haare geschlungen hatte. Nichts ließ zu, dass Danai sie in irgendeine Schublade steckte. Ihr Gesicht war ein kleines bisschen süß und dreieckig, und Danai fand sie attraktiv.
Aber vielleicht war sie tot, und das machte den Gedanken irgendwie makaber.
Gestern hatten die anderen Kian als fomo verspottet. Danai hatte geschoogelt, was das hieß und hatte den Slangbegriff »fear of making out« gefunden, eine Art übermäßige emotionale Bindung, auf die die Jockeys herabschauten und die sie als Zeichen von Schwäche interpretierten.
Vermutlich haben sie nicht unrecht. Gerade in einer Umgebung wie dieser hier ist es besser, sich nicht auf irgendwas einzulassen, was einen verletzen kann.
Deshalb hing er noch hier im All, versuchte, sich in den Griff zu bekommen, bevor er zum Devil’s Rock zurückkehrte.
Sofort schaltete ein Frühwarnsystem in ihrem Kopf: Wenn ich ihn schwach erlebt hab, wird er eine Schwäche von mir suchen, damit es ausgeglichen ist.
Sie dachte darüber nach. Sie gab so wenig von sich preis, dass er keine finden würde. Keine außer ihrer Sprechstörung, und das war ein schwacher Hebel, um ihn an ihr anzusetzen.
Die Tatsache, dass ich Bomben auf die Siedlung seiner Ex-Freundin geworfen habe, hingegen … Das war ein brauchbarerer Hebel.
Das würde er nicht herausfinden.
»Bist du noch in sie verliebt?«, fragte sie, entschlossen, seine eigene Schwäche auszuloten. So machte man das doch hier auf Gang-Territorium, oder? Sie war immer schon in der Lage gewesen, schnell zu lernen.
»Nee, das mit uns ist vorbei.«
»Vorbei heißt ja nicht, dass alle Gefühle ausgeknipst sind«, murmelte sie und versuchte, nicht zu rührselig zu klingen.
»Nee, heißt es nicht. Ist es auch nicht. Ich hab schon noch was für sie übrig. Aber ich bin nicht mehr in sie verliebt. Wir … wir sind einfach zu unterschiedlich.« Er lachte bitter auf. »Sie hat ein Sabbatical genommen, um ein paar Siedlungen auf Valoun II im Kampf um Förderrechte juristisch zu beraten. Und ich bin erst mit der Akademie auf die Fresse gefallen, dann mit dem Plan, zu freelancen, und jetzt, ja, bin ich halt hier. Ich würde nicht sagen, dass wir noch gut zusammenpassen. Ach, was soll das, ich weiß nicht mal, ob sie noch lebt, versmasht!«
»Weißt … weißt du, ob es auf ihre Siedlung schon mal einen Angriff gegeben hat?«, wechselte sie vorsichtig das Thema.
»Ja, das war der Grund, aus dem ihre Leute uns anheuern wollten. Vor … ich glaube, etwa zwei Wochen gab’s da nachts einen Überfall.«
»Scheiße.« Sie musste das Wort herauszwingen, das Herz war ihr in die Hose gesackt. So weit entfernt von Valoun II, und die Galaxis war immer noch ein Dorf, wie konnte das sein?
»Ja, Bro«, bestätigte er, wohl zu tief in den eigenen Gedanken, um irgendetwas aus ihrer Stimme herauszulesen.
Sie flogen eine weite Kurve, um wieder auf die Patrouillenroute zurückzukommen.
»Und der Plan mit der Challenge? Wolltest du mir noch davon erzählen?«
Er stieß die Luft aus, es rauschte in ihren Lautsprechern. »Ich glaub, ich muss erst rausfinden, was auf Valoun passiert ist. Ob Neval noch lebt. Kam mir vor wie ’ne gute Idee mit der Challenge, aber gerade …«
»Warum wolltest du die Idee mit mir besprechen?«, hakte Danai nach.
Der Asteroid kam wieder in Sicht, die kleinen, fensterlosen Aufbauten, die Sensoren, die tiefen Fördertunnel, in denen um die vorhandenen Minenstrukturen herum die typischen aus Schiffs- und Stationsteilen umfunktionierten Wohneinheiten klumpten, die den Space-Free-Turf ausmachten. Ein gigantisches Graffiti zierte eine flache Ebene des stadtgroßen Asteroiden: eine Teufelsfratze, die aus einem Cockpit grinste.
»Devil’s Rock« blendete ihr Navi überflüssigerweise ein.
»Ich dachte, ich besprech es mit dir, weil sie deine Mutter ist. Ich dachte, wenn ich dich überzeuge, überzeugst du sie. Ich bin nur Prospect, du bist ihre Tochter.«
»Die Prinzessin.«
»Genau, Bro.«
»Ich glaube, du kennst Mama besser als ich.«
»Kann sein. Aber du bedeutest ihr mehr.«
»Nicht, wenn sie drauf ist. Low«, rief sie sich das Wort wieder in Erinnerung.
»Das ist sie heute nicht mehr, zumindest das kann ich einschätzen.«
»Ja. Ich auch«, sagte Danai, und Kian zögerte kurz, bevor er sagte: »Familie ist manchmal nicht einfach.«
Sie lachte. »Du willst doch bloß, dass ich dir auch mein Herz ausschütte, vergiss es.«
»Hey, ich will mich bloß ablenken!«
»Wir sollen auf Perimeter B-sieben was checken«, las sie von der Anzeige ab. »Das sieht ziemlich eng aus, ihr räumt euren Weltraum nicht auf, was?« Sie scannte den Perimeter und fand eine ganze Menge ausrangierten Schrott aus den Minen vor. »Ich würde schätzen, deine Mühle ist nicht wendig genug, um zwischen Asteroid und dem Scheiß da zu manövrieren. Lass mich das mal machen.«
»Du hast keine Ahnung, was ich mit meiner Mühle alles kann.«
»Dann zeig es mir, Prophet!«
»Jetzt willst du wohl mich ablenken«, knurrte er, aber es schien zu wirken. Danai gab Gas und stürzte sich Hals über Kopf in das Konglomerat aus Weltraumschrott. Kian zögerte kaum und setzte auf ihrer Sechs nach. Sie grinste.
Eine Flug-Challenge? Oh, ich hätte Ideen für eine Challenge!, schoss es ihr durch den Kopf, bevor das Adrenalin übernahm.
Die Schuldgefühle der Überlebenden trafen Neval in dem Moment, in dem sie so etwas wie erwachte. Als sie begann, wieder so weit in die Wirklichkeit zurückzufinden, dass ihr eigenes Überleben ihr bewusstwurde, hörte sie die Schreie, Schüsse und die Detonationen der Bomben noch nachhallen. Sie wusste, dass sie größeres Glück gehabt hatte, als sie verdiente.
Verdienen …
Welche Instanz würde darüber entscheiden? Da war dieses Fünkchen in ihr, das an irgendeine Form von Gerechtigkeit glauben wollte – Gerechtigkeit war überhaupt ein Konzept, dem Neval etwas abgewinnen konnte. Dieser Funke konnte eine Flamme verursachen, die von Zeit zu Zeit höher brannte. Wenn etwas einschneidend Ungerechtes geschah, dann konnte sie sich nicht dagegen wehren, dass sie etwas Höheres herbeisehnte, auf das sie dieses Gefühl des erlittenen Unrechts projizieren konnte. Eine Instanz, die sich beschuldigen ließ – wie konnte sie so etwas zulassen? Im Herzen welches übernatürlichen Geschöpfes gab es Platz für eine solche Ungerechtigkeit, für ein solches Ungleichgewicht, für solch ein Gefälle?
Neval war im Siren Fog in einer großen Minensiedlung aufgewachsen, die als Start-up begonnen und schließlich Corp-Status erlangt hatte. Sie wusste, dass sie dort automatisch von Ungleichgewicht, von Ungerechtigkeit profitiert hatte – ihre Siedlung hatte feindliche Übernahmen durchgeführt und oft genug Notfallregelungen erlassen, die moralische Einwände mit angeblich dringenden Entscheidungen außer Kraft setzten. Letztlich war das zu ihrem Vorteil gewesen. Ihre Familie war nicht reich, aber sie war behütet und privilegiert aufgewachsen und hatte einen der teuersten Studiengänge an einer Corp-unabhängigen Akademie besuchen können. Und das war ihr normal erschienen, natürlich, allen, mit denen sie zu tun hatte, hatte Ähnliches offengestanden. Erst, als sie die Lücken und die eklatanten Unterschiede der Corp-Gesetze studierte, die Fälle, in denen Menschenrechte beschnitten und Leute enteignet wurden, war ihr mit Unbehagen bewusstgeworden, dass sie durch eine Linse auf die Welt sah.
Auf Valoun II, im Umgang mit Fervin und den anderen, die ihrer Zukunft mit einer Mischung aus Kampfeslust und Verbitterung entgegensahen, hatte sie sich zum ersten Mal schuldig gefühlt für etwas, das außerhalb ihrer Macht stand. Für Umstände, zu deren Erhalt sie zwar mit ihrer bloßen Existenz beigetragen, die sie aber nie willentlich unterstützt hatte.
Als sie aus einem Mahlstrom aus Schädeltrauma, Schrapnellwunden und Tinnitus erwachte, begriff sie sofort, dass ihr Überleben ebenfalls völlig außerhalb ihrer Macht stand – und trotzdem fühlte sie sich dafür schuldig.
Es dauerte, bis sie die Augen aufschlagen und begreifen konnte, wer ebenso glücklich (schuldig) war wie sie. Bis sie begriff, wo sie war (Amíttown). Was genau geschehen war (Bomben auf Gater und die, die sie bekämpften). Wie es um Fervintown stand (es war dem Erdboden gleichgemacht).
Als sie wieder sitzen, reden und ein Tablet anstarren konnte, gab es bereits sieben halbstündige Analyse-Vids von PolitiX und drei verschiedene Petitionen, vor allem initiiert von anderen Minen- und Tagebauwelten, auf denen es ähnlich um die Machtgefälle stand.
Fervin hatte mit ihrem Team überlebt. Sie hatten sich zu weit außerhalb befunden, als die Bomben fielen. Von Lerons Team hatten elf Leute überlebt, allein in diesem Trupp waren dreiundzwanzig Menschen tot. Die Überlebenden aus Meras Gruppe, die nicht so schlimm erwischt worden war, hatten die Verwundeten aus der Trümmerwüste, die von Siedlung und Pflanzbeeten übriggeblieben waren, zu Fuß und mit behelfsmäßigen Tragen fünfunddreißig Kilometer nach Amíttown transportiert.
Truppen von Hadronic hatten die Überreste von Fervintown besetzt und beuteten den Claim bereits mit großen Geräten aus. Amíttown, das auf demselben Reservoir saß, lebte jetzt ebenfalls in der grässlichen Furcht, ausradiert zu werden. Die Hadronic-Jäger waren eine treffsichere Route geflogen. Nicht nur Fervintown war zerstört, sondern auch zwei kleinere Siedlungen weiter südlich.
Der Konzern rechtfertigte diese Handlung damit, dass er das Minkowskium nicht in die Hände der Gater fallen lassen konnte. Die Siedelnden wären Kollateralschäden gewesen, niemand hätte gewusst, dass sie sich gerade im Konflikt mit den Gatern befanden.
SisX belegte in einem ihrer Vids natürlich, dass sie diese Info an das Gremium weitergegeben hatte, aber die sagten, aus dubiosen Quellen nähme man keine Informationen an.
Es wäre alles ein sehr unglücklicher Vorfall, aber in Anbetracht der Tatsache, dass die Gater dabei gewesen wären, das Reservoir südlich der Medianhöhen an sich zu reißen, sicherlich das bessere zweier Übel für die Siedelnden.
Neval musste lachen, als sie der Pressesprecherin von Hadronic zuhörte, doch dann schüttelten sie schmerzhafte Krämpfe, das Lachen ging in ein keuchendes Schluchzen über, dem sie selbst fassungslos lauschte, ohne sich stoppen zu können.
Das Gremium zog Hadronic nicht zur Rechenschaft. Sie ergingen sich in Erklärungen und Ermahnungen, es gab schließlich eine Klage nach Konzernrecht, deren erste Gerichtsverhandlung in drei Monaten anberaumt war – eine einstwillige Verfügung scheiterte.
Fervin sagte, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis die anderen beteiligten Konzerne ebenfalls Angriffe flogen, es als irgendein geringeres Übel deklarierten und sich ebenfalls Claims auf dieses bislang größte Reservoir des Monds unter den Nagel rissen.
Neval war die meiste Zeit, in der sie wach war, nach Schreien zumute, doch ihre Lunge war verletzt, und sie hatte einfach nicht die Kraft dazu.
Sie hatte auch nicht die Kraft, auf Kians lange Nachrichten zu reagieren. Sie hatte ihn erst einmal ignoriert, doch dann beschlossen, ihm ein Lebenszeichen zu senden. Er konnte nichts dafür, und er verdiente es nicht, dass sie ihn im Unklaren über ihr Überleben ließ.
»Selbst, wenn ihr den Job angenommen hättet, wärt ihr zu spät gekommen«, krächzte sie als Sprachnachricht ins Tablet. Sie war zu müde, zu sehr damit beschäftigt, von der Schwelle des Todes zurückzukommen, um zu tippen oder auch nur die Emotionen zu ertragen, die es erfordern würde, seine Nachrichten zu lesen oder zu hören.
Er antwortete erneut lange und ausführlich auf diesen einen Satz. Sie löschte die Nachricht, ohne sie zu lesen.
Er fühlte sich ebenfalls schuldig. Die Überlebensschuld eines Menschen, der mehrere Highways entfernt war.
Sie konnte ihm diese Schuld jetzt nicht nehmen. Sie konnte die Arbeit nicht tun, die das unweigerlich erforderte.
Das mit uns ist ohnehin vorbei, dachte sie, während sie an die sonnengelbe Decke der Krankenstation in Amíttown starrte und sich fragte, ob sie das Dröhnen der Bomber nur in ihrem Kopf hörte oder ob bald die nächsten Detonationen sie überlebend inmitten von Leichen zurücklassen würden.
Princess stürzte wie mit ihrer Maschine verschmolzen zwischen die Trümmerteile – sie feuerte kurz hintereinander auf zwei feindliche Schiffe und entkam in einem Funkenregen aus den Trümmern eines Bandits.
Als Kian sich sicher war, dass das Vid die Aufmerksamkeit der anderen im Hangar auf sich gezogen hatte, ließ er ein buntes Jingle der besten Manöver der anderen Daredevils ablaufen, inklusive seiner eigenen kleinen Stunts in den Trümmern während ihres Patrouillenflugs, aufgenommen aus seiner Cockpitkamera.
»Was soll der Scheiß?«, nahm die Prez, nun halbwegs nüchtern und griesgrämig, seine Mühen mit dem Schnittprogramm zur Kenntnis.
»Geile Flugmanöver, oder?«, fragte Kian herausfordernd.
Er hatte die anderen Daredevils im Hangar versammelt, der als silberne Röhre aus dem Asteroiden herausragte. Die Schotts vorn waren geschlossen, und der Hangar war, anders als bei Start und Landung, nun mit Luft gefüllt. Diese roch nach Öl und Treibstoff, nach verbranntem Lack und Gummi und dem angesammelten Dreck in den Ecken und an den Wänden. Die Magnetkatapultvorrichtungen waren bis auf zwei, die immer bereit waren, im Notfall Jäger ins All zu schießen, entspannt, und Dav lud die Kondensatoren wieder auf.
Alle anderen hatten sich um Kian versammelt, und er hatte das Video auf die Hülle von Princess’ Slipstream projiziert, auf der drei leuchtend türkise Markierungen prangten, für die drei Bandits, die sie abgeschossen hatte.
»Ich hab eine Idee, wie wir an Geld kommen und gleichzeitig die Firestarters so richtig smashen.«
»Passma auf, das interessiert mich sehr!« Bacon knuffte Deardevil in die Seite. Diese sah faltiger aus als sonst – das Untoxx, das sie sich nach solchen Trips einwarf, dehydrierte den Körper enorm, sorgte aber auch dafür, dass sie nur geringe Abhängigkeit nach dem, was sie zu konsumieren pflegte, entwickelte.
»Danai hier fliegt wie …«
»… ein Tengu!«, schlug Yokai vor.
»Ist das eine Art geflügelte Gottheit? Ich hab nämlich grad Wortfindungsstörungen auf der Suche nach einer geflügelten Gottheit«, sagte Kian, und Yokai nickte grinsend.
»Ein Tengu ist ein Yokai. Mit Flügeln.«
»Nice. Dann das.«
»Kinder«, rief Purple sie herablassend zur Ordnung. Ihre Sergeant-at-arms hatte nie viel für die Bälle übrig, die Kian sich mit den Yokai hin und her warf. Ihr wurde es schnell zu laut, außer, wenn die Kugeln ihr und ihren Enforcern bei Bodenmissionen um die Ohren flogen.
»Jedenfalls haben wir mit ihr einen echten Fang gemacht«, fuhr Kian fort. »No yolo, ich mein ihre Jockeykünste. Und wir anderen sind auch gar nicht schlecht, besonders Eyegle und Bacon.«
»Jederzeit wieder, Süßer«, grinste Eyegle ihn an und wackelte mit den Augenbrauen über den schützenden Linsen, die xiese nach einer Cockpitexplosion überempfindlichen Augen bedeckten.
»Also, mein Plan.« Er tippte das Tablet an, und die Anzeige wechselte auf einen neongrellen Schriftzug, der nun über die Flanke der Slipstream tanzte. »STUNTFLUGCHALLENGE – FLY OR DIE (OF SHAME)« lasen die anderen.
»Wir fordern die Firestarters offiziell zu einer Challenge heraus. Und ziehen ihnen dann so richtig vor Bulldoxx die Unterhosen runter. Wir fliegen die Cauldron-of-Death-Route.«
Eine weitere Geste auf dem Tablet ließ den Cauldron of Death aufflackern: einen Teil des Hotpot-Asteroidenfelds, in dem sich Asteroiden um ein abgebautes Gravitoniumvorkommen so gruppierten, dass die Gesteinsbrocken eine Art Kessel um ein leeres Inneres bildeten. Der Cauldron of Death war durch den Abbau instabil geworden, durch Zusammenstöße gerieten Asteroiden aus ihren alten Bahnen und bildeten eine höchst gefährliche Kulisse für Rennen aller Art.
»Wir machen Verfolgungen, klassische Pursuits«, schlug Kian vor. »Das Los entscheidet, wer führt und wer folgt, und die Person, die hinterherfliegt, muss der Route genau folgen und alle Stunts imitieren. Ich hab mir die Firestarters genau angeguckt, sie setzen vor allem auf Feuerkraft statt auf Wendigkeit. Wir werden sie da absolut ausziehen. No yolo«, setzte er den Indikator hintendran, dass er nicht mit ihnen zu schlafen gedachte, egal, wie nackt sie waren. »Wir fordern sie öffentlich heraus, sodass sie es sich nicht leisten können, das auszuschlagen. Bulldoxx wird drauf bestehen, dass die Firestarters zeigen, dass sie die bessere Investition sind. Bulldoxx ist ganz scharf drauf, online Muckis zu zeigen.« Kian zuckte mit den Brustmuskeln, sein enges Shirt unter der Kunstlederkutte zeigte das so gut, dass Eyegle in Lachen ausbrach und selbst Kami anerkennend den Mund verzog. »Wir streamen natürlich, Purple organisiert uns zuverlässige Werbepartner und Wettbüros, und zack, haben wir Kohle und Ansehen im Kobeni-Gürtel.«
»Falls wir tatsächlich gewinnen und nicht uns total blamieren«, sagte Danai, und Kian starrte sie finster an.
Es gab jedoch gar keinen Grund, so subtil zu sein, Bacon pfiff sie aus, Marlene machte eine beleidigende Geste in ihre Richtung, und Yokai schrie: »Ich verlier doch nicht gegen Dipshits wie die!«
Danai hob die Achseln. »Wir sollten das vielleicht realistisch sehen, dieser Cauldron of Death sieht nicht besonders einladend aus.« Sie stotterte, wie immer außerhalb des Cockpits, und wirkte damit nicht mehr wie das kompetente Ass auf seinem Zusammenschnitt. Kian sah, dass Gear schräg hinter ihr das Blinzeln imitierte, das mit dem Stottern einher ging. Gear befand sich nicht in Danais Sichtfeld, aber dass Tabs sofort laut lachte, als Danai gegen Vokale anstotterte, entging ihr nicht.
Kian lehnte sich gegen das Fahrwerk seiner Manta und wartete ab, während die anderen Danai den Kopf zurechtrückten. Als sie unfair wurden und ihr vorwarfen, sie habe nur Angst, dass sich ihr goldenes Konzernlöffelchen im Arsch verbog, verschaffte er sich noch einmal Gehör. »Also, ihr seid dabei, oder was?«
Das Gegröle erfüllte den Hangar, und Kian hatte das gute Gefühl, ein Spiel zwar nach den Regeln gespielt, aber trotzdem gewonnen zu haben.
Danai sah weniger glücklich aus. Als die anderen ihm für seine brillante Idee auf die Schultern mit dem immer noch defekten Prospect-Schriftzug klopften und Bacon eine Flasche Mecha-Fusel von Dav organisierte, stapfte Danai durch die hinteren Schotts des Hangars ins labyrinthartige Innenleben des Devil’s Rock davon.
Die Daredevils stellten die bewaffneten Streitkräfte und die hauseigene Jockey-Gang für die etwa kleinstadtgroße Bevölkerung dar, die sich neben der Arbeit für ROFL und dem Abbau von seltenen Erden mit allem Erdenklichen von Gamefarming über Pilzzucht über Wasser hielt. Die Spielhölle des Loco Hana oberhalb des Gang-HQs war immer gut besucht, auch von außerhalb – andere Free-Turfler des Kobeni-Gürtels kamen her, um ihr Geld beim One-Arm-Bandit-Holo oder beim Cyberdoggo-Grubenkampf zu verlieren.
Manche Tunnel waren beengt und schlecht beleuchtet, meist die, die in die chaotisch in die alten Minen gebauten und ziemlich beengten Wohnviertel führten. Andere waren breit wie Einkaufsstraßen und mit in Mustern verlegten Dioden schummrig erhellt, hier trafen sich die Bewohnenden zum Essen und Reden. Die Wohnungen waren meist zu klein für Küchenzellen, und auch die Nasszellen ließen zu wünschen übrig. Große Kantinen und öffentliche Bäder bildeten daher feste Eckpunkte im Alltag.
Danai hatte keine Lust auf den Käfig ihrer viel zu dunklen Zelle, ihr war aber auch nicht nach den dämmrigen Korridoren, in denen sich die Normalsterblichen des Devil’s Rocks trafen. Überhaupt war einfach alles hier viel zu dunkel. Corp-Turf-Raumstationen gaukelten immerhin mit Bildschirmen Landschaften außerhalb des Fensters vor oder gewährten sogar Aussicht ins All. Im Devil’s Rock war alles aus Metall und klaustrophobisch verwinkelt.
Danais Weg führte von den breiten Passagen in die schmaleren und endete an einer Theke. Es war nicht das Loco Hana, und die Cocktails sahen tödlich aus, weshalb sie sich ein Bier bestellte. Die Musik wummerte laut, und da irgendwo immer Nacht war, wiegten sich bereits ein paar Körper auf der Tanzfläche, obwohl es nach der Norm-Tageszeit des Asteroiden kurz nach Mittag war.
Das Bier hatte einen leicht galligen Geschmack, aber vieles hier auf der Station schmeckte irgendwie unappetitlich wiederaufbereitet, und Danai begann, sich ein wenig dafür leid zu tun, dass sie hier gelandet war.
Ganze Sternensysteme lagen zwischen ihr und Valoun, doch sie hatte Valoun und Hadronic nicht davonlaufen können.
Selbstmitleid machte sich breit. Nun steckte sie ausgerechnet bei einer Bande toxischer Egosmasher fest. Ja, sie hatte die Corp-Turf-Regeln gehasst. Natürlich war sie die gewesen, die bei Vorgesetzten aneckte, ihr Ding durchzog, die Regeln überdehnte – was sie sich nur aufgrund ihres fliegerischen Talents (und der Unterstützung ihres Vaters, wie sie sich eingestehen musste) hatte leisten können. Eigentlich hätte ihr die Anarcho-Attitüde der Jockeys gelegen kommen müssen. Aber selbst bei Regeln, die ihr auf die Eierstöcke gegangen waren, hatte sie gewusst, wofür sie da waren: für Ordnung, Disziplin, und oft genug für den Schutz einzelner vor der Meute der anderen. Und war es wirklich gut, dass hier niemand gebremst wurde? Dass nichts diese Jockeys vor ihren eigenen Egos beschützte?
Danai war nicht für das Leben auf diesem Felsen gemacht.
Auf der Tanzfläche änderten sich nun Rhythmus und Licht, sodass ein paar Leute, die dem Teenageralter erst knapp entronnen waren, einen ziemlich kuschligen Tanz begannen, bei dem sich besonders die Person in der Mitte recht ansehnlich räkelte. Ihre Augen hingen an ihm, ohne dass sie viel dagegen tun konnte – sie war wirklich länger nicht mehr mit jemandem im Bett gewesen.
Gerade setzte sie ihr zweites Bier an, als ihr Tablet in der Jackentasche vibrierte. Da sie die meisten Notifs ausgeschaltet hatte, sah sie nach: eine Nachricht von Kian.
Sie wandte einem Typen, der sie gerade hatte anquatschen wollen, so abrupt die Schulter zu, dass diese ihn am Kinn streifte. Warum war er ihr auch so nah? War er einer von denen, die ihr in die Haare grapschen wollten? Oder hatte er ihren hungrigen Blick Richtung Tanzfläche fehlgedeutet? Dass sie sich im Frust, den sie wegzutrinken versuchte, an geschmeidig wippenden Hüften erfreute, hieß nicht, dass sie wahllos geworden war!
//Hey, wo bist du hin, heute kein Loco Hana? Es gibt doch was zu feiern
//Kein Interesse, danke
//Was ist los? War’s dir zu rau?
//Leck mich
//Okay, da ich das nur lese und keinen Tonfall höre: no yolo oder yolo?
//Du sollst mich nicht wirklich lecken, Prophet.
Sie sah, dass er tippte. Sah das Symbol verblassen. Sah es wieder erscheinen. Es blieb eine ganze Weile, dann verschwand es wieder. Er tippt irgendeinen anzüglichen Scheiß und löscht ihn dann wieder. Sie stützte den Kopf in die Hände. Diese Stimmung in der Gang, auf den Schwachstellen der anderen herumzureiten, widerte sie an. Es kam keine Nachricht von Kian, also beschloss sie, ihn aufzuklären.
//No yolo
//Ja, hab ich verstanden.
//Du hast mich durch die Trümmer fliegen lassen, um das danach für diese Stuntflugchallenge zusammenzuschneiden.
Sie war länger mit diesem Satz beschäftigt, das Bier ließ ihre Finger nicht immer die richtigen Felder finden. Die miese Laune breitete sich wie ein Sumpf in ihr aus.
//Ja, hab ich. Ich kann dir das erklären. Sollen wir uns treffen?
//Ich will gerade niemanden sehen.
Sie fuhr zu einem neuen Nebenmann herum, nein, eher eine Nebenfrau, die vertraulich eine Hand auf ihren Arm gelegt hatte. »Ich will gerade nicht angegraben werden, no verdammtes yolo, checkt ihr das!?«, zischte sie die Frau mit den schimmernden Metallaugmentierungen im Gesicht an, die den Mund verzog, dabei ein paar Metallzähne offenbarte und dann tanzen ging. Kurz fragte sich Danai doch, wie es wohl war, mit ihr herumzumachen, ob man das Metall in den Wangen wohl beim Küssen spürte. Dann schüttelte sie über sich selbst den Kopf und wandte sich wieder dem Tablet zu.
//Der Zusammenschnitt tut mir nicht leid, der ließ dich besser dastehen als alle anderen von uns, Princess. Aber mir tut’s leid, dass die anderen ein bisschen eskaliert sind. Und ja, war meine Schuld. Ich hab’s falsch eingeschätzt, und das tut mir leid. Sie waren in so einer Stimmung, nach gestern, nachdem Marlene so ausgerastet ist, das musste irgendwohin. Und jetzt die Aussicht auf ein Rennen. So sind sie halt, das heizt ihnen ganz schön ein, und wenn dann jemand zögert, stürzen sich alle drauf, um zu beweisen, dass sie die Geilsten sind
//Und jetzt wirst du mir sagen, dass du und ich ganz anders sind, oder?
//Hey, das hier ist keine Anmache! Aber, ja, ich bin anders, denn ich entschuldige mich gerade bei dir.
Sie seufzte genervt und trank am lauwarmen Bier.
//Vielleicht sollte ich mir doch Anmachsprüche und keine Entschuldigungen von dir anhören. Deine Entschuldigungen sind ja noch fader.
//Hey, aber ernster gemeint. Ich weiß, dass es hart ist, neu dazuzukommen. Und dass es gut ist, wenn Leute da sind, die schon länger dabei sind und die hinter dir stehen. Und das hätte ich sein sollen, nachdem wir da draußen auf Patrouille waren und du meine Wingpal warst. Als ich dir von Neval erzählt hab.
//Ja, hättest du.
//Verzeihst du mir trotzdem?
//Nur, wenn du mir verrätst, welchen Anmachspruch ich verpasst hab. Was ist dein schäbigster? Mit dem du niemals jemals jemanden rumkriegst?
//Dein Vater muss ein Ingenieur sein, denn er hat dir Gravitonium in die Augen gesetzt und nun ziehen sie mich an.
//Wow. Uff. Der war …
//Schäbig?
//Superschäbig.
//Leg los, und ich sag dir, ob ich’s schäbig finde.
//Das ist dein Versuch, mich ans Flirten zu kriegen.
Daumen hoch von ihm. Zwinkersmiley von ihr.
//Also du flirtest lieber ohne Worte?
//Ich bin Stotterin, natürlich flirte ich lieber ohne Worte.
//Schriftlich geht auch?
//Geht auch.
Er schickte ihr ein unschuldig pfeifendes Gesicht. Sie musste wider Erwarten grinsen.
//Ich trinke hier in Ruhe ein Bier und sage allen, dass ich kein Interesse habe. Dir kann ich das gern auch sagen. Hier sind allerdings ein paar Leute, die gut tanzen können. Vielleicht schau ich sie mir einfach weiter an.
//Oder du setzt dich in eine nette Ecke und schreibst mir flirty Nachrichten. Was klingt nach dem besseren Abend?
Sie verschluckte sich fast am Bier, als sie mitten im Schluck lachen musste. Sie leerte das Glas und bestellte ein drittes. Dann sah sie sich um. Tatsächlich, es gab ein paar Ecken, in denen man ihr nicht über die Schulter aufs Tablet starren konnte und sie trotzdem die Tanzenden betrachten konnte. Als die im Takt der Musik mitwippende, kahlköpfige Person hinter der Theke ihr das Bier herüberschob, zahlte sie mit einem Wink ihres Tablets, nahm das Glas und schlenderte von der Theke über die Tanzfläche zu einem kleinen Tisch weiter hinten.
Die Gruppe der Tanzenden teilte sich kurz vor ihr, ließ sie für eine Millisekunde in ihre Mitte und dann hindurch.
Sie legte unter dem Tisch die Füße auf den zweiten Stuhl, damit bloß keiner auf die Idee kam, sich zu ihr setzen zu wollen, und versuchte, eine möglichst feindselige Aura auszustrahlen.
Dann starrte sie wieder ins Chatprogramm. Ein Emoji wackelte auffordernd mit den Augenbrauen.
//Okay, ich sitze jetzt an einem Tisch. Allein. Nur WitChat und ich.
Foto oder es ist gelogen!
[Du hast ein Foto aufgenommen]
//Überzeugend. Dann schieß los. Ich bin noch nicht interessiert, aber du gräbst mich an. Du bist gerade auf Smouldr über mein Profil gestolpert und willst wissen, ob du diesen heißen Typen aufreißen kannst.
//So klar definiert ist diese Situation?
//So ist sie zumindest in meinem Kopf. Und in deinem?
//Ich kann damit arbeiten.
Sie starrte angestrengt nachdenkend zur Decke. Sie hatte Julainne damals tatsächlich auf Smouldr angeschrieben, und sie konnte sich an Vieles aus ihrer Beziehung erinnern, aber nicht an ihre Eröffnungsnachricht. Sie würde mit etwas Neuem beginnen müssen.
//Nette Tattoos. Tā moko?
//Ehrlich? *Das* ist dein Anmachspruch?
//Hey, Leute, deren Tattoos *so* identitätsstiftend sind, wollen drauf angesprochen werden!
//Na ja, du hast recht. Ja, Tā moko, das ist die uralte Tattookunst meiner polynesischen Vorfahr:innen. Jede Linie steht für etwas Bestimmtes.
//Cool! Ich dachte, das kann man sich an jedem halbseidenen Raumhafen stechen lassen.
//Wow, du bist allererste Sahne im Angraben. Also, ja, das kann man auch, aber mein Tā moko ist nicht halbseidene kulturelle Aneignung, sondern the real deal.
Sie lachte erneut auf. Er diktierte das vermutlich, so schnell, wie seine Nachrichten ankamen. Sie brauchte länger – es war in dieser Ecke vielleicht noch lauter als an der Theke. Sie beschloss, Bezug auf ihre erste Begegnung mit seinem Pixxor-Profil zu nehmen.
//Die Linien an deinem Hintern, haben die auch Bedeutung?
//Du gehst ja ganz schön ran. Wir reden jetzt schon über meinen Hintern? Gefällt er dir?
//Schon, ja.
//Ist dir schon aufgefallen, dass dein Reflexmodder und meine Tattoos farblich zueinanderpassen?
//Leuchtest du im Dunkeln, Kian?
//Hehe, ja. Und du?
//Ich kann’s runterregeln.
//Ich nicht. Das ist echtes, aber sehr gering dosiertes Mink-Öl. Das ist einfach mineralisch, daran kann ich nichts regeln.
//Stört das beim Einschlafen?
//Was, sind wir jetzt etwa schon im Bett?
//Wenn wir da wären, würden wir doch nicht schlafen, oder?
Sie nippte grinsend an ihrem Bier. Dafür, dass sie wirklich nicht wusste, ob sie ihn mochte oder nicht, baggerte sie ganz schön. Sie lehnte sich zurück, beobachtete die sich nun in einem schnellen, verschwitzten Stakkato schüttelnden Tanzenden und wartete auf seine Antwort.
//Sondern?
//Ich würde mir jede einzelne Linie genau ansehen und dich nach der Bedeutung fragen.
//Wo bist du gerade? Willst du dich treffen?
//So ungeduldig! Ich bin in einer dunklen Ecke und will mich nicht treffen. Und du?
//Ich bin gerade auf mein Zimmer gegangen.
Ich dachte, du feierst?
//Erst hatte ich ein zu schlechtes Gewissen, und jetzt kann ich mich nicht mehr aufs Feiern konzentrieren.
//Ich hoffe, du hast noch eine Hose an.
//Ich habe noch eine Hose an. Aber wenn nicht, würde ich lügen.
Sie lachte. Ihre Linke löste sich vom Bierglas und wanderte, ebenso zielsicher wie gedankenverloren, zwischen ihre Beine. Sie trug eine dicke Kunstlederhose, aber sie spürte die Berührung trotzdem. Unter dem Tisch und in der dunklen Ecke konnte niemand sehen, was sie tat.
Zwei der Tanzenden arbeiteten nun heftig knutschend und mit blanken, muskulösen Oberkörpern auf der Tanzfläche an ihrem eigenen Erregungszustand. Danai verschlang sie mit Blicken, vielleicht war sie ausgehungerter, als sie dachte. Nachdem Julainne mit ihr Schluss gemacht hatte, hatte sie sich auf den Job konzentriert. Zwei, nein, drei One-Night-Stands in einem Jahr und wenige Abende, an denen sie nicht erschlagen in ihr Bett gefallen war – vielleicht hatte sie sich nicht genug mit ihren eigenen Bedürfnissen beschäftigt.
Anders konnte sie es sich wirklich nicht erklären, warum ein paar Tanzende und ein Chat mit Kian sie so heiß machte.
Mit der Rechten tippte sie weiter. Sie spürte, dass es die Lust an der Gefahr war, die sie vorantrieb.
//Vielleicht sind wir einfach ehrlich, und du ziehst dich aus. Ich muss hier leider angezogen bleiben.
//Wenn das eine Falle ist, Princess.
//Was für eine Falle soll das sein?
//Du könntest Fotos verlangen.
//Und dann? Lade ich Dickpics von dir ins Datanet! Sag bloß, da gibts noch keine!
Ein Wust aus Emojis folgte. Sie lachte und rutschte auf dem Stuhl etwas tiefer. Vorsichtig, bloß nicht zu auffällig, öffnete sie den Reißverschluss ihrer Hose und schob ihre Hand zwischen Kunstleder und Unterhose.
//Du bist immerhin in deinem Zimmer. Ich bin hier in der Öffentlichkeit.
//Du könntest dir eine Toilette suchen.
//Wenn du den Laden hier sehen würdest, wüsstest du, dass die Toiletten mich nicht anmachen werden.
//Schick mir ein Foto.
//Wovon?
//Vom Laden. Von dir.
Sie machte eins nach vorn und eins nach hinten. Dann kippte sie das Tablet und fotografierte ihre Finger, die gerade so in der Hose verschwanden. Sie musste den Blitz benutzen, damit überhaupt etwas zu sehen war.
Ich habe gerade mit Blitzlicht meinen Schritt fotografiert, schoss es ihr durch den Kopf, aber die zweieinhalb Bier und ein Blick in die Runde überzeugten sie davon, dass niemand das sonderbar finden würde.
//Danai, das ist echt heiß
//Also, ist deine Hose jetzt aus oder nicht?
//Du darfst dir was wünschen.
//Ich wünsche mir, dass du sie ausziehst. Dein Shirt auch, es gibt nichts Lächerlicheres als Leute, die keine Hose mehr anhaben, aber noch ein Shirt.
//Prinzessinnen erfüll ich alle Wünsche.
Sie streichelte sich langsam durch den Slip hindurch. Sie musste die Hand ein wenig verrenken, aber die Aufregung, mit einem Bier, einem Tablet und der Hand in der Hose in einer dunklen Kneipenecke zu sitzen, machte das wieder wett.
//Okay, also, der Wunsch wäre hiermit erfüllt.
//Foto oder es ist gelogen
//Wovon genau?
//Ich bin einfach gespannt, wie sehr du leuchtest.
//Dickpic? Also, darf mein Schwanz drauf sein oder eher nicht?
//Dein Schwanz sollte unbedingt drauf sein. Leuchtet er?
Sie lachte, als sie auf Senden drückte, legte das Tablet kurz ab und trank sich einen guten Schluck Mut an.
Das Foto gab ihr eine Antwort. Er hatte von der Brust abwärts an sich herabfotografiert. Die Tā-moko-Linien schimmerten in einem sanften Türkisblau auf seiner Brust, seinem Bauch, seinen Beinen. Sein Schwanz war nur an der Wurzel tätowiert, sie sah, dass Wellenlinien blau durch die Haare schimmerten. Er war steif, und ohne bisher mit mehr als zwei Männern geschlafen zu haben, fand sie ihn ganz ansehnlich, so sehr, wie man Pimmel eben ansehnlich finden konnte. Sie schob zwei Finger am Rand ihrer Unterhose vorbei. Mit links war sie wirklich ungeübt.
//Was würdest du machen, wenn du hier wärst?
//Oh, ich stelle mir gerade vor, *du* wärst hier. Unter dem Tisch. Mit deinem Mund zwischen meinen Beinen.
//Da ich leuchte, wären wir nicht gerade unauffällig.
//Ich stelle mir vor, das wäre egal
//Ich stelle mir vor, du wärst in meinem Bett. Würdest dich auf mich setzen.
//Ich könnte dir jetzt was Enttäuschendes sagen.
//Oh nein. Was?
//Ich steh mehr auf Fummeln. Irgendwie waren Körperteile ineinander nie so mein Ding.
//Und das gilt auch für meine Fantasie?
//Es muss doch realistisch bleiben.
//Okay, also, was dann?
//Denk dir was anderes aus!
//Nachdem ich es dir in der Kneipe mit der Zunge gemacht hab, sitzt du jetzt trotzdem auf mir. Ich bin nicht in dir drin, aber wir reiben uns aneinander. Ist das gut?
Sie stellte es sich vor, und ihre Finger imitierten diese Fantasie gut.
Sie schickte ihm einfach nur einen Like-Daumen. Ihr Gehirn fing an, ein wenig auszusetzen. Sie wusste nicht, ob sie mittlerweile einfach nur wie eine sabbernde Einsame aussah, die sich über ihrem Tablet selbst befriedigte, aber es war ihr in diesem Zustand auch egal. Eine neue Nachricht von ihm:
//Mach ein Foto von dir. Von deinem Gesicht. Ich will wissen, wie du gerade aussiehst.
//Du auch!
Sie bewegte ihre Finger langsam zwischen ihren Lippen hoch und runter, ihr Herz klopfte, ihr Hirn fühlte sich butterweich an. Den Reflexmodder hatte sie zum Glück ausgeschaltet, auch wenn der bei Orgasmen wirklich nicht zu verachten war. Sie machte ein Selfie. Sie fand, dass sie relativ gefasst aussah. Nur ihre Augen erzählten, was gerade in ihrer Hose lief. Sein Selfie war ähnlich, die dünnen Linien auf Stirn und Nase gaben dem Foto im Dunkeln etwas beinahe Unkörperliches, sein breiter Mund war leicht geöffnet, seine Augen geschlossen. Sie starrte auf das Bild, und stellte sich vor, er läge unter ihr.
Eine neue Nachricht kam an, diesmal als Soundfile.
»Kommst du?« Sie hielt sich das Tablet ans Ohr und drückte auf das Symbol, um seine Stimme zu hören. Er sagte es atemlos und leise. »Kommst du?« Sie ließ es noch einmal, zweimal, dreimal ablaufen, dann sank sie auf ihrem Stuhl noch ein wenig weiter abwärts und hauchte ihm ein »Ja« in den Chat.
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